# Übergabe | Medien für die Pflege > Alles für die Pflege: aktuelle Podcasts, News, Videos und Studien. Jetzt informieren und auf dem Laufenden bleiben! Public Ghost content for AI and LLM tooling. This file includes a bounded export of public pages first, then recent public posts. Append `.md` to any post or page URL to get the content in Markdown (for example, `/example-post.md`). ## Pages ### Account URL: https://www.uebergabe.de/account/ Last updated: 2024-08-02T21:42:46.000Z _No content available._ ### 🔑 Einloggen URL: https://www.uebergabe.de/signin/ Last updated: 2025-10-14T21:42:33.000Z _No content available._ ### Abonniere unseren kostenlosen Newsletter… ✏️ URL: https://www.uebergabe.de/signup/ Last updated: 2025-10-14T21:43:00.000Z _No content available._ ### Deine Übergabe-Mitgliedschaft URL: https://www.uebergabe.de/mitgliedschaft/ Last updated: 2026-01-04T23:13:24.000Z #### Warum sollte ich ****Übergabe-Mitglied** werden? 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Aufsichtsbehörde: Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM), [https://www.nlm.de/](https://www.nlm.de/?ref=uebergabe.de) ## Streitschlichtung und Verbraucherstreitbeilegung Die Europäische Kommission stellt eine Plattform zur Online-Streitbeilegung (OS) bereit, die Sie unter [https://ec.europa.eu/consumers/odr/](https://ec.europa.eu/consumers/odr/?ref=uebergabe.de) finden. Verbraucher haben die Möglichkeit, diese Plattform für die Beilegung ihrer Streitigkeiten zu nutzen. 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[Mastodon](https://podcasts.social/@uebergabe?ref=uebergabe.de) ### Herzlich willkommen bei der Übergabe 👋🏻 URL: https://www.uebergabe.de/welcome/ Last updated: 2025-10-30T10:28:42.000Z _This page is for paying subscribers only._ ### Editor's Choice URL: https://www.uebergabe.de/featured/ Last updated: 2024-03-26T22:46:07.000Z _No content available._ ### Wir sind die Übergabe. URL: https://www.uebergabe.de/ueber-uns/ Last updated: 2026-01-15T21:53:57.000Z ****Die Übergabe** ist mehr als nur ein Pflegeprojekt — wir sind ein Ort für alle, die sich für die aufregende und immer wichtiger werdende Welt der Pflege interessieren. Unsere Mission ist klar: Wir bringen die relevanten Themen, die unsere Pflegelandschaft bewegen, direkt zu dir — und das auf eine Weise, die verständlich und spannend ist. Drei Mal pro Woche nehmen wir uns Themen in der Pflegelandschaft vor und erklären Sie so, dass du sie verstehst. Wir machen [Podcasts](https://www.uebergabe.de/tag/podcast/), haben einen [YouTube-Kanal](https://www.youtube.com/@uebergabe?ref=uebergabe.de) und fassen [wichtige Studien aus der Pflegewissenschaft](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) für dich zusammen. Zum ersten Mal von uns gehört? [Melde dich hier kostenlos an.](https://www.uebergabe.de/signup) ## Was machen wir? Wir widmen uns den drängendsten Fragen in der Pflege — von der Pflegewissenschaft bis zur Pflegepolitik, von Pflegepädagogik bis Pflegemanagement. Bei uns geht es darum, die komplexen Zusammenhänge verständlich zu machen und dir das Wissen zu bieten, das du in deinem Pflegealltag und deiner Weiterbildung brauchst. Mit regelmäßigen Interviews, Expert:innenmeinungen und den neuesten Entwicklungen aus der Pflegelandschaft sind wir dein verlässlicher Begleiter. ## Wo kommen wir her? 2018 ging die Reise los. Damals haben sich Mike, Alex und [Christian](https://www.uebergabe.de/author/christian/) zur [ersten Podcast-Aufnahme](https://www.uebergabe.de/ug001/) in der Wittener Bibliothek getroffen. Wohin die Reise ging, war unklar, aber es machte Spaß. Schnell stießen Franziska und [Eva](https://www.uebergabe.de/author/eva/) dazu. Viele Podcasts sind in dieser Zeit entstanden. Auch während der Corona-Pandemie haben wir weitergemacht und die Herausforderungen dieser besonderen Zeit zusammen gemeistert. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/08/85c9a098-1691-4fe7-bccd-0109b3bcae07-1.jpg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/08/428ddda9-0e42-4804-a2b2-8e170676aae9-1.jpg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/08/02469734-fc4f-4f0d-ab42-93075ddcf852-1.jpg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/08/a71ed018-dbe7-45ee-afeb-58c4df16534e-1.jpg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/08/a639dcee-dd65-4602-a75a-683cedd35b06-1.jpg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/08/IMG_0772-1.JPG) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/08/IMG_3375-1.jpeg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/08/IMG_8017-1.jpeg) Die Übergabe im Laufe der Zeit. 2021 wurde das [PflegeUpdate](https://www.uebergabe.de/tag/pflegeupdate/) aufgebaut - ein News-Podcast um die aktuellen Entwicklungen der Pflege berichten zu können. Damals haben Clara und Caroline dieses Format aufgebaut, 2023 haben [Max](https://www.uebergabe.de/author/max/), [Michelle](https://www.uebergabe.de/author/michelle/) und [Lukas](https://www.uebergabe.de/author/lukas/) das Format weitergeführt und bis zu seinem heutigen Erfolg geführt. Das PflegeUpdate erscheint alle zwei Wochen und wird regelmäßig auf Kongresse wie dem [Deutschen Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) exklusiv eingeladen, um von dort zu berichten. 2023 starteten die [Pflege-Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) \- kurze Zusammenfassungen relevanter pflegewissenschaftlicher Studien. [Florian](https://www.uebergabe.de/author/florian/) übernimmt dieses Format und veröffentlicht jede Woche ein neues Briefing [exklusiv für unsere treuen Mitglieder.](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## Warum uns vertrauen? Wir wissen, dass die Pflege ein weites Feld ist und es ist leicht, den Überblick zu verlieren. Deswegen ist unser Ziel einfach: Pflege auf den Punkt bringen. Wir tauchen tief in die Diskussionen ein und analysieren sie gründlich — aber wir lassen dich dabei nicht allein im Informationsdschungel. Wir sorgen dafür, dass du verstehst, wie die Theorie in der Praxis angewendet wird und bieten dir wertvolle Einblicke, die du direkt umsetzen kannst. Wir wissen wovon wir sprechen, denn wir sind selbst in der Pflegepraxis und Pflegewissenschaft tätig. ## Unsere Formate Unsere Formate decken ein breites Spektrum ab — von versorgungsrelevanten Themen bis hin zu pflegewissenschaftlichen Debatten. Dabei bleibt keine Facette unberührt. Egal ob du dich in der Ausbildung befindest, bereits in der Praxis arbeitest oder einfach ein Interesse daran hast, die Pflege in unserer Gesellschaft zu verbessern: Bei uns findest du das Wissen, das du brauchst, um gut informiert zu sein und einen Unterschied zu machen. ## ***P** *odcast, Studien, Newsletter, Videos, Community* Jeden Samstag erscheint ein kostenloser [****Podcast**](https://www.uebergabe.de/tag/podcast/), indem wir die aktuellen News der Pflege besprechen oder einen Deep Dive in ein pflegerisches Thema machen. Donnerstags erscheint unser [****Pflege-Briefing**](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/)****.** Dort fassen wir kurz und knapp wichtige Studien für dich zusammen und zeigen, wie du die Ergebnisse in der Praxis nutzen kannst. In regelmäßigen Abständen produzieren wir [****YouTube-Videos**](https://www.youtube.com/@uebergabe?ref=uebergabe.de), wo wir komplexe Themen kurz für dich aufbereiten. Große Themen kurz verpackt. In unserer [****Pflege-Community**](https://arc.net/l/quote/fmidryov?ref=uebergabe.de) diskutieren wir die aktuellsten und wichtigsten Themen mit Expert:innen unserer Community. ## Mach es dir gemütlich Wir möchten, dass du dich bei uns wohlfühlst. Setz dich entspannt hin, höre unsere Podcasts oder stöbere durch unsere Briefings. Gemeinsam nehmen wir die Pflege in den Blick, wie sie sein sollte — klar, verständlich und praxisnah. Und vor allem: Wir inspirieren dich, jeden Tag ein Stück mehr zur Verbesserung der Pflege beizutragen. Bist du bereit? Lass uns loslegen! [![CTA Image](https://www.uebergabe.de/content/images/2026/01/getillustrations-wHrLFHRkBI4-unsplash.jpg)](https://www.uebergabe.de/mitgliedschaft) ****Unabhängigkeit sichern** Mitgliedschaften ermöglichen Inhalte ohne externen Einfluss. ****Zeit für Tiefe** Gute Recherche, saubere Einordnung und verständliche Aufbereitung brauchen Ressourcen. ****Qualität vor Quantität** Wir veröffentlichen lieber weniger – dafür durchdacht. ****Community ermöglichen** Austausch auf Augenhöhe braucht Räume, die moderiert und gepflegt werden. ****Pflege sichtbar machen** Mit deiner Unterstützung bleibt Pflege ein Thema mit Gewicht. [Werde Übergabe-Mitglied ](https://www.uebergabe.de/mitgliedschaft) ### Authors URL: https://www.uebergabe.de/authors/ Last updated: 2025-02-28T22:51:23.000Z _No content available._ ### Herzlich Willkommen bei der Übergabe 👋🏻 URL: https://www.uebergabe.de/welcome-team/ Last updated: 2025-09-10T12:37:55.000Z _This page is for paying subscribers only._ ### Für alle, die Pflege verändern wollen. URL: https://www.uebergabe.de/mitglied-werden/ Last updated: 2026-03-31T07:28:55.000Z Die führende Community für die Pflege. Übergabe bündelt Pflegewissen aus Praxis, Wissenschaft und Politik und bereitet es so auf, dass du es in Studium, Lehre, Management und Versorgung direkt nutzen kannst. [Jetzt Mitglied werden](#pricing-section) [Mehr erfahren](#benefits-section) - 300+ zahlende Mitglieder - 100+ wissenschaftliche Briefings - Monatlich kündbar ## Warum Mitglied werden Deine Vorteile auf einen Blick ## Was dich erwartet Ein Blick auf unsere vielfältigen Formate ## Das sagen unsere Mitglieder Erfahrungen aus der Community ## Wähle dein Abo Flexible Optionen für alle Monatlich Jährlich ## Häufige Fragen Alles, was du wissen musst ### Umfrage URL: https://www.uebergabe.de/umfrage-ergebnis/ Last updated: 2026-06-18T19:10:46.000Z _No content available._ ### Willkommen bei der Übergabe! 🎉 URL: https://www.uebergabe.de/willkommen-bei-der-ubergabe/ Last updated: 2026-01-15T21:53:03.000Z _This page is for subscribers only._ ### Dein Übergabe-Zertifikat URL: https://www.uebergabe.de/zertifikat/ Last updated: 2026-03-19T12:39:45.000Z [![](https://www.uebergabe.de/content/images/2026/03/RbP_Logo.jpg)](https://www.regbp.de/?ref=uebergabe.de) ### Kurse URL: https://www.uebergabe.de/kurse/ Last updated: 2026-03-06T01:25:41.000Z _No content available._ ### Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege – Einstieg in die Pflegeforschung URL: https://www.uebergabe.de/wissenschaftliches-arbeiten-in-der-pflege-einstieg-in-die-pflegeforschung/ Last updated: 2026-03-08T23:06:16.000Z Dieser Kurs zeigt dir, wie Pflegeforschung funktioniert und warum sie für deinen Berufsalltag relevanter ist, als du vielleicht denkst. In 7 kompakten Lektionen lernst du, wie aus einer Beobachtung an Patient:innen eine Forschungsfrage wird, welche Methoden es gibt, um Antworten zu finden – und wie du Studien liest, bewertest und für deine Arbeit nutzt. Du bekommst einen Überblick über den gesamten Forschungsprozess: von der Idee über die Datenerhebung bis zur Auswertung. Außerdem lernst du, wie du gezielt in Fachdatenbanken recherchierst und Literatur findest, die deine Praxis auf eine evidenzbasierte Grundlage stellt. **Für wen ist dieser Kurs?** Für alle Pflegefachpersonen, die verstehen möchten, wie Pflegewissenschaft funktioniert – egal ob du gerade im Studium bist, eine Weiterbildung machst oder einfach wissen willst, worauf sich Leitlinien und Empfehlungen eigentlich stützen. ### Events & Veranstaltungen URL: https://www.uebergabe.de/events/ Last updated: 2026-03-12T22:05:51.000Z _No content available._ ### Forum Login URL: https://www.uebergabe.de/ghost-sso/ Last updated: 2026-03-08T12:37:51.000Z Einen Moment, du wirst weitergeleitet… ### Jobs in der Pflege URL: https://www.uebergabe.de/jobs/ Last updated: 2026-03-12T22:03:24.000Z _No content available._ ### Mein Bereich URL: https://www.uebergabe.de/mein-bereich/ Last updated: 2026-03-24T07:42:45.000Z _No content available._ ## Posts ### Pflege in 5 Entscheidungen mit Christine Vogler URL: https://www.uebergabe.de/pflege-in-5-entscheidungen-1/ Last updated: 2026-09-15T09:15:05.000Z Christian und Francis starten ein neues Mini-Format: In „Pflege in fünf Entscheidungen" bekommen unsere Gäst:innen fünf zugespitzte Entweder-oder-Fragen. Kein Sowohl-als-auch, keine offenen Antworten, begründet wird erst, nachdem die Entscheidung gefallen ist. Den Auftakt macht Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, zur Programmsäule „Pflege selbstbestimmt". Entsteht professionelle Selbstbestimmung durch Haltung oder durch Gesetz? Sind Pflegekammern gescheitert oder nur pausiert? Und wer bremst die professionelle Autonomie eigentlich stärker, die Ärzt:innenschaft oder die Pflege selbst? Christine positioniert sich. Auch da, wo es unbequem wird. Diese Folge entsteht in Kooperation mit dem Deutschen Pflegetag, der am 12\. und 13\. November im hub27 in Berlin stattfindet. Wichtige Links: Hol dir die Übergabe-App! Zum Jobboard Zum Eventkalender Schau dir unseren neuen Videokurs an! Jetzt Übergabe Mitglied werden Übergabe bei Instagram ### Alternde Haut: Ursachen, Risiken & Folgen verstehen URL: https://www.uebergabe.de/alternde-haut-ursachen-risiken-folgen-verstehen/ Last updated: 2026-09-14T16:00:49.000Z Nachlassende Widerstandsfähigkeit und verminderte Regenerationskraft verändern die Haut im Alter. Die Folge sind eine höhere Empfindlichkeit, Trockenheit und Infektionsrisiken. _This post is for subscribers only._ ### Berufsbild Community Health Nursing (Prof. Dr. Uta Gaidys) URL: https://www.uebergabe.de/ug194/ Last updated: 2026-09-12T04:00:59.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Community Health Nursing bringt Pflege wohnortnah und niedrigschwellig in die Lebenswelt. - Die Evidenz aus Modellprojekten liegt vor, die Regelversorgung fehlt. - Ohne Berufsrecht und Finanzierung findet CHN im System nicht statt. - Deutschland hinkt bei Prävention und Akademisierung anderen Ländern hinterher. - Erweiterte Verantwortung kann dem Fachkräftemangel entgegenwirken. ## Wenn Versorgung dorthin kommt, wo Menschen leben Stell dir vor, du versorgst eine chronische Wunde am Fuß – und hast dabei Zeit, mit der betroffenen Person zu reden. Über die zuckerhaltigen Getränke auf dem Tisch. Über die Medikamente, die auf dem Küchentisch liegen. Über den Schimmel in der Wohnung. Genau hier setzt **Community Health Nursing (CHN)** an: eine pflegerische Versorgung, die niedrigschwellig, kontinuierlich und wohnortnah funktioniert – dort, wo Menschen tatsächlich ihren Alltag leben. Über dieses Berufsbild haben wir mit Prof. Dr. Uta Gaidys gesproche. Sie ist Krankenschwester, Pflegewissenschaftlerin, Dekanin der Fakultät Gesundheit an der HAW Hamburg und seit 2021 als erste Pflegewissenschaftlerin Mitglied des [Wissenschaftsrats](https://www.wissenschaftsrat.de/DE/Ueber-uns/Wissenschaftsrat?ref=uebergabe.de). Anlass ist ein neues [Positionspapier zu Prävention und Gesundheitsförderung](https://www.wissenschaftsrat.de/download/2026/3003-26.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&v=17&ref=uebergabe.de), das im Februar 2026 erschienen ist. ## Was Community Health Nursing eigentlich ist Community Health Nursing ist kein völlig neues Berufsbild und das ist ein zentraler Punkt. Es handelt sich um Pflegende, die das tun, was Pflegende ohnehin tun, allerdings mit einem spezifischen Fokus: in der Gemeinde, in der Community, in der Lebenswelt der Menschen. > *„Community Health Nurses, das ist kein neues Berufsbild, sondern das sind Pflegende. Die machen auch das, was Pflegende auch sonst machen, nur mit einem spezifischen Fokus in der Gemeinde, in der Community, in der Lebenswelt." - Prof. Dr. Uta Gaidys* Ausgebildet werden Community Health Nurses nach Auffassung des Wissenschaftsrats auf Master-Ebene. Sie verfügen über spezifische Kompetenzen im Bereich Public Health, kennen sich mit epidemiologischen und soziologischen Zusammenhängen aus, können Beratung durchführen und Familiensysteme koordinieren und managen. Die Perspektive verschiebt sich dabei weg von der Krankheitsorientierung, hin zu Gesundheitsförderung und Prävention. ![Die Übergabe-App auf dem iPhone](https://www.uebergabe.de/content/images/2026/08/app-mockup-hell.png) Die Übergabe als App Alle Folgen und Wissens-Checks, Videokurse, Jobangebote, Events und die gesamte Community auf dem Handy. Anmeldung mit deinem Newsletter-Konto, kein Passwort nötig. [![Laden im App Store](https://www.uebergabe.de/content/images/2026/08/badge-appstore-v2.png)](https://apps.apple.com/de/app/id6791414278?ref=uebergabe.de) [![Jetzt bei Google Play](https://www.uebergabe.de/content/images/2026/08/badge-play.png)](https://play.google.com/store/apps/details?id=de.uebergabe.app&ref=uebergabe.de) [![QR-Code: Übergabe-App laden](https://www.uebergabe.de/content/images/2026/09/app-qr.png)](https://www.uebergabe.de/app/?go=app) ## Modellprojekte statt Regelversorgung In Deutschland existiert CHN bislang vor allem in Modellprojekten. Es gibt einzelne Studiengänge und Spezialisierungen, aber keine flächendeckende Versorgung. Besonders in sozial schwachen städtischen Quartieren und in ländlichen Regionen fehlt diese kontinuierliche, lebensweltorientierte Begleitung – gerade dort, wo chronisch und multimorbid erkrankte Menschen sie am dringendsten bräuchten. Dabei ist Deutschlands Gesundheitssystem leistungsstark und teuer – doch das Outcome, etwa gemessen an der Lebenserwartung, entspricht nicht diesen finanziellen Mitteln. Skandinavische Länder leben gesünder, machen bessere Prävention und werden älter. Selbst in Großbritannien, wo Community Health Nurses seit langem etabliert sind, ist die Lebenserwartung derzeit höher als hierzulande. [Publikationen - Für Prävention und Gesundheitsförderung handeln in Wissenschaft, Versorgung und Gesellschaft | Positionspapier (Drs. 3003-26), Februar 2026Deutschland steht angesichts einer alternden Bevölkerung, Fachkräftemangels, zunehmender chronischer Erkrankungen und klimabedingter Gesundheitsrisiken vor der dringenden Notwendigkeit, Prävention und Gesundheitsförderung systematisch zu stärken. Trotz hoher Gesundheitsausgaben bleibt der Gesundheitszustand der Bevölkerung hinter den Erwartungen zurück, da das Gesundheitssystem weiterhin stark auf Therapie und medizinische Interventionen ausgerichtet ist. Der Wissenschaftsrat empfiehlt daher einen gesundheitsbezogenen Kulturwandel, der Wissenschaft, Politik, Versorgung und Gesellschaft integriert und Prävention als systemrelevanten Bestandteil versteht. Zentral sind ressortübergreifende Strategien („Health for All Policies“), Evidenzbasierung durch verbesserte Dateninfrastruktur, Stärkung von Gesundheitskommunikation und -kompetenz, der Ausbau wissenschaftlicher Präventionsinfrastrukturen sowie die Nutzung interprofessioneller Potenziale. Finanzielle und regulatorische Anreize sollen Prävention als langfristige Investition etablieren. Das Positionspapier zeigt Schnittstellen auf, an denen Wissenschaft wirkungsvoll mit Politik, Versorgung und Gesellschaft zusammenwirken kann, um gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen zu schaffen, Ungleichheiten zu reduzieren und die Lebensqualität der Bevölkerung nachhaltig zu erhöhen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-b6918723-0a1e-48fd-bf03-c6323c8efb44.ico)Wissenschaftsrat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-c77cb411-11fa-4594-b339-d9c7a29220d1.png)](https://www.wissenschaftsrat.de/download/2026/3003-26?ref=uebergabe.de) ## Autonomie, Berufsrecht und Finanzierung Die Medizin sieht die Bedarfe durchaus. Zehn Minuten in der Praxis reichen nicht aus, um zu beeinflussen, was Menschen in ihrer Häuslichkeit tatsächlich umsetzen. Doch die entscheidende Frage lautet: *Wie lässt sich eine Struktur schaffen, die die Stärke des Community Health Nursing auf die Straße bringt?* Und das führt direkt zu Autonomie, Verantwortungsübernahme und Refinanzierung. Ein häufiges Modell ist, dass Pflegende in Hausarztpraxen angestellt sind. Denn gerade in sozial schwachen Quartieren und ländlichen Regionen sitzen die Hausärzt:innen oft gar nicht. Für die Vision einer eigenständigen Versorgung braucht es mehr: > *„Community Health Nurses führen ihre eigenen Sprechstunden durch. Sie machen Hausbesuche, sie arbeiten mit der Kommune, sie werden von der Kommune bezahlt. \[…\] Die Abrechnung erfolgt alleinig und in eigener Verantwortung." - Prof. Dr. Uta Gaidys* Dafür braucht es eine gesicherte Berufsbezeichnung, rechtliche Rahmen und die sozialfinanzielle Einordnung. Denn ohne Finanzierung findet die Tätigkeit im deutschen Gesundheitssystem schlicht nicht statt. [Das Bundesministerium für Gesundheit arbeitet an einem sogenannten ANP-Gesetz](https://www.aerzteblatt.de/news/advanced-practice-nursing-soll-noch-in-diesem-jahr-gesetzlich-geregelt-werden-ba4a86d5-050b-4119-a403-5bdce690a3a4?ref=uebergabe.de), das rechtliche Regelungen für Berufsbezeichnungen wie Advanced Nursing Practice und Community Health Nursing schaffen soll. ## Das Problem der Trennung: SGB V und SGB XI Ein strukturelles Kernproblem ist die traditionelle Teilung zwischen krankheitsorientierter und pflegeorientierter Versorgung. Für die Pflege selbst existiert diese Trennung faktisch nicht: Wer die Körperpflege übernimmt, kennt den Hautzustand, erkennt Wundrisiken. Doch sozialrechtlich rutscht man damit sofort in die sogenannte Behandlungspflege – eine Trennung, die eine ganzheitliche Versorgung erschwert. Besonders im ambulanten Bereich zeigt sich das: Bildet sich beim Diabetiker eine Wunde am Fuß, sehen die Kolleg:innen des ambulanten Pflegedienstes das sofort. Aber bevor die beginnende Wunde versorgt werden kann, braucht es Rezepte, organisierte Fahrten, bürokratische Wege. Für die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen bedeutet das: Sie müssen faktisch selbst zu Expert:innen im Sozialrechtssystem werden, um gut versorgt zu werden. ## Der volkswirtschaftliche und ethische Hebel Der Nutzen von CHN reicht weit über die einzelne Versorgung hinaus. Wenn ein Teil der Versorgung dorthin verlagert wird, wo Menschen leben, lassen sich Krankenhäuser entlasten – und Krankheitskarrieren vermeiden, die oft erst durch einen Krankenhausaufenthalt entstehen: Delir, fortschreitende Demenz, nosokomiale Infektionen. Menschen können länger gesund in ihrem Umfeld bleiben. Gleichzeitig eröffnet sich die Chance, Daten zu erheben: Welche Erkrankungen häufen sich in einem Quartier? Wo braucht es kultursensible Pflege, wo Sprachmittlung? Im Costa-Projekt in Hamburg zeigte sich etwa, dass Menschen in ihrer Wohnumgebung häufig mit Schimmel zu kämpfen hatten – ein Zusammenhang, der in einer Hausarztpraxis schlicht unsichtbar bleibt. Auch Wohnraumanpassungen, Unfallprävention, der Zugang zu Sozialleistungen oder die Begegnung von Einsamkeit im Alter lassen sich so ganz anders adressieren. ## Warum es ein Studium braucht Eine berechtigte Frage: Erfahrene Pflegefachpersonen können Familien einschätzen, kennen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Diabetes, Krebserkrankungen und beraten Angehörige längst. Wozu also studieren? Die Antwort liegt in neuen Versorgungskonzepten, in der Wissenschaftsbasierung und vor allem in der Verantwortungsübernahme für eigene Versorgungsentscheidungen – der Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnis auf die konkrete Situation vor Ort zu übertragen. Der Bachelor bildet dabei generalistisch aus, im Master erfolgt die Spezialisierung – etwa zu Community Health Nursing mit Anteilen aus Public Health, Epidemiologie, Soziologie, Prävention und Schulungskonzepten. Studiengänge und Spezialisierungen gibt es unter anderem in Dresden und an der [HAW Hamburg](https://www.haw-hamburg.de/forschung/forschungsprojekte-detail/project/project/show/costa/?ref=uebergabe.de), wo seit 2013 ein Studiengang zu Advanced Nursing Practice existiert. Flächendeckend ist das jedoch nicht. ## Der Hebel gegen den Fachkräftemangel CHN ist kein Allheilmittel – kein „Schweizer Taschenmesser der Gesundheitsversorgung". Es kann weder den demografischen Wandel noch den Fachkräftemangel im Alleingang heilen. Aber es ist ein Baustein. Untersuchungen zeigen: Pflegende steigen nicht aus, weil ihnen die Pflege plötzlich nicht mehr gefällt, sondern weil die Rahmenbedingungen sie an den Rand der Verzweiflung bringen. > *„Wenn wir Rahmenbedingungen schaffen können, in denen Pflege eine eigenständige Entscheidung treffen können, in denen sie Verantwortung übernehmen können und ihren eigenen Arbeitsalltag bestimmen können, dann steigt auch die Berufszufriedenheit." - Prof. Dr. Uta Gaidys* Ein autonomer Arbeitsbereich, dicht am Menschen, mit sichtbarer Wirkung und starker Personen- und Familienzentrierung. Das macht das Berufsfeld attraktiv. Für deinen Arbeitsalltag könnte CHN künftig bedeuten: verlässliche Kolleg:innen in der Primärversorgung, mit denen du bei der Entlassung eine gemeinsame Sprache sprichst und ein echtes Netzwerk bildest. ## Wann kommt CHN in die Fläche? Die Evidenz liegt vor! In Hamburg wurde mit dem [CoSta-Projekt](https://www.haw-hamburg.de/forschung/forschungsprojekte-detail/project/project/show/costa/?ref=uebergabe.de) sogar ein randomisiertes, kontrolliertes Trial durchgeführt, auch das [Projekt von Renate Stemmer](https://www.uebergabe.de/ug113/) hat Belege geliefert. Doch nach der Evidenz folgt zu oft der Satz, für die Regelversorgung sei kein Geld da. Menschen gewöhnen sich über einen Projektzeitraum an eine Versorgung, die dann endet. Ins Boot gehören neben Pflege und Medizin auch der kommunale Gesundheitsdienst, Krankenkassen, Schulen und ambulante Pflegedienste. Und es braucht einen Wandel in der Haltung, esellschaftlich wie in der eigenen Berufsgruppe. Wie lange es dauern wird? Realistisch schätzt Uta Gaidys rund zehn Jahre. Ein Zeithorizont, der angesichts des demografischen Peaks um 2035 knapp bemessen ist. Das [Positionspapier des Wissenschaftsrats](https://www.wissenschaftsrat.de/download/2026/3003-26.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&v=17&ref=uebergabe.de) soll dabei helfen, Position handhabbar zu machen und in den politischen Diskurs einzuspeisen. Wer tiefer einsteigen will, findet auch bei der [Pflegesprechstunde der Poliklinik](https://poliklinik1.org/pflegesprechstunde?ref=uebergabe.de) praktische Beispiele. Community Health Nursing wertet die bisherige Pflege auf und macht sichtbar, wie viel Pflege leisten kann, vorausgesetzt, Qualifikation, Verantwortung, rechtliche Handlungsspielräume und Finanzierung stimmen. Die Zutaten sind bekannt. Jetzt geht es darum, sie auf die Straße zu bringen. • • • ## Die CHN-Tagung des Wissenschaftsrats Am 20\. Oktober veranstaktet der Wissenscahftsrat die Tagung *„Für Prävention handeln. Berufsbild Community Health Nursing (CHN) – Chancen, Hebel, Netzwerke“.* [Das Programm](https://www.wissenschaftsrat.de/download/2026/CHN%5FProgramm.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&v=13&ref=uebergabe.de) könnt ihr hier einsehen: [Publikationen - Programm: Für Prävention handeln | Berufsbild Community Health Nursing (CHN) – Chancen, Hebel, NetzwerkeDie Tagung des Wissenschaftsrats (WR) „Für Prävention handeln. Berufsbild Community Health (CHN) – Chancen, Hebel, Netzwerke“ wird am 20.Oktober 2026 an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg stattfinden. Die Veranstaltung richtet sich anlokale und nationale Stakeholder aus Wissenschaft, Politik und dem Gesundheitswesen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-f897be3b-aaf2-451a-898c-8359b505843f.ico)Wissenschaftsrat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-7188a2b7-e274-4ef3-b614-e8b2f59399b8.png)](https://www.wissenschaftsrat.de/download/2026/CHN%5FProgramm?ref=uebergabe.de) • • • ## Zum Weiterhören - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG023 – DVG & Community Health Nursing (Prof. Dr. W. Schnepp & J. Sauskat)](https://www.uebergabe.de/ug023/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) • • • ## Neues One Minute Wonder Im letzten Newsletter in unserer Sommerpuse haben wir dir eine ganze Liste neuer [One-Minute-Wonder](https://www.uebergabe.de/tag/one-minute-wonder/) gesendet. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan und [Magda](https://www.uebergabe.de/author/magda/) wieer ein neues für euch gemacht! [Die Haut - Wissenswertes, Schichten und FunktionDie Haut ist das größte Sinnes- und Schutzorgan. Aufbauend auf drei Schichten schützt sie vor Austrocknung und reguliert die Temperatur. Ein Überblick.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-bf1189c6-0b63-4512-95dd-2d5a8f9faddd.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMagda![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/anupam-raisim-kerketta-1iJxiAeanik-unsplash-bc61355b-c099-4865-ba26-fa7110ee26b8.jpg)](https://www.uebergabe.de/die-haut-wissenswertes-schichten-und-funktion/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Auszubildende Unterstützen Belästigung am Arbeitsplatz zu begegnen URL: https://www.uebergabe.de/auszubildende-unterstutzen-belastigung-am-arbeitsplatz-zu-begegnen/ Last updated: 2026-09-14T18:51:36.000Z 🗓️ #147 | 10.09.2026 ## Worum geht's? Die Studie von beschäftigt sich mit Belästigung und Gewalt gegenüber Auszubildenden in der Pflege während ihrer klinischen Praxiseinsätze. Untersucht wurde die Initiative „Clinical Abuse Preventive Education for Students“, kurz CAPES, die Auszubildenden dabei unterstützen soll, Belästigung zu erkennen, angemessen darauf zu reagieren und Vorfälle zu melden. Das Programm verbindet Schulungen der Studierenden mit einem strukturierten Meldesystem und einer gezielten Qualifizierung der Lehrenden und Praxisbegleitenden. 💡 Die CAPES Initiative steht für Clinical Abuse Preventive Education for Students. Ziel der Initiative ist es, Auszubildenden in der Pflege während ihrer klinischen Praxiseinsätze besser vor Belästigung, Gewalt und anderen Formen übergriffigen Verhaltens zu schützen. Hintergrund war die Beobachtung, dass Auszubildenden in der Pflege im klinischen Alltag mit verbaler, körperlicher oder sexueller Belästigung sowie Diskriminierung konfrontiert sein können, entsprechende Vorfälle jedoch häufig nicht oder erst verspätet melden. Gründe hierfür können unter anderem Unsicherheit über Meldewege, Angst vor negativen Konsequenzen und die Normalisierung problematischer Verhaltensweisen im klinischen Umfeld sein. CAPES verfolgt deshalb einen mehrdimensionalen Ansatz aus Schulung, Meldemöglichkeiten und psychosozialer Unterstützung. Pflegestudierende erhalten vor ihrem Praxiseinsatz eine strukturierte Einführung zum Erkennen, Verhindern, Bewältigen und Melden von Belästigung. Dabei kommen Informationsmaterialien, Fallbeispiele, Rollenspiele und Gruppendiskussionen zum Einsatz. Die Auszubildenden üben anhand konkreter Situationen, wie sie auf übergriffiges Verhalten reagieren können. Zusätzlich wurde mit dem CAPES Buddy ein digitales Meldesystem eingerichtet, über das Vorfälle strukturiert weitergegeben werden können. Ein weiterer Bestandteil richtet sich an die Lehrenden und Praxisbegleiter:innen. Diese werden darin geschult, Studierende nach belastenden Situationen psychologisch zu unterstützen und angemessen auf gemeldete Vorfälle zu reagieren. Damit richtet sich CAPES nicht ausschließlich auf die Handlungskompetenz einzelner Auszubildender, sondern auch auf die Gestaltung einer klinischen Lernumgebung, in der Belästigung angesprochen werden kann und Betroffene Unterstützung erhalten. Die Initiative verbindet damit Prävention, Kompetenzentwicklung, niedrigschwellige Meldestrukturen und institutionelle Unterstützung. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel war es, die Auswirkungen der CAPES Initiative auf den Umgang von Auszubildenden mit Belästigung im klinischen Umfeld zu untersuchen. Dabei wurde insbesondere betrachtet, ob sich das Wissen über Belästigung, die Fähigkeit zur Identifikation verschiedener Formen sowie die Sicherheit im Umgang mit entsprechenden Situationen verbessern. Zusätzlich sollte untersucht werden, ob sich das Meldeverhalten verändert und Lehrende durch eine zusätzliche Schulung besser in der Lage sind, betroffene Auszubildenden psychologisch zu unterstützen. _This post is for paying subscribers only._ ### Die Haut - Wissenswertes, Schichten und Funktion URL: https://www.uebergabe.de/die-haut-wissenswertes-schichten-und-funktion/ Last updated: 2026-09-07T16:00:31.000Z Die Haut ist das größte Sinnes- und Schutzorgan. Aufbauend auf drei Schichten schützt sie vor Austrocknung und reguliert die Temperatur. Ein Überblick. _This post is for subscribers only._ ### Mundpflege als Aspirationsprävention? URL: https://www.uebergabe.de/mundpflege-als-aspirationspravention/ Last updated: 2026-09-14T18:50:17.000Z 🗓️ #146 | 03.09.2026 ## Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit der Frage, welche Maßnahmen der Mundpflege bei Menschen mit oropharyngealer Dysphagie wirksam sind. Im Mittelpunkt stehen dabei mögliche Auswirkungen auf die Mundgesundheit, schluckbezogene Ergebnisse und insbesondere das Auftreten einer Aspirationspneumonie. Hintergrund ist, dass bislang keine eindeutige Best Practice für die Mundpflege bei Menschen mit oropharyngealer Dysphagie etabliert ist. 💡 Eine [oropharyngeale Dysphagie](https://doi.org/10.5535/arm.23069?ref=uebergabe.de) ist eine Schluckstörung, bei der die Aufnahme, Vorbereitung oder der Transport von Nahrung, Flüssigkeit oder Speichel vom Mund durch den Rachen bis zum Eingang der Speiseröhre beeinträchtigt ist. Betroffen sind damit vor allem die orale und pharyngeale Phase des Schluckvorgangs. Charakteristisch können Schwierigkeiten beim Einleiten des Schluckens, eine verzögerte Schluckreaktion, verbleibende Nahrungsreste im Mund oder Rachen sowie Husten oder Räuspern während oder nach dem Schlucken sein. Auch eine feucht oder gurgelnd klingende Stimme nach dem Schlucken kann auf eine Schluckstörung hinweisen. Der normale Schluckvorgang ist ein komplexer neuromuskulärer Prozess, an dem zahlreiche Muskelgruppen sowie zentrale und periphere Nervenstrukturen beteiligt sind. Während der oropharyngealen Phase wird der Nahrungsbolus durch die Mundhöhle in Richtung Rachen transportiert. Gleichzeitig muss der Atemweg geschützt werden, damit Nahrung, Flüssigkeit oder Speichel nicht in den Kehlkopf beziehungsweise in die tieferen Atemwege gelangen. Ist diese Koordination beeinträchtigt, kann es zu einer Penetration oder Aspiration kommen. Besonders problematisch ist eine stille Aspiration, bei der Material in die Atemwege gelangt, ohne dass Betroffene mit Husten oder anderen erkennbaren Schutzreaktionen reagieren. Oropharyngeale Dysphagien können unterschiedliche Ursachen haben. Besonders häufig treten sie im Zusammenhang mit neurologischen Erkrankungen auf, beispielsweise nach einem Schlaganfall, bei Morbus Parkinson, Demenz oder neuromuskulären Erkrankungen. Daneben können strukturelle Veränderungen im Bereich von Mund, Rachen oder Kehlkopf, Tumorerkrankungen sowie deren Behandlung eine Rolle spielen. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko ebenfalls, insbesondere wenn mehrere Erkrankungen gleichzeitig bestehen. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die vorhandene wissenschaftliche Literatur zu Mundpflegeinterventionen bei Kindern und Erwachsenen mit oropharyngealer Dysphagie systematisch zusammenzufassen. Dabei untersuchten die Autor:innen, welchen Einfluss diese Interventionen auf schluckbezogene Outcomes, die Häufigkeit von Aspirationspneumonien und den Zustand der Mundgesundheit haben. Auf dieser Grundlage sollte eingeschätzt werden, welche Maßnahmen besonders erfolgversprechend sind und welche Erkenntnisse für eine Best Practice noch fehlen. _This post is for subscribers only._ ### Kontrakturen- Risikofaktoren und prophylaktische Maßnahmen URL: https://www.uebergabe.de/kontrakturen-risikofaktoren-und-prophylaktische-massnahmen/ Last updated: 2026-08-28T16:00:16.000Z Immobilität und Lähmungen erhöhen das Kontraktur-Risiko. Richtige Positionierung, Spitzfußprophylaxe und Bewegungsförderung beugen vor. _This post is for subscribers only._ ### Wie zeigen sich als herausfordernd empfundene Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz im Krankenhaus? URL: https://www.uebergabe.de/wie-zeigen-sich-als-herausfordernd-empfundene-verhaltensweisen-von-menschen-mit-demenz-im-krankenhaus/ Last updated: 2026-09-14T18:56:12.000Z 🗓️ #145 | 27.08.2026 💡 Im folgenden Briefing wird der Begriff **Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia* sowie die international gebräuchliche Abkürzung ****BPSD** verwendet. Im deutschsprachigen Kontext sollte jedoch vorzugsweise von ****als herausfordernd empfundenen Verhaltensweisen** gesprochen werden, da diese Formulierung weniger defizitorientiert ist und berücksichtigt, dass die Bewertung eines Verhaltens auch vom jeweiligen Kontext und von der Wahrnehmung der beteiligten Personen abhängt. Da sich das Briefing auf eine Studie bezieht, in der ausdrücklich der Begriff BPSD verwendet wird, wird dieser im Folgenden beibehalten, um das Wording der Originalpublikation nicht zu verändern. ## Worum geht's? Die systematische Übersichtsarbeit beschäftigt sich mit verhaltensbezogenen und psychischen Symptomen bei Menschen mit Demenz während eines Aufenthalts im Akutkrankenhaus. Diese Symptome werden international als Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia, kurz BPSD, bezeichnet und umfassen unter anderem Agitation, Aggression, Schlafstörungen, depressive Symptome, Angst, Halluzinationen und Veränderungen des Essverhaltens. Die Studie untersucht, wie häufig solche Symptome im Akutkrankenhaus auftreten und welche Faktoren, Behandlungen und Folgen mit ihnen verbunden sind. ## Was war das Ziel der Studie? Das primäre Ziel der Studie war es, die Häufigkeit von BPSD bei älteren Menschen mit Demenz während eines Aufenthalts in einem Akutkrankenhaus zu bestimmen. Zusätzlich untersuchten die Autor:innen mögliche Risikofaktoren sowie den Umgang mit diesen Symptomen und deren Auswirkungen auf die Versorgung. Dabei wurden unter anderem Psychopharmakagebrauch, Aufenthaltsdauer, erneute Krankenhausaufnahmen, Institutionalisierung nach der Entlassung, Belastungen von An- und Zugehörigen sowie weitere Versorgungsergebnisse betrachtet. 💡 Als [herausfordernd empfundene Verhaltensweisen](https://doi.org/10.1016/j.jamda.2024.03.007?ref=uebergabe.de) wie Unruhe, Aggression, Apathie, Angst, Schlafstörungen oder wiederholtes Rufen können für Menschen mit Demenz mit erheblichen Belastungen verbunden sein. Sie stehen unter anderem mit einer verminderten Lebensqualität, funktionellen Einschränkungen und ungünstigeren gesundheitlichen Verläufen in Zusammenhang. Im Akutkrankenhaus können sich solche Verhaltensweisen zusätzlich verstärken und die Versorgung erschweren. Studien zeigen Zusammenhänge mit längeren Krankenhausaufenthalten, dem Einsatz belastender Interventionen und Psychopharmaka sowie häufigeren Wiederaufnahmen. Auch für Pflegefachpersonen stellen als herausfordernd empfundene Verhaltensweisen eine relevante Belastung dar. Insbesondere Unruhe, Aggression und schwer vorhersehbare Verhaltensweisen können den Arbeitsaufwand erhöhen und Stress, Unsicherheit und emotionale Belastung verursachen. Eine hohe und länger anhaltende Belastung kann mit geringerer Arbeitszufriedenheit, psychischen und körperlichen Belastungen sowie Burnout in Zusammenhang stehen. Gleichzeitig können fehlendes Wissen über Demenz, unzureichende personelle Ressourcen und mangelnde organisatorische Unterstützung diese Belastungen verstärken. _This post is for paying subscribers only._ ### Kontrakturen- Definition und Arten von Kontrakturen URL: https://www.uebergabe.de/kontrakturen-definition-und-arten-von-kontrakturen/ Last updated: 2026-08-21T16:00:58.000Z Kontrakturen schränken Gelenke dauerhaft ein. Sie unterscheiden sich nach Bewegungsrichtung sowie angeborenen oder erworbenen Ursachen. _This post is for subscribers only._ ### Wie beeinflusst die Kommunikation von Pflegefachkräften die Angst von Angehörigen in Notfallsituationen URL: https://www.uebergabe.de/wie-beeinflusst-die-kommunikation-von-pflegefachkrafte-die-angst-von-angehorigen-in-notfallsituationen/ Last updated: 2026-09-14T18:51:41.000Z 🗓️ #144 | 20.08.2026 ## Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit der therapeutischen Kommunikation zwischen Pflegefachpersonen und Angehörigen von Patient:innen in akuten beziehungsweise kritischen Versorgungssituationen. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die Qualität der therapeutischen Kommunikation mit dem Ausmaß der Angst der Angehörigen zusammenhängt. Die Autor:innen gehen davon aus, dass eine gezielte verbale und nonverbale Kommunikation dazu beitragen kann, dass Angehörige die Situation besser verstehen und mit ihrer Unsicherheit umgehen können. 💡 Im Gesundheitswesen wird zunehmend von **An- und Zugehörigen** gesprochen, da der klassische Begriff „Angehörige“ häufig vor allem mit verwandtschaftlichen oder rechtlich definierten Beziehungen verbunden wird. Für die Versorgung von Patient:innen sind jedoch nicht nur Familienmitglieder bedeutsam. Auch Freund:innen, unverheiratete Partner:innen, Nachbar:innen oder andere nahestehende Personen können wichtige Bezugspersonen sein und Betreuung, Unterstützung oder Pflege übernehmen. Eine Begriffsanalyse aus der Pflegewissenschaft zeigt, dass gesellschaftliche Veränderungen, vielfältigere Familienformen und die zunehmende Bedeutung freundschaftlicher Beziehungen dazu führen, dass traditionelle Vorstellungen von Angehörigkeit die tatsächlichen sozialen Netzwerke von Patient:innen nicht immer ausreichend abbilden. Die Formulierung „An- und Zugehörige“ trägt diesem erweiterten Verständnis Rechnung. Während Angehörigkeit beispielsweise im Pflegezeitgesetz rechtlich anhand bestimmter familiärer und partnerschaftlicher Beziehungen definiert wird, kann Zugehörigkeit stärker darüber bestimmt werden, wen Patient:innen selbst als nahestehend und für sie bedeutsam ansehen. Damit unterstützt der Begriff eine patient:innenzentrierte Versorgung, weil nicht allein biologische oder rechtliche Verwandtschaft darüber entscheidet, wer als wichtige Bezugsperson wahrgenommen und in die Versorgung einbezogen wird. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, den Zusammenhang zwischen der therapeutischen Kommunikation durch Pflegefachpersonen und dem Angstniveau von Angehörigen in Notfallsituationen zu untersuchen. Dabei sollte festgestellt werden, ob eine als gut bewertete therapeutische Kommunikation mit einem niedrigeren Angstniveau der Angehörigen verbunden ist. Die Untersuchung fokussierte damit gezielt auf die Bedeutung pflegerischer Kommunikation innerhalb belastender und potenziell lebensbedrohlicher Versorgungssituationen. _This post is for paying subscribers only._ ### Dekubitus- Risikofaktoren und prophylaktische Maßnahmen URL: https://www.uebergabe.de/dekubitus-risikofaktoren-und-prophylaktische-massnahmen/ Last updated: 2026-08-14T16:00:17.000Z Immobilität oder Pflegefehler begünstigen Dekubitus. Positionierung, Bewegungsförderung und Hautbeobachtung wirken als Prophylaxe entgegen. _This post is for subscribers only._ ### Pflegerische Interventionen bei benignen Lagerungsschwindel URL: https://www.uebergabe.de/pflegerische-interventionen-bei-benignen-lagerungsschwindel/ Last updated: 2026-09-14T18:53:35.000Z 🗓️ #143 | 13.08.2026 ## Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit Menschen mit benignem paroxysmalem Lagerungsschwindel, kurz BPPV. Untersucht wird, ob gezielte Interventionen durch Pflegefachpersonen, bestehend aus dem Epley Manöver sowie einer Schulung zu sicheren Bewegungen und zur Sturzprävention, die körperliche Leistungsfähigkeit und das Gleichgewicht verbessern können. Im Mittelpunkt steht damit die Frage, welchen eigenständigen Beitrag Pflegefachpersonen zur funktionellen Stabilisierung und zur Reduktion des Sturzrisikos bei BPPV leisten können. 💡 Das [Epley Manöver](https://link.springer.com/article/10.1186/s12875-023-02217-z?ref=uebergabe.de) ist ein therapeutisches Lagerungsmanöver zur Behandlung des benignen paroxysmalen Lagerungsschwindels, kurz BPLS oder BPPV. Es wird insbesondere eingesetzt, wenn der hintere Bogengang des Innenohrs betroffen ist. Beim BPPV haben sich kleine Kalziumkarbonatkristalle, sogenannte Otokonien, aus dem Bereich des Utriculus gelöst und sind in einen Bogengang gelangt. Bei bestimmten Kopfbewegungen bewegen sich diese Partikel innerhalb des Bogengangs und führen zu einer fehlerhaften Reizung des Gleichgewichtsorgans. Typisch sind kurze, heftige Drehschwindelattacken, beispielsweise beim Hinlegen, Umdrehen im Bett oder beim Blick nach oben. Das Ziel des Epley Manövers besteht darin, die frei beweglichen Otokonien durch eine gezielte Abfolge verschiedener Kopf und Körperpositionen aus dem betroffenen hinteren Bogengang zurück in den Utriculus zu bewegen. Dort lösen sie keine für den BPPV typischen Schwindelattacken mehr aus. Das Manöver behandelt damit nicht lediglich das Symptom Schwindel, sondern setzt am zugrunde liegenden mechanischen Problem des BPPV an. Vor der Durchführung wird zunächst festgestellt, welches Ohr und welcher Bogengang betroffen sind. Dabei achten Untersucher:innen insbesondere auf das Auftreten des typischen Schwindels und eines charakteristischen Nystagmus. Die korrekte Diagnostik ist wichtig, da für einen BPPV des horizontalen Bogengangs andere Lagerungsmanöver erforderlich sind. Beim Epley Manöver für den hinteren Bogengang sitzen Patient:innen zunächst aufrecht. Der Kopf wird etwa 45 Grad zur betroffenen Seite gedreht. Anschließend werden die Patient:innen zügig in Rückenlage gebracht, wobei der Kopf leicht nach hinten überstreckt bleibt. Diese Position wird für eine gewisse Zeit gehalten. Danach wird der Kopf ungefähr 90 Grad zur Gegenseite gedreht. Im nächsten Schritt drehen sich Patient:innen weiter auf die nicht betroffene Seite, sodass der Kopf beziehungsweise die Nase schräg in Richtung Unterlage zeigt. Abschließend richten sich die Patient:innen wieder zum Sitzen auf. Durch diese aufeinanderfolgenden Positionsänderungen sollen die Otokonien der Schwerkraft folgend schrittweise durch den Bogengang in Richtung Utriculus transportiert werden. Während des Manövers können vorübergehend deutlicher Drehschwindel, Nystagmus oder Übelkeit auftreten. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit von durch Pflegefachpersonen durchgeführten Interventionen bei Patient:innen mit BPPV zu untersuchen. Dabei sollte insbesondere festgestellt werden, ob sich die körperliche Leistungsfähigkeit und das funktionelle Gleichgewicht durch die Kombination aus Epley Manöver, Bewegungsberatung und Sturzprävention verbessern. Zusätzlich untersuchten die Autor:innen, ob soziodemografische und klinische Merkmale mit der körperlichen Leistungsfähigkeit beziehungsweise dem Sturzrisiko zusammenhängen. _This post is for paying subscribers only._ ### EPUAP Klassifikation Dekubitus: Ein Überblick URL: https://www.uebergabe.de/epuap-klassifikation-dekubitus-ein-uberblick/ Last updated: 2026-08-07T16:00:01.000Z Ein Überblick zur EPUAP Klassifikation von Dekubitus. Sachliche Darstellung aller Schweregrade, Kategorien und Merkmale von Druckgeschwüren. _This post is for subscribers only._ ### Versorgung von Menschen mit Autismus verbessern URL: https://www.uebergabe.de/versorgung-von-menschen-mit-autismus-verbessern/ Last updated: 2026-09-14T18:53:37.000Z 🗓️ #142 | 06.08.2026 ## Worum geht's? Die systematische Übersichtsarbeit befasst sich mit Interventionen, die den Zugang zur gesundheitlichen Versorgung sowie die Versorgungserfahrungen von Menschen mit Autismus verbessern sollen. Hintergrund ist, dass autistische Menschen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung häufiger gesundheitliche Probleme aufweisen, eine höhere Sterblichkeit haben und gleichzeitig zahlreiche Barrieren beim Zugang zum Gesundheitssystem erleben. Die Autor:innen fassen erstmals systematisch zusammen, welche Maßnahmen bisher wissenschaftlich untersucht wurden und welche Wirksamkeit diese Interventionen zeigen. 💡 Der Begriff Autismus leitet sich vom griechischen Wort autos ab, was „selbst“ bedeutet. Er wurde Anfang des 20\. Jahrhunderts von dem Schweizer Psychiater Eugen Bleuler geprägt. Bleuler verwendete den Begriff zunächst, um bei Menschen mit Schizophrenie eine starke Hinwendung zur eigenen Gedankenwelt und einen Rückzug von der äußeren Realität zu beschreiben. Erst später wurde der Begriff unabhängig davon für das heute als Autismus Spektrum Störung bezeichnete neuroentwicklungsbedingte Störungsbild verwendet. Maßgeblich dazu beigetragen hat Leo Kanner, der 1943 erstmals Kinder mit charakteristischen Merkmalen des frühkindlichen Autismus wissenschaftlich beschrieb. Unabhängig davon veröffentlichte Hans Asperger 1944 seine Beschreibung von Kindern mit besonderen sozialen und kommunikativen Merkmalen sowie spezifischen Interessen. Heute beschreibt der Begriff Autismus keine Abkehr von der Umwelt oder ein Leben „in der eigenen Welt“, sondern eine lebenslang bestehende neurologische Entwicklungsvariante, die sich insbesondere auf die soziale Kommunikation, soziale Interaktion sowie auf Verhaltensweisen, Interessen und sensorische Wahrnehmung auswirkt. Menschen mit Autismus unterscheiden sich dabei erheblich in ihren Fähigkeiten, Unterstützungsbedarfen und individuellen Ausprägungen. Deshalb wird heute von einer Autismus Spektrum Störung gesprochen, um die große Vielfalt der Erscheinungsformen zu verdeutlichen. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, vorhandene wissenschaftliche Untersuchungen zu Interventionen systematisch auszuwerten, die darauf abzielen, die gesundheitliche Versorgung oder den Zugang zur Versorgung für Menschen mit Autismus zu verbessern. Dabei sollte nicht nur erfasst werden, welche Interventionen existieren, sondern auch, auf welche Zielgruppen sie sich richten, wie ihre Wirksamkeit überprüft wurde und welche Ergebnisse erzielt wurden. Die Übersichtsarbeit soll damit eine wissenschaftliche Grundlage für zukünftige Forschung sowie für die Entwicklung wirksamer Versorgungsstrategien schaffen. _This post is for subscribers only._ ### Dekubitus- Definition und Entstehung URL: https://www.uebergabe.de/dekubitus-definition-und-entstehung/ Last updated: 2026-07-31T16:00:20.000Z Ein Dekubitus entsteht durch anhaltenden Druck. Übersicht zu medizinischer Definition, Entstehungsursachen und typischen Prädilektionsstellen. _This post is for subscribers only._ ### Pflegerische Frührehabilitation bei Hemiplegie nach Schlaganfall URL: https://www.uebergabe.de/pflegerische-fruhrehabilitation-bei-hemiplegie-nach-schlaganfall/ Last updated: 2026-09-14T18:51:44.000Z 🗓️ #141 | 30.07.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht den Einfluss einer frühen rehabilitativen Pflege auf die neurologische Funktion und die Lebensqualität von Patient:innen mit einer Halbseitenlähmung nach einem Schlaganfall. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob eine früh beginnende, strukturierte rehabilitative Pflege im Vergleich zur üblichen pflegerischen Versorgung bessere Behandlungsergebnisse erzielt. Die Arbeit wurde als systematischer Review mit Metaanalyse durchgeführt und fasst die Ergebnisse mehrerer Einzelstudien zusammen. 💡 In Deutschland erleiden jährlich etwa [270.000 Menschen ](https://www.schlaganfall-hilfe.de/de/presse/factsheets-fuer-journalisten??ref=uebergabe.de)einen Schlaganfall. Davon entfallen rund 200.000 Fälle auf erstmalige Schlaganfälle, während etwa 70.000 Betroffene bereits zuvor einen Schlaganfall hatten und ein Rezidiv erleiden. Damit zählt der Schlaganfall zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen und stellt eine der größten Herausforderungen für das deutsche Gesundheitssystem dar. Er ist die dritthäufigste Todesursache und die häufigste Ursache für bleibende Behinderungen im Erwachsenenalter. Das Risiko für einen Schlaganfall steigt mit zunehmendem Alter deutlich an. Rund 80 % aller Schlaganfälle betreffen Menschen ab einem Alter von 60 Jahren. Dennoch handelt es sich keineswegs ausschließlich um eine Erkrankung älterer Menschen. Jährlich sind etwa 30.000 Menschen unter 55 Jahren betroffen. Auch Kinder können einen Schlaganfall erleiden, wenngleich dies mit mindestens 300 dokumentierten Fällen pro Jahr selten ist. Aufgrund der demografischen Entwicklung wird erwartet, dass die Zahl der Schlaganfälle in den kommenden Jahrzehnten weiter zunimmt. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit der frühen rehabilitativen Pflege systematisch zu bewerten. Dabei sollte untersucht werden, ob diese Form der Pflege die neurologische Funktion verbessert, die Selbstständigkeit im Alltag erhöht, die Lebensqualität steigert und die Zufriedenheit mit der pflegerischen Versorgung verbessert. Die Autor:innen wollten durch die Zusammenführung vorhandener Studien eine wissenschaftliche Grundlage für den klinischen Einsatz der frühen rehabilitativen Pflege schaffen. _This post is for paying subscribers only._ ### Sturzprophylaxe: Definition, Gründe & wirksame Maßnahmen URL: https://www.uebergabe.de/sturzprophylaxe-definition-grunde-wirksame-massnahmen/ Last updated: 2026-07-24T21:36:10.000Z Sturzrisiken systematisch erfassen: Von der WHO-Definition über Risikofaktoren bis zu wirksamen Maßnahmen im Pflegealltag. _This post is for subscribers only._ ### Demenzstationen als Schlüssel zu besserer Versorgung URL: https://www.uebergabe.de/demenzstationen-als-schlussel-zu-besserer-versorgung/ Last updated: 2026-09-14T18:51:46.000Z 🗓️ #140| 23.07.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht den Einfluss einer spezialisierten Demenzstation im Krankenhaus auf Verhaltensauffälligkeiten und psychische Symptome bei älteren Menschen mit Demenz. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob eine speziell gestaltete Versorgungseinheit mit auf Demenz ausgerichteter Umgebung und einem spezialisierten multiprofessionellen Team bessere Ergebnisse erzielt als die übliche Versorgung auf einer Allgemeinstation. Hintergrund ist, dass Menschen mit Demenz während eines Krankenhausaufenthalts häufig unter Agitation, Aggression, Unruhe oder anderen verhaltensbezogenen Symptomen leiden, die den Behandlungsverlauf erschweren. 💡 In der aktuellen Demenzpflege wird zunehmend der Begriff ****„als herausfordernd empfundene Verhaltensweisen“** oder ****„herausfordernd erlebtes Verhalten“** verwendet, anstelle von „herausforderndes Verhalten“. Diese sprachliche Veränderung ist Ausdruck eines personenzentrierten Verständnisses von Demenz und verdeutlicht, dass das Verhalten nicht als feststehende Eigenschaft der Person betrachtet wird, sondern erst durch die Wahrnehmung und den jeweiligen Kontext als herausfordernd erlebt wird. Der Fokus verschiebt sich dadurch von einer Bewertung der Person hin zur Reflexion der Situation und der Interaktion zwischen Menschen mit Demenz und ihrem Umfeld. Menschen mit Demenz zeigen Verhaltensweisen häufig als Reaktion auf unerfüllte Bedürfnisse, Schmerzen, Angst, Überforderung, Reizüberflutung oder Schwierigkeiten, sich sprachlich mitzuteilen. Was für Pflegefachpersonen oder Angehörige belastend erscheint, kann für die betroffene Person ein nachvollziehbarer Versuch sein, auf körperliches oder seelisches Unwohlsein aufmerksam zu machen. Der Expertenstandard ****„Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“** des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege greift diese Sichtweise auf und verwendet bewusst die Formulierung ****„herausfordernd erlebtes Verhalten“**. Damit wird verdeutlicht, dass die Einschätzung eines Verhaltens immer subjektiv und situationsabhängig ist. Dasselbe Verhalten kann in einem Umfeld als problematisch empfunden werden, während es in einem anderen Umfeld keine Schwierigkeiten verursacht. Beispielsweise kann das Umhergehen einer Person in einer engen Station als belastend wahrgenommen werden, während es in einer demenzgerechten Umgebung mit sicheren Bewegungsmöglichkeiten unproblematisch bleibt. Die Verantwortung liegt somit nicht allein bei der Person mit Demenz, sondern auch bei der Gestaltung der Umgebung, der Kommunikation und der pflegerischen Beziehung. Die Verwendung der Formulierung „als herausfordernd empfundene Verhaltensweisen“ unterstützt außerdem eine wertschätzende und nicht stigmatisierende Sprache. Sie vermeidet eine Defizitorientierung und erinnert Pflegefachpersonen daran, das eigene Erleben kritisch zu reflektieren. Dadurch wird eine verstehende Haltung gefördert, die sich an den individuellen Bedürfnissen und der Lebensgeschichte der Menschen mit Demenz orientiert. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit einer Special Care Unit für Menschen mit Demenz mit der Standardversorgung auf allgemeinen Krankenhausstationen zu vergleichen. Dabei sollte untersucht werden, ob sich die Schwere der Verhaltensauffälligkeiten reduziert und ob sich gleichzeitig pflegerische sowie medizinische Versorgungsparameter verbessern. Außerdem wollten die Autor:innen prüfen, ob sich der Bedarf an freiheitsentziehenden Maßnahmen, Psychopharmaka und anderen Sicherheitsmaßnahmen verringert. _This post is for paying subscribers only._ ### Zeitreise durch die Pflegegeschichte (Prof. Dr. Christa Olbrich) URL: https://www.uebergabe.de/ug193/ Last updated: 2026-07-18T07:37:46.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegegeschichte hilft, das eigene Denken und Handeln heute zu verstehen. - Die deutsche Pflege ist erst in den 1980ern aufgewacht. - Kompetenz zeigt sich im situativen Handeln, nicht in Tätigkeiten. - Weniger als drei Prozent der Pflegefachpersonen haben einen akademischen Abschluss. - KI könnte Raum für ganzheitliche, spirituelle Pflege schaffen. ## 65 Jahre Pflege und eine Frage, die bis heute nachhallt Stell dir vor, du beobachtest vom Krankenbett aus, wer durch die Tür kommt. Die eine Pflegefachperson stürmt herein, wechselt die Infusion, verschwindet wieder. Die andere bleibt eine Sekunde stehen, schaut, entscheidet – und du hast das Gefühl, gesehen zu werden. Dieser Unterschied, sagt Christa Olbrich, hat nichts mit Zeit zu tun. Er hat mit **Kompetenz** zu tun. Und mit einer Haltung, deren Wurzeln tief in der Geschichte der Pflege liegen. 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 340 Menschen, die uns bereits unterstützen.** Als Übergabe-Mitglied bekommst du [wöchentliche Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) direkt ins Postfach, Zugriff auf das komplette Archiv – und alle [Videokurse](https://www.uebergabe.de/tag/videokurs/), die dein Pflegewissen auf ein neues Level heben. Ab 5 € im Monat. Kündbar jederzeit. [Jetzt Mitglied werden – ab 5 €/Monat ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) [Christa Olbrich](https://www.christa-olbrich.com/?ref=uebergabe.de) ist Krankenschwester, Pflegewissenschaftlerin und blickt auf 65 Jahre Berufserfahrung zurück. 1961 kam sie als Krankenhaushelferin in die Pflege, war OP- und Intensivschwester, ging in die Lehre und promovierte über Pflegekompetenz. Heute ist sie 80 Jahre alt – und nimmt, wie sie selbst sagt, immer noch gern Neues auf und gibt es weiter. Ein Schlüsselerlebnis mit 16 Jahren prägte ihren Weg: Eine Frau starb in ihren Armen, während eine Ordensschwester ruhig und konzentriert versorgte. > *„Das ist ein Beruf, der so ganz nah kommt an existenzielle Fragen von Leben und Tod. Da habe ich gedacht, das ist ein Beruf, den möchte ich ergreifen."* ## Warum überhaupt in die Vergangenheit schauen? Warum also **Pflegegeschichte**? Für Olbrich hängt das eng mit Reflexion zusammen: Entwicklung entsteht erst, wenn man über das eigene Handeln nachdenkt. Warum übernehme ich Verantwortung, oder eben nicht? Diese Frage lässt sich individuell wie für den ganzen Beruf stellen. Man muss dafür kein Studium beginnen. Ein Gespräch am Stationsflur mit einer erfahrenen Kollegin, ein kurzer Austausch in der Übergabe. Auch so lässt sich reflektieren, wie es früher war und was das mit dem heutigen Denken und Handeln zu tun hat. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, lassen sich ohnehin nicht sauber trennen – Entwicklungen verlaufen nie linear, sondern zirkulär, mit Rückschritten. Zwei Schritte vor, einer zurück (ihr kennt das....). ## Die doppelte Abwertung der Frauenrolle Die Pflege war und ist stark weiblich geprägt und Frauen kamen historisch aus derselben Sozialisation der Unterordnung. Dazu die kirchlichen Orden, die die Pflege lange leiteten. Dienen, sich unterordnen und bloß nicht nachfragen. Olbrich erzählt aus ihrer eigenen Ehe mit einem Arzt: In den 1970er-Jahren konnte ein Mann seiner Frau die Erwerbsarbeit noch verbieten. Als sie mehr arbeiten wollte, sagte ihr Mann irgendwann einen Satz, der zwei Ebenen der Abwertung offenlegt. > *„Aber meine Arbeit ist wertvoller als deine. Und da ist diese doppelte Abwertung drin – von Mann zu Frau und von Arzt zu Schwester."* ## Als die Pflege in dern 1980ern aufwachte Den Wendepunkt verortet Olbrich in den 1980er-Jahren. In den Stationsleitungskursen hingen damals Plakate an den Wänden mit der Frage *"Was ist Pflege?"* Die Antworten waren Tätigkeiten: Spritzen, Katheterisieren, Infusionen. Erst mit den ersten Pflegetheorien aus den USA begann das Nachdenken darüber, was Pflege über die reine Tätigkeit hinaus eigentlich ausmacht. Interessant ist der Blick ins Ausland. Dort hatte die Akademisierung bereits zu Beginn des vorigen Jahrhunderts eingesetzt. In Deutschland etablierte Agnes Karll 1912 an der Frauenhochschule in Leipzig einen Oberinnen-Lehrgang. Das war der Beginn einer Akademisierung, die durch beide Weltkriege komplett zum Stillstand kam. Rund 30 Jahre später begann die Entwicklung praktisch von vorn. ## Ein Meilenstein mit angezogener Handbremse: die Akademisierung In den 1990er-Jahren entstanden die ersten Studiengänge. Zunächst in Pflegemanagement und Pflegepädagogik, angetrieben oft von einzelnen Pionierinnen. Impulse kamen dabei häufig von außen: praktische Notwendigkeiten in der Führung, die Robert Bosch Stiftung mit ihren Stipendien. Wer sich für die tiefere fachliche Grundlage interessiert, findet in Olbrichs Standardwerk zur [Pflegekompetenz](https://www.hogrefe.com/de/shop/pflegekompetenz-96601.html?ref=uebergabe.de) die theoretische Untermauerung. Die nüchterne Bilanz: [Weniger als drei Prozent der Pflegefachpersonen haben heute einen akademischen Abschluss](https://www.uebergabe.de/ug002/). Gescheitert sei die Akademisierung deshalb nicht, aber ein bisschen traurig stimmt der Stand schon. Woran hakt es? Die Pflege ist ein enorm breiter, heterogener Beruf. Anders als etwa die [Hebammen, die als kleinere Berufsgruppe](https://www.uebergabe.de/ug087/) schneller und konzentrierter akademisiert haben. > *„Willst du jetzt etwas Besseres werden? Das hören studierende Pflegefachpersonen bis heute – von Kolleginnen und von Ärzten gleichermaßen."* [Christa Olbrich – Meine GeschichteBuild an impressive website with the best-rated top-seller WordPress theme![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Christa-Olbrich-Favicon-300x300-40b73da8-43cd-456e-9ba9-5e31fc021fb7.jpg)Christa Olbrich![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Christa_Olbrich_Portrait_Fotocredit-Michael-Kerstiens_097-1024x1024-82eeb5e0-c9de-43d2-a0de-f9affa4ffa2d.jpg)](https://www.christa-olbrich.com/?ref=uebergabe.de) ## Was Kompetenz wirklich bedeutet Für deinen Arbeitsalltag ist Olbrichs Kompetenzverständnis besonders greifbar. Pflege handelt in vier Dimensionen: regelgeleitet, situativ beurteilend, reflektierend und aktiv ethisch. **Kompetenz** beginnt dort, wo Pflegende situativ wahrnehmen, beurteilen und in einer komplexen, immer einmaligen Situation entscheiden. Wissen und Fertigkeiten sind Voraussetzung, aber allein noch keine Kompetenz. Die steckt in der Person, die entscheiden kann. Genau deshalb lässt sich Kompetenz in der Schule nur anbahnen, erworben wird sie in der Praxis. Umso wichtiger ist die Praxisanleitung. Und ein Umdenken in der Pädagogik: Wissen kann heute jede und jeder aufs Handy tippen. Die eigentliche Aufgabe ist, mit Wissen umzugehen, es zu beurteilen und zu priorisieren. Krankheitsbilder sollten exemplarisch gelehrt werden, nicht in die Breite gepaukt. Hier sieht Olbrich auch die [Generalistik](https://www.uebergabe.de/ug168/) als grundsätzlich richtige Richtung, sofern man sie nicht als „drei Ausbildungen in einer" missversteht und durch den Stoff galoppiert. ## KI - Chance auf die Seele der Pflege Beim Thema Künstliche Intelligenz plädiert Olbrich dafür, dass die Pflege selbst gestaltet, statt es anderen zu überlassen. Wenn KI Tätigkeiten übernimmt, könnte wieder Raum entstehen für das, was den Kern des Berufs ausmacht – für Empathie, Präsenz, Fürsorge, das Dasein. In ihrem Buch nennt sie das die Seele der Pflege: all das, was nicht sichtbar ist und in keiner Dokumentation auftaucht. Ihr aktuelles Werk [„Als wir nur tüchtige Mädchen waren"](https://www.christa-olbrich.com/?ref=uebergabe.de) widmet sich genau diesem Verständnis. > *„Es wird nicht gemacht, weil niemand danach fragt. Weil es nicht bezahlt wird. Weil das, was dokumentiert wird, dokumentiert wird, damit es bezahlt werden kann."* Solange grundlegende Fragen wie die Vorbehaltsaufgaben in vielen Häusern nicht wirklich gelebt werden, ist das Reden über KI ein bisschen Getümmel um noch nicht Zubereitetes. Olbrich sieht darin keinen Widerspruch, sondern einen Zusammenhang: Klarheit über die eigenen Aufgaben und der sinnvolle Einsatz von KI gehören für sie zusammen, sonst legen andere die Strukturen und die Software fest, in der Pflege dann arbeiten muss. ## Aktiv werden Auffällig ist Olbrichs Beobachtung zur politischen Passivität. Als sie eine Petition gegen die Deckelung des Pflegebudgets teilte, kamen kaum Likes. Bei rund 1,9 Millionen beruflich Pflegenden liegt hier enormes, ungenutztes Potenzial. Ihr Appell knüpft an das Symbol von Agnes Karll an: endlich zum Hammer werden statt Amboss zu bleiben. > *„Wenn die Masse der Pflege einmal auftreten würde, dann wäre da Macht."* Zum Verhältnis von Pflege und Medizin bleibt das Bild geteilt: Echte Augenhöhe gibt es dort, wo eng zusammengearbeitet wird – auf Intensiv, im OP. Gerade auf peripheren Stationen aber sind Ärzt:innen stark auf die Beobachtungen der Pflegenden angewiesen; theoretisch spräche das für Selbstbewusstsein, praktisch wird oft noch gewartet, bis die ärztliche Anordnung kommt. Auch das, ist tief in der Sozialisation verankert. Ihr Blick in die Zukunft bleibt offen. Das Leben ist offen, und die Pflege ist es auch. Als positiver Mensch glaubt sie, dass das Menschsein und ein geistiger Bezug wieder mehr in den Vordergrund treten. Ihre Botschaft an alle, die den Beruf tragen: *sich besinnen, den Sinn der eigenen Arbeit erkennen und aktiv werden.* Wer die ganze Zeitreise nachlesen möchte, findet hier ihren Gastbeitrag „[Vom Tätigkeitsberuf zur Profession"](https://www.uebergabe.de/vom-tatigkeitsberuf-zur-profession-eine-zeitreise-durch-die-pflegegeschichte-gastbeitrag-von-christa-olbrich/). > *„Uns bewusst sein, wie wichtig wir sind – auch für die Gesellschaft."* ## Zum Weiterhören - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) - [ÜG002 – Akademisierung in der Pflege, Ausbildung & Professionalisierung - (Prof. Dr. B. Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug002/) • • • ## Neues One-Minute-Wonder [Magda](https://www.uebergabe.de/author/magda/) hat mal wieder ein neues informatives Poster für euch erstellt. Im neuesten One-Minute-Wonder geht es um die Pneumonieprophylaxe. Magda beschreibt, was das ist und welche Maßnahmen zu ergreifen sind. Viel Spaß damit! [Pneumonieprophylaxe und Formen der PneumonieDie Pneumonie ist weltweit die häufigste Infektionskrankheit. Die Pneumonieprophylaxe verhindert Lungenentzündungen, die beispielsweise durch mangelnde Belüftung oder Aspiration entstehen. Vorbeugend können Mobilisation und Mundhygiene wirken.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-701d92ef-b2ec-49d7-830d-024cb6aa8f1c.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMagda![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/chloe-Ehw5jpJ6fS4-unsplash-7b3f5391-3e3d-4889-8931-ccd6aef6049d.jpg)](https://www.uebergabe.de/pneumonieprophylaxe-definition-formen-der-pneumonie-sowie-massnahmen-zur-vorbeugung/) • • • 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Pneumonieprophylaxe -Definition & Formen der Pneumonie sowie Maßnahmen zur Vorbeugung URL: https://www.uebergabe.de/pneumonieprophylaxe-definition-formen-der-pneumonie-sowie-massnahmen-zur-vorbeugung/ Last updated: 2026-07-17T18:30:18.000Z Die Pneumonie ist weltweit die häufigste Infektionskrankheit. Die Pneumonieprophylaxe verhindert Lungenentzündungen, die beispielsweise durch mangelnde Belüftung oder Aspiration entstehen. Vorbeugend können Mobilisation und Mundhygiene wirken. _This post is for subscribers only._ ### Wie gelingt der berufliche Wiedereinstieg nach der Elternzeit? URL: https://www.uebergabe.de/wie-gelingt-der-berufliche-wiedereinstieg-nach-der-elternzeit/ Last updated: 2026-09-14T18:51:48.000Z 🗓️ #139 | 16.07.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht die Erfahrungen von Pflegefachpersonen nach der Rückkehr in den Beruf nach einer Elternzeit sowie die Faktoren, die beeinflussen, ob sie langfristig in ihrer Arbeitsstelle bleiben oder einen Wechsel in Betracht ziehen. Im Mittelpunkt stehen die Herausforderungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Bedeutung von Unterstützung durch Führungskräfte, Kolleg:innen und die Organisation. Die Studie zeigt, dass die Rückkehr an den Arbeitsplatz ein vielschichtiger Prozess ist, der sowohl von persönlichen als auch von organisatorischen Bedingungen geprägt wird. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die Erfahrungen von Pflegefachpersonen nach der Rückkehr aus der Elternzeit zu beschreiben und zu verstehen, welche Faktoren ihre Entscheidung beeinflussen, im Beruf oder bei ihrem Arbeitgeber zu bleiben. Gleichzeitig sollte untersucht werden, welche organisatorischen Rahmenbedingungen den Wiedereinstieg erleichtern oder erschweren. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, Maßnahmen zur langfristigen Bindung von Pflegefachpersonen zu entwickeln. _This post is for paying subscribers only._ ### GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz / APN Positionspapier / pflegepolitischer Ausblick URL: https://www.uebergabe.de/pu123/ Last updated: 2026-07-12T07:54:26.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ist verabschiedet — Bundestag und Bundesrat stimmten am 10\. Juli zu. - Das Pflegebudget bleibt vorerst bestehen, soll aber bis 2028 durch ein neues Finanzierungsmodell ersetzt werden. - Ab 2027 sollen nur noch Kosten der unmittelbaren Patientenversorgung über das Pflegebudget refinanziert werden. - PPR 2.0 steht vor dem Aus, Pflegepersonaluntergrenzen sollen Qualitätskriterien weichen — Verbände üben deutliche Kritik. - Die Pflegekammern NRW und RLP fordern ein begrenztes APN-Verschreibungsrecht; ein APN-Gesetz ist noch für 2026 angekündigt. ## Zwischen Sparpolitik und Strukturreform: Das Gesundheitssystem vor neuen Weichenstellungen Kaum ein gesundheitspolitisches Vorhaben der vergangenen Monate hat für so intensive Diskussionen gesorgt wie das [GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG)](https://dserver.bundestag.de/btd/21/061/2106130.pdf?ref=uebergabe.de). Offiziell verfolgt die Bundesregierung das Ziel, die finanzielle Stabilität der gesetzlichen Krankenversicherung kurzfristig zu sichern und den weiteren Anstieg der Beitragssätze zu begrenzen. Tatsächlich reichen die geplanten Änderungen jedoch weit über reine Finanzierungsfragen hinaus. [FAQ zum GKV-BeitragssatzstabilisierungsgesetzMit der Finanzreform für die gesetzliche Krankenversicherung zielt die Bundesregierung auf die Stabilisierung der Beitragssätze ab dem Jahr 2027.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-63967d8e-f11e-4648-accd-d1b7d0a8cc91.ico)BMG![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Krankenhausflur_423901023e-15e3f100-b686-4191-88b2-78cb3f2f0ae4.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/guv-21-lp/gkv-beitragssatzstabilisierungsgesetz-faq?ref=uebergabe.de) Das Gesetz greift an mehreren zentralen Stellen in die Krankenhausfinanzierung ein, verändert die Finanzierung pflegerischer Leistungen und stellt bisherige Instrumente der Personalbemessung zur Disposition. Im Zuge dessen wird deutlich, dass die Bundesregierung ihre Krankenhausreform konsequent mit den finanziellen Rahmenbedingungen verzahnen möchte. Damit werden wirtschaftliche und strukturelle Fragen künftig noch enger miteinander verbunden. Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt das Gesetz durch ein Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht. Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied des Gesundheitsausschusses kritisiert, insbesondere den hohen Zeitdruck, mit dem die Bundesregierung das Gesetz auf den Weg bringen möchte. Er erklärt, warum das Vorhaben weit mehr ist als ein kurzfristiges Spargesetz, denn aus seiner Sicht greift es tief in die Finanzierung und Struktur der gesetzlichen Krankenversicherung ein. > **"Ich habe mich deshalb als Abgeordneter entschlossen, (...) um Prüfung zu bitten, ob hier in diesem Fall überhaupt noch ein ordnungsgemäßes parlamentarisches Verfahren möglich ist."** > > *Janosch Dahmen* [Grüner ruft Karlsruhe an: Eskalation im Streit um Kassenreform“Eilverfahren”: Der Grünen-Politiker Janosch Dahmen ruft im Streit um die geplante Krankenkassen-Reform das Bundesverfassungsgericht an.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/app-icon.1108pb-8_m7b--38dd3ad8-69d1-4841-bb37-1f59307f507d.svg)ZDFheuteBritta Spiekermann![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/bundesverfassungsgericht-266-1280x720-fa86bb3d-3c44-4e77-a457-584bc49f3f7e)](https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/gruene-krankenkassen-bundestag-verfassungsgericht-100.html?ref=uebergabe.de) Für Pflegefachpersonen lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf die einzelnen Regelungen. Denn viele der geplanten Änderungen betreffen unmittelbar den Berufsalltag in Krankenhäusern und könnten die zukünftigen Rahmenbedingungen pflegerischer Versorgung nachhaltig verändern. Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ist weit mehr als ein Spargesetz. Es verbindet finanzielle Konsolidierung mit strukturellen Reformen und beeinflusst zentrale Bereiche der stationären Versorgung. ### Das Pflegebudget bleibt – vorerst Seit seiner Einführung verfolgt das Pflegebudget ein klares Ziel: Die Kosten für Pflegefachpersonen sollen unabhängig von den Fallpauschalen vollständig refinanziert werden. Dadurch sollte verhindert werden, dass wirtschaftlicher Druck unmittelbar zulasten der pflegerischen Personalausstattung wirkt. Nach den aktuellen Plänen der Bundesregierung soll dieses Finanzierungssystem jedoch nicht dauerhaft bestehen bleiben. Vorgesehen ist, das Pflegebudget perspektivisch abzuschaffen und bis 2028 durch ein neues Finanzierungsmodell zu ersetzen. Die Entwicklung dieses Modells soll eine gemeinsame Arbeitsgruppe übernehmen. Beteiligt werden sollen die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), der GKV-Spitzenverband, das Bundesministerium für Gesundheit, der Deutsche Pflegerat (DPR) sowie die Gewerkschaft ver.di. Ziel ist eine langfristig tragfähige Finanzierung der Pflegepersonalkosten im Krankenhaus. Bis zu einer gesetzlichen Neuregelung bleibt das bestehende Pflegebudget zunächst bestehen. Gleichzeitig sind jedoch bereits Änderungen vorgesehen, die seine Ausgestaltung beeinflussen. So soll das Pflegebudget des Jahres 2027 auf Grundlage der tatsächlich vereinbarten Pflegebudgets des Jahres 2026 berechnet werden. Außerdem ist vorgesehen, tarifliche Lohnsteigerungen weiterhin über das Pflegebudget zu refinanzieren. Auch dies stellt eine Abweichung gegenüber früheren Gesetzesentwürfen dar und dürfte insbesondere für tarifgebundene Einrichtungen von Bedeutung sein. Das Pflegebudget bleibt zunächst erhalten. Gleichzeitig zeichnet sich bereits heute ein grundlegender Umbau der Finanzierung pflegerischer Leistungen im Krankenhaus ab. ### Welche Pflegepersonalkosten künftig noch berücksichtigt werden Eine weniger beachtete, aber durchaus weitreichende Änderung betrifft die Definition der refinanzierungsfähigen Pflegepersonalkosten. Ab dem Jahr 2027 sollen ausschließlich Pflegepersonalkosten berücksichtigt werden, die unmittelbar der Versorgung von Patient dienen. Tätigkeiten außerhalb der direkten Patientenversorgung sollen künftig nicht mehr über das Pflegebudget finanziert werden. Welche Berufsgruppen oder Tätigkeiten hiervon konkret betroffen sein werden, ist bislang noch nicht abschließend geregelt. Dennoch wirft diese Änderung zahlreiche Fragen auf. Pflegefachpersonen übernehmen heute weit mehr als unmittelbare Versorgungsaufgaben am Bett. Anleitung von Auszubildenden, Praxisanleitung, Dokumentation, Qualitätsmanagement, Koordination komplexer Versorgungsprozesse oder Tätigkeiten im Entlassmanagement gehören vielerorts selbstverständlich zum pflegerischen Berufsalltag. Gerade diese Aufgaben sind jedoch wesentliche Bestandteile einer sicheren und qualitativ hochwertigen Patientenversorgung. Sollten einzelne dieser Tätigkeiten künftig nicht mehr über das Pflegebudget refinanziert werden, müssten Krankenhäuser alternative Finanzierungswege finden oder entsprechende Stellen aus anderen Budgets finanzieren. Welche praktischen Auswirkungen dies haben wird, dürfte wesentlich davon abhängen, wie der Begriff der unmittelbaren Patientenversorgung letztlich gesetzlich ausgelegt wird. Die geplante Einschränkung der refinanzierungsfähigen Pflegepersonalkosten könnte erhebliche Auswirkungen auf pflegerische Unterstützungs- und Koordinationsaufgaben haben. ### Pflegeentlastende Maßnahmen werden schrittweise reduziert Mit dem [Krankenhauspflegeentlastungsgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/gesetze-und-verordnungen/guv-20-lp/khpfleg?ref=uebergabe.de) wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen eingeführt, um Pflegefachpersonen im Arbeitsalltag zu entlasten. Hierzu zählen beispielsweise digitale Dokumentationslösungen, Servicepersonal oder unterstützende Assistenzsysteme. Diese Förderungen sollen grundsätzlich auch in den Jahren 2027 und 2028 fortgeführt werden. Allerdings ist vorgesehen, die Finanzierung schrittweise zu reduzieren. Aus gesundheitspolitischer Sicht verfolgt die Bundesregierung damit das Ziel, zeitlich befristete Förderinstrumente auslaufen zu lassen und langfristig in ein neues Finanzierungssystem zu überführen. Ob die Krankenhäuser diese Maßnahmen anschließend aus eigenen Mitteln weiter finanzieren können, dürfte jedoch wesentlich von ihrer wirtschaftlichen Situation abhängen. Angesichts der weiterhin angespannten Finanzlage vieler Kliniken könnte dies regional sehr unterschiedlich ausfallen. Die Fortführung der Förderung schafft zunächst Planungssicherheit. Die vorgesehene schrittweise Kürzung wirft jedoch Fragen zur langfristigen Finanzierung pflegeentlastender Maßnahmen auf. ### Tarifsteigerungen werden weiterhin refinanziert Neben den Krankenhäusern enthält das Gesetz auch Regelungen für weitere Versorgungsbereiche. Tarifsteigerungen in der medizinischen Rehabilitation, in Vorsorgeeinrichtungen, in der häuslichen Krankenpflege sowie in der außerklinischen Intensivpflege sollen weiterhin bis zu festgelegten Grenzen von den Krankenkassen refinanziert werden. Entsprechende Vergütungsanpassungen sollen von den Krankenkassen nicht ohne Weiteres abgelehnt werden können. Diese Regelung soll Einrichtungen mehr Planungssicherheit verschaffen und verhindern, dass tarifliche Lohnerhöhungen vollständig zulasten der Leistungserbringenden gehen. Für Pflegefachpersonen außerhalb des Krankenhauses stellt dies grundsätzlich ein wichtiges Signal dar, auch wenn die Refinanzierung an gesetzlich definierte Obergrenzen gebunden bleibt. Die weitere Refinanzierung tariflicher Entwicklungen stärkt die finanzielle Planbarkeit verschiedener Versorgungsbereiche, ersetzt jedoch keine grundsätzliche Reform ihrer Finanzierung. ### Neue Qualitätsvorgaben statt Pflegepersonaluntergrenzen? Besonders weitreichend sind die geplanten Änderungen bei der Personalausstattung der Krankenhäuser. Bislang müssen Kliniken bestimmte [Pflegepersonaluntergrenzen (PPUG)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegepersonaluntergrenzen-verordnung-ppugv?ref=uebergabe.de) einhalten, wenn sie einzelne Leistungsgruppen anbieten möchten. Diese Untergrenzen dienen bislang zugleich als Qualitätsvoraussetzung im Rahmen der Krankenhausreform. [PflegepersonaluntergrenzenNur mit einer guten Pflegepersonalausstattung ist eine sichere und gute Behandlung von Patientinnen und Patienten im Krankenhaus möglich.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-bf40f8de-6645-4f91-bff8-55bf96f639a7.ico)BMG![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Krankenhausflur_423901023e-78e78c34-c26e-46d9-ba7e-e07aed81f414.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegepersonaluntergrenzen?ref=uebergabe.de) Diese sollen zukünftig entfallen. Stattdessen soll ein Leistungsgruppenausschuss für jede Leistungsgruppe eigene Qualitätskriterien entwickeln. Diese sollen sich an der Qualifikation und tatsächlichen Verfügbarkeit des eingesetzten Pflegepersonals orientieren. Die bestehenden Pflegepersonaluntergrenzen bleiben zunächst bestehen. Allerdings sollen Verstöße künftig gezielter sanktioniert werden. Krankenhäuser, die die Untergrenzen bewusst unterschreiten, sollen dadurch stärkere wirtschaftliche Nachteile erfahren. Die Bundesregierung verfolgt damit einen Perspektivwechsel: Nicht mehr starre Mindestzahlen, sondern passgenaue Qualitätsanforderungen für einzelne Leistungsbereiche sollen künftig stärker im Mittelpunkt stehen. Ob dadurch tatsächlich eine qualitativ bessere Personalausstattung erreicht werden kann, lässt sich derzeit noch nicht beurteilen. Die konkreten Qualitätskriterien müssen erst entwickelt werden. Die geplante Neuausrichtung könnte eine differenziertere Personalsteuerung ermöglichen. Ihre Wirksamkeit wird jedoch wesentlich von der konkreten Ausgestaltung der neuen Qualitätskriterien abhängen. ### Das mögliche Aus der PPR 2.0 sorgt für deutliche Kritik Besonders kritisch wird derzeit die Zukunft der Personalbemessung im Krankenhaus diskutiert. Nach den bisherigen Plänen soll die wissenschaftliche Weiterentwicklung der [Pflegepersonalregelung PPR 2.0](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegepersonalbemessung-im-krankenhaus?ref=uebergabe.de) nicht weiterverfolgt werden. Auch die hierfür zuständigen Kommissionen sollen aufgelöst werden. Damit würde eines der zentralen Projekte zur Entwicklung einer wissenschaftlich fundierten Personalbemessung im Krankenhaus vorerst beendet. [Pflegepersonalbemessung im Krankenhaus | BMG![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-62f51519-c7cb-411d-8aff-875a3edd3475.ico)BMG![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Krankenhausflur_423901023e-1ee79ac6-9246-44f0-8cf3-f10951d646c7.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegepersonalbemessung-im-krankenhaus?ref=uebergabe.de) Stattdessen plant die Bundesregierung die Einführung einer allgemeinen gesetzlichen Verpflichtung, Krankenhäuser personell so auszustatten, dass eine qualitativ hochwertige Versorgung sichergestellt werden kann. Wie diese sogenannte Generalnorm konkret ausgestaltet werden soll, ist bislang allerdings offen. Unklar bleibt insbesondere, welche fachlichen Kriterien zugrunde gelegt werden, wer die Personalstandards entwickelt, wie ihre Einhaltung überprüft wird und welche Konsequenzen Verstöße künftig haben sollen. Diese offenen Fragen stoßen bei Berufsverbänden auf deutliche Kritik. Der [Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2026/2026-07-06-ppr-2-0-dbfk-warnt-vor-abschaffung.php?ref=uebergabe.de) warnt davor, mit dem Aus der PPR 2.0 ein bereits weit entwickeltes Instrument wissenschaftlicher Personalbemessung aufzugeben. Aus Sicht des Verbandes droht dadurch ein Rückschritt bei der Sicherung einer bedarfsgerechten Personalausstattung. Auch der Deutsche Pflegerat spricht sich im Rahmen seiner Kampagne zur Personalbemessung für verbindliche und wissenschaftlich fundierte Standards aus und fordert, pflegerische Versorgungsqualität nicht allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten. [Deutscher Pflegerat - Willkommen beim DPRWillkommen auf der Webseite des DPR! Wir vertreten als Bundesarbeitsgemeinschaft und Dachverband seit 1998 die bedeutendsten Berufsverbände des Pflege- und Hebammenwesens in Deutschland.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-8e97dd4f-bf79-4358-a29e-40c12dbe4209.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-4abefed9-e5bf-4ba5-95bb-864168280904.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) Die Diskussion verdeutlicht einen grundlegenden Zielkonflikt: Während die Bundesregierung flexiblere gesetzliche Regelungen schaffen möchte, fordern Berufsverbände weiterhin objektive und wissenschaftlich abgesicherte Instrumente zur Personalbemessung. Welche Richtung sich letztlich durchsetzt, dürfte entscheidend dafür sein, wie Pflegepersonal künftig geplant und finanziert wird. Die Diskussion um die PPR 2.0 reicht weit über ein einzelnes Instrument hinaus. Sie berührt die grundsätzliche Frage, wie Pflegebedarf künftig wissenschaftlich erfasst und personelle Qualität verbindlich abgesichert werden soll. ### Zwischen Kostendruck und Versorgungsqualität Betrachtet man die einzelnen Regelungen im Zusammenhang, wird deutlich, dass das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz zwei Ziele miteinander verbindet: Einerseits sollen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung kurzfristig begrenzt werden. Andererseits soll die Krankenhauslandschaft im Zuge der Krankenhausreform weiter strukturiert und auf leistungsfähigere Standorte konzentriert werden. Für Pflegefachpersonen bedeutet dies eine Phase erheblicher Unsicherheit. Zwar bleiben einige Finanzierungsinstrumente zunächst bestehen, gleichzeitig werden jedoch wichtige Weichen für eine grundlegende Neuausrichtung gestellt. Insbesondere die Zukunft der Personalbemessung, die Finanzierung pflegerischer Leistungen und die Rolle pflegerischer Qualitätsstandards werden die berufspolitische Diskussion noch über viele Monate prägen. Die geplanten Reformen markieren keinen isolierten Gesetzeswechsel, sondern einen grundlegenden Umbau zentraler Steuerungsinstrumente des deutschen Krankenhauswesens. Zum Zeitpunkt der Aufnahme der Pflegeupdate Folge stand eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes aus. Am Donnerstag, den 09\. Juli 2026, gab das Gericht bekannt, dass den [Eilanträgen gegen das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz nicht stattgegeben](https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/bvg26-041.html?nn=68112&ref=uebergabe.de) werden. Somit wurde das Gesetz am Freitag, den 10\. Juli 2026, im Bundestag - mit der Mehrheit der Koalitionsparteien - verabschiedet. Im Tagesverlauf stimmte auch der Bundesrat den [Gesetzesplänen](https://dip.bundestag.de/vorgang/gesetz-zur-stabilisierung-der-beitragss%C3%A4tze-in-der-gesetzlichen-krankenversicherung-gkv-beitragssatzstabilisierungsgesetz/334469?term=he%3Abr%20AND%20dr%3A411%2F26&f.typ=Vorgang&rows=25&pos=1&ctx=e&ref=uebergabe.de) zu. Ein Antrag zur Anrufung des Vermittlungsausschusses von Bundestag und Bundesrat fand keine Mehrheit. ****Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG) ist verabschiedet und wird umgesetzt.** --- ## Advanced Practice Nursing: Warum das Verschreibungsrecht neu diskutiert wird Während sich die gesundheitspolitische Debatte derzeit stark auf die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung konzentriert, entwickelt sich ein weiteres Thema mit potenziell weitreichenden Folgen für den Pflegeberuf: die zukünftige Rolle von Advanced Practice Nurses (APN). Ausgangspunkt der aktuellen Diskussion ist ein gemeinsames [Positionspapier der Pflegekammern Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz](https://www.pflegekammer-nrw.de/wp-content/uploads/2026/05/2026-05-20%5FLPK%5FAPN.pdf?ref=uebergabe.de). Darin beschreiben die Kammern, welche rechtlichen und fachlichen Voraussetzungen geschaffen werden müssten, damit APNs künftig eigenständige heilkundliche Aufgaben übernehmen können. Im Mittelpunkt steht dabei das Verschreibungsrecht für Arzneimittel. Die Diskussion ist keineswegs neu. International gehören erweiterte Kompetenzen speziell qualifizierter Pflegefachpersonen seit vielen Jahren zur Regelversorgung. In Deutschland hingegen befindet sich die Entwicklung noch am Anfang. Die Debatte um Advanced Practice Nursing betrifft nicht nur einzelne neue Kompetenzen, sondern die grundsätzliche Weiterentwicklung des Pflegeberufs. ### APN - mehr als eine akademische Weiterbildung Der Begriff Advanced Practice Nursing beschreibt Pflegefachpersonen, die über eine wissenschaftlich fundierte Weiterbildung auf Masterniveau verfügen und hochkomplexe pflegerische Aufgaben eigenverantwortlich übernehmen. Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um eine Spezialisierung im klassischen Sinn. Vielmehr verbindet Advanced Practice Nursing vertiefte klinische Expertise mit wissenschaftlichem Arbeiten, evidenzbasierter Entscheidungsfindung sowie erweiterten diagnostischen und therapeutischen Kompetenzen. International übernehmen APNs beispielsweise Aufgaben in der Versorgung chronisch erkrankter Menschen, in spezialisierten Ambulanzen, in der Primärversorgung oder in Pflegeeinrichtungen. Häufig koordinieren sie komplexe Behandlungsverläufe, führen eigenständig Assessments durch und begleiten Patient:innen langfristig. Gerade vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung, steigender Multimorbidität und zunehmender Versorgungsengpässe wird dieses Berufsbild auch in Deutschland zunehmend diskutiert. Dabei betonen die Pflegekammern ausdrücklich, dass APNs keine ärztlichen Assistenzberufe darstellen. Vielmehr handelt es sich um eigenständige heilkundliche Rollen mit klar definierten Verantwortungsbereichen. ### Verschreibungsrecht: Worum geht es eigentlich? Kaum ein Aspekt der APN-Diskussion sorgt derzeit für so viele Missverständnisse wie das Verschreibungsrecht. Häufig entsteht der Eindruck, künftig könnten sämtliche Pflegefachpersonen Medikamente verordnen. Genau das sehen die aktuellen Vorschläge jedoch ausdrücklich nicht vor. Das Positionspapier der Pflegekammern bezieht sich ausschließlich auf speziell qualifizierte Pflegefachpersonen mit einem Masterabschluss in Advanced Practice Nursing sowie einer zusätzlichen staatlich geregelten Qualifikation für die Arzneimittelverordnung. Es geht somit nicht um eine Ausweitung bestehender pflegerischer Kompetenzen auf alle Berufsangehörigen, sondern um eine klar abgegrenzte heilkundliche Rolle mit hohen fachlichen Anforderungen. Ein mögliches Verschreibungsrecht wäre zudem auf den jeweiligen Kompetenzbereich der APN begrenzt. Es soll dort eingesetzt werden, wo Pflegefachpersonen aufgrund ihrer Spezialisierung bereits heute einen Großteil der kontinuierlichen Versorgung übernehmen. Beispiele sind die Betreuung chronisch erkrankter Menschen, spezialisierte Wundversorgung, Diabetesmanagement oder standardisierte Nachsorgeprogramme. Die aktuelle Diskussion betrifft keine allgemeine Verordnungsbefugnis für Pflegefachpersonen, sondern ein hochqualifiziertes Berufsprofil mit klar begrenztem Einsatzbereich. ### Der Blick nach Europa: Deutschland ist kein Vorreiter Ein zentrales Argument der Pflegekammern lautet, dass Deutschland im internationalen Vergleich deutlich hinter anderen Gesundheitssystemen zurückliegt. In zahlreichen europäischen Ländern verfügen speziell qualifizierte Pflegefachpersonen bereits über gesetzlich geregelte Verschreibungsrechte. Dazu gehören unter anderem Großbritannien, Irland, die Niederlande, Finnland, Schweden sowie weitere skandinavische Staaten. Dort haben sich unterschiedliche Modelle entwickelt, die jeweils an die nationalen Gesundheitssysteme angepasst wurden. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass heilkundliche Kompetenzen nicht allein an den ursprünglichen Ausbildungsberuf geknüpft werden, sondern an nachgewiesene Qualifikationen und definierte Verantwortungsbereiche. Internationale Studien zeigen, dass Advanced Practice Nurses insbesondere bei der Versorgung chronischer Erkrankungen, in der Primärversorgung und bei standardisierten Behandlungsabläufen vergleichbare Versorgungsqualität erzielen können. Gleichzeitig lassen sich Wartezeiten verkürzen und ärztliche Ressourcen gezielter für komplexe Fälle einsetzen. Diese Erfahrungen bilden einen wesentlichen Hintergrund der aktuellen Diskussion in Deutschland. ### Warum die Pflegekammern zunächst auf Positivlisten setzen Obwohl internationale Modelle teilweise sehr weitreichende Kompetenzen vorsehen, schlagen die Pflegekammern für Deutschland bewusst einen schrittweisen Einstieg vor. Kern des Vorschlags ist ein sogenanntes Positivlistenmodell. Dabei würde gesetzlich festgelegt, welche Arzneimittel oder Therapieformen Advanced Practice Nurses innerhalb ihres jeweiligen Fachgebiets eigenständig verordnen dürfen. Die Befugnisse wären somit klar begrenzt und transparent geregelt. Ein solches Modell könnte beispielsweise bestimmte Medikamente für chronische Erkrankungen, standardisierte Nachsorge oder klar definierte Behandlungspfade umfassen. Durch diese Begrenzung soll sichergestellt werden, dass die erweiterten Kompetenzen ausschließlich dort eingesetzt werden, wo wissenschaftliche Evidenz, Versorgungserfahrung und Qualifikation dies rechtfertigen. Gleichzeitig ließe sich das Modell schrittweise erweitern, wenn sich entsprechende Erfahrungen in der Versorgung bewähren. ### Mehr Verantwortung braucht einen neuen Rechtsrahmen Mit zusätzlichen Kompetenzen entstehen zwangsläufig auch neue rechtliche Anforderungen. Deshalb betonen die Pflegekammern, dass ein Verschreibungsrecht nur dann sinnvoll umgesetzt werden kann, wenn gleichzeitig verbindliche gesetzliche Regelungen geschaffen werden. Für Pflegefachpersonen bedeutet dies zugleich eine deutliche Erweiterung professioneller Verantwortung. Therapeutische Entscheidungen würden künftig eigenständig getroffen und müssten entsprechend fachlich begründet sowie rechtlich abgesichert werden. Erweiterte Kompetenzen setzen zwingend einen ebenso erweiterten rechtlichen Rahmen voraus. Verantwortung und Befugnisse müssen dabei miteinander im Gleichgewicht stehen. ### Welche Auswirkungen könnte ein Verschreibungsrecht auf die Versorgung haben? Aus pflegewissenschaftlicher Sicht steht weniger die Verordnungsbefugnis selbst im Mittelpunkt als vielmehr ihr möglicher Beitrag zur Versorgung. Deutschland steht vor mehreren gleichzeitigen Herausforderungen: Die Zahl älterer Menschen steigt, chronische Erkrankungen nehmen zu und in vielen Regionen verschärft sich der Mangel an Hausärzt:innen sowie anderen Gesundheitsberufen. Advanced Practice Nurses könnten hier insbesondere in der kontinuierlichen Betreuung chronisch erkrankter Patient:innen zusätzliche Versorgungskapazitäten schaffen. Dazu gehören beispielsweise regelmäßige Verlaufskontrollen, Anpassungen standardisierter Therapien, Präventionsmaßnahmen oder die Begleitung komplexer Krankheitsverläufe. Internationale Forschung weist darauf hin, dass APNs insbesondere dort Vorteile bieten können, wo kontinuierliche Betreuung, Gesundheitsberatung und langfristige Begleitung im Vordergrund stehen. Gleichzeitig ersetzt dieses Berufsbild keine ärztliche Versorgung. Vielmehr erweitert es die Möglichkeiten interprofessioneller Zusammenarbeit und kann dazu beitragen, vorhandene Ressourcen gezielter einzusetzen. Die Diskussion um das Verschreibungsrecht ist Teil einer größeren Debatte über eine zukunftsfähige Aufgabenverteilung im Gesundheitswesen. ### Zwischen Aufbruch und Realität Ob die Vorschläge der Pflegekammern tatsächlich umgesetzt werden, ist derzeit noch offen. Dennoch zeigt die aktuelle Diskussion einen deutlichen Wandel. Noch vor wenigen Jahren stand vor allem die Akademisierung der Pflege im Mittelpunkt gesundheitspolitischer Debatten. Inzwischen rückt zunehmend die Frage in den Vordergrund, welche Kompetenzen hochqualifizierte Pflegefachpersonen künftig eigenständig übernehmen können. Dabei geht es nicht um die Verlagerung ärztlicher Tätigkeiten, sondern um eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Versorgung angesichts wachsender Herausforderungen. Mit der angekündigten Vorlage eines eigenständigen APN-Gesetzes durch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken könnte diese Diskussion schon in den kommenden Monaten eine neue Dynamik erhalten. Die Diskussion um Advanced Practice Nursing entwickelt sich zunehmend von einer berufsrechtlichen Frage zu einem zentralen Baustein zukünftiger Gesundheitsversorgung. --- 💡 Du möchtest schnell und einfach aktuellen Wissen in die Pflegepraxis bringen? Dann sind ****One Minute Wonder** genau das richtige. Sie bieten eine super Möglichkeit fachliches Wissen kurz und prägnant zusammenzufassen - und man brauchst nur eine Minute um es zu verstehen. Schau einfach mal [auf unserer Webseite](https://www.uebergabe.de/tag/one-minute-wonder/) vorbei und vielleicht findest du genau das richtige One Minute Wonder für deine Station! [Thromboseprophylaxe: Definition, Entstehung & MaßnahmenDie Thromboseprophylaxe umfasst alle Maßnahmen zur Verhinderung von Blutgerinnseln. Diese entstehen meist durch verlangsamten Blutfluss, Gefäßwandschäden oder erhöhte Gerinnungsneigung. Die Vorbeugung erfolgt durch Bewegung, Kompression und Medikation.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-23d49191-ee71-4634-baf0-71e6740a2b99.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMagda![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/public-domain-vectors-FSc_NhaAiws-unsplash-cfc24b58-3b8c-4a74-b581-a1aee0abc3d0.jpg)](https://www.uebergabe.de/thromboseprophylaxe-definition-entstehung-massnahmen/) --- ## Gesundheitspolitik nach der Sommerpause: Darauf kommt es jetzt an Mit der Sommerpause endet die gesundheitspolitische Debatte nicht. Im Gegenteil: Ab September stehen wichtige Entscheidungen an, die die Pflegepolitik in den kommenden Jahren prägen könnten. ### Landtagswahlen und neue politische Schwerpunkte Im September werden in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern neue Parlamente gewählt. Die Länder spielen eine wichtige Rolle bei der Krankenhausplanung und der Gesundheitsversorgung. Deshalb könnten die Wahlergebnisse auch Einfluss auf die Ausgestaltung der Krankenhausreform und zukünftige Investitionen im Gesundheitswesen haben. [Deutscher Bundestag - Wahltermine in Deutschland2026 Datum Land Art Turnus 6\. September Sachsen-Anhalt Landtag 5 Jahre 20\. September Berlin Abgeordnetenhaus 5 Jahre 20\. September Mecklenburg-Vorpommern Landtag 5 Jahre 2027 Datum…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/homepage_de-favicon-271b333b-5fb1-4f7f-b4ac-f17c58a8813e.ico)Deutscher Bundestag![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/wahlen-fe966d92-f832-44b8-8f32-4ac904d11342.jpg)](https://www.bundestag.de/parlament/wahlen/wahltermine/wahltermine-473070?ref=uebergabe.de) ### Bundestag startet in die Reformphase Mit der ersten Sitzungswoche nach der Sommerpause am 7.9.206 beginnt auch die parlamentarische Arbeit wieder. Im Mittelpunkt stehen voraussichtlich die angekündigte Pflegereform sowie die Finanzierung der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung. Außerdem beginnen die Beratungen zum Bundeshaushalt 2027\. Hier entscheidet sich, welche Reformvorhaben finanziell abgesichert werden und welche möglicherweise verschoben werden müssen. ### APN-Gesetz könnte noch 2026 kommen Ein besonders wichtiges Vorhaben für Pflegefachpersonen ist das angekündigte [APN-Gesetz](https://background.tagesspiegel.de/gesundheit-und-e-health/briefing/warken-will-apn-gesetz-zeitnah-vorlegen?ref=uebergabe.de). Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat einen Referentenentwurf noch für diesen Sommer angekündigt. Geplant ist ein bundesweit einheitliches Berufsbild für Advanced Practice Nurses auf Masterniveau. Vorgesehen sind unter anderem erweiterte heilkundliche Kompetenzen, klare Regelungen zu Aufgaben und Vergütung sowie eine stärkere Einbindung in die Primärversorgung. Ziel ist es, die Versorgung chronisch erkrankter Menschen zu verbessern und Ärzt gezielt zu entlasten. Wie der Gesetzentwurf konkret ausgestaltet sein wird, bleibt abzuwarten. Ein APN-Gesetz könnte die akademische Pflege in Deutschland nachhaltig stärken. ### Krankenhausreform bleibt auf der Agenda Auch die Krankenhausreform wird den politischen Herbst prägen. Diskutiert werden weiterhin die Zukunft des Pflegebudgets, die Personalbemessung sowie die Finanzierung der stationären Versorgung. Parallel plant die Bundesregierung, die große Pflegereform möglichst noch bis Ende des Jahres parlamentarisch abzuschließen. Ob dieser Zeitplan eingehalten werden kann, ist derzeit offen. Viele gesundheitspolitische Reformen befinden sich gleichzeitig in der Umsetzung und werden sich gegenseitig beeinflussen. ### Fazit Die kommenden Monate werden für die Pflegepolitik richtungsweisend sein. Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, die Krankenhausreform und das angekündigte APN-Gesetz zeigen, dass sich die Rahmenbedingungen professioneller Pflege weiter verändern. Für Pflegefachpersonen lohnt es sich, diese Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen. Sie betreffen nicht nur die Finanzierung des Gesundheitswesens, sondern auch zukünftige Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Arbeitsbedingungen der Profession Pflege. ## Zum Weiterhören - [PU122 – GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz / Hitze in der Pflege / APN Positionspapier](https://www.uebergabe.de/pu122/) - [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken](https://www.uebergabe.de/ug188/) - [ÜG183 – Personalbemessung in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug183/) ### Thromboseprophylaxe: Definition, Entstehung & Maßnahmen URL: https://www.uebergabe.de/thromboseprophylaxe-definition-entstehung-massnahmen/ Last updated: 2026-07-10T16:00:37.000Z Die Thromboseprophylaxe umfasst alle Maßnahmen zur Verhinderung von Blutgerinnseln. Diese entstehen meist durch verlangsamten Blutfluss, Gefäßwandschäden oder erhöhte Gerinnungsneigung. Die Vorbeugung erfolgt durch Bewegung, Kompression und Medikation. _This post is for subscribers only._ ### Videos zur Patient:innenedukation bei Hämodialyse URL: https://www.uebergabe.de/videos-zur-patient-innenedukation-bei-hamodialyse/ Last updated: 2026-09-14T18:51:49.000Z 🗓️ #138 | 09.07.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht, ob eine kurze animierte Schulung per Video das Wissen von Patient:innen mit chronischer Nierenerkrankung verbessern kann, die regelmäßig eine Hämodialyse erhalten. Im Mittelpunkt steht das Flüssigkeitsmanagement zwischen den Dialysebehandlungen. Da eine übermäßige Flüssigkeitsaufnahme schwerwiegende gesundheitliche Folgen verursachen kann, soll geprüft werden, ob ein digitales Bildungsangebot das Verständnis der Patient:innen verbessert ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es zu untersuchen, ob eine animierte Videoeinheit die Kenntnisse von Patient:innen über das Flüssigkeitsmanagement während einer Hämodialyse verbessern kann. Die Autor:innen wollten herausfinden, ob sich das Wissen unmittelbar nach der Schulung messbar erhöht. Gleichzeitig sollte bewertet werden, ob sich dieses Medium für die routinemäßige Patient:innenedukation eignet. _This post is for paying subscribers only._ ### Generalistik, Pädiatrie und der Mut zur ehrlichen Diskussion (Jennifer Wellensiek & Kathrin Scherer) URL: https://www.uebergabe.de/ug192/ Last updated: 2026-07-05T07:00:39.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Seit 2020 ersetzt die generalistische Ausbildung die getrennte Kinderkrankenpflege – besonders in der Pädiatrie umstritten. - 120 Pflichtstunden Pädiatrie reichen nicht; Stationen werden zu überlasteten Nadelöhren. - Das Problem liegt in der Umsetzung, nicht im generalistischen Modell selbst. - Strukturierte Einarbeitung und neue Spezialisierungsweiterbildung in NRW schließen Lücken. - Generalistik bringt Stärken: wissenschaftliches Arbeiten, Kommunikation und offeneren Zugang zur Pädiatrie. ## Kinderkrankenpflege im Wandel und was das für die generalistische Ausbildung bedeutet Seit 2020 lernen angehende Pflegefachpersonen in Deutschland nicht mehr getrennt nach Zielgruppen – Erwachsene, ältere Menschen, Kinder –, sondern gemeinsam in einer generalistischen Ausbildung. Ein Schritt, der international längst als Standard gilt, in Deutschland aber bis heute heftig diskutiert wird. Nirgendwo ist die Debatte emotionaler als in der Pädiatrie. Denn die Frage, ob eine generalistische Ausbildung ausreicht, um kranke Kinder sicher zu versorgen, berührt etwas Grundlegendes: das Wohl der verletzlichsten Patientinnen und Patienten. [PflegeberufegesetzWie das Gesetz zur Reform der Pflegeberufe den Grundstein für eine zukunftsfähige, qualitativ hochwertige Pflegeausbildung legt.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-f9e06ac3-42fc-4279-a1db-f2ea0cb4512c.ico)BMG![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Jenny_Facebook_1200x600_0b9488a9d5-102f1945-4f05-45f7-b831-0537b359cd25.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/pflegeberufegesetz?ref=uebergabe.de) 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 330 Menschen, die uns bereits unterstützen.** Als Übergabe-Mitglied bekommst du [wöchentliche Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) direkt ins Postfach, Zugriff auf das komplette Archiv – und alle [Videokurse](https://www.uebergabe.de/tag/videokurs/), die dein Pflegewissen auf ein neues Level heben. Ab 5 € im Monat. Kündbar jederzeit. [Jetzt Mitglied werden – ab 5 €/Monat ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) Im Übergabe-Podcast haben sich drei Frauen zusammengefunden, die das Thema aus sehr unterschiedlichen Perspektiven kennen: Francis, Absolventin der generalistischen Pflegeausbildung und heute auf einer pädiatrischen Intensivstation tätig; Kathrin Scherer, gelernte Kinderkrankenschwester und freigestellte Praxisanleiterin im selben Haus; und Jennifer Wellensiek, Berufspädagogin und [Kursleiterin der neuen Spezialisierungsweiterbildung für die Pflege von Kindern und Jugendlichen in NRW](https://karriere.evkb.de/fileadmin/content/download/weiterbildung-pflege/2026-01-13-gesundheitsakademie-flyer-wb-kiju.pdf?ref=uebergabe.de). Was dabei entsteht, ist kein Schwarz-Weiß-Bild – sondern ein differenzierter Blick auf ein System im Übergang. --- ### Kinder sind keine kleinen Erwachsenen und das merkt man schnell Wer zum ersten Mal auf einer Kinderstation arbeitet, erlebt oft einen Realitätscheck. Francis erinnert sich gut an ihre ersten Wochen auf der pädiatrischen Intensivstation: Die Krankheitsbilder waren komplex und unbekannt, die Arbeitsweise eine völlig andere. Kinder lassen sich nicht einfach bitten, 15 Minuten still zu inhalieren. Sie äußern Schmerzen nicht in Worten. Und vor allem: Ihre Normwerte – Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz – unterscheiden sich je nach Alter und Gewicht erheblich. Francis trug anfangs einen handgeschriebenen Spickzettel mit altersabhängigen Normwerten in der Kitteltasche. Kein Drama, aber ein deutliches Zeichen: Die Ausbildung hatte sie auf diesen Bereich nur begrenzt vorbereitet. > *„Ich würde mich immer wieder für die generalistische Ausbildung entscheiden. Aber ich hätte mir gewünscht, dass die Strukturen mich dabei besser unterstützt hätten – mit mehr Stunden in der Pädiatrie und einer Praxisanleitung, die wirklich greift." – Francis* Kathrin Scherer sieht das ähnlich. Als Praxisanleiterin begleitet sie neue Kolleginnen und Kollegen bei ihrer Einarbeitung – und die Unterschiede zu früher sind für sie spürbar. Wer heute frisch examiniert auf die Kinderstation kommt, bringt oft weniger spezifisches Fachwissen mit als die Kinderkrankenpflegenden der älteren Generation. Das liegt nicht an mangelnder Intelligenz oder fehlender Motivation, sondern schlicht daran, dass man weniger Zeit mit kranken Kindern verbracht hat. --- ### Warum 120 Stunden nicht reichen Im Kern des Problems steckt eine mathematische Wahrheit: In der generalistischen Ausbildung sind 120 Stunden im pädiatrischen Bereich verpflichtend – und das für alle Auszubildenden. Nicht für einige wenige, die sich bewusst für Kinderkrankenpflege entschieden haben, sondern für jeden Kurs in jedem Bundesland. Die Folge: Pädiatrische Stationen werden zu Nadelöhren. Alle müssen dort hin, aber die Stationskapazitäten wachsen nicht mit. Und weil Träger flexibel sein müssen, landen manche Auszubildenden ihren Pädiatrie-Pflichtanteil in einem Kindergarten – also zwischen gesunden Kindern, ohne jede klinische Relevanz für die spätere Arbeit. Jennifer Wellensiek, die langjährige Erfahrung in der Pflegepädagogik mitbringt, sieht darin ein strukturelles, kein inhaltliches Versagen. Die Rahmenlehrpläne nach dem Pflegeberufegesetz sind grundsätzlich gut aufgestellt: Pädiatrische Inhalte sind in allen übergeordneten Lerneinheiten vorgesehen – von der Körperpflege über kardiale Erkrankungen bis zur Palliativversorgung. Das Problem liegt in der Umsetzung: Schulinterne Curricula werden nicht bundeseinheitlich geprüft, und was in Bielefeld gelehrt wird, muss in Osnabrück oder München nicht dasselbe sein. --- ### Was die Praxis bereits leistet und was das von ihr fordert Dass Häuser neue Kolleginnen und Kollegen erfolgreich einarbeiten, liegt nicht am Zufall. Kathrin Scherer hat dort ein Einarbeitungskonzept mitentwickelt, das konsequent auf die veränderte Ausgangssituation reagiert: Neue Mitarbeitende tauchen in den ersten acht bis zwölf Wochen gar nicht eigenständig im Dienstplan auf, sondern laufen mit festen Bezugspersonen mit. Praxisanleitende planen ihre eigenen Dienste um diese Einarbeitung herum. Ergänzt wird das durch Theorie-Tage zu Themen wie Kardiologie, Neurologie oder Beatmung – und durch individuelle Gespräche, die den aktuellen Lernstand im Blick halten. > *„Ich weiß nicht, warum sich Häuser dem ergeben und sagen, es ist alles Mist. Wenn ich konstruktiv draufschaue, sehe ich überall Lösungen – und ich sehe Leute, die sie bereits umsetzen." – Kathrin Scherer* Was klingt wie ein Leuchtturmprojekt, sollte eigentlich Standard sein. Doch das setzt voraus, dass Häuser die Ressourcen und den Willen haben, sich auf veränderte Voraussetzungen einzulassen. Beides ist nicht überall vorhanden. Wer seit Jahren am Personallimit arbeitet, hat schlicht keine Kapazität, um Einarbeitungskonzepte zu entwickeln – auch wenn genau das langfristig helfen würde. --- ### Die neue Weiterbildung ist ein Lückenschluss mit Potenzial Seit dem 1\. April 2025 gibt es in NRW einen ersten Kurs der Spezialisierungsweiterbildung für die Pflege von Kindern und Jugendlichen – organisiert über die Pflegekammer NRW. 25 Teilnehmende, zwölf Monate, berufsbegleitend und bei voller Vergütung. Jennifer Wellensiek leitet diesen Kurs und erlebt dabei eine bemerkenswert heterogene Gruppe: akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen aus Indien, Altenpflegende nach altem Recht, Bachelorabsolventinnen mitten im Master– alle mit dem Wunsch, fundiert mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. [AG Kinderkrankenpflege - Pflegekammer NRW​Mit unserem Format „Neues aus den Arbeitsgruppen“ halten wir Sie über die aktuellen Themen der Arbeitsgruppen (AG) der Pflegekammer NRW auf dem Laufenden. Welche Themen werden bearbeitet? Was bewegt die \[…\]![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-6eb6d1bf-d29d-4779-9463-733cb73d2474.svg)Pflegekammer NRWGeorg![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/2025-01-30_Neues-aus-den-AGs_3x2-5b4d736d-fa7c-44f3-9ee6-efb44fee0893.png)](https://www.pflegekammer-nrw.de/ag-kinderkrankenpflege/?ref=uebergabe.de) Die Weiterbildung schließt genau die Lücke, die Ausbildung und Praxiseinarbeitung allein nicht füllen können: Sie kombiniert kompetenzorientiertes Lernen mit echten Fallsituationen, Skills-Lab-Training und regelmäßiger Praxisbegleitung. Und sie stellt klar: Wer nach der Ausbildung noch nicht alles kann, ist damit nicht gescheitert – sondern in genau der richtigen Phase des lebenslangen Lernens. Das Modell ist vielversprechend, hat aber einen Haken: Es gibt es nur in NRW. Und selbst dort nicht flächendeckend. Francis bringt es auf den Punkt: Für sie hätte diese Weiterbildung zum Zeitpunkt ihres Berufsstarts gar nicht existiert. Wer in Münster oder Aachen arbeitet, hätte derzeit keinen Zugang. --- ### Systemdenken statt Nostalgie Ein wiederkehrendes Argument in der öffentlichen Debatte lautet: Früher konnten die Kinderkrankenpflegenden mehr. Doch dieser Vergleich greift zu kurz. Kathrin Scherer, die selbst noch als Kinderkrankenschwester ausgebildet wurde, gibt zu: Sie hatte schlicht mehr Zeit auf pädiatrischen Stationen. Dafür fehlte ihr der Einblick in andere Versorgungsbereiche – ein Kompromiss, der im alten System unhinterfragt akzeptiert wurde. > *„Drei Jahre bieten immer nur eine Basiskompetenz. Niemand erwartet, dass ein Arzt nach dem Staatsexamen sofort Pädiater ist. Warum sollte das für Pflegefachpersonen anders sein?" – Jennifer Wellensiek* Jennifer Wellensiek macht außerdem auf einen Vergleich aufmerksam, der selten gezogen wird: Auch Ärztinnen und Ärzte werden generalistisch ausgebildet und spezialisieren sich erst danach zur Pädiaterin oder zum Pädiater. Niemand hinterfragt ernsthaft, ob das funktioniert. Warum also sollte dasselbe Prinzip in der Pflege per se scheitern? Die Antwort liegt nicht im Modell, sondern in der Umsetzung. Was fehlt, ist Einheitlichkeit: [verbindliche Umsetzung der Rahmenlehrpläne, bundesweit anerkannte Spezialisierungsweiterbildungen, strukturierte Einarbeitungsprogramme und – mittelfristig – akademisierte Weiterbildungswege auch für die Pädiatrie](https://www.dbfk.de/media/docs/regionalverbaende/rvnw/positionen/positionspapiere/laenderuebergreifend/nw%5F2025-03-13%5Fdbfk-nordwest%5Fpositionspapier%5Fpaediatrische.pflege.pdf?ref=uebergabe.de). Das alles ist keine Utopie. Es ist der logische nächste Schritt. --- ### Was bringt die Generalistik tatsächlich? Neben allen berechtigten Kritikpunkten lohnt es sich, die Gewinne der generalistischen Ausbildung nicht aus dem Blick zu verlieren. Pflegefachpersonen, die heute die Ausbildung abschließen, können oft besser wissenschaftlich arbeiten, reflektieren differenzierter und haben eine ausgeprägtere Fähigkeit zur Selbstpositionierung. Kathrin Scherer beobachtet das gerade in der Zusammenarbeit mit Eltern: Die neuen Kolleginnen und Kollegen treten klarer auf, können sich besser abgrenzen und bringen eine Kommunikationskompetenz mit, die früher nicht selbstverständlich war. Und: Der Zugang zur Pädiatrie ist offener geworden. Wer früher keinen Platz in der Kinderkrankenpflege ergatterte – weil Interessierte nicht zu internen Auswahlverfahren passten oder das passende Haus zu weit weg war –, kann heute trotzdem in der Pädiatrie landen. Die Weiterbildung bietet dafür jetzt einen strukturierten Weg. Das ist kein Trostpreis. Das ist Systemflexibilität. --- ### Der Weg nach vorne Was diese Folge des Übergabe-Podcasts zeigt: Das Thema ist komplex, aber lösbar. Die Probleme sind bekannt, werden evaluiert und – zumindest in einigen Häusern und Bundesländern – aktiv angegangen. Was fehlt, ist Geschwindigkeit, Einheitlichkeit und die Bereitschaft, auch systemisch zu denken statt nur laut zu klagen. Drei Forderungen ziehen sich durch das Gespräch wie ein roter Faden: Verbindliche Umsetzung der Rahmenlehrpläne in der Ausbildung, bundeseinheitliche und anerkannte Spezialisierungsweiterbildungen sowie strukturierte Einarbeitungsprogramme in den Kliniken. Wer auf diese Stellschrauben setzt, muss nicht zurück in die Vergangenheit. ## Zum Weiterhören - [ÜG017 – Generalistische Ausbildung - (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug017/) - [ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann)](https://www.uebergabe.de/ug168/) - [PU112 – Bericht zur generalistischen Pflegeausbildung / Diskussionen um Kinästhetik](https://www.uebergabe.de/pu112/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- ## One Minute Wonder Im Podcast häufig angesprochen, aber nicht mit einer Lösung präsentiert: Schmerzen bei Kindern sind schwierig zu erfassen. Eine Möglichkeit zur systematischen Schmerzerfassung bei Kindern mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit ist das FLACCr - Assessment. Francis hat dies für euch aufbereitet. [Schmerzerfassung bei Kindern mit BeeinträchtigungenDie R-FLACC-Skala ermöglicht eine objektive Schmerzeinschätzung bei Kindern mit neurologischen oder kognitiven Beeinträchtigungen. Die systematische Beobachtung erleichtert Pflegefachpersonen die Therapieentscheidung und verbessert die Schmerzbehandlung deutlich.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-6c1d9061-5030-4c33-a7bc-5ec9104057a7.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFrancis![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/r-FLACC-OMW-e8c14b5f-4866-4a5d-b856-766dd957b465.webp)](https://www.uebergabe.de/schmerzerfassung-bei-kindern-mit-beeintrachtigungen-r-flacc/) ### Pflege schlägt Alarm - Stimmen zum GKV-Spargesetz URL: https://www.uebergabe.de/ug191/ Last updated: 2026-07-03T06:21:58.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Pflegebudget soll gedeckelt und ins DRG-System zurückgeführt werden. - PPR 2.0 und Personaluntergrenzen stehen vor der Abschaffung. - Pflege ist kein Kostenfaktor, sondern tragende Säule der Versorgung. # Zurück in die 90er? Das GKV-Spargesetz und die Pflege Ein Gesetz mit sperrigem Namen und enormer Sprengkraft für die Pflege: Das [GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/gkv-beitragssatzstabilisierungsgesetz?ref=uebergabe.de) soll die Beitragssätze der gesetzlichen Krankenversicherung stabil halten. Doch aus der Pflegelandschaft kommt ein deutliches Signal. Erneut gerät ausgerechnet die Berufsgruppe unter Druck, die die Versorgung rund um die Uhr trägt. In einer Sonderfolge haben zahlreiche Akteure aus unterschiedlichsten Settings ihre Sicht geschildert – von Pflegedirektionen über Gewerkschaften und Berufsverbände bis zu Pflegewissenschaftler:innen und Menschen direkt aus der Versorgung. ## Worum es geht – und was auf dem Spiel steht Gespart werden soll nach dem "Rasenmäherprinzip" an vielen Stellen der gesetzlichen Krankenversicherung. Aus pflegerischer Sicht sind drei Punkte brisant: *die Abschaffung des Pflegebudgets, die Aufkündigung der PPR 2.0 und die Herausnahme der Pflegepersonaluntergrenzen aus den Leistungsgruppen.* Das Pflegebudget refinanziert heute im Wesentlichen die Personalkosten der Pflege – und hat seit seiner Einführung den Aufbau von rund 100.000 zusätzlichen Stellen ermöglicht. Werden diese Kosten wieder in die Fallpauschalen des DRG-Systems integriert, lohnt es sich wieder, genau dort zu sparen. Das im Fünf-Punkte-Papier des Bundesgesundheitsministeriums vorgeschlagene Klassifikationssystem für Pflegeleistungen mag nach Professionalisierung klingen – wie daraus ein praxistaugliches Vergütungssystem entstehen soll, bleibt jedoch offen. Denn Pflege ist kein Einzeltätigkeitskatalog: Der Pflegeprozess aus Assessment, Diagnose, Planung, Durchführung und Evaluation lässt sich nicht in abrechenbare Verrichtungen zerlegen. 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 330 Menschen, die uns bereits unterstützen.** Als Übergabe-Mitglied bekommst du [wöchentliche Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) direkt ins Postfach, Zugriff auf das komplette Archiv – und alle [Videokurse](https://www.uebergabe.de/tag/videokurs/), die dein Pflegewissen auf ein neues Level heben. Jederzeit kündbar [Jetzt Mitglied werden! ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Die Zahlen hinter dem Sparkurs Bereits jetzt schreiben rund 75 Prozent der Krankenhäuser rote Zahlen. Der Inflationsausgleich der Jahre 2022 und 2023 läuft aus – den Kliniken fehlen dadurch rund 4 Milliarden Euro. Über ein früheres Gesetz wurden 1,8 Milliarden Euro eingespart, und ab 2027 sollen weitere 5,1 Milliarden Euro folgen. Für ein einzelnes Haus bedeutet das Erlösrückgänge von 8 bis 10 Prozent – grob gerechnet 10.000 Euro pro Krankenhausbett, bei einem 300-Betten-Haus also rund 3 Millionen Euro. Einige Häuser handeln bereits: So wurde berichtet, [dass die Charité den Tarifvertrag Entlastung gekündigt hat](https://www.tagesspiegel.de/berlin/berliner-wirtschaft/charite-kundigt-entlastungstarifvertrag-droht-pflegekraften-bei-vivantes-nun-auch-eine-verschlechterung-15600971.html?ref=uebergabe.de) und eine Uniklinik Münster einen Einstellungsstopp verhängt haben soll. Die Pläne sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. ## Ein Déjà-vu aus den 1990er-Jahren Mehrere Stimmen erinnern an die alte PPR 1.0, die 1996 ausgesetzt wurde: Auch damals folgte auf einen erheblichen Personalaufwuchs der Rotstift, weil er als zu teuer galt. Und auch die Einführung des DRG-Systems um die Jahrtausendwende hat gezeigt, wohin wirtschaftlicher Druck führt: Pflegestellen wurden abgebaut, Mitarbeitende arbeiteten dauerhaft über ihrer Belastungsgrenze, die Versorgungsqualität litt. Die Antwort darauf waren Pflegebudget, zusätzliche Stellen, evidenzbasierte Pflege und Akademisierung – Fortschritte, die sich noch in einer sensiblen Aufbauphase befinden. Genau dieses Muster droht sich nun zu wiederholen. Die Folgen tragen zuerst die Patient:innen: Mit zu wenig Personal steigen Komplikationsraten und Sterblichkeit, es bleibt weniger Zeit für Beobachtung, Beratung und Prävention. Wächst der Druck auf kürzere Liegezeiten, drohen Drehtüreffekte – Patient:innen werden "blutiger" entlassen, und pflegende Angehörige stehen mit komplexen Versorgungsaufgaben allein da. ## Was das für deinen Arbeitsalltag bedeutet Wenn die Personaluntergrenzen aus den Leistungsgruppen fallen, verschwindet das Sicherheitsnetz nach unten. Für dich als Pflegefachperson kann das mehr Arbeitsverdichtung, größere moralische Belastung und wachsende Frustration bedeuten. Fällt zudem die pauschale Finanzierung pflegeentlastender Maßnahmen weg, drohen Hilfsdienste wie Patient:innentransporte abgebaut zu werden – die Aufgaben fallen zurück auf die Pflege. Auch die Ausbildung gerät unter Druck: Weniger Personal bedeutet weniger Zeit für Praxisanleitung. Wer zwischen der Versorgung eines Menschen und einer geplanten Anleitung entscheiden muss, entscheidet sich zu Recht für die Versorgung – wird das zum Dauerzustand, verliert die Ausbildung und damit langfristig die Qualität. Und während seit Jahren über Advanced Practice Nursing und Community Health Nursing gesprochen wird, verlieren akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen, die bislang über das Pflegebudget finanziert wurden, ihre Finanzierungsgrundlage. ## Ein Ruf nach einem klaren Kurswechsel Die Kritik richtet sich nicht gegen jeden Sparbeitrag oder gegen Bürokratieabbau – sondern gegen die Härte der Umsetzung ohne erkennbaren Plan, den Pflegeberuf aufzuwerten. **Gefordert wird ein roter Faden: das Pflegebudget erhalten, die PPR 2.0 verbindlich weiterentwickeln, Tariftreue sichern, pflegeentlastende Maßnahmen ausbauen statt streichen und sektorenübergreifende Versorgung strukturell finanzieren.** Denn Pflegebedarf verschwindet nicht, wenn man ihn aus Budgets herausrechnet – er verlagert sich in Überlastung, Berufsflucht und vermeidbare Krankenhauseinweisungen. > *Man kann Gesetze ändern, man kann Finanzierungsmodelle ändern. Den Pflegebedarf der Menschen, den kann man nicht wegkürzen. Wer Qualität verspricht, muss Qualität auch finanzieren. - Ruth Mengel* Die Zeit drängt: Das Gesetz soll noch vor der Sommerpause in Bundestag und Bundesrat verabschiedet werden. Der Appell aus der Pflegelandschaft ist eindeutig: sich organisieren, die Stimme erheben und die Debatte weitertragen – an Kolleg:innen, an die Presse und an politisch Verantwortliche. ## Wir sagen DANKE an alle, die mitgemacht haben! *Arne Evers, Ruth Mengel, Selina Mooswald, Martin Pohlmann, Carsten Hermes, Grit Genster, Christine Vogler, Dilek Erusta, Markus Mai, Dorothea Sauter, Robert Jeske, Nils Wommelsdorf, Julian Graf-Geduhn, Max Menzen, Marcus Huppertz, Florence Herzheim, Robert Zappe, Judith Knott, Peter Koch, Kathrin Mohr, Marie-Luise Gaßmann, Kevin Heinrich, Thomas Littmann, Petra Krause, Pascale Hilberger-Kirlum* --- ## Zum Weiterhören - [PU114 – Diskussionen zum Pflegebudget / Landtagswahl in Baden-Württemberg](https://www.uebergabe.de/pu114/) - [PU117 – Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen / Primärversorgung / Pflegekammer RLP](https://www.uebergabe.de/pu117/) - [PU118 – Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung / NANDA wird zu INKA](https://www.uebergabe.de/pu118/) ### Wie steht es um das pflegerische Schmerzmanagement auf der Intensivstation? URL: https://www.uebergabe.de/wie-steht-es-um-das-pflegerische-schmerzmanagement-auf-der-intensivstation/ Last updated: 2026-09-14T18:51:52.000Z 🗓️ #137 | 02.07.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht das Wissen, die Einstellung und die praktische Umsetzung des Schmerzmanagements bei nicht sprechfähigen kritisch erkrankten Patient:innen durch Pflegefachpersonen auf Intensivstationen in Tansania. Im Mittelpunkt stehen Patient:innen, die ihren Schmerz aufgrund von Sedierung, Beatmung oder eines eingeschränkten Bewusstseins nicht selbst mitteilen können. Die Autor:innen gehen der Frage nach, ob Pflegefachpersonen über ausreichende Kompetenzen verfügen, um Schmerzen bei dieser besonders vulnerablen Patient:innengruppe zuverlässig zu erkennen und angemessen zu behandeln. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, den Wissensstand, die Einstellung und die praktische Durchführung des Schmerzmanagements bei nicht sprechfähigen kritisch erkrankten Patient:innen auf Intensivstationen zu erfassen. Darüber hinaus sollte untersucht werden, ob Zusammenhänge zwischen Wissen, Einstellung und praktischer Umsetzung bestehen und ob demografische Merkmale wie Berufserfahrung, Bildungsabschluss oder Einsatzbereich einen Einfluss auf diese Faktoren haben. Die Ergebnisse sollen Ansatzpunkte für die Verbesserung der pflegerischen Versorgung liefern. _This post is for paying subscribers only._ ### GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz/ Hitze in der Pflege/ APN Positionspapier URL: https://www.uebergabe.de/pu122/ Last updated: 2026-07-03T01:43:35.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das BStabG begrenzt Ausgaben, verlagert aber Lasten auf Beitragszahlende und Einrichtungen. - Eingeschränkte Tarifrefinanzierung gefährdet Personalgewinnung und Versorgungsqualität in der Pflege. - Hitzeschutz wird zur Kernaufgabe professioneller Pflege – strukturierte Konzepte sind nötig. - Pflegefachpersonen gelten zunehmend als Expert:innen für Risikoerkennung und Klimaanpassung. - APN braucht klare Rollendefinition – eigenständige Profession, keine medizinische Assistenzfunktion. ## Wenn Finanzpolitik Versorgung gestaltet: Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz im Überblick Die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gehört seit Jahren zu den zentralen gesundheitspolitischen Baustellen in Deutschland. Steigende Ausgaben, demografische Veränderungen, höhere Personal- und Sachkosten sowie wachsende Versorgungsbedarfe erhöhen den Druck auf das System kontinuierlich. Vor diesem Hintergrund verfolgt die Bundesregierung mit dem geplanten [GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/gkv-beitragssatzstabilisierungsgesetz?ref=uebergabe.de) ein klares Ziel: die Ausgabenentwicklung zu begrenzen und Beitragssätze möglichst stabil zu halten. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums besteht für das Jahr 2027 eine Finanzierungslücke in Milliardenhöhe. Aus Sicht der Bundesregierung sind kurzfristige finanzpolitische Maßnahmen notwendig, um Beitragssprünge zu vermeiden. Der Gesetzesentwurf setzt deshalb an mehreren Bereichen gleichzeitig an – unter anderem bei Krankenhäusern, ambulanter Versorgung, Arzneimittelausgaben und Finanzierungsmechanismen innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung. Doch genau diese Breite der Eingriffe hat die politische Debatte verschärft. Das BStabG ist nicht nur ein Finanzierungsgesetz, sondern ein Eingriff in bestehende Versorgungs- und Steuerungsmechanismen des Gesundheitssystems. ### Ein Gesetz unter Zeitdruck Bemerkenswert ist nicht nur der Inhalt des Vorhabens, sondern auch das Tempo des Verfahrens. Innerhalb weniger Wochen durchlief der Entwurf zentrale politische Stationen. Vom Referentenentwurf über die Verbändeanhörung bis zur parlamentarischen Beratung. Parallel dazu nahm die öffentliche und fachliche Kritik zu. [Entscheidung über GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz im Bundestag verschoben – Deutsches Ärzteblatt![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-a8769afe-f5b1-45bc-9bcb-0f064662f819.png)Deutsches ÄrzteblattDeutscher Ärzteverlag GmbH, Redaktion Deutsches Ärzteblatt![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/image-4ae870a6-ab4e-4e09-8336-3844f9fd3ea6)](https://www.aerzteblatt.de/news/entscheidung-uber-gkv-beitragssatzstabilisierungsgesetz-im-bundestag-verschoben-ca5ff6cc-7169-4373-9172-9f5a644c9352?ref=uebergabe.de) Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages. Mehr als 90 Fachverbände und Sachverständige wurden eingebunden – ein Hinweis auf die Tragweite der geplanten Änderungen. Dabei zeigte sich schnell: Ein breiter Konsens ist bislang nicht erkennbar. Kritische Rückmeldungen kamen aus unterschiedlichen Bereichen – von Krankenkassen über Sozialverbände bis hin zu Krankenhaus- und Pflegeorganisationen. [Deutscher Bundestag - Heftige Kritik von Fachverbänden an GKV-SparpaketDer Entwurf des Gesetzes zur Stabilisierung der Beitragssätze in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wird von Fachverbänden teilweise sehr kritisch aufgenommen. In einer Anhörung…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/homepage_de-favicon-f2689ce2-f706-40d2-bc18-7eb8f54d8025.ico)Deutscher Bundestag![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/adler-43a582da-bfef-4015-9ff7-121393a6ca9f.png)](https://www.bundestag.de/ausschuesse/gesundheit/anhoerungen/1184692-1184692?ref=uebergabe.de) Ein wiederkehrendes Argument lautete: Während der Bund seinen Finanzierungsanteil begrenze, würden Belastungen zunehmend auf Beitragszahlende und Leistungserbringer verlagert. Die politische Kontroverse dreht sich weniger um das Ziel finanzieller Stabilität als um die Frage, wer die Lasten trägt. ### Pflegebudget, Tarifkosten und Personalentwicklung: Warum die Pflege besonders aufmerksam hinschaut Für Pflegefachpersonen besonders relevant sind die geplanten Veränderungen rund um Pflegebudgets und Tarifrefinanzierung. Kritik kam unter anderem aus den Ländern. In der [Stellungnahme des Bundesrates](https://www.bundesrat.de/SharedDocs/drucksachen/2026/0201-0300/256-26%28B%29.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&v=1&ref=uebergabe.de) wurden erhebliche Bedenken formuliert – insbesondere mit Blick auf Krankenhäuser und deren Personalausstattung. Diskutiert werden vor allem die Begrenzungen beim Pflegebudget und die eingeschränkte Refinanzierung von Tarifsteigerungen. Die Sorge liegt darin, dass wenn steigende Personalkosten künftig nicht vollständig ausgeglichen werden, könnte dies den wirtschaftlichen Druck auf Einrichtungen erhöhen. Aus Sicht der Länder könnten langfristig Auswirkungen auf die Bereiche Personalgewinnung, Investitionen, Arbeitsbedingungen und Versorgungsqualität entstehen. Zusätzlich wird vor weiteren Prüf- und Dokumentationspflichten gewarnt. Für Pflegefachpersonen ist diese Diskussion deshalb relevant, weil Finanzierungsentscheidungen mittelbar Einfluss auf Personalentwicklung, Qualifizierungsmöglichkeiten und die Organisation von Versorgung haben. ### Die Perspektive der beruflichen Pflege: Versorgung vor Ausgabenbegrenzung? Auch die berufliche Pflege hat sich im Gesetzgebungsverfahren deutlich positioniert. Dazu äußert sich unter anderem der [Deutsche Pflegerat.](https://www.bundestag.de/resource/blob/1188028/21-14-0092-31-Deutscher-Pflegerat-GKV-nicht-barrierefrei.pdf?ref=uebergabe.de) Kritisiert wird insbesondere die Orientierung einzelner Ausgabenentwicklungen an volkswirtschaftlichen Kennzahlen wie der Grundlohnrate. Das zentrale Argument: Pflegebedarf entsteht nicht entlang wirtschaftlicher Kennzahlen, sondern entlang realer Versorgungsbedarfe. Aus pflegefachlicher Perspektive steht deshalb die Frage im Raum, ob pauschale Ausgabenbegrenzungen den tatsächlichen Anforderungen komplexer Versorgungssituationen gerecht werden. Besonders hervorgehoben werden die Schutzfunktion des Pflegebudgets, die vollständige Refinanzierung tarifbedingter Personalkosten, die Finanzierung von Qualifizierungsmaßnahmen und die Sicherung pflegerischer Versorgungsqualität. Darüber hinaus wurden mögliche Auswirkungen auf weitere Bereiche angesprochen – unter anderem auf Hebammenversorgung sowie psychiatrische und psychosomatische Einrichtungen. Unabhängig von der konkreten Ausgestaltung des Gesetzes zeigt die Diskussion ein bekanntes Spannungsfeld. Einerseits kurzfristige Finanzstabilisierung, andererseits langfristige Sicherung von Versorgungskapazitäten. Für Pflegefachpersonen bleibt entscheidend, ob Reformen finanzielle Ziele mit einer nachhaltigen Versorgungsentwicklung verbinden. --- ## Wenn Hitze zum Versorgungsrisiko wird Während finanzpolitische Reformen die gesundheitspolitische Debatte prägen, entwickelt sich ein weiteres Thema zunehmend zu einer Kernaufgabe der Versorgung: Hitzeschutz. [Hitzeschutz in der Pflege | Pflegenetzwerk DeutschlandHier finden Sie eine Sonderseite zum Thema “Hitzeschutz in der Pflege”.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-180x180-33dafa32-4c1b-469d-9f8e-ffd5d384694a.png)Eine Initiative von Bundesministerium für Gesundheit![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_230714_PND_Hitzeschutz_SoMe_Kachel_1200x627_3091eb3e90-504c0548-959c-4afc-b7c3-7e6e998cea26.jpg)](https://pflegenetzwerk-deutschland.de/thema-hitzeschutz?ref=uebergabe.de) Hitze wird längst nicht mehr ausschließlich als Umwelt- oder Wetterthema betrachtet. Immer häufiger wird sie als gesundheitliche Belastung mit direkten Auswirkungen auf Pflege, Gesundheitsversorgung und Bevölkerungsschutz verstanden. Nach aktuellen Auswertungen werden bereits heute hitzebedingte Gesundheitsfolgen sichtbar. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, chronisch erkrankte Personen, pflegebedürftige Menschen und Personen mit eingeschränkter Eigenversorgung. Mehrere Faktoren wie vermindertes Durstempfinden, Medikamente mit Einfluss auf den Flüssigkeitshaushalt, eingeschränkte Mobilität, kognitive Beeinträchtigungen erhöhen das Risiko zusätzlich. Für Pflegefachpersonen bedeutet das: Hitze verändert Versorgungsanforderungen unmittelbar. Hitzeschutz entwickelt sich von einer saisonalen Zusatzaufgabe zu einem festen Bestandteil professioneller Versorgung. Rund um den bundesweiten [Hitzeaktionstag, der am 11\. Juni 2026](https://hitzeaktionstag.de/?ref=uebergabe.de) stattfand, wurde diese Entwicklung erneut aufgegriffen. Zahlreiche Organisationen forderten, Hitzeschutz stärker in Krisenvorsorge, Katastrophenschutz und Gesundheitsversorgung zu verankern. [Jana Luntz, Präsidiumsmitglied Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/cropped-Logo-1-270x270-291a3f9b-9f61-40b5-a611-62abea67fe8e.png)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/HAT2026-Logo-weiss-600pi-b4ff5a62-243f-4290-8f24-d6481b0ec0c5.png)](https://hitzeaktionstag.de/2025/02/17/test-zitat-2/?ref=uebergabe.de) ### Hitzeschutz braucht Struktur – nicht spontane Einzelmaßnahmen In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Organisationen darauf hingewiesen, dass Deutschland auf Extremhitze bislang nur begrenzt vorbereitet ist. Zunehmend wird deshalb gefordert, Hitzeschutz systematisch in Krisenvorsorge, Katastrophenschutz und Versorgungskonzepte zu integrieren. Für Pflegeeinrichtungen rückt dabei ein Instrument in den Mittelpunkt: Ein [Hitzeschutzplan](https://www.gs-qsa-pflege.de/wp-content/uploads/2025/01/20241211%5FBundeseinheitliche-Empfehlung-Hitzeschutzplaene-gem.-%C2%A7113b-Abs.-4-Satz-3-SGB-XI.pdf?ref=uebergabe.de). In diesem Zusammenhang werden klare Verantwortlichkeiten, definierte Kommunikationswege, Nutzung von Hitzewarnungen, abgestufte Maßnahmenpläne, regelmäßige Evaluation empfohlen. Die Grundidee dahinter: Nicht erst reagieren, wenn Temperaturen kritisch werden – sondern vorbereitet sein. Gute Hitzeschutzkonzepte entstehen vor dem ersten Hitzetag. ### Was Einrichtungen konkret tun können Für stationäre Einrichtungen werden präventive und akute Maßnahmen unterschieden. [Hitzeschutz in der Pflege: Strategien gegen Hitze im BerufsalltagHitzeschutz wird in der Pflege immer wichtiger: Welche Maßnahmen Einrichtungen ergreifen müssen und welche Risiken Hitze für Pflegende und Pflegebedürftige bedeutet.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-338e261e-c91a-4951-8b69-14167512b7fa.ico)Online-Portal für professionell PflegendeNadine Millich![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_gettyimages_1916218239_online_fb462b9eb1-335a2069-8c35-4065-a1a3-3f0230b16060.jpg)](https://www.bibliomed-pflege.de/news/hitzeschutz-pflege-massnahmen-klimawandel?ref=uebergabe.de) Zu den vorbereitenden Maßnahmen gehören die Identifikation besonders gefährdeter Bewohner:innen, Risikobewertung, Überprüfung von Raumtemperaturen, Arzneimittelsicherheit und die Anpassung organisatorischer Abläufe. Bei akuter Hitze stehen Maßnahmen im Vordergrund wie engmaschige Beobachtung, aktive Trinkangebote, Unterstützung bei Flüssigkeitsaufnahme, leichte Kost, angepasste Kleidung, kühlere Aufenthaltsbereiche als auch die Verlagerung belastender Aktivitäten. Im ambulanten Setting verschiebt sich der Schwerpunkt stärker auf Beratung und Beobachtung. Pflegefachpersonen übernehmen dort unter anderem Aufklärung von Angehörigen, Einschätzung hitzebedingter Symptome, Unterstützung bei Raumkühlung sowie Hinweise zur sicheren Medikamentenlagerung. Hitzeschutz ist nicht nur Organisation, sondern pflegefachliche Intervention. ### Pflegefachpersonen als Schlüsselakteur der Klimaanpassung Die aktuelle Debatte zeigt auch einen Rollenwandel. Pflegefachpersonen werden zunehmend nicht nur als Umsetzende betrachtet, sondern als Expert:in für Risikoerkennung, Versorgungsgestaltung und Prävention. Die [Forderungen](https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user%5Fupload/BAEK/Themen/Klimawandel/Positionspapier%5FHitzeschutz%5Fneu.pdf?ref=uebergabe.de) reichen deshalb über den Einrichtungsalltag hinaus. Diskutiert werden unter anderem die stärkere Verankerung der Thematik in Pflegeberatung, die Integration in Pflegebegutachtung, die Aufnahme in Aus-, Fort- und Weiterbildung und die Beteiligung an kommunalen Klimaanpassungsstrategien. Hinzu kommt, dass Pflegefachpersonen selbst von Hitze betroffen sind. [Deutscher Pflegerat - Willkommen beim DPRWillkommen auf der Webseite des DPR! Wir vertreten als Bundesarbeitsgemeinschaft und Dachverband seit 1998 die bedeutendsten Berufsverbände des Pflege- und Hebammenwesens in Deutschland.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-4ae56ed6-e798-4f64-8cbc-6c21163b2cd9.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-efd422ce-8fb1-44a0-8d95-012977a25cb1.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) Hohe Temperaturen erhöhen Risiken für Erschöpfung, Konzentrationsverlust, Belastungserleben und Arbeitsfähigkeit. Damit wird Hitzeschutz zugleich zu Patient:innen-, Bewohner:innen- und Arbeitsschutz. Die [Diskussion](https://deutscher-pflegerat.de/download/dpr%5Fgkv%5Fstellungnahme%5Fpflegeberatungs-rl%5Fhitzeschutz%5F231201.pdf?ref=uebergabe.de) um Hitze erweitert den Blick auf Pflegequalität um klima- und arbeitsbezogene Faktoren. --- 💡 Du möchtest schnell und einfach aktuellen Wissen in die Pflegepraxis bringen? Dann sind ****One Minute Wonder** genau das richtige. Sie bieten eine super Möglichkeit fachliches Wissen kurz und prägnant zusammenzufassen - und man brauchst nur eine Minute um es zu verstehen. Schau einfach mal [auf unserer Webseite](https://www.uebergabe.de/tag/one-minute-wonder/) vorbei und vielleicht findest du genau das richtige One Minute Wonder für deine Station! [Polymedikation und Wechselwirkungen bei MedikamentenEs gibt verschiedene Wechselwirkungen bei einer Polymedikation. Die gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente kann zu gegenseitigen Interaktionen der Wirkstoffe führen. Das One Minute Wonder beschreibt die Mechanismen pharmakodynamischer und pharmakokinetischer Wechselwirkungen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-8be538c2-e0de-4fbd-804e-bb00bf7ceca0.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMagda![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/gemma-evans-f4lcIC8NRi4-unsplash-b70b011c-e65d-4652-9749-26e551408d3d.jpg)](https://www.uebergabe.de/p/ec8495d2-3583-4bd8-a797-70f4ab5c911d/) --- ## Neue Rollen, neue Verantwortung: Advanced Practice Nursing rückt in den Fokus Neben Finanzierungs- und Klimathemen gewinnt eine dritte Entwicklung an Bedeutung: die Weiterentwicklung pflegerischer Rollen. Im Mittelpunkt steht derzeit Advanced Practice Nursing (APN). Ein aktuelles [Positionspapier](https://www.pflegekammer-nrw.de/wp-content/uploads/2026/05/2026-05-20%5FLPK%5FAPN.pdf?ref=uebergabe.de) aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz beschreibt, wie APN künftig strukturiert und implementiert werden könnte. Die Grundidee ist international etabliert: Pflegefachpersonen mit akademischer Qualifikation auf Masterniveau übernehmen erweiterte klinische Aufgaben. Dazu können gehören die Versorgung komplexer Patient:innen, Koordination von Behandlungsprozessen, Spezialsprechstunden, erweiterte heilkundliche Tätigkeiten und klinische Entscheidungsverantwortung. International existieren dafür bereits unterschiedliche Modelle. Deutschland befindet sich dagegen weiterhin überwiegend in einer Phase von Modellprojekten und Einzelentwicklungen. Die APN-Debatte markiert einen möglichen Entwicklungsschritt hin zu stärker differenzierten Pflegeberufen. ### APN ist nicht gleich APN Ein zentraler Punkt des Positionspapiers ist die Forderung nach einer stärkeren Differenzierung. Der Begriff Advanced Practice Nursing wird derzeit häufig sehr breit verwendet. Die Kammern argumentieren jedoch, dass dadurch Rollen und Verantwortlichkeiten unscharf bleiben. Beispielsweise Community Health Nursing, Nurse Practitioner, Clinical Nurse Specialist. Jede Rolle soll eigene Kompetenzbereiche und Verantwortlichkeiten erhalten. Das Ziel ist nicht mehr Hierarchie, sondern größere Transparenz. Rollenklärung wird als Voraussetzung verstanden, bevor über Kompetenzerweiterungen entschieden werden kann. [Pflegekammer NRWAlle Infos zu den Leistungen für beruflich Pflegende lesen Sie hier. Jetzt Mitglied werden und Teil einer starken Stimme für die Pflege werden.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-6a1c98b4-33b6-4bd8-8da9-e39925faabb4.svg)Pflegekammer NRW![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Politische-Arbeit_AdobeStock225169323-scaled.jpg.pagespeed.ce_.Vhqy1Nqu4x-c1c42ba2-3cfc-4efd-a4a3-964a9704ad32.webp)](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de) ### Eigenständige Pflegepraxis oder Assistenzfunktion? Besonders deutlich positioniert sich das Papier bei der Abgrenzung zu anderen Gesundheitsberufen. Im Fokus steht die Unterscheidung zwischen APN-Rollen und Physician Assistants. Die Argumentation der Kammern meint Advanced Practice Nursing soll keine delegierte medizinische Assistenzfunktion darstellen. Vielmehr wird APN als eigenständige pflegefachliche Profession beschrieben – mit eigener Perspektive auf Versorgung und klinische Entscheidungsprozesse. [Homepage — Landespflegekammer Rheinland-PfalzGemeinsam stark für die Pflege![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Short-2a1c52d6-f3e1-42d6-a9d7-f35d797811bc.svg)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Human-body-a35f9ffc-d536-40b0-ab34-198e1756a3fc.png)](https://pflegekammer-rlp.de/?ref=uebergabe.de) Daraus ergeben sich weiterführende Fragen wie welche heilkundlichen Kompetenzen sind möglich, welche Qualifikationen sind notwendig, welche Haftungsregelungen werden benötigt und welche gesetzlichen Grundlagen fehlen? Diese Fragen werden die berufspolitische Debatte in den kommenden Jahren voraussichtlich weiter prägen. Die Diskussion um APN ist weniger eine Bildungsfrage als eine Frage professioneller Zuständigkeiten. --- ## Zum Weiterhören - [PU118 – Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung / NANDA wird zu INKA](https://www.uebergabe.de/pu118/) - [ÜG141 – Hitzeschutz als Gesundheitsschutz (Ulrike Krol & Jana Luntz)](https://www.uebergabe.de/ug141/) - [UG189 - BAPID - die neue Bildungsarchitektur für die Pflege (Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen Hoops)](https://www.uebergabe.de/ug189/) ### Polymedikation und Wechselwirkungen bei Medikamenten URL: https://www.uebergabe.de/polymedikation-und-wechselwirkungen-bei-medikamenten/ Last updated: 2026-06-26T16:00:27.000Z Es gibt verschiedene Wechselwirkungen bei einer Polymedikation. Die gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente kann zu gegenseitigen Interaktionen der Wirkstoffe führen. Das One Minute Wonder beschreibt die Mechanismen pharmakodynamischer und pharmakokinetischer Wechselwirkungen. _This post is for subscribers only._ ### Alternativen zur physischen Fixierung URL: https://www.uebergabe.de/alternativen-zur-physischen-fixierung/ Last updated: 2026-09-14T18:51:53.000Z 🗓️ #136 | 25.06.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht den Einsatz von freiheitsentziehenden Maßnahmen auf Intensivstationen und die Nutzung möglicher Alternativen durch Pflegefachpersonen in Jordanien. Freiheitsentziehende Maßnahmen werden häufig eingesetzt, um Patient:innen vor Selbstgefährdung zu schützen. Gleichzeitig sind diese Maßnahmen mit ethischen, rechtlichen und klinischen Herausforderungen verbunden, weshalb ihr Einsatz kritisch betrachtet wird. 💡 Physische Fixierungen zählen in Deutschland zu den freiheitsentziehenden Maßnahmen (FEM). Darunter fallen beispielsweise Bauchgurte, Handgelenkfixierungen, Bettgitter oder andere mechanische Vorrichtungen, die Patient:innen daran hindern, ihren Aufenthaltsort frei zu verlassen oder sich uneingeschränkt zu bewegen. Da solche Maßnahmen einen erheblichen Eingriff in das Grundrecht auf Freiheit der Person darstellen, sind sie nur unter engen gesetzlichen Voraussetzungen zulässig. Die zentrale zivilrechtliche [Grundlage findet sich in § 1831 BGB](https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/%5F%5F1831.html?ref=uebergabe.de). Demnach dürfen freiheitsentziehende Maßnahmen bei betreuten Personen nur angewendet werden, wenn sie erforderlich sind, um erhebliche Selbstgefährdungen abzuwenden oder notwendige medizinische Maßnahmen zu ermöglichen, deren Bedeutung die betroffene Person nicht erkennen kann. Zudem ist grundsätzlich eine Genehmigung des Betreuungsgerichts erforderlich. Dies gilt ausdrücklich auch für mechanische Fixierungen oder freiheitsentziehende Maßnahmen in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und vergleichbaren Institutionen. Nur bei Gefahr im Verzug darf die Maßnahme zunächst durchgeführt werden, die gerichtliche Genehmigung muss dann unverzüglich nachgeholt werden. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, das Wissen, die Einstellungen und die pflegerische Praxis von Pflegefachpersonen hinsichtlich freiheitsentziehender Maßnahmen auf Intensivstationen zu erfassen. Darüber hinaus sollte untersucht werden, welche Alternativen vor dem Einsatz dieser Maßnahmen genutzt werden und welche Faktoren die Anwendung beeinflussen. Besonderes Interesse galt dabei dem Einfluss von Schulungen, Akkreditierungen von Krankenhäusern und unterschiedlichen Intensivstationsformen. _This post is for paying subscribers only._ ### Implementierung von APN/APM (Marina Filipović & Susanne Arnold) URL: https://www.uebergabe.de/ug190/ Last updated: 2026-06-26T21:02:11.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - APN bedeutet pflegerische Versorgung auf akademischem Masterniveau mit erweiterten Kompetenzen. - In Deutschland ist der Begriff APN nicht geschützt – die Landschaft bleibt heterogen. - Das PEPPA-Framework startet immer beim Patientenbedarf, nicht bei vorhandener Qualifikation. - Mindestens 75 Prozent der APN-Arbeitszeit gehören der direkten Patient:innenversorgung. - APN-Rollen brauchen Infrastruktur, Mentoring, Freiräume – und fünf bis sechs Jahre Aufbauzeit. ## Vom Bett zur Evidenz: Wie Advanced Practice Nursing die Pflege in Deutschland verändert Es ist eine dieser Episoden, in denen man merkt: Hier wird nicht über die Zukunft gesprochen, sondern die Zukunft wird gerade gebaut. Pflegedirektorin Marina Filipović von der [Uniklinik Köln](https://www.uk-koeln.de/?ref=uebergabe.de) und ihre Kollegin [Susanne Arnold vom Universitätsklinikum Augsburg](https://www.uk-augsburg.de/?ref=uebergabe.de) sitzen im Übergabe-Podcast und erklären, was hinter der [neuen Rahmenempfehlung des VPU](https://www.vpuonline.de/app/uploads/2026/03/Rahmenempfehlung-zur-Implementierung-von-Advanced-Practice-Nursing-und-Midwifery-APN%5FAPM-in-deutschen-Krankenhaeusern.pdf?ref=uebergabe.de) steckt – dem Verband der Universitätsklinika Deutschlands. Ihr Thema: die Implementierung von Advanced Practice Nursing (APN) und Advanced Practice Midwifery (APM) in deutschen Krankenhäusern. Und was sich nach Fachsprache anhört, hat ganz handfeste Konsequenzen für alle, die Pflege erleben – als Beruf, als Patient:in oder als Gesellschaft. [VPU Homepage - VPU e.V. – Interessenvertretung der Pflegedirektorinnen und -direktoren deutscher UniversitätsklinikenDie Stimme der Pflege an den Universitätsmedizinstandorten Deutschlands![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-98f27461-dbdc-4f32-86cb-b017ad1da9d1.png)VPU e.V. – Interessenvertretung der Pflegedirektorinnen und -direktoren deutscher Universitätskliniken![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/vpu-logo-b6345690-7c35-40ae-a0ae-a729b5933a39.svg)](https://www.vpuonline.de/?ref=uebergabe.de) ## Was ist eigentlich Advanced Practice Nursing? Advanced Practice Nursing – kurz APN – bezeichnet pflegerische Versorgung auf einem erweiterten, akademisch fundierten Niveau. International gilt dabei eine klare Linie: Die Voraussetzung zur Ausübung einer ANP-Rolle ist mindestens ein Masterabschluss in einem pflegewissenschaftlichen Studiengang. Dies ist international anerkannt und wird auch in der neuen VPU-Rahmenempfehlung als Mindeststandard festgeschrieben – gemeinsam mit dem [Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBFK)](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de), dem [österreichischen GKV](https://oegkv.at/?ref=uebergabe.de) und dem [schweizerischen SBK](https://sbk-asi.ch/?ref=uebergabe.de). Parallel dazu gibt es die Advanced Practice Midwifery (APM): Hebammen, die über ihren grundständigen Bachelorabschluss hinaus einen Masterabschluss in der Hebammenwissenschaft erworben haben und damit erweiterte Kompetenzen in Prävention, Vor- und Nachsorge sowie komplexen Versorgungssituationen übernehmen können. Innerhalb des APN-Spektrums gibt es zwei Rollen, die immer wieder auftauchen: die Clinical Nurse Specialist (CNS) und der Nurse Practitioner (NP). Beide sind in der direkten klinischen Versorgung tätig, unterscheiden sich aber in ihrer Ausrichtung: Während CNS eher ein breites Fachgebiet – etwa eine ganze Klinik oder Abteilung – überblicken und fachlich leiten, spezialisieren sich NPs auf ein konkretes Krankheitsbild oder ein spezifisches pflegerisches Phänomen. Als Beispiel nennt Marina Filipović eine [APN-Rolle, die eigens für die Versorgung von Patient:innen nach Knochenmarktransplantation mit Graft-versus-Host-Disease entwickelt wurde](https://www.uk-koeln.de/patienten-besucher/pflege/pflegerische-experten/?ref=uebergabe.de) – ein hochspezialisiertes Feld, das tiefes Fachwissen und eigenständiges Handeln erfordert. ## Das Problem: In Deutschland ist vieles nicht geregelt Wer jetzt denkt, APN sei in Deutschland klar definiert, liegt falsch. Der Begriff „Advanced Practice Nurse" ist in Deutschland nicht geschützt. Das bedeutet: Jedes Haus, jedes Bundesland kann selbst entscheiden, wen es als APN bezeichnet – und unter welchen Bedingungen. Die Folge ist eine heterogene Landschaft, in der Menschen mit Bachelorabschluss, mit Managementstudiengängen oder sogar ohne pflegewissenschaftlichen Abschluss unter dem Etikett „APN" arbeiten. Susanne Arnold bringt es auf den Punkt: Die APN-Landschaft ist von Haus zu Haus und von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich – sowohl in der Ausrichtung als auch in der Tiefe. Genau das war der Ausgangspunkt für die VPU-Rahmenempfehlung: nicht von oben etwas verordnen, sondern Orientierung geben, Strukturen beschreiben und anderen Häusern das Rad nicht neu erfinden lassen. Hinzu kommt ein weiteres strukturelles Problem: Während APN-Rollen international häufig auf der Ebene der Substitution arbeiten – also eigenverantwortlich und ohne ärztliche Delegation – bleiben deutsche APNs derzeit noch auf Delegationsebene. Sie dürfen beispielsweise keine Rezepte oder Hilfsmittel verschreiben. Das schränkt nicht nur ihre Handlungsmöglichkeiten ein, sondern auch die Attraktivität der Rolle. > *„Pflege muss eigene Handlungsfelder definieren – und dann auch bereit sein, die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen." — Susanne Arnold, Pflegedirektorin Universitätsklinikum Augsburg* ## Warum jetzt? Das Pflegekompetenzgesetz als Motor Die Frage, warum die Rahmenempfehlung gerade jetzt erscheint, lässt sich nicht mit einem einzigen Faktor beantworten. Susanne Arnold und Marina Filipović beschreiben ein Zusammenspiel mehrerer Entwicklungen: das Pflegekompetenzerweiterungsgesetz, den zunehmenden Fachkräftemangel, steigende Versorgungskosten und ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass die bisherige Organisation des Gesundheitswesens an ihre Grenzen stößt. Universitätsklinika nehmen dabei eine besondere Rolle ein. Sie haben – im Gegensatz zu kleineren Häusern – die Netzwerke, die Forschungsinfrastruktur und den gesellschaftlichen Auftrag, Versorgungsinnovationen anzustoßen. Viele haben bereits Pflege-Bachelorstudiengänge an ihren medizinischen Fakultäten verankert, manche sogar Masterstudiengänge. Sie sehen sich als Innovationstreiber – und genau das ist der Anspruch des VPU: nicht nur für sich selbst voranzugehen, sondern Erfahrungen zu teilen, die auch kleinere Häuser, ambulante Strukturen und die Langzeitpflege nutzen können. 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 330 Menschen, die uns bereits unterstützen.** Als Übergabe-Mitglied bekommst du [wöchentliche Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) direkt ins Postfach, Zugriff auf das komplette Archiv – und alle [Videokurse](https://www.uebergabe.de/tag/videokurs/), die dein Pflegewissen auf ein neues Level heben. Ab 5 € im Monat. Kündbar jederzeit. [Jetzt Mitglied werden – ab 5 €/Monat ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) Gleichzeitig ist die Zahl der tatsächlich tätigen APNs erschreckend gering. Allein am Universitätsklinikum Köln gibt es 35 CNS/APN-Stellen, davon sieben klar definierte APN-Rollen mit Masteranforderung. Bundesweit bewegt sich die Zahl im dreistelligen Bereich – eine winzige Zahl im Vergleich zum Gesamtbedarf. Der Wissenschaftsrat hat bereits vor Jahren eine Akademisierungsquote von 10 bis 20 Prozent empfohlen. Davon ist Deutschland noch weit entfernt. ## Bedarfsanalyse vor Rollenentwicklung: Das PEPPA-Framework Ein zentrales Element der VPU-Rahmenempfehlung ist das international anerkannte [PEPPA-Framework – eine strukturierte Methodik zur Implementierung neuer Rollen](https://ccapnr.com/our-work/peppa-plus-framework/?ref=uebergabe.de), die immer beim Patientenbedarf beginnt. Nicht die verfügbare Qualifikation steht am Anfang, sondern die Frage: Welche Versorgungsbedarfe gibt es in diesem Haus, in dieser Abteilung, in diesem Setting? Das Framework führt durch eine IST-Analyse, die Identifikation relevanter Stakeholder, die Entwicklung eines Versorgungsmodells, die Planung einer Implementierungsstrategie, die Umsetzung und schließlich die Evaluation – und dann wieder von vorne, weil sich Versorgungsbedarfe verändern. Susanne Arnold betont: Genau diese Kreisstruktur ist der Kern. APN-Rollen sollen nicht um vorhandene Qualifikationen herumgebaut werden, sondern aus echten Versorgungslücken heraus entstehen. Das schließt nicht aus, dass man bei Stellenausschreibungen einen Masterabschluss verlangt – aber die Rolle selbst muss zuvor aus der Praxis heraus definiert sein. Und: Eine APN-Rolle zu implementieren braucht Zeit. Bis eine Fachperson wirklich in ihrer Rolle angekommen ist und eigenständig wirken kann, rechnen beide Gästinnen mit fünf bis sechs Jahren. ## Was Kliniken brauchen: Infrastruktur, Mentoring, Freiräume Dass akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen ihre Kompetenzen wirklich entfalten können, hängt nicht nur von ihrer Qualifikation ab – sondern vom Umfeld, das sie vorfinden. Die Rahmenempfehlung listet konkrete Voraussetzungen auf: Zugang zu wissenschaftlichen Datenbanken, ruhige Arbeitsplätze, Mentoring-Programme, Journalclubs, Methodenwerkstätten. An Universitätsklinika gibt es solche Strukturen häufiger – Praxisentwicklungsabteilungen, promovierte Pflegewissenschaftler:innen als Ansprechpersonen, regelmäßige Austauschformate. In anderen Häusern fehlt das oft. Genau deshalb ist die Vernetzung so wichtig – und genau deshalb bietet der VPU mit der Rahmenempfehlung auch einen Rahmen für Häuser an, die nicht auf das gleiche Netzwerk zurückgreifen können. Ebenfalls klar beschrieben in der Empfehlung: APNs übernehmen keine disziplinarische Führungsverantwortung. Sie führen keine Mitarbeitergespräche, stellen nicht ein. Wohl aber haben sie fachliche Weisungsbefugnis, wenn es um die Umsetzung von Standards und Prozeduren geht. Leadership-Kompetenzen werden erwartet – aber in Form von Beratung, Coaching und Supervision, nicht im Sinne von Personalmanagement. Außerdem: Mindestens 75 Prozent der Arbeitszeit einer APN sollen in der direkten Patient:innenversorgung stattfinden. Das ist eine bewusste Gegenbotschaft auf das Vorurteil, akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen würden sich vom Bett entfernen. „Nicht weg vom Patienten, sondern zum Patienten hin", formuliert Marina Filipović treffend. > *„Nicht weg vom Patienten, sondern zum Patienten hin." — Marina* Filipović*, Pflegedirektorin Universitätsklinikum Köln* ## Finanzierung, Tarifverträge und offene Fragen Die Vergütung von APN-Stellen ist komplex und uneinheitlich. In Häusern, die an den Tarifvertrag der Länder gebunden sind, gibt es Eingruppierungen für akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen mit besonderen Rollen – aber ob das ausreicht und ob diese Eingruppierungen in alle relevanten Tarifverträge übernommen werden, ist offen. Entscheidend für die Eingruppierung ist dabei nicht der Abschluss, sondern die tatsächlich ausgeübte Tätigkeit – was in der Praxis bedeuten kann, dass jemand mit Masterabschluss das gleiche Gehalt erhält wie jemand ohne, wenn die Stelle nicht entsprechend ausgestaltet ist. Noch größer ist die Frage nach dem Pflegebudget: Was passiert, wenn Fortbildung, Bedside-Teaching oder Kongressbesuche als patientenferne Tätigkeiten aus dem Budget gestrichen werden? Marina Filipović betont, dass das Pflegeberufereformgesetz das lebenslange Lernen verankert – aber die Sorge bleibt, wie die konkrete Definition von „administrativen Aufgaben" im Zuge von Kürzungen ausfallen wird. ## Blick über die Klinikmauern: APN in Langzeitpflege und Prävention Eines der stärksten Argumente der Episode: APN-Rollen enden nicht am Krankenhaustor. Beide Gästinnen sehen enormes Potenzial in der ambulanten Versorgung, der Langzeitpflege und der Gesundheitsförderung. Viele Krankenhausaufnahmen – Dekompensation, komplexe Wundversorgung, Dehydrierung – ließen sich durch gut vernetzte, akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen früher erkennen und abfangen. [Australien macht vor, wie das aussehen kann](https://www.health.gov.au/sites/default/files/documents/2020/10/advanced-nursing-practice-guidelines-for-the-australian-context.pdf?ref=uebergabe.de): Dort begleiten APNs in der Onkologie Patient:innen sektorenübergreifend durch alle Versorgungsbereiche – immer als feste Ansprechperson, egal ob ambulant, stationär oder in der Rehabilitation. Slowenien hat Pflegefachpersonen mit Masterabschluss per Gesetz in der Primärversorgung verankert. [ADVANCED PRACTICE NURSING (APN)A. Background The nursing profession has evolved with the advancements in technology, evidence-based research and new care options, and the increasing and changing health needs of the patients and …![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-efn-3794675d-6ec2-4dc3-a4a8-e0da4505280b.jpg)European Federation of Nurses Associationsefn efn![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/blank-87dbaa0e-4d52-47b2-b063-bf9e2e823866.jpg)](https://efn.eu/?page%5Fid=15936&ref=uebergabe.de) In Deutschland hingegen fehlt die intersektorale Vernetzung noch weitgehend – und sie funktioniert dort, wo sie existiert, überwiegend durch das Engagement einzelner Personen, nicht durch politische Rahmenbedingungen. Der VPU-Leitfaden, so Marina Filipović, sei bewusst so allgemein gehalten, dass er auch außerhalb des Akutkrankenhauses als Best-Practice-Orientierung dienen könne. Aber: Die Finanzierungslogik der Langzeitpflege und des ambulanten Bereichs ist eine andere. Pflege muss eigene Leistungen abrechnen dürfen – das ist die Grundvoraussetzung für eine Entwicklung dieser Rollen auch außerhalb des Krankenhauses. ## Der Ausblick Wo steht die APN-Landschaft in Deutschland in zehn Jahren? Susanne Arnold ist vorsichtig optimistisch: Mehr APNs auf jeden Fall, aber noch lange nicht am Ziel. Marina Filipović prognostiziert, dass in fünf Jahren alle Universitätsklinika und größere Maximalversorger APN-Rollen implementiert haben werden – und dass in zehn Jahren erste eigene deutsche Forschungsergebnisse vorliegen, die belegen, was international schon lange bekannt ist: dass die Anzahl und die Qualifikation von Pflegefachpersonen signifikanten Einfluss auf die Versorgungsqualität haben. Christian, ist noch optimistischer: Wer sich anschaut, was in den letzten zehn Jahren passiert ist – von mühsamer Überzeugungsarbeit in einzelnen Kliniken bis hin zu einem [Fachkongress, der APN als zentrales Thema setzt ](https://www.vpuonline.de/vpu/vpu-kongress/4-vpu-kongress/?ref=uebergabe.de)– der ahnt, dass die nächsten zehn Jahre noch mehr Bewegung bringen könnten. Der Stein rollt. Und er lässt sich nicht mehr aufhalten. > *„Die Pflege ist der Bass in einer Band. Er hält das Musikstück zusammen." — Marina* Filipović*, Pflegedirektorin Universitätsklinikum Köln* ## Zum Weiterhören - [PU116 – BAPID III / Rahmenempfehlung zur Implementierung von APN in deutschen Krankenhäusern](https://www.uebergabe.de/pu116/) - [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken (Dr. Juliane Spank & Philipp Strnad)](https://www.uebergabe.de/ug188/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ## Neues One Minute Wonder Magda hat für euch ein neues One Minute Wonder entworfen. Diese Woche: Applikationsformen. Viel Spaß 🥳 [Applikationsformen von Medikamenten: Eine ÜbersichtEs gibt verschiedene Applikationsformen für Medikamente. Diese unterscheiden sich nach dem Verabreichungsweg: von der enteralen Gabe (oral, rektal) über die parenterale Anwendung (Injektionen, Infusionen) bis hin zu kutanen und inhalativen Verabreichungsformen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-e1ae4540-9574-4212-905f-5e830a8fa2d4.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMagda![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/taufik-ramadhan-WlAaXtXXxsk-unsplash-1-5671cf49-3869-4946-b46f-4362dc83a4dc.jpg)](https://www.uebergabe.de/applikationsformen-von-medikamenten-eine-ubersicht/) ### Applikationsformen von Medikamenten: Eine Übersicht URL: https://www.uebergabe.de/applikationsformen-von-medikamenten-eine-ubersicht/ Last updated: 2026-06-19T16:00:59.000Z Es gibt verschiedene Applikationsformen für Medikamente. Diese unterscheiden sich nach dem Verabreichungsweg: von der enteralen Gabe (oral, rektal) über die parenterale Anwendung (Injektionen, Infusionen) bis hin zu kutanen und inhalativen Verabreichungsformen. _This post is for subscribers only._ ### Shared decision-making in der Krebsbehandlung URL: https://www.uebergabe.de/shared-decision-making-in-der-krebsbehandlung/ Last updated: 2026-09-14T18:51:55.000Z 🗓️ #135 | 18.06.2026 ## Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit dem Shared Decision Making (SDM), also der gemeinsamen Entscheidungsfindung bei der Krebsbehandlung. Dabei wird untersucht, wie Patient:innen, Angehörige und Gesundheitsfachpersonen gemeinsam Therapieentscheidungen treffen und welche Rollen die einzelnen Beteiligten dabei übernehmen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie eine patientenzentrierte Versorgung durch eine aktive Beteiligung aller Beteiligten gefördert werden kann. 💡 [Shared Decision Making](https://link.springer.com/article/10.1007/s11606-012-2077-6?ref=uebergabe.de), auf Deutsch häufig als partizipative Entscheidungsfindung bezeichnet, ist ein Konzept der patient:innenzentrierten Gesundheitsversorgung. Dabei treffen Patient:innen und Gesundheitsfachpersonen gemeinsam Entscheidungen über diagnostische, therapeutische oder pflegerische Maßnahmen. Grundlage dieses Prozesses ist ein gleichberechtigter Austausch von Informationen. Gesundheitsfachpersonen bringen ihr fachliches Wissen über Erkrankungen, Behandlungsoptionen, Risiken und Nutzen ein, während Patient:innen ihre individuellen Werte, Bedürfnisse, Präferenzen und Lebensumstände einbringen. Ziel ist es, eine Entscheidung zu finden, die sowohl wissenschaftlich fundiert als auch mit den persönlichen Vorstellungen der Patient:innen vereinbar ist. In der professionellen Pflege spielt Shared Decision Making eine wichtige Rolle, da Pflegefachpersonen häufig einen engen und kontinuierlichen Kontakt zu Patient:innen haben. Sie unterstützen Patient:innen dabei, Informationen zu verstehen, Fragen zu formulieren und eigene Wünsche zu äußern. Insbesondere bei chronischen Erkrankungen, komplexen Therapieentscheidungen oder in palliativen Versorgungssituationen können Pflegefachpersonen als Vermittler:innen zwischen Patient:innen, Angehörigen und anderen Berufsgruppen fungieren. Durch die Einbeziehung der Patient:innen in Entscheidungen können das Vertrauen in die Versorgung, die Zufriedenheit mit der Behandlung sowie die Therapieadhärenz gefördert werden. Gleichzeitig stärkt Shared Decision Making die Selbstbestimmung und Autonomie der Patient:innen. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die vorhandene wissenschaftliche Literatur zur gemeinsamen Entscheidungsfindung bei Krebsbehandlungen systematisch zusammenzutragen und auszuwerten. Die Autor:innen wollten herausarbeiten, wie Patient:innen, Angehörige und Gesundheitsfachpersonen am Entscheidungsprozess beteiligt sind und welche Faktoren diesen Prozess beeinflussen. Gleichzeitig sollte ein umfassendes Bild der zentralen Bestandteile und Rollen im Shared Decision Making entstehen. _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegeneuordnungsgesetz / "Pflege, wie geht es dir?" URL: https://www.uebergabe.de/pu121/ Last updated: 2026-06-26T21:02:25.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das PNOG will Finanzierung, Versorgung, Prävention und Steuerung der Pflege gleichzeitig neu ausrichten. - Beitragssatz bleibt bei 3,6 %, dafür steigen Bemessungsgrenze und Zusatzbeiträge. - Neue Pflegebegleitung soll dir als feste Anlaufstelle durch Zuständigkeiten helfen. - Verbände, Wissenschaft und Politik kritisieren den Entwurf ungewöhnlich breit als unausgewogen. - DBfK-Befragung zeigt: hohe Motivation, aber zu wenig Mitgestaltung und Beteiligung. ## Pflegeversicherung unter Druck: Warum jetzt reformiert werden soll **Pflegepolitik** gehört seit Jahren zu den zentralen gesundheitspolitischen Handlungsfeldern in Deutschland. Der Hintergrund ist bekannt, die Dynamik hat sich jedoch deutlich verschärft: Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen wächst schneller als erwartet, gleichzeitig steigen Ausgaben, Personalbedarf und organisatorische Anforderungen. Inzwischen leben in Deutschland mehr als sechs Millionen pflegebedürftige Menschen. Die Pflegeversicherung steht damit vor einer Situation, in der bestehende Finanzierungs- und Versorgungsmodelle zunehmend an ihre Grenzen geraten. Vor diesem Hintergrund hat das **Bundesgesundheitsministerium** den [Referentenentwurf für ein neues Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/P/RefE-Pflegeneuordnungsgesetz%5FPNOG.pdf?ref=uebergabe.de) vorgelegt. Die Reform verfolgt zwei zentrale Ziele: Die finanzielle Stabilisierung der sozialen Pflegeversicherung und die Neuorganisation und Vereinfachung pflegerischer Versorgung. Der Entwurf versucht nicht nur, Leistungen anzupassen, sondern greift in grundlegende Steuerungsmechanismen des Systems ein. Das PNOG ist weniger eine klassische Leistungsreform als der Versuch, Finanzierung, Versorgung und Steuerung der Pflegeversicherung gleichzeitig neu auszurichten. ### Geld ordnen, ohne Beiträge zu erhöhen? Die Finanzarchitektur des PNOG Ein zentraler Baustein des Gesetzentwurfs betrifft die Finanzierung. Der allgemeine [Beitragssatz der Pflegeversicherung](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/P/PNOG/PNOG%5FErlaeuterung%5FMassnahmen.pdf?ref=uebergabe.de) soll zunächst bei 3,6 Prozent stabil bleiben. Um das erwartete Defizit dennoch auszugleichen, setzt der Entwurf auf mehrere Maßnahmen. Geplant ist zunächst eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze auf das Niveau der gesetzlichen Krankenversicherung. Praktisch bedeutet das: Höhere Einkommen werden künftig stärker zur Finanzierung herangezogen. Zusätzlich soll der Beitragszuschlag für Kinderlose auf 0,7 Prozent steigen. Besonders intensiv diskutiert wird ein weiterer Schritt denn ab 2028 soll für beitragsfrei mitversicherte Ehe- und Lebenspartner: innen grundsätzlich ein zusätzlicher Beitrag von 0,52 Prozent erhoben werden. Davon ausgenommen bleiben unter anderem Kinder, Eltern mit Kindern unter sieben Jahren, Eltern von Kindern mit Behinderung, pflegende Angehörige, Rentner und Ehe- und Lebenspartner:innen mit voller Erwerbsminderung. Die Logik hinter diesen Maßnahmen ist klar. Die Einnahmebasis der Pflegeversicherung soll verbreitert werden, ohne den allgemeinen Beitragssatz unmittelbar anzuheben. Kritiker weisen allerdings darauf hin, dass dadurch strukturelle Finanzierungsprobleme nicht dauerhaft gelöst würden. Der Entwurf setzt stärker auf Umverteilung innerhalb des bestehenden Systems als auf einen grundlegenden Umbau der Pflegefinanzierung. 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 300 Menschen, die uns bereits unterstützen.** Als Übergabe-Mitglied bekommst du [wöchentliche Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) direkt ins Postfach, Zugriff auf das komplette Archiv – und alle [Videokurse](https://www.uebergabe.de/tag/videokurs/), die dein Pflegewissen auf ein neues Level heben. Ab 5 € im Monat. Kündbar jederzeit. [Jetzt Mitglied werden – ab 5 €/Monat ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ### Eine feste Anlaufstelle statt Zuständigkeitsdschungel: Pflegebegleitung als neues Steuerungsmodell Ein zentrales Versorgungselement des PNOG ist die geplante Einführung einer Pflegebegleitung. Viele Angehörige berichten seit Jahren von ähnlichen Erfahrungen: Nach Eintritt einer Pflegebedürftigkeit beginnt häufig eine komplexe Suche nach Zuständigkeiten, Leistungen und Ansprechpartner: innen. Die neue Pflegebegleitung soll genau hier ansetzen. Geplant ist eine dauerhaft verfügbare Ansprechperson, die Pflegebedürftige und An- und Zugehörige begleitet – nicht nur beratend, sondern aktiv unterstützend. Zu den vorgesehenen Aufgaben gehören unter anderem Orientierung im Leistungsrecht, die Unterstützung bei Antragstellungen, die Koordination regionaler Angebote, Präventionsberatung, als auch die Stabilisierung häuslicher Versorgungssituationen. Der Ansatz folgt internationalen Entwicklungen hin zu stärker koordinierter Versorgung und Case-Management-Strukturen. Pflegebegleitung könnte damit eine bislang häufig bestehende Versorgungslücke zwischen Beratung, Leistungsbewilligung und konkreter Umsetzung schließen. Entscheidend wird allerdings sein, welche Berufsgruppen diese Rolle übernehmen und wie sie finanziert wird.Der Erfolg der Pflegebegleitung wird von konkreter Ausgestaltung und Umsetzung abhängen. ### Wenn Pflege plötzlich ausfällt: Überbrückungsbudget und Akutversorgung Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Versorgungssicherheit in Krisensituationen. Der Gesetzesentwurf reagiert auf ein häufig beschriebenes Problem: Fällt eine pflegende Angehörige oder ein pflegender Angehöriger unerwartet aus, entstehen oft unmittelbar Versorgungslücken. Geplant ist deshalb ein neues Überbrückungsbudget. Dieses soll kurzfristig nutzbar sein für die ambulante Versorgung, Ersatzpflege und Kurzzeitpflege. Zusätzlich sollen Akut-Kurzzeitpflegeplätze geschaffen werden. [FAQ zum Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG)Mit dem Pflegeneuordnungsgesetz sollen die Finanzen der Pflegeversicherung stabilisiert und die Versorgung der Menschen verbessert werden.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-cb4216ca-964d-4ee0-b776-f32efef58a94.ico)BMG![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_BMG_OCV2_RG_Pflege_Kapitel3_S70_bfd1ce7c0e-5c73148f-caec-4a78-bafb-b16ae4cd86f7.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/guv-21-lp/pnog?ref=uebergabe.de) Der Ansatz orientiert sich an einem zunehmend diskutierten Prinzip: Versorgung muss nicht nur langfristig organisiert werden, sondern auch kurzfristig möglich sein. Gerade vor dem Hintergrund steigender häuslicher Pflegeanteile könnte diese Maßnahme an Bedeutung gewinnen. Die geplanten Instrumente reagieren auf reale Versorgungslücken, ihre Wirkung hängt aber wesentlich von der tatsächlichen Umsetzung ab. ### Weg von Einzelleistungen: Budgets und digitales Pflege-Cockpit Pflegeleistungen gelten seit Jahren als komplex und schwer überschaubar. Pflegegeld, Sachleistungen, Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege und weitere Ansprüche werden bislang weitgehend getrennt organisiert. Das PNOG will hier stärker mit Budgetlogiken arbeiten. Ziel sind weniger Einzelanträge, eine höhere Transparenz schaffen und mehr Flexibilität. Ergänzend soll ein digitales Pflege-Cockpit eingeführt werden. Dieses soll als zentrale Plattform funktionieren. Die Nutzer:innen können sich einmalig anmelden, erhalten gebündelte Informationen, können digital Anträge stellen und erhalten einen Überblick über Leistungsansprüche. Die Reform greift damit zwei übergreifende gesundheitspolitische Trends auf: Verwaltungsvereinfachung und Digitalisierung. Es bleibt offen, wie barrierefrei und alltagstauglich digitale Lösungen insbesondere für ältere Menschen ausgestaltet werden. Die stärkere Bündelung von Leistungen könnte Bürokratie reduzieren – Digitalisierung allein löst jedoch keine Versorgungsprobleme. ### Prävention statt spätere Pflegebedürftigkeit? Ein weiterer Schwerpunkt des Gesetzentwurfs ist Prävention. Das [Bundesgesundheitsministerium](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/?ref=uebergabe.de) formuliert dabei ausdrücklich das Ziel, Pflegebedürftigkeit möglichst zu vermeiden, zu verringern oder hinauszuzögern. Geplant sind unter anderem: Einführung eines „Check-up 60+“, die konsequentere Prüfung von Rehabilitation, frühere Beratung und stärkere Risikoerkennung durch Krankenkassen. Pflegepolitisch ist das kein neuer Gedanke. Neu ist allerdings, dass Prävention deutlich stärker als Teil der Pflegeversicherung verstanden wird. Aus pflegewissenschaftlicher Perspektive erscheint dieser Ansatz plausibel: Funktionserhalt, Selbstmanagement und frühe Intervention gelten als zentrale Faktoren zur Verzögerung von Pflegebedürftigkeit. Gleichzeitig bleibt Prävention immer begrenzt – insbesondere bei sehr hohem Alter oder komplexen Erkrankungen. Prävention kann Pflegebedarfe beeinflussen, ersetzt aber keine tragfähigen Versorgungsstrukturen. ### Pflegegrade bleiben – aber nicht unverändert Besondere Aufmerksamkeit erhält die geplante Weiterentwicklung der Pflegegrade. [Was Pflegegrade bedeuten und wie die Einstufung funktioniertEntscheidend für die Einstufung in einen Pflegegrad ist der Grad der Selbstständigkeit. Dabei soll der ganze Mensch betrachtet und auch geistige Einschränkungen berücksichtigt werden. Der Pflegegradrechner der Verbraucherzentralen unterstützt Betroffene und Angehörige.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-0eb5c390-0309-4086-9580-eace5516e646.svg)Verbraucherzentrale.de![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Verbraucherzentrale.de__2.png-b5cd658d-aafa-413e-af8b-5bdb08260b5d.webp)](https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/gesundheit-pflege/pflegeantrag-und-leistungen/was-pflegegrade-bedeuten-und-wie-die-einstufung-funktioniert-13318?ref=uebergabe.de) Der Entwurf sieht keine Abschaffung vor. Vielmehr soll geprüft werden, ob die bestehende [Begutachtungssystematik](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/pflege/online-ratgeber-pflege/pflegebeduerftig-was-nun/pflegebeduerftigkeit?ref=uebergabe.de) den tatsächlichen Unterstützungsbedarf weiterhin ausreichend abbildet. Geplant sind die wissenschaftliche Überprüfung, Anpassung von Schwellenwerten und Begleitung durch Expert:innen. Für bereits eingestufte Personen gilt Besitzstandsschutz. Die Diskussion ist dennoch sensibel. Jede Veränderung an Bewertungssystemen berührt unmittelbar Fragen des Leistungszugangs. Hier zeigt sich ein klassisches Spannungsfeld der Pflegepolitik: wissenschaftliche Weiterentwicklung auf der einen Seite, Sorge vor Leistungseinschränkungen auf der anderen. Die Überprüfung der Pflegegrade ist fachlich nachvollziehbar – entscheidend wird sein, ob Versorgung oder Kostendämpfung das leitende Motiv bleibt. ## Zum Weiterhören - [PU080 – Pflegefachassistenzausbildung / Reformpläne zur Pflegeversicherung](https://www.uebergabe.de/pu080/) - [PU103 – Debatten um Pflegegrad 1 & die Pflege-Informatik-Initiative](https://www.uebergabe.de/pu103/) - [PU002 – Pflegereform](https://www.uebergabe.de/pu002/) --- ## Seltene Einigkeit: Warum der Referentenentwurf so viel Kritik auslöst Die Reaktionen auf das PNOG fallen ungewöhnlich deutlich aus. Der [Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2026/260608-PNOG-ist-kein-Zukunftskonzept.php?ref=uebergabe.de) bewertet positiv, dass Prävention, Pflegebegleitung, Digitalisierung und Pflegeprozessverantwortung aufgegriffen werden. Gleichzeitig sieht der Verband erhebliche Risiken. Insbesondere werden die fehlenden tragfähigen Strukturen, mögliche Leistungseinschränkungen, zusätzliche Belastungen für Pflegebedürftige und unzureichende pflegewissenschaftliche Fundierung kritisiert. Der Verband betont, dass Veränderungen am Pflegebedürftigkeitsbegriff nicht zu einer politischen Verkleinerung von Pflegebedarf führen dürften. Auch der [GKV-Spitzenverband](https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv%5Fspitzenverband/presse/pressemitteilungen%5Fund%5Fstatements/pressemitteilung%5F2274574.jsp?ref=uebergabe.de) äußerte Kritik und bezeichnete den Entwurf als unausgewogen. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) sieht vor allem Risiken für die Langzeitpflege und warnt vor einer Verschärfung des Personalmangels. [Gift für die Langzeitpflege: bpa nimmt zum Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes StellungMit einer umfassenden Stellungnahme hat der bpa seine Kritik am Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes (PNOG) zum Ausdruck gebracht.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-d861de23-a35f-462b-bef5-c0f155f6bb27.png)bpa - Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_MeikeKenn_M4B5749_web_27f897c03d-7bbc9164-a2f8-4377-8ee3-22d647dfdf20.jpg)](https://www.bpa.de/news-fachinformationen/news/news/gift-fuer-die-langzeitpflege-bpa-nimmt-zum-entwurf-des-pflegeneuordnungsgesetzes-stellung?ref=uebergabe.de) Ein zentraler Kritikpunkt betrifft mögliche Begrenzungen bei der Refinanzierung von Gehaltsentwicklungen. Auch aus der Wissenschaft kommen Einwände. Pflegeforscher Prof. Heinz Rothgang kritisierte unter anderem Überlegungen zur Reduzierung von Rentenbeiträgen für pflegende Angehörige sowie mögliche Fehlanreize bei der Personalentwicklung. [Pflegeforscher: Warken wird Sparziel nicht erreichenDer Gesundheitsökonom Heinz Rothgang bezweifelt, dass die Reformpläne von Gesundheitsministerin Warken für die Pflege ihr Sparziel erreichen. Dazu seien Einsparsummen zu hoch angesetzt - und Folgekosten seien nicht berücksichtigt.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-37666c46-688c-43f3-83c6-22941ae394a9.ico)Startseite![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-evangelisch-de-large-b9eb300a-3f11-4320-87d1-33141f87a73d.png)](https://www.evangelisch.de/inhalte/256102/06-06-2026/pflegeforscher-warken-wird-sparziel-nicht-erreichen?ref=uebergabe.de) Bemerkenswert ist zudem politische Kritik aus dem Regierungslager – etwa durch die Pflegebevollmächtigte Katrin Staffler und aus einzelnen Bundesländern. Die ungewöhnlich breite [Kritik](https://www.altenheim.net/pflegeneuordnungsgesetz-verbaende-sprechen-von-sparreform-statt-zukunftsreform/?ref=uebergabe.de) zeigt, dass das Gesetz zwar Reformwillen signalisiert, seine konkrete Ausgestaltung aber bislang nicht überzeugt. [Pflegebevollmächtigte Staffler will sich für Anpassungen an Pflegereform einsetzen – Deutsches Ärzteblatt![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-05dda245-5e69-4a51-8ac0-c53dda0700f8.png)Deutsches ÄrzteblattDeutscher Ärzteverlag GmbH, Redaktion Deutsches Ärzteblatt![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/image-21b072b9-392b-464f-b06b-5eaf41348d5a)](https://www.aerzteblatt.de/news/pflegebevollmachtigte-staffler-will-sich-fur-anpassungen-an-pflegereform-einsetzen-173b8348-ba49-4e0a-8cc6-2779f32dfc41?ref=uebergabe.de) --- 💡 Du möchtest schnell und einfach aktuellen Wissen in die Pflegepraxis bringen? Dann sind ****One Minute Wonder** genau das richtige. 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Was die neue DBfK-Befragung zeigt Neben den politischen Reformdebatten liefert die aktuelle [DBfK-Befragung](https://www.dbfk.de/de/dbfk-aktuell/magazine/2026/06/umfrage-pflege-wie-geht-es-dir-2026.php?ref=uebergabe.de) einen Einblick in die Stimmungslage professionell Pflegender. Die Erhebung wurde 2026 zum dritten Mal durchgeführt. Mehr als 3.000 Personen nahmen teil. Wichtig hierbei ist, dass die Befragung nicht repräsentativ ist, versteht sich aber als Stimmungsbild. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild. Einerseits bestehen weiterhin Belastungen. Andererseits zeigt sich eine bemerkenswert hohe Identifikation mit dem Beruf. 83 Prozent der Befragten ohne Führungsverantwortung beschreiben ihre Tätigkeit als sinnstiftend. Das widerspricht teilweise dem verbreiteten Narrativ einer generellen Abkehr vom Beruf. Vielmehr entsteht ein anderes Bild: Pflegefachpersonen verlassen nicht zwangsläufig ihren Beruf – sie stoßen an strukturelle Grenzen. Die Befragung deutet weniger auf eine Identitätskrise der Profession als auf eine Krise der Rahmenbedingungen hin. ### Mehr Verantwortung – aber auch mehr Mitentscheidung? Besonders auffällig ist ein weiteres Ergebnis. 76 Prozent der Befragten geben an, bereit zu sein, mehr Verantwortung zu übernehmen. Das wirkt zunächst überraschend. Tatsächlich deutet die Zahl jedoch nicht auf den Wunsch nach zusätzlicher Belastung hin. [Startseite DBfKDer DBfK ist der größte Berufsverband für professionell Pflegende in Deutschland. Wir stehen für eine starke, selbstbewusste und professionelle Pflege.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-6e23e4dc-4ea9-40fd-8112-024155141299.ico)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DBfK_Logo_Kuller-7c315297-dbeb-4a4f-b220-1d7791f3d37d.svg)](https://www.dbfk.de/de/?ref=uebergabe.de) Vielmehr zeigt sich ein Wunsch nach größerem professionellem Handlungsspielraum. Pflegefachpersonen möchten Versorgung mitgestalten, Entscheidungen beeinflussen und Kompetenzen umfassender nutzen. Gleichzeitig berichten viele über begrenzte Beteiligungsmöglichkeiten. Nur 22 Prozent erleben Veränderungen in ihrer Organisation als partizipativ gestaltet. Damit entsteht ein wiederkehrendes Muster. Verantwortung wird erwartet – Mitgestaltung aber nicht selbstverständlich ermöglicht. Die Debatte um erweiterte Rollenprofile wird nur dann tragfähig, wenn Beteiligung und Entscheidungsspielräume mitwachsen. ### Wer über Budgets entscheidet, prägt Versorgung Ein weiterer Schwerpunkt der Befragung betrifft das Pflegebudget. Führungspersonen mit Budgetverantwortung bewerten dieses überwiegend positiv. Sie sehen Potenziale für Professionalisierung, Innovation und neue Rollenprofile. Gleichzeitig geben nur 15 Prozent an, an Budgetverhandlungen beteiligt zu sein. Auch hier zeigt sich ein bekanntes Muster. Pflege organisiert Umsetzung – strategische Entscheidungen werden jedoch häufig an anderer Stelle getroffen. Für die Weiterentwicklung professioneller Pflege dürfte diese Frage künftig an Bedeutung gewinnen, denn Versorgungsqualität entsteht nicht allein am Bett oder im Wohnbereich – sie entsteht auch dort, wo Ressourcen verteilt werden. Wer Verantwortung für Ergebnisse übernimmt, braucht auch Einfluss auf die Rahmenbedingungen ihrer Entstehung. ## Reformdruck bleibt – und die Frage nach echter Strukturentwicklung Das [Pflegeneuordnungsgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/P/RefE-Pflegeneuordnungsgesetz%5FPNOG.pdf?ref=uebergabe.de) versucht, mehrere große Probleme gleichzeitig zu adressieren: Finanzierung, Versorgung, Prävention und Organisation. Viele vorgeschlagene Instrumente greifen reale Herausforderungen auf. Gleichzeitig zeigen die Reaktionen aus Praxis, Wissenschaft und Politik, dass zwischen Reformabsicht und Umsetzung noch erhebliche Spannungen bestehen. Parallel macht die [DBfK-Befragung](https://www.dbfk.de/de/dbfk-aktuell/magazine/2026/06/umfrage-pflege-wie-geht-es-dir-2026.php?ref=uebergabe.de) deutlich, dass professionelle Pflege weiterhin über hohe Motivation und Veränderungsbereitschaft verfügt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie Pflege finanziert wird. Sie lautet auch, ob Strukturen entstehen, die Pflegefachpersonen Beteiligung ermöglichen, Versorgung koordinieren und pflegewissenschaftliche Erkenntnisse systematisch berücksichtigen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob aus dem Referentenentwurf eine Reform entsteht, die über kurzfristige Stabilisierung hinausgeht – oder ob die grundlegenden Fragen der Pflegepolitik erneut vertagt werden. ### Schmerzen bei Menschen mit Demenz erkennen: Das PAIC 15 -Schmerzassessment URL: https://www.uebergabe.de/schmerzen-bei-menschen-mit-demenz-erkennen-das-paic-15-schmerzassessment/ Last updated: 2026-06-12T04:00:47.000Z Das PAIC 15 -Schmerzassessment ermöglicht eine zuverlässige Fremdbeobachtung bei Menschen mit Demenz. Das valide Tool bewertet 15 Items aus den Bereichen Mimik, Körperbewegung und Vokalisation in Ruhe sowie bei Aktivität. _This post is for subscribers only._ ### Eltern von Kindern mit angeborenen Herzfehler besser unterstützen URL: https://www.uebergabe.de/eltern-von-kindern-mit-angeborenen-herzfehler-besser-unterstutzen/ Last updated: 2026-09-14T18:51:56.000Z 🗓️ #134 | 11.06.2026 ## Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit den Unterstützungsbedarfen von Eltern, deren Neugeborene unmittelbar nach der Geburt mit einem angeborenen Herzfehler diagnostiziert werden. Die Diagnose stellt für viele Eltern eine erhebliche emotionale Belastung dar und ist häufig mit Angst, Unsicherheit, Schuldgefühlen sowie organisatorischen und finanziellen Herausforderungen verbunden. Die Autor:innen untersuchten, welche Formen der Unterstützung Eltern während des Krankenhausaufenthaltes ihres Kindes benötigen und welche Rolle Pflegefachpersonen dabei einnehmen können. 💡 Ein angeborener Herzfehler ist eine strukturelle Fehlbildung des Herzens oder der herznahen Blutgefäße, die bereits vor der Geburt entsteht. Die Veränderungen können unterschiedliche Bereiche des Herzens betreffen, beispielsweise die Herzscheidewände, die Herzklappen oder die großen Gefäße. Angeborene Herzfehler zählen zu den häufigsten angeborenen Erkrankungen und reichen von leichten Formen, die kaum Beschwerden verursachen, bis hin zu komplexen Fehlbildungen, die eine intensive medizinische Behandlung oder operative Eingriffe erforderlich machen. Je nach Art und Ausprägung können Symptome wie Atemnot, Trinkschwäche, verminderte Belastbarkeit, Gedeihstörungen oder eine bläuliche Verfärbung von Haut und Schleimhäuten auftreten. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die Informationsbedarfe, emotionalen Bedürfnisse und praktischen Unterstützungsbedarfe von Eltern von Neugeborenen mit angeborenen Herzfehlern besser zu verstehen. Auf Grundlage bereits veröffentlichter qualitativer Studien sollten Erkenntnisse gewonnen werden, die Pflegefachpersonen dabei unterstützen, familienzentrierte und bedarfsgerechte Unterstützungsangebote zu entwickeln. Die Ergebnisse sollten konkrete Hinweise für die pflegerische Praxis liefern. _This post is for paying subscribers only._ ### BAPID - die neue Bildungsarchitektur für die Pflege (Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen Hoops) URL: https://www.uebergabe.de/ug189/ Last updated: 2026-06-13T13:06:51.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - BAPID entwickelt eine pflegespezifische Bildungssystematik mit fünf Bildungstypen statt des unpassenden DQR. - Statt 'komplex/hochkomplex' beschreibt BAPID Rollen über den Grad professioneller Verantwortung. - 39 Stellenprofile analysiert: akademische Rollen fehlen besonders in Langzeit- und ambulanter Pflege. - Klare Kompetenzprofile sollen dir zeigen, wofür du als Bachelor zuständig bist. - BAPID IV plant flexible Weiterbildungsmodule und langfristig einen Scope of Practice. ## BAPID: Wie ein Bildungsrahmen die Pflege neu ordnen könnte Was bedeutet es eigentlich, als Pflegefachperson mit Bachelorabschluss auf einer Station zu arbeiten – und trotzdem keine Stelle zu haben, die diese Qualifikation widerspiegelt? Oder als Pflegefachassistenz Verantwortung zu übernehmen, ohne dass klar definiert ist, wofür genau? Diese Fragen stehen im Zentrum eines Forschungsprojekts, das seit einigen Jahren die Pflegebildungslandschaft in Deutschland grundlegend neu denkt: BAPID – die Bildungsarchitektur der Pflege in Deutschland. [BAPID III KompetenzprofileBAPID III Kompetenzprofile![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/touch_icon-8c255b32-5af9-481b-82de-ce2dfa00f609.png)Pflegepaedagogik![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/pdf-ffce647f-6484-457f-bb63-e1135d25ac10.png)](https://www.pflegepaedagogik.uni-kiel.de/de/aktuelle-forschungsprojekte/bapid/bapid-iii.pdf/view?ref=uebergabe.de) ## Was steckt hinter der Abkürzung BAPID? BAPID steht für „Bildungsarchitektur der Pflege in Deutschland" und ist kein einmaliges Papier, sondern ein wachsendes Forschungsprojekt, das vom [Deutschen Pflegerat (DPR) ](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de)beauftragt und von Prof. Dr. von Gahlen Hoops an der [Christian-Albrechts-Universität zu Kiel](https://www.uni-kiel.de/de/?ref=uebergabe.de) geleitet wird. Der Ausgangspunkt war vergleichsweise schlicht: Nach der [Reform des Pflegeberufegesetzes 2020](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/pflegeberufegesetz?ref=uebergabe.de), das erstmals eine hochschulische und eine schulische Pflegeausbildung nebeneinander ermöglicht, stellte sich die Frage – was machen wir jetzt damit? Die bisherigen Systematiken, etwa der [Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR)](https://www.dqr.de/dqr/de/home/home%5Fnode.html?ref=uebergabe.de), stoßen im Kontext der Pflegebildung an ihre Grenzen. Der DQR stuft die Pflegefachperson auf Stufe 4 und den Bachelorabschluss in der Pflege auf Stufe 6 ein – also zwei Stufen Abstand zwischen Qualifikationen, die inhaltlich viel enger beieinanderliegen, als diese Einordnung suggeriert. Gleichzeitig wird die Pflegefachassistenz ebenfalls auf Stufe 4 eingeordnet – was die Unterschiede eher verwischt als klärt. BAPID entwickelt deshalb eine eigene Systematik: fünf Bildungstypen, die von der Pflegeassistenz (Stufe 2) über die Pflegefachperson (Stufe 3), den Bachelorabschluss in der Pflege (Stufe 4) bis hin zum Masterabschluss (Stufe 5) reichen – ergänzt um eine Stufe 0 und 1 für nicht berufliche Pflegekontexte. Diese Ordnung ist DQR-angelehnt, aber pflegespezifisch zugeschnitten. 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 320 Menschen, die uns bereits unterstützen.** Als Übergabe-Mitglied bekommst du [wöchentliche Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) direkt ins Postfach, Zugriff auf das komplette Archiv – und alle [Videokurse](https://www.uebergabe.de/tag/videokurs/), die dein Pflegewissen auf ein neues Level heben. Ab 5 € im Monat. Kündbar jederzeit. [Jetzt Mitglied werden – ab 5 €/Monat ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Von Stufe zu Stufe - Was sich verändert Eine der zentralen Leistungen von BAPID III ist die Entwicklung von Kompetenzprofilen für diese fünf Bildungstypen. Dabei wurde ein entscheidender konzeptioneller Schritt vollzogen: Statt Pflegesituationen mit Begriffen wie „komplex" oder „hochkomplex" zu beschreiben, arbeitet BAPID nun mit dem Konzept des **Grades professioneller Verantwortung**. Der Unterschied klingt zunächst technisch, hat aber erhebliche Konsequenzen. Die Kategorien „komplex" und „hochkomplex" stammen aus der Pflegebildungsgesetzgebung und beschreiben den Gegenstand – also die Situation oder Aufgabe – aus einer wissenschaftlichen Außenperspektive. In der Pflegepraxis denkt man aber nicht so. Dort steht der Mensch im Mittelpunkt, der versorgt wird, und die Frage lautet: Wofür bin ich zuständig – und wofür trage ich Verantwortung? So übernimmt eine Pflegefachassistenz laut BAPID Verantwortung für übertragene Aufgaben, darunter auch anspruchsvollere Tätigkeiten im medizinisch-therapeutischen Bereich. Die Pflegefachperson (BAPID-Typ 3) trägt eigenverantwortlich die Steuerung und Gestaltung von Pflegeprozessen. Die akademisch qualifizierte Pflegefachperson (Typ 4) hat darüber hinaus einen erweiterten Handlungsbereich: Sie reflektiert Pflegepraxen wissenschaftlich, bewertet Leitlinienvorgaben und entwickelt die Versorgung weiter. Und die APN – also Pflegende mit Masterabschluss (Typ 5) – übernimmt fallführende Verantwortung in einer erweiterten Pflegepraxis und verantwortet diese Handlungen eigenständig. Dieser Perspektivwechsel von der Situation zur Verantwortung macht es möglich, Unterschiede zwischen Pflegetypen viel konkreter zu beschreiben – und damit auch nach außen, etwa gegenüber Verwaltungsleitungen oder ärztlichen Teams, besser zu argumentieren. [BAPID & DPR: Neue Rollen für Pflege und Primärversorgung🎙️ Politik und Gesetzgebung stehen vor der Aufgabe, die strukturellen Voraussetzungen für eine multiprofessionelle Versorgung zu schaffen - aktuelle Diskussionen machen deutlich “je eher, desto besser”. Die Pflege ist bereit für mehr Verantwortung – jetzt braucht es den politischen Willen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-d4d69194-eac8-480e-8789-05b87f5d2d47.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeLukas![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/cover98-38c51a18-dba1-42e5-901d-bac84b75617f.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu098/) ## Wie entstehen Kompetenzprofile – und wer macht dabei mit? Kompetenzprofile fallen nicht vom Himmel. Das Forschungsteam – im Wesentlichen Prof. Dr. von Gahlen Hoops und seine Mitarbeiterin Katharina Gens – hat für BAPID III zunächst 39 Stellenprofile aus allen 16 Bundesländern und den drei zentralen Versorgungssettings (Krankenhaus, ambulante Pflege, Langzeitpflege) analysiert. Die Textsorte „Stellenprofil" ist dabei selbst aufschlussreich: Wie Einrichtungen Stellen beschreiben, was sie fordern, was sie ausblenden – all das lässt sich inhaltlich auswerten. Methodisch kam dafür eine qualitative Dokumentenanalyse mit MaxQDA zum Einsatz, ergänzt durch ein iteratives Konsentierungsverfahren mit einem sogenannten Soundingboard. Dieses Soundingboard besteht aus Vertreter:innen verschiedener Pflegeverbände und Einrichtungstypen, die Zwischenergebnisse kommentieren, bewerten und absichern. Dabei können sie etwa auf einer Skala von 1 bis 10 die Relevanz einzelner Items einschätzen – anonym und in Echtzeit auswertbar. So entsteht kein Top-down-Papier aus Kiel, sondern ein partizipativ entwickeltes Produkt, das die Breite der Pflegelandschaft widerspiegelt. > *„Wir haben eben mit kleinen Ressourcen auch Großes bewirken können. Hoffentlich identifizieren sich möglichst viele damit und sagen: Das ist unser System, so sehen wir das, so verorten wir uns."* > *— Prof. Dr. von Gahlen Hoops* *Das Ergebnis: ein Kompetenzprofil-Instrument mit 17 Items, das unter anderem Einrichtungstyp, Versorgungskontext, Rechtsgrundlagen, Verantwortungsbereiche, Entscheidungsbefugnisse und Netzwerkarbeit beschreibt.* Dieser Rahmen ermöglicht es, pflegespezifische Profile zu entwickeln, die nicht an einem einzigen Setting kleben, sondern strukturell anschlussfähig sind – vom Universitätsklinikum bis zur ambulanten Sozialstation. ## Was die Analyse zeigt, wo die Pflegepraxis wirklich steht Die Auswertung der 39 Stellenprofile liefert ein ernüchterndes, aber ehrliches Bild. Freigemeinnützige Träger zeigen die größte Offenheit für differenzierte Rollenzuschnitte. Universitätskliniken haben erwartungsgemäß eine höhere Verbreitung akademischer Pflegestellen. Im Langzeitbereich und in der ambulanten Versorgung sind akademische Rollen hingegen noch deutlich in der Minderheit – ein Befund, der laut Prof. Dr. von Gahlen Hoops weiteren Ausbau dringend nötig macht. > *„Kompetenzprofile sollen auch Sicherheit für die Einzelperson geben: Ich möchte wissen, wenn ich einen Bachelor habe, wofür bin ich eigentlich zuständig – und da kann ich mich daran orientieren."* > *— Prof. Dr. von Gahlen Hoops* Immerhin: Rund 40 Prozent der einbezogenen Einrichtungen setzen bereits mehrere BAPID-Typen ein – also nicht nur die klassische Pflegefachperson, sondern differenzierte Rollenprofile. Allerdings werden APN-Rollen derzeit häufig noch in übergeordneten, strategischen Funktionen eingesetzt – weniger in direkter Teamarbeit oder mit klar definierter Führungsverantwortung im Pflegeprozess. Ein Grund dafür: Tarifliche Regelungen für diese Rollen fehlen weitgehend, was die Integration in bestehende Vergütungssysteme schwierig macht. Deutlich wird auch: Zwischen dem, was ein Stellenprofil verspricht, und dem, was in der Praxis tatsächlich gelebt wird, klafft oft eine erhebliche Lücke. Das war bekannt – und ist auch ein Grund, warum BAPID bewusst auf einer Stufe davor ansetzt: nicht Stellenprofile vorzuschreiben, sondern Kompetenzprofile bereitzustellen, die als Grundlage für trägerindividuelle Weiterentwicklung dienen. ## Was ändert sich für Pflegeteams – und warum könnte das die Akademisierung voranbringen? BAPID entwirft eine Zukunft, in der Pflegeteams aus Personen mit sehr unterschiedlichen Qualifikationsniveaus zusammenarbeiten – und das auf Augenhöhe. Von der Pflegefachassistenz mit erstem Schulabschluss bis zur Pflegenden mit Masterabschluss nach mindestens fünf Jahren Studium. Dass das gelingt, setzt voraus, dass klar ist, wer wofür verantwortlich ist – und dass diese Unterschiede nicht als Hierarchie, sondern als komplementäre Rollen verstanden werden. Das wäre eine echte Verschiebung gegenüber dem Status quo. Bisher gilt vielerorts noch die informelle Regel: Wer studiert hat, macht „keine Pflege mehr". BAPID setzt dem entgegen, dass akademisch qualifizierte Pflegende sehr wohl in der direkten Versorgung tätig sind – aber mit einem erweiterten Verantwortungsradius, der wissenschaftsbasiertes Arbeiten und die Weiterentwicklung von Pflegeprozessen einschließt. > *„Es geht nicht mehr darum zu sagen, du hast studiert, also machst du keine Pflege mehr. Das ist mit BAPID vorbei."* > *— Prof. Dr. von Gahlen Hoops* Das könnte auch die Attraktivität des Pflegeberufs insgesamt stärken: klarere Rollen, weniger Überforderung, mehr Orientierung – für alle BAPID-Typen. Auch die Pflegefachassistenz profitiert als neuer, eigenständiger Gesundheitsberuf, der sich vom alten Bild der Pflegehilfe löst und ein klar umrissenes Berufsbild erhält. ## Was noch fehlt und wo es weitergeht Papier ist geduldig. Das weiß auch Prof. Dr. von Gahlen Hoops. Die politischen Rahmenbedingungen sind derzeit alles andere als günstig: Das Pflegebudget wird beschnitten, Refinanzierungsdruck prägt die Debatte im Langzeitbereich, und von einem festen Pflegeanteil am Bruttoinlandsprodukt – wie es andere Industrieländer kennen – ist Deutschland weit entfernt. [Neue Bundestagsabgeordnete und SondervermögenIn Folge 92 werfen wir einen Blick auf die Gesundheitspolitiker\*innen im neuen Bundestag. Wir diskutieren die Debatte um das Sondervermögen für das Gesundheitswesen und die Forderungen des Deutschen Pflegerates. Zudem beleuchten wir die Kritik der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-a3719e27-153e-46ba-be43-85d5c0d4aa6c.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeLukas![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/cover92-d8f8e4e7-1d65-47e2-b366-0df9592750e9.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu092/) Dennoch: *BAPID IV ist bereits in Arbeit.* Im Fokus steht die Fort- und Weiterbildungslandschaft der Pflege – mit der Idee, starre Strukturen durch ein flexibles Modulbaustein-System zu ersetzen. Statt anerkannter und nicht anerkannter Weiterbildungen soll eine Systematik entstehen, in der einzelne Bildungsbausteine flexibel kombiniert, auf verschiedene Weiterbildungsformate angerechnet und auch für akademische Pflegende angeboten werden können. [BAPID IVBAPID IV![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/touch_icon-dce65642-07d7-49b4-922f-78007ad183ba.png)Pflegepaedagogik![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/783b3c13-a11c-4130-86b4-f702d734c15d-a453ba02-e857-4d98-8409-346660b94ba3.jpeg)](https://www.pflegepaedagogik.uni-kiel.de/de/aktuelle-forschungsprojekte/bapid/bapid-iv?ref=uebergabe.de) Längerfristig steht ein Scope of Practice für Deutschland auf der Agenda – ein rechtlich fundierter Handlungsrahmen, der festlegt, was Pflegende auf den verschiedenen Qualifikationsstufen tun dürfen und sollen. Das wäre ein entscheidender Schritt, um aus Kompetenzprofilen gelebte Praxis zu machen. Wer sich einbringen möchte: Die Publikationen sind Open Access über den Deutschen Pflegerat und die Homepage der Pflegepädagogik an der Universität Kiel verfügbar. Für BAPID IV sind partizipative Beteiligungsmöglichkeiten geplant – über Fachkongresse, den [Deutschen Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) oder direkte Kontaktaufnahme mit dem Forschungsteam. ## Zum Weiterhören - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- ## Neues One Minute Wonder Es ist wieder soweit: [Magda](https://www.uebergabe.de/author/magda/) hat ein neues One Minute Onder gezaubert. Dieses Mal geht es um das Schmerzassessment BESD. Viel Spaß beim lernen 😊 [BESD Schmerzerfassung bei Demenz: Leitfaden & AnwendungDie BESD (Beurteilung von Schmerzen bei Demenz) ist ein validiertes Tool zur Fremdbeobachtung. Anhand von 5 Items (u.a. Atmung, Mimik) wird Schmerz bei kognitiv eingeschränkten Menschen objektiv bewertet. Wichtig: Die Anwendung erfolgt zweistufig in Ruhe und unter Belastung ab einem Wert von 4.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-6d1f2cbc-ae4d-4024-9513-b8203d9b45e2.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMagda![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/getty-images-OzTL2tr8muw-unsplash-7e1a6cdf-3397-4e57-b6b2-4f892e6dee0d.jpg)](https://www.uebergabe.de/schmerzassessment-besd/) • • • ## Die Übergabe-Community Schau in unserem Forum vorbei und vernetze dich mit anderen Pflegenden aus ganz Deutschland! [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-2c439999-58ce-4e7a-bccc-614d56bec6f0.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-f25caa4f-b86c-4f94-852e-39f37cb052bf.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Schmerzassessment BESD URL: https://www.uebergabe.de/schmerzassessment-besd/ Last updated: 2026-06-05T04:00:15.000Z Die BESD (Beurteilung von Schmerzen bei Demenz) ist ein validiertes Tool zur Fremdbeobachtung. Anhand von 5 Items (u.a. Atmung, Mimik) wird Schmerz bei kognitiv eingeschränkten Menschen objektiv bewertet. Wichtig: Die Anwendung erfolgt zweistufig in Ruhe und unter Belastung ab einem Wert von 4. _This post is for subscribers only._ ### Wie zufrieden sind Pflegefachpersonen mit ihrer Arbeit? URL: https://www.uebergabe.de/wie-zufrieden-sind-pflegefachpersonen-mit-ihrer-arbeit/ Last updated: 2026-09-14T18:51:58.000Z 🗓️ #133 | 04.06.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht die Arbeitszufriedenheit von Pflegefachpersonen in verschiedenen Versorgungsbereichen eines portugiesischen Gesundheitsverbundes. Dabei wird Arbeitszufriedenheit als ein vielschichtiges Konstrukt verstanden, das durch Faktoren wie Führung, Arbeitsbedingungen, personelle Ausstattung, berufliche Anerkennung, Zusammenarbeit im Team sowie Vergütung beeinflusst wird. Die Autor:innen gehen davon aus, dass die Zufriedenheit von Pflegefachpersonen einen wichtigen Einfluss auf die Versorgungsqualität, die Patient:innensicherheit sowie die langfristige Bindung von Mitarbeitenden an den Beruf hat. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die Arbeitszufriedenheit von Pflegefachpersonen in ihren unterschiedlichen Dimensionen zu beschreiben und zu analysieren, ob sich Unterschiede zwischen verschiedenen soziodemografischen und beruflichen Gruppen zeigen. Die Forschenden wollten herausfinden, welche Aspekte der beruflichen Tätigkeit besonders positiv oder negativ bewertet werden und welche Arbeitsbedingungen mit einer höheren beziehungsweise niedrigeren Zufriedenheit verbunden sind. Darüber hinaus sollte die Untersuchung Hinweise für das Personalmanagement und die Organisationsentwicklung im Gesundheitswesen liefern. _This post is for subscribers only._ ### Update Notfallreform / Koalitionsverträge in BaWü und RLP / ICN Report URL: https://www.uebergabe.de/pu120/ Last updated: 2026-06-13T23:26:20.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Bundeskabinett beschloss einen überarbeiteten Gesetzentwurf zur Neuordnung der Notfallversorgung. - 112 und 116117 sollen über ein digitales Gesundheitsleitsystem stärker vernetzt werden. - Integrierte Notfallzentren bündeln Notaufnahme, Notdienstpraxis und Ersteinschätzung an Kliniken. - Die KBV kritisiert Einsparungen bei gleichzeitig neuen, dauerhaften ambulanten Strukturen. - BaWü und RLP setzen unterschiedliche pflegepolitische Schwerpunkte; Pflegekammer RLP bleibt umstritten. ## Notfallversorgung vor dem Neustart: Die Reform nimmt erneut Fahrt auf Die **Reform der Notfallversorgung** gehört zu den **gesundheitspolitischen Großprojekten**, die Deutschland seit vielen Jahren beschäftigen. Schon unter Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach lag ein umfassender Gesetzentwurf vor. Nach dem Ende der Ampelkoalition geriet das Vorhaben jedoch zunächst ins Stocken. Nun hat die neue Bundesgesundheitsministerin Nina Warken die Reform erneut aufgegriffen. Ende April 2026 beschloss das Bundeskabinett einen überarbeiteten [Gesetzentwurf zur Neuordnung der Notfallversorgung](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/bundeskabinett-beschliesst-notfallreform-22-04-2026?ref=uebergabe.de). Der Reformbedarf gilt seit Jahren als unstrittig. Notaufnahmen berichten von Überlastung, langen Wartezeiten und steigender Arbeitsverdichtung. Gleichzeitig werden Rettungsdienste häufig auch bei gesundheitlichen Beschwerden alarmiert, die ambulant versorgt werden könnten. Hinzu kommt eine bislang nur begrenzte Verzahnung zwischen Rettungsdienst, vertragsärztlichem Bereitschaftsdienst und klinischer Notfallversorgung. Die Bundesregierung verfolgt mit der Reform deshalb das Ziel, Patient:innen künftig gezielter in die jeweils passende Versorgungsebene zu steuern. Damit sollen Fehlsteuerungen reduziert werden sowie personelle und strukturelle Ressourcen effizienter genutzt werden. Die Reform reagiert auf Probleme, die seit Jahren bekannt sind. Neu ist vor allem der politische Versuch, die bislang getrennten Versorgungsbereiche verbindlich zusammenzuführen. 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 300 Menschen, die uns bereits unterstützen.** Als Übergabe-Mitglied bekommst du [wöchentliche Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) direkt ins Postfach, Zugriff auf das komplette Archiv – und alle [Videokurse](https://www.uebergabe.de/tag/videokurs/), die dein Pflegewissen auf ein neues Level heben. Ab 5 € im Monat. Kündbar jederzeit. [Jetzt Mitglied werden – ab 5 €/Monat ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ### Neue Steuerung durch digitale Vernetzung Ein zentrales Element der Reform ist die stärkere Vernetzung der beiden bekannten Notfallnummern 112 und 116117\. Während die 112 weiterhin ausschließlich für lebensbedrohliche Notfälle zuständig bleiben soll, wird die 116117 künftig neu strukturiert. Geplant ist eine Aufteilung in eine klassische Terminservicestelle und sogenannte Akutleitstellen. Diese sollen gemeinsam mit den Rettungsleitstellen der 112 ein digitales Gesundheitsleitsystem bilden. Patient:innen sollen dort mithilfe standardisierter Ersteinschätzungsverfahren in die passende Versorgungsebene gesteuert werden. Abhängig von Dringlichkeit und Beschwerdebild könnten Betroffene künftig beispielsweise in eine Videosprechstunde vermittelt werden, an den ärztlichen Bereitschaftsdienst verwiesen werden, kurzfristig einen Praxistermin erhalten oder direkt in eine Notaufnahme beziehungsweise ein Integriertes Notfallzentrum (INZ) geleitet werden. Die standardisierte Ersteinschätzung orientiert sich dabei an bereits etablierten Triage- und Steuerungssystemen, die in einigen Regionen und Kliniken bereits genutzt werden. Für Pflegefachpersonen dürfte insbesondere die zunehmende Digitalisierung der Versorgung relevant werden. Denn eine stärkere Steuerung von Patient verändert nicht nur Arbeitsabläufe in Notaufnahmen, sondern auch Schnittstellen zwischen ambulanter, stationärer und telemedizinischer Versorgung. Die Reform setzt mehr auf digitale Steuerung und sektorenübergreifende Koordination als bisherige Ansätze der Notfallversorgung. ### Integrierte Notfallzentren als neues Kernmodell Kernstück der Reform bleiben die sogenannten Integrierten Notfallzentren (INZ). Diese sollen an ausgewählten Krankenhäusern entstehen und unterschiedliche Versorgungsstrukturen organisatorisch zusammenführen. Geplant ist eine Kombination aus klinischer Notaufnahme, vertragsärztlicher Notdienstpraxis und gemeinsamer Ersteinschätzungsstelle. Patient:innen sollen dort bereits beim Erstkontakt standardisiert eingeschätzt werden. Anschließend wird entschieden, ob eine ambulante Behandlung ausreicht oder eine stationäre Versorgung notwendig ist. Die Bundesregierung verbindet damit mehrere Ziele. Zum einen eine Entlastung überfüllter Notaufnahmen, eine bessere Nutzung ambulanter Ressourcen, kürzere Wartezeiten und eine gezieltere Patientensteuerung. Bemerkenswert ist dabei ein neuer Steuerungsmechanismus: Wer bereits vorab über die 116117 eine Ersteinschätzung durchlaufen hat, soll bei vergleichbaren Beschwerden vorrangig behandelt werden. Dadurch soll ein Anreiz entstehen, nicht direkt als Selbsteinweiser die Notaufnahme aufzusuchen. Viele Kliniken verfolgen ähnliche Konzepte bereits seit Jahren in Eigeninitiative. Bislang fehlten dafür jedoch häufig verbindliche gesetzliche Grundlagen. ### Rettungsdienst und Krankenhauskapazitäten stärker vernetzen Neben der Patient:innensteuerung sieht die Reform auch Veränderungen im Rettungsdienst vor. Rettungswagen sollen künftig standardisierte digitale Informationen an Kliniken übermitteln können. Gleichzeitig ist ein bundesweites System geplant, das freie Krankenhauskapazitäten sichtbar macht. Damit soll die Zuweisung von Patient:innen effizienter organisiert werden. Vor allem bei hohen Auslastungen oder regionalen Engpässen könnten dadurch unnötige Transportwege und Verzögerungen reduziert werden. Darüber hinaus enthält die Reform weitere Maßnahmen zur Verbesserung der Notfallversorgung. Telefonische Reanimationsanleitungen sollen bundesweit Standard werden. Ersthelfer-Apps sollen stärker eingebunden werden, als auch freiwillige Ersthelfende sollen schneller alarmiert werden können. Besonders relevant ist außerdem die geplante Neuregelung der Finanzierung des Rettungsdienstes. Medizinische Notfallrettung soll künftig ausdrücklich als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung gelten. Bislang wurden Rettungseinsätze häufig formal als Transportleistung behandelt. Die Neuregelung könnte dazu beitragen, Unsicherheiten bei der Kostenübernahme zu reduzieren und die medizinische Funktion des Rettungsdienstes stärker anzuerkennen. ### Kritik aus dem ambulanten Bereich Trotz breiter Zustimmung zum grundsätzlichen Reformbedarf gibt es deutliche Kritik am aktuellen Gesetzentwurf. Besonders die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) äußerte sich scharf. [KBV - Kassenärztliche Bundesvereinigungkbv.de - Scharfe Kritik an der am Mittwoch vom Bundeskabinett beschlossenen Notfallreform hat der Vorstand der KBV geübt. Einerseits wolle das Bundesgesundheitsministerium dem ambulanten Bereich mit seinem Spargesetz über fünf Milliarden Euro wegnehmen, andererseits blähe es in seiner Kabinettsvorlage einer Notfallreform das Leistungsversprechen in unzumutbare Art und Weise auf, kritisierte er. Das passe hinten und vorne nicht zusammen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-905df28e0d5cde4f6f2db72ea7a727e2fb1402f09da0086f6a31a20dd3cc3d34.png)KBV - KBV-Vorstand: „Da passt nichts zusammen“ – Bundeskabinett beschließt Gesetz zur Notfallversorgung![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/kbv_socialmedia_logo-9b27dc624cb19fbd715fb81c8cbc1af3695d1788dfb0aa81e3458c0fbf1947c1.jpg)](https://www.kbv.de/praxis/tools-und-services/praxisnachrichten/2026/04-23/kbv-vorstand-da-passt-nichts-zusammen-bundeskabinett-beschliesst-gesetz-zur-notfallversorgung?ref=uebergabe.de) Kritisiert wird vor allem, dass einerseits Einsparungen im ambulanten Bereich vorgesehen seien, gleichzeitig aber neue dauerhafte Strukturen aufgebaut werden sollen. Dazu gehören telemedizinische Angebote, Akutleitstellen, aufsuchende Dienste und verpflichtende 24/7-Fahrdienste für Hausbesuche. Die KBV bezweifelt, dass dafür ausreichend Personal und Finanzierung vorhanden sind. Zusätzlich wird bemängelt, dass parallele Strukturen zu regulären Praxisöffnungszeiten entstehen könnten. Die Diskussion verdeutlicht ein grundsätzliches Problem vieler Gesundheitsreformen: Zusätzliche Aufgaben werden häufig angekündigt, ohne gleichzeitig verbindlich zu klären, wie Personalgewinnung, Finanzierung und praktische Umsetzung erfolgen sollen. Aus pflegepolitischer Perspektive bleibt ein Kritikpunkt bestehen. Erweiterte pflegerische Rollen spielen im aktuellen Entwurf erneut kaum eine Rolle. Konzepte wie CHN oder akademisierte Primärversorgungspflege werden zwar seit Jahren diskutiert, finden sich jedoch weiterhin nur begrenzt in der Gesetzgebung wieder. Gerade in ländlichen Regionen könnten Pflegefachpersonen mit erweiterten Kompetenzen Versorgungslücken teilweise abfedern. Im aktuellen Gesetzentwurf bleibt dieser Ansatz allerdings weitgehend unberücksichtigt. ## Zum Weiterhören - [PU082 – Ausbildungsoffensive Pflege / Notfallgesetz / DBfK Pflege 2024](https://www.uebergabe.de/pu082/) - [PU052 – Referentenentwurf GVSG / Expert\*innenpapier Notfallpflege](https://www.uebergabe.de/pu052/) - [PU115 – Pflegebudget / Update zur Krankenhausreform / Landtagswahl in RLP](https://www.uebergabe.de/pu115/) --- ## Pflegepolitik in den Ländern: Unterschiedliche Wege zur Versorgungssicherung In den Koalitionsverträgen der neu-gewählten Landesregierungen von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zeigt sich, dass Pflegepolitik nicht nur auf Bundesebene, sondern auch in den Ländern zunehmend an Bedeutung gewinnt. Beide Länder verfolgen das Ziel, Versorgung langfristig sicherzustellen und Fachkräfte zu gewinnen. ### Baden-Württemberg: Neue Rollen für die professionelle Pflege In Baden-Württemberg übernimmt künftig [Oliver Hildenbrand](https://www.oliver-hildenbrand.de/?ref=uebergabe.de) von den Grünen das Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit. Unterstützt wird er von Staatssekretärin Petra Krebs, die selbst ausgebildete Krankenschwester ist. Im Koalitionsvertrag von Grünen und CDU spielt professionelle Pflege an mehreren Stellen eine zentrale Rolle. Besonders hervorgehoben werden neue pflegerische Rollen wie CHNs, APNs, aufsuchende Versorgungsmodelle und niedrigschwellige Gesundheitsangebote im Quartier. [Koalitionsvertrag: AUS VERANTWORTUNG FÜRS LAND - Gemeinsam stark in stürmischen ZeitenKoalitionsvertrag der CDU Baden-Württemberg mit Bündnis 90/Die Grünen![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-7e8d09b9168822275b642e70e8cb64c3c17d09c6a789b1482f83d066267cdd07.png)NDCore![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/460-69de475952227-35e3bf15b4a4f5e1bd90deb27d92fc50c5b15d6d6809a3130609abb58903e318.png)](https://www.cdu-bw.de/presse/aus-verantwortung-fuers-land-gemeinsam-stark-in-stuermischen-zeiten/?ref=uebergabe.de) Die Landesregierung kündigt an, diese Rollen nach Schaffung bundesrechtlicher Grundlagen gezielt auszubauen. Pflegefachpersonen sollen künftig stärker in die Primärversorgung eingebunden werden. Des Weiteren plant Baden-Württemberg Maßnahmen zur Fachkräftesicherung. Es soll eine schnellere Anerkennung internationaler Pflegefachpersonen möglich werden, stärkere Sprachförderung, bessere Integrationsangebote als auch eine Förderung von Teilzeitausbildungen und die Unterstützung der Pflegefachassistenzausbildung. Strukturell orientiert sich das Land an aktuellen bundespolitischen Entwicklungen. Die geplanten Integrierten Notfallzentren werden ausdrücklich unterstützt. Zusätzlich ist ein landesweites Bettenregister vorgesehen. Bemerkenswert ist zudem die angekündigte Stärkung von Pflegewissenschaft und Pflegeforschung. [Kommunale Pflegekonferenzen](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/gesundheit-pflege/pflege/kommunale-pflegekonferenzen?ref=uebergabe.de) sollen verbindlich etabliert werden, um regionale Versorgung besser planen zu können. ### Zustimmung und Kritik aus den Berufsverbänden Die Reaktionen der Berufsverbände fallen unterschiedlich aus. Der [DBfK Südwest](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2026/Koalitionsvertrag-Baden-Wuerttemberg-greift-wichtige-Anliegen-professioneller-Pflege-auf.php?ref=uebergabe.de) bewertet den Koalitionsvertrag überwiegend positiv. Begrüßt werden insbesondere die geplanten neuen Rollen, die Stärkung von Pflegebildung, Maßnahmen zur Fachkräftesicherung und der Ausbau pflegewissenschaftlicher Strukturen. Kritischer äußert sich das [Pflegebündnis Mittelbaden](https://www.pflegebuendnis-mittelbaden.de/pm-pflege-auf-dem-abstellgleis/?ref=uebergabe.de). Dort wird vor allem bemängelt, dass pflegerische Selbstverwaltung im Koalitionsvertrag kaum vorkommt. Weder eine Pflegekammer noch der Landespflegerat würden ausdrücklich gestärkt. Die Kritik verweist auf eine weiterhin bestehende professionspolitische Debatte: Pflege soll zwar mehr Verantwortung übernehmen, erhält aber vielerorts weiterhin nur begrenzte Mitbestimmungsmöglichkeiten. > **„Die Profession Pflege muss strukturell in alle relevanten Entscheidungsprozesse eingebunden werden und braucht eine klare Perspektive für die Weiterentwicklung der Selbstverwaltung.“** (Peter Koch, Pflegebündnis Mittelbaden) ### Rheinland-Pfalz: Quartiersnahe Versorgung im Mittelpunkt Auch Rheinland-Pfalz misst Pflegepolitik im neuen [Koalitionsvertrag](https://www.spd-rlp.de/wp-content/uploads/sites/1649/2026/04/KoaV%5F2026-2031.pdf?ref=uebergabe.de) von CDU und SPD hohe Bedeutung bei. Inhaltlich setzt das Land jedoch andere Schwerpunkte. [Willkommen bei der CDU Rheinland-Pfalz![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-ec00d8d9dbd7a83270cdffeb5fed6ee2c560d24f64770740cde86e5d083528fe.png)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/4-6914788de2663-c8a613075d9ad8c9d54443ba3a84c9fbb7015321ebe030d906a449d9ab27bb48.png)](https://www.cdurlp.de/?ref=uebergabe.de) Im Zentrum steht die quartiersnahe Versorgung. Pflege soll stärker dort stattfinden, wo Menschen leben. Geplant sind unter anderem quartiersbezogene Pflegemodelle, Demenz-Wohngemeinschaften und der Ausbau wohnortnaher Unterstützungsangebote. Eine zentrale Rolle spielt dabei das bereits etablierte [Modell der GemeindeschwesterPlus](https://mastd.rlp.de/themen/soziales/gut-leben-im-alter/gemeindeschwester-plus?ref=uebergabe.de). Das Angebot richtet sich an ältere Menschen ohne Pflegegrad, die Beratung und Unterstützung im Alltag benötigen. Diese Rolle übernimmt unter anderem präventive Beratung Unterstützung bei sozialer Teilhabe, Vermittlung regionaler Angebote, Beratung zu Gesundheit, Mobilität und Wohnen. Die Zahl der eingesetzten Fachpersonen soll landesweit verdoppelt werden. [Was im Koalitionsvertrag jetzt beschlossen ist: Diese Änderungen betreffen Familien, Kommunen und GrundstückseigentümerMit dem unterzeichneten Kolitionsvertrag legen CDU und SPD zentrale Vorhaben fest: unter anderem neue Regeln für den Übergang von der Kita in die Schule, mehr Polizeistellen und zusätzliche Mittel für Kommunen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/icon-59b2570b8ba2eb9ab38c307d83b43a8afb1f33f16ce29be6d3d8fb2ae18cabd1.svg)SWR AktuellSWR Aktuell![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/1778063658574-2Clandtag-mit-schwarz-rot-cdu-spd-koalitionsvertrag-100-_v-16x9@2dL_-6c42aff4e68b43c7868c3240d3ebfa29867457da-dee5cfb55303b1a6c3e540b9e8c4888231fdbf1c1674018bf010a2d0f8d17082.jpg)](https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/koalitionsvertrag-cdu-spd-unterzeichnet-neue-regeln-100.html?ref=uebergabe.de) In Bezug auf Fachkräftesicherung setzt Rheinland-Pfalz auf den Ausbau der Ausbildungskapazitäten, Reduktion von Ausbildungsabbrüchen, Übergangsmöglichkeiten in die Pflegeassistenz, Erweiterung der Kampagne #WerPflegtBewegt. Des Weiteren spielt Digitalisierung eine Rolle. Ein digitaler Pflegeplatzfinder soll freie stationäre Pflegeplätze künftig leichter auffindbar machen. ### Streitpunkt Pflegekammer Besonders kontrovers ist die Situation rund um die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz. Der Koalitionsvertrag sieht eine Abstimmung über deren Zukunft vor. Sollte sich keine Mehrheit für die Kammer aussprechen, wird diese aufgelöst werden. [Homepage — Landespflegekammer Rheinland-PfalzGemeinsam stark für die Pflege![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Short-1c1f44b21f3aa81a6ce26f42edee200e8d488dae6f0a38484358c527b2673bc6.svg)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Human-body-0ae32ef8123e7edeb7300c30ea25599d15c05166aaf16ae2dc9da7ef1df9e03d.png)](https://pflegekammer-rlp.de/?ref=uebergabe.de) Die Diskussion berührt eine zentrale Frage professioneller Pflege: Wie kann berufliche Selbstverwaltung organisiert werden? Während andere Heilberufe seit Jahrzehnten über starke Kammerstrukturen verfügen, bleibt die pflegerische Selbstverwaltung in Deutschland politisch umstritten. Gerade vor dem Hintergrund erweiterter Verantwortungsbereiche wirkt die Diskussion widersprüchlich. Einerseits wird Pflege zunehmend als eigenständige Profession beschrieben, andererseits bleibt ihre institutionelle Mitbestimmung fragil. --- ## Der ICN-Report 2026: Pflege als stabilisierende Kraft von Gesundheitssystemen Zum Internationalen Tag der Pflegefachpersonen veröffentlichte der International Council of Nurses (ICN) erneut seinen jährlichen [Global Nursing Report](https://www.icn.ch/sites/default/files/2026-05/ICN%5FIND2026%5Freport%5FEN%5FA4%5F4.0.pdf?ref=uebergabe.de). Der Bericht steht 2026 unter dem Titel „Empowered Nurses Save Lives“. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Bedeutung professionelle Pflegefachpersonen für stabile Gesundheitssysteme haben – insbesondere vor dem Hintergrund globaler Krisen, Fachkräftemangel und steigender Versorgungsbedarfe. Der ICN beschreibt Pflege nicht lediglich als unterstützende Berufsgruppe, sondern als zentrale und messbare Ressource für Patient:innen, Versorgungsqualität und Gesundheitsversorgung. Der Bericht macht deutlich, dass Gesundheitssysteme weltweit unter ähnlichen Problemen leiden: Personalmangel, steigende Komplexität von Erkrankungen, zunehmende Bürokratie, Belastungen durch Krisen und Konflikte als auch soziale Ungleichheiten. Der ICN fordert eine strukturelle Stärkung professioneller Pflege. Dazu gehören sichere Arbeitsbedingungen, faire Vergütung und ausreichend Personal. des Weiteren soll es weniger bürokratische Belastung geben, politische Mitsprache und bessere Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. ### Die „Key Nursing Powers“ Besondere Aufmerksamkeit erhalten im Bericht die sogenannten „Key Nursing Powers“ – sieben zentrale Stärken professioneller Pflege. Dazu gehören unter anderem "The Power of Trust, The Power of Proximity, The Power of Practice, The Power of Peace. ### Vertrauen als Ressource Unter „The Power of Trust“ beschreibt der ICN die hohe gesellschaftliche Vertrauensstellung von Pflegefachpersonen. Dieses Vertrauen beeinflusst nachweislich die Therapieadhärenz, Gesundheitskompetenz, Prävention und die Patient:innen. Gerade bei Impfkampagnen oder Krisenkommunikation kann die Nähe zu Patient eine wichtige Rolle spielen. Gleichzeitig betont der Bericht, dass Vertrauen Zeit und personelle Ressourcen benötigt. ### Nähe verbessert Versorgung Mit „The Power of Proximity“ hebt der ICN hervor, dass Pflegefachpersonen die Berufsgruppe sind, die Patient am kontinuierlichsten begleitet. Dadurch können Veränderungen früh erkannt und Komplikationen verhindert werden. Besonders in unterversorgten Regionen übernehmen Pflegefachpersonen weltweit zentrale Versorgungsaufgaben. ### Pflege in Krisen und Konflikten Unter „The Power of Peace“ verweist der Bericht auf die Rolle professioneller Pflege in humanitären Krisen und Konflikten. Pflegefachpersonen sichern Versorgung, schützen Gesundheit und stabilisieren gesellschaftliche Strukturen. Der ICN fordert deshalb einen besseren Schutz von Gesundheitspersonal in Krisengebieten. [New global report shows empowering nurses is key to saving lives and strengthening health systems![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-e44bb6735ccecd0d56397971a88d2fbdcbb06460bfff81435524452cc7829ade.png)ICN - International Council of Nurses![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-header-en-94bbff68c42df7c611d61f2932aacbee89d8108ef0bce8ff6e1674d4c07d4aa6.svg)](https://www.icn.ch/news/new-global-report-shows-empowering-nurses-key-saving-lives-and-strengthening-health-systems?ref=uebergabe.de) --- ## Pflegepreis NRW 2026 würdigt Engagement und Innovation Die [Pflegekammer Nordrhein-Westfalen](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de) hat am Internationalen Tag der Pflegenden die Gewinner des Pflegepreises 2026 ausgezeichnet. Geehrt wurden Projekte und Personen, die professionelle Pflege mit innovativen Ideen und berufspolitischem Engagement gestalten. In der Kategorie „Politische Haltung“ gewann Andreas Fuhrmann mit seinem Verein „Jung & Alt – ambulante soziale Hilfen e.V.“. Ausgezeichnet wurden außerdem Petra Krause für ihr Engagement in Pflegebildung und Karriereförderung sowie Wolfgang Pasch für seine Arbeit in der akademischen Pflegebildung. [Pflegepreis 2026: Engagement, Innovation und Haltung durch die Pflegekammer NRW gewürdigt - Pflegekammer NRWAndreas Fuhrmann erhält den ersten Platz für seinen Einsatz in der PflegepolitikPetra Krause und Wolfgang Pasch werden für ihren Einsatz in Weiterbildung, beruflicher Entwicklung und Haltung gegen Rechts geehrtJessica Ann \[…\]![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-b618c6eeb1e21c2eba7136ccfab3b8514a6dbfdf5fffdd8230e1883a4e0444f4.svg)Pflegekammer NRWLeo![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Pflegepreis-2026-3dc78b978cbaef711576c38f0cd5338fe55b334bd9b988ef5c12ac5e327b32a2.png)](https://www.pflegekammer-nrw.de/pflegepreis-2026-engagement-innovation-und-haltung-durch-die-pflegekammer-nrw-gewuerdigt-2/?ref=uebergabe.de) Als „Newcomerin des Jahres“ wurde die Auszubildende Jessica Ann Kremer geehrt. Sie entwickelte ein Ampelsystem für Bewohner, das wichtige Informationen zur Palliativversorgung und Notfallplanung schnell sichtbar macht. --- ## Charité kündigt Tarifvertrag Entlastung Die Charité hat angekündigt, den Tarifvertrag Entlastung (TV-E) zum Jahresende 2026 zu kündigen. Der Vertrag galt seit 2021 bundesweit als Vorzeigeprojekt für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege. [Charité: Ende des Entlastungs-Tarifvertrags oder geschicktes Taktieren?Charité kündigt Entlastungstarifvertrag: Sparzwang oder Strategie? Hintergründe, Reaktionen und Folgen für Pflegekräfte im Überblick.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/app_icon-faf5482968ef73052e0a017c3b4bcc1f22056b3176af13dbf5c4ff48baa7838c.svg)Georg Thieme Verlag KGAlexandra Heeser (Freie Journalistin)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Bettenhochhaus_Charit-C3-A9_fq_Wiebke_Peitz_Charit-C3-A9_471877fb1b-1e7c2a70c0dfd15d46cb43a5dff561a0e7a2c8a33439bed3d43d164889d448f2.webp)](https://www.kma-online.de/aktuelles/pflege/detail/charite-ende-des-entlastungs-tarifvertrags-oder-geschicktes-taktieren-55683?ref=uebergabe.de) Der TV-E regelte unter anderem verbindliche Mindestbesetzungen, Entlastungspunkte bei Unterbesetzung, Ausgleichsmechanismen für hohe Belastungen. Die Klinikleitung begründet die Kündigung mit veränderten gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen, insbesondere dem Krankenhausanpassungsgesetz und geplanten Änderungen am Pflegebudget. Verdi kritisiert die Entscheidung scharf und warnt vor Personalabbau. Die Charité betont dagegen, weiterhin gute Arbeitsbedingungen sichern und neue tarifliche Lösungen entwickeln zu wollen. Die Debatte verdeutlicht erneut, wie eng Arbeitsbedingungen, Finanzierungssysteme und Gesundheitspolitik miteinander verknüpft sind. --- ## Pflegepolitik zwischen Strukturreform und Professionalisierung Pflege wird zunehmend als zentraler Bestandteil von Gesundheits- und Versorgungspolitik verstanden. Sowohl die geplante Notfallreform als auch die Koalitionsverträge der Länder verdeutlichen, dass Versorgung künftig stärker vernetzt, digitalisiert und quartiersnah organisiert werden soll. Gleichzeitig wird sichtbar, dass professionelle Pflege zwar zunehmend Verantwortung übernehmen soll, ihre strukturelle Beteiligung aber weiterhin begrenzt bleibt. Neue Rollen wie CHNs und APNs gewinnen politisch an Aufmerksamkeit - in Deutschland fehlt es aber weiterhin an gesetzlichen Rahmenbedingungen. Die kommenden Monate dürften deshalb nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch professionspolitisch entscheidend werden – insbesondere mit Blick auf weitere Landtagswahlen, Reformgesetze und die Frage, welche Rolle professionelle Pflege künftig tatsächlich im Gesundheitssystem einnehmen soll. ### Hängt die Schlafqualität vom Einsamkeitsempfinden ab? URL: https://www.uebergabe.de/hangt-die-schlafqualitat-vom-einsamkeitsempfinden-ab/ Last updated: 2026-09-14T18:52:00.000Z 🗓️ #132 | 28.05.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Schlafqualität bei älteren Bewohner:innen von Pflegeeinrichtungen. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Einsamkeit mit einer schlechteren Schlafqualität zusammenhängt und welche weiteren sozialen oder gesundheitlichen Faktoren eine Rolle spielen. Hintergrund ist, dass sowohl Einsamkeit als auch Schlafstörungen bei älteren Menschen in stationären Einrichtungen häufig auftreten und das Wohlbefinden deutlich beeinflussen. 💡 Schlaf ist eine zentrale biologische Funktion und essenziell für die körperliche und psychische Gesundheit. Schlafmangel kann bereits nach kurzer Zeit Auswirkungen auf den Organismus haben und bei dauerhaft unzureichendem Schlaf das Risiko für verschiedene Erkrankungen erhöhen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass zu wenig Schlaf unter anderem die Konzentration, Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung und Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigt. Menschen mit Schlafmangel reagieren langsamer, machen häufiger Fehler und haben ein erhöhtes Risiko für Unfälle. Auch die emotionale Regulation wird beeinflusst, sodass Reizbarkeit, Stress, Angstgefühle und depressive Symptome häufiger auftreten können. Darüber hinaus wirkt sich [Schlafmangel auf das Herz Kreislauf System](https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6473877/?utm%5Fsource=chatgpt.com) aus. Chronisch verkürzte Schlafzeiten stehen mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck, Herz Kreislauf Erkrankungen und Schlaganfälle in Zusammenhang. Zudem beeinflusst Schlaf wichtige Stoffwechselprozesse. Menschen mit dauerhaft unzureichendem Schlaf haben ein erhöhtes Risiko für Übergewicht, Typ 2 Diabetes und Stoffwechselstörungen. Während des Schlafes werden hormonelle Prozesse reguliert. Schlafmangel kann daher Hunger und Sättigungsmechanismen verändern und zu einem erhöhten Appetit beitragen. Auch das [Immunsystem ist auf ausreichenden Schlaf angewiesen](https://my.clevelandclinic.org/health/diseases/23970-sleep-deprivation?utm%5Fsource=chatgpt.com). Während der Schlafphasen laufen wichtige Regenerationsprozesse ab, die für die Infektabwehr notwendig sind. Bei Schlafmangel können diese Prozesse eingeschränkt sein, wodurch Menschen anfälliger für Infektionen werden können. Zudem zeigen Studien Hinweise darauf, dass langfristiger Schlafmangel entzündliche Prozesse im Körper begünstigen kann. Besonders bedeutsam ist zudem der Zusammenhang zwischen [Schlaf und psychischer Gesundheit. ](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38811745/?ref=uebergabe.de)Forschungen zeigen, dass Schlafmangel mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für psychische Belastungen, Angststörungen und Depressionen verbunden ist. Gleichzeitig können psychische Erkrankungen selbst wiederum den Schlaf beeinträchtigen, sodass ein wechselseitiger Zusammenhang besteht. ## Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, das gesundheitliche und soziodemografische Profil älterer Menschen in Pflegeeinrichtungen zu beschreiben und Zusammenhänge zwischen Schlafqualität, Einsamkeit sowie weiteren sozialen und gesundheitlichen Merkmalen zu untersuchen. Zusätzlich sollte herausgefunden werden, welche Faktoren die Schlafqualität besonders stark beeinflussen. Die Forschenden wollten damit psychosoziale Einflussgrößen auf den Schlaf älterer Menschen besser verstehen. _This post is for paying subscribers only._ ### Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken (Dr. Juliane Spank & Philipp Strnad) URL: https://www.uebergabe.de/ug188/ Last updated: 2026-06-17T09:09:29.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Klinikum Stuttgart beschäftigt 36 APNs – studierte Pflegefachpersonen direkt am Bett. - APNs gestalten ihre Rollen selbst aus der Versorgungspraxis, nicht das Management. - Faire Eingruppierung nach E13 und Netzwerktreffen machen die Strukturen tragfähig. - Wirksamkeit wird messbar gemacht – etwa durch gesenkte Delir-Inzidenzen. - Niemand rettet die Pflege – Evidenzbasierung muss sie selbst etablieren. In deutschen Krankenhäusern hält sich hartnäckig ein Bild: Wer Pflege studiert, will ans Bett nicht mehr ran. Karriere bedeutet Schreibtisch, Sitzung, Stationsleitung. Dass es auch ganz anders geht, beweist seit Jahren das [Klinikum Stuttgart](https://www.klinikum-stuttgart.de/?ref=uebergabe.de) – mit inzwischen 36 Advanced Practice Nurses, einem eigenen Rollenkonzept, einem geplanten interdisziplinären Forschungsinstitut und einer Pflegelandschaft, die sich Stück für Stück neu sortiert. Dr. Juliane Spank und Philipp Strnad geben Einblicke hinter die Kulissen einer Klinik, die früh angefangen hat – und heute zeigt, was Advanced Nursing Practice in Deutschland tatsächlich leisten kann. Werde Übergabe-Mitglied 📬 ****Unsere Artikel bleiben kostenlos – dank über 300 Menschen, die unsere Arbeit bereits unterstützen.** Wenn du unsere Inhalte schätzt, dich inspiriert fühlst oder einfach gern dabei bist: Werde Teil der Übergabe 💛 Mit deiner Mitgliedschaft erhältst du exklusiven Zugang zu unseren Briefings – etwa zum Thema [**Was beeinflusst eigentlich gute Zusammenarbeit?*](https://www.uebergabe.de/was-beeinflusst-eigentlich-gute-zusammenarbeit/) – und zu unserem Videokurs [**Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege*](https://www.uebergabe.de/videkurs-pflegeforschung/) Dein Support macht es möglich, dass wir dieses Projekt weiterführen und ausbauen können 🙌 Danke, dass du Teil davon bist! [Jetzt Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Acht Jahre Aufbauarbeit – und warum der frühe Start ein Vorteil war Die Geschichte der APN-Rolle am Klinikum Stuttgart beginnt 2018\. Damals startete die Pflegedirektion eine Projektgruppe zum qualifikationsbezogenen Personaleinsatz. Es ging um eine simple, aber damals unbeantwortete Frage: Was machen wir eigentlich mit Pflegefachpersonen, die einen Bachelor, Master oder gar eine Promotion mitbringen? [Schon 2016 war aufgefallen, dass akademisierte Pflegefachpersonen in der Praxis ankommen – und unzufrieden sind.](https://www.uebergabe.de/ug186/) Eingesetzt wurden sie wie alle anderen, ihr Wissen verpuffte. Aus dieser Diagnose entstand am Klinikum Stuttgart ein eigenes APN-Konzept, basierend auf dem [Rollenmodell von Hamric et al.](https://hsrc.himmelfarb.gwu.edu/books/17/?ref=uebergabe.de) Und es entstand ein Glücksfall: Juliane Spank, frisch aus dem Master und einem Auslandsjahr zurück, erfüllte diese Rolle bereits, ohne dass jemand sie so genannt hatte. 2019 wurde ihre Position offiziell zur APN. Der Rest ist gelebte Klinikgeschichte – mit allem, was dazugehört: Widerstände, Lernkurven, Erfolge. [Spezialisierte Pflege | Pflege | Klinikum Stuttgart![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-96.ico)Klinikum Stuttgart![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/search-1.svg)](https://www.klinikum-stuttgart.de/medizin-pflege/pflege/spezialisierte-pflege?ref=uebergabe.de) ### Was eine APN ausmacht – und was sie eben nicht ist Das Klinikum Stuttgart orientiert sich an der Definition des [International Council of Nurses:](https://www.icn.ch/?ref=uebergabe.de) Master, mehrjährige Berufserfahrung, hohe Fachexpertise. Das Rollenmodell von Hamric setzt die direkte Patient:innenversorgung ins Zentrum – flankiert von sechs „Kann-Kompetenzen" wie ethischer Entscheidungsfindung, Forschung, Konsultation und Coaching. Entscheidend ist: APNs sind keine Stabsstellen, die irgendwo im Organigramm in der Luft hängen. Sie arbeiten an konkreten Pflegephänomenen, direkt in den Bereichen, direkt mit den Patient:innen, direkt im Team. Das hat Folgen für die Stellengestaltung. Wer als APN am Klinikum Stuttgart startet, beginnt mit einem 50:50-Modell – die Hälfte der Zeit in der klassischen Bereichspflege, die andere Hälfte in der APN-Rolle. Mit der Zeit verschiebt sich das Verhältnis, oft auf eigenen Wunsch. Aber der Bezug zur direkten Versorgung bleibt – auch bei einer promovierten Pflegefachperson wie Juliane Spank, die heute zu 40 Prozent in der direkten Versorgung arbeitet und zu 60 Prozent in Wissenschaft und Koordination. ## Phänomenologisch statt funktional: Wie Rollen am Klinikum Stuttgart entstehen Bemerkenswert ist die Logik, mit der die Rollen entwickelt werden. Statt vom Management vorgegebene Aufgabenkataloge auszufüllen, analysieren die APNs ihre Versorgungspraxis selbst – mithilfe des [PEPPA-Frameworks](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/j.1365-2648.2004.03235.x?ref=uebergabe.de). Gemeinsam mit dem Team vor Ort wird geprüft: Wo sind die Lücken? Welche Bedarfe entstehen? Wo kann eine APN-Intervention wirklich etwas verändern? Die Begründung dafür ist einfach: Das Wissen über die konkrete Klientel liegt nicht im mittleren oder oberen Management. Es liegt am Bett, im Team, in den Übergaben. Inzwischen kennt das Klinikum aber auch den umgekehrten Weg – etwa bei den Patient:innen mit Impella-Herzpumpen. Hier ist der Bedarf so neu und so spezifisch, dass APN-Stellen gezielt ausgeschrieben werden. Aber auch dann gilt: Die APN gestaltet die Rolle aus, nicht das Management. > *„Es wird niemand kommen und uns retten. Das wird nicht passieren. Wir müssen das selbst in die Hand nehmen." — Philipp Strnad* ## Ein Tag im Leben einer APN: Delirmanagement zwischen Bettkante und Wissenschaft Wie das konkret aussieht, zeigt der Arbeitsalltag von Juliane Spank. Drei Tage pro Woche sind wissenschaftliche APN-Tage: Forschungsprojekte, Schulungen, Paper, Posterbeiträge, die Mitwirkung am [DNQP-Expertenstandard](https://www.dnqp.de/?ref=uebergabe.de) Delir, Beratung anderer APNs. An den restlichen Tagen ist sie im Delir-Team – einem interprofessionellen Team mit spezialisierten Pflegefachpersonen, Betreuungsassistent:innen und Pflegehelfer:innen, das klinikumsweit für Patient:innen ab 65 Jahren mit hohem Delirrisiko angefragt werden kann. Die Arbeit ist patient:innengeleitet, nicht stationsgebunden. Wenn ein:e Patient:in verlegt wird, geht die Begleitung weiter. Im Konsildienst werden Vorerkrankungen, Laborwerte, Medikation und Anamnese geprüft, Assessments durchgeführt, Empfehlungen an Ärzt:innen formuliert, Angehörige einbezogen. Das AKTIVER Team interveniert mehrfach täglich – Orientierung, Frühmobilisation, Schlafförderung, Mahlzeitenbegleitung. Hinter all dem steht ein Versorgungsmodell, das aus einer Studie heraus entstanden ist und Delir-Inzidenzen messbar gesenkt hat. [Wie erleben Patient:innen eigentlich ein Delir?🗞️ Unser Briefing diese Woche beleuchtet, wie Patient:innen ein Delir erleben und welche emotionalen Spuren es hinterlässt. Es zeigt, wie stark Halluzinationen, Angst und Desorientierung das Erleben prägen und warum diese Perspektive entscheidend für eine patientenorientierte Delirversorgung ist.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-112.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ChatGPT-Image-3.-M--rz-2026--18_34_24.png)](https://www.uebergabe.de/wie-erleben-patient-innen-eigentlich-ein-delir/) ## Doktortitel im Pflegealltag: Warum das eigentlich selbstverständlich sein sollte Juliane Spank ist promoviert – und arbeitet trotzdem zu 40 Prozent direkt am Bett. Für sie ist das keine Besonderheit, sondern Konsequenz: Sie wollte Pflegefachperson werden, weil sie Patient:innen versorgen wollte. Bachelor, Master und Promotion sind für sie Werkzeugkasten, nicht Fluchtweg. Aus dieser Haltung wird ein Anspruch: Forschung darf nicht in Drittmittelprojekten enden und in Publikationen versanden. Sie muss in der Versorgung ankommen. Juliane ist als APN in der Gerontopsychaitrie angesiedelt. Gemeinsam mit ihren Kollegen entwickelt sie das Projekt AKTIVER (****A**lltags- und ****K**ognitions****T**raining - ****I**nterdisziplinarität ****V**erbessert das ****E**rgebnis und mindert das ****R**isiko). [Mehr erfahren ](https://www.klinikum-stuttgart.de/medizin-pflege/psychiatrie-psychotherapie-fuer-aeltere/aktiver?ref=uebergabe.de) Bei Ärzt:innen ist die Kombination aus Doktortitel und direkter Patient:innenarbeit Standard – in der Pflege noch immer eine Ausnahme. Das hat historische Gründe: Karriere mit Studium bedeutete in der Pflege lange den Weg ins Management. Diese Vorstellung sitzt tief. Auch nach 15 Jahren im Haus wird Juliane Spank am Wochenende gefragt, warum sie eigentlich nicht im Büro sitzt. Genau diese Selbstverständlichkeit – studierte Pflegefachperson am Bett, mit Doktortitel und Forschungsfragen im Kopf – beginnt sich nur langsam zu etablieren. ## Strukturen, die tragen: Warum Eingruppierung und Vernetzung den Unterschied machen 36 APNs in einem Haus mit 4.000 Pflegemitarbeitenden und 2.200 Betten – das ist eine andere Liga als die übliche „eine akademisierte Pflegekraft pro Klinik"-Realität. **Die meisten APNs arbeiten Vollzeit oder mit mindestens 80 Prozent**, sind organisatorisch den pflegerischen Zentrumsleitungen zugeordnet und werden fair nach E13 TVöD eingruppiert – also auf demselben Niveau wie wissenschaftliche Mitarbeitende oder Pädagog:innen an Schulen. Damit das Konstrukt nicht zerfasert, gibt es alle zwei Wochen ein APN-Netzwerktreffen, Workshops, kollegiale Beratung. Zwei Koordinator:innen begleiten neue APNs in der Rollenfindung. Rund 60 Prozent der APNs sind aus dem eigenen Haus heraus entwickelt worden – Mitarbeitende, die zum Studium ermutigt und auf dem Weg begleitet wurden. Die übrigen 40 Prozent kommen über externe Bewerbungen, deren Zahl stetig steigt. Du möchtest mehr über die Arbeit der APNs am Klinikum Stuttgart erfahren oder sogar in den Erfahrungsaustausch gehen? ****Am 29.10.2026 findet der zweite APN Kongress mit dem Schwerpunkt "APN X Change – Interdisziplinär & interprofessionell vernetzt. Gemeinsam handeln"** vor Ort statt. [Hier gehts zur Anmeldung ](https://www.klinikum-stuttgart.de/aktuell-im-klinikum/veranstaltungen/termin/apn-kongress?ref=uebergabe.de) ## Wirksamkeit messbar machen: Zahlen, Daten, Patient:innenstimmen Eine zentrale Frage bleibt: Wirkt das alles eigentlich? Am Klinikum Stuttgart beginnt jede APN-Beratung mit der Zielklärung – und der Frage, wie dieses Ziel messbar gemacht werden kann. Im Delirbereich war es die Reduktion der Delir-Inzidenz, nachweisbar durch Studiendaten. Heute kommen Kosten-Nutzen-Berechnungen, Anfragestatistiken, Schulungskennzahlen hinzu. In der Transitionspflege werden auch qualitative Daten erhoben: Patient:innenaussagen zu vermiedenen Wiedereinweisungen, Erlebnisse im Übergang nach Hause. In der Psychiatrie geht es um Gewaltreduktion durch Milieugestaltung, um Fixierungsraten, um strukturierte Übergaben. Klar ist aber auch: Eine klinikumsweite Wirksamkeitsstudie wäre intern wenig glaubwürdig – hier brauche es externe Forschung und Mehrklinik-Studien, sagen die Koordinator:innen offen. [AWMF Leitlinienregister![](https://static.ghost.org/v5.0.0/images/link-icon.svg)](https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/109-001?ref=uebergabe.de) ## Pflegediagnosen, gemeinsame Sprache und ein Patient:innenbrief Eine konsequente Arbeit mit [Pflegediagnosen](https://www.uebergabe.de/ug159/) und Pflege-Outcomes wäre die Voraussetzung dafür, Pflegewirksamkeit ähnlich nachweisbar zu machen wie ärztliche Interventionen. Auch der Wunsch nach einem gemeinsamen Patient:innenbrief – statt getrennten Ärzt:innenbriefen und Pflegeüberleitungsbögen – ist explizit formuliert. Eine Untersuchung im Haus zeigte: Die Delir-Verdachtsdiagnose schaffte es nur erschreckend selten in den Ärzt:innenbrief. Mit der Umstellung auf die digitale Patientenakte ist es nun möglich, dass das Delir-Team Ärzt:innen daran erinnert, die Diagnose zu dokumentieren und Hausärzt:innen um eine Nachkontrolle in sechs Monaten zu bitten. Ein erster Schritt in Richtung sektorenübergreifender Versorgung – mit Telepflege und [Community-Health-Nursing-Elementen](https://www.uebergabe.de/ug066/) als nächstem logischen Schritt. ## Vom Widerstand zur Augenhöhe - Wie sich die Zusammenarbeit mit der Medizin verändert Anfangs musste sich Juliane Spank gegenüber Ärzt:innen kontinuierlich behaupten. Medikationsempfehlungen aus der Pflege – das war für viele Neuland, teilweise Reibungsfläche. Heute melden sich gerade junge Assistenzärzt:innen aktiv beim Delir-Team. Was den Unterschied macht, ist weniger der Titel als die Haltung: keine Bevormundung, sondern gemeinsame Verantwortung. Und eine Sprache, die auf Evidenz basiert. Ein Beispiel: Bei den Impella-Patient:innen wurde die Mitarbeit an der Überarbeitung von SOPs skeptisch betrachtet – und plötzlich konnte es dem ärztlichen Dienst gar nicht schnell genug gehen, weitere Themen an die APNs zu übergeben. Genau hier braucht es Augenmaß: APNs dürfen nicht zur günstigen Assistenz werden. Aber die Richtung stimmt – Widerstand nimmt ab, Akzeptanz nimmt zu, Kolleg:innen kommen in die Beratung und überlegen, selbst ein Studium zu beginnen. ## Was Hochschulen mitgeben sollten und was die Praxis leisten muss Die Praxis zeigt deutlich, wo die Lücken zwischen Hochschule und Klinik liegen. Wer mit Master ankommt, hat den Werkzeugkasten – nicht aber automatisch die Erfahrung, ein komplexes Forschungsprojekt von A bis Z zu planen, Stichproben zu kalkulieren, Theorie-Praxis-Transfer zu organisieren. Spezifische APN-Studiengänge in Intensivpflege, Onkologie oder Notfallpflege machen den Einstieg erfahrungsgemäß leichter. Was sich aber kaum lehren lässt, ist soziale Kompetenz – und genau die ist in einer APN-Rolle elementar. Genauso wichtig: das Bewusstsein, Pionier:innenarbeit zu leisten, Widerstände einzukalkulieren, mit Unsicherheit umgehen zu können. Hier wünschen sich die Stuttgarter:innen mehr Vorbereitung an den Hochschulen. > *„Das Studium ist Mittel zum Zweck. Es bietet einen Werkzeugkasten, um in der direkten Versorgung wirklich etwas zu verändern." - Dr. Juliane Spank* ## Ein Forschungsinstitut, das aus der Praxis entsteht Aus dieser Gemengelage heraus entsteht aktuell etwas Neues: ein interdisziplinäres Forschungsinstitut. Die Idee kam aus der Praxis – aus dem Erleben, dass im Haus viele kluge Köpfe forschen, aber niemand voneinander weiß. Die Ressourcen werden nicht klug genutzt. Das Institut startet pflegerisch, soll aber Medizin und Therapieberufe einbeziehen. Ziel ist es, Interventionsbündel zu beforschen, Methoden zu vermitteln, APNs in ihrer Forschung zu begleiten – und Themen wie Führungskultur, Aromapflege oder Kinästhetik endlich solide zu evaluieren, statt sich auf das Bauchgefühl zu verlassen. Eine Vision, die in einem nicht-universitären Klinikum besonders bemerkenswert ist. ## Was Deutschland davon lernen kann Die nüchterne Diagnose der beiden Koordinator:innen: APNs in Deutschland bleiben weitgehend Pionier:innen. Es fehlen gesetzliche Rahmenbedingungen, eine geregelte Finanzierung, eine klare Kompetenzzuordnung. Es fehlen Karrierebänder wie in Großbritannien. Manche Häuser bezahlen den Mastergrad nach E9b – das macht den Beruf unattraktiv. Und es fehlt teilweise das Verständnis innerhalb der eigenen Berufsgruppe. Kolleg:innen, die Evidenzbasierung als Kern professioneller Pflege begreifen. Solange Pflegehandeln nicht begründbar bleibt, wird die Professionalisierung nicht abgeschlossen. > *„Wir brauchen in der Pflege ein Selbstverständnis dafür, dass Evidenzbasierung wichtig ist. Solange wir das nicht haben, wird der letzte Schritt zur Profession immer fehlen." - Philipp Strnad* Trotz allem überwiegt Optimismus: Die Versorgungslage wird komplexer, der Bedarf an APNs wächst. Wenn es gelingt, politisch Einfluss zu nehmen – [über Kammern, über eine pflegerische Interessenvertretung ](https://www.uebergabe.de/tag/pflegekammer/)– kann sich die Landschaft in zehn Jahren grundlegend verändert haben. Niemand wird kommen, um die Pflege zu retten. Das müssen Pflegefachpersonen selbst tun. ## Zum Weiterhören - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) - [ÜG113 – Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri)](https://www.uebergabe.de/ug113/) - [ÜG154 – APN bei neu dialysepflichtigen Personen (Dorothea Reihs & Regina Bartoldus)](https://www.uebergabe.de/ug154/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Pflegerische Maßnahmen zur Behandlung von Nebenwirkungen einer Bestrahlung URL: https://www.uebergabe.de/pflegerische-massnahmen-zur-behandlung-von-nebenwirkungen-einer-bestrahlung/ Last updated: 2026-09-14T18:52:01.000Z 🗓️ #131 | 21.05.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht pflegerische Interventionen bei Nebenwirkungen einer Strahlentherapie von Brustkrebspatient:innen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie wirksam pflegerische Maßnahmen dabei sind, Beschwerden wie Hautreizungen, Fatigue, Lymphödeme oder psychische Belastungen zu reduzieren. Die Autor:innen betrachten dabei insbesondere die Rolle von Pflegefachpersonen bei der Unterstützung, Beratung und Begleitung von Patient:innen während der Strahlentherapie. 💡 In Deutschland erkranken jedes Jahr rund 500.000 Menschen neu an Krebs. Nach Angaben des [Zentrums für Krebsregisterdaten ](https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Krebs%5Fgesamt/krebs%5Fgesamt%5Fnode.html?utm%5Fsource=chatgpt.com)wurden im Jahr 2023 etwa 517.800 Krebsneuerkrankungen diagnostiziert. Von diesen Patient:innen erhalten etwa [50 bis 60 Prozent](https://www.krebshilfe.de/informieren/therapie/strahlentherapie-radiotherapie-radiatio/?utm%5Fsource=chatgpt.com) im Laufe ihrer Erkrankung eine Strahlentherapie. Das bedeutet, dass jährlich ungefähr 250.000 bis 310.000 Krebspatient:innen in Deutschland bestrahlt werden. Die Strahlentherapie zählt damit neben der Operation und der medikamentösen Therapie zu den wichtigsten Säulen der Krebsbehandlung. Die Strahlentherapie wird bei vielen Krebsarten eingesetzt, beispielsweise bei Brustkrebs, Prostatakrebs, Lungenkrebs oder Tumoren im Kopf Hals Bereich. Sie kann heilend, unterstützend nach einer Operation oder zur Linderung von Beschwerden eingesetzt werden. Außerdem ist sie laut Deutscher Krebshilfe an etwa der Hälfte aller dauerhaften Tumorheilungen beteiligt. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit verschiedener pflegerischer Interventionen bei strahlentherapiebedingten Nebenwirkungen von Brustkrebspatient:innen zu bewerten. Dabei sollte untersucht werden, welche Maßnahmen von Patient:innen als hilfreich wahrgenommen werden und welche Beschwerden trotz pflegerischer Unterstützung weiterhin häufig auftreten. Außerdem wollten die Forschenden herausfinden, in welchen Bereichen der pflegerischen Versorgung noch Verbesserungsbedarf besteht. _This post is for paying subscribers only._ ### Junge Pflege Kongress 2026: Proud to become a nurse! URL: https://www.uebergabe.de/pu119/ Last updated: 2026-06-13T23:26:08.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - 2.800 junge Pflegende feiern in Bochum unter dem Motto „Proud to become a nurse! - , - \], ## Wenn 2.800 junge Pflegende laut werden: Was vom Kongress in Bochum hängen bleibt Es ist halb elf am Vormittag, in der Bochumer Kongresshalle haben gerade die ersten Vorträge geendet, und im Foyer drängen sich Menschen in Pflegekitteln, Schul-Hoodies und Verbands-Shirts. 2.800 junge Pflegefachpersonen und Auszubildende sind angereist, um einen ganzen Tag lang ein einziges Thema zu verhandeln: „Proud to become a nurse!". Stolz. Auf einen Beruf, der in den Medien meist nur dann auftaucht, wenn es um Skandale, Personalmangel oder Heldennarrative geht. Dazwischen liegt selten Raum für das, was Pflege tatsächlich ist – und genau dieser Raum war an diesem Tag aufgespannt. Wir haben für die Übergabe sechs Stimmen eingefangen, die den Kongress mitgestaltet, moderiert oder eingeordnet haben. Was dabei entstanden ist, ist weniger ein nostalgischer Rückblick als eine Bestandsaufnahme – und ein Auftrag an die nächste Generation. 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 300 Menschen, die uns bereits unterstützen.** Als Übergabe-Mitglied bekommst du [wöchentliche Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) direkt ins Postfach, Zugriff auf das komplette Archiv – und alle [Videokurse](https://www.uebergabe.de/tag/videokurs/), die dein Pflegewissen auf ein neues Level heben. Ab 5 € im Monat. Kündbar jederzeit. [Jetzt Mitglied werden – ab 5 €/Monat ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Warum dieser Kongress, warum dieses Motto? Jana, eine der Co-Koordinatorinnen aus der [AG Junge Pflege](https://www.junge-pflege.de/nordwest/?ref=uebergabe.de), beschreibt die Motivation hinter dem Motto sehr offen. Die AG habe sich in diesem Jahr viel mit sich selbst beschäftigt, mit der eigenen Aufstellung, mit dem, was junge Pflegende gerade trägt – und was sie eben nicht mehr trägt. Zukunftsangst, politische Unsicherheit, das Gefühl, ständig einstecken zu müssen: All das war Anlass, den Blick bewusst umzulenken. Auf etwas Positives. Auf den Stolz. Die AG wollte für die 2.800 Anwesenden so etwas wie eine Berufsstolzquelle sein, einen Kraftort, aus dem sich für die kommenden Berufsjahre schöpfen lässt. Eine Vorstellung, die durch den ganzen Kongresstag hindurchtrug. ## Berufsstolz war schon da – aber er sah anders aus Franziska Berghoff, Referentin beim Deutschen Pflegerat, hielt einen der Eröffnungsvorträge. Ihr Titel: Vom unsichtbaren Dienst zur Profession – was ist aus unserem Berufsstolz geworden? Schon die Formulierung legt nahe, dass es ihn früher gegeben haben muss. Und tatsächlich, sagt Berghoff, sei Berufsstolz in der Pflege keine neue Erfindung. Aber er habe auf ganz anderen Eckpfeilern geruht: dem Beziehungsgedanken, dem sozialen Aspekt, der Hingabe. Diese Anteile sind nicht verschwunden – sie sind heute aber eingebettet in etwas Größeres: Professionalisierung, Fachlichkeit, Spezialisierung, eine eigene Pflegeprozessverantwortung. Lange Zeit, so Berghoff, habe Pflege in Deutschland unter dem Deckmantel der Ärzteschaft gestanden. Ohne eigenen Wissenschaftskorpus konnten internationale Entwicklungen kaum aufgenommen werden. Heute, mit einer etablierten Akademisierung, könne man endlich nach außen schauen – nicht in Konkurrenz zur Medizin, sondern als eigenständiges Berufsfeld mit eigenen Stärken. Ihre Vision für die Zukunft: Pflegefachpersonen, die – ähnlich wie in der Medizin – auf allen Karrierestufen vertreten sind, die promovieren, die komplexe Pflegesituationen wissenschaftsbasiert lösen, die das Versorgungsgeschehen aktiv mitgestalten. Auf die Frage, wie lange das noch dauere, antwortet sie ehrlich: 20, 30 Jahre. Ein Marathon, kein Sprint. Aber jede einzelne Handlung zählt. > „Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wünsche ich mir, dass jede Pflegefachperson stolz morgens in die Arbeit geht und stolz ihre Arbeit machen kann." — Franziska Berghoff, Deutscher Pflegerat [Deutscher Pflegerat - Willkommen beim DPRWillkommen auf der Webseite des DPR! Wir vertreten als Bundesarbeitsgemeinschaft und Dachverband seit 1998 die bedeutendsten Berufsverbände des Pflege- und Hebammenwesens in Deutschland.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-93.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-27.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) ## Eine neue Definition – und was sie für den Alltag bedeutet Marina Kauer, stellvertretende Geschäftsführerin im DBfK Nordwest, sprach in Bochum über die neue ICN-Definition von professioneller Pflege, die im Juni 2025 in Helsinki veröffentlicht wurde. Die alte Definition stammte aus dem Jahr 2002 – also aus einer Zeit vor Pandemie, vor digitaler Transformation, vor demografischem Bruch. Sie wurde, so Kauer trocken, ohnehin kaum noch verwendet. Eine Definition, die niemand mehr nutzt, ist eben nur ein Stück Papier. Das Neue an der neuen Definition: Sie macht Autonomie zum Kern des Berufsverständnisses. Pflegefachpersonen handeln eigenständig, treffen Entscheidungen, tragen Verantwortung, gestalten Gesundheitssysteme aktiv mit – und tun das auf einer Basis aus Wissenschaft, Evidenz und kritischem Denken. Evidence-Based Nursing als Selbstverständnis, nicht als Schlagwort. Kauer macht aber auch klar: Die Definition wirkt nicht von selbst. Es kommt darauf an, was Pflegefachpersonen damit tun – in der Bildung, in der politischen Argumentation, in der Versorgungsgestaltung. Die ICN-Definition sei ein Kompass. Welche Richtung man einschlägt, entscheidet jede:r selbst. > „Die ICN-Definition ist ein Kompass. Es kommt darauf an, was wir Pflegende damit tun." — Marina Kauer, DBfK Nordwest [DBfK - Regionalverband NordwestInteressensvertretung beruflich Pflegender in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg und Bremen | Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe DBfK Nordwest e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-94.ico)Regionalverband Nordwest![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DBfK_Logo_Kuller-11.svg)](https://www.dbfk.de/de/dbfk/nordwest/?ref=uebergabe.de) ## Verantwortung war schon immer da – nur nicht immer klar Auf einem ganz anderen Strang des Kongresses bewegte sich [Prof. Dr. Erika Sirsch](https://www.uebergabe.de/ug029/) , Professorin für [Pflegewissenschaft an der Universität Duisburg-Essen](https://medizindidaktik.uk-essen.de/pflegewissenschaft?ref=uebergabe.de). Ihr Thema: Verantwortung. Und ihre zentrale Beobachtung: In der pflegerischen Versorgung gibt es eine ausgeprägte Verantwortungsdiffusion. Pflegefachpersonen übernehmen seit jeher Aufgaben, die formal nicht in ihrem Verantwortungsbereich liegen – informell, eingespielt, oft unbenannt. Umgekehrt landen pflegerische Aufgaben manchmal in anderen Händen. Mit dem Pflegekompetenzgesetz (BEEP) und den Vorbehaltsaufgaben ändert sich das, zumindest formal. Die Pflege von Menschen mit Demenz, Diabetes und chronischen Wunden geht – nach Ablegen entsprechender Prüfungen – in die formelle Verantwortung der Pflegefachpersonen über. Das, so Sirsch, ist nicht so sehr eine Übernahme neuer Aufgaben, sondern eine Klärung dessen, was de facto längst geschieht. Die Differenzierung zwischen Anordnungsverantwortung und Durchführungsverantwortung wird dabei zur Schlüsselunterscheidung. Und ja, sagt Sirsch, das mache vielen Pflegefachpersonen Angst – verständlicherweise. Aber wer Verantwortung nicht übernimmt, müsse dann auch akzeptieren, in bestimmten Prozessen nur noch ausführend, nicht mehr steuernd zu sein. Ihr Appell an die Auszubildenden: Es braucht Fachwissen, Fertigkeiten, eine gemeinsame Haltung zum Pflegeprozess, Mut – und vor allem kommunikative Kompetenz, um die eigene Verantwortung im interprofessionellen Team auch tatsächlich auszufüllen. ## Berufspolitik beginnt im Klassenraum Anne Hafenegger, Pflegepädagogin an der Uniklinik Köln und Kammerbotschafterin der Pflegekammer NRW, war mit rund 100 Auszubildenden aus dem dritten Ausbildungsjahr angereist. Ihr Steckenpferd: Berufspolitik in der Pflegeausbildung. Für sie hängt berufspolitisches Engagement eng mit dem Kohärenzgefühl in der Ausbildung zusammen – also mit dem Empfinden, dass die eigene Arbeit verstehbar, handhabbar und sinnhaft ist. Wer früh erlebt, dass sich Rahmenbedingungen verändern lassen, bleibt motivierter und länger im Beruf. Konkret heißt das: Auszubildende mit in den Landtag nehmen. Ehrenamtliche aus dem Berufsverband in den Unterricht einladen. Projekte machen, die zeigen, dass berufspolitisches Handeln wirksam ist. Und über die Pflegekammer sprechen – inklusive der 1,78 Euro Monatsbeitrag, die in NRW gerade Thema sind. „Eine Portion Suppengrün", so haben es Auszubildende in Hafeneggers Kurs ausgerechnet. Dafür eine Berufsordnung, eine Stimme, eine Vertretung. Hafeneggers Strategie gegen Kammer-Skepsis: in die Lebenswirklichkeit der Menschen eintauchen, fragen, was sie verbessern wollen – und dann zeigen, wie nah man damit am Proprium der Kammer ist. [Pflegekammer NRWAlle Infos zu den Leistungen für beruflich Pflegende lesen Sie hier. Jetzt Mitglied werden und Teil einer starken Stimme für die Pflege werden.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-14.svg)Pflegekammer NRW![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Politische-Arbeit_AdobeStock225169323-scaled.jpg.pagespeed.ce_.Vhqy1Nqu4x.webp)](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de) ## Sichtbarkeit jenseits der Krankenhausflure Dominik Stark, Fachkrankenpfleger für Intensiv und Anästhesie, Praxisanleiter, Vorstandsmitglied der Pflegekammer NRW und mit rund 90.000 Follower:innen quer über die Plattformen unterwegs, brachte ein weiteres Thema mit: Pflege auf Social Media. Seine Diagnose der Medienlandschaft fällt ernüchternd aus. In klassischen wie sozialen Medien wird Pflege oft als Skandal, Krise oder Aufopferungsdrama erzählt. Laienpflege, professionelle Pflege, Körperpflege – alles wird in einen Topf geworfen. Das Bild, das hängenbleibt, hat mit der Realität wenig zu tun. Starks Botschaft: Wenn wir uns nicht selbst zeigen, machen es andere. Und zwar ohne Fachwissen, ohne Differenzierung, ohne Anspruch. Reichweite kann auch mit guten Inhalten gelingen – ein gut gesetzter erster Satz, ein knackiger Hook, dann Fakten. Was Stark ablehnt, ist populistischer Clickbait ohne Substanz. Was er gleichzeitig spürt: Der größte Gegenwind kommt häufig aus der eigenen Berufsgruppe. Auf eine Folge zu Medical Gaslighting und der rassistischen Pseudodiagnose „Morbus mediterraneus" folgten persönliche Angriffe aus dem eigenen Community-Umfeld – mit teils heftigen Worten. Stark zieht daraus eine doppelte Konsequenz: Social Media nutzen, ja. Aber nicht als alleinigen Ort der Sichtbarkeit. Berufspolitischer Unterricht in den Schulen, Präsenz auf den Stationen, Journal Clubs, Begegnung – das sei genauso wichtig wie das Smartphone. > „Berufsstolz ist nichts Statisches. Er entwickelt sich – und er kann auch verletzt werden. Wir müssen lernen, ihn zu beschützen." — Jana Feldwieser-Knahl, Co-Koordinatorin AG Junge Pflege ## Was bleibt: Ein Fangnetz und ein Auftrag Wer den Kongress in einem Satz zusammenfassen will, kommt an Janas Schlusswort kaum vorbei. Berufsstolz, sagt sie, sei nichts, was man im Vorlesungssaal lerne oder in einem Lehrbuch nachschlage. Berufsstolz entwickle sich. Er könne wachsen, er könne verletzt werden, er sei nichts Statisches. Die Aufgabe der jungen Generation bestehe darin, diesen Stolz zu erkennen, ihn zu kultivieren – und ihn vor allem zu beschützen, weil es im Berufsalltag genug gibt, was ihn beschädigt. Was Auszubildende brauchen, wenn sie mit dieser Haltung in die Praxis gehen, ist ein Fangnetz. Für Jana sind das die Menschen in ihrer AG, ihre Verbandsfreund:innen, die Treffen, bei denen es eben nicht nur um Kongressplanung geht, sondern um die Frage: Wie geht es dir gerade? Und ähnlich denkt Marina Kauer: Eine starke Gemeinschaft – ob im DBfK, in der AG Junge Pflege, in regionalen Strukturen – ist eine der wichtigsten Ressourcen für eine Generation, die viel Verantwortung übernehmen wird. Nicht jede Stimme muss laut sein. Aber gemeinsam müssen wir laut sein. Das ist vielleicht die ehrlichste Bilanz dieses Kongresstages: Stolz ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Eine, die alle gemeinsam üben müssen. ## Save the date: Junge Pflege Kongress 2027 Der Junge Pflege Kongress findet im nächsten Jahr am **20\. Mai 2027** statt - wieder im RuhrCongress in Bochum. Auf der Webseite der [AG Junge Pflege](https://www.junge-pflege.de/nordwest/junge-pflege-kongress/?ref=uebergabe.de) finden sich alle relevanten Informationen rund um den Kongress. ### Was beeinflusst eigentlich gute Zusammenarbeit? URL: https://www.uebergabe.de/was-beeinflusst-eigentlich-gute-zusammenarbeit/ Last updated: 2026-09-14T18:52:03.000Z 🗓️ #130 | 14.05.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht, welche Faktoren die Zusammenarbeit innerhalb von Pflegeteams auf Krankenhausstationen beeinflussen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Pflegefachpersonen miteinander sowie mit Ärzt:innen zusammenarbeiten und welche Bedingungen eine gute Teamkultur fördern oder erschweren. Die Forschenden gehen davon aus, dass eine gute Zusammenarbeit die Versorgungsqualität und die Patient:innensicherheit verbessert. 💡 In Deutschland arbeiten derzeit rund[ 1,7 Millionen Menschen](https://www.zqp.de/schwerpunkt/professionell-pflegende/?utm%5Fsource=chatgpt.com) in professionellen Pflegeberufen. Dazu zählen Pflegefachpersonen in Krankenhäusern, stationären Pflegeeinrichtungen, ambulanten Pflegediensten sowie weitere pflegerische Tätigkeitsfelder. Die Zahl der Beschäftigten in der Pflege ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen, unter anderem aufgrund des demografischen Wandels und des steigenden Pflegebedarfs. Ein großer Teil der professionell Pflegenden arbeitet im Krankenhaus. Nach Angaben des [Statistischen Bundesamtes ](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Bevoelkerungsvorausberechnung/pflegekraeftevorausberechnung.html?nn=208696&ref=uebergabe.de#nachfrage)waren bereits im Jahr 2019 etwa 44 % aller professionell Pflegenden in Krankenhäusern tätig. Aktuelle Berechnungen und Erhebungen zeigen zudem, dass in deutschen Krankenhäusern mehrere hunderttausend Pflegefachpersonen beschäftigt sind. Für das Jahr 2024 wurden rund 409.000 Pflegevollkräfte in Kliniken angegeben. Dabei handelt es sich um sogenannte Vollzeitäquivalente, weshalb die tatsächliche Zahl der beschäftigten Personen höher liegt, da viele Pflegende in Teilzeit arbeiten. ## Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie bestand darin, Faktoren zu identifizieren, die die Teamzusammenarbeit von Pflegefachpersonen auf Stationen beeinflussen. Dabei sollte insbesondere untersucht werden, welche persönlichen und arbeitsbezogenen Bedingungen die Zusammenarbeit fördern oder verschlechtern. Die Ergebnisse sollen dabei helfen, die interprofessionelle Zusammenarbeit in Krankenhäusern gezielt zu verbessern. _This post is for paying subscribers only._ ### Nachhaltigkeit in der Pflegeausbildung (Sarah Fliesgen & Luka Eulberg) URL: https://www.uebergabe.de/ug187/ Last updated: 2026-06-13T13:06:37.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Gesundheitswesen verursacht 5-6% der deutschen Treibhausgasemissionen. - Nachhaltigkeit ist im ICN-Ethikkodex verankert, aber kaum bekannt. - Das Projekt BBNE-PfleGe schult Praxisanleitende als Multiplikator:innen für nachhaltige Pflege. - Ein Handschuh verursacht 29-mal mehr Emissionen als eine Händedesinfektion. - Nachhaltigkeit umfasst auch Arbeitsbedingungen, Ökonomie und politische Wirksamkeit. ## Nachhaltigkeit in der Pflegeausbildung: Wie ein Projekt den Wandel von innen heraus anstoßen will Es gibt Themen, die überall auftauchen – in der Politik, im Supermarkt, auf Social Media – und trotzdem in bestimmten Bereichen noch kaum ankommen. Die Pflege ist eines dieser Felder: Das Gesundheitswesen verursacht in Deutschland zwischen fünf und sechs Prozent aller Treibhausgasemissionen, und doch ist das Bewusstsein dafür in der täglichen Praxis oft erschreckend gering. Genau hier setzt das Projekt BBNE-PfleGe an – und es hat dafür im Dezember sogar den Deutschen Nachhaltigkeitspreis gewonnen. [Sieger und Finalisten | Deutscher Nachhaltigkeitspreis![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-92.ico)Deutscher Nachhaltigkeitspreis![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Header_Gesundheit_2024.jpg)](https://www.nachhaltigkeitspreis.de/gesundheit/preistraeger-gesundheit/2025-1/sieger-und-finalisten?ref=uebergabe.de) ## Was steckt hinter dem Kürzel BBNE-PfleGe? BBNE steht für „Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung" – ein Begriff, der in der Pädagogik seit Jahren etabliert ist und das Ziel verfolgt, Nachhaltigkeitskompetenzen in alle formalen und informellen Bildungsbereiche zu bringen. Von der frühkindlichen Bildung über die Schule bis zur Berufsausbildung. Der Zusatz „PfleGe" steht für Praxisanleitende in Pflege- und Gesundheitsberufen als Schlüsselpersonen. ****Du liest die Übergabe. Aber du siehst nur die Hälfte.** Unsere [****Briefings**](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) fangen dort an, wo der Podcast aufhört: fundierte Artikel zu den Themen, die im Pflegealltag wirklich wichtig sind. Zuletzt: [Stürze auf der Intensivstation vermeiden](https://www.uebergabe.de/sturze-auf-der-intensivstation-vermeiden/) Dazu unser Videokurs [****Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege**](https://www.uebergabe.de/wissenschaftliches-arbeiten-in-der-pflege-einstieg-in-die-pflegeforschung/) – für alle, die ihren Beruf nicht nur ausüben, sondern verstehen wollen. **psssst: wir bereiten grad zwei neue Videokurse vor... 😉* Alles das bekommst du als Mitglied. [Jetzt freischalten -> ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) Hinter dem Projekt stehen drei Kooperationspartner: der [Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de) (DBfK), die [Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit](https://www.klimawandel-gesundheit.de/?ref=uebergabe.de) (KLUG) sowie der [Berliner Bildungscampus](https://www.bildungscampus-berlin.de/?ref=uebergabe.de). Gefördert wird es durch den [Europäischen Sozialfonds](https://www.esf.de/portal/DE/Startseite/inhalt.html?ref=uebergabe.de) und das [Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend](https://www.bmbfsfj.bund.de/?ref=uebergabe.de). Das [Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)](https://www.bibb.de/?ref=uebergabe.de) begleitet das Projekt fachlich im Rahmen seiner Förderphase „Nachhaltig im Beruf". [KLUG | Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V.Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. – kurz KLUG – wurde 2017 als gemeinnütziger Verein gegründet und ist ein schnell wachsendes Netzwerk aus Expert:innen, wissenschaftlichen Einrichtungen und vielen weiteren Akteuren des Gesundheitssektors. KLUG macht auf die weitreichenden Folgen der Klima- und Umweltkrise für die Gesundheit aufmerksam und befähigt insbesondere Menschen aus Gesundheitsberufen, die notwendige Transformation hin zu einer klimagerechten Gesellschaft aktiv mitzugestalten.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-91.ico)Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ZG_KLUGxBARMER_Web_wide_1600x600-Kopie.jpg)](https://www.klimawandel-gesundheit.de/?ref=uebergabe.de) Die Idee entstand aus der Erkenntnis heraus, dass sich alle gesellschaftlichen Bereiche im Rahmen einer sozial-ökologischen Transformation verändern müssen – auch das Gesundheitswesen. Und dass die Menschen, die täglich in diesen Feldern arbeiten, die besten Expertinnen und Experten für ihren eigenen Bereich sind. ## Warum die Pflege? Warum jetzt? Dass der ICN-Ethikkodex, der ethische Orientierungsrahmen für Pflegefachpersonen weltweit, den Schutz der natürlichen Umwelt und den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen explizit als Teil des professionellen Selbstverständnisses definiert, ist vielen schlicht nicht bekannt. In Fortbildungen berichten die Projektmitarbeiterinnen Sarah Fliesgen und Luka Eulberg immer wieder, dass Teilnehmende davon zum ersten Mal hören – obwohl sie schon seit Jahren im Beruf tätig sind. > *„In der Theorie ist Nachhaltigkeit im berufsethischen Bild der Pflege ganz klar verankert – aber wir erleben immer wieder, dass das den meisten Menschen wirklich nicht bewusst ist, und dass die das in unserer Fortbildung zum ersten Mal hören."* > *– Luka Eulberg* Das ist keine Kritik an einzelnen Personen, sondern ein strukturelles Problem: Das Thema Nachhaltigkeit und planetare Gesundheit fehlt schlicht in der Ausbildung, in den Curricula, in der alltäglichen Fachsprache. Und das, obwohl die Zusammenhänge längst belegt sind. Der Klimawandel trifft das Gesundheitswesen von zwei Seiten: Einerseits trägt es selbst zur Klimakrise bei – etwa durch Medikamente und Einmalprodukte, die zusammen fast 50 Prozent der Emissionen im Gesundheitssektor ausmachen. Andererseits werden Pflegefachpersonen zunehmend mit den Folgen der Erderwärmung konfrontiert: mehr Hitzewellen, mehr Patient:innen in Extremwetterlagen, neue Krankheitsbilder. Wer in einem Krankenhaus ohne Klimaanlage im Hochsommer Dienst schiebt, spürt das am eigenen Leib. ## Der Handschuh als Symbol für ein System Eines der eindrücklichsten Beispiele aus der Fortbildung ist der Handschuhgebrauch. Ein einzelner Handschuh verursacht 29-mal so viele Emissionen wie eine Händedesinfektion – und trotzdem werden Handschuhe in der Praxis häufig unreflektiert und weit über die hygienisch notwendigen Situationen hinaus verwendet. Das hat sich nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie eingeschlichen, als persönliche Schutzausrüstung nahezu reflexartig eingesetzt wurde. Das bedeutet nicht, Hygienevorschriften auszuhebeln – im Gegenteil. Es geht darum, blinde Flecken sichtbar zu machen und sich die bestehenden Indikationen für den Handschuhgebrauch bewusst wieder anzueignen. Umweltschutz und Infektionsprävention schließen sich dabei nicht aus, sie können Hand in Hand gehen. Ein weiteres Beispiel sind Anästhesiegase: Besonders klimaschädliche Substanzen wie Desfluran werden inzwischen kaum noch eingesetzt, weil frühzeitige Aufklärungsarbeit gefruchtet hat und viele Häuser auf intravenöse Narkosen umgestiegen sind. Das zeigt: Sensibilisierung wirkt – wenn sie dort ansetzt, wo Entscheidungen täglich getroffen werden. ## Der Multiplikatoreffekt: Warum Praxisanleitende im Fokus stehen Das Projekt richtet sich nicht direkt an Auszubildende oder die Krankenhausleitung, sondern an eine Schlüsselgruppe: Praxisanleitende. Der Grund ist strategisch klug: Sie stehen in direktem Kontakt mit Auszubildenden – das erzeugt einen Multiplikatoreffekt. Gleichzeitig haben sie eine Vorbildfunktion für das gesamte Team. > *„Wenn eine Person versteht, warum sie ihr Verhalten verändern soll, und einen Sinn dahinter sieht, tut sie es sehr viel eher, als wenn eine Leitung kommt und sagt: Ab sofort nur noch zehn Handschuhe am Tag."* > *– Sarah Fliesgen* Wer aus intrinsischer Motivation heraus handelt – weil er oder sie verstanden hat, warum Veränderung sinnvoll ist –, trägt diese Veränderung auch nach außen. Die Forschung zeigt: Es braucht nur etwa zehn Prozent einer Belegschaft, die eine Überzeugung wirklich leben, um andere mitzunehmen. Praxisanleitende können genau diese zehn Prozent sein. Die achtstündige Fortbildung, die im Rahmen der verpflichtenden 24-Stunden-Fortbildung für Praxisanleitende angerechnet werden kann, folgt einem klaren Ablauf: Einstieg mit Reflexion eigener Haltungen, fachlicher Input zu planetarer Gesundheit, Rollendiskussion und am Nachmittag eine Transferphase, in der die Teilnehmenden eine konkrete Arbeits- und Lernaufgabe für ihre Auszubildenden entwickeln. Kein aufgesetztes Modul, sondern ein Querschnittsthema, das sich in bestehende Ausbildungsprozesse integrieren lässt. ## Vom Fußabdruck zum Handabdruck Ein zentrales Konzept der Fortbildung ist der Handabdruck – ein Gegenmodell zum klassischen ökologischen Fußabdruck. Während der Fußabdruck fragt, wie viele Emissionen ich durch mein persönliches Verhalten verursache, fragt der Handabdruck: Wie kann ich durch mein Handeln Strukturen so verändern, dass nachhaltiges Verhalten für viele Menschen möglich wird? Statt sich täglich zu fragen, ob man mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, könnte man sich dafür einsetzen, dass in der Klinik ein Jobrad-Programm eingeführt wird – was dann für viele Kolleg:innen einen Unterschied macht. Im pflegerischen Alltag könnte das bedeuten: Prozesse hinterfragen, Leitungen einbeziehen, neue Abläufe anstoßen. Genau das passiert tatsächlich: Eine Teilnehmerin meldete sich Wochen nach der Fortbildung zurück und berichtete, dass sie eigeninitiativ den Vertrieb kontaktiert hatte, um nachhaltigere Alternativen zu Einmalprodukten zu finden – und damit auf ihre Stationsleitung zugegangen war. Keine Anweisung von oben, kein Projekt – einfach der Wunsch, etwas zu verändern. ## Nachhaltigkeit ist mehr als Ökologie Ein häufiges Missverständnis: Nachhaltigkeit wird mit Ökologie gleichgesetzt, mit Mülltrennung und CO₂-Bilanzen. Dabei umfasst das Konzept drei Dimensionen – ökologisch, ökonomisch und sozial –, die gleichrangig sind und voneinander abhängen. > *„Nachhaltigkeit hat nicht nur eine ökologische Dimension. Sie hat genauso eine ökonomische und eine soziale – und die müssen immer in Abhängigkeit voneinander gedacht werden. Auch die Arbeitsbedingungen in der Pflege gehören dazu."* > *– Luka Eulberg* In der Pflege bedeutet das: Wer über Nachhaltigkeit spricht, spricht auch über Arbeitsbedingungen, Zeitdruck, Bezahlung und Fachkräftemangel. Der Kostendruck, der dazu führt, dass Einmalmaterial scheinbar günstiger ist als Mehrweglösungen, ist keine ökologische, sondern eine strukturelle Frage. Und die hat eine politische Dimension. Die Fortbildung macht bewusst Raum für genau diese Auseinandersetzung – ohne Zeigefinger, ohne Schuldgefühle. Es geht nicht darum, Pflegefachpersonen individuell verantwortlich zu machen für ein systemisches Problem. Es geht darum, ihnen zu zeigen, dass sie auf mehreren Ebenen wirksam sein können: im eigenen Handeln, in der Einrichtung, und – als Teil einer Berufsgruppe von rund 1,7 Millionen Menschen in Deutschland – auch politisch. ## Was als nächstes kommen soll Das Projekt läuft noch bis Juni 2026 und hat bislang über 2.000 Praxisanleitende erreicht, mit mehr als 50 Kooperationspartner:innen bundesweit. Zusätzlich zur achtstündigen Fortbildung gibt es ein Train-the-Trainer-Programm über 24 Stunden, das sich an Bildungspersonal richtet – Praxisanleitende, Lehrende an Pflegeschulen, freiberufliche Dozent:innen – und sie befähigt, das Thema selbst in ihrer Einrichtung zu verankern. Langfristiges Ziel ist eine strukturelle Verankerung: in den Rahmenlehrplänen der Pflegeausbildung nach § 53 Pflegeberufegesetz. Die zuständige Fachkommission beim BIBB wurde bereits kontaktiert, die nächste Überarbeitung der Rahmenempfehlung wird für 2029 erwartet. Bis dahin sollen möglichst viele Schulen das Thema eigeninitiativ in ihre Curricula aufnehmen – wofür das Train-the-Trainer-Programm die Grundlage legt. Ein Folgeprojekt ist beantragt, in dem unter anderem mehr Webinare zu Einzelthemen wie Medikamentengebrauch und Abfallentsorgung sowie niedrigschwellige Bildungsmaterialien geplant sind. Außerdem soll die Lernortkooperation zwischen Pflegeschule und Ausbildungsbetrieb gestärkt werden – denn was in der Praxis gelernt wird, muss mit dem verzahnt sein, was in der Schule gelehrt wird. ## Zum Weiterhören - [ÜG075 – Klima, Pflege und Gesundheit (Jessica Esser & David Vogel)](https://www.uebergabe.de/ug075/) - [ÜG141 – Hitzeschutz als Gesundheitsschutz (Ulrike Krol & Jana Luntz)](https://www.uebergabe.de/ug141/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- ### Stürze auf der Intensivstation vermeiden URL: https://www.uebergabe.de/sturze-auf-der-intensivstation-vermeiden/ Last updated: 2026-09-14T18:52:05.000Z 🗓️ #129 | 07.05.2026 ## Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit der Einschätzung von Sturzrisiken und der Umsetzung von Sturzpräventionsmaßnahmen auf Intensivstationen. Dabei wird untersucht, wie gut bestehende Standards in der Praxis eingehalten werden und welche Faktoren die Umsetzung beeinflussen. Zusätzlich werden Wahrnehmungen von Pflegefachpersonen zu Hindernissen und unterstützenden Faktoren analysiert. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie ist es, die aktuellen Praktiken zur Sturzrisikoeinschätzung und Sturzprävention systematisch zu überprüfen und mit evidenzbasierten Leitlinien zu vergleichen. Gleichzeitig soll herausgefunden werden, welche Barrieren und förderlichen Bedingungen aus Sicht der Pflegefachpersonen bestehen. Dadurch sollen konkrete Ansatzpunkte zur Verbesserung der Patientensicherheit identifiziert werden. 💡 Die Datenlage zu Stürzen in deutschen Krankenhäusern ist nicht einheitlich, da es keine zentrale, jährlich veröffentlichte Gesamtzahl aller Sturzereignisse gibt. Stattdessen werden Sturzraten meist als Prozentsätze oder Ereignisse pro Patient:innen angegeben. Dennoch lassen sich aus Studien und Hochrechnungen plausible Größenordnungen ableiten. In Deutschland werden pro Jahr etwa 17,5 Millionen Patient:innen stationär im Krankenhaus behandelt. Eine [Studie ](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/31095-wie-viele-patienten-stuerzen-in-deutschen-kliniken?utm%5Fsource=chatgpt.com)aus dem Jahr 2004 zeigte, dass 3,1 der untersuchten Patient:innen während ihres Krankenhausaufenthaltes mindestens einmal stürzten. Überträgt man diese Rate auf alle Krankenhausaufenthalte, ergibt sich eine grobe Größenordnung von etwa 500.000 bis 600.000 Sturzereignissen pro Jahr in deutschen Krankenhäusern. Diese Zahl ist eine Näherung, da einzelne Patient:innen mehrfach stürzen können und nicht alle Ereignisse erfasst werden. Zusätzlich zeigen internationale [Vergleichswerte](https://www.gkv-90prozent.de/ausgabe/25/gut-informiert/25%5Fsturzprophylaxe/25%5Fsturzprophylaxe.html?utm%5Fsource=chatgpt.com), dass etwa 12 von 1.000 Patient:innen pro Tag im Krankenhaus stürzen, was diese Größenordnung grundsätzlich stützt. Die Spannbreite ist allerdings groß: Je nach Fachbereich und Patient:innenstruktur liegt der Anteil der Gestürzten zwischen etwa 3 % und bis zu 37 % , wobei hohe Werte vor allem in geriatrischen oder rehabilitativen Settings auftreten. Ein erheblicher Teil der Stürze bleibt ohne schwere Folgen, aber rund 17 % führen zu behandlungsbedürftigen Verletzungen . Für Intensivstationen existieren deutlich weniger spezifische Zahlen. Generell gilt, dass Patient:innen auf Intensivstationen häufiger immobilisiert, sediert oder überwacht sind, wodurch klassische Sturzereignisse seltener auftreten als auf Normalstationen. Studien zeigen jedoch, dass Stürze auch dort vorkommen, etwa im Zusammenhang mit Delir, Mobilisationsmaßnahmen oder Eigenmobilisation. Genaue nationale Jahreszahlen für Intensivstationen in Deutschland werden nicht routinemäßig berichtet. Aus internationalen Studien lässt sich ableiten, dass die Sturzraten auf Intensivstationen deutlich unter denen von Normalstationen liegen, typischerweise im Bereich von unter 1 % der Patient:innen, womit sich grob geschätzt nur ein kleiner Anteil (einige Tausend bis wenige Zehntausend Fälle jährlich) auf Intensivstationen ereignet. Eine belastbare, deutschlandweite absolute Zahl fehlt jedoch. _This post is for paying subscribers only._ ### Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung / NANDA wird zu INKA URL: https://www.uebergabe.de/pu118/ Last updated: 2026-07-02T09:47:32.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Regierung will GKV-Ausgaben begrenzen und Beitragssätze stabil halten. - Kliniken und ver.di warnen: Pflegebudget-Begrenzung gefährdet Personal und Patient:innensicherheit. - Warken setzt auf Strukturreform, Spezialisierung und Stärkung der Primärversorgung. - NANDA wird zu INKA - Pflegediagnosen sollen wissenschaftlich fundierter werden. - Pflegekammer RLP muss Zukunftskonzept bis 5\. Mai nachbessern. # Sparpläne im Gesundheitswesen: ## Finanzpolitischer Druck trifft auf Versorgungsrealität Die Diskussion um die geplanten Sparmaßnahmen im deutschen Gesundheitswesen hat sich in den vergangenen Wochen deutlich intensiviert. Ausgangspunkt ist die angespannte finanzielle Lage der **gesetzlichen Krankenversicherung**, auf die die Bundesregierung mit einem **Maßnahmenpaket** reagieren möchte. Ziel ist es, die Ausgabenentwicklung zu begrenzen und gleichzeitig die Beitragssätze stabil zu halten. In diesem Kontext stehen insbesondere Anpassungen im Krankenhausbereich im Fokus. Dazu zählen unter anderem geplante Begrenzungen von Vergütungssteigerungen sowie Veränderungen bei der Finanzierung pflegerischer Leistungen. Ein zentraler Diskussionspunkt ist dabei das Pflegebudget, das seit seiner Einführung im Jahr 2020 eine separate Finanzierung der Pflegepersonalkosten ermöglicht. ## Kritik aus Kliniken und Interessenvertretungen Aus den Krankenhäusern selbst kommt deutliche Kritik an den geplanten Maßnahmen. Laut der [Gewerkschaft ver.di](https://www.verdi.de/gesundheit-soziales-bildung/mein-arbeitsplatz/krankenhaus/protest-den-kliniken?ref=uebergabe.de) haben Betriebs- und Personalräte, die mehrere hunderttausend Beschäftigte vertreten, in einem gemeinsamen Schreiben vor möglichen negativen Auswirkungen gewarnt. Im Mittelpunkt stehen Befürchtungen, dass sich Arbeitsbedingungen verschlechtern und die Patient:innensicherheit beeinträchtigt werden könnte. Besonders kritisch wird die geplante Begrenzung des Pflegebudgets bewertet. Auch die Einschränkung der vollständigen Refinanzierung von Tarifsteigerungen wird als problematisch angesehen. Hintergrund ist die Annahme, dass steigende Personalkosten bei begrenzten Budgets innerhalb der Einrichtungen kompensiert werden müssen. Ähnliche Einschätzungen finden sich auch in Stellungnahmen von Krankenhausvertretungen. Dort wird darauf hingewiesen, dass finanzielle Restriktionen zu einem erhöhten Druck auf Personalstrukturen führen können. Die Sorge besteht darin, dass bereits erreichte Verbesserungen in der Personalausstattung wieder relativiert werden. 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 300 Menschen, die uns bereits unterstützen.** Als Übergabe-Mitglied bekommst du [wöchentliche Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) direkt ins Postfach, Zugriff auf das komplette Archiv – und alle [Videokurse](https://www.uebergabe.de/tag/videokurs/), die dein Pflegewissen auf ein neues Level heben. Ab 5 € im Monat. Kündbar jederzeit. [Jetzt Mitglied werden – ab 5 €/Monat ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Position der Bundesregierung und geplante Strukturveränderungen Die Bundesregierung, vertreten durch Gesundheitsministerin Nina Warken, verteidigt die Reformpläne und betont die Notwendigkeit struktureller Anpassungen. Aus Sicht des Ministeriums ist eine Begrenzung der Ausgabenentwicklung unumgänglich, da langfristig nicht mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden können, als das System einnimmt. Gleichzeitig verweist die Ministerin auf geplante Investitionen in die Krankenhausstruktur. Ziel ist es, die Versorgung stärker zu spezialisieren und Ressourcen gezielter einzusetzen. Dabei soll nicht jedes Krankenhaus alle Leistungen anbieten, sondern eine stärkere Bündelung komplexer Behandlungen erfolgen. Diese Entwicklung wird von politischen Entscheidungsträger:innen als notwendiger Schritt zur Sicherung der Versorgungsqualität interpretiert. Kritische Stimmen weisen jedoch darauf hin, dass mit solchen Strukturveränderungen auch Veränderungen in der regionalen Versorgungslandschaft einhergehen können. [Bundeskabinett beschließt GKV-BeitragssatzstabilisierungsgesetzMit der Begrenzung der Ausgabendynamik in allen Bereichen des Gesundheitswesens werden Versicherte von steigenden Zusatzbeiträgen entlastet und eine hochwertige Versorgung für die kommenden Jahre sichergestellt.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-89.ico)BMGBundesgesundheitsministerin Nina Warken](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/gkv-beitragssatzstabilisierungsgesetz-kabinett-29-04-26?ref=uebergabe.de) ## Primärversorgung als strategischer Ansatz Ein weiterer zentraler Bestandteil der Reformüberlegungen betrifft die zukünftige Organisation der Versorgung. In diesem Zusammenhang gewinnt das Konzept der Primärversorgung an Bedeutung. Patient:innenströme sollen stärker gesteuert und Versorgung effizienter organisiert werden. Dies soll beispielsweise über hausärztliche Strukturen oder digitale Ersteinschätzungen erfolgen. Gleichzeitig wird eine stärkere interprofessionelle Zusammenarbeit angestrebt. In der gesundheitspolitischen Diskussion wird dabei zunehmend die Rolle von Pflegefachpersonen berücksichtigt. Insbesondere in internationalen Versorgungssystemen übernehmen sie bereits eigenständige Aufgaben in der Primärversorgung. Der Ausbau entsprechender Strukturen wird als langfristige Entwicklung betrachtet, deren konkrete Ausgestaltung in Deutschland derzeit noch offen ist. ## Öffentlicher Protest und berufspolitische Forderungen Parallel zur politischen Debatte ist auch eine zunehmende Mobilisierung innerhalb der Pflege zu beobachten. Im Rahmen des sogenannten [„Walk of Care“](https://www.dbfk.de/de/newsroom/aktuelles/meldungen/2026/2026-05-12-heraus-zum-walk-of-care-in-berlin.php?ref=uebergabe.de) werden regelmäßig Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und zur Stärkung der Profession formuliert. Im Zentrum stehen dabei unter anderem Themen wie berufliche Selbstverwaltung, Ausbildungsbedingungen und die strukturelle Verankerung von Pflege im Gesundheitssystem. Diese Entwicklungen zeigen, dass pflegepolitische Themen nicht nur auf institutioneller Ebene, sondern auch öffentlich stärker sichtbar werden. ## Zum Weiterhören - [PU115 – Pflegebudget / Update zur Krankenhausreform / Landtagswahl in RLP](https://www.uebergabe.de/pu115/) - [PU114 – Diskussionen zum Pflegebudget / Landtagswahl in Baden-Württemberg](https://www.uebergabe.de/pu114/) - [PU116 – BAPID III / Rahmenempfehlung zur Implementierung von APN in deutschen Krankenhäusern](https://www.uebergabe.de/pu116/) --- # Von NANDA zu INKA - Pflegediagnosen im Wandel ## Umbenennung als Teil eines größeren Entwicklungsprozesses Neben den finanz- und strukturpolitischen Themen gibt es auch Entwicklungen auf fachlicher Ebene. Eine davon ist die Umbenennung von [NANDA International](https://nanda.org/?ref=uebergabe.de) in die **International Nursing Knowledge Association (INKA)**. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein Rebranding. Tatsächlich steht die Umbenennung jedoch für eine inhaltliche Weiterentwicklung. Ziel ist es, pflegerisches Wissen stärker systematisch zu erfassen und weiterzuentwickeln. ## Bedeutung von Pflegediagnosen für die Profession Pflegediagnosen gelten als ein zentrales Instrument professioneller Pflege. Sie ermöglichen eine strukturierte Einschätzung von Pflegebedarfen und bilden die Grundlage für pflegerische Entscheidungen. Dabei verbinden sie drei zentrale Elemente: Beobachtung, Bewertung und Ableitung von Maßnahmen. In vielen internationalen Kontexten sind entsprechende Klassifikationssysteme fest in die Versorgung integriert. In Deutschland zeigt sich hingegen ein heterogenes Bild. Während Pflegediagnosen in der Ausbildung verankert sind, werden sie in der Praxis unterschiedlich angewendet. Ein häufig genannter Grund für die eingeschränkte Nutzung liegt in der Wahrnehmung von Pflegediagnosen als Dokumentationsinstrument. Wird der Fokus primär auf formale Anforderungen gelegt, bleibt ihr fachlicher Nutzen häufig ungenutzt. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Integration solcher Systeme stark von organisatorischen Rahmenbedingungen abhängt. Dazu zählen unter anderem Schulungskonzepte, digitale Systeme und die Einbindung in Arbeitsprozesse. Mit der Neuausrichtung wird ein stärkerer Fokus auf Forschung, Digitalisierung und internationale Vergleichbarkeit gelegt. Ziel ist es, pflegerische Entscheidungsprozesse besser zu strukturieren und wissenschaftlich zu fundieren. Ob und in welchem Umfang diese Entwicklung die Praxis beeinflusst, hängt maßgeblich von der Implementierung in den Einrichtungen ab. Wie Pflegediagnosen genutzt werden können, zeigt ein [Pflegebriefing](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) zum Thema Mangelernährung: [Gefahr einer Mangelernährung älterer Patient:innen im Krankenhaus - ÜbergabeGefahr einer Mangelernährung älterer Patient:innen im Krankenhaus![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-111.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/dall-c2-b7e-2023-05-31-19.26.09-eating-a-meal-in-a-hospital-artistic.png)](https://www.uebergabe.de/gefahr-einer-mangelernaehrung-aelterer-patientinnen-im-krankenhaus/) --- ## Pflegekammer Rheinland-Pfalz erhält Fristverlängerung Die **Pflegekammer Rheinland-Pfalz muss ihr Zukunftskonzept nachbessern**. Das Gesundheitsministerium des Landes bewertet die bisher vorgelegten Inhalte als nicht ausreichend und hat eine Frist bis zum 5\. Mai gesetzt. Sollte die Kammer die geforderten Anpassungen nicht konkret vorlegen, behält sich das Ministerium - als Rechtsaufsicht - vor, selbst Maßnahmen einzuleiten oder eine externe Beauftragte einzusetzen. Die Situation zeigt, dass die Diskussion um die Zukunft der Kammer weiterhin ungelöst ist. [Homepage — Landespflegekammer Rheinland-PfalzGemeinsam stark für die Pflege![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Short-4.svg)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Human-body-1.png)](https://pflegekammer-rlp.de/?ref=uebergabe.de) --- ## Krankenhäuser sehen Mobilitätsprämie als kaum umsetzbar Nach einer Umfrage der Deutsche Krankenhausgesellschaft gehen rund 73 % der Krankenhäuser davon aus, die **geplante Mobilitätsprämie für Beschäftigte nicht finanzieren** zu können. Nur ein sehr kleiner Teil der Einrichtungen hält eine Auszahlung für realistisch. Hintergrund sind die angespannte wirtschaftliche Lage vieler Kliniken und anhaltende Defizite. Die Krankenhausgesellschaft warnt in diesem Zusammenhang vor möglichen Personalmaßnahmen, falls zusätzliche finanzielle Belastungen nicht ausgeglichen werden. [1,4 Millionen Beschäftigte in Kliniken werden leer ausgehenDie heute vom Bundestag beschlossene Mobilitätsprämie wird bei den Beschäftigten der Krankenhäuser nicht ankommen. Das zeigt eine aktuelle Blitzumfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-90.ico)Deutsche Krankenhaus Gesellschaft![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-DKG-3.png)](https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/14-millionen-beschaeftigte-in-kliniken-werden-leer-ausgehen/?ref=uebergabe.de) ### End-of-life care auf der Kinderintensivstation URL: https://www.uebergabe.de/end-of-life-care-auf-der-kinderintensivstation/ Last updated: 2026-09-14T18:52:07.000Z 🗓️ #128 | 30.04.2026 💡 ****Triggerwarnung:** Der folgende Inhalt thematisiert Kindersterblichkeit und kann emotional belastend sein. Wenn dies für dich schwierig ist, lies bitte nur weiter, wenn du dich dazu in der Lage fühlst. Es kann hilfreich sein, zwischendurch Pausen zu machen oder die Inhalte später mit jemandem zu besprechen. ## Worum geht's? Die Studie untersucht, wie Pflegefachpersonen die Versorgung am Lebensende von Neugeborenen und Kindern auf Intensivstationen wahrnehmen. Im Fokus stehen dabei die Inhalte, unterstützenden Faktoren und Herausforderungen dieser Versorgung im klinischen Alltag. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie ist es, ein tieferes Verständnis dafür zu gewinnen, wie Pflegefachpersonen ihre Praxis der Sterbebegleitung in neonatologischen und pädiatrischen Intensivstationen erleben und gestalten. Dabei sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie förderliche und hinderliche Faktoren identifiziert werden. _This post is for paying subscribers only._ ### „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet URL: https://www.uebergabe.de/ug186/ Last updated: 2026-06-13T13:06:28.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Akademisierte Pflegende erleben auf Station oft Skepsis statt Anerkennung ihrer Kompetenzen. - Vorbehalte entstehen vor allem durch fehlenden Kontakt zu hochschulisch Qualifizierten. - Das KoNtAkT-Projekt entwickelt partizipativ ein Integrationskonzept für vier Ebenen gleichzeitig. - Ähnliche Akzeptanzprobleme gab es früher schon in USA und Niederlanden. - Wissenschaft und Praxis ergänzen sich – Synergie statt Konkurrenz im Team. ## Wenn Wissen auf Misstrauen trifft: Akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen und ihre Integration in die Praxis Wer heute ein Pflegestudium abschließt und dann auf Station beginnt, erlebt nicht selten ein irritierendes Phänomen: Das Team beäugt einen skeptisch, Kolleg:innen fragen sich laut, ob die Neue „auch waschen kann" – und die oder der frisch Graduierte fragt sich, ob die letzten Jahre Studium am Ende mehr Hürden aufgebaut als abgebaut haben. Was steckt dahinter? Und wie lässt sich das ändern? > *„Ich habe Kommiliton:innen verloren, weil sie sagten: Es gibt sowieso keine Akzeptanz. Das tue ich mir nicht an. Das kann ich absolut nachvollziehen – und genau deshalb muss sich etwas ändern." — Francis (Co-Moderatorin, Pflegefachperson auf einer pädiatrischen Intensivstation)* Genau diese Fragen untersucht das Projekt **KoNtAkT** – ein Kooperationsprojekt zwischen dem Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam und der Evangelischen Hochschule Bochum. KoNtAkT steht für *Kooperative Neugestaltung für Akzeptanz im Team* und wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert. Projektleiter Johannes Wünscher, klinisch tätiger Pflegewissenschaftler in Potsdam, und Svenja Schäfer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule, haben in der Übergabe-Podcast-Episode ihre Erkenntnisse geteilt. [Projekt KoNtAkT - EvH BochumKoNtAkT – Kooperative Neugestaltung für Akzeptanz im Team: Implementierung hochschulisch qualifizierter Pflegefachpersonen![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-152x152-1.png)Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Header_Forschung_Kontakt-1.jpg)](https://www.evh-bochum.de/projekt-kontakt.html?ref=uebergabe.de) ## Ein Problem mit Geschichte Die Akademisierung der Pflege in Deutschland hat eine spezifische Chronologie, die bis heute nachwirkt. Zunächst entstanden Studiengänge im Bereich Pflegemanagement und -pädagogik – also Qualifikationswege, die Pflegefachpersonen bewusst *aus* der unmittelbaren Versorgung herausführten. Wer studierte, wurde Führungskraft oder wechselte in die Krankenversicherung. Dieses Bild hat sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Erst in jüngerer Zeit gibt es Studiengänge, die explizit auf eine erweiterte Pflegepraxis vorbereiten – also auf den Einsatz an der Seite von Patient:innen, aber mit einem anderen Kompetenzprofil. Das Pflegeberufegesetz von 2017 hat diesen Weg formal geebnet. Doch Gesetzestexte ändern Haltungen nicht automatisch. Svenja Schäfer benennt das klar: Vorbehalte entstehen vor allem aus fehlender Erfahrung. Wer noch nie eng mit einer hochschulisch qualifizierten Kollegin oder einem hochschulisch qualifizierten Kollegen zusammengearbeitet hat, kann keine eigene Einschätzung entwickeln – und greift auf alte Narrative zurück. > *„Durch den fehlenden Kontakt können beruflich qualifizierte Pflegefachpersonen gar nicht herausfinden, haben akademisierte Kolleg:innen wirklich eine Praxiskompetenz? Genau das ist die Chance, Vorbehalte zu revidieren." — *Svenja Schäfer** ****Du liest die Übergabe. Aber du siehst nur die Hälfte.** Unsere [****Briefings**](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) fangen dort an, wo der Podcast aufhört: fundierte Artikel zu den Themen, die im Pflegealltag wirklich wichtig sind. Zuletzt: [Schmerzen bei Menschen mit Demenz in der stationären Langzeitpflege](https://www.uebergabe.de/schmerzen-bei-menschen-mit-demenz-in-der-stationaren-langzeitpflege/). Dazu unser Videokurs [****Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege**](https://www.uebergabe.de/wissenschaftliches-arbeiten-in-der-pflege-einstieg-in-die-pflegeforschung/) – für alle, die ihren Beruf nicht nur ausüben, sondern verstehen wollen. **psssst: wir bereiten grad zwei neue Videokurse vor... 😉* Alles das bekommst du als Mitglied. [Jetzt freischalten -> ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Was Zahlen sagen – und was sie verschweigen Wie viele Pflegefachpersonen mit Hochschulabschluss arbeiten aktuell in Deutschland in der direkten Versorgung? Die ehrliche Antwort: Es gibt keine belastbaren Zahlen für das Gesamtsystem. An Universitätskliniken bewegt sich der Anteil um die drei Prozent, im Gesamtsystem dürfte er deutlich darunter liegen. Der Wissenschaftsrat empfiehlt einen deutlich höheren Akademisierungsgrad – die Realität ist davon weit entfernt. Dabei hängt vieles an der Finanzierungslogik: In der Akutversorgung lassen sich hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen über das Pflegebudget refinanzieren. In der Langzeitpflege hingegen müssen die Mehrkosten für die höhere Vergütung oft von Bewohner:innen als Selbstkostenanteil getragen werden – eine strukturelle Barriere, die Innovation verhindert, bevor sie überhaupt beginnt. Auch die Frage, *wen* man als akademisch qualifiziert zählt, ist keine triviale: Wer Pflegemanagement studiert hat, aber nicht mehr am Bett arbeitet, fällt in eine andere Kategorie als jemand mit einem primärqualifizierenden oder dualen Studienabschluss, der täglich Patient:innen versorgt. Für internationale Studien zur Pflegequalität ist stets die zweite Gruppe gemeint – die, die *in* der Versorgung arbeitet, nicht die, die sie managt. [KoNtAkT Abschlussveranstaltung | LinktreeLinktree. Make your link do more.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-icon-180x180-7.png)Linktree![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/KoNtAkT_Abschlussveranstaltung.jpg)](https://linktr.ee/KoNtAkT%5FAbschlussveranstaltung?ref=uebergabe.de) ## Nicht nur ein deutsches Problem Es wäre naheliegend zu vermuten, dass dieses Spannungsfeld ein deutsches Spezifikum ist – schließlich ist Deutschland international das Ausnahmemodell, das die Pflegeprimärqualifikation weiterhin mehrheitlich über Berufsausbildung statt Hochschulstudium regelt. Tatsächlich aber zeigen Studien aus den USA und den Niederlanden, dass ähnliche Dynamiken auch dort aufgetreten sind – nur zeitlich früher. In den USA, wo der Bachelor inzwischen in vielen Bundesstaaten Voraussetzung für Fachweiterbildungen ist, gab es lange Jahre Spannungen zwischen ausgebildeten und studierten Pflegefachpersonen. In den Niederlanden, die als Vorreiterin der Akademisierung gelten, zeigen sich besonders in der Langzeitpflege ähnliche Akzeptanzprobleme wie in Deutschland. Johannes Wünscher berichtet von einem Poster-Auftritt auf der Magnet Conference in Atlanta: Erfahrene amerikanische Pflegefachpersonen sagten ihm, das sei ihr Problem von vor 30 Jahren gewesen – und es habe sich gelohnt, es anzugehen. Das ist kein Trost im Sinne von „macht euch keine Sorgen", sondern ein ermutigendes Signal: Der Weg ist möglich, er ist bekannt, und andere Länder sind ihn schon gegangen. ## Zum Weiterhören - [ÜG080 – Verbleib von akademisiert Pflegenden (Prof.In Dr.In Änne-Dörte Latteck, Christian Grebe & Rüdiger Hoßfeld)](https://www.uebergabe.de/ug080/) - [ÜG125 – Akademisch Pflegende in der Langzeitpflege (Theresa Laschewski)](https://www.uebergabe.de/ug125/) - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- ## Was wirklich hilft – Befunde aus dem KoNtAkT-Projekt Das KoNtAkT-Projekt ist partizipativ angelegt: Das bedeutet, die Lösungen entstehen nicht am Schreibtisch, sondern mit den Beteiligten selbst. Interviews mit Pflegefachpersonen, Fokusgruppen und Workshops mit heterogen besetzten Gruppen aus Praxis, Management, Wissenschaft und Pädagogik – all das fließt in ein Implementierungskonzept ein, das gerade in zwei Pilotstationen erprobt wird. Welche Faktoren haben sich als besonders förderlich für eine gelingende Integration erwiesen? ****Informationsarbeit kommt zuerst.** Eines der überraschendsten Ergebnisse: Selbst in Einrichtungen, in denen alle wissen, dass das Pflegeberufegesetz 2017 novelliert wurde, ist das Wissen darüber, was das konkret bedeutet, oft erschreckend dünn. Wünscher hatte anfangs angenommen, die Berufsgruppe sei ausreichend informiert – das war ein Irrtum. Aufsuchende Informationsveranstaltungen, die aktiv erklären, welche Kompetenzen hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen mitbringen **und* welche Grenzen sie haben, sind ein entscheidender Grundstein. ****Teamkultur entscheidet.** Offenheit, Wertschätzung und gegenseitige Neugier sind keine weichen Faktoren – sie sind die Voraussetzung für alles Weitere. Teams, in denen bereits ein Klima der Anerkennung unterschiedlicher Kompetenzen herrscht, zum Beispiel durch Fachweiterbildungen, Spezialisierungen oder interdisziplinäre Zusammenarbeit, tun sich bei der Integration hochschulisch qualifizierter Kolleg:innen deutlich leichter. ****Erwartungen offen besprechen.** Svenja Schäfer betont, dass Transparenz auf allen Ebenen gilt: Hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen sollten kommunizieren, was sie können und was sie (noch) nicht können – und von Teams und Leitungen ehrliche Rückmeldung erwarten dürfen. Wer frisch aus dem Studium kommt, bringt wissenschaftliche Kompetenzen mit, aber noch keine jahrelange Berufserfahrung. Diese Unterscheidung ist zentral, um den Mythos zu entkräften, Absolvent:innen könnten auf Anhieb alles besser. ****Synergie statt Konkurrenz.** Johannes Wünscher hat in der Implementierungsstrategie von Anfang an auf einen Gedanken gesetzt: Hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen und erfahrene Kolleg:innen ergänzen sich. Die einen können Evidenz einordnen, systematische Literaturrecherchen durchführen, Innovationsprozesse anstoßen. Die anderen kennen die Organisation, wissen um die Geschichte von Stationsabläufen, können Patient:innen aus langjähriger Erfahrung heraus besser einschätzen. Beides ist wertvoll – und keines davon macht das andere überflüssig. --- ## Vier Ebenen, ein Ziel Das Implementierungskonzept, das aus dem KoNtAkT-Projekt hervorgehen wird, richtet sich an vier Ebenen gleichzeitig: die strukturellen Rahmenbedingungen, das Pflegemanagement, das Team als Ganzes – und die hochschulisch qualifizierten Pflegefachpersonen selbst. Das ist kein Zufall. Integration gelingt nicht, wenn nur eine Seite handelt. Es braucht Leitungen, die Räume schaffen, Teams, die offen bleiben, und Absolvent:innen, die bereit sind, erst einmal anzukommen, zuzuhören und sich zu vernetzen – bevor sie mit Ideen aufwarten. Die Kontakthypothese des Psychologen Gordon Allport liefert dafür den theoretischen Rahmen: Vorurteile gegenüber Fremdgruppen – und Absolvent:innen werden im schlimmsten Fall als genau das wahrgenommen – lösen sich vor allem durch direkte, positive Erfahrungen auf. Der sichtbar gelebte Mehrwert, den hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen für Patient:innen und für das Team bringen, ist der überzeugendste Beweis. > *„Das Vorteilhafte an der Synergie ist: Die einen bringen hochschulische Kompetenzen mit – die anderen kennen die Organisation, die Geschichte, die Patient:innen. Beides ist unersetzlich." — *Johannes Wünscher** ## Wissenschaft und Praxis – kein Widerspruch, sondern ein Tandem Eine breitere Frage zieht sich durch die Debatte: Wozu braucht die Pflege überhaupt Akademisierung? Die Antwort liegt nicht nur in individuellen Karriereinteressen, sondern in der Versorgungsqualität selbst. Expertenstandards entstehen, weil es bisher kaum Pflegefachpersonen in der unmittelbaren Praxis gibt, die systematisch Evidenz einordnen und in den Alltag übersetzen. In Ländern mit hohem Akademisierungsgrad in der Pflege hat sich gezeigt, dass diese Funktion zunehmend von den Pflegefachpersonen selbst übernommen wird – ein eigenes Department of Nursing Science ersetzt dann aufwändige externe Expertengremien. Dabei geht es nicht darum, Handwerk gegen Wissenschaft auszuspielen. Florence Nightingale hat es vor langer Zeit auf den Punkt gebracht: *Nursing is a science and an art.* Beides gehört zusammen. Die Kunst liegt in der Berufserfahrung, im Gespür für Patient:innen, im praktischen Urteil. Die Wissenschaft liefert die Grundlage dafür, dieses Urteil zu schärfen, zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. --- ## Ein Projekt schließt – und öffnet Türen Am 20\. Mai findet die Abschlussveranstaltung des KoNtAkT-Projekts im Konferenzzentrum des Klinikums Ernst von Bergmann in Potsdam statt (9–16 Uhr). Eingeladen sind ausdrücklich alle, die sich für das Thema interessieren: aus der Pflegepraxis, dem Management, der Wissenschaft, der Pädagogik und der Politik. Das Ergebnis des Projekts ist kein Abschlussbericht, der in einer Schublade landet. Geplant ist eine praxistaugliche Handreichung, die verschiedene Akteur:innen aus ihrer jeweiligen Rolle heraus nutzen können – als Roadmap, als Checkliste, als Gesprächsgrundlage. Für Bewerber:innen kann sie zudem ein nützliches Instrument sein, um bei der Jobsuche gezielt nach Einrichtungen zu fragen, die Integration auf dem Schirm haben. Das Projekt endet – aber der Weg, den es aufzeigt, ist noch lang. Und er lässt sich nur gemeinsam gehen. ### Schmerzen bei Menschen mit Demenz in der stationären Langzeitpflege URL: https://www.uebergabe.de/schmerzen-bei-menschen-mit-demenz-in-der-stationaren-langzeitpflege/ Last updated: 2026-09-14T18:52:08.000Z 🗓️ #127 | 23.04.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen Schmerz und Lebensqualität bei Menschen mit Demenz, die neu in ein Pflegeheim aufgenommen wurden. Dabei wird analysiert, wie sich Schmerzintensität und Lebensqualität über einen Zeitraum von zwei Jahren entwickeln. Zudem wird betrachtet, wie beide Faktoren miteinander zusammenhängen und welche Rolle medikamentöse Schmerztherapie spielt. 💡 Bei Menschen mit Demenz werden Schmerzen häufig nicht erkannt, da sich die Erkrankung stark auf die Kommunikationsfähigkeit auswirkt. Viele Betroffene sind im Verlauf der Demenz nicht mehr in der Lage, ihre Schmerzen klar zu benennen oder zu beschreiben. Worte fehlen, Zusammenhänge können nicht mehr richtig erfasst werden und selbst einfache Fragen nach dem Befinden überfordern manche Patient:innen. Dadurch sind Pflegekräfte und Angehörige stärker auf indirekte Hinweise angewiesen, die jedoch oft schwer zu deuten sind. Hinzu kommt, dass Schmerzen sich bei Menschen mit Demenz häufig nicht in der „typischen“ Form äußern. Statt klarer verbaler Klagen zeigen Betroffene eher Verhaltensveränderungen wie Unruhe, Aggression, Rückzug oder Schlafstörungen. Diese Symptome werden jedoch nicht immer als Ausdruck von Schmerz verstanden, sondern häufig als Teil der demenziellen Erkrankung fehlinterpretiert. Dadurch besteht die Gefahr, dass die eigentliche Ursache unbeachtet bleibt. Auch gesellschaftliche und strukturelle Aspekte spielen eine Rolle. Schmerzen bei älteren Menschen werden teilweise noch immer als „normal“ angesehen oder weniger ernst genommen. Bei Menschen mit Demenz verstärkt sich dieses Problem, da ihre Aussagen und Verhaltensweisen häufig weniger Gewicht erhalten. Sie dazu auch unser One Minute Wonder [Schmerzempfinden bei Menschen mit Demenz](https://www.uebergabe.de/schmerzempfinden-bei-menschen-mit-demenz/) ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie ist es, den Verlauf von Schmerz und Lebensqualität bei Menschen mit Demenz nach dem Einzug in ein Pflegeheim zu beschreiben und zu prüfen, ob und wie Schmerz die Lebensqualität beeinflusst. Zusätzlich soll untersucht werden, ob der Einsatz von Schmerzmedikamenten mit Veränderungen der Lebensqualität zusammenhängt. _This post is for paying subscribers only._ ### Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen / Primärversorgung / Pflegekammer RLP URL: https://www.uebergabe.de/pu117/ Last updated: 2026-07-02T09:47:31.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die GKV steht unter massivem Druck - Milliardendefizite zwingen zu Sparmaßnahmen. - 66 Vorschläge der Finanzkommission reichen von Zuzahlungen bis Steuererhöhungen. - Das Pflegebudget bleibt, wird aber ab 2027 gedeckelt statt kostendeckend. - Der DPR fordert Stärkung professioneller Pflege statt bloßer Delegation in der Primärversorgung. - Pflegekammer RLP in der Krise - Beitragserhebung 2025 rechtswidrig erklärt. # Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem: Finanzpolitik trifft auf Versorgungslogik Die Ausgangslage ist klar: Die gesetzliche Krankenversicherung steht unter massivem finanziellem Druck. Für die kommenden Jahre werden milliardenschwere Defizite erwartet. Vor diesem Hintergrund hat eine von der [Bundesregierung eingesetzte Finanzkommission 66 Vorschläge vorgelegt](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/F/FinanzKommission%5FGesundheit/FinanzKommissionGesundheit%5FErster%5FBericht%5F20260330.pdf?ref=uebergabe.de), um Ausgaben zu begrenzen und Einnahmen zu erhöhen. ## Ein Maßnahmenpaket mit großer Reichweite Die Vorschläge decken ein breites Spektrum ab. Sie reichen von höheren Zuzahlungen für Medikamente über Reformen der Familienmitversicherung bis hin zu Steuererhöhungen auf gesundheitsschädliche Produkte wie Tabak, Alkohol und zuckerhaltige Getränke. Besonders relevant für die stationäre Versorgung sind jedoch andere Punkte: Begrenzungen bei Vergütungsanstiegen, der Wegfall zusätzlicher Finanzierungen für pflegeentlastende Maßnahmen und vor allem die Empfehlung, das Pflegebudget ab 2027 wieder in das DRG-System zu integrieren. 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 300 Menschen, die uns bereits unterstützen.** Als Übergabe-Mitglied bekommst du [wöchentliche Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) direkt ins Postfach, Zugriff auf das komplette Archiv – und alle [Videokurse](https://www.uebergabe.de/tag/videokurs/), die dein Pflegewissen auf ein neues Level heben. Ab 5 € im Monat. Kündbar jederzeit. [Jetzt Mitglied werden – ab 5 €/Monat ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Reaktion des Deutschen Pflegerats Der Deutsche Pflegerat (DPR) erkennt in seinem [Positionspapier](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/positionspapier-des-dpr-veroeffentlicht.-finanzkommission-liefert-impulse--nachhaltige-reform-braucht-struktur-und-versorgungslogik?ref=uebergabe.de) zunächst an, dass der finanzpolitische Handlungsdruck real ist. Gleichzeitig formuliert er eine grundlegende Kritik: Wenn Reformen ausschließlich aus der Perspektive der Kassenlage gedacht werden, bleiben die strukturellen Ursachen der Probleme unangetastet. Die zentrale Argumentation lautet: Finanzprobleme lassen sich nicht nachhaltig lösen, wenn die Versorgungslogik nicht mitgedacht wird. Statt Lösungen entstehen so Verschiebungen. Besonders kritisch bewertet der DPR die Vorschläge rund um das Pflegebudget. Eine Rückführung in das DRG-System wird klar abgelehnt. Das Pflegebudget wird nicht als Fehlanreiz gesehen, sondern als notwendiger Schutzmechanismus gegen frühere Fehlsteuerungen. Auch bei der Tarifentwicklung setzt der DPR einen klaren Kontrapunkt. Steigende Löhne werden nicht als Kostenproblem interpretiert, sondern als Voraussetzung für die Sicherung von Personal und Versorgung. Die zentrale Botschaft ist damit eindeutig: Finanzstabilisierung darf nicht gegen Versorgungssicherung ausgespielt werden. ## Politische Einordnung und aktueller Stand Gesundheitsministerin Nina Warken hatte angekündigt, ein umfassendes Sparpaket vorzulegen. Geplant ist ein Einsparvolumen von rund 20 Milliarden Euro ab 2027\. Etwa drei Viertel der Vorschläge der Finanzkommission sollen aufgegriffen werden. ## Das Pflegebudget bleibt - wird aber reformiert Nach der Aufnahme der aktuellen Folge des Pflegeupdate veröffentlichte das Bundesgesundheitsministerium den ersten [**Referentenentwurf zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz**](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/S/RefE%5FBStabG%5F2026.pdf?ref=uebergabe.de). Jetzt ist klar - Grundsätzlich bleibt das Pflegebudget als eigenes Finanzierungsinstrument bestehen, wird aber stärker reguliert und budgetiert statt kostendeckend ausgestaltet. Der Referentenentwurf sieht vor, das bisherige Pflegebudget grundlegend zu verändern und zu begrenzen: Ab 2027 wird das **Pflegebudget nicht mehr frei** nach tatsächlichen Kosten vereinbart, sondern **an die allgemeine Kostenentwicklung gekoppelt**, dadurch wird Wachstum gedeckelt. Die bislang mögliche vollständige **Refinanzierung von Tarifsteigerungen entfällt**, wenn diese über der vorgegebenen Steigerungsrate liegen. Zudem werden **Mehrkosten** im Nachhinein **nicht mehr automatisch ausgeglichen**. Minderkosten wirken sich künftig budgetsenkend aus. Ein zentraler Einschnitt ist die klare **Eingrenzung auf direkte patientennahe Pflege**: Tätigkeiten wie Administration, Logistik oder Hauswirtschaft sollen nicht mehr über das Pflegebudget finanziert werden. Auch **Leiharbeit wird eingeschränkt** berücksichtigt – **übertarifliche Kostenanteile** sollen **nicht mehr refinanziert** werden. Ziel der Reform ist es, die Ausgabenentwicklung der gesetzlichen Krankenversicherung zu stabilisieren und an die Einnahmen zu koppeln. Insgesamt bedeutet der **Entwurf eine Abkehr vom bisherigen Selbstkostendeckungsprinzip** hin zu einer gedeckelten, stärker gesteuerten Finanzierung der Pflege im Krankenhaus. Erste Reaktionen zum Referentenentwurf gibt es unter anderem vom Bundesverband Pflegemanagement und vom [Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2026/2026-04-17-versorgung-staerken-statt-das-pflegebudget-zu-deckeln.php?ref=uebergabe.de): [Bundesverband Pflegemanagement fordert nachhaltige Weiterentwicklung des Pflegebudgets und neue Weichenstellungen für die zukünftige Rolle der beruflichen Pflege - Bundesverband PflegemanagementNach der Vorstellung der Sparpläne für das Gesundheitssystem durch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) begrüßt der Bundesverband Pflegemanagement zunächst ausdrücklich, dass das Pflegebudget nach derzeitiger Planung als eigenständiges Finanzierungsinstrument für die berufliche Pflege im Krankenhaus erhalten werden und keine Rückführung ins DRG-System erfolgen soll.![](https://static.ghost.org/v5.0.0/images/link-icon.svg)Logo![](https://www.bv-pflegemanagement.de/meldung/items/files/css/Logo.png)](https://www.bv-pflegemanagement.de/meldung/items/844.html?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [PU118 – Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung / NANDA wird zu INKA](https://www.uebergabe.de/pu118/) - [PU114 – Diskussionen zum Pflegebudget / Landtagswahl in Baden-Württemberg](https://www.uebergabe.de/pu114/) - [PU115 – Pflegebudget / Update zur Krankenhausreform / Landtagswahl in RLP](https://www.uebergabe.de/pu115/) --- ## Primärversorgung neu denken Das deutsche Gesundheitssystem ist leistungsfähig, aber fragmentiert. Versorgung erfolgt oft unkoordiniert, Zuständigkeiten sind unklar und Prozesse nicht optimal abgestimmt. **Primärversorgung** wird deshalb **als zentraler Hebel** gesehen, um diese Probleme anzugehen. Sie umfasst die wohnortnahe Erstversorgung, Beratung, Prävention und die Koordination weiterer Behandlungsschritte. Traditionell liegt diese Steuerungsfunktion vor allem bei Hausärzt:innen. In der aktuellen Diskussion wird jedoch zunehmend deutlich, dass Pflegefachpersonen eine stärkere Rolle einnehmen könnten. [Deutsche Pflegerat](https://www.uebergabe.de/ug181/) spricht in seinem aktuellen [Positionspapier](https://deutscher-pflegerat.de/download/2026-03-31%5Fdpr%5Fpp%5Fprimaerversorgung.pdf?ref=uebergabe.de) sogar von einem möglichen „Versorgungs-Reboot“. Ein zentraler Kritikpunkt des DPR ist die fachliche Unschärfe, denn unterschiedliche Berufsrollen werden häufig gleichgesetzt oder vermischt. Besonders betroffen sind dabei Profile wie Physician Assistants, Advanced Practice Nurses oder Community Health Nurses. Diese unterscheiden sich jedoch deutlich hinsichtlich Qualifikation, Kompetenzen und Verantwortung. Aus Sicht des DPR verhindert diese Vermischung eine sachgerechte Weiterentwicklung der Versorgung. ## Delegation versus eigenverantwortliche Versorgung Ein weiterer zentraler Punkt ist die Art und Weise, wie Aufgaben im System verteilt werden. Viele aktuelle Modelle setzen auf Delegation. Aufgaben werden weitergegeben, verbleiben aber formal im ärztlichen Verantwortungsbereich. Der DPR stellt diesem Ansatz eine andere Perspektive gegenüber. Internationale Studien zeigen, dass nachhaltige Verbesserungen vor allem dort entstehen, wo Aufgaben in klar definierte, eigenverantwortliche Kompetenzbereiche übergehen. Ein Blick in andere Länder zeigt, dass diese Modelle bereits etabliert sind. In Gesundheitssystemen wie denen der Niederlande, Großbritanniens oder Kanadas übernehmen hochqualifizierte Pflegefachpersonen zentrale Aufgaben in der Primärversorgung. ## Zentrale Forderungen des DPR Der Deutsche Pflegerat formuliert zentrale Forderungen: die klare Abgrenzung zwischen delegationsgebundener Assistenz und eigenverantwortlicher Pflege, der Ausbau von Rollen wie Advanced Practice Nursing und Community Health Nursing sowie eine stärkere Integration pflegewissenschaftlicher Evidenz in politische Entscheidungen. Darüber hinaus fordert der DPR eine rechtssichere Verankerung erweiterter Kompetenzen und eine interprofessionelle Zusammenarbeit, die die Eigenständigkeit der beteiligten Professionen respektiert. Eine zukunftsfähige Primärversorgung braucht nicht mehr Delegation, sondern eine strukturelle Stärkung professioneller Pflege. [Deutscher Pflegerat - Willkommen beim DPRWillkommen auf der Webseite des DPR! Wir vertreten als Bundesarbeitsgemeinschaft und Dachverband seit 1998 die bedeutendsten Berufsverbände des Pflege- und Hebammenwesens in Deutschland.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-88.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-26.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) --- ## Pflegekammer Rheinland-Pfalz in der Krise Die Pflegekammer Rheinland-Pfalz steht seit Monaten in der Kritik. Ursprünglich sollte eine Mitgliederbefragung ein Stimmungsbild zur Arbeit der Kammer liefern. Dieses Verfahren wurde jedoch von Unregelmäßigkeiten begleitet und schließlich abgebrochen. Die erhobenen Daten wurden gelöscht. In diesem Zusammenhang trat Vorstandsmitglied Nina Benz zurück. Kammerpräsident Markus Mai begründete den Abbruch unter anderem mit politischer Einflussnahme und technischen Problemen. Parallel dazu hat das [Verwaltungsgericht Koblenz](https://vgko.justiz.rlp.de/presse-aktuelles/pressemitteilungen/detail/beitragserhebung-der-landespflegekammer-fuer-das-jahr-2025-rechtswidrig?ref=uebergabe.de) entschieden, dass die Beitragserhebung für das Jahr 2025 rechtswidrig war. Die Begründung ist deutlich: Die Kalkulation sei fehlerhaft gewesen, weil nicht alle potenziellen Mitglieder der Pflegekammer berücksichtigt wurden. Zudem wurden Rückstellungen im Haushalt als zu hoch bewertet. Insgesamt sei die Beitragserhöhung nicht gerechtfertigt gewesen. Dieses Urteil stellt die finanzielle und organisatorische Arbeit der Kammer grundsätzlich infrage. ## Politische Reaktionen und aktueller Stand Ein [Krisengespräch mit Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD)](https://pflegekammer-rlp.de/pflegekammer-im-dialog-mit-dem-gesundheitsministerium/?ref=uebergabe.de) brachte zunächst keine detaillierten Ergebnisse. Die Kammer wurde aufgefordert, die festgestellten Mängel eigenständig zu beheben. Eine Frist wurde gesetzt. Personelle Konsequenzen gibt es bislang nicht. Markus Mai lehnt einen Rücktritt ab und betont die Notwendigkeit, handlungsfähig zu bleiben. ## Auswirkungen auf die gesamte Selbstverwaltung Die politische Diskussion um die Pflegekammer ruft auch andere Selbstverwaltungsorgane auf den Plan. In einer [gemeinsamen Erklärung](https://www.laek-rlp.de/assets/downloads/pressemitteilung-2026/05%5F26%5Fpm%5Fgemeinsame-stellungnahme-heilberufskammern.pdf?ref=uebergabe.de) betonen die Ärzte-, Zahnärzte- und Apothekerkammer aus Rheinland-Pflanz die Bedeutung funktionierender Selbstverwaltung und sehen deren Reputation durch das Agieren der Pflegekammer RLP beschädigt. Die Entwicklungen in Rheinland-Pfalz könnten weitreichende Auswirkungen auf die zukünftige Organisation der Pflege in Deutschland haben. --- ## VdPB: Evaluation gestrichen Die Bayerische Staatsregierung hat die verpflichtende Evaluation der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB) gestrichen. Ziel des [Gesetzes](https://www.verkuendung-bayern.de/files/gvbl/2026/06/gvbl-2026-06.pdf?ref=uebergabe.de#page=3) ist Bürokratieabbau, Kritiker:innen sehen darin jedoch einen Verlust an Transparenz und Steuerungsmöglichkeiten. [Vereinigung der Pflegenden in Bayern - Bayerns Stimme für die PflegeMit der VdPB erhält eine Berufsgruppe eine Stimme, die eine immer wichtigere Aufgabe in unserer Gesellschaft leistet.![](https://static.ghost.org/v5.0.0/images/link-icon.svg)Vereinigung der Pflegenden in Bayern![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/VdPB_einigsindwirviele_800x450px.jpg)](https://www.vdpb-bayern.de/?ref=uebergabe.de) --- ## Pflegewissenschaft in der Deutschen Forschungsgemeinschaft Ein bedeutender Schritt für die Pflegewissenschaft: Sie ist erstmals offiziell in der Fächerstruktur der [Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)](https://www.dfg.de/de?ref=uebergabe.de) verankert. Damit wird sie als eigenständige wissenschaftliche Disziplin anerkannt. Diese Entwicklung hat das Potenzial, die Forschungsförderung in der Pflege deutlich zu stärken und die wissenschaftliche Weiterentwicklung voranzutreiben. [Pflegewissenschaft erstmals explizit in der Fächerstruktur der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) abgebildet | DGP - Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-6.png)DGP - Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.Regina Rosenberg![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/dgp-logo-3.jpg)](https://dg-pflegewissenschaft.de/aktuelles/pflegewissenschaft-erstmals-explizit-in-der-faecherstruktur-der-deutschen-forschungsgemeinschaft-dfg-abgebildet/?ref=uebergabe.de) ### Professionelle Beziehungsgestaltung in der psychiatrischen Pflege URL: https://www.uebergabe.de/professionelle-beziehungsgestaltung-in-der-psychiatrischen-pflege/ Last updated: 2026-04-16T08:00:04.000Z 🗓️ #126 | 16.04.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht die professionelle Beziehung zwischen Pflegefachperson und Patient:innen im Bereich der psychischen Gesundheit mit besonderem Fokus auf professionelle Grenzen und Machtverhältnisse. Dabei wird analysiert, wie Pflegefachpersonen ihre Rollen zwischen professionell, persönlich und privat definieren und im Alltag gestalten. Im Zentrum steht die Frage, wie diese Grenzziehungen das therapeutische Verhältnis beeinflussen und welche Herausforderungen dabei entstehen. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie ist es, ein vertieftes Verständnis dafür zu entwickeln, wie Pflegefachpersonen professionelle Grenzen wahrnehmen und praktisch umsetzen. Zudem soll aufgezeigt werden, welche Erfahrungen sie im Umgang mit diesen Grenzen machen und welche Konsequenzen sich daraus für die Beziehung zu Patient:innen ergeben. Ein weiteres Ziel besteht darin, die Bedeutung von Macht in diesen Beziehungen sichtbar zu machen. _This post is for paying subscribers only._ ### DACH-Austausch in der Pflege (Dr. Sandra Strube-Lahmann) URL: https://www.uebergabe.de/ug185/ Last updated: 2026-06-17T07:57:01.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der DACH-Austausch vernetzt Pflegefachpersonen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. - Die Schweiz zeigt, wie weit eigenständige klinische Entscheidungen der Pflege gehen können. - In Szenario-Workshops gestaltest du aktiv die Pflege von 2030 bis 2050. - Vernetzung über Grenzen spart Ressourcen und stärkt die Pflege politisch. - Das nächste große DACH-Treffen ist bereits für 2027 geplant. ## Grenzenlos pflegen: Wie Deutschland, Österreich und die Schweiz die Pflege von morgen gestalten Stell dir vor, du arbeitest in einem Bereich, der uns alle angeht, in dem die Lösungen aber oft hinter verschlossenen Türen oder innerhalb enger Landesgrenzen gesucht werden. In der Pflege ist das oft Realität. Genau hier setzt der sogenannte [DACH-Austausch an – eine Initiative, die Pflegefachpersonen aus Deutschland (D), Österreich (A) und der Schweiz (CH)](https://geriatrie.charite.de/forschung/ag%5Fpflegeforschung/ppz%5F20/d%5Fa%5Fch%5Faustausch?ref=uebergabe.de)zusammenbringt, um voneinander zu lernen und gemeinsam die Zukunft zu planen. In der neuesten Folge des Übergabe-Podcasts gibt [Dr. Sandra Strube-Lahmann](https://geriatrie.charite.de/metas/person/person/address%5Fdetail/dr%5Fsandra%5Fstrube%5Flahmann?ref=uebergabe.de) aus der Forschungsgruppe Geriatrie der Charité-Universitätsmedizin Berlin Einblick darin, was diesen Austausch so besonders macht und warum er für die tägliche Arbeit wichtiger ist, als man vielleicht denkt. ****Du liest die Übergabe. Aber du siehst nur die Hälfte.** Unsere [****Briefings**](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) fangen dort an, wo der Podcast aufhört: fundierte Artikel zu den Themen, die im Pflegealltag wirklich wichtig sind. Zuletzt: [****Wie erleben Patient:innen das Intubiert-Sein?**](https://www.uebergabe.de/wie-erleben-patient-innen-das-intubiert-sein/) – ein Thema, über das kaum jemand spricht, obwohl es jeden Tag passiert. Dazu unser Videokurs [****Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege**](https://www.uebergabe.de/wissenschaftliches-arbeiten-in-der-pflege-einstieg-in-die-pflegeforschung/) – für alle, die ihren Beruf nicht nur ausüben, sondern verstehen wollen. Alles das bekommst du als Mitglied. [Jetzt freischalten -> ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Ein Blick über den Tellerrand Der DACH-Austausch ist weit mehr als nur ein gemütliches Kaffeetrinken unter Kolleg:innen. Es geht darum, die Pflegecommunity im gesamten deutschsprachigen Raum zu vernetzen. Der Grund: Die Länder stehen vor ähnlichen Problemen, gehen aber unterschiedliche Lösungswege. Während in der Schweiz die Akademisierung der Pflege schon lange fest etabliert ist, wird in Deutschland noch an vielen Fronten um Anerkennung und klare Strukturen gerungen. Österreich wiederum bringt ganz eigene Impulse im Bereich der pflegerischen Versorgungspraxis ein. Durch das Zusammenbringen von Akteur:innen aus Wissenschaft, Management und Praxis entsteht ein Schmelztiegel der Ideen, der weit über nationale Grenzen hinausstrahlt. > *"Es ist beeindruckend zu sehen, wie viel wir voneinander lernen können, wenn wir den Mut haben, die nationalen Brillen einmal abzusetzen." - Dr. Sandra Strube-Lahmann* ## Rollenverteilung und neue Horizonte Ein zentrales Thema, das im letzten Austausch und im Podcast intensiv diskutiert wurde, ist die Standardisierung in der Kompetenz- und Praxisentwicklung, insbesondere in der hochschulischen Pflegebildung. Dabei ging es auch um die Übernahme von Verantwortung und Übertragung von Aufgaben, für die Pflegefachpersonen qualifiziert sind. In der Schweiz ist es völlig normal, dass Pflegefachpersonen klinische Entscheidungen treffen, für die in Deutschland oft noch eine ärztliche Anordnung nötig ist. Dieser Vergleich schmerzt manchmal, doch er zeigt auch, wohin die Reise gehen kann. Der DACH-Austausch hilft dabei, diese Rollenprofile zu schärfen und Argumente für politische Veränderungen in den jeweiligen Ländern zu sammeln. ## Die Zukunft im Szenario-Workshop Besonders aufschlussreich war der Einblick in den Szenario-Workshop. Hier wurde nicht nur über den Ist-Zustand geklagt, sondern aktiv in die Zukunft geblickt. Wie sieht die Pflege im Jahr 2030, 2040 oder 2050 aus? In heterogenen Kleingruppen wurden verschiedene Welten entworfen – von hochtechnisierten Pflegeumgebungen bis hin zu Modellen, in denen die menschliche Zuwendung wieder absolut im Fokus steht. Diese methodische Herangehensweise erlaubt es, heute schon die Weichen für morgen zu stellen. Es geht darum, proaktiv zu sein, statt nur auf Krisen zu reagieren. Die Pflege von morgen wird damit aktiv gestaltet, und dieser Austausch liefert das Fundament dafür. ## Vernetzung als Superkraft Ein oft unterschätzter Faktor solcher Veranstaltungen ist die reine Vernetzung. In den Pausen (die, wie Dr. Sandra Strube-Lahmann lachend zugibt, immer zu kurz sind) entstehen die wertvollsten Kontakte. Wenn die Pflegedirektorin aus Wien mit dem Wissenschaftler aus Bern und der Studierenden aus Berlin spricht, werden Hierarchien aufgebrochen. Diese persönliche Ebene sorgt dafür, dass Kooperationen entstehen, die über das Event hinaus Bestand haben. Es bildet sich eine starke Stimme für die Pflege im DACH-Raum, die auch auf politischer Ebene Gehör findet. > *"Wir müssen die Pflegecommunity im gesamten deutschsprachigen Raum als Einheit denken, um wirklich etwas zu bewegen." - Dr. Sandra Strube-Lahmann* ## Was bleibt für die Praxis? Bleibt die Frage, was das alles für die eigene Station bedeutet. Die Antwort ist einfach: Innovation. Viele der Standards und Konzepte, die heute in modernen Kliniken Einzug halten, haben ihren Ursprung in solchen länderübergreifenden Diskursen. Der DACH-Austausch sorgt dafür, dass das Rad nicht dreimal neu erfunden werden muss. Wenn eine Lösung in Zürich funktioniert, warum sollte sie in München oder Linz nicht auch ausprobiert werden? Der Austausch spart Zeit, Ressourcen und vor allem Nerven. ## Ausblick: 2027 im Visier Der DACH-Austausch ist kein Einmaleffekt. Die Vorbereitungen für das nächste große Treffen im Jahr 2027 laufen bereits. Bis dahin wird in kleineren Arbeitsgruppen und digitalen Formaten weitergearbeitet. Das Ziel ist klar: Die Pflegefachpersonen in allen drei Ländern sollen gestärkt werden, um die Herausforderungen der alternden Gesellschaft und des Fachkräftemangels gemeinsam zu meistern. Bleib also dran, vernetze dich und bring deine Perspektive ein – denn Pflege kennt keine Grenzen. ## Weiterführende Links - [ONE-Pager „Pflege braucht Qualität“ in überarbeiteter Fassung erschienen | DGP - Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.](https://dg-pflegewissenschaft.de/aktuelles/one-pager-pflege-braucht-qualitaet-in-ueberarbeiteter-fassung-erschienen/?ref=uebergabe.de) - [Pflege braucht Qualität - magazin.pflegenetz.at](https://magazin.pflegenetz.at/artikel/pflege-braucht-qualitaet/?ref=uebergabe.de) - [1\. D-A-CH-Austausch: Charité – Universitätsmedizin Berlin](https://geriatrie.charite.de/forschung/ag%5Fpflegeforschung/ppz%5F20/d%5Fa%5Fch%5Faustausch%5F1?ref=uebergabe.de) - [Abstract-Band zum 1\. D-A-CH-Austausch März 2025](https://geriatrie.charite.de/fileadmin/user%5Fupload/microsites/m%5Fcc13/geriatrie/D-A-CH-Austausch/D-A-CH%5FAustausch%5F2025/250925%5FAbstractband%5Ffinal%5Foptimierung%5Fohne%5Fpraesentation.pdf?ref=uebergabe.de) - [ONE-Pager „Pflege braucht Qualität“ in überarbeiteter Fassung erschienen | DGP - Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.](https://dg-pflegewissenschaft.de/aktuelles/one-pager-pflege-braucht-qualitaet-in-ueberarbeiteter-fassung-erschienen/?ref=uebergabe.de) - [**Cluster Zukunft der Pflege auf dem 2\. D-A-CH Austausch**](https://www.ppz-berlin.de/?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG120 – Pflege in Österreich (Elisabeth Potzmann & Monika Völk)](https://www.uebergabe.de/ug120/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) - [ÜG116 – International Council of Nurses (Dr. Karen Bjøro)](https://www.uebergabe.de/ug116/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- ## Ergebnis unserer Umfrage Wir hatten im Newsletter zur Episode [Soziologische Pflegeforschung](https://www.uebergabe.de/ug184/) gefragt: *Wer sollte deiner Meinung nach die Hauptverantwortung für häusliche Pflege tragen?* Hier das Ergebnis der Übergabe-Community: Die Familie – Pflege ist vor allem eine private Aufgabe13 % 10 Stimmen Der Staat – öffentliche Angebote müssen die Hauptlast trage35 % 26 Stimmen Beides gleichwertig – Familie und Staat gemeinsam39 % 29 Stimmen Kommt auf den Einzelfall an13 % 10 Stimmen Gesamt: **75 Stimmen** --- ## Neues One-Minute-Wonder [Magda](https://www.uebergabe.de/author/magda/) hat ein neues **One-Minute-Wonder** entworfen. Es geht um Schmerzempfinden bei Menschen mit Demenz. Viel Spaß damit! [Schmerzempfinden bei Menschen mit DemenzSchmerz bei Demenz bleibt oft unerkannt, da Betroffene ihr Leiden kaum noch verbal äußern können. Schweigen darf jedoch nie als Schmerzfreiheit missverstanden werden. Statt klassischer Skalen sind dann aufmerksame Fremdbeobachtungen entscheidend, um die Lebensqualität zu sichern.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-110.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMagda![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Schmerz-bei-Demenz.png)](https://www.uebergabe.de/schmerzempfinden-bei-menschen-mit-demenz/) --- ## Ist das Pflegebudget am Ende? Das PflegeUpdate hat mehrfach dazu berichtet und das Thema Pflegebudget hat kurzzeitig auch die pflegerische Medienlandschaft bewegt. Nun müssen ENtscheidungen getrofen werden - wie es dann mit dem Pflegebudget weitergeht, steht derzeit in den Sternen. Wenn du aber Lust hast darüber zu diskutieren, dann mach das doch bei uns im Forum. Wir freuen uns über lebhafte Beiträge! [Ist das Pflegebudget am Ende?Gesundheitsministerin Warken will auf Basis von 66 Expertenempfehlungen „zeitnah” ein Reformpaket vorlegen. Es fehlen der GKV bis zu 15 Milliarden EUro in 2026, bis zu 40 Milliarden bis 2030\. Hier die Kurzfassung des Berichts: Was dabei für die Pfege relevant ist: Das Pflegebudget soll abgeschafft werden. Also die Pflegepersonalkosten solllen ab 2027 wieder ins DRG-System eingegliedert werden. Auch die Zusatzvergütung für pflegeentlastende Maßnahmen fällt weg. Das würde bedeuten, dass das Pe…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-17.jpeg)Übergabe CommunityChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-14.jpeg)](https://community.uebergabe.de/t/ist-das-pflegebudget-am-ende/365?ref=uebergabe.de) --- ## 4-Tage English-Language Workshop Pflege auf Englisch kommunizieren – das ist im Arbeitsalltag immer relevanter. Das Programm *English for Nurses* bietet vom 9\. bis 12\. November 2026 in Bristol einen intensiven 4-Tage-Workshop speziell für Pflegefachpersonen: Medizinische Fachsprache, Gesprächssituationen auf Station, interkultureller Austausch – und am letzten Tag ein Besuch im Southmead Hospital sowie an der University of the West of England. Die Kurse finden in kleinen Gruppen statt, sind auf Englisch-Grundkenntnisse ausgelegt und kosten 595 € pro Person. Alle Infos und Buchung: [sabine@englishfornurses.org](mailto:sabine@englishfornurses.org) · [englishfornurses.org](https://www.englishfornurses.org/?ref=uebergabe.de) [Nurses 4 Day Workshop Flyer 2026Nurses 4 Day Workshop Flyer 2026 NEW-1.pdf3 MBdownload-circle](https://www.uebergabe.de/content/files/2026/04/Nurses-4-Day-Workshop-Flyer-2026-NEW-1.pdf "Download") ### Frührehabilitation nach Schädelhirntrauma URL: https://www.uebergabe.de/fruhrehabilitation-nach-schadelhirntrauma/ Last updated: 2026-04-09T08:00:46.000Z 🗓️ #125 | 09.04.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht die Wirkung einer frühzeitigen rehabilitativen Pflege bei Patient:innen mit einem Schädelhirntrauma unter Einbezug der Selbstpflegetheorie nach Orem. Dabei wird analysiert, ob diese pflegerische Herangehensweise motorische Funktionen und die Fähigkeit zur Alltagsbewältigung verbessert. Im Zentrum steht der Vergleich zwischen einer herkömmlichen Frührehabilitation und einer theoriegeleiteten Pflegeintervention. 💡 Die Selbstpflegetheorie nach ****Dorothea Orem** beschreibt Pflege als Unterstützung von Patient:innen, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr ausreichend selbst erfüllen können. Im Mittelpunkt steht die Annahme, dass Menschen grundsätzlich fähig und motiviert sind, für sich selbst zu sorgen, also sogenannte Selbstpflege zu betreiben. Diese umfasst alle Aktivitäten, die zur Erhaltung von Leben, Gesundheit und Wohlbefinden notwendig sind. Orem unterscheidet dabei zwischen dem Selbstpflegebedarf und der Selbstpflegefähigkeit. Wenn ein Ungleichgewicht entsteht, also wenn Patient:innen nicht mehr in der Lage sind, ihren Bedarf eigenständig zu decken, spricht man von einem Selbstpflegedefizit. In diesem Fall wird Pflege notwendig. Die Aufgabe von Pflegefachpersonen besteht dann darin, die Selbstständigkeit der Patient:innen zu fördern, zu erhalten oder wiederherzustellen. Die Theorie beschreibt außerdem drei Pflegesysteme, die je nach Grad der Selbstständigkeit angewendet werden. Im vollständig kompensatorischen System übernehmen Pflegende die Pflege komplett, im teilweise kompensatorischen System unterstützen sie die Patient:innen bei bestimmten Tätigkeiten und im unterstützend edukativen System steht die Anleitung und Beratung im Vordergrund, damit Patient:innen ihre Selbstpflege wieder eigenständig durchführen können. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie ist es zu prüfen, ob eine frühzeitige Rehabilitation, die sich an der Selbstpflegetheorie orientiert, bessere Ergebnisse erzielt als eine Standardversorgung. Dabei sollen insbesondere motorische Fähigkeiten, neurologische Funktionen und die Selbstständigkeit im Alltag verbessert werden. Zusätzlich wird untersucht, ob sich Zufriedenheit und Mitarbeit der Patient:innen durch diese Pflegeform steigern lassen. _This post is for paying subscribers only._ ### BAPID III / Rahmenempfehlung zur Implementierung von APN in deutschen Krankenhäusern URL: https://www.uebergabe.de/pu116/ Last updated: 2026-07-02T09:47:30.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - BAPID III stellt nicht die Pflegesituation, sondern die professionelle Verantwortung in den Mittelpunkt. - Vier Kompetenzprofile gliedern Rollen von Fachassistenz bis zu APN-Expert:innen. - Das Modell ist Orientierungsrahmen, keine fertige Stellenbeschreibung für Einrichtungen. - Eine neue VPU-Rahmenempfehlung zeigt, wie APN-Rollen im Krankenhaus umgesetzt werden. - Das PEPPA-Framework und eine IST-Analyse sind zentrale Bausteine der APN-Implementierung. # BAPID III: Ein Referenzmodell für Verantwortung in der Pflege Mit [BAPID III – der „Bildungsarchitektur der Pflege in Deutschland“](https://deutscher-pflegerat.de/download/bapid%5Fiii-kompetenzprofile%5Fergebnispublikation%5F2026%5F02.pdf?ref=uebergabe.de) – liegt ein Modell vor, das eine der grundlegendsten Fragen der Pflege adressiert: Wer macht was – und wer trägt Verantwortung? ## Weg von unscharfen Begriffen Bisher wurde die Differenzierung von Rollen in der Pflege häufig über Begriffe wie „komplexe“ oder „hochkomplexe“ Pflegesituationen beschrieben. Diese Begriffe sind zwar im Alltag präsent, bieten aber kaum Orientierung. Sie sagen wenig darüber aus, wer Entscheidungen trifft, wer Prozesse steuert oder wer die Verantwortung trägt. Genau hier setzt BAPID III an. Der zentrale Perspektivwechsel besteht darin, nicht mehr die Situation in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die professionelle Verantwortung. Die Pflegewissenschaftlerin Katharina Genz bringt das prägnant auf den Punkt: Nicht die Pflegesituation unterscheidet die Rollen, sondern die Verantwortung. Damit wird ein entscheidender Schritt vollzogen: Pflege wird nicht mehr primär über Tätigkeiten beschrieben, sondern über Verantwortungsbereiche. 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 300 Menschen, die uns bereits unterstützen.** Als Übergabe-Mitglied bekommst du [wöchentliche Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) direkt ins Postfach, Zugriff auf das komplette Archiv – und alle [Videokurse](https://www.uebergabe.de/tag/videokurs/), die dein Pflegewissen auf ein neues Level heben. Ab 5 € im Monat. Kündbar jederzeit. [Jetzt Mitglied werden – ab 5 €/Monat ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Vier Kompetenzprofile als Struktur Im Kern beschreibt BAPID III vier Kompetenzprofile, die in allen Versorgungsbereichen gelten – von der ambulanten Versorgung über die Langzeitpflege bis zur Akutpflege: - **Pflegefachassistenz** übernimmt unterstützende Aufgaben. - **Pflegefachpersonen** verantworten den gesamten Pflegeprozess, also Planung, Durchführung und Evaluation. - **Akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen** reflektieren Entscheidungen, arbeiten evidenzbasiert und treiben fachliche Entwicklungen voran. - **Wissenschaftlich qualifizierte Pflegeexpert:innen** beziehungsweise APN-Rollen, die Praxis und Forschung miteinander verbinden und die Pflege systematisch weiterentwickeln. ## Ein Orientierungsrahmen – keine Stellenbeschreibung Die Kompetenzprofile sind bewusst nicht als konkrete Stellenbeschreibungen formuliert. Sie sind als Referenzmodell gedacht, das Orientierung bietet. Einrichtungen können darauf aufbauend eigene Rollenprofile entwickeln, anpassen und ausgestalten. Damit schafft BAPID III eine gemeinsame Sprache für die Pflege. Es ermöglicht, Rollen klar zu benennen, Verantwortlichkeiten zu definieren und Entwicklungen nachvollziehbar zu machen. Das Projekt BAPID III (Bildungsarchitektur der Pflege in Deutschland) wurde im Auftrag des Deutschen Pflegerats von der [Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel](https://www.pflegepaedagogik.uni-kiel.de/de?ref=uebergabe.de) unter Leitung von Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen-Hoops durchgeführt. Es basiert auf der Bildungsmatrix aus BAPID I sowie den Rollenprofilen und Berufsbildern aus BAPID II. Federführend war in dem Projekt die Pflegewissenschaftlerin Katharina Genz verantwortlich. Bis zum Jahresende läuft das Projekt [BAPID IV](https://www.pflegepaedagogik.uni-kiel.de/de/aktuelle-forschungsprojekte/bapid/bapid-iv?ref=uebergabe.de) \- im Zentrum des Projektes steht die Entwicklung einer Muster-Weiterbildungsordnung (MWBO). [Deutscher Pflegerat - Pressemitteilungen![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-87.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-25.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/klare-kompetenzprofile-fuer-die-pflege-bapid-iii-veroeffentlicht?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG189 – BAPID - die neue Bildungsarchitektur für die Pflege (Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen Hoops)](https://www.uebergabe.de/ug189/) - [PU098 – BAPID & DPR: Neue Rollen für Pflege und Primärversorgung](https://www.uebergabe.de/pu098/) - [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken (Dr. Juliane Spank & Philipp Strnad)](https://www.uebergabe.de/ug188/) --- # APN im Krankenhaus: Von der Idee zur Umsetzung Eine neue [Rahmenempfehlung zur Implementierung von Advanced Practice Nursing und Midwifery in deutschen Krankenhäusern](https://www.vpuonline.de/app/uploads/2026/03/Rahmenempfehlung-zur-Implementierung-von-Advanced-Practice-Nursing-und-Midwifery-APN%5FAPM-in-deutschen-Krankenhaeusern.pdf?ref=uebergabe.de), zeigt auf wie diese neuen Rollen konkret umgesetzt werden können. Herausgegeben wurde die Empfehlung vom Verband der Pflegedirektorinnen der Universitätskliniken. ## Warum APN jetzt stärker in den Fokus rückt Krankenhäuser stehen vor steigenden Anforderungen. Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und wachsende Qualitätsanforderungen erhöhen den Druck auf die Versorgungssysteme. In diesem Kontext werden APN- und APM-Rollen zunehmend als Lösungsansatz gesehen. Sie sollen dazu beitragen, Versorgung zu verbessern, Prozesse zu stabilisieren und pflegerische Expertise stärker einzubringen. Thorsten Rantzsch, Vorsitzender des VPU, beschreibt diese doppelte Herausforderung als zentralen Treiber für die Entwicklung neuer Rollen. ## Die Rahmenempfehlung als Praxisleitfaden Die Empfehlung richtet sich an ein breites Publikum: Klinikleitungen, Pflegedirektionen, APN selbst sowie alle, die an Versorgungsentwicklung beteiligt sind. Sie enthält nicht nur theoretische Grundlagen, sondern auch konkrete Praxisbeispiele. Dazu gehören etwa APN-Rollen in der Intensivpflege, der Kinderchirurgie oder der Onkologie an verschiedenen Universitätskliniken. [Pflege der Zukunft: zentrale Impulse vom VPU-Kongress 2025Wie Advanced Practice Nursing, Community Health Nursing und eine neue Bildungsarchitektur die Pflege an Unikliniken verändern. Ein umfassender Blick auf die zentralen Impulse des VPU-Kongresses.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-107.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug178.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug178/#bapid-ein-koh%C3%A4rentes-fundament-f%C3%BCr-karrierewege-und-zuk%C3%BCnftige-kompetenzen) ## Der Weg zur APN-Rolle: Mehr als ein einzelner Schritt Die Einführung einer APN-Rolle ist ein komplexer Entwicklungsprozess. Ein zentraler Baustein ist dabei die Orientierung an etablierten Frameworks. In der Rahmenempfehlung wird insbesondere das **PEPPA-Framework** hervorgehoben, entwickelt von [Bryant-Lukosius und DiCenso (2004)](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/j.1365-2648.2004.03235.x?sid=nlm%3Apubmed&ref=uebergabe.de). Dieses Modell beschreibt einen mehrstufigen Prozess zur Einführung neuer Pflege-Rollen. Ein entscheidender Ausgangspunkt ist die IST-Analyse. Sie bildet die Grundlage für alle weiteren Schritte. In der Praxis wird dieser Schritt jedoch häufig übersprungen, was dazu führt, dass Zielsetzungen unklar bleiben und Rollen nicht nachhaltig implementiert werden. Insgesamt umfasst das Framework neun Schritte – von der Bedarfsanalyse bis zur Evaluation. ## Erfolgsfaktoren für die Implementierung und Finanzierung Neben methodischen Ansätzen beschreibt die Rahmenempfehlung auch zentrale Erfolgsfaktoren. Dazu gehört die strukturelle Verankerung von APN-Rollen in bestehenden Organisationsstrukturen. Ebenso wichtig ist die enge Anbindung an Leitungsteams, um Entscheidungswege zu sichern. Ein weiterer Faktor ist die Vernetzung. APN-Rollen profitieren von Austausch – innerhalb der Einrichtung ebenso wie in nationalen und internationalen Netzwerken. Und nicht zuletzt sind klare Rollen- und Stellenprofile entscheidend. Ein häufig genannter Hinderungsgrund für die Einführung von APN-Rollen ist die Finanzierung. Auch dieses Thema greift die Rahmenempfehlung auf. Sie zeigt Möglichkeiten der Eingruppierung in Tarifstrukturen sowie Finanzierungsoptionen über bestehende Instrumente wie [Pflegebudget oder PPR 2.0.](https://www.uebergabe.de/ug183/) [VPU Homepage - VPU e.V. – Interessenvertretung der Pflegedirektorinnen und -direktoren deutscher UniversitätsklinikenDie Stimme der Pflege an den Universitätsmedizinstandorten Deutschlands![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-23.png)VPU e.V. – Interessenvertretung der Pflegedirektorinnen und -direktoren deutscher Universitätskliniken![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/vpu-logo.svg)](https://www.vpuonline.de/?ref=uebergabe.de) ### Prävention von ICU-acquired weakness URL: https://www.uebergabe.de/pravention-von-icu-acquired-weakness/ Last updated: 2026-04-02T08:00:02.000Z 🗓️ #124 | 02.04.2026 ## Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit pflegerischen Interventionen zur Prävention von ICU-acquired weakness bei kritisch kranken Patient:innen auf Intensivstationen. Dabei handelt es sich um eine häufige Komplikation, die mit Muskelschwäche, längerer Beatmung und schlechteren Langzeitprognosen verbunden ist. Im Fokus stehen Maßnahmen, die durch Pflegefachpersonen umgesetzt werden können, um diese Komplikation zu verhindern. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie ist es, vorhandene evidenzbasierte und theoriegeleitete pflegerische Interventionen systematisch zusammenzufassen und deren Wirksamkeit zu bewerten. Dabei werden insbesondere Effekte auf die Häufigkeit von ICU-acquired weakness, Delir, sowie die Dauer des Krankenhausaufenthalts untersucht. Zusätzlich soll ein Überblick über geeignete Interventionen für die klinische Praxis geschaffen werden. 💡 Die ****ICU Acquired Weakness** ist eine häufige Komplikation bei Patient:innen, die über längere Zeit auf einer Intensivstation behandelt werden. Dabei kommt es zu einer generalisierten Muskelschwäche, die nicht durch eine andere neurologische Erkrankung erklärbar ist, sondern im Zusammenhang mit der kritischen Erkrankung und der intensivmedizinischen Therapie entsteht. Ursächlich sind meist mehrere Faktoren gleichzeitig beteiligt. Dazu zählen eine schwere Entzündungsreaktion im Körper, wie sie beispielsweise bei einer Sepsis auftritt, eine längere Immobilisation im Bett, der Einsatz bestimmter Medikamente wie Kortikosteroide oder Muskelrelaxantien sowie eine länger andauernde künstliche Beatmung. Diese Einflüsse führen dazu, dass sowohl die Muskulatur als auch die peripheren Nerven geschädigt werden können. Klinisch zeigt sich die ICU Acquired Weakness durch eine symmetrische, schlaffe Muskelschwäche, die vor allem die Extremitäten betrifft. Häufig fällt auf, dass Patient:innen Schwierigkeiten haben, sich zu bewegen oder selbstständig zu atmen, was das Entwöhnen von der Beatmung erschwert. Auch Reflexe können abgeschwächt sein. Die Diagnose wird in erster Linie klinisch gestellt, häufig ergänzt durch elektrophysiologische Untersuchungen. Wichtig ist, andere Ursachen für die Muskelschwäche auszuschließen. Die Behandlung besteht vor allem in unterstützenden Maßnahmen. Eine frühzeitige Mobilisation, Physiotherapie und Ergotherapie spielen eine zentrale Rolle. Zudem wird versucht, Risikofaktoren zu minimieren, etwa durch eine möglichst schonende Sedierung und den gezielten Einsatz von Medikamenten. Die Prognose ist unterschiedlich. Bei vielen Patient:innen bessert sich die Muskelschwäche im Verlauf von Wochen bis Monaten, in schweren Fällen können jedoch langfristige Einschränkungen bestehen bleiben. _This post is for paying subscribers only._ ### Schmerzempfinden bei Menschen mit Demenz URL: https://www.uebergabe.de/schmerzempfinden-bei-menschen-mit-demenz/ Last updated: 2026-03-31T08:35:49.000Z Schmerz bei Demenz bleibt oft unerkannt, da Betroffene ihr Leiden kaum noch verbal äußern können. Schweigen darf jedoch nie als Schmerzfreiheit missverstanden werden. Statt klassischer Skalen sind dann aufmerksame Fremdbeobachtungen entscheidend, um die Lebensqualität zu sichern. _This post is for subscribers only._ ### Soziologische Pflegeforschung (Dr. Alina Schmitz) URL: https://www.uebergabe.de/ug184/ Last updated: 2026-06-13T13:06:09.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflege ist kein medizinisches, sondern ein gesellschaftliches Problem mit ungleichem Risiko. - Frauen, Geringverdienende und Erwerbstätige tragen die höchste Pflegebelastung. - Familiäre Care-Regimes verstärken Geschlechterungleichheiten und langfristige Folgen für Pflegende. - Schon das Wissen um Pflegeangebote reduziert den erlebten Stress. - Junge Pflegende und Menschen mit Migrationsgeschichte sind in der Forschung unsichtbar. ## Zwischen Aufopferung und Erschöpfung: Was wir über pflegende Angehörige wirklich wissen Millionen Menschen in Deutschland pflegen ihre Eltern, Partner:innen oder Geschwister – Nacht für Nacht, Woche für Woche, oft ohne Pause. Was in politischen Debatten gerne als „gelebte Solidarität" gelobt wird, ist für viele Betroffene eine stille Erschöpfung, die sich tief in Gesundheit, Berufsleben und finanzielle Zukunft frisst. Doch was sagen die Daten wirklich? Alina Schmitz, Soziologin an der Technischen Universität Dortmund, forscht genau daran – und erklärt im Übergabe-Podcast, was soziologische Pflegeforschung sichtbar macht, was andere Disziplinen übersehen. ****Du liest die Übergabe. Aber du siehst nur die Hälfte.** Unsere [Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) fangen dort an, wo der Podcast aufhört: kurz die wichtigsten Studien der Pflege zusammengefasst recherchiert. Zuletzt: [**Wie erleben Patient:innen das Intubiert-Sein?*](https://www.uebergabe.de/wie-erleben-patient-innen-das-intubiert-sein/) – ein Thema, über das kaum jemand spricht, obwohl es jeden Tag passiert. Dazu unser Videokurs [**Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege*](https://www.uebergabe.de/wissenschaftliches-arbeiten-in-der-pflege-einstieg-in-die-pflegeforschung/) – für alle, die ihren Beruf nicht nur ausüben, sondern verstehen wollen. Alles das bekommst du als Mitglied. [Jetzt freischalten -> ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Pflege ist kein medizinisches Problem – es ist ein gesellschaftliches Wer Pflege nur durch eine medizinische Linse betrachtet, sieht nur einen Teil des Bildes. Die soziologische Pflegeforschung fragt nicht, wie ein Dekubitus behandelt wird, sondern: Wer pflegt wen? Unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen? Und welche Folgen hat das für das Leben der Beteiligten? Diese Perspektive klingt abstrakt, wird aber schnell konkret, wenn man sich anschaut, wie ungleich das Pflegrisiko in der Bevölkerung verteilt ist. > *„Pflege und Fürsorge sind keine negativen Eigenschaften, die wir Frauen abtrainieren müssen. Wir müssen sie stärker auch Männern vermitteln, weil das Werte sind, auf die unsere Gesellschaft angewiesen ist. Viele pflegende Angehörige brauchen Unterstützung, wofür die Politik die Rahmenbedingungen schaffen sollte" — Dr. Alina Schmitz* Bildung und Einkommen sind entscheidende Prädiktoren dafür, wie gesund jemand im Alter ist und ob er oder sie pflegebedürftig wird. Damit ist Pflege per Definition auch ein Thema der Soziologie – und nicht nur der Medizin oder Pflegewissenschaft. Der Mehrwert liegt in der Interdisziplinarität: Wenn Soziolog:innen, Pflegewissenschaftler:innen und Mediziner:innen gemeinsam forschen, entsteht ein vollständigeres Bild der Versorgungsrealität. ## Wer überhaupt forscht – und mit welchen Daten Die quantitativ ausgelegte soziologische Pflegeforschung arbeitet häufig mit groß angelegten Bevölkerungsbefragungen. Während pflegewissenschaftliche Studien oft mit kleineren, spezialisierten Gruppen arbeiten, beobachtet die Soziologie zehntausende Menschen über Jahrzehnte. Eine solche Studie ist die [SHARE-Studie (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe)](https://share-eric.eu/?ref=uebergabe.de), in der Menschen in zahlreichen europäischen Ländern nach exakt demselben Muster befragt werden. So lassen sich nicht nur Trends innerhalb eines Landes beschreiben, sondern auch systemische Unterschiede zwischen Care-Regimes sichtbar machen. Neben diesen Längsschnittdaten gibt es auch spezialisierte Datensätze, etwa vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen – wie in einer Studie, die Alina Schmitz mit Kolleg:innen auf der Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie vorstellte. Dort wurden Pflegegrade, Diagnosen und Versorgungsarrangements in Bayern systematisch analysiert. Das Besondere: Solche Versicherungsdaten erlauben sehr detaillierte Aussagen über informelle Pflegearrangements – wer pflegt zu Hause, wer nutzt professionelle Unterstützung, und wie hängt das mit Geschlecht und Region zusammen? ## Das Caregiver Stress Process Modell: Warum manche Pflegende mehr leiden als andere Um die Belastung pflegender Angehöriger theoretisch zu fassen, hat sich in der Forschung das [**Caregiver Stress Process Modell** ](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2276631/?ref=uebergabe.de)von Pearlin etabliert. Es beschreibt vier ineinandergreifende Faktoren: 1. **Ausgangslage** der pflegenden Person (Alter, Einkommen, Beziehung zur pflegebedürftigen Person) 2. **Direkte Belastungen** durch Pflege (Zeitaufwand, Pflegeintensität, Krankheitsbild) 3. **Indirekte Belastungen** durch Rollenkonflikte (z. B. mit Erwerbsarbeit oder anderen Familienpflichten) 4. **Ressourcen**, die zur Verfügung stehen – von persönlichen Fähigkeiten bis zu professioneller Unterstützung Der soziologische Blick konzentriert sich dabei besonders auf die indirekten Belastungen. Denn es sind häufig nicht die konkreten Pflegetätigkeiten, die Menschen zermürben, sondern die gesellschaftlichen Widersprüche, in denen sie sich bewegen: gleichzeitig erwerbstätig sein, für Kinder sorgen und die Eltern pflegen. Wer das alles unter einen Hut bringen muss, erlebt nicht nur Zeitmangel, sondern echte Rollenkonflikte – und die hinterlassen Spuren. ## Besonders belastet: Frauen, Geringverdienende und Erwerbstätige Die Forschungslage ist eindeutig: Frauen berichten im Durchschnitt eine höhere Pflegebelastung als Männer. Der Hauptgrund liegt nicht in biologischen Unterschieden, sondern in strukturellen Rollenerwartungen: Frauen übernehmen häufiger gleichzeitig Sorgearbeit für Kinder, Haushalt und Pflegebedürftige – ein Mehrfachbelastungsmodell, das die individuelle Belastungsgrenze systematisch überschreitet. [Auch Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status sind überproportional belastet.](https://bristoluniversitypressdigital.com/view/journals/ijcc/8/2/article-p351.xml?ref=uebergabe.de) Ihnen fehlen oft die finanziellen Mittel, um Entlastungsangebote zu kaufen – ob Tages- oder Kurzzeitpflege, bezahlte Haushaltshilfe oder Beratungsangebote. Interessant dabei: [Eine aktuelle Studie zeigt, dass die unmittelbare Belastung beim Einstieg in die Pflege über Bildungs- und Vermögensgruppen hinweg vergleichbar ist.](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34010061/?ref=uebergabe.de) Der entscheidende Unterschied liegt im Ausgangsniveau – Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status starten bereits unter höherer Belastung, sodass Pflege buchstäblich der sprichwörtliche Tropfen, der „das Fass zum Überlaufen“ bringt, werden kann. > *„Ob man eine Wahl hat oder in einer alternativlosen Situation ist – das beeinflusst maßgeblich, wie belastend Pflege wahrgenommen wird." — Dr. Alina Schmitz* Hinzu kommt eine Gruppe, die politisch kaum sichtbar ist: Pflegende, die gleichzeitig erwerbstätig sind. Sie jonglieren täglich zwischen Berufsalltag und Pflegeverantwortung – ohne nennenswerte gesetzliche Auszeitmöglichkeiten und ohne ausreichende finanzielle Absicherung für den Fall einer Arbeitszeitreduzierung. ## Europa als Spiegel: Was Care-Regimes über uns verraten Ein besonders erhellender Ansatz der vergleichenden Soziologie ist das Konzept der **Care-Regimes**. Es beschreibt, wie verschiedene Länder die Verantwortung für Pflege gesellschaftlich organisieren. Vier Typen lassen sich grob unterscheiden: **Familiastisches Regime** (Südeuropa, Teile Osteuropas): Pflege gilt als Privatangelegenheit. Die Familie – konkret: die Frau – ist zuständig, staatliche Unterstützung gibt es kaum. Die Folge: sehr hohe Belastungen, ausgeprägte Geschlechterungleichheiten, eingeschränkte Erwerbsbeteiligung von Frauen. **Konservatives Regime** (Deutschland, Österreich): Kombination aus familiärer Verantwortung und staatlichen Unterstützungsleistungen. Traditionelle Geschlechterrollen sind noch stark verankert. Die Entlastungsangebote reichen nicht aus, um Einkommensverluste durch reduzierte Erwerbsarbeit zu kompensieren – wie Zahlen zur Altersarmut bei Frauen deutlich zeigen. **Liberales Regime** (z. B. Großbritannien): Stärkerer Fokus auf private Vorsorge und individuelle Absicherung. Geschlechterunterschiede etwas weniger ausgeprägt, dafür sind sozioökonomische Ungleichheiten besonders spürbar. **Sozialdemokratisches Regime** (Skandinavien): Gut ausgebauter öffentlicher Pflegesektor. Männer beteiligen sich häufiger an der Pflege, Pflege wird weniger als Familienaufgabe verstanden. Die Belastungen für pflegende Angehörige sind nachweislich geringer – weil die Möglichkeit, Unterstützung zu nutzen, die Wahlfreiheit erhöht. > *„Je stärker ein Care-Regime auf Familie setzt, desto größer sind die Geschlechterungleichheiten in den Pflegearrangements – und desto gravierender die langfristigen Folgen für pflegende Angehörige." — Dr. Alina Schmitz* ## Was ländervergleichende Daten zeigen: Regionale Infrastruktur als Stressfaktor Dass die Pflegebettendichte einer Region das Belastungsempfinden von Angehörigen beeinflusst – auch wenn die Betroffenen gar keine stationären Angebote nutzen –, klingt zunächst überraschend. [Doch genau das zeigt die Forschung:](https://academic.oup.com/psychsocgerontology/article/73/4/e24/4727292?ref=uebergabe.de) Der Vergleich verschiedener Regionen in Europa zeigt: Allein das Wissen, dass ein Sicherheitsnetz existiert, reduziert den erlebten Stress. Dieses Sicherheitsempfinden ist in Regionen mit einer hohen Dichte an professionellen Pflegeangeboten stärker ausgeprägt. Wer weiß, dass es im Notfall eine stationäre Alternative gibt, pflegt nicht im Bewusstsein der absoluten Alternativlosigkeit. Für ländliche Regionen ist das eine alarmierende Botschaft. Dort wird Infrastruktur seit Jahren abgebaut. Vor allem Jüngere verlassen bestimmte Regionen, während ältere Pflegebedürftige zurückbleiben. Gleichzeitig kämpfen ambulante Pflegedienste mit langen Fahrzeiten zwischen Klient:innen. Das Ergebnis: strukturell erzwungene informelle Pflege ohne ausreichende Entlastungsoptionen. ## Wer im Forschungsblindfleck liegt Zwei Gruppen sind in der bisherigen Forschung erheblich unterrepräsentiert. Erstens: **junge pflegende Angehörige**. Kinder und Jugendliche, die Familienmitglieder pflegen, waren lange unsichtbar. Aktuell wächst das Interesse, insbesondere an pflegenden Studierenden, die Prüfungspflichten, Studienregelzeiten und Pflegeverantwortung gleichzeitig stemmen müssen. Zweitens: **Menschen mit Migrationshintergrund und geringen Deutschkenntnissen**. Groß angelegte Befragungen werden meist nur auf Deutsch durchgeführt. Wer diesen Fragebögen sprachlich nicht folgen kann, kommt in den Daten nicht vor. Das bedeutet: Über die Belastungssituation einer relevanten und wachsenden Bevölkerungsgruppe wissen wir systematisch zu wenig. ## Was sich ändern müsste – und was Wissenschaft dazu beitragen kann Die Antworten aus der Forschung sind klar: Ausbau öffentlicher Pflegeangebote, bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, finanzielle Absicherung für pflegende Angehörige. Und: eine aktive Einbindung von Männern in die Pflegearbeit – nicht durch Appelle an das Individuum, sondern durch strukturelle Rahmenbedingungen, die es erleichtern. Alina Schmitz plädiert dabei für einen Bewusstseinswandel: Sorge und Fürsorge sind keine weiblichen Eigenschaften, die abtrainiert werden sollten. Es sind gesellschaftlich unverzichtbare Werte – die auch Jungen und Männern vermittelt werden müssen. Denn die professionelle Pflege allein wird den demografischen Wandel nicht schultern können. Gleichzeitig betont Schmitz die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft: Erkenntnisse müssen so aufbereitet werden, dass sie politisches Gehör finden. Nicht Wissenschaft soll Politik machen – aber empirische Befunde sollten die Grundlage von Entscheidungen sein. ## Zum Weiterhören - [ÜG030 – Mindestlöhne, PPR 2.0 & Pflegende Angehörige (Prof. Dr. T. Segmüller)](https://www.uebergabe.de/ug030/) - [ÜG058 – Pflegende Angehörige in der COVID-19-Krise (Simon Eggert)](https://www.uebergabe.de/ug058/) - [ÜG163 – Ungleichheit im deutschen Gesundheitssystem (Bianca Flachenecker)](https://www.uebergabe.de/ug163/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Wie kommt es zu Gewalt gegen Pflegefachpersonen? URL: https://www.uebergabe.de/wie-kommt-es-zu-gewalt-gegen-pflegefachpersonen/ Last updated: 2026-03-26T09:00:08.000Z 🗓️ #123 | 26.03.2026 ## Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit Gewalt und Aggression gegenüber Pflegefachpersonen im Arbeitskontext und untersucht, welche Faktoren solche Ereignisse begünstigen. Dabei werden sowohl Übergriffe durch Patient:innen, Angehörige oder Besucher:innen als auch sogenannte horizontale Gewalt innerhalb des Teams betrachtet. Ziel ist es, ein umfassendes Bild dieses weit verbreiteten Problems im Gesundheitswesen zu zeichnen. 💡 Gewalt gegenüber Pflegefachpersonen in deutschen Krankenhäusern ist ein relevantes und zunehmend sichtbares Problem. Studien und Befragungen zeigen, dass ein großer Teil der Beschäftigten im Gesundheitswesen im Laufe ihres Berufslebens mit Gewalt konfrontiert wird. Je nach Untersuchung berichten etwa 60 bis 80 Prozent der Pflegekräfte, dass sie bereits verbale Gewalt wie Beleidigungen oder Drohungen erlebt haben. Körperliche Übergriffe sind seltener, kommen aber ebenfalls häufig vor. Hier geben ungefähr 20 bis 40 Prozent der Befragten an, schon einmal körperliche Gewalt durch Patientinnen, Patienten oder deren Angehörige erfahren zu haben. Diese Vorfälle treten nicht nur vereinzelt auf, sondern gehören für viele Pflegefachpersonen zum Arbeitsalltag. Besonders häufig kommt es in Notaufnahmen, psychiatrischen Einrichtungen und geriatrischen Abteilungen zu Übergriffen, da dort Patientinnen und Patienten oft unter Stress, Schmerzen, Angst oder kognitiven Einschränkungen leiden. Auch Alkohol oder Drogen können eine Rolle spielen. Offizielle Statistiken erfassen das Ausmaß nur teilweise, da viele Vorfälle nicht gemeldet werden. Es wird davon ausgegangen, dass die Dunkelziffer erheblich ist. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie ist es, Prädiktoren sowie Folgen von Gewalt und Aggression gegenüber Pflegefachpersonen in unterschiedlichen Versorgungskontexten zu identifizieren. Darüber hinaus sollen auch physische, psychische sowie organisatorische Konsequenzen beschrieben werden. Die Ergebnisse sollen eine Grundlage für Präventions- und Interventionsmaßnahmen liefern. _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegebudget / Update zur Krankenhausreform / Landtagswahl in RLP URL: https://www.uebergabe.de/pu115/ Last updated: 2026-07-02T09:47:29.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegeverbände fordern: Pflegebudget nicht abschaffen, sondern datenbasiert weiterentwickeln statt deckeln. - 89 Prozent der Führungskräfte halten das Pflegebudget für unverzichtbar in der Versorgung. - KHAG beschlossen: Pflegebudget enger gefasst, Dokumentation soll künftig nicht mehr refinanziert werden. - In Rheinland-Pfalz entscheidet die Wahl auch über die Zukunft der Pflegekammer. - ICN-Motto 2026: Empowered Nurses Save Lives – mehr Mitbestimmung und Führung. # Pflegebudget: Warum die Debatte gerade wieder an Schärfe gewinnt Die Diskussion über das [Pflegebudget](https://www.uebergabe.de/ug183/) läuft schon seit Monaten, aber aktuell hat sie eine neue Qualität bekommen. Der Grund dafür liegt vor allem darin, dass sich die Positionen der professionellen Pflege in den vergangenen Tagen noch einmal sichtbar gebündelt haben. Neben einer Querschnittsbefragung des Bundesverbands Pflegemanagement liegen nun auch neue Positionspapiere des [Deutschen Pflegerats](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) und des [Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de) vor. Der gemeinsame Grundtenor ist eindeutig: Das Pflegebudget soll nicht abgeschafft und auch nicht pauschal gedeckelt werden. Stattdessen fordern die Verbände eine verlässliche, fachlich fundierte und datenbasierte Weiterentwicklung. Damit positionieren sich die Organisationen klar gegen Stimmen, die das Pflegebudget vor allem als Kostentreiber betrachten. Aus Sicht der Pflegeverbände ist es vielmehr ein Schutzinstrument für Versorgung, Personalstabilität und pflegerische Qualität. 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 300 Menschen, die uns bereits unterstützen.** Als Übergabe-Mitglied bekommst du [wöchentliche Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) direkt ins Postfach, Zugriff auf das komplette Archiv – und alle [Videokurse](https://www.uebergabe.de/tag/videokurs/), die dein Pflegewissen auf ein neues Level heben. Ab 5 € im Monat. Kündbar jederzeit. [Jetzt Mitglied werden – ab 5 €/Monat ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Pflegebudget als Schutzmechanismus Besonders deutlich wird das in der [Befragung des Bundesverbands Pflegemanagement](https://www.bv-pflegemanagement.de/meldung/items/838.html?ref=uebergabe.de). Dort halten 89 Prozent der befragten Führungskräfte das Pflegebudget für unverzichtbar, um die pflegerische Versorgung im Krankenhaus sicherzustellen. Viele der Befragten gehen davon aus, dass ohne dieses Budget Stellen verloren gehen würden, Vakanzen zunehmen und Qualitätsprojekte eingeschränkt werden müssten. Damit wird das Pflegebudget nicht als Nebenschauplatz wahrgenommen, sondern als zentrale Grundlage für die Sicherung pflegerischer Arbeit im Krankenhaus. Diese Einschätzung ist bemerkenswert, weil sie direkt aus dem Führungskontext stammt, also aus jener Ebene, die mit Personalsteuerung, Budgetdruck und Organisationsverantwortung täglich befasst ist. ## Die DRG-Erfahrung wirkt bis heute nach Warum reagieren die Verbände so sensibel auf die aktuelle Debatte? Der Hintergrund liegt in der Geschichte der Krankenhausfinanzierung. Sowohl DPR als auch DBfK erinnern daran, dass Pflege im Krankenhaus über viele Jahre unter massivem wirtschaftlichem Druck stand. Nach der Aussetzung der Pflegepersonalregelung und mit der Einführung der DRGs wurden zehntausende Stellen im Pflegedienst abgebaut. Aus Sicht der Verbände handelt es sich deshalb bei der aktuellen Finanzierung nicht um eine Sonderbehandlung, sondern um eine Korrektur früherer Fehlentwicklungen. Der DPR spricht in diesem Zusammenhang ausdrücklich von einer historischen Schieflage. Während pflegerische Stellen über lange Zeit dem Spardruck ausgesetzt waren, konnten andere Berufsgruppen – insbesondere der ärztliche Dienst – stärker ausgebaut werden. Vor diesem Hintergrund erscheint das Pflegebudget aus Sicht der professionellen Pflege nicht als Luxus, sondern als nachholende Sicherung. ## Position des Deutschen Pflegerates Der Deutsche Pflegerat legt in seinem Positionspapier besonderen Wert auf die professionelle Perspektive. Pflege soll nicht auf das enge Bild der „Pflege am Bett“ reduziert werden. Vielmehr beschreibt der DPR Pflege als umfassende Versorgungsarbeit, die Einschätzung, Koordination, Beratung und Prozessverantwortung einschließt. Diese Position ist deshalb wichtig, weil die aktuelle Debatte oft so geführt wird, als sei nur direkt sichtbare körpernahe Tätigkeit tatsächlich „Pflege“. Der DPR widerspricht diesem engen Verständnis und macht deutlich, dass moderne pflegerische Versorgung mehr umfasst als einzelne Handgriffe am Patient:innenbett. [Deutscher Pflegerat - Pressemitteilungen![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-84.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-24.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/pflegebudget-sichern-und-gezielt-weiterentwickeln?ref=uebergabe.de) ## Position des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) Für den DBfK steht stärker die Verbindung zwischen Pflegepersonalausstattung, Pflegequalität und Patient:innensicherheit im Mittelpunkt. Schon der Titel des Positionspapiers formuliert das prägnant: [Pflegequalität gibt es nicht zum Nulltarif](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2026/2026-03-05-pflegebudget-sichert-die-versorgung-im-krankenhaus.php?ref=uebergabe.de). Der Verband kritisiert, dass das Pflegebudget in der politischen Diskussion zu stark als Kostenproblem behandelt wird, obwohl die Evidenz seit Jahren zeigt, dass Unterbesetzung mit mehr Komplikationen, längeren Verweildauern und höherer Mortalität verbunden ist. Der DBfK schlägt deshalb ein Gesamtkonzept aus drei Bausteinen vor: erstens das Pflegebudget als Finanzierungsrahmen, zweitens eine systematische Pflegepersonalbemessung wie die PPR 2.0 und drittens Leistungsgruppen als strukturelle Qualitätsvorgaben im Krankenhaus. Entscheidend sei, dass diese drei Elemente nicht nebeneinander herlaufen, sondern systematisch miteinander verzahnt werden. ## Der gemeinsame Kern der Positionspapiere Trotz unterschiedlicher Akzente sind sich DPR und DBfK in der Grundrichtung sehr einig. Beide sagen: Das **Pflegebudget ist kein überflüssiger Kostenblock, sondern ein Schutzmechanismus für Versorgung und Personal**. Reformieren ja – aber nicht mit dem Ziel, kurzfristig Einsparungen zu erzielen, sondern mit dem Ziel, pflegerische Versorgung sachgerecht zu sichern. In dieser Debatte zeigt sich erneut ein grundlegendes Problem der deutschen Gesundheitspolitik: Pflege wird noch immer zu häufig vor allem als Kostenfaktor betrachtet und zu selten als eigenständige professionelle Leistung verstanden. Genau an dieser Stelle setzen die Verbände mit ihren Positionspapieren an. Die Debatte um das Pflegebudget ist deshalb mehr als eine Haushaltsfrage – sie ist auch ein Spiegel dafür, welchen Stellenwert Pflege im System tatsächlich hat. ## Zum Weiterhören - [PU114 – Diskussionen zum Pflegebudget / Landtagswahl in Baden-Württemberg](https://www.uebergabe.de/pu114/) - [PU117 – Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen / Primärversorgung / Pflegekammer RLP](https://www.uebergabe.de/pu117/) - [PU120 – Update Notfallreform / Koalitionsverträge in BaWü und RLP / ICN Report](https://www.uebergabe.de/pu120/) --- # Das KHAG ist beschlossen – aber viele Fragen bleiben offen Das Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) wurde vom Bundestag verabschiedet. Damit ist klar: Die Krankenhausreform geht in die nächste Phase. Nachdem in den Wochen zuvor noch offen war, ob sich Bund und Länder einigen würden, liegt nun eine politische Entscheidung vor. ## Was der Kern der Reform bleibt Grundidee der Krankenhausreform ist weiterhin die **Bündelung von Leistungen**. Nicht jedes Krankenhaus soll künftig alles anbieten, sondern komplexe Behandlungen sollen stärker an spezialisierten Standorten konzentriert werden. Dahinter steht das Ziel, **Qualität zu steigern** und **Versorgungsstrukturen stärker auf Spezialisierung** auszurichten. Mit dem KHAG wurden an mehreren Stellen Anpassungen vorgenommen. Die **Bundesländer bekommen mehr Zeit und mehr Spielraum für die Umsetzung**. Das soll Versorgungslücken verhindern, etwa dort, wo kleinere Krankenhäuser bestimmte Anforderungen noch nicht erfüllen können. In Einzelfällen können Ausnahmeregelungen bis zu sechs Jahre gelten. Zudem wird die sogenannte Vorhaltevergütung um ein Jahr verschoben, sodass ihre volle Finanzwirksamkeit erst ab 2030 greift. > "Die Krankenhauslandschaft muss sich verändern – und sie wird sich verändern. Der Transformationsprozess hat längst begonnen. Damit er strukturiert und mit Weitsicht geplant und umgesetzt werden kann, werden durch das Gesetz die notwendigen Anpassungen an der Krankenhausreform vorgenommen. Im Schulterschluss von Bund und Ländern ist es gelungen, ein Reformpaket zu erarbeiten, das nicht an den grundsätzlichen Zielen der Krankenhausreform rüttelt. Wir wollen keine Lücken in der Versorgung!" **Nina Warken (Bundesgesundheitsministerin** [Nina Warken: „Die Krankenhauslandschaft muss sich verändern – und sie wird sich verändern“Der Deutsche Bundestag hat am 6\. März 2026 die Anpassung der Krankenhausreform beschlossen. Die wesentlichen Ziele der Reform bleiben erhalten: Eine Bündelung von Leistungen, mehr Spezialisierung und dadurch eine bessere Qualität in der Versorgung.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-85.ico)BMGBundesgesundheitsministerin Nina Warken![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_BM_Nina_Warken_Bundestag_Rede-1_6a69d04148.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/bundestag-beschliesst-krankenhausreformanpassungsgesetz-pm-06-03-2026?ref=uebergabe.de) ## Was das für Pflegefachpersonen bedeutet Für Pflegefachpersonen bringt die Reform vor allem strukturelle Veränderungen. **Pflegepersonal wird stärker Teil der Qualitätsvorgaben für Krankenhäuser**. Gleichzeitig wird das Pflegebudget enger gefasst. Nach der neuen Logik sollen vor allem Tätigkeiten finanziert werden, die direkt am Bett stattfinden. Administrative Aufgaben wie Dokumentation sollen künftig nicht mehr über das Pflegebudget refinanziert werden. Genau hier entstehen neue Konfliktlinien. Denn die Frage, welche Tätigkeiten als pflegerische Kernaufgaben gelten und welche nicht, ist in der Praxis keineswegs trivial. Dokumentation, Koordination, Einschätzung und Übergaben sind unverzichtbare Bestandteile professioneller Pflegearbeit. Werden sie aus dem refinanzierten Bereich herausgelöst, droht erneut eine Verengung pflegerischer Leistung auf ein reduziertes Tätigkeitsverständnis. ## Kritik aus unterschiedlichen Richtungen Die Kritik am KHAG fällt entsprechend breit aus. Die [Deutsche Krankenhausgesellschaft](https://www.dkgev.de/?ref=uebergabe.de) moniert, dass zentrale Finanzierungsfragen weiterhin offenbleiben und Probleme eher verschoben als gelöst würden. Auch aus der parlamentarischen Opposition wurde das Gesetz als verwässerte und bürokratische Flicklösung kritisiert. Die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen sprach sogar von einer politischen Enttäuschung. Auch der Deutsche Pflegerat warnt schon länger davor, dass Pflege in der Krankenhausreform nicht ausreichend berücksichtigt werde. Aus Sicht des DPR kann eine Reform der Krankenhausstrukturen nur funktionieren, wenn gleichzeitig Personalausstattung und pflegerische Rollen ernsthaft mitgedacht werden. [Krankenhäuser kritisieren aufgeschobene ProblemeDie Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) übt Kritik am heute gefassten Beschluss des Bundestags zum Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG). Insbesondere kritisiert die DKG, dass wichtige Fragen verschoben statt beantwortet werden. Das betrifft insbesondere ungelöste Probleme der Finanzierung. Der DKG-Vorstandsvorsitzende Dr. Gerald Gaß erklärt dazu mehr in der Pressemitteilung.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-86.ico)Deutsche Krankenhaus Gesellschaft![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-DKG-2.png)](https://dkgev.de/dkg/presse/details/krankenhaeuser-kritisieren-aufgeschobene-probleme/?ref=uebergabe.de) ## Die Position der Bundesregierung Bundesgesundheitsministerin Nina Warken verteidigt das Gesetz hingegen klar. Ihre Botschaft im Bundestag lautete, dass sich die Krankenhauslandschaft verändern müsse und auch verändern werde. Deutschland könne sich die jetzige Struktur mit vielen defizitären Krankenhäusern langfristig nicht leisten. Deshalb brauche es Spezialisierung und die Bündelung von Kapazitäten. Gleichzeitig müsse die wohnortnahe Grund- und Notfallversorgung gesichert bleiben. Damit ist die Richtung politisch vorgegeben. Kurzfristig wird sich für viele Patient:innen vermutlich noch wenig ändern. Langfristig aber dürfte das Gesetz erheblichen Einfluss auf Krankenhausstandorte, Leistungsprofile und Arbeitsbedingungen haben. Der Beschluss des KHAG markiert daher keinen Endpunkt, sondern eher den Beginn einer längeren Umsetzungsphase mit vielen offenen Fragen. --- # Rheinland-Pfalz vor der Wahl: Was die Parteien für die Pflege planen Am 22\. März 2026 wählt Rheinland-Pfalz ein neues Landesparlament. Der Ausgang ist offen, aktuell deuten Umfragen auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und CDU hin. Noch regiert mit Alexander Schweitzer ein Ministerpräsident der SPD. Für die Pflege ist die Wahl besonders interessant, weil Rheinland-Pfalz seit Jahren eine wichtige Rolle in pflegepolitischen Debatten spielt – vor allem wegen der Pflegekammer. ## Fachkräftemangel: Viele bekannte Antworten, wenige neue Ideen Ein zentrales Thema in fast allen Wahlprogrammen ist der **Fachkräftemangel**. SPD und CDU setzen auf Kampagnen, um Fachkräfte und Auszubildende zu gewinnen. Die AfD schlägt darüber hinaus Stipendien für Auszubildende vor, wenn diese sich verpflichten, nach der Ausbildung in Rheinland-Pfalz zu bleiben. Gleichzeitig soll die Zahl der Ausbildungsplätze steigen – ein Ziel, das auch die CDU teilt. Nahezu alle Parteien gehen davon aus, dass ohne **internationale Pflegefachpersonen** die künftige Versorgung nicht gesichert werden kann. Die SPD will die bestehende Beratungsstelle für Pflegekräfte aus dem Ausland erhalten. Die Grünen betonen, dass die Anwerbung fair erfolgen müsse, begleitet von Sprachkursen und Integrationslots:innen. ## Akademisierung und neue Rollenbilder Etwas klarer positionieren sich die Parteien beim Thema **akademische Pflege**. SPD und Grüne wollen Pflegestudiengänge und Rollen wie Advanced Practice Nursing stärken. Auch andere Parteien sprechen sich für eine Stärkung pflegerischer Kompetenzen aus. Die Grünen setzen sich dafür ein, dass APN mehr Aufgaben und Tätigkeiten übernehmen dürfen. Das deutet darauf hin, dass neue akademische Rollenbilder inzwischen auch auf Landesebene stärker wahrgenommen werden. ## Weitere pflegepolitische Akzente Daneben finden sich einzelne weitere Vorschläge: Die CDU will Zuständigkeiten für pflegerische Belange im Gesundheitsministerium bündeln. Die Grünen setzen auf mehr Aufstiegsmöglichkeiten, neue Teilzeitmodelle in der Ausbildung, duale Formate und modulare Weiterbildung. Die Linke fordert die Einhaltung von Personaluntergrenzen und Personalschlüssel für alle Gesundheitsberufe und verweist dabei auf PPR 2.0 als Vorbild. Insgesamt zeigt sich: Pflegepolitik ist in den Programmen präsent, aber oft eher in Form einzelner Maßnahmen als im Sinne eines umfassenden Gesamtkonzepts. --- # Pflegekammer Rheinland-Pfalz bleibt ein politisches Streitthema Das pflegepolitisch wohl sensibelste Thema in Rheinland-Pfalz bleibt die Zukunft der Pflegekammer. Politisch lassen sich die Positionen grob so zusammenfassen: Die Grünen wollen die Kammer erhalten. Die CDU will sie neu aufstellen und die Pflichtmitgliedschaft beenden. SPD und Linke sprechen sich für eine Mitgliederbefragung über den Fortbestand aus, ohne eine klare Alternativlösung zu benennen. Die AfD will die Kammer auflösen. Die Kammer selbst verweist darauf, dass öffentliche Debatten wichtig seien, rechtlich aber die bestehenden Gesetze und die Beschlüsse der Mitglieder maßgeblich blieben. [Homepage — Landespflegekammer Rheinland-PfalzGemeinsam stark für die Pflege![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Short-3.svg)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Human-body.png)](https://pflegekammer-rlp.de/?ref=uebergabe.de) ## Pflegekammer geht in die Offensive Die **Pflegekammer RLP** startete in Kürze eine **Mitgliederbefragung**. Die Mitglieder sollen bewerten, was gut läuft und wo die Kammer besser werden muss – etwa in Kommunikation, Beteiligung und konkretem Nutzen. Die geplante Befragung läuft vom 23\. März bis 2\. April. Kritiker:innen sehen darin eine Umgehung der eigentlichen Grundsatzfrage. Nämlich Pflegekammer "Ja" oder "Nein". Ein Blick in andere Bundesländer zeigt, warum diese Frage politisch so aufgeladen ist. In Niedersachsen und Schleswig-Holstein wurden Pflegekammern nach klaren Mitgliederbefragungen beziehungsweise Urabstimmungen wieder abgeschafft. Rheinland-Pfalz steht damit an einem entscheidenden Punkt. --- ## International Nurses Day 2026 Der Internationale Pflegeverband (ICN) hat das Motto für den International Nurses Day 2026 bekannt gegeben: **„Our Nurses. Our Future. Empowered Nurses Save Lives.“** Damit setzt der ICN ein deutliches Zeichen für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Mitbestimmung und stärkere Führungsrollen für Pflegefachpersonen. Hintergrund sind globale Herausforderungen wie Fachkräftemangel, wachsender Versorgungsbedarf sowie die Folgen von Krisen und Klimawandel. Begleitend will der ICN einen Bericht veröffentlichen, der Maßnahmen zur Stärkung und Bindung der Pflegeberufe beschreibt – etwa über sichere Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung und bessere Entwicklungsmöglichkeiten. [International Nurses DayIND is celebrated around the world every May 12, the anniversary of Florence Nightingale’s birth. ICN commemorates this important day each year with the production and distribution of the International Nurses’ Day (IND) resources and evidence.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-21.png)ICN - International Council of Nurses![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-header-en-3.svg)](https://www.icn.ch/how-we-do-it/campaigns/international-nurses-day?ref=uebergabe.de) --- ## Verpflichtendes Ernährungsscreening im Krankenhaus Das KHAG legt die Einführung eines **verpflichtenden Ernährungsscreenings im Krankenhaus** fest. Der Gemeinsame Bundesausschuss soll bis Ende 2027 verbindliche Qualitätsrichtlinien dafür entwickeln. Die Relevanz dieses Schrittes ist hoch, denn fast jede:r dritte Patient:in im Krankenhaus ist potenziell von Mangelernährung betroffen. Gleichzeitig wird bereits jetzt darauf hingewiesen, dass ein dokumentiertes Risiko allein noch keine verbesserte Versorgung bedeutet. Entscheidend wird sein, ob nach dem Screening auch qualifizierte Ernährungsteams, Standards und finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen. Hinzu kommt das strukturelle Problem der Klinikkost. Wenn für Verpflegung oft nur wenige Euro pro Tag zur Verfügung stehen, ist hochwertige Ernährungsversorgung schwer umzusetzen. Die von der DGEM genannten jährlichen Folgekosten von Mangelernährung in Höhe von rund 8,6 Milliarden Euro unterstreichen die gesundheitspolitische Bedeutung des Themas. [Bundestag beschließt verpflichtendes Ernährungsscreening in KrankenhäusernDer Deutsche Bundestag hat erstmals eine verpflichtende systematische Erkennung von Mangelernährung in Krankenhäusern auf den Weg gebracht. Mit dem am 6\. März verabschiedeten Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) wird der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beauftragt, verbindliche…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-22.png)Monitor Versorgungsforschungheiser![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DGEM_Logo.jpg)](https://www.monitor-versorgungsforschung.de/news/bundestag-beschliesst-verpflichtendes-ernaehrungsscreening-in-krankenhaeusern/?ref=uebergabe.de) ### Wie erleben Patient:innen das intubiert sein? URL: https://www.uebergabe.de/wie-erleben-patient-innen-das-intubiert-sein/ Last updated: 2026-03-19T09:00:40.000Z 🗓️ #122 | 19.03.2026 ## Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit den Erfahrungen von Patient:innen, die auf einer Intensivstation intubiert und gleichzeitig bei Bewusstsein waren. Obwohl die mechanische Beatmung lebensrettend ist, erleben viele Betroffene dabei körperliche, psychische und kommunikative Belastungen. Besonders problematisch ist, dass sie aufgrund des Tubus nicht sprechen können und dadurch Schwierigkeiten haben, ihre Bedürfnisse zu äußern. Die Forschenden wollten verstehen, wie diese Situation aus Sicht der Betroffenen erlebt wird. Dabei steht die subjektive Wahrnehmung der Patient:innen im Mittelpunkt. Durch dieses Verständnis sollen Pflegefachpersonen und andere Berufsgruppen besser auf die Bedürfnisse dieser Patient:innen eingehen können. ## Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, die gelebten Erfahrungen von bewusst intubierten Patient:innen auf Intensivstationen zu untersuchen. Die Forschenden wollten herausfinden, welche Belastungen und Herausforderungen diese Patient:innen während der Intubation erleben. Gleichzeitig sollte analysiert werden, wie sie mit dieser Situation umgehen und welche Anpassungsstrategien sie entwickeln. 💡 Auf Intensivstationen wird heute häufig angestrebt, Patient:innen mit einem einliegenden Tubus möglichst wach oder nur leicht sediert zu halten. Der Grund dafür ist, dass eine tiefe Sedierung mit verschiedenen Risiken verbunden ist und sich ein wacherer Zustand in vielen Fällen positiv auf den Verlauf der Behandlung auswirkt. Ein wichtiger Vorteil ist, dass wache Patient:innen besser an der Atmung teilnehmen können. Auch wenn sie über ein Beatmungsgerät unterstützt werden, können sie oft teilweise spontan mitatmen. Das unterstützt die Lungenfunktion und erleichtert später das Abtrainieren der Beatmung, also das sogenannte Weaning. Daher ist das Ziel auf Intensivstationen häufig, Patient:innen nur so stark zu sedieren wie unbedingt nötig und sie ansonsten möglichst wach zu halten. Ein weiterer Grund betrifft Komplikationen durch tiefe Sedierung. Wenn Patient:innen lange stark sediert oder immobil sind, steigt das Risiko für Delir, Muskelschwäche und langfristige körperliche sowie kognitive Einschränkungen nach dem Intensivaufenthalt. Konzepte wie die „wache und aktive Intensivstation“ versuchen deshalb, Patient:innen wach zu halten, früh zu mobilisieren und aktiv in die Behandlung einzubeziehen. Diese Strategien können Delir, Immobilität und langfristige Folgen wie das Post-Intensive-Care-Syndrom reduzieren. Darüber hinaus erleichtert ein wacher Zustand die neurologische Beurteilung. Pflegefachpersonen und Ärzt:innen können den Bewusstseinszustand, Schmerzen, Angst oder neurologische Veränderungen besser beurteilen, wenn Patient:innen ansprechbar sind. Außerdem können Patient:innen durch Gesten, Schreiben oder Kommunikationshilfen mitteilen, wie es ihnen geht oder ob sie Beschwerden haben. _This post is for paying subscribers only._ ### Was hilft zur Behandlung und Prävention von suizidalem Verhalten? URL: https://www.uebergabe.de/was-hilft-zur-behandlung-und-pravention-von-suizidalem-verhalten/ Last updated: 2026-03-12T09:00:17.000Z 🗓️ #121 | 12.03.2026 🚨 Im folgenden Text geht es um das Thema ****Suizid**. Bitte lies nur weiter, wenn du dich dazu in der Lage fühlst. Wenn dich dieses Thema belastet, kann es hilfreich sein, eine Pause zu machen oder mit jemandem darüber zu sprechen. Hilfe findest du zum Beispiel bei der Telefonseelsorge: [0800 1110111](tel:08001110111) / [0800 1110222](tel:08001110222) **oder** [116 123](tel:116123) ## Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit Pflegeinterventionen zur Behandlung und Prävention von suizidalem Verhalten bei Erwachsenen. Dabei werden Interventionen aus der Klassifikation der Pflegeinterventionen (NIC) untersucht und zusammengefasst, die wissenschaftlich nachweisbar wirksam sind. Ziel ist es, einen Überblick über evidenzbasierte Maßnahmen zu geben, die Pflegefachpersonen im Umgang mit suizidgefährdeten Menschen anwenden können. 💡 Die Nursing Interventions Classification (NIC) ist ein standardisiertes Klassifikationssystem für pflegerische Maßnahmen. Sie wurde entwickelt, um pflegerische Interventionen einheitlich zu benennen, zu strukturieren und zu dokumentieren. Die NIC umfasst eine große Anzahl definierter Pflegeinterventionen, die Pflegefachpersonen bei der Planung, Durchführung und Evaluation von Pflegemaßnahmen unterstützen. Dadurch wird die professionelle Pflege transparenter und vergleichbarer, da Pflegehandlungen klar beschrieben und systematisch erfasst werden können. In der praktischen Anwendung hilft die NIC Pflegefachpersonen dabei, passende Maßnahmen für Patient:innen auszuwählen und diese nachvollziehbar zu dokumentieren. Gleichzeitig erleichtert sie die Kommunikation zwischen Pflegefachpersonen sowie mit anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Darüber hinaus wird die NIC auch in der Pflegeforschung, in der Ausbildung von Pflegefachpersonen und in digitalen Pflegedokumentationssystemen genutzt, um Pflegeinterventionen einheitlich abzubilden und auszuwerten. ## Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, die wirksamsten Pflegeinterventionen zur Prävention und Behandlung suizidalen Verhaltens zu identifizieren. Dazu wurden Interventionen aus der NIC Taxonomie gesammelt und analysiert, für die bereits wissenschaftliche Evidenz aus systematischen Übersichtsarbeiten vorliegt. Die Autor:innen wollten insbesondere herausfinden, welche pflegerischen Maßnahmen tatsächlich einen messbaren Beitrag zur Verringerung von Suizidgedanken und Suizidversuchen leisten können. _This post is for paying subscribers only._ ### Akuter vs. chronischer Schmerz URL: https://www.uebergabe.de/akuter-vs-chronischer-schmerz/ Last updated: 2026-03-10T13:14:27.000Z Schmerz ist laut IASP eine unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung. Akuter Schmerz warnt vor Gewebeschaden, chronischer Schmerz verliert diese Schutzfunktion und entsteht aus körperlichen wie psychischen Faktoren. Ein One-Minute-Wonder, dass Überblick gibt. _This post is for subscribers only._ ### Diskussionen zum Pflegebudget / Landtagswahl in Baden-Württemberg URL: https://www.uebergabe.de/pu114/ Last updated: 2026-06-13T23:25:25.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das WIdO sieht im Pflegebudget mögliche Fehlanreize durch ungebremst steigende Personalkosten. - Pflegeverbände werten die Kostensteigerung als überfälligen Nachholprozess, nicht als Fehlsteuerung. - Fallzahlen taugen laut DPR nicht als Maßstab für den echten Pflegebedarf. - Pflegekammer NRW kritisiert fachfremde Tätigkeiten und droht Trägern mit Anzeigen. - Baden-Württemberg-Wahl 2026: Akademisierung Konsens, Pflegekammer kaum noch Thema. ## Pflegebudget unter Druck: Zwischen Kostenanalyse und professionspolitischer Kritik Die Finanzierung der Pflege im Krankenhaus ist derzeit Gegenstand einer intensiven politischen und fachlichen Diskussion. Im Mittelpunkt steht das sogenannte Pflegebudget, das 2020 eingeführt wurde. Seitdem werden Pflegepersonalkosten im Krankenhaus nicht mehr über die Fallpauschalen der DRGs finanziert, sondern separat refinanziert. Eine aktuelle [Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK](https://www.wido.de/fileadmin/Dateien/Dokumente/Forschung%5FProjekte/Krankenhaus/wido%5Fkra%5Fpflegebudget%5F0226.pdf?ref=uebergabe.de) (WIdO) hat diese Entwicklung nun erneut in den Fokus der gesundheitspolitischen Debatte gerückt. ### Analyse des WIdO: steigende Kosten und mögliche Fehlanreize Das WIdO hat die Entwicklung der Pflegepersonalkosten seit Einführung des Pflegebudgets untersucht. Dabei kommt das Institut zu dem Ergebnis, dass die Kosten für Pflegepersonal deutlich schneller gestiegen sind als andere Krankenhausausgaben. Nach Angaben der Analyse lag das Finanzvolumen des Pflegebudgets im Jahr 2020 bei knapp 20 Milliarden Euro. Bis 2024 sei dieser Betrag auf mehr als 26 Milliarden Euro gestiegen. Parallel dazu beobachtet das Institut eine gegenläufige Entwicklung bei den Patient:innenzahlen. Seit der COVID-19-Pandemie sind die Fallzahlen in vielen Krankenhäusern gesunken. Gleichzeitig ist die Zahl der Pflegevollkräfte deutlich gestiegen – laut Analyse um mehr als 50.000 Stellen. Die zugespitzte Schlussfolgerung der Studie lautet daher: mehr Pflegepersonal bei gleichzeitig weniger Patient:innen. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft das sogenannte Selbstkostendeckungsprinzip. Das bedeutet, dass Krankenhäuser die tatsächlich entstandenen Pflegepersonalkosten vollständig refinanziert bekommen. Aus Sicht des WIdO könnten dadurch Fehlanreize entstehen, da steigende Personalkosten nicht begrenzt sind. Das Institut argumentiert zudem, dass diese Finanzierungslogik strukturelle Veränderungen im Krankenhauswesen – etwa eine stärkere Ambulantisierung – bremsen könnte. Damit stellt die Analyse eine zentrale Frage der aktuellen Gesundheitspolitik: **Wie lässt sich Pflege finanzieren, ohne gleichzeitig neue Fehlanreize im System zu schaffen?** ### Kritik der Pflegeverbände: Kontext und Versorgungsrealität Sowohl der [Deutsche Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) (DPR) als auch der [Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe](https://www.dbfk.de/?ref=uebergabe.de) (DBfK) haben die Analyse deutlich kritisiert. Zwar bestreiten die Verbände nicht, dass die Kosten gestiegen sind. Sie widersprechen jedoch der Interpretation, dass daraus automatisch Fehlanreize oder Fehlsteuerungen abgeleitet werden können. ### Deutscher Pflegerat: Nachholprozess statt Kostenexplosion Der Deutsche Pflegerat argumentiert, dass die steigenden Pflegepersonalkosten vor allem einen überfälligen Nachholprozess darstellen. Über viele Jahre hinweg seien Pflegepersonalkosten systematisch unterfinanziert gewesen. Mit dem Pflegebudget werde erstmals transparent sichtbar, welche Ressourcen tatsächlich notwendig sind, um pflegerische Versorgung im Krankenhaus sicherzustellen. In den Kostensteigerungen spiegeln sich daher nicht nur neue Stellen wider, sondern auch Tarifsteigerungen sowie inflationsbedingte Anpassungen. Ein weiterer zentraler Punkt der Kritik betrifft die Interpretation der Fallzahlen. Aus Sicht des DPR sind Patient:innenzahlen kein geeigneter Maßstab für den tatsächlichen Pflegebedarf. Wenn weniger komplexe Fälle zunehmend ambulant behandelt werden, verbleiben im Krankenhaus häufig Patient:innen mit höherem Pflegebedarf und komplexeren Krankheitsbildern. In einer solchen Situation ist mehr Pflegepersonal pro Fall keine Fehlentwicklung, sondern eine notwendige Anpassung an die Versorgungsrealität. Der Pflegerat kritisiert außerdem, dass die Analyse zwar Personalzuwächse beschreibt, aber keine fachlich begründete Zielgröße für eine angemessene Personalbesetzung definiert. Aus Sicht des DPR wäre eine Rückkehr zur Finanzierung der Pflege über das DRG-System ein deutlicher Rückschritt. [Deutscher Pflegerat - Pressemitteilungen![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-83.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-23.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/wido-analyse-zum-pflegebudget-greift-zu-kurz--pflege-braucht-bedarfserhebung-statt-zahlenspiele?ref=uebergabe.de) ### DBfK: Pflege nicht zum Kostentreiber erklären Auch der [Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe widerspricht der Darstellung des Pflegebudgets](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2026/2026-02-24-pflege-als-suendenbock.php?ref=uebergabe.de) als zentralem Kostentreiber im Krankenhaus. Der Verband weist darauf hin, dass das Gesamtbudget der Krankenhäuser zwischen 2020 und 2024 insgesamt um etwa ein Viertel gestiegen ist. Im gleichen Zeitraum seien die Pflegepersonalkosten um rund 31 Prozent gestiegen, während die ärztlichen Personalkosten um etwa 21 Prozent zunahmen. Besonders relevant ist dabei ein historischer Vergleich: Im Jahr 2000 lag der Anteil der Pflege an den gesamten Personalkosten im Krankenhaus noch bei rund 40 Prozent. Bis 2020 war dieser Anteil auf unter 32 Prozent gesunken. Das aktuelle Wachstum interpretiert der DBfK daher als teilweisen Ausgleich früherer Einsparungen. Der Verband warnt ausdrücklich davor, Pflege erneut zum Hauptverantwortlichen für steigende Krankenhauskosten zu erklären. Stattdessen müsse stärker berücksichtigt werden, welche Auswirkungen eine angemessene Personalausstattung auf Patient:innensicherheit, Komplikationsraten und Versorgungsqualität hat. Als mögliche Grundlage für eine sachliche Weiterentwicklung des Pflegebudgets sieht der DBfK die [Personalbemessung nach PPR 2.0](https://www.uebergabe.de/183/). ### Pflegekammer NRW: Pflege für fachfremde Tätigkeiten einsetzen? Die [Pflegekammer Nordrhein-Westfalen](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de) berichtet von zunehmenden Hinweisen darauf, dass Pflegefachpersonen im Krankenhaus teilweise Tätigkeiten übernehmen müssen, die nicht zu ihrem professionellen Aufgabenbereich gehören. Dazu zählen beispielsweise: - Pfortendienste - Reinigungsarbeiten - organisatorische Aufgaben wie das Ausräumen von Schränken Kammerpräsidentin Sandra Postel kritisiert, dass an anderen Stellen Kosten eingespart würden, indem Pflegepersonal für fachfremde Tätigkeiten eingesetzt werde. Dies könne nicht nur gegen berufsethische Grundsätze verstoßen, sondern auch Auswirkungen auf die Versorgungsqualität und Patient:innensicherheit haben. > *"Wenn Pflegefachpersonen Hinweise auf den Missbrauch des Pflegebudgets geben, wird die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen aktiv und zeigt den Träger im Zweifel wegen einer Berufsrechtsverletzung an. Wir setzen uns dafür ein, dass Pflegefachpersonen ausschließlich dort arbeiten, wo ihre Expertise am dringendsten benötigt wird – in der direkten und kompetenten Versorgung der Patient\*innen“ *\- Sandra Postel (Präsidentin der Pflegekammer NRW)** Die Pflegekammer fordert daher eine Weiterentwicklung des Pflegebudgets, die klar definiert, welche pflegerischen Aufgaben durch diese Mittel finanziert werden sollen. [Pflegekammer NRW warnt vor Missbrauch des Pflegebudgets: Kliniken sparen auf dem Rücken der Pflege - Pflegekammer NRWPflegekammer NRW pocht auf die Einhaltung der BerufsordnungPflegefremde Aufgaben gefährden Patient\*innenversorgungPräsidentin: „Pflegebudget entwickeln, nicht verteufeln“ Düsseldorf, 26\. Februar 2026\. Nach der aktuellen Kritik durch den AOK-Bundesverband warnt auch die Pflegekammer \[…\]![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-13.svg)Pflegekammer NRWCarla Schlun![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Megaphon_3zu2-2.png)](https://www.pflegekammer-nrw.de/pflegekammer-nrw-warnt-vor-missbrauch-des-pflegebudgets-kliniken-sparen-auf-dem-ruecken-der-pflege-2/?ref=uebergabe.de) • • • ## Landtagswahl in Baden-Württemberg: Pflegepolitik im Wahljahr Das Jahr 2026 gilt als politisches Superwahljahr. Insgesamt stehen fünf Landtags- beziehungsweise Abgeordnetenhauswahlen sowie mehrere Kommunalwahlen an. Den Auftakt macht Baden-Württemberg. ### Politische Ausgangslage Besonders spannend ist die Wahl deshalb, weil der langjährige Ministerpräsident Winfried Kretschmann nicht erneut kandidiert. Seit 2011 wird das Bundesland von einer grün-geführten Regierung geführt. In aktuellen Umfragen liegen die Grünen und die CDU relativ nah beieinander. Als zentrale Kandidaten gelten: - Cem Özdemir für die Grünen - Manuel Hagel für die CDU Unabhängig vom Wahlausgang gilt eine Fortsetzung der bisherigen grün-schwarzen beziehungsweise schwarz-grünen Koalition als wahrscheinlich. [Wahlprogramme der Parteien für die Landtagswahl 2026 in Baden-WürttembergDie Parteien haben entschieden: Das sind ihre Wahlprogramme für die Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg. Der Überblick.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-80.ico)Logo Landeszentrale für politische Bildung![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/icon-zahnrad-weiss.svg)](https://www.landtagswahl-bw.de/wahlprogramme-2026?ref=uebergabe.de) ### Pflegepolitik in den Wahlprogrammen Ein besonders relevantes Thema der vergangenen Jahre in Baden-Württemberg war die Diskussion um eine Pflegekammer. Im Jahr 2024 scheiterte die [Einführung einer Pflegekammer](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/gesundheit-pflege/pflege/pflegekammer-in-baden-wuerttemberg?ref=uebergabe.de) knapp an einem erforderlichen Quorum. Aktuell wird dieses Thema in den Wahlprogrammen kaum noch aufgegriffen. Lediglich die Grünen sprechen davon, den [Landespflegerat Baden-Württemberg](https://lpr-bw.de/?ref=uebergabe.de) zu stärken und als professionelle Interessenvertretung weiterzuentwickeln. Die Diskussion über berufliche Selbstverwaltung scheint damit vorerst in den Hintergrund gerückt zu sein. ### Akademisierung der Pflege als gemeinsames Ziel Ein Thema, das in mehreren Wahlprogrammen auftaucht, ist die Förderung akademischer Pflegequalifikationen. Sowohl CDU, Grüne als auch SPD sprechen sich dafür aus, Rollen wie Community Health Nursing oder Advanced Practice Nursing zu stärken. Auch die FDP und die Linke betonen die Bedeutung erweiterter Kompetenzen von Pflegefachpersonen. Die CDU verweist explizit darauf, dass die Möglichkeiten des Gesetzes zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege umfassend genutzt werden sollen. ### Strategien gegen den Fachkräftemangel Der Fachkräftemangel in der Pflege wird von allen Parteien als zentrale Herausforderung benannt. Die vorgeschlagenen Maßnahmen unterscheiden sich jedoch teilweise deutlich: Die Grünen sehen beispielsweise in der neuen Ausbildung zur Pflegefachassistenz eine Möglichkeit, zusätzliche Fachkräfte zu gewinnen. Die CDU schlägt unter anderem eine Übernachtungspauschale für Auszubildende vor, die für den Schulbesuch pendeln müssen. Außerdem sollen Deutschunterricht und sozialpädagogische Unterstützung die berufliche Integration erleichtern. Die SPD setzt stärker auf internationale Fachkräfte und möchte gezielt Pflegepersonal aus dem Ausland anwerben. Die AfD schlägt unter anderem ein verpflichtendes Gemeinschaftsdienstjahr vor. Insgesamt zeigt sich, dass viele Maßnahmen eher einzelne Aspekte des Problems adressieren, während strukturelle Lösungsansätze weiterhin diskutiert werden. Wer noch andere Themen in die eigene Entscheidung mit einfließen lassen möchte, dem empfehlen wir den [Wahl-O-Mat](https://www.wahl-o-mat.de/bw2026/app/main%5Fapp.html?ref=uebergabe.de) zur Landtagswahl. ## Wohnen wird für Pflegefachpersonen zunehmend unerschwinglich Eine Analyse von CORRECTIV.Europe zeigt, dass die Wohnkosten in vielen europäischen Städten in den vergangenen zehn Jahren massiv gestiegen sind. Auch Pflegefachpersonen sind davon betroffen. Als leistbar gilt Wohnen, wenn maximal 30 Prozent des Nettoeinkommens für Miete oder Kreditrate aufgewendet werden müssen. In Städten wie Berlin oder München liegt dieser Anteil jedoch häufig bei rund 50 Prozent. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass steigende Wohnkosten zunehmend auch Auswirkungen auf Fachkräftesicherung und Versorgungsstrukturen haben können. [Hohe Mieten: Jede siebte Kommune in Europa zu teuer für PflegekräfteDiese Karte von CORRECTIV.Europe zeigt erstmals: Hier reicht ein mittleres Gehalt wie von Pflegern nicht einmal für eine kleine Wohnung.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-152.png)correctiv.orgFrida Thurm![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Header-Europe-Housing-1445x790.webp)](https://correctiv.org/aktuelles/2026/02/17/mieten-kaufen-immobilien-preise-wohnen-europa-lokal/?ref=uebergabe.de) • • • ## Krankenhausreform wird angepasst Bund und Länder haben sich auf Änderungen am Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) geeinigt. Damit wurde ein mögliches Vermittlungsverfahren zwischen Bundestag und Bundesrat verhindert. Die zentralen Elemente der Reform bleiben bestehen, darunter Pflegeuntergrenzen, Pflegebudget sowie die Einführung von Leistungsgruppen für Krankenhäuser. Allerdings erhalten die Länder mehr Zeit für die Umsetzung der neuen Versorgungsstrukturen. Der geplante Beschluss im Bundesrat ist für Ende März vorgesehen. [Deutscher Bundestag - Abstimmung über Weiterentwicklung der KrankenhausreformDer Bundestag stimmt am Freitag, 6\. März 2026, nach einstündiger Aussprache über den vom Gesundheitsausschuss geänderten Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Anpassung der Krankenhausreform…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/homepage_de-favicon-4.ico)Deutscher BundestagGötz Hausding![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/kw10_de_krankenhausreform_bild.jpg)](https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw10-de-krankenhausreform-1151184?ref=uebergabe.de) • • • ## WHO fordert sichere Pflegepersonalbesetzung Das WHO-Regionalbüro für Europa hat einen neuen [Bericht zur sicheren Pflegepersonalbesetzung](https://iris.who.int/server/api/core/bitstreams/f94aa53a-1925-4432-9631-9a35d280ebd7/content?ref=uebergabe.de) veröffentlicht. Darin wird betont, dass Pflege eine sicherheitskritische Kernfunktion des Gesundheitssystems darstellt. Studien zeigen laut WHO, dass mit jedem zusätzlichen Patient:innen pro Pflegekraft das Sterberisiko chirurgischer Patient:innen um etwa sieben Prozent steigt. Ein weiterer Indikator für unsichere Versorgung sei sogenannte „missed nursing care“, also verzögerte oder unterlassene Pflegeleistungen. Die WHO fordert deshalb europaweit evidenzbasierte Modelle zur Personalplanung im Pflegedienst. ## DPR fordert mehr berufliche Selbstverwaltung Vor den Landtagswahlen 2026 appelliert der Deutsche Pflegerat gemeinsam mit mehreren Landespflegeräten an die Bundesländer, Selbstverwaltungsstrukturen für die Pflege aufzubauen. Aktuell existieren Pflegekammern nur in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Der DPR argumentiert, dass eine stärkere berufliche Selbstverwaltung notwendig sei, damit pflegefachliche Expertise systematisch in gesundheitspolitische Entscheidungen einfließen kann. [Deutscher Pflegerat - Pressemitteilungen![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-81.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-21.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/pflege-braucht-eigene-selbstverwaltung--landesregierungen-muessen-handeln?ref=uebergabe.de) • • • ## Zum Weiterhören - [PU115 – Pflegebudget / Update zur Krankenhausreform / Landtagswahl in RLP](https://www.uebergabe.de/pu115/) - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) - [ÜG183 – Personalbemessung in der Pflege (Martin Pohlmann & Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug183/) ### Wie erleben Patient:innen eigentlich ein Delir? URL: https://www.uebergabe.de/wie-erleben-patient-innen-eigentlich-ein-delir/ Last updated: 2026-03-05T09:00:17.000Z 🗓️ #120 | 05.03.2026 ## Worum geht's? Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den subjektiven Erfahrungen und Erinnerungen von Patient:innen, die während eines Krankenhausaufenthalts ein Delir erlitten haben. Das Delir wird dabei als ein Zustand akuter geistiger Verwirrung beschrieben, der mit Störungen der Aufmerksamkeit, des Bewusstseins und der kognitiven Fähigkeiten einhergeht. Da diese Episoden für die Betroffenen oft sehr belastend sind, bündelt die Untersuchung qualitative Forschungsergebnisse, um die Patientenperspektive umfassend abzubilden. 💡 Ein Delir ist *"Ein ätiologisch unspezifisches hirnorganisches Syndrom, das charakterisiert ist durch gleichzeitig bestehende Störungen des Bewusstseins einerseits und mindestens zwei der nachfolgend genannten Störungen andererseits: Störungen der Aufmerksamkeit, der Wahrnehmung, des Denkens, des Gedächtnisses, der Psychomotorik, der Emotionalität oder des Schlaf-Wach-Rhythmus. Die Dauer ist sehr unterschiedlich und der Schweregrad reicht von leicht bis zu sehr schwer."* [**https://www.icd-code.de/icd/code/F05.-.html*](https://www.icd-code.de/icd/code/F05.-.html?ref=uebergabe.de) ## Was war das Ziel der Studie? Das Hauptziel dieser systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Zusammenfassung war die Aggregation empirischer qualitativer Literatur über die Erlebnisse von Patient:innen mit einem Delir. Durch die Zusammenführung dieser Erkenntnisse soll die Entwicklung und Implementierung eines patientenorientierten Delirmanagements im klinischen Alltag unterstützt werden. Zudem dient die Studie dazu, die zukünftige Forschung in diesem Bereich gezielt zu leiten und Wissenslücken zu schließen. _This post is for paying subscribers only._ ### Personalbemessung in der Pflege (Martin Pohlmann & Arne Evers) URL: https://www.uebergabe.de/ug183/ Last updated: 2026-06-17T09:08:27.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Personalbemessung ist drei Fragen zugleich: fachlich wünschenswert, praktisch machbar, finanziell vertretbar. - Pflegebedarf lässt sich kaum prospektiv messen – Tätigkeiten variieren stark in Zeit und Qualifikation. - PPR 2.0, Untergrenzen und Pflegebudget laufen parallel und erzeugen doppelten bürokratischen Aufwand. - Das Pflegebudget stärkte den Beruf, schafft aber Fehlanreize und braucht klare Tätigkeitsdefinitionen. - Ambulante und Langzeitpflege bleiben bei der Personalbemessung weitgehend sich selbst überlassen. ## Wie viel Pflege ist genug? Was hinter der Personalbemessung wirklich steckt Kaum ein Thema im Gesundheitswesen klingt auf den ersten Blick so technisch und entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als so politisch brisant: *die Personalbemessung in der Pflege.* Wie viele Pflegefachpersonen braucht eine Station? Welche Qualifikation muss vorhanden sein – und ab wann ist eine Versorgung gefährlich unterbesetzt? Auf diese Fragen gibt es in Deutschland bis heute keine befriedigenden Antworten. Warum das so ist, was die vorhandenen Instrumente leisten und wo das System grundsätzlich neu denken müsste, haben Arne Evers und Martin Pohlmann im Übergabe-Podcast besprochen. [Evers ist Prokurist für Pflege und Prozesse in einer Wiesbadener Klinik](https://www.joho.de/ansprechpartner-profil/arne-evers?ref=uebergabe.de), [Pohlmann Vorstand beim Landescaritasverband in Oldenburg](https://www.lcv-oldenburg.de/verband/verband/verband?ref=uebergabe.de) und Honorarprofessor an der Hochschule Osnabrück. Gemeinsam haben sie [das Buch „Personalbemessung in der Pflege"](https://shop.kohlhammer.de/personalbemessung-in-der-pflege-44415.html?ref=uebergabe.de#147=9) herausgegeben – das erste Übersichtswerk, das alle in Deutschland geltenden gesetzlichen Regelungen und Verordnungen in einem Band zusammenführt. 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 300 Menschen, die uns bereits unterstützen.** Als Übergabe-Mitglied bekommst du [wöchentliche Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) direkt ins Postfach, Zugriff auf das komplette Archiv – und alle [Videokurse](https://www.uebergabe.de/tag/videokurs/), die dein Pflegewissen auf ein neues Level heben. Ab 5 € im Monat. Kündbar jederzeit. [Jetzt Mitglied werden – ab 5 €/Monat ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Drei verschiedene Fragen – und kein gemeinsamer Nenner Das eigentliche Problem beginnt schon bei der Ausgangsfrage. Denn **„wie viel Personal brauchen wir?"** ist keine einheitliche Frage, sondern mindestens drei verschiedene – je nachdem, wer sie stellt. Aus pflegefachlicher Perspektive geht es darum, was für eine optimale Versorgung wünschenswert wäre. Aus Sicht der Praxis stellt sich die Frage, was angesichts des Fachkräftemangels überhaupt realistisch umsetzbar ist. Und aus Sicht der Kostenträger lautet die entscheidende Frage: Was ist finanzierbar und zwingend notwendig? Diese drei Perspektiven erzeugen nicht nur unterschiedliche Antworten – sie erzeugen grundsätzlich verschiedene Ergebnisse, sobald man versucht, daraus ein Bemessungsmodell zu entwickeln. > *„Eines meiner Plädoyers ist immer, dass wir eine systemische Pflegeforschung bräuchten, die sich intensiv mit den Auswirkungen dieser Instrumente auseinandersetzt." – Arne Evers* Hinzu kommt eine methodische Grundschwierigkeit: Personalbedarf lässt sich im Nachhinein mit einiger Genauigkeit ermitteln – wenn man weiß, wie lange die Versorgung eines Menschen tatsächlich gedauert hat, lassen sich Schlüsse ziehen. Prospektiv – also bevor eine Schicht beginnt – ist das kaum möglich. Pflegetätigkeiten variieren in ihrem Zeitbedarf erheblich: Eine Mobilisation kann fünf Minuten dauern oder eine Viertelstunde. Das Anreichen einer Mahlzeit ist ein anderer Aufwand je nach Gesundheitszustand der Person. Und welche Qualifikation für welche Tätigkeit erforderlich ist, hängt ebenfalls von der individuellen Pflegesituation ab. Diese Unschärfen machen es so schwer, belastbare Instrumente zu entwickeln – und sie erklären, warum die bisher existierenden Ansätze immer Kompromisse sind. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2026/02/Personabemessung_cover.png) #### Personalbemessung in der Pflege Das Buch „Personalbemessung in der Pflege", herausgegeben von Arne Evers und Martin Pohlmann, ist im Kohlhammer Verlag erschienen und bietet eine niedrigschwellige Einführung in alle relevanten Instrumente und Regelungen – für alle, die verstehen wollen, wie das System funktioniert und warum es so oft an seine Grenzen stößt. [Zum Buch](https://shop.kohlhammer.de/personalbemessung-in-der-pflege-44415.html?ref=uebergabe.de#147=9) ## Von der Ebay-Pflege zur roten Linie Vor zwanzig Jahren gab es im deutschen Pflegesystem kaum systematische Vorgaben. Was Arne Evers scherzhaft als „Ebay-Pflege 3-2-1" bezeichnet – drei Personen im Tagdienst, zwei im Spät, eine in der Nacht – war in vielen Einrichtungen gelebte Realität. Personalbemessung fand nicht auf Grundlage von Bedarfsdaten statt, sondern anhand von gefühlten Wahrheiten, Erfahrungswerten und vor allem nach Budget. Mit den Pflegepersonaluntergrenzen wurde dann erstmals ein anderes Prinzip eingeführt: das der roten Linie. Der Gedanke dahinter war, dass im DRG-Fallpauschalensystem Gelder, die eigentlich für Pflege vorgesehen waren, nicht zweckentsprechend eingesetzt wurden. Mit Mindestvorgaben sollte sichergestellt werden, dass Einrichtungen zumindest eine bestimmte Personaluntergrenze nicht unterschreiten. Das ist ein echter Paradigmenwechsel – aber auch ein begrenzter. Denn das System orientiert sich, wie Evers kritisch anmerkt, konsequent nach unten: Es definiert, was mindestens da sein muss, belohnt aber nicht, was darüber hinausgeht. Ein Anreizsystem für besonders gute Personalausstattung, wie es etwa in Südkorea existiert, ist im deutschen Gesundheitswesen fremd. Was bleibt, ist die Mindestabsicherung – und die Erfahrung, dass viele Einrichtungen genau das Mindestmaß ausreizen. ## PPR 2.0, Untergrenzen, Pflegebudget: Ein System zu viel? Im Krankenhausbereich haben sich über die Jahre mehrere Instrumente nebeneinander entwickelt, die parallel laufen und sich teilweise überschneiden. [Die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegepersonaluntergrenzen-verordnung-ppugv?ref=uebergabe.de) definiert Mindestvorgaben für bestimmte Fachabteilungen. Das Pflegebudget, das 2020 eingeführt wurde, entkoppelt die Finanzierung der Pflegestellen vom [DRG-System](https://www.uebergabe.de/ug043/) und ermöglicht es Krankenhäusern, Pflegefachpersonen direkt über einen separaten Budgettopf zu refinanzieren. Und seit einigen Jahren existiert die [Pflegepersonalbemessungsverordnung](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegepersonalbemessungsverordnung-ppbv?ref=uebergabe.de) (PPR 2.0 / PPBV), die einen bedarfsorientierten Ansatz verfolgt: Sie ermittelt auf Grundlage von Patient:innendaten und Pflegeaufwand, wie viel Personal eine Station benötigt. Eine ausführliche Einordnung dazu gibt es im Podcast: [Die PPR 2.0 ist ein Prozess - Podcast mit Arne Evers🎙️ Arne Evers diskutiert im Podcast die PPR 2.0: Ein Instrument zur adäquaten Pflegepersonalplanung, das auf individuelle Patient:innenenbedürfnisse eingeht und die Qualität der Versorgung verbessern soll.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-105.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug135-2.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug135/) Das Problem: Alle drei Systeme laufen derzeit parallel. Die PPR 2.0 ist bundesweit verpflichtend – wird aber bislang noch nicht sanktioniert. Sie dient im Wesentlichen der Datenerhebung. Belastbare Ergebnisse darüber, welche Auswirkungen das Instrument in der Praxis hat, liegen noch nicht vor. Trotzdem wird die PPR 2.0 bereits politisch weiterentwickelt – zur sogenannten PPR 2.x – obwohl die ursprüngliche Version noch nicht abschließend evaluiert wurde. Martin Pohlmann bringt es auf den Punkt: Wenn die PPR tatsächlich den individuellen Pflegebedarf zuverlässig misst, bräuchte man die Untergrenzen eigentlich nicht mehr. Beide Systeme parallel zu betreiben bedeutet doppelten bürokratischen Aufwand ohne klaren Mehrwert. Für Pflegedienstleitungen schränkt dieses Übereinander an Vorgaben die Gestaltungsspielräume erheblich ein – nicht immer zum Vorteil der Versorgung. ## Das Pflegebudget: Effektiv, aber nicht unproblematisch Kein Instrument der vergangenen Jahre hat die Pflegepersonalentwicklung in Krankenhäusern so stark beeinflusst wie das Pflegebudget. Deutschland hat aktuell mehr Pflegefachpersonen im stationären Bereich als je zuvor – ein Effekt, den Martin Pohlmann direkt mit der Refinanzierungsmöglichkeit durch das Pflegebudget in Verbindung bringt. Das Instrument hat Einstellungen ermöglicht, Akademisierungsprojekte gefördert und den Beruf in vielen Häusern strukturell gestärkt. Gleichzeitig hat das Pflegebudget eine Achillesferse: Es ist nach oben hin offen. Weil andere Kostenbereiche wie Transportdienste oder Bettenaufbereitung nicht mehr separat finanziert werden, gehen diese Tätigkeiten zunehmend auf den Pflegedienst über – und werden über das Pflegebudget refinanziert, ohne dass das so gedacht war. Evers spricht von Fehlanreizen, die von Anfang an vorhersehbar gewesen seien: „Davor wurde gewarnt, als das Pflegebudget eingeführt wurde. Das ist keine neue Debatte." Die politische Reaktion – ein Deckel auf das Pflegebudget, möglichst in Verbindung mit einer klareren Tätigkeitsdefinition – ist grundsätzlich nachvollziehbar. Die Schwierigkeit liegt darin, diesen Deckel so zu setzen, dass der Beruf weiterhin Entwicklungsspielraum behält und nicht in alten Strukturen eingefroren wird. [Pflegebudget im KrankenhausDas 2020 eingeführte Pflegebudget zur Finanzierung der Pflegepersonalkosten in den Krankenhäusern hat trotz gesunkener Fallzahlen in der Patientenversorgung zu einem Anwachsen der Pflegekräfte in den Krankenhäusern und zu einem starken Anstieg der Kosten geführt. Gleichzeitig sind etliche Fehlanreize und Zielkonflikte entstanden. Das macht ein aktuelles e-Paper des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) deutlich, in dem die Auswirkungen des Pflegebudgets auf Basis umfassender Daten analysiert werden. Die Auswertung der Daten hat ergeben, dass das das finanzielle Volumen des Pflegebudgets seit seiner Einführung im Jahr 2020 von 19,4 Milliarden Euro auf 26,1 Milliarden Euro im Jahr 2024 gestiegen ist. Die Dynamik des Kostenwachstums hat sich in den Jahren 2023 und 2024 im Vergleich zu den Vorjahren noch verstärkt. Während die Zuwächse in den Jahren 2021 und 2022 bei rund 6 Prozent lagen, betrugen sie in den Jahren 2023 und 2024 8,4 beziehungsweise 10,5 Prozent. Zudem sind die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für das Pflegepersonal in den Krankenhäusern stärker gestiegen als alle übrigen Ausgaben im Krankenhausbereich. „Beim Pflegebudget gilt das Prinzip der Selbstkostendeckung. Das bedeutet, dass die Krankenhäuser sämtliche Kosten für den Personalzuwachs direkt an die Krankenkassen weitergeben können“, erläutert David Scheller-Kreinsen, WIdO-Geschäftsführer und Mitautor der Analyse. „Vor diesem Hintergrund ist der starke Kostenanstieg nicht verwunderlich. So sind beispielsweise die Pflegepersonalkosten der gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2024 um 2,4 Milliarden Euro gestiegen. Dieser zusätzlich ausgegebene Milliardenbetrag ist beitragssatzrelevant und entspricht 0,13 Beitragssatzpunkten für die GKV-Versicherten“, so Scheller-Kreinsen. „Besonders besorgniserregend ist, dass sich das Wachstum des Pflegebudgets weiter fortschreibt, wie aktuell bereits vorliegende Daten zeigen. So steigt das vereinbarte Pflegebudget im Jahr 2025 gegenüber 2024 um 8 Prozent an. Für das Jahr 2026 liegen die aktuell vorliegenden Forderungen der Krankenhäuser 12 Prozent über dem für 2025 vereinbarten Wert.“![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-72.ico)WIdO – Wissenschaftliches Institut der AOK![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/icon_mitarbeiterfoto.png)](https://www.wido.de/news-presse/pressemitteilungen/2026/pflegebudget-im-krankenhaus/?ref=uebergabe.de) ## Langzeitpflege und ambulante Versorgung: Weitgehend sich selbst überlassen Während der Krankenhausbereich von Regelungen geradezu überhäuft wird, ist die Situation in anderen Settings deutlich dünner. In der stationären Altenpflege basierte Personalbemessung bis vor Kurzem im Wesentlichen auf einer Fachkraftquote von 50 Prozent – ohne dass klar definiert war, welche Tätigkeiten diese Fachpersonen konkret übernehmen sollen oder wie viele davon in welcher Schicht benötigt werden. [Mit dem PeBeM-Verfahren (Personalbemessung in der stationären Langzeitpflege)](https://pflegenetzwerk-deutschland.de/faq-das-neue-personalbemessungsverfahren-in-der-langzeitpflege?ref=uebergabe.de) nach [Heinz Rothgang](https://www.bigsss-bremen.de/people/faculty/prof-dr-heinz-rothgang?ref=uebergabe.de) wurde erstmals ein wissenschaftlich fundierter Ansatz entwickelt, der tatsächliche Tätigkeiten in der Praxis beobachtet und daraus Personalbedarfswerte ableitet. Das Verfahren befindet sich noch in der Umsetzungsphase – und bringt unter anderem die unbequeme Erkenntnis mit sich, dass der notwendige Anteil an Pflegefachpersonen in manchen Einrichtungen deutlich niedriger liegen könnte als die bisherige 50-Prozent-Quote. Das würde strukturelle Umstellungen erfordern und wirft Fragen zur Qualitätssicherung auf. > *„Man versucht, etwas pflegewissenschaftlich zu begründen, was aber hinter den Kulissen oft auch politisch ausgehandelt wird – weil dann geguckt wird, was realistisch und finanzierbar ist." – Martin Pohlmann* Am schlechtesten aufgestellt ist die ambulante Pflege. Hier gibt es schlicht kein Personalbemessungsinstrument. Vergütet werden definierte Leistungen in engen Zeitkorridoren – Körperpflege, Medikamentengabe, bestimmte Behandlungsleistungen. Was darüber hinausgeht – Beziehungsgestaltung, Koordination, präventive Beobachtung – ist in diesem System nicht abbildbar und damit auch nicht refinanziert. Dabei ist es gerade dieser Bereich, der im Zuge des demografischen Wandels massiv wachsen wird. Wenn eine gute ambulante Versorgung Krankenhauseinweisungen verhindern kann, ist sie eigentlich eine der wirksamsten Investitionen im Gesundheitssystem. Das spiegelt sich in den aktuellen Bemessungsstrukturen jedoch kaum wider. ## Was Personalbemessung mit Berufspolitik zu tun hat Personalbemessung ist nie nur eine Frage der Zahlen. Sie beeinflusst, welches Bild vom Pflegeberuf gesellschaftlich sichtbar wird – und in welchen Settings professionelle Pflege als erstrebenswert gilt. Solange Langzeitpflege und ambulante Versorgung in der öffentlichen Wahrnehmung als wenig komplex und strukturell unterreguliert gelten, werden sie auch für akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen wenig attraktiv sein – obwohl gerade dort die Pflegeplanung, das Fallmanagement und die Koordination komplexer Versorgungsverläufe originäre Pflegeaufgaben sind. > *„Für die Entwicklung des Berufes war es enorm wichtig, das Pflegebudget zu haben. Und das jetzt einfach zu beerdigen, halte ich auch aus einer volkswirtschaftlichen Perspektive für fragwürdig." – Arne Evers* Eine nachhaltige Lösung wird deshalb nicht allein in neuen Bemessungsinstrumenten liegen. Sie braucht eine klarere Definition, welche Tätigkeiten exklusiv professionellen Pflegefachpersonen vorbehalten sind – Stichwort [Vorbehaltsaufgaben](https://www.uebergabe.de/ug145/) und [Befugniserweiterung](https://www.uebergabe.de/pu111/). Sie braucht wissenschaftliche Begleitung statt politischer Schnellschüsse. Und sie braucht eine Pflegeforschung, die nicht retrospektiv fragt, was passiert ist, sondern proaktiv misst, welche Wirkung welche Instrumente tatsächlich entfalten. **Genau das ist bislang in Deutschland kaum vorhanden – und nach Überzeugung beider Experten der eigentliche blinde Fleck im System.** • • • Du möchtest im Newsletter oder Podcast werben oder eine Stellenanzeige schalten? Wir freuen uns über Deine Anfrage – schreib uns einfach an: [hallo@uebergabe.de](mailto:hallo@uebergabe.de) [Kontakt aufnehmen ](mailto:hallo@uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) - [ÜG004 – Pflegepersonalstärkungsgesetz (PpSG), Pflegelast, Pflegebudget, Pflegepersonaluntergrenzenverordnung (PpUGV) - (A. Evers)](https://www.uebergabe.de/ug004/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Advanced Practice Nurses in der Versorgung von Menschen mit Diabetes URL: https://www.uebergabe.de/advanced-practice-nurses-in-der-versorgung-von-menschen-mit-diabetes/ Last updated: 2026-06-25T12:14:02.000Z 🗓️ #119 | 26.02.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht die Wirksamkeit von Interventionen durch Advanced Practice Nurses bei Menschen mit Diabetes mellitus. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich diese spezialisierten pflegerischen Maßnahmen auf klinische Parameter wie HbA1c, Hospitalisierungsraten und Mortalität sowie auf Selbstmanagement und Therapieadhärenz auswirken. Es handelt sich um eine systematische Übersichtsarbeit, die internationale Studien auswertet, um einen umfassenden Überblick über Effekte und Einsatzbereiche dieser Rolle zu geben. 💡 Eine [****Advanced Practice Nurse**](https://www.uebergabe.de/ug012/) ist als eine Pflegefachpersonen mit akademischer Zusatzqualifikation zu verstehen, die in spezifischen sektoralen Versorgungsbereichen autonom arbeiten. Sie verfügen über Expertenwissen, Fähigkeiten zur Entscheidungsfindung bei komplexen Sachverhalten und klinischen Kompetenzen für eine erweiterte pflegerische Praxis. Die Charakteristik der Kompetenzen wird vom Kontext und/oder den Bedingungen des jeweiligen Landes gestaltet, in dem sie für die Ausübung ihrer Tätigkeit zu gelassen sind. Nurse Practitioner verfügen über eine Berufszulassung als Registered Nurse (RN) und über Berufserfahrung sowie eine akademische Qualifikation (in der Regel durch ein berufsbegleitendes Masterstudium). ****Weitere Infos zu APN:** **\-* [**https://www.icn.ch/sites/default/files/2023-06/ICN\_APN%20Report\_EN.pdf*](https://www.icn.ch/sites/default/files/2023-06/ICN%5FAPN%20Report%5FEN.pdf?ref=uebergabe.de) \- [https://www.dbfk.de/media/docs/newsroom/publikationen/Advanced-Practice-Nursing-Broschuere-2019.pdf](https://www.dbfk.de/media/docs/newsroom/publikationen/Advanced-Practice-Nursing-Broschuere-2019.pdf?ref=uebergabe.de) ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie ist es, die Effektivität von Interventionen durch Advanced Practice Nurses bei Patient:innen mit Diabetes systematisch zu analysieren. Dabei soll aufgezeigt werden, welche Interventionsformen besonders wirksam sind und in welchen Versorgungssettings sie angewendet werden. Zudem soll geprüft werden, inwiefern diese Interventionen klinische Ergebnisse, Selbstwirksamkeit und Versorgungsqualität verbessern. _This post is for subscribers only._ ### Maßgebliche Organisation der Pflegeberufe / Substitution ärztlicher Tätigkeiten an Pflege URL: https://www.uebergabe.de/pu113/ Last updated: 2026-06-13T23:25:18.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der DPR ist offiziell als Maßgebliche Organisation der Pflegeberufe anerkannt. - Damit ist die Pflege strukturell im bundespolitischen Entscheidungsprozess verankert. - Cochrane-Review: Pflegefachpersonen erzielen vergleichbare Versorgungsergebnisse wie Ärzt:innen. - Entscheidend bleibt, ob Deutschland passende strukturelle Rahmenbedingungen schafft. - Tarifeinigung im öffentlichen Dienst und geplantes Gesundheitssicherstellungsgesetz ergänzen die Entwicklungen. ## **Der DPR ist offiziell „Maßgebliche Organisation der Pflegeberufe“** Was in den vergangenen Monaten bereits angekündigt und diskutiert wurde, ist nun formell beschlossen: Mit Veröffentlichung der [Pflegeberufebeteiligungsverordnung](https://www.recht.bund.de/bgbl/1/2026/41/VO?ref=uebergabe.de) Anfang Februar wurde der Deutsche Pflegerat (DPR) offiziell als Maßgebliche Organisation der Pflegeberufe anerkannt. Diese Anerkennung ist mehr als eine symbolische Geste. Sie bedeutet, dass der DPR als zentraler Ansprechpartner für pflegefachliche Belange auf Bundesebene strukturell verankert ist und in gesetzlich definierten Verfahren beteiligt werden muss. ### **Rechtlicher Rahmen** Die Verordnung definiert klare Kriterien für eine solche Anerkennung. Eine Organisation muss unter anderem: - sich dauerhaft und vorrangig für die Belange der Pflegeberufe einsetzen, - bundesweit durch Mitglieder repräsentiert sein, - demokratischen Grundsätzen entsprechen, - mindestens drei Jahre bundesweit tätig gewesen sein, - neutral und unabhängig arbeiten und ihre Finanzierung offenlegen. Derzeit erfüllt in Deutschland nur der DPR diese Voraussetzungen vollständig. Mit dieser Anerkennung erhält die Pflege erstmals eine klar definierte Rolle im bundespolitischen Entscheidungsprozess. ### **Reaktion des DPR** DPR-Präsidentin [Christine Vogler](https://www.uebergabe.de/ug181/) bezeichnete die Anerkennung als wichtigen Schritt: > „Der 13\. Februar markiert einen wichtigen Schritt für die Beteiligung der Pflegeprofession und ihre Professionalisierung auf Bundesebene. Jetzt kommt es darauf an, die Mitwirkungsrechte gemeinsam auszufüllen und weiter Verantwortung zu übernehmen – für eine starke Profession Pflege und eine verlässliche Versorgung“ (Christine Vogler) Die Mitwirkungsrechte tatsächlich auszufüllen und perspektivisch über die Sozialgesetzbücher V und XI hinaus wirksam werden zu lassen, sind nach Aussage des DPR, dass worauf es in Zukunft ankommt. [Deutscher Pflegerat - Pflegeberufebeteiligungsverordnung in Kraft: Wichtiges Signal![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-77.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-20.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/pflegeberufebeteiligungsverordnung-in-kraft?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG164 – Übertragung von arztentlastenden Tätigkeiten (Maresa Buchholz & Sven Wolfers)](https://www.uebergabe.de/ug164/) - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) - [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken (Dr. Juliane Spank & Philipp Strnad)](https://www.uebergabe.de/ug188/) --- ## **Substitution ärztlicher Tätigkeiten: Cochrane-Review sorgt für Diskussion** Parallel zur politischen Entwicklung veröffentlichte die [Cochrane Collaboration](https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD013616.pub2/full/de?ref=uebergabe.de) ein systematisches Review mit dem Titel: „Substitution of nurses for physicians in the hospital setting for patient, process of care, and economic outcomes“. Das Review schließt unmittelbar an die Debatte um erweiterte Pflegekompetenzen in Deutschland an. ### **Was wurde untersucht?** Das Review analysierte 82 Studien mit über 28.000 Teilnehmenden. Untersucht wurden Tätigkeiten wie: - Erhebung der Patient:innenhistorie - Durchführung körperlicher Untersuchungen - Verordnung diagnostischer Maßnahmen - Medikamentenverordnung - Patient:innenedukation Ziel war es zu prüfen, ob Pflegefachpersonen bei Übernahme solcher Aufgaben vergleichbare Ergebnisse erzielen wie Ärzt:innen. ### **Zentrale Ergebnisse** Die Auswertung ergab kaum oder keine Unterschiede zwischen der Versorgung durch Ärzt:innen und der durch qualifizierte Pflegefachpersonen – weder hinsichtlich Mortalität, Patient:innensicherheit noch Lebensqualität. Gleichzeitig weist das Review auf methodische Einschränkungen hin: - hohe Heterogenität der Studien - überwiegend Daten aus Großbritannien und den Niederlanden - teilweise mittlere bis niedrige Evidenzqualität Diese Einschränkungen mindern nicht die Relevanz der Ergebnisse, machen jedoch deutlich, dass eine direkte Übertragung auf das deutsche Gesundheitssystem nicht ohne Weiteres möglich ist. ### **Einordnung aus deutscher Perspektive** Die Diskussion um Substitution ärztlicher Tätigkeiten steht in engem Zusammenhang mit der Einführung erweiterter [Pflegekompetenzen im Rahmen des BEEP](https://www.uebergabe.de/pu111/) sowie mit dem geplanten Pflege- und Gesundheitsexperten-Einführungsgesetz (ANP-Gesetz). Während BEEP die eigenverantwortliche Heilkundeausübung in begrenztem Rahmen ermöglicht, würde das ANP-Gesetz Pflegeexpert:innen auf Master-Niveau deutlich weitergehende Kompetenzen einräumen. Die strukturellen Voraussetzungen sind in Deutschland gerade erst geschaffen worden bzw. sind noch in der Entwicklung. Das Cochrane-Review liefert eine wissenschaftliche Grundlage, die zeigt, dass solche Modelle international bereits etabliert sind. > Erweiterte Pflegekompetenz hat sich international bereits längst etabliert und die Studie zeigt: Die Versorgung, in denen spezialisierte Pflegefachpersonen mehr Verantwortung tragen - also fast überall! - ist keineswegs schlechter als eine arztzentrierte Versorgung, wie sie in Deutschland üblich ist. (Max im Pflegeupdate #113) Die zentrale Frage bleibt daher weniger, ob Pflege fachlich dazu in der Lage ist, sondern ob die strukturellen und politischen Rahmenbedingungen in Deutschland entsprechend angepasst werden. --- --- ## **Tarifeinigung im öffentlichen Dienst** Für rund 2,2 Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst der Länder wurde eine Tarifeinigung erzielt. Die Gehälter steigen in drei Schritten zwischen 2026 und 2028\. Auch Auszubildende und dual Studierende profitieren von Erhöhungen. Zudem werden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland weiter reduziert, unter anderem durch eine schrittweise Senkung der Wochenarbeitszeit an bestimmten Universitätskliniken. Die Tarifentwicklung setzt damit ein Signal für die weitere Anpassung von Arbeitsbedingungen im öffentlichen Gesundheitswesen. [Verhandlungsergebnis im öffentlichen Dienst der Länder: 5,8 Prozent mehr Geld, mindestens aber 100 Euro | ver.diNach drei Tagen zäher und schwieriger Verhandlungen gibt es ein Verhandlungsergebnis für die rund 2,2 Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder. Es sieht ein Lohnplus von insgesamt 5,8 Prozent bei einer Laufzeit von 27 Monaten in drei Erhöhungsschritten vor. Nachwuchskräfte bekommen insgesamt 150 Euro mehr.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-78.ico)ver.di![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-2.svg)](https://www.verdi.de/zusammen-geht-mehr/verhandlungsergebnis-im-oeffentlichen-dienst-laender-58-prozent-mehr-geld-mindestens-100-euro?ref=uebergabe.de) --- ### **Gesundheitssicherstellungsgesetz angekündigt** Bundesgesundheitsministerin Nina Warken stellte auf der Münchner Sicherheitskonferenz Pläne für ein Gesundheitssicherstellungsgesetz vor. Ziel ist die Stärkung der Resilienz des Gesundheitswesens, insbesondere im Hinblick auf Krisen- und Sicherheitslagen. Im Fokus stehen stabile Lieferketten, ausreichend qualifiziertes Personal und eine enge zivil-militärische Abstimmung. Damit wird Gesundheitspolitik zunehmend auch als sicherheitspolitische Aufgabe verstanden. [Warken: “Eine krisenfeste Gesundheitsversorgung ist elementarer Teil vorausschauender SicherheiBundesgesundheitsministerin Warken machte bei Münchener Sicherheitskonferenz auf Bedeutung der Verknüpfung zwischen Gesundheits- und Sicherheitspolitik aufmerksam.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-79.ico)BMGBundesgesundheitsministerin Nina Warken![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Krankenhausflur_423901023e-7.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/muenchner-sicherheitskonferenz-14-02-26?ref=uebergabe.de) --- • • • ### Pflegeprobleme bei adipösen Patient:innen auf der Intensivstation URL: https://www.uebergabe.de/pflegeprobleme-bei-adiposen-patient-innen-auf-der-intensivstation/ Last updated: 2026-02-19T09:00:01.000Z 🗓️ #118 | 19.02.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen Adipositas und pflegerischen Versorgungsproblemen bei Intensivpatient:innen in Österreich. Dabei wird analysiert, ob sich pflegerische Problemlagen wie Dekubitusrisiko, Stürze, Fixierungen oder Pflegeabhängigkeit zwischen adipösen und nicht adipösen Patient:innen unterscheiden. Grundlage ist eine Auswertung von Daten aus österreichischen Intensivstationen über einen Zeitraum von zehn Jahren. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die Merkmale und pflegerischen Versorgungsprobleme von Intensivpatient:innen in Österreich differenziert nach Adipositasstatus zu beschreiben. Es sollte insbesondere geklärt werden, ob adipöse Patient:innen häufiger von bestimmten Pflegeproblemen betroffen sind als nicht adipöse Patient:innen. Darüber hinaus wollte die Studie eine Grundlage schaffen, um zukünftige pflegewissenschaftliche Forschung zu Adipositas im intensivpflegerischen Kontext zu fördern. 💡 Nach aktuellen Daten, die auf bevölkerungsrepräsentativen Erhebungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) und anderer Quellen basieren, liegt die ****Prävalenz von Adipositas bei Erwachsenen in Deutschland bei etwa 19 %** aller Frauen und Männer zusammengenommen, wobei der Anteil mit steigendem Alter zunimmt und bei Männern teilweise etwas höher ist als bei Frauen. Damit sind rund ****ein Fünftel der erwachsenen Bevölkerung adipös**, zusätzlich kommen zahlreiche weitere Erwachsene mit Übergewicht (BMI ≥ 25 kg/m²) hinzu. _This post is for paying subscribers only._ ### Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer) URL: https://www.uebergabe.de/ug182/ Last updated: 2026-06-17T09:07:38.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Krankenhausreform reagiert auf demografischen Wandel und massiven Fachkräftemangel der Babyboomer-Generation. - Vorhaltefinanzierung ersetzt teils Fallpauschalen und soll das ökonomische Hamsterrad stoppen. - Bundeseinheitliche Leistungsgruppen erzwingen Spezialisierung und höhere Qualitätsstandards in Kliniken. - Ambulantisierung und Überwindung der Sektorengrenzen sind zentral für den Reformerfolg. - Pflegefachpersonen werden zu zentralen Manager:innen der Versorgung mit erweiterten Kompetenzen. ## Die Neuausrichtung der deutschen Krankenhauslandschaft Das deutsche Gesundheitswesen durchläuft eine der tiefgreifendsten Transformationen seit Einführung der Fallpauschalen Anfang der 2000er Jahre. Was als visionärer Entwurf einer Expertenkommission im Dezember 2022 begann, hat sich zu einem komplexen Geflecht aus Gesetzgebungsverfahren wie dem [Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz-khvvg.html?ref=uebergabe.de) und dem [Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/krankenhausreformanpassungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) entwickelt. Im Zentrum dieser Reform steht die Erkenntnis, dass das bisherige System an seine ökonomischen und personellen Grenzen gestoßen ist. Prof. Dr. Henriette Neumeyer von der [Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG)](https://www.dkgev.de/?ref=uebergabe.de) verdeutlicht, dass es nicht mehr nur um punktuelle Nachbesserungen geht, sondern um eine fundamentale Neudefinition dessen, was ein Krankenhaus leisten muss und wie diese Leistung finanziert wird. Dieser Umbau ist kein Selbstzweck, sondern die Antwort auf eine sich rasant verändernde gesellschaftliche Realität, in der das alte Modell der stationären Rundumversorgung an seine Belastungsgrenzen stößt. [KrankenhausreformZiel der Krankenhausreform ist es, unnötige Klinikschließungen zu vermeiden und flächendeckend eine qualitativ hochwertige Versorgung auch in ländlichen Regionen sicherzustellen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-71.ico)BMGBundesgesundheitsministerin Nina Warken](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/krankenhaus/krankenhausreform.html?ref=uebergabe.de) ## Der demografische Imperativ und die „Klippe“ der Babyboomer Die Notwendigkeit der Reform ist untrennbar mit der [demografischen Entwicklung in Deutschland](https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/%5Finhalt.html?ref=uebergabe.de) verknüpft. Das System steht vor einer Belastungsprobe, die oft als „demografische Klippe“ bezeichnet wird. Einerseits erreicht die Generation der Babyboomer nun sukzessive das Alter, in dem der Bedarf an komplexen medizinischen Behandlungen und pflegerischer Betreuung statistisch signifikant ansteigt. [Chronische Erkrankungen nehmen zu](https://www.aerzteblatt.de/news/chronische-erkrankungen-in-deutschland-nehmen-zu-38d804db-1e09-4653-baa5-99c7b0886623?ref=uebergabe.de), was die Nachfrage nach stationärer Versorgung kontinuierlich in die Höhe treibt. Die Multimorbidität älterer Patient:innen erfordert eine koordinierte, fachübergreifende Expertise, die in einer zersplitterten Kliniklandschaft kaum noch effizient vorzuhalten ist. Werde Übergabe-Mitglied 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 290 Menschen, die unsere Arbeit bereits unterstützen.** Wenn du unsere Inhalte schätzt, dich inspiriert fühlst oder einfach gern dabei bist: Werde Teil der Übergabe 💛 Mit deiner Mitgliedschaft erhältst du exklusiven Zugang zu unseren [Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) und zu unserem Videokurs [**Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege*](https://www.uebergabe.de/videkurs-pflegeforschung/) Dein Support macht es möglich, dass wir dieses Projekt weiterführen und ausbauen können 🙌 Danke, dass du Teil davon bist! [Mach mit und unterstütze uns! ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) Gleichzeitig verlässt dieselbe Generation der Babyboomer den Arbeitsmarkt. Das bedeutet, dass in den kommenden Jahren zehntausende qualifizierte Fachkräfte – sowohl im ärztlichen Dienst als auch unter den Pflegefachpersonen – in den Ruhestand gehen. In diesem Spannungsfeld aus steigendem Bedarf und sinkenden personellen Ressourcen ist die bisherige Krankenhausstruktur, geprägt durch eine hohe Dichte an oft kleinen, wenig spezialisierten Häusern, nicht mehr zukunftsfähig. Die Reform setzt hier auf das Prinzip der Konzentration: Ressourcen sollen an leistungsstarken Standorten gebündelt werden, um sowohl die Qualität der Behandlung zu sichern als auch die Effizienz des Personaleinsatzes durch größere Teams und spezialisierte Abteilungen zu steigern. Nur so ließe sich verhindern, dass das System unter dem Druck des Fachkräftemangels kollabiert. > *„Jeder Patient, den wir nicht in ein Krankenhaus aufnehmen müssen, ist eigentlich ein Gewinn für unser Gesundheitssystem. Eigentlich muss es darum gehen: Wie können wir die Menschen gesünder machen und wie können wir ihnen helfen, medizinische Behandlungen in Zukunft nicht in Anspruch nehmen zu müssen?“ - Prof. Dr. Henriette Neumeyer* Ein entscheidender, oft übersehener Faktor ist dabei das Konzept der „Compression of Care“. Es geht nicht nur darum, mehr Patient:innen behandeln zu können, sondern den Behandlungsbedarf durch gezielte Prävention und effizientere Prozesse zu komprimieren. Wenn es gelingt, den Gesundheitszustand der Bevölkerung durch bessere ambulante Führung und frühzeitige Interventionen stabil zu halten, sinkt die Wahrscheinlichkeit für teure und belastende Krankenhausaufenthalte. *Das Krankenhaus der Zukunft muss daher als Teil eines präventiv orientierten Gesamtnetzwerks verstanden werden, das nur dann eingreift, wenn eine hochspezialisierte stationäre Therapie unumgänglich ist.* ## Die Logik der Vorhaltefinanzierung Einer der radikalsten Brüche mit der Vergangenheit ist die Einführung der [Vorhaltefinanzierung.](https://www.uebergabe.de/pu105/#krankenhausreform-anpassungsgesetz-pflegepersonaluntergrenzen-kein-qualit%C3%A4tskriterium) Über Jahrzehnte hinweg wurden Krankenhäuser fast ausschließlich über Fallpauschalen (DRGs) finanziert. Dieses System belohnte die bloße Menge der behandelten Fälle; wer mehr operierte, generierte mehr Umsatz. Dies führte zu einem „Hamsterrad-Effekt“, der Kliniken dazu zwang, möglichst viele Patient:innen durch das System zu schleusen, oft zulasten der Arbeitsbedingungen für Pflegefachpersonen und Mediziner:innen sowie der individuellen Betreuungszeit für die Patient:innen. Ökonomische Fehlanreize führten dazu, dass Mengenausweitungen stattfanden, wo sie medizinisch vielleicht gar nicht zwingend notwendig waren, während die reine Vorhaltung von Notfallkapazitäten finanziell bestraft wurde. [ÜG043 - Krankenhausfinanzierung (Interview mit Prof. Dr. Michael Simon) - ÜbergabeWir sprechen mit Prof. Dr. Michael Simon über die Krankenhausfinanzierung, Chancen und Grenzen des DRG-Systems und alternative Ansätze.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-103.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/uebergabe-logo_3000x3000-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug043/) Mehr Informationen zum Thema der DRGs Die neue Vorhaltefinanzierung soll diesen ökonomischen Druck grundlegend mindern. Künftig erhalten Krankenhäuser einen festen Budgetanteil – etwa 60% der Gesamtkosten – allein dafür, dass sie Personal, Technik und Räumlichkeiten für bestimmte Leistungen bereithalten. Diese Finanzierung fließt unabhängig davon, wie viele Patient:innen tatsächlich behandelt werden. Das Ziel ist eine Stabilisierung der Krankenhausfinanzen, insbesondere in ländlichen Regionen, wo Krankenhäuser für die Grundversorgung unverzichtbar sind, aber aufgrund niedriger Fallzahlen im reinen DRG-System nicht wirtschaftlich arbeiten könnten. Dies schafft die notwendige Planungssicherheit, um Qualitätsstandards einzuhalten, ohne ständig auf die Fallzahlen blicken zu müssen. Dennoch bleibt die Umstellung ein komplexes Unterfangen. Die Vorhaltefinanzierung ist kein bedingungsloses Grundeinkommen für Kliniken, sondern eng an die Zuweisung sogenannter Leistungsgruppen gekoppelt. Nur wer die qualitativen Anforderungen erfüllt, erhält den Zugriff auf diese Töpfe. Kritiker:innen befürchten jedoch, dass die verbleibenden 40% der Finanzierung, die weiterhin über Fallzahlen laufen, immer noch genügend Anreiz für eine Mengenausweitung bieten könnten. Die Praxis wird zeigen müssen, ob die Entkoppelung stark genug ist, um das Hamsterrad tatsächlich zum Stillstand zu bringen und den Fokus wieder vollständig auf die medizinische und pflegerische Notwendigkeit zu richten. ### Qualität durch Spezialisierung - Leistungsgruppen als neues Fundament Die Krankenhausplanung obliegt in Deutschland traditionell den Bundesländern. Doch die Reform führt nun [bundeseinheitliche Leistungsgruppen](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/krankenhaus/krankenhausreform/leistungsgruppen-ausschuss.html?ref=uebergabe.de) ein, die das bisherige System der Bettenplanung ablösen. Inspiriert durch das „NRW-Modell“ werden medizinische Leistungen nun in präzise definierte Gruppen unterteilt – von der allgemeinen Inneren Medizin bis hin zur hochspezialisierten Kardiologie oder komplexen Onkologie. Jede dieser Leistungsgruppen ist an strikte Qualitätskriterien und Strukturvorgaben geknüpft. Ein Krankenhaus darf eine bestimmte Leistungsgruppe nur dann anbieten und abrechnen, wenn es nachweisen kann, dass die entsprechende Expertise vorhanden ist. Dazu gehören modernste Medizintechnik, spezifische diagnostische Möglichkeiten und vor allem die notwendige Anzahl an qualifizierten Fachärzt:innen sowie spezialisierten Pflegefachpersonen. Diese Schablone führt zwangsläufig zu einer Marktbereinigung. Häuser, die die geforderten Qualitätsstandards nicht dauerhaft garantieren können, müssen sich entweder spezialisieren, mit anderen Standorten fusionieren oder sich in sektorenübergreifende Versorgungszentren umwandeln. Für die Patient:innen bedeutet dies im Zweifelsfall längere Wege zur nächsten Klinik, aber eine deutlich höhere Sicherheit, dort auf Expert:innen zu treffen, die das jeweilige Krankheitsbild routiniert und auf dem neuesten Stand der Wissenschaft behandeln. In einem System, in dem bisher fast jedes Krankenhaus fast alles machen durfte, ist dies ein Paradigmenwechsel hin zur qualitätsorientierten Steuerung. ### Politisches Tauziehen zwischen Bund und Ländern Die Umsetzung der Leistungsgruppen ist jedoch ein politischer Drahtseilakt. Während der Bund über das Finanzierungssystem steuert, pochen die Länder auf ihre verfassungsrechtlich garantierte Planungshoheit. [In den aktuellen Verhandlungen zum KHAG (Krankenhausreformanpassungsgesetz)](https://www.medconweb.de/blog/gesundheitspolitik/krankenhausreform-rueckt-naeher-einigung-im-bund-konflikt-mit-laendern-bleibt/?ref=uebergabe.de) geht es vor allem um Ausnahmeregelungen. Die Bundesländer argumentieren, dass starre Bundesvorgaben die Versorgung in ländlichen Regionen gefährden könnten, wenn Kliniken aufgrund fehlender Fachärzt:innen bestimmte Leistungsgruppen verlieren würden. Hier prallen zwei Welten aufeinander: der Wunsch des Bundes nach maximaler Qualitätskonzentration und die Verantwortung der Länder für die flächendeckende Erreichbarkeit. Ein zentraler Streitpunkt ist die Flexibilität der Länder, bei der Zuweisung von Leistungsgruppen von den strengen Strukturvorgaben abzuweichen, um eine Unterversorgung zu vermeiden. Wenn beispielsweise in einer Region der einzige Anbieter für Geburtshilfe die Personalvorgaben knapp verfehlt, müssen die Länder die Möglichkeit haben, diesen Standort dennoch zu stützen. Das Ringen um diese „Öffnungsklauseln“ hat das Inkrafttreten der Reform immer wieder verzögert. Prof. Dr. Neumeyer weist darauf hin, dass ein mangelnder Dialog zu Beginn des Prozesses nun zu einem langwierigen Nachverhandeln führt, das die Kliniken in eine Phase der Unsicherheit stürzt. Ohne einen breiten Konsens zwischen Bund und Ländern droht die Reform an den juristischen Hürden der föderalen Ordnung zu scheitern. ### Jenseits der Stationsgrenzen - Die Ära der Ambulantisierung Ein signifikanter Anteil der Behandlungen, die heute noch stationär erfolgen, könnte medizinisch sinnvoll ambulant durchgeführt werden. [Deutschland gilt im internationalen Vergleich als extrem „stationärlastig“.](https://www.vdek.com/magazin/ausgaben/2024-04/gesundheitswesen-deutschland-europa-vergleich.html?ref=uebergabe.de) Viele Eingriffe, die in Dänemark oder den Niederlanden längst tagesklinisch oder ambulant durchgeführt werden, führen hierzulande noch zu mehrtägigen Krankenhausaufenthalten – oft nur, weil das Vergütungssystem eine Übernachtung zwingend vorschreibt. Die Krankenhausreform forciert daher die Ambulantisierung. Patient:innen sollen künftig häufiger am Tag des Eingriffs wieder nach Hause zurückkehren können, sofern die medizintechnische Überwachung und die häusliche Nachsorge sichergestellt sind. > *„Tut eins nicht: Macht keine isolierte Krankenhausreform, sondern denkt das Ganze integriert, gemeinschaftlich – ambulante Versorgung, niedergelassene Versorgung und Krankenhaus. Sonst wird kein Schuh draus.“ - Prof. Dr. Henriette Neumeyer* Dies erfordert jedoch eine radikale Überwindung der Sektorengrenzen. Bisher sind der stationäre Bereich (Krankenhaus) und der ambulante Bereich (niedergelassene Ärzt:innen) strikt getrennte Welten mit unterschiedlichen Abrechnungsmodellen und Verantwortlichkeiten. Eine isolierte Krankenhausreform ohne Einbeziehung der ambulanten Strukturen greift zu kurz. Prof. Dr. Neumeyer betont am Beispiel der Herzinsuffizienz, wie wichtig integrierte Konzepte sind. Patient:innen mit chronischen Leiden benötigen eine kontinuierliche Begleitung. Wenn Pflegefachpersonen und Ärzt:innen sektorenübergreifend zusammenarbeiten und durch Telemedizin unterstützt werden, können Krisen erkannt werden, bevor sie eine Klinikeinweisung erfordern. Das Krankenhaus der Zukunft muss sich daher als Partner im regionalen Gesundheitsnetzwerk verstehen, nicht als abgeschottete Institution. > *„Wir glauben, dass die medizinisch-pflegerische Versorgung ein gutes Schnittmengenfeld ist, wo Pflege kompetent ist und Kompetenzen einsetzen kann für ein präventiv orientiertes Gesundheitswesen. Das hat natürlich auch was mit Attraktivität und interessanten Arbeitsplätzen zu tun.“ - Prof. Dr. Henriette Neumeyer* Dabei geht es auch um die Entwicklung neuer Versorgungsformen wie medizinisch-pflegerischen Versorgungseinheiten. In diesen könnten Patient:innen, die keine High-End-Medizin benötigen, aber auch nicht allein zu Hause bleiben können, stabilisiert und pflegerisch professionell begleitet werden. Solche Modelle entlasten die teuren Kapazitäten der Maximalversorger und bieten eine wohnortnahe Alternative. Leider sind viele dieser innovativen Ansätze im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens wieder in den Hintergrund gerückt. Es bleibt eine zentrale Aufgabe der kommenden Jahre, diese hybriden Versorgungsformen rechtlich und finanziell so abzusichern, dass sie eine echte Brücke zwischen Klinik und Zuhause schlagen können. ## Pflegefachpersonen als zentrale Akteur:innen im neuen System In der neuen Krankenhausarchitektur wandelt sich das Berufsbild der Pflege grundlegend. Pflegefachpersonen sind weit mehr als nur ausführende Organe medizinischer Anordnungen. In einem System, das auf Prävention, Koordination und Ambulantisierung setzt, werden sie zu den zentralen Manager:innen des Versorgungsprozesses. Prof. Dr. Neumeyer hebt hervor, [dass die Attraktivität des Pflegeberufs untrennbar mit der Erweiterung ihrer Kompetenzen verbunden ist.](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/gesetz-befugniserweiterung-entbuerokratisierung-pflege.html?ref=uebergabe.de) Wenn Pflegefachpersonen eigenverantwortlich über pflegerische Interventionen entscheiden, die Überleitung ins häusliche Umfeld steuern oder in spezialisierten Zentren für chronisch Kranke Führungsverantwortung übernehmen, steigt nicht nur die Versorgungsqualität, sondern auch die berufliche Zufriedenheit. [Gesundheitspolitische Vorhaben in 2026🎙️ Das Pflegeupdate startet ins Jahr 2026\. Mit Jahresbeginn sind zentrale gesundheitspolitische Reformen in Kraft getreten, die den Pflegealltag spürbar verändern werden. Wir ordnen die Entwicklungen fachlich ein und wagen einen Blick in die Zukunft, was in diesem Jahr noch wichtig wird.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-104.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeLukas![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/pu111-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu111/#beep-tritt-in-kraft-ein-neues-kapitel-f%C3%BCr-pflegefachpersonen) Konzepte wie das [„Community Health Nursing“](https://www.uebergabe.de/tag/community-health-nursing/) zeigen, wie Pflegefachpersonen die Lücke zwischen Krankenhaus und häuslichem Umfeld schließen können. Für die Umsetzung der Reform ist ihre Expertise unverzichtbar, da sie oft die Einzigen sind, die den gesamten Krankheitsverlauf und die sozialen Rahmenbedingungen der Patient:innen im Blick haben. Die Krankenhausgesellschaft setzt sich daher dafür ein, dass die Rolle der Pflegefachpersonen im Reformprozess nicht nur als Kostenfaktor, sondern als strategische Ressource begriffen wird. Eine erfolgreiche Krankenhausreform wird sich daran messen lassen, ob sie es schafft, attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen, in denen Pflegefachpersonen ihre vollen Kompetenzen entfalten können. ## Digitalisierung in der Reform Alle beschriebenen Veränderungen – von der Vorhaltefinanzierung bis zur sektorenübergreifenden Zusammenarbeit – sind ohne eine konsequente Digitalisierung nicht denkbar. [Die elektronische Patientenakte (ePA)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/digitalisierung/elektronische-patientenakte/epa-fuer-alle.html?ref=uebergabe.de) bildet dabei nur das Fundament. Viel entscheidender ist der strukturierte Datenaustausch zwischen den Leistungsgruppen und den ambulanten Versorgern. Digitale Assistenzsysteme können helfen, die Personalnot zu lindern, indem sie administrative Aufgaben übernehmen und Pflegefachpersonen sowie Mediziner:innen mehr Zeit für die Arbeit am Menschen verschaffen. Darüber hinaus ermöglicht die Digitalisierung die notwendige Vernetzung in der Fläche. Wenn Expert:innen aus spezialisierten Zentren per Videoschalte in kleinere Häuser zugeschaltet werden, um Diagnosen zu sichern oder komplexe Therapien zu begleiten, bleibt die Qualität auch fernab der Metropolen hoch. Die Krankenhausreform versteht Digitalisierung daher nicht als technisches Zusatzfeature, sondern als den notwendigen „Enabler“, der die Konzentration von Standorten bei gleichzeitiger Sicherung der Versorgungsqualität erst möglich macht. Wer heute in Krankenhausstrukturen investiert, muss primär in digitale Infrastruktur investieren, um die Versorgungsbrüche der Vergangenheit zu kitten. ## Fazit: Das Krankenhaus als Ankerpunkt im Gesundheitssystem Die Krankenhausreform markiert das Ende des Krankenhauses als isolierte „Reparaturwerkstatt“. Das Zielbild ist ein integriertes Versorgungsnetzwerk, in dem der stationäre Aufenthalt nur noch ein kurzer Baustein in einer längeren Gesundheitsreise der Patient:innen ist. Die Herausforderung für die kommenden Jahre wird darin bestehen, die ökonomischen Anreize so zu setzen, dass Kooperation statt Konkurrenz belohnt wird. Es bleibt ein steiniger Weg, bis die neuen Strukturen in allen Bundesländern etabliert sind. Doch die Alternativen sind angesichts des Fachkräftemangels und der alternden Gesellschaft erschöpft. Das Ringen um die Details der Reform ist letztlich ein Ringen um die Zukunftsfähigkeit des solidarischen Gesundheitssystems in Deutschland. Qualität vor Quantität zu stellen und die Kompetenzen aller Gesundheitsberufe optimal zu nutzen, ist der einzige Weg, um die Patientenversorgung langfristig auf hohem Niveau zu sichern. Im Newsletter werben **Solltest du Interesse daran haben, bei uns* ***im Newsletter oder im Podcast** *zu* ***werben oder eine Stellenanzeige zu schalten,** *freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme per E-Mail:* [**hallo@uebergabe.de*](mailto:hallo@uebergabe.de) [Kontakt aufnehmen ](mailto:hallo@uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG043 – Krankenhausfinanzierung (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug043/) - [ÜG122 – Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten (Prof:in Dr:in Vera Antonia Büchner)](https://www.uebergabe.de/ug122/) - [ÜG023 – DVG & Community Health Nursing (Prof. Dr. W. Schnepp & J. Sauskat)](https://www.uebergabe.de/ug023/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Schulungen zur Prävention von katheterbedingten Harnwegsinfekten URL: https://www.uebergabe.de/schulungen-zur-pravention-von-katheterbedingten-harnwegsinfekten/ Last updated: 2026-02-12T09:00:48.000Z 🗓️ #117 | 12.02.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht die langfristige Prävention von Katheter-assoziierten Harnwegsinfektionen (CAUTI) bei kritisch kranken Patient:innen durch die Einführung eines Bildungsprogramms für Gesundheitsfachpersonen und einer täglichen Checkliste zur Beurteilung der Indikation für Blasenkatheter. Dabei wurde über einen Zeitraum von zwölf Jahren in einer Intensivstation eines öffentlichen Krankenhauses in Brasilien die Wirkung dieser Maßnahmen analysiert. 💡 In Deutschland gehören katheterassoziierte Harnwegsinfektionen (CAUTI) zu den häufigsten nosokomialen (im Krankenhaus erworbenen) Infektionen und machen einen erheblichen Teil der stationär auftretenden Harnwegsinfektionen aus: Etwa 80 % der im Krankenhaus diagnostizierten Harnwegsinfektionen stehen in direktem Zusammenhang mit einem Blasenkatheter und 15 – 25 % aller Patient:innen erhalten während ihres Krankenhausaufenthalts einen Harnwegskatheter, besonders häufig auf Intensivstationen, wo der Anteil noch höher liegt. Insgesamt ereignen sich in Deutschland Schätzungen zufolge rund 152.000 – 155.000 Harnwegsinfektionen pro Jahr, wobei ein bedeutender Anteil katheterbedingt ist. Etwa 60 % der nosokomialen Harnwegsinfektionen weisen einen Katheterbezug auf. Quantitative Inzidenzraten speziell für CAUTI-Dichte in Deutschland stammen vor allem aus Surveillance-Daten und kleineren Studien im Intensivbereich. In einer prospektiven Beobachtungsstudie wurde beispielsweise eine Inzidenzdichte von etwa 7 Infektionen pro 1.000 Katheter-Tage berichtet; dies bedeutet, dass auf jeweils 1.000 Tage, an denen ein Harnkatheter gelegt ist, etwa sieben CAUTIs dokumentiert wurden. Auswirkungen auf Patient:innen sind vielschichtig: Katheterassoziierte Harnwegsinfektionen verursachen lokale Beschwerden wie Dysurie, Fieber, Unterbauchschmerzen und können die Versorgungssituation komplexer machen, insbesondere bei älteren oder multimorbiden Patient:innen. Klinisch relevant sind auch schwerwiegende Komplikationen wie sekundäre Bakteriämien oder Urosepsis, die – je nach Studie – bei mehreren Prozent der Fälle auftreten und eine deutlich erhöhte Morbidität sowie Mortalitätsrisiken bedeuten. Darüber hinaus verlängern CAUTIs in vielen Fällen die Krankenhausliegedauer und steigern den Behandlungsaufwand, da zusätzliche Diagnostik, Antibiotikatherapie oder intensivierte pflegerische Betreuung notwendig werden. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die Inzidenzrate von CAUTI und die Nutzung von Harnwegskatheter durch gezielte Interventionen zu senken. Die Autor:innen wollten zeigen, dass strukturelle Maßnahmen im Alltag von Pflegefachpersonen und Ärzt:innen zu einer messbaren Reduktion nosokomialer Infektionen führen können. _This post is for paying subscribers only._ ### Fehlerquellen im Medikationsprozess URL: https://www.uebergabe.de/fehlerquellen-im-medikationsprozess/ Last updated: 2026-02-11T20:25:50.000Z Der Medikationsprozess ist fehleranfällig und umfasst Verordnung, Übertragung, Stellen, Bereitstellung und Verabreichung. Pflegefachpersonen tragen zentrale Verantwortung. Dieses One-Minute-Wonder zeigt die Fehlerquellen und Lösungen. _This post is for subscribers only._ ### Bericht zur generalistischen Pflegeausbildung / Diskussionen um Kinästhetik URL: https://www.uebergabe.de/pu112/ Last updated: 2026-06-17T08:27:09.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Rund 99 Prozent der Absolvent:innen wählen den generalistischen Abschluss – Spezialisierungen spielen kaum eine Rolle. - Die Ministerien wollen spezialisierte Abschlüsse wegen geringer Nachfrage vermutlich nicht dauerhaft im Gesetz verankern. - IQWiG-Bericht zu Kinästhetik: Weder Nutzen noch Schaden belegt, die Datenlage reicht nicht aus. - Vogler und Westerfellhaus ins Kuratorium der Deutschen Altershilfe berufen, Postel ist Pflegemanagerin des Jahres. - Bayern erarbeitet eine neue, generalistisch ausgerichtete und wissenschaftlich fundierte Weiterbildungsordnung. ## Generalistische Pflegeausbildung: Bericht zur Nutzung des Wahlrechts Die Diskussion über die [generalistische Pflegeausbildung](https://www.uebergabe.de/ug017/) begleitet die Profession seit ihrer Einführung. Ein zentraler Punkt war dabei das sogenannte Wahlrecht, das es Auszubildenden ermöglicht, am Ende der Ausbildung einen spezialisierten Abschluss in der Altenpflege oder der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege zu wählen. Das Pflegeberufegesetz sieht vor, dass die Bundesregierung die Nutzung dieses Wahlrechts überprüft und dem Bundestag berichtet. Grundlage ist [§ 62 des Gesetzes](https://www.gesetze-im-internet.de/pflbg/%5F%5F62.html?ref=uebergabe.de), der eine Auswertung der tatsächlichen Wahlentscheidungen vorsieht. ### Ergebnisse des Berichts Die aktuellen Zahlen fallen eindeutig aus. Nach Angaben der Ministerien hatten zwischen 2023 und 2024 rund 99 Prozent der Absolvent:innen einen generalistischen Abschluss. Im Jahr 2024 entschieden sich: - 83 Personen für den Abschluss in der Altenpflege - 324 Personen für den Abschluss in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege Damit machten spezialisierte Abschlüsse insgesamt nur etwa ein Prozent aller Abschlüsse aus. ### Bewertung durch die Ministerien Das [Bundesministerium für Gesundheit ](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/?ref=uebergabe.de)(BMG) und das [Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend](https://www.bmbfsfj.bund.de/?ref=uebergabe.de) (BMBFSFJ) kommen zu dem Schluss, dass die Nachfrage nach spezialisierten Abschlüssen zu gering ist, um diese dauerhaft im Gesetz zu verankern. Zudem argumentieren sie, dass die steigenden Spezialisierungsanforderungen im Beruf ohnehin eher über Fort- und Weiterbildungen oder Studiengänge vermittelt werden. Vor einer endgültigen Entscheidung soll zugleich eine flächendeckende fachliche Anhörung stattfinden. Damit bleibt die Zukunft der spezialisierten Abschlüsse vorerst offen, auch wenn die Richtung der politischen Bewertung deutlich erkennbar ist. Der Bericht zeigt vor allem eines: Die generalistische Pflegeausbildung hat sich inzwischen faktisch als Standard etabliert, während die spezialisierten Abschlüsse derzeit nur eine sehr geringe Rolle spielen. ## Zum Weiterhören - [ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann)](https://www.uebergabe.de/ug168/) - [ÜG017 – Generalistische Ausbildung - (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug017/) - [ÜG142 – Evidenzbasierte Praxisentwicklung (Nina Kolbe)](https://www.uebergabe.de/ug142/) --- Werde Übergabe-Mitglied 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 290 Menschen, die unsere Arbeit bereits unterstützen.** Wenn du unsere Inhalte schätzt, dich inspiriert fühlst oder einfach gern dabei bist: Werde Teil der Übergabe 💛 Mit deiner Mitgliedschaft erhältst du exklusiven Zugang zu unseren [Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) und zu unserem Videokurs [**Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege*](https://www.uebergabe.de/videkurs-pflegeforschung/) Dein Support macht es möglich, dass wir dieses Projekt weiterführen und ausbauen können 🙌 Danke, dass du Teil davon bist! [Jetzt Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Kinästhetik und Evidenz: Eine Debatte über Forschung und Praxis Ein Bericht des [Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen](https://www.iqwig.de/?ref=uebergabe.de) (IQWiG) hat eine breite Diskussion ausgelöst. Die Fragestellung war vergleichsweise klar: Profitieren zu pflegende Personen oder beruflich Pflegende von der Anwendung kinästhetischer Methoden? Die Autor:innen kamen zu dem Ergebnis, dass in der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur weder ein Nutzen noch ein Schaden eindeutig nachgewiesen werden konnte. Auch gesundheitsökonomische Bewertungen ließen sich mangels geeigneter Studien nicht belastbar durchführen. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass die Kosten für Kinästhetik-Fortbildungen erheblich sein können und je nach Kursformat zwischen mehreren tausend Euro liegen. Auf Grundlage dieser Ergebnisse wurden mehrere Schlussfolgerungen formuliert: - Kostenträger sollten Fortbildungen ohne nachgewiesenen Nutzen nicht refinanzieren. - Einrichtungen sollten Investitionen in Fort- und Weiterbildungen kritisch prüfen. - Fortbildungen sollten mit systematischer Qualitätsmessung verbunden werden. - Für Pflegefachpersonen besteht weder eine Pflicht zur Anwendung noch ein Grund, auf die Anwendung zu verzichten, sofern sie individuell sinnvoll erscheint. Die Autor:innen betonen zudem, dass sich diese Einschätzungen mit bestehenden [Expertenstandards](https://www.uebergabe.de/expertenstandards-in-der-pflege-ein-uberblick/) zu Mobilität und Dekubitusprophylaxe vereinbaren lassen. Ein [zentraler Punkt des Berichts](https://www.iqwig.de/download/t23-05%5Fkinaesthetik-in-der-pflege%5Fthemencheck-bericht%5Fv1-0.pdf?ref=uebergabe.de) ist der Hinweis auf einen erheblichen Bedarf an methodisch robusten Studien, die Wirkungen und Kosten kinästhetischer Bewegungsförderung systematisch untersuchen. ### Reaktionen aus der Pflegecommunity Damit bleibt die zentrale Aussage des Berichts nicht, dass Kinästhetik unwirksam sei, sondern dass die wissenschaftliche Datenlage derzeit nicht ausreicht, um belastbare Aussagen zu treffen. Die Veröffentlichung löste eine lebhafte Diskussion aus, unter anderem durch einen Kommentar der Pflegewissenschaftlerin [Christel Bienstein](https://www.uebergabe.de/ug150/). Sie weist darauf hin, dass viele Pflegehandlungen insgesamt nur begrenzt wissenschaftlich untersucht sind und dass komplexe pflegerische Interventionen sich nicht immer mit klassischen Studiendesigns abbilden lassen. Bienstein betont zugleich die Bedeutung von Forschung, die direkt aus der Pflegepraxis heraus entwickelt wird und in Kooperation mit Hochschulen durchgeführt wird. Diese Debatte zeigt deutlich, wie wichtig der Austausch zwischen Pflegepraxis und Pflegewissenschaft ist und wie groß der Bedarf an Forschung zu pflegerischen Interventionen weiterhin ist. [Kommentar - “Alle, die mit Kinästhetik arbeiten, erleben ihre Wirksamkeit”Christel Bienstein kommentiert eine Studie im Auftrag des IQWiG zum Nutzen von Kinästhetik.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-70.ico)Online-Portal für professionell PflegendeBibliomed Pflege - Das Portal für die Pflege![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_X_Bienstein_Kinaesthetik_1d5ca2dadb.jpg)](https://www.bibliomed-pflege.de/news/alle-die-mit-kinaesthetik-arbeiten-erleben-ihre-wirksamkeit?ref=uebergabe.de) --- ## Ehrung für Pflegepersönlichkeiten [Christine Vogler](https://www.uebergabe.de/ug181/) und [Andreas Westerfellhaus](https://www.uebergabe.de/ug026/) wurden vom Bundespräsidenten in das Kuratorium der Deutschen Altershilfe berufen. Das Kuratorium begleitet die Arbeit der Stiftung, die sich seit Jahrzehnten für ein gutes Leben im Alter einsetzt. Die Berufung würdigt die langjährige Arbeit beider Persönlichkeiten in Pflegepolitik, Pflegepraxis und Bildung. Diese Auszeichnung zeigt, dass Pflegeexpertise zunehmend auch in gesellschaftlichen Schlüsselgremien wahrgenommen wird. [Bundespräsident beruft Christine Vogler und Dr. h.c. Andreas Westerfellhaus ins Kuratorium - Kuratorium Deutsche AltershilfeDas Kuratorium Deutsche Altershilfe Wilhelmine-Lübke-Stiftung (KDA) begrüßt zwei neue Mitglieder in seinem Kuratorium: Christine Vogler und Dr. h.c. Andreas Westerfellhaus. Beide wurden vom Bundespräsidenten auf Lebenszeit in das Kuratorium berufen und bringen ausgewiesene Expertise sowie langjährige Erfahrung aus Pflegepraxis, Bildung, Management und Pflegepolitik in die fachliche Beratung des KDA ein. Das Kuratorium des KDA umfasst…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/cropped-Logo_solo_pd_512.png)Kuratorium Deutsche Altershilfe![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Foto-Christine-Vogler-und-Andreas-Westerfellhaus.jpg)](https://kda.de/bundespraesident-beruft-christine-vogler-und-dr-h-c-andreas-westerfellhaus-ins-kuratorium/?ref=uebergabe.de) --- ## Pflegemanagerin des Jahres Auf dem Kongress Pflege wurde [Sandra Postel](https://www.uebergabe.de/ug079/) als Pflegemanagerin des Jahres ausgezeichnet. Der Preis würdigt besondere Leistungen im Pflegemanagement und die Rolle von Führung in der Weiterentwicklung der Pflege. Auszeichnungen wie diese tragen dazu bei, Führungsrollen in der Pflege sichtbarer zu machen und die Bedeutung professioneller Leitung hervorzuheben. [Pflegepersönlichkeit und neue Generation von Pflegemanager:innen beeindrucken beim Pflegemanagement-Award 2026\. - Bundesverband PflegemanagementSandra Postel wird zur Pflegemanagerin des Jahres 2026 gekürt. Bei den Nachwuchs-Preisträger:innen beeindrucken Advance Practice Nursing, sektorenübergreifende Ansätze und gelungene Integration. Der erste Platz wird gleich zwei Mal vergeben. Den Preis vergibt jedes Jahr der Bundesverband Pflegemanagement gemeinsam mit Springer Pflege.![](https://static.ghost.org/v5.0.0/images/link-icon.svg)Logo![](https://www.bv-pflegemanagement.de/meldung/items/files/css/Logo.png)](https://www.bv-pflegemanagement.de/meldung/items/832.html?ref=uebergabe.de) --- ## Weiterbildungsordnung in Bayern Die Vereinigung der Pflegenden in Bayern arbeitet derzeit an einer neuen Weiterbildungsordnung. Ziel ist es, Weiterbildung stärker an der generalistischen Ausbildung auszurichten und wissenschaftlich zu fundieren. Interessierte Pflegefachpersonen können sich aktiv an diesem Prozess beteiligen. Diese Initiative zeigt, dass Weiterbildung zunehmend systematisch und strukturiert gedacht wird. [Entwicklung einer Weiterbildungsordnung nimmt Fahrt auf - Vereinigung der Pflegenden in BayernSeit Anfang Januar gibt es bei der VdPB ein Team, das sich ausschließlich mit der Entwicklung einer fundierten bayerischen Weiterbildungsordnung beschäftigt.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon_400x400-1.png)Vereinigung der Pflegenden in BayernAnke Röver![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/260204_Team_WBO_02_fb_timeline.jpg)](https://www.vdpb-bayern.de/entwicklung-einer-weiterbildungsordnung-nimmt-fahrt-auf/?ref=uebergabe.de) • • • ## Im Newsletter werben **Solltest du Interesse daran haben, bei uns* ***im Newsletter oder im Podcast** *zu* ***werben oder eine Stellenanzeige zu schalten,** *freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme per E-Mail:* [**hallo@uebergabe.de*](mailto:hallo@uebergabe.de) [Kontakt aufnehmen ](mailto:hallo@uebergabe.de) ### Spiele in der virtuellen Realität zur Sturzprävention URL: https://www.uebergabe.de/spiele-in-der-virtuellen-realitat-zur-sturzpravention/ Last updated: 2026-02-05T09:00:55.000Z 🗓️ #116 | 05.02.2026 ## Worum geht's? Die Studie befasst sich mit der Wirkung von virtuellen Realitätstrainings (Virtual Reality, VR) auf das Gleichgewicht und das Sturzrisiko bei älteren Menschen mit erhöhter Sturzgefahr. Untersucht wurde, ob simulierte Gleichgewichtsübungen mithilfe des Xbox Kinect-Systems die Balance verbessern und die Angst vor dem Fallen reduzieren können. Die Forschung wurde an Bewohner:innen von Pflegeeinrichtungen durchgeführt. 💡 Sturzangst beeinflusst das Leben älterer Menschen in vielfacher Weise und geht weit über die reine Sorge vor einem körperlichen Ereignis hinaus. Viele ältere Menschen entwickeln eine anhaltende Angst vor dem Fallen, auch wenn sie zuvor keinen Sturz erlebt haben. Diese Angst führt häufig dazu, dass Alltagsaktivitäten bewusst vermieden werden. Wege außer Haus, Treppensteigen, Einkaufen oder soziale Treffen erscheinen unsicher und werden eingeschränkt oder ganz aufgegeben. Dadurch nimmt die körperliche Aktivität ab, was wiederum Muskelkraft, Gleichgewicht und Mobilität reduziert und das tatsächliche Sturzrisiko weiter erhöht. Neben den körperlichen Folgen hat Sturzangst erhebliche psychosoziale Auswirkungen. Der Verlust an Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit kann zu einem Rückzug aus dem sozialen Leben führen. Einsamkeit, depressive Verstimmungen und ein Gefühl von Abhängigkeit treten häufiger auf, insbesondere wenn ältere Menschen zunehmend auf Unterstützung durch Angehörige oder professionelle Pflege angewiesen sind. Sturzangst kann somit die Autonomie und das subjektive Sicherheitsempfinden nachhaltig beeinträchtigen. Auch die Wahrnehmung des eigenen Körpers verändert sich. Bewegungen werden vorsichtiger, oft verlangsamt oder unsicher ausgeführt, was paradoxerweise das Gleichgewicht zusätzlich destabilisieren kann. Gleichzeitig beeinflusst Sturzangst die Lebensqualität, da alltägliche Handlungen nicht mehr als selbstverständlich, sondern als potenzielle Gefahrenquellen erlebt werden. Insgesamt stellt Sturzangst bei älteren Menschen ein zentrales pflegerisches und gesundheitliches Thema dar, da sie einen Kreislauf aus Angst, Inaktivität, Funktionsverlust und wachsender Abhängigkeit begünstigt. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, herauszufinden, ob ein sechswöchiges VR-Trainingsprogramm eine signifikante Verbesserung der körperlichen Balance sowie eine Reduktion der Sturzangst bei älteren Menschen bewirken kann. Dabei wurde ein modernes und potenziell motivierendes Trainingsmedium getestet, das auch in beengten Wohnverhältnissen eingesetzt werden kann. _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler) URL: https://www.uebergabe.de/ug181/ Last updated: 2026-06-17T09:06:19.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - 2025 war für die Pflege ein Jahr zwischen Stillstand und weitreichenden Entscheidungen. - Das Pflegefachassistenzgesetz schafft erstmals bundeseinheitliche Standards, bleibt aber zu kurz. - Du erhältst durch das Befugniserweiterungsgesetz mehr eigenständige heilkundliche Kompetenzen. - Ein Scope of Practice fehlt noch und ist für die Profession überfällig. - Pflege wird weiterhin als Kostenfaktor statt als Qualitätsgarant behandelt. ## Pflegepolitik zwischen Stillstand und Entscheidung Das pflegepolitische Jahr 2025 war für die professionelle Pflege ein Jahr der Ambivalenzen. Auf Phasen des Stillstands folgten Entscheidungen von großer Tragweite, begleitet von einer wachsenden Diskrepanz zwischen politischer Steuerung und realem Versorgungsbedarf. Der vorgezogene Regierungswechsel sorgte zunächst für erhebliche Unsicherheit. Zentrale Gesetzesvorhaben, die bereits weit gediehen waren, wurden ausgebremst, politische Ansprechpartner:innen wechselten, und neue Prioritäten mussten erst entwickelt werden. Für Pflegefachpersonen bedeutete das vor allem eines: Warten, während sich die strukturellen Probleme im Versorgungssystem weiter zuspitzten. Gleichzeitig stieg der Druck, denn [die Zahl der Pflegebedürftigen liegt inzwischen bei rund sechs Millionen](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/%5Finhalt.html?ref=uebergabe.de), der Großteil davon wird im häuslichen Umfeld versorgt. Der ambulante Bereich wächst, bleibt aber politisch häufig unterbelichtet, während Fachkräftemangel, demografischer Wandel und Finanzierungsfragen immer drängender werden. Der Podcast des Deutschen Pflegerats > *„Das, was wir heute für die Pflege versuchen einzufordern, das werden wir nicht mehr ernten. Wir tun es nicht mehr für uns, sondern wir tun es für die Versorgung von morgen und für die Kolleginnen, die nach uns kommen.“ - Christine Vogler* Werde Übergabe-Mitglied 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 290 Menschen, die unsere Arbeit bereits unterstützen.** Wenn du unsere Inhalte schätzt, dich inspiriert fühlst oder einfach gern dabei bist: Werde Teil der Übergabe 💛 Mit deiner Mitgliedschaft erhältst du exklusiven Zugang zu unseren [Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) und zu unserem Videokurs [**Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege*](https://www.uebergabe.de/videkurs-pflegeforschung/) Dein Support macht es möglich, dass wir dieses Projekt weiterführen und ausbauen können 🙌 Danke, dass du Teil davon bist! [Jetzt Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Einheitliche Pflegefachassistenz als überfälliger Schritt Vor diesem Hintergrund stellt das [Pflegefachassistenzgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegefachassistenzeinfuehrungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) einen zentralen Einschnitt dar. Erstmals wurde eine bundesweit einheitliche Grundlage für die Ausbildung von Pflegefachassistent:innen geschaffen. Zuvor war das Feld durch eine Vielzahl länderspezifischer Regelungen geprägt, die Mobilität einschränkten, Anerkennungsprobleme verursachten und berufliche Entwicklung erschwerten. Die neue Regelung bringt Ordnung in dieses fragmentierte System und schafft zumindest eine verlässliche Basis für Durchlässigkeit in die dreijährige Pflegeausbildung. Dennoch bleibt Kritik berechtigt. [Zukunftspakt Pflege, neue Gesetze und die ICN-Definition🎙️ Der Zukunftspakt Pflege soll die Pflegeversicherung stabilisieren, neue Gesetze erweitern Kompetenzen und schaffen Struktur und die ICN-Definition stärkt das professionelle Selbstverständnis der Pflege. Drei Entwicklungen, die die Profession prägen werden.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-101.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMichelle![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/PU104_Cover.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu104/#pflegegesetze-befugniserweiterung-und-pflegefachassistenzgesetz) Die festgelegte Ausbildungsdauer von 18 Monaten liegt unter internationalen Standards und steht in Spannung zu den Anforderungen, die insbesondere in der ambulanten und langzeitpflegerischen Versorgung an Pflegefachassistent:innen gestellt werden. Pflegepolitik bewegt sich hier weiterhin im Spannungsfeld zwischen kurzfristiger Entlastung des Arbeitsmarktes und langfristiger Sicherung von Versorgungsqualität. ## Bildung als Schlüsselfaktor für Versorgungsqualität Diese Debatte verweist auf ein grundlegendes Problem der Pflegepolitik. Bildung wird noch immer zu häufig als Kostenfaktor betrachtet, nicht als Qualitätsgarant. Dabei ist die Evidenz eindeutig. [Internationale Studien zeigen seit Jahren, dass ein höherer Qualifikationsgrad von Pflegefachpersonen mit besserer Versorgungsqualität, geringerer Mortalität und kürzeren Liegezeiten einhergeht.](https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2813%2962631-8/abstract?ref=uebergabe.de) Wer Ausbildungszeiten verkürzt oder Qualifikationsanforderungen absenkt, riskiert nicht nur die Sicherheit von Patient:innen, sondern verschärft langfristig die Belastung des Systems. Das Pflegefachassistenzgesetz ist deshalb ein notwendiger Schritt, aber kein Endpunkt einer kohärenten Bildungsstrategie für die Pflege. > *„Je weniger Pflegefachpersonen da sind und je schlechter sie qualifiziert sind, umso höher ist die Sterblichkeitsrate und umso länger ist der Genesungsprozess. Das ist international belegt.“ - Christine Vogler* ## Neue Handlungsspielräume durch das Befugniserweiterungsgesetz Noch tiefgreifender wirkt das [Befugniserweiterungsgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/gesetz-befugniserweiterung-entbuerokratisierung-pflege.html?ref=uebergabe.de), das Anfang 2026 in Kraft trat. Es markiert einen Paradigmenwechsel, weil es Pflegefachpersonen erstmals explizit mehr eigenständige heilkundliche Kompetenzen zuschreibt und pflegerische Diagnostik gesetzlich verankert. Zudem stärkt es präventive Aufgaben der Pflege und eröffnet damit Perspektiven jenseits reiner Akutversorgung. Gleichzeitig zeigen die engen Anwendungsbereiche, dass das deutsche Gesundheitssystem weiterhin stark ärzt:innenzentriert denkt. Pflege darf handeln, aber oft nur nach ärztlicher Diagnose und innerhalb klar umrissener Indikationen. Für eine zukunftsfähige, multiprofessionelle Versorgung greift dieses Verständnis zu kurz. [Gesundheitspolitische Vorhaben in 2026🎙️ Das Pflegeupdate startet ins Jahr 2026\. Mit Jahresbeginn sind zentrale gesundheitspolitische Reformen in Kraft getreten, die den Pflegealltag spürbar verändern werden. Wir ordnen die Entwicklungen fachlich ein und wagen einen Blick in die Zukunft, was in diesem Jahr noch wichtig wird.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-102.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeLukas![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/pu111.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu111/#beep-tritt-in-kraft-ein-neues-kapitel-f%C3%BCr-pflegefachpersonen) ## Warum ein Scope of Practice überfällig ist Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung eines sogenannten *Scope of Practice.* Gemeint ist die systematische Beschreibung der Handlungsfelder, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsspielräume von Pflegefachpersonen. In vielen Ländern ist ein solcher Kompetenzrahmen seit Langem etabliert, in Deutschland fehlte er bislang. Der Scope of Practice soll künftig Orientierung bieten für Ausbildung, Weiterbildung, Rollenverteilung und Refinanzierung pflegerischer Leistungen. Er macht sichtbar, dass Pflege nicht nur unterstützend tätig ist, sondern eigenständige professionelle Verantwortung trägt. Gleichzeitig wird deutlich, dass solche Entwicklungsprozesse Ressourcen benötigen. Ohne ausreichende personelle, wissenschaftliche und finanzielle Ausstattung lassen sich diese Aufgaben kaum bewältigen. ## Der Deutsche Pflegerat als politische Schnittstelle der Profession Diese strukturelle Dimension zeigt sich auch in der Rolle des [Deutschen Pflegerates](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de), der 2025 [als maßgebliche Organisation der Pflege auf Bundesebene benannt](https://www.dvlab.de/bundesverband/pdf/2025/PfleBerBeteiligungsV.pdf?ref=uebergabe.de) wurde. Damit wird erstmals eine institutionelle Stimme der Pflege klar adressierbar in politische Prozesse eingebunden. Der DPR bündelt inzwischen die Expertise von 22 Verbänden und öffnet sich zunehmend auch für Pflegekammern und Landespflegeräte. Das stärkt die Repräsentation der Profession, macht aber zugleich die bestehenden Grenzen sichtbar. Ohne eigene stabile Strukturen in Bereichen wie Recht, Forschung oder Gremienarbeit bleibt der Einfluss begrenzt. Die Anerkennung ist ein wichtiger Anfang, muss aber langfristig durch nachhaltige Rahmenbedingungen abgesichert werden. > *„Wenn wir Pflege nicht als eigenständige Profession denken, bleiben wir in diesen Abhängigkeiten gefangen. Dann dürfen wir nur agieren, wenn vorher jemand anderes den Segen gegeben hat.“ - Christine Vogler* ## Pflege zwischen Krankenhausreform und Qualitätsdebatte Auch die Krankenhausreform verdeutlicht, wie schwer es der Pflege weiterhin fällt, als Qualitätsfaktor anerkannt zu werden. Zwar ist die Pflege erstmals im Leistungsgruppenausschuss vertreten, der über zukünftige Versorgungsstrukturen entscheidet. Doch die Logik der Reform bleibt stark medizinisch geprägt. Pflege wird häufig als Kostenstelle verhandelt, nicht als Voraussetzung für sichere und hochwertige Versorgung. Dabei ist offensichtlich, dass medizinische Leistungsfähigkeit ohne ausreichend qualifizierte Pflegefachpersonen nicht realisierbar ist. **Pflege als integralen Bestandteil von Qualität zu definieren, bleibt eine zentrale Aufgabe der kommenden Jahre.** ## Pflegepolitik als Teil professioneller Verantwortung Der Blick nach vorn zeigt, dass Pflegepolitik weit über einzelne Gesetze hinausgeht. Die Reform der Pflegeversicherung, Fragen der Finanzierung des Sozialversicherungssystems, Prävention, Gesundheitskompetenz, ambulante Versorgungsmodelle und Primärversorgungszentren werden die Debatten prägen. Hinzu kommen ethische Fragestellungen, der Umgang mit Hochaltrigkeit, Katastrophenschutz und gesellschaftliche Krisenlagen. Pflegefachpersonen sind dabei nicht nur Betroffene, sondern unverzichtbare Akteur:innen. Pflegepolitik entscheidet darüber, wie Versorgung organisiert ist, wie viel Autonomie Pflege hat und unter welchen Bedingungen sie arbeitet. • • • ## Zuwachs bei der Übergabe Im Newsletter werben **Solltest du Interesse daran haben, bei uns* ***im Newsletter oder im Podcast** *zu* ***werben oder eine Stellenanzeige zu schalten,** *freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme per E-Mail:* [**hallo@uebergabe.de*](mailto:hallo@uebergabe.de) [Kontakt aufnehmen ](mailto:hallo@uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein? - Live vom Deutschen Pflegetag 2024](https://www.uebergabe.de/ug150/) - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)](https://www.uebergabe.de/ug145/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Gruppentherapie bei postpartalen Depressionen durch Pflegefachpersonen URL: https://www.uebergabe.de/gruppentherapie-bei-postpartalen-depressionen-durch-pflegefachkrafte/ Last updated: 2026-01-29T09:00:27.000Z 🗓️ #115 | 29.01.2026 ## Worum geht's? In der vorliegenden Studie geht es um die Wirksamkeit von Gruppentherapien auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie (CBT) zur Behandlung der postpartalen Depression (PPD), durchgeführt von Pflegefachpersonen im öffentlichen Gesundheitsdienst, die über keine oder nur geringe psychiatrische Vorerfahrung verfügen. Dabei wurde untersucht, inwiefern diese Intervention depressive Symptome, Sorgen, soziale Unterstützung und die Mutter-Kind-Beziehung positiv beeinflussen kann. 💡 In Deutschland liegt die Inzidenz bzw. Prävalenz der postpartalen Depression, also der Depression, die im Wochenbett oder im ersten Jahr nach der Geburt auftritt, bei etwa 10 – 15 % aller Mütter. Das bedeutet, dass ungefähr jede siebte bis zehnte Frau nach der Entbindung eine klinisch relevante depressive Episode entwickelt, die über die üblichen kurzzeitigen Stimmungsschwankungen („Baby-Blues“) hinausgeht. In einigen Quellen werden auch Werte bis 15 – 20 % genannt, abhängig von der Messmethode und dem betrachteten Zeitraum nach der Geburt. Diese Erkrankung ist nicht nur individuell belastend, sondern besitzt weitreichende Konsequenzen für Mutter, Kind und die dyadische Beziehung zwischen beiden. Für Mütter bedeutet eine postpartale Depression eine anhaltende tiefe Niedergeschlagenheit, Verlust von Interesse und Freude, erhöhte Ängstlichkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Selbstzweifel und in schweren Fällen Suizidgedanken oder –handlungen. Diese Symptome können die psychosoziale Funktionsfähigkeit der Mutter massiv beeinträchtigen und, wenn sie unbehandelt bleiben, über Monate bis Jahre persistieren. Für Kinder stellt eine unbehandelte PPD ein Risiko für die frühe Entwicklung dar: Die depressive Symptomatik der Mutter kann die Feinfühligkeit, Responsivität und Interaktion mit dem Säugling reduzieren. Das bedeutet, dass emotionale Signale des Kindes weniger zuverlässig wahrgenommen und beantwortet werden, was die emotionale Regulation, Bindungsentwicklung, kognitive Entwicklung und das soziale Lernen des Kindes negativ beeinflussen kann. Frühkindliche Regulations- oder Bindungsstörungen, verzögerte motorische oder sprachliche Entwicklung sowie langfristige psychische Belastungen sind in dieser Forschungslandschaft beschrieben. Für die Dyade Mutter-Kind, also die wechselseitige Beziehung, stellt die postpartale Depression ein zentrales Risiko dar, weil sie die Qualität der Interaktion, das wechselseitige Vertrauen und den Aufbau einer stabilen Bindung untergräbt. Eine sichere Bindung gilt als zentraler Schutzfaktor für die spätere psychische Gesundheit des Kindes. Wenn die Mutter durch depressive Symptome in ihrer Verfügbarkeit und emotionalen Präsenz eingeschränkt ist, können negative Interaktionsmuster entstehen, die Bindungssicherheit und sozio-emotionale Entwicklung gefährden. ## Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, herauszufinden, ob Pflegefachpersonen mit minimaler psychotherapeutischer Ausbildung durch gezielte Schulung in der Lage sind, effektive Gruppentherapien zur Behandlung von PPD anzubieten. Insbesondere sollte überprüft werden, ob die Behandlung nicht nur kurzfristig, sondern auch sechs Monate nach der Intervention noch positive Effekte zeigt. _This post is for paying subscribers only._ ### Gesundheitspolitische Vorhaben in 2026 / BIBB-Pflegepanel URL: https://www.uebergabe.de/pu111/ Last updated: 2026-06-13T23:24:53.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Seit 1\. Januar 2026 dürfen Pflegefachpersonen mit BEEP eigenverantwortlich heilkundliche Tätigkeiten ausüben. - Bürokratieabbau: längere Prüfintervalle und begrenzte Dokumentation schaffen Zeit für direkte Pflege. - Geplantes ANP-Gesetz soll Pflege-Berufsbild auf Master-Niveau gesetzlich verankern. - BIBB-Pflegepanel offenbart Krise: nur 74 Prozent Schulplätze belegt, 33 Prozent Ausbildungsabbrüche. - Deutschland und Indien vereinbaren faire Anwerbung indischer Pflegefachpersonen. ## BEEP tritt in Kraft: Ein neues Kapitel für Pflegefachpersonen Seit dem 1\. Januar 2026 gilt das [Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/gesetz-befugniserweiterung-entbuerokratisierung-pflege.html?ref=uebergabe.de) – kurz BEEP, ehemals [Pflegekompetenzgesetz](https://www.uebergabe.de/tag/pflegekompetenzgesetz/). Nach jahrelangen Debatten ist damit erstmals gesetzlich festgeschrieben, dass Pflegefachpersonen eigenverantwortlich heilkundliche Tätigkeiten ausüben dürfen. Innerhalb klar definierter Rahmenbedingungen dürfen Pflegefachpersonen künftig Leistungen erbringen, die bisher ausschließlich Ärzt:innen vorbehalten waren. Welche Leistungen das genau sind, wird nicht direkt im Gesetz festgelegt, sondern durch die Selbstverwaltung in Verträgen konkretisiert. Damit beginnt nun ein zweiter, entscheidender Teil der Reform: die praktische Ausgestaltung. Pflegefachpersonen werden nicht mehr nur als ausführende Berufsgruppe gesehen, sondern als eigenständig verantwortliche Akteur:innen im Versorgungssystem. Das stärkt nicht nur die fachliche Rolle, sondern auch die professionelle Identität. Ein weiterer zentraler Punkt des BEEP betrifft den Bürokratieabbau in der ambulanten und stationären Altenpflege. Qualitätsprüfungen durch die Medizinischen Dienste sollen künftig früher angekündigt werden. Einrichtungen mit nachweislich hoher Qualität erhalten längere Prüfintervalle. Der Zeitraum zwischen zwei Prüfungen kann sich von einem auf zwei Jahre verlängern. Zudem wird die pflegerische Dokumentation begrenzt, um Zeit für direkte Pflege zu schaffen. ### Politische Mitbestimmung Parallel dazu soll die maßgebliche Organisation der Pflegeberufe – der [Deutsche Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) – stärker in politische Prozesse eingebunden werden. *Damit wird erstmals anerkannt, dass Pflege nicht nur Objekt gesundheitspolitischer Entscheidungen ist, sondern Subjekt.* [Das ändert sich 2026 in Gesundheit und PflegeZum Jahreswechsel 2025/2026 werden im Bereich des Bundesgesundheitsministeriums zahlreiche Änderungen wirksam. Hier informieren wir über die wichtigsten Neuerungen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-64.ico)BMGBundesgesundheitsministerin Nina Warken![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Krankenhausflur_423901023e-1.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/das-aendert-sich-2026-in-gesundheit-und-pflege.html?ref=uebergabe.de) ## Ausblick 2026: Was politisch noch kommt Das Bundesgesundheitsministerium hat mehrere [Reformprojekte](https://cdn.table.media/assets/berlin/vorhabenplanung-bmg-%281%29.pdf?ref=uebergabe.de) angekündigt: - Eine Reform der Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen. - Eine Reform der Pflegeversicherung. - Eine Überarbeitung der Krankenhausreform. - Beschleunigte Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen. Besonders relevant für Pflege ist das geplante Pflege- und Gesundheitsexperten-Einführungsgesetz (ANP-Gesetz). Es soll erstmals ein pflegerisches Berufsbild auf Master-Niveau gesetzlich verankern. Diese Pflege- und Gesundheitsexpert:innen sollen: - erweiterte heilkundliche Kompetenzen erhalten, - eigenständige Versorgungsaufgaben übernehmen dürfen, - und sozialrechtlich abgesichert arbeiten können. Damit würde eine strukturelle Brücke zwischen Akademisierung und Versorgungspraxis entstehen. ## Zum Weiterhören - [PU110 – Stand des BEEP / Diskussionen um PK RLP und den Zukunftspakt Pflege](https://www.uebergabe.de/pu110/) - [PU113 – Maßgebliche Organisation der Pflegeberufe / Substitution ärztlicher Tätigkeiten an Pflege](https://www.uebergabe.de/pu113/) - [PU104 – Zukunftspakt Pflege und Befugniserweiterungen](https://www.uebergabe.de/pu104/) --- ## Pflegeausbildung: Das BIBB-Pflegepanel zeigt eine Krise Während politische Reformen auf den Weg gebracht werden, zeigt das [BIBB-Pflegepanel](https://www.bibb.de/de/127032.php?ref=uebergabe.de) ein ernüchterndes Bild der Ausbildungssituation. [Das Bundesinstitut für Berufsbildung](https://www.bibb.de/?ref=uebergabe.de) befragt jährlich Pflegeschulen, Einrichtungen und Hochschulen zur Pflegeausbildung. Ziel ist ein systematisches Monitoring. Die aktuellen Daten beziehen sich auf das Jahr 2023. ### Zentrale Ergebnisse Es gibt zu wenig geeignete Bewerber:innen im Verhältnis zur Zahl der Ausbildungsplätze. Nur rund 74 Prozent der Pflegeschulplätze sind ausgelastet. In den praktischen Einrichtungen wären sogar fast doppelt so viele Plätze verfügbar gewesen. Als Ursachen für diese Zahlen sehen Einrichtungen in der ambulanten und stationären Langzeitpflege vor allem mangelndes Bewerber:inneninteresse an der Langzeitpflege. Pflegeschulen und Krankenhäuser beschreiben häufig fehlende Eignung der Bewerber:innen. Fast zehn Prozent der Ausbildungsverträge werden bereits im selben Jahr wieder gelöst. Über den gesamten Ausbildungszeitraum brechen rund 33 Prozent die Ausbildung ohne Abschluss ab. Als Ursachen dafür werden persönliche Belastungen, finanzielle Sorgen, Überforderung und mangelnde Unterstützung der Auszubildenden angeführt. [BIBB / Monitoring zur Umsetzung der Pflegeausbildungen![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-68.ico)Bundesinstitut für Berufsbildung BIBB![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/bibb_logo.svg)](https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/20828?ref=uebergabe.de) --- ## DGP wechselt das Publikationsorgan Die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft haben sich in einem Mitgliedervotum für einen Wechsel des Publikationsorgans des Verbandes ausgesprochen. Der Vorstand der DGP wird den Wechsel von der Zeitschrift [Pflege & Gesellschaft (Beltz Juventa)](https://www.beltz.de/fachmedien/erziehungswissenschaft/zeitschriften/pflege%5Fgesellschaft.html?ref=uebergabe.de) auf die Zeitschrift [PFLEGE – Die wissenschaftliche Zeitschrift (Hogrefe)](https://www.hogrefe.com/ch/zeitschrift/pflege?ref=uebergabe.de) nun einleiten wie mit der Veröffentlichung des Votums bekannt gegeben wurde. Die Mitglieder werden voraussichtlich ab Januar 2027 die neue Zeitschrift im Briefkasten erhalten. [DGP-Mitglieder sprechen sich für einen Wechsel des Publikationsorgans aus | DGP - Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-5.png)DGP - Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.Pauline Pötzsch![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/dgp-logo-2.jpg)](https://dg-pflegewissenschaft.de/aktuelles/dgp-mitglieder-sprechen-sich-fuer-einen-wechsel-des-publikationsorgans-aus/?ref=uebergabe.de) ## Deutschland und Indien unterzeichnen Absichtserklärung Im Rahmen des Staatsbesuches von Bundeskanzler Friedrich Merz in Indien haben Deutschland und Indien eine Absichtserklärung zur Anwerbung von indischen Pflegefachpersonen unterzeichnet. > “Mit der Absichtserklärung mit Indien konnten wir uns mit dem bevölkerungsreichsten Land der Welt auf gemeinsame Empfehlungen zur Fachkräftesicherung von qualifizierten Pflegekräften aus Drittstaaten einigen.” (Bundesgesundheitsministerin Nina Warken) Beide Seiten vereinbarten sich an internationale Standards zur Anwerbung von Pflegefachpersonen zu halten - wie sie zum Beispiel das Gütesiegel „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“. [Anwerbung von Pflegekräften – Bundesregierung unterzeichnet Absichtserklärung mit IndienBM Nina Warken: Gut ausgebildete Fachkräfte schneller in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-69.ico)BMGBundesgesundheitsministerin Nina Warken![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Arzt_Migrationshintergrund_6401456749.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/anwerbung-von-pflegekraeften-pm-12-01-26.html?ref=uebergabe.de) ### Wie effektiv sind pflegegeführte Hautkrebsuntersuchungen? URL: https://www.uebergabe.de/wie-effektiv-sind-pflegegefuhrte-hautkrebsuntersuchungen/ Last updated: 2026-01-22T09:00:25.000Z 🗓️ #114 | 22.01.2026 ## Worum geht's? Die Studie untersucht pflegegeleitete Versorgungsmodelle zur Erkennung von Hautkrebs. Dabei wird analysiert, welche Rollen Pflegefachpersonen in der Diagnostik, Behandlung und Aufklärung übernehmen und wie deren Leistungen im Vergleich zu ärztlich geleiteten Modellen abschneiden. Zudem wird beleuchtet, ob diese Modelle zusätzliche Vorteile für Patient:innen bringen. ## Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie ist es, die Evidenzlage zu pflegegeleitete Versorgungsmodelle bei Hautkrebs systematisch zusammenzuführen. Es soll geklärt werden, ob Pflegefachpersonen eine vergleichbare Versorgungsqualität wie Ärzt:innen bieten und inwiefern sie die Versorgung durch Zusatznutzen verbessern können. 💡 Hautkrebs zählt weltweit zu den häufigsten Krebserkrankungen und zeigt seit Jahren eine deutlich steigende Inzidenz. Auch in Deutschland nehmen die Neuerkrankungen kontinuierlich zu. Besonders betroffen sind das maligne Melanom sowie die sogenannten hellen Hautkrebsformen wie das Basalzellkarzinom und das Plattenepithelkarzinom. Ursachen für den Anstieg sind vor allem veränderte Freizeitgewohnheiten mit intensiver Sonnenexposition, häufige Sonnenbrände insbesondere in der Kindheit und Jugend sowie eine steigende Lebenserwartung. Zusätzlich führen verbesserte Früherkennungsprogramme dazu, dass Hautkrebs heute häufiger diagnostiziert wird als noch vor einigen Jahrzehnten. Die Risiken, die mit Hautkrebs einhergehen, unterscheiden sich je nach Tumorart erheblich. Während helle Hautkrebsformen in der Regel langsam wachsen und nur selten Metastasen bilden, können sie unbehandelt zu erheblichen lokalen Gewebeschäden führen und die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Das maligne Melanom gilt hingegen als besonders aggressiv, da es früh Tochtergeschwülste in Lymphknoten und inneren Organen bilden kann. In fortgeschrittenen Stadien ist Hautkrebs mit einer deutlich erhöhten Mortalität verbunden, auch wenn sich die Prognose durch moderne Therapieformen in den letzten Jahren verbessert hat. Neben den direkten gesundheitlichen Folgen stellt Hautkrebs auch ein relevantes psychosoziales Risiko dar. Diagnosen gehen häufig mit Angst, Unsicherheit und langfristigen Kontrolluntersuchungen einher. Chirurgische Eingriffe können sichtbare Narben hinterlassen, was insbesondere für jüngere Patient:innen belastend sein kann. Hinzu kommen gesellschaftliche und gesundheitssystemische Auswirkungen durch steigende Behandlungskosten und einen erhöhten Versorgungsbedarf. Aus pflegerischer und gesundheitlicher Perspektive ist Hautkrebs daher nicht nur als individuelles Krankheitsrisiko zu betrachten, sondern als relevantes Public Health Thema. Prävention durch konsequenten Sonnenschutz, Aufklärung über Risikofaktoren und die Förderung von Hautkrebsfrüherkennung spielen eine zentrale Rolle, um die steigende Inzidenz langfristig zu begrenzen und die gesundheitlichen Folgen für Betroffene zu reduzieren. _This post is for paying subscribers only._ ### Teilhabe von Pflegekräften mit Migrationsgeschichte (Yasemin Bekyol & Theresa Wagner) URL: https://www.uebergabe.de/ug180/ Last updated: 2026-06-13T13:05:39.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Migration ist strukturelle Voraussetzung für die Versorgungssicherheit, nicht nur Personallücken-Füllung. - Teilhabe umfasst Wohnen, Mobilität, soziale Kontakte und Schutz vor Diskriminierung. - Übergangsphasen vor und nach Einreise erzeugen massive Mehrfachbelastungen. - Familie und Bleibeperspektive entscheiden über langfristige Bindung im Beruf. - Ein frei zugängliches Teilhabe-Toolkit bündelt praxisnahe Maßnahmen für alle Akteursgruppen. ## Migration als strukturelle Realität der Pflegeversorgung Der Pflegesektor in Deutschland ist ohne Migration längst nicht mehr denkbar. In nahezu allen Versorgungssettings arbeiten [Pflegefachpersonen mit Migrationsgeschichte](https://mediendienst-integration.de/news/mehr-als-300000-auslaendische-pflegekraefte/?ref=uebergabe.de) – in Krankenhäusern, Pflegeheimen, der ambulanten Versorgung und zunehmend auch in spezialisierten Bereichen. Migration ist damit kein Randphänomen, sondern strukturelle Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit. Dennoch konzentrieren sich politische und organisatorische Debatten häufig auf Rekrutierung, Anerkennung und kurzfristige Personalsicherung. Was dabei oft ausgeblendet wird, ist die Frage, [wie nachhaltige Beschäftigung tatsächlich gelingt](https://pflegenetzwerk-deutschland.de/internationale-fachkraefte-gut-integrieren-faire-anwerbung-gute-integration-aber-wie?ref=uebergabe.de). Ein Forschungspraxisprojekt des [Center for Human Rights Erlangen-Nürnberg](https://www.humanrights.fau.de/?ref=uebergabe.de) setzt genau hier an. Es nimmt nicht nur die Arbeitssituation, sondern den gesamten Lebenskontext migrantischer Pflegefachpersonen in den Blick. Der Fokus liegt auf Teilhabe, Wohlbefinden und Bleibeorientierung – und damit auf Faktoren, die in der Pflegepolitik bislang häufig nachrangig behandelt werden. [Gesundheit! Teilhabe im PflegesektorDas Projekt „Gesundheit! Teilhabe im Gesundheits- und Pflegesektor“ wird von der Stiftung Mercator gefördert und ist am FAU Forschungszentrum Center for Human Rights Erlangen-Nürnberg (FAU CHREN)…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-apple-touch-2.png)Gesundheit! Teilhabe im Pflegesektor![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Stiftung-Mercator-Blau-RGB-300x99-2.jpg)](https://www.migration-pflege.chren.fau.de/?ref=uebergabe.de) ## Teilhabe als Schlüssel für Bleiben, Wohlbefinden und Versorgungssicherheit In vielen Debatten wird Migration im Pflegesektor primär funktional betrachtet: Pflegefachpersonen kommen, um Lücken zu schließen. Diese Perspektive greift zu kurz. [Menschen migrieren nicht ausschließlich, um zu arbeiten, sondern um ein Leben aufzubauen](https://www.uebergabe.de/ug151/). Teilhabe meint deshalb mehr als den Zugang zum Arbeitsmarkt. Sie umfasst Wohnen, Mobilität, soziale Beziehungen, Bildung, gesundheitliches Wohlbefinden, rechtliche Sicherheit und Schutz vor Diskriminierung. Das Forschungsprojekt zeigt, dass diese Dimensionen eng miteinander verflochten sind. Schwierigkeiten in einem Bereich – etwa bei Anerkennungsverfahren oder beim Zugang zu Wohnraum – wirken sich unmittelbar auf andere Lebensbereiche aus. Teilhabe ist kein additiver Prozess, sondern ein dynamisches Geflecht, das maßgeblich beeinflusst, ob Pflegefachpersonen langfristig im Beruf und im Land bleiben. *Ein zentrales Ergebnis ist zudem, dass Wohlbefinden von den Befragten selbst als zentrale Kategorie benannt wurde. Wohlbefinden entsteht aus dem Zusammenspiel guter Arbeitsbedingungen, wertschätzender Teamkulturen, sozialer Einbindung und Sicherheit im Alltag.* > *„Wohlbefinden entsteht nicht allein durch gute Arbeitsbedingungen, sondern durch Teilhabe im Alltag.“ – Yasemin Bekyol* Diskriminierung und Rassismus wurden in allen untersuchten Regionen thematisiert. Entscheidend ist der Umgang mit solchen Erfahrungen. ## Lebenswelten, Übergänge und Alltagsrealitäten migrantischer Pflegefachpersonen Die Studie ist als qualitatives Praxisforschungsprojekt angelegt und verbindet politikwissenschaftliche, humangeografische und Public-Health-Perspektiven. Über mehrere Jahre hinweg wurden 123 Interviews mit unterschiedlichen Akteursgruppen geführt: Pflegefachpersonen mit Migrationsgeschichte, Einrichtungsleitungen, Praxisanleitungen, kommunale Akteur:innen, Beratungsstellen, Sprachlehrkräfte und Bildungseinrichtungen. Ein besonderes methodisches Element sind sogenannte Mobility Mappings. Pflegefachpersonen visualisierten dabei ihren Alltag – Arbeitswege, Freizeitorte, soziale Kontakte und Versorgungswege. Diese Methode machte sichtbar, wie eng Mobilität, soziale Teilhabe und Wohlbefinden miteinander verbunden sind und welche Barrieren sich im Alltag konkret zeigen, insbesondere in ländlichen Regionen mit eingeschränkter Infrastruktur. Untersucht wurden städtische und ländliche Regionen in Bayern und Nordrhein-Westfalen sowie ein Exkurs nach Sachsen. Ziel war es, unterschiedliche räumliche, soziale und politische Kontexte abzubilden, ohne vereinfachende Verallgemeinerungen vorzunehmen. ## Von Anwerbung über Ankommen bis zum Alltag Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die hohe Bedeutung von Übergangsphasen. Belastungen entstehen häufig bereits vor der Einreise: intransparente Anerkennungsverfahren, lange Wartezeiten, unsichere aufenthaltsrechtliche Perspektiven und unterbrochene Sprachförderung. Nicht selten vergeht zwischen Sprachkurs im Herkunftsland und Arbeitsbeginn in Deutschland über ein Jahr – ohne systematische Weiterqualifizierung. Mit der Ankunft in Deutschland verdichten sich diese Herausforderungen. Pflegefachpersonen müssen sich gleichzeitig in neue Arbeitsstrukturen einfinden, komplexe Behördengänge bewältigen, Wohnraum finden und soziale Netzwerke aufbauen. Diese Mehrfachbelastung wird durch unzureichendes Erwartungsmanagement verstärkt. Viele berichten, dass sie weder auf den Pflegealltag noch auf die Lebensrealität in der jeweiligen Region ausreichend vorbereitet waren. [In diesem Podcast haben wir das Thema nochmal tiefer beleuchtet.](https://www.uebergabe.de/ug173/) Zwar existieren in vielen Einrichtungen Onboarding-Konzepte, diese sind jedoch häufig standardisiert und kaum auf individuelle Biografien, Qualifikationen und Lebenslagen abgestimmt. ## Arbeit, Leben und Familie - Bleiben entscheidet sich nicht auf der Station Die Studie macht deutlich, dass Pflegefachpersonen ihren Arbeitsplatz häufig wohnortnah wählen, soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten jedoch oft größere Distanzen erfordern. Mobilität wird damit zur zentralen Voraussetzung für soziale Teilhabe. Viele nehmen lange Wege in Kauf, um Freund:innen, Community-Angebote oder Freizeitaktivitäten zu erreichen. > *„Pflegefachpersonen kommen nicht nur zum Arbeiten, sondern um hier ein Leben aufzubauen.“ – Theresa Wagner* Familie erweist sich als einer der wichtigsten Faktoren für Bleibeentscheidungen. Sobald Kinder involviert sind, gewinnen Kitas, Schulen, Nachbarschaften und Sicherheit im öffentlichen Raum erheblich an Bedeutung. Verzögerter oder eingeschränkter Familiennachzug wirkt sich massiv auf psychische Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und langfristige Bindung aus. Gleichzeitig zeigen die Interviews, wie aktiv Pflegefachpersonen ihre Freizeit gestalten, transnationale Beziehungen pflegen und Mobilität nutzen, um Resilienz aufzubauen. Diese Aktivitäten sind kein Nebenaspekt, sondern zentral für langfristige Stabilität. ## Qualifikationen nutzen, Teilhabe ermöglichen, Strukturen vernetzen Ein wiederkehrendes Problem ist der nicht passgenaue Einsatz vorhandener Qualifikationen. Pflegefachpersonen mit akademischem Hintergrund oder spezialisierter Berufserfahrung arbeiten nicht selten unterhalb ihres Kompetenzniveaus. Die Folge sind Frustration, Dequalifizierung und erhöhte Wechselbereitschaft. Die Studie zeigt deutlich, dass Entwicklungs- und Karriereperspektiven zentrale Bindungsfaktoren sind. Einrichtungen, die Weiterbildungen ermöglichen, Aufstiegsperspektiven eröffnen und biografische Ziele ernst nehmen, profitieren von höherer Motivation und Stabilität. Gleichzeitig wird sichtbar, dass Teilhabe nicht allein im Betrieb entsteht. Kommunen, Beratungsstellen, migrantische Selbstorganisationen und Bildungseinrichtungen spielen eine entscheidende Rolle. Sprachlehrkräfte fungieren häufig als informelle Lots:innen im Alltag. Allerdings sind diese Ressourcen bislang nur unzureichend systematisch vernetzt und stark von individuellem Engagement abhängig. ## Politische Rahmenbedingungen und praktische Werkzeuge für nachhaltige Beschäftigung Auf politischer Ebene kritisiert das Projekt die Vielzahl paralleler Regelungen im Aufenthalts- und Anerkennungsrecht. Unterschiedliche rechtliche Zugänge für angeworbene Pflegefachpersonen und Geflüchtete erzeugen Intransparenz und zusätzliche Bürokratie. Die Studie plädiert für vereinheitlichte, transparente und beschleunigte Verfahren. [Das FachkräfteeinwanderungsgesetzDas neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz kommt: Das offizielle Portal der Bundesregierung informiert über die erweiterten Regeln für die Beschäftigung in Deutschland und die Einwanderung von Fachkräften aus Drittstaaten nach Deutschland.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-12.svg)Make it![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_181121_Logo_Make_it_in_Germany_Claim_CMYK_DEpng_de427c439a_fc514fcc070433999540832935272f3b.png)](https://www.make-it-in-germany.com/de/visum-aufenthalt/fachkraefteeinwanderungsgesetz?ref=uebergabe.de) Als konkretes Ergebnis wurde ein [frei zugängliches Teilhabe-Toolkit entwickelt.](https://zenodo.org/records/17501516?ref=uebergabe.de) Es bündelt praxisnahe Maßnahmen, geordnet nach Akteursgruppen, Teilhabedimensionen und Phasen des Migrationsprozesses. Ziel ist es, Handlungsspielräume sichtbar zu machen und systematisch nutzbar zu machen. > *„Nachhaltige Beschäftigung bedeutet, dass Pflegefachpersonen bleiben können und bleiben wollen.“ - Theresa Wagner* ## Vielfalt sichern heißt Teilhabe ermöglichen Die Studie zeigt eindrücklich: Vielfalt ist keine Zusatzaufgabe, sondern Voraussetzung für Versorgungssicherheit. Wer Pflegefachpersonen langfristig binden will, muss Arbeit und Leben zusammendenken. Teilhabe entsteht dort, wo Menschen nicht nur gebraucht, sondern gesehen werden – mit ihren Biografien, Beziehungen und Zukunftsplänen. Migration im Pflegesektor ist kein temporäres Projekt, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir sie gestalten, sondern wie. #### Zum Weiterlesen - Weidinger, Tobias/Bendel, Petra/Kordel, Stefan/Bekyol, Yasemin und Wagner, Theresa. 2025\. Teilhabe von Pflegekräften mit Migrationsgeschichte. Erlanger Migrations- und Integrationsstudien Band 12\. Erlangen: FAU University Press. DOI: 10.25593/978-3-96147- 859-0. - [https://www.empowerment-diversitaet.de/](https://www.empowerment-diversitaet.de/?ref=uebergabe.de) - [https://www.bosch-health-campus.de/de/STaF](https://www.bosch-health-campus.de/de/STaF?ref=uebergabe.de) - [https://medizinsoziologie-reha-wissenschaft.charite.de/en/research/health\_services\_research/care\_in\_transition\_caretrans](https://medizinsoziologie-reha-wissenschaft.charite.de/en/research/health%5Fservices%5Fresearch/care%5Fin%5Ftransition%5Fcaretrans?ref=uebergabe.de) - [https://dkf-kda.de/](https://dkf-kda.de/?ref=uebergabe.de) - [https://www.dezim-institut.de/veranstaltungen/dezim-talk-lebens-und-arbeitsbedingungen-international-angeworbener-pflegekraefte/](https://www.dezim-institut.de/veranstaltungen/dezim-talk-lebens-und-arbeitsbedingungen-international-angeworbener-pflegekraefte/?ref=uebergabe.de) - [https://www.svr-migration.de/publikationen/jahresgutachten/jahresgutachten-2022/](https://www.svr-migration.de/publikationen/jahresgutachten/jahresgutachten-2022/?ref=uebergabe.de) - [https://meltingpod.podigee.io/48-new-episode](https://meltingpod.podigee.io/48-new-episode?ref=uebergabe.de) • • • [![CTA Image](https://www.uebergabe.de/content/images/2026/01/veranstaltungen-3.png)](https://www.uebergabe.de/events) In unserem ****Veranstaltungskalender** findest Du Veranstaltungen an einem Ort. Ob Fachtagung, Kongress, Workshop oder Online-Event – der Kalender bietet eine laufend aktualisierte Übersicht und erleichtert die Planung und Orientierung im Veranstaltungsjahr. ****Der Kalener wird stetig aktualisiert. Wenn du eine Veranstaltung dort sehen möchtest,** [****schreib uns!**](mailto:hallo@uebergabe.de) [Zum Veranstaktungskalender ](https://www.uebergabe.de/events) Im Newsletter werben **Solltest du Interesse daran haben, bei uns* ***im Newsletter oder im Podcast** *zu* ***werben oder eine Stellenanzeige zu schalten,** *freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme per E-Mail:* [**hallo@uebergabe.de*](mailto:hallo@uebergabe.de) [Kontakt aufnehmen ](mailto:hallo@uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG173 – Erwartungen und Realität internationaler Pflegefachpersonen (Debora Aust)](https://www.uebergabe.de/ug173/) - [ÜG151 – Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland - Berliner Beratungsstelle BBeFaP (Debora Aust)](https://www.uebergabe.de/ug151/) - [ÜG138 – Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland (Sebastian WInter & Alexis Padilla Gomez)](https://www.uebergabe.de/ug138/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Let's Talk About Sex URL: https://www.uebergabe.de/lets-talk-about-sex/ Last updated: 2026-01-15T09:46:14.000Z 🗓️ #113 | 15.01.2026 ## Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit den Barrieren bei der Identifikation und Befriedigung sexueller Bedürfnisse von Bewohner:innen in Pflegeheimen. Dabei wird untersucht, wie diese Bedürfnisse wahrgenommen, kommuniziert und berücksichtigt werden, sowie welche organisatorischen, kulturellen und personellen Hürden bestehen, die einer offenen Auseinandersetzung im Weg stehen. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel war es, einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu geben und herauszufinden, welche Faktoren die Wahrnehmung und Erfüllung sexueller Bedürfnisse älterer Menschen in Pflegeheimen beeinflussen. Die Studie will aufzeigen, wie Pflegefachpersonen mit diesem Thema umgehen und welche Maßnahmen zur Verbesserung notwendig sind. _This post is for paying subscribers only._ ### Die Angst vor dem Tod bei Auszubildenden URL: https://www.uebergabe.de/die-angst-vor-dem-tod-bei-auszubildenden/ Last updated: 2026-02-05T09:59:46.000Z 🗓️ #112 | 08.01.2026 ## Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit der Entwicklung von Resilienz und der Angst vor dem Tod bei Pflegefachpersonen während der ersten drei Jahre ihrer Ausbildung. Sie untersucht, wie sich diese beiden Faktoren im Verlauf der Ausbildung verändern, ob es Unterschiede in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht gibt und in welchem Zusammenhang sie zueinander stehen. 💡 Der Umgang mit Tod und Sterben ist in der Pflege von zentraler Bedeutung, weil Pflegefachpersonen Menschen in existenziellen Lebenssituationen begleiten und dabei häufig näher am Lebensende sind als andere Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Tod und Sterben sind keine seltenen Ausnahmeereignisse, sondern gehören insbesondere in der Akutversorgung, der Langzeitpflege, der Onkologie und der Palliativversorgung zum pflegerischen Alltag. Pflegehandeln in diesen Situationen hat unmittelbaren Einfluss auf das Erleben der betroffenen Menschen, auf ihre Würde, ihr Wohlbefinden und ihre Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Aus pflegewissenschaftlicher Perspektive ist der professionelle Umgang mit Tod und Sterben eng mit dem Verständnis von Pflege als ganzheitlicher, beziehungsorientierter Praxis verknüpft. Pflege beschränkt sich nicht auf körperbezogene Interventionen, sondern umfasst auch emotionale, psychosoziale und spirituelle Dimensionen. Am Lebensende treten diese Dimensionen besonders deutlich hervor. Pflegefachpersonen sind gefordert, Symptome zu lindern, Sicherheit zu vermitteln und zugleich Raum für Angst, Trauer und Unsicherheit zu lassen. Die Art und Weise, wie Sterben begleitet wird, prägt nicht nur die Erfahrung der sterbenden Person, sondern auch die der Angehörigen nachhaltig. Gleichzeitig hat der Umgang mit Tod und Sterben eine hohe Relevanz für die Gesundheit der Pflegenden selbst. Wiederholte Konfrontationen mit Leid, Verlust und Endlichkeit können emotional belastend sein und zu Erschöpfung, moralischem Distress oder langfristigen psychischen Belastungen beitragen, wenn sie nicht professionell reflektiert und verarbeitet werden. Studien zeigen, dass fehlende Vorbereitung, geringe Unterstützung im Team und mangelnde institutionelle Strukturen den Umgang mit Tod erschweren. Umgekehrt können Wissen über Sterbeprozesse, kommunikative Kompetenz und Möglichkeiten zur Reflexion die Resilienz von Pflegefachpersonen stärken. Darüber hinaus ist der Umgang mit Tod und Sterben ein Ausdruck professioneller Pflegequalität und ethischer Haltung. Fragen nach Autonomie, Würde, Entscheidungsfindung und angemessener Versorgung am Lebensende sind zentrale pflegeethische Themen. Pflegefachpersonen nehmen hier eine vermittelnde Rolle ein zwischen Patient:innen, Angehörigen und anderen Berufsgruppen. Ein reflektierter und kompetenter Umgang mit Tod und Sterben trägt dazu bei, Überversorgung zu vermeiden, Leiden zu lindern und eine Versorgung zu gestalten, die sich an den Bedürfnissen und Werten der betroffenen Menschen orientiert. Damit ist dieses Thema nicht nur individuell bedeutsam, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil professioneller Pflege und pflegewissenschaftlicher Weiterentwicklung. ## Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, zu analysieren, wie sich Resilienz und die Angst vor dem Tod bei Pflegefachpersonen in Ausbildung entwickeln und ob sie miteinander korrelieren. Dabei wurde besonderer Fokus darauf gelegt, ob Alter und Geschlecht die Ausprägung dieser Merkmale beeinflussen. _This post is for paying subscribers only._ ### Stand des BEEP / Diskussionen um PK RLP und den Zukunftspakt Pflege URL: https://www.uebergabe.de/pu110/ Last updated: 2026-06-13T22:09:13.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das BEEP-Gesetz steckte vor dem Vermittlungsausschuss am 17\. Dezember 2025 fest. - In Rheinland-Pfalz wird vor der Landtagswahl über die Zukunft der Pflegekammer gestritten. - Der Deutsche Pflegerat kritisiert den Zukunftspakt Pflege als zu unverbindlich. Kurz vor dem Jahreswechsel werfen wir noch einmal einen Blick darauf, was in den vergangenen Tagen pflegepolitisch passiert ist – und was in den nächsten Tagen noch ansteht. Drei Themen prägen diese Folge: der Stand des BEEP-Gesetzes, die Debatte um die Pflegekammer in Rheinland-Pfalz und der Zukunftspakt Pflege. ## BEEP-Gesetz hängt vor dem Vermittlungsausschuss fest Das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege, kurz BEEP, hing zum Zeitpunkt der Folge weiter in der Schwebe. Die Hintergründe dazu hatten wir bereits in der vorangegangenen Ausgabe ausführlich beleuchtet. Nach der Sitzung des Koalitionsausschusses der Bundesregierung am 11\. Dezember 2025 äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz zu dem Vorhaben. Laut Merz gab es zwischen den Ländern damals eine Verständigung darüber, dass die geplante Entlastung der Krankenkassen wie ursprünglich vorgesehen beschlossen werden sollte. Für Mittwoch, den 17\. Dezember 2025, war der Vermittlungsausschuss von Bundesrat und Bundestag angesetzt. Käme es dort zu einer Einigung, könnte das Gesetz zwei Tage später in der letzten Bundesratssitzung des Jahres verabschiedet werden. Der ursprüngliche Zeitplan sah vor, dass das Gesetz zum 1\. Januar 2026 in Kraft tritt. Für Pflegefachpersonen ist das BEEP besonders relevant, weil es erweiterte Befugnisse und weniger bürokratische Hürden im Arbeitsalltag verspricht. Ob der Zeitplan gehalten werden konnte, war zum Aufnahmezeitpunkt noch offen. ## Pflegekammer Rheinland-Pfalz: Mitgliederbefragung vor der Landtagswahl Vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz im kommenden Jahr wird die Diskussion über die Zukunft der [Pflegekammer Rheinland-Pfalz](https://pflegekammer-rlp.de/?ref=uebergabe.de) lauter. Gesundheitsminister [Clemens Hoch](https://mwg.rlp.de/ministerium/minister-clemens-hoch?ref=uebergabe.de) von der SPD sprach in einem Interview über eine Mitgliederbefragung, die Landesregierung und Kammer für das kommende Jahr vereinbart haben. Das Ergebnis sollte noch vor den nächsten Wahlen zur Kammerversammlung vorliegen. Hoch zeigte sich zuversichtlich, dass die Kammer transparent darlegen werde, warum sie wichtig sei und wie sie arbeite – einschließlich ihrer Aufgaben, Leistungen und Verantwortung. Einer möglichen Abkehr von der Pflichtmitgliedschaft erteilte er allerdings eine klare Absage: Eine Selbstverwaltung funktioniere nur, wenn sie von allen Mitgliedern getragen werde. Gemeinsame Interessenvertretung sei mit gemeinsamer Verantwortung verbunden, und dazu gehörten auch Beiträge. Aus der Opposition kam Kritik: Der CDU-Landtagsabgeordnete und Fraktionschef [Gordon Schnieder](https://landtag-rlp.de/de/parlament/abgeordnete/abgeordnetensuche/gordon-schnieder-73?ref=uebergabe.de) bezeichnete die Umfrage mit Blick auf Hochs Aussagen zur Pflichtmitgliedschaft als politisch vorgesteuert. Von der Pflegekammer selbst lagen zum Aufnahmezeitpunkt keine Stellungnahmen vor. Für Pflegefachpersonen in Rheinland-Pfalz ist die Befragung deshalb von Bedeutung, weil sie im Wahljahr zum Gradmesser für die Akzeptanz der Selbstverwaltung werden könnte. ## Zukunftspakt Pflege: Eckpunkte vorgelegt, Pflegerat übt Kritik Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hob anlässlich einer Arbeitssitzung der Bund-Länder-Arbeitsgruppe [Zukunftspakt Pflege](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/zukunftspakt-pflege-11-12-2025.html?ref=uebergabe.de) hervor, dass Prävention gestärkt, die Versorgung verbessert und die Finanzierung gesichert werden solle. Die Arbeitsgruppe arbeitet an einer Reform der Pflegeversicherung. Die bisherigen Eckpunkte umfassen mehrere Bausteine: Prävention und Nachhaltigkeit stärken, um Pflegebedürftigkeit im Idealfall zu vermindern; den Zugang zu pflegerischen Leistungen erleichtern und das Angebot in der Fläche ausbauen; Innovationen fördern; und – als zentraler Punkt – die Finanzierung langfristig und nachhaltig sichern. Deutliche [Kritik an den Plänen](https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/pflege-bund-laender-finanzierung-100.html?ref=uebergabe.de) kam vom Deutschen Pflegerat. Dessen Präsidentin Christine Vogler bemängelte in einer [Pressemitteilung](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/zukunftspakt-pflege-analyse-ohne-konsequenzen?ref=uebergabe.de), das Papier beschreibe vor allem Bekanntes und bleibe eine unverbindliche Sammlung von Möglichkeiten. Für pflegebedürftige Menschen, ihre Angehörigen und alle in der Pflege Tätigen schaffe das keine Sicherheit für die kommenden Jahre. Sie verwies auf die Demografie: In den nächsten zehn Jahren gehe rund ein Viertel der Pflegefachpersonen in Rente, während die Zahl der Pflegebedürftigen weiter steige. Aus Sicht des Pflegerats fehlt in den Eckpunkten zudem die systematische Verankerung der Pflegeprofession und ihrer Expertise. Bund und Länder werden aufgefordert, aus dem Zukunftspakt ein verbindliches Arbeitsprogramm zu machen – mit Entscheidungen zur Begrenzung der Eigenanteile, zu einer solidarischen und tragfähigen Finanzierung, zu erweiterten pflegerischen Kompetenzen sowie zu einer stärkeren Verankerung von Pflege in Public Health und sektorenübergreifenden Versorgungsstrukturen. ## Petition zur Kinderkrankenpflege-Ausbildung wird doch zugelassen Eine weitere Meldung sorgte zum Jahresende für Diskussionsstoff: Der Petitionsausschuss des Bundestages hat eine Petition angenommen, die das Ziel verfolgt, die eigenständige Wahlmöglichkeit der Ausbildung in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege zu erhalten. Aktuell wird die Pflegeausbildung dreigleisig geführt – generalistisch, Kinderkrankenpflege und Altenpflege. Die Petition wurde von einer Kollegin in Niedersachsen gestartet und vom Ausschuss zunächst abgelehnt. Begründet wurde dies damit, dass die spezielle Thematik der Pflegeausbildung für Außenstehende ohne Detailwissen keine sachliche öffentliche Diskussion zulasse. Nach erneuter Prüfung ließ der Ausschuss die Petition schließlich doch zu, ohne die Gründe dafür offenzulegen. Im Update wurde bereits mehrfach darauf verwiesen, dass sich rund 99 Prozent der Auszubildenden für den generalistischen Weg entscheiden. Statt einen kaum gewählten Ausbildungsweg offenzuhalten, ließe sich aus redaktioneller Sicht die Energie auch darauf richten, generalistisch ausgebildeten Pflegefachpersonen über gezielte Einarbeitungskonzepte den Einstieg in die Kinderkrankenpflege zu ermöglichen. Das Thema soll in einer der kommenden Ausgaben vertieft werden. ## Zum Weiterhören - [PU104 – Zukunftspakt Pflege und Befugniserweiterungen](https://www.uebergabe.de/pu104/) - [PU117 – Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen / Primärversorgung / Pflegekammer RLP](https://www.uebergabe.de/pu117/) - [ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann)](https://www.uebergabe.de/ug168/) --- ## Kommt die Befugniserweiterung für Pflegefachpersonen doch noch? Dass das BEEP – das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege – überhaupt noch eine Option ist, gleicht einer politischen Achterbahnfahrt. Nachdem der Bundesrat das Gesetz blockiert und in den Vermittlungsausschuss geschickt hatte, war unklar, ob es überhaupt noch 2025 verabschiedet wird. Nach der Sitzung des Koalitionsausschusses der Bundesregierung am 11\. Dezember hat Bundeskanzler Friedrich Merz überraschend deutlich Stellung bezogen: > *Die Länder seien sich einig, dass die Entlastung der Krankenkassen in der kommenden Woche wie ursprünglich geplant beschlossen werden soll.* Das bedeutet: **Der Weg für BEEP könnte frei sein.** Am **Mittwoch, 17\. Dezember**, tagt der Vermittlungsausschuss – ein entscheidender Moment. Kommt es dort zur Einigung, könnte der Bundesrat das Gesetz **zwei Tage später**, am 19\. Dezember, verabschieden. Damit wäre der Weg frei für ein Inkrafttreten zum **1\. Januar 2026**. ## Pflegekammer Rheinland-Pfalz: Kritik, Befragung und politische Spannung Rheinland-Pfalz hat als erstes Bundesland eine [Pflegekammer](https://pflegekammer-rlp.de/?ref=uebergabe.de) eingeführt – und ist damit zu einem Symbol für Selbstverwaltung und Professionalisierung geworden. Doch vor der Landtagswahl im kommenden Jahr wird der Druck größer. [Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD)](https://mwg.rlp.de/ministerium/minister-clemens-hoch?ref=uebergabe.de) hat angekündigt, dass Landesregierung und Kammer eine **Mitgliederbefragung** durchführen werden. Die Ergebnisse sollen **noch vor den nächsten Kammerwahlen** (auch im Jahr 2026) vorliegen. Gesundheitsminister Hoch betont: > *„Ich bin zuversichtlich, dass die Pflegekammer klar und offen kommuniziert, warum sie wichtig ist und wie sie arbeitet.“* Doch gleichzeitig macht er auch deutlich: > *An der *Pflichtmitgliedschaft wird nicht gerüttelt*.* Diese Aussage sorgt – wenig überraschend – für politische Reibung und sorgt für Kritik aus der Opposition. CDU-Fraktionschef [Gordon Schnieder](https://landtag-rlp.de/de/parlament/abgeordnete/abgeordnetensuche/gordon-schnieder-73?ref=uebergabe.de) wirft der Landesregierung eine „politisch vorgesteuerte“ Befragung vor. Eine faire, offene Diskussion über Pflichtmitgliedschaft sei damit nicht möglich, so der Vorwurf. Von der Pflegekammer selbst gibt es zum aktuellen Zeitpunkt keine öffentliche Stellungnahme. ## Zukunftspakt Pflege: Ambitionierte Worte – aber keine konkreten Entscheidungen [Gesundheitsministerin Nina Warken](https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskabinett/nina-warken-2342850?ref=uebergabe.de) hat im Rahmen der Bund-Länder-Arbeitsgruppe [„Zukunftspakt Pflege“](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/zukunftspakt-pflege-11-12-2025.html?ref=uebergabe.de) betont, dass die Pflegeversicherung reformiert werden muss. Die Eckpunkte: - Prävention stärken - Zugang zu Leistungen verbessern - Bürokratie abbauen - Innovation ermöglichen - Finanzierung nachhaltig sichern [Ergebnisse der Bund-Länder-AG „Zukunftspakt Pflege“ vorgestelltBundesgesundheitsministerin Nina Warken: Prävention stärken, Versorgung verbessern, Finanzierung sichern![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-62.ico)BMGBundesgesundheitsministerin Nina Warken![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_BM_Nina_Warken_PK_09-25_Heinl_2660efa4f6.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/zukunftspakt-pflege-11-12-2025.html?ref=uebergabe.de) Der Deutsche Pflegerat [kritisiert die Pläne](https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/pflege-bund-laender-finanzierung-100.html?ref=uebergabe.de) der Bund-Länder-Arbeitsgruppe deutlich: DPR-Präsidentin Christine Vogler: > *„Das Papier beschreibt vieles, was wir seit Jahren wissen – es bleibt aber bei einer unverbindlichen Sammlung von Möglichkeiten stehen. (...) Gleichzeitig fehlt in den Eckpunkten die systemische Verankerung der Pflegeprofession und ihrer Expertise als wesentlicher Pfeiler der Lösung.“* Für eine Berufsgruppe, in der in den nächsten zehn Jahren **ein Viertel der Pflegefachpersonen in Rente geht**, sind unverbindliche Formulierungen nicht genug. Der DPR fordert daher: - verbindliche Entscheidungen zu Eigenanteilen - solidarische, tragfähige Finanzierung - Verankerung pflegerischer Kompetenzen - eine klare Rolle der Pflege in Public Health - sektorenübergreifende Versorgungsstrukturen Es braucht einen Systemwechsel – nicht nur wohlformulierte Absichtserklärungen. [Deutscher Pflegerat - Pressemitteilungen![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-61.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-18.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/zukunftspakt-pflege-analyse-ohne-konsequenzen?ref=uebergabe.de) ### Podcast zur Bildung von Patient:innen URL: https://www.uebergabe.de/podcast-zur-bildung-von-patient-innen/ Last updated: 2026-01-23T08:58:54.000Z 🗓️ #111 | 11.12.2025 ### Worum geht's? Die Studie befasst sich mit dem Einsatz von Podcasts in der Patient:innenbildung. Dabei wird untersucht, inwieweit Podcasts dazu beitragen können, das Gesundheitswissen, das Verständnis sowie das Engagement von Patient:innen zu fördern. Die Forschung beleuchtet sowohl Potenziale als auch Herausforderungen bei der Integration dieses Mediums in bestehende Bildungsstrategien im Gesundheitswesen. ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der systematischen Übersichtsarbeit war es, zu analysieren, welchen Einfluss Podcasts auf die Patient:innenbildung haben. Insbesondere sollte geklärt werden, ob Podcasts Wissen effektiv vermitteln, wie sie mit traditionellen Lernmethoden kombiniert werden können und welche Hürden einer breiten Anwendung im Weg stehen. Die Studie verfolgte dabei einen klar strukturierten Bewertungsansatz, um sowohl quantitative als auch qualitative Ergebnisse systematisch zu erfassen. 💡 Gesundheitswissen ist für Patient:innen entscheidend, weil es die Grundlage bildet, um Erkrankungen zu verstehen, Symptome richtig einzuordnen und informierte Entscheidungen über Untersuchungen oder Therapien zu treffen. Wer über grundlegendes Wissen zu Prävention, Krankheitsverläufen oder Behandlungsmöglichkeiten verfügt, kann aktiv an der eigenen Versorgung mitwirken und Risiken frühzeitig erkennen. Dieses Wissen stärkt das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, mit gesundheitlichen Herausforderungen umzugehen, fördert die Therapietreue und verbessert langfristig die Lebensqualität. Gleichzeitig trägt Gesundheitswissen dazu bei, unnötige Belastungen des Gesundheitssystems zu vermeiden, da gut informierte Patient:innen medizinische Angebote zielgerichteter nutzen. In Deutschland zeigt sich jedoch, dass viele Menschen nur über begrenztes Gesundheitswissen verfügen. Studien belegen, dass es Patient:innen häufig schwerfällt, medizinische Informationen zu verstehen, klinische Befunde einzuordnen oder Empfehlungen im Alltag umzusetzen. Komplexe Fachsprache, fragmentierte Versorgungsstrukturen und eine hohe Abhängigkeit von digital verfügbaren Informationen erschweren zusätzlich den Zugang zu verlässlichem Wissen. Besonders betroffen sind Menschen mit niedriger formaler Bildung, ältere Personen und chronisch Erkrankte. Die Situation verdeutlicht, dass Gesundheitswissen in Deutschland ungleich verteilt ist und dass viele Patient:innen nicht ausreichend vorbereitet sind, um die Anforderungen des modernen Gesundheitssystems zu bewältigen. Daher gewinnt die systematische Förderung von Gesundheitswissen in der Versorgung, in der Bildung und in der öffentlichen Kommunikation zunehmend an Bedeutung. _This post is for paying subscribers only._ ### Liver Care Nurse (Martina Fellinghauer & Denise Schäfer) URL: https://www.uebergabe.de/ug179/ Last updated: 2026-06-13T13:05:31.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Lebererkrankungen wachsen rasant und brauchen spezialisierte, kontinuierliche pflegerische Begleitung. - Die Liver Care Nurse als APN schließt Versorgungslücken in der Hepatologie. - Schulungen senken ungeplante Aufnahmen, verkürzen Liegedauern und stärken Selbstmanagement. - Österreich fehlt trotz Erfolgen ein gesetzlich geschützter APN-Titel. - Geplant ist eine dreistufige Fachkarriere bis zum APN-Master. Chronische Lebererkrankungen gehören zu den am stärksten wachsenden Volkskrankheiten in Europa. Metabolische Faktoren wie Adipositas, Diabetes, Hyperlipidämie, aber auch Alkoholkonsum, Autoimmunprozesse oder virale Infektionen führen zu einem Anstieg von Zirrhosen und hepatologischen Komplikationen. Parallel wächst die Komplexität therapeutischer Optionen. Neue zielgerichtete Therapien, Leitlinien, Risikostratifizierungen, Screeningverfahren und multidisziplinäre Abläufe verlangen nach präziser Koordination, enger Begleitung und einem strukturierten Selbstmanagement der Patient:innen. Genau an dieser Schnittstelle positioniert sich ein neues pflegerisches Rollenmodell, das in Österreich durch engagierte Expert:innen vorangetrieben wird: die Liver Care Nurse als spezialisierte [Advanced Practice Nurse (APN)](https://www.uebergabe.de/tag/apn/) im Bereich der Hepatologie. Zu Gast im Podcast sind [Martina Fellinghauer](https://innere-med-3.meduniwien.ac.at/unsere-abteilungen/gastroenterologie-und-hepatologie/allgemeine-informationen/mitarbeiterinnen/pflegeleitung/?ref=uebergabe.de), Leitung einer internistischen Station im AKH Wien sowie Mitglied in mehreren Fachverbänden, und [Denise Schäfer, Advanced Practice Nurse am Ordensklinikum Linz](https://www.ordensklinikum.at/de/aktuelles/erste-liver-care-nurse-in-oesterreich-1163/?ref=uebergabe.de) und Mitglied der [Europäischen Gesellschaft für Leberstudien](https://easl.eu/?ref=uebergabe.de). Beide eint eine berufliche Vision: evidenzbasierte, spezialisierte Pflege, die Versorgungslücken schließt, gesundheitliche Selbstbestimmung stärkt und gleichzeitig Prozesse im Gesundheitssystem nachhaltig verbessert. ## Hepatologie als komplexer Versorgungsbereich Lebererkrankungen sind in der klinischen Realität selten eindimensionale Diagnosen. Sie gehören zu den Erkrankungen mit der größten Heterogenität: - metabolisch-assoziierte Fettleber - alkoholbedingte Erkrankungen - autoimmune oder genetische Ursachen - virale Erkrankungen (z. B. Hepatitisformen) - Folgen chronischer Schädigung mit Entwicklung einer Zirrhose - Risiko des hepatozellulären Karzinoms - häufige Komplikationen wie Aszites, Varizenblutungen, Infektionen oder hepatische Enzephalopathie Diese Vielfalt bringt nicht nur medizinische Herausforderungen mit sich, sondern erzeugt auch pflegerische Anforderungen, die über klassische Versorgung hinausgehen. Viele Patient:innen benötigen eine kontinuierliche Ansprechperson, weil sich die Symptomatik häufig schleichend entwickelt und psychosoziale Belastungen groß sind. Die Erkrankung beeinträchtigt nicht nur körperliche Funktionen, sondern das gesamte Alltagsleben und das familiäre System. Gleichzeitig fehlt, wie beide Gesprächspartnerinnen betonen, die strukturelle Verankerung spezialisierter Schulungen im Aus-, Fort- und Weiterbildungssystem. Als Fellinghauer und Schäfer feststellten, dass es trotz eines großen Bedarfs weder in Österreich noch international ausreichende pflegerische Spezialisierungsangebote für die Versorgung dieser Patient:innen gibt, folgte die Entscheidung, selbst eine entsprechende Rolle aufzubauen: die Liver Care Nurse. ## Advanced Practice Nursing in Österreich – ein dynamisches, aber unvollständiges System Österreich beschäftigt sich seit rund 15 Jahren mit Advanced Nursing Practice. APN-Studiengänge existieren an Universitäten und Fachhochschulen, das Verständnis orientiert sich am ICN-Standard: eine Pflegefachperson mit konsekutivem Masterabschluss, klinischer Expertise, Entscheidungskompetenz, erweiterten Fertigkeiten und Fähigkeit zur eigenständigen Gestaltung von Versorgungsabläufen. Doch trotz zahlreicher Initiativen – etwa dem 2024 veröffentlichten [österreichischen ANP-Rahmenkonzept](https://fh-ooe.at/assets/files/col3/Lehrg%C3%A4nge/ANP/ANP%5FRahmenkonzept%5F%C3%96sterreich.pdf?ref=uebergabe.de) – fehlt ein zentraler Baustein: ein gesetzlich geschützter Titel und eine klare tarifliche Zuordnung. [Advanced Practice Nurses | ÖGKVZiele und Aufgaben … Das Ziel der Bundesexpertengruppe Advanced Practice Nurses (APN) ist es, die berufsrechtlichen Grundlagen für Advanced Nursing Practice (ANP) in Österreich zu fördern und die…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-60.ico)ÖGKV![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/beg_apn_stammtisch_homepage_link.400x400-ms.png)](https://oegkv.at/berufsverband/bundesexpertengruppen/advanced-practice-nurses/?ref=uebergabe.de) Das bedeutet: Pflegefachpersonen erwerben Kompetenzen, dürfen sie aber nicht immer strukturell verankert ausüben. Schäfers Rolle am Ordensklinikum entstand deshalb nicht über eine offizielle Stellenbeschreibung, sondern über die Bereitschaft einer Bereichsleitung, eine offene Stelle umzufunktionieren und eine klinische Spezialisierung zu ermöglichen. Diese pragmatische Lösung illustriert die Arbeitsrealität vieler APNs in Österreich – und zugleich den Pioniercharakter der Entwicklung. Die Implementierung erfolgte nicht top-down, sondern bewusst als Bottom-up-Modell: Mit Interviews, Workshops und interprofessionellen Abstimmungen wurde festgelegt, was die Rolle leisten soll, welche Outcomes erwartet werden und wo Schnittstellen liegen. Diese frühe Einbindung der beteiligten Berufsgruppen erwies sich als entscheidend für Akzeptanz und Wirksamkeit. > *„Ich sage immer: Meine Oberärztin kümmert sich um das Organ – und ich kümmere mich um den Menschen im Erleben und Bewältigen der Erkrankung.“ - Denise Schäfer* ## Alltag einer Liver Care Nurse: Kontinuität, Clinical Assessment und interprofessionelle Koordination Die Liver Care Nurse übernimmt Aufgaben, die bisher häufig zwischen Berufsgruppen oder entlang von Prozessgrenzen verloren gingen: - kontinuierliche Ansprechpartnerin für Patient:innen und Zugehörige - Clinical Assessments (z. B. Symptommanagement, Sturzrisiko, Ernährungsstatus, Alkoholgefährdung, psychische Belastung) - Erstellung individueller Behandlungs- und Beratungspläne - Schulungen zum Selbstmanagement (z. B. korrekte Medikamenteneinnahme, Prävention der hepatischen Enzephalopathie) - Koordination komplexer Abläufe (z. B. Vorbereitung auf Transplantationen) - Vernetzung mit Diätologie, Psychologie, Physiotherapie, Sozialdienst und extramuralen Angeboten - Durchführung standardisierter Untersuchungen gemäß interner Absprachen - Erkennen ethischer Fragestellungen und Einleiten multiprofessioneller Familiengespräche - fachliche Weiterentwicklung des Versorgungsmodells sowie eigene Forschung Dabei verschiebt sich der Fokus deutlich: Die Medizin konzentriert sich stark auf Diagnosen, Befunde und therapeutische Entscheidungen. [Die Liver Care Nurse](https://www.medmedia.at/ahop/spezialisierte-pflege-in-der-hepatologie/?ref=uebergabe.de) befasst sich mit dem Erleben der Erkrankung, strukturiert Informationen, erkennt Risiken frühzeitig, gleicht Versorgungslücken aus und stärkt Autonomie. Diese Rolle schafft Kontinuität in einer Versorgung, die aufgrund wechselnder Dienst- und Personalkonstellationen oft fragmentiert ist. Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht die Relevanz: Nach Schulungen zur Früherkennung hepatischer Enzephalopathie reduzierten sich ungeplante stationäre Aufnahmen drastisch. Viele Situationen, die früher zu Unsicherheit und Überforderung, Stürzen, aggressiven Verhaltensweisen oder aufwändigen Interventionen führten, lassen sich heute verhindern. Patient:innen erkennen Frühzeichen, handeln gezielt, wenden Medikation korrekt an und wissen, wann sie Kontakt aufnehmen müssen. ## Verbesserte Outcomes Die Implementierung der Liver Care Nurse zeigt an mehreren Stellen messbare Verbesserungen: ### 1\. **Reduktion ungeplanter Krankenhausaufnahmen** Durch Beratung und Schulungen sank die Zahl der stationären Aufnahmen aufgrund hepatischer Enzephalopathie erheblich. Patient:innen und Angehörige erkennen frühe Symptome, wenden Therapieempfehlungen konsequent an und suchen frühzeitig Kontakt. ### 2\. **Deutliche Verkürzung der Liegedauer** Insbesondere bei komplexen Verläufen oder nach Transplantationen zeigt sich ein klarer Effekt. Am Ordensklinikum Linz liegt die Liegedauer auf Intensiv- und Bettenstation zum Teil deutlich unter nationalen Vergleichswerten. Das hängt mit einem systematisch entwickelten Rehabilitationsprogramm zusammen, das körperliche und edukative Elemente vereint. ### 3\. **Höhere Gesundheitskompetenz und stärkere Selbstwirksamkeit** Patient:innen verstehen ihre Erkrankung, erkennen die Bedeutung von Medikamenten, vermeiden Therapieabbrüche und erleben mehr Kontrolle über den Verlauf. Angehörige profitieren ebenfalls und übernehmen eine aktivere Rolle in der frühen Symptomwahrnehmung. ### 4\. **Strukturierte, ethisch fundierte Entscheidungsprozesse** Gemeinsame Familiengespräche mit allen Berufsgruppen ermöglichen ein abgestimmtes Vorgehen in komplexen Situationen, etwa bei Endstadien chronischer Erkrankungen. So sinkt der Moral Distress der Pflegefachpersonen, weil Entscheidungen nicht mehr unklar, verzögert oder widersprüchlich erfolgen. ### 5\. **Entlastung der Pflege- und Ärzteteams** Stationspflegepersonen berichten, dass sie durch die spezialisierte Rolle mehr Zeit für direkte pflegerische Aufgaben gewinnen und gleichzeitig fachlich sicherer werden. Ärzt:innen erleben weniger organisatorische Doppelbelastungen und profitieren von klaren Assessments sowie besser vorbereiteten Patient:innen. > *„Unsere Patient:innen brauchen eine Ansprechperson, die all diese Schnittstellen zusammenführt und im Sinne der Betroffenen agiert. Genau hier liegt die große Aufgabe der Liver Care Nurse.“ - Martina Fellinghauer* ## Professionalisierung und Empowerment der Teamstrukturen Die Einführung der Liver Care Nurse veränderte auch das pflegerische Selbstverständnis. Pflegefachpersonen erleben, wie spezialisierte Kolleg:innen im Dialog mit Medizin, Psychologie, Sozialdienst und Diätologie eigenständig argumentieren und Entscheidungen fundiert begründen. Das stärkt die Wahrnehmung der eigenen Profession als wissenschaftlich arbeitende, patient:innenorientierte, handlungsfähige Disziplin. Auch intern, so berichten die Gesprächspartnerinnen, stieg die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – etwa wenn es um das frühzeitige Einbinden der Palliativversorgung geht. Pflegefachpersonen profitieren von kollegialen Beratungsformaten, gemeinsamen Fallbesprechungen und strukturierten Schulungen, die wiederum durch die APN entwickelt werden. ## Politische Dimensionen Trotz des Erfolgs steht die Implementation auf politisch unsicheren Füßen. Ohne Titelschutz bleibt unklar, wie APN-Stellen finanziert, tariflich eingeordnet oder rechtlich geschützt sind. Das erschwert standardisierte Stellenausschreibungen und hemmt Skalierbarkeit. Gleichzeitig hängt der Erfolg auch von der Bereitschaft der Institutionen ab, strukturelle Ressourcen bereitzustellen – Zeit, Finanzierung für Assessments, Datenzugänge, Forschungskapazitäten. Auf der anderen Seite entstehen durch die nachweisbaren Effekte neue Argumentationslinien. Verkürzte Liegedauern, weniger Komplikationen und bessere Koordination sind nicht nur ein Gewinn für Patient:innen, sondern entlasten Kliniken finanziell. Diese Effekte werden zunehmend sichtbar und erzeugen politischen Druck, die Rolle offiziell zu verankern. ## Von der Weiterbildung zum Masterabschluss Ein zentrales Ziel von Martina und Denise ist die Entwicklung einer eigenständigen Fachkarriere für Liver Care Nurses. Diese soll drei Stufen umfassen: 1. Bachelor Pflege (Grundausbildung) 2. Weiterbildung/Fachweiterbildung Liver Care Nursing (Clinical Nurse Specialist) 3. konsekutiver Master in Advanced Nursing Practice (APN) Erst auf Basis klar definierter Aufgaben, Tätigkeitsbereiche und Kompetenzniveaus lässt sich ein Curriculum entwickeln, das bundesweit standardisiert angeboten werden kann. Die beiden Expertinnen arbeiten bereits an einem Rahmenkonzept, das innerhalb von zwölf Monaten entstehen soll und den Grundstein für eine strukturierte Qualifizierung legt. Parallel entsteht ein österreichweites Netzwerk aus spezialisierten Pflegefachpersonen, unabhängig davon, ob sie bereits ein APN-Studium abgeschlossen haben. Ziel ist ein gemeinsamer Wissenspool, der Erfahrung bündelt und neue Kolleg:innen befähigt, ähnliche Rollen in ihren Einrichtungen aufzubauen. > *„Es ist oft nicht die große Medizin, die den Unterschied macht, sondern die Kontinuität. Eine Person, die den roten Faden hält – das verändert die Versorgung spürbar.“ - Denise Schäfer* ## Barrieren und Schlüsselstrategien für die Implementierung [Die Einführung einer APN-Rolle](https://www.uebergabe.de/ug012/) ist kein linearer Prozess. Rückschläge, Widerstände und institutionelle Hürden sind Teil des Weges. Aus der Episode lassen sich zentrale Erfolgsfaktoren ableiten: - **Interprofessionelle Einbindung von Beginn an:** Rollenakzeptanz entsteht, wenn Teams verstehen, welche Probleme die APN löst – und was sie nicht übernimmt. - **Transparente Kommunikation mit Pflege- und Ärzteteams:** Das senkt die Angst vor Hierarchieverschiebungen und klärt Verantwortlichkeiten. - **Nachweisbare Outcomes:** Daten zu Liegedauer, Komplikationen, Gesundheitskompetenz oder ungeplanten Aufnahmen sind unverzichtbar. - **Kontinuierliche Weiterbildung und Forschung:** Nur durch fortlaufende Evidenz lässt sich eine Rolle langfristig stabilisieren. - **Netzwerke und Mentor:innen:** Internationaler Austausch beschleunigt Entwicklung und stärkt Professionalität. - **Durchhaltevermögen:** Struktureller Wandel braucht Zeit, politische Geduld und persönliche Motivation. ## Was diese Entwicklung für die Pflege bedeutet Die Liver Care Nurse ist kein Einzelfall, sondern ein Beispiel dafür, wie Pflege in hochspezialisierten Bereichen Versorgung strukturell verbessern kann. Chronische Erkrankungen nehmen in allen europäischen Gesundheitssystemen zu, während Ressourcen sinken. Eine Rolle, die auf Selbstmanagement, Koordination, Prävention, Beratung und kontinuierlicher Begleitung basiert, schließt genau dort Versorgungslücken, die mit klassischen Modellen nicht auffangbar sind. Gleichzeitig zeigt sie, wie Pflegefachpersonen wissenschaftlich arbeiten, klinische Expertise aufbauen und multidisziplinäre Prozesse steuern können – vorausgesetzt, die Systeme geben ihnen den entsprechenden Rahmen. Die Episode macht deutlich: Spezialisierung ist keine Konkurrenz zur Generalistik, sondern deren notwendige Ergänzung. Generalistische Pflege bleibt unverzichtbar, aber komplexe Erkrankungen benötigen spezifisches Wissen, das nur über eigenständige Fachkarrieren entstehen kann. #### Zum Weiterlesen - Barfod O'Connell, Malene; Brødsgaard, Anne; Matthè, Maria; Hobolth, Lise; Wullum, Laus; Bendtsen, Flemming; Kimer, Nina (2024): A randomized controlled trial of a postdischarge nursing intervention for patients with decompensated cirrhosis. In: Hepatology communications 8 (5). DOI: [10.1097/HC9.0000000000000418 ](https://journals.lww.com/hepcomm/fulltext/2024/05010/a%5Frandomized%5Fcontrolled%5Ftrial%5Fof%5Fa%5Fpostdischarge.10.aspx?ref=uebergabe.de) - Fabrellas, Núria; Künzler-Heule, Patrizia; Olofson, Amy; Jack, Kathryn; Carol, Marta (2023): Nursing care for patients with cirrhosis. In: Journal of hepatology 79 (1), S. 218–225\. DOI: [10.1016/j.jhep.2023.01.029 ](https://www.journal-of-hepatology.eu/article/S0168-8278%2823%2900082-X/fulltext?ref=uebergabe.de) - Hjorth, M.; Sjöberg, D.; Kaminsky, E.; Svanberg, A.; Langenskiöld, S.; Rorsman, F. (2018): Nurse-led clinic for liver cirrhotic patients: Effects on health-related quality of life. In: Journal of hepatology 68, S368-S369\. DOI: [10.1016/S0168-8278(18)30964-4 ](https://www.journal-of-hepatology.eu/article/S0168-8278%2818%2930964-4/abstract?ref=uebergabe.de) - Kalo, Eric; Baig, Asma; Gregg, Emily; George, Jacob; Read, Scott; Ma, Wai-See; Ahlenstiel, Golo (2023): A novel, nurse-led 'one stop' clinic for patients with liver cirrhosis results in fewer liver-related unplanned readmissions and improved survival. In: BMC gastroenterology 23 (1), S. 356\. DOI: [10.1186/s12876-023-02986-y ](https://rdcu.be/eSxzK?ref=uebergabe.de) - Saleh, Zachary M.; Bloom, Patricia P.; Grzyb, Katie; Tapper, Elliot B. (2021): How Do Patients With Cirrhosis and Their Caregivers Learn About and Manage Their Health? A Review and Qualitative Study. In: Hepatology communications 5 (2), S. 168–176\. DOI: [10.1002/hep4.1621 ](https://journals.lww.com/hepcomm/fulltext/2021/02000/how%5Fdo%5Fpatients%5Fwith%5Fcirrhosis%5Fand%5Ftheir.4.aspx?ref=uebergabe.de) - Valery, Patricia C.; Bernardes, Christina M.; Mckillen, Benjamin; Amarasena, Samath; Stuart, Katherine A.; Hartel, Gunter et al. (2021): The Patient's Perspective in Cirrhosis: Unmet Supportive Care Needs Differ by Disease Severity, Etiology, and Age. In: Hepatology communications 5 (5), S. 891–905\. DOI: [10.1002/hep4.1681 ](https://journals.lww.com/hepcomm/fulltext/2021/05000/the%5Fpatient%5Fs%5Fperspective%5Fin%5Fcirrhosis%5F%5Funmet.14.aspx?ref=uebergabe.de) Im Newsletter werben **Solltest du Interesse daran haben, bei uns* ***im Newsletter oder im Podcast** *zu* ***werben oder eine Stellenanzeige zu schalten,** *freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme per E-Mail:* [**hallo@uebergabe.de*](mailto:hallo@uebergabe.de) [Kontakt aufnehmen ](mailto:hallo@uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken (Dr. Juliane Spank & Philipp Strnad)](https://www.uebergabe.de/ug188/) - [ÜG154 – APN bei neu dialysepflichtigen Personen (Dorothea Reihs & Regina Bartoldus)](https://www.uebergabe.de/ug154/) - [ÜG120 – Pflege in Österreich (Elisabeth Potzmann & Monika Völk)](https://www.uebergabe.de/ug120/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Teach-Back-Methode bei Patient:innen mit Herzinsuffizienz URL: https://www.uebergabe.de/teach-back-methode-bei-patient-innen-mit-herzinsuffizienz/ Last updated: 2026-01-13T17:27:44.000Z 🗓️ #110 | 04.12.2025 ### Worum geht's? Diese systematische Übersichtsarbeit untersucht die Auswirkungen der Teach-Back-Methode auf das Selbstmanagement und die Lebensqualität von Patient:innen mit Herzinsuffizienz. Die Methode fokussiert darauf, die Kommunikation zwischen Pflegefachpersonen und Patient:innen zu verbessern, indem Patient:innen das Erklärte in eigenen Worten wiedergeben müssen, so wird sichergestellt, dass sie die Inhalte wirklich verstanden haben. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel war es zu evaluieren, inwiefern die Anwendung der Teach-Back-Methode bei Patient:innen mit Herzinsuffizienz die selbstpflegerischen Fähigkeiten sowie deren Lebensqualität verbessert. Dies wurde durch die Auswertung und narrative Synthese von neun internationalen Studien mit insgesamt 768 Teilnehmenden ermittelt. 💡 Die Teach-Back-Methode ist ein dialogorientiertes Verständnis-Sicherungsverfahren, das in der Pflegeedukation eingesetzt wird, um Lernprozesse zu vertiefen und Kommunikationsfehler systematisch zu reduzieren. Ihr Kernprinzip besteht darin, dass Lernende, ob Patient:innen, Angehörige oder Auszubildende, zentrale Inhalte in eigenen Worten wiedergeben. Dadurch wird nicht nur überprüft, ob etwas verstanden wurde, sondern wie es verstanden wurde. In der Pflegeedukation dient Teach-Back als didaktisches Instrument, das komplexe pflegerische Inhalte in nachvollziehbare Lernschritte übersetzt. Pflegefachpersonen oder Lehrende vermitteln zunächst eine Information, zum Beispiel zur Medikamenteneinnahme, zum Umgang mit Hilfsmitteln oder zu Beobachtungskriterien klinischer Veränderungen. Anschließend fordern sie die Lernenden auf, das Gehörte mit ihren eigenen Worten zu erklären. Das ermöglicht eine unmittelbare Rückmeldung zum Lernstand und macht Missverständnisse sichtbar, die im klassischen Instruktionsmodell oft verborgen bleiben. Teach-Back wirkt in mehreren Dimensionen lernförderlich. Kognitiv führt das aktive Rekonstruieren dazu, dass Informationen besser verarbeitet und im Langzeitgedächtnis gespeichert werden. Didaktisch schafft es einen strukturierten Rahmen, in dem Lehrende ihr Kommunikationsniveau flexibel anpassen können. Pädagogisch stärkt die Methode Selbstwirksamkeit, weil Lernende erleben, dass sie fachliche Inhalte eigenständig formulieren und anwenden können. Für Patient:innen und Angehörige bedeutet dies ein höheres Sicherheitsniveau, etwa im Umgang mit Therapien oder pflegerischen Maßnahmen. Teach-Back ist somit weniger eine Abfrage als ein dialogisches Qualitätsinstrument: Es verbindet edukative Klarheit, patientenorientierte Kommunikation und pflegewissenschaftliche Didaktik zu einem Verfahren, das Verständnis nicht voraussetzt, sondern systematisch erzeugt und überprüft. _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegekompetenzgesetz gestoppt / Internationale Pflegenews URL: https://www.uebergabe.de/pu109/ Last updated: 2026-06-13T23:24:43.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Pflegekompetenzgesetz (BEEP) wurde im Bundesrat gestoppt und an den Vermittlungsausschuss überwiesen. - Auslöser ist ein fachfremder Streit um die Meistbegünstigungsklausel, nicht der Pflegeteil. - Der DPR ist fassungslos und warnt vor blockierten Strukturreformen. - Österreich erkennt Pflege ab 2026 als Schwerarbeit mit früherem Pensionseintritt an. - Pflegekammer NRW erhebt ab 2026 Beiträge, Mindestlöhne in der Altenpflege steigen. ## Ein Gesetz auf der Zielgeraden – und plötzlich wieder gestoppt Noch vor Kurzem schien alles entschieden: Das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege (BEEP) hatte den Bundestag passiert. Pflegefachpersonen, Verbände, Wissenschaft und viele politische Akteur:innen sahen darin einen überfälligen Schritt hin zu mehr Eigenständigkeit, besseren Versorgungsstrukturen und weniger Bürokratie. Doch am 21\. November kam es im Bundesrat zur Kehrtwende. In der Plenarsitzung wurde das Gesetz nicht bestätigt, sondern in den Vermittlungsausschuss überwiesen. Damit ist das Gesetz vorerst gestoppt – auf unbestimmte Zeit. Für viele Pflegefachpersonen war diese Nachricht ein Schock, für die Berufsverbände ein politisches wie fachliches Desaster. [Bundesrat ruft Vermittlungsausschuss zum Pflegekompetenzgesetz anDer Bundesrat hat in seiner Plenarsitzung am 21\. November 2025 das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege in den Vermittlungsausschuss überwiesen. Die Länder befürchten infolge des Gesetzes hohe Einnahmeausfälle für Krankenhäuser.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-54.ico)Bundesrat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/05.jpg)](https://www.bundesrat.de/SharedDocs/texte/va/25/20251121-pflegekompetenzgesetz.html?ref=uebergabe.de) ## Der Vermittlungsausschuss: Wenn Politik neu verhandelt wird Der Vermittlungsausschuss ist ein zentrales Instrument des Föderalismus. Er besteht aus Vertreter:innen von Bundestag und Bundesrat, jeweils zur Hälfte. Seine Aufgabe ist es, bei Uneinigkeiten zwischen beiden Verfassungsorganen einen Kompromiss zu finden. Eingeschaltet wird er immer dann, wenn der Bundesrat einem Gesetz nicht zustimmt, das zustimmungspflichtig ist – oder wenn politisch relevante Konflikte bestehen. Kurz gesagt: Der Vermittlungsausschuss ist kein technisches Gremium, sondern ein hochpolitischer Ort der Aushandlung. Für die Pflege bedeutet das aktuell: Ein dringend erwarteter Fortschritt hängt nun in einem politischen Schwebezustand fest. ## Die eigentliche Ursache: Streit um die Meistbegünstigungsklausel Der Stopp des Pflegekompetenzgesetzes hat nur am Rande mit Pflege zu tun. Der eigentliche Auslöser liegt in einer finanzpolitischen Frage: der Streichung der sogenannten Meistbegünstigungsklausel. Diese Klausel regelt vereinfacht gesagt Folgendes: Erzielt ein Krankenhaus in Vergütungsverhandlungen mit den Krankenkassen für eine bestimmte Leistung einen höheren Preis, können andere Krankenhäuser unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf denselben höheren Preis erheben. Ziel ist es, Wettbewerbsverzerrungen und extreme regionale Unterschiede in der Vergütung zu verhindern. Die Krankenkassen sehen diese Regelung seit Langem kritisch, da sie aus ihrer Sicht zu einer Kostenspirale beiträgt. Angesichts der angespannten finanziellen Lage der Kassen sollte die Streichung Entlastung bringen. Die Länder hingegen befürchten massive Einnahmeausfälle der Krankenhäuser. Im Raum stehen rund 1,8 Milliarden Euro, die den Kliniken künftig fehlen könnten. Diese Sorge war für mehrere Bundesländer Grund genug, ihr Veto gegen das Gesamtgesetz einzulegen – obwohl der pflegefachliche Teil breite Zustimmung gefunden hatte. Damit wurde ein zentrales Pflegegesetz durch einen fachfremden finanzpolitischen Konflikt blockiert. Wann der Vermittlungsausschuss erstmals über das Gesetz berät, ist zum aktuellen Zeitpunkt noch offen. ## Die Reaktion des Deutschen Pflegerates: Fassungslosigkeit und Warnung Der Deutsche Pflegerat reagierte umgehend. Präsidentin Christine Vogler machte in der offiziellen Pressemitteilung deutlich, wie groß die Enttäuschung und das Unverständnis sind: > „Das lässt uns völlig fassungslos zurück. Über die überfällige Pflegekompetenzerweiterung wird in Deutschland seit Dezember 2023 intensiv gerungen. Der Bundestag hat das Gesetz inzwischen verabschiedet und in den Ländern findet es breite Zustimmung – jetzt liegt das BEEP wegen einer fachfremden Angelegenheit auf Eis.“ Besonders kritisch sieht der DPR die politische Vorgehensweise, bei der ein fachfremder Änderungsantrag im laufenden Gesetzgebungsverfahren mit dem Pflegegesetz verknüpft wurde. Dadurch wird nun nicht nur ein Detail, sondern der gesamte pflegerische Reformprozess blockiert. Vogler warnt eindringlich vor den Folgen: > „Auch in der Versorgung von Millionen Patientinnen, Patienten und pflegebedürftigen Menschen kommen wir keinen Schritt weiter, wenn wir wichtige Strukturreformen so behandeln wie dies jetzt passiert ist.“ Der DPR fordert vom Vermittlungsausschuss, das große Ganze in den Blick zu nehmen und die Pflege nicht zum Spielball politischer Einzelinteressen zu machen. Die zentrale Botschaft lautet: Die Modernisierung der pflegerischen Kompetenzen darf nicht durch sachfremde Konflikte blockiert werden. Die Pflege braucht Planungssicherheit – und die Bevölkerung eine stabile Versorgung. [Deutscher Pflegerat - Pressemitteilungen![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-55.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-16.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/bundesrat-stoppt-befugniserweiterung-und-entbuerokratisierung-in-der-pflege?ref=uebergabe.de) ## Pflege als Schwerarbeit in Österreich Während in Deutschland um Befugnisse gerungen wird, setzt Österreich ein starkes sozialpolitisches Signal: Ab Januar 2026 wird Pflege offiziell als Schwerarbeit anerkannt. Damit erhalten beruflich Pflegende unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf eine Schwerarbeitspension. ### Die Voraussetzungen im Überblick - Mindestens 45 Versicherungsjahre - Davon mindestens 10 Jahre Schwerarbeit in den letzten 20 Jahren - Pensionseintritt bereits mit 60 Jahren möglich Besonders relevant: Es zählen nicht nur klassische Vollzeitarbeitsjahre. Auch Zeiten der Kinderbetreuung oder Arbeitslosigkeit werden berücksichtigt. Teilzeitkräfte profitieren ebenfalls, wenn sie in einem Monat an mindestens 12 Tagen besonders belastende Schichtarbeit leisten. Früher lag die Schwelle bei 15 Tagen. Die Regelung gilt unter anderem für: - diplomierte Gesundheits- und Krankenpfleger:innen, - Pflegefachassistent:innen, - Pflegeassistent:innen. Österreich erkennt damit erstmals ausdrücklich an, dass Pflege nicht nur emotional, sondern auch körperlich und psychisch Schwerstarbeit ist – mit realen Konsequenzen für die Lebensarbeitszeit. [Wichtiger Meilenstein: Pflegearbeit wird als Schwerarbeit eingestuftRegelung gilt jetzt auch für Teilzeitkräfte![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-56.ico)ÖGBToumaj Faragheh![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/AdobeStock_1014876619.jpeg.coreimg.82.1280.jpeg)](https://www.oegb.at/themen/gesundheit-und-pflege/pflege/Wichtiger-meilenstein-pflegearbeit-ist-endlich-schwerarbeit?ref=uebergabe.de) ## Warum dieses Modell nicht einfach auf Deutschland übertragbar ist In Deutschland existiert bislang kein vergleichbares Instrument. Es gibt keine gesetzliche Kategorie, nach der belastende soziale Berufe automatisch früher in Rente gehen dürfen. Rentenrechtliche Sonderregelungen sind hier deutlich restriktiver. Gleichzeitig zeigt die österreichische Entscheidung, dass Pflege politisch anders gelesen werden kann: nicht als Kostenfaktor, sondern als körperlich fordernde Schlüsselprofession der Daseinsvorsorge. ## Rückblick: Der Pflegeberufe-Gratifikationsschein des DBfK Bereits 2022 hatte der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) mit dem sogenannten Pflegeberufe-Gratifikationsschein einen ähnlichen Gedanken in die deutsche Debatte eingebracht. Die Idee: Pflegefachpersonen sollten nach zehn Jahren Berufstätigkeit automatische, rechtlich abgesicherte Vorteile erhalten, etwa: - Reduktion der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden ab 50 Jahren bei vollem Lohnausgleich, - zusätzliche Urlaubstage, - erleichterter Zugang zu Rehabilitationsmaßnahmen, - verbesserte soziale Absicherung bei gesundheitlichen Einschränkungen, - langfristig zusätzliche Rentenpunkte. Der Kern dieser Forderung war: Wenn der Berufsverbleib gesichert werden soll, braucht es echte strukturelle Entlastung – nicht nur warme Worte über Wertschätzung. [Eine Frage der Anerkennung: PflegeberufegratifikationsscheinDer Pflegeberufegratifikationsschein ist ein Konzept, mit dem der Pflegeberuf attraktiver werden kann. Denn: Anerkennung der Leistungen und Ausgleich der Belastungen sorgen für mehr Berufszufriedenheit.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-57.ico)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DBfK_Logo_Kuller-10.svg)](https://www.dbfk.de/de/berufspolitik/Gratifikationsschein/Pflegeberufegratifikationsschein.php?ref=uebergabe.de) ## Erschütterung der akademischen Pflege in den USA Für Aufsehen sorgte in derselben Woche auch eine Nachricht aus den USA. Das Department of Education hat „Nursing“ aus der Liste der sogenannten Professional Degrees gestrichen. Diese Liste umfasst hochqualifizierte weiterführende Abschlüsse wie Master- und Doktoratsprogramme. ### Was sich dadurch konkret ändert Am Berufsbild selbst ändert sich zunächst nichts. Nurse Practitioners bleiben Nurse Practitioners, Clinical Nurse Specialists behalten ihre Rollen. Doch strukturell entfällt ein zentraler Fördermechanismus: - weniger staatliche Förderprogramme, - weniger Stipendien, - geringere finanzielle Unterstützung für Master- und Promotionsstudiengänge in der Pflege. Das bedeutet: Akademische Pflege wird teurer, exklusiver und schwerer zugänglich. ### Warum das ein fatales Signal ist Die USA gelten historisch als Vorreiter in der Professionalisierung der Pflege. Bereits in den 1960er-Jahren wurde Pflege systematisch an Hochschulen verankert, Advanced Practice Rollen wurden etabliert und rechtlich abgesichert. Wenn nun ausgerechnet dort die strukturelle Förderung akademischer Pflege geschwächt wird, hat das Signalwirkung – auch international. Die Sorge ist, dass weniger junge Menschen Pflege studieren, dass akademische Programme schrumpfen und dass hochqualifizierte Rollen langfristig ausgebremst werden. Die Parallele zu Deutschland ist offensichtlich: Auch hier kämpft die Pflege seit Jahren um Akademisierung, klar definierte Rollenprofile und rechtliche Absicherung erweiterter Kompetenzen. [Department of Education’s Loan Proposal Puts Nursing Workforce and Patient Care at Risk200,000 Nurses and Patients Urge the Department of Education to Protect Graduate Nursing Education and Access to Care![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-58.ico)ANA![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/3c-red-1200x630-1.png)](https://www.nursingworld.org/news/news-releases/2025/department-of-educations-loan-proposal-puts-nursing-workforce-and-patient-care-at-risk/?ref=uebergabe.de) ### Pflegekammer NRW: Beitragsordnung ab 2026 Ab dem Jahr 2026 erhebt die Pflegekammer NRW erstmals Mitgliedsbeiträge. Geplant sind zunächst rund 20 Euro pro Jahr, also etwa 1,70 Euro pro Monat für Pflegefachpersonen. Ziel ist die finanzielle Unabhängigkeit von Landesmitteln zu erreichen. Daher sind für die Folgejahre bereits Steigerungen prognostiziert: - 2027: ca. 44 Euro pro Jahr - 2028: ca. 60 Euro pro Jahr Die Kammer strebt keine Gewinne an, sodass die Beiträge ausschließlich der Finanzierung ihrer gesetzlichen Aufgaben dienen. [FAQ - Pflegekammer NRWIhre Fragen – unsere Antworten. Alles Wissenswerte zu unserer Arbeit lesen Sie hier im Überblick.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-11.svg)Pflegekammer NRW![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/FAQ_AdobeStock329073003-scaled.jpg)](https://www.pflegekammer-nrw.de/faq/?ref=uebergabe.de#beitrag) ### Pflegemindestlöhne in der Altenpflege steigen Die Pflegekommission empfiehlt erneut höhere Mindestlöhne für Beschäftigte in der Altenpflege in zwei Stufen bis Juli 2027: - Pflegehilfskräfte: 16,95 Euro pro Stunde - Qualifizierte Pflegehilfskräfte: 18,26 Euro pro Stunde - Pflegefachpersonen: 21,58 Euro pro Stunde Zusätzlich bleibt der Anspruch auf neun zusätzliche Urlaubstage pro Jahr bei einer Fünf-Tage-Woche bestehen. Die Laufzeit der Empfehlung reicht bis September 2028. [BMAS - Mindestlöhne in der Altenpflege sollen erneut steigenBis zum 1\. Juli 2027 sollen die Mindestlöhne für Pflegekräfte in Deutschland in zwei Schritten steigen. Die Pflegemindestlöhne werden hierbei wie schon bei den letzten Beschlüssen dieser und früherer Pflegekommissionen, nach Qualifikationsstufe gestaffelt.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-180x180-10.png)Webseite des Bundesministerium für Arbeit und Sozialesadmin![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/OG-Image.jpg)](https://www.bmas.de/DE/Service/Presse/Pressemitteilungen/2025/mindestloehne-in-der-altenpflege-sollen-erneut-steigen.html?ref=uebergabe.de) ### DPR beschließt Kodex gegen Extremismus Der Deutsche Pflegerat hat einen verbindlichen Kodex im Umgang mit extremistischen und antidemokratischen Parteien und Organisationen beschlossen. Zentrale Punkte sind: - keine Kooperationen oder gemeinsamen Auftritte, - nur sachlich-minimale Kommunikation, - Beschränkung auf gesetzliche Mindeststandards im parlamentarischen Raum, - einheitliche interne Dokumentation. Damit bekennt sich der DPR klar zu Demokratie, Menschenrechten, Vielfalt und Diskriminierungsfreiheit. [Deutscher Pflegerat - Pressemitteilungen![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-59.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-17.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/deutscher-pflegerat-beschliesst-kodex-zum-umgang-mit-extremistischen-parteien-und-organisationen?ref=uebergabe.de) Dieser Beitrag ist kostenlos und wird ermöglicht durch zahlende Mitglieder der Übergabe. Wenn dir unsere Arbeit gefällt, dann unterstütze uns gern. Dafür bekommst du neben den regulären Newslettern auch Zugang zu [exklusivem Content, wie unseren Briefings.](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) [Übergabe-Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## ## Zum Weiterhören - [PU110 – Stand des BEEP / Diskussionen um PK RLP und den Zukunftspakt Pflege](https://www.uebergabe.de/pu110/) - [PU108 – Pflegekompetenzgesetz / Recap DPT 2025](https://www.uebergabe.de/pu108/) - [ÜG120 – Pflege in Österreich (Elisabeth Potzmann & Monika Völk)](https://www.uebergabe.de/ug120/) ### Mahlzeitenintervention bei Menschen mit Demenz URL: https://www.uebergabe.de/mahlzeitenintervention-bei-menschen-mit-demenz/ Last updated: 2025-11-27T09:00:06.000Z 🗓️ #109 | 27.11.2025 ### Worum geht's? Die Studie untersucht, wie wirksam verschiedene Maßnahmen während der Mahlzeiten sind, um die Mangelernährung und die orale Nahrungsaufnahme bei Menschen mit Demenz zu verbessern. Dabei werden unterschiedliche Interventionen wie Ernährungsergänzungen, Umweltanpassungen, Schulungen und Anreichungstechniken systematisch analysiert ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie ist es, die Wirksamkeit spezifischer Mahlzeiteninterventionen zu bewerten, um Erkenntnisse über ihre Eignung zur Verbesserung des Ernährungszustandes bei Personen mit Demenz zu gewinnen. Dabei soll auch ermittelt werden, welche Mechanismen und Kontexte diese Interventionen beeinflussen. 💡 Das Thema Ernährung bei Menschen mit Demenz ist von zentraler Bedeutung, da diese Erkrankung zahlreiche pathophysiologische Veränderungen mit sich bringt, die das Ess- und Trinkverhalten stark beeinflussen. Bereits in den frühen Stadien treten häufig Appetitverlust, Geschmacks- und Geruchsstörungen auf, die zu einem frühzeitigen Gewichtsverlust führen können. Mit dem Fortschreiten der Demenz verschlechtern sich auch die Fähigkeiten, Mahlzeiten zu planen, sich daran zu erinnern, zu essen, Essen zu erkennen oder selbstständig zu essen und zu trinken. Verhaltensprobleme, motorische Einschränkungen und soziale Isolation verschärfen diese Herausforderungen zusätzlich. Auch verschiedene Medikamente wirken sich negativ auf das Hunger- oder Durstempfinden aus. In späteren Stadien kann es sogar dazu kommen, dass Betroffene das Essen oder Trinken vollständig verweigern. Diese komplexen Veränderungen führen häufig zu Unterernährung. Studien zeigen, dass in Langzeitpflegeeinrichtungen bis zu 80 % der Menschen mit Demenz unterernährt sind oder ein Risiko dafür haben. Auch Dehydratation tritt häufig auf, da das Durstempfinden im Alter abnimmt und bei Demenz zusätzlich durch kognitive Einschränkungen verschärft wird. Die Folge dieser Mangelzustände sind ein erhöhtes Risiko für Gebrechlichkeit, Stürze, Morbidität, Mortalität und eine mögliche Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Die Demenz verschlechtert die Ernährungssituation, was wiederum die Demenz beschleunigen kann. Zudem hat Essen eine wichtige soziale und emotionale Bedeutung. Probleme beim Essen und Trinken wirken sich daher nicht nur körperlich, sondern auch psychisch belastend aus, sowohl für die Betroffenen als auch für ihre Angehörigen und das Pflegefachpersonal. _This post is for paying subscribers only._ ### Live vom 4. VPU Kongress URL: https://www.uebergabe.de/ug178/ Last updated: 2026-06-13T23:27:26.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Unikliniken treiben wissenschaftsbasierte Pflege und hochschulische Qualifizierung als Zukunftsmotor voran. - In Deutschland gibt es nur etwa 100 APNs, Rollen bleiben uneinheitlich. - Das BAPID-Modell schafft durchlässige Karrierewege vom Assistenten bis zur Promotion. - Magnet-Prinzipien und Shared Governance stärken Arbeitsbedingungen und partizipative Führung. - Fehlende rechtliche Rahmenbedingungen und Sektorengrenzen bremsen erweiterte Pflegerollen aus. ## Der VPU-Kongress als Kompass für die Zukunft Der [Verband der Pflegedirektor:innen der Universitätskliniken (VPU)](https://www.vpuonline.de/?ref=uebergabe.de) ist seit 1984 eine zentrale Organisation, die sich strategisch für die Interessen von über 70.000 Pflegefachpersonen einsetzt und regelmäßig den gleichnamigen Kongress ausrichtet. Auf dem [vierten VPU-Kongress in Berlin](https://www.vpuonline.de/vpu/vpu-kongress/4-vpu-kongress/?ref=uebergabe.de), der unter dem Motto *„Pflege mit Verantwortung – der Schlüssel für die Zukunft“* stattfand, wurde deutlich, dass Universitätskliniken eine Vorreiterrolle in der Etablierung wissenschaftsbasierter Pflege spielen. Der Fokus der Veranstaltung lag auf Innovation, Entwicklung und der notwendigen hochschulischen Qualifizierung der Pflegefachpersonen. Der Kongress spiegelte die wachsende Bedeutung der Akademisierung in der Pflege wider, insbesondere die Integration von Pflegewissenschaftler:innen und [Advanced Practice Nurses](https://www.uebergabe.de/tag/apn/) in die Organisation der Kliniken. Die Diskussionen konzentrierten sich auf die Etablierung internationaler Standards, die Entwicklung kohärenter Bildungsarchitekturen und die Notwendigkeit gesundheitspolitischer Rahmenbedingungen, um eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung nachhaltig zu sichern. ## Der VPU und die Strategie der Akademisierung International ist die hochschulische Qualifikation von Pflegefachpersonen der Standard, wobei in manchen Ländern bis zu 93 Prozent der Pflegefachpersonen über einen Bachelor- oder Master-Abschluss verfügen. Im Gegensatz dazu befindet sich Deutschland noch in einer Entwicklungsstufe, was die Implementierung erweiterter Rollen betrifft. Der VPU sieht sich hier in der Rolle, Innovationen voranzutreiben und die Studiengänge zu etablieren. Advanced Nursing Practice (ANP) erfordert Master-Absolvent:innen mit klinischem Fokus. Eine Erhebung ergab, dass in Deutschland aktuell schätzungsweise nur etwa 100 APNs zu finden sind. Das zentrale Problem liegt in der mangelnden Vereinheitlichung der Rollendefinition, da APN-Tätigkeiten zwar an vielen Standorten stattfinden, jedoch oft unter anderen Bezeichnungen geführt werden, wie zum Beispiel als onkologische Pflegefachexpert:innen, die in Tumorboards auf Augenhöhe mit Mediziner:innen und anderen Gesundheitsfachberufen an der Therapiebestimmung mitwirken. Die Intention des VPU ist es, eine Leuchtturmfunktion zu übernehmen, um die Rollen zu erschließen, die Notwendigkeit dieser Funktion zu betonen und eine Vereinheitlichung herbeizuführen. Die Pflegedirektionen betrachten die hochschulische Qualifizierung und die Rolle der APNs als notwendigen Motor für die Pflegeentwicklung. Die internationale Perspektive ist dabei essentiell, um aus den Erfahrungen anderer europäischer Länder wie dem Vereinigten Königreich (UK) zu lernen, in dem die Einführung von APN-Rollen ein langwieriger Prozess war. Es ist notwendig, dass Deutschland international anschlussfähig wird, um eine Harmonisierung zu erreichen, da hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen aus dem Ausland oft nicht in das deutsche System passen. Gleichzeitig besteht die Notwendigkeit, die deutsche Expertise aktiver in den internationalen Kontext einzubringen. ## BAPID: Ein kohärentes Fundament für Karrierewege und zukünftige Kompetenzen Die Diskussion um die Akademisierung ist eng mit der zukünftigen Bildungsarchitektur verbunden. Professor Dr. Wolfgang von Gahlen Hoops stellte das [BAPID-Modell (Bildungsarchitektur der Pflege in Deutschland)](https://deutscher-pflegerat.de/download/09%5F23.2024%5Fbapid%5Fpublikation%5Fquelle%5Ftranscript-verlag.de.pdf?ref=uebergabe.de) vor, das als Reaktion auf die Gesetzesnovellierung von 2020 entwickelt wurde. Ziel war die Erstellung einer Kompetenzmatrix, die alle Pflegeberufe sowie die nicht-formelle Pflege miteinbezieht. Das Modell versucht, eine eigene Typologie zu schaffen, da die bisherige Verortung von Pflegeberufen innerhalb des [Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR)](https://www.dqr.de/dqr/de/home/home%5Fnode.html?ref=uebergabe.de), beispielsweise die Verortung von Pflegeassistenz und Pflegefachperson auf derselben Stufe 4, als inkohärent empfunden wurde. [BAPID & DPR: Neue Rollen für Pflege und Primärversorgung🎙️ Politik und Gesetzgebung stehen vor der Aufgabe, die strukturellen Voraussetzungen für eine multiprofessionelle Versorgung zu schaffen - aktuelle Diskussionen machen deutlich “je eher, desto besser”. Die Pflege ist bereit für mehr Verantwortung – jetzt braucht es den politischen Willen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-96.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeLukas![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/cover98.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu098/) Podcast-Episode zum BAPID-Modell Das Herzstück des BAPID-Modells liegt in der Schaffung durchlässiger Karrierewege. Es soll Pflegefachpersonen ermöglichen, sich vom Pflegefachassistenten über die Pflegefachperson bis hin zur akademischen Ebene (Bachelor, APN, promovierte Pflegefachperson) weiterzuentwickeln, ohne von Null beginnen zu müssen, da Qualifikationen anerkannt werden. Die Entwicklung des Modells erfolgte in mehreren Phasen (BAPID I und II) und basierte auf einer umfangreichen Dokumentenanalyse, Expert:innen-Interviews und einer KI-gestützten Analyse existierender Dokumente wie Modulhandbüchern. Dabei wurden auch zukünftige Bildungsbedarfe bis 2035/2040 identifiziert, darunter [Disaster Nursing](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/54451-disaster-nursing-wo-steht-deutschland?ref=uebergabe.de), Digitalisierung, Professionalisierung und der demografische Wandel, sowie Themen wie [Planetary Health](https://www.klimawandel-gesundheit.de/planetary-health/?ref=uebergabe.de) und die Auswirkungen von [Klimawandel und Hitze.](https://www.uebergabe.de/ug075/) Das BAPID-Modell hat weitreichende Implikationen für das Pflegemanagement. Es erfordert eine Neuausrichtung der Personalplanung. Ein geteiltes Leadership, bei dem APNs oder promovierte Pflegefachpersonen das Fachliche im Blick behalten, kann das Management, das oft stark mit Personal- und Versorgungsmanagement beschäftigt ist, entlasten und den fachlichen Standard sicherstellen. Die Umsetzung in die Praxis erfordert jedoch eine Haltungsänderung und eine bewusste Gestaltung der Prozesse, anstatt theoretische Modelle direkt zu kopieren. Erste Auswertungen von bereits existierenden BAPID-Stellenprofilen zeigten, dass klinische Kompetenzen gut adressiert sind, Bereiche wie Prävention, Gesundheitsförderung und digitale Kompetenzen jedoch noch Nachjustierungsbedarf haben. ## APN und das PEPPA-Framework als Motor der Versorgungsinnovation Die konkrete Etablierung von APN-Rollen an Unikliniken wurde am Beispiel der [Medizinischen Hochschule Hannover (MHH)](https://www.mhh.de/?ref=uebergabe.de) veranschaulicht. Die MHH verfolgte seit 2017 die Vision der Pflegedirektion zur Implementierung und etablierte 2019 ein APN-Programm. Mittlerweile arbeiten dort neun APNs, deren Expertise zur besseren Bewältigung komplexer Versorgungssituationen führt und die Akzeptanz bei Medizin und anderen Berufsgruppen erhöht hat. Die Rollen an der MHH orientieren sich an spezifischen Patient:innengruppen mit komplexen Pflegeproblemen, wie beispielsweise neuro-onkologischen Patient:innen oder Patient:innen mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen. Grundlage der Implementierung bildet das [PEPPA-Framework](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15533091/?ref=uebergabe.de), ein international anerkanntes kanadisches Modell. Die MHH hat die neun Schritte des Frameworks auf fünf vereinfacht. Der Prozess beginnt mit der Analyse der Patient:innengruppe, der Stakeholder und des Versorgungsmodells, gefolgt von der Identifizierung der Schnittstellen, in denen die APN ihre Expertise einbringen kann, und endet mit der kontinuierlichen Evaluation der Wirksamkeit der implementierten Maßnahmen. Eine Selbstüberprüfung der MHH-APNs mithilfe des australischen [APRD-Tools ](https://eprints.qut.edu.au/108232/1/The%2BAustralian%2BNursing%2BWorkforce%2BSurvey%2BTooklit%2BJune%2B2017%2BF.pdf?ref=uebergabe.de)ergab, dass der Bereich der *Clinical Practice* sehr ausgeprägt ist, während *Bildung* und *Leadership* zwar verortet, aber weniger dominant sind. Der Fragebogen offenbarte die strukturellen Defizite in Deutschland: Die fehlenden rechtlichen Rahmenbedingungen erlauben APNs keine eigenständige Diagnostik oder die Verschreibung von Heil- und Hilfsmitteln, was die Erfüllung des vollen Spektrums internationaler APN-Tätigkeiten erschwert. Hinzu kommt die starke Trennung der Versorgungssektoren, da das Framework international stark auf die Anwendung in der Community Health und der Gesundheitsprävention ausgerichtet ist, die im deutschen Krankenhausbereich kaum abgebildet werden kann. Ein wichtiger politischer Wunsch ist daher die **Aufweichung der Sektorengrenzen** und eine Vergütung von Pflegefachpersonen, insbesondere in der Nachsorge und im ambulanten Bereich. ## Community Health Nursing und regionale Versorgungsstrategien Die [Community Health Nurses (CHN)](https://www.dbfk.de/de/berufspolitik/community-health-nursing/?ref=uebergabe.de) gelten als ein zentrales Zukunftsfeld des [Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK)](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de). Obwohl CHN primär für die kommunale und ambulante Primärversorgung konzipiert ist, zeigen sich auch an Universitätskliniken Ansätze zur Verankerung dieser Rolle. Am [Universitätsklinikum Augsburg](https://www.uk-augsburg.de/?ref=uebergabe.de) wurde eine CHN in der Stabstelle Digitalisierung und Pflegewissenschaft etabliert. Die Rolle der CHN an der Uniklinik zielt darauf ab, die Versorgung gesundheitsfördernd und präventiv weiterzuentwickeln. Dies beinhaltet die Stärkung der [Health Literacy](https://www.rki.de/DE/Themen/Gesundheit-und-Gesellschaft/Gesundheitliche-Einflussfaktoren-A-Z/G/Gesundheitskompetenz/gesundheitskompetenz-node.html?ref=uebergabe.de) von Patient:innen vor dem Krankenhausaufenthalt sowie die Vorbereitung auf die Entlassung, um Rehospitalisierungen zu vermeiden. Die Identifikation von Patient:innen erfolgt durch Advanced Practice Nurses (APNs) und Highly Qualified Practitioners (HQPs) auf den Stationen, die Interventions- und Beratungsbedarfe erkennen. Die Tätigkeit umfasst Beratungsgespräche zur Klärung von Bedarfen und Ressourcen sowie die Kontaktaufnahme nach der Entlassung, um Informationen an nachversorgende Teams weiterzugeben. Gesundheitspolitisch ist für die CHN ein wichtiger Fortschritt die Änderung der gesetzlichen Grundlagen, um die **selbstständige Ausübung heilkundlicher Tätigkeiten** ohne ständigen Arztkontakt zu ermöglichen. Die Herausforderungen der Gesundheitsversorgung in ländlichen Räumen, besonders in Bezug auf das Entlassmanagement, wurden anhand des [Innovationsfondsprojekts „NAHVERSORGT“ in Mecklenburg-Vorpommern ](https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/nahversorgt.614?ref=uebergabe.de)beleuchtet. Die Region steht vor gravierenden demografischen Problemen, wie einer der ältesten Bevölkerungen Deutschlands und einer sehr geringen Bevölkerungsdichte. Das Projekt arbeitet mit „Runden Tischen“ – freiwilligen, multiprofessionellen Zusammenschlüssen aus Pflege, Politik, Verwaltung und Wohnungsbau. Die zentrale Frage ist, wie eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung nachhaltig gesichert und durch langfristige Finanzierungsmodelle untermauert werden kann. Die methodische Begleitung identifizierte als Kernherausforderungen die Notwendigkeit regionaler Verankerung, Nachhaltigkeit und interprofessioneller Zusammenarbeit. Eine Gefahr, die es zu vermeiden gilt, sind Doppelstrukturen, wie beispielsweise die Konkurrenz zwischen Nachbarschaftshilfe und der Inanspruchnahme des Entlastungsbetrags durch die ambulante Pflege. ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## Magnet-Prinzipien, Shared Governance und der Innovationspreis Die internationale Ausrichtung der Pflege zeigt sich auch in der Adaption von Modellen wie [Magnet](https://www.nursingworld.org/organizational-programs/magnet/?ref=uebergabe.de). Das in den 1980er Jahren in den USA entstandene Konzept zielt auf die Schaffung exzellenter Arbeitsumgebungen für Pflegefachpersonen ab, was direkt zu exzellenten Patientenergebnissen führt. Die fünf Kernkomponenten sind transformationale Führung, strukturelles Empowerment, neues Wissen/Innovation, empirische Outcomes und professionelle Praxis. Die Studie [„Magnet for Europe“](https://www.magnet4europe.eu/?ref=uebergabe.de) (nun „Magnet für Deutschland“) untersucht die Übertragbarkeit dieser Prinzipien auf den europäischen und deutschen Kontext. Die Ergebnisse bestätigten die grundlegende Implementierbarkeit der Komponenten, obgleich Herausforderungen im deutschen System bestehen, insbesondere die Anforderung an alle Pflegefachpersonen in Leitungspositionen, über einen Hochschulabschluss zu verfügen. Die Forschung zeigt einen Zusammenhang zwischen verbesserten Arbeitsbedingungen und der psychischen Gesundheit der Mitarbeitenden. Kliniken mit einer besseren Personalbesetzung verzeichnen signifikant geringere Burnout-Raten. Die Nichtdurchführung von Tätigkeiten aufgrund von Zeitmangel, die für Zuwendung und Interaktion elementar sind, führt zu Unzufriedenheit und kann zu Burnout beitragen. Ein Schlüsselelement des Magnet-Konzepts ist **Shared Governance**, eine Struktur der partizipativen Führung. Hierbei werden Pflegefachpersonen ohne Führungsverantwortung in Entscheidungen eingebunden. Am [Universitätsklinikum Bonn](https://www.ukbonn.de/ueber-uns/pflege/pflegewissenschaft/?ref=uebergabe.de) wird eine „Unit-Based Shared Governance“-Struktur pilotiert, bei der Beratungsgremien auf Stations- oder Abteilungsebene (Unit Councils) gebildet werden. Ziel ist es, Entscheidungen an den Ort des Geschehens zurückzugeben und die Fachexpertise der Pflegefachpersonen zu stärken. Die Umsetzung führt zu einer deutlichen Steigerung des Engagements und der Motivation der beteiligten Pflegefachpersonen. Die klassische Führungsrolle löst sich dabei nicht auf, sondern wandelt sich hin zu einer transformationalen und partizipativen Kultur. Die Bedeutung der Pflegewissenschaft für die Qualitätsentwicklung manifestierte sich im Innovationsprojekt des Klinikums Oldenburg, das den Preis des Pflegeinnovators des Jahres gewann. Die Stabstelle Pflegewissenschaft in Oldenburg treibt die Akademisierung durch die Etablierung von Rollen für Bachelor- und APN-Absolvent:innen voran. Aktuell sind 23 Kolleg:innen als Pflegeexpert:innen (Bachelor-Abschluss) eingestellt, die einen Teil ihrer Arbeitszeit für Projekte wie Leitlinienentwicklung und Schulungen nutzen. Das Projekt zeichnet sich durch gelebten Praxistransfer und interprofessionelle Kooperation aus. Beispiele sind die Entwicklung eines Simulationsroboters zur Schulung von Delir-Assessments auf der Intensivstation, die Durchführung von Konzilien für Patient:innen mit Delir oder Demenz, sowie umfassende Sturzpräventionsmaßnahmen. Ein weiteres leicht umsetzbares Projekt ist die Eli-Box (für Hörgeräte, Brillen, Zahnprothesen), die operativen Patient:innen zur besseren Orientierung und Kommunikation während Übergaben mitgegeben wird. Diese Projekte sind evidenzbasiert, aus der Praxis abgeleitet und zielen konsequent auf die qualitative Verbesserung der Patientenversorgung ab. Ein weiterer innovativer Ansatz zur Personalbindung wurde aus [Jena](https://www.uniklinikum-jena.de/?ref=uebergabe.de) vorgestellt: Ein **verlängertes Orientierungsprogramm** für frisch examinierte Pflegefachpersonen. Statt sich direkt festlegen zu müssen, können die Absolvent:innen innerhalb eines Jahres mehrere Bereiche kennenlernen und erst dann eine endgültige Entscheidung treffen. Dieses fakultative Programm reduziert den Entscheidungsdruck und wird von den Absolvent:innen sehr geschätzt. ## Politische Impulse und die Kraft des gemeinsamen Fortschritts Die Diskussionen auf dem VPU-Kongress machten deutlich, dass die Entwicklung innovativer Versorgungsstrukturen nur gelingen kann, wenn die politischen Rahmenbedingungen angepasst werden. Es fehlt nicht nur an entsprechenden Gesetzen, sondern vor allem an tragfähigen Finanzierungsgrundlagen für die Weiterentwicklung der Pflege. Gefordert wird die Stärkung der Stimme der Pflege in strategischen Entscheidungsgremien, unter anderem durch die Aufnahme von Pflege in den Vorstand von Kliniken. Insgesamt ist die Entwicklung der Pflege in Deutschland ein langwieriger Prozess, der Mut und Beharrlichkeit erfordert. Doch die Vielzahl an akademischen Projekten, die auf dem Kongress präsentiert wurden, zeigt, dass das Thema Akademisierung Wurzeln geschlagen hat. Die Erkenntnis, dass komplexe Herausforderungen wie der demografische Wandel nur durch **Netzwerkarbeit** und das Teilen von Erfahrungen bewältigt werden können, ist zentral. Oder, um es mit einem Sprichwort auszudrücken: „If you want to go fast, go alone. If you want to go far, go together“. Dieser Kongress lieferte die notwendigen Impulse und Role Models, um diesen gemeinsamen Weg fortzusetzen. ## Diskutier mit professionell Pflegenden in unserem Community Board! [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-16.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-13.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) • • • Im Newsletter werben **Solltest du Interesse daran haben, bei uns* ***im Newsletter oder im Podcast** *zu* ***werben oder eine Stellenanzeige zu schalten,** *freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme per E-Mail:* [**hallo@uebergabe.de*](mailto:hallo@uebergabe.de) [Kontakt aufnehmen ](mailto:hallo@uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG189 – BAPID - die neue Bildungsarchitektur für die Pflege (Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen Hoops)](https://www.uebergabe.de/ug189/) - [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken (Dr. Juliane Spank & Philipp Strnad)](https://www.uebergabe.de/ug188/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) ### Resilienz in der Ausbildung fördern URL: https://www.uebergabe.de/resilienz-in-der-ausbildung-fordern/ Last updated: 2025-11-20T09:00:38.000Z 🗓️ #108 | 20.11.2025 ### Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit der Frage, wie Resilienz, verstanden als die Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen und aus schwierigen Situationen zu lernen, bei Pflegefachpersonen in Ausbildung gefördert werden kann. Dabei wird betont, dass Pflegeausbildung häufig von Belastung und Stress geprägt ist, weshalb Resilienz als Schlüsselfaktor für den erfolgreichen Berufseinstieg gilt. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie ist es, qualitative Forschungsergebnisse zu Resilienz in der Pflegeausbildung systematisch zusammenzufassen, um zu verstehen, wie Pflegepädagog:innen Studierende beim Aufbau von Resilienz unterstützen können. 💡 Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, auf Belastungen, Krisen oder anhaltenden Stress flexibel und wirksam zu reagieren, ohne langfristige gesundheitliche oder psychische Schäden zu entwickeln. Sie umfasst ein Zusammenspiel aus individuellen Ressourcen, wie Selbstwirksamkeit, emotionaler Stabilität, Problemlösekompetenzen und der Fähigkeit, soziale Unterstützung zu nutzen, sowie äußeren Rahmenbedingungen, die Schutzfaktoren bereitstellen. Im pflegerischen Arbeitsalltag, der häufig durch hohe Verantwortung, Zeitdruck, emotionale Anforderungen und unvorhersehbare Situationen geprägt ist, wirkt Resilienz wie ein regulatorischer Puffer. Pflegefachpersonen mit ausgeprägter Resilienz können Stressoren schneller einordnen, Prioritäten klarer setzen und konstruktiver mit belastenden Momenten umgehen. Dies erleichtert nicht nur die Bewältigung akuter Herausforderungen, sondern trägt langfristig dazu bei, Erschöpfung, moralischen Stress und Burnout vorzubeugen. Gleichzeitig unterstützt Resilienz die Fähigkeit, sich nach schwierigen Ereignissen zu stabilisieren, professionelle Distanz zu wahren und dennoch empathisch zu bleiben. In Teams fördert sie ein Klima der gegenseitigen Unterstützung, reduziert Konflikte und stärkt eine sichere, verlässliche Versorgung. Resilienz ist damit kein statisches Persönlichkeitsmerkmal, sondern eine dynamische Kompetenz, die gezielt gefördert und im Pflegealltag als Ressource genutzt werden kann. _This post is for paying subscribers only._ ### Zwischen Ohnmacht und Hoffnung / Gastbeitrag von Robert Marx URL: https://www.uebergabe.de/zwischen-ohnmacht-und-hoffnung-gastbeitrag-von-robert-marx/ Last updated: 2025-11-18T04:00:58.000Z ## Hospizzimmer – wenige Worte,ein Händedruck und Gemütlichkeit, wo sie nicht erwartet wird Es war mitten in der Nacht, das Zimmer war gemütlich beleuchtet durch eine Lichterkette, die um einen kleinen Bonsai gewickelt war und als Weihnachtsbaum diente, und ich saß auf der Bettkante am Pflegebett meiner Frau, Elli, die kaum noch sprechen konnte. Ich hielt ihre Hand. Sie drückte sie. Ich wusste: Jetzt geht es nicht um Worte. Jetzt geht es um Dasein. Ich habe Elli 26 Monate lang begleiten dürfen und gepflegt. Mit einem Glioblastom, eine lebensbegrenzende Diagnose, unheilbar. Die letzten fünf Monate haben wir gemeinsam in einem Doppelzimmer im Hospiz gelebt. Mit gemütlichen GinTonic (alkoholfrei) Abenden am Lagerfeuer und der Gewissheit der Ungewissheit, aber immer mit Humor. Ich war nicht nur Ehemann, sondern auch Pflegeperson, Übersetzer, manchmal Anwalt und auch Seismograf, um heikle Situationen gemittelt auszubaden und aufzuzeichnen. Was ich in dieser Zeit gelernt habe: *Kommunikation ist nicht alles, aber ohne Kommunikation ist alles nichts.* --- ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/08/Robert-Marx.jpg) Robert Marx 💡 Robert Marx (33) ist Luft- und Raumfahrtingenieur und Trainer für nachhaltige Luftfahrtinnovationen - ein ungewöhnlicher Hintergrund für jemanden, der sich tief in das Thema Pflege und Begleitung einarbeitet. Nach dem Tod seiner Frau Elli, die er 26 Monate lang mit einem Glioblastom begleitet und gepflegt hat, engagiert er sich leidenschaftlich für eine menschlichere Kultur in Krankheit, Pflege und Abschied und dem Fokus: Themen nicht Tod zu schweigen. Er kennt die Herausforderungen aus erster Hand: die Ohnmacht, die Sorge, die Hoffnung und die Erschöpfung. Seine Erfahrungen gibt er weiter auf seiner Plattform ****morphineonbananabread.com**, einer Initiative, die pflegende Angehörige unterstützt und die oft unausgesprochene Gefühle sichtbar macht. Er spricht offen über Pflege, Mut und die gesellschaftlichen Strukturen, die Pflegende herausfordern. Robert möchte mit seinen Projekten Mut und Hoffnung machen und zur Veränderung anregen - für mehr Nähe, Verständnis und Würde in den letzten Lebensphasen. Wenn ihr/Sie gemeinschaftlich auch an umsetzbaren Lösungen für Kommunikation arbeitet oder auch bestehende Möglichkeiten aufpolieren, neudenken oder mit Herz erweitert, meldet euch jederzeit auf [www.morphineonbananabread.com](http://www.morphineonbananabread.com/?ref=uebergabe.de). --- ### Wenn nichts mehr sicher ist, bleibt das Gespräch Pflege ist weit mehr als Warten, Waschen, Wenden und Dokumentieren. Es ist eine Beziehung. Und Beziehung entsteht durch Kommunikation: verbal, nonverbal und symbolisch. Wir wissen heute: Kommunikation umfasst nicht nur Worte, sondern auch Gesten, Blicke und Berührungen \[1\]. Gerade in der Palliativpflege werden diese Formen oft zur Brücke, wenn Sprache versagt. Wie das Leitlinienpapier zur Palliativmedizin zeigt, ist es wichtig, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Patient\*innen sicher und gehört fühlen und das gelingt mit offenem Blickkontakt, ruhigem Tonfall und dem „Da-Sein“ auch im Schweigen \[2\]. Auch aus der Sicht der Angehörigen ist eine effektive Einbeziehung ausschlaggebend für die Lebensqualität der Betroffenen \[3\]. Doch wie kommuniziert man, wenn jemand kaum noch sprechen kann? Wenn Worte wehtun? Wenn der Tod im Raum steht? Es gibt wie immer keine allumfassende Lösung, aber viele Hilfen bei Pflegestützpunkten, Pflegeeinrichtungen, in Hospizen und auf Palliativstationen. Fragt aktiv nach, denn Ärzt:innen schützen auch die Angehörigen, da nicht alle Informationen allumfassend als Laie verstanden werden können. Aber ein aktiver Dialog zeigt, was alles möglich ist und wie man z.B. auch mit Schaubildern, Tanzeinlagen oder Schere und Papier Kommunikation möglich machen kann. Zum Teilen. Und manche Ideen auch zum Teilen. ### Kommunikation ohne Worte: kleine Gesten, große Wirkung Wir reden oft über Pflegehandlungen, viel zu selten über die kleinen Sätze, die das Gegenüber tragen. Oder über das Aushalten von Schweigen. Über die Blicke, die Hände, die Haltungen. Dabei kann eine einfache Geste und ein „Ich bin gleich wieder da“ mit Blickkontakt Sicherheit geben. Oder auf der anderen Seite kann eine Floskel, wie „Das wird schon wieder“, Vertrauen nachhaltig zerstören, da beide Seiten wissen, es wird nicht alles wieder gut. In der Pflege kann Kommunikation Halt geben. Und sie kann Halt nehmen. ### Sprachlosigkeit ist keine Lücke Es gibt Situationen, in denen Worte zu groß oder zu klein sind. In denen nichts gesagt werden muss oder alles. Ich habe gelernt: Präsenz ist eine Form von Sprache. Wer bleibt, sagt etwas. Wer schweigt, kann mehr mitteilen als jemand, der redet, um das Schweigen zu füllen. Oder geht. Die SPIKES-Methode, die eigentlich für schwierige Nachrichten in der Medizin entwickelt wurde, lehrt uns: Manchmal ist das „Emotionale Aushalten“ wichtiger als die Information selbst \[4\]. In der Pflege heißt das: Schweigen zulassen, bei Gefühlen bleiben, ohne sie sofort erklären oder lösen zu wollen. Auch ist die Frage, wie Reden wir darüber in den letzten Tagen mit Patienten und Angehörigen, eine essenzielle: Für die interessierten Leser:innen kann auch das TAD-Modell eine interessante Quelle sein \[5\]. Pflegekräfte, die die Unruhe eines Delirs nicht weg reden wollen, sondern leise beim Menschen bleiben, wissen: Ein Delir spricht in einer eigenen Sprache. Und sie hören trotzdem hin. Oder Pflegende, die sich neben einen weinenden Angehörigen setzen. Nicht, um zu trösten, sondern um da zu sein. Um nicht auszuweichen. ### Kommunikation bei Aphasie oder Demenz – anders, aber möglich Wie kommuniziert man mit Menschen, die nicht mehr sprechen können? Die Worte suchen, aber keine finden? Unterstützte Kommunikation ist hier der Schlüssel. Ob Bildertafeln, einfache Ja/Nein-Fragen oder elektronische Hilfsmittel – sie öffnen Türen, wenn die Sprache versagt. \[6\]\[7\] Ich erinnere mich an die Entscheidungsmatrix auf einem laminierten Blatt im Hospiz, eine einfache Tabelle mit Ja/Nein-Feldern, Symbolen, Farben. Ein kleiner Trick, große Wirkung. Elli konnte nicken, manchmal. Und manchmal auch nur mit den Augen reagieren. Aber sie konnte sich äußern. Und das hat alles verändert. Selbst habe ich eine große Entscheidungsmatrix entwickelt, um auch Lebensqualität und Selbstständigkeit hochzuhalten und neben den Grundbedürfnissen auch Dinge wie Sachen außerhalb des Raumes, Wünsche, Gespräche mit anderen Personen, eigene Zeit, etc. zu ermöglichen. Denn Kommunikation geht nur mit nicht über die betroffene Person. Bei Aphasie/Demenz hilft immer mit Validierung zu begegnen, nicht dem Vorwurf: Gefühle spiegeln, nicht korrigieren. Statt „Du warst doch gestern schon beim Arzt“ lieber „Das klingt, als wäre dir das wichtig“. So entstehen Verbindungen trotz Wortverlust \[8\]. Manchmal ist es die Musik, ein Foto, der Geruch von Erdbeeren mit Schlagsahne, der eine Tür öffnet. Türen, die Sprache allein nicht mehr aufbekommt. Es gibt viele Darstellungstafeln, Leitlinien und Broschüren, am Ende hilft das, was verstanden werden kann und angenommen wird. Und das ist dynamisch. In der Erfahrung habe ich eine große Entscheidungsmatrix gebaut, die zur Unterstützung selbstständiger Entscheidungen dienen sollte. Mit der Aphasie kam das Gefühl auf „Gefangen im eigenen Körper zu sein“ und die Prämisse war für mich: Alle Entscheidungsmöglichkeiten auf einen weiten Raum auszuweiten. ### Kommunikation ist auch Macht Wer redet, entscheidet mit. Das gilt am Konferenztisch, ebenso im und am Pflegebett. Wer das Gespräch führt, bestimmt, was Thema ist. Deshalb ist die Haltung so wichtig. Pflege kann kontrollieren oder befähigen. Schweigen kann schützen oder ausschließen. So haben wir auch Entscheidungen aufgeteilt: „Willst du heute noch duschen, dann ziehe am kleinen Finger oder lieber morgen, dann am Daumen?“ Zwei Optionen. Eine echte Entscheidung. Ein Moment von Würde. Genauso habe ich erlebt, wie jemand über Elli sprach, nicht mit ihr. „Sie ist heute sehr verwirrt.“ Sie war anwesend. Sie hat es gehört. Und sich abgewandt. Ein klärendes Gespräch mit der Person ist dann wichtig und richtig, nicht das bloße Hinnehmen. ## Angehörige: mittendrin und doch oft außen vor Pflegende Angehörige sind keine Gäste im Gesundheitssystem. Sie sind Mitbewohner:innen. Aber viel zu oft werden sie wie Besucher:innen behandelt. Dabei tragen sie mit. Jeden Tag. Und sie brauchen genauso Informationen, Halt, Kommunikation. Ich war manchmal an der Belastungsgrenze. Müde. Und gleichzeitig hochwachsam. Ich wusste, was Elli braucht, aber ich musste es lernen, zu vermitteln. Manche Pflegekräfte haben uns eingeladen. „Was beobachtest du? Wie geht es euch heute?“ Andere haben uns ignoriert. Oder mir das Gefühl gegeben, ich störe. Eine achtsame Kommunikation mit Angehörigen ist entscheidend für ihre Kraft und ihre Rolle. Das zeigen Studien zur Familienpflege in Hospizen \[9\]. Gute Pflege bezieht die Familie ein, informiert ehrlich und mitfühlend und schafft Raum für ihre Fragen und Sorgen. ### Resonanz statt Routine Die Soziologin Eva Illouz betont, dass Resonanz und emotionale Verbundenheit nicht bloß Gefühle sind, sondern soziale Praktiken, die Beziehungen tragen und Gesellschaft formen. Genau das passiert meiner Meinung nach in der Pflege: Es ist die Begegnung, die trägt und nicht die Routine. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von Resonanz: Wenn etwas zurückkommt. Wenn ein Mensch spürt: Ich werde gesehen und gehört und Menschen sich öffnen: Weinen, lachen oder einfach durchatmen, weil sie verstanden oder ein Bedürfnis erkannt wurde. Kommunikation in der Pflege ist nicht nur Technik. Sie ist Haltung. Offenheit. Der Mut, sich emotional berühren zu lassen und empathisch zu sein und die Fähigkeit, präsent zu bleiben, auch wenn man keine Lösung hat. Das alles in der Gleichzeitigkeit der Professionalität und Distanz, nicht jedes Einzelschicksal an sich ranzulassen. Eine echt schwere und enorm gesellschaftsrelevante Aufgabe aus der ich nur kleine Auszüge miterleben durfte. An der Stelle möchte ich virtuell und ganz in digitalem Pergament vor allen Pfleger:innen meinen Hut (Bananen Cappy) lüften: Danke, dass es euch gibt! ### Und jetzt? Ich schreibe diesen Text nicht, weil ich alles richtig gemacht habe. Ich schreibe ihn, weil ich glaube, dass Sprache ein Werkzeug sein kann. Für mehr Nähe. Für mehr Menschlichkeit. Für mehr Würde – auch (oder gerade) am Ende eines Lebens. Ich habe Fehler gemacht, war erschöpft, manchmal auch ungerecht mir selbst gegenüber, anderen gegenüber, aber mit dem (Ge)Wissen niemals Elli gegenüber. Ich war in Gesprächen mit Pflegekräften manchmal zu leise und manchmal zu laut. Und doch: Ich habe in dieser Zeit etwas Grundsätzliches erfahren. Nämlich, dass Sprache eine Brücke sein kann oder eine Mauer. Nutzt diese: Füreinander und wenn gegeneinander, dann nur gemeinsam gegen die Krankheit. Denn manchmal darf auch einfach alles s\*\*\*\*\* sein und gemeinschaftlich ein Frühlingsschrei rausgelassen werden. ## Kommunikation in der Pflege ist nie nur Technik. Sie ist Haltung. Und sie beginnt mit dem Wunsch, das Gegenüber wirklich zu erreichen. Nicht nur Informationen auszutauschen, sondern Resonanz zu ermöglichen. In einer Gesellschaft, in der Pflege oft auf Effizienz, Routinen und Minutenpläne reduziert wird, brauchen wir Räume, in denen Zeit für das Gespräch bleibt. In denen sich Pflegende trauen dürfen, mit offenem Herzen zu kommunizieren und in denen sie selbst gehört werden. Denn gute Kommunikation hilft nicht nur Patient:innen und Angehörigen. Sie schützt auch Pflegende. Vor Entfremdung. Vor innerer Kälte. Vor dem Gefühl, nur noch zu funktionieren. Lasst uns also mehr reden. Mehr fragen. Mehr zuhören. Lasst uns das Schweigen zulassen, wenn Worte nicht reichen. Und lasst uns gemeinsam nach Ausdrucksformen suchen, wo Sprache nicht mehr möglich ist. **Zwischen Ohnmacht und Hoffnung liegt manchmal nur ein Satz**. Und manchmal nur ein Blick, eine Geste, eine stille Präsenz. Das ist die Kraft, die Pflegende in sich tragen. Und das ist der Unterschied, den sie machen. #### zum weiterlesen - \[1\] Sharkiya, S.H. Quality communication can improve patient-centred health outcomes among older patients: a rapid review. **BMC Health Serv Res* ****23**, 886 (2023). https://doi.org/10.1186/s12913-023-09869-8 - \[2\] Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (2021). **S3-Leitlinie Palliativmedizin.* - \[3\] [Palliative & Supportive Care ](https://www.cambridge.org/core/journals/palliative-and-supportive-care?ref=uebergabe.de), [Volume 21 ](https://www.cambridge.org/core/journals/palliative-and-supportive-care/volume/DE3C15E91F7411B63AFDB3800F3BD524?ref=uebergabe.de), [Issue 5 ](https://www.cambridge.org/core/journals/palliative-and-supportive-care/issue/33608194CA7F12914647F73539AAB624?ref=uebergabe.de), October 2023 , pp. 890 - 913, DOI: [https://doi.org/10.1017/S1478951523001165](https://doi.org/10.1017/S1478951523001165?ref=uebergabe.de) - \[4\] *Baile, W. F. et al. (2000). SPIKES – A Six-Step Protocol for Delivering Bad News.* - \[5\] Sibylle J. Felber, Sofia C. Zambrano, Tommaso Guffi, Felix M. Schmitz, Beate G. Brem, Kai P. Schnabel, Sissel Guttormsen, Steffen Eychmüller, How to talk about dying? The development of an evidence-based model for communication with patients in their last days of life and their family caregivers, PEC Innovation, Volume 5, 2024, 100309, [https://doi.org/10.1016/j.pecinn.2024.100309](https://doi.org/10.1016/j.pecinn.2024.100309?ref=uebergabe.de). - \[6\] Beukelman, D., & Mirenda, P. (2013). **Augmentative & Alternative Communication: Supporting Children and Adults with Complex Communication Needs.* - \[7\] Bellieni C. V. (2022). Verbal Communication with the Patient Is Not Enough: The Six Languages of the Sick. **Nursing reports (Pavia, Italy)*, **12*(4), 726–732\. [https://doi.org/10.3390/nursrep12040072](https://doi.org/10.3390/nursrep12040072?ref=uebergabe.de) - \[8\] Feil, N. (1993). **Validation: The Feil Method.* - \[9\] McAndrew, N. S., Camarda, A., Fortney, C. A., McCracken, C., Bartowitz, J., & Rosa, W. E. (2025). Rapid Review of Family Caregiver Engagement in Hospice and End-of-Life Patient Care: Implications for Nursing Practice. **Journal of hospice and palliative nursing : JHPN : the official journal of the Hospice and Palliative Nurses Association*, **27*(4), 172–181\. https://doi.org/10.1097/NJH.0000000000001133 ### Pflegekompetenzgesetz / Recap DPT 2025 URL: https://www.uebergabe.de/pu108/ Last updated: 2026-06-13T23:24:33.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Bundestag hat das Pflegekompetenzgesetz beschlossen – ein historischer Schritt für die Pflege. - Pflegefachpersonen dürfen künftig Heilkunde und Leistungen nach pflegerischer Diagnose erbringen. - Erstmals entsteht ein wissenschaftlicher nationaler „Scope of Practice“ für die Pflege. - Der Deutsche Pflegerat wird als maßgebliche Organisation der Pflegeberufe gestärkt. - Weniger Dokumentation, schnellere Verfahren: Das Gesetz reduziert spürbar Bürokratie. ## Ein historischer Moment für die Pflege Am 6\. November, während des Deutschen Pflegetages, hat der Bundestag dem Gesetz zur **Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege** zugestimmt. Was über Monate als *Pflegekompetenzgesetz* diskutiert wurde, hat damit seine letzte parlamentarische Hürde genommen. Ziel ist es, die Kompetenzen von Pflegefachpersonen zu erweitern, die Versorgung zu verbessern und Bürokratie spürbar zu reduzieren. Die Botschaft ist deutlich: Pflege soll mehr Verantwortung übernehmen – und endlich auch dürfen. [Bundestag verabschiedet Gesetz für weitere Befugnisse für Pflegekräfte und EntbürokratisierungDamit werden die Pflege umfassend entbürokratisiert und die Kompetenzen von Pflegefachpersonen erweitert.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-52.ico)BMGBundesgesundheitsministerin Nina Warken![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Krankenhausflur_500x500_af6b21354d-3.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/befugniserweiterungsgesetz-bundestag-06-11-25.html?ref=uebergabe.de) ## Die wichtigsten Inhalte des Gesetzes Das Gesetz umfasst mehrere Kernpunkte, die die Arbeit von Pflegefachpersonen langfristig verändern werden. ### 1\. Erweiterte Heilkundeausübung durch Pflegefachpersonen Pflegefachpersonen werden künftig befugt, bestimmte Leistungen der ärztlichen Behandlung eigenverantwortlich zu übernehmen – vorausgesetzt, eine ärztliche Erstdiagnose liegt vor. ### 2\. Leistungen nach pflegerischer Diagnose ohne ärztliche Vorgabe Eine echte Innovation: Pflegefachpersonen dürfen künftig definierte Leistungen der Behandlungspflege erbringen, wenn sie im Rahmen einer **pflegerischen Diagnose** einen entsprechenden Bedarf feststellen. Welche Leistungen das genau sind, wird die Selbstverwaltung unter Beteiligung der Berufsverbände festlegen. ### 3\. Entwicklung eines nationalen „Scope of Practice“ Zum ersten Mal wird wissenschaftlich ein umfassendes Aufgabenprofil der Pflege in Deutschland entwickelt. ### 4\. Stärkung der Bundesvertretung der Pflegeberufe Die Vertretung der Pflegeberufe auf Bundesebene gestärkt werden. Ziel ist eine klare, legitimierte Stimme der Pflege – für Verhandlungen, Richtlinienprozesse und gesetzliche Entwicklungen. Maßgebliche Organisation für Pflege Berufe wird der Deutsche Pflegerat sein. ### 5\. Prävention stärken: Beratung durch Pflegefachpersonen Menschen, die häusliche Pflege erhalten, sollen leichter Zugang zu Präventionsleistungen bekommen auch durch die Kompetenz von Pflegefachpersonen. ### 6\. Entbürokratisierung im Gesundheitswesen Das Gesetz sieht Maßnahmen vor wie: weniger Dokumentationspflichten, vereinfachte Antragsverfahren und kürzere Genehmigungszeiten. > „Das ist ein großer und unglaublich wichtiger Schritt. Erstmals werden pflegerische Kompetenzen berufsrechtlich klargestellt und sozialrechtlich in den Sozialgesetzbüchern V und XI verankert. Pflegefachpersonen können zudem bei entsprechender Qualifikation eigenverantwortlich bestimmte Leistungen nach ärztlicher oder nach pflegerischer Diagnose erbringen. Die Bedeutung ist außerordentlich. Pflegerisches Handeln ist somit auch das Ergebnis pflegerischer Diagnosestellung. Jetzt gilt es, die verschiedenen pflegediagnostischen Systeme und Terminologien, die in der Praxis etabliert sind, auszubauen und mit einer gemeinsamen, interdisziplinären Referenzterminologie zu verknüpfen. Die neuen Handlungsspielräume müssen mit klaren Zuständigkeiten, verbindlichen Fristen und einer gesicherten Finanzierung umgesetzt werden.“ **Christine Vogler (Präsidentin des Deutschen Pflegerates)** [Deutscher Pflegerat - Pressemitteilungen![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-53.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-15.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/gesetz-zur-befugniserweiterung-verabschiedet-wichtiger-schritt--jetzt-zaehlt-die-umsetzung?ref=uebergabe.de) ## Sächsischer Landespflegerat neu gegründet In Sachsen hat sich der Landespflegerat neu als Verein gegründet. Er vereint künftig die Interessen beruflich Pflegender und Hebammen und strebt die Anerkennung als maßgebliche Organisation der Pflegeberufe im Freistaat an. Der neue Vorstand setzt sich auch **Clemens Regenbrecht** (Vorsitzender) **Lissy Nitsche-Neumann** und **Michael Junge** (jeweils Stellvertreter\*innen) zusammen. Ziel ist die Stärkung der Pflegevertretung und eine engere Zusammenarbeit mit dem Deutschen Pflegerat. [Vereinsgründung des Sächsischen Pflegerates - Pflegerat SachsenMit dem neu gegründeten Verein am 20\. Oktober 2025 wurde eine starke, gemeinsame Stimme für die beruflich Pflegenden und Hebammen…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/cropped-pflegerat-favicon-270x270-2.png)Pflegerat SachsenAlmut Kühme![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/PM_Vereingruendung-des-Saechsischen-Pflegerats_07_11_2025-1.jpg)](https://pflegerat-sachsen.de/vereinsgruendung-des-saechsischen-pflegerates/?ref=uebergabe.de) ## VdPB in Bayern: Neues Präsidium und möglicher DPR-Beitritt Die Delegiertenversammlung der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB) hat ein neues Präsidium gewählt: **Rita Zöllner** (Präsidentin), **Jasmin Bieswanger** (Vizepräsidentin) und **Michael Wetterich** (Vizepräsident). Zudem haben sich die Delegierten dafür ausgesprochen, Gespräche über einen **Beitritt in den Deutschen Pflegerat** aufzunehmen - der Deutsche Pflegerat hatte dazu im Vorhinein die eigene Satzung geändert. [VdPB-Delegierte wählen Rita Zöllner zur neuen Präsidentin - Vereinigung der Pflegenden in BayernDie Delegierten der VdPB wählten in ihrer zweiten Versammlung in diesem Jahr Rita Zöllner zur neuen Präsidentin.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon_400x400.png)Vereinigung der Pflegenden in BayernAnke Röver![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/251113_PM_Neues_Praesidium_fb_timeline.jpg)](https://www.vdpb-bayern.de/vdpb-delegierte-waehlen-rita-zoellner-zur-neuen-praesidentin/?ref=uebergabe.de) ## Übergabe goes Pflegetag Wer es noch nicht geschafft hat, sollte unbedingt die Folgen zum Deutschen Pflegetag 2025 nachhören. Christian, Francis und Florian haben rund 2.5h Podcast für euch produziert und mit vielen wunderbaren Kolleg\*innen in Berlin gesprochen. Der nächste Deutsche Pflegetag findet am 12\. & 13\. November 2026 statt - also schon mal im Dienstplan markierten! Dieser Beitrag ist kostenlos und wird ermöglicht durch zahlende Mitglieder der Übergabe. Wenn dir unsere Arbeit gefällt, dann unterstütze uns gern. Dafür bekommst du neben den regulären Newslettern auch Zugang zu [exklusivem Content, wie unseren Briefings.](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) [Übergabe-Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## ## Zum Weiterhören - [PU109 – Pflegekompetenzgesetz gestoppt / Internationale Pflegenews](https://www.uebergabe.de/pu109/) - [PU104 – Zukunftspakt Pflege und Befugniserweiterungen](https://www.uebergabe.de/pu104/) - [PU100 – Pflegekompetenzgesetz / Pflegefachassistenzgesetz](https://www.uebergabe.de/pu100/) ### Hautgesundheit fördern URL: https://www.uebergabe.de/hautgesundheit-fordern/ Last updated: 2025-11-13T09:00:15.000Z 🗓️ #107 | 13.11.2025 ### Worum geht's? Die Studie befasst sich mit der Frage, wie Hautpflegeinterventionen zur Erhaltung der Hautintegrität in der pflegerischen Praxis beitragen können. Dabei wurden systematische Übersichtsarbeiten zu Hauterkrankunge wie xerosis cutis (Hauttrockenheit) , intertrigo, incontinence-associated dermatitis (Inkontinenz assoziierte Dermatitis) , diaper dermatitis (Windel Dermatitis o. Inkontinezmaterial assoziierte Dermatitis) und skin tears (Einrisse der Haut) analysiert. Die Autor:innen verfolgten einen umfassenden Ansatz, indem sie sowohl Hautrisiken, diagnostische Instrumente als auch Interventionen untersuchten, die die Hautgesundheit in allen Altersgruppen fördern sollen, mit Ausnahme von Frühgeborenen. 💡 ****Xerosis cutis** bezeichnet eine ausgeprägte ****Trockenheit der Haut**, die häufig bei älteren Menschen, Personen mit chronischen Erkrankungen oder infolge bestimmter Medikamente auftritt. Die Haut verliert an Feuchtigkeit und Lipiden, wird rau, schuppig und kann jucken oder einreißen. Besonders gefährdet sind Unterschenkel, Hände und Arme. Ohne geeignete Pflege kann Xerosis cutis zu Rissen, Entzündungen oder Infektionen führen. ****Skin Tears** sind ****mechanisch bedingte Hautrisse**, die entstehen, wenn die empfindliche Haut, meist an Armen, Händen oder Unterschenkeln, durch Scher-, Zug- oder Reibungskräfte verletzt wird. Dabei löst sich die oberste Hautschicht teilweise oder vollständig vom darunterliegenden Gewebe. Besonders gefährdet sind ältere oder mobilitätseingeschränkte Menschen mit dünner, trockener Haut. ****Intertrigo** ist eine ****entzündliche Hautveränderung in Hautfalten**, die durch Reibung, Feuchtigkeit und Wärme entsteht. Typischerweise betroffen sind Achselhöhlen, Leisten, unter der Brust oder in Bauchfalten. Die Haut zeigt Rötung, Nässen und Brennen, häufig begleitet von einem unangenehmen Geruch. Durch die feucht-warme Umgebung können sich zusätzlich Pilze oder Bakterien ansiedeln. ****Dermatitis** ist ein ****übergeordneter Begriff für entzündliche Hautreaktionen**, die durch innere oder äußere Reize verursacht werden können. Sie äußert sich in Rötung, Juckreiz, Schuppung oder Bläschenbildung. Ursachen reichen von allergischen Reaktionen und Kontaktreizen bis hin zu chronischen Erkrankungen wie der atopischen Dermatitis. Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und umfasst meist das Vermeiden von Auslösern, die Hautpflege und gegebenenfalls entzündungshemmende Medikamente. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es die vorhandene Evidenz systematischer Übersichtsarbeiten zur Hautpflege zusammenzufassen. Im Fokus standen sowohl Risikofaktoren und diagnostische Klassifikationen als auch die Wirkung von Reinigungs- und Pflegeinterventionen zur Prävention und Behandlung spezifischer Hautprobleme. Die Ergebnisse sollen Pflegefachpersonen helfen, evidenzbasiert Entscheidungen zur Hautpflege zu treffen. _This post is for paying subscribers only._ ### Live vom Deutschen Pflegetag 2025 – Tag 2 URL: https://www.uebergabe.de/pu107/ Last updated: 2026-09-04T09:48:31.000Z In dieser Sonderfolge begleiten Francis und Florian den zweiten Tag des Deutschen Pflegetags 2025 in Berlin. Der Tag startet ruhiger — es bleibt mehr Zeit für Gespräche: mit Litti und Olschgich vom Podcast zwischenschicht, Regina Wiedemann und Peter Nydahl zu Weiterbildung und Studium, der Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung Katrin Staffler, Brigitte Hauff vom BeKD, Thüringens Gesundheitsministerin Katharina Schenk, Anja und Blendina von Pflege gegen rechts, Kammerpräsidentin Sandra Postel sowie Björn und Lara von der Jungen Pflege im DBfK. Den ausführlichen Bericht zu beiden Kongresstagen — mit allen Stimmen, Einordnungen und Links — findest du im Beitrag [Deutscher Pflegetag 2025](https://www.uebergabe.de/pu106/). ### Deutscher Pflegetag 2025 URL: https://www.uebergabe.de/pu106/ Last updated: 2026-06-17T08:26:57.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Christine Vogler fordert Selbstverwaltung, Berufsautonomie und eigene Definition pflegerischer Kompetenzen. - Das BEEP-Gesetz erlaubt eigenständige Heilkunde wie Wundmanagement ohne ärztliche Anordnung. - Community Health Nursing senkt Krankenhausfälle um bis zu 90 Prozent. - Pflegerische Diagnosen werden Grundlage eigenständiger Entscheidungen, doch kein System ist etabliert. - Disaster Nursing und einheitliche Bildungsarchitektur bleiben zentrale Zukunftsaufgaben der Profession. ## DPT - Tag 1 Der erste Tag des [Deutschen Pflegetags](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) machte sichtbar, was Pflege in Deutschland aktuell bewegt: neue rechtliche Befugnisse, erweiterte Rollenprofile und der Mut, Verantwortung zu übernehmen – für Patient:innen, Communities und Gesellschaft. Gleich zu Beginn wurde Cagla Kurtçu mit dem Deutschen Pflegepreis für ihre Leistungen als Community Health Nurse und ihr unerschütterliches Engagement ausgezeichnet: Herzlichen Glückwunsch! ### Pflege braucht Strukturen, Mut und Selbstverwaltung Im Gespräch mit Christine Vogler, Präsidentin des [Deutschen Pflegerats (DPR)](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de), wurde deutlich: Pflege steht weiterhin zwischen Fortschritt und Stillstand. In ihrer Eröffnungsrede blickte sie auf die im vergangenen Jahr formulierten Ziele zurück – und auf das, was bisher erreicht wurde. 2024 hatte Vogler vier Kernpunkte benannt: Berufsautonomie, Selbstverwaltung, einheitliche Bildungsstrukturen und Handlungskompetenz. Zwar habe die Pflege in den politischen Diskursen an Sichtbarkeit gewonnen, etwa durch die Personalbemessung oder das Tariftreuegesetz, doch entscheidende Reformen blieben aus. Bundesweite Bildungsstandards, echte Handlungskompetenz und eine verbindliche Selbstverwaltung existieren bis heute nicht. Worte seien da, Taten würden noch fehlen, resümiert Vogler sinngemäß. Für 2025 formulierte sie daher vier neue Schwerpunkte, die unmittelbar an die bisherigen Forderungen anknüpfen: 1. Primärversorgungssysteme, in denen Pflegefachpersonen den ersten Zugang zum Gesundheitssystem steuern. 2. Handlungskompetenz und Befugniserweiterung, also die rechtliche und praktische Umsetzung eigenständiger Entscheidungen. 3. Eine einheitliche Bildungsarchitektur, die Pflegeausbildung, Studium und Weiterbildung verbindlich zusammenführt. 4. Die Selbstverwaltung der Pflege, um politische und fachliche Entscheidungen mitgestalten zu können. In Anlehnung an das Kongressmotto #pflegebleibt betonte Vogler, dass Pflege die erste verlässliche Adresse im Gesundheitswesen sei – kompetent, nah an den Menschen und oft diejenige Profession, die den ersten Kontakt herstellt. In zukünftigen Primärversorgungszentren müsse diese Rolle konsequent abgebildet werden. Kritisch äußerte sie sich zur aktuellen Umsetzung des Befugniserweiterungsgesetzes. Zwar begrüßt sie das Prinzip, Pflege mehr Handlungsspielräume zu eröffnen, doch warnt sie davor, die Definition pflegerischer Kompetenzen an den GKV-Spitzenverband zu delegieren. Dieser habe eine völlig andere institutionelle Logik – ökonomisch, nicht professionsbezogen. Pflege, so Vogler, brauche die Möglichkeit, ihren Scope of Practice selbst zu definieren und Verantwortung aus eigenem Fachwissen heraus zu übernehmen. Die Angst, Pflege würde Kostenexplosionen verursachen, wenn sie verschreiben dürfte, hält sie für unbegründet: Pflegefachpersonen verordnen heute schon indirekt, indem sie Bedarfe erkennen und ärztliche Maßnahmen initiieren. Ein zentrales Thema ihres Engagements bleibt die Selbstverwaltung. Vogler bezeichnet das Fehlen einer bundeseinheitlichen Vertretungsstruktur als sträfliche Vernachlässigung staatlicher Verantwortung. Weder existieren valide Daten über die Zahl, das Alter oder die Qualifikation von Pflegefachpersonen, noch kann die Profession eigene berufsrechtliche Standards setzen. In Krisenzeiten – ob Pandemie, Demografie oder Bevölkerungsschutz – sei das ein strukturelles Risiko. Pflege könne derzeit keine Fortbildungspflichten festlegen, keine Qualitätsindikatoren steuern und keine eigenständige Berufsstrategie entwickeln, weil sie institutionell nicht verankert ist. Vogler illustriert das Missverhältnis deutlich: Während in anderen Selbstverwaltungssystemen Hunderte Menschen täglich am Erhalt des Systems arbeiten, beschäftigt der DPR bundesweit acht. Pflegekompetenz fließe so kaum in politische Entscheidungsprozesse ein, obwohl sie in allen Versorgungsbereichen dringend gebraucht werde – von der Primärversorgung bis zur Public Health. Ein pragmatischer Schritt: Der Deutsche Pflegerat hat in den letzten Monaten seine Strukturen geöffnet. Die beiden Pflegekammern sind inzwischen mit Stimmrecht eingebunden. Auch die Landespflegeräte arbeiten in einem neuen gemeinsamen Ausschuss mit. Vogler sieht darin einen wichtigen Übergang hin zu einer bundesweiten, demokratisch legitimierten Selbstverwaltung der Pflege. Der DPR, ursprünglich als Dachverband der Verbände gegründet, entwickelt sich damit zunehmend zu einer politischen Repräsentanz der gesamten Profession. Ihr Appell am Ende des Gesprächs ist eindringlich: Pflege muss sich selbst organisieren. Keine Regierung, kein Verband außerhalb der Profession werde die Autonomie von außen bringen. > „Wenn wir glauben, jemand anders bringt uns gute Bedingungen, irren wir uns.“ > – *Christine Vogler* Die Zukunft der Pflege liegt für Vogler in der gemeinsamen Verantwortung: in Verbänden, Kammern, Netzwerken. Jede Mitgliedschaft, jeder Beitrag stärke die Stimme der Profession – und damit die Möglichkeit, Pflegepolitik von innen heraus zu gestalten. Übergabe ****Mitgliedschaft** 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 280 Menschen, die unsere Arbeit bereits unterstützen.** Wenn du unsere Inhalte schätzt, dich inspiriert fühlst oder einfach gern dabei bist: Werde Teil der Übergabe 💛 Mit deiner Mitgliedschaft erhältst du exklusiven Zugang zu unseren [Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) und zu unserem Videokurs [**Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege*](https://www.uebergabe.de/videkurs-pflegeforschung/) Dein Support macht es möglich, dass wir dieses Projekt weiterführen und ausbauen können 🙌 Danke, dass du Teil davon bist! [Werde jetzt Mitglied ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ### Nina Warken im Interview [Bundesgesundheitsministerin Nina Warken](https://www.bundestag.de/abgeordnete/biografien/W/warken%5Fnina-1047986?ref=uebergabe.de) betonte in ihrer Begrüßungsrede, dass Pflege zu lange nicht die Wertschätzung erhalten habe, die ihr zusteht. Gleichzeitig betonte sie, dass die Löhne gestiegen seien und auch die gesellschaftliche Wertschätzung zugenommen habe. Sie dankte persönlich Christine Vogler dafür, ein Sprachrohr für die Pflegenden zu sein. Der DPR sei unverzichtbar und die Förderung durch das BGM werde fortgeführt. Sie betonte die Notwendigkeit, pflegerische Forderungen zu einen und die Mitwirkung an Gesetzesvorhaben zu sichern. Ihre Rede schloss sie mit der Aussage, dass Pflege eine eigenständige Disziplin in der medizinischen Versorgung sei. Nach ihrer Rede blieb Zeit für eine Frage: Was wird sie bis Montag für die Pflegenden in Deutschland ändern, und welche Beschlüsse und Herausforderungen sind am drängendsten? Ihre Antwort: Mit dem neuen Befugniserweiterungsgesetz erhalten Pflegefachpersonen bereits kurzfristig mehr Handlungsspielräume – etwa im Wundmanagement, der Demenzbetreuung und Diabetesvorsorge. Langfristig sollen Attraktivität des Berufs und Zukunftsfähigkeit der Pflegeversicherung gestärkt werden. ### Community Health Nursing: Versorgung neu denken Ein Highlight des Tages war das Podcast-Gespräch mit Alexander und Oliver, die stellvertretend für das Team der Hamburger Gesundheitshäuser und Pflegepreisträgerin Cagla Kurtçu zu Gast waren. Ihr Konzept steht exemplarisch für den Wandel der Versorgung: weg von der fragmentierten Einzelleistung, hin zu einem wohnortnahen, multiprofessionellen Ansatz. [Gesundheitshäuser Hamburg - Nah, vernetzt und für alleWohnortnahe Gesundheitsversorgung, Prävention und Beratung in Hamburg. Community Health Nurses, Hebammen, Telemedizin und mehr - ohne Termin, mehrsprachig, für alle.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-3.png)Nah, vernetzt und für alleGesundheitshäuser Hamburg![](https://gesundheitshaus-hamburg.de/og-image.jpg)](https://gesundheitshaus-hamburg.de/?ref=uebergabe.de) In sozial benachteiligten Stadtteilen bieten sie niedrigschwellige Gesundheitsberatung, Prävention und Koordination – geleitet von Pflegefachpersonen mit akademischem Hintergrund. Die Community Health Nurses verstehen sich als Knotenpunkt zwischen Medizin, Pflege und Sozialraum. Durch kontinuierliche Begleitung, Aufklärung und Gesundheitskompetenzförderung entlasten sie nicht nur Ärzt:innen, sondern stärken die Selbstwirksamkeit der Menschen vor Ort. Eine Evaluationsstudie aus dem Innovationsfonds zeigte, dass die Zahl ambulant-sensitiver Krankenhausfälle in der Modellregion um bis zu 90 Prozent gesenkt werden konnte – ein eindrucksvoller Beleg für den ökonomischen und gesundheitlichen Nutzen. Trotzdem bleibt die Finanzierung prekär: Nur die AOK Rheinland-Hamburg beteiligt sich bislang über Selektivverträge. Ihre Forderung ist klar: eine langfristig abgesicherte, regelhafte Finanzierung, die den Mehrwert solcher Strukturen anerkennt. Gesundheitshäuser könnten so zu einer tragenden Säule im öffentlichen Gesundheitswesen werden. ### Ernährung und Pflegepraxis: Innovationskraft aus der Station Am Stand der [BG-Kliniken](https://www.bg-kliniken.de/klinik-ludwigshafen/?ref=uebergabe.de) stellten Ursula Wacker und [Kerstin Heinz](https://www.bg-kliniken.de/klinik-ludwigshafen/mitarbeiter/kerstin-heinz/7981/?ref=uebergabe.de) ein praxisnahes Projekt vor: das sogenannte „Q-Müsli“. Dahinter verbirgt sich eine gezielte Ernährungsintervention für querschnittgelähmte Patient:innen. Im Zuge des interdisziplinären Case Managements wurde festgestellt, dass die bisherige Kost zu wenig Ballaststoffe enthielt und damit den Darmmanagement-Prozess erschwerte. Durch die Einführung des modifizierten Müslis mit abführenden Komponenten konnten Laxanzien reduziert und gleichzeitig die Lebensqualität der Patient:innen verbessert werden. Das Beispiel zeigt, wie Pflegefachlichkeit aus der Praxis heraus therapeutische Wirkung entfalten kann – evidenzbasiert, ressourcenschonend und patientenzentriert. ### Gesetzliche Befugniserweiterung: Pflege übernimmt Verantwortung Zentraler Programmpunkt des Tages war die Präsentation des [Gesetzes zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege (BEEP)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/befugniserweiterungsgesetz-bundestag-06-11-25.html?ref=uebergabe.de). Heike Hoffer, Referatsleiterin im Bundesgesundheitsministerium, erläuterte die neuen Möglichkeiten: Pflegefachpersonen dürfen künftig selbstständig bestimmte Heilkunde-Maßnahmen durchführen – etwa Katheter legen oder Wundmanagement initiieren – ohne ärztliche Anordnung. Damit wird erstmals gesetzlich anerkannt, dass Pflege nicht nur unterstützend, sondern heilkundlich tätig ist. Die Verantwortung soll künftig durch die Selbstverwaltung konkretisiert werden, also durch den GKV-Spitzenverband. Pflegeverbände sollen mitreden. Ein zentraler Aspekt ist die Einführung pflegerischer Diagnosen. Sie bilden die Grundlage für eigenständige Entscheidungen und verdeutlichen, dass Pflege über ein eigenes professionelles Wissen verfügt. Der Begriff der „Befugniserweiterung“ ersetzt bewusst den Begriff „Kompetenzerweiterung“ – denn die Kompetenz ist längst vorhanden, sie erhält nun endlich rechtliche Geltung. ### Akademisierung und Nachqualifizierung: Perspektiven der Hochschulen Wie diese neuen Befugnisse umgesetzt und in Ausbildung und Studium integriert werden könnten, erläuterte Prof. Dr. Johannes Gräske, [Vorsitzender der Bundesdekanenkonferenz Pflegewissenschaft](https://www.dekanekonferenz-pflegewissenschaft.de/?ref=uebergabe.de). Er machte deutlich, dass die Pflegeausbildung in Deutschland noch stark heterogen ist – zwischen sechs- und achtsemestrigen Bachelorstudiengängen und uneinheitlichen Qualifikationsprofilen. Gräske fordert klare Strukturen, um die Anschlussfähigkeit zum Master- und Advanced-Practice-Bereich sicherzustellen. Gleichzeitig warnte er vor einer Spaltung zwischen beruflich Qualifizierten und akademisch Ausgebildeten. Über Brückenkurse und Zertifikatsprogramme sollten auch bisherige Bachelor-Absolvent:innen oder beruflich ausgebildete Pflegefachpersonen die neuen heilkundlichen Kompetenzen erwerben können. Die Bundesdekanenkonferenz plädiert dafür, die Akademisierung als inklusiven Prozess zu verstehen: nicht als Trennung, sondern als gemeinsame Weiterentwicklung der Profession. ### Pflegewissenschaftliche Einordnung: Diagnosen als Sprache der Profession [Prof. Dr. Thomas Fischer von der Evangelischen Hochschule Dresden](https://ehs-dresden.de/hochschule/menschen/mitarbeiterinnen-profil?username=Thomas.Fischer&cHash=4b559d5ebee6e2f1b7beb52ffa003cb0&ref=uebergabe.de) brachte eine wissenschaftliche Perspektive ein: Welche Diagnosesysteme eignen sich überhaupt für die Pflege? In Deutschland existiert bisher kein einheitlich etabliertes System. Genutzt werden teils NANDA-Diagnosen aus den USA oder European Nursing Care Pathways (ENP), doch beide sind nicht flächendeckend implementiert. Fischer sieht in der Einführung pflegerischer Diagnosen eine Chance zur Professionalisierung – aber auch zur inhaltlichen Selbstverortung. Er plädiert dafür, über rein pflegerische Klassifikationen hinauszudenken und eventuell auch Teile der ICD-Systematik zu nutzen, etwa dort, wo Funktionsstörungen und Aktivitäten des täglichen Lebens beschrieben werden. Damit könnte Pflege eine Brücke schlagen zwischen medizinischer und sozialer Diagnostik – und ihre eigene Expertise sichtbarer machen. ### Disaster Nursing: Pflege in Krisen und Katastrophen Ein weiterer Schwerpunkt des ersten Tages war das Gespräch mit [Marie-Christine Petrasch, Community Health Nurse an den DRK-Kliniken Berlin-Köpenick](https://www.drk-kliniken-berlin.de/koepenick/community-health-nursing?ref=uebergabe.de). Ihr Thema: Disaster Nursing, also die Pflege in Katastrophen- und Krisensituationen. Sie erläuterte, dass Pflegefachpersonen bisher kaum auf solche Szenarien vorbereitet sind – weder strukturell noch curricular. Dabei zeigten Ereignisse wie die Flut im Ahrtal oder großflächige Stromausfälle, dass Pflege in Katastrophen oft die erste erreichbare Profession ist. Disaster Nursing befähigt Pflegende, in Krisen handlungssicher zu agieren, Versorgung zu organisieren und Bevölkerungsschutz mitzugestalten. Fort- und Weiterbildungen existieren bereits in Kooperation mit dem Deutschen Roten Kreuz, doch Petrasch fordert, das Thema langfristig in die Grundausbildung und akademische Lehre zu integrieren. Katastrophenpflege sei keine Nische, sondern Teil einer modernen, resilienten Gesundheitsversorgung – gerade angesichts von Klimawandel, Pandemien und geopolitischen Krisen. ### Berufspolitik in Bewegung: Pflegegrün will gestalten Zum Abschluss des Tages sprach [Kevin Galuszka](http://kevin-galuszka.de/?ref=uebergabe.de), langjähriger Pflegefachmann, Wissenschaftler und Teil des Deutschen Pflegerats. Mit der Gründung des Vereins Pflegegrün setzt er gemeinsam mit Kolleg:innen ein deutliches Zeichen: Pflege will politisch mitreden – parteinah, aber unabhängig. Pflegegrün versteht sich als Netzwerk für Menschen, die Pflegepolitik sichtbarer machen und innerhalb wie außerhalb der Partei Bündnis 90/Die Grünen an gesundheits- und sozialpolitischen Konzepten arbeiten möchten. Mitglied können alle werden, die sich für Pflege- und Berufspolitik engagieren wollen, unabhängig von Parteimitgliedschaft. Die Initiative zeigt, dass Pflege sich zunehmend auch zivilgesellschaftlich organisiert, um Themen wie Arbeitsbedingungen, Akademisierung, Klimafolgen und Public Health aktiv zu gestalten. Der Pflegetag bot dafür die passende Bühne – als Ort der Begegnung und als Symbol einer Profession, die in Bewegung ist. • • • ## DPT - Tag 2 Der zweite Tag des Deutschen Pflegetags 2025 zeigte erneut, wie vielfältig und lebendig die Pflege in Deutschland ist. Zwischen Fachvorträgen, politischen Impulsen und spontanen Begegnungen entstand ein Bild einer Profession, die sich nicht nur weiterentwickeln, sondern auch positionieren will. Pflegefachpersonen, Wissenschaftler:innen, Politiker:innen und Aktivist:innen kamen zu Wort – mit unterschiedlichen Schwerpunkten, aber einem gemeinsamen Ziel: Pflege sichtbar, wirksam und zukunftsfähig zu machen. ### Podcastkultur als Spiegel der Pflege Den Auftakt machten Litti und Olschgich vom Podcast [Zwischenschicht](https://www.podcast.de/podcast/901144/zwischenschicht?ref=uebergabe.de). Seit fünf Jahren gestalten sie ein Format, das pflegerische Realität und Unterhaltung miteinander verbindet. Der eine ist Krankenpfleger mit 25 Jahren Berufserfahrung, der andere Außenstehender – und genau dieses Spannungsverhältnis macht ihren Podcast so zugänglich. Sie erzählen, wie sie mit einfachen Mitteln gestartet sind und über 200 Folgen hinweg eine beachtliche Community aufgebaut haben. Heute steht hinter der Zwischenschicht ein kleines Produktionsteam, und die Gespräche reichen von Berufspolitik bis zu Alltagsgeschichten aus der Pflegepraxis. Ihr Ansatz: Wissensvermittlung mit Leichtigkeit, aber ohne inhaltsleere Unterhaltung. Gleichzeitig reflektieren sie kritisch die Entwicklung der Pflegepodcast-Landschaft. Während frühere Formate oft unprofessionell produziert waren, etabliert sich nun eine Szene, die journalistisch arbeitet und Themen bewusst setzt. Dass Pflegefachpersonen selbst Inhalte gestalten, gilt ihnen als Zeichen einer Profession, die ihre eigene Stimme erhebt – jenseits klassischer Medienlogiken. Die beiden betonen zudem, wie wichtig Kooperation statt Konkurrenz ist: Pflege-Podcasts verstehen sich nicht als Wettbewerber, sondern als Teil einer gemeinsamen Bewegung. Dieser kollegiale Umgang, sagen sie, sei Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses – solidarisch, kritisch und lernbereit. ### Weiterbildung zwischen Anspruch und Struktur Ein inhaltlicher Schwerpunkt des zweiten Tages lag auf der akademischen Qualifizierung und der Rolle der Advanced Practice Nurses (APN). Der [Pflegewissenschaftler Dr. Peter Nydahl aus Kiel](https://www.uksh.de/Pflege/Unsere+Pflegenden/Pflegewissenschaften.html?ref=uebergabe.de) und [Dr. Regina Wiedemann von der Fliedner Fachhochschule](https://www.fliedner-fachhochschule.de/staff/regina-wiedemann/?ref=uebergabe.de) diskutierten die Frage, wie Weiterbildung und Studium künftig ineinandergreifen sollen. Nydahl machte deutlich, dass der Bachelorabschluss in der Pflege mehr ist als ein akademischer Titel – er steht für wissenschaftlich fundierte, reflektierte Praxis. Doch die Profession müsse aufpassen, nicht zum „billigen Arztersatz“ zu werden, wenn neue Heilkunderechte eingeführt werden. Die Befugniserweiterung müsse die Pflege stärken, nicht instrumentalisieren. Wiedemann stellte die ersten spezifischen Masterprogramme in Onkologie vor, die mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe entstehen. Ziel sei es, Fachweitergebildete über verkürzte Bachelorprogramme in klinische Masterstudiengänge zu führen. Damit soll ein durchlässiges System geschaffen werden, das Berufserfahrung und akademische Qualifikation verbindet. Beide betonen, dass Deutschland klare, aber flexible Qualifikationsrahmen braucht: genug Homogenität, um Qualität zu sichern, aber auch Offenheit, um individuelle Laufbahnen zu ermöglichen. Entscheidend sei, dass pflegerische Expertise über Sektorengrenzen hinweg wirksam wird – in Kliniken, Praxen und der häuslichen Versorgung. Zugleich wurde das Thema Finanzierung angesprochen: Wie lassen sich akademische Rollen in der Praxis verankern, wenn Budgets fehlen? Modelle reichen derzeit von tariflichen Zuschlägen bis zu Projektstellen. Eine bundesweite Regelung steht aus – und bleibt eine der zentralen Baustellen für die Profession. ### Pflegepolitik zwischen Entbürokratisierung und Befugniserweiterung Die neue Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, [Katrin Staffler,](https://www.bundestag.de/abgeordnete/biografien/S/staffler%5Fkatrin-1047508?ref=uebergabe.de) sprach über ihre Rolle zwischen Politik und Praxis. Ihr Ziel: Pflegefachpersonen sollen endlich die Kompetenzen nutzen können, die sie längst haben. Das neue Gesetz zur Befugniserweiterung ist für sie ein wichtiger Schritt für Selbstverständnis und Attraktivität des Berufs. Staffler betont, dass Digitalisierung und Entbürokratisierung zentrale Elemente einer modernen Pflegepolitik seien. Digitale Lösungen könnten Routineaufgaben verringern und Dokumentationspflichten vereinfachen – ein direkter Beitrag zur Arbeitsentlastung. [Startseite - Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung Katrin StafflerDie Pflegebevollmächtigte ist Ansprechpartnerin für alle in der Pflege Beteiligten. Sie tritt für die Interessen der Pflegebedürftigen im politischen Raum ein und setzt sich dafür ein, dass ihre Belange im Mittelpunkt des Pflege- und Gesundheitssystems stehen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-180x180-8.png)BMG![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo_gr.png)](https://www.pflegebevollmaechtigte.de/?ref=uebergabe.de) Auf die Frage nach Advanced Practice Nursing und Community Health Nursing verweist sie auf den politischen Fahrplan: Nach dem Pflegeassistenzgesetz und der Befugniserweiterung stehe als nächstes die gesetzliche Grundlage für APN an. Ihr Appell ist klar: Pflege braucht Gestaltungsspielräume, keine engen Grenzen. ### Pädiatrische Pflege braucht Profil Mit Brigitte Hauf, stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbands Kinderkrankenpflege Deutschland (BeKD), wurde ein Thema aufgegriffen, das in der Generalistik-Debatte oft übersehen wird: die Zukunft der Kinderkrankenpflege. [Home - BeKD e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/cropped-favicon-270x270.png)BeKD e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Bild-Bewerbung-korrekte-Masse.png)](https://bekd.de/?ref=uebergabe.de) Ausgangspunkt war das neue [Positionspapier des Deutschen Pflegerats zur Pflegebildung](https://deutscher-pflegerat.de/download/2025-09-20%5Fdpr%5Fpp%5Fpflegebildung.pdf?ref=uebergabe.de). Während dort über eine Abschaffung der Spezialisierungen nachgedacht wird, warnt der BeKD vor einem Verlust pädiatrischer Expertise. Nur ein Prozent der Absolvent:innen wählen den Schwerpunkt Kinderkrankenpflege – doch das, so Hauf, liege auch daran, dass viele Schulen das Wahlrecht gar nicht anbieten. Die Konsequenz: Wenn der spezialisierte Berufsabschluss entfällt, droht eine Versorgungslücke bei schwerkranken Kindern. Hauf fordert daher eine bundeseinheitliche Anschlussqualifikation sowie den Ausbau spezialisierter Bachelor- und Masterprogramme, etwa in Advanced Practice Pädiatrie. Ihr zentrales Argument: Kinder sind keine „kleinen Erwachsenen“. Wer Säuglinge mit 600 Gramm Geburtsgewicht oder beatmete Kinder betreut, braucht hochspezialisierte Kompetenzen – klinisch, kommunikativ und familienorientiert. Eine rein generalistische Ausbildung könne das nicht abbilden. ### Prävention, ÖGD und Community Health Auch die Politik der Länder war präsent: [Katharina Schenk, Gesundheitsministerin Thüringens und Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz](https://www.tmasgff.de/ministerium/ministerin?ref=uebergabe.de), sprach über den öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) als unterschätzte Säule des Systems. Sie machte deutlich, dass Prävention mehr Aufmerksamkeit verdient. Gesundheitsförderung beginne, bevor Krankheit entsteht – und hier habe der ÖGD eine Schlüsselrolle, etwa in Kitas, Schulen oder kommunalen Projekten. Schenk kritisierte, dass der ÖGD-Pakt des Bundes ausgelaufen ist und damit die finanzielle Unterstützung für Kommunen gefährde. Sie forderte, pflegerische Rollen stärker einzubinden – insbesondere Community Health Nurses, die Prävention, Versorgung und soziale Arbeit verbinden. > „Pflege ist kein Randthema, sondern Teil öffentlicher Daseinsvorsorge.“ > – *Katharina Schenk* In Bezug auf die Krankenhausreform betonte sie, dass Pflege bei der Diskussion um Personaluntergrenzen und Leistungsgruppen mitgedacht werden müsse. Heilung sei kein rein ärztlicher Prozess. Ohne Pflege gebe es keine Genesung, keine Qualität, keine wohnortnahe Versorgung. Zugleich zeigte sie Verständnis für föderale Vielfalt: Thüringen plant zunächst ein Pflegeentwicklungsgesetz, bevor über eine Landespflegekammer entschieden wird. Pflegepolitik, so Schenk, müsse pragmatisch und partizipativ zugleich sein. ### Pflege gegen Rechts Einen starken gesellschaftspolitischen Akzent setzten Anja Wiedermann und Blendina Beqiri mit ihrer Initiative Pflege gegen Rechts. Was als Onlinebewegung begann, ist heute ein wachsendes Netzwerk von Pflegefachpersonen, die sich gegen Diskriminierung, Rassismus und Rechtsextremismus positionieren. [Pflege gegen Rechts![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-50.ico)Pflege gegen Rechts![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/PGR-003.png)](https://pflege-gegen-rechts.de/?ref=uebergabe.de) Ohne Satzung, ohne Hierarchien, aber mit klaren Werten vernetzen sie sich über soziale Medien, führen Live-Gespräche, teilen Erfahrungen aus der Praxis und schaffen einen sicheren Raum für Betroffene. Beqiri beschreibt, wie sich Rassismus im Pflegealltag zeigt – oft nicht laut, sondern subtil: durch Mikroaggressionen, strukturelle Barrieren oder „positive Vorurteile“, die trotzdem ausgrenzen. > „Wir müssen Haltung zeigen, auch wenn’s unbequem ist.“ > \- Blendina Beqiri Wiedermann betont, dass Haltung zeigen Teil professioneller Verantwortung ist. Pflege gegen Rechts will stärken, vernetzen und dazu beitragen, dass Diskriminierung im Gesundheitswesen sichtbar gemacht wird. Ihr Engagement zeigt, dass Pflege nicht nur ein Berufsfeld ist, sondern auch ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. Wer Menschen pflegt, steht in Beziehung – und Beziehung braucht Respekt. ### Berufsrecht, Weiterbildung und Verantwortung Mit Sandra Postel, Präsidentin der Landespflegekammer Nordrhein-Westfalen, wird deutlich, wie weit die Profession auf Landesebene bereits gekommen ist – und welche Aufgaben noch bevorstehen. Mit über 250.000 registrierten Mitgliedern ist die Pflegekammer NRW die größte heilberufliche Vertretung Deutschlands. Nach dem Aufbau organisatorischer Strukturen rückt nun die konkrete Gesetzes- und Berufsrechtsarbeit in den Mittelpunkt. [Pflegekammer NRWAlle Infos zu den Leistungen für beruflich Pflegende lesen Sie hier. Jetzt Mitglied werden und Teil einer starken Stimme für die Pflege werden.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-10.svg)Pflegekammer NRW![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Banner_1024x416px_Auswahl-1-scaled.png)](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de) Zentrale Themen sind dabei die Berufsordnung und die Weiterbildungsordnung, die festlegen, was Pflege leisten darf und welche Qualifikationen verpflichtend sind. Besonders wichtig ist Postel die Abgrenzung pflegerischer Aufgaben: In aktuellen Gesetzesnovellen, etwa im Bereich der forensischen Psychiatrie, positioniert sich die Kammer klar – Transporte von Patient:innen sind keine pflegerische Tätigkeit, sondern zusätzliche Aufgaben, die nicht zur originären Profession gehören. ![Francis & Florian sitzen mit Headsets am Tisch und sind im Gespräch mit Sandra Postel](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/11/IMG_8666-1-1.jpeg) Francis & Florian im Gespräch mit Sandra Postel Darüber hinaus treibt die Kammer in NRW die Entwicklung einer handlungsfeldbezogenen Weiterbildungssystematik voran. Sie soll Pflegefachpersonen ermöglichen, nach der generalistischen Ausbildung in spezialisierte Bereiche einzusteigen – beispielsweise in der Pädiatrie. Damit reagiert die Kammer auf die Erkenntnis, dass Generalistik zwar Basiswissen schafft, aber Vertiefung und Spezialisierung notwendig bleiben. Ein weiteres Ziel ist die Einführung einer Fortbildungsordnung, um lebenslanges Lernen verbindlich zu machen und die Refinanzierung von Weiterbildung dauerhaft zu sichern. Postel betont, dass regulierte Strukturen Sicherheit schaffen – für Pflegende wie für Arbeitgeber. Die Pflegekammer Rheinland-Pfalz, die diese Ordnung bereits eingeführt hat, gilt dabei als Vorbild. > „Wir müssen raus aus der Unregulierung, hin zu gesicherter Weiterbildung.“ > – *Sandra Postel* Auch die Zusammenarbeit zwischen den Kammern und anderen Institutionen ist enger geworden. Mit der Vereinigung der Pflegenden in Bayern und dem Deutschen Pflegerat besteht mittlerweile ein konstruktiver Austausch. Durch eine geänderte Satzung können Landespflegekammern künftig Mitglieder des Deutschen Pflegerats werden – ein Schritt, der die berufsrechtliche Perspektive auf Bundesebene stärkt. Schließlich warnt Postel vor dem drohenden Versorgungsmangel in Nordrhein-Westfalen: Laut einer Kammererhebung werden in den kommenden Jahren rund 40 % der Pflegefachpersonen in Rente gehen. Die Kammer reagiert mit Beratung, Datenaufbereitung und kommunaler Vernetzung. Themen wie Quartiersentwicklung, Fachkräftegewinnung und Community Health Nursing stehen daher weit oben auf der Agenda. Bis Februar 2026 soll ein Positionspapier entstehen, das festlegt, wie Advanced Practice Nurses und Community Health Nurses strukturell verankert werden können. Postels Fazit ist klar: Pflege braucht politische Mitgestaltung, klare Berufsrechte und den Mut, sich selbst zu organisieren. Nur dann kann Pflege in der Versorgung, Bildung und Forschung langfristig Verantwortung übernehmen. ### Junge Pflege zwischen Engagement und Empowerment Im Gespräch mit Björn und Lara aus der Jungen Pflege im DBfK wird deutlich, wie stark die nächste Generation von Pflegefachpersonen bereits in berufspolitische Prozesse eingebunden ist. Beide engagieren sich in den Lenkungsgruppen des Verbandes – Björn im Regionalverband Nordwest, Lara im Nordost – und waren federführend an der Organisation des Junge Pflege Kongresses beteiligt, der parallel zum Deutschen Pflegetag stattfand. [Junge PflegeDie Junge Pflege im DBfK vernetzt junge Pflegende: Auszubildende, Studierende und Berufseinsteiger:innen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-51.ico)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DBfK_Logo_Kuller-9.svg)](https://www.dbfk.de/de/dbfk/junge-pflege/?ref=uebergabe.de) Mit internationaler Beteiligung, etwa durch den ICN-Präsidenten Howard Catton, wurde deutlich, dass Pflege längst Teil einer globalen Diskussion ist. Themen wie die neue Definition of Nursing und die internationale Vernetzung zeigen, dass junge Pflegefachpersonen ihr Berufsbild zunehmend als gesellschaftlich-politische Rolle verstehen. Die Junge Pflege vertritt Auszubildende, Studierende und Berufseinsteiger:innen und bringt deren Perspektive in den Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe ein. Besonders im Fokus steht die Qualität der Ausbildung. Eigene Umfragen zeigten, dass die Praxisanleitung oft nicht ausreichend umgesetzt wird und Auszubildende teils zum Personalausgleich herangezogen werden. Die Forderung: Ausbildung muss Lernraum bleiben – keine Lückenbüßerfunktion. Darüber hinaus setzen sich die jungen Engagierten für Empowerment und berufspolitische Beteiligung ein. Lara berichtet, dass das Interesse an berufspolitischem Engagement spürbar wächst, vor allem im Norden und Osten Deutschlands. Je mehr junge Menschen sich beteiligen, desto stärker kann Pflege ihre Zukunft selbst gestalten. Das Engagement der Jungen Pflege ist dabei nicht nur organisationsintern, sondern auch emotional verankert. Der Austausch mit erfahrenen Kolleg:innen auf dem Pflegetag wird als motivierend erlebt. Er zeigt, dass Pflegegenerationen voneinander lernen können – Erfahrung und Idealismus ergänzen sich. Björn betont, dass Kongresse wie der Deutsche Pflegetag Motivation und Orientierung geben. Besonders inspirierend seien die Auftritte von Persönlichkeiten wie Christine Vogler, die in ihren Reden das Selbstbewusstsein und die Gestaltungsrolle der Pflege betone. Für viele junge Pflegende steht fest: Pflege ist nicht nur ein Beruf, sondern eine Bewegung – und wer Teil davon ist, kann etwas verändern. • • • ## Fazit Der Deutsche Pflegetag 2025 zeigte eine Profession im Wandel. Pflegefachpersonen treten zunehmend als gestaltende Akteur:innen eines modernen Gesundheitswesens auf – wissenschaftlich fundiert, politisch vernetzt und praxisnah. Die Gespräche machten deutlich, dass die Pflege in vielen Bereichen bereits Verantwortung übernimmt: in der Primärversorgung, in der Forschung, in der Katastrophenhilfe und in der politischen Interessenvertretung. Gleichzeitig bleibt der Weg zu struktureller Selbstbestimmung offen. Themen wie eine bundeseinheitliche Bildungsarchitektur, echte Handlungskompetenz und eine gesetzlich verankerte Selbstverwaltung sind weiterhin zentrale Aufgaben. Beide Tage haben gezeigt, dass Pflege mehr ist als Versorgung – sie ist Expertise, Haltung und gesellschaftliche Relevanz. Der Pflegetag 2025 markiert dabei nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern einen Aufbruch: hin zu einer Pflege, die sich selbstbewusst in Verantwortung begibt und Zukunft aktiv mitgestaltet. **Wir danken dem Deutschen Pflegetag herzlich für die Einladung!** • • • Kooperation? **Solltest du Interesse daran haben, bei uns* ***im Newsletter oder im Podcast** *zu* ***werben oder eine Stellenanzeige zu schalten,** *freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme per E-Mail:* [**hallo@uebergabe.de*](mailto:hallo@uebergabe.de) [Schreib uns! ](mailto:hallo@uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [PU108 – Pflegekompetenzgesetz / Recap DPT 2025](https://www.uebergabe.de/pu108/) - [PU104 – Zukunftspakt Pflege und Befugniserweiterungen](https://www.uebergabe.de/pu104/) - [PU110 – Stand des BEEP / Diskussionen um PK RLP und den Zukunftspakt Pflege](https://www.uebergabe.de/pu110/) ### Was macht eigentlich der Schichtdienst mit uns? URL: https://www.uebergabe.de/was-macht-eigentlich-der-schichtdienst-mit-uns/ Last updated: 2026-01-03T22:29:32.000Z 🗓️ #106 | 06.11.2025 ### Worum geht's? In dieser Studie geht es um den Zusammenhang zwischen Schichtarbeit, insbesondere Nachtschichten, und Schlafstörungen sowie arbeitsbedingtem Stress bei Pflegefachpersonen. Insbesondere wird untersucht, wie sich diese Belastungen geschlechtsspezifisch auswirken und welche Rolle soziale Unterstützung am Arbeitsplatz dabei spielt. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, geschlechtsspezifisch zu analysieren, wie Pflegefachpersonen in der Schichtarbeit von Schlafstörungen und arbeitsbezogenem Stress betroffen sind, und herauszufinden, ob soziale Unterstützung einen schützenden Einfluss ausübt. _This post is for paying subscribers only._ ### Positionen zur Pflegebildung & Krankenhausreform URL: https://www.uebergabe.de/pu105/ Last updated: 2026-06-13T23:24:12.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der DPR fordert eine ausschließlich generalistische Pflegeausbildung – 2024 schlossen 99% generalistisch ab. - Hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen sollen heilkundliche Tätigkeiten künftig selbst prüfen dürfen. - Pflegequalifikationen sollen klar im DQR (Niveau 4 bis 8) verortet werden. - Die Streichung der Pflegepersonaluntergrenzen gefährdet laut DPR und DBfK die Versorgungssicherheit. - Ab 2027 gilt eine bundeseinheitliche 18-monatige Pflegefachassistenzausbildung. ## Zukunft der Pflegebildung: Positionspapiere des Deutschen Pflegerats Der [Deutsche Pflegerat ](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de)hat in den vergangenen Wochen drei Positionspapiere zur Weiterentwicklung der Pflegebildung veröffentlicht. Sie verdeutlichen, dass Bildungspolitik eine Schlüsselfunktion für die Professionalisierung der Pflege einnimmt. [Deutscher Pflegerat - Positionspapiere![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-46.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-14.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/positionspapiere?ref=uebergabe.de) ### Generalistische Ausbildung als Standard Im Papier *"*[*Pflegebildung zukunftssicher ausrichten*](https://deutscher-pflegerat.de/download/2025-09-20%5Fdpr%5Fpp%5Fpflegebildung.pdf?ref=uebergabe.de)" spricht sich der DPR dafür aus, die Pflegeausbildung künftig ausschließlich generalistisch zu gestalten. Grundlage dieser Forderung sind aktuelle Ausbildungsstatistiken: Im Jahr 2024 schlossen 99% aller Absolvent:innen eine generalistische Ausbildung ab; lediglich 100 Personen beendeten eine Ausbildung in der Altenpflege, 300 in der Kinderkrankenpflege. Aus Sicht des DPR belegen diese Zahlen, dass eine Fortführung der getrennten Ausbildungswege nicht mehr sinnvoll ist. Die Generalistik ermögliche ein breites Kompetenzprofil, fördere die berufliche Mobilität und stärke die Einheit der Profession. Spezialisierungen sollen künftig über Weiterbildungen oder Zusatzqualifikationen erfolgen. Damit folgt der Verband einem Trend, der international seit Jahren erkennbar ist: Pflegeberufe werden zunehmend als generalistisch ausgebildete Kernprofession verstanden, deren Spezialisierungen auf einem gemeinsamen Fundament aufbauen. ### Prüfungsordnung und Gleichstellung akademischer Qualifikationen Ein zweites Papier befasst sich mit der "[*Prüfungsordnung für Pflegestudiengänge*](https://deutscher-pflegerat.de/download/2025-10-13%5Fdpr%5Fpp%5Fpruefungen%5Fim%5Fpflegestudium.pdf?ref=uebergabe.de)*"*. Der DPR fordert, dass Pflegefachpersonen mit entsprechender Qualifikation auch heilkundliche Tätigkeiten prüfen dürfen. Nach der aktuellen Rechtslage dürfen diese Prüfungen nur durch Ärzt:innen abgenommen werden. Der Verband sieht darin eine strukturelle Einschränkung der pflegerischen Selbstständigkeit. Hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen verfügen über die erforderliche Expertise, um praktische und mündliche Prüfungen in ihren Kompetenzbereichen durchzuführen. Eine gesetzliche Anpassung wäre ein wichtiger Schritt zur Gleichwertigkeit von pflegerischer und medizinischer Qualifikation. Darüber hinaus verweist der DPR auf die curriculare und didaktische Integrität der Pflegestudiengänge. Prüfungsrechte für Pflegefachpersonen würden die Umsetzung erweiterter heilkundlicher Kompetenzen in der Versorgungspraxis langfristig sichern. ### Pflegeberufliche Kompetenzen im Deutschen Qualifikationsrahmen Das dritte Papier trägt den Titel[ *„Pflegeberufliche Kompetenzen im DQR sichtbar und anschlussfähig machen“*](https://deutscher-pflegerat.de/download/2025-10-16%5Fdpr%5Fpp%5Fpflegeberufliche%5Fkompetenzen%5Fsichtbar%5Fund.pdf?ref=uebergabe.de) und bezieht sich auf die Ergebnisse des [BAPID-Projekts](https://deutscher-pflegerat.de/download/bapid%5Fi%5Fonepager%5Ffinal.pdf?ref=uebergabe.de). Der DPR fordert eine eindeutige und nachvollziehbare Zuordnung pflegerischer Qualifikationen im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR). Vorgesehen ist folgende Eingruppierung: - Pflegefachassistenzpersonen auf Niveau 4 - ausgebildete Pflegefachpersonen auf Niveau 5 - Pflegefachpersonen mit grundständigem Bachelorabschluss auf Niveau 6 - Masterabschlüsse auf Niveau 7 - Promotionen auf Niveau 8 Diese Zuordnung soll die Durchlässigkeit zwischen Bildungsstufen erhöhen, Karrierewege transparent machen und die Vergleichbarkeit mit anderen Gesundheitsberufen gewährleisten. Sie schafft zugleich die Voraussetzung, Pflege als akademische Profession im europäischen Kontext eindeutig zu positionieren. ## Zum Weiterhören - [ÜG189 – BAPID - die neue Bildungsarchitektur für die Pflege (Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen Hoops)](https://www.uebergabe.de/ug189/) - [ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann)](https://www.uebergabe.de/ug168/) - [ÜG183 – Personalbemessung in der Pflege (Martin Pohlmann & Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug183/) --- ## Krankenhausreform-Anpassungsgesetz: Pflegepersonaluntergrenzen kein Qualitätskriterium Parallel zu den bildungspolitischen Diskussionen wurde das [Krankenhausreform-Anpassungsgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/K/KHAG%5FKabinett.pdf?ref=uebergabe.de) vorgelegt. Es ersetzt das frühere Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) und reagiert auf die anhaltenden Herausforderungen der Krankenhauslandschaft. Ziel ist eine Umstellung der Finanzierung auf sogenannte Vorhaltepauschalen, die den Kliniken eine stabilere wirtschaftliche Grundlage bieten sollen. Vorhaltepauschalen bedeuten, dass Krankenhäuser künftig nicht mehr ausschließlich für einzelne Behandlungsfälle vergütet werden, sondern für die Bereitstellung notwendiger Infrastruktur. Damit sollen insbesondere kleinere und spezialisierte Einrichtungen Planungssicherheit erhalten. Allerdings hat die jüngste Fassung der Reform deutliche Kritik ausgelöst. Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die Streichung der Pflegepersonaluntergrenzen aus den Qualitätskriterien der Leistungsgruppen. [Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) | BMG![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-47.ico)BMG![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Krankenhausflur_500x500_af6b21354d-2.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/krankenhausreformanpassungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) ### Bedeutung der Pflegepersonaluntergrenzen Die Untergrenzen sind bisher das einzige bundesweit verbindliche Instrument zur Sicherung einer Mindestbesetzung in der Pflege. Sie dienen der Patient:innensicherheit und bilden eine Grundlage für planbare Arbeitsbedingungen. Ihr Wegfall bedeutet, dass die Einhaltung personeller Standards nicht mehr verpflichtend an die Genehmigung bestimmter Leistungsgruppen gekoppelt ist. Der Deutsche Pflegerat und der [Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) ](https://www.dbfk.de/de/?ref=uebergabe.de)bewerten diesen Schritt als Rückschritt für die Versorgungsqualität. Pflege sei ein zentraler Qualitätsfaktor der Krankenhausversorgung und müsse entsprechend im Gesetz berücksichtigt werden. Solange kein alternatives System – etwa die PPR 2.0 – verbindlich implementiert ist, gefährde der Wegfall der Untergrenzen die Versorgungssicherheit. Darüber hinaus verweisen beide Verbände darauf, dass pflegerische Qualität nicht allein durch ökonomische Effizienz definiert werden könne. Personalbemessung ist ein zentrales Element patient:innenorientierter Versorgung und Voraussetzung für eine sichere, evidenzbasierte Pflegepraxis. [DBfK-StellungnahmenHier finden Sie eine Übersicht zu aktuellen Stellungnahmen des DBfK.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-48.ico)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DBfK_Logo_Kuller-8.svg)](https://www.dbfk.de/de/berufspolitik/stellungnahmen/?ref=uebergabe.de) ### Pflege als Bestandteil von Qualitätssteuerung Die Reformdebatte verdeutlicht, dass pflegerische Qualität ein eigenständiger Bestandteil von Versorgungssteuerung sein muss. Pflegefachpersonen sind nicht lediglich Teil der Infrastruktur, sondern tragen wesentlich dazu bei, wie Behandlungsqualität entsteht und aufrechterhalten wird. Die Streichung der Untergrenzen lässt sich daher nicht nur als juristische Änderung verstehen, sondern als Indikator für die Frage, welche Rolle Pflege im System der Qualitätssicherung einnimmt. In der aktuellen Ausgestaltung besteht die Gefahr, dass pflegerische Leistungen strukturell unterbewertet werden. Eine nachhaltige Krankenhauspolitik muss Pflege als gleichwertige Dimension medizinischer Qualität begreifen – nicht als nachgeordnete Ressource. --- ## Kurznachrichten ### Neue Leitung der Bundesdekane-Konferenz Pflegewissenschaft Professor Johannes Gräske (Alice Salomon Hochschule Berlin) übernimmt den Vorsitz der Bundesdekane-Konferenz Pflegewissenschaft. Unterstützt wird er von Professorin Uta Gaidys (HAW Hamburg) und Professorin Stephanie Kemper (Hochschule Neubrandenburg). Die Konferenz bündelt die Interessen der pflegewissenschaftlichen Hochschulen und fördert den Austausch zwischen Lehre, Forschung und Berufspolitik. [Bundesdekanekonferenz Pflegewissenschaft wählt neuen VorstandHochschule Neubrandenburg Organisation![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-49.ico)Hochschule Neubrandenburg Organization\[+\] Pluswerk Team![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Logo_HS_2022.svg)](https://www.hs-nb.de/fachbereich-gesundheit-pflege-management/fb-gpm-news/nachrichten/n/bundesdekanekonferenz-pflegewissenschaft-waehlt-neuen-vorstand-251348/?ref=uebergabe.de#:~:text=Stefanie%20K%C3%A4mper%20wurde%20am%2017,Den%20Vorstand%20komplettiert%20Dr) Seit 2024 ist sie Mitglied im Deutschen Pflegerat. Damit entsteht eine engere Verbindung zwischen akademischer Forschung und berufspolitischer Interessenvertretung – ein wichtiger Schritt für die wissenschaftliche Fundierung pflegerischer Praxis. [Der Vorstand![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/site_favicon_16_1619082794268-1.ico)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DekaneKonferenz_Logo_FINAL_pur-1920w-1.jpg)](https://www.dekanekonferenz-pflegewissenschaft.de/der-vorstand?ref=uebergabe.de) --- Dieser Beitrag ist kostenlos und wird ermöglicht durch zahlende Mitglieder der Übergabe. Wenn dir unsere Arbeit gefällt, dann unterstütze uns gern. Dafür bekommst du neben den regulären Newslettern auch Zugang zu [exklusivem Content, wie unseren Briefings.](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) [Übergabe-Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ### Aktualisierte Leitlinien zur Reanimation Das [European Resuscitation Council (ERC)](https://www.erc.edu/science-research/guidelines/guidelines-2025/?ref=uebergabe.de) hat seine Leitlinien zur Reanimation überarbeitet. Ziel ist eine standardisierte, evidenzbasierte Versorgung bei Herz-Kreislauf-Stillständen. Die neuen Leitlinien betonen die Bedeutung interprofessioneller Zusammenarbeit und regelmäßiger Teamtrainings – sowohl für medizinisches als auch für pflegerisches Fachpersonal. Die Aktualisierung zeigt, dass klinische Qualität zunehmend von Kommunikation, Rollenverständnis und Koordination abhängt. Für Pflegefachpersonen ergibt sich daraus die Aufgabe, diese Aspekte aktiv in die Praxis einzubringen und als Teil des professionellen Kompetenzprofils zu verstehen. [Deutscher Rat für Wiederbelebung - German Resuscitation Council (GRC) e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-20.png)© Deutscher Rat für Wiederbelebung – German Resuscitation Council e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo_grc.png)](https://www.grc-org.de/wissenschaft/leitlinien?ref=uebergabe.de) --- ### Einheitliche Ausbildung in der Pflegefachassistenz Mit der Zustimmung des Bundesrats tritt zum 1\. Januar 2027 die bundeseinheitliche Ausbildung in der Pflegefachassistenz in Kraft. Das Gesetz beendet den bisherigen Flickenteppich aus 27 Landesregelungen. Die 18-monatige Ausbildung soll eine klare Struktur schaffen und den Einstieg in die Pflegeberufe erleichtern. Sie ist Voll- oder Teilzeitfähig und öffnet den Zugang auch für Personen ohne Schulabschluss, sofern eine positive Eignungsprognose vorliegt. Ziel ist, die Attraktivität der Pflegeberufe zu erhöhen und die Durchlässigkeit zwischen Qualifikationsstufen zu fördern. Pflegefachassistenzpersonen sollen künftig alle Versorgungsbereiche unterstützen und damit zur Entlastung der Pflegefachpersonen beitragen. [Bundesrat stimmt bundeseinheitlicher Pflegefachassistenzausbildung zuDas neue Pflegefachassistenzeinführungsgesetz schafft ein eigenständiges, bundesweit einheitliches Berufsprofil für die Pflegefachassistenz. Es wird damit die 27 landesrechtlich geregelten…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/bmbfsfj-homepage-favicon.ico)BMBFSFJ![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/20250806-pflegeassistenz-data.jpg)](https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/aktuelles/alle-meldungen/bundesrat-stimmt-bundeseinheitlicher-pflegefachassistenzausbildung-zu-272084?ref=uebergabe.de) ## Fazit Die 105\. Folge des PflegeUpdates verdeutlicht, wie dynamisch sich die Pflege in Deutschland entwickelt. Bildung, Gesetzgebung und Wissenschaft greifen zunehmend ineinander und bestimmen gemeinsam die Rahmenbedingungen pflegerischer Praxis. Die Positionen des Deutschen Pflegerats zur Ausbildung und Professionalisierung betonen die Notwendigkeit, pflegerische Kompetenzen strukturell und rechtlich zu stärken. Gleichzeitig zeigen die Anpassungen der Krankenhausreform, dass pflegerische Qualität politisch nach wie vor um Anerkennung ringt. Die aktuellen wissenschaftlichen Entwicklungen unterstreichen, dass Pflege als Disziplin wächst und ihr Beitrag zur Qualität der Versorgung zunehmend messbar und nachvollziehbar wird. Entscheidend wird sein, diese Erkenntnisse in Politik und Praxis zu verankern – damit Pflege nicht nur systemrelevant bleibt, sondern systemgestaltend wirkt. ### Familienzentrierte Pflege auf der Kinderintensivstation URL: https://www.uebergabe.de/familienzentrierte-pflege-auf-der-kinderintensivstation/ Last updated: 2025-10-30T09:00:43.000Z 🗓️ #105 | 30.10.2025 ### Worum geht's? Die Studie behandelt das Konzept der familienzentrierten Pflege (Family-Centered Care, FCC) auf neonatologischen Intensivstationen (NICU). Es geht darum, Eltern stärker in die Pflege ihrer frühgeborenen Kinder einzubeziehen, um eine humanisierte Versorgung und ein besseres Entwicklungspotenzial für das Kind zu ermöglichen. 💡 Ein Baby gilt als frühgeboren, wenn es vor Vollendung der 37\. Schwangerschaftswoche (also vor 37 + 0 SSW) geboren wird. Je nachdem, wie weit die Schwangerschaft zu diesem Zeitpunkt fortgeschritten war, unterscheidet man zwischen späten Frühgeborenen (34.–36\. SSW), moderaten Frühgeborenen (32.–33\. SSW) und sehr frühen Frühgeborenen (unter 32\. SSW). Besonders gefährdet sind sogenannte extrem Frühgeborene, die vor der 28\. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen und oft weniger als 1000 Gramm wiegen. Da viele Organsysteme zum Zeitpunkt der Frühgeburt noch nicht vollständig ausgereift sind, haben Frühgeborene häufig körperliche Einschränkungen und benötigen eine intensive medizinische Betreuung. Besonders betroffen sind die Lunge, das zentrale Nervensystem und das Immunsystem. Die Lunge ist häufig noch unreif, was zu Atemproblemen oder dem sogenannten Atemnotsyndrom führen kann. Frühgeborene müssen daher oft künstlich beatmet oder mit Sauerstoff versorgt werden. Auch die Thermoregulation ist noch unzureichend, weshalb sie ihre Körpertemperatur ohne Wärmebett oder Inkubator nicht stabil halten können. Das Nervensystem ist ebenfalls noch nicht vollständig entwickelt, was sich in einer verminderten Muskelspannung, unkoordinierten Bewegungen oder Schwierigkeiten beim Saugen und Schlucken zeigt. Dadurch kann auch die Nahrungsaufnahme problematisch sein, und viele Frühgeborene benötigen anfangs eine Sondenernährung. Zudem ist ihr Immunsystem noch schwach, sodass sie anfälliger für Infektionen sind. Auch Herz-Kreislauf-Probleme, wie der persistierende Ductus arteriosus (eine nach der Geburt normalerweise schließende Gefäßverbindung), treten häufiger auf. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie ist es, durch eine integrative Literaturübersicht zu untersuchen, inwieweit die Beteiligung der Eltern in der Versorgung von Frühgeborenen innerhalb der FCC-Praxis gestärkt wird, welche Effekte dies auf die Pflegequalität hat und wie Pflegefachpersonen als Unterstützer:innen agieren können. _This post is for paying subscribers only._ ### Palliativpflege auf der Intensivstation (Annemarie Röthig) URL: https://www.uebergabe.de/ug177/ Last updated: 2026-06-13T13:05:26.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Palliative Pflege beginnt nicht erst am Lebensende, sondern gehört zur Intensivversorgung. - Annemarie Röthig entwickelte einen 140-Item-Fragebogen zur Erfassung palliativer Pflegemaßnahmen. - Pflegende setzen patient:innenbezogene Maßnahmen um, Angehörigen- und Teamarbeit bleiben oft unterversorgt. - Strukturelle Hürden wie Zeitdruck und fehlende Konsil-Rechte erschweren palliatives Handeln. - Auch Pflegeteams brauchen Trauerkultur und Rituale zur emotionalen Nachsorge. ## Palliative Pflege auf der Intensivstation Die Intensivstation ist der Ort, an dem Medizin an ihre Grenzen kommt – und Pflege besonders gefordert ist. Maschinen sichern Leben, Monitore blinken, Beatmungsgeräte arbeiten im Takt. Doch was passiert, wenn all das nicht mehr reicht? Wenn das Ziel nicht länger Heilung ist, sondern Würde, Begleitung, Ruhe? Genau hier setzt die palliative Pflege an – auch, und vielleicht gerade, in der Hochtechnologie der Intensivmedizin. Pflegefachpersonen erleben auf Intensivstationen täglich, wie nah Leben und Sterben beieinanderliegen. Sie sind die Konstante am Bett, begleiten Menschen über Stunden, Tage, manchmal Wochen – und sind oft diejenigen, die zuerst spüren, wenn sich die Perspektive verschiebt: vom Kampf um jede Stunde hin zum Abschiednehmen. ### Zwischen Beatmungsschlauch und Menschlichkeit Für Annemarie Röthig begann die Auseinandersetzung mit der palliativen Pflege aus persönlicher und professioneller Erfahrung. Sie arbeitete selbst viele Jahre auf Intensivstationen – zunächst fasziniert von der Technik, später zunehmend geprägt von den Begegnungen mit Sterbenden. Die Corona-Pandemie wurde für sie zum Wendepunkt. Als ihre Station in eine COVID-Intensivstation umgewandelt wurde, erlebte sie hautnah, wie Patient:innen isoliert starben – ohne Nähe der Angehörigen. „Da läuft etwas falsch“, dachte sie damals. Aus dieser Erfahrung entstand die Idee für ihre Masterarbeit an der Universität Halle. > „Pflegefachpersonen sind am meisten daran interessiert, dass Patient:innen würdevoll und in Übereinstimmung mit ihren Wünschen versorgt werden.“ – Annemarie Röthig ### Ein blinder Fleck der Intensivpflege Während die Medizin längst Leitlinien für palliative Versorgung kennt, fehlt im pflegerischen Bereich eine systematische Übersicht. Röthig stieß bei ihrer Recherche schnell auf eine Lücke: Es gibt kaum Instrumente, die den Ist-Zustand palliativer Pflege in der Intensivversorgung erfassen. Zwar existiert eine [**S3-Leitlinie für Palliativmedizin**](https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/128-001OL?ref=uebergabe.de), sie richtet sich jedoch ausschließlich an Patient:innen mit nicht heilbaren Krebserkrankungen – und fokussiert dabei vor allem medizinische Interventionen. Pflegerische Perspektiven bleiben weitgehend unberücksichtigt. Annemarie Röthig wollte das ändern. In ihrer Masterarbeit entwickelte sie ein **Erhebungsinstrument**, das erstmals systematisch erfasst, welche palliativen Maßnahmen Pflegefachpersonen auf Intensivstationen anwenden. ## Forschung mit Praxisbezug: Ein Fragebogen für die Pflege Die Grundlage bildete eine umfangreiche [**Literaturrecherche nach dem Scoping-Review-Framework**](https://jbi-global-wiki.refined.site/space/MANUAL/355862599/10.1.3+The+scoping+review+framework?ref=uebergabe.de) des Joanna Briggs Institute. Mehr als 1600 Studien sichtete sie, 339 davon flossen in ihre Auswertung ein. Aus der Analyse entstand ein dreiteiliges Kategoriensystem: 1. **Patient:innenbezogene Interventionen** – also Interventionen zur Linderung physischer, psychischer, sozialer und spiritueller Belastungen. 2. **Angehörigenbezogene Interventionen**, etwa Begleitung, Kommunikation oder Integration in den Pflegeprozess. 3. **Teambezogene Interventionen**, die strukturelle und interprofessionelle Zusammenarbeit betreffen. Auf Basis dieser Kategorien konstruierte Annemarie Röthig einen Fragebogen mit 140 Items. Das Instrument wurde anschließend in einem zweistufigen [**Pretest-Verfahren nach Prüfer & Rexroth**](https://d-nb.info/1190961164/34?ref=uebergabe.de) erprobt: zunächst durch kognitive Interviews mit Intensivpflegenden, anschließend in einer Online-Befragung. Ziel war es, Verständlichkeit, Relevanz und Umsetzbarkeit zu prüfen. ### Was Intensivpflegende wirklich tun Auch wenn die Stichprobe klein war, zeigte sich ein deutliches Muster: **Pflegefachpersonen führen vor allem patient:innenbezogene Maßnahmen regelmäßig durch.** Dazu gehören pharmakologische Schmerztherapie, Schlafhygiene oder einfache, aber wirksame Anpassungen im Stationsalltag – etwa Untersuchungen nicht mitten in der Nacht durchzuführen, um Ruhephasen zu ermöglichen. Weniger etabliert sind **Angehörigen- und Teammaßnahmen.** So werden Angehörige selten aktiv in die Pflege eingebunden, etwa über Intensivtagebücher oder strukturierte Gespräche. Und obwohl es Gesprächsleitfäden für schwierige Situationen gibt, kennen viele Pflegende sie gar nicht. > „Palliative Pflege heißt nicht, dass wir nichts mehr tun können. Sie heißt, dass wir anders handeln müssen.“ – Annemarie Röthig Besonders auffällig: **Pflegefachpersonen sehen sich selbst häufig in der Verantwortung, palliative Werte in den Behandlungsalltag einzubringen – stoßen dabei jedoch an strukturelle Grenzen.** ## Verantwortung vs. Realität Pflegende erleben oft den inneren Widerspruch zwischen Wissen und Machbarkeit. Sie wissen, dass palliative Maßnahmen die Lebensqualität verbessern – für Patient:innen, Angehörige und das Team. Doch Zeitdruck, Personalmangel und starre Zuständigkeiten lassen diesen Anspruch häufig scheitern. Wenn eine Pflegefachperson im Nachtdienst versucht, ein ruhiges Umfeld zu schaffen, aber gleichzeitig mehrere kritisch Kranke versorgen muss, wird deutlich: Palliative Pflege braucht **Strukturen, die sie ermöglichen.** Hinzu kommt ein systemisches Problem: In vielen Kliniken dürfen nur Ärzt:innen Konsile anfordern – Pflegende haben keinen Zugriff auf die digitalen Systeme, um selbst Unterstützung vom Palliativteam oder Ethikkomitee zu initiieren. So bleibt ihr Beitrag auf informelle Kommunikation beschränkt. ### Technik als Partner, nicht als Gegner In der Diskussion um Intensivpflege wird häufig ein Gegensatz konstruiert: hier die kalte Technik, dort die warme Menschlichkeit. Annemarie Röthigs Forschung zeigt, dass diese Trennung zu kurz greift. **Technologie ist in der palliativen Versorgung nicht das Problem – sondern das Umfeld, in dem sie angewendet wird.** Wenn Beatmung, Dialyse und ECMO nicht länger Lebenszeit, sondern Leiden verlängern, braucht es Menschen, die innehalten, hinterfragen und neu bewerten. Pflegefachpersonen sind hier entscheidend: Sie verbringen mehr Zeit bei Patient:innen als andere Berufsgruppen. Sie kennen die Patient:innen, ihre Routinen, ihre Angehörigen. Sie spüren, wann es genug ist. > „Technik darf nicht das Ziel sein, sondern das Werkzeug. Der Mensch bleibt im Mittelpunkt.“ – Annemarie Röthig ## Palliative Kompetenz als Bestandteil von Intensivpflege Annemarie Röthig betont, dass Palliativpflege auf Intensivstationen **nicht erst am Lebensende** beginnt. Vielmehr sollte sie integraler Bestandteil jeder Behandlung sein, sobald absehbar ist, dass eine Erkrankung nicht heilbar ist oder schwere Einschränkungen bleiben. Internationale Definitionen erweitern den Begriff Palliative Care längst über das Sterben hinaus. Sie sprechen von „health-related suffering due to severe illness“, also Leid infolge schwerer Erkrankung – unabhängig davon, ob der Tod unmittelbar bevorsteht. Das bedeutet: **Palliative Pflege ist nicht das Ende der Therapie, sondern Teil guter Versorgung.** Gerade auf Intensivstationen, wo Krankheit oft existenzielle Dimensionen annimmt, kann sie den entscheidenden Unterschied machen – zwischen einem Überleben um jeden Preis und einem würdevollen Abschied. ## Angehörige sind Teil der Versorgung Eine intensive Auseinandersetzung widmete Annemarie Röthig der **Rolle von Angehörigen**. Während einige Stationen – etwa jene mit dem Zertifikat [*Angehörigenfreundliche Intensivstation*](https://www.dgf-online.de/angehoerigenfreundliche-intensivstation/?ref=uebergabe.de) – bereits 24-Stunden-Besuche und Mitgestaltung ermöglichen, bleibt das vielerorts Ausnahme. Angehörige profitieren erheblich von aktiver Einbindung. Wenn sie verstehen, was passiert, wenn sie an Entscheidungen teilhaben und Verantwortung übernehmen dürfen, sinkt ihre Belastung – und die Kommunikation zwischen Team und Familie verbessert sich. Palliative Pflege bedeutet hier, nicht nur für Patient:innen, sondern auch für deren soziales Umfeld zu sorgen. Zum Thema Kommunikation auf Intensivstationen haben wir bereits ein Briefing in unserer Datenbank. [Bessere Kommunikation mit Angehörigen auf der Intensivstation🗞️ Unser Briefing diese Woche zeigt, wie gezielte Kommunikation in der Intensivpflege Ängste mildert, Vertrauen schafft und Angehörige stärkt. Die Studie belegt: Pflegefachpersonen sind zentrale Brückenbauer:innen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-93.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ChatGPT-Image-20.-Okt.-2025--19_54_05.png)](https://www.uebergabe.de/bessere-kommunikation-mit-angehorigen-auf-der-intensivstation/) Außerdem gibt es diesen wertvollen Podcast zu Erfahrungen auf der Intensivstation mit Dr. Sabine Walther und Brigitte Teigeler: [ÜG106 - Auf der Intensivstation (Dr.in Sabine Walther & Brigitte Teigeler) - ÜbergabeDie erste Folge im Podcast-Jahr 2023 handelt von den Erfahrungen, Eindrücken und Geschichten der Intensivstation.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-94.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug106.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug106/) ### Trauerarbeit – auch für Teams Ein Aspekt, der in Annemarie Röthigs Arbeit besonders deutlich wurde, betrifft die **emotionale Nachsorge.** Wenn Patient:innen versterben, endet der Prozess für Pflegende oft abrupt. Die Geräte werden abgeschaltet, das Zimmer vorbereitet – und dann geht es weiter mit der nächsten Aufnahme. In Hospizen oder Palliativstationen gibt es Rituale: Abschiedsbücher, Nachgespräche, Gedenkfeiern. Auf Intensivstationen fehlen solche Formen meist völlig. Dabei zeigt die Wissenschaft, dass Rituale und Reflexion die Trauerbelastung von Pflegefachpersonen reduzieren und die Teamkohäsion stärken. Annemarie Röthig plädiert daher für mehr **Trauerkultur im klinischen Alltag** – nicht nur für Angehörige, sondern auch für Pflegende. ### Zwischen Forschung und Veränderung Annemarie Röthigs Fragebogen ist kein abstraktes Wissenschaftsprojekt, sondern ein Werkzeug für Praxisentwicklung. Er kann Kliniken helfen, **den Stand palliativer Pflege sichtbar zu machen**, Defizite zu erkennen und gezielt Fortbildungen oder Strukturen zu entwickeln. Ein Einsatz wäre sowohl intern (zur Standortbestimmung einzelner Stationen) als auch überregional möglich, etwa um Vergleichsdaten zu generieren: Wie „palliativfreundlich“ ist eine Intensivstation? Welche Konzepte wirken, welche fehlen? Langfristig könnte daraus eine nationale Datengrundlage entstehen – ähnlich wie bei Qualitätsindikatoren – um die Versorgungsqualität am Lebensende messbar zu machen. ## Wenn Pflege sichtbar wird Was Röthigs Arbeit besonders macht, ist nicht nur die wissenschaftliche Präzision, sondern ihr Ursprung in der Praxis. Sie verbindet Empirie mit Empathie, Forschung mit Fürsorge. Denn letztlich zeigt sich in der palliativen Pflege, was Pflege im Kern ausmacht: **Beziehungsgestaltung.** Sie übersetzen medizinische Entscheidungen, schaffen Momente der Ruhe, auch mitten im Alarmton. Und sie tragen das Erlebte weiter. Palliative Pflege auf der Intensivstation ist daher nicht nur ein Thema für Fachweiterbildungen, sondern ein Spiegel dafür, wie wir als Gesellschaft mit Sterben umgehen. ### Zwischen Ideal und Wirklichkeit Natürlich bleibt der Abstand zwischen Anspruch und Alltag groß. Zeitmangel, Überlastung, Personalknappheit – all das sind reale Hürden. Aber Annemarie Röthigs Forschung zeigt auch: Viele Pflegefachpersonen **wollen** palliative Prinzipien leben. Sie tun es bereits, im Kleinen, unspektakulär, oft unbemerkt. Die Frage ist also weniger, ob palliative Pflege auf der Intensivstation möglich ist – sondern wie wir sie ermöglichen. Vielleicht beginnt sie nicht mit einem neuen Gerät, sondern mit einer einfachen Frage: *Was braucht dieser Mensch jetzt wirklich – und was kann ich dazu beitragen?* #### Weiterführende Informationen / Literatur - [S3-Leitlinie Palliativmedizin-Kurzversion](https://register.awmf.org/assets/guidelines/128-001OLk%5FS3%5FPalliativmedizin%5F2025-03-abgelaufen.pdf?ref=uebergabe.de) - [Scoping Reviews - Resources vom JBI](https://jbi.global/scoping-review-network/resources?ref=uebergabe.de) - [WHO Palliative care](https://www.who.int/health-topics/palliative-care?ref=uebergabe.de) - [Mobilität und Bettlägerigkeit (Dr. Angelika Zegelin) - Podcast der Übergabe](https://www.uebergabe.de/ug061/) - [Leitlinien für die Gesundheitsversorgung - Video der Übergabe](https://www.uebergabe.de/leitlinien-in-der-gesundheitsversorgung/) - [Leitlinien in der Pflege (Prof. Dr. E. Sirsch & Prof. Dr. D. Holle) - Podcast der Übergabe](https://www.uebergabe.de/ug029/) - [1.3 Total-Pain-Modell](https://www.thieme-connect.de/products/ebooks/lookinside/10.1055/b-0034-101615?ref=uebergabe.de) - [Link zu Annemarie Röthig](https://www.lmu-klinikum.de/institut-fuer-pflegewissenschaft/unser-team/4340699b9c1bfee0?kumActiveTabs=29046284@3&ref=uebergabe.de) - Avidan, A., Sprung, C. L., Schefold, J. C., Ricou, B., Hartog, C. S., Nates, J. L., Jaschinski, U., Lobo, S. M., Joynt, G. M., Lesieur, O., Weiss, M., Antonelli, M., Bülow, H.‑H., Bocci, M. G., Robertsen, A., Anstey, M. H., Estébanez-Montiel, B., Lautrette, A., Gruber, A., Estella, A., Mullick, S., Sreedharan, R., Michalsen, A., Feldman, C., Tisljar, K., Posch, M., Ovu, S., Tamowicz, B., Demoule, A., DeKeyser Ganz, F., Pargger, H., Noto, A., Metnitz, P., Zubek, L., La Guardia, V. de, Danbury, C. M., Szűcs, O., Protti, A., Filipe, M., Simpson, S. Q., Green, C., Giannini, A. M., Soliman, I. W., Piras, C., Caser, E. B., Hache-Marliere, M. & Mentzelopoulos, S. D. (2021). Variations in end-of-life practices in intensive care units worldwide (Ethicus-2): a prospective observational study. **The Lancet. Respiratory medicine*, **9*(10), 1101–1110\. https://doi.org/10.1016/S2213-2600(21)00261-7 - Ferner, M., Nauck, F. & Laufenberg-Feldmann, R. (2020). Palliative Care in Intensive Care Units \[Palliativmedizin meets Intensivmedizin\]. **Anasthesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie : AINS*, **55*(1), 41–53\. https://doi.org/10.1055/a-0862-4790 - Metaxa, V., Anagnostou, D., Vlachos, S., Arulkumaran, N., Bensemmane, S., van Dusseldorp, I., Aslakson, R. A., Davidson, J. E., Gerritsen, R. T., Hartog, C. & Curtis, J. R. (2021). Palliative care interventions in intensive care unit patients. **Intensive care medicine*, **47*(12), 1415–1425\. https://doi.org/10.1007/s00134-021-06544-6 - Michels, G., John, S., Janssens, U., Raake, P., Schütt, K. A., Bauersachs, J., Barchfeld, T., Schucher, B., Delis, S., Karpf-Wissel, R., Kochanek, M., Bonin, S. von, Erley, C. M., Kuhlmann, S. D., Müllges, W., Gahn, G., Heppner, H. J., Wiese, C. H. R., Kluge, S., Busch, H.‑J., Bausewein, C., Schallenburger, M., Pin, M. & Neukirchen, M. (2023). Palliativmedizinische Aspekte in der klinischen Akut- und Notfallmedizin sowie Intensivmedizin : Konsensuspapier der DGIIN, DGK, DGP, DGHO, DGfN, DGNI, DGG, DGAI, DGINA und DG Palliativmedizin \[Palliative aspects in clinical acute and emergency medicine as well as intensive care medicine : Consensus paper of the DGIIN, DGK, DGP, DGHO, DGfN, DGNI, DGG, DGAI, DGINA and DG Palliativmedizin\]. **Medizinische Klinik, Intensivmedizin und Notfallmedizin*, **118*(Suppl 1), 14–38\. https://doi.org/10.1007/s00063-023-01016-9 - Peters, M. D. J., Godfrey, C., McInerney, P., Munn, Z., Tricco, A. C. & Khalil, H. (2024). **Scoping reviews.* JBI. https://synthesismanual.jbi.global - Prüfer, P. & Rexroth, M. (2000). **Zwei-Phasen-Pretesting.* Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen -ZUMA. ## Zum Weiterhören - [ÜG106 – Auf der Intensivstation (Dr. Sabine Walther & Brigitte Teigeler)](https://www.uebergabe.de/ug106/) - [ÜG139 – Palliativpflege](https://www.uebergabe.de/ug139/) - [ÜG165 – Moralischer Distress in der Intensivpflege (Larissa Forster)](https://www.uebergabe.de/ug165/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ## Diskutier mit professionell Pflegenden in unserem Forum! [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-16.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-13.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) • • • Im Newsletter werben **Solltest du Interesse daran haben, bei uns* ***im Newsletter oder im Podcast** *zu* ***werben oder eine Stellenanzeige zu schalten,** *freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme per E-Mail:* [**hallo@uebergabe.de*](mailto:hallo@uebergabe.de) [Kontakt aufnehmen ](mailto:hallo@uebergabe.de) ### Bessere Kommunikation mit Angehörigen auf der Intensivstation URL: https://www.uebergabe.de/bessere-kommunikation-mit-angehorigen-auf-der-intensivstation/ Last updated: 2025-10-23T08:00:10.000Z 🗓️ #104 | 23.10.2025 ### Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit den Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen Pflegefachpersonen und Angehörigen von Patient:innen, die auf Intensivstationen (ICU) behandelt werden. Dabei wird die Rolle der Pflegefachperson als zentrale Schnittstelle zwischen medizinischem Fachpersonal und Angehörigen beleuchtet und die Auswirkungen unzureichender Kommunikation auf die emotionale Belastung der Angehörigen untersucht. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die häufigsten Kommunikationsprobleme zu identifizieren, denen Pflegefachpersonen auf Intensivstationen in der Interaktion mit Angehörigen begegnen, sowie die Rolle der Pflegefachperson in dieser Kommunikation zu klären. Damit sollte ein besseres Verständnis geschaffen werden, um gezielte Verbesserungsmaßnahmen ableiten zu können. _This post is for paying subscribers only._ ### Zukunftspakt Pflege und Befugniserweiterungen URL: https://www.uebergabe.de/pu104/ Last updated: 2026-06-13T23:24:01.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Zukunftspakt Pflege soll ab 2026 die Milliarden-Finanzlücke schließen. - Pflegegrade bleiben, werden vereinfacht; Pflegegrad 1 wird präventiver ausgerichtet. - Der Pflegerat kritisiert die geringe Einbindung der Profession in Entscheidungen. - Das Pflegefachassistenzgesetz schafft ab 2027 bundeseinheitliche, 18-monatige Ausbildung mit Vergütung. - Die neue ICN-Definition stärkt Pflege als eigenständige, wissenschaftlich fundierte Profession. ## Zukunftspakt Pflege: Strukturreform mit offenen Fragen Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Zukunftspakt Pflege“ verfolgt das Ziel, die soziale Pflegeversicherung langfristig stabil und verlässlich zu gestalten. Ausgangspunkt ist die wachsende Finanzierungslücke von mehreren Milliarden Euro, die ab 2026 sichtbar wird. Trotz steigender Beiträge reichen die Mittel nicht mehr aus, um den wachsenden Bedarf zu decken. [Soziale Pflegeversicherung für die Zukunft aufstellenDie Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Zukunftspakt Pflege“ hat am 13.10.2025 die ersten Zwischenergebnisse der Fachebene für eine stabile, verlässliche und zukunftsfähige Soziale Pflegeversicherung erörtert.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-43.ico)BMGBundesgesundheitsministerin Nina Warken![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Warken_B-L-AG_Pflege_8dd6dd4fc0.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/b-l-ag-zukunftspakt-pflege-pm-13-10-25.html?ref=uebergabe.de) Die Fachebene der Arbeitsgruppe hat nun erste Zwischenergebnisse vorgelegt. Demnach sollen die bestehenden Pflegegrade erhalten, aber einfacher gestaltet werden. Eigenanteile sollen begrenzt oder zumindest gedämpft werden. Der Pflegegrad 1 soll künftig stärker präventiv ausgerichtet sein, um frühzeitig Unterstützung und Entlastung zu ermöglichen. Gleichzeitig werden sektorübergreifende Budgets geprüft, die die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung auflösen sollen. Die Zielrichtung ist klar: Pflege soll möglichst lange im häuslichen Umfeld stattfinden. Dafür müssen pflegende Angehörige besser unterstützt und Leistungen transparenter gestaltet werden. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken betont, Pflege müsse bezahlbar bleiben, ohne die Beitragszahler:innen weiter zu belasten. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hebt die Notwendigkeit hervor, das komplexe Leistungsrecht zu vereinfachen, damit Betroffene und Angehörige sich besser zurechtfinden. Bis Dezember 2025 soll ein Entwurf mit konkreten Reformvorschlägen vorliegen. Der Zukunftspakt Pflege wird damit zum zentralen Prüfstein für die künftige Ausrichtung der Pflegeversicherung. ### Perspektive der Profession Der [Deutsche Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/profession-pflege-braucht-gestaltungsraum--nicht-nur-effizienzvorgaben?ref=uebergabe.de) bewertet den Zukunftspakt grundsätzlich positiv, kritisiert jedoch die geringe Einbindung der Profession in die Entscheidungsprozesse. Präsidentin Christine Vogler warnt, Pflege dürfe nicht nur als Ressource zur Effizienzsteigerung verstanden werden. Eine nachhaltige Reform müsse pflegerische Expertise strukturell verankern und Pflegefachpersonen gleichwertig in Planung und Gestaltung einbeziehen. Ohne verbindliche Entscheidungsrechte drohe der Zukunftspakt an der Praxis vorbeizuplanen. Damit wird ein zentraler Aspekt sichtbar: Pflegepolitik ist nur dann wirksam, wenn sie pflegefachlich legitimiert ist. • • • ## Pflegegesetze: Befugniserweiterung und Pflegefachassistenzgesetz Neben dem Zukunftspakt markieren zwei Gesetzesvorhaben zentrale Schritte der aktuellen Reformpolitik: der Gesetzentwurf zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege sowie das Pflegefachassistenzgesetz. ### Befugniserweiterung und Entbürokratisierung Mit dem Gesetz zur Befugniserweiterung sollen pflegerische Kompetenzen rechtlich gestärkt werden. Der [Deutsche Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/download/dpr%5Fbmg%5Fstellungnahme%5Fgee%5Fbefugniserweiterung%5F251006.pdf?ref=uebergabe.de) begrüßt das Vorhaben als wichtigen Schritt, kritisiert jedoch die weiterhin starke Bindung an ärztliche Diagnostik. Pflege müsse, so die Argumentation, eigenständige Handlungsfelder definieren und Verantwortung übernehmen können – etwa für Rollen wie Advanced Practice Nurses oder Community Health Nurses. [Deutscher Bundestag - Experten sehen Befugnis­erweiterung in der Pflege grundsätzlich...Gesundheitsexperten sehen die von der Bundesregierung geplante Befugniserweiterung und Entbürokratisierung für Pflegefachkräfte im Grundsatz positiv. Einige Sachverständige forderten…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/homepage_de-favicon-3.ico)Deutscher BundestagClaus Peter Kosfeld![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/kw41_pa_gesundheit_bild.jpg)](https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw41-pa-gesundheit-1111654?ref=uebergabe.de) Das Gesetz ist Ausdruck eines langfristigen Wandels hin zu einer erweiterten pflegerischen Praxis. Es stärkt das Konzept der Eigenverantwortung und kann dazu beitragen, Versorgungsengpässe zu entschärfen. Voraussetzung ist jedoch, dass die Umsetzung nicht an rechtlichen Abhängigkeiten oder bürokratischen Vorgaben scheitert. ### Pflegefachassistenzgesetz: Struktur und Durchlässigkeit Mit dem Pflegefachassistenzgesetz wird erstmals ein bundeseinheitlicher Rahmen für die Ausbildung von Pflegefachassistenzpersonen geschaffen. Der bisherige Flickenteppich aus 27 unterschiedlichen Landesregelungen wird damit beendet. Ab 2027 startet die neue 18-monatige Ausbildung, die auch in Teilzeit absolviert werden kann. [Bundestag beschließt Pflegefachassistenzgesetz | BundesregierungDer Bundestag hat nun den Pflegefachassistenzgesetzentwurf beschlossen - für ein eigenständiges und einheitliches Berufsbild der Pflegefachassistenz.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/startseite-breg-relaunch-de-appleTouchIcon-1.png)Die Bundesregierung informiert | Startseite![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/2025-08-05-pflegeassistenzausbildung.jpg)](https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/pflegefachassistenzgesetz-2374930?ref=uebergabe.de) Zugangsvoraussetzung ist in der Regel ein Hauptschulabschluss, doch auch Bewerber:innen ohne Abschluss können zugelassen werden, wenn eine Pflegeschule eine positive Prognose stellt. Erstmals erhalten alle Auszubildenden eine angemessene Vergütung. Nach Abschluss der Ausbildung können Pflegefachassistenzpersonen in allen Versorgungsbereichen tätig werden – stationär, ambulant und im Krankenhaus. Das Gesetz stärkt die Durchlässigkeit im Bildungssystem: Der Einstieg in die generalistische Ausbildung wird erleichtert, und nicht abgeschlossene Ausbildungen können auf den Assistenzabschluss angerechnet werden. Die Bundesregierung spricht von einem modernen Bildungssystem, das Qualifikationswege in der Pflege sinnvoll verzahnt. Für Pflegefachpersonen entsteht dadurch die Möglichkeit, Kompetenzen klar abzugrenzen und die Zusammenarbeit zwischen Qualifikationsstufen zu strukturieren. Langfristig kann das Gesetz zur Entlastung der professionellen Pflege beitragen – vorausgesetzt, die Einsatzplanung orientiert sich an tatsächlichen Qualifikationen und nicht an Kostenerwägungen. • • • ## Pflege im internationalen Kontext: Die neue ICN-Definition Das [International Council of Nurses (ICN)](https://www.icn.ch/?ref=uebergabe.de) hat 2024 eine neue Definition von „Nurse“ und „Nursing“ veröffentlicht. Nun liegt auch die offizielle deutsche Übersetzung vor, herausgegeben von den ICN-Mitgliedsverbänden Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. [„Nurse“ und „Nursing“ jetzt in deutscher ÜbersetzungWas bedeutet es, Pflegefachperson zu sein? Wie definiert sich die Berufsgruppe? Welche Bedeutung hat das für pflegerisches Handeln, aber auch für die Gesellschaft und Politik? Antworten liefert die Neudefinition der Begriffe „Nurse“ und „Nursing“, veröffentlicht anlässlich des diesjährigen Kongresses des International Council of Nurses (ICN). Die drei deutschsprachigen Mitgliedsverbände aus Deutschland, Österreich und der Schweiz legen jetzt eine gemeinsam erarbeitete und vom ICN autorisierte Übersetzung vor.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-45.ico)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DBfK_Logo_Kuller-7.svg)](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2025/2025-10-06-nurse-und-nursing-jetzt-in-deutscher-uebersetzung.php?ref=uebergabe.de) Die Definition beschreibt Pflege als eigenständige, wissenschaftlich fundierte und verantwortliche Profession, die das gesamte Spektrum pflegerischer Versorgung umfasst – von Akutpflege über Langzeitpflege bis hin zu Prävention, Beratung und Forschung. Sie betont die gesellschaftliche Verantwortung der Pflege und ihre Rolle in interprofessionellen Versorgungssystemen. Für die deutschsprachige Pflegegemeinschaft bietet die Übersetzung eine gemeinsame Grundlage, um das professionelle Selbstverständnis zu schärfen. Sie kann Orientierung bieten für Ausbildungscurricula, politische Programme und fachliche Diskussionen über die zukünftige Rolle von Pflegefachpersonen. Die neue Definition ist damit mehr als eine sprachliche Anpassung. Sie markiert einen normativen Bezugspunkt, an dem sich die Weiterentwicklung der Profession in Ausbildung, Praxis und Wissenschaft ausrichten kann. Dieser Beitrag ist kostenlos und wird ermöglicht durch zahlende Mitglieder der Übergabe. Wenn dir unsere Arbeit gefällt, dann unterstütze uns gern. Dafür bekommst du neben den regulären Newslettern auch Zugang zu [exklusivem Content, wie unseren Briefings.](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) [Übergabe-Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) • • • ## Fazit Die Themen der aktuellen PflegeUpdate-Folge verdeutlichen, dass Pflegepolitik, Professionalisierung und Selbstverständnis zunehmend ineinandergreifen. Der Zukunftspakt Pflege versucht, finanzielle und strukturelle Probleme zu lösen, ohne die pflegefachliche Perspektive ausreichend zu berücksichtigen. Die neuen Gesetze stärken Kompetenzen und schaffen einheitliche Bildungswege, während die ICN-Definition den theoretischen und ethischen Rahmen einer modernen Pflegepraxis liefert. Für Pflegefachpersonen bedeutet das: Die kommenden Monate werden von Entscheidungen geprägt sein, die ihre Rolle im Gesundheitswesen neu definieren. Nur wenn pflegerische Expertise auf allen Ebenen beteiligt ist – von der Gesetzgebung bis zur Versorgungspraxis – kann Pflege evidenzbasiert, wirksam und zukunftsfähig gestaltet werden. ## Zum Weiterhören - [PU110 – Stand des BEEP / Diskussionen um PK RLP und den Zukunftspakt Pflege](https://www.uebergabe.de/pu110/) - [PU100 – Pflegekompetenzgesetz / Pflegefachassistenzgesetz](https://www.uebergabe.de/pu100/) - [PU080 – Pflegefachassistenzausbildung / Reformpläne zur Pflegeversicherung](https://www.uebergabe.de/pu080/) ### Ausgelassene Pflegemaßnahmen in der Notaufnahme URL: https://www.uebergabe.de/ausgelassene-pflegemassnahmen-in-der-notaufnahme/ Last updated: 2025-10-16T08:00:57.000Z 🗓️ #103 | 16.10.2025 💡 ****Richtigstellung:** Im Briefing der letzten Woche [****„Empathisch kommunizieren in der Pflege“**](https://www.uebergabe.de/empathisch-kommunizieren-in-der-pflege/) haben wir uns mit der Studie ****„The Meaning of the Empathetic Nurse–Patient Communication: A Qualitative Study“** auseinandergesetzt. Im Anschluss daran kamen einige Stimmen aus der Community, die im Briefing die Verwendung des Begriffs **Empathie* kritisch erwähnt haben. Wir müssen sagen: Ihr habt völlig recht! Der Begriff bzw. das Konzept der Empathie ist schon lange durch die Psychologie definiert. In der betrachteten Studie findet sich dabei nur wenig, was mit der etablierten Definition übereinstimmt. Dies ist einerseits möglicherweise auf den kulturellen Hintergrund der Studie, die im Iran durchgeführt wurde, zurückzuführen. Andererseits zeigt es uns, wie wichtig es ist, die hier verwendeten Studien und die darin genutzten Begriffe kritisch zu betrachten und zu hinterfragen. **Die aus der Studie abgeleiteten Handlungsempfehlungen sind daher mit besonderer Vorsicht zu interpretieren.* Mit Blick auf den etablierten Empathiebegriff würde es sich eher anbieten, im Pflegesetting eine Diskussion über die gegenüber Patient:innen oder Bewohner:innen gelebte Empathie zu führen, damit dieses wichtige Thema in den Fokus der Pflege rückt und die Beachtung erfährt, die es verdient. Denn ein wenig Empathie können wir in den aktuellen Zeiten alle gebrauchen. Zum Schluss möchten wir für alle Irritationen um Entschuldigung bitten und versprechen, die berechtigte Kritik in Zukunft bei den kommenden Briefings im Kopf zu behalten. Wer einen umfassenden Überblick zum Thema Empathie haben möchte, kann [in diesen Podcast](https://www.uebergabe.de/ug095/) mit [Ludwig Thiry](https://www.empcare.de/post/was-ist-denn-eigentlich-empathie?ref=uebergabe.de) reinhören. Und jetzt: viel Spaß mit dem neuen Briefing! Euer Team der Übergabe. ### Worum geht's? Die Studie untersucht das Phänomen der nicht oder verspätet durchgeführten Pflegehandlungen, sogenannte „Missed Nursing Care“ (MNC), in Notaufnahmen. Es wird beleuchtet, welche Pflegehandlungen häufig ausgelassen werden, was die Ursachen dafür sind und wie dies mit der Patient:innensicherheit und Pflegequalität zusammenhängt. 💡 Kalisch et al. definieren den Begriff Missed Nursing Care als **"... das wiederholte Weglassen pflegerischer Maßnahmen, die ganz oder teilweise nicht, nur verzögert oder nicht in der erforderlichen fachlichen Reichweite durchgeführt werden."* Typische Beispiele für Missed Nursing Care sind das Auslassen von Mobilisation, das Nichtdurchführen geplanter Patientenaufklärung, das Versäumen von Mundpflege oder Hautinspektion, das verzögerte Verabreichen von Medikamenten oder das Nichtdokumentieren durchgeführter Maßnahmen. Solche Versorgungsdefizite treten häufig in Situationen auf, in denen Zeitdruck, Personalmangel, hohe Arbeitsbelastung oder Unterbrechungen im Arbeitsfluss vorherrschen. Die Auswirkungen von Missed Nursing Care sind weitreichend. Auf Patient:innenebene kann sie zu einer Zunahme von Komplikationen, wie etwa Dekubitus, Stürzen, Infektionen oder verlängerten Krankenhausaufenthalten führen. Auch das Erleben von Sicherheit, Vertrauen und Würde der Patient:innen wird beeinträchtigt, wenn grundlegende pflegerische Bedürfnisse unerfüllt bleiben. Auf professioneller Ebene beeinflusst Missed Nursing Care das berufliche Selbstverständnis und die Arbeitszufriedenheit von Pflegefachpersonen: Sie erleben häufiger moralischen Stress, da sie wissen, dass sie nicht die Versorgung leisten können, die sie als fachlich notwendig und ethisch richtig empfinden. Gesamtgesellschaftlich betrachtet gilt Missed Nursing Care als ein Frühwarnsignal für strukturelle Probleme im Gesundheitssystem. Sie macht sichtbar, dass Pflegende Prioritäten setzen müssen, die oft nicht am Bedarf der Patient:innen, sondern an Zeit- und Ressourcendefiziten orientiert sind. Forschungsergebnisse zeigen, dass dort, wo Missed Nursing Care regelmäßig auftritt, auch die Mortalität und Rehospitalisierungsraten steigen und die Patient:innenergebnisse insgesamt schlechter sind. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Scoping Review war es, die vorhandene Forschung zu MNC in Notaufnahmen systematisch zu erfassen, zusammenzufassen und zugänglich zu machen. Die Autor:innen wollten herausfinden, welche Pflegehandlungen typischerweise ausgelassen werden, warum dies geschieht und welche Auswirkungen das auf Patient:innen hat. _This post is for paying subscribers only._ ### Miteinander statt nebeneinander – ein Ruf nach Symbiose / Gastbeitrag von Ingrid Riederer & Dr. Magdalena Riederer URL: https://www.uebergabe.de/miteinander-statt-nebeneinander-ein-ruf-nach-symbiose-gastbeitrag-von-ingrid-riederer-dr-magdalena-riederer/ Last updated: 2025-10-14T04:00:10.000Z ## **Kaffeeküchenpolitik** Die Beziehung zwischen Pflege und Ärzt:innen ist so ein Thema für sich. Sie wird entweder idealisiert oder totgeschwiegen. Am liebsten aber diskutiert man sie im Kaffeezimmer – unter sich natürlich. Pflege mit Pflege, Ärzt:innen mit Ärzt:innen. Die Blicke über den Stationsgang hinweg – mal genervt, mal bewundernd, mal müde – erzählen aber oft eine ganz andere Geschichte. Eine, die selten laut ausgesprochen wird, aber allen bekannt ist. Dabei geht es hier nicht um zwei konkurrierende Professionen, sondern im besten Fall um eine funktionierende, interprofessionelle Einheit. Und genau daran hapert es oftmals. Aber lasst uns mal genauer anschauen, warum ein nahtloses Zusammenspiel für beide Seiten so wichtig ist und wie wir diesen fast schon utopischen Wunsch erreichen können. --- ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/08/Foto_Magdalena-Riederer.jpg) Dr. Magdalena Riederer 💡 ****Ingrid Riederer** ist diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Seit Jahrzehnten ist die Intensivstation ihr zweites Zuhause. Ihre Tochter, ****Dr. Magdalena Riederer**, ist Medizinerin. Auf ihrer Plattform [HealthHeld](http://www.healthheld.de/?ref=uebergabe.de) informiert sie über sensible Gesundheitsthemen, um Betroffenen informierte Entscheidungen zu ermöglichen und einen chancengerechten Zugang zu Behandlungswegen zu schaffen. --- Pflegepersonen erleben es täglich: Der Arzt huscht vorbei, ein kurzer Blick in die Akte, eine schnelle Anordnung, dann geht es weiter. Fragen? Keine Zeit. Rückfragen? Nicht erwünscht. Dabei hat sich Patient X heute völlig anders verhalten als gestern. Isst kaum, atmet flacher, wird zunehmend desorientiert. Aber das hat niemand gefragt. Gleichzeitig erleben junge Ärzt:innen ein anderes Szenario: Gerade auf Station angekommen, sollen sie über Menschen urteilen, die sie kaum kennen. Die Pflege weiß längst mehr, doch niemand fragt sie. Und dann steht man da, mit dem weißen Kittel, dem Titel, der Erwartung, alles zu wissen – und dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, sobald man sich an die Pflege wendet. ### **Pflegewissen als Erfahrungswissen, nicht Erfahrungsbericht** Das Problem beginnt beim Verständnis von Wissen selbst. Medizinisches Wissen gilt als objektiv, messbar, „wissenschaftlich“. Pflegewissen dagegen wird oft als weich, emotional oder rein erfahrungsbasiert gesehen – als würde es sich nicht genauso auf Beobachtung, Mustererkennung und systematische Einschätzung stützen. Dabei erkennt eine gute Pflegekraft Delirium, Schmerz, Überforderung oder beginnende Dekompensation oft viel früher als jeder Laborwert. Nicht, weil sie hellsehen kann, sondern weil sie den Menschen täglich sieht. Und das nicht nur im Moment der Visite, sondern 24/7\. In Bewegung, im Schlaf, im Gespräch, im Schweigen. Diese Art von Wissen hat aber kaum Lobby. Ein Grundsatzproblem. ### **Zwischen Hierarchie und Realität** Trotz aller Reformen ist das Bild in vielen Kliniken gleich: Die ärztliche Visite betritt das Zimmer, spricht laut über den Kopf des Patienten hinweg, bespricht „den Fall“, während die Pflege im Türrahmen steht – oder gar nicht anwesend ist. Ihre Notizen bleiben ungelesen. Schönschrift hin oder her. Ihre Hinweise werden ignoriert oder mit einem Nicken quittiert, das nichts ändert. Auf der anderen Seite: Stationsärzt:innen, die täglich durch Unterbesetzung, Zeitdruck, Dokumentationsflut und Verantwortungsdruck taumeln. Die sich wünschen würden, von der Pflegeperson Rückmeldung zu bekommen, aber bei der dritten unterbrochenen Frage aufgeben, weil das Telefon klingelt, der Oberarzt ruft oder der nächste Notfall wartet. Beide Seiten wissen: So geht es nicht weiter. Aber es fehlt der Raum, die Zeit und vor allem die Struktur, um daran etwas zu ändern. ### **Wenn Verantwortung zu einseitig verteilt wird** Einer der größten Fehler im Stationsalltag ist die ungleiche Verteilung von Verantwortung. Pflegefachpersonen tragen enorme Verantwortung und das nicht nur auf menschlicher und organisatorischer Ebene. Auch medizinisch lastet ein Gewicht auf ihnen. Gleichzeitig haben sie aber formal kaum Entscheidungsgewalt. Ärzt:innen dagegen tragen die formale Verantwortung – auch für Entscheidungen, für die sie keine vollständige Informationsgrundlage haben. Das schafft Unsicherheit auf beiden Seiten. Und befeuert einen Teufelskreis: Pflege übernimmt mehr, ohne es zu dürfen. Medizin übernimmt mehr, ohne es zu können. Unterm Strich leiden beide an der Angst, zur Rechenschaft gezogen zu werden, sei es für Unterlassung oder für Überschreitung von Kompetenzen. ### **Ausbildung: Zwei Welten, ein System** Schon in der Ausbildung beginnt die Trennung. Pflegeschulen vermitteln Praxisnähe, ganzheitliche Betrachtung und klinisches Feingefühl, aber in der Regel auch wenig Entscheidungsfreiheit. Medizinstudierende werden mit Theorie überflutet, oft fern der Realität, fern der Station, manchmal gar fern der Patient:innen. Früh werden sie damit konfrontiert Entscheidungsträger zu sein und was ihre Entscheidungen für Ausmaß haben können. Ja, im Grunde lernen sie Entscheidungen zu treffen, ohne je Zuhören zu lernen – abseits vom Patienten versteht sich. Gemeinsame Lernformate? Kaum vorhanden. Und wenn, dann meist als symbolische Übung ohne Konsequenz für die spätere Realität. Simulationen? Gibt es. Aber nur für Patientengespräche. Wirft man einen Blick in Studien, so zeichnet sich jedoch ein sehr eindeutiges Bild: Gemeinsames Lernen fördert gegenseitiges Verständnis, reduziert Vorurteile und verbessert die spätere Zusammenarbeit signifikant. Das setzt aber auch voraus, dass man interprofessionelles Lernen nicht als freiwilligen Zusatz versteht, sondern als integralen Bestandteil der Ausbildung. ### **Systemisch verankertes Gegeneinander** Vieles, was im Alltag wie persönliches Versagen aussieht, ist in Wahrheit strukturelles Versagen. Lasst uns das an ein paar Beispielen verdeutlichen: - Dienstzeiten und Schichtmodelle, die keine gemeinsamen Übergaben ermöglichen. - Stationsorganisation, die Pflege und Medizin auf getrennte Kommunikationsstränge zwingt. - IT-Systeme, in denen Pflegebeobachtungen nicht ärztlich sichtbar sind und ärztliche Entscheidungen die Pflege nicht erreichen. - Abrechnungssysteme, die Leistung an Einzelpersonen knüpfen statt an Teams. Das alles ist kein Zufall. Sondern das Produkt eines Gesundheitssystems, das Menschen in Funktionen zwängt, statt sie in ihren Rollen zu stärken. ## **Gender, Macht und das alte Bild von Pflege** Pflege ist weiblich konnotiert. Medizin männlich. Auch heute noch. Und auch wenn es mittlerweile Ärztinnen, Pfleger und divers besetzte Teams gibt – die alten Rollenmuster wirken nach. Pflege als „helfender Beruf“. Ärzt:innen als „heilende Autorität“. Diese Vorstellung prägt Verhalten – unbewusst, aber wirksam. So wirksam, dass man auch heute noch als Ärztin regelmäßig von Patient:innen ganz automatisch als „Schwester“ angesprochen werden und als Pfleger zum „Herrn Doktor“ wird. Doch was bedeutet das für das Miteinander? Es prägt uns und unsere Erwartungshaltungen. Wie wir uns gegenseitig sehen und wir miteinander sprechen. Pflegepersonen, die auf Augenhöhe kommunizieren wollen, gelten schnell als „vorlaut“. Ärzt:innen, die Unsicherheiten äußern, als „nicht durchsetzungsstark“. Und beide verlieren, wenn sie versuchen, diesen Mustern zu entkommen. Wer eine neue Teamkultur will, muss auch diese unausgesprochenen Normen benennen und sie gezielt durchbrechen. Denn ein Satz wie „Danke für den Hinweis, das habe ich übersehen“ ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Reife. Umgekehrt, wenn eine Pflegeperson fragt: „Kann es sein, dass hier was kippt?“, ist das keine Einmischung, sondern kollegiale Sorge. ### **Konkret gedacht** Trotz aller Probleme: Es gibt sie. Stationen, Teams, Häuser, die es anders machen. Wir möchten hier nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auch Lösungen mitgeben. Daher nun einige Ansätze, die funktionieren und definitiv einen Umsetzungsversuch wert sind: - **Gemeinsame Fallbesprechungen**: Nicht nur bei komplexen Fällen, sondern als Regel; nicht „on top“, sondern als festes Element im Tagesablauf. - **Shared Decision Making**: Entscheidungen über Therapien werden gemeinsam mit Pflege, Medizin und Patient:innen getroffen. Das Stichwort ist interprofessionelle Visite. - **Pflegeexpert:innen mit erweiterter Rolle**: Sogenannte „Advanced Practice Nurses“, die eigenverantwortlich handeln und dabei Rückhalt im Team haben. - **Feedbackformate ohne Angst**: Eine Rückmeldekultur, in der Kritik geäußert und angenommen werden darf, unabhängig vom Berufsstand. Anonyme Rückmeldungen, Reflexionsrunden, Supervision. - **Interprofessionelle Simulationstrainings**: Hier wird nicht nur Wissen geübt, sondern Zusammenarbeit. *Die Erkenntnis aus all dem: Es geht nicht um mehr Kommunikation. Es geht um bessere Kommunikation. Und um die strukturelle Verankerung einer neuen Haltung: Zusammenarbeit ist keine Kür – sie ist Pflicht.* ## **Schlussgedanken** In der Hektik des Stationsalltags geht schnell verloren, worum es eigentlich geht, nämlich um die Menschen im Bett. Unsere Patient:innen. Sie interessieren sich nicht für Berufsstände, Zuständigkeiten oder Befindlichkeiten. Sie wollen, dass sich alle kümmern. Gemeinsam. Gut abgestimmt. Wertschätzend. Und genau das ist möglich. Wenn gegenseitiger Respekt nicht von Hierarchie abhängt. Wenn Pflegewissen denselben Stellenwert bekommt wie medizinisches. Wenn Ärzt:innen Fragen stellen dürfen, ohne Autoritätsverlust, und Pflegepersonen Vorschläge machen dürfen, ohne belehrt zu werden. Es braucht keinen neuen Teamtag mit Flipchart und Sesselkreis. Sondern ein echtes Umdenken. Weniger „wer darf was“ – mehr „wer weiß was“. Weniger „Anordnung“ – mehr „Austausch“. Weniger Distanz – mehr Vertrauen. Denn nur wer sich gegenseitig ernst nimmt, kann gemeinsam besser werden und in Symbiose arbeiten. #### zum weiterlesen - Cockerham, William C. (2020). **Medical Sociology*. Routledge. - Poghosyan L, Maier CB. Advanced practice nurses globally: Responding to health challenges, improving outcomes. Int J Nurs Stud. 2022 Aug;132:104262\. doi: 10.1016/j.ijnurstu.2022.104262\. Epub 2022 Apr 26\. PMID: 35633596; PMCID: PMC9040455. - Reeves S, Fletcher S, Barr H, Birch I, Boet S, Davies N, McFadyen A, Rivera J, Kitto S. A BEME systematic review of the effects of interprofessional education: BEME Guide No. 39\. Med Teach. 2016 Jul;38(7):656-68\. doi: 10.3109/0142159X.2016.1173663\. Epub 2016 May 5\. PMID: 27146438. - Reeves S, Pelone F, Harrison R, Goldman J, Zwarenstein M. Interprofessional collaboration to improve professional practice and healthcare outcomes. Cochrane Database Syst Rev. 2017 Jun 22;6(6):CD000072\. doi: 10.1002/14651858.CD000072.pub3\. PMID: 28639262; PMCID: PMC6481564. - Wei H, Corbett RW, Ray J, Wei TL. A culture of caring: the essence of healthcare interprofessional collaboration. J Interprof Care. 2020 May-Jun;34(3):324-331\. doi: 10.1080/13561820.2019.1641476\. Epub 2019 Aug 8\. PMID: 31390903. - Wei H, Horns P, Sears SF, Huang K, Smith CM, Wei TL. A systematic meta-review of systematic reviews about interprofessional collaboration: facilitators, barriers, and outcomes. J Interprof Care. 2022 Sep-Oct;36(5):735-749\. doi: 10.1080/13561820.2021.1973975\. Epub 2022 Feb 6\. PMID: 35129041. ### School Nursing in Wien (Franziska Rumpf & Karin Klenk) URL: https://www.uebergabe.de/ug176/ Last updated: 2026-06-13T13:03:14.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - School Nurses sind diplomierte Pflegefachpersonen, die eigenverantwortlich in Wiener Schulen arbeiten. - Sie versorgen akut, begleiten chronisch kranke Kinder und fördern Gesundheitskompetenz. - Evaluation zeigt: weniger Rettungseinsätze, entlastete Lehrkräfte, mehr Sicherheit für Eltern. - Wien weitet das Modell von 4 auf bis zu 40 Stellen aus. - School Nursing eröffnet der Pflege ein neues präventives Public-Health-Tätigkeitsfeld. ## Was ist School Nursing? In Wien sind School Nurses diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen, die im schulischen Umfeld tätig sind und dort eigenverantwortlich pflegerische, gesundheitsfördernde und präventive Aufgaben übernehmen. Sie verfügen über eine abgeschlossene pflegerische Berufsausbildung und vertiefte Kenntnisse in Kinder- und Jugendgesundheit, Notfallversorgung sowie Gesundheitsbildung. School Nursing umfasst in Wien sowohl die akute Versorgung im Schulalltag als auch die kontinuierliche Begleitung von Schüler:innen mit chronischen Erkrankungen. Darüber hinaus arbeiten sie beratend, fördern Gesundheitskompetenz und unterstützen Pädagog:innen, Eltern und Schüler:innen in Fragen der Prävention und Früherkennung. Im Gegensatz zu schulärztlichen Diensten, die meist nur punktuell präsent sind, sind School Nurses regelmäßig an den Schulen vor Ort. Sie handeln auf Grundlage des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes und sind somit Teil des Gesundheitswesens, nicht des Bildungssystems. Diese Einbindung verleiht ihrer Rolle eine hohe fachliche Autonomie und macht sie zu einer zentralen Schnittstelle zwischen Gesundheitsversorgung und schulischem Alltag. ### Entstehung und politische Grundlage Das Projekt *School Nurse* der Stadt Wien entstand auf Grundlage des Regierungsprogramms 2020–2025\. Bereits 2016 war im österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegegesetz die „Schulgesundheit“ als mögliches Einsatzgebiet für diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen aufgenommen worden. Damit war die rechtliche Basis geschaffen, um Pflegefachpersonen auch im schulischen Setting zu verankern. Die Umsetzung erfolgte im Auftrag der Magistratsabteilung 15 (Gesundheitsdienst der Stadt Wien). Projektleitung und Konzeption übernahm die Juristin und Fachbereichsleiterin [Karin Klenk](https://www.linkedin.com/in/karin-klenk-a1943a283/?ref=uebergabe.de), die gemeinsam mit einem interdisziplinären Team ein Innovationskonzept entwickelte. Dieses Konzept regelte nicht nur die inhaltlichen Schwerpunkte, sondern auch rechtliche Rahmenbedingungen, Zuständigkeiten und Kriterien für die Auswahl der Schulen. Die Pflegefachpersonen im Wiener Projekt sind direkt bei der Stadt Wien angestellt und organisatorisch in die Gesundheitsbehörde (MA 15) eingebettet. Damit verbleibt die fachliche Zuständigkeit im Gesundheitswesen. Diese Zuordnung wurde bewusst gewählt, um eine klare Trennung zwischen pädagogischer und gesundheitlicher Verantwortung zu wahren. Sie stärkt zugleich die professionelle Unabhängigkeit der Pflege. [School Nurses - Für die Gesundheit unserer Kinder“School Nurses” ist ein Pilotprojekt des Stadt Wien - Gesundheitsdienstes, das die medizinische Betreuung an Schulen verbessern soll.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-19.png)Deutsch![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/metawien.jpg)](https://www.wien.gv.at/gesundheit/school-nurses?ref=uebergabe.de) Das Ziel war von Beginn an zweifach: Einerseits sollten Kinder und Jugendliche einen niedrigschwelligen Zugang zu professioneller Gesundheitsversorgung erhalten. Andererseits sollte das Modell zeigen, wie pflegerische Expertise präventiv und gesundheitsfördernd in Bildungseinrichtungen wirken kann. Damit verbindet das Projekt *School Nursing* die Dimensionen Bildung und Gesundheit auf institutioneller Ebene – ein Ansatz, der bislang in vielen Ländern getrennt voneinander gedacht wird. ## Aufgaben und Tätigkeitsfelder Die Tätigkeiten einer School Nurse sind breit gefächert und reichen von der Erstversorgung bei Verletzungen über Gesundheitsberatung bis hin zur strukturierten Präventionsarbeit. Im Zentrum steht die kontinuierliche Begleitung von Schüler:innen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Asthma oder neurologischen Störungen. Hinzu kommen Aufgaben im Bereich der Gesundheitsförderung, insbesondere Aufklärungsarbeit zu Ernährung, Bewegung, Hygiene und psychischer Gesundheit. Ein weiteres Aufgabenfeld ist die Vernetzung mit anderen Berufsgruppen. School Nurses arbeiten eng mit Pädagog:innen, Schulsozialarbeiter:innen, Psycholog:innen und Eltern zusammen. Dadurch entsteht ein multiprofessionelles Netzwerk, das individuelle Unterstützungsmaßnahmen koordiniert. Diese Form der Zusammenarbeit trägt zur Entlastung der Lehrpersonen bei, die bislang häufig selbst mit gesundheitlichen Problemen der Schüler:innen konfrontiert waren. Darüber hinaus übernehmen School Nurses eine wichtige Dokumentationsaufgabe. In Wien wurde dafür ein elektronisches Dokumentationstool entwickelt, das fallbezogen und datenschutzkonform genutzt wird. Es ermöglicht eine genaue Nachverfolgung der Fälle und dient zugleich der Datengrundlage für Evaluationen und politische Entscheidungen. ## Zielgruppen und Einsatzorte Das Wiener Pilotprojekt startete 2022 an ausgewählten Volksschulen und Mittelschulen. Die Auswahl der Standorte erfolgte anhand mehrerer Kriterien: hoher Anteil an Schüler:innen mit Migrationshintergrund, überdurchschnittliche Zahl an Kindern mit chronischen Erkrankungen und sozioökonomische Belastungen im Umfeld. Zusätzlich wurden sonderpädagogische Zentren einbezogen, um Erfahrungen mit Kindern mit komplexen gesundheitlichen Bedarfen zu gewinnen. In diesen Schulen mit erhöhtem Förderbedarf zeigte sich besonders deutlich, dass der pflegerische Anteil an der Tätigkeit höher ist als in Regelschulen. Hier werden beispielsweise Kinder mit Trachealkanülen betreut, Medikamente verabreicht oder epileptische Anfälle beobachtet und dokumentiert. Um den unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden, wurde ein Betreuungsschlüssel von etwa einer School Nurse pro 500 bis 600 Schüler:innen festgelegt. In sonderpädagogischen Einrichtungen gilt ein angepasster Schlüssel von etwa einem Drittel dieser Zahl. [School Nurses: Wo steht Österreich?Die Stadt Wien führt ab kommenden Schuljahr flächendeckend Pflegefachpersonen im Schulwesen ein. Der Bedarf an School Nurses ist groß.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-42.ico)Online-Portal für professionell PflegendeKarin Klenk![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_x_klenk_dsc01043_optimized_3c58fd4cb4.jpg)](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/53692-school-nurses-wo-steht-oesterreich?ref=uebergabe.de) ### Evaluation und Ergebnisse Die wissenschaftliche Begleitung erfolgte unter Leitung von Prof. Dr. med. Hans-Peter Hutter, Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin, Zentrum für Public Health, Med. Universität Wien. Mittels standardisierter Fragebögen wurden Schüler:innen, Eltern und Pädagog:innen vor und nach Einführung der School Nurse befragt. Themenschwerpunkte waren die wahrgenommene Sicherheit, die gesundheitliche Versorgung, das Vertrauen in die Ansprechpersonen sowie die Häufigkeit gesundheitlicher Zwischenfälle. Die Ergebnisse fielen durchweg positiv aus. Pädagog:innen gaben an, die School Nurse als wesentliche Entlastung zu erleben und sich im Unterricht stärker auf pädagogische Aufgaben konzentrieren zu können. Eltern berichteten von größerer Sicherheit, ihre Kinder in der Schule gut aufgehoben zu wissen. Auch die Schüler:innen bewerteten die Präsenz einer School Nurse überwiegend positiv und nutzten das Angebot zunehmend für Beratungsgespräche. Parallel zur Befragung wurden quantitative Daten aus der elektronischen Dokumentation ausgewertet. Diese zeigten eine deutliche Reduktion unnötiger Rettungseinsätze und Arztbesuche. Kinder mit akuten Verletzungen oder leichten Erkrankungen konnten häufig unmittelbar versorgt werden und kehrten anschließend in den Unterricht zurück. Damit wurden sowohl Fehlzeiten als auch Kosten im Gesundheitssystem reduziert. [In einem Endbericht der Stadt Wien wurden alle Forschungsdaten zu dem Projekt zusammengetragen](https://www.wien.gv.at/pdf/ma15//school-nurses-endbericht.pdf?ref=uebergabe.de). ### Gesundheitskompetenz und Prävention Ein zentrales Ziel des Projekts war die Förderung der Gesundheitskompetenz von Schüler:innen. In der täglichen Arbeit zeigte sich, dass viele Kinder grundlegende Informationen zu Ernährung, Bewegung oder Hygiene nur unzureichend kannten. Durch regelmäßige Workshops, Pausenprogramme und individuelle Gespräche konnte hier Wissen aufgebaut und Verhalten langfristig verändert werden. Die School Nurse wird von den Schüler:innen nicht als pädagogische, sondern als vertrauensvolle Ansprechperson wahrgenommen. Diese niedrigschwellige Beziehung eröffnet auch den Zugang zu sensiblen Themen wie Angst, Stress oder psychosozialen Belastungen. In vielen Fällen fungiert die School Nurse als erste Person, die Anzeichen psychischer Krisen wahrnimmt und gezielte Unterstützung einleitet. Auch für Kinder, die in der Familie Pflegeverantwortung übernehmen, stellt die School Nurse eine wichtige Ressource dar. In Gesprächen können Belastungen erkannt und Unterstützungsstrukturen vermittelt werden. Damit wird School Nursing zu einem Baustein sozialer Gesundheitsförderung, der weit über die Schule hinaus wirkt. > *„Der Alltag ist bunt. Pädagogische Grundlagen sind wichtig, um Gesundheitsförderung altersgerecht zu vermitteln.“ – Franziska Rumpf* ### Interdisziplinäre Zusammenarbeit Die Kooperation mit Schulärzt:innen, Sozialarbeiter:innen und Psycholog:innen ist integraler Bestandteil des Konzepts. Besonders die enge Abstimmung mit der Sozialarbeit erwies sich als bedeutsam, etwa bei familiären Problemen, Kindeswohlgefährdung oder Fluchterfahrungen. Durch gemeinsame Fallbesprechungen und abgestimmte Maßnahmen entstehen synergetische Effekte, die zu einer stabileren Betreuung führen. Die Zusammenarbeit verläuft dabei auf Augenhöhe. School Nurses agieren als eigenständige Fachpersonen und nicht als Assistenz anderer Berufsgruppen. Diese gleichberechtigte Einbindung stärkt die interprofessionelle Kommunikation und befördert ein modernes Verständnis von Pflege als gestaltender Profession im Gemeinwesen. [![CTA Image](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/10/community-nursing-in-O--sterreich.png)](https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-71838-4?ref=uebergabe.de) Im September 2025 ist dieses Open Access Buch erschienen. Es bietet eine Einführung in die Hintergründe, Methoden und Konzepte von Community (Health) Nursing in Österreich. Das Buch beleuchtet, wie Gesundheits- und Krankenpflege auf lokaler Ebene gezielt eingesetzt werden kann, um präventiv und nachhaltig zur Gesundheit der Bevölkerung beizutragen. [Franziska Rumpf](https://www.linkedin.com/in/franziska-rumpf-msc-687b7b5a/?ref=uebergabe.de) hat im Buch das Kapitel [****Resilienz über die Lebensspanne**](https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-71838-4%5F8?ref=uebergabe.de) verfasst. [Zum Buch ](https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-71838-4?ref=uebergabe.de) ## Bedeutung für die Profession Pflege Mit der Einführung des School Nursing wurde in Österreich ein neues pflegerisches Tätigkeitsfeld geschaffen, das das Berufsspektrum erweitert und den Verbleib von Fachpersonen im Gesundheitswesen fördern kann. Viele Pflegefachpersonen, die aus dem stationären Bereich ausscheiden, suchen nach alternativen Arbeitsfeldern mit geregelten Arbeitszeiten und pädagogisch-präventiver Ausrichtung. Das School Nursing bietet genau diese Kombination. Darüber hinaus leistet das Projekt einen Beitrag zur Attraktivität des Pflegeberufs. Es zeigt, dass Pflege nicht ausschließlich in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen stattfindet, sondern auch im öffentlichen Raum Verantwortung übernehmen kann. Die Integration pflegerischer Expertise in Schulen verdeutlicht den präventiven und gesundheitsfördernden Charakter der Profession. ### Professionalisierung und Weiterbildung Im Verlauf des Projekts wurde ein modulares Schulungssystem für zukünftige School Nurses entwickelt. Dieses Curriculum umfasst Inhalte zu Entwicklungspsychologie, Pädagogik, Kommunikation, Ersteinschätzung, Notfallmanagement und Gesundheitsförderung. Die Qualifizierung wird durch ein Praktikum im schulischen Setting ergänzt. Langfristig ist geplant, School Nursing in die akademische Pflegebildung zu integrieren. Damit würde die Tätigkeit eine noch stärkere wissenschaftliche Fundierung erhalten und sich als eigenständige Spezialisierung im Rahmen der Community Health Nursing etablieren. Die Verbindung zwischen pflegerischer Praxis und wissenschaftlicher Evidenz ist dabei zentral, um Wirksamkeit und Qualität dauerhaft zu sichern. ### Politische und strukturelle Perspektiven Nach Abschluss der Evaluation beschloss die Stadt Wien, das Modell auszuweiten. Aus den ursprünglich vier Pilotstellen sollen bis zu 40 School Nurses werden. Die Auswahl der Schulen erfolgt anhand von Prioritäten wie Inklusionsanteil, sozialer Lage und gesundheitlichem Bedarf. Das Personalrecruiting ist im Gange, die Nachfrage unter Pflegefachpersonen groß. > *„Es ist eine Win-Win-Win-Situation. Ohne School Nurse wollen wir gar nicht mehr tätig sein.“ – Karin Klenk* Das Wiener Modell gilt inzwischen als Leuchtturmprojekt im deutschsprachigen Raum. Erste Kooperationen mit anderen österreichischen Bundesländern, etwa Linz und Vorarlberg, wurden initiiert. Auch in Deutschland stößt das Konzept auf wachsendes Interesse, da es Antworten auf aktuelle Herausforderungen der Kindergesundheit und der intersektoralen Versorgung liefert. Langfristig könnte School Nursing ein zentraler Bestandteil eines kommunalen Public-Health-Ansatzes werden. Durch die Präsenz pflegerischer Expertise im Bildungssystem entstehen neue Möglichkeiten der Prävention, Früherkennung und Gesundheitsbildung. Diese Entwicklungen stehen im Einklang mit internationalen Strategien der Weltgesundheitsorganisation, die die Rolle der Pflege in der Primärversorgung stärken wollen. ### Reflexion: Ein Modell mit Signalwirkung Das Wiener Projekt zeigt, dass die Integration von Pflegefachpersonen in Schulen sowohl gesundheitliche als auch gesellschaftliche Effekte entfalten kann. Die Präsenz einer School Nurse trägt zur Chancengleichheit bei, indem sie Kinder mit chronischen Erkrankungen, psychosozialen Belastungen oder Fluchterfahrungen unterstützt. Gleichzeitig stärkt sie die Gesundheitskompetenz der gesamten Schulgemeinschaft und entlastet pädagogische Fachkräfte. Für die Pflegewissenschaft eröffnet sich ein neues Forschungsfeld. Fragen nach Wirksamkeit, Effizienz und professioneller Identität im Kontext schulischer Gesundheitsförderung bieten Anknüpfungspunkte für empirische Studien. Auch die Rolle der Pflege im Präventionsgesetz und in kommunalen Versorgungsstrategien könnte durch solche Projekte neu gedacht werden. > *„Die Pflege hat mit der neuen Rolle eine große Chance, sich weiterzuentwickeln und im System sichtbar zu bleiben.“ – Franziska Rumpf* ## Fazit School Nursing ist in Wien ein Beispiel für gelungene Pflegeentwicklung, evidenzbasiertes Handeln und interdisziplinäre Kooperation. Die Verbindung von Pflege, Bildung und Public Health macht deutlich, wie vielfältig die Profession wirken kann, wenn sie Verantwortung in neuen Handlungsfeldern übernimmt. Die Ergebnisse aus Wien zeigen, dass die Präsenz von Pflegefachpersonen an Schulen nicht nur Kinder schützt, sondern Familien, Lehrende und das Gesundheitssystem gleichermaßen entlastet. School Nursing ist damit ein Modell, das weit über Österreich hinausweist – hin zu einer pflegerisch gestalteten, gesundheitsfördernden Gesellschaft. ## Zum Weiterhören - [ÜG074 – Schulgesundheitspflege / School Nursing (Andreas Kocks)](https://www.uebergabe.de/ug074/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG023 – DVG & Community Health Nursing (Prof. Dr. W. Schnepp & J. Sauskat)](https://www.uebergabe.de/ug023/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ## Mehr zum Thema School-Nursing Wir haben 2021 bereits eine Podcast-Episode zu den Grundlagen vom School-Nursing aufgenommen. Dort gibt es auch weiterführende Links zum Thema: [ÜG074 - Schulgesundheitspflege / School Nursing (Andreas Kocks) - ÜbergabeSchulgesundheitspflege gibt es in Deutschland kaum. Dabei ist sie wichtig. Was genau das ist, erklärt Andreas Kocks.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-91.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug074-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug074/) Wer lieber ein übersichtliches **Video** mag, kann sich hier in 18 Minuten alles Wichtige anschauen: [Schulgesundheitspflege – Gesundheitsförderung in Schulen🎥 Die Schulgesundheitspflege, auch bekannt als School Nursing, fördert die Gesundheit von Schüler:innen durch Prävention und Betreuung bei chronischen Erkrankungen sowie psychischen Problemen. Sie verbessert die Gesundheitskompetenz und etabliert gesunde Verhaltensweisen frühzeitig.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-92.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/School-Nursing-1.webp)](https://www.uebergabe.de/schulgesundheitspflege/) ## School Nursing in Deutschland? Diskutier mit professionell Pflegenden in unserem Forum! [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-16.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-13.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) • • • Im Newsletter werben **Solltest du Interesse daran haben, bei uns* ***im Newsletter oder im Podcast** *zu* ***werben oder eine Stellenanzeige zu schalten,** *freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme per E-Mail:* [**hallo@uebergabe.de*](mailto:hallo@uebergabe.de) [Kontakt aufnehmen ](mailto:hallo@uebergabe.de) ### Empathisch kommunizieren in der Pflege URL: https://www.uebergabe.de/empathisch-kommunizieren-in-der-pflege/ Last updated: 2025-10-15T05:59:36.000Z 🗓️ #102 | 09.10.2025 ### Worum geht's? Diese qualitative Studie untersucht, wie Pflegefachpersonen in Krankenhäusern empathische Kommunikation mit Patient:innen gestalten. Sie beleuchtet, welche Verhaltensweisen, Strategien und Bedingungen als zentral für die Herstellung einer solchen Beziehung gelten. Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für die Bedeutung von Empathie in der pflegerischen Kommunikation zu entwickeln. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie möchte klären, was Pflegefachpersonen unter empathischer Kommunikation verstehen und wie sie diese konkret im Alltag umsetzen. Sie will Erkenntnisse gewinnen, die zur Entwicklung von Schulungskonzepten und Bewertungsinstrumenten für empathische Pflegekommunikation dienen können. Damit schließt sie eine Forschungslücke in Bezug auf kulturspezifische Aspekte empathischer Interaktionen im Pflegesystem. _This post is for paying subscribers only._ ### Debatten um Pflegegrad 1 & die Pflege-Informatik-Initiative URL: https://www.uebergabe.de/pu103/ Last updated: 2026-06-13T23:23:55.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegegrad 1 sichert rund 860.000 Menschen leichte Hilfen und präventive Entlastung. - Ab 2026 droht eine Streichung zur Einsparung von 1,8 Milliarden Euro. - Kurzfristige Einsparungen könnten langfristig höhere Kosten und Versorgungslücken verursachen. - Die Pflegeinformatik-Initiative fordert einen bundesweiten Kerndatensatz für sichtbare, messbare Pflege. - Auch Organspende-Widerspruchslösung und Bürokratieabbau prägen die gesundheitspolitische Debatte. ## **Bedeutung von Pflegegrad 1 für die Versorgung** Pflegegrad 1 umfasst in Deutschland rund 860.000 Menschen mit leichten Einschränkungen in ihrer Selbstständigkeit. Dazu gehören vor allem Personen mit beginnender Demenz, Einschränkungen der Mobilität oder kognitiven Problemen. Die Leistungen sind auf den ersten Blick begrenzt: 131 Euro Entlastungsbetrag monatlich, Zuschüsse für Hilfsmittel, ein Hausnotruf oder Mittel für barrierefreie Umbauten. Trotz der geringen Summen haben diese Leistungen erhebliche Wirkung. Sie ermöglichen Selbstständigkeit, reduzieren das Risiko von Krankenhausaufenthalten und entlasten pflegende Angehörige. Damit erfüllen sie eine präventive Funktion, die im Gesamtsystem Kosten vermeidet. [Pflegegrad 1: Kanzleramtsminister Frei verweist auf Arbeitsgruppe – Deutsches Ärzteblatt![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-18.png)Deutsches ÄrzteblattDeutscher Ärzteverlag GmbH, Redaktion Deutsches Ärzteblatt![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/image-3)](https://www.aerzteblatt.de/news/pflegegrad-1-kanzleramtsminister-frei-verweist-auf-arbeitsgruppe-643cedb1-3162-48f2-89e5-1e7cfc181d01?ref=uebergabe.de) ### Politische Hintergründe der Debatte Ab dem Jahr 2026 wird in der Pflegeversicherung eine Finanzierungslücke von rund zwei Milliarden Euro erwartet. Ein Vorschlag des Bundesgesundheitsministeriums sieht vor, Pflegegrad 1 zu streichen. Mit dieser Maßnahme könnten etwa 1,8 Milliarden Euro eingespart werden. Die politische Diskussion zeigt ein geteiltes Bild: Während Teile der Bundesregierung die Streichung als Beitrag zur Stabilisierung der Pflegeversicherung sehen, warnen Fachverbände wie die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz und die [Deutsche Alzheimergesellschaft](https://www.deutsche-alzheimer.de/artikel/abschaffung-von-pflegegrad-1-bedeutet-gefaehrdung-der-versorgung-von-menschen-mit-demenz?ref=uebergabe.de) vor gravierenden Folgen für Betroffene und Angehörige. ### Auswirkungen auf Patient:innen und Angehörige Die Abschaffung von Pflegegrad 1 hätte direkte Konsequenzen für Betroffene. Unterstützungsleistungen wie Haushaltshilfen, Betreuungsgruppen oder Zuschüsse zu Hilfsmitteln würden entfallen. Dies erhöht das Risiko einer Verschlechterung des Gesundheitszustands, beschleunigt den Übergang in stationäre Pflege und steigert die Belastung pflegender Angehöriger. Auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive sind die Folgen relevant: Kurzfristige Einsparungen würden langfristig höhere Kosten verursachen, da präventive Leistungen entfallen und akute Versorgungslücken entstehen. [Pflegegrad 1 abschaffen? – Warum das keine gute Idee istKosten senken auf dem Rücken der Schwächsten: Die Bundesregierung denkt offenbar darüber nach, den Pflegegrad 1 zu streichen. Dies würde mehr als 860.000 Betroffene![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/icon.svg)Sozialverband VdK Deutschland e.V.Von: Christina Liebeck![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_imago441811650_d41fe414d2.jpg)](https://www.vdk.de/aktuelles/aktuelle-meldungen/artikel/pflegegrad-1-abschaffen-warum-das-keine-gute-idee-ist/?ref=uebergabe.de#c65279) ## Zum Weiterhören - [ÜG108 – #01 Wir erklären Pflege – 5,4,3,2,1 Pflegegrad - wie geht's weiter ...](https://www.uebergabe.de/ug108/) - [ÜG159 – Standardisierte Fachsprache in der Pflege (Aldair Mateus)](https://www.uebergabe.de/ug159/) - [ÜG015 – Organspende – Eine lebensrettende Entscheidung (B. Gruber)](https://www.uebergabe.de/ug015/) --- ## Pflegeinformatik als strukturelle Grundlage Parallel zu dieser Debatte liegt mit der Pflegeinformatik-Initiative des Deutschen Pflegerats ein Vorschlag vor, der die digitale Infrastruktur in der Pflege verbessern soll. Ziel ist die Einführung eines bundesweit einheitlichen Kerndatensatzes Pflege, um pflegerische Leistungen vergleichbar und auswertbar zu machen. Die derzeitige Situation ist durch uneinheitliche Dokumentationssysteme geprägt. Unterschiedliche Softwarelösungen sind häufig nicht kompatibel, wodurch pflegerische Arbeit in Forschung und Politik weitgehend unsichtbar bleibt. [Deutscher Pflegerat - Deutscher Pflegerat legt Expert:innenpapier zur Pflege-Informatik-Initiative vorDie DPR-Fachkommission „Digitalisierung in der Pflege“ hat ein Expert:innenpapier zur Pflege-Informatik-Initiative vorgelegt. Ziel ist es, pflegerische Daten im Gesundheitssystem zu nutzen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-40.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-12.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/deutscher-pflegerat-legt-expertinnenpapier-zur-pflege-informatik-initiative-vor?ref=uebergabe.de) ### Zentrale Forderungen der Pflegeinformatik-Initiative Die Initiative umfasst mehrere zentrale Maßnahmen: - Aufbau eines Kerndatensatzes Pflege zur standardisierten Datenerfassung - Einrichtung von Pflegedatenzentren zur Analyse und Nutzung der Informationen - Investitionen in digitale Infrastrukturen in Einrichtungen - Stärkung von Forschung und Lehre durch Professuren und Studiengänge im Bereich Pflegeinformatik Diese Schritte sollen sicherstellen, dass pflegerische Leistungen sichtbar, messbar und evidenzbasiert bewertet werden können. ### Internationale Entwicklungen Andere Länder zeigen, wie Pflegedaten erfolgreich genutzt werden können. In Kanada dienen standardisierte Pflegedaten als Grundlage für Versorgungssteuerung und politische Entscheidungen. Auch in Skandinavien und den Niederlanden sind entsprechende Systeme etabliert und werden in den europäischen Gesundheitsdatenraum integriert. Deutschland läuft Gefahr, in diesem Bereich den Anschluss zu verlieren. Ohne valide Daten bleibt die Pflege im politischen Diskurs benachteiligt und kann ihre Wirksamkeit nicht belegen. ### Evidenzbasierte Steuerung von Pflegepolitik Die systematische Erfassung von Pflegedaten ermöglicht eine präzisere Steuerung von Versorgung und Politik. Dazu gehören: - die Bewertung pflegerischer Interventionen - die Analyse regionaler Unterschiede in der Versorgung - die Identifikation von Bedarfen für Forschung und Praxis Für die Profession bedeutet dies, dass Pflegefachpersonen durch Daten gestärkt werden können, da ihre Arbeit messbar und belegbar wird. --- Dieser Beitrag ist kostenlos und wird ermöglicht durch zahlende Mitglieder der Übergabe. Wenn dir unsere Arbeit gefällt, dann unterstütze uns gern. Dafür bekommst du neben den regulären Newslettern auch Zugang zu [exklusivem Content, wie unseren Briefings.](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) [Übergabe-Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) --- ## Organspende und die Widerspruchslösung Ein zentraler Punkt der aktuellen gesundheitspolitischen Debatte betrifft die Organspende. Acht Bundesländer haben im Bundesrat eine Initiative für die Einführung der Widerspruchslösung eingebracht. Damit würde künftig jede volljährige Person automatisch als Organspender:in gelten, solange kein aktiver Widerspruch vorliegt. Ziel dieser Reform ist es, die Diskrepanz zwischen der hohen Zustimmung in der Bevölkerung und der geringen Zahl tatsächlich durchgeführter Organspenden zu verringern. In Deutschland warten derzeit rund 8300 Patient:innen auf ein Spenderorgan, während im Jahr 2024 nur etwa 2850 Organspenden registriert wurden. Die Einführung der Widerspruchslösung könnte Wartezeiten verkürzen und die Chancen auf eine erfolgreiche Transplantation erhöhen. [Bundesländer wollen Widerspruchslösung bei Organspende durchsetzenDie mögliche Neuregelung der Organspende ist ein Dauerthema. Nach mehreren gescheiterten Versuchen starten acht Bundesländer unter der Führung Nordrhein-Westfalens einen neuen Anlauf für eine Widerspruchslösung.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-9.svg)tagesschau.de![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/organspende-141.jpg)](https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/organspende-antrag-bundestag-104.html?ref=uebergabe.de) ## Bürokratieabbau im Gesundheitswesen Ein weiteres Thema ist der Umgang mit bürokratischen Belastungen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft weist seit Langem darauf hin, dass die Vielzahl an Regulierungen und administrativen Vorgaben die Arbeit in den Einrichtungen erheblich erschwert. Pflegefachpersonen und Ärzt:innen verbringen viel Zeit mit Dokumentation und Verwaltung, die nur bedingt zur Verbesserung der Versorgungsqualität beiträgt. Reformen in den vergangenen Jahren hätten bislang kaum zu spürbaren Veränderungen geführt. Aus Sicht der Krankenhausgesellschaft ist es dringend erforderlich, administrative Strukturen zu verschlanken, damit mehr Zeit für die direkte Versorgung von Patient:innen bleibt und die Arbeitszufriedenheit des Fachpersonals steigt. [DKG fordert konsequente Entbürokratisierung im Gesundheitswesen – Worten müssen endlich Taten folgenDie Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) begrüßt die Ankündigungen der Bundesregierung, sich stärker mit Reformen der Staatsstrukturen auseinanderzusetzen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-41.ico)Deutsche Krankenhaus Gesellschaft![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-DKG-1.png)](https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/dkg-fordert-konsequente-entbuerokratisierung-im-gesundheitswesen-worten-muessen-endlich-taten-folgen/?ref=uebergabe.de) ## Ausblick Die Debatte um Pflegegrad 1 zeigt, wie stark die Pflegepolitik von finanziellen Rahmenbedingungen geprägt ist und welche Auswirkungen Entscheidungen direkt auf Betroffene und Angehörige haben können. Gleichzeitig verdeutlicht die Pflegeinformatik-Initiative, dass die Profession durch eine bessere Datenbasis und digitale Strukturen an Sichtbarkeit und Gestaltungskraft gewinnen kann. Ergänzende Themen wie Organspende und Bürokratieabbau machen klar, dass strukturelle Veränderungen notwendig sind, um die Versorgung langfristig stabil und verlässlich zu gestalten. In den kommenden Monaten wird entscheidend sein, ob es gelingt, kurzfristige Lösungen mit einer nachhaltigen Weiterentwicklung des Pflegesystems zu verbinden. --- ## Veranstaltungen 22\. Osnabrücker Gesundheitsforum Am ****10\. Oktober 2025** findet das 22\. Osnabrücker Gesundheitsforum statt ****„Nachhaltigkeit in der Pflege – Zwischen Umweltbewusstsein und Versorgungssicherheit“**. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Pflegeeinrichtungen und Kliniken den Herausforderungen des Klimawandels begegnen können. Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis präsentieren aktuelle Forschungsergebnisse und diskutieren innovative Lösungen für eine klimaresiliente, zukunftsfähige Pflege. 👉 Eine spannende Gelegenheit, sich über nachhaltige Strategien im Gesundheitswesen auszutauschen und neue Impulse für die eigene Praxis mitzunehmen. [Jetzt anmelden! ](https://www.hs-osnabrueck.de/osnabruecker-gesundheitsforum/anmeldung/?ref=uebergabe.de) --- ### Progressive Muskelrelaxation bei Menschen mit MS URL: https://www.uebergabe.de/progressive-muskelrelaxation-bei-menschen-mit-ms/ Last updated: 2026-01-03T22:29:43.000Z 🗓️ #101 | 02.10.2025 ### Worum geht's? Die Studie untersucht die Wirkung der progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson auf das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit bei Patient:innen mit Multipler Sklerose (MS). Es handelt sich um eine nicht-medikamentöse Intervention zur Unterstützung der psychischen Gesundheit von Menschen mit einer chronischen neurologischen Erkrankung. 💡 Die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (PMR) ist ein wissenschaftlich fundiertes Entspannungsverfahren, das in den 1920er-Jahren von dem amerikanischen Arzt Edmund Jacobson entwickelt wurde. Das Grundprinzip beruht darauf, dass Anspannung und Entspannung körperlich und psychisch eng miteinander verbunden sind. Indem bestimmte Muskelgruppen nacheinander bewusst für einige Sekunden angespannt und anschließend wieder gelockert werden, wird ein Zustand tiefer körperlicher Entspannung erreicht. Dieser Wechsel schärft das Körperbewusstsein, weil die Unterschiede zwischen Spannung und Entspannung deutlich wahrgenommen werden. Die Wirkung von PMR geht über die reine Muskelentspannung hinaus. Durch die systematische Reduktion von Muskeltonus sinkt die Aktivität des vegetativen Nervensystems: Herzfrequenz und Blutdruck können sich regulieren, die Atmung vertieft sich, und Stresshormone werden reduziert. Gleichzeitig wird die Parasympathikusaktivität angeregt, was den Organismus in einen Erholungszustand versetzt. Auch auf psychischer Ebene entfaltet sich ein Effekt: viele Menschen berichten über eine Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit, mehr innere Ruhe und eine geringere Anfälligkeit für Stress. In der Praxis wird PMR in ruhiger Umgebung durchgeführt. Der Übende nimmt eine bequeme Position im Sitzen oder Liegen ein und arbeitet sich schrittweise durch verschiedene Muskelgruppen, beispielsweise Hände, Arme, Gesicht, Schultern, Bauch, Beine und Füße. Die Spannung wird bewusst aufgebaut, kurz gehalten und anschließend vollständig gelöst. Mit zunehmender Übung lässt sich der Entspannungszustand schneller und effektiver erreichen, bis hin zur sogenannten Kurzform, in der nur noch wenige Muskelgruppen einbezogen werden. Heute wird Progressive Muskelrelaxation breit angewendet, in der Stressprävention, bei Schlafstörungen, chronischen Schmerzen, Angststörungen oder in der Rehabilitation. Sie gilt als leicht erlernbar, nebenwirkungsarm und für nahezu alle Altersgruppen geeignet, was sie zu einer der am häufigsten eingesetzten Entspannungstechniken in Medizin, Psychotherapie und Pflege macht. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel war es, herauszufinden, ob durch die Anwendung progressiver Muskelrelaxationstechniken das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit von MS-Patient:innen messbar verbessert werden können. Dies sollte durch einen Vergleich zwischen einer Interventionsgruppe und einer Kontrollgruppe in einem klinischen Studiensetting evaluiert werden. _This post is for paying subscribers only._ ### Elderspeak in der Pflege (Christina Hoffmann & Annemarie Röthig) URL: https://www.uebergabe.de/ug175/ Last updated: 2026-06-17T09:05:42.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Elderspeak ist sprachliche Überanpassung an Altersstereotype – eine subtile Form der Altersdiskriminierung. - Verniedlichungen, übertriebene Lautstärke und Kosenamen wirken bevormundend und schwächen Autonomie älterer Patient:innen. - Folgen reichen von erlernter Hilflosigkeit bis zu längerer Liegedauer und herausforderndem Verhalten. - Drei Pflegewissenschaftlerinnen entwickelten den ersten deutschen Fragebogen zur systematischen Erfassung. - Der erste Schritt zur Veränderung ist Selbstreflexion – Sprache ist Macht. ## Was bedeutet Elderspeak? Elderspeak bezeichnet eine **Überanpassung der Sprache**, die auf Altersstereotypen basiert. Pflegefachpersonen gehen dabei unausgesprochen davon aus, dass ältere Patient:innen komplexe Sprache nicht verstehen können. Das Resultat: vereinfachte Satzstrukturen, Verniedlichungen, übertriebene Lautstärke oder ein kollektives „Wir“ – etwa in Sätzen wie: „Na, wollen *wir* uns mal waschen?“ Forschende unterscheiden dabei drei Ebenen: - **Verbale Ebene**: Kosenamen, Verniedlichungen, vereinfachte Satzfragmente, Suggestivfragen oder Imperative. - **Paralinguistische Ebene**: übertriebene Lautstärke, überhöhte Tonlage, betonte Aussprache. - **Nonverbale Ebene**: Augenrollen, Kopfschütteln oder ein dominantes Raumverhalten. Was zunächst harmlos wirkt, ist mehr als ein sprachlicher Tick. Elderspeak transportiert implizit eine Haltung – nämlich die Vorstellung, ältere Menschen seien automatisch weniger kompetent. Damit handelt es sich nicht nur um eine Kommunikationsform, sondern um eine Form subtiler Altersdiskriminierung. ## Vom Alltagsmuster zum Forschungsthema Schon in den 1980er Jahren wurde Elderspeak erstmals wissenschaftlich beschrieben – zunächst in den USA. Dort zeigten Studien, dass Pflegefachpersonen mit älteren Bewohner:innen anders sprachen als mit Kolleg:innen. Erst später erhielt das Phänomen den Namen *Elderspeak* und wurde systematisch untersucht. Internationale Beobachtungsstudien machten das Ausmaß sichtbar: [Eine Untersuchung](https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10408664/?ref=uebergabe.de) zeichnete Pflegeinteraktionen während kompletter Schichten auf. Hierbei traten Elderspeak-Elemente auffällig häufig auf. [In einer anderen Studie](https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8406004/?ref=uebergabe.de) nutzten Pflegende Verniedlichungen oder Kosenamen. In Deutschland hingegen steckt die Forschung noch in den Anfängen. Nur wenige Studien haben sich bislang mit Elderspeak befasst, und diese konzentrieren sich vor allem auf die Akutpflege. Umso wichtiger sind Projekte, die das Thema für den deutschsprachigen Raum erschließen. Werde Übergabe-Mitglied 📬 ****Unser Newsletter bleibt kostenlos – dank über 260 Menschen, die unsere Arbeit bereits unterstützen.** Wenn du unsere Inhalte schätzt, dich inspiriert fühlst oder einfach gern dabei bist: Werde Teil der Übergabe 💛 Mit deiner Mitgliedschaft erhältst du exklusiven Zugang zu unseren Briefings – etwa zum Thema [**Gibt es Altersdiskriminierung in der Pflege?*](https://www.uebergabe.de/gibt-es-altersdiskriminierung-in-der-pflege/) – und zu unserem Videokurs [**Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege*](https://www.uebergabe.de/videkurs-pflegeforschung/) Dein Support macht es möglich, dass wir dieses Projekt weiterführen und ausbauen können 🙌 Danke, dass du Teil davon bist! [Jetzt Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Warum Elderspeak problematisch ist Elderspeak ist keine harmlose Form der Kommunikation, sondern kann erhebliche Auswirkungen auf Patient:innen haben: - **Erlernte Hilflosigkeit**: Wenn Menschen ständig bevormundet angesprochen werden, geben sie Eigeninitiative leichter auf. - **Verlust von Autonomie**: Sprache kann den Eindruck verstärken, keine Kontrolle über die Situation zu haben. - **Psychische Belastung**: Elderspeak fördert Gefühle von Isolation, Abhängigkeit und vermindertem Selbstwert. - **Negative Versorgungsergebnisse**: Studien zeigen Zusammenhänge mit längerer Liegedauer im Krankenhaus, herausforderndem Verhalten bei Demenz und Ablehnung von Pflegemaßnahmen. - **Auswirkungen auf Pflegende selbst**: Wer Elderspeak verwendet, wird von Außenstehenden – etwa Angehörigen – oft als weniger kompetent wahrgenommen. *Besonders deutlich zeigt sich die Problematik bei Menschen mit Demenz: Auch wenn sprachliche Fähigkeiten abnehmen, bleibt das Gespür für Haltungen und Respekt erhalten. Verniedlichende oder herablassende Sprache kann deshalb unmittelbar herausforderndes Verhalten auslösen.* > *„Sprache kann zur Isolation und einem Abhängigkeitsgefühl beitragen.“ - Annemarie Röthig* ## Zwischen Anpassung und Überanpassung Nicht jede sprachliche Anpassung ist gleich Elderspeak. Es macht selbstverständlich Sinn, lauter oder langsamer zu sprechen, wenn ein Hörgerät fehlt oder eine Patientin schwerhörig ist. Entscheidend ist der Unterschied zwischen **situationsbezogener Anpassung** und **übergriffiger Überanpassung**. > *„Je mehr wir uns mit Elderspeak beschäftigt haben, desto öfter haben wir es bei uns selbst erkannt.“ - Annemarie Röthig und Christina Hoffmann* Während eine Anpassung auf beobachtbare Bedürfnisse reagiert, basiert Elderspeak auf pauschalen Vorannahmen: Altsein wird mit Kranksein oder kognitiver Einschränkung gleichgesetzt. Die Folge: Sprache wird nicht auf die Person, sondern auf ein Stereotyp zugeschnitten. Ob Elderspeak häufiger in bestimmten Bereichen auftritt, war lange unklar. Inzwischen deuten Ergebnisse darauf hin, dass die **Langzeitpflege stärker betroffen** ist als die Akutversorgung. Gründe dafür könnten die enge und langfristige Beziehung zwischen Pflegefachpersonen und Bewohner:innen sowie das strukturelle Abhängigkeitsverhältnis sein. Auch Unterschiede zwischen Berufsgruppen zeichnen sich ab: Altenpfleger:innen und Pflegehelfer:innen neigen eher zu Verniedlichungen und Kosenamen als Kolleg:innen aus anderen Bereichen. Diese Beobachtungen legen nahe, dass nicht nur Alter oder Erfahrung, sondern auch **Ausbildungskultur und Arbeitsumfeld** eine Rolle spielen. ## Der erste deutsche Fragebogen Um Elderspeak messbar zu machen, haben drei Pflegewissenschaftlerinnen – [Annemarie Röthig](https://www.lmu-klinikum.de/institut-fuer-pflegewissenschaft/unser-team/4340699b9c1bfee0?kumActiveTabs=29046284@3&ref=uebergabe.de), [Christina Hoffmann](https://www.umh.de/einrichtungen/institute/gesundheits-hebammen-und-pflegewissenschaft/team/hoffmann-christina?ref=uebergabe.de) und Maria Schollmeyer – im Rahmen ihres Masterstudiums einen Fragebogen entwickelt. Der Weg dorthin war aufwendig: 1. **Literaturrecherche**: 81 internationale Studien wurden ausgewertet, um relevante Kommunikationsmuster zu identifizieren. 2. **Item-Generierung**: Aussagen zu Elderspeak wurden formuliert, etwa zur Verwendung von Kosenamen oder vereinfachten Satzstrukturen. 3. **Expert:innen-Workshops**: Fachleute aus Pflege, Gerontologie und Linguistik bewerteten die Items auf Relevanz. 4. **Validierung**: Mit dem *Content Validity Index* wurde geprüft, ob die Items das Phänomen tatsächlich abbilden. Das Ergebnis: ein Fragebogen mit zunächst 13 Items, davon 9 zu Elderspeak und 4 zur personenzentrierten Kommunikation. ## Zum Weiterhören - [ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)](https://www.uebergabe.de/ug050/) - [ÜG100 – Demenzfreundliche Krankenhäuser (Christina Manietta & Melanie Feige)](https://www.uebergabe.de/ug100/) - [ÜG052 – Sprachkompetenz in der Pflege (Vivienne Thomas)](https://www.uebergabe.de/ug052/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- Christina Hoffmann führte das Projekt in ihrer Masterarbeit weiter. Sie testete den Fragebogen an einer beeindruckend großen Stichprobe von **779 Teilnehmenden**. Durch Faktorenanalysen konnten vier Dimensionen identifiziert werden: 1. **Syntax** (vereinfachte Satzstrukturen) 2. **Diminutive** (Verniedlichungen und Kosenamen) 3. **Paralinguistik** (lauter oder langsamer sprechen) 4. **Personenzentrierte Kommunikation** (als positive Gegenkategorie) Der finale Fragebogen umfasst nun zehn Items und gilt als praxistauglich. Er erlaubt, Elderspeak in Studien und in der Versorgungspraxis systematisch zu erfassen. Die Masterarbeit ist jedoch noch nicht veröffentlicht. [Elderspeak im akutstationären Setting (EldAS) | BELTZEine zunehmend alternde Gesellschaft bedingt, dass auch in der Akutversorgung vermehrt ältere Personen behandelt werden. Diese sind in der Kommunikation mit Angehörigen der Gesundheitsfachberufe häufig dem Phänomen Elderspeak ausgesetzt. Elderspeak ist eine Form der Altersdiskriminierung und zeigt sich in veränderten Kommunikationsmustern. Ziel des Projektes EldAS war die Entwicklung und Inhaltsvalidierung eines Fragebogens zur Erfassung von Elderspeak in der Akutversorgung. Die explorative Fragebogenentwicklung erfolgte in Anlehnung an Bühner, basierend auf einer Literaturanalyse und einem Wording-Workshop. Zur Prüfung der Inhaltsvalidität wurde ein Online-Expert:innen-Rating mit anschließender Berechnung des Item-Content Validity Indexes (I-CVI) pro Item und des Scale-Content Validity Indexes (S-CVI) für die Gesamtskala durchgeführt. Der Fragenbogenentwurf enthielt 19 Items, von denen acht in der ersten Validierungsrunde einen I-CVI von ??0,78 erreichten. Acht weitere Items mit unzureichenden I-CVI-Werten wurden adaptiert. In einer zweiten Validierungsrunde konnten vier davon akzeptiert werden. Der finale Fragebogen enthält somit 12 Items und bildet vier der fünf Konstruktkategorien ab.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-39.ico)BELTZbeltz![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/eeo_logo_220.png)](https://www.beltz.de/fachmedien/erziehungswissenschaft/zeitschriften/pflege%5Fgesellschaft/artikel/57286-elderspeak-im-akutstationaeren-setting-eldas.html?ref=uebergabe.de) ## Warum das wichtig ist Ohne Instrumente bleibt Elderspeak ein schwer greifbares Phänomen. Mit einem validierten Fragebogen können künftig belastbare Daten erhoben werden: - Wie verbreitet ist Elderspeak tatsächlich? - Welche Situationen begünstigen ihn? - Welche Auswirkungen haben Schulungen oder Leitbilder? Die Antworten auf diese Fragen sind wichtig, um konkrete Maßnahmen zu entwickeln. Dabei geht es von Ausbildungsinhalten über Fortbildungen bis hin zu Leitlinien für eine respektvolle Kommunikation. Spannend ist auch die kulturelle Dimension: In Ländern wie Norwegen gibt es kein formelles „Sie“, alle Menschen werden geduzt. Dennoch existiert Elderspeak dort ebenfalls – ein Hinweis darauf, dass es nicht allein um Grammatik, sondern vor allem um Haltung geht. Für eine internationale Anwendung müsste der Fragebogen jeweils kulturell angepasst werden. Gleichzeitig zeigt der internationale Vergleich: Elderspeak ist **kein deutsches Problem**, sondern ein global verbreitetes Phänomen. ## Ansätze zur Veränderung Die Forschung macht deutlich: Elderspeak ist tief in Alltagsroutinen verankert. Veränderung braucht deshalb Zeit und mehrere Ebenen: - **Ausbildung**: Schon in der Pflegeausbildung sollte reflektiert werden, wie Sprache wirkt und wie Machtverhältnisse sprachlich transportiert werden. - **Praxis**: Pflegefachpersonen sollten ermutigt werden, ihr Kommunikationsverhalten regelmäßig zu hinterfragen. - **Fortbildungen**: In den USA existiert bereits ein Programm namens *Changing Talk Intervention*. Es sensibilisiert Pflegende durch Videos realer Situationen und zeigt Alternativen auf. In Deutschland fehlt bislang ein vergleichbares Angebot. - **Leitbilder und Führung**: Einrichtungen, die personenzentrierte Kommunikation als festen Bestandteil ihrer Kultur verankern, können ein deutliches Signal setzen. Wer sich mit Elderspeak beschäftigt, beschreibt oft denselben Effekt: Plötzlich hört man es überall – bei Kolleg:innen, aber auch bei sich selbst. Der erste Schritt zur Veränderung ist deshalb **Selbstreflexion**. Sprache ist kein neutrales Werkzeug, sondern prägt, wie Beziehungen entstehen und wie Menschen ihre Rolle in der Versorgung wahrnehmen. > *„Es ist ein Prozess, der Zeit braucht – aber schon kleine Veränderungen im Sprachgebrauch können viel bewirken.“ - Christina Hoffmann* ## Fazit Elderspeak ist mehr als eine sprachliche Eigenheit. Es ist ein Spiegelbild von Altersstereotypen, die sich in der Pflege eingeschlichen haben. Die Folgen reichen von vermindertem Selbstwertgefühl über herausforderndes Verhalten bis hin zu längeren Krankenhausaufenthalten. Dank der Arbeit engagierter Pflegewissenschaftler:innen gibt es nun erstmals ein Instrument, um Elderspeak in Deutschland systematisch zu erfassen. Damit wächst die Chance, gezielt gegenzusteuern – durch Aufklärung, Ausbildung und Fortbildung. Die zentrale Botschaft lautet: **Sprache ist Macht**. Wer ältere Patient:innen respektvoll und personenzentriert anspricht, trägt nicht nur zu ihrem Wohlbefinden bei, sondern stärkt auch die eigene professionelle Haltung. #### Weiterführende Literatur - Ausserhofer, D., Gnass, I., Meyer, G., & Schwendimann, R. (2012). Die Bestimmung der Inhaltsvalidität anhand des Content Validity Index am Beispiel eines Instruments zur Erfassung des Sicherheitsklimas im Krankenhaus. - Beckstead, J. W. (2009). Content validity is naught. **International Journal of Nursing Studies, 46*(9), 1274–1283\. [https://doi.org/10.1016/j.ijnurstu.2009.04.014](https://doi.org/10.1016/j.ijnurstu.2009.04.014?ref=uebergabe.de) - Hoffmann, C., Röthig, A., Schollmeyer, M., Meyer, G., & Beutner, K. (2025). Elderspeak im akutstationären Setting (EldAS). **Pflege & Gesellschaft, 3/2025*. - Lynn, M. R. (1986). Determination and quantification of content validity. **Nursing Research, 35*(6), 382–385\. [https://doi.org/10.1097/00006199-198611000-00017](https://doi.org/10.1097/00006199-198611000-00017?ref=uebergabe.de) - Polit, D. F., & Beck, C. T. (2006). The content validity index: Are you sure you know what’s being reported? Critique and recommendations. **Research in Nursing & Health, 29*(5), 489–497\. [https://doi.org/10.1002/nur.20147](https://doi.org/10.1002/nur.20147?ref=uebergabe.de) - Schnabel, E. L., Wahl, H. W., Schönstein, A., Frey, L., & Draeger, L. (2020). Nurses’ emotional tone toward older inpatients: Do cognitive impairment and acute hospital setting matter? **European Journal of Ageing, 17*(3), 371–381\. [https://doi.org/10.1007/s10433-019-00531-z](https://doi.org/10.1007/s10433-019-00531-z?ref=uebergabe.de) - Schnabel, E. L., Wahl, H. W., Streib, C., & Schmidt, T. (2021). Elderspeak in acute hospitals? The role of context, cognitive and functional impairment. **Research on Aging, 43*(9–10), 416–427\. [https://doi.org/10.1177/0164027520938986](https://doi.org/10.1177/0164027520938986?ref=uebergabe.de) - Shaw, C. A., & Gordon, J. K. (2021). Understanding elderspeak: An evolutionary concept analysis. **Innovation in Aging, 5*(3), igab023\. [https://doi.org/10.1093/geroni/igab023](https://doi.org/10.1093/geroni/igab023?ref=uebergabe.de) - Waltz, C. F., & Bausell, B. R. (1981). **Nursing research: Design statistics and computer analysis.* Davis Fa. --- ## Neu: Unser erster Videokurs ist da! 🚀 Wir haben endlich unseren ersten Videokurs veröffentlicht – und das Thema könnte kaum spannender sein: **Pflegeforschung**. [Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege – VideokursEinsteiger:innen-Kurs zur Pflegeforschung: Grundlagen, Methoden, Datenauswertung & Recherche – praxisnah erklärt für die evidenzbasierte Pflege.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-87.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFrancis![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Pflegeforschung-2.jpg)](https://www.uebergabe.de/videkurs-pflegeforschung/) Darin zeigen wir dir Schritt für Schritt: - was Pflegeforschung eigentlich ist, - wie du aus einer Idee eine präzise Forschungsfrage entwickelst und - wie du gezielt gute Literatur findest. Die Lektionen sind kurz und verständlich aufgebaut – perfekt für Einsteiger:innen, die sicher in die Pflegeforschung starten wollen. 👉 **Übergabe-Mitglieder erhalten exklusiv unbegrenzten Zugriff auf den gesamten Kurs.** --- ## Diskutier mit professionell Pflegenden in unserem Forum! [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-16.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-13.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) Im Newsletter werben **Solltest du Interesse daran haben, bei uns* ***im Newsletter oder im Podcast** *zu* ***werben oder eine Stellenanzeige zu schalten,** *freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme per E-Mail:* [**hallo@uebergabe.de*](mailto:hallo@uebergabe.de) [Kontakt aufnehmen ](mailto:hallo@uebergabe.de) ### Gibt es Altersdiskriminierung in der Pflege? URL: https://www.uebergabe.de/gibt-es-altersdiskriminierung-in-der-pflege/ Last updated: 2025-09-25T08:43:59.000Z 🗓️ #100 | 25.09.2025 ### Worum geht's? Die Studie untersucht Altersdiskriminierung (Ageism) im Gesundheitswesen, insbesondere unter Pflegefachpersonen und anderen Gesundheitsberufen. Ziel ist es, das Ausmaß altersdiskriminierender Einstellungen gegenüber älteren Patient:innen zu erfassen und damit verbundene Faktoren zu identifizieren. Ageism kann zu einer schlechteren medizinischen Versorgung älterer Menschen führen und beeinträchtigt deren Lebensqualität. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der systematischen Übersichtsarbeit war es, das Ausmaß von Ageism unter Gesundheitsfachpersonen zu analysieren und Faktoren zu identifizieren, die mit diskriminierenden Einstellungen gegenüber älteren Patient:innen zusammenhängen. Besonderes Augenmerk lag auf soziodemografischen, persönlichen und arbeitsbezogenen Einflussfaktoren. 💡 Ageism, oder Altersdiskriminierung, bezeichnet Vorurteile, Stereotype und Benachteiligungen, die Menschen allein aufgrund ihres chronologischen Alters erfahren. Anders als neutrale Altersdifferenzierungen, etwa bei rechtlichen Schutzregelungen, beruht Ageism meist auf negativen Zuschreibungen, etwa dass ältere Menschen weniger leistungsfähig, lernunfähig oder hilfsbedürftig seien. Diese Haltung kann sowohl bewusst als auch unbewusst wirken und zeigt sich in alltäglichen Interaktionen ebenso wie in strukturellen Rahmenbedingungen. Für ältere Menschen hat Ageism weitreichende Folgen. In der Gesellschaft führt er häufig zu sozialer Ausgrenzung und dem Gefühl, weniger wertgeschätzt oder gar überflüssig zu sein. Altersdiskriminierende Einstellungen können bewirken, dass ältere Menschen ihre eigenen Handlungsspielräume unterschätzen und sich stärker zurückziehen, was Einsamkeit und psychische Belastungen wie Depressionen begünstigt. Zudem erschwert Ageism eine differenzierte Wahrnehmung: Statt die Vielfalt und Individualität des Alters anzuerkennen, werden ältere Personen oft auf Defizite reduziert. Im Gesundheitssystem zeigt sich Ageism besonders problematisch. Ärzt:innen, Pflegefachpersonen oder Therapeut:innen können ältere Patient:innen unbewusst weniger ernst nehmen, Symptome als „altersgerecht“ abtun oder Therapien und Diagnostik nicht in vollem Umfang anbieten. Dadurch besteht die Gefahr einer Unterversorgung: Krankheiten werden nicht ausreichend behandelt, präventive Maßnahmen zu selten eingesetzt, und Rehabilitationspotenziale bleiben ungenutzt. Gleichzeitig verstärkt Ageism die Tendenz, ältere Menschen als homogene Gruppe zu betrachten, anstatt individuelle Bedürfnisse, Ressourcen und Lebensentwürfe in die Versorgung einzubeziehen. Insgesamt trägt Ageism dazu bei, dass ältere Menschen weniger Chancen auf Teilhabe, Gesundheit und Selbstbestimmung haben. Er beeinflusst nicht nur das Selbstbild, sondern auch die Art und Weise, wie Gesellschaft und Gesundheitssystem auf die Herausforderungen einer alternden Bevölkerung reagieren. Altersdiskriminierung zu überwinden, erfordert daher sowohl ein Umdenken im professionellen Handeln als auch gesamtgesellschaftliche Strategien, die das Alter nicht als Defizit, sondern als vielfältige Lebensphase begreifen. _This post is for paying subscribers only._ ### Corona-Enquete ohne Pflege & Welttag der Patient:innensicherheit URL: https://www.uebergabe.de/pu102/ Last updated: 2026-06-13T23:23:45.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Corona-Enquete-Kommission arbeitet bis 2027 Pandemie auf – ohne Pflege-Vertretung. - Pflegende standen während der Pandemie in erster Reihe, fehlen aber im Gremium. - Verbände warnen: Ohne Pflegestimme bleibt Krisenfestigkeit des Gesundheitssystems schwach. - Welttag der Patientensicherheit fokussierte 2025 auf Neugeborene und Kinder. - Patientensicherheit braucht genug Personal, hohe Qualifikation und klare Befugnisse. ## Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie Am 8\. September hat die Enquete-Kommission des Bundestages zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie ihre Arbeit aufgenommen. Dieses besondere Gremium soll die Erfahrungen aus den Jahren 2020 bis 2023 aufarbeiten und bis Juni 2027 einen Abschlussbericht vorlegen. Darin soll nicht nur eine Analyse erfolgen, sondern auch konkrete Handlungsempfehlungen für den Umgang mit zukünftigen Pandemien enthalten sein. Enquete-Kommissionen sind besondere Instrumente des Parlaments. Sie werden eingerichtet, wenn Themen so komplex und weitreichend sind, dass sie nicht allein durch Gesetzesinitiativen oder Ausschüsse bearbeitet werden können. Der Auftrag einer Enquete-Kommission ist es, Sachverhalte umfassend zu analysieren, wissenschaftlich zu durchdringen und Handlungsempfehlungen zu entwickeln. In der Corona-Enquete stehen unter anderem diese Fragen im Mittelpunkt: - Welche Maßnahmen waren notwendig und verhältnismäßig? - Welche Einschränkungen waren juristisch tragfähig? - Welche Folgen hatten Lockdowns, Schulschließungen und Kontaktverbote auf Gesundheit, Bildung und Gesellschaft? - Welche Strukturen haben funktioniert, welche nicht? Die Kommission besteht aus 28 Mitgliedern – je zur Hälfte Abgeordnete und externe Sachverständige. Auf den ersten Blick wirkt die Zusammensetzung interdisziplinär: Jurist:innen, Virolog:innen, Mediziner:innen und Sozialwissenschaftler:innen sind vertreten. Doch bei genauerer Betrachtung fällt eine Leerstelle auf: **Die Pflege ist nicht vertreten.** [Deutscher Bundestag - Enquete-Kommission „Corona“![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/homepage_de-favicon-2.ico)Deutscher Bundestag![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/teaserbild-2.jpg)](https://www.bundestag.de/ausschuesse/weitere%5Fgremien/ee01?ref=uebergabe.de) Gerade das sorgt für Kritik, denn Pflegefachpersonen standen während der Pandemie in der ersten Reihe. Es war genau diese Berufsgruppe, die in allen Phasen der Pandemie unersetzbar war. Sie waren es, die die Maßnahmen der Politik praktisch umsetzten – von Hygieneregeln über Teststrategien bis hin zu Impfkampagnen. Sie begleiteten Patient:innen in Pflegeheimen während Besuchsverboten, arbeiteten unter enormem Druck auf Intensivstationen und mussten im Alltag ständig zwischen neuen Vorgaben, Angehörigen und medizinischen Teams koordinieren. Die Nicht-Berücksichtigung der Pflege bedeutet nicht nur einen blinden Fleck in der Analyse, sondern auch eine vertane Chance für die Krisenvorsorge. Denn Empfehlungen, die nicht auf den Erfahrungen der größten Berufsgruppe im Gesundheitswesen basieren, laufen Gefahr, an der Realität vorbeizugehen. Verbände wie der Deutsche Pflegerat und der DBfK warnen deshalb: Ohne die Stimme der Pflege lässt sich die Krisenfestigkeit unseres Gesundheitssystems nicht stärken. [Effektive Krisenprävention muss die Profession Pflege mitdenkenDie im Juli 2025 auf Antrag der Koalitionsfraktionen vom Bundestag beschlossene Enquete-Kommission zur „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse“ kommt heute zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen. Ziel der 28 Kommissionsmitglieder ist die Erstellung eines Abschlussberichts bis zum 30\. Juni 2027 mit den „gewonnenen Erkenntnissen und Handlungsempfehlungen“.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-37.ico)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DBfK_Logo_Kuller-6.svg)](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2025/2025-09-08-effektive-krisenpraevention-muss-die-profession-pflege-mitdenken.php?ref=uebergabe.de) Einen kleinen Überblick zu Pflegerelevanten Themen während der ist hier zu finden: [Covid-19 - Übergabe | Medien für die PflegeAlles für die Pflege: aktuelle Podcasts, News, Videos und Studien. Jetzt informieren und auf dem Laufenden bleiben!![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-90.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug161_3-1.png)](https://www.uebergabe.de/tag/covid-19/) ## Zum Weiterhören - [ÜG027 – Patient\*innensicherheit (H. François-Kettner)](https://www.uebergabe.de/ug027/) - [PU014 – Corona-Pandemie und Pflegende / Schulgesundheitspflege in Brandenburg](https://www.uebergabe.de/pu014/) - [ÜG065 – Zwischenbilanz nach der ersten Corona-Krise 2020 (Prof. Dr. Gabriele Meyer)](https://www.uebergabe.de/ug065/) --- Dieser Beitrag ist kostenlos und wird ermöglicht durch zahlende Mitglieder der Übergabe. Wenn dir unsere Arbeit gefällt, dann unterstütze uns gern. Dafür bekommst du neben den regulären Newslettern auch Zugang zu [exklusivem Content, wie unseren Briefings.](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) [Übergabe-Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) --- ## Welttag der Patientensicherheit: Fokus auf Kinder Nur wenige Tage später, am 17\. September, rückte ein anderes Thema in den Vordergrund: der Welttag der Patientensicherheit. Das Motto lautete in diesem Jahr: **„Patientensicherheit von Kind an – eine Investition fürs Leben.“** Der Schwerpunkt liegt auf der Versorgung von Neugeborenen und Kindern. Diese Patient:innengruppe gilt als besonders verletzlich, weil sie in ihrer Entwicklung von Erwachsenen abhängig ist und gesundheitliche Veränderungen oft nicht selbst mitteilen kann. Unsichere Versorgung in dieser frühen Lebensphase kann daher weitreichende Folgen für das ganze Leben haben. [ICN calls for urgent investment to support safer care for all children on World Patient Safety Day 2025![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-16.png)ICN - International Council of Nurses![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-header-en-2.svg)](https://icn.ch/news/icn-calls-urgent-investment-support-safer-care-all-children-world-patient-safety-day-2025?ref=uebergabe.de) Internationale Organisationen wie die [WHO](https://www.who.int/?ref=uebergabe.de) und der [ICN](https://www.icn.ch/?ref=uebergabe.de) betonen, dass Pflegefachpersonen hier eine zentrale Rolle spielen. Sie sind es, die am nächsten an den Kindern arbeiten, Veränderungen frühzeitig bemerken, Medikationsfehler verhindern und Familien durch komplexe Versorgungssituationen begleiten. > „Ohne beruflich Pflegende gibt es keine gesicherte und bedarfsgerechte pflegerische Versorgung.“ - Christine Vogler Doch auch hier gilt: Patientensicherheit ist kein Selbstläufer. Studien zeigen, dass Überlastung und Personalmangel direkt mit einer höheren Zahl an Fehlern und Infektionen verbunden sind. Ohne ausreichend Personal, sichere Arbeitsbedingungen und klare Verantwortlichkeiten bleibt das Bekenntnis zur Patientensicherheit leere Rhetorik. [Deutscher Pflegerat - Sichere Versorgung nur mit einer starken PflegeprofessionZum Welttag der Patientensicherheit betont der Deutsche Pflegerat: Ohne beruflich Pflegende gibt es keine gesicherte und bedarfsgerechte pflegerische Versorgung.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-38.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-11.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/sichere-versorgung-nur-mit-einer-starken-pflegeprofession?ref=uebergabe.de) Der Deutsche Pflegerat hat deshalb unterstrichen, dass echte Sicherheit für Patient:innen nur dann möglich ist, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: genug Pflegefachpersonen, hohe Qualifikation und verbindliche Befugnisse. --- ## Veranstaltungen 22\. Osnabrücker Gesundheitsforum Am ****10\. Oktober 2025** findet das 22\. Osnabrücker Gesundheitsforum statt ****„Nachhaltigkeit in der Pflege – Zwischen Umweltbewusstsein und Versorgungssicherheit“**. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Pflegeeinrichtungen und Kliniken den Herausforderungen des Klimawandels begegnen können. Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis präsentieren aktuelle Forschungsergebnisse und diskutieren innovative Lösungen für eine klimaresiliente, zukunftsfähige Pflege. 👉 Eine spannende Gelegenheit, sich über nachhaltige Strategien im Gesundheitswesen auszutauschen und neue Impulse für die eigene Praxis mitzunehmen. [Jetzt anmelden! ](https://www.hs-osnabrueck.de/osnabruecker-gesundheitsforum/anmeldung/?ref=uebergabe.de) --- ### Advance Care Planning bei Menschen mit Demenz URL: https://www.uebergabe.de/advance-care-planning-bei-menschen-mit-demenz/ Last updated: 2025-09-18T08:00:28.000Z 🗓️ #99 | 18.09.2025 ### Worum geht's? Die Studie untersucht, wie wirksam Advance Care Planning (ACP), also die vorausschauende Planung medizinischer und pflegerischer Maßnahmen am Lebensende, für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen ist. ACP wird international, insbesondere im Vereinigten Königreich, als vielversprechender Ansatz zur Verbesserung der Versorgung am Lebensende angesehen. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie ist es, die vorhandene empirische Evidenz systematisch zu sichten und kritisch zu bewerten, um festzustellen, ob ACP tatsächlich zu besseren End-of-Life-Ergebnissen für Demenzpatient:innen und deren Angehörige führt. 💡 Advance Care Planning (ACP) bezeichnet einen strukturierten, vorausschauenden Gesprächsprozess, in dem Patient:innen gemeinsam mit medizinischem Fachpersonal und, wenn gewünscht, auch mit Angehörigen oder anderen Vertrauenspersonen über ihre individuellen Werte, Wünsche und Vorstellungen zur medizinischen Versorgung am Lebensende sprechen. Ziel ist es, frühzeitig festzuhalten, welche Maßnahmen in kritischen gesundheitlichen Situationen gewünscht oder abgelehnt werden, insbesondere dann, wenn die betroffene Person nicht mehr selbst entscheiden kann. Im klinischen Kontext ist ACP vor allem bei Menschen mit chronischen, fortschreitenden oder lebenslimitierenden Erkrankungen relevant, etwa in der Onkologie, Geriatrie oder Palliativmedizin. Aber auch in Pflegeeinrichtungen, bei Patient:innen mit kognitiven Einschränkungen oder bei Menschen mit hohem Risiko für plötzliche Verschlechterungen des Gesundheitszustands wird ACP zunehmend implementiert. Es geht dabei nicht nur um eine klassische Patientenverfügung, sondern um einen dynamischen Dialogprozess, der medizinisch begleitet und dokumentiert wird z. B. durch speziell geschulte Fachpersonen wie sogenannte ACP-Gesprächsbegleiter:innen oder „Gesundheitsbeauftragte für die Vorausplanung“. Ein zentrales Element im klinischen Setting ist die Einbindung des interprofessionellen Teams: Ärzt:innen, Pflegefachpersonen und weitere Beteiligte stimmen sich eng ab, um sicherzustellen, dass die geäußerten Wünsche auch tatsächlich in der Versorgungspraxis berücksichtigt werden, etwa im Fall einer Reanimation, künstlichen Beatmung oder intensivmedizinischen Behandlung. Die Dokumentation der Ergebnisse erfolgt häufig in strukturierten Formularen oder digitalen Systemen und wird regelmäßig überprüft und aktualisiert. ACP trägt dazu bei, Über- und Unterversorgung zu vermeiden, fördert die Autonomie der Patient:innen und unterstützt Angehörige sowie das Behandlungsteam in belastenden Entscheidungssituationen. ****Insgesamt stärkt Advance Care Planning die Qualität der Versorgung, insbesondere in Phasen schwerer Krankheit oder des Sterbens, und leistet einen wichtigen Beitrag zu einer menschenwürdigen, individuellen und planvollen klinischen Versorgung.** _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegewissenschaft sichtbar machen - Die Rolle von "Pflege & Gesellschaft“ (Prof.in Dr.in Renate Stemmer & Prof. Dr. Dr. Andreas Büscher) URL: https://www.uebergabe.de/ug174/ Last updated: 2026-06-17T09:05:23.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die DGP wurde 1989 gegründet und vernetzt heute rund 1.100 Pflegewissenschaftler:innen. - „Pflege & Gesellschaft - , - , - \]}{ - }
I made an error. Let me restart properly. Pflegewissenschaft ist heute ein selbstverständlicher Teil der akademischen Landschaft in Deutschland. Doch der Weg dahin war lang, geprägt von Unsicherheit, Aufbauarbeit und nicht zuletzt von der Frage: *Wo findet wissenschaftlicher Austausch eigentlich statt?* Eine Antwort darauf liefert die [DGP](https://dg-pflegewissenschaft.de/?ref=uebergabe.de) in der Fachzeitschrift [„Pflege & Gesellschaft“](https://dg-pflegewissenschaft.de/veroeffentlichungen/pflege-gesellschaft/?ref=uebergabe.de). Sie ist mehr als ein klassisches Publikationsorgan. Sie ist Spiegel und Motor einer Disziplin, die ihren Platz in Gesellschaft, Politik und Wissenschaft erst erkämpfen musste – und leider immer noch neu verhandelt. Im Podcast beleuchten [Prof.in Dr.in Renate Stemmer](https://www.kh-mz.de/hochschule/organisation/person/renate-stemmer?ref=uebergabe.de) und [Prof. Dr. Dr. Andreas Büscher](https://www.hs-osnabrueck.de/prof-dr-andreas-buescher/?ref=uebergabe.de) die Geschichte, die Funktionen und die aktuelle Bedeutung von DGP und „Pflege & Gesellschaft“. Dabei geht es nicht nur um Strukturen, sondern auch um die Frage, wie Pflegewissenschaft sichtbar wird, welchen Stellenwert Publikationen im deutschsprachigen Raum haben und wie die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis gelingt. ## Die Anfänge der Pflegewissenschaft in Deutschland Die DGP wurde 1989 gegründet – damals noch unter dem Namen „Deutscher Verein zur Förderung der Pflegewissenschaft“. Das verdeutlicht, wie jung die Disziplin in Deutschland war. Während in Ländern wie den USA, Großbritannien oder Skandinavien pflegewissenschaftliche Studiengänge längst etabliert waren, stand man hierzulande erst am Anfang. Die Gründung der Gesellschaft war daher ein bewusster Schritt: Pflege sollte nicht länger nur als praktische Tätigkeit verstanden werden, sondern auch als Forschungs- und Erkenntnisfeld. Ziel war es, Pflegewissenschaftler:innen zu vernetzen, Nachwuchs zu fördern und die Disziplin in der akademischen Welt zu verankern. Heute ist die DGP eine zentrale Institution der Pflegewissenschaft in Deutschland. Sie hat etwa 1.100 Mitglieder, vor allem Lehrende, Forschende und Promovierende, zunehmend aber auch Nachwuchswissenschaftler:innen. Sektionen zu speziellen Themen – von Theorieentwicklung bis hin zu historischer Pflegeforschung – strukturieren die Arbeit und ermöglichen tiefe fachliche Diskussionen. [Sektionen | DGP - Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-1.png)DGP - Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/dgp-logo.jpg)](https://dg-pflegewissenschaft.de/sektionen/?ref=uebergabe.de) ## Aufgaben der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft Die DGP ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft. Zentrale Aufgaben sind: - **Forschungsförderung und Nachwuchsarbeit:** Die Gesellschaft unterstützt junge Wissenschaftler:innen, etwa durch eine eigene Sektion für Nachwuchspflegewissenschaft, durch Hochschultage oder durch Publikationsmöglichkeiten. - **Wissenschaftlicher Austausch:** Tagungen, Symposien und Fachsektionen bieten Raum für Diskussionen. Ein wichtiges Ziel ist die Reflexion der Rolle von Pflege in Gesundheitssystem und Gesellschaft. - **Interdisziplinäre Vernetzung:** Pflegewissenschaft überschneidet sich mit Soziologie, Medizin, Psychologie, Bildungs- und Ingenieurwissenschaften. Die DGP sucht bewusst den Austausch mit diesen Disziplinen. - **Politische Beratung:** Als Mitglied im [Deutschen Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) und in der [AWMF ](https://www.awmf.org/?ref=uebergabe.de)(Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher medizinischer Fachgesellschaften) bringt die DGP pflegewissenschaftliche Positionen in die gesundheitspolitische Diskussion ein. - **Publikationen:** Über „Pflege & Gesellschaft“ schafft sie ein Forum für wissenschaftliche Texte, die den Diskurs dokumentieren und weiterentwickeln. Damit ist die DGP ein Knotenpunkt, der sowohl nach innen als auch nach außen wirkt: nach innen zur Stärkung der Disziplin, nach außen zur Positionierung in Politik und Gesellschaft. Werde Übergabe-Mitglied 🚀 Mit der **Übergabe-Mitgliedschaft** erhältst du jede Woche ein Briefing per Mail, Zugang zum gesamten Archiv, unserem neuen Videokurs und du unterstützt ein unabhängiges Pflegeprojekt. Das ist mehr als ein Abo. ****NEU:** Die Team-Mitgliedschaft – ideal für Teams, Organisationen oder Kurse. Damit erhältst du 10 Zugänge für Personen deiner Wahl in einem Paket. [Jetzt Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## „Pflege & Gesellschaft“– das Sprachrohr der Disziplin Die Zeitschrift „Pflege & Gesellschaft“ entstand in den frühen 1990er-Jahren auf Initiative der Mitglieder. Schon die Satzung der DGP sah vor, wissenschaftliche Erkenntnisse zu publizieren. Schnell wurde klar, dass es ein eigenes Organ braucht, das als Forum für den Diskurs dient. > „Wissenschaft lebt von Text. Die Auseinandersetzung über Methoden und Ergebnisse braucht ein Medium, das Nachvollziehbarkeit und Tiefe ermöglicht.“ > – **Prof.in Dr.in Renate Stemmer** Der [Juventa Verlag](https://www.beltz.de/fachmedien/juventa.html?ref=uebergabe.de), spezialisiert auf Sozial- und Erziehungswissenschaften, übernahm früh die verlegerische Betreuung. Das passte gut, denn Pflegewissenschaft bewegt sich unter anderem im Spannungsfeld von Medizin, Sozialwissenschaft und Gesellschaftsreflexion. „Pflege & Gesellschaft“ erscheint vierteljährlich und ist damit eines der w**ichtigsten deutschsprachigen Publikationsorgane** im Feld. [Pflege & Gesellschaft 3/2025 | BELTZEin Diversität-freies Heft: Einführung. Von Disziplinär zu Interdisziplinär: Vier Perspektiven auf Bewegungsförderung in Pflegeeinrichtungen mit digitalen Technologien – theoretische Betrachtung und Empfehlungen für die Forschungspraxis. Entwicklung des Kompetenzmodells der vorbehaltenen Aufgaben der Pflege für die hochschulische Pflegeausbildung (KomVorHoP). Einsatz digitaler Tools in der Pflegeausbildung in Deutschland: Ein Scoping Review zu technologischen Anwendungen zur Unterstützung und Optimierung des Lernprozesses von Auszubildende und Studierenden in der Pflege. Personalbemessung in der Langzeitpflege – Chance zur organisationalen Kulturentwicklung? - Eine reflexive thematische Analyse zu Umsetzungsprozessen der bundeseinheitlichen Personalbemessung gemäß §113c SGB XI. Elderspeak im akutstationären Setting (EldAS) - Entwicklung und Inhaltsvalidierung eines Fragebogens zur Erfassung von Elderspeak im akutstationären Setting. Ein Essay zur Bedeutung der qualitativ-interpretativen Forschung zur wissenschaftlichen Fundierung der Pflege. Kritik zum Wechsel der Mitgliederzeitschrift. ”‘Zur Information des Vorstands der DGP zu ”“Pflege & Gesellschaft”″ vom 10.3.2025’”. Zur ethisch gelungenen Kommunikation über den Assistierten Suizid in (nicht)religiöser Perspektive – eine Replik auf Jessica Kadela. Rezension. Mitgliederinformationen![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-35.ico)BELTZbeltz![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_999944422503_fb7b4a42cb.jpg)](https://www.beltz.de/fachmedien/erziehungswissenschaft/zeitschriften/pflege%5Fgesellschaft.html?ref=uebergabe.de) Thematisch deckt die Zeitschrift ein breites Spektrum ab: von [Community Health Nursing](https://www.uebergabe.de/tag/community-health-nursing/) über Migration, Prävention und [Primärversorgung](https://www.uebergabe.de/tag/primarversorgung/) bis hin zu [Digitalisierung](https://www.uebergabe.de/tag/digitalisierung/) und künstlicher Intelligenz. Auffällig ist, dass viele Themen nicht nur disziplinintern sind, sondern bewusst gesamtgesellschaftliche Fragen aufgreifen – eben Pflege *und* Gesellschaft. ## Warum braucht es ein eigenes Fachorgan? Ein eigenes Organ schafft Identität und Sichtbarkeit. „Pflege & Gesellschaft“ ist ein Kommunikationsmedium, Diskussionsplattform und Symbol für eine eigenständige Disziplin. Hier werden Kontroversen dokumentiert, Entwicklungen reflektiert und theoretische Positionen verhandelt. Zudem hat die Zeitschrift eine wichtige Brückenfunktion: Sie macht pflegewissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich für die deutschsprachige Community, die sonst oft nur auf internationale, englischsprachige Literatur zurückgreifen müsste. > „Pflege & Gesellschaft beleuchtet gezielt die Rolle der Pflege in der Gesellschaft – das ist eine Lücke, die andere Zeitschriften nicht schließen.“ > – **Prof. Dr. Dr. Andreas Büscher** ## Der Peer-Review-Prozess – Qualität sichern Wie in anderen wissenschaftlichen Journals durchlaufen Beiträge ein Peer-Review-Verfahren. Autor:innen reichen Artikel ein, die anonym von zwei Gutachter:innen geprüft werden. Jährlich werden rund 30 Beiträge eingereicht. Ein Pool von 90 bis 100 Reviewer:innen steht zur Verfügung. Die Durchlaufzeit bis zur Veröffentlichung beträgt bei Schwerpunktartikeln etwa acht Monate. Damit erfüllt „Pflege & Gesellschaft“ den Standard wissenschaftlicher Qualitätssicherung – und bietet zugleich ein Forum, in dem auch kritische Diskussionen abgebildet werden. Neu hinzugekommen ist die Möglichkeit, Beiträge **„epub first“** zu veröffentlichen, also digital vorab online zugänglich zu machen. Damit reagiert die Redaktion auf den Wunsch nach schnelleren Publikationswegen. ## Nachwuchs und Sichtbarkeit Ein besonderes Anliegen ist die Förderung des Nachwuchses. Die Rubrik *"Junge Pflegewissenschaft"* gibt Raum für gekürzte Bachelor- und Masterarbeiten. So können Studierende erste Erfahrungen im Publizieren sammeln - ein entscheidender Schritt für wissenschaftliche Karrieren. Betreut wird diese Rubrik von der Sektion "[Nachwuchs Pflegewissenschaft"](https://dg-pflegewissenschaft.de/sektionen/pflege-und-gesellschaft/nachwuchs-pflegewissenschaft/?ref=uebergabe.de) der DGP. Zugleich arbeitet die Redaktion daran, die Sichtbarkeit zu erhöhen. Während „Pflege & Gesellschaft“ bereits in Datenbanken wie CINAHL oder CareLit gelistet ist, fehlt bislang der Eintrag in PubMed – der international wichtigsten Datenbank. Ein Antrag läuft, die Chancen stehen gut. Sobald die Listung erfolgt, wird die Reichweite der Zeitschrift erheblich wachsen. ## Kritik und Diskussion um die Mitgliederzeitschrift Innerhalb der DGP wird derzeit diskutiert, ob „Pflege & Gesellschaft“ auch künftig die offizielle Mitgliederzeitschrift bleiben soll. Kritiker:innen verweisen auf lange Publikationszeiten und fehlende internationale Sichtbarkeit. Manche wünschen sich ein moderneres Medium, andere plädieren für stärkere Öffnung zur Praxis. Die Redaktion betont dagegen die Stärken: wissenschaftliche Tiefe, thematische Breite, Identitätsstiftung für die Disziplin. Zudem seien viele Kritikpunkte bereits aufgegriffen – etwa durch digitale Vorabveröffentlichungen oder das geplante Editorial Management System, das den Review-Prozess effizienter machen soll. Diese Diskussion zeigt exemplarisch, wie lebendig die Pflegewissenschaft ist: Es geht um die Frage, wie sich eine junge Disziplin organisiert, wie sie sich positioniert und welche Formen des Austauschs sie braucht. ## Die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis Ein immer wiederkehrendes Thema ist der Transfer in die Praxis. Pflegefachpersonen in Kliniken oder Heimen haben oft weder Zeit noch Zugang, lange wissenschaftliche Artikel zu lesen. Gleichzeitig betonen viele, dass Forschung ohne Praxisbezug ins Leere läuft. > „Wir brauchen Brücken zwischen Wissenschaft und Praxis. Pflegefachpersonen mit akademischer Ausbildung können diese Brücken schlagen.“ > – **Prof.in Dr.in Renate Stemmer** Die Lösung liegt vermutlich in einer doppelten Bewegung: Einerseits braucht es eine Pflegewissenschaft, die methodisch fundiert arbeitet und internationale Standards erfüllt. Andererseits braucht es Vermittlungsformate – sei es durch akademisierte Pflegefachpersonen im Team, durch [Advanced Practice Nursing](https://www.uebergabe.de/tag/apn/) oder durch Wissenschaftskommunikation in anderen Formaten. Die Zeitschrift selbst versteht sich weniger als Transfermedium, sondern als Forum für wissenschaftliche Grundlagen. Doch sie liefert die Basis, auf der Transferarbeit überhaupt erst möglich wird. ## Themenvielfalt als Spiegel gesellschaftlicher Fragen Ein Blick auf die Themenschwerpunkte der letzten Jahre zeigt die Spannbreite: - **Community Care und Primärversorgung** - **Migration und Multikulturalität** - **Gesundheitsförderung und Prävention** - **Strukturentwicklung im Bildungssystem** - **Künstliche Intelligenz und Digitalisierung** - **Klimawandel und Pflege** Diese Themen verdeutlichen, dass Pflegewissenschaft weit über den Klinikalltag hinausgeht. Sie greift gesellschaftliche Entwicklungen auf, analysiert ihre Bedeutung für Versorgung und Pflegefachpersonen und trägt so zur öffentlichen Debatte bei. ## Zukunftsperspektiven Die Redaktion arbeitet kontinuierlich an Verbesserungen. So sollen kürzere Review-Zeiten, digitale Publikationswege, stärkere internationale Sichtbarkeit in den Fokus genommen werden. Gleichzeitig bleibt die Grundidee aber bestehen: ein Forum für Reflexion, Analyse und Diskurs. Die Herausforderung der nächsten Jahre wird sein, die Balance zwischen wissenschaftlicher Strenge und gesellschaftlicher Relevanz zu halten. Pflegewissenschaft muss einerseits international anschlussfähig bleiben, andererseits nationale Besonderheiten sichtbar machen. Sie muss fundierte Grundlagen liefern und zugleich Impulse geben, die in Praxis, Politik und Bildung wirken. „Pflege & Gesellschaft“ wird in diesem Prozess eine Schlüsselrolle spielen – als Spiegel der Disziplin und als Motor für ihre Weiterentwicklung. ## Fazit Die Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft und die Zeitschrift „Pflege & Gesellschaft“ stehen exemplarisch für den Weg einer jungen Disziplin. Sie zeigen, wie wichtig es ist, eigene Strukturen zu schaffen, wissenschaftliche Standards einzuhalten und zugleich gesellschaftliche Relevanz zu entfalten. Die aktuellen Diskussionen um Sichtbarkeit, Geschwindigkeit und Praxisnähe sind kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck einer lebendigen Auseinandersetzung. Pflegewissenschaft ist in Bewegung – und das ist genau das, was eine junge Disziplin braucht. ### Schon Mitglied in der DGP? Die Mitgliedschaft steht allen offen, die in der Pflegewissenschaft tätig sind oder einem pflegerischen Beruf angehören und an der Weiterentwicklung der Pflegewissenschaft interessiert sind. Auch Personen in Ausbildung oder Studium können Mitglied werden. [Aktive Mitgliedschaft | DGP - Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-2.png)DGP - Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/dgp-logo-1.jpg)](https://dg-pflegewissenschaft.de/ueber-uns/mitgliedschaft/aktive-mitglieder/?ref=uebergabe.de) Der Jahresbeitrag beträgt 130 €. Für Auszubildende, Studierende, Teilnehmer:innen einer Weiterbildung, Arbeitslose sowie Ruheständler:innen gilt bei Vorlage einer entsprechenden Bescheinigung ein ermäßigter Beitrag von 55 € pro Jahr. Eine Mitgliedschaft bietet dir die Möglichkeit, dich fachlich einzubringen, Netzwerke zu nutzen und aktuelle Entwicklungen in Pflegewissenschaft und -praxis aktiv mitzugestalten. 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- ## Neu: Unser erster Videokurs ist da! 🚀 Wir haben endlich unseren ersten Videokurs veröffentlicht – und das Thema könnte kaum spannender sein: **Pflegeforschung**. Darin zeigen wir dir Schritt für Schritt: - was Pflegeforschung eigentlich ist, - wie du aus einer Idee eine präzise Forschungsfrage entwickelst und - wie du gezielt gute Literatur findest. Die Lektionen sind kurz und verständlich aufgebaut – perfekt für Einsteiger:innen, die sicher in die Pflegeforschung starten wollen. 👉 **Übergabe-Mitglieder erhalten exklusiv unbegrenzten Zugriff auf den gesamten Kurs.** Schau gern mal rein und sag uns, was du denkst – dein Feedback ist uns wichtig! 🎉 [Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege – VideokursEinsteiger:innen-Kurs zur Pflegeforschung: Grundlagen, Methoden, Datenauswertung & Recherche – praxisnah erklärt für die evidenzbasierte Pflege.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-87.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFrancis![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Pflegeforschung-2.jpg)](https://www.uebergabe.de/videkurs-pflegeforschung/) --- ### Pflegevisite zur Verbesserung der Pflegequalität auf der Intensivstation URL: https://www.uebergabe.de/pflegevisite-zur-verbesserung-der-pflegequalitat-auf-der-intensivstation/ Last updated: 2025-09-11T08:00:04.000Z 🗓️ #98 | 11.09.2025 ### Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit der Einführung und Bewertung kollegial-beratender Pflegevisiten (PV) auf einer Intensivstation. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob durch PV die Patientenzentrierung gefördert und die Pflegequalität verbessert werden kann, aus Sicht der Pflegefachpersonen. ### Was war das Ziel der Studie? Primäres Ziel war es, die Wirkung von PV auf die Patientenzentrierung zu evaluieren und zu analysieren, ob sich Unterschiede zwischen Pflegefachpersonen mit und ohne Teilnahme an PV zeigen. Sekundär wurden Optimierungsmöglichkeiten sowie Rahmenbedingungen der PV untersucht und eine Gesamtbewertung vorgenommen. 💡 Eine Pflegevisite ist ein strukturiertes, geplantes Gespräch zwischen Pflegefachpersonen und Patient:innen, häufig ergänzt durch die Teilnahme von Angehörigen oder anderen Berufsgruppen. Sie findet in der Regel direkt am Patientenbett oder im Patientenzimmer statt und dient dazu, die pflegerische Versorgung gemeinsam zu reflektieren, zu planen und zu evaluieren. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur aktuelle pflegerische Maßnahmen, sondern auch die individuellen Bedürfnisse, Wünsche und Ressourcen der Patient:innen. Ziel der Pflegevisite ist es, die Pflegequalität zu sichern, Transparenz zu schaffen und die Patient:innen aktiv in den Pflegeprozess einzubeziehen. Gleichzeitig fördert sie den fachlichen Austausch im Pflegeteam und bietet Raum für kollegiale Beratung und gemeinsame Lösungsfindung. _This post is for paying subscribers only._ ### Wie Unternehmenskultur in der Pflege durch Werte, Verantwortung und gelebte Führung wirksam wird / Gastbeitrag von Peter Koch URL: https://www.uebergabe.de/wie-unternehmenskultur-in-der-pflege-durch-werte-verantwortung-und-gelebte-fuhrung-wirksam-wird-gastbeitrag-von-peter-koch/ Last updated: 2025-09-09T07:00:09.000Z ## Einleitung: Kultur entscheidet Professionelle Pflege ist mehr als Versorgung – sie ist Beziehung. Und wo Beziehung geschieht, wirkt Kultur. Während politisch über Fachkräftemangel, Digitalisierung und neue Kompetenzen diskutiert wird, vollzieht sich in vielen Organisationen ein leiser, aber grundlegender Wandel: der Umbau ihrer Unternehmenskultur. Dabei zeigt sich zunehmend: Es sind nicht allein Prozesse, Ressourcen oder Strukturen, die gute Pflege ermöglichen – es ist die Haltung der Menschen, die darin arbeiten. Diese Haltung wiederum entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wird geprägt durch das Wertesystem, durch Führung, durch alltägliche Erfahrung und durch die Kultur, in der Pflege stattfindet. --- ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/08/Peter-Koch.jpg) Peter Koch 💡 Peter Koch ist Pflegefachperson, Geschäftsführer der [Gaggenauer Altenhilfe](https://www.gaggenauer-altenhilfe.de/?ref=uebergabe.de) und berufspolitisch engagiert. Er begleitet seit vielen Jahren Prozesse der Kultur- und Führungskräfteentwicklung in der Pflege – mit Haltung, Erfahrung und echter Leidenschaft für die Profession. --- ## Was ist Unternehmenskultur – und warum ist sie so entscheidend? Unternehmenskultur ist das, was bleibt, wenn man alles Organisatorische weglässt. Sie zeigt sich nicht in Organigrammen oder hübschen Leitbildern, sondern in gelebten Verhaltensmustern. Sie bestimmt, wie sich Menschen begegnen, wie Entscheidungen getroffen, wie Konflikte gelöst, wie Kommunikation gestaltet wird. Kultur prägt, wie sicher oder unsicher sich Menschen fühlen, wie viel Verantwortung sie übernehmen – und ob Veränderung als Bedrohung oder als Chance wahrgenommen wird. Kultur wirkt immer – bewusst oder unbewusst. Sie kann fördern oder verhindern, motivieren oder lähmen. Daher ist Kulturarbeit keine Option – sie ist eine Notwendigkeit, wenn Organisationen in einer komplexen Welt zukunftsfähig bleiben wollen. ### Der kulturelle Regelkreis: Sinn – Werte – Haltung – Verhalten Eine glaubwürdige Unternehmenskultur lebt von der Übereinstimmung zwischen dem, was gesagt, gedacht und getan wird. Dieses Spannungsfeld beschreibt der kulturelle Regelkreis. Um wirklich tragfähig zu sein, braucht dieser Regelkreis eine sinnstiftende Basis: ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/08/Regelkreis.png) Der kulturelle Regelkreis - *Sinn – Warum bin ich hier? Wozu tun wir das, was wir tun?* - *Werte – Was ist uns wichtig?* - *Haltung – Wie stehen wir dazu?* - *Verhalten – Was tun wir im Alltag?* - *Kultur – Wie wirkt das auf das Ganze zurück?* ### Sinn – Warum bin ich hier? Wozu tun wir das, was wir tun? Sinn ist die tiefste Schicht jedes professionellen Handelns – er beantwortet nicht die Frage was oder wie, sondern wozu. In Organisationen stiftet er Orientierung, verbindet Menschen mit einem gemeinsamen Ziel und schafft ein übergeordnetes Verständnis dafür, warum es sich lohnt, sich einzubringen. In der Pflege ist der Sinn nicht etwas, das künstlich erzeugt oder außen an sie herangetragen werden müsste – im Gegenteil: Sinn ist der Profession Pflege immanent. Wer pflegt, wirkt unmittelbar an der Gestaltung von Leben mit. Pflege begleitet Menschen in verletzlichen Lebenssituationen, sie schützt, stärkt und unterstützt – fachlich, ethisch und menschlich. Sinn in der Pflege zeigt sich: - **Im Unterstützen von Leben**, indem Pflegebedürftige in ihrer Selbstbestimmung und Lebensqualität gefördert werden – unabhängig von Alter, Erkrankung oder Einschränkungen. - **Im Begleiten**, besonders in existenziellen Phasen, in Krisen, Übergängen oder im Sterben – präsent, empathisch und zugewandt. - **Im Schützen**, vor Ausgrenzung, Entwürdigung oder Überforderung – durch professionelle Aufmerksamkeit, ethische Haltung und gelebte Verantwortung. Pflegende, die den Sinn ihrer Tätigkeit spüren, handeln nicht mechanisch, sondern mit innerer Überzeugung. Und doch ist dieser Sinn im fordernden Alltag nicht immer sichtbar. Umso wichtiger ist es, dass Führung Räume schafft, in denen Mitarbeitende über das Wozu ihres Handelns reflektieren können. Denn dort, wo Sinn bewusst gemacht und geteilt wird, entsteht Motivation, Bindung und Resilienz. Sinn ist der Boden, auf dem Werte wachsen. Wer weiß, wofür er handelt, handelt reflektierter und entschlossener. Wer in seinem Tun Bedeutung sieht, übernimmt Verantwortung – für andere und für sich selbst. Sinn stiftet Identität, verbindet Einzelne mit dem Ganzen und macht Unternehmenskultur lebendig. ### Werte – Das Fundament organisationaler Identität Was ist uns wichtig? Werte sind mehr als wohlklingende Begriffe in Leitbildern oder Imagebroschüren – sie bilden das normative Fundament jeder Organisation. Sie geben Orientierung in einer komplexen Welt und beantworten die Frage: Was ist uns wichtig – und woran richten wir unser Denken und Handeln aus? Werte definieren, was in einer Organisation als richtig, wünschenswert und bedeutsam gilt. Sie wirken richtungsweisend für Entscheidungen, setzen Maßstäbe für Prioritäten und prägen das soziale Miteinander. In der Pflege sind zentrale Werte klar benennbar – etwa: - **Menschlichkeit** als Grundlage für eine zugewandte, beziehungsorientierte Pflege, - **Würde** als unantastbares Prinzip im Umgang mit pflegebedürftigen Menschen, - **Verantwortung** als Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen und Konsequenzen zu tragen, - **Vertrauen** als Voraussetzung für gelingende Zusammenarbeit, - **Respekt** vor der Individualität, Geschichte und Autonomie jedes Einzelnen, - **Transparenz** als Ausdruck von Offenheit, Ehrlichkeit und Nachvollziehbarkeit im Handeln. Diese Werte bilden gemeinsam die Identität einer Organisation – sie geben ihr ein ethisches Profil, das nach innen wie nach außen wirksam ist. Doch: Werte allein reichen nicht aus. Sie entfalten erst dann ihre Wirkung, wenn sie in Haltung übersetzt und im Verhalten konkretisiert werden. Ein Leitbild an der Wand ist kein Beweis für gelebte Kultur. Entscheidend ist, ob sich die genannten Werte im Alltag tatsächlich widerspiegeln: - im Umgang mit Bewohner:innen, Patient:innen und Angehörigen, - in der Art, wie Führungskräfte Entscheidungen treffen, Feedback geben oder Verantwortung delegieren, - in der Sprache, der Konfliktkultur, der Art der Zusammenarbeit – kurz:im gelebten Miteinander. Werte zeigen sich immer im Konkreten. Dort, wo Menschen erleben, dass das, was als wichtig bezeichnet wird, auch gelebt wird, entsteht Glaubwürdigkeit. Wo hingegen eine Diskrepanz besteht zwischen Anspruch und Wirklichkeit – etwa wenn Wertschätzung eingefordert, aber nicht gezeigt wird – entsteht Zynismus. Für Führung bedeutet das: Wertearbeit ist keine Aufgabe der PR, sondern der täglichen Reflexion. Wer führt, trägt Verantwortung dafür, Werte nicht nur zu vermitteln, sondern vorzuleben – konsistent, sichtbar und verbindlich. Denn Kultur entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Wiederholung. Was täglich gedacht, gesagt und getan wird, formt auf Dauer die Kultur – und macht sichtbar, wofür eine Organisation wirklich steht. ### Haltung – Wie stehen wir dazu? Haltung ist die innere Ausrichtung, mit der Menschen Werten begegnen – also die Art und Weise, wie wir zu dem stehen, was wir für richtig, wichtig und bedeutsam halten. Sie ist tief mit unserer Identität verknüpft und bestimmt unser Denken, unsere Entscheidungen und unser Verhalten. Im Unterschied zu bloßen Überzeugungen oder Meinungen zeigt sich Haltung im Tun – gerade dort, wo es schwierig wird. In der Profession Pflege ist Haltung kein weicher Zusatz, sondern ein wesentlicher Bestandteil professionellen Handelns. Pflege ist Beziehungsarbeit – und Beziehungen sind niemals neutral. Wer professionell pflegt, steht in Kontakt mit Menschen in oft hoch vulnerablen Lebenslagen: in Krankheit, Krisen, am Lebensende. In solchen Situationen entscheidet nicht nur das Was der Pflegeleistung, sondern vor allem das Wie. Haltung zeigt sich dabei: - **in der Sprache**, die wir wählen – ob wir über Menschen sprechen oder mit ihnen, - **im Blickkontakt**, in der Präsenz und Zugewandtheit im pflegerischen Alltag, - **in der Art, wie wir Entscheidungen treffen**, etwa in ethisch schwierigen Situationen, - **in der Offenheit zur Reflexion**, z. B. im Umgang mit eigenen Vorurteilen, Stress oder Machtverhältnissen. Haltung ist der Filter, durch den Pflegefachpersonen ihre beruflichen Werte – etwa Würde, Verantwortung, Gerechtigkeit – konkretisieren. Wer sich zur Professionalität bekennt, übernimmt Verantwortung für die Qualität seiner Haltung. Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern um Bewusstheit: Bin ich mir meiner Haltung bewusst? Kann ich sie begründen? Ist sie hilfreich für den Menschen, der mir anvertraut ist? In einem Umfeld, in dem Handlungsspielräume begrenzt und Ressourcen knapp sind, wird die eigene Haltung zur wichtigsten Ressource: - Sie entscheidet, ob ich im Stress empathisch bleibe oder funktional werde. - Sie bestimmt, ob ich mich als Teil eines helfenden Systems verstehe oder als Getriebene:r von Anforderungen. - Und sie prägt, wie ich mit Ohnmacht, Fehlern oder institutionellen Grenzen umgehe. Haltung ist nicht angeboren, sondern entwickelt sich – im Austausch mit anderen, im Spiegel der Praxis, durch gelebte Reflexion. Sie wird mitgetragen und mitgeprägt durch das professionelle Selbstverständnis, das in einer Organisation oder einem Team gelebt wird. Deshalb ist es eine Führungsaufgabe erster Ordnung, Räume zu schaffen, in denen über Haltung gesprochen werden darf – nicht moralisierend, sondern dialogisch und ohne Wertung. Denn wo Pflegefachpersonen ihre Haltung pflegen dürfen, wächst das berufliche Selbstbewusstsein, steigt die Qualität der Beziehungsgestaltung – und entsteht jene Vertrauensbasis, auf der professionelle Pflege gelingen kann. ### Verhalten – Was tun wir im Alltag? Verhalten ist die sichtbare und erfahrbare Ebene des beruflichen Handelns. Es ist das, was andere wahrnehmen können – in Worten, Gesten, Entscheidungen und im Umgang miteinander. Während Werte und Haltung oft unsichtbar bleiben, zeigt sich Verhalten im Alltag ganz konkret: in der Art, wie gesprochen, zugehört, gehandelt oder reagiert wird. In der professionellen Pflege hat Verhalten eine besondere Bedeutung, weil es nicht nur individuelle Wirkung entfaltet, sondern auch institutionelle Kultur prägt. Wer im Pflegealltag unterwegs ist – ob als Pflegefachperson, Auszubildende:r, Leitung oder Unterstützungskraft – steht in ständiger Beziehung: zu den Menschen, die gepflegt werden, zu Kolleg:innen, zu Angehörigen, zu anderen Berufsgruppen. Und jede dieser Beziehungen wird durch Verhalten gestaltet. Verhalten entscheidet darüber: - ob Werte wie Respekt und Würde erlebbar werden – oder nur proklamiert bleiben; - ob Haltung sich im Handeln widerspiegelt – oder durch Widersprüche zwischen Anspruch und Realität untergraben wird; - ob Vertrauen wachsen kann – oder durch Inkonsequenz und Unverbindlichkeit Schaden nimmt. Verhalten ist das, woran wir gemessen werden. In der Pflege zum Beispiel: - Wie sprechen wir mit Bewohner:innen oder Patient:innen – im Stehen, im Gehen, mit Zeit oder zwischen Tür und Angel? - Wie gehen wir mit Fehlern um – werden sie zu Lernchancen oder verdeckt und verschwiegen? - Wie geben wir Rückmeldungen – wertschätzend und klar, oder passiv-aggressiv und abwartend? - Wie übernehmen wir Verantwortung – aktiv und lösungsorientiert oder nur dann, wenn es bequem ist? In der professionellen Pflege ist Verhalten nie rein individuell – es hat immer eine Wirkung auf andere. Deshalb ist es entscheidend, dass Verhalten reflektiert, verantwortet und auch kontinuierlich entwickelt wird. Das betrifft alle Berufsrollen, besonders aber Führungskräfte, die durch ihr Verhalten einen hohen Vorbildcharakter haben. Ein „Ich habe das doch gesagt“ reicht nicht – entscheidend ist, ob das Gesagte auch gelebt wird. Zudem ist Verhalten eng verknüpft mit institutionellen Rahmenbedingungen: In welchem Maßstab wird Zeit als Ressource anerkannt? Gibt es Möglichkeiten zur kollegialen Rückmeldung? Welche Verhaltensweisen werden belohnt – Engagement, Loyalität, Eigenverantwortung? Oder eher Anpassung, Schweigen, Gehorsam? Professionelles Verhalten in der Pflege zeigt sich besonders dort, wo es keine einfachen Lösungen gibt: - In ethisch herausfordernden Situationen, - im Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten, - bei Zielkonflikten zwischen Effizienz und Empathie, - im Spannungsfeld zwischen Nähe und professioneller Distanz. Verhalten macht Unternehmenskultur sichtbar – in jedem Dienst, in jeder Übergabe, in jedem Gespräch. Wenn Menschen spüren, dass Verhalten und Haltung zusammenpassen, entsteht Vertrauen. Wenn Verhalten den Werten widerspricht, entsteht Unsicherheit – oder Zynismus. Daher ist Verhalten nicht nur das Ergebnis von Persönlichkeitsmerkmalen, sondern Teil professioneller Pflegekompetenz. Es kann geschult, reflektiert, hinterfragt und verändert werden. Und genau das braucht es: In Teams, die gemeinsam über ihr Verhalten sprechen, entsteht Entwicklung. In Organisationen, die Verhalten nicht nur beobachten, sondern gemeinsam gestalten, entsteht Kultur. ### Kultur – Wie wirkt das auf das Ganze zurück? Kultur ist kein einzelner Baustein innerhalb einer Organisation – sie ist das Ganze, das durch das Zusammenspiel aller Teile entsteht. Unternehmenskultur ist das Ergebnis von gelebten Werten, innerer Haltung und alltäglichem Verhalten. Und zugleich ist sie mehr als die Summe dieser Elemente: Kultur ist das soziale Klima, das alles durchdringt, trägt – oder lähmt. In der professionellen Pflege ist Unternehmenskultur von zentraler Bedeutung. Pflege findet immer in Beziehung statt – und Beziehungen entstehen nicht im Vakuum, sondern in einem bestimmten Klima: geprägt durch Sprache, Regeln, Erwartungen, Führungsstile und informelle Normen. Dieses Klima – also die Kultur – entscheidet letztlich darüber, wie Pflege gelebt, erlebt und empfunden wird. Kultur wirkt immer – bewusst oder unbewusst, sichtbar oder unsichtbar: - Sie entscheidet darüber, ob Mitarbeitende ihre Stimme erhebendürfen – oder lieber schweigen. - Sie beeinflusst, ob Fehler offen angesprochen werden – oder vertuscht werden. - Sie prägt, ob Teams kooperieren – oder konkurrieren. - Und sie bestimmt, ob Pflegekräfte Sinn, Stolz und Zugehörigkeit empfinden – oder Resignation, Erschöpfung und Rückzug. Eine entwicklungsfördernde Kultur in der Pflege zeigt sich daran, dass Menschen sich gesehen, ernst genommen und sicher fühlen. Sie erleben: - dass sie Verantwortung übernehmen dürfen – und nicht nur delegierte Aufgaben „abarbeiten“, - dass ihre Kompetenz zählt – und nicht bloß formale Hierarchien, - dass ihr Beitrag geschätzt wird – nicht nur als Pflicht, sondern als wertvolle Ressource für das Ganze. Kultur wirkt auf allen Ebenen zurück: - Auf die Qualität der Pflegeleistungen – weil motivierte, zugewandte Pflegekräfte mehr leisten können und wollen. - Auf die Gesundheit der Mitarbeitenden – weil Vertrauen, Wertschätzung und Sinn das Risiko von Erschöpfung und Burnout senken. - Auf das Miteinander im Team – weil klare Werte, reflektierte Haltungen und achtsames Verhalten ein tragfähiges Wir-Gefühl erzeugen. - Und nicht zuletzt auf die Attraktivität des Berufs – denn eine Kultur der Entwicklung und Anerkennung bindet Fachkräfte stärker als jede Bonuszahlung. Gerade in der Pflege ist Kultur oft ungeschrieben – sie „steht nicht auf Papier, aber im Raum“. Sie zeigt sich in Übergaben, in der Pausenküche, in Fortbildungen, in der Art, wie über Bewohner:innen und Patient:innen gesprochen wird – und auch, wie über Kolleg:innen, Vorgesetzte oder Veränderungen gedacht wird. Kultur ist lernbar, aber nicht verordenbar. Sie entwickelt sich im Alltag, durch Vorbilder, durch Entscheidungen, durch Dialoge. Deshalb ist es eine der wichtigsten Aufgaben professioneller Führung in der Pflege, diesen Prozess bewusst zu gestalten – nicht durch Kontrolle, sondern durch Haltung, Partizipation und Klarheit. Kultur ist ein Resonanzraum. Sie antwortet auf das, was Menschen einbringen. Wo Pflegekräfte erleben, dass ihre Werte, ihre Haltung und ihr Verhalten Wirkung entfalten – auf Bewohner:innen und Patient:innen, auf Kolleg:innen, auf die Organisation – entsteht Sinn. Wo diese Rückkopplung fehlt, kommt es zu innerer Kündigung, Rückzug und Stillstand. Eine Pflegeorganisation, die ihre Kultur aktiv pflegt, schafft nicht nur bessere Arbeitsbedingungen – sie schafft bessere Pflege. Menschlich, reflektiert, verantwortungsvoll. *Wenn alle diese beschriebenen Ebenen im Einklang stehen, entsteht Orientierung, Vertrauen und Bindung. Wenn sie auseinanderklaffen, entsteht Zynismus. Dann werden Werte zur Fassade und Kultur zum Lippenbekenntnis.* ### Die Angst vor Verantwortung: ein kulturelles Erbe in der Pflegeprofession In vielen Pflegeorganisationen beobachten wir ein ambivalentes Phänomen: Mitarbeitende fordern einerseits mehr Mitbestimmung – und zugleich mehr klare Ansagen. Sie wünschen sich Gestaltungsfreiheit – und doch Sicherheit durch Anleitung. Diese Spannung ist Ausdruck biografischer Prägungen: Viele Pflegende wurden in hierarchischen Systemen sozialisiert, in denen Verantwortung sanktioniert wurde. Nicht mitdenken war oft sicherer als entscheiden. Diese Prägung lässt sich nicht per Anordnung ablegen – sie muss aktiv bearbeitet werden. ### Misstrauenskultur im Gesundheitswesen Ein systemischer Hintergrund für die verbreitete Unsicherheit liegt in der strukturell angelegten Misstrauenskultur des Gesundheitswesens: - Prüfmechanismen, wie z.B. durch den Medizinischen Dienst, oder die Heimaufsicht, mit Sanktionslogik - geforderte ärztliche Anordnungen bis ins Detail - Dokumentationsdruck ohne Sinnvermittlung Diese Logiken verhindern Eigenverantwortung. Sie fördern Regelkonformität statt Professionalität. Sie machen aus denkenden Menschen funktionierende Systeme – und schädigen damit langfristig Haltung und Motivation. ### Fazit: Pflege braucht Haltung – und Räume, in denen sie wachsen darf Professionelle Pflege gelingt dort, wo Menschen ihre Haltung leben dürfen – achtsam, verantwortungsvoll und mit einem klaren Sinn für das, was zählt. Doch Haltung entsteht nicht nebenbei. Sie braucht Raum: für Dialog, für Reflexion, für gemeinsame Entwicklung. Eine professionelle Pflegekultur entsteht, wenn Werte spürbar, Verhalten bewusst und Führung vertrauensvoll ist. Führungskräfte tragen die Verantwortung, diese Räume zu gestalten – nicht durch Kontrolle, sondern durch Beziehung, Klarheit und Vorbild. Denn Kultur wird nicht verordnet, sie wird gelebt. Und wo Pflegekultur aktiv gepflegt wird, entsteht ein Klima, in dem Menschen sich zeigen, wachsen und wirksam werden können. Darüber hinaus braucht es einen professionellen Schulterschluss für eine gesellschaftliche Haltungsänderung. Die Misstrauenskultur im Gesundheitswesen – mit ihrer Dominanz von Kontrolle, Nachweispflicht und hierarchischer Weisungslogik – behindert eigenverantwortliches Handeln. Die Pflegeprofession muss sich dafür einsetzen, dass Vertrauen zur neuen Währung im System wird: durch klare Haltung, berufspolitische Präsenz und gemeinsames Eintreten für Rahmenbedingungen, in denen professionelle Pflege nicht nur stattfindet, sondern sich entfalten kann. ### SBAR - Struktur in der Übergabe URL: https://www.uebergabe.de/sbar-struktur-in-der-ubergabe/ Last updated: 2025-09-08T18:34:45.000Z Die SBAR-Methode strukturiert Übergaben klar und präzise: Situation, Background, Assessment und Recommendation schaffen einen einheitlichen Rahmen. So lassen sich Missverständnisse vermeiden, Risiken reduzieren und die Patient:innensicherheit stärken. _This post is for subscribers only._ ### Neue Pflegegesetze und Primärversorgungszentren URL: https://www.uebergabe.de/pu101/ Last updated: 2026-06-13T23:23:34.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das neue Gesetz erlaubt Pflegefachpersonen, heilkundliche Tätigkeiten eigenverantwortlich zu übernehmen. - Pflegeverbände feiern den Meilenstein, die Ärztekammer warnt vor Kompetenzverschiebung. - Primärversorgungszentren sollen multiprofessionelle Kooperation statt ärztlicher Dominanz ermöglichen. - Ab Juli 2026 prüft der Medizinische Dienst ambulant nach Ergebnisqualität statt Strukturen. - Tarifabschluss am Herzzentrum Leipzig bringt Lohnplus, doch nicht alle Forderungen erfüllt. ### Pflegepolitik im Wandel: Neue Gesetze, Primärversorgung und Qualitätsprüfung Die vergangenen Monate haben in der Gesundheits- und Pflegepolitik tiefgreifende Entwicklungen hervorgebracht. Zwischen neuen Gesetzen, Positionspapieren und Tarifabschlüssen zeigt sich: Die Rolle der Pflegefachpersonen verändert sich. Und das nicht nur am Rande, sondern im Zentrum der Versorgung. Die Diskussion um Eigenverantwortung, multiprofessionelle Zusammenarbeit und die Frage nach einer patient:innenzentrierten Primärversorgung deutet auf einen Strukturwandel hin, der das deutsche Gesundheitssystem nachhaltig beeinflussen könnte. ### Von der Pflegekompetenz zur Befugniserweiterung Das zunächst als „[Pflegekompetenzgesetz](https://www.uebergabe.de/tag/pflegekompetenzgesetz/)“ diskutierte Vorhaben trägt inzwischen den sperrigen Titel [„Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege“](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegekompetenzgesetz-pkg.html?ref=uebergabe.de). Hinter diesem Namen verbirgt sich ein entscheidender Schritt: Pflegefachpersonen sollen künftig bestimmte heilkundliche Tätigkeiten eigenverantwortlich übernehmen dürfen. Dazu zählen etwa Leistungen in der Wundversorgung, im Diabetesmanagement oder im Umgang mit Demenz. Die Grundlage bilden Qualifikationen, die durch bundeseinheitliche Weiterbildungen, Studiengänge oder die Berufsausbildung selbst erworben werden. Allerdings bleibt noch offen, welche konkreten Tätigkeiten übernommen werden dürfen und welche Qualifikationsstufen hierfür vorausgesetzt werden. Klar ist nur: Die Selbstverwaltung und die beteiligten Verbände müssen diese Details in Verträgen festlegen. Die zeitliche Planung verdeutlicht, dass dieser Prozess nicht kurzfristig abgeschlossen sein wird. Bis 2027 soll zunächst für die ambulante, bis 2028 auch für die stationäre Versorgung geregelt sein, welche Leistungen eigenständig von Pflegefachpersonen übernommen werden dürfen. Dass dieser Weg steinig ist, zeigt nicht zuletzt die ablehnende Haltung der Bundesärztekammer, die von einer Überschreitung ärztlicher Kernkompetenzen spricht. ### Die Reaktionen der Pflegeverbände Für die Pflegeverbände ist das Gesetz ein Meilenstein. Der [Deutsche Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) bezeichnete es als „erstmalige Verankerung der Profession Pflege als eigenständigen Heilberuf“ und betonte, dass dies die Attraktivität des Berufs steigern könne. Auch der [Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de) begrüßte die Richtung, mahnte aber Nachbesserungen an. Besonders bei präventiven Aufgaben wünschen sich die Verbände mehr Eigenverantwortung, um Patient:innen nicht nur beraten, sondern verbindlich begleiten zu können. Diese Stimmen zeigen, dass das Gesetz zwar ein Signal setzt, aber keineswegs das Ende der Debatte markiert. Vielmehr wird die Ausgestaltung darüber entscheiden, ob aus dem Anspruch auf mehr Autonomie tatsächlich gelebte Praxis wird. [Deutscher Pflegerat - Kabinettsbeschlüsse: Zwei Gesetze stärken die PflegeDas Bundeskabinett hat heute (06.08.2025) mit dem Gesetz zur Befugniserweiterung in der Pflege sowie dem Gesetz zur bundeseinheitlichen Pflegefachassistenz­ausbildung zwei wichtige Gesetzentwürfe zur Stärkung der Pflege beschlossen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-34.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-10.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/kabinettsbeschluesse-zwei-gesetze-staerken-die-pflege?ref=uebergabe.de) ## Primärversorgung neu gedacht Parallel dazu formiert sich eine multiprofessionelle Bewegung. In einem gemeinsamen [Positionspapier ](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2025/Primaerversorgung-neu-denken.php?ref=uebergabe.de)fordern der DBfK, der Verein Demokratischer Ärzt:innen und der Verein Demokratischer Pharmazeut:innen eine Abkehr vom klassischen Primärarztsystem. Ihre Vision: Primärversorgungszentren, die ein breites Spektrum medizinischer, pflegerischer, pharmazeutischer und psychosozialer Leistungen bündeln. Die Idee ist einfach, aber wirkungsvoll: Patient:innen sollen eine wohnortnahe Anlaufstelle erhalten, in der verschiedene Gesundheitsberufe auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Diese Zentren sollen nicht nur Allgemeinmedizin und Pflege integrieren, sondern auch Prävention, Ernährungsberatung, Bewegungsprogramme, Telemedizin und soziale Unterstützung. Gerade in ländlichen Regionen, wo hausärztliche Versorgung zunehmend gefährdet ist, könnten Rotationspraxen, mobile Teams oder Shuttle-Services Patient:innen den Zugang sichern. Die Verbände argumentieren, dass Hierarchien und Delegationsprinzipien durch echte Kooperation ersetzt werden müssen. Pflegefachpersonen und [Community Health Nurses](https://www.uebergabe.de/tag/community-health-nursing/) sollen dabei eine Schlüsselrolles übernehmen. ### Multiprofessionelle Zusammenarbeit als Zukunftsmodell Die Idee der Primärversorgungszentren rückt ein anderes Gesundheitsverständnis in den Vordergrund: weg von ärztlicher Dominanz hin zu geteilter Verantwortung. Das bedeutet nicht nur Entlastung für Ärzt:innen, sondern auch eine Aufwertung pflegerischer und pharmazeutischer Kompetenzen. Ein Beispiel: Apotheker:innen können bei komplexen Medikationsplänen entscheidend zur Sicherheit beitragen. Pflegefachpersonen wiederum sind prädestiniert dafür, Patient:innen in chronischen Krankheitsverläufen zu begleiten und präventive Maßnahmen umzusetzen. Studien belegen, dass Community Helpers in solchen Strukturen Versorgungsqualität messbar verbessern können. Damit wird klar: Ein Gesundheitssystem, das multiprofessionell aufgestellt ist, kann nicht nur effizienter, sondern auch patient:innenzentrierter arbeiten. Allerdings erfordert dieser Umbau erhebliche Investitionen, die bislang ausgeblieben sind. Werde Übergabe-Mitglied 🚀 Mit der **Übergabe-Mitgliedschaft** erhältst du Zugang zu unserem [Videokurs](https://www.uebergabe.de/videkurs-pflegeforschung/), jede Woche ein [Briefing](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) per Mail, Zugang zum gesamten Archiv und du unterstützt ein unabhängiges Pflegeprojekt. Das ist mehr als ein Abo. [Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ### Qualitätsprüfungen in der ambulanten Pflege im Wandel Ein weiteres Thema betrifft die Qualitätsmessung in ambulanten Pflegediensten. Der Medizinische Dienst hat neue Richtlinien veröffentlicht, die ab Juli 2026 in Kraft treten. Neu ist vor allem der Fokus: Nicht mehr Strukturen, sondern Ergebnisqualität rückt ins Zentrum der Prüfungen. [Richtlinien für Qualitätsprüfungen in ambulanten Pflegediensten veröffentlichtDer Medizinische Dienst Bund hat die Richtlinien für die Qualitätsprüfung in ambulanten Pflegediensten veröffentlicht. Sie wurden am 19\. Mai 2025 vom Medizinischen Dienst Bund erlassen und am 7\. August 2025 vom Bundesministerium für Gesundheit genehmigt. Die Richtlinien treten am 1\. Juli 2026 in Kraft.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-8.svg)Logo Medizinischer Dienst Bund![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/MDB-2022-Twitter-Fallback.png)](https://md-bund.de/presse/pressemitteilungen/neueste-pressemitteilungen/richtlinien-fuer-qualitaetspruefungen-in-ambulan-ten-pflegediensten-veroeffentlicht.html?ref=uebergabe.de) Das bedeutet, dass weniger auf Dokumente und organisatorische Abläufe geschaut wird, sondern auf die tatsächlichen Ergebnisse der Versorgung. Bewertet wird nach einem vierstufigen System – von „keine Auffälligkeiten“ bis zu „Defizit mit eingetretenen negativen Folgen“. Ergänzt wird dies durch einen beratungsorientierten Ansatz: Prüfende sollen Einrichtungen nicht nur kontrollieren, sondern auch aktiv bei Verbesserungen begleiten. Diese Neuausrichtung, entwickelt von der Hochschule Osnabrück und der Universität Bielefeld, orientiert sich am stationären System, das seit 2019 gilt. Sie könnte langfristig zu mehr Transparenz und Vergleichbarkeit führen – und damit auch Patient:innen bei der Wahl eines Pflegedienstes unterstützen. ## Arbeitskämpfe und Tarifverhandlungen in Leipzig Auch die Arbeitsbedingungen in der Pflege standen zuletzt im Fokus. Nach monatelangen Streiks einigten sich [Verdi und Helios am Herzzentrum Leipzig auf einen Tarifabschluss](https://sat.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++a77d5686-84cd-11f0-b3d9-45f62619a0b1?ref=uebergabe.de). Dieser bringt zwar keine vollständige Umsetzung der Forderungen, aber spürbare Verbesserungen: stufenweise Lohnerhöhungen, höhere Ausbildungsvergütung, verbesserte Jahressonderzahlungen sowie neue Zuschläge für die Schicht- und Wochenendarbeit. Zusätzlich gibt es Zusatzurlaub für langjährig Beschäftigte und für Pflegefachpersonen mit hoher Belastung. Verdi sieht darin einen Fortschritt, kritisiert aber, dass zentrale Forderungen wie eine 12-prozentige Gehaltserhöhung nicht durchgesetzt werden konnten. ## Zum Weiterhören - [PU104 – Zukunftspakt Pflege und Befugniserweiterungen](https://www.uebergabe.de/pu104/) - [PU098 – BAPID & DPR: Neue Rollen für Pflege und Primärversorgung](https://www.uebergabe.de/pu098/) - [PU117 – Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen / Primärversorgung / Pflegekammer RLP](https://www.uebergabe.de/pu117/) --- ## Ein System in Bewegung Gesetzliche Neuregelungen, neue Versorgungsmodelle, Reform der Qualitätsprüfungen und verbesserte Arbeitsbedingungen – all diese Entwicklungen sind keine isolierten Ereignisse. Sie weisen auf einen übergeordneten Trend hin: Die Pflegefachpersonen gewinnen an Bedeutung, und ihre Kompetenzen werden zunehmend im Zentrum gesundheitspolitischer Strategien verankert. Der Weg dahin ist jedoch von Widerständen geprägt. Standesorganisationen warnen vor Kompetenzverschiebungen, während Verbände mehr Eigenverantwortung und multiprofessionelle Kooperation fordern. Klar ist: Ein „Weiter so“ wird das System nicht tragen. Ob die neuen Gesetze und Konzepte langfristig wirken, hängt entscheidend davon ab, wie sie umgesetzt werden – und ob Politik, Selbstverwaltung und Berufsverbände gemeinsam Verantwortung übernehmen. --- ### Der Einfluss vom Management auf die Gesundheit von Pflegefachpersonen URL: https://www.uebergabe.de/der-einfluss-vom-management-auf-die-gesundheit-von-pflegefachpersonen/ Last updated: 2026-01-03T22:29:51.000Z 🗓️ #97 | 04.09.2025 ### Worum geht's? Die Studie befasst sich mit der systematischen Untersuchung der Zusammenhänge zwischen den Führungsstilen von Pflegeführungskräften und dem arbeitsbezogenen Wohlbefinden von Pflegefachpersonen. Angesichts des weltweiten Mangels an Pflegepersonal wird untersucht, wie Führung das Wohlbefinden am Arbeitsplatz beeinflussen kann. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel war es, empirisch belegte Erkenntnisse über den Einfluss verschiedener Führungsstile auf das arbeitsbezogene Wohlbefinden von Pflegefachpersonen zusammenzufassen. Dabei sollten sowohl direkte als auch indirekte Zusammenhänge aufgedeckt und mediierende Faktoren identifiziert werden. 💡 Mediierende Faktoren sind „vermittelnde“ Einflüsse zwischen Ursache und Wirkung. Sie erklären also, **warum* oder **wie* ein bestimmter Zusammenhang entsteht. Ein Beispiel aus der Pflege: Wenn eine gute Führung (Ursache) zu mehr Arbeitszufriedenheit (Wirkung) führt, könnte ****Teamklima** ein mediierender Faktor sein. Die Führung verbessert das Teamklima, und dieses bessere Klima steigert dann die Zufriedenheit. _This post is for paying subscribers only._ ### Erwartungen und Realität internationaler Pflegefachpersonen (Debora Aust) URL: https://www.uebergabe.de/ug173/ Last updated: 2026-06-17T09:04:37.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Internationale Pflegefachpersonen werden dringend gebraucht, doch ihre Integration scheitert oft an Strukturen. - Nach der Ankunft fühlen sich viele alleingelassen – trotz anfänglicher Unterstützung beim Einreisen. - Sprache, fehlende Transparenz und unklare Karrierewege bremsen Motivation und Potenzial. - Interkulturelle Kompetenz musst du trainieren – auf beiden Seiten, mit klarer Führung. - Faire Anwerbung braucht verbindliche Standards statt freiwilliger Gütesiegel. - Du kannst von Großbritannien, Skandinavien und Kanada bei Mentoring und Begleitung lernen. ## Warum das Thema drängender wird Die Pflege steht seit Jahren unter Druck. Immer mehr Menschen sind pflegebedürftig, die Zahl der Pflegeplätze steigt, und gleichzeitig gehen viele Pflegefachpersonen in den Ruhestand. Der Fachkräftemangel ist längst keine Prognose mehr, sondern gelebte Realität. Um dieser Entwicklung zu begegnen, wird verstärkt auf die Anwerbung internationaler Pflegefachpersonen gesetzt. Über dieses Thema sprach **Debora Aust** im Podcast. Sie ist Gründerin von **DAREconsulting** und Leiterin der **Berliner Beratungsstelle für Fachkräfte mit ausländischem Pflegeabschluss (BBeFaP)**. Seit vielen Jahren begleitet sie Pflegefachpersonen und berät Einrichtungen, die internationale Kolleg:innen beschäftigen. Ihre Erfahrungen zeigen eindrücklich, welche Chancen und Schwierigkeiten mit der Integration verbunden sind. [Beratung & Training für Ihr nachhaltiges PersonalmanagementDAREconsulting: Experten für maßgeschneidertes, nachhaltiges Training & Beratung im Personalmanagement. Vertrauen Sie unserer Erfahrungen!![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/cropped-dareconsulting-logo-favicon-270x270.jpg)DARE Consulting![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DA-Nov2019-0-0-0-0-1585722078-compressor.jpg)](https://dareconsulting.de/de/beratung-training-fuer-nachhaltiges-personalmanagement/?ref=uebergabe.de) [Berliner Beratungsstelle für Fachkräfte mit ausländischem Pflegeabschluss (BBeFaP) - Berlin.deBBeFaP - Beratungsstelle für Pflegekräfte mit ausländischem Abschluss![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-14.png)Berlin.de zur Startseite![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo_berlin_m_srgb-1.svg)](https://www.berlin.de/sen/pflege/pflege-als-beruf/karrierechancen/artikel.1465275.php?ref=uebergabe.de) *Dieser Podcast ist der zweite Teil einer Serie, die durch die* [Senatsverwaltung Wissenschaft, Gesundheit und Pflege Berlin](https://www.berlin.de/sen/wgp/?ref=uebergabe.de) *gefördert wird. Den ersten Teil findest du hier:* [Integration ausländischer Pflegefachpersonen in Berlin🎙️ In unserer neuen Folge begrüßen wir Debora Aust, die Gründerin von DAREconsulting und Leiterin der neuen Berliner Beratungsstelle für Pflegekräfte mit ausländischem Abschluss (BBeFaP) und sprechen über die Herausforderungen und Chancen der Integration von internationalen Pflegefachpersonen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-84.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug151_3-1.png)](https://www.uebergabe.de/ug151/) ## Erwartungen und Hoffnungen Für viele internationale Pflegefachpersonen ist die Entscheidung, nach Deutschland zu kommen, ein biografischer Einschnitt. Häufig stehen dabei klare Erwartungen im Vordergrund: ein sicherer Arbeitsplatz, bessere Bezahlung, die Chance auf Karriere und die Hoffnung, der Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. > „Am Anfang wird man sehr unterstützt, um überhaupt nach Deutschland zu kommen. Aber sobald man hier ist, fühlt man sich völlig alleingelassen.“ Gerade Kolleg:innen aus Brasilien, Mexiko oder den Philippinen berichten, dass sie sich stabile Strukturen und Entwicklungsmöglichkeiten erhoffen. Für manche ist die Migration mit dem Traum verbunden, Spezialisierungen zu machen, vielleicht sogar Leitungsposten zu übernehmen. Für andere steht das Einkommen im Vordergrund, das in den Herkunftsländern oft weit niedriger ist. Doch die Realität nach der Ankunft zeigt, dass sich diese Erwartungen häufig nicht erfüllen. Sprachbarrieren, fehlende Transparenz und unklare Karrierewege lassen die anfängliche Euphorie schnell schwinden. ## Der erste Schritt: Anerkennung und Bürokratie Zentral für die Integration ist das Anerkennungsverfahren. Ohne offizielle Bestätigung der Qualifikation ist eine Tätigkeit als Pflegefachperson nicht möglich. Zuständig sind die Landesbehörden, in Berlin etwa das **Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo)**. [Landesamt für Gesundheit und Soziales - Berlin.deDas LAGeSo ist eine moderne Gesundheits- und Sozialbehörde die ca. jeden 6\. Berliner mit Leistungen aus dem sozialen oder gesundheitlichen Bereich versorgt.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-15.png)Berlin.de zur Startseite![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/L3N5czExLXByb2QvbGFnZXNvL2JlcnVmZS1nZXN1bmRoZWl0c3dlc2VuLnBuZw.png)](https://www.berlin.de/lageso/?ref=uebergabe.de) Formal ist das Verfahren eindeutig: Ausbildungsnachweise und Zeugnisse müssen eingereicht, Sprachkenntnisse nachgewiesen und Dokumente übersetzt werden. Doch in der Praxis erweist sich dieser Prozess als langwierig und komplex. Viele internationale Fachkräfte berichten von Überforderung, fehlenden Informationen und langen Wartezeiten. Hinzu kommt, dass selbst nach der Anerkennung Unsicherheiten bleiben. Oft werden internationale Pflegefachpersonen zunächst nur als Pflegehilfskräfte eingesetzt – nicht selten aus Unsicherheit über ihre tatsächlichen Kompetenzen oder wegen fehlender Sprachprüfung. Für Menschen, die im Herkunftsland ein Studium absolviert oder in hochspezialisierten Bereichen gearbeitet haben, ist das ein schmerzlicher Rückschritt. ## Sprache als Schlüssel und Stolperstein Kaum ein Thema wird so häufig genannt wie die Sprache. Für die Berufserlaubnis ist das Niveau B2 vorgeschrieben, doch dieses Zertifikat sagt wenig darüber aus, wie sicher jemand im Pflegealltag kommuniziert. Die Fachsprache unterscheidet sich stark vom Alltagsdeutsch. Dokumentationen, Abkürzungen, medizinische Fachbegriffe und rechtliche Formulierungen stellen eine zusätzliche Hürde dar. Viele internationale Fachkräfte berichten, dass **Präsenz-Sprachkurse** weitaus hilfreicher sind als Online-Angebote. Vor Ort entstehen soziale Kontakte, die Integration erleichtern und den Austausch fördern. Sprache ist damit nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern auch ein Schlüssel zur Zugehörigkeit. Wer nicht flüssig sprechen kann, wird schnell unterschätzt – unabhängig von den tatsächlichen fachlichen Kompetenzen. ## Fehlende Transparenz als unerwartete Realität Ein gravierendes Problem ist die Intransparenz bei der Vermittlung. Viele Pflegefachpersonen wissen im Vorfeld nicht, in welchem Bereich sie eingesetzt werden. So kommt es vor, dass eine Pflegefachperson aus Indien, die im Herkunftsland auf einer Intensivstation gearbeitet hat, plötzlich in einer Altenpflegeeinrichtung eingesetzt wird. Die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität ist enorm. Während internationale Fachpersonen eine Karriere in spezialisierten Kliniken erwarten, landen sie oft in der Grundpflege. Diese Zuweisung ist nicht nur enttäuschend, sondern führt häufig zu Frustration, innerer Kündigung und hoher Fluktuation. ## Soziale Integration: Zwischen Unterstützung und Isolation In den ersten Wochen erhalten viele internationale Fachkräfte noch Unterstützung. Arbeitgeber:innen helfen bei Visa, Einreise oder Wohnungssuche. Doch sobald sie angekommen sind, fühlen sich viele allein gelassen. > „Wir müssen weg von der Konkurrenz hin zu der Frage: Wie können wir unsere Kompetenzen bestmöglich nutzen?“ Eine brasilianische Kollegin formulierte es so: „Am Anfang wird man sehr unterstützt, um überhaupt nach Deutschland zu kommen. Aber sobald man hier ist, fühlt man sich völlig alleingelassen.“ Für die einen bedeutet das Einsamkeit, weil Partner:in und Kinder im Herkunftsland bleiben. Für andere heißt es, Familie, Kinder und neuen Beruf gleichzeitig zu organisieren. In beiden Fällen entstehen hohe Belastungen. Nicht selten führen sie zu psychischen Problemen, Heimweh und schließlich zur Rückkehr in das Heimatland. ## Ein Lernprozess für alle Seiten Integration ist keine Einbahnstraße. Sie gelingt nur, wenn sowohl internationale Pflegefachpersonen als auch deutsche Teams lernen, kulturelle Unterschiede zu verstehen. In vielen Herkunftsländern wird die Grundpflege von Familienangehörigen übernommen. Pflegefachpersonen konzentrieren sich dort stärker auf medizinische Tätigkeiten. In Deutschland dagegen gehört die Grundpflege zu den Kernaufgaben professioneller Pflege. Für internationale Kolleg:innen bedeutet das, dass sie Tätigkeiten übernehmen sollen, die in ihrem Herkunftsland nicht Teil ihres Berufsbildes waren. Für deutsche Teams wirkt es umgekehrt so, als seien die neuen Kolleg:innen nicht willig oder nicht qualifiziert. Solche Missverständnisse entstehen nicht aus bösem Willen, sondern aus Unkenntnis. Interkulturelle Kompetenz heißt deshalb, Kommunikationsstile, Ausbildungssysteme und kulturelle Werte zu kennen – und Missverständnisse als Lernchance zu begreifen. Diese Kompetenz müssen alle Beteiligten erwerben. Sie ist nicht angeboren, sondern ein Prozess, der trainiert werden muss. Schulungen, Rollenspiele und Reflexionsübungen können helfen. Einrichtungen sollten interkulturelle Trainings so selbstverständlich etablieren wie Arbeitsschutzunterweisungen. ## Die Rolle der Führung: Klima der Vielfalt schaffen Besonders wichtig ist das Engagement von Führungspersonen. Sie setzen den Ton, ob Vielfalt als Bereicherung oder als Belastung verstanden wird. Ein Beispiel aus Hamburg zeigt, wie es gehen kann: In einem Krankenhaus fand ein verpflichtender Fortbildungstag für alle Leitungspersonen statt, bei dem es ausschließlich um interkulturelle Kompetenz ging. Damit wurde deutlich gemacht, dass Integration kein Randthema ist, sondern eine Kernaufgabe professioneller Personalführung. Führungskräfte müssen Erwartungen transparent machen, Karrierewege aufzeigen und individuelle Kompetenzen fördern. Wer frühzeitig Strukturen für Einarbeitung, Mentoring und soziale Begleitung schafft, legt die Grundlage dafür, dass internationale Pflegefachpersonen langfristig bleiben. ## Potenziale nutzen statt verschenken Ein zentraler Grund für die Migration ist die Aussicht auf Weiterentwicklung. Viele internationale Pflegefachpersonen wollen Praxisanleiter:innen werden, eine Leitungsfunktion übernehmen oder ihre Kompetenzen in spezialisierten Bereichen einbringen. Doch es fehlt an klaren Strukturen. Unklare Weiterbildungswege, Sprachhürden und starre Hierarchien verhindern oft, dass vorhandenes Potenzial genutzt wird. Die Folge: Hochqualifizierte Fachkräfte bleiben in Positionen, die weit unter ihrem Niveau liegen. Für das deutsche Gesundheitssystem bedeutet das nicht nur einen Verlust an Motivation, sondern auch den Verlust dringend benötigter Fachkompetenz. ## Subtile Diskriminierung und Vorurteile Nicht immer sind es offene Ablehnungen, die die Integration erschweren. Häufig handelt es sich um subtile Formen von Diskriminierung. Eine Pflegefachperson von den Philippinen schilderte, dass sie häufig langsam und überdeutlich angesprochen werde – als könne sie nicht verstehen oder sei weniger intelligent. Solche Erfahrungen zeigen, wie stark unbewusste Vorurteile wirken. Sie sind selten absichtlich, doch sie entmutigen und erschweren das Ankommen. Entscheidend ist daher, dass Teams lernen, ihre eigenen Bias zu reflektieren und Kompetenzen nicht allein an der Sprache zu messen. ## Was wir lernen können Andere Länder sind bei der Integration internationaler Fachkräfte weiter. Großbritannien setzt seit Jahrzehnten auf Pflegefachpersonen aus dem Ausland und hat strukturierte Mentoring-Programme etabliert. Skandinavische Länder investieren stark in Willkommensprogramme, die berufliche und soziale Integration verbinden. Kanada wiederum setzt auf community-basierte Netzwerke, die neue Fachkräfte nicht nur beruflich, sondern auch privat begleiten. Von diesen Modellen lässt sich lernen. Transparenz, soziale Begleitung und die gezielte Nutzung vorhandener Kompetenzen sind zentrale Erfolgsfaktoren, die hierzulande noch zu oft fehlen. ## Politische Verantwortung und ethische Fragen Die Anwerbung internationaler Pflegefachpersonen ist nicht nur eine organisatorische, sondern auch eine ethische Frage. Länder wie die Philippinen oder Indien verlieren durch Migration einen Teil ihrer ausgebildeten Fachkräfte – ein klassischer Brain Drain. Umso wichtiger sind faire Partnerschaften. Das Gütesiegel „**Faire Anwerbung Pflege Deutschland**“ ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber es ist freiwillig. Verbindliche Standards fehlen, und damit bleibt das Risiko von Ausbeutung bestehen. Entscheidend ist, dass Anwerbung nachhaltig gestaltet wird – mit klaren Strukturen, die nicht nur die Einreise, sondern auch die langfristige Integration sichern. [Home![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/site_favicon_16_1727789662139.ico)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/GAPA_Logo-Titel_RGB-2x-100-1920w.jpg)](https://www.faire-anwerbung-pflege-deutschland.de/?ref=uebergabe.de) ## Fazit Die Rekrutierung internationaler Pflegefachpersonen ist unverzichtbar für die Zukunft der Pflege. Doch der Erfolg hängt nicht allein von Sprachkursen oder Anerkennungsverfahren ab. Entscheidend sind Transparenz, klare Karrierewege, soziale Begleitung und die Fähigkeit, Vielfalt als Stärke zu begreifen. Integration ist keine Bringschuld, sondern eine gemeinsame Aufgabe. Wenn Einrichtungen die Kompetenzen internationaler Pflegefachpersonen anerkennen, fördern und wertschätzen, profitieren nicht nur die Fachpersonen selbst, sondern auch Patient:innen, Teams und das gesamte Gesundheitssystem. --- ### Podcast in englischer Sprache ### Podcast in spanischer Sprache ## Neu: Unser erster Videokurs ist da! 🚀 Wir haben endlich unseren ersten Videokurs veröffentlicht – und das Thema könnte kaum spannender sein: **Pflegeforschung**. Darin zeigen wir dir Schritt für Schritt: - was Pflegeforschung eigentlich ist, - wie du aus einer Idee eine präzise Forschungsfrage entwickelst und - wie du gezielt gute Literatur findest. Die Lektionen sind kurz und verständlich aufgebaut – perfekt für Einsteiger:innen, die sicher in die Pflegeforschung starten wollen. 👉 **Übergabe-Mitglieder erhalten exklusiv unbegrenzten Zugriff auf den gesamten Kurs.** Schau gern mal rein und sag uns, was du denkst – dein Feedback ist uns wichtig! 🎉 [Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege – VideokursEinsteiger:innen-Kurs zur Pflegeforschung: Grundlagen, Methoden, Datenauswertung & Recherche – praxisnah erklärt für die evidenzbasierte Pflege.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-87.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFrancis![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Pflegeforschung-2.jpg)](https://www.uebergabe.de/videkurs-pflegeforschung/) --- ## Übergabe Community-Board Wir laden dich ein, dich auch in unserem Community-Board zu beteiligen. Hier findest du Pflegende aus allen Settings mit verschiedenster Qualifikation. Wir freuen uns, wenn du deine Themen dort mit allen diskutierst. [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-15.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-12.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) --- Werde Übergabe-Mitglied 🚀 Mit der **Übergabe-Mitgliedschaft** erhältst du jede Woche ein Briefing per Mail, Zugang zum gesamten Archiv und du unterstützt ein unabhängiges Pflegeprojekt. Das ist mehr als ein Abo. [Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG138 – Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland (Sebastian WInter & Alexis Padilla Gomez)](https://www.uebergabe.de/ug138/) - [ÜG046 – Rekrutierung aus dem Ausland (Thorsten Kiefer)](https://www.uebergabe.de/ug046/) - [ÜG180 – Teilhabe von Pflegekräften mit Migrationsgeschichte (Yasemin Bekyol & Theresa Wagner)](https://www.uebergabe.de/ug180/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Literaturrecherche und Datenbanken URL: https://www.uebergabe.de/literaturrecherche-und-datenbanken/ Last updated: 2026-03-05T21:25:35.000Z 3 min _This post is for paying subscribers only._ ### Veröffentlichung und Zugang zu Forschung URL: https://www.uebergabe.de/veroffentlichung-und-zugang-zu-forschung/ Last updated: 2026-03-05T21:25:23.000Z 3 min _This post is for paying subscribers only._ ### Datenauswertung und Interpretation URL: https://www.uebergabe.de/datenauswertung-und-interpretation/ Last updated: 2026-03-05T21:24:57.000Z 5 min _This post is for paying subscribers only._ ### Methodik und Datenerhebung URL: https://www.uebergabe.de/methodik-und-datenerhebung/ Last updated: 2026-07-02T20:10:16.000Z 4 min _This post is for paying subscribers only._ ### Von der Idee zur Forschungsfrage URL: https://www.uebergabe.de/von-der-idee-zur-forschungsfrage/ Last updated: 2026-03-05T21:24:06.000Z 3 min _This post is for paying subscribers only._ ### Was ist Pflegeforschung? URL: https://www.uebergabe.de/was-ist-pflegeforschung/ Last updated: 2026-03-19T17:18:50.000Z 2 min _This post is for paying subscribers only._ ### Einführung in den Forschungsprozess URL: https://www.uebergabe.de/einfuhrung-in-den-forschungsprozess/ Last updated: 2026-03-19T17:18:37.000Z 4 min _This post is for paying subscribers only._ ### Kunst als pflegerische Intervention URL: https://www.uebergabe.de/kunst-als-pflegerische-intervention/ Last updated: 2025-08-28T08:00:56.000Z 🗓️ #96 | 28.08.2025 ### Worum geht's? Die Studie untersucht die Anwendung von Kunstschaffen als gesundheitsfördernde Intervention. Ziel ist es, das Konzept klar von der Kunsttherapie abzugrenzen und die praktischen Implikationen für Pflegefachpersonen aufzuzeigen. Diese Konzeptanalyse basiert auf der Methode von Walker und Avant und umfasst 85 Studien aus verschiedenen Disziplinen. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie ist es, ein besseres Verständnis für Kunstschaffen als eigenständige gesundheitsfördernde Maßnahme zu entwickeln, ihre definierenden Merkmale, Voraussetzungen und Auswirkungen zu analysieren und daraus Empfehlungen für Forschung und Pflegepraxis abzuleiten. 💡 Kunst kann auf vielfältige Weise die Gesundheit von Menschen beeinflussen, sowohl im physischen als auch im psychischen und sozialen Sinne. Der Kontakt mit Kunst, sei es durch eigenes kreatives Schaffen oder durch den Konsum von Musik, Malerei, Literatur oder Theater, wirkt oft stressreduzierend und kann das allgemeine Wohlbefinden steigern. Neurobiologisch betrachtet, führt künstlerische Betätigung oder das Erleben von Kunst häufig zur Ausschüttung von Dopamin und Endorphinen, was positive Emotionen verstärkt und die Schmerzempfindung senken kann. Gleichzeitig aktiviert Kunst kognitive Prozesse wie Vorstellungskraft, Problemlösefähigkeiten und Gedächtnisleistung, was gerade im Alter präventiv gegen kognitive Einschränkungen wirken kann. Auf psychischer Ebene unterstützt Kunst die emotionale Verarbeitung: Menschen können über kreative Ausdrucksformen Gefühle, die schwer in Worte zu fassen sind, symbolisch verarbeiten, ein Ansatz, der z. B. in der Kunsttherapie gezielt genutzt wird. In sozialen Kontexten fördert Kunst zudem Gemeinschaftsgefühl und Teilhabe, indem sie Begegnungsräume schafft und Kommunikation anregt. Gerade in der Pflege und im Gesundheitswesen kann Kunst so eine Brücke zwischen Patient:innen, Angehörigen und Fachpersonal schlagen, Angst reduzieren und das Selbstwertgefühl stärken. _This post is for paying subscribers only._ ### Advanced Nursing Practice in der Palliativversorgung URL: https://www.uebergabe.de/advanced-nursing-practice-in-der-palliativ-versorgung/ Last updated: 2025-08-21T08:00:06.000Z 🗓️ #95 | 21.08.2025 ### Worum geht's? In der Studie geht es um den Einfluss einer frühzeitigen, von Pflegefachpersonen geleiteten Palliativversorgung auf die Lebensqualität (QOL) und psychische Belastung von Patient:innen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der Fokus liegt auf der Kombination von symptomorientierter Versorgung und klinischer Krebstherapie, um sowohl klinische als auch patientenzentrierte Ergebnisse zu verbessern. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, zu untersuchen, ob eine strukturierte palliativmedizinische Intervention unter Leitung von Advanced Practice Nurses die QOL, psychische Belastung, Symptomkontrolle und Zufriedenheit mit der Versorgung bei dieser Patient:innengruppe verbessert. 💡 Advanced Practice Nurses (APN) bringen in der Versorgung von Patient:innen einen erheblichen Mehrwert, der sowohl die Qualität der Behandlung als auch die Patientenerfahrung und die Effizienz des Gesundheitssystems nachhaltig verbessert. Durch ihre erweiterte akademische Qualifikation, in der Regel auf Master-Niveau, verfügen sie über vertiefte klinische Kompetenzen, die weit über die Aufgaben der traditionellen Pflege hinausgehen. APN verbinden fundiertes medizinisches Wissen mit einer pflegerischen Perspektive, wodurch sie eine ganzheitliche, patientenzentrierte Versorgung ermöglichen. Sie sind in der Lage, komplexe klinische Entscheidungen zu treffen, Diagnostik und Therapien zu initiieren oder anzupassen sowie eine kontinuierliche Betreuung über den gesamten Behandlungsverlauf sicherzustellen. Studien zeigen, dass Patient:innen unter APN-Betreuung häufig von einer besseren Symptomkontrolle, einer höheren Adhärenz zu Therapieplänen und einer gesteigerten Lebensqualität profitieren. Durch ihre kontinuierliche Präsenz und die enge Zusammenarbeit mit Ärzt:innen und anderen Gesundheitsfachberufen fördern APN die Versorgungs­kontinuität, reduzieren Schnittstellenverluste und stärken das Vertrauen zwischen Patient:innen und Behandlungsteam. Darüber hinaus setzen sie evidenzbasierte Methoden konsequent um, was nicht nur die klinischen Ergebnisse verbessert, sondern auch unnötige Krankenhausaufenthalte verhindern kann. Ihre besondere Stärke liegt darin, medizinische und psychosoziale Aspekte der Versorgung zu integrieren und damit den individuellen Bedürfnissen von Patient:innen gerecht zu werden – ein Ansatz, der insbesondere bei chronischen Erkrankungen, komplexen Behandlungsverläufen oder in der Palliativversorgung entscheidende Vorteile bietet. _This post is for paying subscribers only._ ### Strukturierte Übergabe mit SBAR URL: https://www.uebergabe.de/strukturierte-ubergabe-mit-sbar/ Last updated: 2025-08-14T08:00:12.000Z 🗓️ #94 | 14.08.2025 ### Worum geht's? In der vorliegenden systematischen Übersichtsarbeit geht es um die Wirkung des strukturierten Kommunikations- und Übergabetools SBAR (Situation, Background, Assessment, Recommendation) auf die Patient:innensicherheit. Schlechte Kommunikation gilt als Hauptursache für viele unerwünschte Ereignisse im klinischen Alltag, insbesondere bei Übergaben. SBAR soll die Qualität der Informationsweitergabe verbessern und dadurch Risiken für Patient:innen reduzieren. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die vorhandene Evidenz zu SBAR zusammenzufassen und zu bewerten, ob dessen Einsatz in der klinischen Praxis die Patient:innensicherheit messbar verbessert. Dabei wurden ausschließlich Studien berücksichtigt, in denen SBAR als Hauptintervention in den klinischen Alltag eingeführt und mindestens ein „hartes“ Patient:innen-Outcome, wie Mortalität oder unerwünschte Ereignisse, erfasst wurde. 💡 Das SBAR-Schema ist ein standardisiertes Kommunikationsmodell, das entwickelt wurde, um die Informationsweitergabe im Gesundheitswesen klar, strukturiert und effizient zu gestalten. Der Name SBAR steht für ****Situation, Background, Assessment und Recommendation** und beschreibt die vier Schritte, in denen relevante Informationen übermittelt werden sollen. Zunächst wird in der **Situation** kurz und prägnant das aktuelle Problem beschrieben, also wer betroffen ist, wo man sich befindet und warum man sich meldet. Danach folgt der ****Background**, bei dem der relevante Hintergrund zur Person oder zum Problem erklärt wird, beispielsweise medizinische Vorgeschichte, bisherige Behandlungen oder besondere Risikofaktoren. Im ****Assessment** schildert die übergebende Person ihre aktuelle Einschätzung der Lage, basierend auf Vitalparametern, klinischen Beobachtungen oder Untersuchungsergebnissen. Schließlich wird in der ****Recommendation** eine konkrete Empfehlung oder Bitte formuliert, etwa welche Maßnahmen als Nächstes erfolgen sollten oder welche Unterstützung benötigt wird. Der große Vorteil von SBAR liegt darin, dass wichtige Informationen in einer logischen Reihenfolge und ohne unnötige Abschweifungen vermittelt werden. Dadurch sinkt das Risiko, entscheidende Details zu übersehen oder misszuverstehen, was gerade in zeitkritischen Situationen wie Notfällen im Krankenhaus die Patientensicherheit deutlich erhöhen kann. Das Schema eignet sich für Telefonate, mündliche Übergaben oder schriftliche Dokumentation und wird international in Kliniken, Pflegeeinrichtungen und Rettungsdiensten eingesetzt. _This post is for paying subscribers only._ ### Humor als Therapie URL: https://www.uebergabe.de/humor-als-therapie/ Last updated: 2025-09-03T19:33:36.000Z 🗓️ #93 | 07.08.2025 ### Worum geht's? Die Studie behandelt den Einfluss von Humortherapie auf psychische Erkrankungen, insbesondere Depression und Angst. Untersucht wurde, inwiefern solche Interventionen Symptome lindern und die Lebensqualität von Betroffenen verbessern können. Dabei wird Humor als komplementäre, nicht-medikamentöse Behandlungsoption betrachtet. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, vorhandene Forschungsergebnisse zur Wirksamkeit und Machbarkeit von verschiedenen Formen der Humortherapie bei Menschen mit Depressionen oder Angstzuständen systematisch zu identifizieren und zusammenzufassen. Dabei sollte insbesondere bewertet werden, ob Humorinterventionen wie Lachyoga, medizinisches Clowning oder andere humorvolle Ansätze als ergänzende psychologische Behandlungsformen geeignet sind. 💡 Gelotologie ist die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit dem Lachen und dessen Auswirkungen auf den menschlichen Körper und die Psyche beschäftigt. Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort „gelos“ für Lachen ab und wurde in den 1960er Jahren geprägt, um ein interdisziplinäres Forschungsfeld zu benennen, das Medizin, Psychologie, Soziologie und Neurowissenschaften miteinander verbindet. Gelotologie untersucht dabei nicht nur das Phänomen des Lachens selbst, sondern auch seine psychophysiologischen, sozialen und therapeutischen Wirkungen. In der Pflege und Medizin gewinnt die Gelotologie zunehmend an Bedeutung, weil Lachen weit über seine humoristische Funktion hinausgeht. Zahlreiche Studien zeigen, dass Lachen das Immunsystem stärkt, Stresshormone wie Cortisol reduziert, die Schmerzwahrnehmung senkt und die Durchblutung fördert. Auf psychischer Ebene kann Lachen Ängste mindern, depressive Verstimmungen mildern und das subjektive Wohlbefinden steigern. In der Pflegepraxis spielt dieser Effekt vor allem im Umgang mit chronisch kranken, geriatrischen oder palliativen Patient:innen eine Rolle. Hier kann gezielter Humor, ob in Form von Humorinterventionen, therapeutischem Clowning oder einfach durch eine heitere, empathische Grundhaltung, dazu beitragen, emotionale Spannungen zu lösen, Nähe aufzubauen und die Resilienz zu stärken. Auch im interprofessionellen Team trägt Humor zur Entlastung bei: Er kann helfen, schwierige Situationen zu entschärfen, das Miteinander zu fördern und Burnout-Risiken zu reduzieren. Gelotologie liefert damit eine wissenschaftliche Grundlage für den gezielten und reflektierten Einsatz von Humor in der professionellen Pflege und medizinischen Betreuung, nicht als Ablenkung vom Ernst der Lage, sondern als menschliche Ressource zur Stärkung von Gesundheit, Beziehung und Lebensqualität. _This post is for paying subscribers only._ ### Prävention von ventilatorassoziierte Pneumonie URL: https://www.uebergabe.de/pravention-von-ventilatorassoziierte-pneumonie/ Last updated: 2025-07-31T08:00:43.000Z 🗓️ #92 | 31.07.2025 ### Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit der Frage, wie bestimmte standardisierte Pflegeinterventionen im Rahmen eines Maßnahmenbündels dazu beitragen können, das Auftreten von VAP bei intensivmedizinisch behandelten Patient:innen, insbesondere unter invasiver Beatmung, zu vermindern. 💡 Eine ventilatorassoziierte Pneumonie (VAP, von Ventilator-Associated Pneumonia) ist eine Form der nosokomialen (im Krankenhaus erworbenen) Lungenentzündung, die bei beatmeten Patient:innen auftritt, in der Regel nach mindestens 48 Stunden invasiver Beatmung über einen Endotrachealtubus oder eine Trachealkanüle. Sie gehört zu den häufigsten und gleichzeitig schwerwiegendsten Infektionen auf Intensivstationen. VAP entsteht, weil die natürliche Barrierefunktion der oberen Atemwege durch die künstliche Beatmung umgangen wird. Normalerweise verhindert der Hustenreflex sowie die mukoziliäre Clearance das Eindringen von Krankheitserregern in die tiefen Atemwege. Bei beatmeten Patient:innen sind diese Schutzmechanismen eingeschränkt oder ausgeschaltet. Zudem begünstigt der Tubus selbst das Eindringen von Mikroorganismen: Sekret kann oberhalb der Cuffmanschette (der Dichtung im Tubus) kolonisiert werden und dann entlang des Tubus in die Lunge gelangen, ein Vorgang, der als microaspiration bezeichnet wird. Weitere Risikofaktoren sind Sedierung, eine gestörte Mobilität, verminderte Lungenbelüftung (Atelektasen) und der häufige Einsatz von Magensonden, über die Keime aus dem Magen-Darm-Trakt in die Atemwege gelangen können. Auch die Biofilmbildung am Tubusinneren bietet Bakterien eine ideale Nische zur Vermehrung. VAP kann sich besonders schnell entwickeln, weil bereits kurz nach der Intubation eine Kolonisation der Atemwege mit potenziell pathogenen Erregern beginnt, vor allem mit gramnegativen Bakterien oder multiresistenten Keimen. In Kombination mit einer geschwächten Immunabwehr und der intensiven apparativen Unterstützung ist das Risiko für eine Infektion innerhalb weniger Tage deutlich erhöht. Eine frühe Diagnose ist oft schwierig, da typische Symptome wie Fieber, eitriges Sekret oder Infiltrate im Röntgenbild auch andere Ursachen haben können. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit evidenzbasierter Maßnahmenbündel („bundles“) zur Prävention von beatmungsassoziierter Pneumonie (VAP) bei erwachsenen und älteren Patient:innen auf Intensivstationen zu untersuchen. Der Fokus lag auf der Identifikation von besonders wirksamen Maßnahmen zur Reduktion von VAP-Fällen. _This post is for paying subscribers only._ ### KI in der Pflegepraxis und Ausbildung URL: https://www.uebergabe.de/ki-in-der-pflegepraxis-und-ausbildung/ Last updated: 2025-07-24T08:00:02.000Z 🗓️ #91 | 24.07.2025 ### Worum geht's? Es geht um die Nutzung von KI in der Pflege, sowohl in der praktischen Arbeit von Pflegefachpersonen als auch in der Aus- und Weiterbildung. Die Studie behandelt Anwendungen wie klinische Entscheidungshilfen, personalisierte Lernsysteme und virtuelle Simulationen. Ziel ist es, einen systematischen Überblick über bestehende Erkenntnisse und Lücken zu geben. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie verfolgt das Ziel, die Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) in die Pflegepraxis und -ausbildung umfassend zu bewerten. Besonders im Fokus stehen dabei ethische und soziale Implikationen sowie die Formulierung evidenzbasierter Empfehlungen für eine verantwortungsvolle und effektive Einführung von KI-Technologien im Pflegebereich. 💡 Künstliche Intelligenz (KI) bezeichnet die Fähigkeit von Maschinen oder Computersystemen, Aufgaben zu übernehmen, die normalerweise menschliche Intelligenz erfordern. Dazu zählen zum Beispiel das Lernen aus Erfahrungen, das Erkennen von Mustern, das Verstehen von Sprache oder das Treffen von Entscheidungen. KI-Systeme basieren oft auf Algorithmen, die große Datenmengen analysieren, um daraus Schlüsse zu ziehen oder Vorhersagen zu treffen. Dabei unterscheidet man zwischen sogenannter „schwacher KI“, die für ganz bestimmte Aufgaben programmiert ist – etwa Sprachassistenten oder Bilderkennungssoftware – und der noch theoretischen „starken KI“, die menschenähnliches Denken in einem umfassenden Sinn ermöglichen würde. Grundlage vieler moderner KI-Anwendungen ist das sogenannte maschinelle Lernen, bei dem Systeme durch Training mit Beispieldaten immer besser darin werden, bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Auch wenn KI oft als etwas Futuristisches wahrgenommen wird, steckt sie längst in vielen Alltagsanwendungen – von Suchmaschinen über Navigationsdienste bis hin zu automatisierten Empfehlungen im Internet. Entscheidend für den verantwortungsvollen Einsatz von KI ist ein Bewusstsein dafür, dass ihre Entscheidungen auf menschlich programmierten Daten basieren – und deshalb auch Vorurteile oder Verzerrungen enthalten können. KI ist also kein autonomes Denken, sondern ein mächtiges Werkzeug, das durch klugen und kritischen Einsatz unsere Welt verändern kann. _This post is for paying subscribers only._ ### Mundgesundheit im Pflegeheim URL: https://www.uebergabe.de/mundgesundheit-im-pflegeheim/ Last updated: 2025-07-22T12:18:19.000Z 🗓️ #90 | 17.07.2025 ### Worum geht's? Im Fokus steht die umfassende Auswertung internationaler Studien zur Mundgesundheit pflegebedürftiger Senior:innen, einschließlich Zahnstatus, Prothesenqualität, Parodontalerkrankungen und oraler Schleimhautprobleme. Die Studie berücksichtigt auch die Auswirkungen dieser Faktoren auf die Lebensqualität. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie verfolgt das Ziel, die Mundgesundheit älterer Menschen in Pflegeeinrichtungen systematisch zu analysieren. Dabei soll aufgezeigt werden, welche Faktoren mit schlechter Mundgesundheit und einer geringeren mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität (OHRQoL) verbunden sind. 💡 Eine schlechte Mundgesundheit kann weitreichende Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit haben. Auf ****körperlicher Ebene** kann eine unbehandelte Parodontitis, also eine chronische Entzündung des Zahnhalteapparats, nicht nur zu Zahnverlust führen, sondern auch das Risiko für systemische Erkrankungen erhöhen. Studien zeigen, dass die Entzündungsprozesse im Mund in Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen stehen, etwa mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Auch bei Diabetes kann eine schlechte Mundgesundheit die Blutzuckereinstellung negativ beeinflussen und somit den Krankheitsverlauf verschlechtern. Darüber hinaus können Bakterien aus dem Mundraum über die Blutbahn in andere Körperbereiche gelangen und dort Infektionen auslösen. ****Psychisch** kann eine beeinträchtigte Mundgesundheit das Selbstwertgefühl und das soziale Wohlbefinden erheblich einschränken. Schmerzen, Mundgeruch oder sichtbare Zahnschäden führen häufig zu Scham, sozialem Rückzug und im schlimmsten Fall zu depressiven Verstimmungen. Gerade bei älteren Menschen oder Personen mit chronischen Erkrankungen kann sich eine schlechte Mundgesundheit negativ auf die Lebensqualität und die Motivation zur Nahrungsaufnahme auswirken, mit Folgeproblemen wie Mangelernährung und weiterer körperlicher Schwächung. Die enge Verbindung zwischen Mund, Körper und Psyche zeigt: Mundgesundheit ist kein isoliertes Thema, sondern ein zentraler Bestandteil ganzheitlicher Gesundheitsversorgung. _This post is for paying subscribers only._ ### Wie steht es eigentlich um das Wissen zum Delir? URL: https://www.uebergabe.de/wie-steht-es-eigentlich-um-das-wissen-zum-delir/ Last updated: 2025-07-22T12:19:08.000Z 🗓️ #89 | 10.07.2025 ### Worum geht's? Die Studie befasst sich mit der pflegerischen Betreuung von Patient:innen mit Delirium in Krankenhäusern. Dabei wurden die Zusammenhänge zwischen Wissen, Stressbewältigung, emotionaler Intelligenz und Handlungskompetenz analysiert. 💡 Ein Delir ist eine akute, meist vorübergehende Störung des Gehirns, bei der Aufmerksamkeit, Bewusstsein und kognitive Fähigkeiten plötzlich beeinträchtigt sind. Betroffene Patient:innen wirken oft verwirrt, desorientiert, reagieren ungewöhnlich auf ihre Umgebung und zeigen plötzliche Schwankungen im Verhalten. Typische Anzeichen sind Unruhe, Halluzinationen, Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus oder auch eine extreme Schläfrigkeit. Ein Delir kann sich innerhalb weniger Stunden oder Tage entwickeln und verläuft häufig in Wellen, also mit Phasen relativer Klarheit und starker Verwirrtheit. Besonders gefährlich ist ein Delir im Krankenhaus, weil es häufig übersehen oder als normale Alterserscheinung abgetan wird. Es tritt häufig bei älteren Menschen, Patient:innen mit Demenz, schweren Infektionen, nach Operationen oder unter dem Einfluss bestimmter Medikamente auf. Auch Schlafmangel, Schmerzen, Flüssigkeitsmangel und Immobilität können ein Delir begünstigen. Die Risiken sind erheblich: Ein unbehandeltes Delir kann zu bleibenden kognitiven Einschränkungen führen, die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus verlängern und die Sterblichkeit deutlich erhöhen. Studien zeigen, dass Patient:innen mit einem Delir ein höheres Risiko für Pflegebedürftigkeit, Rehospitalisierungen und langfristige Funktionseinbußen haben. Es ist also nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein pflegerisches und ethisches Problem. Frühzeitiges Erkennen, gezielte Prävention und eine sensible Betreuung durch Pflegefachpersonen sind entscheidend, um schwere Verläufe zu vermeiden und die Lebensqualität der Betroffenen zu sichern. ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, die Kenntnisse über Delirium, den durch Delir verursachten pflegerischen Stress, die emotionale Intelligenz sowie die Kompetenz in der Pflege von deliranten Patient:innen unter Pflegefachpersonen zu untersuchen. Außerdem sollte identifiziert werden, welche Faktoren diese Kompetenz beeinflussen. _This post is for paying subscribers only._ ### Live vom ersten Tag der Pflege der Hessischen Krankenhausgesellschaft URL: https://www.uebergabe.de/ug172/ Last updated: 2026-06-13T12:58:28.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Krankenhausreform funktioniert nur, wenn du Pflege als tragende Säule mitdenkst. - Neue Rollen wie Community Health Nursing und APN schließen reale Versorgungslücken. - Datenbasierte Führung schafft Spielräume statt nur Kosten zu sparen. - Pflege braucht ein unabhängiges Institut für Personalbemessung und mehr Forschung. - Internationale Kompetenzen anerkennen und Gewaltprävention strukturell verankern. ## Hessen setzt Pflege auf die Agenda Es ist bemerkenswert, dass eine Krankenhausgesellschaft einen Pflegetag ausrichtet. Und noch bemerkenswerter, wie offen die Gespräche dort geführt wurden. Keine PR-Sprache, keine Durchhalteparolen. Sondern: ehrliche Bestandsaufnahmen, differenzierte Perspektiven, streitbare Positionen. Prof. Dr. Steffen Gramminger, Geschäftsführer der [Hessischen Krankenhausgesellschaft](https://hkg-online.de/?ref=uebergabe.de), war als Gastgeber gleich zu Beginn im Gespräch. Und er machte klar: Die [Krankenhausreform](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/krankenhaus/krankenhausreform.html?ref=uebergabe.de) wird nur funktionieren, wenn Pflege mitgedacht wird. Nicht als nettes Add-on, sondern als tragende Säule. Und das bedeutet auch: neue Versorgungsformen, neue Rollen, neue Prioritäten. Die Pflege von morgen braucht andere Rahmenbedingungen. Und andere Erwartungen an sich selbst. ## Pflege ambulant und akademisch Ein zentrales Thema auf dem HKG-Pflegetag war die große Krankenhausreform. Zentralisierung, Ambulantisierung, neue Leistungsgruppen. Klingt nach Verwaltung, meint aber: Wie und wo werden Patient:innen in Zukunft versorgt? Und von wem? > *„Wir müssen raus aus der Opferrolle. Pflege sollte Verantwortung freiwillig übernehmen – nicht blockieren mit 'das ist nicht meine Aufgabe'.“* > *\- Prof. Dr. Steffen Gramminger* Die Antworten darauf zeigen, dass Pflege noch viel stärker gefordert sein wird als bisher. Gerade in ländlichen Regionen, wo kleine Kliniken schließen oder umgewidmet werden. Wo Versorgungslücken entstehen, die irgendwer schließen muss. Und das heißt: Pflegefachpersonen brauchen Kompetenzen, Entscheidungsspielräume und Sichtbarkeit. Die [Generalistik](https://www.uebergabe.de/tag/generalistische-pflegeausbildung/), das [Pflegekompetenzgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegekompetenzgesetz-pkg.html?ref=uebergabe.de) und Konzepte wie [Community Health Nursing](https://www.uebergabe.de/tag/community-health-nursing/) oder [Advanced Practice Nursing](https://www.uebergabe.de/tag/anp/) sind dabei keine Spielereien, sondern konkrete Antworten auf reale Lücken. Aber: Diese neuen Rollen müssen auch gewollt, verstanden und finanziert werden. Sonst bleibt es beim Lippenbekenntnis. ## Zwischen Zahlen und Vertrauen: Führen mit Kennzahlen [Nils Dehe](https://www.sana.de/offenbach/medizin-pflege/der-sana-pflegeanspruch/team-der-pflegedirektion?ref=uebergabe.de) vom Sana [Klinikum Offenbach](https://www.sana.de/offenbach?ref=uebergabe.de) hat gezeigt, wie Pflegeführung auch funktionieren kann: datenbasiert. Kennzahlen nicht als Drohkulisse, sondern als Orientierung. Und Gespräche mit Teamleitungen nicht als Pflichttermin, sondern als Möglichkeit. > *"Was wir an einer Stelle sparen, können wir an anderer Stelle investieren – in die Zukunft unserer Berufsgruppe."* > *\- Nils Dehe* Er erzählt davon, wie Quartalsgespräche dabei helfen, Zusammenhänge zu verstehen. Etwa zwischen Personalausstattung und Qualität, zwischen Sachkosten und Handlungsspielräumen. Und er sagt deutlich: Pflege braucht mehr Unternehmer:innengeist. Nicht um Kosten zu sparen, sondern um Spielräume zu schaffen. ## Gewalt hat keinen Platz – aber viel Raum Ein Thema, das sonst selten auf Kongressen vorkommt: Gewalt in Gesundheitseinrichtungen. Michelle Berg und Constanze von Struensee vom [Agaplesion-Konzern](https://www.agaplesion.de/start?ref=uebergabe.de) haben gezeigt, wie man eine Organisation gewaltkritisch aufstellen kann. *"Hinsehen statt Wegschauen"* ist nicht nur ein Motto, sondern eine Haltung. Und sie betrifft alle: Patient:innen, Besucher:innen, Kolleg:innen. Gewalt kann überall passieren. Und wenn man sie ernsthaft bekämpfen will, braucht es mehr als nur eine Richtlinie. Es braucht Gespräche. Es braucht Mut. Und es braucht Strukturen, die Schutz bieten. ## Pflegepersonalbemessung: Ein Maßstab muss her! [Arne Evers](https://www.joho.de/ansprechpartner-profil/arne-evers?ref=uebergabe.de) hat über Pflegepersonalbemessung gesprochen. Und dabei klargemacht: Es gibt viele Instrumente, aber wenig Evidenz. Viel Meinung, wenig Forschung. Das heißt nicht, dass alles schlecht ist. Aber es zeigt: Wir brauchen Pflegeforschung, die mehr ist als Begleitmusik. Wir brauchen sie als Grundlage für Entscheidungen. [Die PPR 2.0 ist ein Prozess - Podcast mit Arne Evers🎙️ Arne Evers diskutiert im Podcast die PPR 2.0: Ein Instrument zur adäquaten Pflegepersonalplanung, das auf individuelle Patient:innenenbedürfnisse eingeht und die Qualität der Versorgung verbessern soll.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-79.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug135-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug135/) Er spricht sich für ein unabhängiges Institut für Personalbemessung aus. Für eine Pflege, die ihre Standards selbst entwickelt. Und für eine Pflege, die sich nicht in Normen verliert, sondern ihre Wirkung kennt. ## Organspende: Wenn Pflege Vertrauen schafft Karsten Gehmlich von der [DSO](https://dso.de/?ref=uebergabe.de) hat einen wichtigen Bereich in den Fokus gerückt: die Rolle von Pflege in der Organspende. Er beschreibt, wie Pflegefachpersonen Gespräche führen, Familien begleiten, Prozesse sichern. Und wie es anderswo schon heute funktioniert: In Großbritannien gibt es spezialisierte Pflegefachpersonen für Organspende. Warum nicht auch hier? Die Idee ist einfach: Pflege kann mehr. Wenn man sie lässt. Wenn man ihre Kompetenzen anerkennt. Und wenn man gemeinsam Strukturen schafft, die Vertrauen ermöglichen. Wir haben das Thema der Organspende bereits im Podcast und als Video aufgearbeitet: [ÜG015 - Organspende (B. Gruber) - ÜbergabeAktuelles Unabhängiger Beirat für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf legt ersten Bericht vor (bmfsfj.de) Sofortprogramm Pflege hat bislang keine![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-80.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug015.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug015/) [Übergabe | Organspende🎬 In diesem Video bieten wir einen Überblick zur Organspende. Es erklärt die Unterschiede zwischen Lebend- und postmortaler Spende und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen. Zudem wird die Bedeutung einer informierten Entscheidung hervorgehoben.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-81.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Organspende-1-1.webp)](https://www.uebergabe.de/organspende/) ## Zertifizierung als Kulturwandel Sabrina Roßius hat mit [Pflegezert](https://pflegeattraktiv.de/?ref=uebergabe.de) ein Zertifizierungsverfahren vorgestellt, das auf Veränderung durch Entwicklung setzt. Nicht "bestehende Prozesse absichern", sondern: neue Wege finden. Mit sechs Befähigungskriterien, die so konkret wie offen sind. Und mit einem klaren Ziel: Pflege stärken, nicht kontrollieren. > *„Wir zertifizieren nicht das Ergebnis, sondern das Versprechen, sich auf den Weg zu machen.“* > *\- Sabrina Roßius* Besonders spannend ist dabei, dass man nicht für Ergebnisse zertifiziert wird, sondern für das Versprechen, einen Weg zu gehen. Das braucht Mut, Vertrauen und Struktur. Wir haben Das Thema mit Sarah Lukuc schonmal im Detail im Podcast besprochen: [Pflegeattraktiv: Zertifizierung für attraktive Arbeitgeber🎙️ Das Pflegeattraktiv-Zertifikat unterstützt Pflegeeinrichtungen dabei, ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern. Pflegefachpersonen profitieren von besseren Arbeitsbedingungen, die durch das Zertifikat nachweislich gefördert werden.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-82.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Uebergabe_Episoden_Cover-1-.png)](https://www.uebergabe.de/ug147/) ## Migration, Bildung, Perspektiven [Michele Tarquinio](https://klinikum-darmstadt.de/medizin-pflege/profession-pflege-1-1?ref=uebergabe.de) vom [Klinikum Darmstadt](https://klinikum-darmstadt.de/?ref=uebergabe.de) hat den Blick nochmal geweitet. Wie sehen Ausbildungen heute aus? Wie können internationale Pflegefachpersonen integriert werden? Was bedeutet es, wenn Menschen mit Masterabschluss aus Brasilien hier als ungelernt gelten? Er spricht von Barrieren, von Frustration, von ungenutztem Potenzial. Aber auch von Chancen. > „Wenn wir Pflegeausbildung sichern wollen, müssen wir Bildungswege auch für Pädagog:innen neu denken.“ > Michele Tarquinio Wenn wir es ernst meinen mit Internationalisierung, müssen wir Kompetenzen anerkennen. Und wenn wir es ernst meinen mit Ausbildung, müssen wir sie so gestalten, dass sie erreichbar, wirksam und anschlussfähig ist. --- ## Veranstaltungen 🎓 ****APN-Kongress** Am ****22\. Oktober 2025** findet im Klinikum Stuttgart der ****APN-Kongress** statt – eine ganztägige Veranstaltung rund um die Weiterentwicklung und Implementierung von **Advanced Practice Nursing* in Deutschland. Auf dem Programm stehen spannende Keynotes zur Akademisierung der Pflege, praxisnahe Erfahrungsberichte aus dem Klinikum Stuttgart und interaktive Diskussionsformate wie eine Fishbowl zu berufspolitischen Perspektiven. 📍 Klinikum Stuttgart 🗓️ 22\. Oktober 2025 [Hier gehts zur Anmeldung](https://www.klinikum-stuttgart.de/aktuell-im-klinikum/veranstaltungen/termin/apn-kongress?ref=uebergabe.de) [Hier geht's zur Anmeldung ](https://www.klinikum-stuttgart.de/aktuell-im-klinikum/veranstaltungen/termin/apn-kongress?ref=uebergabe.de) --- Werde Übergabe-Mitglied 🚀 Mit der **Übergabe-Mitgliedschaft** erhältst du jede Woche ein Briefing per Mail, Zugang zum gesamten Archiv und du unterstützt ein unabhängiges Pflegeprojekt. Das ist mehr als ein Abo. [Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG015 – Organspende – Eine lebensrettende Entscheidung (B. Gruber)](https://www.uebergabe.de/ug015/) - [ÜG147 – Pflegeattraktiv-Zertifizierung für attraktive Arbeitgeber in der Pflegebranche (Sarah Lukuc)](https://www.uebergabe.de/ug147/) ### Hitzewellen im Pflegealltag URL: https://www.uebergabe.de/hitzewellen-im-pflegealltag/ Last updated: 2025-08-06T20:45:49.000Z 🗓️ #88 | 03.07.2025 ### Worum geht's? Die Studie analysiert, wie sich extreme Hitzewellen auf die Gesundheit hochaltriger Menschen in Pflegeheimen auswirken. Dabei wird geprüft, ob Hitzewellen einen unmittelbaren Einfluss auf Todesfälle oder Krankenhausaufenthalte haben und ob bestehende Hitzeschutzmaßnahmen ausreichend sind. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, den Zusammenhang zwischen Hitzewellen und sowohl der Sterblichkeit als auch der Anzahl von Krankenhauseinweisungen (als Maß für Morbidität) in Pflegeheimen in Flandern, Belgien, zu untersuchen. Dabei sollte insbesondere die Diskrepanz zwischen hitzebedingter Sterblichkeit und Morbidität bei älteren Bewohner:innen analysiert werden. _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegekompetenzgesetz / Pflegefachassistenzgesetz URL: https://www.uebergabe.de/pu100/ Last updated: 2026-06-13T23:23:20.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Pflegefachassistenzgesetz ersetzt 27 Länderregelungen durch eine bundeseinheitliche 18-monatige Ausbildung. - Pflegefachassistenzpersonen arbeiten künftig eigenverantwortlich in nicht-komplexen Pflegesituationen. - Die vergütete Ausbildung schafft Durchlässigkeit zur Pflegefachperson. - Das Pflegekompetenzgesetz stärkt Pflegefachpersonen als eigenständige Heilberufe. - Beide Entwürfe bilden das Fundament für ein gestuftes Pflegebildungssystem. ## Gleich zwei lang ersehnte Referentenentwürfe für die Pflege: ### Einheitliche Ausbildung statt bundesweiter Uneinigkeit: Das Pflegefachassistenzgesetz Bislang gleicht die Ausbildung im Bereich Pflegeassistenz einem Flickenteppich: **27 unterschiedliche landesrechtlich geregelte Qualifikationen** existieren in Deutschland – mit sehr verschiedenen Ausbildungsinhalten, Abschlüssen und beruflichen Einsatzmöglichkeiten. Das neue Pflegefachassistenzgesetz soll das ändern. Kern des Entwurfs ist die Einführung eines **bundeseinheitlichen Ausbildungsberufs zur Pflegefachassistenzperson**. Die Ausbildung soll 18 Monate dauern, in Vollzeit (Teilzeit ist möglich, dann maximal 36 Monate) absolviert werden und **sektorübergreifend** angelegt sein – also für den Einsatz in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und in der ambulanten Versorgung qualifizieren. #### Welche Aufgaben sollen Pflegefachassistenzpersonen übernehmen? Pflegefachassistenzpersonen sollen künftig **eigenverantwortlich in nicht-komplexen Pflegesituationen** arbeiten dürfen. Zu den Aufgaben in diesen nicht-komplexen Pflegesituationen gehören dann: - körpernahe Pflegetätigkeiten - prophylaktische und rehabilitative Maßnahmen - Unterstützung bei der Alltagsbewältigung und Teilhabe In komplexeren Pflegesituationen sollen sie **unterstützend tätig** sein – etwa bei der Planung oder Dokumentation von Pflegeprozessen. Der Pflegeprozess bleibt Pflegefachpersonen vorbehalten! Pflegefachassistenzpersonen dürfen **ärztlich angeordnete Maßnahmen** übernehmen, sofern diese an Sie delegationsfähig sind – etwa einfache medizinische Tätigkeiten oder Sofortmaßnahmen in Notfällen. Besonderes Augenmerk liegt auf einem **praxisorientierten, aber professionellen Kompetenzprofil**. Neben fachpraktischen Inhalten geht es auch um: - **interprofessionelle Kommunikation** - **digitale Dokumentation** - **diversitätssensible Pflege** - und ein **ethisch fundiertes berufliches Selbstverständnis** #### Zugang, Vergütung und Durchlässigkeit Voraussetzung für den Zugang zur Ausbildung ist ein **Hauptschulabschluss** oder eine gleichwertige Vorbildung. Zudem gibt es eine Öffnungsklausel: Wer von einer Pflegeschule als geeignet eingeschätzt wird, kann auch ohne formalen Schulabschluss zugelassen werden. Wichtig: Die Ausbildung wird **vergütet** – finanziert über einen bundesweiten Ausbildungsfonds, ähnlich wie bei der Pflegefachkraftausbildung. Und: Das Gesetz schafft **Durchlässigkeit im System**. Wer zur Pflegefachperson aufsteigen möchte, kann sich Ausbildungszeiten anrechnen lassen. Umgekehrt soll ein Wechsel in die Pflegefachassistenz bei Abbruch einer Fachkraftausbildung ebenfalls erleichtert werden. #### Zeitplan Das dazugehörige **Rahmencurriculum** soll bis Ende 2025 durch die Fachkommission nach dem Pflegeberufegesetz erstellt werden. Inkrafttreten des Gesetzes ist für den **1\. Januar 2027** vorgesehen – inklusive Übergangsregelungen bis 2030. [Pflegefachassistenzeinführungsgesetz | BMG![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-32.ico)BMG![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Krankenhausflur_500x500_af6b21354d-1.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegefachassistenzeinfuehrungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [PU088 – Pflegefachassistenzgesetz / Berufsordnung NRW / Landespflegerat Sachsen](https://www.uebergabe.de/pu088/) - [PU081 – Referentenentwurf des Pflegekompetenzgesetz](https://www.uebergabe.de/pu081/) - [PU080 – Pflegefachassistenzausbildung / Reformpläne zur Pflegeversicherung](https://www.uebergabe.de/pu080/) --- ### Mehr Verantwortung, klare Rollen: Das Pflegekompetenzgesetz Das zweite große Vorhaben ist das Pflegekompetenzgesetz – und auch hier liegt jetzt ein Referentenentwurf vor. Ziel ist es, **Pflegefachpersonen als eigenständige Heilberufe** anzuerkennen und ihnen mehr Handlungsspielräume in der gesundheitlichen Versorgung zu geben. #### Was soll sich konkret ändern? Pflegefachpersonen sollen künftig – abhängig von ihrer Qualifikation – **auch bisher ärztlich vorbehaltene Tätigkeiten übernehmen dürfen**. Damit wird Pflege als eigenständiger Versorgungsakteur rechtlich und praktisch gestärkt. Es soll eine sogenannte **Muster-Scope-of-Practice** entstehen, in der definiert wird, welche Aufgaben Pflegefachpersonen eigenverantwortlich übernehmen können – differenziert nach Arbeitsfeldern wie Krankenhaus, ambulanter Dienst oder Langzeitpflege. #### Beteiligung und Versorgung neu gedacht Ein weiterer Kernpunkt: **Pflegeorganisationen auf Bundesebene sollen strukturell in Gesetzgebungsverfahren eingebunden** werden, die die Pflege betreffen. Außerdem soll das Gesetz den Weg bereiten für eine **präventionsorientierte, quartiersnahe Gesundheitsversorgung** – unter stärkerem Einbezug der Kommunen. #### Kosten und Zeitrahmen Interessant ist auch der finanzielle Aspekt: Das Bundesgesundheitsministerium geht davon aus, dass **mittel- bis langfristig Kosten eingespart werden** – auch wenn konkrete Zahlen für die gesetzlichen Krankenkassen derzeit noch nicht vorliegen. Die Umsetzung erfolgt gestuft: - Für die häusliche Krankenpflege soll ein entsprechender **Leistungskatalog bis Juli 2027** vorliegen. - Für den Krankenhausbereich ist die Frist **bis Juli 2028** angesetzt. - Inkrafttreten des Gesetzes ist für den **1\. Januar 2026** geplant – nach Abstimmung mit Ländern und Verbänden sowie Kabinettsbeschluss im Sommer 2025. [Pflegekompetenzgesetz (PKG) | BMG![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-31.ico)BMG![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Krankenhausflur_500x500_af6b21354d.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegekompetenzgesetz-pkg.html?ref=uebergabe.de) --- ### Einordnung: Zwei Gesetzesentwürfe, ein Paradigmenwechsel Beide Gesetzesentwürfe sind eng miteinander verknüpft. Das Pflegefachassistenzgesetz schafft **klare Einstiegswege und einheitliche Qualifikationen**. Das Pflegekompetenzgesetz definiert, **was Pflege in Zukunft leisten darf und soll**. Zusammen bilden sie das Fundament für ein **differenziertes, gestuftes Pflegebildungssystem mit klaren Verantwortlichkeiten** – ein langjähriges Anliegen vieler Fachverbände. Die Botschaft ist klar: Pflege soll nicht nur funktionieren – sie soll mitgestalten, entscheiden und Verantwortung übernehmen können. Wir bleiben dran für euch! --- ## Diskutiere mit uns in der Übergabe-Community: [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Besser schlafen auf der Intensivstation URL: https://www.uebergabe.de/besser-schlafen-auf-der-intensivstation/ Last updated: 2025-06-26T08:00:24.000Z 🗓️ #87 | 26.06.2025 ### Worum geht's? Die Studie analysiert, welche pflegerischen Maßnahmen, etwa der Einsatz von Augenmasken, Ohrstöpseln, Musik oder Aromatherapie, den Schlaf von Patient:innen auf Intensivstationen am effektivsten verbessern können. Dabei wurde ein sogenanntes Netzwerk-Metaanalyseverfahren verwendet, um viele Interventionen gleichzeitig vergleichen zu können. ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit verschiedener nicht-medikamentöser pflegerischer Interventionen zur Verbesserung der Schlafqualität bei kritisch kranken Patient:innen auf Intensivstationen systematisch zu vergleichen. 💡 Der circadiane Rhythmus, also die innere biologische Uhr des Menschen, steuert zahlreiche lebenswichtige Prozesse wie Schlaf-Wach-Zyklen, Hormonfreisetzung, Körpertemperatur und den Blutdruck. Auf einer Intensivstation ist dieser Rhythmus jedoch häufig massiv gestört. Gründe dafür sind der ständige Lichteinfluss (vor allem durch künstliches Licht rund um die Uhr), die häufigen nächtlichen Interventionen, das Fehlen von Tagesstruktur sowie der Mangel an natürlichem Tageslicht. Hinzu kommen permanente Geräuschquellen wie Alarme, medizinische Geräte oder Gespräche des Personals, die die Ruhephasen zusätzlich unterbrechen. Diese Störungen wirken sich unmittelbar auf den physiologischen und psychischen Zustand der Patient:innen aus. Ein gestörter circadianer Rhythmus kann die Schlafqualität massiv beeinträchtigen, viele Intensivpatient:innen erleben keinen erholsamen Tiefschlaf, sondern nur fragmentierten, oberflächlichen Schlaf. Dies wiederum erhöht das Risiko für Delir, insbesondere bei älteren Menschen oder solchen mit kognitiven Einschränkungen. Auch das Immunsystem kann durch eine gestörte Rhythmik geschwächt werden, was die Erholung verzögert und die Infektanfälligkeit erhöht. Weitere mögliche Folgen sind eine verzögerte Wundheilung, eine gestörte Glukosetoleranz sowie eine insgesamt schlechtere Prognose bei kritisch Erkrankten. Aus diesen Gründen wird zunehmend diskutiert, wie Intensivstationen durch gezieltes Lichtmanagement, ruhigere Umgebungsbedingungen und tageszeitlich abgestimmte Pflegeinterventionen den circadianen Rhythmus ihrer Patient:innen besser unterstützen können. _This post is for paying subscribers only._ ### Interdisziplinäre Zusammenarbeit (Dr. Bernadette Klapper & Prof. Dr. Lutz Hager) URL: https://www.uebergabe.de/ug171/ Last updated: 2026-06-13T23:27:27.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Continuum of Care denkt Versorgung als zusammenhängenden Prozess statt einzelner Sektoren. - Pflegefachpersonen wollen mehr Verantwortung – das Pflegekompetenzgesetz soll dies ermöglichen. - Interprofessionelle Teams brauchen gemeinsame Sprache, Lernorte und kooperative Kultur. - Neue Rollen wie APN und Community Health Nurse brauchen gesetzliche Absicherung. - Bessere ePA und neue Vergütungsmodelle fördern echte Zusammenarbeit. ## Pflege gestaltet mit Die Herausforderungen des deutschen Gesundheitswesens sind so vielfältig wie die Menschen, die darin arbeiten. Fachkräftemangel, demografischer Wandel, chronische Erkrankungen und eine zunehmend fragmentierte Versorgung machen deutlich: Eine effektive und patient:innenzentrierte Gesundheitsversorgung kann nur gelingen, wenn alle Gesundheitsberufe ihre Kompetenzen einbringen. Insbesondere Pflegefachpersonen spielen dabei eine zentrale Rolle. Doch wie kann diese Rolle systematisch gestärkt werden? Und wie gelingt eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe in einem komplexen Versorgungssystem? Der Übergabepodcast hat mit Dr. Bernadette Klapper vom [Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de) (DBfK) und Prof. Dr. Lutz Hager vom [Bundesverband Managed Care](https://www.bmcev.de/?ref=uebergabe.de) (BMC) gesprochen. Im Zentrum: das Impulspapier "Versorgen im Continuum of Care". Es bietet nicht nur eine inhaltliche Vision, sondern fordert strukturelle Antworten auf systemische Probleme. [BMC e. V. | Schriftenreihe - BMC e. V.Bundesverband Managed Care![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-icon-180x180-6.png)BMC e. V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Buchcover-BMC-Schriftenreihe-VBC-72dpi.jpg)](https://www.bmcev.de/publikationen/schriftenreihe/?ref=uebergabe.de) ### Das Konzept des Continuum of Care Das Continuum of Care ist mehr als ein Schlagwort. Es beschreibt ein Zielbild, das die gesamte Versorgungskette in den Blick nimmt – von der Prävention über die Akutversorgung bis zur Rehabilitation, Pflege und Palliativversorgung. Dabei geht es nicht um eine lineare Kette, sondern um ineinandergreifende Versorgungsepisoden, die sich an den Bedarfen von Patient:innen orientieren. Der Fokus liegt auf der Kontinuität – von Information, Beziehung und Koordination. Für Pflegefachpersonen bedeutet das, ihre Rolle nicht nur punktuell, sondern prozesshaft wahrzunehmen. Das heißt: Pflege beginnt nicht im Krankenhaus und endet nicht bei der Entlassung. Sie begleitet, koordiniert und trägt Verantwortung entlang des gesamten Versorgungswegs. Dabei werden Pflegefachpersonen zu Brückenbauer:innen zwischen Sektoren, Disziplinen und individuellen Lebenswelten. [Gesundheitszentrum St. Vincenz: Flying Nurses![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/SAG_Favicon_Medizin.png)Gesundheitszentrum St. Vincenz![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/gsv-opengraph-image.png)](https://vincenz-essen.ruhr/statamed-station/flying-nurses?ref=uebergabe.de) ### Pflege muss Verantwortung übernehmen Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Frage nach Verantwortung. Dr. Klapper betont: Berufszufriedenheit hängt auch davon ab, Verantwortung übernehmen zu dürfen. Pflegefachpersonen, die Entscheidungen treffen, Prozesse gestalten und selbstwirksam handeln, erleben ihren Beruf nicht als reines Abarbeiten, sondern als professionelle Praxis mit Gestaltungsmacht. > *"Ich bin überzeugt, dass Verantwortung ein Schlüssel für Berufszufriedenheit ist." – Dr. Bernadette Klapper* Die derzeitigen rechtlichen und organisatorischen Strukturen stehen dem jedoch oft entgegen. Der sogenannte Arztvorbehalt, unklare Kompetenzverteilungen und überkommene Hierarchien behindern eine eigenverantwortliche Pflegepraxis. Das Pflegekompetenzgesetz soll hier einen Wendepunkt markieren. Es erlaubt nicht nur, sondern fordert pflegerische Verantwortung ein. Eine historische Chance, Pflege neu zu denken: als eigenständige Profession mit klar definiertem Handlungsrahmen, die auf Augenhöhe mit anderen Gesundheitsberufen agiert. ## Interprofessionelle Teams - Gemeinsame Sprache und gemeinsame Ziele Die Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsberufen ist im Alltag oft brüchig. Unterschiedliche Begrifflichkeiten, divergierende Ausbildungswege und getrennte Vergütungssysteme erschweren eine echte Kooperation. Prof. Hager verweist auf die Notwendigkeit einer gemeinsamen Sprache: Nur wenn Pflegefachpersonen, Ärzt:innen, Therapeut:innen und andere Berufsgruppen ein gemeinsames Verständnis entwickeln, kann eine effektive Teamarbeit im Sinne der Patient:innen gelingen. [Gesundes Kinzigtal - Startseite![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-32x32.png)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo.svg)](https://www.gesundes-kinzigtal.de/?ref=uebergabe.de) Das Konzept des "Team Gesundheit" zielt genau darauf ab. Es beschreibt keine feste Struktur, sondern ein dynamisches Kooperationsmodell. Dabei stehen nicht Hierarchien im Vordergrund, sondern Bedarfe und Gesundheitsziele. Kommunikation, geteilte Verantwortung und eine kooperative Kultur bilden das Fundament für dieses neue Miteinander. Das ist insbesondere in komplexen Versorgungssituationen – etwa bei Multimorbidität oder chronischen Erkrankungen – unabdingbar. ### Interprofessionelles Lernen verankern Interprofessionelle Zusammenarbeit beginnt nicht erst im Berufsalltag, sondern muss bereits in der Ausbildung angelegt sein. In Deutschland klafft hier jedoch eine große Lücke. Medizinstudium an Universitäten, Pflegeausbildung an Fachschulen, wenig Austausch, kaum gemeinsame Module: Das fördert weder gegenseitiges Verständnis noch kollegiales Vertrauen. > *"Gesundheitsversorgung funktioniert nicht als 'Weiter so'. Wir brauchen neue Möglichkeitsräume." – Prof. Dr. Lutz Hager* Dr. Klapper und Prof. Hager fordern deshalb gemeinsame Lernorte und verbindliche interprofessionelle Ausbildungsinhalte. Pilotprojekte wie interprofessionelle Ausbildungsstationen oder Studiengänge zeigen, dass es anders geht – wenn der Wille zur strukturellen Veränderung da ist. Die Integration gemeinsamer Lernphasen muss aus dem Projektstatus herauskommen und Teil regulärer Curricula werden. ### Pflege als akademische Disziplin Ein entscheidender Baustein für gleichberechtigte Zusammenarbeit ist die Akademisierung der Pflege. Akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen bringen nicht nur ein vertieftes Verständnis für komplexe Versorgungssituationen mit, sondern auch eine wissenschaftliche Perspektive, die im interprofessionellen Diskurs Gewicht hat. Damit einher geht eine veränderte Selbstwahrnehmung: weg von der Assistenz, hin zur eigenverantwortlichen Gesundheitsprofession. Zugleich wirft die Erweiterung pflegerischer Rollen neue Fragen auf: Wo beginnt Pflege? Wo endet sie? Welche Aufgaben sollen zukünftig delegiert, welche eigenverantwortlich übernommen werden? Die Diskussion um die erweiterte Heilkunde und das Pflegekompetenzgesetz zeigt: Die Pflege muss ihre eigenen Zuständigkeiten definieren und diese auch nach außen vertreten. ## APNs, Community Health Nurses und neue Rollenmodelle Rollen wie die Advanced Practice Nurse (APN) oder die Community Health Nurse (CHN) stehen exemplarisch für den Wandel in der Pflege. Sie verknüpfen vertiefte klinische Expertise mit einer erweiterten Versorgungsverantwortung. APNs etwa könnten in Pflegeheimen eigenständig Entscheidungen treffen, Notfälle frühzeitig erkennen und durch ihr Fachwissen Klinikaufenthalte vermeiden. Community Health Nurses wiederum agieren im Quartier, beraten, koordinieren und sorgen für die gesundheitliche Stabilität vulnerabler Gruppen. Solche Modelle funktionieren allerdings nur, wenn sie gesetzlich abgesichert, finanziert und in die bestehenden Versorgungsstrukturen integriert sind. Pflegefachpersonen brauchen klare Rollendefinitionen, Zugang zu Fort- und Weiterbildungen und institutionelle Rückenstärkung. Nur so können sie ihre Potenziale voll entfalten. > *"Pflegeprozesse müssen nicht bei der Aufnahme beginnen, sondern fortgeführt werden." – Dr. Bernadette Klapper* ### Digitalisierung und ePA Digitale Werkzeuge wie die elektronische Patientenakte (ePA) können interprofessionelle Zusammenarbeit erleichtern – oder behindern. Derzeit gleicht die ePA eher einem Datensilo als einem echten Kooperationsinstrument. Was fehlt, ist eine intuitive, strukturierte und sektorenübergreifende Plattform, die allen Berufsgruppen einen schnellen, umfassenden Zugriff ermöglicht. Die Vision: Eine ePA, die als dynamisches Dashboard funktioniert. Pflege-, Therapie- und Medikationsdaten werden transparent gebündelt, Bedarfe sichtbar gemacht, Prozesse dokumentiert. So können Informationen nicht nur gespeichert, sondern in konkrete Versorgungsentscheidungen überführt werden. Eine solche ePA wäre das digitale Pendant zum Continuum of Care – und eine Brücke zwischen Sektoren, Berufen und Versorgungsebenen. ### Zeit für neue Vergütungsmodelle Interprofessionelle Zusammenarbeit scheitert oft nicht am Willen, sondern am System. Vergütungslogiken, die Einzelleistungen belohnen und Kooperation erschweren, verhindern kooperative Versorgungsmodelle. Wenn Teamarbeit nicht honoriert wird, bleibt sie die Ausnahme. Prof. Hager plädiert für neue Anreizsysteme: Regionale Gesundheitsbudgets, Komplexpauschalen oder shared savings Modelle könnten echte Teamversorgung fördern. Beispiele wie die SAPV oder geriatrische Versorgungspauschalen belegen: Wenn Finanzierung patient:innenzentriert gedacht wird, funktioniert Zusammenarbeit besser. Es braucht politische und institutionelle Rahmenbedingungen, die Kooperation nicht nur erlauben, sondern einfordern. ### Pflege ist bereit, Verantwortung zu übernehmen Das Impulspapier "Versorgen im Continuum of Care" liefert nicht nur Denkanstöße, sondern konkrete Perspektiven. Es zeigt: Pflege ist längst bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen. Was fehlt, sind die strukturellen Voraussetzungen, um diese Verantwortung auch zu leben. Pflegefachpersonen bringen Kompetenz, Erfahrung und Engagement mit. Wenn sie Gestaltungsspielräume erhalten, kann das Gesundheitswesen resilienter, menschlicher und effizienter werden. Jetzt ist es an der Politik, der Wissenschaft und den Institutionen, die Weichen so zu stellen, dass interprofessionelle Versorgung keine Vision bleibt, sondern Alltag wird. ## Zum Weiterhören - [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken (Dr. Juliane Spank & Philipp Strnad)](https://www.uebergabe.de/ug188/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG164 – Übertragung von arztentlastenden Tätigkeiten (Maresa Buchholz & Sven Wolfers)](https://www.uebergabe.de/ug164/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- ## Diskussion zur generalistischen Pflegeausbildung - in eigener Sache In Episode 168 haben wir gemeinsam mit Dr. Markus Wochnik und Daniel Großmann die BENP-Studie vorgestellt und den aktuellen Stand der generalistischen Pflegeausbildung beleuchtet. Die Forschung ist eindeutig – doch die Reaktionen waren es nicht. Viele haben uns per Mail oder über Social Media ihre Kritik mitgeteilt. Oft emotional, meistens destruktiv. [Ihr könnt die Episode hier nachhören.](https://www.uebergabe.de/ug168/) Obwohl wir mehrfach zur Diskussion eingeladen haben – per Mail, DM und in den sozialen Medien – blieb der konstruktive Austausch aus. Viele Kommentare sind inzwischen kaum sichtbar, die meisten Mails bereits im Archiv. Das ist schade. Denn wir glauben: Nur wenn wir unsere Perspektiven teilen, können wir voneinander lernen. Daher noch einmal ganz klar: **Unser Community-Forum steht offen – für euch, für Diskussion, für Ideen.** Ob Kritik zur Generalistik, Fragen aus der Praxis, Haus- oder Forschungsarbeiten, Veranstaltungen, Ideen, Jobangebote & Jobsuche, Pflegeprobleme: Alles hat Platz. Die Kommentarspalte ersetzt kein Gespräch. Mails helfen oft nur uns. Das Forum hilft allen. Wut entlädt sich schnell. Veränderung entsteht im Gespräch. Meldet euch an, bringt euch ein – wir freuen uns auf euch! [Generalistische PflegeausbildungIn unserem Podcast zum BENP Projekt haben wir auf den aktuellen Stand der Generalistik geschaut. Auf Instagram gab es zur Generalistik nun im Nachgang insbesondere aus den Reihen der Kinderkrankenpflege Protest und Diskussionsbedarf zum Thema. Da es dort wirklich mühsam ist, ein solches Thema zu debattieren, ist hier Platz dazu. Es sind alle herzlich eingeladen, das Thema aus allen Richtungen zu diskutieren. Ich möchte gleichwohl auf die Beachtung der Netiquette hinweisen und das wir hier au…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-13.jpeg)Übergabe CommunityChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-10.jpeg)](https://community.uebergabe.de/t/generalistische-pflegeausbildung/321?ref=uebergabe.de) ### Burnout in der Palliativpflege URL: https://www.uebergabe.de/burnout-in-der-palliativpflege/ Last updated: 2025-06-18T08:00:43.000Z 🗓️ #86 | 18.06.2025 ### Worum geht's? Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen Arbeitsbelastung und Burnout bei Pflegefachpersonen in nicht-spezialisierten palliativen Versorgungseinrichtungen in Deutschland. Sie analysiert dabei, ob persönliche, soziale und organisationale Ressourcen diesen Zusammenhang abschwächen können. Besonderes Augenmerk liegt auf der Rolle der palliativen Pflegeanteile im Arbeitsalltag. Ziel ist es, Erkenntnisse zu gewinnen, wie Burnout durch gezielte Ressourcennutzung reduziert werden kann. 💡 ****Allgemeine Palliativpflege** ist ein Bestandteil der Grundversorgung. Sie wird von Hausärzt:innen, Pflegefachpersonen in der Regelversorgung oder in stationären Einrichtungen geleistet und richtet sich an Menschen mit einer fortschreitenden, unheilbaren Erkrankung, die eine palliative Begleitung benötigen, jedoch keinen hochkomplexen Unterstützungsbedarf haben. Ziel ist es, Symptome wie Schmerzen, Übelkeit oder Angst zu lindern und psychosoziale Unterstützung zu leisten, eingebettet in die alltägliche Betreuung. Für die allgemeine Palliativpflege sind keine spezialisierten Weiterbildungen zwingend erforderlich, auch wenn Grundkenntnisse in Palliative Care zunehmend empfohlen werden. ****Spezialisierte Palliativpflege** hingegen kommt dann zum Einsatz, wenn die Symptome schwer kontrollierbar sind, wenn eine hohe psychosoziale Belastung besteht oder besondere ethische Fragestellungen auftreten. Sie wird durch speziell ausgebildete Teams übernommen, etwa in der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV), auf Palliativstationen oder in Hospizen. Diese Teams bestehen in der Regel aus Palliative-Care-Fachkräften, Ärzt:innen mit Zusatzweiterbildung, Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen und Seelsorger:innen, die eng zusammenarbeiten und rund um die Uhr verfügbar sein können. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die Zusammenhänge zwischen Arbeitsbelastung und Burnout bei Pflegefachpersonen in nicht-spezialisierten palliativen Versorgungssettings in Deutschland zu untersuchen. Besonderes Augenmerk lag dabei auf der Frage, ob persönliche, soziale und organisationale Ressourcen diese Beziehung abschwächen können. _This post is for paying subscribers only._ ### Warkens Pläne / ICN Definition "Nurse" & "Nursing" / GMK 2025 URL: https://www.uebergabe.de/pu099/ Last updated: 2026-06-13T23:23:10.000Z 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Nina Warken übernimmt das BMG und will die Krankenhausreform gezielt korrigieren. - Pflegekompetenz-, Pflegefachassistenz- und APN-Gesetz sollen pflegerische Verantwortung und Autonomie stärken. - Neue ICN-Definition rückt Pflege als systemgestaltende, autonome Kraft ins Zentrum. - Der DPR fordert Pflegebeteiligung, BAPID-II-Bildungsrahmen, starke Kammern und dauerhafte Förderung. - Pflege braucht neue Rollenbilder, angepasste Ausbildung und institutionelle Unterstützung. ## Politischer Neustart mit Nina Warken Mit der Ernennung von Nina Warken zur neuen Bundesgesundheitsministerin beginnt eine neue Phase in der deutschen Gesundheitspolitik. Die CDU-Politikerin tritt ihr Amt in einer Zeit an, die von massiven Herausforderungen geprägt ist: dem anhaltenden Fachkräftemangel, dem Reformstau im Klinikbereich und dem politischen Wunsch nach Entbürokratisierung und Aufgabenverlagerung. Erste Äußerungen Warkens lassen erkennen, dass sie sich nicht scheut, Verantwortung zu übernehmen – und gleichzeitig an bestehenden Konzepten anknüpfen will. Kernstück ihrer Agenda ist die Weiterentwicklung der Krankenhausreform. Zwar steht eine radikale Neuausrichtung offenbar nicht zur Debatte, jedoch sollen gezielte Korrekturen vorgenommen werden – vor allem in Bezug auf Versorgungsgleichheit im ländlichen Raum und Effizienzsteigerung durch Ressourcenzusammenlegung. Für Pflegefachpersonen ergibt sich daraus ein ambivalentes Bild: Einerseits eröffnet die Reform Chancen zur Neupositionierung im Versorgungsprozess, andererseits bleibt unklar, wie diese Chancen konkret ausgestaltet werden sollen. [Warken: “Die Beitragsspirale kann sich nicht ewig so weiterdrehen.”Im Interview mit der FAZ hat Bundesgesundheitsministerin Nina Warken u.a. über die Finanzlage der Kranken- und Pflegekassen und die Kankenhausreform gesprochen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-28.ico)BMG](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/interviews/interview/faz-25-05-25.html?ref=uebergabe.de) ### Pflegegesetzgebung im Fokus Im Zentrum der pflegepolitischen Pläne der neuen Ministerin steht das Pflegekompetenzgesetz. Gemeinsam mit dem Pflegefachassistenzgesetz und einem geplanten Gesetz zur Einführung der Advanced Practice Nurse (APN) soll es die Handlungsspielräume von Pflegefachpersonen erweitern. Dabei geht es nicht nur um Aufgabenverschiebung, sondern auch um echte Verantwortung: Pflegerische Diagnostik, therapeutische Entscheidungen und mehr Autonomie im Alltag sollen gesetzlich ermöglicht werden. Diese Entwicklungen greifen die langjährigen Forderungen von Fachverbänden wie dem Deutschen Pflegerat (DPR) auf. Die Pflege soll nicht länger nur als „helfende Hand“ fungieren, sondern als professioneller, akademischer Gesundheitsberuf anerkannt werden. Voraussetzung dafür ist allerdings die enge Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern – insbesondere bei Bildung, Finanzierung und Implementierung neuer Versorgungsmodelle. ## ICN-Definition: Ein neues Selbstverständnis der Pflege Parallel zur politischen Bewegung fand beim ICN-Kongress in Helsinki ein bedeutender Paradigmenwechsel statt: [Die internationale Definition von „Nursing“ und „Nurse“ wurde grundlegend überarbeitet.](https://icn.ch/sites/default/files/2025-06/ICN%5FDefinition-Nursing%5FReport%5FEN%5FWeb%5F0.pdf?ref=uebergabe.de) Diese Neuerung ist mehr als semantische Kosmetik – sie stellt ein neues, zukunftsgerichtetes Rollenverständnis von Pflegefachpersonen in den Mittelpunkt. Die neue Definition rückt Pflege als strategische, ethisch fundierte und systemgestaltende Kraft ins Zentrum. Sie betont die Verantwortung für Gesundheitsförderung, Prävention und systemische Veränderung. Pflegefachpersonen werden nicht mehr nur als Ausführende ärztlicher Anordnungen verstanden, sondern als autonome, interdisziplinär agierende Gesundheitsprofessionelle. Dabei wird besonderer Wert auf kulturelle Sicherheit, soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit gelegt. [Renewing the Definitions of ‘Nursing’ and ‘a Nurse’![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-13.png)ICN - International Council of Nurses![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-header-en-1.svg)](https://icn.ch/resources/publications-and-reports/renewing-definitions-nursing-and-nurse?ref=uebergabe.de) ### Vom Reagieren zum Gestalten Im Vergleich zur alten Definition aus dem Jahr 2002 stellt die neue ICN-Fassung eine klare Weiterentwicklung dar. Während früher die klinisch-praktische Tätigkeit im Vordergrund stand, betont die neue Definition den gesellschaftlichen Auftrag der Pflege. Sie macht deutlich: Pflege ist kein verlängerter Arm anderer Professionen, sondern ein eigener, handlungsfähiger Akteur im Gesundheitswesen. Diese Perspektive spiegelt sich auch in Begriffen wie „cultural safety“, „therapeutische Beziehung“ und „Public Health“ wider, die explizit benannt und operationalisiert werden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Begriff der Autonomie: Pflegefachpersonen sollen eigenverantwortlich, reflektiert und ethisch geleitet handeln – nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit anderen Professionen. Das eröffnet neue Möglichkeiten, stellt aber auch Anforderungen an Ausbildung, Organisation und rechtliche Absicherung. ## Gesundheitsminister:innenkonferenz: Pflege im Fokus Die Gesundheitsminister:innenkonferenz (GMK) fand zum Zeitpunkt der Podcastaufnahme gerade statt. Auch wenn konkrete Beschlüsse zum damaligen Zeitpunkt noch nicht vorlagen, war die inhaltliche Richtung klar: Pflege nimmt zunehmend eine zentrale Rolle in der gesundheitspolitischen Debatte ein. Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats (DPR), nutzte das Pressegespräch im Vorfeld der GMK, um zentrale Forderungen zu platzieren. Sie sprach sich für eine strukturierte Beteiligung der Pflege an politischen Entscheidungsprozessen aus und forderte: - **Die verbindliche Einbindung der Pflegeprofession** in die geplante Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Pflegereform. - **Die Nutzung des BAPID-II-Rahmens** als einheitliche Bildungsgrundlage für alle Bundesländer – als Hebel für Entlastung und Qualitätssteigerung. - **Die Stärkung von Pflegekammern**, wo diese bereits bestehen oder im Aufbau sind, um pflegefachliche Selbstverwaltung zu fördern. - **Die dauerhafte finanzielle Förderung des Deutschen Pflegerats** über das Jahr 2025 hinaus. Auch die Vorsitzende der Konferenz, Katharina Schenk (Thüringen), reagierte im Vorfeld positiv auf diese Impulse. Sie betonte, dass Pflege sowohl in urbanen wie auch ländlichen Regionen unverzichtbar sei. Sie lobte die bisherige Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern und sicherte zu, dass zentrale Gesetzesinitiativen wie das Pflegekompetenzgesetz und das APN-Gesetz mit Nachdruck weiterverfolgt werden. Schenk verwies zudem auf bereits eingebrachte Änderungsanträge der Länder und betonte die Bedeutung interprofessioneller Zusammenarbeit. Sie machte deutlich: Pflege ist nicht mehr nur Teil des Gesundheitssystems – sie ist tragende Säule und Gestalterin. ### Neuer Schwung durch neue Rollenbilder Was bedeutet all das für die berufliche Praxis von Pflegefachpersonen? Vor allem eines: ein Wandel im Selbstverständnis. Die neue ICN-Definition und die politischen Reformen rahmen ein Berufsbild, das mehr ist als Fürsorge. Es geht um Führung, um Verantwortung, um systemisches Denken. Pflegefachpersonen sollen Räume gestalten, Entscheidungen treffen, Gesundheit mitentwickeln. Dieser Wandel hat direkte Auswirkungen auf die Ausbildung. Curricula müssen Kompetenzen in Ethik, Kommunikation, Wissenschaft und Systemgestaltung integrieren. Gleichzeitig braucht es institutionelle Unterstützung, damit Pflegefachpersonen ihre erweiterten Rollen auch ausfüllen können – von gesetzlichen Grundlagen über Fortbildungen bis hin zu strukturellen Veränderungen in Einrichtungen. ### Fazit: Pflege auf dem Sprung Pflege in Deutschland steht an einem Wendepunkt. Mit Nina Warken, dem neuen Pflegekompetenzgesetz und der ICN-Definition rücken Verantwortung, Autonomie und Systemgestaltung ins Zentrum des Berufs. Die Zeit der reaktiven Pflege ist vorbei – jetzt geht es darum, aktiv mitzugestalten. Doch dieser Wandel braucht mehr als politische Willensbekundungen. Er erfordert konkrete Ressourcen, eine offene Fehlerkultur, Vertrauen in die Profession – und eine mutige Vision. Denn nur wenn Pflegefachpersonen ihre Rolle wirklich leben können, wird sich das Potenzial dieser Reformen entfalten. ## 📰 Kurznachrichten ### Neue Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung Katrin Staffler (CSU) ist die neue Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung. Sie folgt auf Claudia Moll (SPD). Staffler will sich für eine verlässliche, unbürokratische und selbstbestimmte Pflege starkmachen. Ernennung und Aufgabenverteilung erfolgten durch Gesundheitsministerin Warken. [Kabinett beruft neue Beauftragte der BundesregierungDas Bundeskabinett hat Prof. Dr. Hendrik Streeck (CDU), Katrin Staffler (CSU) und Stefan Schwartze (SPD) als Beauftragte der Bundesregierung berufen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-29.ico)BMGBundesgesundheitsministerin Nina Warken![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/svg-3E)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/kabinett-beruft-neue-beauftragte-28-05-25.html?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [PU108 – Pflegekompetenzgesetz / Recap DPT 2025](https://www.uebergabe.de/pu108/) - [PU100 – Pflegekompetenzgesetz / Pflegefachassistenzgesetz](https://www.uebergabe.de/pu100/) - [ÜG116 – International Council of Nurses (Dr. Karen Bjøro)](https://www.uebergabe.de/ug116/) --- ## Diskutiere mit uns in der Übergabe-Community: [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Was passiert mit den Menschen nach der Intensivstation? URL: https://www.uebergabe.de/was-passiert-mit-den-menschen-nach-der-intensivstation/ Last updated: 2025-06-12T08:00:02.000Z 🗓️ #85 | 12.06.2025 ### Worum geht's? In der Studie geht es um die Erfahrungen und Lebensrealitäten von Patient:innen nach einer überstandenen kritischen Erkrankung und einem Aufenthalt auf der Intensivstation. Im Mittelpunkt steht die Frage, was ICU-Überlebende langfristig beschäftigt, welche Herausforderungen sie bewältigen müssen und wie sich ihre Sicht auf das Leben verändert hat. Die Studie will nicht nur dokumentieren, sondern sensibilisieren: Sie liefert eine fundierte Grundlage dafür, welche Aspekte in der Nachsorge kritisch kranker Menschen stärker beachtet werden sollten. 💡 Deutschland besitzt mit rund 29 ICU‑Betten pro 100.000 Einwohner:innen ein hohes Intensivpflegepotenzial. Mehr als die Hälfte der Krankenhäuser betreiben moderne Intensivstationen, hinzu kommen Intermediate‑Care‑Einheiten. Eine groß angelegte Tagesprävalenz-Studie identifizierte 453 ICU‑Patient:innen in 51 Krankenhäusern, mit einer ICU‑Sterblichkeit von etwa 12 %. Hauptaufnahmegründe sind unvorhergesehene Operationen mit Beatmungsbedarf und schwere Infektionen wie Sepsis, die nachweislich die intensivsten Behandlungsroutinen erfordern. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel dieser systematischen Übersichtsarbeit war es, qualitative Studien zu analysieren, die sich mit Patient:innen-Erfahrungen nach einer Entlassung aus der Intensivstation (ICU) befassen. Die Autor:innen wollten zentrale gesundheitsbezogene Themen erfassen, um zukünftige patientenzentrierte Interventionen besser zu gestalten. _This post is for paying subscribers only._ ### JA: zur Pflegekammer, JA: zur Berufspolitik / Gastbeitrag von Sabine Torgler URL: https://www.uebergabe.de/ja-zur-pflegekammer-ja-zur-berufspolitik-gastbeitrag-von-sabine-torgler/ Last updated: 2025-06-11T19:41:31.000Z ## Einleitung Das hiesige Thema der Pflegekammer, sowie die minimale Bereitschaft für Berufspolitik ist bei meinen Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland in der Pflege noch nicht abgeschlossen. Nach wie vor wird viel diskutiert, kritisiert und abgetan, wieso die Implementierung der Pflegekammern in den einzelnen Bundesländern in der Bundesrepublik Deutschland, sowie eine Bundespflegeklammer in der modernen Pflegeprofession unumgänglich ist. ### **Vorweg, wer bin ich denn hier überhaupt, die so redet?** Meine Name ist Sabine Torgler, ich bin 51 Jahre alt, ich bin eine Overseas Registered Nurse und arbeite im NHS England / NHS Wales seit fast 22 Jahren. Ich habe in Deutschland meine Ausbildung sowie mein Studium absolviert, und habe als Krankenschwester im *Rotes Kreuz Krankenhaus in Bremen* gearbeitet. In 2003 ging meine Lebensreise nach England. Einen Schritt, den ich bis heute nicht bereue. Seit 22 Jahren arbeite ich als Registered Nurse und bin dementsprechend auch eine Kammermitglied, im Nursing and Midwifery Council (NMC) = Pflege- und Hebammenkammer. Des Weiteren habe ich vor 12 Jahren ein internationales Pflegenetzwerk gegründet. Wir sind English for Nurses Ltd. Wir schreiben unsere eigenen Fachsprachkurse in Clinical English und unterrichten diese auch. Mittlerweile haben wir über 30 Kurse geschrieben und unterrichten **alle** Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Durch diese wunderbare Lehrtätigkeit hat sich eine große Netzwerktür geöffnet, denn wir sind in 12 EU Ländern Player. Machen auch Berufspolitik und teilen unsere Erfahrungen und unseren Schatz an Wissen, die wir als professionelle Pflegende hier in Großbritannien in all den Jahren sammeln durften. Meine Pflegewelt ist somit ziemlich bunt. Die Stationsarbeit (Kolorektal und Trauma Chirurgie) sowie das Lehren und Netzwerken gehen bei uns hand-in-hand. Und durch diese hiesige Netzwerkarbeit hat mich das tolle Team von Übergabe gefragt, ob ich aus UK berichten mag. Gefragt, getan. Hier bekommt Ihr nun einen Einblick von mir, was ein progressives Land wie Großbritannien mit mir als Krankenschwester zur Registered Nurse gemacht = nämlich: **viel!** Right, let’s rock 🙂. --- ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/Sabine-1.JPG) Sabine Torgler 💡 Sabine Torgler schloss 1997 Ihre Ausbildung zur Krankenschwester in Bremen ab und absolvierte ein Studium im internationalen Pflegemanagement (1999-2003). Während des Studiums absolvierte sie ein Semester an der University of Sydney / Australien. Nach der Diplomprüfung in 2003 entschied sich Sabine nach Großbritannien auszuwandern. Die 52-jährige ist heute als ****Registered Nurse** am Universitätsklinikum in Cardiff / NHS Wales tätig und arbeitet auf der Unfallchirurgie. 2013 gründete sie das internationale ****Pflegenetzwerk English for Nurses Ltd**. Sie ist als Autorin und Dozentin für klinisches Fachenglisch tätig, sowie als Netzwerkerin in der europäischen Pflegeprofession. Mitgliedschaften: \- Nursing and Midwifery Council / UK \- Royal College of Nursing / UK \- Vorstandsmitglied European Nurse Directors Association ( ENDA) / Europa \- Bremische Schwesternschaft vom Roten Kreuz --- ## **Was ist das Nursing and Midwifery Council UK - die Pflege- und Hebammenkammer?** Um als Registered Nurse in Großbritannien arbeiten zu können, muss man in der Pflege-Hebammenkammer registriert sein, dem [*Nursing and Midwifery Council (NMC)*](https://www.nmc.org.uk/?ref=uebergabe.de). Es ist eine Pflichtregistrierung. Es ist ein Selbstverständnis, dem man nachgehen muss. Man stellt die professionelle und berufliche Registrierung (Kammer) nicht in Frage, man unterstützt sie. Das NMC wurde 1919 gegründet, eine Institution, die eine sehr sinnvolle und vor allem wichtige Einrichtung ist. Demnach hat Großbritannien eine Kammerhistorie von über 106 Jahren. Die britische Pflegeprofession ist ohne eine Pflegekammer undenkbar. Wir sind über 840.0000 Mitglieder (actually 841,367**,** NMC 2024). Davon sind wir Pflegenden die größte Berufsgruppe mit778,340 und 45,198 Hebammen, sowie ca. 8.000 Mitglieder von weiteren Associates Healthcare Professions. Die Registrierungsanzahl ist steigend. Mehr und mehr Studentinnen und Studenten tragen sich für diese Studiengänge ein, Nursing and Midwifery is growing. In Großbritannien sind die beiden Professionen Pflege und Hebammenwisschenschaften in einer Berufskammer. Eine wirkliche Besonderheit, die auch für das britische Gesundheitssystem das sogenannte National Health Service (NHS, seit 1948 etabliert) Sinn macht. Mehr Mitglieder in einer Berufskammer zu haben, heißt auch mehr **Power**! Berufspolitisch steht unsere Berufskammer den beiden Gewerkschaften sehr nah. Für die Pflege gilt das [Royal College of Nursing](https://www.rcn.org.uk/?ref=uebergabe.de) (1916 etabliert) und das [Royal College of Midwifery](https://rcm.org.uk/?ref=uebergabe.de) (1882 etabliert). ## **But , was macht denn nun die Pflegekammer für uns? Whaaaaattttt?** Das Nursing and Midwifery Council (Pflege- und Hebammenkammer) fördert nicht nur unser professionelles Selbstverständnis, sondern schützt die britische Bevölkerung vor unsachgemäßer Pflege! Vor einer Pflege, die womöglich mit einer starken Gefährdung für die Gesellschaft einhergeht. That would be a NO GO! Wer sich gegen eine Pflegekammer ausspricht, spricht sich gegen eine sichere, moderne und progressive Pflegeprofession aus! Diese drei Körperschaften – *Nursing and Midwifery Council, Royal College of Nursing, Royal College of Midwives* \- stehen für professionelles Selbstverständnis ein, sowie die Autonomie der beiden Berufsstände. Des Weiteren stehen Sie auch für unsere politische Weiterbildung ein **und** für berufspolitischen Aktivismus. Sie vertreten uns Pflegende und Hebammen am sogenannten runden politischen Tisch in London. Unsere Gewerkschaftspräsident Mr. Bejoy Sebastian ist unser Vertreter und spricht und handelt in unseren Namen, was wir wollen, was wir fordern! Mit unserem Kammerpräsident Mr. Paul Rees steht Mr. Sebastian im ständigen Kontakt. Es ist ein starkes Miteinander dieser beiden Institutionen, denn wie auch in Deutschland, sind wir Pflegende die größte Berufsgruppe im Land. 840.000 Mitglieder wollen gehört werden und müssen gehört werden. Wir haben eine Women-Men-People Power, die enorm ist. Wir haben ein gigantisches Fachwissen, denn wir sind durch die Berufskammer im ständigen professionellen Lernen eingebunden. Das Life-Long-Learning muss in der Pflegeprofession gelebt werden. Das erwartet die Kammer von uns. Das erwarten wir von uns. Ein kann-ich-nicht, gibt es nicht! Die erlernten Kompetenzen müssen aufgefrischt werden, einmal lernen = gibt es auch nicht. Denn die Evidenzen verändern sich, so auch unsere Praxis. 21 Fortbildungen muss ich pro Jahr absolvieren, um mich u.a. jährlich als ordentliches Mitglied nennen zu dürfen. Zum größten Teil werden diese Fortbildungen als Dienstzeit berechnet, **BUT** einige von diesen Fortbildungen absolviere ich auch in meiner privaten Zeit. Auch das ist nicht strange für uns. *We call it = being professional!* Denn wie auch die Ärztinnen und Ärzte, Hebammen, Apothekerinnen und Apotheker, Therapeut:innen etc., sich in ihren *private time* fortbilden, so tun wir es auch. Es wird auch nicht hinterfragt, denn wir folgen unser Berufsordnung, dem *Code of Conduct*, in dem klar geschrieben ist, das wir up-to-date mit unserem evidenzbasierten Wissen sein müssen. Unsere Kammer, das NMC, fungiert somit auch als Kontrollinstanz, sie steht für die Qualitätssicherung. Diese Fortbildungspflicht schützt uns Pflegenden und auch uns Hebammen, wie auch unsere Gesellschaft. Wenn man für eine Fortbildung eingetragen ist, ist es schwer für eine Leitung, diesen Platz mit einer Schicht zu besetzen. Das soll heißen, dass wir nicht oft vom Lernen für die Stationsarbeit abgezogen werden. Wäre das der Fall, dann kann ich mich für dieses Leitungsverhalten auch beschweren. Denn ich muss meinen jährlichen Fortbildungskatalog erfolgreich abarbeiten. In Großbritannien kann man in der Pflegepraxis nicht pausieren. Well, man kann es schon, aber das Zurückkommen ist nicht so easy. Die einzige Gruppe von Nurses, die mit einer sogenannten Auszeit geschützt sind, sind die werdenden Eltern. Die Elternzeit ist geschützt. Und das ist auch gut so. Verlässt man die Pflegepraxis und man möchte wieder in die Pflegepraxis einsteigen, dann muss die Pflegekammer dafür sorgen, dass aus der Nurse wieder eine Registered Nurse wird. Die Kollegin / der Kollege muss an Modulen teilnehmen, die *Return to Nursing* heißen. Diese Module laufen über unsere Universitäten, die auch streng von der Pflegekammer überwacht werden. Die Registered Nurse hat somit die Aufgabe, sich selber auf den neuesten Stand im Pflegewissen zu bringen. Neue Kompetenzen werden erreicht, alte werden wieder aufgefrischt. Die 21 Pflichtfortbildungen müssen auch abgearbeitet werden. Im Skill Lab der Uni wird geübt, praktiziert und geprüft, sowie im Hörsaal. Dieser ganze Vorgang wird streng von der Pflegekammer begleitet und überwacht. Werden die Module erfolgreich abgeschlossen, dann kann sich die Nurse wieder bei der Pflegekammer eingliedern lassen. Alle Hochschuldokumente der Module im *Return to Nursing* müssen dann die Nurses selber einreichen, welche dann von der Pflegekammer geprüft werden. Hat man alles nachgewiesen, was man nachweisen muss, erhält man den Titel *Registered Nurse Level 1,* die alte PIN wieder dann wieder re-aktiviert und man darf pflegen. Da fallen mir spontan Prof. Frank Weidner’s Worte ein: ***Pflege darf nur, wer Pflege kann***. Ja, diesen Satz lebt die britische Pflegeprofession. Seit 2015 gilt sogar der sogenannte Revalidationsprozess. Alle drei Jahre muss ich ein Portfolio anfertigen und dem NMC zusenden. Meine nächste Revalidation steht in kommenden Jahr an, in 2026\. ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## **Was heißt *Revalidation in Nursing?*** Zum einen muss ich tabellarisch aufführen, wo ich als Registered Nurse in den vergangenen drei Jahren praktisch gearbeitet habe. Zum anderen sind acht konkrete Situationen zu schildern, in denen ich mich als Registered Nurse herausgefordert gefühlt habe. Hier geht es um die Reflexion des eigenen beruflichen Handelns. Darüber hinaus sind acht Situationen aufzuzeigen, in denen ich Lob oder Kritik erfahren habe – sei es durch andere Pflegende, durch Kolleginnen und Kollegen der anderen Berufsgruppen oder durch Angehörige. In das Portfolio gehört auch die Darlegung aller Weiterbildungen, die ich in den vergangenen drei Jahren absolviert habe. Um dieses hiesige Portfolio fertigzustellen, muss ich die dargelegten Situationen, die herausfordernd waren beziehungsweise in denen ich Lob oder Kritik erfahren habe, mit einer anderen Registered Nurse besprechen und reflektieren. Nach diesem Gespräch muss die Kollegin meine Revalidationsdokumente unterschreiben – mit ihrem Namen und ihrem persönlichen PIN des NMC. Erst dann ist das Portfolio vollständig und erst dann wird dem NMC versichert: *Ja, Sabine Torgler ist ein ordentliches Mitglied des NMC, sie folgt ihrer Berufsordnung und erfüllt alle Richtlinien für die weitere Registrierung.* Seit 2015 führe ich ein Pflegetagebuch, in dem ich all meine Patient:innenfälle reinschreibe, die ich dann für meine Revalidation benutze. Im Zuge des Pflegestudiums übernimmt das NMC eine rahmengebende Struktur. In Großbritannien wird die Qualifizierung zu Pflegefachperson durch eine Verknüpfung von gesetzlichen Bestimmungen und berufsbezogenen Anforderungen definiert (The Health Foundation, 2013). Das heißt: studiert man Pflege in Großbritannien, hat man am ersten Tag des Studiums Kontakt mit dem NMC. Unsere Studentinnen und Studenten werden in dem 3-jährigen Studium professionell darauf vorbereitet, ein professionelles Kammermitglied zu werden. ## **Wie sieht der Stellenschlüssel in Großbritannien aus?** Diese wichtige Frage wird eigentlich immer gestellt, wenn ich die Kolleginnen und Kollegen aus Europa unterrichte. Das Royal College of Nursing (unsere Pflegegewerkschaft, as you might remember) hat im Landesdurchschnitt 1:7 verhandelt. Auf den Intensivstationen muss der Schlüssel bei multimorbiden / Delir Patient:innen 1:1 sein. Diese Verhandlungen wurden von der Pflegekammer natürlich sehr unterstützt. Auch das Royal College of Midwives (Hebammengewerkschaft) war und ist erfolgreich mit den Verhandlungen. Nach wie vor gilt in den Kliniken eine 1:1 Aufstellung = 1 Hebammen in 1 Kreißsaal für eine Frau unter der Geburt. Das sind gesetzliche Vorgaben, die eingehalten werden müssen. In meinen 22 Jahren hatte ich nie mehr als 7 Patient:innen. Ich arbeite oft mit einer Pflegeassistentin zusammen. Zusammen stehen wir für die Patient:innensicherheit ein. Dieser Personalschlüssel hört sich vielleicht ‚göttlich‘ an und regt vielleicht zum Nachdenken an, wieso wir in 2023 zum Generalstreik in Großbritannien aufgerufen haben. BUT, please let me explain to you - und da schließt sich auch wieder der Kreis mit der Kammerdiskussion - unsere Pflegekammer definiert ganz klar in unserer Berufsordnung (Code of Conduct), wie wir professionell Pflegen *müssen.* Wir müssen bestimmte Richtlinien einhalten, nach Standards pflegen, die Evidenz vorweisen, up-to-date mit unserem Pflegewissen sein, um die Patient:innensicherheit gewährleisten zu können. Die britische Gesellschaft *muss* sicher gepflegt, behandelt, versorgt werden! Und das erreicht man nur, wenn der Personalschlüssel demnach ausgerichtet ist! Thank you PFLEGEKAMMER und Thank you PFLEGEGEWERKSCHAFT in Großbritannien. ## **Zum Abschluss** \- **Was möchte ich den Kolleginnen und Kollegen gerne sagen, die sich gegen eine Pflegekammer aussprechen?** Ja, ich respektieren Ihre Entscheidung! Aber ich verstehe Sie jedoch nicht. Wer sich in der heutigen Zeit gegen eine berufspolitische Vertretung ausspricht, der spricht sich gegen den sicheren Progress im Pflegeberuf aus. Hat man keine Pflegekammer / keine Bundespflegekammer, keine starke Pflegegewerkschaft, keine starken Berufsverbände in der Pflege, dann ist es wirklich unmöglich = actually - *nicht umsetzbar* \- bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, beziehungsweise als eine Berufsgruppe in der Gesellschaft gehört zu werden. Die Autonomie der Pflegeprofession wird demnach nie erreicht. Sie bleibt in der Dienerschaft. Für die Länder / Bundesländer, die Ihre Pflegekammer haben (zwei sind es zur Zeit in der BRD) = den Kolleginnen und Kollegen möchte ich gerne sagen: **Bitte geben Sie Ihren Kammern Zeit. Eine 150-jährige Dienerschaft der Pflege wird eine 8-jährige oder jüngere Existenz nicht wegarbeiten können.** Das ist schlichtweg nicht möglich. ABER diese zwei Bundesländer gehen in die Richtung der Selbstbestimmung, weitere Berufsprozesse werden dem folgen, die einen positiven Effekt haben werden! Somit applaudiere ich für diese Kolleginnen und Kollegen und sage = keep going! Es werden hier Meilensteine für die nächste und nächste und nächste Generation von Pflegenden in der BRD einbetoniert, die man dann auch nicht verrücken kann. Veränderungen ermöglich immer neue Erkenntnisse, die uns als Menschen, als Pflegende nur weiterbringen können. Veränderungen erfordern Mut, Wissen, Kraft, sie fördern den Teamgeist. Denken Sie bitte immer daran, was Ihre Pionierin der deutschen Pflege, Agnes Karll, vor über 100 Jahren gesagt hat: ‚*Wer soll uns denn unseren Beruf aufbauen, wenn wir es nicht selbst tun! Wir haben kein Recht zu verlangen, dass andere das tun. Krankenpflege ist eine Kunst, die wie jede andere vor allen Dingen eine Reihe angeborener Eigenschaften und Anlagen bedingt, ohne die auch die beste technische Schulung keinen Wert hat‘.* Florence Nightingale sagte vor über 100 Jahren über die Pflegeprofession: ‘*Nursing is a progressive art such that to stand still is to go backwards’.* Beide Ladies hatten und haben und werden immer Recht haben! In diesem Sinne, With best wishes, Ihre Sabine Torgler --- [English for Nurses](https://www.englishfornurses.org/?ref=uebergabe.de) [![CTA Image](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/efn.png)](https://www.englishfornurses.org/?ref=uebergabe.de) Möchtest Du gerne klinisches Fachenglisch – Clinical English lernen? Oder Deutsch für Pflegefachpersonen? ****Alle Informationen zu unseren Workshops findet Ihr hier:** [****English for Nurses**](https://www.englishfornurses.org/?ref=uebergabe.de) [English for Nurses besuchen ](https://www.englishfornurses.org/?ref=uebergabe.de) ## Zu den Sprachstammtischen **Do you want to join our FREE Nurses’ Get Together in English and in German** 🙂**, Sabine’s Stammtische?** Wir treffen wir uns 1x im Monat in der internationalen Welt der Healthcare Professions und diskutieren Healthcare Topics auf Englisch und Deutsch (für die internationalen Pflegenden in D, A, CH). 💡 Wenn Du dabei sein möchtest, schreib mir und Du bekommst monatlich die kostenlose Einladung: [sabine@englishfornurses.org](mailto:sabine@englishfornurses.org) Wir sind natürlich auch auf allen Social Media Kanälen = finde uns unter *English for Nurses* 🙂. ### Sprechstundenschwester in der DDR: Der vergessene Pflegeberuf (Dagmar Möbius) URL: https://www.uebergabe.de/ug170/ Last updated: 2026-06-13T13:04:52.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 07.06.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - In der DDR waren Sprechstundenschwestern eine vollwertige, dreijährig ausgebildete Pflegeprofession im ambulanten Bereich. - Polikliniken bündelten interprofessionelle Versorgung – ein Vorbild für heutige Gesundheitszentren. - Nach der Wende fiel der Beruf durchs Raster: Herabqualifizierung, Einkommens- und Rentenverluste. - Die Anerkennung 2019 kam für die meisten zu spät, bleibt aber symbolisch wichtig. - Pflegefachlichkeit zeigt sich nicht nur am Examen, sondern auch in Erfahrungswissen und Koordination. ## Die vergessene Profession der Sprechstundenschwestern in der DDR Die Geschichte der Pflege in Deutschland wird oft auf Entwicklungen im Westen reduziert. Dabei existierte in der DDR ein komplexes, staatlich organisiertes Gesundheitssystem mit eigenen Professionen, Versorgungsstrukturen und Ausbildungswegen. Eine dieser kaum bekannten Professionen ist die der Sprechstundenschwester – eine Rolle, die im ambulanten Versorgungsbereich eine zentrale Bedeutung hatte, jedoch nach der Wiedervereinigung weitgehend unsichtbar wurde. [Dagmar Möbius](https://www.linkedin.com/in/dagmar-m%C3%B6bius/?ref=uebergabe.de), die selbst als Sprechstundenschwester arbeitete und heute journalistisch sowie wissenschaftlich zu dem Thema forscht, hat diese vergessene Pflegegeschichte aufgearbeitet. Ihr Erfahrungswissen und ihre Recherchen bilden die Grundlage für diesen Beitrag. ### Fachschulausbildung als pflegerische Hochschulbildung Ab 1974 wurde in der DDR eine standardisierte medizinische Fachschulausbildung für 16 verschiedene Gesundheitsberufe eingeführt. Im Unterschied zur heutigen Ausbildung waren die Curricula zentral geregelt, wurden in Potsdam entwickelt und galten für alle Bezirke einheitlich. Die Ausbildung zur Sprechstundenschwester – oder korrekt: zur Sprechstundenassistentin – war auf drei Jahre ausgelegt und umfasste sowohl theoretische Grundlagen als auch praktische Einsätze in stationären und ambulanten Einrichtungen. Die Inhalte reichten von medizinischer Diagnostik über pflegerische Maßnahmen bis hin zu administrativen Aufgaben. Damit war die Ausbildung umfassend und interdisziplinär angelegt. Besonders bemerkenswert: Der Beruf wurde explizit als Teil der Pflege verstanden – gleichrangig mit anderen pflegerischen Berufen wie Krankenschwester oder Kinderkrankenschwester. Die Idee, Pflege ausschließlich als stationäre Versorgung zu denken, war der DDR fremd. > *"Unsere Ausbildung war kein Nebenschauplatz, sondern eine vollwertige Fachqualifikation."* > *\- Dagmar Möbius* ### Die Sprechstundenschwester als Antwort auf den Personalmangel Die Einführung der Ausbildung war kein Selbstzweck, sondern die gezielte Reaktion auf einen strukturellen Mangel: Pflegefachpersonen verließen häufig nach der Familiengründung den Schichtdienst in der stationären Versorgung. Der Schichtbetrieb war nur schwer mit der – wenn auch gut ausgebauten – Kinderbetreuung zu vereinbaren. Um zu verhindern, dass gut qualifiziertes Personal vollständig aus dem Gesundheitswesen verschwand, wurde ein eigenständiger Beruf für die ambulante Versorgung geschaffen. Die Sprechstundenschwestern arbeiteten überwiegend in Polikliniken, wo sie unter anderem Spritzen setzten, Infusionen legten, Verbände anlegten und bei kleineren operativen Eingriffen assistierten. Ihre Tätigkeit war weit mehr als bloßes Zuarbeiten: Sie organisierten die Abläufe, hatten Patient:innenkontakt auf Augenhöhe und trugen maßgeblich zur Kontinuität der Versorgung bei. Das Berufsbild war funktional zwischen Medizin und Pflege angesiedelt – vergleichbar mit heutigen Pflegefachpersonen oder Physician Assistants. ### Die Poliklinik als interprofessionelles Zentrum Die Arbeitsumgebung der Sprechstundenschwestern war die Poliklinik – ein Konzept, das seiner Zeit weit voraus war. Hier arbeiteten Allgemeinmediziner:innen, Fachärzt:innen, Radiolog:innen, Physiotherapeut:innen und Pflegefachpersonen unter einem Dach. Anders als im heutigen, stark fragmentierten Versorgungssystem bot die Poliklinik gebündelte Expertise, kurze Wege und eine engmaschige, sektorübergreifende Betreuung. Sprechstundenschwestern waren in diesem Kontext weit mehr als medizinische Fachangestellte: Sie hielten die Kommunikation zwischen den Berufsgruppen aufrecht, koordinierten Behandlungsverläufe und sorgten für eine effektive Nutzung begrenzter Ressourcen. Diese Form der Versorgung wird heute als Vorbild für moderne Gesundheitszentren diskutiert – insbesondere im Kontext von Community Health Nursing und integrierten Versorgungsmodellen. ## Der Systembruch und die Folgen für eine ganze Berufsgruppe Mit der politischen Wende kam der Systembruch – und mit ihm der Verlust ganzer Berufsbiografien. Die Sprechstundenschwestern wurden im Einigungsvertrag nicht berücksichtigt. Während viele andere Gesundheitsberufe in ein westdeutsches Äquivalent überführt wurden, fiel ihr Beruf zwischen alle Raster. Sie wurden häufig nicht anerkannt, mussten sich mit prekären Arbeitsverhältnissen oder degradierenden Umschulungen abfinden. So berichtet Dagmar Möbius von der "Herabqualifizierung" zur Arzthelferin, obwohl ihre Ausbildung und Berufspraxis deutlich über diesem Niveau lagen. Viele Kolleginnen wurden nie wieder in qualifikationsgerechter Position beschäftigt. Die Folge: massive Einkommensverluste, reduzierte Rentenansprüche, psychologische Belastung – und die bittere Erkenntnis, dass ihre berufliche Lebensleistung im gesamtdeutschen System keinen Platz hatte. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/06/Sprechstundenschwester.png) ### Die juristische Anerkennung kam zu spät Die juristische und gesellschaftliche Nicht-Anerkennung hatte weitreichende Folgen. Viele ehemalige Sprechstundenschwestern arbeiten bis heute unterhalb ihrer formalen Qualifikation, einige sogar als ungelernt oder auf Hilfskraftniveau. Dabei verrichten sie häufig Tätigkeiten, die vergleichbar mit denen ausgebildeter Pflegefachpersonen sind. Die 2019 durch das Bundesgesundheitsministerium ausgesprochene Anerkennung der Ausbildung kam für die meisten zu spät – sei es wegen des Alters, des Berufsausstiegs oder weil sie keine Möglichkeit hatten, beruflich wieder Fuß zu fassen. Die Anerkennung bleibt daher symbolisch. Und doch ist sie wichtig: Sie dokumentiert, dass die Ausbildung sehr wohl dem westdeutschen Niveau entsprach – ein Befund, der viel zu lange ignoriert wurde. > *"Wenn du heute diesen Beruf angibst, kommt er in keinem System vor. Das ist Diskriminierung durch Unsichtbarkeit."* > *\- Dagmar Möbius* [Deutscher Bundestag: Aufwertung von Ost-Sprechstundenschwestern “dringend erforderlich”![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-27.ico)Deutscher BundestagMy![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/doc_trans.gif)](https://webarchiv.bundestag.de/archive/2009/0729/aktuell/hib/2009/2009%5F041/01.html?ref=uebergabe.de) ### Geschichtliche Aufarbeitung ist auch berufspolitische Verantwortung Trotz des faktischen Endes der Berufsgruppe ist ihre Geschichte keineswegs abgeschlossen. Die Aufarbeitung ist ein Akt der Sichtbarmachung und eine Form des Widerstands gegen strukturelle Diskriminierung. Es geht dabei um mehr als nostalgische Erinnerung. Es geht um Anerkennung, Gerechtigkeit und ein kollektives Lernen für zukünftige Entscheidungen in der Berufspolitik. Die Arbeit von Dagmar Möbius ist ein Beispiel für engagierte Wissenschaftskommunikation aus der Praxis heraus: durch Archive, Interviews, eigene Erfahrungen und politische Analysen. Ihre Stimme steht stellvertretend für viele – und sie zeigt, wie wichtig es ist, dass Pflegegeschichte mehrstimmig erzählt wird. > *"Ich bin keine Nostalgikerin, aber ich weiß, was ich gekonnt habe – und was man mir genommen hat."* > *\- Dagmar Möbius* ### Pflegefachlichkeit misst sich nicht allein am Abschluss Die Diskussion um Anerkennung führt unweigerlich zu einer grundsätzlichen Frage: Was macht eine Pflegefachperson aus? Ist es allein das staatlich anerkannte Examen? Oder zählen auch Erfahrungswissen, interprofessionelle Kompetenz und soziale Intelligenz? Die Sprechstundenschwestern der DDR haben eine Antwort darauf gegeben – durch ihr tägliches Handeln. Sie haben gezeigt, dass Pflege weit über klassische Settings hinauswirkt: in der Prävention, in der Gemeinwesenarbeit, in der koordinativen Rolle zwischen Medizin und Alltag. Ihr Wirken liefert damit Impulse für aktuelle Diskussionen um neue Rollenprofile, Aufgabenverteilungen und pflegepolitische Reformen. ## Zum Weiterhören - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG113 – Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri)](https://www.uebergabe.de/ug113/) - [ÜG023 – DVG & Community Health Nursing (Prof. Dr. W. Schnepp & J. Sauskat)](https://www.uebergabe.de/ug023/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- ## Diskutiere im Übergabe-Board **Schau in unserem Forum vorbei und vernetze dich mit anderen Pflegenden aus Deutschland.** [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-11.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-8.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Was queere Biografien über gutes Altern und würdige Pflege verraten URL: https://www.uebergabe.de/was-queere-biografien-uber-gutes-altern-und-wurdige-pflege-verraten/ Last updated: 2025-07-22T12:19:37.000Z 🗓️ #84 | 04.06.2025 ### Worum geht's? Die Studie beleuchtet eindrucksvoll die Lebenswirklichkeit älterer LGBTQ-Personen in Israel – Menschen, deren Biografien oft von Ausgrenzung, Unsichtbarkeit und biografischen Brüchen geprägt sind. Im Zentrum steht die Frage, wie queere Individuen das Altern erleben, insbesondere in einer Gesellschaft, die stark von heteronormativen Normen durchzogen ist. Dabei geht es nicht nur um Pflegebedarfe, sondern um die tiefergehende Frage: *Wie lässt sich ein würdevoller, selbstbestimmter Lebensabend gestalten – für Menschen, deren Identität allzu oft übersehen wird?* ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Untersuchung war es, die Perspektiven, Bedürfnisse und Herausforderungen älterer LGBTQ-Personen in Bezug auf das Altern und die letzte Lebensphase sichtbar zu machen. Dabei ging es insbesondere darum, ihre persönlichen Sichtweisen auf Themen wie Pflege, soziale Zugehörigkeit, Selbstbestimmung und End-of-Life-Planung zu verstehen – und damit eine Forschungslücke zu schließen, die bislang weder in der israelischen noch in der internationalen Pflegeforschung ausreichend beachtet wurde. 💡 Die Sichtbarkeit von LGBTQIA+-Personen im Alltag ist von zentraler Bedeutung für eine offene, gerechte und inklusive Gesellschaft. Sie ermöglicht es, Vorurteile abzubauen, Empathie zu fördern und die Lebensrealitäten queerer Menschen als selbstverständlichen Teil des gesellschaftlichen Miteinanders anzuerkennen. Trotz rechtlicher Fortschritte in Deutschland, wie der Einführung des Selbstbestimmungsgesetzes im Jahr 2024, das transgeschlechtlichen Personen die Änderung ihres Geschlechtseintrags erleichtert, erleben LGBTQIA+-Personen weiterhin Diskriminierung und Gewalt. Im Jahr 2023 wurden laut Bundeskriminalamt 1.785 queerfeindliche Straftaten registriert, darunter 324 Gewaltdelikte. Besonders alarmierend ist der Anstieg von Straftaten gegen trans- und intergeschlechtliche Personen, die sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt haben. Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in der politischen Landschaft wider. Rechtspopulistische Parteien wie die AfD propagieren offen anti-queere Positionen und lehnen beispielsweise die Ehe für alle sowie geschlechtliche Vielfalt ab. Solche politischen Bestrebungen bedrohen die hart erkämpften Rechte und die Sicherheit der LGBTQIA+-Community. In diesem Kontext ist die Sichtbarkeit von LGBTQIA+-Personen im Alltag ein unverzichtbares Zeichen des Widerstands und der Solidarität. Sie erinnert daran, dass Gleichberechtigung und Akzeptanz keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern kontinuierlich verteidigt werden müssen. Die öffentliche Präsenz queerer Menschen – sei es durch Flaggen, Veranstaltungen oder persönliche Geschichten – trägt dazu bei, Vorurteile abzubauen, Empathie zu fördern und eine inklusive Gesellschaft zu gestalten. Der Pride Month im Juni ist dabei mehr als eine bunte Feier – er ist ein bedeutender Akt der Sichtbarkeit und des Engagements für die Rechte der LGBTQIA+-Community. In einer Zeit, in der queere Menschen weltweit zunehmender Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind, ist die öffentliche Präsenz und Anerkennung ihrer Existenz und Rechte von entscheidender Bedeutung. Die Sichtbarkeit von LGBTQIA+-Personen ist somit nicht nur eine Frage der Repräsentation, sondern ein entscheidender Faktor für ihre Sicherheit, Gleichberechtigung und das gesellschaftliche Bewusstsein. Sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil im Kampf gegen Diskriminierung und für eine vielfältige und gerechte Gesellschaft. _This post is for paying subscribers only._ ### BAPID & DPR: Neue Rollen für Pflege und Primärversorgung URL: https://www.uebergabe.de/pu098/ Last updated: 2026-06-17T19:31:07.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 31.05.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - BAPID beschreibt vier Pflegerollen entlang von zehn Kompetenzbereichen als Grundlage für Bildungswege. - Der Deutsche Pflegerat fordert eine multiprofessionelle Primärversorgung statt eines rein ärztlichen Steuerungsmodells. - DPR und DBfK haben ihre Präsidien und Vorstände neu gewählt bzw. bestätigt. Die 98\. Folge des PflegeUpdates bündelt drei Themen, die alle um dieselbe Frage kreisen: Welche Aufgaben darf und soll die professionelle Pflege künftig übernehmen? Es geht um das BAPID-Projekt zur Pflegebildung, um die Debatte rund um die Primärversorgung und um neue Personalentscheidungen bei den großen Berufsverbänden. Hier die Einordnung für dich. ## BAPID: Vier Pflegerollen entlang von zehn Kompetenzbereichen BAPID steht für „Bildungsarchitektur für die Pflege in Deutschland". Das Projekt wird von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Auftrag des Deutschen Pflegerats durchgeführt und verfolgt das Ziel, die Bildungswege im Pflegeberuf durchlässiger und moderner zu gestalten. Grundlegend besprochen wurde es bereits in Folge 78 – nun liegt eine neue Publikation vor, die einen Schritt weitergeht. Katharina Genz und Wolfgang von Gahlen-Hoops haben darin auf Basis eines zuvor festgelegten Kompetenzrahmens die verschiedenen Berufsqualifikationen beschrieben, die es in der Pflege bereits gibt. Dafür wurde eine KI-gestützte Datenanalyse genutzt, die unter anderem das Pflegeberufegesetz, internationale Standards, Modulhandbücher deutscher Studiengänge sowie internationale Rollenprofile auswertete. Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Methode – es dürfte einer der ersten Einsätze einer solchen Analyse in diesem Feld sein –, sondern vor allem das Ziel: Die Pflegebildung in Deutschland soll standardisiert und zugleich an internationale Best-Practice-Modelle anschlussfähig gemacht werden. Konkret unterscheidet BAPID zum Zeitpunkt der Folge vier Typen: die Pflegefachassistenz (Typ 2), die Pflegefachperson ohne Bachelor (Typ 3, ausdrücklich als Übergangstyp verstanden), die Pflegefachperson mit Bachelor (Typ 4, auch „General Nurse" genannt) sowie Pflegende mit erweiterten Kompetenzprofilen wie Advanced Practice Nurses mit Masterabschluss. Diese Rollen werden über zehn Kompetenzbereiche hinweg ausformuliert. Im Bereich der pflegerischen Versorgungspraxis etwa arbeitet die Pflegefachassistenz eher assistierend und standardisiert, während von Pflegefachpersonen eine eigenständige, evidenzbasierte Handlungsweise erwartet wird. Akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen übernehmen hochkomplexe, fachverantwortliche Aufgaben, und APNs sollen bis hin zu eigenständiger Diagnostik und Behandlungsverantwortung handeln. Für die Praxis ist diese klare Zuordnung relevanter, als sie zunächst klingt: Mit definierten Rollen lassen sich Bildungsmaßnahmen besser planen, der Skill- und Grade-Mix gezielter steuern sowie Aufgabenprofile und Stellenbeschreibungen schärfer fassen. Wichtig ist allerdings die Einordnung: BAPID ist kein Gesetz. Damit eine Wirkung entstehen kann, braucht es eine neue, einheitliche gesetzliche Grundlage. Die Publikation will explizit als Argumentationsbasis für kommende Gesetzesinitiativen dienen – der nächste Schritt liegt damit, wie so oft, bei der Gesundheitspolitik. ## Deutscher Pflegerat: Plädoyer für eine multiprofessionelle Primärversorgung Das zweite Thema dreht sich um die Reform der ambulanten Versorgung. In der Debatte wird immer wieder das sogenannte Primärarztsystem ins Spiel gebracht – ein Modell, in dem die hausärztliche Versorgung als zentrales Steuerelement gedacht ist. Der Deutsche Pflegerat begrüßt zwar, dass überhaupt Reformideen auf den Tisch kommen, warnt aber ausdrücklich davor, sich zu früh auf eine rein ärztlich zentrierte Lösung festzulegen. Die Stoßrichtung der Pressemitteilung: Statt eines Primärarztsystems brauche es eine Primärversorgung, an der alle Gesundheitsberufe gleichberechtigt beteiligt sind – Pflege, Medizin, Therapieberufe und Sozialarbeit, jeweils mit ihren eigenen Kompetenzen. Konkret formuliert der Verband vier Grundprinzipien: klare Rollenverteilung und Zuständigkeiten, die eigenverantwortliche Ausübung heilkundlicher Tätigkeiten durch Pflege- und Therapieberufe, eine multiprofessionelle Zusammenarbeit auf Augenhöhe sowie eine konsequente Orientierung am Menschen statt an komplexen Versorgungsapparaten. Damit positioniert sich der Deutsche Pflegerat klar gegen Modelle, in denen die hausärztliche Praxis als alleinige Schaltstelle alles vorgibt. Pflegefachpersonen bringen bereits heute viel Expertise ein – sie begleiten Menschen mit chronischen Erkrankungen, koordinieren komplexe Versorgungssituationen und beraten Angehörige. Viele dieser Aufgaben sind jedoch rechtlich nicht abgesichert. Als konkreten Hebel benennt der Verband deshalb die Umsetzung des Pflegekompetenzgesetzes, das Pflegefachpersonen die eigenständige Übernahme heilkundlicher Aufgaben im Rahmen ihrer Qualifikation ermöglichen würde. Gerade in ländlichen Regionen mit ärztlichem Versorgungsmangel könnte das spürbar werden. Zum Zeitpunkt der Folge war das Gesetz allerdings noch nicht umgesetzt – auch hier blieb die Entscheidung der Politik überlassen. ## Neue Verbandsspitzen bei DPR und DBfK Zum Abschluss ein Blick auf einige Personalentscheidungen, die wegen einer Sonderfolge zum Junge-Pflege-Kongress in Bochum etwas verspätet ins Update kamen. Christine Vogler wurde Mitte Mai als Präsidentin des Deutschen Pflegerats wiedergewählt. Neu in das Amt der Vizepräsidentin gewählt wurden Jana Lunz aus dem bisherigen Präsidium sowie Pascale Hilberger-Kirlum; ergänzt wird das Gremium durch fachliche Expertise aus verschiedenen Pflegebereichen. Der Deutsche Pflegerat umfasst mittlerweile 22 Berufsverbände aus Pflege, Hebammenwesen und Pflegewissenschaft. Auch beim Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) gab es Bewegung: Auf der Delegiertenversammlung in Berlin wurde Vera Lux für weitere vier Jahre als Präsidentin bestätigt, ebenso die beiden Vizepräsidentschaften. Hinzu kamen zwei neue Mitglieder im Vorstand, dem zudem die Vorsitzenden der vier Regionalverbände angehören. Lux bekräftigte die zentralen Ziele des Verbands: Professionalisierung, bessere Rahmenbedingungen, mehr Mitsprache und eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung mit einer starken professionellen Pflege. Ein Ausblick rundete die Folge ab: In einer kommenden Ausgabe will die Redaktion genauer auf die damals neue Bundesgesundheitsministerin Nina Warken eingehen und herausarbeiten, welche Vorhaben sie für die Pflege verfolgt. Da zum Zeitpunkt der Aufnahme politisch noch wenig Konkretes vorlag, wurde diese Einordnung bewusst auf später verschoben – ebenso die Frage, wie es mit dem Pflegekompetenzgesetz weitergeht. ## Zum Weiterhören - [ÜG189 – BAPID - die neue Bildungsarchitektur für die Pflege (Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen Hoops)](https://www.uebergabe.de/ug189/) - [ÜG113 – Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri)](https://www.uebergabe.de/ug113/) - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) --- ## BAPID: Bildungsarchitektur für die Pflege in Deutschland Das BAPID-Projekt, durchgeführt von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Auftrag des Deutschen Pflegerats, analysiert systematisch die Bildungslandschaft der Pflege in Deutschland. Ziel ist es, Bildungswege durchlässiger zu gestalten, Kompetenzprofile zu standardisieren und international anschlussfähig zu machen. ### KI-gestützte Analyse für neue Rollenprofile In einer neuen Publikation wurden mithilfe von KI relevante Dokumente wie das Pflegeberufegesetz, Modulhandbücher und internationale Standards ausgewertet. Ergebnis ist eine Klassifikation in vier BAPID-Rollentypen: - **Typ II: Pflegefachassistenz** - **Typ III: Pflegefachperson ohne Bachelorabschluss** - **Typ IV: Pflegefachperson mit Bachelorabschluss** - **Typ V: Pflegefachperson mit erweiterten Kompetenzen (APN, Masterabschluss)** Diese Rollen wurden anhand von zehn Kompetenzbereichen differenziert. ### Beispielhafte Unterschiede der Kompetenzbereiche Ein Blick in den Bereich „Professionelle Einstellung“ zeigt den Aufstieg vom ethisch-reflektierten Handeln (Typ III) über wissenschaftlich fundiertes Denken (Typ IV) bis hin zur ethischen Richtungsweisung und Autonomie bei APNs (Typ V). In der „pflegerischen Versorgungspraxis“ reicht die Spannbreite von assistierender Tätigkeit (Typ II) bis zu eigenständiger Diagnostik und behandlungsverantwortlichem Handeln (Typ V). ### Bedeutung für Praxis und Politik Die klare Differenzierung nach Kompetenzprofilen soll helfen, Bildungsangebote gezielter zu planen, Aufgaben und Rollen besser zu definieren und Versorgungsstrukturen effizienter zu gestalten. Langfristiges Ziel: die vollständige Akademisierung des Pflegeberufs. Doch BAPID ist kein Gesetz – für seine Umsetzung braucht es eine neue gesetzliche Grundlage. Der Ball liegt jetzt bei der Politik. ## DPR: Primärversorgung braucht Pflege Der Deutsche Pflegerat hat sich deutlich in die Diskussion um die Reform der ambulanten Versorgung eingeschaltet. Aktuell wird ein Primärarztsystem diskutiert, bei dem Ärzt:innen als zentrale Steuerungseinheit fungieren sollen. Der DPR warnt jedoch vor einer „Primärarztzentrierung“ und fordert ein multiprofessionelles Modell, in dem Pflege, Medizin, Therapie und Sozialarbeit gleichberechtigt zusammenarbeiten. ### Vier Prinzipien moderner Primärversorgung 1. **Klare Rollenverteilung**: Berufsgruppen sollen entsprechend ihrer Qualifikation agieren. 2. **Eigenverantwortliche heilkundliche Tätigkeiten** für Pflege- und Therapieberufe. 3. **Zusammenarbeit auf Augenhöhe**, nicht hierarchisch unter Ärzt:innen. 4. **Menschenorientierung statt Steuerungsbürokratie**. ### Pflegekompetenzgesetz als Schlüssel Der DPR fordert die Umsetzung des Pflegekompetenzgesetzes, das Pflegefachpersonen heilkundliche Aufgaben rechtlich absichern würde. Vor allem in ländlichen Regionen mit Ärzt:innenmangel könnte dies die Versorgung deutlich verbessern. Ziel ist es, funktionierende Strukturen der Pflege sinnvoll zu nutzen, statt neue komplexe Steuerungsmodelle zu schaffen. ## Abonniere unseren Newsletter! Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. --- ## Die Übergabe-Community **Schau in unserem Forum vorbei und vernetze dich mit anderen Pflegenden aus Deutschland.** [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-11.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-8.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Prehabilitation bei orthopädischen Patient:innen URL: https://www.uebergabe.de/prehabilitation-bei-orthopadischen-patient-innen/ Last updated: 2025-05-28T08:00:59.000Z 🗓️ #83 | 28.05.2025 ### Worum geht's? Im Kern befasst sich die Studie mit der Wirksamkeit von Prehabilitation bei orthopädischen Operationen wie Knie- oder Hüftgelenksersatz sowie Wirbelsäulenchirurgie. Es wird untersucht, ob durch gezielte Vorbereitung die funktionellen und subjektiven Gesundheitszustände von Patient:innen verbessert werden können – sowohl vor als auch nach der Operation. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie hatte das Ziel, den Einfluss von „Prehabilitation“ – also gezielter vorbereitender Maßnahmen wie Physiotherapie und Aufklärung – auf prä- und postoperative Ergebnisse bei Patient:innen mit orthopädischen Eingriffen zu bewerten. Dabei sollte geprüft werden, ob Prehabilitation im Vergleich zur Standardversorgung einen messbaren Nutzen auf Funktionen, Schmerzen, Muskelkraft und gesundheitsbezogene Lebensqualität (HRQOL) hat. 💡 Prehabilitation bezeichnet ein präventives Konzept in der Medizin, das darauf abzielt, Patient:innen vor einer geplanten Operation oder belastenden medizinischen Behandlung körperlich, psychisch und funktionell so gut wie möglich vorzubereiten. Ziel ist es, die individuelle Belastbarkeit zu steigern, um postoperative Komplikationen zu reduzieren und die Erholungszeit zu verkürzen. Dabei handelt es sich um ein multimodales Vorgehen, das je nach Bedarf körperliches Training, Ernährungsberatung, psychologische Unterstützung sowie Maßnahmen zur Optimierung des Lebensstils, etwa Rauchstopp oder Stressbewältigung, umfasst. Prehabilitation wird zunehmend in Bereichen wie der Orthopädie, der Onkologie oder der Herzchirurgie eingesetzt und versteht sich als Ergänzung zur klassischen Rehabilitation: Nicht erst nach dem Eingriff wird interveniert, sondern bereits im Vorfeld, mit dem Ziel, die Patient:innen aktiv und selbstwirksam in die Vorbereitung einzubinden und ihre Gesundheitsressourcen zu stärken. _This post is for paying subscribers only._ ### Frauen 50+ in der Pflege (Marie-Luise Gaßmann & Prof.in Dr.in Ruth Anna Weber) URL: https://www.uebergabe.de/ug169/ Last updated: 2026-06-13T12:44:12.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 24.05.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Frauen 50+ sind erfahrene, loyale Leistungsträgerinnen – und bleiben in der Pflege oft unsichtbar. - Das Vorurteil der Technikfeindlichkeit stimmt nicht: Sie brauchen nur sinnvolle Schulungen. - Flexible, lebensphasenorientierte Arbeitsmodelle sind ein altersunabhängiges Bedürfnis. - Emotionale Arbeit älterer Pflegender stabilisiert Teams, bleibt aber meist unentlohnt. - Altersdiversität ist ein echtes Qualitätsmerkmal moderner Pflegeeinrichtungen. ## **Von unsichtbar zu unverzichtbar: Warum Frauen 50+ die Pflege stärken** In einer Zeit, in der Fachkräftemangel, Transformation der Arbeitswelt und ein wachsender Pflegenotstand das Gesundheitswesen dominieren, gibt es eine Gruppe, die häufig übersehen wird – Frauen ab 50\. Dabei tragen genau diese Pflegefachpersonen mit ihrer Erfahrung, Empathie und Loyalität maßgeblich zur Stabilität und Qualität in der Pflege bei. Das Projekt *„*[*Von unsichtbar zu unverzichtbar*](https://zenodo.org/records/15576418?ref=uebergabe.de)*“* rückt diese oft unsichtbare Zielgruppe in den Fokus und gibt ihr eine Stimme. ### Eine Ressource mit Potenzial: Frauen 50+ im Gesundheitswesen Pflege ist ein weiblich dominierter Beruf. Doch während junge Pflegefachpersonen im Employer Branding vieler Einrichtungen sichtbar im Vordergrund stehen, bleibt eine große Zahl berufserfahrener Frauen jenseits der 50 im Schatten. Das Projekt *„Von unsichtbar zu unverzichtbar“* beleuchtet diese Zielgruppe genauer – mit dem Ziel, ihren Beitrag sichtbar zu machen und Handlungsempfehlungen für Arbeitgeber:innen im Gesundheitswesen zu geben. Das Forschungsprojekt, durchgeführt von Marie-Luise Gaßmann und Prof.in Dr.in Ruth Anna Weber vom [Steinbeis Institut in Marburg](https://www.steinbeis-marburg.de/dozenten-personal?ref=uebergabe.de), vereint qualitative und quantitative Methoden. Grundlage war ein Mixed-Methods-Design, bei dem 509 Pflegefachpersonen über 50 aus sechs Einrichtungen befragt wurden – ergänzt durch Interviews mit Personalverantwortlichen. Das Ergebnis: eine dichte und valide Datenlage zu einer Ressource, die bislang kaum beachtet wurde. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/05/ug169-1.png) ### Die häufigsten Missverständnisse: Technikfeindlich, überfordert, Auslaufmodell? Ein zentrales Ergebnis der Studie war die Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung. Während viele Führungspersonen annahmen, Frauen 50+ hätten Schwierigkeiten mit Technik, belegen die Befragungen das Gegenteil. Vorausgesetzt, Schulungen sind sinnvoll gestaltet und digitale Anwendungen stiften echten Nutzen, sind ältere Pflegefachpersonen hoch motiviert, sich einzuarbeiten. > „Ich weiß, dass ich gut bin, aber ich habe aufgehört, es zeigen zu wollen, weil es niemanden interessiert.“ - **Marie-Luise Gaßmann** Damit wird ein weit verbreitetes Vorurteil entkräftet: Frauen 50+ sind keineswegs technikavers, sondern pragmatisch. Sie wollen verstehen, wofür ein neues Tool gut ist – und bringen dann ihre langjährige Berufserfahrung mit ein, um dessen Einsatz sinnvoll und nutzer:innenfreundlich zu gestalten. Die Befragung zeigt klar: Technik ja – aber nicht um ihrer selbst willen. ### Arbeitszeitmodelle neu denken: Flexibilität ist keine Frage des Alters Ein weiteres zentrales Ergebnis: Der Wunsch nach flexibleren Arbeitsmodellen ist altersunabhängig. Während junge Pflegefachpersonen nach familienfreundlichen Schichten suchen, möchten viele Kolleginnen 50+ etwa für die Betreuung von Enkelkindern oder zur Pflege Angehöriger flexibler planen können. Lebensphasenorientierte Arbeitsgestaltung bedeutet, individuelle Bedürfnisse ernst zu nehmen – unabhängig davon, ob jemand 30 oder 60 Jahre alt ist. Hier zeigt sich ein strukturelles Versäumnis in vielen Einrichtungen: Es gibt kaum systematisierte Angebote für ältere Mitarbeitende, obwohl genau diese Gruppe durch ihre Loyalität und Erfahrung hohe Bindungspotenziale bietet. In Episode 157 des Übergabe-Podcasts haben wir bereits angeschaut, wie eine lebensphsengerechte Personalplanung gelingen kann: [Lebensphasengerechte Personalplanung in der Pflege gestaltenDas Forschungsprojekt LPP zeigt, wie lebensphasengerechte Personalplanung die Pflege zukunftsfähig macht. Individuelle Laufbahnen, flexible Arbeitsmodelle und Weiterbildungen stärken Pflegefachpersonen und Organisationen gleichermaßen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-74.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug157-2.png)](https://www.uebergabe.de/ug157/) ### Mehr als Pflege: Emotionale Arbeit und stille Leistungsträger:innen Viele der befragten Frauen übernehmen weit mehr als die reine Pflegearbeit. Sie sind emotionale Anker im Team, geben Sicherheit und Orientierung – vor allem in krisenhaften Situationen wie der Pandemie. Diese Form emotionaler Arbeit ist hochrelevant für die Teamstabilität, bleibt jedoch oft unsichtbar und wird nicht entlohnt. > „Wir sind loyal, belastbar und empathisch – aber wir wollen nicht nur funktionieren, sondern mitgestalten.“ - **Prof. Dr. Ruth Anna** > **Weber** Die Studie zeigt: Frauen 50+ leisten einen immensen Beitrag zur Resilienz von Pflegeteams. Sie bringen Ruhe, Reflexion und Erfahrungswissen ein. Doch Wertschätzung – sowohl finanziell als auch im Alltag – bleibt meist aus. Was gebraucht wird, sind gezielte Ansätze, um diese emotionale Arbeit sichtbar zu machen und zu honorieren. [Von unsichtbar zu unverzichtbar: Strategien zur Sichtbarmachung, Entwicklung und Bindung von Frauen 50+ in der GesundheitswirtschaftDas Forschungsprojekt „Von unsichtbar zu unverzichtbar“ untersucht Potenziale und Herausforderungen weiblicher Fachkräfte 50+ in der Gesundheitswirtschaft. Im Mixed-Methods-Design wurden qualitative Interviews mit Führungskräften sowie eine standardisierte Befragung von 716 Beschäftigten durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen hohe berufliche Kompetenz der Zielgruppe, jedoch strukturelle Barrieren und geringe betriebliche Wahrnehmung. Der Wunsch nach flexiblen Arbeitsmodellen, gezielter Weiterbildung und wertschätzender Kommunikation steht im Fokus. Die Studie liefert praxisnahe Handlungsempfehlungen für eine altersinklusive Personalpolitik und dient der Fachkräftesicherung.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-180.png)Zenodo![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/invenio-rdm.svg)](https://zenodo.org/records/15576418?ref=uebergabe.de) Link zur Studie ### Gesundheitsförderung heißt: Richtig hinschauen Gesundheitsförderung wird im Pflegekontext oft auf Rückenschulen, Obstkörbe und Yoga-Kurse reduziert. Doch was brauchen Frauen 50+ wirklich? Die Befragten formulierten klare Erwartungen: ergonomische Arbeitsplätze, gezielte Prävention statt Symptombehandlung und eine Kultur, in der Belastung kommuniziert werden darf. Zudem äußerten viele den Wunsch, dass gesundheitliche Maßnahmen nicht nur als symbolische Gesten wahrgenommen werden, sondern tatsächlich eine individuelle Entlastung im Arbeitsalltag bringen. Hier liegt ein hohes Innovationspotenzial für das betriebliche Gesundheitsmanagement – wenn es gelingt, standardisierte Angebote durch bedarfsorientierte Konzepte zu ersetzen. ### Alter(n) als Vorteil: Warum Altersdiversität ein Qualitätsmerkmal ist Pflegeeinrichtungen, die Vielfalt ernst nehmen, können von altersgemischten Teams massiv profitieren. Frauen 50+ bringen nicht nur Expertise, sondern auch Geduld, Kommunikationsstärke und eine hohe soziale Kompetenz mit – Eigenschaften, die für die Versorgung vulnerabler Patient:innengruppen unerlässlich sind. Zugleich wirken ältere Mitarbeitende stabilisierend in Transformationsprozessen – etwa bei der Einführung neuer Technologien oder der Umstrukturierung hin zu ambulanten Versorgungsformen. Altersdiversität ist damit kein Nice-to-have, sondern ein zentrales Qualitätsmerkmal moderner Pflegeeinrichtungen. ### Internationale Perspektiven: Lernen von Kanada, den Niederlanden und der Schweiz Ein Blick ins Ausland zeigt: Andere Länder sind Deutschland in Sachen Altersinklusion teils deutlich voraus. In Kanada etwa existieren „Older Worker Programs“, die Karriereplanung jenseits der 50 systematisch unterstützen – mit gezielter Weiterbildung, angepassten Arbeitszeitmodellen und digitaler Kompetenzförderung. Die Niederlande setzen auf ein Netzwerk, das gezielt ältere Beschäftigte anspricht, Weiterbildungsmaßnahmen anbietet und zur Entlastung beiträgt – auch im Gesundheitssektor. Und in der Schweiz wird Altersvielfalt aktiv gefördert: Hier entstehen gezielte Angebote zur Teammoderation in altersgemischten Pflegeeinheiten. Diese Beispiele machen Mut – und zeigen, dass politisch und institutionell gestaltete Maßnahmen wirken können, wenn sie den Menschen in den Mittelpunkt stellen. ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Handlungsempfehlungen für Arbeitgeber:innen im Gesundheitswesen 1. **Sichtbarkeit fördern:** Frauen 50+ sollten gezielt in internen Kampagnen und im Employer Branding sichtbar gemacht werden. Erfahrungswissen ist ein Imagegewinn. 2. **Gesundheit ernst nehmen:** Betriebliche Gesundheitsförderung muss individualisierter, präventiver und stärker dialogorientiert gestaltet werden. 3. **Weiterbildung ermöglichen:** Digitale Kompetenzen, neue Rollenbilder und karrierebegleitende Angebote sollten auch für ältere Mitarbeitende zugänglich sein – ohne Hürden. 4. **Flexible Arbeitszeitmodelle anbieten:** Arbeitszeiten sollten mit biografischen Rhythmen vereinbar sein – dazu braucht es mehr Mitsprache, Wahlmöglichkeiten und Kreativität. 5. **Wertschätzung sichtbar machen:** Anerkennung darf nicht abstrakt bleiben – Lob, Einbindung in Entscheidungen und gezielte Beteiligung stärken die Motivation. ### Fazit: Die Zukunft ist altersdivers – wenn wir es wollen Die Ergebnisse des Projekts *„Von unsichtbar zu unverzichtbar“* zeigen eindrucksvoll: Frauen 50+ sind eine tragende Säule des Gesundheitswesens. Wer ihren Beitrag ignoriert, verschenkt Potenzial. Wer sie aber ernst nimmt, aktiv einbindet und ihnen Entwicklung ermöglicht, wird mit Loyalität, Stabilität und Erfahrung belohnt. Nicht das biologische Alter entscheidet über Kompetenz, sondern Haltung, Unterstützung und Rahmenbedingungen. Für eine zukunftsfähige Pflege braucht es also nicht nur Nachwuchsgewinnung, sondern auch das aktive Sichtbarmachen und Einbinden erfahrener Pflegefachpersonen. --- ## Die Übergabe-Community **Schau in unserem Forum vorbei und vernetze dich mit anderen Pflegenden aus Deutschland.** [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-11.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-8.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG157 – Lebensphasengerechte Personalentwicklung (Katja Pein & Dr.In Lena Marie Wirth)](https://www.uebergabe.de/ug157/) - [ÜG162 – Flexible Arbeitszeiten in der Langzeitpflege (Lena-Marie Wirth & Helmut Wallrafen)](https://www.uebergabe.de/ug162/) - [ÜG104 – Diversifizierung von Pflegeteams (Merlin Wenzel & Holger Hegermann)](https://www.uebergabe.de/ug104/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Evidenzbasierte Pflege im Pflegeheim URL: https://www.uebergabe.de/evidenzbasierte-pflege-im-pflegeheim/ Last updated: 2025-05-22T08:00:05.000Z 🗓️ #82 | 22.05.2025 ### Worum geht's? Das zentrale Thema der Studie ist der Aufbau einer nachhaltigen evidenzbasierten Pflegekultur in Pflegeheimen. Diese Kultur soll Pflegefachpersonen dazu befähigen, Pflegeentscheidungen systematisch auf wissenschaftliche Erkenntnisse, eigene Fachkompetenz und die Bedürfnisse der Bewohner:innen zu stützen. ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, eine evidenzbasierte Pflegekultur (EBN-Kultur) in Pflegeheimen zu entwickeln und herauszufinden, welche Faktoren diese Kultur beeinflussen. 💡 Der Vorteil evidenzbasierter Pflege liegt darin, dass pflegerische Entscheidungen nicht nur auf persönlichen Erfahrungen, Traditionen oder „Bauchgefühl“ beruhen, sondern auf dem besten derzeit verfügbaren wissenschaftlichen Wissen. Das bedeutet: Pflegehandlungen werden gezielt danach ausgewählt, ob sie sich in Studien als wirksam erwiesen haben, ergänzt durch die Fachkompetenz der Pflegefachperson und die individuellen Wünsche und Bedürfnisse der Patient:innen. Dadurch erhöht sich die Qualität der Pflege, weil Maßnahmen nicht zufällig oder nach Routine, sondern bewusst und begründet gewählt werden. Zum Beispiel kann so vermieden werden, dass unnötige oder sogar schädliche Maßnahmen angewendet werden. Gleichzeitig stärkt evidenzbasierte Pflege die Autonomie und das professionelle Selbstverständnis der Pflegefachpersonen: Sie begründen ihr Handeln fachlich fundiert, argumentieren auf Augenhöhe mit anderen Berufsgruppen und tragen aktiv zur Weiterentwicklung des Gesundheitswesens bei. _This post is for paying subscribers only._ ### Live vom Junge Pflege-Kongress URL: https://www.uebergabe.de/pu097/ Last updated: 2026-06-13T23:23:01.000Z • • • [Podcast jetzt hören ](https://www.uebergabe.de/tag/pflegeupdate/) [ ![Auf Apple Podcasts hören](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/apple-3.png) ](https://podcasts.apple.com/de/podcast/%C3%BCbergabe-pflegeupdate/id1570647677?ref=uebergabe.de) [ ![Auf Spotify hören](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/spotify-2.png) ](https://open.spotify.com/show/3YpSUsmL6O60UBTLxCTWhf?ref=uebergabe.de) • • • 🗓️ Diese Episode erschien am 17.05.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Junge Pflege Kongress 2025 in Bochum stellte Vielfalt ins Zentrum professioneller Pflege. - Sprache ist nie neutral – bewusste Kommunikation fördert diskriminierungssensible Pflege. - Viele Auszubildende berichten von strukturellem Rassismus in Schule und Praxis. - Die junge Generation fordert Teilhabe, neue Arbeitsmodelle und Work-Life-Balance. - Diese Pflegegeneration will nicht nur pflegen, sondern aktiv gestalten. ## Junge Stimmen, große Themen: Der Junge Pflege Kongress Der [Junge Pflege Kongress](https://www.junge-pflege.de/nordwest/junge-pflege-kongress/?ref=uebergabe.de) 2025 in Bochum war ein Einblick in eine Pflegegeneration, die Haltung zeigt. Unter dem Motto "Dinursity" – ein kreatives Wortspiel aus „Diversity“ und „Nursing“ – diskutierten über 2000 junge Pflegefachpersonen und Auszubildende über Vielfalt, Rassismus, Selbstverständnis und berufliche Zukunft. Es geht längst nicht mehr nur um das *Wie* der Pflege, sondern auch um das *Wer*. *Wer sind wir als Pflegefachpersonen?* *Welche Werte vertreten wir?* *Und welche Strukturen brauchen wir, um diese Werte im Berufsalltag leben zu können?* ## Haltung beginnt mit Sprache – und Sprache schafft Wirklichkeit Ein zentraler Impuls kam von Lena Sachse, Professorin für Pflege- und Gesundheitspädagogik. In ihrem Vortrag über Sprache und Wirklichkeit machte sie deutlich: Sprache ist nie neutral. Wer etwa von „den Pflegekräften“ spricht, unterschlägt die individuelle Fachlichkeit. Wer Patient:innen auf ihre Diagnose reduziert, verfehlt das Prinzip der personenzentrierten Pflege. In der Pflege bedeutet Sprache Verantwortung – gegenüber sich selbst, Kolleg:innen und Patient:innen. Diese Erkenntnis teilten viele der Teilnehmenden und betonten, wie wichtig bewusste Kommunikation für diskriminierungssensible Pflege ist. ## Diversität ist kein Zusatz, sondern Kern professioneller Pflege Auf dem Kongress wurde Vielfalt nicht als optionales Thema verhandelt, sondern als zentrales Prinzip pflegerischer Professionalität. Die Veranstaltenden der AG Junge Pflege betonten: Der Kongress sollte nicht nur informieren, sondern Haltung fördern. Dafür gab es Workshops zu Rassismuserfahrungen in der Ausbildung, Diskriminierung im Klinikalltag, Umgang mit transidenten Patient:innen oder zur Reflexion berufsethischer Grundsätze. > "Nichts ist selbstverständlich. Wir müssen uns selbst um unsere Anliegen kümmern." > – Christine Vogler, Deutscher Pflegerat Ein Beispiel: Am Stand der Franziskus Stiftung wurde das Projekt „Vorbilder der Pflege“ präsentiert, das zeigt, wie vielfältig Rollenbilder in der Pflege sein können – und wie wichtig es ist, auch als Kolleg:in sichtbar und anerkannt zu werden. Diversität wurde so nicht nur thematisiert, sondern erlebbar gemacht. ## Rassismus in der Pflegeausbildung Viele junge Teilnehmende schilderten offen ihre Erfahrungen mit Rassismus – sowohl im Schulalltag als auch in der Praxis. Alia berichtete von wiederholten Vorfällen, bei denen Auszubildende sich an die Jugendauszubildendenvertretung wenden mussten. Auch ein Auszubildender aus Recklinghausen, sprach über diskriminierende Kommentare im Pflegealltag. Dass dies kein Einzelfall ist, zeigte sich in vielen Gesprächen: Diskriminierung ist nicht die Ausnahme, sondern für viele ein strukturelles Problem. Daher war der Kongress auch ein politisches Statement: gegen Rassismus, gegen Ausgrenzung – und für eine diskriminierungsfreie, respektvolle Arbeitskultur. [ÜG083 - Rassismus in der Pflege (Prof.in Dr.in Miriam Tariba Richter)Wir sprechen mit Prof.in Dr.in Miriam Tariba Richter über Rassismus in der Pflege, Hintergründe und notwendige Maßnahmen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-72.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug083-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug083/) Unser Podcast zum Thema Rassismus in der Pflege ## Ausbildung, Karriere und neue Wege: Perspektiven für eine vielfältige Zukunft Nicht nur die Themen des Kongresses zeigten eine große Bandbreite – auch die Karrieren der Teilnehmenden waren so bunt wie das Motto. Von der klassischen Ausbildung über das duale Studium bis hin zur berufsbegleitenden Weiterbildung: Junge Pflegefachpersonen interessieren sich zunehmend für individuelle Entwicklungspfade. Die [Hochschule Osnabrück](https://www.hs-osnabrueck.de/?ref=uebergabe.de), vertreten durch ihre Studiengangskoordinatorin, zeigte zum Beispiel auf, wie akademische Weiterbildung mit praktischer Relevanz verbunden werden kann. Besonders groß war das Interesse an berufsbegleitenden Bachelor-Programmen und an Studiengängen wie [Management](https://www.hs-osnabrueck.de/studium/studienangebot/bachelor/pflegemanagement-ba-berufsbegleitend/?ref=uebergabe.de) oder [Versorgungsforschung](https://www.hs-osnabrueck.de/studium/studienangebot/master/helpp-versorgungsforschung-und-gestaltung-msc/?ref=uebergabe.de). Am Stand der [Stiftung Begabtenförderung](https://www.sbb-stipendien.de/sbb-start?ref=uebergabe.de) war zudem zu sehen: Förderung ist möglich – auch für Quereinsteiger:innen und Kombi-Karrieren, etwa von der Pflegeausbildung zum Medizinstudium. Es wurde deutlich: Pflegefachpersonen sind längst keine homogene Gruppe mehr, sondern eine Generation mit vielen Optionen und dem Selbstbewusstsein, sie zu nutzen. [Studiengänge PflegeFrankfurt University of Applied Sciences bietet ebenfalls Pflege-Studiengänge an, die haben wir in unserer Liste noch nicht vollständig erfasst, z.B. Berufspädagogik für Pflege und Gesundheitsberufe oder Management Pflege und Gesundheit: Studiengänge am Fachbereich 4![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-12.jpeg)Übergabe CommunityMaria![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-9.jpeg)](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34/10?ref=uebergabe.de) Eine umfangreiche Liste von Studiengängen in der Pflege ## Verbandsarbeit und Pflegekammer Ein weiteres starkes Signal kam von der [Pflegekammer Nordrhein-Westfalen](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de). Am Infostand standen Pflegefachpersonen mit langjähriger Erfahrung, wie Georg Paaßen, im Dialog mit Auszubildenden. Die Message war klar: Wer sich einbringen will, kann es tun – ob mit Examen oder bereits als freiwilliges Mitglied während der Ausbildung. Dass die Kammer für staatlich anerkannte Fachweiterbildungen zuständig ist, gibt dem Berufsstand Struktur und Verlässlichkeit. > "Pflege pflegt jede Person, völlig egal, wie sie aussieht oder welche politische Haltung sie hat." > – Georg Paaßen, Pflegekammer NRW Gleichzeitig wurde der [DBfK](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de) als organisierender Verband spürbar politisch: Die [AG Junge Pflege](https://www.dbfk.de/de/dbfk/junge-pflege/?ref=uebergabe.de) ist nicht nur für die Organisation des Kongresses verantwortlich, sondern auch für das Einspeisen junger Perspektiven in die verbandspolitische Arbeit. Wer sich hier engagiert, bringt nicht nur Ideen ein, sondern gestaltet aktiv die Rahmenbedingungen von morgen mit. ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## Haltung sichtbar machen: Arbeitsmodelle, Ethik und Empowerment Der Kongress war nicht nur ein Ort des Austauschs, sondern auch des Empowerments. Besonders eindrücklich: die Arbeit der Praxisanleiter:innen und Lehrenden vom [Evangelischen Klinikum Bethel](https://evkb.de/?ref=uebergabe.de). In gemeinsamen Projekten schaffen sie Räume für ethische Reflexion, den Umgang mit Diskriminierung oder für Themen wie Prüfungsangst – niederschwellig, ohne Druck, dafür mit viel Vertrauen. Auch der geplante Workshop zu transidenten Menschen im Krankenhaus wurde begeistert aufgenommen. Parallel dazu stellten Träger wie die [Augusta Kliniken](https://www.augusta-kliniken.de/?ref=uebergabe.de) ihr Modell der Vier-Tage-Woche vor – ein deutliches Zeichen, dass auch Arbeitgeber verstanden haben: Die neue Pflegegeneration hat konkrete Vorstellungen von guter Arbeit und Lebensqualität. Work-Life-Balance, Partizipation, Feedbackkultur – das sind die neuen Schlüsselworte der Pflegearbeit. ## Fazit: Diese Generation will nicht nur pflegen. Sie will gestalten. Der Junge Pflege Kongress in Bochum war ein Aufbruch – in vielerlei Hinsicht. Die Pflegefachpersonen der neuen Generation lassen sich nicht auf Defizite reduzieren. Sie fordern Respekt, Teilhabe und ein professionelles Umfeld, das Diversität nicht nur zulässt, sondern lebt. Ihre Themen: Sprache, Haltung, Bildung, politische Teilhabe und neue Arbeitsmodelle. Ihre Werkzeuge: Wissen, Erfahrung, Dialog und Mut. Wer mit ihnen in die Zukunft der Pflege gehen will, muss zuhören, mitdenken – und handeln. [Queersensible Pflege: Wie “vielfältig.” Versorgung neu denkt🎙️Was bedeutet queersensible Pflege? Judith und Hannah Burgmeier zeigen mit ihrem Pflegedienst „vielfältig.“, wie sexuelle und geschlechtliche Vielfalt endlich professionell in die Pflege integriert wird – und warum das längst überfällig ist.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-73.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug167.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug167/) Unser Podcast zur Vielfalt ## 📰 Kurznachrichten Okay, es sind keine "News" wir du sie von uns kennst, aber wie möchten dich auf ein neues Podcast-Format aufmerksam machen. Die[**Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG)**](https://www.klimawandel-gesundheit.de/?ref=uebergabe.de)hat in Kooperation mit der BARMER einen Podcast zum Thema **Planetary Health** herausgebracht. Was haben Klima, Umwelt und unsere Gesundheit miteinander zu tun? Wie können wir gemeinsam ins Handeln kommen – statt in Lähmung oder Verdrängung zu verharren? Der Podcast **„Zukunft gestalten – Der Podcast über Planetary Health“** geht genau diesen Fragen nach. Mit dabei sind spannende Stimmen wie Harald Lesch, Claudia Traidl-Hoffmann, Lea Dohm, Katja Diehl, **Tobias Plonka** und viele weitere Expert:innen aus Wissenschaft, **Pflege**, Psychologie und Gesellschaft. [Podcast – Planetary Health Academy![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/cropped-pha-logo-v4-270x270.png)Planetary Health Academy![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/pha-logo.png)](https://planetary-health-academy.de/podcasts/?ref=uebergabe.de) In diesem Zusammenhang möchten wir dir auch unsere Podcasts zu den Themen Klima (mit [**Health for Future**](https://healthforfuture.de/?ref=uebergabe.de)) und Hitze nochmal ans Herz legen: [ÜG075 - Klima, Pflege und Gesundheit (Jessica Esser & David Vogel) - ÜbergabeWie passen Klima und Pflege zusammen? Jessica Esser und David Vogel von Health for Future klären uns in dieser Folge auf.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-70.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug075-3.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug075/) [Hitzeschutz als Gesundheitsschutz?? In den letzten Jahren sind die Temperaturen stetig gestiegen, was erhebliche Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat. Dabei wird der Hitzeschutz zunehmend wichtiger und muss als essenzieller Bestandteil des Gesundheitsschutzes verstanden werden.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-71.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug141-2.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug141/) [PU031 - Eckpunktepapier zur PPR 2.0 / Klimabewusstsein im Gesundheitswesen - ÜbergabeWir sprechen über die Umsetzung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht und über den neuen Mindestlohn sowie Tarifverträge in der Altenpflege.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-66.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/pu_31-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu031/) [PU038 - Pflegebudget für Hebammen / Kritik am KHPflEG / Klimakrise als Gesundheitskrise - ÜbergabeWir sprechen über die Hebammen und ihren Erfolg im Pflegebebudget zu bleiben, über das Krankenhauspflegeentlastungsgesetz und über die Klimakrise.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-67.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/pu_38-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu038/) ## Zum Weiterhören - [PU048 – Live vom Junge Pflege Kongress in Bochum - Teil 1](https://www.uebergabe.de/pu048/) - [ÜG167 – Vielfältige Pflege - Sexualität, Identität und professionelle Haltung](https://www.uebergabe.de/ug167/) - [ÜG134 – Diversität in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug134/) --- ## Werde Teil der Übergabe-Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Frühintervention bei emotionaler Belastung bei Patient:innen mit Schlaganfall URL: https://www.uebergabe.de/fruhintervention-bei-emotionaler-belastung-bei-patient-innen-mit-schlaganfall/ Last updated: 2025-05-15T08:00:01.000Z 🗓️ #81 | 15.05.2025 ### Worum geht's? Das zentrale Thema ist die Entwicklung einer dyadischen psychosozialen Intervention, die sowohl Patient:innen als auch Pflegepersonen in der akuten Phase eines Schlaganfalls unterstützt, um langfristige psychische Belastungen zu verhindern. Der Fokus liegt auf Resilienzstrategien wie Achtsamkeit, Problemlösung, Selbstfürsorge und Kommunikation. 💡 In Deutschland leben etwa zwei Millionen Menschen mit den Folgen eines Schlaganfalls, was die erhebliche Krankheitslast dieser Erkrankung verdeutlicht. Die Lebenszeitprävalenz, also der Anteil der Personen, die im Laufe ihres Lebens einen Schlaganfall erlitten haben, liegt bei Erwachsenen im Alter von 40 bis 79 Jahren bei insgesamt 2,9 %. Dabei sind Männer mit 3,3 % etwas häufiger betroffen als Frauen mit 2,5 %. Mit zunehmendem Alter steigt die Prävalenz deutlich an: In der Altersgruppe der 70- bis 79-Jährigen beträgt sie 8,1 % bei Männern und 6,3 % bei Frauen. Die 12-Monats-Prävalenz, also der Anteil der Personen, die innerhalb eines Jahres einen Schlaganfall erlitten haben oder unter chronischen Beschwerden infolge eines Schlaganfalls leiden, liegt bei Personen unter 55 Jahren bei unter 1 %. In höheren Altersgruppen steigt dieser Wert deutlich an. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel dieser qualitativen Studie war es, die psychologischen Herausforderungen, Bedürfnisse und Präferenzen von Schlaganfallüberlebenden und deren informellen Pflegepersonen zu erfassen, um darauf basierend ein resilienzförderndes Interventionsprogramm zur Prävention chronischer emotionaler Belastungen zu entwickeln. _This post is for paying subscribers only._ ### Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann) URL: https://www.uebergabe.de/ug168/ Last updated: 2026-06-17T09:03:48.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 10.05.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - 97% wählen die Generalistik – die Idee überzeugt, die Umsetzung hakt. - Theorie und Praxis sind schlecht verzahnt; nur ein Viertel erreicht zehn Prozent Anleitung. - Gute Praxisanleitung ist Schonraum, stärkt Verbleib und Selbstvertrauen im Beruf. - 40% fühlen sich unvorbereitet; psychische Überforderung treibt Abbrüche. - Funktionierende Kooperation zwischen Schulen, Hochschulen und Trägern verbessert die Ausbildung. # Eine Reform mit Ambitionen Seit dem Start der generalistischen Pflegeausbildung im Jahr 2020 hat sich in der Ausbildungslandschaft viel verändert. Statt drei separater Berufsabschlüsse – Gesundheits- und Krankenpflege, Kinderkrankenpflege, Altenpflege – gibt es nun eine gemeinsame Ausbildung zur Pflegefachperson. Ziel der Reform war es, den Beruf attraktiver zu gestalten und die Durchlässigkeit innerhalb der verschiedenen Versorgungsbereiche zu verbessern. Diese Neuausrichtung weckte hohe Erwartungen und wurde von vielen Auszubildenden positiv aufgenommen: **Laut der Begleitforschung BENP entschieden sich 97 Prozent für den generalistischen Abschluss. Das ist ein deutliches Votum für die Idee der Generalistik.** ## Die Mühsal der Umsetzung Zwischen Reform und Realität zeigt sich jedoch ein Spannungsfeld: Die Umsetzung ist noch längst nicht flächendeckend gelungen. Insbesondere in der Pädiatrie mangelt es an strukturierten Lerneinsätzen, qualifiziertem Lehrpersonal und passenden Praxiseinsätzen. Gleichzeitig berichten viele Auszubildende von Defiziten in der schulischen Ausbildung: Inhalte werden nicht konsequent generalistisch vermittelt, sondern orientieren sich oft noch an alten Denkmustern. Daran zeigt sich, wie tief die Umstellung in das Selbstverständnis von Lehrenden eingreift. Viele Lehrpersonen haben selbst nie eine generalistische Ausbildung durchlaufen. Sie müssen nun alte Routinen verlassen und neue Konzepte entwickeln, wofür Zeit, Austausch und Fortbildung notwendig sind. > „Wir sehen, dass viele Probleme nicht an der Generalistik selbst liegen, sondern an ihrer Umsetzung.“ – Dr. Markus Wochnik ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/05/0f1f0b46-4a7f-4a6e-b33d-156a46ff7866-1.png) Ein weiterer zentraler Befund der Studie ist die mangelnde Verzahnung zwischen Theorie und Praxis. Auszubildende beklagen, dass das Gelernte in der Praxis oft nicht anschlussfähig ist. Inhalte der Berufsschule passen nicht zu den Anforderungen im Klinikalltag, und umgekehrt gibt es wenig strukturierte Reflexionsräume für Praxiserfahrungen im Unterricht. Dabei ist die Abstimmung zwischen den Lernorten ein zentrales Element der Reform. Auch Praxisanleiter:innen wünschen sich mehr Austausch mit Lehrpersonen, berichten aber über fehlende Zeit und strukturelle Hürden. Besonders in kleineren Einrichtungen wie ambulanten Pflegediensten ist die Umsetzung der Praxisanleitung herausfordernd. Dort fehlt es oft an freigestelltem Personal und an Ressourcen, um die geforderten zehn Prozent Anleitung systematisch zu leisten. Tatsächlich zeigt die Studie, dass nur rund ein Viertel der Auszubildenden dieses Ziel erreicht. Ein weiterer zentraler Befund der Studie ist die mangelnde Verzahnung zwischen Theorie und Praxis. Auszubildende beklagen, dass das Gelernte in der Praxis oft nicht anschlussfähig ist. Inhalte der Berufsschule passen nicht zu den Anforderungen im Klinikalltag, und umgekehrt gibt es wenig strukturierte Reflexionsräume für Praxiserfahrungen im Unterricht. [BIBB - Begleitforschung des VeränderungsprozessesDas Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ist das anerkannte Kompetenzzentrum zur Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-icon-180x180-4.png)BIBB - Begleitforschung des Veränderungsprozesses![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/bibb_socialmedia_logo-1.jpg)](https://www.bibb.de/de/136047.php?ref=uebergabe.de) [BIBB - BENP IIDas Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ist das anerkannte Kompetenzzentrum zur Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-icon-180x180-5.png)BIBB - BENP II![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/bibb_socialmedia_logo-2.jpg)](https://www.bibb.de/pflege-benp2?ref=uebergabe.de) --- Dieser Beitrag ist kostenlos und wird ermöglicht durch zahlende Mitglieder der Übergabe. Wenn dir unsere Arbeit gefällt, dann unterstütze uns gern. Dafür bekommst du neben den regulären Newslettern auch Zugang zu [exklusivem Content, wie unseren Briefings.](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) [Übergabe-Mitglied werden ](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) --- ## Lernraum Praxis: Der unterschätzte Wert der Anleitung Dabei ist Praxisanleitung für die Lernenden nicht nur ein Lerninstrument, sondern ein geschützter Raum. Sie erleben diese Zeit als Chance, ohne Leistungsdruck Kompetenzen aufzubauen, Fragen zu stellen und Feedback zu erhalten. Anleitende werden oft als wichtigste Bezugs- und Vertrauenspersonen erlebt. An einem Lernort, der sonst von Zeitnot und Unterbesetzung geprägt ist, gewinnt Anleitung eine neue Bedeutung: Sie wird zum Ort des Ankommens, zum Mentoring, zur psychosozialen Stütze. Die BENP-Daten zeigen: Wer gut angeleitet wird, erlebt die Ausbildung positiver, bleibt eher im Beruf und steigt auch mit mehr Selbstvertrauen ein. > „Die Praxisanleitung ist oft der einzige Schonraum im stressigen Alltag – und damit enorm wertvoll für die Auszubildenden.“ – Daniel Großmann Und doch sind es genau diese strukturellen Schwächen, die zu Problemen führen. Etwa 40 Prozent der Befragten fühlen sich am Ende ihrer Ausbildung nicht ausreichend vorbereitet auf den Berufseinstieg. Viele berichten von Unsicherheiten, insbesondere dann, wenn sie in einem anderen Bereich starten als ihrem Vertiefungseinsatz. Die Generalistik soll Flexibilität ermöglichen – das tut sie auch. Aber sie braucht dann auch bessere Einarbeitungskonzepte, damit Pflegefachpersonen nicht ins kalte Wasser geworfen werden. Die ersten Berufsjahre sind entscheidend für den Verbleib im Beruf. Was hier verpasst wird, lässt sich kaum nachholen. ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## Belastungen, Brücken, Brüche Hinzu kommen hohe psychische Belastungen, die während der Ausbildung auftreten. Besonders auffällig: Der Druck steigt zum Ende der Ausbildung. Prüfungsängste und Überforderung gehören für viele zum Alltag. Gleichzeitig werden in dieser Phase Anleitungen intensiver – was sinnvoll, aber auch zu spät ist. Ein weiterer Aspekt ist die Abbruchquote: Rund 40 Prozent der Teilnehmenden im Panel gingen während der Studiendauer verloren. Zwar haben nicht alle ihre Ausbildung vorzeitig beendet, doch Ausbildungsabbrüche sind ein reales Problem. Die häufigsten Gründe: psychische und physische Überforderung. Interessant ist auch der Blick auf Ausbildungswechsel. Einige Auszubildende wechseln den Träger – und zwar überproportional aus der Langzeit- in die Akutpflege – meist wegen unzureichender Lernbedingungen und Praxisanleitung. Auch das zeigt strukturelle Defizite: Dort, wo Anleitung nicht gut funktioniert oder Teams überlastet sind, gehen die Menschen. Und zwar nicht irgendwann, sondern bereits während der Ausbildung. Die Langzeitpflege – oft als "Pflege im besten Sinne" beschrieben – droht dadurch langfristig zu verlieren. Hier braucht es gezielte Strategien, um Arbeitsbedingungen, Anleitung und Attraktivität zu verbessern. ## Zwischen Koordination und Konkurrenz Die BENP-Studie des Konsortiums aus [f-bb](https://www.f-bb.de/unsere-arbeit/projekte/begleitforschung-des-veraenderungsprozesses-zur-einfuehrung-der-neuen-pflegeausbildungen-benp/?ref=uebergabe.de), [KSH](https://www.ksh-muenchen.de/begleitforschung-des-veraenderungsprozesses-zur-einfuehrung-der-neuen-pflegeausbildung-benp-ii?ref=uebergabe.de) und [HE](https://www.hs-esslingen.de/soziale-arbeit-bildung-und-pflege/forschung/projekte/laufende-projekte/begleitforschung-benp-ii?ref=uebergabe.de) zeigt jedoch auch, dass Wandel möglich ist. Dort, wo Kooperationsstrukturen zwischen Schulen, Hochschulen und Praxisträgern gut funktionieren, gelingt Ausbildung besser. Ausbildungsverbünde, die sich auf gemeinsame Dokumentation, abgestimmte Lernziele und klare Zuständigkeiten einigen, schaffen Verbindlichkeit und Qualität. Das klappt nicht überall und ist oft von einzelnen Personen abhängig, die Verantwortung übernehmen und motiviert sind. Aber genau das ist der Kern guter Ausbildung: Haltung, Zusammenarbeit und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Ein großer Pluspunkt: Die im Projekt BENP erhobenen Daten sollen über das [Forschungsdatenzentrum](https://www.bibb.de/de/53.php?ref=uebergabe.de) öffentlich zugänglich gemacht werden. Das ist nicht nur ein Gewinn für die Forschung, sondern auch für die Praxis. Wer Pflegeentwicklung ernst nimmt, braucht Daten. --- ## **🎥 Neues Video: Wie gerecht ist unser Gesundheitssystem?** Gesundheit ist ein Menschenrecht – aber nicht alle in Deutschland haben die gleichen Chancen, gesund zu bleiben oder gesund zu werden. In unserem neuen Video geht es um [**Health Equity**](https://www.uebergabe.de/ug163/), also gesundheitliche Gerechtigkeit – und darum, warum gleiche Behandlung nicht automatisch fair ist. Wir zeigen, wie sich **soziale Unterschiede auf die Lebenserwartung, das Gesundheitsverhalten und die Versorgung** auswirken. Falls du tiefer eintauchen möchtest, empfehlen wir dir auch den **Podcast** mit Bianca Flachenecker: [Warum Gesundheitsgerechtigkeit uns alle betrifft!🎙️ Wir sprechen mit Bianca Flachenecker über Health Equity, die Einflussfaktoren und Hintergründe sowie über die Auswirkungen. Außerdem erfahrt ihr mehr über Möglichkeiten durch Digitalisierung und die Rolle von Pflegefachpersonen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-62.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug163-2.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug163/) --- ## Die Übergabe-Community **Schau in unserem Forum vorbei und vernetze dich mit anderen Pflegenden aus Deutschland.** [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-11.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-8.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) --- ## Zum Weiterhören - [ÜG017 – Generalistische Ausbildung - (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug017/) - [ÜG102 – Berufseinmündung in der Pflege (Petra Krause)](https://www.uebergabe.de/ug102/) - [ÜG089 – Finanzierung in der Generalistik](https://www.uebergabe.de/ug089/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Die Relevanz erweiterter Hebammenpraxis URL: https://www.uebergabe.de/die-relevanz-erweiterter-hebammenpraxis/ Last updated: 2025-06-18T17:32:20.000Z 🗓️ #80 | 08.05.2025 ### Worum geht's? Das Kernthema der Studie ist die erweiterte Hebammenpraxis („advanced midwifery practice“), also der Tätigkeitsbereich, der über die Basisqualifikationen hinausgeht und klinische, bildungsbezogene und führungsbezogene Aufgaben umfasst. Ziel war es, zu analysieren, welche erweiterten Kompetenzen international dokumentiert sind und unter welchen Bedingungen sie angewandt werden können. 💡 Hebammen spielen eine zentrale Rolle in der gesundheitlichen Versorgung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett in Deutschland. Sie begleiten werdende Mütter medizinisch, emotional und beratend und sind oft erste Ansprechpartnerinnen in einer sehr sensiblen Lebensphase. Ihre Arbeit ist nicht nur für die körperliche Gesundheit von Mutter und Kind entscheidend, sondern auch für ein positives Geburtserlebnis und den gelingenden Start ins Familienleben. Gleichzeitig stehen Hebammen vor großen Herausforderungen: Die Vergütung gilt als unzureichend im Verhältnis zum Aufwand und zur Verantwortung, insbesondere bei freiberuflich Tätigen. Hinzu kommen hohe Beiträge zur Berufshaftpflichtversicherung, ein wachsender Fachkräftemangel sowie schwierige Arbeitsbedingungen, etwa durch überfüllte Kreißsäle oder fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Trotz ihrer enormen gesellschaftlichen Bedeutung sehen sich viele Hebammen dadurch gezwungen, ihre Tätigkeit einzuschränken oder ganz aufzugeben. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, internationale Literatur zur erweiterten beruflichen Handlungskompetenz von Hebammen systematisch zu erfassen und zu analysieren. Dabei sollten die berichteten Fähigkeiten mit den internationalen Kompetenzstandards der International Confederation of Midwives (ICM) sowie mit den vier Investitionsbereichen des „State of the World’s Midwifery“-Berichts verknüpft werden. _This post is for paying subscribers only._ ### Neue Personalien im BMG / Heilkunde durch Pflegende - Umfrage GKV URL: https://www.uebergabe.de/pu096/ Last updated: 2026-06-13T23:22:53.000Z • • • [Podcast jetzt hören ](https://www.uebergabe.de/tag/pflegeupdate/) [ ![Auf Apple Podcasts hören](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/apple-3.png) ](https://podcasts.apple.com/de/podcast/%C3%BCbergabe-pflegeupdate/id1570647677?ref=uebergabe.de) [ ![Auf Spotify hören](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/spotify-2.png) ](https://open.spotify.com/show/3YpSUsmL6O60UBTLxCTWhf?ref=uebergabe.de) • • • 🗓️ Diese Episode erschien am 03.05.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Nina Warken wird Gesundheitsministerin – ohne ausgewiesene gesundheitspolitische Berufserfahrung. - Katrin Staffler übernimmt als neue Pflegebevollmächtigte das erhaltene Amt. - GKV-Befragung zeigt hohe Akzeptanz für erweiterte Pflegekompetenzen. - Österreich erkennt Pflegearbeit ab 2026 als Schwerarbeit an. - Pflegekräftemangel bleibt mit bis zu 690.000 fehlenden Kräften zentral. ## Nina Warken als neue Bundesgesundheitsministerin Die Ernennung von Nina Warken zur Bundesgesundheitsministerin wurde von vielen Beobachter:innen als überraschend wahrgenommen. Warken ist Juristin und war bislang im Bereich Innen- und Rechtspolitik tätig. Sie bringt keine ausgewiesene gesundheitspolitische Berufserfahrung mit. Im Zeitraum von 2015 bis 2023 war sie zudem Landesvorsitzende der THW-Landesvereinigung Baden-Württemberg und damit im Bevölkerungsschutz aktiv. Außerdem war sie Teil des parlamentarischen Begleitgremiums zur COVID-19-Pandemie. Verschiedene Verbände ordnen die Personalie unterschiedlich ein. Der [Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)](https://dbfk.de/?ref=uebergabe.de) hebt hervor, dass es entscheidend sei, wie rasch der Dialog mit den Akteur:innen im Gesundheitswesen aufgenommen werde. Dabei wird insbesondere die Kommunikation mit pflegepolitischen Fachverbänden betont. Zu den zentralen Themen im Gesundheitsministerium zählen die digitale Transformation – etwa durch die elektronische Patientenakte (ePA) – sowie Fragen der Finanzierung der Kranken- und Pflegeversicherung. Außerdem stehen Themen wie die Struktur des Rettungsdienstes genauso auf der Liste der notwendigen Aufgaben, wie die zukünftige Sicherstellung der (Haus)ärztlichen Versorgung, insbesondere im ländlichem Raum. Die Personalmangel in der Pflege ist weiterhin der größte Brennpunkt, da er direkt mit der Sicherstellung der Versorgung einhergeht. [Laut Prognosen des Statistischen Bundesamts könnte bis 2049 ein zusätzlicher Bedarf von 280.000 bis 690.000 Pflegekräften entstehen.](https://www.uebergabe.de/wieviel-pflegekrafte-brauchen-wir/) Allerdings wird von Unterstützer:innen ihre hohe Auffassungsgabe betont, mit der sie sich neuen Aufgaben schnell widmen könne. ### Was ist von Nina Warken zu erwarten? Warkens bisherige Aussagen deuten weniger auf einen Neuanfang oder einen wirklichen Strukturwandel hin. [In einem Gespräch im Krankenhaus Tauberbischofsheim äußerte sich Nina Warken im Jahr 2021 zur Rolle einer Pflegekammer.](https://www.khtbb.de/khtbb/aktuelles/meldungen/2021/Nina-Warken-im-Gespraech.php?ref=uebergabe.de) Sie erklärte, dass sie eine Kammer für „ein grundsätzlich geeignetes Mittel“ halte, um Verbesserungen in der Aus-, Weiter- und Qualifizierung von Pflegefachpersonen zu erreichen. Allerdings zeigte sie sich weniger überzeugt von der Idee und betonte: *„Wenn es der Wunsch der Pflegenden ist, den Schritt in diese Selbstverwaltung mit Pflichtmitgliedschaften und Pflichtbeiträgen zu gehen, unterstütze ich dies gerne.“* Nina Warken ist nicht nur politisch, sondern offenbar auch familiär mit der CDU verbunden. Ihr Schwiegervater Hans-Georg Warken war langjährig im Bundesvorstand der Jungen Union aktiv und ist Vorstand der einflussreichen Union Stiftung. Laut Recherchen von [CORRECTIV](https://correctiv.org/aktuelles/trump-und-europa/2025/03/12/geld-macht-kampagnen-der-lange-arm-von-team-trump-2/?ref=uebergabe.de) unterhält die nach rechts gerichtete Stiftung Verbindungen zu Klimaleugnern sowie ["Kräften aus dem Trump- und dem Orbán-Lager"](https://correctiv.org/spotlight-newsletter/merz-mannschaft/?ref=uebergabe.de). Als möglicher strategischer Unterstützer innerhalb des Ministeriums gilt Tino Sorge, CDU-Gesundheitsexperte und Staatssekretär. Seine Erfahrungen könnten helfen, die Einarbeitung in gesundheitspolitische Themen zu unterstützen. In der kommenden Legislaturperiode wird entscheidend sein, welche konkreten politischen Schritte umgesetzt werden. [Gesundheitsministerium: Warum Nina Warken?Sie hat keinerlei Expertise und kaum Erfahrung. Nun soll Nina Warken Gesundheitsministerin werden – und damit eines der kompliziertesten Ministerien leiten.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-7.svg)ZEIT ONLINEJan Schweitzer![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/wide__1300x731)](https://www.zeit.de/gesundheit/2025-04/gesundheitsministerium-nina-warken-cdu-bundesregierung-kabinett?ref=uebergabe.de) [Kabinett - Gesundheitsbranche hofft auf die QuereinsteigerinDer scheidende Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat seiner designierten Nachfolgerin Nina Warken (CDU) Unterstützung bei der Übergabe ins neue Amt zugesichert.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-24.ico)Online-Portal für professionell PflegendeBibliomed Pflege - Das Portal für die Pflege![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Nina_Warken_2024-Tobias-Koch.jpg)](https://www.bibliomed-pflege.de/news/gesundheitsbranche-hofft-auf-die-quereinsteigerin-1?ref=uebergabe.de) ## Neue Pflegebevollmächtigte: Katrin Staffler übernimmt das Amt Nach der Entscheidung, das Amt der Pflegebevollmächtigten doch weiterzuführen, wurde Katrin Staffler (CSU) zur neuen Amtsinhaberin ernannt. Staffler ist promovierte Biochemikerin, seit 2017 Mitglied des Bundestags und war bislang in den Themenfeldern Bildung und Forschung aktiv. Ihre Ankündigung, sich mit „vollem Einsatz“ für die Belange von Pflegefachpersonen und pflegebedürftigen Menschen einzusetzen, wurde von Verbänden positiv aufgenommen. Der DBfK begrüßt den Erhalt des Amtes und sieht darin ein wichtiges politisches Signal. Gleichzeitig gibt es die Forderung, das Amt langfristig als „Chief Government Nurse“ im Kanzleramt zu verankern – vergleichbar mit Modellen in anderen Ländern wie Großbritannien oder Kanada. Zentral wird sein, ob es gelingt, die Interessen der Pflege und der Pflegebedürftigen fachlich fundiert und politisch wirksam zu vertreten. Dabei steht auch der kontinuierliche Austausch mit der pflegerischen Praxis im Mittelpunkt. [Katrin Staffler soll neue Pflegebevollmächtigte werdenDie Bundestagsabgeordnete Katrin Staffler (CSU) soll Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung werden. Das gab CSU-Parteichef Markus Söder bekannt.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-180x180-7.png)springerpflege.de![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/16by9-1)](https://www.springerpflege.de/politik/katrin-staffler-csu-soll-neue-pflegebevollmaechtigte-werden/50925562?ref=uebergabe.de) ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## GKV-Spitzenverband: Repräsentative Befragung zur Rolle der Pflege Eine aktuelle Befragung des GKV-Spitzenverbands unter über 3.500 gesetzlich Versicherten zeigt eine hohe Akzeptanz gegenüber erweiterten Rollen von Pflegefachpersonen im Gesundheitssystem. **Wichtige Ergebnisse:** - In 25 % der befragten Fälle in Hausarztpraxen hatten Patient:innen ausschließlich Kontakt mit nicht-ärztlichem Personal, darunter Pflegefachpersonen und medizinische Fachangestellte. - 44 % der Befragten bewerten es als sinnvoll, wenn Pflegefachpersonen ärztlich unterstützen. - 45 % wünschen sich, dass Pflegefachpersonen bestimmte Aufgaben eigenverantwortlich übernehmen. Die Zustimmung ist besonders hoch bei älteren Menschen, chronisch Erkrankten und in ländlichen Regionen – also dort, wo Versorgungsengpässe häufiger auftreten. Der DBfK sieht in den Ergebnissen eine Bestätigung für erweiterte pflegerische Kompetenzen. Konzepte wie Community Health Nursing werden dabei zunehmend diskutiert. Sie beinhalten präventive, beratende und koordinierende Aufgaben, die Pflegefachpersonen eigenständig übernehmen können. Zentral bleibt die Frage nach der rechtlichen Verankerung solcher Rollen sowie deren Integration in bestehende Versorgungs- und Abrechnungssysteme. Auch digitale Anwendungen wie die elektronische Patientenakte könnten zur besseren Einbindung der Pflege beitragen. [PressemitteilungAktuelle Pressemitteilung![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/logo_fav.svg)GKV-SpitzenverbandGKV-Spitzenverband![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo_og-2.jpg)](https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv%5Fspitzenverband/presse/pressemitteilungen%5Fund%5Fstatements/pressemitteilung%5F2023872.jsp?ref=uebergabe.de) [Bevölkerung befürwortet medizinische Versorgung durch PflegefachpersonenDie Ergebnisse der aktuellen Versichertenbefragung des GKV-Spitzenverbands bestätigen, was der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) seit Jahren fordert: Die Menschen in Deutschland stehen neuen Versorgungsmodellen offen gegenüber – und erkennen das Potenzial erweiterter Pflegekompetenzen zur Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-25.ico)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DBfK_Logo_Kuller-4.svg)](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2025/Umfrage-GKV-Spitzenverband.php?ref=uebergabe.de) ## 📰 Kurznachrichten ### Pflegearbeit als Schwerarbeit: Neuer Regelungsvorschlag aus Österreich In Österreich wird Pflegearbeit ab dem 1\. Januar 2026 offiziell als Schwerarbeit anerkannt. Damit erhalten Pflegefachpersonen unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, früher in Pension zu gehen – mit einem geringeren Rentenabschlag. **Konkret bedeutet das:** - Pflegefachpersonen mit 45 Versicherungsjahren und mindestens 10 Jahren dokumentierter Schwerarbeit in den letzten 20 Jahren können mit 60 Jahren in Pension gehen. - Der Rentenabschlag beträgt dann 1,8 % pro Jahr statt der regulären 5,1 %. Die Maßnahme wird als Anerkennung der körperlich und emotional belastenden Pflegearbeit verstanden. [Gleichzeitig weisen Vertreter:innen wie Elisabeth Potzmann vom Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV) darauf hin, dass nur wenige Pflegende die Voraussetzungen erfüllen könnten.](https://bsky.app/profile/elpot.bsky.social/post/3lng6mk34yc24?ref=uebergabe.de) Die frühzeitige Pensionierung könnte zudem die Versorgungskapazitäten beeinflussen, wenn keine kompensierenden Maßnahmen – etwa durch Ausbildung und Personalgewinnung – ergriffen werden. Für Deutschland bietet das Modell einen möglichen Impuls für die Debatte über die Anerkennung der Pflege als Schwerarbeit. [Österreich: Pflege als „Schwerarbeit“In Österreich soll professionelle Pflege künftig als Schwerarbeit eingestuft werden. Pflegekräfte können dann unter bestimmten Voraussetzungen früher in den Ruhestand gehen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-180x180-6.png)springerpflege.de![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/16by9)](https://www.springerpflege.de/politik/gesundes-arbeiten/oesterreich-pflege-als-schwerarbeit-/50906754?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [PU099 – Warkens Pläne / ICN Definition "Nurse" & "Nursing" / GMK 2025](https://www.uebergabe.de/pu099/) - [PU018 – Neue Pflegebevollmächtigte / Ausweitung der Höchstarbeitszeit in Niedersachsen](https://www.uebergabe.de/pu018/) - [ÜG120 – Pflege in Österreich (Elisabeth Potzmann & Monika Völk)](https://www.uebergabe.de/ug120/) --- ## Werde Teil der Übergabe-Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Was beeinflusst die professionelle Entwicklung von Pflegefachpersonen? URL: https://www.uebergabe.de/was-beeinflusst-die-professionelle-entwicklung-von-pflegefachpersonen/ Last updated: 2025-05-07T12:45:53.000Z 🗓️ #79 | 30.04.2025 ### Worum geht's? Die Studie behandelt die Frage, welche persönlichen und kontextuellen Faktoren über den Verlauf der beruflichen Laufbahn hinweg die berufliche Weiterbildung von Pflegefachpersonen fördern oder hemmen. Dabei wird CPD (Continuing Professional Development) als lebenslanger Prozess aktiver Teilnahme an Lernaktivitäten verstanden, der die berufliche Praxis verbessert und Karrierezielen dient. ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, systematisch die Faktoren zu identifizieren und zusammenzufassen, die die kontinuierliche berufliche Weiterbildung von Pflegefachpersonen im Verlauf ihrer Karriere beeinflussen. 💡 Weiterbildungen in der Pflege haben einen erheblichen Einfluss auf die Pflegequalität und tragen maßgeblich zur Verbesserung der Versorgung von Patient:innen bei. Durch spezialisierte Fachweiterbildungen erwerben Pflegefachpersonen vertieftes Wissen und erweiterte Kompetenzen, die es ihnen ermöglichen, komplexe pflegerische Situationen sicherer und effektiver zu bewältigen. Beispielsweise können Pflegefachpersonen mit einer Weiterbildung in der Intensivpflege oder Palliativpflege evidenzbasierte Maßnahmen gezielt anwenden und individuelle Bedürfnisse der Patient:innen besser berücksichtigen. Dies führt nicht nur zu einer höheren Versorgungsqualität, sondern auch zu einer stärkeren Patient:innenzufriedenheit. Weiterbildungen fördern zudem die Fähigkeit, pflegerische Handlungen kritisch zu reflektieren und auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu stützen. Pflegefachpersonen, die sich regelmäßig fort- und weiterbilden, tragen dazu bei, dass pflegerische Interventionen nicht mehr ausschließlich auf tradiertem Erfahrungswissen basieren, sondern zunehmend evidenzbasiert und qualitätsgesichert erfolgen. Auch in der interprofessionellen Zusammenarbeit bringt eine fundierte Weiterbildung Vorteile: Pflegefachpersonen mit zusätzlichen Qualifikationen können ihre Expertise besser einbringen, gezielter kommunizieren und auf Augenhöhe mit anderen Berufsgruppen agieren, was die gesamte Versorgungskette stabilisiert und verbessert. Ein weiterer Aspekt ist die Stärkung von Handlungskompetenz und Selbstbewusstsein der Pflegefachpersonen. Durch Weiterbildungen gewinnen sie mehr Sicherheit in ihrer beruflichen Rolle, was sich positiv auf Entscheidungsfähigkeit, Verantwortungsübernahme und letztlich auf die Versorgungssituation der Patient:innen auswirkt. Besonders in dynamischen oder hochbelasteten Settings, wie etwa der Notaufnahme oder in der Pflege von Menschen mit chronischen Erkrankungen, leisten gut weitergebildete Pflegefachpersonen einen entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung und Verbesserung von Gesundheitszuständen. Zusätzlich tragen Weiterbildungsmöglichkeiten dazu bei, Pflegefachpersonen langfristig im Beruf zu halten. Qualifikationen eröffnen Perspektiven zur beruflichen Entwicklung und beugen beruflicher Unzufriedenheit oder dem vorzeitigen Berufsausstieg vor. _This post is for paying subscribers only._ ### Vielfältige Pflege - Sexualität, Identität und professionelle Haltung URL: https://www.uebergabe.de/ug167/ Last updated: 2026-06-13T12:43:45.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 26.04.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflege bedeutet Beziehung – Sexualität und Vielfalt gehören selbstverständlich dazu. - Judith und Hannah Burgmeier gründeten Deutschlands ersten queersensiblen ambulanten Pflegedienst. - Sexualität ist kein Tabu, sondern ein ernstzunehmender Pflegebedarf. - Drei Säulen: Pflege, Paar- und Sexualberatung sowie Fortbildung für Einrichtungen. - Queersensible Pflege beginnt mit Haltung, Sprachfähigkeit und Fachwissen. ## Eine neue Perspektive auf Pflege Pflege ist mehr als Waschen, Lagern und Medikamentengabe. Pflege ist Beziehung, Kommunikation, Begleitung – und sie berührt zutiefst intime Lebensbereiche. Trotzdem bleiben Themen wie Sexualität, Identität oder queere Lebensrealitäten im pflegerischen Alltag häufig unsichtbar. Nicht, weil sie nicht existieren, sondern weil sie nicht thematisiert werden – aus Unsicherheit, aus Unwissen oder aus einem tief verankerten Tabu. > "Wir glauben, dass Pflege viel mehr kann, wenn sie bereit ist, über das zu sprechen, was sonst verschwiegen wird." > \- Judith Burgmeier Judith und Hannah Burgmeier stellen sich dieser Leerstelle entgegen. Mit ihrem Pflegedienst [vielfältig](https://vielfaeltig-bremen.de/?ref=uebergabe.de) haben sie den ersten queersensiblen ambulanten Dienst Deutschlands gegründet. **Ihr Ansatz: Sexualität und geschlechtliche Vielfalt gehören selbstverständlich zur pflegerischen Versorgung.** Sie wollen nicht nur Pflege bieten, sondern auch Räume schaffen – für Themen, die sonst keinen Platz finden. In der Übergabe sprechen sie über ihre Motivation, ihren beruflichen Weg und darüber, wie queersensible Pflege ganz konkret aussieht. ## Warum Vielfalt in der Pflege nicht optional ist Sexualität ist ein Grundbedürfnis – wie Essen, Trinken oder Nähe. Trotzdem wird sie in pflegerischen Kontexten oft ausgeblendet. Besonders queere Menschen erleben im Gesundheitswesen regelmäßig Diskriminierung oder Unsichtbarkeit. Studien zeigen: Viele verschweigen ihre Identität gegenüber Pflegefachpersonen, aus Angst vor Ablehnung oder schlechterer Behandlung. > "Sexualität ist kein Tabuthema, sondern ein Pflegebedarf. Und den müssen wir ernst nehmen." > \- Hannah Burgmeier "vielfältig." will genau hier ansetzen. Der Pflegedienst richtet sich nicht ausschließlich an queere Klient:innen – sondern an alle Menschen, die sich eine sensible, offene und wertschätzende Pflege wünschen. Die beiden Gründerinnen verknüpfen pflegewissenschaftliches Know-how, sexualwissenschaftliche Kompetenz und gelebte Berufserfahrung mit einer klaren Haltung: Jeder Mensch verdient eine Pflege, die ihn oder sie in der eigenen Lebensrealität ernst nimmt. ## Pflege, Beratung und Bildung: Drei Säulen für eine neue Versorgung "vielfältig." ist mehr als ein klassischer Pflegedienst. Das Angebot basiert auf drei Säulen: Pflege, Beratung und Fortbildung. 1. **Pflege im häuslichen Umfeld:** Menschen mit Pflegebedarf werden im Alltag unterstützt – mit einem Fokus auf Kommunikation, Beziehung und das Einbeziehen von Sexualität als Teil des Lebens. Dazu gehören auch Fragen zur Intimpflege nach geschlechtsangleichenden Operationen oder die korrekte Medikamentengabe bei hormonellen Behandlungen. 2. **Paar- und Sexualberatung:** Gerade wenn chronische Erkrankungen, Pflegebedürftigkeit oder neurologische Einschränkungen wie Parkinson ins Leben treten, verändern sich Beziehung und Sexualität oft gravierend. Mit ihrem Beratungsangebot bieten Judith und Hannah niedrigschwellige Unterstützung – aktuell noch als Privatleistung, mit dem Ziel, das langfristig in die Regelversorgung zu integrieren. 3. **Fortbildung für Einrichtungen:** Die dritte Säule ist Aufklärung. Krankenhäuser, Pflegeheime oder Hospize können Workshops buchen, in denen Teams für Themen wie queere Lebensrealitäten, Diskriminierung oder sexualisierte Gewalt sensibilisiert werden. Ziel ist es, Sprache zu finden, Unsicherheiten zu reduzieren und Handlungssicherheit zu stärken. ## Zwischen Haltung und Handlung: Wie queersensible Pflege gelingt Queersensible Pflege beginnt nicht mit einem Flyer in Regenbogenfarben – sie beginnt mit Haltung. Für das Team von "vielfältig." bedeutet das, Menschen nicht auf ihre Pflegebedürftigkeit zu reduzieren, sondern sie ganzheitlich zu sehen: mit ihrer Geschichte, ihren Werten, ihren Beziehungen – und eben auch ihrer Sexualität. Dabei wird klar: Die Lebensrealitäten queerer Menschen bringen spezifische Bedarfe mit sich. Viele haben bereits Diskriminierung im Gesundheitswesen erlebt. Manche leben mit den Folgen von Ausgrenzung oder internalisierter Scham. Andere haben durch geschlechtsangleichende Maßnahmen oder HIV-Therapien besondere pflegerische Anforderungen. All das verlangt Wissen – und vor allem ein offenes, fragendes Gegenüber. "vielfältig." arbeitet mit erweiterten Anamnesebögen, die gezielt Raum für geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung schaffen. Statt binärer Kategorien oder peinlicher Ausweichfloskeln geht es um echte Gespräche auf Augenhöhe. Pflegefachpersonen werden dazu ermutigt, Unsicherheiten zu benennen, Fragen zu stellen und von den Patient:innen selbst zu lernen. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/wide-ug167.png) ## Fachwissen statt Floskeln: Pflege braucht neue Inhalte Neben Haltung braucht queersensible Pflege auch handfestes Fachwissen. Was passiert im Körper bei einer Transition? Wie sieht die richtige Intimpflege nach einer operativen Geschlechtsangleichung aus? Welche Medikamente beeinflussen die Libido? Wie gehe ich mit Menschen um, die sich weder als Mann noch als Frau definieren? In der klassischen Pflegeausbildung kommen solche Fragen kaum vor – bislang. Judith und Hannah setzen sich aktiv dafür ein, dass Themen wie geschlechtliche Vielfalt, sexuelle Identität und Intimität im Curriculum verankert werden. Mit Erfolg: Sie wurden bereits zur Mitarbeit am neuen Primärcurriculum angefragt, das die Grundlage für Pflegeausbildungen in Deutschland bildet. Gleichzeitig zeigen sie in Fortbildungen, dass es nicht um Perfektion oder Fachbegriffe geht – sondern darum, offen und sensibel zu sein. *Wer bei den Begrifflichkeiten manchmal auf dem Schlauch steht, findet hier eine gute Übersicht um den Überblick zu behalten:* [Glossar | Queer Lexikon![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/cropped-LGBT-270x270.png)Queer Lexikonaurora![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Logo_Queer-Lexikon.svg)](https://queer-lexikon.net/glossar/?ref=uebergabe.de) ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## Wenn Schweigen krank macht: Warum Pflege Räume öffnen muss Ein wesentliches Ziel von "vielfältig." ist es, Räume zu öffnen. Räume für Gespräche über das, was sonst oft verschwiegen wird: sexuelle Bedürfnisse, Unsicherheiten, Rollenbilder oder Schamgefühle. Denn gerade in der Pflege zeigen sich diese Themen in verdichteter Form: Menschen sind in ihrer intimsten Lebenssituation auf Hilfe angewiesen – körperlich, emotional, existenziell. Die Gründerinnen berichten von Fällen, in denen Pflegefachpersonen nicht wussten, wie sie mit einer spontanen Erektion bei einem Patienten umgehen sollen. Statt professionell zu reagieren, wird peinlich berührt weggeschaut oder im schlimmsten Fall schambehaftet agiert. Dabei geht es nicht um Sexualisierung der Situation – sondern um professionelle Intimität. Und die beginnt mit Sprachfähigkeit. "vielfältig." zeigt hier praxisnahe Lösungen: von Formulierungen in der Dokumentation bis hin zu konkreten Handlungsstrategien in sensiblen Situationen. Ziel ist, dass Pflegefachpersonen nicht mehr sprachlos sind – sondern handlungsfähig. ## Pflege als politisches Projekt Sexualität ist politisch. Pflege ist politisch. Und "vielfältig." versteht sich als explizit politischer Akteur im Gesundheitswesen. Denn queersensible Pflege ist nicht nur eine fachliche Aufgabe, sondern eine gesellschaftliche Haltung. > "Queersensible Pflege ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Für alle, die in ihrer Lebensrealität gesehen werden wollen." > \- Judith Burgmeier Die gesellschaftlichen Entwicklungen machen das deutlich: ein wiedererstarkender Konservatismus, queerfeindliche Tendenzen in sozialen Netzwerken, Angriffe auf sexuelle Selbstbestimmung. In diesem Kontext ist jeder Raum, in dem offen über Sexualität gesprochen werden darf, ein Raum des Widerstands. **"vielfältig." zeigt, dass es Alternativen gibt. Dass Pflege auch ein Schutzraum sein kann. Und dass es Mut braucht, bestehende Normen zu hinterfragen. Ihre Arbeit ist ein Beitrag zur Demokratisierung von Gesundheitsversorgung – und ein Zeichen dafür, dass Vielfalt kein Risiko, sondern eine Ressource ist.** --- ## Die Übergabe-Community **Du willst fachlich wachsen und neue Karrierewege einschlagen?** Dann wirf einen Blick in unsere kuratierte Liste spannender Studiengänge! 💡 Falls ein Link nicht mehr funktioniert, gib uns kurz Bescheid – oder hilf direkt mit, ihn im Wiki zu aktualisieren. [Studiengänge PflegeFrankfurt University of Applied Sciences bietet ebenfalls Pflege-Studiengänge an, die haben wir in unserer Liste noch nicht vollständig erfasst, z.B. Berufspädagogik für Pflege und Gesundheitsberufe oder Management Pflege und Gesundheit: Studiengänge am Fachbereich 4![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-10.jpeg)Übergabe CommunityMaria![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-7.jpeg)](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34/10?ref=uebergabe.de) --- ## Zum Weiterhören - [ÜG123 – Gesundheitsförderung in Lebenswelten von Trans\* Menschen (Prof:In Dr:In Miriam Tariba Richter, Ray Trautwein)](https://www.uebergabe.de/ug123/) - [ÜG134 – Diversität in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug134/) - [ÜG078 – Sexismus in Gesundheitsberufen (Prof.in Dr.in Sabine Oertelt-Prigione)](https://www.uebergabe.de/ug078/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Trauerbewältigung nach perinatalen Todesfällen URL: https://www.uebergabe.de/trauerbewaltigung-nach-perinatalen-todesfallen/ Last updated: 2025-04-24T08:00:54.000Z 🗓️ #78 | 24.04.2025 ### Worum geht's? Kern der Studie ist die Frage, inwieweit spezifische pflegerische Interventionen Eltern nach dem Verlust ihres Kindes in der späten Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt beim Trauern helfen können. Die Maßnahmen reichen von psychoedukativen Gesprächen über emotionale Begleitung bis hin zu Gruppentherapien oder körperlicher Aktivierung. 💡 In Deutschland liegt die perinatale Mortalitätsrate, also die Zahl der Totgeburten und der Todesfälle in den ersten sieben Tagen nach der Geburt pro 1.000 Geburten, bei etwa 5,3%. Diese Rate hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert: In den 1950er Jahren lag sie noch bei über 40%. ​Die perinatale Mortalität ist ein wichtiger Indikator für die Qualität der medizinischen Versorgung rund um Schwangerschaft und Geburt. Faktoren wie die Verfügbarkeit von Perinatalzentren, die Qualität der pränatalen Diagnostik und die Betreuung von Risikoschwangerschaften spielen hierbei eine entscheidende Rolle.​ Trotz des insgesamt niedrigen Niveaus gibt es regionale Unterschiede innerhalb Deutschlands. So wiesen beispielsweise zwischen 2005 und 2009 einige Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen höhere perinatale Mortalitätsraten auf als der Bundesdurchschnitt. ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit pflegerischer Interventionen zur Unterstützung des Trauerprozesses nach einer perinatalen Todeserfahrung zu analysieren. Diese Maßnahmen sollen helfen, die psychische Gesundheit betroffener Eltern zu stabilisieren und ihre Anpassungsfähigkeit in dieser belastenden Lebenssituation zu fördern. _This post is for paying subscribers only._ ### Berufsordnung NRW / Koalitionsvertrag / Tarifvertrag URL: https://www.uebergabe.de/pu095/ Last updated: 2026-06-17T09:55:03.000Z [Auf der Website hören ](https://www.uebergabe.de/tag/pflegeupdate/) [ ![Auf Apple Podcasts hören](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/apple-3.png) ](https://podcasts.apple.com/de/podcast/%C3%BCbergabe-pflegeupdate/id1570647677?ref=uebergabe.de) [ ![Auf Spotify hören](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/spotify-2.png) ](https://open.spotify.com/show/3YpSUsmL6O60UBTLxCTWhf?ref=uebergabe.de) 🗓️ Diese Episode erschien am 19.04.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - NRW hat seit April 2025 eine eigene Berufsordnung für Pflegefachpersonen. - Die Berufsordnung regelt erstmals Rechte, Pflichten und berufliches Selbstverständnis verbindlich. - Koalitionsvertrag plant Pflegereform, G-BA-Sitz und Gesetze zu Pflegekompetenz und APN. - Neuer Tarifvertrag bringt +3 % Gehalt und bessere Schichtzulagen für Pflegende. - Motto zum International Nurses Day 2025: Pflege stärken stärkt Volkswirtschaften. ## Pflege in NRW: Die neue Berufsordnung ist da! Seit dem **10\. April 2025** haben die Pflegefachpersonen in NRW eine eigene Berufsordnung – beschlossen von der Pflegekammer NRW, aber noch unter Freigabevorbehalt durch das MAGS. Die Berufsordnung ist ein historischer Schritt: Zum ersten Mal regeln Pflegefachpersonen selbst verbindlich ihr berufliches Selbstverständnis. [Meilenstein für die Pflege: Die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen verabschiedet Berufsordnung für Pflegefachpersonen - Pflegekammer NRWWas es schon seit Jahren für Ärzt\*innen und andere Berufsfelder gibt, ist nun endlich auch in der Pflege Realität geworden: Die Pflegekammer NRW hat am 10\. April die erste Berufsordnung \[…\]![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-5.svg)Pflegekammer NRWGeorg![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Megaphon_3zu2-1.png)](https://www.pflegekammer-nrw.de/meilenstein-fuer-die-pflege-die-pflegekammer-nordrhein-westfalen-verabschiedet-berufsordnung-fuer-pflegefachpersonen/?ref=uebergabe.de) Laut Entwurf definiert die Berufsordnung Rechte, Pflichten und Verantwortlichkeiten – sie ist ethischer Kompass, berufliche Leitlinie und juristische Absicherung zugleich. Damit zieht Pflege in NRW gleich mit anderen Heilberufen. Besonders spannend: Mit der Berufsordnung kann künftig klarer abgegrenzt werden, was pflegefachliches Handeln ist – und was nicht. Die Entwicklung der Ordnung war ein kooperativer Prozess: Regionalkonferenzen, ein öffentlicher Entwurf und schriftliche Stellungnahmen flossen in den finalen Text ein. Wann dieser offiziell veröffentlicht wird, steht noch nicht fest. [Berufsordnung - Pflegekammer NRWAktuelle Stellenangebote und Vorteile für Mitarbeitende – Starten Sie Ihre berufliche Zukunft bei der Pflegekammer!![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-6.svg)Pflegekammer NRW![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Logo_weiss-auf-lila_1800x1000_2-1.png)](https://www.pflegekammer-nrw.de/berufsordnung/?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [PU088 – Pflegefachassistenzgesetz / Berufsordnung NRW / Landespflegerat Sachsen](https://www.uebergabe.de/pu088/) - [PU079 – Landtagswahl-Special](https://www.uebergabe.de/pu079/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) --- ## Koalitionsvertrag 2025: Pflege als Reformbaustelle Der neue Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD steht – und das Kapitel Gesundheit & Pflege verspricht große Reformen. Ziel ist eine stabile, gerechte und finanzierbare Versorgung. ### Was geplant ist: - Beitragssätze in GKV & Pflegeversicherung sollen stabil bleiben – durch mehr Beschäftigung und Einsparungen. - Eine neue Expert\*innen-Kommission soll bis 2027 Vorschläge zur Umsetzung begleiten. - Eine "Pflegereform" soll u.a. die häusliche und ambulante Pflege stärken sowie Leistungen vereinfachen. - Kurzfristig angekündigt: Gesetze zu Pflegekompetenz, Pflegefachassistenz und Advanced Practice Nursing. - Die Krankenhausreform soll bis Sommer 2025 gesetzlich geregelt sein. - Die Pflege bekommt einen festen Sitz im G-BA – wer diesen einnimmt, ist noch offen. - Und: Eine Enquete-Kommission soll die Corona-Pandemie aufarbeiten. Wir schauen genau hin, was davon wann umgesetzt wird – und behalten die Stoppuhr im Blick. [Wir haben verhandelt. Für Deutschland. Für Dich.Wir tragen in weltpolitisch sehr schwierigen Zeiten Verantwortung für unser Land. Für unsere Sicherheit, für Wirtschaftswachstum, sichere Arbeitsplätze und Chancengerechtigkeit. Die SPD arbeitet dafür, das Leben für die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland einfacher und gerechter zu machen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-180x180-5.png)Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Koalitionsverhandlung_2025_768x512.png)](https://www.spd.de/regierungsbildung?ref=uebergabe.de) Hier gibt es den Koalitionsvertrag --- ## 💬 Tarifabschluss im öffentlichen Dienst: Das ist neu Nach Warnstreiks, gescheiterten Verhandlungen und einer Schlichtung steht seit Anfang April der neue Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst – mit teils deutlichen Verbesserungen für Pflegefachpersonen: ### Eckpunkte: - **Gehalt:** +3 % (mind. 110 €) ab April 2025, +2,8 % ab Mai 2026 - **Schichtzulagen:** 100 € (Schicht), 200 € (Wechselschicht) - **Azubis/Studierende:** +75 € (2025), +75 € (2026) - **13\. Monatsgehalt:** Anhebung und Umwandlung in bis zu 3 freie Tage - **Ab 2027:** 1 zusätzlicher Urlaubstag - **Optional:** Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden erhöhbar – freiwillig, befristet Verdi spricht von einem „Kompromiss in schwierigen Zeiten“. Viele hätten sich mehr gewünscht, aber: Die Ergebnisse liegen über der Inflationsrate – und bringen wichtige Verbesserungen im Schichtdienst. [Wir haben eine EinigungDie Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) hat sich am 6\. April in der Tarifrunde für die rund 2,5 Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen mit den Arbeitgebern auf einen Tarifabschluss geeinigt. Der Abschluss liegt auf dem Niveau der Schlichtungsempfehlung von Ende März: „Es ist ein schwieriges Ergebnis in schwierigen Zeiten“, sagte der ver.di-Vorsitzende und Verhandlungsführer Frank Werneke. Die insgesamt vier Verhandlungsrunden samt Schlichtung seien sehr zäh verlaufen und hätten aufgrund der Verweigerungshaltung auf Arbeitgeberseite bei vielen Themen mehrfach vor dem Scheitern gestanden, erklärte Werneke. „Erst nach einer erfolgreichen Warnstreikrunde mit zehntausenden Kolleginnen und Kollegen ist Bewegung in die Verhandlungen gekommen. Letztendlich konnte ein Tarifergebnis mit prozentualen Einkommenssteigerungen oberhalb der zu erwartenden Preissteigerungsrate durchgesetzt werden, außerdem Verbesserungen bei einigen Zuschlägen und der Arbeitszeit.“![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-10.png)ver.di© Christian Jungeblodt![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo_verdi_quadrat.jpg)](https://zusammen-geht-mehr.verdi.de/++co++8ff423ea-1219-11f0-857c-a3ea576fb94f?ref=uebergabe.de) --- ## 📰 Kurznachrichten ### 🌍 International Nurses Day 2025 Der ICN hat das Motto für den Tag der Pflegenden am 12\. Mai veröffentlicht: **„Our Nurses. Our Future. Caring for nurses strengthens economies“** Der Fokus liegt auf dem Wohlbefinden von Pflegenden – physisch, psychisch und emotional. Der vollständige Bericht erscheint am 12\. Mai. [ICN puts wellbeing of nurses at centre of International Nurses Day 2025![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-11.png)ICN - International Council of Nurses![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-header-en.svg)](https://www.icn.ch/news/icn-puts-wellbeing-nurses-centre-international-nurses-day-2025?ref=uebergabe.de) ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. --- ## Veranstaltungen [EMPCARE](https://www.empcare.de/?ref=uebergabe.de) Train the Trainer Seminar [![CTA Image](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/empcare.png)](https://bildung.ukbonn.de/LS/2046671272/KIP/DetailBenutzerdefiniert/916eaf49-32d1-46cc-841d-d7a96f4b1696?wss%5F1=esGrid%5FKipUebersicht&wss%5F1%5Fanzahl=0&wss%5F1%5Fsort=asc---Lehrgang%20Name~~asc---Kursdauer%20von~~asc---Kurs%20Titel&wss%5F1%5Fgruppierung=asc---Lehrgang%20Name~~asc---Kurs%20Titel&ref=uebergabe.de) Bereits zum vierten Mal laden wir in diesem Sommer zu unserem Train the Trainer für empCARE ein. [empCARE](https://www.empcare.de/?ref=uebergabe.de) ist das wissenschaftlich evaluierte Präventionskonzept für Pflege- und Sozialberufe. Einige Bildungseinrichtungen haben es bereits fest in ihre Ausbildungen oder Fachweiterbildungen integriert. Zahlreiche Einrichtungen arbeiten mit unseren freiberuflichen Trainier\*innen zusammen und nutzen empCARE im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Wir freuen uns auf weitere interessierte Kolleg\*innen, die ihre Kompetenzen in der Gesundheitsförderung, der Beziehungsarbeit und in der interaktiven Didaktik erweitern wollen. [Zum Seminar ](https://bildung.ukbonn.de/LS/2046671272/KIP/DetailBenutzerdefiniert/916eaf49-32d1-46cc-841d-d7a96f4b1696?wss%5F1=esGrid%5FKipUebersicht&wss%5F1%5Fanzahl=0&wss%5F1%5Fsort=asc---Lehrgang%20Name~~asc---Kursdauer%20von~~asc---Kurs%20Titel&wss%5F1%5Fgruppierung=asc---Lehrgang%20Name~~asc---Kurs%20Titel&ref=uebergabe.de) [empCARE Fachtagung FlyerTAKE CARE OF YOU - Empathie als Prävention für GesundheitsberufeempCARE\_Fachtagung\_20250410.pdf277 KBdownload-circle](https://www.uebergabe.de/content/files/2025/04/empCARE%5FFachtagung%5F20250410.pdf "Download") --- ## Werde Teil der Übergabe-Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Wissen in der Wundversorgung URL: https://www.uebergabe.de/wissen-in-der-wundversorgung/ Last updated: 2025-04-17T08:00:25.000Z 🗓️ #77 | 17.04.2025 ### Worum geht's? Die Studie beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen wissenschaftlicher Evidenz und praktischer Wundversorgung durch Pflegefachpersonen. Dabei liegt der Fokus auf der Frage, wie gut vorhandene Forschungsergebnisse in der klinischen Praxis umgesetzt werden und wie gut Pflegefachpersonen über Wundversorgung informiert sind. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, einen kritischen Überblick über die derzeitige Evidenzlage im Bereich der Wundversorgung zu geben und zu untersuchen, inwieweit Pflegefachpersonen diese Evidenz in ihrer Praxis nutzen. Gleichzeitig sollte das Wissen und die Kompetenz von Pflegefachpersonen im Bereich der Wundversorgung analysiert werden, sowohl formell erworbenes Wissen als auch informell erlangtes Wissen durch praktische Erfahrung. 💡 In Deutschland zählen das Ulcus cruris, das diabetische Fußsyndrom (DFS) und der Dekubitus zu den häufigsten chronischen Wunden. Diese Erkrankungen betreffen vor allem ältere und mehrfach erkrankte Menschen und stellen eine erhebliche Herausforderung für das Gesundheitssystem dar. Das Ulcus cruris, auch Unterschenkelgeschwür genannt, ist dabei die am weitesten verbreitete Form. Es entsteht meist infolge einer chronisch-venösen Insuffizienz und tritt vor allem im Bereich des Unterschenkels auf. Die Jahresprävalenz liegt bei etwa 1,3 %, was rund 620.000 betroffene Personen in Deutschland entspricht. Mit zunehmendem Alter steigt die Prävalenz deutlich an; bei Menschen über 70 Jahren liegt sie bei etwa 2,4 %. Das diabetische Fußsyndrom betrifft etwa 6,2 % der Menschen mit Diabetes in Deutschland, wobei bei über 80-jährigen Männern bis zu 8 % betroffen sind. In absoluten Zahlen entspricht dies etwa 355.000 Menschen. Das DFS ist eine Folgeerkrankung des Diabetes mellitus, bei der Nervenschädigungen und Durchblutungsstörungen zu schlecht heilenden Wunden an den Füßen führen. Die Lebenszeitprävalenz für die Entwicklung eines DFS bei Menschen mit Diabetes liegt zwischen 19 % und 34 %. Der Dekubitus, auch als Druckgeschwür bekannt, entsteht durch anhaltenden Druck auf bestimmte Körperstellen und tritt besonders häufig bei immobilen oder pflegebedürftigen Menschen auf. Die Prävalenz variiert je nach Versorgungseinrichtung: In der Langzeitpflege liegt sie zwischen 2 % und 5 %, in Krankenhäusern zwischen 2 % und 4 %. Alle drei Wundarten machen den Großteil der chronischen Wunden in Deutschland aus und erfordern eine sorgfältige, interdisziplinäre Versorgung, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und schwerwiegende Komplikationen wie Infektionen oder Amputationen zu verhindern. _This post is for paying subscribers only._ ### Junge Langzeitpflege (Mirjam Schneider-Jung & Anja Woltery) URL: https://www.uebergabe.de/ug166/ Last updated: 2026-06-13T12:43:34.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 12.04.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Junge Pflege versorgt 18- bis 63-Jährige mit neurologischen Erkrankungen statt klassischer Altenpflege. - Ziel ist Rückkehr ins Leben: Teilhabe, Alltag und Lebensqualität statt Verwahrung. - Eigene Therapeut:innen bieten tägliche Einzelsitzungen ohne Verordnungslimit – mit sichtbaren Erfolgen. - Besserer Betreuungsschlüssel (vier statt acht bis zehn) ermöglicht mehr Zeit und Nähe. - Du arbeitest interdisziplinär und begleitest auch Angehörige psychosozial. ## Junge Pflege: Eine eigene Lebensrealität in der Versorgung Wenn junge Menschen durch neurologische Erkrankungen pflegebedürftig werden, stellt das das Versorgungssystem vor Herausforderungen. Weder die klassische Altenpflege noch kurzfristige Reha-Maßnahmen können diesen Menschen gerecht werden. Einrichtungen, wie das Alloheim [in Mönchengladbach](https://www.alloheim.de/pflege-moenchengladbach?ref=uebergabe.de) und [in Düsseldorf](https://www.alloheim.de/pflege-duesseldorf-kruppstrasse?ref=uebergabe.de) entwickeln seit Jahren spezialisierte Konzepte für genau diese Zielgruppe. Was genau ist „junge Pflege“? Wer lebt dort, wie sieht der Alltag aus, und was bedeutet das für Pflegefachpersonen? [Junge Pflege in den Pflegeheimen von AlloheimFür junge Menschen zwischen 15 und 65 Jahren bieten wir in der stationären Pflege spezielle Therapieangebote, die ihre Selbstständigkeit fördern.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-9.png)Logo![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/alloheim.svg)](https://www.alloheim.de/pflege-wohnen/spezial-pflege/junge-pflege?ref=uebergabe.de) ### Wer sind die Bewohner:innen der jungen Pflege? Die Definition der „jungen Pflege“ orientiert sich weniger an einem Lebensgefühl, sondern konkret an Alter und Krankheitsbild: Gemeint sind pflegebedürftige Menschen zwischen 18 und 63 Jahren mit neurologischen oder physischen Einschränkungen – etwa durch Multiple Sklerose, Schädel-Hirn-Traumata, Schlaganfälle, Aneurysmen oder schwere Sportunfälle. Oft geht damit ein hoher Pflegebedarf einher, in manchen Fällen auch eine Beatmungspflicht. ### Der Anstoß kam aus der Realität Die Geschichte hinter dem Aufbau einer der ersten spezialisierten Einrichtungen beginnt mit einem Anruf: Eine Mutter fragt, ob es auch Angebote für junge pflegebedürftige Menschen gäbe – für ihren Sohn, der mit Anfang 30 an MS leidet. Diese eine Nachfrage war der Impuls, ein ganzes Versorgungskonzept zu entwickeln. Das Besondere: Es wurde eng mit dem Medizinischen Dienst entwickelt und erlaubt bis heute auch die Aufnahme beatmeter Menschen. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/03/de05bbde-958e-4596-b6c9-97d3a143b5b8.webp) ### Alltag statt Endstation „Heim“ – das klingt für viele nach Lebensabend, Endstation, Sterbebett. Doch in der jungen Pflege geht es oft um das Gegenteil: Rückkehr ins Leben. Bewohner:innen ziehen nicht selten wieder nach Hause, besuchen Werkstätten, feiern Geburtstage, reisen mit ihren Familien oder feiern ausgelassen in der Disco. Der Alltag ist so nah wie möglich an dem Leben, das vor der Erkrankung stattgefunden hat – nur eben mit Unterstützung. ### Neue Rolle für Pflegefachpersonen Diese besondere Form der Pflege erfordert mehr als klassische Altenpflege-Kompetenz. Hier arbeiten Pflegefachpersonen, Therapeut:innen und Sozialarbeiter:innen eng zusammen. Pflege bedeutet nicht nur Körperpflege, sondern vor allem Alltagsgestaltung, psychosoziale Begleitung und Förderung der Selbstständigkeit. Angehörige sind oft präsent, manchmal rund um die Uhr. Das erfordert emotionale Stabilität und ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit. ### Therapie statt Verwahrung Was viele nicht wissen: Einrichtungen mit junger Pflege beschäftigen eigene Therapeut:innen – Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie. Bewohner:innen erhalten täglich bis zu drei Einzelsitzungen plus Gruppenangebote. Anders als in der ambulanten Pflege gibt es keine Limitierung durch Verordnungen. Die Therapie folgt dem tatsächlichen Bedarf – mit sichtbarem Erfolg: Menschen im Wachkoma wachen auf, andere kehren zurück in den Beruf oder in die Familie. > „Das übergreifende Arbeiten zwischen Pflege, Betreuung und Therapie bringt so viel mehr Miteinander. Das ist ein echter Unterschied zur Altenpflege.“ – Anja Woltery ### Ein anderer Ort, eine andere Kultur Von der Raumgestaltung über Essenszeiten bis hin zu Freizeitangeboten: Alles ist anders als in klassischen Pflegeeinrichtungen. Die Zimmer sind individuell eingerichtet, es gibt Fitnessräume, ein eigenes Café, Rückzugsräume für Therapie. Bewohner:innen gestalten ihr Umfeld mit – auch mit Blick auf Sexualität oder Partnerschaft. Diese Themen tauchen in der jungen Pflege ganz selbstverständlich auf und fordern neue Lösungen, etwa bei der Gesundheitsfürsorge. ## Psychosoziale Begleitung: Auch die Angehörigen brauchen Hilfe Eltern, Partner:innen, Kinder sie alle sind mitbetroffen. Der Alltag verändert sich radikal, Beziehungen stehen unter Druck, manche zerbrechen. Einrichtungen, die junge Pflege anbieten, setzen deshalb auf psychosoziale Unterstützung. Sozialarbeiter:innen, Psycholog:innen und externe Beratungsstellen begleiten die Familien. Denn es geht nicht nur um medizinische Versorgung, sondern auch um soziale Teilhabe und emotionale Stabilität. ## Junge Pflege ist keine Reha und kein Altenheim Gerade Kliniken und Rehazentren sind oft überfordert, wenn es um Anschlussversorgung geht. Doch nicht jeder junge Mensch passt in eine junge Pflegeeinrichtung. Die Teams müssen differenzieren zwischen neurologischer Pflegebedürftigkeit und psychiatrischem oder suchtbedingtem Unterstützungsbedarf. Für Letztere gibt es bislang kaum passende Angebote – ein dringender Handlungsauftrag an Politik und Gesellschaft. ## Auswirkungen auf das Berufsbild Pflege Die Anforderungen in der jungen Pflege verändern auch die Zusammensetzung der Teams. Neben Altenpfleger:innen arbeiten zunehmend Gesundheits- und Krankenpfleger:innen sowie Therapeut:innen. Der generalistische Abschluss gewinnt hier an Bedeutung, weil die Versorgungsrealität nicht in starren Kategorien funktioniert. Hinzu kommt: Die Arbeit ist oft erfüllender. Pflegefachpersonen erleben spürbare Fortschritte, haben mehr Zeit und erhalten durch die enge Begleitung eine tiefere Bindung zu den Bewohner:innen. ## Gute Pflege braucht Struktur und Personal Ein hoher Betreuungsschlüssel ist essenziell für die Qualität. In der jungen Pflege ist dieser Schlüssel deutlich besser als in der klassischen Altenhilfe. Während Pflegefachpersonen in vielen Einrichtungen acht bis zehn Bewohner:innen versorgen, liegt die Quote hier bei vier. Das ermöglicht nicht nur mehr Pflegezeit, sondern auch spontane Ausflüge, persönliche Betreuung und gemeinsame Aktivitäten ohne dass andere Aufgaben leiden. ## Perspektive: Wachsende Bedeutung bei knappen Ressourcen Die demografische Entwicklung stellt das System vor doppelte Herausforderungen: Mehr alte, aber auch mehr junge Menschen sind auf Pflege angewiesen. Einrichtungen wie die beschriebene reagieren mit Innovationen. Schon jetzt entstehen neue Konzepte, mehr Plätze, differenziertere Angebote – etwa für junge Menschen mit Suchthintergrund oder psychischer Erkrankung. Dabei bleibt das Grundprinzip erhalten: Pflege bedeutet nicht Aufbewahrung, sondern Teilhabe und Lebensqualität. ## Veranstaltungen [EMPCARE](https://www.empcare.de/?ref=uebergabe.de) Train the Trainer Seminar [![CTA Image](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/empcare.png)](https://bildung.ukbonn.de/LS/2046671272/KIP/DetailBenutzerdefiniert/916eaf49-32d1-46cc-841d-d7a96f4b1696?wss%5F1=esGrid%5FKipUebersicht&wss%5F1%5Fanzahl=0&wss%5F1%5Fsort=asc---Lehrgang%20Name~~asc---Kursdauer%20von~~asc---Kurs%20Titel&wss%5F1%5Fgruppierung=asc---Lehrgang%20Name~~asc---Kurs%20Titel&ref=uebergabe.de) Bereits zum vierten Mal laden wir in diesem Sommer zu unserem Train the Trainer für empCARE ein. [empCARE](https://www.empcare.de/?ref=uebergabe.de) ist das wissenschaftlich evaluierte Präventionskonzept für Pflege- und Sozialberufe. Einige Bildungseinrichtungen haben es bereits fest in ihre Ausbildungen oder Fachweiterbildungen integriert. Zahlreiche Einrichtungen arbeiten mit unseren freiberuflichen Trainier\*innen zusammen und nutzen empCARE im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Wir freuen uns auf weitere interessierte Kolleg\*innen, die ihre Kompetenzen in der Gesundheitsförderung, der Beziehungsarbeit und in der interaktiven Didaktik erweitern wollen. [Zum Seminar ](https://bildung.ukbonn.de/LS/2046671272/KIP/DetailBenutzerdefiniert/916eaf49-32d1-46cc-841d-d7a96f4b1696?wss%5F1=esGrid%5FKipUebersicht&wss%5F1%5Fanzahl=0&wss%5F1%5Fsort=asc---Lehrgang%20Name~~asc---Kursdauer%20von~~asc---Kurs%20Titel&wss%5F1%5Fgruppierung=asc---Lehrgang%20Name~~asc---Kurs%20Titel&ref=uebergabe.de) [empCARE Fachtagung FlyerTAKE CARE OF YOU - Empathie als Prävention für GesundheitsberufeempCARE\_Fachtagung\_20250410.pdf277 KBdownload-circle](https://www.uebergabe.de/content/files/2025/04/empCARE%5FFachtagung%5F20250410.pdf "Download") ## Was ist deine Meinung zur Fortbildungsordnung Rheinland-Pfalz? [Fortbildungsordnung Rheinland-PfalzMoin! In Rheinland-Pfalz hat sich ws getan in Richtung Fortbildungsordnung. Ab 1\. Juli 2025 wird diese dann aktiv umgesetzt. Also: Fortbildungen werden damit verpflichtend und man muss Punkte sammeln. Die Homepage gibt aber gute Infos, was man da geltend machen kann. Das ist ein bunter Blumenstrauß und dann auch nicht so schwer zu sammeln in 2 Jahren. Ich kann mich aber auch irren. Mich würde aber mal eure Meinung interessieren. Denn: Kammer ist ja irgendwie immer umstritten, auch wenn sich h…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-9.jpeg)Übergabe CommunityChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/172fbb24ef03ec9f9c27617a7268c688fa0f75de.png)](https://community.uebergabe.de/t/fortbildungsordnung-rheinland-pfalz/309?ref=uebergabe.de) --- ## Zum Weiterhören - [ÜG133 – Außerklinische Intensivversorgung mit Christoph Jaschke](https://www.uebergabe.de/ug133/) - [ÜG132 – Pflege von Menschen mit geistiger Behinderung (Dr. Stefanie Schniering & Tabea Zillmann)](https://www.uebergabe.de/ug132/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Resilienz und Kündigungsabsichten in der Intensivpflege URL: https://www.uebergabe.de/resilienz-und-kundigungsabsichten-in-der-intensivpflege/ Last updated: 2025-04-10T08:00:43.000Z 🗓️ #76 | 10.04.2025 ### Worum geht's? Im Fokus der Studie steht die Wechselwirkung zwischen individueller Resilienz, Arbeitszufriedenheit und der Absicht, den Pflegeberuf zu verlassen. Es wird untersucht, wie diese psychologischen und organisatorischen Faktoren sich gegenseitig beeinflussen und welche Rolle sie für das langfristige Verbleiben von Pflegefachpersonen in intensivmedizinischen Bereichen spielen. 💡 Resilienz bezeichnet die Fähigkeit von Menschen, Krisen, Belastungen oder schwierige Lebenssituationen psychisch gesund zu überstehen und sich davon zu erholen. Es geht dabei nicht nur um Widerstandskraft, sondern auch um die Fähigkeit zur Anpassung und Weiterentwicklung trotz widriger Umstände. Resiliente Personen können Stress besser bewältigen, weil sie z. B. auf innere Ressourcen, soziale Unterstützung oder eine positive Grundhaltung zurückgreifen. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die Bedeutung von Resilienz im Zusammenhang mit der Kündigungsabsicht und der Arbeitszufriedenheit von Pflegefachpersonen auf Intensivstationen zu analysieren. Dabei sollten Erkenntnisse zur Mitarbeiter:innenbindung und zum Erhalt von Fachpersonal im Gesundheitswesen gewonnen werden, insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Belastungen im Pflegealltag. _This post is for paying subscribers only._ ### Wünsch dir was: Die Pflegebranche mit Methoden der Zukunftsforschung bereichern / Gastbeitrag von Katja Pein URL: https://www.uebergabe.de/wunsch-dir-was-die-pflegebranche-mit-methoden-der-zukunftsforschung-bereichern-gastbeitrag-von-katja-pein-2/ Last updated: 2025-04-08T07:00:35.000Z ## Einleitung Die Pflegebranche steht nicht nur vor kommenden großen Herausforderungen – nein, sie findet sich derzeit schon mitten in vielerlei Herausforderungen wieder. Eine älter werdende Gesellschaft, älter werdende Mitarbeiter:innen in der Pflege, Fachkräfte, deren Zahl weniger wird und in die Interaktionsarbeit Pflege einziehende Digitalisierung bedeuten große Wandlungen mit ihren je eigenen Herausforderungen. Aber auch Chancen können aus diesen großen Herausforderungen entstehen. Der eine oder die andere mag sich nun fragen: „Chancen – welche Chancen?“ und angesichts der großen Herausforderungen, die das Berufsfeld Pflege verändern, kann dieser Blickwinkel durchaus Berechtigung finden. Andererseits bieten die genannten Herausforderungen in ihrer Umfasstheit auch die Chance, neu zu denken, neu zu handeln und vor allem aktiv zu gestalten, um das Berufsfeld Pflege zukünftig anders aufzustellen. Denn auf Grund des demografischen Wandels, des Fachkräftemangels und der zunehmenden Digitalisierung ist es schon heute entscheidend, zukunftsorientierte Ansätze zu entwickeln und neue Wege zu gehen. Und hier liegen durchaus einige Gestaltungsmöglichkeiten, denn die gute Nachricht ist: Es gibt nicht nur *den* *einen* Weg, sondern viele. In diesem Beitrag soll es darum gehen, andere Zukünfte der Pflegebranche in den Blick zu nehmen und Gestaltungsmöglichkeiten aufzeigen, die durch den Einsatz von Methoden der Zukunftsforschung entstehen können. --- ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/03/Katja_Pein_2020b_sw-2-1.jpg) Katja Pein 💡 Katja Pein hat einen Masterabschluss in [Zukunftsforschung](https://www.ewi-psy.fu-berlin.de/erziehungswissenschaft/studiengaenge/zukunftsforschung/index.html?ref=uebergabe.de) an der FU Berlin erworben. Zuvor studierte sie berufsbegleitend im Bachelor Business Administration. Davor war sie lange Jahr in ihrem Ausbildungsberuf Logopädin tätig. Heute arbeitet sie am [Forschungsinstitut Betriebliche Bildung](https://www.f-bb.de/?ref=uebergabe.de) (f-bb) gGmbH am Standort Potsdam als Projektkoordinatorin. Eines der Projekte, die sie betreut, ist das [Zukunftszentrum Brandenburg](https://www.zukunftszentrum-brandenburg.de/?ref=uebergabe.de), welches kleine und mittelständische Unternehmen in Brandenburg im Wandel der Arbeitswelt begleitet. Ihre Expertise für Pflege und Zukünfte bringt sie bedarfsgerecht in diesem Projekt in den Schwerpunkt Pflege ein. --- ### 1\. Pflege im Wandel – aber wohin? Die Pflegebranche ist derzeit durch große Herausforderungen gekennzeichnet, die auf sie einwirken. Exemplarisch seien hier genannt: demografischer Wandel, Fachkräftemangel und Digitalisierung. Der demografische Wandel hat dabei sogar noch eine zweifache Wirkung: nicht nur werden wir als Gesellschaft insgesamt durch medizinischen Fortschritt, verbesserte Ernährung und Gesundheitsvorsorge immer älter, sondern auch die Pflege-Fachkräfte selbst werden immer älter (1, Literaturangaben s. Ende). Dies kann zusätzlich zur Folge haben, dass eine körperlich und mental anspruchsvolle Arbeit wie die Pflege nicht immer bis zum vorgesehenen Renteneintritt ausgeübt werden kann. Dies wirkt sich unmittelbar auf den nächsten hier benannten Treiber aus und verstärkt diesen: der Fachkräftemangel. Schon heute besteht in der Pflegebranche ein eklatanter Mangel an Fachkräften (2). Der nach bisherigen Zahlen vorliegende Bedarf an Fachkräften könnte sich laut Statistischem Bundesamt bis zum Jahr 2049 um ein Drittel auf 2,19 Millionen steigern im Vergleich zu 2019 (3). Das heißt: in Zukunft ist damit zu rechnen, dass der Bedarf den zur Verfügung stehenden Pool an Fachkräften weit übersteigen wird. Dies ist keine angenehme Zukunftsaussicht. Auf Grund von demografischem Wandel und Fachkräftemangel rückt damit der (zunehmende) Einsatz von Digitalisierung in den Blick als mögliche Lösungsoption für die herrschenden Probleme in der Pflegebranche. Als eine mögliche Lösung werden digitale Tools und der Einsatz von digitalen Unterstützungslösungen für die Pflege diskutiert. Dabei ist der Fokus auf die Unterstützung und Erleichterung der Pflegearbeit gerichtet, so dass Pflegepersonen mehr Zeit gewinnen können. Das aus dem Wirtschaftskontext übertragene Wort „gewinnen“ ist dabei bewusst gewählt, da auch die Pflegebranche seit langem eine Ökonomisierungsbewegung durchläuft. Gewonnen wird dann durch den Einsatz digitaler (Unterstützungs-) Anwendungen – so die allgemeine Hoffnung – ein Mehr an Zeit für Pflegekräfte. Allerdings bedeutet dieses „Mehr an Zeit“ nicht unbedingt, dass auch ein Mehr an Zeit für Interaktionsarbeit und den einzelnen Pflegeempfangenden dabei herauskommt oder die „gewonnene Zeit“ für Weiterbildung von professionell Pflegenden eingesetzt wird. Die erwartete Situation des Fachkräftemangels wird in dieser Logik überhaupt erst bewältigbar *durch* den Einsatz von Digitalisierung, um das erwartete erhöhte Aufkommenden pflegebedürftiger Menschen bewältigen zu können. Schlussendlich wären also Pflegekräfte durch ein „Mehr an Zeit“ mit einem „Mehr an Patienten in der zur Verfügung stehenden Zeit“ konfrontiert. Dies würde dann also nicht zu verbesserten Arbeitsbedingungen und zu einer höheren Attraktivität des Pflegeberufes führen, die es dringend braucht. Dies ist allerdings nur eine von vielen Möglichkeiten wie eine Pflege der Zukunft aufgestellt sein könnte. Eine zugegeben weit verbreitete Erzählung, die einen defizitären Blick auf die Branche Pflege und die in ihr arbeitenden Menschen unterstützt und den vermehrten Einsatz von Digitalisierung quasi als unausweichlich erscheinen lässt. Digitalisierung bzw. Technisierung verengt den Blick aber darauf, dass nur Technik als Lösung zur Bewältigung der anstehenden Probleme gesehen wird. Was aber wäre, wenn es weitere Möglichkeiten für eine andere Gestaltung der Zukunft der Pflege geben kann? Was wäre, wenn nicht nur der Einsatz von Technik das System Pflege gestalten kann, sondern auch die Menschen, die in der Pflege arbeiten, das System Pflege wünschbar gestalten können? Für dieses Gedankenspiel kann die Disziplin Zukunftsforschung mit ihren Methoden einen Ansatzpunkt liefern. ### 2\. Zukunftsforschung als Grundlage für Zukunftsgestaltung Die Disziplin Zukunftsforschung befasst sich auf den ersten Blick mit etwas, was es noch gar nicht gibt: der Zukunft. Wobei da schon der Hase im Pfeffer liegt, denn in der Zukunftsforschung spricht man von Zukünften, gerne ohne Artikel und nicht von „der Zukunft“. Der (sehr) menschliche Wunsch, über „die Zukunft“ Bescheid zu wissen, ja im Besonderen über die eigene Zukunft Bescheid zu wissen, ist vermutlich aus dem Wunsch des „Vorauswissen-Wollens“ vor langer Zeit entstanden. Wie im alten Griechenland wurde dieses Bedürfnis beispielsweise von Weisen (wie dem Orakel von Delphi) bedient. Diese Beschäftigung mit Zukunft war noch weitgehend von Spekulation geprägt. Im Laufe der Zeit wandelte sich die Befassung mit Zukunft zu einer systematischeren Beschäftigung mittels Methoden der Berechnung. Die Vorausschau war gegründet auf den technischen Fortschritt, so dass auch „die Zukunft“ vorhersehbar durch den Einsatz von Technik erschien. In einer zunehmend komplexeren Welt hat sich die Disziplin Zukunftsforschung weiterentwickelt. Heute werden in der Zukunftsforschung nicht nur eine technisch begründete Vorausschau, sondern auch partizipative und kreative Methoden eingesetzt. Die Zukunftsforschung geht grundsätzlich davon aus, dass Zukunft nicht gewusst werden kann und daher nicht feststeht (4). Dieses „Nicht-Feststehen“ gibt Raum, denn wenn etwas nicht feststeht, dann ist es offen. Offen für Gestaltung. Aber wie kann man sich der Gestaltung nicht nur einer, sondern gleich mehrerer Zukünfte nähern? Hierfür hält die Zukunftsforschung verschiedene Methoden bereit. Durch diese können verschiedene Zukunfts-Szenarien erarbeitet und sichtbar gemacht werden. Diese Zukunfts-Szenarien können dann bei Bedarf noch verschieden kategorisiert werden, beispielsweise als „plausibel“, „möglich“ oder auch „wünschenswert“. ### 3\. Wünschbare Zukünfte in der Pflege – nur ein Gedankenspiel? Vielleicht fragt sich nun manch Lesende: Warum sich als Individuum oder als Organisation mit wünschbaren Zukünften beschäftigen? Wir sind hier ja nicht, um es salopp zu sagen, bei „Wünsch dir was“. Und tatsächlich: Die Beschäftigung mit Zukünften, zumal noch wünschbaren, ist vielleicht nicht das Alltäglichste, besonders nicht für die Branche Pflege. Aber allein die Beschäftigung mit dem Thema „Zukunft in der Pflege“ im Plural, nämlich „Zukünfte in der Pflege“ bedeutet ein Weiten des Blickwinkels und mehr Zukunftsoptionen als bisher vielleicht geglaubt, können sichtbarer werden und Mut zum Gestalten geben. Das aktive Gestalten einer wünschbaren Zukunft ist besonders wertvoll für eine Branche, die sich derart im Umbruch befindet wie die Pflege in all ihrer Vielschichtigkeit. Das Beschäftigen mit Zukünften und die Entwicklung eines positiven, wünschbaren Zukunftsbildes kann für Pflege-Unternehmen wie eine Art „Leitstern“ wirken, um Entwicklungen hin zu dieser wünschenswerten Zukunft anzustoßen. Denn – auch das sei zu bedenken gegeben – wer sich nicht aktiv mit eigenen Zukünften beschäftigt und diese reflektiert, folgt den Zukunftsbildern, die andere für Unternehmen oder die Branche vorsehen und richtet sein Handeln daran aus, statt eigene Zukunftsbilder zu kreieren (5). Es braucht daher eigene Vorstellungen von Zukünften, um ins aktive Handeln zu kommen. Zusätzlich kann die Beschäftigung mit wünschbaren Zukünften der Pflege auch bei Menschen, die in dieser Branche arbeiten, einen Prozess in Gang setzen, sich mit dem auseinander zu setzen, was sie an ihrer Arbeit für unverzichtbar halten oder was sich als ggf. nicht so wichtig erachten (6). Angesichts von Ökonomisierung und einer sich verändernden Arbeitswelt kann die Beschäftigung mit wünschbaren Zukünften also dazu beitragen, sich mit der Essenz von Pflegearbeit auseinander zu setzen. Beispielsweise kann auf individueller, Team- oder organisationaler Ebene reflektiert werden: Was macht für mich/uns Pflege aus und was möchten wir in einer sich ändernden Arbeitswelt erhalten oder sogar stärken? Kurz: Was macht für mich/uns eine wünschbare Zukunft der Pflege aus? Sich diesen Fragen strukturiert und methodisch zu nähern, kann dabei helfen, wünschenswerte Zukünfte der Pflege zu entwickeln. ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### 4\. Zukunftsforschungsmethoden nutzen für wünschbare Zukünfte in der Pflege Die Zukunftsforschung verfügt über verschiedene Methoden, sich mit Zukünften zu beschäftigen und sich diesen zu nähern. Bekannt sind u.a. die Methoden Trend-Analyse und Szenario-Technik (7). Diese Methoden können mittels wissenschaftlich geleiteter Datenerhebung und -auswertung dazu beitragen, Trends zu identifizieren und daraus folgend Szenarien zu erstellen. Das ist für einen Einstieg ins „Zukünftedenken“ für Nicht-Wissenschaftler ein eher abstraktes Level. Es ist aber auch möglich, diese Methoden in einem partizipativ-kreativen Ansatz quasi „für Einsteiger“ nutzbar zu machen und in das Thema Zukünfte-Bildung einzusteigen. Diesen partizipativ-kreativen Ansatz möchte ich hier beleuchten, um aufzuzeigen, wie sich Zukünfte „erdenken“ lassen und wie sich daraus folgend eine Kategorisierung in z.B. wünschbare Zukünfte der Pflege angehen lässt. In einem Drei-Schritt sollen 1\. (Branchen-)Trends identifiziert, 2\. Szenarien erstellt und 3\. Szenarien kategorisiert werden. Im Folgenden stelle ich das Vorgehen exemplarisch vor. Für einen praktischen Einstieg in dieses vielleicht ungewohnte Feld der Vorausschau, von Zukünften und das Ausprobieren eignen sich die in den Quellen hinterlegten Toolkits „Trend-Analyse für Einsteiger“ (8) und „Szenario-Entwicklung für Einsteiger“ (9). Nachdem Trends identifiziert und Szenarien entwickelt wurden, können diese noch kategorisiert werden, bspw. in „möglich“, „nicht-möglich“, „wünschbar“ oder auch „nicht-wünschbar“. Angelehnt ist diese Kategorisierung an den „Futures Cone“ nach Joseph Voros (10), der davon ausgeht, dass heutige Entwicklungen in die Zukunft reichen und dort verschiedene Ausprägungen wie plausibel, möglich und wünschenswert annehmen können. Mithilfe der Trend-Analyse können – beispielsweise bezogen auf eine bestimmte Branche – Veränderungsanzeichen sichtbar gemacht werden. Hierbei geht es darum, gezielt einen genauen Blick auf das „Jetzt schon“ zu werfen und Entwicklungen, die die Branche heute schon deutlich beeinflussen und verändern, zu sammeln und zu analysieren. Dies kann beispielsweise durch die systematische Betrachtung verschiedener Einflüsse aus dem Umfeld geschehen. Einflüsse aus dem Umfeld können dabei z.B. nach politischen, wirtschaftlichen, sozialen, technologischen, umweltbezogenen und rechtlichen Einflüssen gegliedert werden (11). Oft stellen sich dann mehrere Trends dar, die sich ggf. auch gegenseitig beeinflussen können. Die Trend-Analyse dient dazu, bereits heute relevante Veränderungen eines Systems sichtbar zu machen und mögliche Auswirkungen dieser Trends in einem bestimmten Zeithorizont zu antizipieren. Das Vorausdenken von möglichen Auswirkungen der verschiedenen identifizierten Trends kann dazu beitragen, sich Zukünfte besser vorstellen zu können. Dabei geht es nicht darum, *eine* *bestimmte Zukunft* vorauszusagen, sondern im Gegenteil sich der Vielschichtigkeit von Auswirkungen bewusst zu werden. Mithilfe einer weiteren Methode können die identifizierten Trends dann in Szenarien skizziert werden („Szenario-Methode“). Wie geschieht das? Die zuvor identifizierten Trends werden danach bewertet, wie sehr sie voraussichtlich eine zukünftige Entwicklung „treiben werden“. Man bezeichnet sie deshalb auch als Treiber, denn sie beeinflussen maßgeblich, wie eine Zukunft unter diesem Treiber aussehen könnte. Eingeordnet werden diese beiden Treiber anhand der Kriterien „Ungewissheit“ und „Bedeutung“ entlang von Achsen. Leitfragen für diesen Schritt sind: *„Wie gewiss/ungewiss wird dieser Treiber in Zukunft eintreten bzw. sich weiterentwickeln und zukünftige Entwicklungen beeinflussen?“* und „*Wie bedeutend (stark/weniger stark) wird dieser Treiber die Zukunft beeinflussen?“*. Zur Visualisierung können die identifizierten Treiber in ein Schema eingeordnet werden (s. Abb. 1). Die Treiber, die in der rechten oberen Ecke ganz außen einsortiert werden, sind die, von denen zu erwarten ist, dass sie die größte Auswirkung in Zukunft haben werden. Die Einsortierung erfolgt hier in einer diskursiven Bewertung: Wie groß wird der Einfluss des Treibers eingeschätzt? Ziel dieses Schrittes ist die Auswahl von zwei Treibern, um auf diesen aufbauend verschiedene Zukünfte skizzieren zu können. ![](https://lh7-rt.googleusercontent.com/docsz/AD_4nXeHPRJQcBQTaBjjyyHMupPLKmUjK2DLJKW_Ojh1wImitNdl6vlEJIijqOLk8BSCeuqyu96RvsOHt_xR_O2HXNi9KON0-iacwCCOUXXtQ4SM_8nL2twsvuMOEag3Hygm5L05r9RxLKuD_3V3B6Gh4g?key=fIVxzqCAh8IOStYcsJ6btp8U) **Abbildung 1: Treiber bewerten nach Bedeutung und Ungewissheit (Quelle: Vorlage 2 aus*[ *Szenario-Entwicklung für Einsteiger – ein Toolkit. Oder: Alternative Zukünfte skizzieren.*](https://foresight-festival.com/wp-content/uploads/2021/02/Toolkit-Szenarien-FutureImpacts-Foresight-Festival-1-2021-ff.pdf?ref=uebergabe.de)**)* Im nächsten Schritt werden die zwei „Top-Treiber“ dazu genutzt, Szenarien zu skizzieren. Dazu werden die beiden ausgewählten Treiber in einer 2x2 Matrix in ihren Ausprägungen (extrem bis moderat) dargestellt. Hier geht es darum, die sich gegenseitig beeinflussenden Treiber in verschiedenen Ausprägungen miteinander zu kombinieren. Dadurch können wechselseitige Einflüsse eines Treibers auf den anderen sichtbar gemacht werden. In vier Feldern entstehen so Szenarien, die unterschiedliche Ausprägungen annehmen. Das Ziel dieses Schrittes ist, unterschiedliche Szenarien in unterschiedlichen Ausprägungen sichtbar zu machen und durch Ausformulierungen zu „unterfüttern“ (s. Abb. 2) ![](https://lh7-rt.googleusercontent.com/docsz/AD_4nXd-Y10f5jR5hLoMsvImZ42ZVcWO23qqkJ5D6uQuPcaSv6UAR2tTGy-ugRQvJAjBKPSMaHDkoVn_7QuKfalR68OIpBXycuqT9vJKmfyrNi4WCvf6DY0m8kV_Rmn1qoAfBKCqItJes7eDRG75HBsRKg?key=fIVxzqCAh8IOStYcsJ6btp8U) **Abbildung 2 Zukünfte skizzieren mit der 2x2 Matrix, Quelle: Vorlage 2 aus*[ *Szenario-Entwicklung für Einsteiger – ein Toolkit. Oder: Alternative Zukünfte skizzieren.*](https://foresight-festival.com/wp-content/uploads/2021/02/Toolkit-Szenarien-FutureImpacts-Foresight-Festival-1-2021-ff.pdf?ref=uebergabe.de) Die entstandenen Szenarien können dann noch kategorisiert werden, z.B. als „wünschbar“, „möglich“ oder auch „nicht-wünschbar“. Sie geben so eine wertvolle Orientierungshilfe, um sich auf verschiedene Zukünfte einzustellen und vorzubereiten (s. Abb. 3). ![](https://lh7-rt.googleusercontent.com/docsz/AD_4nXfhQJj0eLzJ7N-gO11w9YsHNLjxsLgGryUxHLdftzretCaZgYbBgAk5_KXNSMIurCmy2Fcwe8b5tKSNgpp1itgGXTmX_6bXIykDkvs8h2OctzabldeO0A6Ix32TXLrYWHBIiOopjy0DfuXSSHTNcW8?key=fIVxzqCAh8IOStYcsJ6btp8U) **Abbildung 3: Futures Cone nach Joseph Voros, Quelle:* [**The Futures Cone, use and history – The Voroscope*](https://thevoroscope.com/2017/02/24/the-futures-cone-use-and-history/?ref=uebergabe.de) Das Beschäftigen mit Zukünften und die Entwicklung eines positiven, wünschbaren Zukunftsbildes kann dabei wie eine Art „Leitstern“ wirken, um Entwicklungen hin zu dieser wünschenswerten Zukunft anzustoßen. Mögliche Leitfrage zum Anstoßen einer Entwicklung kann sein: „Was können wir heute tun, damit das wünschenswerte Szenario eintreffen kann?“. ## Abschluss und Ausblick Die Pflege befindet sich in einem großen Umbruch – bedingt durch Fachkräftemangel, Digitalisierung und Ökonomisierung. Dabei scheinen Digitalisierung und ein vermehrter Einsatz von Technik als einziger Weg in die Pflege der Zukunft. Dies lässt die Wünsche der in der Pflege Arbeitenden allerdings außen vor und wird der Vielfältigkeit von Pflege und möglichen Zukünften der Pflege nicht gerecht. Methoden der Zukunftsforschung können helfen, Zukunft als offen und gestaltbar wahrzunehmen und ins Gestalten einer wünschbaren Zukunft der Pflege zu kommen. Neben der systematischen Beschäftigung mit Zukünften kann mit dem hier beschriebenen Weg hin zu wünschbaren Zukünften auch ein neuer Weg beschritten werden: Welche Trends in der Branche Pflege sind schon heute erkennbar, welche Szenarien können daraus entwickelt werden und welche(s) dieser Szenarien wird als „wünschbar“ wahrgenommen? Diese Fragen können helfen sich in der Branche Pflege, in einem Pflege-Unternehmen oder als professionell Pflegender individuell zu vergewissern: Was möchten wir beibehalten in einer wünschenswerten Pflege der Zukunft? Was möchten wir hinter uns lassen und/oder was wollen wir anstreben? Die Beschäftigung und strukturierte Auseinandersetzung mit Zukünften bietet in einer von Umbrüchen geprägten (Arbeits-)Welt Orientierungs- und Handlungswissen zur Gestaltung einer wünschbaren Zukunft der Pflege und lenkt den Blick von der gegenwärtigen Problembetrachtung auf eine zukunftsgerichtete, gestaltungsorientierte Auseinandersetzung. --- ## Literatur 1) Statistisches Bundesamt | WISTA | 2 | 2024, [pflegearbeitsmarkt-demografischen-wandel-022024.pdf](https://www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2024/02/pflegearbeitsmarkt-demografischen-wandel-022024.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&ref=uebergabe.de), zuletzt aufgerufen am 28.01.2025 2) Statistik der Bundesagentur für Arbeit Berichte: Blickpunkt Arbeitsmarkt – Arbeitsmarktsituation im Pflegebereich, Nürnberg, Mai 2024, verfügbar unter: [Altenpflege.pdf](https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Berufe/Generische-Publikationen/Altenpflege.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&ref=uebergabe.de), zuletzt aufgerufen am 28.01.2025 3) Statista: Bedarf an Pflegefachkräften, [Bis 2049 werden voraussichtlich mindestens 280 000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt - Statistisches Bundesamt](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/01/PD24%5F033%5F23%5F12.html?ref=uebergabe.de), zuletzt aufgerufen am 24.02.2025 4) Zukunftsforschung für die gesellschaftliche Praxis, Kreibich/IZT: [IZT\_AB29.pdf](https://www.izt.de/media/2022/10/IZT%5FAB29.pdf?ref=uebergabe.de), zuletzt aufgerufen am 28.02.2025 5) Kleske, [Corporate Foresight: Von der Zukunftsangst zum aktiven Gestalten - Johannes Kleske](https://johanneskleske.com/corporate-foresight-von-der-zukunftsangst-zum-aktiven-gestalten/?ref=uebergabe.de), zuletzt aufgerufen am 20.02.2025 6) Haltaufderheide, [https://youtu.be/xbfzUtCFn14?feature=shared](https://youtu.be/xbfzUtCFn14?feature=shared&ref=uebergabe.de), zuletzt aufgerufen am 20.02.2025 7) Grundlagen und Methoden der ZuFo, [methoden-zukunftsforschung\_sfz-wb21.pdf](http://www.institutfutur.de/%5Fservice/download/methoden-zukunftsforschung%5Fsfz-wb21.pdf?ref=uebergabe.de), zuletzt aufgerufen am 19.02.2025 8) Trend-Analyse für Einsteiger – ein Toolkit., [Toolkit-Trends-FutureImpacts-Foresight-Festival-1-2021-ff.pdf](https://foresight-festival.com/wp-content/uploads/2021/02/Toolkit-Trends-FutureImpacts-Foresight-Festival-1-2021-ff.pdf?ref=uebergabe.de), zuletzt aufgerufen am 24.02.2025 9) Szenario-Entwicklung für Einsteiger – ein Toolkit., [Toolkit-Szenarien-FutureImpacts-Foresight-Festival-1-2021-ff.pdf](https://foresight-festival.com/wp-content/uploads/2021/02/Toolkit-Szenarien-FutureImpacts-Foresight-Festival-1-2021-ff.pdf?ref=uebergabe.de), zuletzt aufgerufen am 24.02.2025 10) Voros, Futures Cone, [BHAnticipation-Voros-preprintofsubmittedversion.pdf](https://www.researchgate.net/profile/Joseph-Voros/publication/318858494%5FBig%5FHistory%5Fand%5FAnticipation%5FUsing%5FBig%5FHistory%5Fas%5Fa%5Fframework%5Ffor%5Fglobal%5Fforesight/links/5aa07532a6fdcc22e2cedc74/Big-History-and-Anticipation-Using-Big-History-as-a-framework-for-global-foresight.pdf?ref=uebergabe.de), zuletzt aufgerufen am 24.02.2025 11) PESTEL, [Organisationshandbuch - PESTEL-Methode](https://www.orghandbuch.de/Webs/OHB/DE/OrganisationshandbuchNEU/4%5FMethodenUndTechniken/Methoden%5FA%5Fbis%5FZ/PESTEL%5FMethode/PESTEL%5FMethode%5Fnode.html?ref=uebergabe.de), BMIH, zuletzt aufgerufen am 28.02.2025 ### Koalitionspapier Gesundheit und Pflege / Reaktionen der Verbände URL: https://www.uebergabe.de/pu094/ Last updated: 2026-06-13T23:27:32.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 05.04.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Koalition plant Primärarztsystem: Zugang zu Fachärzt:innen läuft künftig über Hausärzt:innen. - Drei Pflegegesetze in 100 Tagen: Kompetenz-, Assistenz- und APN-Gesetz geplant. - Pflege soll stimmberechtigten Sitz im Gemeinsamen Bundesausschuss erhalten. - Verbände loben Richtung, kritisieren aber fehlende Finanzierung und strukturelle Verankerung. - RLP führt ab Juli 2025 verbindliche Fortbildungspflicht ein: 40 Punkte in zwei Jahren. ## Zum Weiterhören - [PU100 – Pflegekompetenzgesetz / Pflegefachassistenzgesetz](https://www.uebergabe.de/pu100/) - [PU065 – Im Fokus: Pflegekompetenzgesetz / Reaktionen der Verbände](https://www.uebergabe.de/pu065/) - [PU015 – Koalitionsvertrag der zukünftigen Bundesregierung](https://www.uebergabe.de/pu015/) --- ## Ein Blick in das Koalitionspapier – und was es für die Pflege bedeutet Im Entwurf des Koalitionspapiers der Arbeitsgruppe Gesundheit und Pflege formulieren die beteiligten Parteien ein zentrales Ziel: eine bedarfsgerechte, bezahlbare und verlässlich zugängliche medizinische und pflegerische Versorgung in Deutschland. Das Papier gliedert sich in mehrere Abschnitte – mit unserem Fokus auf den Bereichen, die für beruflich Pflegende besonders relevant sind. Zentrale Maßnahmen betreffen zunächst die ambulante Versorgung. Hier soll ein sogenanntes **Primärarztsystem** eingeführt werden: Der Zugang zu Fachärzt:innen soll künftig – mit wenigen Ausnahmen wie Gynäkologie – über Hausärzt:innen laufen. Diese stellen den Bedarf fest, die Kassenärztlichen Vereinigungen müssen innerhalb eines festgelegten Zeitfensters einen Termin organisieren. Wenn das nicht gelingt, sollen Kliniken als „Auffangstruktur“ fungieren. Flankiert wird dieses System durch Maßnahmen zur Reduktion von Wartezeiten und zur Entlastung der Praxen. Die geplante **Krankenhausreform** soll im Sommer 2025 weiterentwickelt werden. Ziel ist es, die Grund- und Notfallversorgung standortsicher zu gestalten. Vorgesehen sind Ausnahmen von bestehenden Regelungen und eine stärkere finanzielle Unterstützung der Kliniken – etwa durch die Übernahme von Betriebskosten aus den Jahren 2022 und 2023. [Koalitionsverhandlungen: Darüber streiten Union und SPDWie laufen die Verhandlungen der möglichen neuen Regierungsparteien? Wir veröffentlichen alle Ergebnisse der Arbeitsgruppen von CDU, CSU und SPD.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon.d1e9ae837ec3.png)FragDenStaatArne Semsrott![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ags.png__1200x630_crop_subsampling-2.png)](https://fragdenstaat.de/artikel/exklusiv/2025/03/koalitionsverhandlungen-cducsuspd/?ref=uebergabe.de) ### Pflege im Fokus – große Reform, große Ankündigungen Im Abschnitt zur Pflege ist von einer „**Generationsaufgabe**“ die Rede. Um diese zu bewältigen, sei ein **Paradigmenwechsel** notwendig: Weg von Kontrolle, hin zu Vertrauen. Weg von Bürokratie, hin zu mehr Gestaltungsfreiheit. Damit ist klar: Gemeint ist hier in erster Linie die Pflege im Rahmen der **sozialen Pflegeversicherung (SGB XI)**. Die Pläne klingen ambitioniert und wenig präzise: - System vereinfachen - Eigenanteile begrenzen - pflegende Angehörige stärken - Leistungen bündeln - regionale Versorgungsangebote verbessern ### Relevante Punkte für beruflich Pflegende: Doch für beruflich Pflegende ist vor allem eines bemerkenswert: Die Koalition kündigt an, **innerhalb der ersten 100 Tage** drei zentrale Gesetze auf den Weg bringen zu wollen: - **Pflegekompetenzgesetz** - **Pflegeassistenzgesetz** - **Gesetz zur Einführung von Advanced Practice Nursing (APN)** Diese drei Vorhaben könnten den Handlungsspielraum der Pflegeberufe deutlich erweitern. Wie konkret das ausgestaltet wird, ist bislang offen – doch die Richtung stimmt. Zusätzlich wird ein „**kompetenzorientierter Fachpersonaleinsatz** mit eigenständiger Heilkundeausübung“ angestrebt. Außerdem: Die **Eigenverantwortung der Pflege** soll aufgewertet werden – unter anderem durch einen **stimmberechtigten Sitz im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA)**. Das wäre ein wichtiger Schritt hin zu echter Mitgestaltung auf Augenhöhe mit anderen Akteuren im Gesundheitswesen. ## Reaktionen von Verbänden und Kammern – Zwischen Zuversicht und Zurückhaltung Die ersten Reaktionen aus der Pflege fallen insgesamt positiv, aber differenziert aus. Der **Deutsche Pflegerat (DPR)** begrüßt die Richtung des Koalitionspapiers und hebt hervor, dass viele eigene Forderungen aufgegriffen wurden. Besonders die Aussicht auf Bürokratieabbau und die Umsetzung der drei zentralen Pflegegesetze werden als **wichtige Signale** gewertet. [Deutscher Pflegerat - Willkommen beim DPRWillkommen auf der Webseite des DPR! Wir vertreten als Bundesarbeitsgemeinschaft und Dachverband seit 1998 die bedeutendsten Berufsverbände des Pflege- und Hebammenwesens in Deutschland.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-22.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-9.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) DPR-Präsidentin Christine Vogler formuliert es so: *„Die Richtung stimmt.“* Der Pflegerat sieht in der Bürokratieentlastung das Potenzial für eine neue **Vertrauenskultur im Gesundheitswesen** – vorausgesetzt, es bleibt nicht bei Ankündigungen. Gleichzeitig mahnt der DPR an, dass weiterhin **strukturelle Fragen unbeantwortet** bleiben. Die Pflege wird zwar gestärkt, aber nicht als eigenständige Säule im Gesundheitssystem verankert. Auch fehlt eine verbindliche Beteiligung der Pflegeinstitutionen an gesundheitspolitischen Entscheidungen. Der **Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)** sieht das ähnlich – lobt die grundsätzliche Richtung, geht aber mit seinen Forderungen einen Schritt weiter. Besonders betont der Verband: - die Notwendigkeit einer **Chief Government Nurse** im Kanzleramt - eine systematische **Akademisierung** mit mindestens 20 % akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen - mehr **Forschung**, mehr Professuren, mehr Studiengänge – kurz: ein echter Ausbau pflegewissenschaftlicher Strukturen Der **DBfK** macht deutlich: Die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte – insbesondere im demografischen Wandel – sind ohne eine gestärkte und akademisierte Pflege nicht zu bewältigen. [Richtiger Ansatz – weitere Maßnahmen müssen folgenAm Mittwoch wurde das Papier aus den Koalitionsverhandlungen der Arbeitsgruppe Gesundheit und Pflege bekannt. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) begrüßt, dass die professionelle Pflege gestärkt werden soll, richtet aber auch weitergehende Forderungen an die zukünftige Bundesregierung.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-23.ico)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DBfK_Logo_Kuller-3.svg)](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2025/DBfK-zu-Koalitionspapier-der-AG-Gesundheit-und-Pflege.php?ref=uebergabe.de) Auch die **Pflegekammer Rheinland-Pfalz** begrüßt die Signale im Papier, besonders in Bezug auf **Eigenverantwortung** und **Bürokratieabbau**. Ebenfalls positiv bewertet wird die angekündigte Angleichung der Arbeitsbedingungen zwischen Leih- und Stammbelegschaften sowie der geplante Aufbau von Springerpools. [Koalitionsverhandlungen // Ergebnisse der Arbeitsgruppe Gesundheit und Pflege — Landespflegekammer Rheinland-PfalzGemeinsam stark für die Pflege![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Short.svg)Marcel Ritter![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/0352d09dab0f0231b82907924336acf4)](https://pflegekammer-rlp.de/koalitionsverhandlungen-ergebnisse-der-arbeits-gruppe-gesundheit-und-pflege/?ref=uebergabe.de) Aber auch hier bleibt Kritik: Kammerpräsident Dr. **Markus Mai** weist auf **fehlende Aussagen zur Finanzierung** hin. Was bedeuten etwa Klinikschließungen oder Trägerwechsel im Rahmen der Krankenhausreform für bestehende Betriebsrenten? Diese Fragen seien bislang unbeantwortet – und damit ein Risiko für viele Pflegende in Rheinland-Pfalz und darüber hinaus. ## Neue Fortbildungsordnung in Rheinland-Pfalz Ab dem **1\. Juli 2025** tritt in Rheinland-Pfalz eine neue **Fortbildungsordnung** für Pflegefachpersonen in Kraft. Künftig gilt: - Alle Kammermitglieder müssen innerhalb von zwei Jahren **mindestens 40 Fortbildungspunkte** sammeln - Gilt unabhängig vom Beschäftigungsumfang - Nur **pflegebezogene** und **interaktive** Formate werden anerkannt - Ein Punkt entspricht in der Regel 45 Minuten Fortbildungszeit - Punkte können z. B. über Seminare, Kongresse, digitale Plattformen oder Fachzeitschriften-Abos gesammelt werden [Landespflegekammer veröffentlicht erste Fortbildungsordnung für Rheinland-Pfalz — Landespflegekammer Rheinland-PfalzGemeinsam stark für die Pflege![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Short-2.svg)Marcel Ritter![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/0352d09dab0f0231b82907924336acf4-2)](https://pflegekammer-rlp.de/landespflegekammer-veroffentlicht-erste-fortbildungsordnung-fur-rheinland-pfalz/?ref=uebergabe.de) Damit passt sich die Pflege den Standards anderer Gesundheitsberufe an, wie sie in der Medizin oder Pharmazie längst etabliert sind. Die Pflicht zur regelmäßigen Fortbildung wird damit verbindlich geregelt – ein Schritt, den viele in der Pflege längst gefordert hatten. ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. --- ## Jobs 💼 Du willst Gesundheitsversorgung neu denken und dort arbeiten, wo andere Urlaub machen? Der Verein [**Gesundes Ostfriesland e.V.*](https://gesundes-ostfriesland.de/?ref=uebergabe.de) sucht ab Juni 2025 eine ****Community Health Nurse (m/w/d)** zur Gestaltung innovativer Versorgungsstrukturen in der Region Krummhörn/Hinte – direkt an der Nordsee! Du bringst pflegewissenschaftlichen Background, Lust auf Netzwerkarbeit und Interesse für den ländlichen Raum mit? Dann bewirb dich jetzt und werde Teil eines zukunftsorientierten, multiprofessionellen Projekts! 📩 Fragen & Bewerbung an: [walther@gesundes-ostfriesland.de](mailto:walther@gesundes-ostfriesland.de) [Stellenausschreibung\_CHN\_GesundesOstfrieslandStellenausschreibung\_CHN\_GesundesOstfriesland.pdf176 KBdownload-circle](https://www.uebergabe.de/content/files/2025/04/Stellenausschreibung%5FCHN%5FGesundesOstfriesland-1.pdf "Download") --- ## Veranstaltungen ⏰ Am 25\. Juni 2025 findet das ****Nursing Data Symposium 2025** im Luzerner Kantonsspital oder auch online statt. Hier geht es um die Erhebung, Analyse und Nutzung pflegerischer Routinedaten mithilfe Künstlicher Intelligenz, unter Einhaltung des Datenschutzes, ethischer Prinzipien und nachhaltigem Datenmanagement. Weitere Infos und Möglichkeiten zur Anmeldung findet ihr [HIER.](https://www.vfp-apsi.ch/services/veranstaltungen/nursing-data-symposium-2025?ref=uebergabe.de) --- ## Kennst du jemanden, der/die Pflege studieren will? 💡 ****Wir möchten auf eine Informationsveranstaltung für den Studiengang Pflege Dual (B.Sc.) an der Hochschule Osnabrück aufmerksam machen.** Studierende laden Studieninteressierte und gern auch Eltern, Geschwister oder Freund\*innen an den Campus ein, um in gemütlicher Atmosphäre über die Strukturen, den Ablauf und die Besonderheiten des dualen Studiums zu berichten. Die Veranstaltung findet am ****07\. April ab 18 Uhr** in der ****Caprivi-Lounge** auf dem Caprivi Campus statt. Sendet den Flyer an mögliche Interessent:innen weiter (z.B. aus euren Praxiseinrichtung oder im Freundeskreis) über die Veranstaltung zu informieren. Eine Anmeldung ist unter [pflege@hs-osnabrueck.de](mailto:pflege@hs-osnabrueck.de) möglich, Kurzentschlossene können aber gern auch spontan vorbeikommen! ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/Poster_Let-s-Talk-Pflegestudium-2025.jpg) --- ## Werde Teil der Übergabe-Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) • • • ## Jetzt PflegeUpdate hören [ ![Auf Apple Podcasts hören](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/apple-3.png) ](https://podcasts.apple.com/de/podcast/%C3%BCbergabe-pflegeupdate/id1570647677?ref=uebergabe.de) [ ![Auf Spotify hören](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/04/spotify-2.png) ](https://open.spotify.com/show/3YpSUsmL6O60UBTLxCTWhf?ref=uebergabe.de) • • • ### Das Konzept der Fallbegleitung - Ein patient:innennahes und personenzentriertes Tätigkeitsfeld für Advanced Practice Nurses URL: https://www.uebergabe.de/das-konzept-der-fallbegleitung-ein-patient-innennahes-und-personenzentriertes-tatigkeitsfeld-fur-advanced-practice-nurses/ Last updated: 2025-05-12T09:28:18.000Z 🗓️ #75 | 03.04.2025 💡 Diese Woche haben wir einen Gastbeitrag von Christopher Simon. Christopher ist seit 2009 examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger und hat seine berufliche Laufbahn konsequent weiterentwickelt. Zwischen 2013 und 2016 absolvierte er berufsbegleitend seinen Bachelor-Abschluss und widmet sich seit 2017 intensiv dem Thema Delir auf Normalstationen. In seiner Klinik wirkt er als Pflegeexperte mit dem Schwerpunkt Delir und hat in dieser Rolle das Delir- und Demenzmanagement aufgebaut und stetig weiterentwickelt. 2024 schloss er erfolgreich sein Masterstudium ab und ist seither als ****Advanced Practice Nurse (APN) Delir** auf einer akutgeriatrischen und alterstraumatologischen Station tätig. Christopher ist Teil eines Teams aus drei Pflegeexpert:innen APN. Gemeinsam entwickelten sie das Konzept der ****Fallbegleitung**, das sie nicht nur implementiert, sondern auch evaluiert haben. Die Ergebnisse dieser Arbeit hat er in einer Studie zusammengefasst und veröffentlicht, die er heute vorstellt. ### Worum geht's? Der Pflegeprozess ist für die professionelle Pflege ein notwendiges und verbindliches Instrument. Dieser Prozess beinhaltet Beziehungsgestaltung und Problemlösung. Gleichzeitig ist seit 2020 im Pflegeberufegesetz die Organisation, Gestaltung und Steuerung des Pflegeprozesses als Vorbehaltsaufgabe definiert. In der aktuellen Zeit ist dieser aber oft unvollständig oder fehlt. Der leitende Grundgedanke für das Konzept Fallbegleitung war es ein personenzentriertes und patientennahes Tätigkeitsfeld für Pflegeexpert:innen APN mit einer CNS-Ausrichtung zu definieren, welches die Planung und Steuerung eines erweiterten Pflegeprozesses in den Fokus nimmt. ### Was war das Ziel der Studie? Es wurde das Konzept Fallbegleitung als personenzentriertes und praxisnahes Tätigkeitsfeld für Pflegeexpert:innen APN mit einer CNS (Clinical Nursing Specialist) -Ausrichtung implementiert. Im Rahmen der Fallbegleitung wird der Advanced Nursing Process eingeführt, um eine evidenzbasierte Pflege für eine definierte Patient:innengruppe zu initiieren und den Pflegeprozess strukturiert aufzubauen. Gleichzeitig wird ein positiver Einfluss auf die Einstellung der Pflegefachpersonen gegenüber dem Pflegeprozess erwartet. _This post is for paying subscribers only._ ### Moralischer Distress in der Intensivpflege (Larissa Forster) URL: https://www.uebergabe.de/ug165/ Last updated: 2026-06-13T12:43:25.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 29.03.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Moralischer Distress entsteht, wenn du moralisch richtig handeln willst, aber strukturell nicht darfst. - Hauptauslöser sind Personalmangel, Zeitdruck und hierarchische Hürden auf Intensivstationen. - Die MIND-Studie übersetzt den MMD-HP und macht moralischen Distress in Deutschland erstmals messbar. - Dauerbelastung führt zu Empathieerschöpfung, Burnout und Berufsausstieg. - Lösungen brauchen Person und Organisation: Supervision, Ethikcafés und bessere Teamkommunikation. # Moralischer Distress in der Intensivpflege: Erkenntnisse aus der MIND-Studie Moralischer Distress ist ein Begriff, der bislang nur in wenigen Einrichtungen ernsthaft thematisiert wird. Dabei beschreibt er ein zentrales Problem in der pflegerischen Versorgung – insbesondere auf Intensivstationen. Die Pflegefachpersonen dort sind täglich mit Situationen konfrontiert, in denen sie wissen, was zu tun wäre, dies aber aus strukturellen oder hierarchischen Gründen nicht umsetzen können. Dieser Zustand hinterlässt Spuren: psychisch, emotional und körperlich. Die MIND-Studie (Moralischer Distress unter Intensivpflegepersonen in Deutschland) schließt hier eine wichtige Forschungslücke. ## Was ist moralischer Distress? Moralischer Distress ist kein Alltagsstress. Er entsteht dann, wenn Pflegefachpersonen moralisch wissen, was richtig wäre, dies aber aus institutionellen Gründen nicht tun können. Anders als allgemeiner Arbeitsstress, bei dem Überforderung oder Reizüberflutung im Vordergrund stehen, geht es hier um eine tiefer liegende Diskrepanz zwischen Wollen und Dürfen. Die betroffene Person erlebt eine ethisch aufgeladene Situation, die mit dem eigenen Berufsethos kollidiert. Die Folge: Schuldgefühle, Frustration, Zorn, ein sinkendes Selbstwertgefühl und sogar psychosomatische Beschwerden. Das Thema ist dabei keineswegs neu – der Begriff wurde bereits 1984 von Andrew Jameton geprägt – aber in Deutschland fehlt bislang ein valides Instrument zur Erfassung. Genau hier setzt die MIND-Studie an. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/03/9074db0f-8c6f-4f42-a052-15f1d687338b.png) ## Die Idee zur MIND-Studie Larissa Forster, Pflegewissenschaftlerin und Studiengangskoordinatorin an der Universität Freiburg, führt die MIND-Studie im Rahmen ihrer Promotion durch. Ihr Ziel: Den moralischen Distress messbar machen und langfristig zur Entwicklung von Interventionen beitragen. Der Ausgangspunkt war klar: Die Belastung von Intensivpflegepersonen ist hoch, doch bisher fehlten valide Daten, wie moralischer Distress entsteht, sich auswirkt und gemessen werden kann. Ein großer Teil ihrer Arbeit bestand darin, ein bestehendes, international validiertes Instrument – den ["Measure of Moral Distress for Healthcare Professionals" (MMD-HP)](https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/23294515.2019.1586008?ref=uebergabe.de) – zu übersetzen und für den deutschen Sprach- und Kulturraum anzupassen. [Moral distress in emergency and critical care nurses: A metaethnography - PubMedThe unique nature of this nursing specialty resulted in a lasting inner conflict for nurses that is consistent with the previously described crescendo effect. The effects are complex and long lasting and may potentially affect the nurses’ future patient care.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-192.png)PubMedTracey C Arnold![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/pubmed-meta-image-v2.jpg)](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32700649/?ref=uebergabe.de) ## Warum überhaupt ein neues Instrument? Pflege ist nicht überall gleich. In den USA haben Pflegefachpersonen andere Aufgaben und Entscheidungsbefugnisse als in Deutschland. Deshalb konnte das Originalinstrument nicht einfach übersetzt werden. Der Übersetzungsprozess erfolgte streng wissenschaftlich nach [standardisierten Leitlinien](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1524-4733.2005.04054.x?ref=uebergabe.de): mit Vorwärts- und Rückübersetzungen, kognitiven Pretests und Expert:innenfeedback. Zwei Items mussten dabei entfernt werden, weil sie sprachlich oder inhaltlich nicht auf den deutschen Kontext passten. Das Ergebnis: Eine erste deutsche Version des MMD-HP mit 25 Items, die sowohl Häufigkeit als auch Belastungsgrad bestimmter Situationen erfasst. ## Wie funktioniert das Instrument? Jedes Item beschreibt eine konkrete pflegerische Situation, die moralischen Distress auslösen kann. Die befragte Pflegefachperson bewertet für jedes Item auf einer Skala von 0 bis 4, wie häufig sie diese Situation erlebt hat und wie belastend sie war. Aus beiden Angaben wird ein Summenwert berechnet, der insgesamt zwischen 0 und 432 liegen kann. Bei der Übersetzung fielen zwei Items weg, sodass der maximale Wert bei 400 liegt. In der Pilotstudie lag der durchschnittliche Score bei 106 – moderat, aber keineswegs unbedenklich. Der niedrigste Wert lag bei 3, der höchste bei 325\. Das heißt: Einige Pflegefachpersonen erleben kaum moralischen Distress, andere hingegen massiv. ## Wer war beteiligt? An der Pilotierung nahmen 187 Pflegefachpersonen von zwei Standorten teil. Fast die Hälfte hatte eine Fachweiterbildung für Intensiv- und Anästhesiepflege. Das Durchschnittsalter lag bei 38 Jahren, der Frauenanteil bei 81 Prozent. Die meisten arbeiteten schon 13 Jahre in der Intensivpflege. Das zeigt: Moralischer Distress betrifft keineswegs nur Berufseinsteiger:innen. ## Woran liegt's? Strukturelle Ursachen im Fokus Die MIND-Studie erfasst neben den psychischen Auswirkungen auch strukturelle Faktoren und die zeigen ein klares Bild: Zu wenig Personal, Zeitmangel und hierarchische Hürden sind die Haupttreiber von moralischem Distress. In den USA wurden diese Faktoren bereits in das Instrument integriert, und auch in der deutschen Version zeigen sie sich als zentrale Belastungsquellen. Larissa nennt Beispiele: Pflegefachpersonen möchten Gespräche führen, Beratung leisten, mehr Zeit mit Patient:innen verbringen, doch der Arbeitsalltag lässt das nicht zu. Das führt zu einem Verlust moralischer Integrität und auf Dauer zu einem Zustand, den man als "Empathieerschöpfung" bezeichnet. ## Empathieerschöpfung: Wenn Mitgefühl verloren geht Der Begriff beschreibt das, was passiert, wenn Pflegefachpersonen emotional abstumpfen. Nicht, weil sie wollen, sondern weil sie müssen. Um sich selbst zu schützen, reduzieren sie ihre Pflege auf das Nötigste. Andere reagieren mit übertriebener Fürsorge. Beide Verhaltensweisen zeigen: Hier ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten. > "Empathieerschöpfung führt dazu, dass Pflegefachpersonen den Kontakt zu Patient:innen meiden oder Pflege auf einen mechanischen Akt reduzieren." - Larissa Forster Die Konsequenz: Burnout, psychische Erkrankungen, Berufsausstieg. Und das nicht, weil Pflegefachpersonen nicht belastbar sind, sondern weil das System sie überlastet. ## Was heißt das für die Praxis? Die Studie liefert erste belastbare Zahlen für Deutschland. Und sie zeigt: Moralischer Distress ist messbar und real. Der nächste Schritt ist nun, Interventionen zu entwickeln. Larissa nennt mögliche Ansätze: - **Supervision**: Einzel- oder Gruppensettings, um belastende Situationen zu reflektieren. - **Ethikcafés oder Ethikkomitees**: Orte für strukturierten Austausch. - **Stärkung moralischer Resilienz**: Achtsamkeit, Grenzen erkennen, Selbstpflege. - **Teamkommunikation verbessern**: Regelmäßiger Austausch, flache Hierarchien. - **Integration in Fort- und Weiterbildungen**: Ethik nicht nur lehren, sondern praktizieren. Diese Ansätze setzen sowohl bei der Person als auch bei der Organisation an. Denn moralischer Distress ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles. ## Und was kommt jetzt? Die nationale Erhebung, Phase 3 der MIND-Studie, ist abgeschlossen. Mehr als 400 Pflegefachpersonen haben teilgenommen. Die Auswertung läuft. Ziel ist es, die Daten zu veröffentlichen, die deutschsprachige Version des MMD-HP zugänglich zu machen und später auch gezielte Interventionen zu entwickeln. Larissa Forster wird ihre Ergebnisse auf dem [Pflegesymposium der Uniklinik Freiburg ](https://www.uniklinik-freiburg.de/pflegesymposium.html?ref=uebergabe.de)vorstellen. Schon jetzt zeigen viele Einrichtungen Interesse. Der Bedarf ist da. ## Warum das Thema jetzt wichtig ist Pflegefachpersonen sind das Rückgrat des Gesundheitssystems. Wenn sie durch moralischen Distress belastet werden, hat das Folgen: für sie selbst, für Kolleg:innen, für Patient:innen. Die MIND-Studie macht sichtbar, was lange unsichtbar war. Und sie legt den Grundstein für Veränderung. Denn wer weiß, woran es liegt, kann auch etwas dagegen tun. --- ## Deine Abschlussarbeit im Übergabe-Podcast? Larissas Beitrag zeigt eindrucksvoll, welchen Wert wissenschaftliche Arbeiten für die Pflegepraxis haben können – und wie wichtig es ist, diese sichtbar zu machen. Genau deshalb öffnen wir im Übergabe-Podcast regelmäßig den Raum für Qualifikationsarbeiten aus der Pflege und dem Gesundheitswesen: Bachelor-, Master- oder Promotionsprojekte, die etwas bewegen wollen. Wenn du selbst eine spannende Abschlussarbeit geschrieben hast oder gerade daran arbeitest und Lust hast, sie im Podcast vorzustellen: **Meld dich gern bei uns!** Schreib einfach eine kurze Nachricht über [uebergabe.de](https://uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) oder direkt in unserer Community. *Wir freuen uns auf deine Idee.* --- ## Diskutiere wichtige Themen der Pflege in unserer Community: [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG092 – Ethik in der Pflegepraxis (Dr.in Anna-Henrikje Seidlein & Lisa Graurock-Rosemeier)](https://www.uebergabe.de/ug092/) - [ÜG106 – Auf der Intensivstation (Dr. Sabine Walther & Brigitte Teigeler)](https://www.uebergabe.de/ug106/) - [ÜG095 – Empathie in der Pflege (Ludwig Thiry)](https://www.uebergabe.de/ug095/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Sexuelle Belästigung in der Pflege URL: https://www.uebergabe.de/sexuelle-belastigung-in-der-pflege/ Last updated: 2025-03-27T08:00:32.000Z 🚨 ****TRIGGERWARNUNG - sexuelle Belästigung** --- 🗓️ #74 | 27.03.2025 ### Worum geht's? Die Studie thematisiert sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, der weibliche Pflegefachpersonen in besonderem Maße ausgesetzt sind. Die Belästigungen können verbal, non-verbal, physisch oder psychologisch sein und werden sowohl von Patient:innen, Angehörigen, Kolleg:innen als auch Vorgesetzten ausgeübt. Ziel ist es, ein klares Bild über das Ausmaß, die Täter:innen und die Folgen zu zeichnen. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der Studie war es, die Prävalenz sexueller Belästigung gegenüber weiblichen Pflegefachpersonen, die Arten der Belästigung, die Täter:innen und die gesundheitlichen Folgen systematisch zu untersuchen. 💡 In Deutschland ist die Pflege ein stark weiblich geprägter Beruf. Der überwiegende Teil der Beschäftigten in Pflegeberufen sind Frauen – je nach Quelle und Bereich liegt ihr Anteil bei rund 80 bis 85 Prozent. Männer sind deutlich unterrepräsentiert, sowohl in der direkten Pflege als auch in der Ausbildung zur Pflegefachperson. Diese geschlechtsspezifische Verteilung zeigt sich nicht nur in der stationären und ambulanten Pflege, sondern auch in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens. Zwar ist in den letzten Jahren ein leichter Anstieg des Männeranteils zu verzeichnen, etwa durch gezielte Kampagnen zur Gewinnung männlicher Pflegekräfte, doch bleibt die Pflege nach wie vor ein Berufsfeld, das stark mit weiblichen Rollenbildern verbunden ist. _This post is for paying subscribers only._ ### Koalitionsverhandlungen / Mehr Pflegeazubis / Fachweiterbildung Geriatrie und Gerontopsychiatrie URL: https://www.uebergabe.de/pu093/ Last updated: 2026-06-13T23:27:32.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 22.03.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - CDU, CSU und SPD verhandeln zentrale Reformen in der AG „Gesundheit & Pflege“. - Der DPR fordert Pflegekompetenzgesetz, gesetzliche Personalbemessung und neue Versorgungsmodelle. - 147.100 Menschen in Pflegeausbildung – 9 % mehr Neuanfänger:innen 2024. - Pflegestudium wächst um 70 % auf 1.200 Studierende. - Pflegekammer NRW lädt dich ein, neue Fachweiterbildung mitzugestalten. 📎 Wer verhandelt den Bereich Gesundheit im Koalitionsvertrag? Was fordern die Verbände von der potenziellen neuen Regierung? Steigt die Anzahl der Pflegeauszubildenden tatsächlich? All diesen Fragen wenden wir uns in dieser Folge zu! ## Zum Weiterhören - [PU094 – Koalitionspapier Gesundheit und Pflege / Reaktionen der Verbände](https://www.uebergabe.de/pu094/) - [PU092 – Gesundheit im neuen Bundestag / Forderungen an die Regierung / DGF Kritik BAPID](https://www.uebergabe.de/pu092/) - [PU003 – Forderungen des DPR / Neue Studien zum Personalmangel / ausländische Pflegekräfte in der häuslichen Versorgung](https://www.uebergabe.de/pu003/) --- ## Koalitionsverhandlungen: Wohin steuert die Pflegepolitik? Hinter verschlossenen Türen laufen die Verhandlungen zwischen CDU, CSU und SPD auf Hochtouren. Mit Spannung wird erwartet, welche gesundheitspolitischen Weichen für die kommenden Jahre gestellt werden. Besonders im Fokus: die Arbeitsgruppe „Gesundheit & Pflege“, in der über zentrale Reformen beraten wird. Mit dabei sind bekannte Namen: Karl-Josef Laumann leitet das Verhandlungsteam der CDU, während Karl Lauterbach erneut für die SPD am Tisch sitzt. Doch worüber genau diskutiert wird, bleibt bisher unklar. ### Forderungen des DPR: [![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/03/dpr_logo-1.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) Logo vom Deutschen Pflegerat Klar ist allerdings, dass der [**Deutsche Pflegerat (DPR)**](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) schon jetzt seine Forderungen auf den Tisch gelegt hat. **Christine Vogler**, Präsidentin des DPR, findet eindeutige Worte: > *„Die pflegerische Versorgung ist eine *gesamtgesellschaftliche Aufgabe*. Ohne eine starke und *eigenständige Pflegeprofession* wird es keine zukunftssichere Gesundheitsversorgung geben.“* Dazu gibt es auch Video-Statements von Christine Vogler, abrufbar hier: [Deutscher Pflegerat - Bundestagswahl 2025![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-18.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-6.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/bundestagswahl-2025/1?ref=uebergabe.de) **Klare Forderungen für die Pflege durch den DPR:** Der Deutsche Pflegerat (DPR) hat zentrale Maßnahmen vorgelegt, um die Pflegeprofession zu stärken und die Gesundheitsversorgung langfristig zu sichern. - **Pflegekompetenzgesetz**: Mehr Eigenverantwortung für Pflegefachpersonen, insbesondere bei diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen. - **Einheitliche Bildungsstandards**: Bundesweit anerkannte Abschlüsse, bessere Praxisanleitung und eine verlässliche Ausbildungsfinanzierung. - **Gesetzliche Personalbemessung**: Verbindliche Personalschlüssel in allen Versorgungsbereichen, inklusive Refinanzierung. - **Public Health & neue Versorgungsmodelle**: Einführung von Primärversorgungszentren mit Community Health Nurses und stärkere Einbindung in kommunale Gesundheitsplanung. - **Neue Berufsbilder**: Rechtliche Absicherung und Förderung von Advanced Practice Nurses (APN) und Schulgesundheitspflege. [Deutscher Pflegerat - DPR legt Koalitionsvertragstext zur Pflegeprofession vorDer DPR hat ein Impulspapier vorgelegt. Zum ersten Mal enthält ein solches Papier einen vollständig ausformulierten Koalitionsvertragstext aus Sicht der Pflegeberufe.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-19.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-7.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/deutscher-pflegerat-legt-ausformulierten-koalitionsvertragstext-zur-staerkung-der-profession-pflege-vor?ref=uebergabe.de) Zusätzlich gibt es auch explizite Forderungen für den Bereich der Langzeitpflege: [Deutscher Pflegerat - Langzeitpflege gezielt stärken und nachhaltig sichernIn den Koalitionsverhandlungen muss die Langzeitpflege gestärkt werden. Ein Positionspapier des DPR greift konkrete Impulse auf, die umgesetzt werden müssen und können.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-20.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-8.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/koalitionsverhandlungen-langzeitpflege-gezielt-staerken-und-jetzt-nachhaltig-sichern?ref=uebergabe.de) --- ## Mehr Pflege-Azubis – reicht das? Das Statistische Bundesamt hat neue Zahlen veröffentlicht – und die zeigen zumindest eine positive Tendenz. 147.100 Menschen sind derzeit in der Pflegeausbildung. Ein besonderes Highlight: 59.500 Menschen haben sich 2024 für den Pflegeberuf entschieden, neun Prozent mehr als im Vorjahr. Aber reicht das, um dem wachsenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken? Die große Herausforderung bleibt: Wie gelingt es, diese Menschen langfristig im Beruf zu halten? Teile deine Meinung in der [Community](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de)! [9 % mehr neue Auszubildende zur Pflegefachperson im Jahr 2024Zum Jahresende 2024 befanden sich nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) insgesamt 147 100 Personen in einer Ausbildung zur Pflegefachfrau beziehungsweise zum Pflegefachmann. Damit hat sich die Zahl der Auszubildenden in der Pflege gegenüber dem Jahresende 2023 (146 900 Pflegeauszubildende) kaum verändert. Allerdings stieg die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge 2024 gegenüber dem Vorjahr um 9 % oder 5 100 auf rund 59 500 Neuverträge.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-21.ico)Statistisches Bundesamt![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/SocialMediaImage_Image.jpg)](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/03/PD25%5F099%5F212.html?ref=uebergabe.de) ### Mehr Pflegestudierende? Erstmals wurden auch Zahlen zum Pflegestudium erhoben: 1.200 Studierende sind aktuell in einem primärqualifizierenden Pflege-Bachelor eingeschrieben – ein Anstieg von 70 % im Vergleich zum Vorjahr. Der akademische Weg in die Pflege wird also beliebter, doch es bleibt abzuwarten, wie viele dieser Studierenden tatsächlich in der direkten Versorgung landen werden. Du willst mehr über das Pflegestudium erfahren? Hier gibt es ein Video von Christian dazu: --- ## **Pflegekammer NRW: Deine Chance, die Weiterbildung mitzugestalten!** Geriatrie und Gerontopsychiatrie sind zentrale Themen der Pflege – und genau dafür erarbeitet die [Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de) eine neue Fachweiterbildung. Das Besondere: Pflegefachpersonen sind ausdrücklich dazu eingeladen, sich an der Gestaltung zu beteiligen! **Bis zum 13\. April** können Rückmeldungen und praxisnahe Anregungen eingereicht werden. Wer sich direkt einbringen möchte, kann seine Vorschläge per Mail an [**bildung@pflegekammer-nrw.de**](mailto:bildung@pflegekammer-nrw.de) senden. [„Geriatrie und Gerontopsychiatrie“ - Pflegekammer NRWBeteiligen Sie sich an der Weiterentwicklung der Fachweiterbildung! Die neue Rahmenvorgabe für die Fachweiterbildung „Geriatrie und Gerontopsychiatrie“ liegt vor. Diese Vorgabe legt die inhaltlichen und qualitativen Standards fest, die für \[…\]![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-4.svg)Pflegekammer NRWTanja![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Webseite_Weiterbil_Geriatrie_2400x1600.jpg)](https://www.pflegekammer-nrw.de/geriatrie-und-gerontopsychiatrie/?ref=uebergabe.de) **Jetzt ist die Gelegenheit**, die Inhalte der Weiterbildung aktiv mitzugestalten – also: mitmachen und mitentscheiden! --- ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. --- ## Aktuelle Themen in der Übergabe-Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Brauchen wir School Nurses? URL: https://www.uebergabe.de/brauchen-wir-school-nurses/ Last updated: 2025-03-20T09:00:43.000Z --- 🗓️ #73 | 20.03.2025 ### Worum geht's? Das Kernthema der Studie ist die Einführung einer School Nurse als niedrigschwellige Gesundheitsversorgungsmaßnahme in Schulen. Diese spezialisierte Pflegefachperson würde sich um die Gesundheitsförderung, Prävention, akute medizinische Fälle und die Betreuung von chronisch kranken Kindern kümmern. Gleichzeitig wäre sie eine Ansprechperson für Schüler:innen, Eltern und Lehrpersonen zu gesundheitlichen Fragen. Die Studie beleuchtet, inwieweit diese Rolle erforderlich ist, welche Herausforderungen bei der Implementierung bestehen und wie sie sich in das bestehende Schulsystem integrieren ließe. 💡 Eine School Nurse ist eine speziell, meist akademisch ausgebildete Pflegefachperson, die in Schulen tätig ist, um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Schüler:innen zu fördern. Ihre Aufgaben umfassen sowohl präventive als auch akute Versorgungsmaßnahmen, darunter die Erste Hilfe bei Verletzungen oder plötzlichen Erkrankungen, die Betreuung von Kindern mit chronischen Erkrankungen wie Asthma oder Diabetes sowie die Durchführung von Impfprogrammen und Gesundheitsaufklärung. Darüber hinaus berät sie Schülerinnen zu Themen wie Ernährung, psychischer Gesundheit und Hygiene und arbeitet eng mit Lehrkräften, Eltern sowie medizinischen Fachkräften zusammen. Während School Nurses in vielen Ländern, etwa den USA oder Großbritannien, fester Bestandteil des Bildungssystems sind, gibt es in Deutschland bisher nur vereinzelt vergleichbare Strukturen. ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, den Bedarf und die Erwartungen an eine School Nurse in Schulen zu erfassen. Dabei wurde untersucht, welche Herausforderungen Schüler:innen, Eltern, Lehrpersonen und weitere schulnahe Fachpersonen im Bereich der Gesundheitsversorgung an Schulen sehen und wie eine School Nurse zur Lösung dieser Probleme beitragen könnte. _This post is for paying subscribers only._ ### Übertragung von arztentlastenden Tätigkeiten (Maresa Buchholz & Sven Wolfers) URL: https://www.uebergabe.de/ug164/ Last updated: 2026-06-13T12:43:16.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 15.03.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das ErwiN-Projekt überträgt ärztliche Aufgaben gezielt auf spezialisierte Pflegefachpersonen. - Ziel: weniger vermeidbare Krankenhausfälle und mehr Entlastung der Ärzteschaft. - Du erhältst eine sechsmonatige Zusatzausbildung mit 420 Theorie- und 420 Praxisstunden. - In vier Modellregionen stärkt das Projekt die Versorgung strukturschwacher Gebiete. - Pflegefachpersonen gewinnen Autonomie und gestalten die Zukunft der Primärversorgung mit. Anzeige ### ALTENPFLEGE Messe 2025 ![ALTENPFLEGE Messe 2025](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/02/ap25_banner_mrec_300x250px.jpg) Du brennst für Pflege und suchst nach Lösungen für aktuelle Themen rund um stationäre und ambulante Versorgung? Dann haben wir den Event-Tipp für dich: die **ALTENPFLEGE Messe 2025!** Entdecke vom 8\. bis 10\. April neue Technologien, innovative Konzepte und smarte Praxistipps, die deinen Pflegealltag revolutionieren. Sichere dir jetzt mit dem Rabattcode **APF25UEBERGABE** 50 % auf das Dauerticket und werde Teil des wichtigsten Branchentreffpunkts der Pflege! [Jetzt Ticket sichern! ](https://www.altenpflege-messe.de/besuchen?ref=uebergabe.de) ## Pflegefachpersonen als Schlüsselakteur:innen in der Primärversorgung: Das ErwiN-Projekt Die Gesundheitsversorgung steht vor enormen Herausforderungen: Fachärzt:innenmangel, eine steigende Zahl chronisch erkrankter Patient:innen und ein Gesundheitssystem, das zunehmend an Kapazitätsgrenzen stößt. Das Erwin-Projekt ist ein Modellvorhaben, das genau hier ansetzt: Durch die gezielte Übertragung ärztlicher Tätigkeiten auf speziell qualifizierte Pflegefachpersonen soll nicht nur die ärztliche Versorgung entlastet, sondern auch die Versorgungsqualität verbessert werden. ## Das ErwiN-Projekt: Ein Überblick Erwin steht für [„Erweiterte Übertragung von arztentlastenden Tätigkeiten in Arztnetzen“](https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/neue-versorgungsformen/erwin.564?ref=uebergabe.de). Das vom [Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA)](https://innovationsfonds.g-ba.de/?ref=uebergabe.de) geförderte Projekt erprobt neue Versorgungsmodelle, die über die bisherige Regelversorgung hinausgehen. Das Ziel ist es, zu evaluieren, ob solche Modelle erfolgreich in das reguläre Gesundheitswesen integriert werden können. [erwin GesundheitErwiN fördert die Gesundheitsversorgung durch erweiterte Pflegemodelle, um Ärzte zu entlasten und die Patientenbetreuung zu verbessern.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-8.png)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/erwin-logo-claim--white.svg)](https://www.erwin-gesundheit.de/?ref=uebergabe.de) Hier geht es zur Internetseite des Projektes. ### Die Ziele des Projekts Das ErwiN-Projekt verfolgt zwei zentrale Ziele: 1. **Reduzierung der Hospitalisierungsrate bei ambulanzsensitiven Krankenhausfällen** Dies betrifft Patient:innen, deren Krankenhausaufenthalte durch eine verbesserte ambulante Versorgung vermeidbar gewesen wären – beispielsweise bei Erkrankungen wie Herzinsuffizienz, COPD oder Diabetes mellitus. Studien zeigen, dass jährlich bis zu 3,7 Millionen Krankenhausaufenthalte in Deutschland verhindert werden könnten. 2. **Erweiterung des Pflegeberufsbildes und Entlastung der Ärzteschaft** Pflegefachpersonen sollen gezielt heilkundliche Tätigkeiten übernehmen, um ärztliche Kapazitäten freizusetzen. Gerade in strukturschwachen Regionen kann diese Neustrukturierung dazu beitragen, eine hochwertige Versorgung sicherzustellen. Das Projekt "ErwiN – Erweiterte Übertragung von arztentlastenden Tätigkeiten in ArztNetzen" zielt darauf ab, die medizinische Versorgung in strukturschwachen Regionen durch den Einsatz spezialisierter Pflegefachpersonen (SPFP) zu verbessern. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/03/Erwin.webp) ### Ein interdisziplinäres Modell Ein entscheidender Faktor für den Erfolg des Projekts ist die enge Zusammenarbeit verschiedener Akteur:innen. Das Konsortium setzt sich unter anderem aus dem [Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)](https://www.dzne.de/?ref=uebergabe.de), Arztnetzwerken und Krankenkassen zusammen. Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation erfolgt durch die [Agenon - Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Gesundheitswesen mbH](https://www.agenon.de/?ref=uebergabe.de). Das Projekt wird in vier Modellregionen(Mecklenburg-Vorpommern, Nord- und Südbrandenburg und Berlin)umgesetzt und über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren mit insgesamt ca. 6,7 Millionen Euro gefördert. ### Die Qualifizierung der spezialisierten Pflegefachpersonen Eine zentrale Säule des Projekts ist die Schulung der teilnehmenden Pflegefachpersonen, die durch das [DZNE](https://www.dzne.de/forschung/forschungsbereiche/versorgungsforschung/forschungsgruppen/michalowsky/gruppenmitglieder/?ref=uebergabe.de) in Kooperation mit dem [Institut für Pflegewissenschaft und Interprofessionelles Lernen an der Universitätsmedizin Greifswald](https://www.medizin.uni-greifswald.de/pflegewissenschaften/index.php?id=788&ref=uebergabe.de) durchgeführt wurde. Diese Fachkräfte erhalten eine staatlich anerkannte Zusatzausbildung, die sie befähigt, im ärztlichen Auftrag eigenverantwortlich Aufgaben wie Gesundheitsprüfungen, Kontrolle von Vital- und Laborparametern, Schmerzerfassung, Medikamentenanpassung, Beratung, Verordnung von Heil- und Hilfsmitteln sowie Fall-Management durchzuführen. Die Ausbildung erfolgte über sechs Monate hinweg und umfasste: - **420 Unterrichtsstunden** in den Bereichen Pharmakologie, Diagnostik, pflegerische Interventionen und Kommunikation - **420 Stunden praktische Ausbildung** in den Arztnetzen - **Drei Schwerpunktmodule** zu Hypertonie, Schmerzmanagement und ernährungsbedingten Erkrankungen - **Simulationen und Fallbesprechungen** zur praxisnahen Anwendung Diese spezialisierte Ausbildung ist an international etablierte Modelle wie „Advanced Nursing Practice“ (ANP) angelehnt, setzt jedoch auf eine praxisnahe Qualifizierung, die auch erfahrene Pflegefachpersonen ohne akademischen Abschluss einbindet. > **„Pflegefachpersonen übernehmen nicht einfach nur mehr Arbeit, sondern sie gewinnen Autonomie und können endlich ihre Kompetenzen ausschöpfen.“** – Maresa Buchholz ## Die Rolle der spezialisierten Pflegefachpersonen in der Praxis Die ausgebildeten Fachpersonen arbeiten innerhalb der Arztnetze und übernehmen dort eigenständig Aufgaben, die zuvor ausschließlich Ärzt:innen vorbehalten waren. Dazu gehören: - Die eigenständige Durchführung von Anamnesen und Assessments - Die Anpassung von Medikation innerhalb eines vorgegebenen Rahmens - Die Koordination der ambulanten Versorgung und das Überleitungsmanagement - Die Beratung und Schulung von Patient:innen zur Krankheitsprävention Diese neuen Aufgaben erweitern nicht nur das pflegerische Tätigkeitsfeld, sondern ermöglichen es den Pflegefachpersonen, ihre Expertise gezielt einzusetzen und eine koordinierende Rolle in der Versorgung einzunehmen. > **„Diese Qualifizierung zeigt, dass Pflege nicht nur eine unterstützende Rolle hat, sondern eigenständig zur besseren Versorgung beitragen kann.“** – Sven Wolfers ## Akzeptanz und Herausforderungen Ein zentrales Thema im Projektverlauf war die Akzeptanz der neuen Rolle durch Ärzt:innen und Patient:innen. Während einige Ärzt:innen zunächst skeptisch waren, zeigte sich in der Praxis, dass die Zusammenarbeit erheblich verbessert werden kann. Die spezialisierten Pflegefachpersonen berichten, dass sie zunehmend eigenständige Entscheidungen treffen und sich in ihrer neuen Rolle sicherer fühlen. Ein weiteres Thema ist die finanzielle und strukturelle Zukunft solcher Projekte. Da es sich um ein Modellvorhaben handelt, bleibt abzuwarten, ob und wie diese neuen Versorgungsformen in die Regelversorgung überführt werden können. ## Fazit: Ein Modell mit Zukunft? Das Erwin-Projekt zeigt, dass eine gezielte Übertragung ärztlicher Aufgaben auf spezialisierte Pflegefachpersonen nicht nur machbar, sondern auch sinnvoll ist. Die Versorgungsqualität kann verbessert und das Gesundheitssystem entlastet werden. Entscheidend wird sein, ob sich solche Modelle in die Regelversorgung integrieren lassen. Die Teilnehmenden berichten, dass sie sich durch die Qualifizierung gestärkt fühlen – und dass sie die Zukunft der Pflege mitgestalten wollen. ## Weitere Podcasts zum Thema APN und Primärversorgung: [ÜG113 - Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri) - ÜbergabeIn diesem brandneuen Podcast dreht sich alles um Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis im Projekt FAMOUS.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-52.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug113-scaled-2.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug113/) [Der Einsatz von APNs im Vergleich mit der Regelversorgung📨 Das neue Briefing zeigt, dass der Einsatz von ANPs eine ebenso hochwertige und kosteneffiziente Versorgung bietet wie die Versorgung durch Ärzt:innen. Sie senken Wartezeiten, verbessern die Patient:innenenzufriedenheit und optimieren die Behandlung chronischer Erkrankungen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-51.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DALL-E-2024-10-23-16.17.54---An-abstract-image-representing-the-growing-importance-of-Advanced-Nurse-Practitioners--ANPs--in-modern-healthcare.-The-composition-should-feature-a-nu.webp)](https://www.uebergabe.de/der-einsatz-von-apns-im-vergleich-mit-der-regelversorgung/) --- ## Teilnehmende für Studie gesucht! 📢 Emma, Pflegefachperson in der Neonatologie, erforscht in ihrer Masterarbeit die pflegerische Erstversorgung extremer Frühgeborener. Gesucht werden Pflegefachpersonen aus Level-1-Neonatologien in Deutschland. Unterstützt Emma und nehmt an der Befragung teil! 👉 [****Hier klicken zur Teilnahme!**](https://www.soscisurvey.de/NeoGoldenHour/?ref=uebergabe.de) 📢 Für eine Bachelorarbeit sucht Marie Pflegefachpersonen, die an einer kurzen Umfrage (ca. 5 Min.) zur Nutzung und Wahrnehmung von Pflegepodcasts teilnehmen. Ziel ist es, zu verstehen, wie Podcasts die Pflegebranche stärken und ihr Image verbessern können. 👉 [****Hier klicken zur Teilnahme!**](https://www.survio.com/survey/d/B8M5Y4N4F7S6F9L6B?ref=uebergabe.de) --- ## Diskutiere wichtige Themen der Pflege in unserer Community: [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG113 – Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri)](https://www.uebergabe.de/ug113/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) - [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken (Dr. Juliane Spank & Philipp Strnad)](https://www.uebergabe.de/ug188/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Schmerzerfassung bei Kindern mit Beeinträchtigungen (r-FLACC) URL: https://www.uebergabe.de/schmerzerfassung-bei-kindern-mit-beeintrachtigungen-r-flacc/ Last updated: 2025-03-14T09:26:57.000Z Die R-FLACC-Skala ermöglicht eine objektive Schmerzeinschätzung bei Kindern mit neurologischen oder kognitiven Beeinträchtigungen. Die systematische Beobachtung erleichtert Pflegefachpersonen die Therapieentscheidung und verbessert die Schmerzbehandlung deutlich. _This post is for subscribers only._ ### Postoperative Schmerzen bei Demenz URL: https://www.uebergabe.de/postoperative-schmerzen-bei-demenz/ Last updated: 2025-03-13T09:00:42.000Z --- 🗓️ #72 | 13.03.2025 ### Worum geht's? Das posttraumatische und postoperative Schmerzmanagement ist bei Patient:innen mit Demenz besonders herausfordernd, da die Kommunikation über Schmerzen erschwert ist. Die Studie untersucht, ob sich das Schmerzerleben sowie die Schmerzempfindlichkeit zwischen Patient:innen mit und ohne kognitive Beeinträchtigungen unterscheidet. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie hatte das Ziel, das postoperative Schmerzerleben von Patient:innen mit proximaler Femurfraktur in Abhängigkeit ihres kognitiven Status zu untersuchen. Besonders sollte die sensorische und affektive Schmerzqualität analysiert werden. _This post is for paying subscribers only._ ### Gesundheit im neuen Bundestag / Forderungen an die Regierung / DGF Kritik BAPID URL: https://www.uebergabe.de/pu092/ Last updated: 2026-06-13T23:27:33.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 08.03.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der neue Bundestag steht; die Besetzung des Gesundheitsministeriums ist noch offen. - Sondervermögen soll auch Krankenhäusern helfen – Kassen drohen mit Klage. - Der Pflegerat fordert Pflegekompetenzgesetz, Personalbemessung und neue Berufsbilder wie Community Health Nurses. - Die DGF kritisiert BAPID: Fachweiterbildung soll auf DQR-Level 6 anerkannt werden. - Ethikrat, ver.di-Warnstreik und DPR-Wachstum prägen die Kurznachrichten. 📎 Welche Gesundheitspolitiker\*innen sind im neuen Bundestag vertreten? Und kann das neue Sondervermögen auch für das Gesundheitswesen genutzt werden? Diese Fragen klären wir in dieser Folge des Pflegeupdates. Außerdem geht es um die Forderungen des Deutschen Pflegerates zur Bundestagswahl. Und wir beleuchten wir die Kritik der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste am BAPID-II-Projekt und ordnen die Bedeutung der Fachweiterbildung für die Pflegeprofession ein. Zuletzt befassen wir uns mit den geplanten Stellungnahmen des Deutschen Ethikrates, der Aufnahme des DFPP in den Deutschen Pflegerate und dem bundesweiten Warnstreik von Ver.di. ## Zum Weiterhören - [PU098 – BAPID & DPR: Neue Rollen für Pflege und Primärversorgung](https://www.uebergabe.de/pu098/) - [ÜG189 – BAPID - die neue Bildungsarchitektur für die Pflege (Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen Hoops)](https://www.uebergabe.de/ug189/) - [PU094 – Koalitionspapier Gesundheit und Pflege / Reaktionen der Verbände](https://www.uebergabe.de/pu094/) --- ## Gesundheitspolitik im neuen Bundestag Der neue Bundestag ist gewählt, doch wer wird in den kommenden Jahren die gesundheitspolitischen Weichen stellen? Die Besetzung des Bundesministeriums für Gesundheit ist noch unklar, aber einige Namen kursieren bereits in Berlin. Sollte das Ministerium an die CDU/CSU gehen, sind Klaus Holetschek (CSU) oder Karl Josef Laumann (CDU) als Favoriten im Gespräch. Auch Tino Sorge, Sepp Müller, Ines Claus oder Josef Hecken werden als mögliche Kandidaten genannt. Unter den Abgeordneten mit gesundheits- und pflegepolitischem Fokus sind erneut viele bekannte Namen vertreten. Emmi Zeulner von der CSU konnte ihr Direktmandat verteidigen, ebenso Hausarzt Stephan Pilsinger und Kardiologe Hans Theiss. Für die CDU ziehen unter anderem Georg Kippels, Tino Sorge und Hendrik Streeck in den Bundestag ein. Die SPD wird weiterhin durch Matthias Mieves, Christos Pantazis und Karl Lauterbach vertreten. Auch die Grünen haben mit Linda Heitmann, Kirsten Kappert-Gonther und Janosch Dahmen gesundheitspolitische Kompetenz im Parlament. Die kommenden Jahre werden zeigen, welche Schwerpunkte diese Abgeordneten setzen und welche Reformen umgesetzt werden. [Bundestagswahl: Diese Gesundheitspolitiker sind wieder im Parlament – Deutsches Ärzteblatt![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-6.png)Deutsches ÄrzteblattDeutscher Ärzteverlag GmbH, Redaktion Deutsches Ärzteblatt![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/image-2)](https://www.aerzteblatt.de/news/bundestagswahl-diese-gesundheitspolitiker-sind-wieder-im-parlament-07c6026d-b4a6-42aa-bb98-d60e959055d2?ref=uebergabe.de) ## Sondervermögen für Gesundheit: Kommen die Milliarden an? Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Tino Sorge, spricht sich dafür aus, dass Mittel aus dem viel diskutierten Sondervermögen auch in die Gesundheitsversorgung fließen. Insbesondere Krankenhäuser müssten als Teil der Daseinsvorsorge berücksichtigt werden. Allerdings gibt es Kritik an der Idee: Die gesetzlichen Krankenkassen lehnen eine Finanzierung des geplanten Transformationsfonds über Beitragsgelder ab und drohen mit juristischen Schritten. Noch-Gesundheitsminister Karl Lauterbach begrüßt hingegen das Vorhaben und sieht darin eine Chance, Krankenhäuser in ihrer notwendigen Transformation zu unterstützen. Ob und wie das Sondervermögen tatsächlich in das Gesundheitswesen einfließt, bleibt abzuwarten. Die Krankenhausreform könnte hierbei eine entscheidende Rolle spielen. ### Forderungspapier des Deutschen Pflegerates an die neue Bundesregierung Der Deutsche Pflegerat (DPR) hat ein Forderungspapier mit dem Titel *"Profession Pflege braucht eine Zukunft - jetzt handeln!"* veröffentlicht. Er fordert unter anderem ein Pflegekompetenzgesetz, das Pflegefachpersonen ermöglichen soll, diagnostische und therapeutische Maßnahmen innerhalb ihrer Qualifikation eigenständig durchzuführen. Auch die Pflegebildung müsse bundesweit einheitlich geregelt und besser finanziert werden. Eine verbindliche, gesetzlich verankerte Personalbemessung in allen Versorgungsbereichen sei notwendig, um die Arbeitsbelastung zu reduzieren und die Qualität der Versorgung sicherzustellen. Zudem fordert der DPR eine Neuausrichtung der Gesundheitsversorgung mit einem stärkeren Fokus auf Primärversorgungszentren und die Einbindung von Pflegefachpersonen in die kommunale Gesundheitsplanung. Neben der Verbesserung der Arbeitsbedingungen mit flexibleren Arbeitszeitmodellen, weniger Bürokratie und besseren Schutzmaßnahmen vor Gewalt sieht der DPR die Einführung neuer Berufsbilder als essenziell. Community Health Nurses, Schulgesundheitspflege und Advanced Practice Nurses sollen gefördert und rechtlich anerkannt werden. Zudem müsse die Pflege in die gesundheitspolitische Entscheidungsfindung eingebunden und flächendeckend in Pflegekammern organisiert werden. Ein weiteres zentrales Anliegen sei die Digitalisierung, die durch eine flächendeckende Infrastruktur und gesicherte Finanzierung endlich konsequent vorangetrieben werden müsse. Schließlich fordert der DPR, ein Grundrecht auf gute Pflege im Grundgesetz zu verankern. [Deutscher Pflegerat - Pflegerische Versorgung zentral im Koalitionsvertrag verankernWir brauchen eine Regierung, in der die Sicherung der pflegerischen und gesundheitlichen Versorgung Priorität hat. Das muss sich im Koalitionsvertrag wiederfinden.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-16.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-4.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/sicherung-der-pflegerischen-versorgung-zentral-in-den-koalitionsvertrag-aufnehmen?ref=uebergabe.de) Zusätzlich fordern der Bundesverband Pflegemanagement, der Deutsche Pflegeverband, der Katholische Pflegeverband und der Verband der PflegedirektorInnen der Unikliniken die Bundesregierung auf, die Pflege als eine der zentralen Herausforderungen zu priorisieren. Sie setzen sich für den Ausbau pflegerischer Kompetenzen, eine zukunftsorientierte Ausbildungspolitik und stabile Versorgungsstrukturen ein. Ob und in welchem Umfang diese Forderungen in den Koalitionsvertrag einfließen, bleibt offen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Politik die Pflegebranche endlich nachhaltig stärkt. ## Debatte um Fachweiterbildung: Kritik der DGF am BAPID-Modell Die [Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste](https://www.dgf-online.de/wp-content/uploads/Stellungnahme%5FBAPID-II%5FDGF-1.pdf?ref=uebergabe.de) (DGF) kritisiert das BAPID-II-Projekt, da die Fachweiterbildung nicht als eigenständige Qualifikationsstufe anerkannt wird. Fachweiterbildungen wie Intensiv- und Anästhesiepflege würden nur am Rande erwähnt, obwohl ihre praxisnahe und spezialisierte Ausrichtung essenziell für die Versorgungsqualität sei. Die DGF fordert, dass Fachweiterbildungen im Deutschen Qualifikationsrahmen auf Level 6 eingestuft werden, um eine Gleichstellung mit dem Bachelor-Niveau zu erreichen. Ohne klare Anerkennung drohe die Attraktivität der Fachweiterbildung zu sinken, was langfristig die Qualität der Versorgung gefährden könnte. Um dem entgegenzuwirken, fordert die DGF eine klare Integration der Fachweiterbildung ins BAPID-Modell, eine verbindliche Anerkennung ihrer Kompetenzprofile und eine stärkere Durchlässigkeit zwischen Weiterbildung und Studium. Zudem müsse die Fachweiterbildung politisch verankert werden, um langfristige Sicherheit für Fachkräfte in spezialisierten Bereichen zu gewährleisten. ## Kurznachrichten **Ethikrat setzt neue Schwerpunkte** Der Deutsche Ethikrat wird sich in der neuen Amtsperiode mit der ethischen Dimension der Pflege in der Langzeitversorgung befassen. Auch Themen wie Robotik in der Pflege stehen auf der Agenda. **Deutscher Pflegerat wächst weiter** Die Deutsche Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege (DFPP) ist neues Mitglied im DPR und stärkt damit die interdisziplinäre Zusammenarbeit. **Ver.di ruft zu bundesweitem Warnstreik auf** Ver.di ruft Beschäftigte von Bund und Kommunen zum bundesweiten Warnstreik auf. Gefordert werden unter anderem acht Prozent mehr Gehalt, höhere Zuschläge und bessere Arbeitsbedingungen. --- ### Weitere Informationen zu den Kurznachrichten findet ihr hier: ### [Ethikrat beschließt Themen für StellungnahmenDer Deutsche Ethikrat hat am 24\. Januar 2025 die Themen für seine ersten Stellungnahmen dieser Amtsperiode beschlossen. In einer öffentlichen Sitzung am Tag zuvor waren alle Vorschläge eingängig vorgestellt und diskutiert worden.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-180x180-4.png)Deutscher Ethikrat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/csm_Social_Media_Default_OG_4409011b58-3.jpg)](https://www.ethikrat.org/presse/mitteilungen/ethikrat-beschliesst-themen-fuer-stellungnahmen/?ref=uebergabe.de) [ver.di ruft am Donnerstag zu bundesweitem Warnstreik in Kliniken, Pflegeeinrichtungen und Rettungsdiensten aufDie Arbeitgeber wiesen auch Forderungen zurück, die sich speziell auf das Gesundheitswesen beziehen, zum Beispiel die Bezahlung von Pausen in Wechselschicht, wie es in anderen Bereichen des öffentlichen Dienstes üblich ist.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-7.png)ver.di![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Presse.jpg)](https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++6f09ed1c-f5e6-11ef-bd53-2d7f1a51ed55?ref=uebergabe.de) [Deutscher Pflegerat - Neues DPR-Mitglied: Deutsche Fachgesellschaft Psychiatrische PflegeDer DPR freut sich sehr, die Deutsche Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege als neues Mitglied zu begrüßen. Dadurch fließt wertvolle Expertise in unser Netzwerk ein.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-17.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-5.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/gemeinsame-pressemeldung-dpr-und-dfpp-deutscher-pflegerat-waechst-weiter?ref=uebergabe.de) --- ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. --- ## Veranstaltungen ⏰ Am 25\. Juni 2025 findet das ****Nursing Data Symposium 2025** im Luzerner Kantonsspital oder auch online statt. Hier geht es um die Erhebung, Analyse und Nutzung pflegerischer Routinedaten mithilfe Künstlicher Intelligenz, unter Einhaltung des Datenschutzes, ethischer Prinzipien und nachhaltigem Datenmanagement. Weitere Infos und Möglichkeiten zur Anmeldung findet ihr [HIER.](https://www.vfp-apsi.ch/services/veranstaltungen/nursing-data-symposium-2025?ref=uebergabe.de) --- ## Aktuelle Themen in der Übergabe-Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Nicht-pharmakologische Interventionen zur Verringerung des Durstgefühls bei Pflegebedürftigen mit Herzinsuffizienz oder Hämodialyse URL: https://www.uebergabe.de/nicht-pharmakologische-interventionen-zur-verringerung-des-durstgefuhls-bei-pflegebedurftigen-mit-herzinsuffizienz-oder-hamodialyse/ Last updated: 2025-05-12T09:27:55.000Z --- 🗓️ #71 | 06.03.2025 ### Worum gehts? Pflegebedürftige mit chronischer Herzinsuffizienz oder Nierenersatztherapie leiden häufig unter starkem Durst, der ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann. Diese systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse untersucht, welche nicht-pharmakologischen Maßnahmen nachweislich das Durstempfinden reduzieren können. Die Ergebnisse liefern erste Hinweise darauf, welche Interventionen hilfreich sein könnten und welche weniger wirksam sind. ### Was war das Ziel der Studie? Ziel der systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse war die Identifizierung von nicht-pharmakologischen Maßnahmen zur Verringerung des Durstes bei Pflegebedürftigen mit Herzinsuffizienz und/oder einer Nierenersatztherapie (Hämodialyse), die Beschreibung der Maßnahmenbestandteile und die Bewertung derselben. ### Warum ist das wichtig? Pflegebedürftige Personen mit einer chronischen Herzinsuffizienz oder einer dialysepflichtigen Niereninsuffizienz haben eine Vielzahl an belastenden Symptomen, zu denen vor allem auch das Durstempfinden gehört. Die Ursache ist im Krankheitsbild selbst, aber auch in der Therapie in unterschiedlichen Settings begründet. Überdies können Pflegebedürftige mit einer chronischen Herzinsuffizienz auch eine Niereninsuffizienz entwickeln. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, beide Krankheitsbilder im Zusammenhang mit dem Symptom Durst gemeinsam zu betrachten. Für Pflegefachpersonen und dem interdisziplinären Team in der Versorgung stellt das Symptom Durst ebenfalls eine Herausforderung dar. Pflegefachpersonen sind im Rahmen der Versorgung rund um die Uhr die direkten Ansprechpersonen für die Pflegebedürftigen und werden in diesem Zusammenhang auch mit dem Symptom Durst konfrontiert. Hier stellt sich die Frage, welche nicht-pharmakologischen Maßnahmen evidenzbasiert in der Symptombehandlung unterstützen können. ### Warum habt ihr diese Studie gewählt? Wir sind Pflegefachpersonen im Herz- und Diabeteszentrum NRW, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum sowie Medizinische Fakultät OWL (Universität Bielefeld). Im Team der Pflegedirektion sind wir zuständig für die Pflegeentwicklung auf den bettenführenden Stationen. Aufgrund des klinischen Versorgungsschwerpunktes mit Herz-, Kreislauf- und Diabeteserkrankungen werden wir oft mit dem Symptom Durst konfrontiert. Aus diesem Grund und einem parallelen Forschungsprojekt entstand der Impuls, eine systematische Übersichtsarbeit zu initiieren. --- ## Die Autor:innen dieses Briefings ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/02/21-10-20_Passbild-Wefer.JPG) 💡 Franziska Wefer B.A., M.Sc. Pflegewissenschaftlerin Gesundheits- und Krankenpflegerin Stabsstelle Pflegeentwicklung Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen, Bad Oeynhausen Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum Medizinische Fakultät OWL (Universität Bielefeld) --- ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/02/Krueger_Lars_DSCF0160_b_a.jpg) 💡 Lars Krüger B.A., M.Sc. Gesundheits- und Pflegewissenschaftler Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie Praxisanleiter Stabsstelle Projekt- und Wissensmanagement/Pflegeentwicklung Intensivpflege Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen, Bad Oeynhausen Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum Medizinische Fakultät OWL (Universität Bielefeld) --- ### Was wurde untersucht? In den wissenschaftlichen Datenbanken MEDLINE via PubMed, Livivo, CINAHL, Cochrane Library und Web of Science wurde anhand eines vorab entwickelten Suchstrangs eine systematische Literaturrecherche durchgeführt. Dazu gehörten vor allem die Begriffe Durst‚ chronische Herzinsuffizienz und Hämodialyse. Die Recherchestrategie wurde in der Publikation transparent abgebildet. Randomisiert kontrollierte Studien, quasi-randomisiert kontrollierte Studien und quasi-experimentelle Studien wurden eingeschlossen, sofern diese auf Englisch, Deutsch oder Schwedisch verfasst wurden. Meinungen von Menschen mit Expertise, Konferenzbeiträge, Fallberichte und Studien, die ausschließlich Xerostomie (Mundtrockenheit) fokussierten, wurden ausgeschlossen. Mithilfe eines gesonderten Programms (Covidence) erfolgte nach Ausschluss von 1581 Duplikaten die Sichtung von 863 Titeln und Zusammenfassungen. Insgesamt 176 Volltexte wurden gelesen, von denen 15 in die Arbeit eingeschlossen werden konnten. Ergänzend erfolgte eine kritische Beurteilung der eingeschlossenen Volltexte durch zwei Personen mit dem Überprüfungsinstrument des Joanna Briggs Institutes oder dem Cochrane Risk of Bias Instrument. Zur Metaanalyse wurde der Review Manager (RevMan) eingesetzt. ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Was wurde herausgefunden? Die eingeschlossenen Studien wurden zwischen 2005 und 2023 veröffentlicht und fanden in den Ländern Australien, Ägypten, China, Indien, Indonesien, Iran, Italien, Niederlande, Philippinen, Polen, Taiwan, Türkei und in den USA statt. Zur Messung des Durstempfindens kamen unter anderem die Dialysis Thirst Inventory (DTI; 0=nicht durstig; 25=sehr oft durstig) und Visuelle Analogskala (VAS); 0-100mm; 0=kein Durst; 100=sehr durstig) zum Einsatz. Als nicht-pharmakologische Interventionen wurden das Kaugummikauen, eine salzarme Ernährung, Akkupunktur, gefrorene Erdbeeren, ein Flüssigkeitszeitplan, gefrorene Eiswürfel und Mundspülung mit Wasser sowie eine psychologische Intervention untersucht. Insgesamt gab es heterogene Ergebnisse bei der Intervention Kaugummikauen, und die durchgeführte Metaanalyse konnte keinen statistisch signifikanten Effekt, aber dennoch den Hinweis auf ein reduziertes Durstempfinden durch das Kaugummikauen aufzeigen. Zwei Studien adressierten den Einsatz einer salzarmen Ernährung und kamen zu jeweils unterschiedlichen Ergebnissen. Der Einsatz einer Akupunktur wurde innerhalb einer Studie untersucht und konnte keinen statistisch signifikanten Vorteil aufzeigen, während der Einsatz von gefrorenen Erdbeeren, eines Flüssigkeitszeitplans sowie von Eiswürfeln und der Mundspülung innerhalb jeweils einer Studie einen statistisch signifikanten positiven Effekt zur Durstreduktion erzielte. Die psychologische Intervention hatte keinen statistisch signifikanten positiven Effekt auf die Durstreduktion. ### **Wie verlässlich sind die Ergebnisse?** Die Qualität der eingeschlossenen Studien war nach Überprüfung mäßig bis gering. Dennoch wurden diese aufgrund fehlender aussagekräftiger Studien miteingeschlossen. Beispielsweise variierten die Stichprobengrößen der in den Studien eingeschlossenen Teilnehmenden stark, und die Berichterstattung folgte nicht durchgehend den internationalen Empfehlungen und war dadurch nicht immer transparent. In der Hauptveröffentlichung stellt eine Übersichtsgrafik die Qualität anhand der eingesetzten Beurteilungsinstrumente transparent und detailliert dar. ### *Wie lassen sich diese Ergebnisse für die Praxis nutzen?* *Die meisten der eingeschlossenen Studien untersuchten das Kaugummikauen von Pflegebedürftigen mit einer chronischen Herzinsuffizienz oder Niereninsuffizienz. Die chronische Herzinsuffizienz war dabei insgesamt unterrepräsentiert, da hierzu nur zwei Interventionsstudien ausfindig gemacht werden konnten. Die Ergebnisse sind dennoch hilfreich, wichtig und können insgesamt in der Praxis umgesetzt, jedoch nicht pauschal auf alle Pflegebedürftigen übertragen werden. Hierzu erfordert es immer eine individuelle (Sozial)-Anamnese und individuelle Planung und Umsetzung der Maßnahmen. Beispielsweise wurde der Einsatz von Kaugummis häufig untersucht - hierzu stellt sich jedoch die Frage, ob dies die Intervention der Wahl bei einem vorliegenden Zahnersatz oder im fortgeschrittenen Alter ist? Daher sollte gleichermaßen eine (pflegerische) Beratung angeknüpft werden, welche die spezifischen Bedürfnisse der Pflegebedürftigen in Zusammenhang mit dem Durstempfinden berücksichtigt. Insgesamt sollte regelmäßig ein Assessmentinstrument wie z. B. die VAS eingesetzt werden, um das Durstempfinden der Pflegebedürftigen transparent darzustellen.* ## Studien-Charakteristika ✏️ ****Autor:innen:** Wefer, F., Krüger, L., Waldréus, N., & Köpke, S. ****Jahr: 2024** ****Land:** Deutschland ****Design:** systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse ****DOI:** [https://doi.org/10.1016/j.hrtlng.2024.04.012](https://doi.org/10.1016/j.hrtlng.2024.04.012?ref=uebergabe.de) [Zur Studie](https://www.heartandlung.org/article/S0147-9563%2824%2900066-9/fulltext?ref=uebergabe.de) --- ### Weiterführende Literatur Waldreus, N., Hahn, R. G., & Jaarsma, T. (2013). Thirst in heart failure: a systematic literature review. *European Journal of Heart Failure*, *15*(2), 141-149\. [https://doi.org/10.1093/eurjhf/hfs174](https://doi.org/10.1093/eurjhf/hfs174?ref=uebergabe.de) Wefer, F., Möhler, R., Dichter, M. N., Mühring, A., Gummert, J., & Köpke, S. (2024). Nurse-based counselling on thirst in patients with advanced chronic heart failure: Study protocol for a pilot before-after study and process evaluation. *Medizinische Klinik - Intensivmedizin und Notfallmedizin*, *119*(2), 147-153\. [https://doi.org/10.1007/s00063-023-01091-y](https://doi.org/10.1007/s00063-023-01091-y?ref=uebergabe.de) Wefer, F., Krüger, L., Hermes, C., Nydahl, P., Mehler-Klamt, A., Henck, A., Ufelmann, M., Tewesmeier, J., Gummert, J., & Köpke, S. (2025). Handlungsalgorithmus: Durstmanagement von kritisch kranken Personen ohne künstlichen Atemweg. *Medizinische Klinik - Intensivmedizin und Notfallmedizin*. [https://doi.org/10.1007/s00063-025-01251-2](https://doi.org/10.1007/s00063-025-01251-2?ref=uebergabe.de) ### ### Ungleichheit im deutschen Gesundheitssystem (Bianca Flachenecker) URL: https://www.uebergabe.de/ug163/ Last updated: 2026-06-13T12:43:07.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 01.03.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Health Equity heißt: Herkunft, Einkommen oder Wohnort dürfen Gesundheitschancen nicht bestimmen. - Soziale Faktoren beeinflussen das Krankheitsrisiko schon lange vor jeder Behandlung. - Gleichbehandlung reicht nicht – Benachteiligte brauchen gezielte Unterstützung für faire Chancen. - Pflegefachpersonen und Community Health Nurses können Benachteiligte erreichen und präventiv stärken. - Digitalisierung bietet Chancen, schließt aber Menschen ohne Zugang oder Kompetenz aus. 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Health Equity, also Gesundheitsgerechtigkeit, stellt sicher, dass soziale, wirtschaftliche oder regionale Unterschiede nicht über den Zugang zu medizinischer Versorgung entscheiden. Doch das deutsche Gesundheitssystem hat hier noch große Defizite. Wie kommt es zu diesen Ungleichheiten und was können wir tun, um sie abzubauen? ## Was bedeutet Health Equity? Die [Weltgesundheitsorganisation (WHO)](https://www.who.int/health-topics/health-equity?ref=uebergabe.de#tab=tab%5F1) definiert Health Equity als die Abwesenheit von unfairen und vermeidbaren Unterschieden in der Gesundheitsversorgung zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Das Ziel ist, dass jede:r sein volles gesundheitliches Potenzial ausschöpfen kann, unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Bildung. In Deutschland gibt es zwar ein solidarisches Gesundheitssystem, doch Ungleichheiten bestehen weiterhin. Menschen mit niedrigerem Einkommen haben beispielsweise eine höhere Wahrscheinlichkeit, an chronischen Erkrankungen zu leiden. Auch der Wohnort spielt eine Rolle: Wer in einer strukturschwachen Region lebt, hat oft weniger Zugang zu Fachärzt:innen oder Präventionsangeboten. > „Gesundheit ist ein grundlegendes Menschenrecht, doch soziale Ungleichheiten verhindern, dass jede:r das gleiche gesundheitliche Potenzial ausschöpfen kann.“ – **Bianca Flachenecker** ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/02/d1ea73cf-111d-409a-84dd-6f3fb95cc97e.webp) ## Gesundheitsungleichheit beginnt lange vor der Behandlung Ein zentrales Problem ist, dass soziale Faktoren nicht nur den Zugang zur Gesundheitsversorgung beeinflussen, sondern auch das Risiko, überhaupt krank zu werden. So zeigen Studien, dass Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status häufiger an Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Dabei spielt nicht nur die medizinische Infrastruktur eine Rolle, sondern auch die Lebensweise: Ernährung, Bewegung und Stressbewältigung sind stark von Einkommen und Bildung abhängig. [Beispielsweise sind somatoforme Erkrankungen – also körperliche Beschwerden ohne klare organische Ursache – besonders häufig in wirtschaftlich benachteiligten Gruppen.](https://www.aerzteblatt.de/archiv/somatoforme-stoerungen-und-funktionsstoerungen-688ad28f-4ebd-4b48-bd33-2c6face1ab80?ref=uebergabe.de) Menschen in unsicheren Lebenslagen erleben häufiger Stress, was sich direkt auf ihre Gesundheit auswirkt. > „Wir müssen verstehen, dass Gesundheit nicht erst in der Arztpraxis beginnt, sondern bereits durch soziale Strukturen beeinflusst wird.“ – **Bianca Flachenecker** ## Gleichheit ist nicht Gerechtigkeit Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass gleiche Behandlung automatisch zu gleichen Chancen führt. Doch wer ohnehin benachteiligt ist, benötigt oft mehr Unterstützung. Ein berühmtes Beispiel veranschaulicht das Problem: Drei Menschen unterschiedlicher Größe stehen vor einem Zaun und wollen ein Fußballspiel sehen. Bekommen alle die gleiche Kiste zum Draufstellen, sieht nur eine:r über den Zaun. Gerecht wäre es, die Kisten so zu verteilen, dass jede:r über den Zaun sehen kann – oder noch besser: den Zaun gleich abzubauen. Im Gesundheitswesen bedeutet das: Menschen mit besonderen Risiken oder schlechterer Ausgangslage benötigen gezielte Maßnahmen, um gleiche Gesundheitschancen zu erhalten. > „Es reicht nicht, allen dasselbe zu geben – wir müssen schauen, wer welche Unterstützung braucht, um wirklich gleiche Chancen zu haben.“ – **Bianca Flachenecker** ## Die Rolle der Pflegefachpersonen Pflegefachpersonen haben eine zentrale Rolle in der Gesundheitsversorgung und können maßgeblich zur Verbesserung der Gesundheitsgerechtigkeit beitragen. Sie sind oft näher an Patient:innen als Ärzt:innen und haben tiefere Einblicke in deren Lebensrealität. Gerade Community Health Nurses könnten eine entscheidende Rolle spielen, um benachteiligte Gruppen besser zu erreichen und präventiv zu arbeiten. Auch der Forscher [Micheal Marmot beschreibt die Rolle der Pflegenden in einem Interview mit dem Royal Collage of Nursing](https://www.rcn.org.uk/magazines/People/2021/September/Professor-Sir-Michael-Marmot-health-equity-keynote-speech?ref=uebergabe.de) und geht dabei auch auf die sozialen Determinanten ein. [Das Gespräch mit Sir Michael Marmot, Präsident des Weltärztebundes: „Ärzte sind die Anwälte der Armen“ – Deutsches Ärzteblatt![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-5.png)Deutsches ÄrzteblattDeutscher Ärzteverlag GmbH, Redaktion Deutsches Ärzteblatt![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/image-1)](https://www.aerzteblatt.de/archiv/das-gespraech-mit-sir-michael-marmot-praesident-des-weltaerztebundes-aerzte-sind-die-anwaelte-der-armen-10a4eb52-79f8-4be2-b35d-8798aeb22ceb?ref=uebergabe.de) Die Pflege kann auch als Sprachrohr für Patient:innen dienen und auf soziale Herausforderungen aufmerksam machen. Hierzu gehört die Unterstützung bei Prävention, die Identifikation von individuellen Gesundheitsrisiken und die Vermittlung von Aufklärungsangeboten. ## Digitalisierung als Chance für mehr Gerechtigkeit Die Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten, um Gesundheitsgerechtigkeit zu verbessern. Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs), Telemedizin und künstliche Intelligenz könnten helfen, Prävention besser auf einzelne Gruppen zuzuschneiden. Doch auch hier gibt es Hürden: Wer keinen Zugang zu stabiler Internetverbindung oder digitalen Gesundheitsangeboten hat, profitiert nicht von diesen Entwicklungen. Besonders Menschen mit geringem Einkommen nutzen seltener digitale Gesundheitslösungen, da sie oft keinen ständigen Internetzugang oder nicht genügend digitale Gesundheitskompetenz haben. ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## Ökonomische Perspektive: Warum es sich lohnt, in Health Equity zu investieren Ungleichheit im Gesundheitssystem ist nicht nur ein moralisches Problem, sondern auch ein wirtschaftliches. Chronische Erkrankungen und häufige Krankheitsausfälle belasten nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch die Volkswirtschaft. Studien zeigen, dass bessere Prävention und ein gerechterer Zugang zur Gesundheitsversorgung die Produktivität steigern und langfristig sogar Kosten sparen können. Unternehmen profitieren ebenfalls von mehr Gesundheitsgerechtigkeit. Durch gezielte betriebliche Gesundheitsförderung, flexible Arbeitszeiten und präventive Maßnahmen könnten Unternehmen die Arbeitsfähigkeit ihrer Mitarbeitenden verbessern und Fehlzeiten reduzieren. ## Wie können wir Health Equity erreichen? Um Gesundheitsgerechtigkeit zu fördern, braucht es Veränderungen auf mehreren Ebenen: - **Politik:** Maßnahmen zur besseren Verteilung von Gesundheitsressourcen, Prävention als zentrale Säule der Versorgung etablieren. - **Gesellschaft:** Bewusstsein für soziale Determinanten der Gesundheit schärfen. - **Pflege und Medizin:** Patient:innen ganzheitlich betrachten, individuelle Bedürfnisse berücksichtigen. - **Unternehmen:** Arbeitsumgebungen schaffen, die Gesundheit und Wohlbefinden fördern. - **Digitalisierung:** Gesundheitsangebote so gestalten, dass sie für alle zugänglich sind. > „Wir brauchen eine systemische Veränderung, um langfristig mehr Gesundheitsgerechtigkeit zu schaffen – davon profitieren letztlich alle.“ – **Bianca Flachenecker** Health Equity ist keine Utopie, sondern eine Notwendigkeit. Wer heute investiert, baut ein gerechteres und gesünderes Gesundheitssystem für die Zukunft. ## Wer ist Bianca Flachenecker? Bianca Flachenecker ist Journalistin und Expertin für Gesundheitsmanagement. Nach Stationen in der Fachmedienbranche und im Consulting ist sie heute als Referentin des Vorstands bei den Kreisliniken Günzburg-Krumbach tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf Public Health und Gesundheitsgerechtigkeit. In ihrem [Buch "Health Equity im deutschen Gesundheitssystem. Eine Studie zum ökonomischen Potenzial im Kontext der Digitalisierung"](https://www.nomos-shop.de/de/p/health-equity-im-deutschen-gesundheitssystem-gr-978-3-68900-034-9?ref=uebergabe.de) untersucht sie das ökonomische Potenzial von Gesundheitsgerechtigkeit im Kontext der Digitalisierung. #### Weitere Links und Infos zur Folge: - [LinkedIn Kontakt von Bianca](https://www.linkedin.com/in/biancaflachenecker/?ref=uebergabe.de) - [Somatoforme Störungen und Funktionsstörungen](https://www.aerzteblatt.de/archiv/somatoforme-stoerungen-und-funktionsstoerungen-688ad28f-4ebd-4b48-bd33-2c6face1ab80?ref=uebergabe.de) - [German Index of Socioeconomic Deprivation (GISD)](https://edoc.rki.de/handle/176904/10493?ref=uebergabe.de) - [Sozioökonomische Muster von Krebserkrankungen in Deutschland](https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Kurzbeitraege/Archiv2018/2018%5F5%5FThema%5Fdes%5FMonats%5Fdeprivation.html?ref=uebergabe.de) - [Sozioökonomische Ungleichheit und COVID-19 – Eine Übersicht über den internationalen Forschungsstand des RKI (2020)](https://edoc.rki.de/handle/176904/6965?ref=uebergabe.de) - [Gesundheitswirtschaftliche Gesamtrechnung (GGR)](https://www.wifor.com/de/forschung/gesundheit/gesundheitswirtschaftliche-gesamtrechnung/?ref=uebergabe.de) - [Krankheitslast und sozioökonomische Auswirkungen von Migräne in Deutschland](https://www.wifor.com/uploads/2019/02/2018%5FNovartis%5FSocioeconomic-BoD-Migraine%5FProjektbericht%5FWifOR-1-1.pdf?ref=uebergabe.de) - [Buch von Christian Thielscher (2022): Wirtschaft und Gerechtigkeit. Was ist gerecht und wie beeinflussen Wirtschaftstheorien die Verteilung von Gütern?](https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-36222-5?ref=uebergabe.de) - [Michael Marmot (2017): The Health Gap: The Challenge of an Unequal World: the argument](https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5837404/?ref=uebergabe.de) - [Das Gespräch mit Sir Michael Marmot, Präsident des Weltärztebundes: „Ärzte sind die Anwälte der Armen“](https://www.aerzteblatt.de/archiv/das-gespraech-mit-sir-michael-marmot-praesident-des-weltaerztebundes-aerzte-sind-die-anwaelte-der-armen-10a4eb52-79f8-4be2-b35d-8798aeb22ceb?ref=uebergabe.de) ## Weitere Podcasts mit Bianca: [ÜG067 - Pflege in Fach- und Massenmedien (Bianca Flachenecker & David Gutensohn)Im Gespräch mit Bianca Flachenecker (HCM Magazin) und David Gutensohn (ZEIT online) Pflege in Fach- und Massenmedien.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-50.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug067-scaled-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug067/) --- ## Veranstaltungen und Aufrufe ⏰ Am 25\. Juni 2025 findet das ****Nursing Data Symposium 2025** im Luzerner Kantonsspital oder auch online statt. Hier geht es um die Erhebung, Analyse und Nutzung pflegerischer Routinedaten mithilfe Künstlicher Intelligenz, unter Einhaltung des Datenschutzes, ethischer Prinzipien und nachhaltigem Datenmanagement. Weitere Infos und Möglichkeiten zur Anmeldung findet ihr [HIER.](https://www.vfp-apsi.ch/services/veranstaltungen/nursing-data-symposium-2025?ref=uebergabe.de) --- ## Neues aus der Übergabe-Community - [Pflegegewerkschaft](https://community.uebergabe.de/t/pflegegewerkschaft/293?ref=uebergabe.de) - [One-Minute-Wonder - Wird es in der Praxis gebraucht und genutzt?](https://community.uebergabe.de/t/one-minute-wonder-wird-es-in-der-praxis-gebraucht-und-genutzt/214?ref=uebergabe.de) - [Freiheitsentziehende Maßnahmen](https://community.uebergabe.de/t/freiheitsentziehende-massnahmen/257?ref=uebergabe.de) - [Sammlung der Studiengänge aus unserer Community](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/?ref=uebergabe.de) - [Der große “ich stelle mich vor” Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/?ref=uebergabe.de) - [Qualifikationsarbeiten in unserem Podcast!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/CFIwGolU3LYAAAAC/hot-wind-blowing-lyrics-we-fight-for-justice.gif) ## Zum Weiterhören - [ÜG023 – DVG & Community Health Nursing (Prof. Dr. W. Schnepp & J. Sauskat)](https://www.uebergabe.de/ug023/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG048 – Gesundheitskompetenz der Bevölkerung während der COVID-19 Pandemie (Interview mit Dr. Orkan Okan)](https://www.uebergabe.de/ug048/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Mangelernährung bei geriatrischen Patient:innen im Krankenhaus URL: https://www.uebergabe.de/mangelernahrung-bei-geriatrischen-patient-innen-im-krankenhaus/ Last updated: 2025-02-27T08:00:57.000Z --- 🗓️ #70 | 27.02.2025 ### Worum geht's? Die Studie befasst sich mit dem Einfluss eines Krankenhausaufenthaltes auf den Ernährungszustand geriatrischer Patient:innen. Besonders untersucht wird, inwieweit bestehende oder neu auftretende Mangelernährung durch spezifische Faktoren wie Diagnose, Dauer des Aufenthalts oder Komorbiditäten beeinflusst wird. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie untersucht das Risiko von Gewichtsverlust und Mangelernährung bei geriatrischen Patient:innen während eines Klinikaufenthalts. Ziel ist es, die Ursachen für eine in der Klinik erworbene Mangelernährung zu identifizieren und mögliche Präventionsmaßnahmen zu entwickeln. _This post is for paying subscribers only._ ### Vom Tätigkeitsberuf zur Profession – Eine Zeitreise durch die Pflegegeschichte / Gastbeitrag von Christa Olbrich URL: https://www.uebergabe.de/vom-tatigkeitsberuf-zur-profession-eine-zeitreise-durch-die-pflegegeschichte-gastbeitrag-von-christa-olbrich/ Last updated: 2025-04-24T21:36:47.000Z --- ## Pflege als Profession: Warum sich der Beruf neu erfinden muss Nur wer die Vergangenheit kennt, versteht, wo wir heute stehen, und kann die Zukunft gestalten. In diesem Sinne tauchen wir ein in eine spannende Geschichte unseres Berufes. Pflege ist heute aktueller denn je. Während die Gesellschaft von einem Pflegenotstand spricht, beklagt der Berufsstand die mangelnde Anerkennung und die eingeschränkte Autonomie im Vergleich zu anderen Ländern. Doch wie hat sich der Pflegeberuf in Deutschland entwickelt? Tatsächlich gibt es kaum einen anderen Beruf, der sich in den letzten Jahrzehnten so rasant gewandelt hat. Dieser Artikel beleuchtet die Entwicklung der Pflege in Deutschland ab den 1950er Jahren. Er zeichnet den Weg von einer unreflektierten, traditionsgebundenen Pflege zur heutigen evidenzbasierten und reflektierten Pflegepraxis nach. Pflegefachpersonen erkennen heute ihren eigenen Wert, ihre fachliche Kompetenz im Sinne von Wissen Können und Erfahrung. Sie wissen um ihren unverzichtbaren Beitrag zur Gesellschaft Sie sind sich ihrer selbst bewusst. Doch bei alledem kämpfen sie aktuell immer noch um die Erweiterung ihrer Kompetenz im Sinne von Recht und Befugnis. --- ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/02/Christa_Olbrich_Portrait_Fotocredit-Michael-Kerstiens_097-1024x1024-1.jpg) Christa Olbrich (Foto: Michael Kerstiens) 💡 [Christa Olbrich](https://christa-olbrich.com/?ref=uebergabe.de#buecher) ist eine Pflegewissenschaftlerin, die ihr Leben der Pflege und deren Weiterentwicklung gewidmet hat. Ihre Kindheit war von Krieg und Vertreibung geprägt, eine Erfahrung, die sie zur Übernahme früher Verantwortung anspornte. Sie begann als Krankenhaushelferin, ist heute Pflegewissenschaftlerin und entwickelte innovative Pflegekonzepte. Seit über 50 Jahren ist sie in verschiedenen Funktionen tätig und setzt sich für Bildung und Ausbildung in der Pflege ein. Sie ist als Rednerin und Autorin für die Pflege aktiv. --- ### **Ab den 1950er Jahren: Die schweigende Zeit** Die 1950er Jahre waren von Schweigen geprägt. In den Nachkriegsjahren linderten die Pflegenden, mit oder ohne Ausbildung Not und Leid. Eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle während des Nationalsozialismus war noch nicht möglich. Auch die ehemaligen braunen Schwestern blieben stumm. Zu groß war das Entsetzen aus dieser Zeit. Das Berufsverständnis orientierte sich weiterhin, wie vor dem Krieg, an traditionellen Werten wie Gehorsam, Pflichterfüllung und Hingabe. Pflege wurde als weibliche Aufgabe betrachtet und war tief in kirchlichen und wohltätigen Strukturen verankert. Die Ausbildung erfolgte in Krankenhäusern, unter der Aufsicht von Ärzten, und hatte einen stark praktischen Schwerpunkt. Eine systematische, wissenschaftlich fundierte Ausbildung oder gar eine akademische Laufbahn, wie sie seit Beginn des Jahrhunderts bereits in den angloamerikanischen Ländern etabliert war, waren hierzulande noch in weiter Ferne. Gleichzeitig gab es in den 1950er Jahren einen wachsenden Bedarf an Pflegepersonen, bedingt durch den Wiederaufbau des Gesundheitswesens und die steigende Nachfrage nach medizinischer Versorgung. Die Pflege blieb jedoch weitgehend eine Hilfstätigkeit, oft geprägt von strengen Hierarchien und wenig Entscheidungsfreiheit. Pflege wurde lange als Heil- und Hilfsberuf bezeichnet. ### **Die 1960er Jahre: Die dienende Zeit** 1963 begann ich meine Ausbildung zur Krankenschwester. Damals war die Ausbildung nach dem Krankenpflegegesetz von 1957 auf zwei Jahre begrenzt, gefolgt von einem dritten Jahr zur Anerkennung. Der Pflegeberuf war stark vom Prinzip des Dienens und Unterordnens geprägt. Eigenständiges Denken oder kritisches Hinterfragen waren nicht gefragt – vielmehr galt Gehorsam als oberste Tugend. Der Unterricht wurde fast ausschließlich von Ärzten gehalten und konzentrierte sich auf medizinische Inhalte. Ich wunderte mich oft über die Themen, die wir lernen mussten. Der chirurgische Oberarzt brachte uns detailliert die Billroth-Operation und ihre verschiedenen Nahttechniken bei. Ich fragte mich insgeheim: > „Sollen wir etwa einmal operieren?“ Vielleicht war es genau dieser Moment, der mich später zur Operationsschwester werden ließ. Auch der Unterricht in Innerer Medizin folgte diesem Schema. Unser internistischer Oberarzt erklärte uns unter anderem die Symptome der Geschlechtskrankheit Tripper. Eines dieser Symptome sei ein geschwollenes Knie, sagte er. Einige Wochen später kehrte er aus dem Urlaub zurück, setzte sich lässig auf den Tisch, ließ die Beine baumeln und begann zu erzählen – und siehe da, sein Knie war geschwollen. Unauffällig flüsterte ich meiner Banknachbarin zu: „Tripperknie.“ Leider hatte er es gehört. Ich hielt den Atem an und rechnete mit einer schlechten Note. Doch er begnügte sich mit einer Ermahnung: Ich solle nicht so vorlaut sein. Pflegerische Fertigkeiten eigneten wir uns fast ausschließlich durch praktische Arbeit an. Theoretisches Wissen über systematische Pflege gab es damals noch nicht. Auch war es nicht üblich über unser Pflegehandeln zu reflektieren. Wir machten das so, wie man das immer schon so machte. Die Rolle der Schwester war klar definiert: *Wir waren die helfenden Hände der Ärzte.* Doch trotz aller Strenge war da ein unausgesprochenes Band zwischen uns Schülerinnen. In den Pausen flüsterten wir uns unsere Gedanken zu, lachten über kleine Anekdoten und unterstützten uns gegenseitig. ### **Die 1970er Jahre: Die bewegte Zeit** Mit den 1970er Jahren nahm der medizinische Fortschritt an Fahrt auf. Neue Technologien und Behandlungsmethoden revolutionierten die Medizin und beeinflussten auch die Pflege. Die Begeisterung über moderne Medizintechnik wuchs, und neue Aufgabenfelder entstanden. Blut abnehmen, bei Eingriffen assistieren oder intensivmedizinische Maßnahmen unterstützen, das bedeutete für viele Pflegende eine Aufwertung ihres Berufes. Gleichzeitig spaltete sich die Pflege in Grund- und Behandlungspflege, doch ein klares, einheitliches Berufsbild fehlte. Die ersten großen Herzoperationen wurden möglich, was den Bedarf an gut ausgebildeten Pflegefachpersonen steigerte. Operateure brauchten kompetente Krankenschwestern, die ihre Patienten adäquat versorgen konnten. Ich selbst begeisterte mich für diese neue Disziplin und absolvierte einen der ersten Kurse zur Intensivschwester. Doch nicht überall fand neues Wissen in der Pflege sofort Akzeptanz. Als ich später eine internistische Frauenstation leitete, war es noch üblich, ohne sterile Maßnahmen (man nannte das handsteril) Katheterisierungen durchzuführen. Ich entschied mich, dies zu ändern, und organisierte die notwendigen Materialien. Während ich im Stationszimmer dem Pflegeteam die sterile Technik erklärte, mischte sich unerwartet der Stationsarzt ein. Mit abwertender Miene fragte er: *„Schwester Christa, glauben Sie, dass die Vagina steril sei?“* Diese Episode zeigt, wie neue Pflegekonzepte auf Widerstände stießen und dass der Wandel nicht nur fachliches Wissen, sondern auch Durchsetzungsvermögen erforderte. Die 1970er Jahre waren eine Zeit großer Veränderungen. Die Pflege erweiterte ihr Wissen und entwickelte neues Können, was zugleich Herausforderungen auch für die Medizin mit sich brachte. Die Zusammenarbeit zwischen Ärzt:innen und Pflegefachpersonen musste neu definiert werden, und die zunehmende Professionalisierung der Pflege war nicht immer unumstritten. Doch trotz aller Hürden legte diese Ära den Grundstein für eine Pflege, die erkannte, dass sie sich weiterentwickeln wollte. 1973 wurde der Agnes Karll Verband (1903) umbenannt in: Deutscher Berufsverband für Krankenpflege [(DBfK)](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de). Heute der größte Berufsverband. ### **Die 1980er Jahre: Die suchende Zeit** In der suchenden Zeit der 1980er Jahre war das Berufsverständnis auf der Suche und stellte Fragen: Was ist Pflege? Es begannen die Anfänge einer Neuorientierung. Pflegetheorien aus der angloamerikanischen Pflege, die längst professionalisiert und akademisiert war, schwappen nach Deutschland. Diese fanden Eingang in Aus- und Weiterbildungscurricula. Allerdings ließen sie sich nicht in die Praxis ohne weiteres in unser deutsches Pflege- und Gesundheitssystem integrieren. Man suchte nach einem eigenen Pflegeverständnis. Das erforderte intensive Prozesse, denn unsere deutsche Pflege hatte das Erbe der christlich-abendländischen Kultur im Gepäck. Historisch gewachsene Strukturen, die stark von einem fürsorglichen, oft religiös geprägten Selbstverständnis bestimmt waren, standen einer Modernisierung und Akademisierung zunächst im Weg. Das Berufsbild war von handwerklichen Strukturen geprägt und Pflegende beschrieben ihren Beruf immer noch mit den Attributen von Tätigkeiten. Die ersten Pionierinnen der Pflegeforschung begannen ihre Suche nach einer wissenschaftlichen Fundierung des Pflegehandelns. Pflegehandeln wurde reflektiert, erste Studien zu pflegerelevanten Themen entstanden. Gleichzeitig wuchs das Bewusstsein für die Notwendigkeit, Pflege nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch zu untermauern. Die Professionalisierung nimmt langsam Fahrt auf, doch es blieb ein langer Weg, bis sich ein eigenständiges Pflegeverständnis in Deutschland entwickelte. ### **Die 1990er Jahre: Die kämpfende Zeit** In den 1990er Jahren begannen Pflegende, sich stärker mit ihren eigenen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Das Berufsverständnis erwachte. Pflege wurde aufmerksam und wach gegenüber ihren eigenen Interessen. Zwar zum Wohle des Patienten, jedoch auch im Sinne des eigenen Berufsstandes. Man kämpfte um den Zugang in die Hochschulbildung, vorerst nur mit Professionalisierungsbestrebungen in Leitungs- und Lehrfunktionen. Der Durchbruch gelangt mit Unterstützung von außen. Die Robert-Bosch-Stiftung förderte mit ihrem Programm die Akademisierung der Pflege. Hochschulen verzeichneten einen Rückgang der Studienbewerber und wurden daher offen für neue Studiengruppen aus der Pflege. Pflege selbst wurde sich erst sehr langsam ihres Wertes bewusst. Immerhin waren die Steine ins Rollen gebracht und nicht mehr aufzuhalten. Parallel dazu entstanden erste Netzwerke und Berufsverbände, die sich für die Belange der Pflege starkmachten. Veranstaltungen, Tagungen und Publikationen trugen zur Verbreitung des neuen Selbstverständnisses bei und ließen sich von erfolgreichen Professionalisierungsprozessen im Ausland inspirieren. Diese Vernetzung führte zu einem stetigen Austausch und förderte die Entstehung einer gemeinsamen Identität. Trotz vieler Widerstände wuchs das Bewusstsein dafür, dass Pflege nicht nur eine Berufung, sondern eine eigenständige, wissenschaftlich fundierte Profession werden kann.1990 wird das Agnes Karll Institut für Pflegeforschung gegründet. 1998: Gründung des Deutschen Pflegerates [(DPR)](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de), er vertritt derzeit 1,7 Millionen professionell Pflegende. ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### **Die 2000er Jahre: Die erkennende Zeit** In der erkennenden Zeit der 2000er Jahre gelingt es der Pflege in den Hochschulen anzukommen. Pflegeforschung bringt die ersten Ergebnisse, die den Wert der Pflege sichtbar machen. Pflegepionierinnen gelingt es, auch das grundständige Bachelor Pflegestudium an den Hochschulen zu etablieren. In der Praxis wird die Notwendigkeit der Weiterentwicklung erkannt. Pflegende erkennen ihre Selbstwirksamkeit: Sie erreichen etwas und können darauf aufbauen. Die Erkenntnis der eigenen beruflichen Kompetenzen stärkt das Selbstbewusstsein und motiviert dazu, neue Wege zu gehen. Die Forschung liefert zunehmend Evidenz für die Wirksamkeit pflegerischer Interventionen, was nicht nur die Praxis, sondern auch die politische Wahrnehmung verändert. Pflegewissenschaftler\*innen arbeiten in interdisziplinären Teams und tragen zur Verbesserung der Patientenversorgung bei. Gleichzeitig entstehen neue Karrierewege, die es ermöglichen, Forschung und Praxis zu verbinden. Masterstudiengänge ermöglichen Karriere. Die Einführung von Pflegekammern und die stärkere Beteiligung an gesundheitspolitischen Debatten zeigen, dass Pflege langsam, aber sicher, als unverzichtbare Säule des Gesundheitssystems anerkannt wird. So wird die erkennende Zeit zur Basis für eine Zukunft, in der Pflege sich zunehmend aktiv einbringt. ### **Die 2010er Jahre: Die vorwärts drängende Zeit** In der vorwärts drängenden Zeit zwischen 2010 und 2020 ist bereits ein Berufsverständnis vorhanden. Pflegende entwickeln ein tieferes Bewusstsein für die Bedeutung ihres Berufes und für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Es werden neue Pflegekonzepte und Expertenstandards entwickelt. Im Berufsverständnis wird man sich der Bedeutung von Autonomie bewusst. Die erste [Pflegekammer entsteht in Rheinland Pfalz](https://pflegekammer-rlp.de/?ref=uebergabe.de) 2016\. Ein neues [Pflegeberufegesetz](https://www.gesetze-im-internet.de/pflbg/?ref=uebergabe.de) (PflBG) wird erarbeitet. Darin sind die Vorbehaltsaufgaben festgelegt – ein Novum der deutschen Pflege. Diese Erfahrungen geben Kraft und Stärke für die nächste Stufe der Pflegeidentität. Das Gesetz tritt 2020 in Kraft. Mit der zunehmenden Akademisierung der Pflege wächst auch die wissenschaftliche Fundierung des Berufes. Forschungsergebnisse beeinflussen die Praxis, evidenzbasierte Pflege setzt sich immer mehr durch. Digitalisierung und technische Innovationen verändern den Arbeitsalltag, fordern aber auch eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Kompetenzen. Gleichzeitig wächst das gesellschaftliche Bewusstsein für die Relevanz der Pflege, was sich in politischen Diskussionen und Reformen widerspiegelt. ### **Die 2020er Jahre: Die sich ihrer selbst bewussten Zeit** In der sich ihrer selbst bewussten Zeit der 2020er Jahre haben viele professionell Pflegende ihre Identität gefunden und sind selbstbewusst. Was ist der Quantensprung in diesen Jahren? Pflegefachpersonen werden sich ihres Wertes bewusst, Pflege wird als existenzrelevant erkannt, offenbart durch die Corona-Krise. Pflege wird sich ihrer Position innerhalb des Gesundheitswesens bewusst, verstärkt durch den Pflegenotstand. Pflege ist ein Heilberuf, diese Anerkennung erfolgt durch die Politik. Pflege braucht kein Heilkundemandat durch Ableitung von medizinischen Diagnosen. Pflege ist Heilkunde, rechtlich begründet im Pflegeprozess. Die Profession etabliert sich als eigenständige Disziplin und wird zunehmend als unverzichtbarer Bestandteil eines funktionierenden Gesundheitssystems anerkannt. Blicken wir mit dem Fokus der Bewusstseinsentwicklung auf die Zeitepochen der Berufsidentität, erkennen wir deutlich die Bewegung von unreflektiert zu reflektiert und von unbewusst zu bewusst. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen – die kommenden Jahre werden zeigen, wie Pflege ihre Position weiter festigt und sich als unverzichtbare, gleichberechtigte Profession im Gesundheitswesen etabliert. ### **Zum Ausblick eine Vision** Die Zukunft der Pflege wird eine spirituelle sein oder sie versinkt in der Bedeutung von Materie und Körper. Im ureigenen Pflegeverständnis wird der Mensch als Einheit von Körper, Seele und Geist gesehen. In unseren heutigen Gesundheitsstrukturen sind Pflegende gezwungen, meistens nur noch den Körper zu versorgen. Das könnte ein Grund für das Leid der Pflege selbst sein, sowie des kranken Gesundheitswesens. Wird das erkannt, so erwächst daraus ein Potential der Veränderung. Die geistige Dimension von kranken und gesunden Menschen ist lebensnotwendig, sie wird wieder mit mehr Bewusstseinsentwicklung zutage treten. Pflege wird einen entscheidenden Beitrag dazu leisten. Allerdings ist auch die Verantwortung jeder einzelnen Person in unserer Gesellschaft dazu notwendig. Als gemeinsame Verantwortung wird sich unsere Gesellschaft hin zu mehr Menschlichkeit entwickeln. Denn schließlich haben wir alle das Recht auf ein Leben in Achtung und Würde. ## Als wir nur tüchtige Mädchen waren ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/02/csm_Christa-Olbrich_Als-wir-nur-tuechtige-Maedchen-waren_Wermeling-Verlag_Cover_05112024_f49a6424dc.jpg) ## Wie wir die Seele der Pflege verstehen Christa Olbrich hat das Thema Pflege im Laufe ihres Lebens und Berufslebens aus nahezu jeder denkbaren Perspektive erlebt, reflektiert, gestaltet und als Pflegepionierin mutig vorangebracht. Verwoben mit der Geschichte ihres außergewöhnlichen Berufswegs erzählt sie eine lebendige Zeitgeschichte des Pflegeberufs und der Frauenemanzipation seit den 50er Jahren. Stück für Stück entfaltet sie, was unsere persönliche Entwicklung als Mensch und unser berufliches Selbstverständnis im tiefsten Innern ausmachen. Spannend, höchst erhellend und mit einer kraftvollen Vision für unser aller Zukunft. [Mehr Infos zum Buch](https://www.wermeling-verlag.de/buchprogramm/christa-olbrich-als-wir-nur-tuechtige-maedchen-waren?ref=uebergabe.de) 📚 ****Literatur** Olbrich, Christa (2025) Als wir nur tüchtige Mädchen waren. Wie wir die Seele verstehen. Wermeling Münster Olbrich, Christa (2023) Pflegekompetenz. 4\. Aufl., Hogrefe Bern ### Versorgungsmangel in NRW / Pflege in die Vorstände! / GVSG URL: https://www.uebergabe.de/pu091/ Last updated: 2026-06-13T23:27:34.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 22.02.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegekammer NRW warnt: Fachkräftemangel trifft schon in fünf Jahren zehn Kommunen hart. - In Warendorf stehen 37 % Renteneintritten nur 10 % Nachwuchskräfte gegenüber. - Der DPR fordert pflegefachliche Expertise mit Entscheidungsbefugnis in Krankenhausvorständen. - Das GVSG gibt Pflegeorganisationen ein Antrags- und Mitberatungsrecht im G-BA. - Internationale Fachkräfte sind besonders in ländlichen Regionen unverzichtbar. 📎 Die Pflegekammer NRW hat alarmierende Zahlen zum Versorgungsmangel in der Pflege veröffentlicht. Besonders betroffen sind zehn Kommunen in NRW, in denen der Fachkräftemangel drastische Auswirkungen haben könnte. Ursachen sind unter anderem der demografische Wandel und unzureichende Maßnahmen zur Nachwuchsförderung. Der Deutsche Pflegerat (DPR) fordert zudem eine stärkere pflegefachliche Vertretung in Krankenhausvorständen, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Gleichzeitig bringt das neue Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG) Änderungen, die den Einfluss der Pflege in gesundheitspolitischen Entscheidungen stärken könnten. ## Zum Weiterhören - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [PU052 – Referentenentwurf GVSG / Expert\*innenpapier Notfallpflege](https://www.uebergabe.de/pu052/) - [PU027 – Tag der Pflegenden 2022 / Stimmrecht im Gemeinsamen Bundesausschuss](https://www.uebergabe.de/pu027/) --- ## Pflegekammer NRW schlägt Alarm Die Pflegekammer NRW hat Zahlen veröffentlicht, die den gravierenden Fachkräftemangel in der Pflege verdeutlichen. Besonders zehn Kommunen in NRW stehen vor großen Herausforderungen: Coesfeld, Höxter, Kleve, Leverkusen, Minden-Lübbecke, Neuss, Soest, Steinfurt, Viersen und Warendorf. [Pflegekammer NRW warnt vor massivem Versorgungsmangel in der Pflege – zehn Städte besonders betroffen - Pflegekammer NRWDüsseldorf, 7\. Februar 2025 – Die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen schlägt Alarm: In mehreren Städten des Bundeslandes wird es in den kommenden Jahren zu einer drastischen Unterversorgung mit Pflegefachpersonen kommen. Besonders betroffen \[…\]![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-3.svg)Pflegekammer NRWGeorg![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Megaphon_3zu2.png)](https://www.pflegekammer-nrw.de/pflegekammer-nrw-warnt-vor-massivem-versorgungsmangel-in-der-pflege-zehn-staedte-besonders-betroffen/?ref=uebergabe.de) Ein Beispiel ist Warendorf, wo auf 37 % der Pflegefachpersonen, die in naher Zukunft in Rente gehen, nur 10 % an Nachwuchskräften kommen. Diese Unterversorgung betrifft nicht nur die Pflegebranche, sondern auch Angehörige, die zunehmend selbst in die Rolle der pflegenden Angehörigen gedrängt werden. Sandra Postel, Präsidentin der Pflegekammer NRW, betont: „Wir reden hier nicht von einer Entwicklung, die in 20 oder 30 Jahren passieren wird. Es wird schon in den kommenden fünf Jahren so weit sein.“ Die Forderungen der Pflegekammer sind klar: eine bessere Nachwuchsförderung, eine Attraktivitätssteigerung des Berufs und eine gezielte Rückgewinnung von Pflegefachpersonen. ## Pflege in Krankenhausvorständen Der Deutsche Pflegerat (DPR) kritisiert, dass Pflegefachpersonen zwar die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen stellen, aber in den Führungsetagen von Krankenhäusern kaum vertreten sind. Dabei geht es nicht nur um Anerkennung, sondern um Qualitätssicherung und wirtschaftliche Stabilität. Krankenhäuser stehen vor enormen Herausforderungen: politischer Druck durch die Krankenhausreform, wirtschaftliche Zwänge und steigende Fallzahlen. Der DPR fordert daher, dass pflegefachliche Expertise auf Vorstandsebene verankert wird – mit echter Entscheidungsbefugnis. Internationale Beispiele wie das Magnet Recognition Program in den USA zeigen, dass eine stärkere Einbindung der Pflege zu besseren Ergebnissen in der Versorgung führt. In Deutschland gibt es erste Fortschritte, etwa in Nordrhein-Westfalen, wo die Pflegedirektion als fester Bestandteil der Krankenhausleitung etabliert wurde. Doch der DPR fordert eine bundesweite gesetzliche Grundlage, um die strategische Mitbestimmung der Pflege sicherzustellen. [Deutscher Pflegerat - DPR fordert pflegefachliche Expertise in KrankenhausvorständenDer DPR fordert in einem Forderungspapier die Verankerung pflegefachlicher Expertise in Krankenhausvorständen. Das ist unverzichtbar, um die Versorgung zu sichern.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-13.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-3.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/dpr-fordert-verankerung-pflegefachlicher-expertise-in-krankenhausvorstaenden?ref=uebergabe.de) ## Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz: Ein Schritt in die richtige Richtung? Das Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG) wurde Ende Januar beschlossen und könnte die pflegerische Perspektive in gesundheitspolitischen Entscheidungen stärken. Besonders relevant ist, dass den Berufsorganisationen der Pflegeberufe ein Antrags- und Mitberatungsrecht im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) eingeräumt wird. Unklar bleibt jedoch, welche Organisationen genau vertreten sein werden. Derzeit spricht vieles dafür, dass der Deutsche Pflegerat (DPR) diese Rolle weiter übernimmt. Langfristig könnte jedoch eine Bundespflegekammer in Kombination mit anderen Organisationen für eine breitere Repräsentation sorgen. Bernadette Klapper vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) kritisiert, dass mit dem Gesetzesentwurf wichtige Reformen – wie die Einführung von Primärversorgungszentren – gestrichen wurden. Diese seien notwendig, um die Gesundheitsversorgung an eine alternde Bevölkerung anzupassen. [Gesetz wird seinem Namen nicht gerechtAm Freitag, den 14\. Februar 2025, hat der Bundesrat dem Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG) zugestimmt. Wichtige Reformen zur Stärkung der Primärversorgung, die ursprünglich vorgesehen waren, sind im Gesetz nicht mehr vorhanden. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) kritisiert, dass wieder eine Chance vertan wird, die Gesundheitsversorgung besser abzusichern. DBfK-Bundesgeschäftsführerin Bernadette Klapper dazu:![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-14.ico)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DBfK_Logo_Kuller-2.svg)](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2025/Pressestatement-GVSG.php?ref=uebergabe.de) ## Kurznachrichten ### Gesundheitsorganisationen für Weltoffenheit Mehrere Gesundheitsorganisationen, darunter die Bundesärztekammer und der Deutsche Pflegerat, setzen sich für ein weltoffenes und tolerantes Deutschland ein. Internationale Fachkräfte machen rund 15 % des Personals im Gesundheitswesen aus und sind insbesondere in ländlichen Regionen unverzichtbar. ### Umbruch im Gesundheitsausschuss Nach der Bundestagswahl wird es im Gesundheitsausschuss des Bundestages viele personelle Veränderungen geben. Zwölf der derzeit 43 Mitglieder treten nicht erneut an, darunter Heike Baehrens (SPD) und Maria Klein-Schmeink (Grüne). Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bleibt jedoch im Amt. ### Akademisierung der Pflegeberufe gefordert Die Deutsche Hochschulmedizin fordert eine stärkere Akademisierung der Gesundheitsfachberufe. Neue Studiengänge, Professuren und Forschungsaktivitäten seien notwendig, um die Qualität der Versorgung langfristig zu sichern. --- ### Weitere Informationen zu den Kurznachrichten findet ihr hier: ### [Für ein weltoffenes und tolerantes LandFachkräfte aus dem Ausland sind unverzichtbar für eine flächendeckende Krankenhausversorgung. Auch deshalb muss Deutschland ein weltoffenes und tolerantes Land bleiben.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-15.ico)Deutsche Krankenhaus Gesellschaft![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-DKG.png)](https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/fuer-ein-weltoffenes-und-tolerantes-land/?ref=uebergabe.de) [Umbruch im Gesundheitsausschuss steht nach der Wahl bevor – Deutsches Ärzteblatt![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-3.png)Deutsches ÄrzteblattDeutscher Ärzteverlag GmbH, Redaktion Deutsches Ärzteblatt![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/image)](https://www.aerzteblatt.de/news/umbruch-im-gesundheitsausschuss-steht-nach-der-wahl-bevor-5da194a9-ad6a-44a1-9436-a9df334ba115?ref=uebergabe.de) [Agenda der Deutschen Hochschulmedizin für die kommende Legislaturperiode - Deutsche Hochschulmedizin e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-4.png)Deutsche Hochschulmedizin e.V. -](https://www.deutsche-hochschulmedizin.de/presse/position/agenda-der-deutschen-hochschulmedizin-fuer-die-kommende-legislaturperiode-2/?ref=uebergabe.de) --- ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. --- ## Veranstaltungen ⏰ Am 25\. Juni 2025 findet das ****Nursing Data Symposium 2025** im Luzerner Kantonsspital oder auch online statt. Hier geht es um die Erhebung, Analyse und Nutzung pflegerischer Routinedaten mithilfe Künstlicher Intelligenz, unter Einhaltung des Datenschutzes, ethischer Prinzipien und nachhaltigem Datenmanagement. Weitere Infos und Möglichkeiten zur Anmeldung findet ihr [HIER.](https://www.vfp-apsi.ch/services/veranstaltungen/nursing-data-symposium-2025?ref=uebergabe.de) --- ## Aktuelle Themen in der Übergabe-Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Der Einfluss von Pflegefachpersonen auf die Einsamkeit im Alter URL: https://www.uebergabe.de/der-einfluss-von-pflegefachpersonen-auf-die-einsamkeit-im-alter/ Last updated: 2026-03-30T08:26:16.000Z --- 🗓️ #69 | 20.02.2025 ### Worum geht's? Die Studie fokussiert sich darauf, wie das Verhalten von Pflegefachpersonen hinsichtlich Empathie, Betreuung und sozialer Unterstützung mit der Einsamkeit älterer Menschen zusammenhängt. Basierend auf der Theorie der „Carative Faktoren“ von Jean Watson wird untersucht, welche Aspekte der Pflege besonders dazu beitragen, die soziale Isolation zu verringern. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen der Fürsorge von Pflegefachpersonen und dem Einsamkeitsgefühl älterer Menschen. Ziel ist es, zu analysieren, inwieweit die pflegerische Betreuung die soziale Isolation und die psychologischen Auswirkungen der Einsamkeit bei älteren Menschen reduzieren kann. _This post is for paying subscribers only._ ### Flexible Arbeitszeiten in der Langzeitpflege (Lena-Marie Wirth & Helmut Wallrafen) URL: https://www.uebergabe.de/ug162/ Last updated: 2026-06-13T12:43:01.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 15.02.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Projekt Pflege:Zeit erprobt flexible Arbeitszeitmodelle in der stationären Langzeitpflege. - Kooperative Dienstplanung bindet dich ein, braucht aber klare Moderation und Transparenz. - Mobiles Arbeiten entlastet bei Doku, erfordert neue Datenschutz- und Arbeitszeitregeln. - Flexibilisierung nützt Mitarbeitenden, Arbeitgebern und Pflegebedürftigen zugleich. - Damit Modelle sich durchsetzen, müssen gesetzliche Rahmenbedingungen angepasst werden. # Flexiblere Arbeitszeiten in der Langzeitpflege: Das Projekt Pflege:Zeit als Wegweiser Die Pflegebranche steht vor massiven Herausforderungen. Hohe Arbeitsbelastung, Fachpersonenmangel und starre Schichtmodelle belasten die Pflegefachpersonen. Doch was wäre, wenn sich Arbeitszeiten flexibler gestalten ließen? Genau das untersucht das [Projekt **Pflege:Zeit**](https://www.mat-gmbh.de/aktuelles/pflege-zeit.html?ref=uebergabe.de), das von der [MA&T Sell & Partner GmbH](http://www.mat-gmbh.de/?ref=uebergabe.de) koordiniert und in Zusammenarbeit mit dem [Institut Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen](http://www.iat.eu/?ref=uebergabe.de) sowie der [Sozial-Holding der Stadt Mönchengladbach](https://www.sozial-holding.de/?ref=uebergabe.de) durchgeführt wird. Gefördert wird es im Rahmen der [Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA)](https://www.inqa.de/DE/startseite/startseite.html?ref=uebergabe.de) durch das [Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS)](https://www.bmas.de/DE/Startseite/start.html?ref=uebergabe.de) und fachlich von der [Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)](https://www.baua.de/DE/Home?ref=uebergabe.de) begleitet. Ziel ist es, lebensphasengerechte und bedarfsorientierte Arbeitszeitmodelle in der stationären Langzeitpflege zu entwickeln und zu erproben, um die Zufriedenheit der Mitarbeitenden zu steigern und die Versorgungsqualität zu sichern. ## Warum überhaupt flexiblere Arbeitszeiten? Der Pflegeberuf hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Einst galten starre Schichtpläne als Norm, doch die Bedürfnisse der Pflegefachpersonen haben sich gewandelt. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, individuelle Bedarfe und die gestiegene Arbeitsintensität fordern neue Modelle. Hier setzt Pflege:Zeit an und untersucht, ob flexible Arbeitszeitmodelle die Arbeitszufriedenheit steigern und zugleich die Versorgungsqualität sichern können. > "Pflege war schon immer flexibel, aber jetzt geht es darum, diese Flexibilität sinnvoll zu gestalten – für die Menschen, die wir versorgen, und für die, die sie versorgen." – **Helmut Wallrafen** [Warum es keine Generationen gibt - Martin SchroederWarum es keine Generationen gibt Will die Generation Z nicht mehr arbeiten? Ist die Generation Z fragil? Schwört die Generation Z beim Dating auf die Sterne? Ist sie die „Generation Bindungsunfähig“ (jetzt übrigens auch als Film)? Tagtäglich bekomme ich solche Anfragen. Heute über die Generation Z, vorher über die Generation Y. Meist ist der Anlass, dass wieder ein TikTok Video, Managementguru, Entertainerin, Aktivistin oder Twitteruserin ein entsprechendes Gerücht in die Welt gesetzt hat, fast immer, ohne sich auf Daten zu stützen. Entsprechend lesen sich die meisten Generationenbeschreibungen. So wünschen sich die „Ypsiloner subtile Farben und natürliches Licht \[…\]. Farbnuancen in \[…\]![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-martin-schroeder-114px.jpg)Martin SchroederMartin Schröder![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-martin-schroeder-24.png)](https://www.martin-schroeder.de/2023/07/17/warum-es-keine-generationen-gibt/?ref=uebergabe.de) ## Die Besonderheit der stationären Altenpflege Die stationäre Altenpflege unterscheidet sich grundlegend von anderen Pflegebereichen. Während in der Akutpflege der Fokus oft auf der schnellen medizinischen Versorgung liegt, steht in der Altenpflege die kontinuierliche Betreuung und Beziehungsarbeit im Mittelpunkt. Pflegefachpersonen begleiten die Bewohner:innen über einen langen Zeitraum, wodurch eine enge Vertrauensbasis entsteht. Dies stellt besondere Anforderungen an die Arbeitsorganisation, da ein hohes Maß an Verlässlichkeit und emotionaler Kompetenz gefragt ist. Gleichzeitig sind die Herausforderungen groß: Der hohe Personalmangel trifft diesen Bereich besonders hart und der Spagat zwischen individuellen Bedürfnissen der Pflegefachpersonen und der konstanten Versorgung der Bewohner:innen erfordert innovative Lösungsansätze. ## Experimentierraum: Dienstplanung im Team Ein Kernaspekt des Projekts ist die **kooperative Dienstplanung**. Statt dass Vorgesetzte allein den Dienstplan festlegen, werden Pflegefachpersonen aktiv in den Prozess eingebunden. Die Idee: Wer seine eigene Arbeitszeit mitgestalten kann, empfindet weniger Druck und arbeitet motivierter. Erste Ergebnisse zeigen jedoch, dass es einer **klaren Moderation und Transparenz** bedarf. Denn nicht jede:r hat die Expertise oder den Überblick, um Dienstpläne effizient zu gestalten. Trotzdem berichten die Beteiligten, dass sie sich ernster genommen und wertgeschätzt fühlen. ## Mobiles Arbeiten in der Pflege? Ein weiterer Bestandteil besteht aus der Möglichkeit des **mobilen Arbeitens**. In der Pflege klingt das zunächst paradox, doch viele Aufgaben, etwa Dokumentationen, Pflegeplanungen oder Teambesprechungen, können ortsunabhängig erledigt werden. Ein ausgewählter Personenkreis testet aktuell, inwiefern mobiles Arbeiten in der Praxis funktionieren kann. Erste Erfahrungen zeigen, dass Pflegefachpersonen sich **ungestörter und effizienter** um Dokumentationen kümmern können. Gleichzeitig besteht aber die Herausforderung, **neue Regeln für Datenschutz und Arbeitszeiten** zu definieren. > "Wir erleben, dass Mitarbeitende das mobile Arbeiten als große Entlastung wahrnehmen. Gleichzeitig brauchen wir klare Regeln für Datenschutz und Arbeitszeitgrenzen." – **Lena-Marie Wirth** ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/02/17e729cb-d745-43fa-acc8-9d947b3df153.webp) ## Flexibilisierung: Mehr als ein Buzzword Die Debatte um New Work in der Pflege ist oft von der Frage geprägt: Geht es um **tatsächliche Verbesserungen oder nur um ein Krisenmanagement aufgrund des Fachpersonenmangels?** Die Antwort ist nicht einfach. Die Nachfrage nach Pflegefachpersonen übersteigt das Angebot deutlich. Ohne attraktive Arbeitsmodelle werden immer mehr Menschen dem Beruf den Rücken kehren. Doch eine reine Personallücken-Politik kann keine nachhaltige Lösung sein. Pflege:Zeit zeigt, dass Flexibilisierung nicht nur den Arbeitgebern, sondern auch den Pflegefachpersonen und letztlich den pflegebedürftigen Menschen zugutekommt. ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## Organisationale Resilienz: Pflegeeinrichtungen stärken Das Konzept der **organisationalen Resilienz** spielt eine zentrale Rolle im Projekt. Eine resiliente Organisation passt sich Veränderungen an, ohne an Effizienz oder Qualität einzubüßen. Flexible Arbeitszeitmodelle könnten eine Lösung sein, um Einrichtungen besser auf Krisen vorzubereiten. Doch Resilienz funktioniert nur, wenn nicht nur die Pflegefachpersonen, sondern auch die gesamte Institution mitzieht. ## Fazit: Ein Modell für die Zukunft? Pflege:Zeit ist ein vielversprechendes Projekt, das zeigt, wie sich **Arbeitszeitflexibilisierung in der Langzeitpflege praktisch umsetzen lässt**. Es gibt Herausforderungen, etwa im Bereich Dienstplanung oder Datenschutz, doch die ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass neue Arbeitszeitmodelle positive Effekte auf Arbeitszufriedenheit und Versorgungssicherheit haben können. Ob sich solche Modelle flächendeckend durchsetzen, hängt nicht zuletzt von der Politik ab. Denn gesetzliche Rahmenbedingungen müssen sich anpassen, damit innovative Arbeitsmodelle nicht an veralteten Vorgaben scheitern. Pflege:Zeit könnte der erste Schritt in eine neue Arbeitswelt der Pflege sein – eine, in der die Bedürfnisse der Pflegefachpersonen ebenso ernst genommen werden wie die der Pflegebedürftigen. --- ## Weitere Podcasts zum Thema: [Arbeiten 5.0: Pflegearbeit am UKE neu gedacht🎙️Wir sprechen mit Ilja Doronin und Christine Navarro vom UKE Hamburg über die Harmonisierung von Dienstzeiten und Prozessen. Hierbei erfahrt ihr mehr darüber, welche Projektschritte umgesetzt wurden, um eine möglichst hohe Flexibilisierung der Dienstzeiten zu erreichen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-46.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug160.png)](https://www.uebergabe.de/ug160/) [Lebensphasengerechte Personalplanung in der Pflege gestaltenDas Forschungsprojekt LPP zeigt, wie lebensphasengerechte Personalplanung die Pflege zukunftsfähig macht. Individuelle Laufbahnen, flexible Arbeitsmodelle und Weiterbildungen stärken Pflegefachpersonen und Organisationen gleichermaßen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-47.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug157-1.png)](https://www.uebergabe.de/ug157/) [4-Tage-Woche in der Pflege - Podcast mit Henrik van Gellekom🎙️ Erfahrt in Folge 137 des Übergabe-Podcasts, wie die 4-Tage-Woche am Klinikum Bielefeld die Arbeitsbedingungen und Work-Life-Balance verbessert. Es werden Herausforderungen, Vorteile und die positiven Auswirkungen auf die Patientenversorgung beleuchtet.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-48.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/UG137mittelm--ig-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug137/) --- ## Neues Video online Der Zulauf in unseren Newsletter und in unsere Community ist großartig und wir freuen uns über jede einzelne Person! Ganz vielen Dank! Wir möchten das zum Anlass nehmen, um einen Überblick zu geben, was die **Übergabe** eigentlich ist. Was machen wir? Wo kommen wir her, warum machen wir das und welche Formate bieten wir an? Gleichzeitig wollen wir 2025 auch mehr zeit in YouTube investieren. Was wir im letzten Jahr begonnen haben, soll dieses Jahr ausgebaut und weiter verbessert werden. Du bist herzlich eingeladen, uns jederzeit Impulse und Ideen für Videos zukommen zu lassen. [Schreib uns einfach eine Mail!](mailto:hallo@uebergabe.de) Dort nehmen wir natürlich auch Feedback und Lob entgegen 😏 --- ## Veranstaltungen und Aufrufe ⏰ Am 25\. Juni 2025 findet das ****Nursing Data Symposium 2025** im Luzerner Kantonsspital oder auch online statt. Hier geht es um die Erhebung, Analyse und Nutzung pflegerischer Routinedaten mithilfe Künstlicher Intelligenz, unter Einhaltung des Datenschutzes, ethischer Prinzipien und nachhaltigem Datenmanagement. Weitere Infos und Möglichkeiten zur Anmeldung findet ihr [HIER.](https://www.vfp-apsi.ch/services/veranstaltungen/nursing-data-symposium-2025?ref=uebergabe.de) --- ## Neues aus der Übergabe-Community - [Sind Abschlüsse von privaten Hochschulen ein Stigma? ](https://community.uebergabe.de/t/sind-abschluesse-von-privaten-hochschulen-ein-stigma/278?ref=uebergabe.de) - [Freiheitsentziehende Maßnahmen](https://community.uebergabe.de/t/freiheitsentziehende-massnahmen/257?ref=uebergabe.de) - [Sammlung der Studiengänge aus unserer Community](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/?ref=uebergabe.de) - [Der große “ich stelle mich vor” Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/?ref=uebergabe.de) - [Qualifikationsarbeiten in unserem Podcast!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG157 – Lebensphasengerechte Personalentwicklung (Katja Pein & Dr.In Lena Marie Wirth)](https://www.uebergabe.de/ug157/) - [ÜG160 – Harmonisierung von Dienstzeiten und Prozessen (Ilja Doronin & Christine Navarro)](https://www.uebergabe.de/ug160/) - [ÜG137 – 4-Tage-Woche in der Pflege (Henrik van Gellekom)](https://www.uebergabe.de/ug137/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Pflegeinterventionen zur Angstreduktion vor Operationen URL: https://www.uebergabe.de/pflegeinterventionen-zur-angstreduktion-vor-operativen-eingriffen/ Last updated: 2025-02-13T13:30:46.000Z --- 🗓️ #68 | 13.02.2025 ### Worum geht's? Das zentrale Thema der Studie ist die Rolle der Pflegefachpersonen bei der Kontrolle präoperativer Angst durch gezielte Interventionen. Die Studie basiert auf dem Konzept, dass Aufklärung und emotionale Unterstützung Angst reduzieren und dadurch das Wohlbefinden der Patient:innen verbessern können. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie hatte das Ziel, die Wirksamkeit von zwei pflegerischen Interventionen zur Kontrolle von Angst bei Patient:innen zu untersuchen, die für eine Operation vorgesehen waren. Dabei wurden präoperative Schulungen und Maßnahmen zur Reduktion von Angst mit der üblichen Betreuung verglichen. _This post is for paying subscribers only._ ### Bundestagswahl 2025 URL: https://www.uebergabe.de/pu090/ Last updated: 2026-06-13T23:27:35.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 08.02.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflege bleibt trotz hoher Alltagsrelevanz ein Randthema im Bundestagswahlkampf 2025. - Gegen den Fachkräftemangel setzen Parteien auf Anwerbung, Ausbildung und neue Berufsbilder. - Bei der Finanzierung streiten Parteien zwischen Pflegevollversicherung und privater Vorsorge. - SPD und Grüne fordern Gesundheitskioske und mehr ambulante Versorgung. - Pflegekammern spalten die Parteien – die Grünen befürworten sie, die AfD lehnt ab. 📎 Die Spezialfolge zur Bundestagswahl 2025 ist da! Wir schauen im PflegeUpdate in die Wahlprogramme der Parteien - natürlich mit besonderem Fokus auf die Gesundheits- und Pflegepolitik. ## Zum Weiterhören - [PU008 – Parteiencheck zur Bundestagswahl](https://www.uebergabe.de/pu008/) - [PU092 – Gesundheit im neuen Bundestag / Forderungen an die Regierung / DGF Kritik BAPID](https://www.uebergabe.de/pu092/) - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) --- Die Bundestagswahl steht vor der Tür, und mit ihr rücken viele Themen in den Fokus der politischen Debatte. Eines davon ist die Zukunft der Pflege. Angesichts von Fachpersonalmangel, steigenden Eigenanteilen und der Diskussion um neue Versorgungsmodelle stellt sich die Frage: Wie wollen die Parteien das deutsche Pflegesystem gestalten? Dieser Beitrag fasst die wichtigsten pflegepolitischen Positionen der großen Parteien zusammen und gibt eine Übersicht darüber, welche Reformen in der kommenden Legislaturperiode auf uns zukommen könnten. ## Fachpersonalmangel: Wer hat die besten Lösungen? Ein drängendes Problem in der Pflege ist der Mangel an qualifizierten Pflegefachpersonen. Nahezu jede Partei erkennt diesen Engpass an und setzt unterschiedliche Schwerpunkte, um ihn zu beheben. Die [SPD](https://www.spd.de/?ref=uebergabe.de) setzt auf eine erleichterte Anerkennung ausländischer Abschlüsse und fordert einen weiteren Ausbau der Ausbildungskapazitäten. Die [CDU](https://www.cdu.de/?ref=uebergabe.de) hingegen sieht in der Stärkung multiprofessioneller Teams eine Lösung, um die Arbeitslast auf verschiedene Qualifikationsniveaus zu verteilen. Auch die [FDP](https://www.fdp.de/?ref=uebergabe.de) hebt die Anwerbung internationaler Fachkräfte hervor, während die [Grünen](https://www.gruene.de/?ref=uebergabe.de) explizit neue Berufsbilder wie [Community Health Nurses (CHN)](https://www.uebergabe.de/tag/community-health-nursing/) und [Advanced Practice Nurses (APN)](https://www.uebergabe.de/was-ist-eigentlich-eine-advanced-practice-nurse/) etablieren wollen. Einige Parteien setzen zusätzlich auf eine sogenannte "Rückkehroffensive", um ehemalige Pflegefachpersonen für den Beruf zurückzugewinnen. Gleichzeitig gibt es parteiübergreifende Forderungen nach einer besseren Bezahlung, höherer Tarifbindung und verbindlichen Personalschlüsseln. ## Finanzierung: Pflegevollversicherung oder private Vorsorge? Ein weiterer Streitpunkt in der Pflegepolitik ist die Finanzierung. Die Frage lautet: Sollte die Pflegeversicherung in Richtung einer Vollversicherung weiterentwickelt werden oder bleibt es bei einem Mischsystem aus Sozialversicherung und privaten Eigenanteilen? Die [Linke](https://www.die-linke.de/bundestagswahl-2025/?ref=uebergabe.de) fordert eine solidarische Pflegevollversicherung, um alle pflegerischen Leistungen aus einem gemeinsamen Topf zu finanzieren. Auch das [Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW)](https://bsw-vg.de/?ref=uebergabe.de) spricht sich für eine steuerfinanzierte Pflege aus, um die Eigenanteile drastisch zu senken. SPD und Grüne setzen auf eine Bürgerversicherung, in die alle Einkommensgruppen einzahlen. Die CDU hingegen möchte das duale System aus gesetzlicher und privater Pflegeversicherung beibehalten und durch steuerliche Anreize ergänzen. Die FDP setzt ebenfalls auf mehr private Vorsorge durch kapitalgedeckte Modelle, um die Sozialversicherung langfristig zu entlasten. ## Ambulante Versorgung und Gesundheitskioske: Strukturwandel im Gesundheitswesen Die Gesundheitsversorgung verlagert sich zunehmend von stationären Einrichtungen hin zu ambulanten Strukturen. Ein zentraler Punkt in den Wahlprogrammen ist daher der Ausbau ambulanter Versorgungsangebote. Die SPD betont in ihrem Programm die Notwendigkeit von mehr kommunalen Gesundheitszentren sowie Gesundheitskiosken, um gerade in strukturschwachen Regionen eine bessere Versorgung sicherzustellen. Auch die Grünen fordern Gesundheitskioske und betonen die Notwendigkeit einer interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Pflegefachpersonen, Ärzt:innen und anderen Gesundheitsberufen. Die CDU setzt auf eine "hochwertige Versorgung in Stadt und Land", bleibt jedoch unkonkret, wie diese erreicht werden soll. Die AfD hingegen spricht sich zwar gegen lange Wartezeiten und Terminengpässe aus, bietet aber keine konkreten Vorschläge, wie die Versorgung verbessert werden könnte. ## Digitalisierung und Robotik: Buzzwords oder echte Entlastung? Kaum ein Wahlprogramm kommt ohne das Versprechen aus, das Gesundheitswesen durch Digitalisierung zu modernisieren. Doch was genau verbirgt sich dahinter? Die SPD fordert verstärkten Einsatz digitaler Beratungsangebote und ein verlässliches Monitoring zur Unterstützung der Pflege. Auch die CDU und die FDP sehen in der Digitalisierung eine Möglichkeit, den Arbeitsalltag von Pflegefachpersonen zu erleichtern. Allerdings bleibt es oft bei allgemeinen Schlagwörtern wie *"Robotik in der Pflege"* oder *"KI-gestützte Entlastung"*. Konkrete Maßnahmen zur Umsetzung, etwa zur Finanzierung und Implementierung neuer Technologien, sind in vielen Programmen jedoch rar. ## Pflegekammern und Selbstverwaltung: Uneinigkeit über die Rolle der Berufsgruppe Die Frage, wie sich Pflegefachpersonen berufspolitisch organisieren sollten, spaltet die Parteien. Die Grünen sprechen sich explizit für Pflegekammern in allen Bundesländern aus und sehen sie als wichtiges Instrument für die Selbstbestimmung der Berufsgruppe. Die CDU nennt keine Pflegekammern, betont aber die Stärkung der professionellen Pflege im Gemeinsamen Bundesausschuss [(G-BA)](https://www.g-ba.de/?ref=uebergabe.de). Die SPD meidet das Thema Pflegekammern, spricht aber von der Einbindung *"aller relevanten Partner der Selbstverwaltung"*, was Spielraum für eine indirekte Berücksichtigung lässt. Die AfD hingegen lehnt Pflegekammern kategorisch ab, spricht aber gleichzeitig von *"mehr Selbstverwaltung"*, was einen Widerspruch in ihrer Programmatik darstellt. ## Ernüchterndes Ergebnis - Pflege bleibt ein Randthema im Wahlkampf Obwohl Pflege für viele Menschen eine zentrale Rolle im Alltag spielt, bleibt sie ein Randthema im Bundestagswahlkampf. Die Programme zeigen zwar unterschiedliche Ansätze zur Finanzierung, Fachpersonalmangel und ambulanten Versorgung, doch viele Konzepte bleiben vage oder unkonkret. **Entscheidend wird sein, welche Koalition sich nach der Wahl bildet und wie sich die verschiedenen Vorschläge in einem Regierungsprogramm wiederfinden. Fest steht: Die Pflegepolitik wird sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln müssen – mit oder ohne expliziten Fokus im Wahlkampf.** --- ## Wahl-O-Mat 2025 [Bundestagswahl 2025Am 23\. Februar 2025 wird ein neuer Bundestag gewählt. Im Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl 2025 sind 29 Parteien vertreten.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-11.ico)Bundeszentrale für politische BildungBundeszentrale für politische Bildung![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/785041_teaser_3x2_800.jpg)](https://www.bpb.de/themen/wahl-o-mat/bundestagswahl-2025/?ref=uebergabe.de) ## PflegOMat des DBfK [DBfK - Pflegomat: Bundestagswahl am 23.02.2025DBfK - Pflegomat: Bundestagswahl am 23.02.2025![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-12.ico)Pflegomat: Bundestagswahl am 23.02.2025Mathias Steudtner![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/dbfk-pflegomat-2025-bundestag.png)](https://2025-bundestagswahl.dbfk-pflegomat.de/?ref=uebergabe.de) ### Weitere Informationen zu den Gesetzen haben wir hier zusammengetragen: [Pflegekompetenzgesetz - erweiterte Aufgaben für Pflegefachpersonen🎙️ In Folge 81 des PflegeUpdate geht es um das Pflegekompetenzgesetz. Endlich ist es da! Viel Spaß! :)![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-38.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMax![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/cover81.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu081/) [Pflegefachassistenzgesetz / Berufsordnung NRW / Landespflegerat Sachsen?? In der Folge 88 blicken wir auf die Beratung zum Pflegefachassistenzgesetz, auf den Entwurf der Berufsordnung von der Pflegekammer NRW und haben den Landespflegerat Sachsen zum dortigen Koalitionsvertrag befragt.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-39.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMax![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/cover88.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu088/) --- ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. --- ## Veranstaltungen ⏰ Das Gesundheitsreferat und das Sozialreferat München laden ****alle beruflich Pflegenden** insbesondere aus dem ****Pflegemanagement, den Pflegestudiengängen und -ausbildungen** zur digitalen ****Veranstaltungsreihe Akademische Berufsrollen der Pflege** ein. 👉 [Hier zur Veranstaltungsübersicht](https://stadt.muenchen.de/events/digitaler-fachtag-akademische-pflege1.html?ref=uebergabe.de) ⏰ **Am Freitag, den* ***14\. Februar 2025** *findet der* ***27\. Netzwerk-Workshop des DNQP zum Expertenstandard „Kontinenzförderung in der Pflege“** **in Osnabrück statt.* Der Expertenstandard wurde im April aktualisiert und um das Thema der Stuhlinkontinenz erweitert. 👉 Die Programmbroschüre, weitere Informationen zur Veranstaltung sowie die Möglichkeit der Anmeldung findest Du auf der [DNQP-Website.](https://www.dnqp.de/27-netzwerk-workshop/?ref=uebergabe.de) --- ## Aktuelle Themen in der Übergabe-Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Rassismus im Gesundheitswesen URL: https://www.uebergabe.de/rassismus-im-gesundheitswesen/ Last updated: 2025-04-08T21:15:53.000Z --- 🗓️ #67 | 06.02.2025 ### Worum geht's? Die Studie definiert Rassismus als strukturelles Problem, das auf historischer Rassifizierung basiert und tief in sozialen, wirtschaftlichen und politischen Institutionen verwurzelt ist. Rassifizierte Gruppen werden hierarchisch eingeordnet und oft als minderwertig betrachtet, was sich in der Gesundheitsversorgung durch schlechtere Behandlung, Benachteiligung und Vorurteile äußert. 💡 Rassismus bezeichnet die Diskriminierung, Ausgrenzung oder Benachteiligung von Menschen aufgrund zugeschriebener oder tatsächlicher ethnischer, kultureller oder biologischer Merkmale. Er basiert auf der Annahme, dass bestimmte Gruppen anderen überlegen oder unterlegen seien, was zu Ungleichbehandlung und struktureller Benachteiligung führen kann. Rassismus äußert sich auf individueller, institutioneller und gesellschaftlicher Ebene und kann sowohl offen als auch subtil auftreten. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie untersucht, wie Rassismus im Gesundheitswesen diskutiert und produziert wird. Sie bietet einen Überblick über bestehende empirische Forschung und identifiziert Wissenslücken. Die Autoren:innen analysieren, wie Rassismus in der Gesundheitsversorgung, im Zugang zu medizinischen Leistungen und in der Patienten:innen-Interaktion sichtbar wird. _This post is for paying subscribers only._ ### Post-COVID & ME/CFS (Jeremy Schmidt) URL: https://www.uebergabe.de/ug161/ Last updated: 2026-06-17T09:03:34.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 01.02.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Long-Covid und ME/CFS gehören zu post-infektiösen Syndromen (PAIS) mit massiver Erschöpfung. - Kernsymptom ist die Belastungsintoleranz (PEM) – Crashs nach Anstrengung. - Diagnose dauert oft Jahre, Fehldiagnosen wie Depression sind häufig. - Pacing zur Energieeinteilung ist die zentrale Strategie ohne Heilung. - Versorgung ist mangelhaft – du als Pflegefachperson kannst entscheidend helfen. ## **ME/CFS, Post-COVID und PAIS: Wenn der Alltag zur Herausforderung wird** Seit der Corona-Pandemie tauchen Begriffe wie Long-Covid und ME/CFS häufiger in den Medien auf. Doch was genau steckt dahinter? Welche Menschen sind betroffen, welche Symptome treten auf, und welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Der folgende Überblick beleuchtet das Krankheitsbild, die Versorgungslage und mögliche Therapieansätze. ### Post-Infektiöse Erkrankungen: Ein Überblick Long-Covid oder Post-Covid sind Begriffe, die die langfristigen gesundheitlichen Folgen einer Covid-19-Infektion beschreiben. Doch sie sind nicht die einzigen post-infektiösen Syndrome. Unter dem Begriff **PAIS (Post-Akutes-Infektionssyndrom)** werden Erkrankungen zusammengefasst, die nach einer akuten Infektion auftreten. Diese können durch verschiedene Viren, Bakterien oder andere Krankheitserreger ausgelöst werden und betreffen oft den gesamten Organismus. Eine der schwersten Formen ist **ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom)**. Diese Erkrankung wurde bereits vor Jahrzehnten von der WHO anerkannt und ist durch eine massive körperliche und geistige Erschöpfung gekennzeichnet. Viele Betroffene können ihren Alltag kaum noch bewältigen. [Unexplained post-acute infection syndromes - Nature MedicineCertain acute infections (including SARS-CoV-2) are associated with an unexplained chronic disability in a minority of patients; this Review summarizes what is known about these understudied and complex illnesses.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-f39cb19454-1.png)NatureJan Choutka![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/41591_2022_1810_Fig1_HTML-1.png)](https://www.nature.com/articles/s41591-022-01810-6?ref=uebergabe.de) ### Häufigkeit und Betroffene Die genaue Anzahl der Betroffenen ist schwer zu bestimmen, da die Diagnosestellung oft komplex ist. Schätzungen zufolge leiden etwa **1–10 % der Covid-Infizierten an Long-Covid-Symptomen**. Bei Kindern und Jugendlichen liegt der Anteil bei **0,5–2 %**. Besonders häufig betroffen sind junge Erwachsene zwischen 30 und 35 Jahren. [Wissenswertes für Erkrankte und Interessierte | BMG-Initiative Long COVIDOffizielle Internetseite zu Long COVID des Bundesgesundheitsministeriums (BMG). Hier finden Sie verlässliche Informationen, wissenschaftliche Erkenntnisse und Hilfsangebote.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-bmg.ico)BMG-Initiative Long COVID![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/og-image.jpg)](https://www.bmg-longcovid.de/infobox/wissenswertes-fuer-erkrankte-und-interessierte?ref=uebergabe.de) Zum Vergleich: Die Zahl der Menschen mit Typ-1-Diabetes oder Multipler Sklerose ist niedriger als die der Long-Covid-Betroffenen – dennoch gibt es für diese Erkrankungen deutlich besser ausgebaute Versorgungsstrukturen. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/01/61d53201-cc61-4e32-9e3b-645c847f0f43.webp) ### Symptome: Mehr als nur Erschöpfung Die Hauptbeschwerde vieler Betroffener ist eine **anhaltende Fatigue** – eine tiefgreifende Erschöpfung, die durch Ruhe nicht verbessert wird. Das Kernsymptom, das ME/CFS und Long-Covid von anderen Erkrankungen unterscheidet, ist jedoch die sogenannte **Belastungsintoleranz (Post-Exertional Malaise, PEM)**. Betroffene erleben nach körperlicher oder geistiger Anstrengung eine massive Verschlechterung ihres Zustands. Diese sogenannten "Crashes" können mehrere Tage, Wochen oder sogar Monate andauern. Neben Fatigue und PEM treten häufig folgende Symptome auf: - Konzentrations- und Gedächtnisprobleme (Brain Fog) - Schlafstörungen - Muskelschmerzen und Kopfschmerzen - Atembeschwerden - Kreislaufprobleme - Magen-Darm-Beschwerden Durch diese Symptome werden viele Betroffene in ihrem Alltag massiv eingeschränkt. Arbeit, Schule oder soziale Aktivitäten werden zunehmend zur Herausforderung. > „Ohne gezielte Anpassungen an ihren Alltag können Betroffene in einen Kreislauf aus Überlastung und Verschlechterung geraten.“ - **Jeremy Schmidt** ### Diagnose: Ein langer Weg Die Diagnosestellung ist schwierig, da keine einzelnen Blutwerte oder bildgebenden Verfahren die Erkrankung eindeutig nachweisen können. PAIS/Post-COVID/**ME/CFS wird klinisch diagnostiziert**, indem andere Ursachen ausgeschlossen und die typischen Symptome erkannt werden. Leider dauert es oft Monate oder Jahre, bis eine Diagnose gestellt wird. Viele Betroffene erhalten zunächst Fehldiagnosen, etwa Depressionen oder psychosomatische Erkrankungen. Das liegt auch daran, dass Ärzt:innen und Pflegefachpersonen oft wenig über diese Krankheitsbilder wissen. ### Behandlung: Pacing als Schlüsselstrategie Da es derzeit keine heilende Therapie gibt, liegt der Fokus auf der **Symptomkontrolle** und einer angepassten Alltagsgestaltung. Ein zentrales Element ist das **Pacing** – eine Methode zur Belastungssteuerung. Dabei geht es darum, die verfügbare Energie optimal einzuteilen und Überlastung zu vermeiden. > „Eine individuelle Betreuung mit Rücksicht auf Belastungsintoleranz ist entscheidend, um Verschlechterungen zu verhindern.“ - **Jeremy Schmidt** #### Pacing in der Praxis - Gleichmäßige Tagesstruktur statt Überlastung und Crashs - Regelmäßige Pausen zur Vermeidung von Energieeinbrüchen - Vermeidung von körperlicher und kognitiver Überlastung - Nutzung von Hilfsmitteln (z. B. Rollstuhl für längere Strecken) Neben Pacing werden derzeit medikamentöse Ansätze erforscht. Das [Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)](https://www.bfarm.de/DE/Home/%5Fnode.html?ref=uebergabe.de) hat kürzlich eine [Liste von Medikamenten veröffentlicht, die für ME/CFS und Long-Covid Off-Label](https://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Arzneimittel/Zulassung/ZulRelThemen/therapie-kompass.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&ref=uebergabe.de) eingesetzt werden dürfen. Darüber hinaus gibt es Ansätze mit Immunmodulation und neurologischen Therapien. ### Versorgungslage: Fehlende Strukturen Die Versorgung für Betroffene ist derzeit unzureichend. Es gibt nur wenige Spezialambulanzen, die oft lange Wartezeiten haben. Besonders schwer Erkrankte, die das Haus nicht verlassen können, erhalten kaum adäquate medizinische Unterstützung. Eine **telemedizinische Versorgung und aufsuchende Betreuung** wären dringend nötig. Ein weiteres Problem ist die fehlende finanzielle Unterstützung. Die Beantragung von **Pflegegrad und Grad der Behinderung (GdB)** ist für viele Betroffene kompliziert. Ein Hauptproblem liegt in den Begutachtungskriterien: Diese sind oft nicht an die Besonderheiten von ME/CFS angepasst. Viele Betroffene erhalten daher keine oder nur unzureichende Unterstützung. [Grad der Behinderung bei Long Covid: Was ist möglich?Wissenswertes zum ➼ GdB bei Long Covid - Infos ✔ Wie hoch ist bei Post Covid der Grad der Behinderung? ✔ GdB-Tabelle bei Long Covid ➼ Auf Anwalt.org!![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/cropped-favicon-anwaltorg-300x300.png)Anwalt.org - Finden Sie den richtigen Anwalt!Dr. Philipp Hammerich![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/post-covid-grad-der-behinderung.jpg)](https://www.anwalt.org/gdb-long-covid/?ref=uebergabe.de) ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Spezialambulanz für ME/CFS und Long-Covid in Bielefeld Eine der wenigen spezialisierten Einrichtungen für Kinder und Jugendliche mit Long-Covid, ME/CFS und anderen post-infektiösen Fatigue-Syndromen ist die [Ambulanz am Evangelischen Klinikum Bethel (EvKB) in Bielefeld](https://evkb.de/kliniken-zentren/kinder-jugendliche/kinder-und-jugendmedizin/schwerpunkte/ambulanz-fuer-post-covid-weitere-postinfektioese-fatiguesyndrome-sowie-mecfs?ref=uebergabe.de). Die Ambulanz bietet eine interdisziplinäre Versorgung, die sowohl Diagnostik als auch individuelle Therapieansätze umfasst. Hier stehen insbesondere die frühzeitige Erkennung, Pacing-Beratung und symptomatische Behandlung im Fokus. Die Ambulanz arbeitet eng mit weiteren Fachbereichen und der Forschung zusammen, um die Versorgung dieser Patient:innen stetig zu verbessern. ### Rolle der Pflege: Wie Pflegefachpersonen helfen können Pflegefachpersonen sind oft die ersten, die mit Betroffenen in Kontakt kommen – sei es in der ambulanten oder stationären Versorgung. Deshalb ist es wichtig, dass sie: - Die Krankheitssymptome kennen und ernst nehmen - Die richtige Balance zwischen Unterstützung und Reizabschirmung finden - Angehörige in der Pflege entlasten - Über Pacing und Belastungsintoleranz informiert sind Ein gezieltes Schulungsprogramm für Pflegefachpersonen könnte hier eine große Verbesserung bringen. > „Einfühlsame Kommunikation und Geduld sind essenziell, da viele Betroffene jahrelang um Anerkennung ihrer Symptome kämpfen müssen.“ - **Jeremy Schmidt** ### Fazit: Dringender Handlungsbedarf ME/CFS und Long-Covid sind keine neuen Phänomene, doch erst durch die Pandemie rückt das Thema stärker in den Fokus. Die Forschung macht Fortschritte, doch die Versorgungslage bleibt kritisch. Es braucht mehr Aufklärung, gezielte Behandlungsangebote und eine bessere Unterstützung für Betroffene und Angehörige. --- ## Zuwachs bei der Übergabe Wir wachsen! In den letzten Wochen und Monaten konnten wir einige neue Formate starten. Viele neue Mitgliedschaften. Der Newsletter wächst. Das alles braucht mehr Zeit, Ressourcen und Liebe. Wir haben einen Aufruf für die Mitarbeit bei der Übergabe gestartet und es bleibt nur eines zu sagen: **Herzlich willkommen Francis!** Ihr werdet Francis in den nächsten Wochen ganz sicher kennenlernen. Sie wird uns bei der Arbeit im Übergabe-Podcast unterstützen, sowohl vor als auch hinter dem Mikrofon. Wir freuen uns sehr über diesen Zuwachs! --- ## Neues aus der Übergabe-Community - [Sind Abschlüsse von privaten Hochschulen ein Stigma? ](https://community.uebergabe.de/t/sind-abschluesse-von-privaten-hochschulen-ein-stigma/278?ref=uebergabe.de) - [Freiheitsentziehende Maßnahmen](https://community.uebergabe.de/t/freiheitsentziehende-massnahmen/257?ref=uebergabe.de) - [Sammlung der Studiengänge aus unserer Community](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/?ref=uebergabe.de) - [Der große “ich stelle mich vor” Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/?ref=uebergabe.de) - [Qualifikationsarbeiten in unserem Podcast!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG053 – Das Corona-Virus im Kontext der Pflege (Prof. Dr. Christian Drosten)](https://www.uebergabe.de/ug053/) - [ÜG048 – Gesundheitskompetenz der Bevölkerung während der COVID-19 Pandemie (Interview mit Dr. Orkan Okan)](https://www.uebergabe.de/ug048/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Frühe Mobilisation nach Hüftfraktur rettet Leben URL: https://www.uebergabe.de/fruhe-mobilisation-rettet-leben-nach-huftfraktur/ Last updated: 2025-02-12T22:08:22.000Z 🗓️ #66 | 30.01.2025 ### Worum geht's? Die Studie fokussiert sich auf die Identifikation der wichtigsten Faktoren, die das Risiko einer Krankenhaussterblichkeit nach einer Hüftfraktur beeinflussen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der frühen Mobilisation als potenziell lebensrettender Maßnahme. Die Hypothese lautet, dass Patient:innen, die bereits am Tag der Operation oder spätestens am Folgetag mobilisiert werden, ein geringeres Sterberisiko haben. 💡 Hüftfrakturen sind in Deutschland ein bedeutendes Gesundheitsproblem, insbesondere bei älteren Menschen. Im Jahr 2019 wurden insgesamt 81.570 Schenkelhalsfrakturen registriert, was einer Inzidenz von 120 pro 100.000 Einwohner entspricht. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, mit einer Inzidenz von 157,3 gegenüber 81,3 pro 100.000 Einwohner. Die Häufigkeit dieser Frakturen nimmt mit dem Alter zu und erreicht bei Frauen über 90 Jahren einen Wert von 1.828 pro 100.000 Einwohnerinnen. Die Behandlung und Nachsorge von Hüftfrakturen verursachen erhebliche Kosten für das deutsche Gesundheitssystem. Eine Studie aus dem Jahr 2007 schätzte die jährlichen direkten Kosten auf 2,77 Milliarden Euro. Aufgrund der demografischen Entwicklung wird prognostiziert, dass diese Kosten bis 2030 auf 3,85 Milliarden Euro ansteigen könnten. Diese Zahlen unterstreichen die Notwendigkeit effektiver Präventions- und Behandlungsstrategien, um die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Hüftfrakturen zu reduzieren. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie untersuchte die Faktoren, die mit einer erhöhten Krankenhaussterblichkeit nach einer Hüftfraktur zwischen 2013 und 2017 verbunden sind. Ziel war es, Risikofaktoren zu identifizieren und evidenzbasierte Maßnahmen zu formulieren, um die Überlebenschancen von Patient:innen mit Hüftfrakturen zu verbessern. _This post is for paying subscribers only._ ### Forderungen des DBfK an Bundesregierung / Chancen für Pflegegesetze? URL: https://www.uebergabe.de/pu089/ Last updated: 2026-06-17T19:52:41.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 25.01.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der DBfK legt der künftigen Bundesregierung acht Hauptforderungen für die Pflege vor. - Gefordert werden u. a. eine bundeseinheitliche Pflegefachassistenzausbildung und eine Chief Government Nurse. - Der Deutsche Pflegerat verlangt die sofortige Verabschiedung von Pflegekompetenz- und Pflegefachassistenzgesetz. 📎 Willkommen zurück nach der Winterpause! Das PflegeUpdate ist wieder da, und wir starten mit einem Blick auf aktuelle Forderungen und Entwicklungen im Bereich Pflegepolitik. Die heutige Folge steht ganz im Zeichen der Forderungen des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) und des Deutschen Pflegerats (DPR). Das Jahr 2025 startete pflegepolitisch mit klaren Ansagen: Kurz vor der Bundestagswahl positionierten sich gleich zwei zentrale Akteure mit Forderungen an die künftige Bundesregierung. Wir fassen für dich zusammen, was zum Zeitpunkt der Folge Ende Januar 2025 auf dem Tisch lag – und ordnen ein, wie realistisch eine Umsetzung damals erschien. ## DBfK legt der nächsten Regierung acht Forderungen vor In einem Forderungspapier an die künftige Bundesregierung machte der [Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe](https://www.dbfk.de/?ref=uebergabe.de) (DBfK) deutlich, dass die neue Regierung beim Thema Pflege grundlegend nachbessern müsse. Das Leitmotiv des Verbands: verbessern, verabschieden und umsetzen. Im Kern verlangt der DBfK eine Neuordnung der Aufgaben zwischen Ärzt:innen und Pflegefachpersonen sowie eine spürbare Stärkung der Profession Pflege. Die Forderungen waren in [acht Hauptpunkten](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2025/Forderungen-an-zukuenftige-Bundesregierung.php?ref=uebergabe.de) gebündelt. Erstens fordert der Verband eine generalistische und bundeseinheitliche [Pflegefachassistenzausbildung](https://www.uebergabe.de/pu088/) mit einer Mindestdauer von 24 Monaten und Hauptschulabschluss als Zugangsvoraussetzung – parallel zur Weiterentwicklung der [generalistischen Ausbildung](https://www.uebergabe.de/ug017/) zur Pflegefachperson. Zweitens schlägt der DBfK einen sogenannten Pflegeberufe-Gratifikationsschein vor: Wer beispielsweise zehn Jahre in Vollzeit gepflegt hat, soll ab dem 50\. Lebensjahr die Arbeitszeit auf 35 Stunden reduzieren können und zusätzliche Urlaubstage erhalten. Damit will der Verband dem Personalmangel begegnen und die Verweildauer im Beruf verlängern. Die weiteren Punkte zielen auf das berufliche Selbstverständnis: Drittens sollen die [vorbehaltenen Aufgaben](https://www.uebergabe.de/ug145/) und der Pflegeprozess ausdrücklich als kernpflegerische Arbeit anerkannt werden. Viertens fordert der DBfK, [Advanced Practice Nurses](https://www.uebergabe.de/ug012/) und [Community Health Nurses](https://www.uebergabe.de/ug023/) im Berufs- und Leistungsrecht zu verankern. Fünftens soll die Profession in allen relevanten Gremien mitreden – inklusive einer im Kanzleramt angesiedelten Chief Government Nurse und flächendeckender Pflegeberufekammern in allen Bundesländern. Sechstens geht es um den Ausbau der Akademisierung und eine gesicherte Finanzierung der [Pflegeforschung](https://www.uebergabe.de/ug005/), siebtens um die Anerkennung und Integration internationaler Pflegefachpersonen und achtens um eine Verringerung der Pflegelast durch mehr Gesundheitsförderung und Prävention. Für dich in der Praxis ist vieles davon nicht neu – die Punkte greifen Debatten auf, die die Pflege seit Jahren begleiten. Genau das ist die Botschaft: Der DBfK bündelt bekannte Baustellen zu einem klaren Auftrag an die nächste Regierung. Ob und wie sich diese Forderungen in den Wahlprogrammen wiederfinden, war zum Zeitpunkt der Folge noch offen und sollte in der darauffolgenden Episode genauer beleuchtet werden. ## Pflegerat drängt auf Pflegekompetenz- und Pflegefachassistenzgesetz Eine zweite Forderung kam vom [Deutschen Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) (DPR). Anlass war die geplante Entbudgetierung hausärztlicher Leistungen – ein Vorhaben, das eigentlich schon als in dieser Legislaturperiode nicht mehr machbar galt und dann doch noch auf den Weg gebracht wurde. Für den DPR war das ein deutliches Signal: Wenn der politische Wille da ist, lässt sich auch kurz vor Ende der Wahlperiode noch etwas bewegen. Genau diesen Hebel wollte der Pflegerat für die Pflege nutzen. DPR-Präsidentin Christine Vogler forderte, dass der Bundestag umgehend die parlamentarischen Beratungen zu zwei zentralen Vorhaben aufnimmt: dem [Pflegekompetenzgesetz](https://www.uebergabe.de/pu081/) und dem Pflegefachassistenzgesetz. Beide Gesetze seien über Parteigrenzen hinweg abgestimmt und mit den Bundesländern größtenteils bereits konsentiert gewesen – aus Sicht des DPR also reif für den Abschluss. Ein zentrales Anliegen beim Pflegekompetenzgesetz: Pflegefachpersonen sollen bestimmte heilkundliche Aufgaben eigenverantwortlich übernehmen können. Diese Kompetenzverlagerung gilt vielen als notwendig, um die Versorgung in Deutschland langfristig zu sichern. Der Appell des Pflegerats war entsprechend deutlich – der Bundestag müsse beide Gesetze unverzüglich verabschieden, statt sehenden Auges weiter in den Pflegenotstand zu schlittern. Ob das mitten im Wahlkampf realistisch war, blieb damals offen – und im Podcast wurde die Erwartung eher gedämpft eingeschätzt. Aus heutiger Perspektive ordnest du diese Forderungen als Stand Januar 2025 ein: Sie markieren den Punkt, an dem beide Gesetzentwürfe in der auslaufenden Wahlperiode festhingen, bevor sich der politische Prozess mit der neuen Regierung neu aufstellte. ## Zum Weiterhören - [PU100 – Pflegekompetenzgesetz / Pflegefachassistenzgesetz](https://www.uebergabe.de/pu100/) - [PU092 – Gesundheit im neuen Bundestag / Forderungen an die Regierung / DGF Kritik BAPID](https://www.uebergabe.de/pu092/) - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) --- ## "Verbessern, Verabschieden und Umsetzen" Der [Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)](https://www.dbfk.de/?ref=uebergabe.de) hat ein Forderungspapier an die künftige Bundesregierung veröffentlicht. Unter dem Motto „Verbessern, Verabschieden und Umsetzen“ betont der Verband die Notwendigkeit einer grundlegenden Reform des Gesundheitswesens. Im Fokus steht dabei die Stärkung der Profession Pflege und die Neuordnung von Aufgaben zwischen Ärzt:innen und Pflegefachpersonen. **Die Hauptforderungen des DBfK umfassen:** 1. **Generalistische Pflegeausbildung**: Einführung einer bundeseinheitlichen [Pflegefachassistenzausbildung](https://www.uebergabe.de/pu088/) mit einer Mindestdauer von 24 Monaten und einem Hauptschulabschluss als Zugangsvoraussetzung. Zudem soll die [generalistische Pflegefachausbildung](https://www.uebergabe.de/ug017/) weiterentwickelt werden. 2. **Pflegeberufegratifikationsschein**: Ein Modell, das beispielsweise nach 10 Jahren Vollzeitarbeit in der Pflege eine Reduktion der Arbeitszeit auf 35 Stunden ab dem 50\. Lebensjahr vorsieht sowie zusätzliche Urlaubstage. 3. **Anerkennung des Pflegeprozesses**: Der Pflegeprozess und die [vorbehaltenen Aufgaben](https://www.uebergabe.de/ug145/) sollen als zentrale pflegerische Tätigkeiten anerkannt werden. 4. **Erweiterung der Rollen von APN und CHN**: [Advanced Practice Nurses](https://www.uebergabe.de/ug012/) und [Community Health Nurses](https://www.uebergabe.de/ug023/) sollen gesetzlich verankert werden, um ihre Rollen in der Versorgung zu stärken. 5. **Einbindung professioneller Pflegekräfte in politische Prozesse**: Einführung einer „Chief Government Nurse“ im Kanzleramt und die Etablierung von Pflegeberufekammern in allen Bundesländern. 6. **Förderung von Akademisierung und Forschung**: Ausbau der [Pflegeforschung](https://www.uebergabe.de/ug005/) und eine gesicherte Finanzierung von akademischen Programmen. 7. **Integration internationaler Pflegefachpersonen**: Anerkennung von Qualifikationen und Unterstützung bei der Integration. 8. **Fokus auf Prävention und Gesundheitsförderung**: Verringern der Pflegelast durch präventive Maßnahmen im Gesundheitswesen. [DBfK veröffentlicht Forderungen an zukünftige BundesregierungDer Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) hat heute ein Forderungspapier an die zukünftige Bundesregierung veröffentlicht. Darin fordert der Verband grundlegende Weichenstellungen, damit die Kompetenzen professioneller Pflege in einem reformierten Gesundheitssystem für eine bessere Versorgung wirksam werden können.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-9.ico)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DBfK_Logo_Kuller-1.svg)](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2025/Forderungen-an-zukuenftige-Bundesregierung.php?ref=uebergabe.de) ## Der Appell des Deutschen Pflegerats Auch der [Deutsche Pflegerat (DPR)](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) hat sich mit klaren Forderungen an die Politik gewandt. Anlass ist die geplante [Entbudgetierung hausärztlicher Leistungen](https://www.kbv.de/html/1150%5F73549.php?ref=uebergabe.de), die zeigt, dass politischer Wille durchaus schnelle Veränderungen bewirken kann. Christine Vogler, Präsidentin des DPR, fordert, dass dieser Wille auch auf die dringend notwendigen Reformen in der Pflege übertragen wird. [Ampel-Fraktionen einig über Entbudgetierung der HausärzteWenn Hausarztpraxen ihr Budget überschreiten, werden die Behandlungen oft nicht komplett von den Krankenkassen erstattet. Das soll sich nun ändern. SPD, Grüne und FDP haben sich auf ein Gesetz geeinigt. Kommende Woche entscheidet der Bundestag.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-2.svg)tagesschau.deNadine Bader, ARD Berlin![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/hausarzt-sprechzimmer-100.jpg)](https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/hausaerzte-budget-100.html?ref=uebergabe.de) Im Zentrum stehen zwei Gesetze, die der Bundestag unverzüglich beraten und verabschieden soll: - **Pflegekompetenzgesetz**: Ziel ist die Übertragung heilkundlicher Aufgaben an Pflegeberufe, um die Versorgung langfristig zu sichern. - **Pflegefachassistenzgesetz**: Ein Gesetz, das die Rolle der Pflegefachassistenz stärken und deren Ausbildung standardisieren soll. Der DPR warnt eindringlich vor den Folgen eines weiteren Aufschubs und fordert eine politische Fokussierung auf die Pflegeberufe, um den Pflegenotstand zu bewältigen. [Deutscher Pflegerat - Deutscher Pflegerat fordert sofortige Beratungen zu PflegegesetzenDeutscher Pflegerat fordert sofortige Beratungen zu Pflegegesetzen. Bundestag muss handeln – Reformen in der Pflege jetzt umsetzen – Versorgung sichern![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-10.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-2.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/deutscher-pflegerat-fordert-sofortige-beratungen-zu-pflegegesetzen?ref=uebergabe.de) Weitere Informationen zu den Gesetzen haben wir hier zusammengetragen: [Pflegekompetenzgesetz - erweiterte Aufgaben für Pflegefachpersonen🎙️ In Folge 81 des PflegeUpdate geht es um das Pflegekompetenzgesetz. Endlich ist es da! Viel Spaß! :)![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-38.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMax![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/cover81.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu081/) [Pflegefachassistenzgesetz / Berufsordnung NRW / Landespflegerat Sachsen?? In der Folge 88 blicken wir auf die Beratung zum Pflegefachassistenzgesetz, auf den Entwurf der Berufsordnung von der Pflegekammer NRW und haben den Landespflegerat Sachsen zum dortigen Koalitionsvertrag befragt.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-39.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMax![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/cover88.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu088/) --- ## Abonniere unseren Newsletter! Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. ## Neu bei der Übergabe: **Gastbeiträge** 💡 Mit unserem neuen Format laden wir Expert:innen ein, ihr Fachwissen zu teilen. Dadurch erweitert die Übergabe-Community ihren Horizont und erhält wertvolle Impulse von Fachleuten aus verschiedenen Bereichen. Das bietet die Möglichkeit, über den Tellerrand hinauszuschauen und von den Erkenntnissen und Erfahrungen anderer Expert:innen profitieren. Viel Spaß mit unserem neuen Format! [Gastbeitrag - Übergabe | Medien für die PflegeWir möchten dir nicht nur unsere eigenen Perspektiven präsentieren, sondern auch den Zugang zu hochwertigem Fachwissen von Expertinnen und Experten ermöglichen. In unseren Gastbeiträgen kommen Fachpersonen aus verschiedenen Bereichen der Pflege und Gesundheit zu Wort, die ihre Expertise mit dir teilen. Unsere Gastbeiträge bringen dich näher an Expertenwissen heran - für mehr Durchblick.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-41.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/photo-1432821596592-e2c18b78144f-1)](https://www.uebergabe.de/tag/gastbeitrag/) --- ## Hier findest du unsere letzten One Minute Wonder [One Minute Wonder: Durst auf der IntensivstationUnser erstes One Minute Wonder ist auf Grundlage eines Briefings entstanden und es behandelt das Problem, dass Durst als belastendes Symptom bei Intensivpatient:innen, oft vernachlässigt wird.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-42.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Durst-2.webp)](https://www.uebergabe.de/durst-auf-der-intensivstation/) [One Minute Wonder: Schlaflos im KrankenhausWie beeinflusst der Krankenhausaufenthalt den Schlaf? Dieses One Minute Wonder zeigt, das Lärm, Licht und Stress die Schlafqualität beeinträchtigen und was Pflegefachpersonen praktisch für eine bessere Genesung und zufriedene Patient:innen tun können.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-43.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Schlafbeeintra-chtigende-Faktoren-im-Krankenhaus-2.webp)](https://www.uebergabe.de/schlaflos-im-krankenhaus/) [One Minute Wonder: Freiheitsentziehende MaßnahmenFEM wie Fixierungen, Bettseitenteile oder geschlossene Türen schränken die Bewegungsfreiheit ein und sind nur erlaubt, wenn sie unbedingt notwendig sind. Sie erfordern meist eine richterliche Genehmigung, müssen verhältnismäßig sein und umfassend dokumentiert werden. Ein OMW für den Überblick.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-44.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/FEM-2.webp)](https://www.uebergabe.de/freiheitsentziehende-massnahmen/) [Was ist eigentlich eine Advanced Practice Nurse?APN oder ANP? Und dann gibt es auch noch Nurse Practicioner. Was ist die richtige Bezeichnung für welche Tätigkeit und welche Rolle? Und was machen Advanced Practice Nurses eigentlich? Dieses One Minute Wonder gibt dir einen konkreten Überblick und beantwortet alle Fragen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-45.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Was-ist-eine-APN--2-1.webp)](https://www.uebergabe.de/was-ist-eigentlich-eine-advanced-practice-nurse/) 💡 Eine Minute warten - eine Minute lernen: Das ist das [****One Minute Wonder**](https://www.uebergabe.de/tag/one-minute-wonder/) (OMW). Stell dir vor, du wartest auf der Station kurz auf ein Laborergebnis oder dein Kaffee läuft noch durch - in dieser einen Minute kannst du was lernen. An solchen Warteplätzen eignen sich kleine Infotafeln, die du super schnell überfliegen kannst. Die Themen kommen direkt von uns Pflegenden selbst. So nutzt du die Zeit, die du sowieso rumstehst, und schnappst nebenbei was Neues auf. --- ## Aktuelle Themen in der Übergabe-Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Leitliniengerechte Pflege bei Pruritus URL: https://www.uebergabe.de/leitliniengerechte-pflege-bei-juckreiz-bei-alteren-menschen-2/ Last updated: 2025-01-23T09:00:27.000Z 🗓️ #65 | 23.01.2025 ### Worum geht's? Die Studie konzentriert sich auf chronischen Pruritus, ein Leiden, das durch anhaltenden Juckreiz gekennzeichnet ist und durch verschiedene Ursachen wie Hauttrockenheit, systemische Erkrankungen und Umweltfaktoren ausgelöst wird. Es kann erhebliche Auswirkungen auf den Schlaf, die Stimmung, die Konzentration und die sozialen Aktivitäten haben. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie hatte das Ziel, die Wirksamkeit von spezifischen Pflegeleitlinien bei der Behandlung von chronischem Pruritus bei älteren Patient:innen zu untersuchen. Dabei sollte herausgefunden werden, ob die Implementierung solcher Leitlinien nicht nur das Wissen der Patient:innen über Ursachen, Prävention und Behandlungsmöglichkeiten von Pruritus verbessert, sondern auch eine Reduktion der Schwere und Häufigkeit der Symptome bewirkt. Chronischer Pruritus beeinträchtigt nicht nur die physische Gesundheit, sondern auch die psychische und soziale Lebensqualität. Das Ziel war es daher, durch gezielte Pflegeinterventionen eine nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität dieser Patient:innengruppe zu erreichen. 💡 Pruritus tritt bei älteren Menschen häufiger auf, da mit zunehmendem Alter die Haut dünner und trockener wird. Dies liegt an einer verminderten Talg- und Schweißproduktion sowie an einer reduzierten Barrierefunktion der Haut. Die Haut verliert Feuchtigkeit, was zu Trockenheit und Juckreiz führen kann. Außerdem können altersbedingte Erkrankungen wie Diabetes mellitus, chronische Niereninsuffizienz oder Lebererkrankungen, sowie die Einnahme bestimmter Medikamente, Pruritus fördern. Auch Veränderungen im Nervensystem, die die Empfindlichkeit der Haut beeinflussen, spielen eine Rolle. _This post is for paying subscribers only._ ### Was ist eigentlich eine Advanced Practice Nurse? URL: https://www.uebergabe.de/was-ist-eigentlich-eine-advanced-practice-nurse/ Last updated: 2025-01-20T08:00:24.000Z APN oder ANP? Und dann gibt es auch noch Nurse Practicioner. Was ist die richtige Bezeichnung für welche Tätigkeit und welche Rolle? Und was machen Advanced Practice Nurses eigentlich? Dieses One Minute Wonder gibt dir einen konkreten Überblick und beantwortet alle Fragen. _This post is for subscribers only._ ### Harmonisierung von Dienstzeiten und Prozessen (Ilja Doronin & Christine Navarro) URL: https://www.uebergabe.de/ug160/ Last updated: 2026-06-17T09:03:03.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 18.01.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das UKE-Projekt Arbeiten 5.0 verbindet flexible Dienstzeiten mit optimierten Prozessen. - Flexible Start-/Endzeiten, Kurz- und Langdienste sowie mobiles Arbeiten verbessern die Work-Life-Balance. - Interprofessionelle Zusammenarbeit wird durch Briefings, Visiten und Tandems gestärkt. - Der partizipative Ansatz bindet alle Berufsgruppen aktiv in die Gestaltung ein. - Erste Evaluationsergebnisse zeigen mehr Zufriedenheit und bessere Patient:innenversorgung. ## Arbeiten 5.0 am UKE: Flexibilität und Zusammenarbeit neu gedacht Die Arbeitswelt der Pflege befindet sich im Wandel. Neue Modelle und Projekte, die auf die Bedürfnisse von Pflegefachpersonen eingehen, sind dringend erforderlich, um den aktuellen Herausforderungen wie Fachkräftemangel und hoher Arbeitsbelastung zu begegnen. Ein spannendes Beispiel liefert das [Projekt Arbeiten 5.0 des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE)](https://www.uke.de/karriere/berufe-jobs-im-uke/pflege-funktionsdienst/die-pflege-von-morgen/index.html?ref=uebergabe.de). Dieses ambitionierte Vorhaben kombiniert innovative Dienstzeitmodelle mit optimierten Prozessen und legt dabei einen Fokus auf die interprofessionelle Zusammenarbeit. Ziele, Methoden und Erfolge von Arbeiten 5.0 verdeutlichen, welche Ansätze auch für andere Einrichtungen relevant sein könnten. ### Ausgangslage: Warum Arbeiten 5.0? Die Pflege steht vor einem massiven Umbruch. Der demografische Wandel, steigende Versorgungsbedarfe und der Fachkräftemangel fordern neue Ansätze, um Arbeitsbedingungen nachhaltig zu verbessern. Am UKE erkannten die Verantwortlichen frühzeitig, dass sowohl die Arbeitszeiten als auch die Abläufe innerhalb der Stationen flexibler und effektiver gestaltet werden müssen, um Pflegefachpersonen langfristig zu halten und die Versorgung von Patient:innen auf höchstem Niveau sicherzustellen. > „Nur ein zufriedenes, gesundes und qualifiziertes Personal kann eine optimale Patient:innenversorgung gewährleisten.“ - Christine Navarro Arbeiten 5.0 wurde ins Leben gerufen, um genau diesen Herausforderungen zu begegnen. Das Projekt entstand in enger Zusammenarbeit mit der [Techniker Krankenkasse](https://www.tk.de/techniker?ref=uebergabe.de) und hat das Ziel, die Arbeitswelt der Pflege neu zu gestalten: mit **lebensphasenorientierten Dienstzeiten**, einer verbesserten **Work-Life-Balance** und klaren, effizienteren Prozessen, die die interprofessionelle Zusammenarbeit stärken. > „Mit flexiblen Dienstzeiten schaffen wir neue Möglichkeiten, Beruf und Privatleben besser in Einklang zu bringen.“ - Ilja Doronin ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/01/87d8b59e-6907-4a20-b4ca-2d97a5007acf.webp) ## Die Kernbausteine von Arbeiten 5.0 Das Projekt kombiniert zwei zentrale Elemente: **flexible Dienstzeiten** und **Prozessoptimierung**. Diese gehen Hand in Hand, um eine ganzheitliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. #### 1\. Flexible Dienstzeiten Eine der zentralen Innovationen von Arbeiten 5.0 ist die Einführung von **flexiblen und erweiterten Arbeitszeitmodellen**, die den individuellen Lebensrealitäten der Pflegefachpersonen gerecht werden: - **Flexible Start- und Endzeiten**: Pflegefachpersonen können in Absprache mit der Stationsleitung ihren Dienstbeginn oder -ende individuell anpassen. - **Kurzdienste**: Arbeitszeiten von vier bis sechs Stunden sind besonders für Teilzeitbeschäftigte oder Eltern nach der Elternzeit attraktiv. - **Verlängerte Dienste**: 10-Stunden-Schichten bieten die Möglichkeit, die Wochenarbeitszeit schneller zu absolvieren und mehr Freizeitphasen zu schaffen. - **Mobile Arbeit**: Für spezifische Aufgaben wie Dokumentationen oder Dienstplanungen besteht die Möglichkeit, im Homeoffice oder anderen Orten im UKE zu arbeiten. #### 2\. Prozessoptimierung Zusätzlich zu den neuen Dienstzeiten entwickelte das Projekt eine Reihe von Prozessbausteinen, um die interprofessionelle Zusammenarbeit zu verbessern: - **Morgendliches Kurzbriefing**: Ein kurzer Austausch zwischen allen relevanten Berufsgruppen sorgt für Klarheit über die anstehenden Aufgaben. - **Interprofessionelle Visiten**: Pflegefachpersonen und Ärzt:innen besprechen gemeinsam direkt am Patient:innenbett den Versorgungsplan. - **Arzt-/Ärztin-Pflege-Tandem**: Für eine definierte Patient:innengruppe arbeiten Pflegefachpersonen und Ärzt:innen eng zusammen. - **Tagesabschlussbesprechung**: Am Ende des Tages werden offene Fragen zwischen den Berufsgruppen geklärt. ### Erfolgsfaktoren: Wie arbeitet Arbeiten 5.0? Ein entscheidender Erfolgsfaktor des Projekts ist die **partizipative Gestaltung**. Von Anfang an wurden Pflegefachpersonen, Ärzt:innen und andere Berufsgruppen aktiv in die Entwicklung und Umsetzung eingebunden. Durch Workshops und Fokusgruppen ließen sich Bedürfnisse identifizieren und Lösungen erarbeiten, die den Arbeitsalltag wirklich verbessern. Auch der **Pilotphase** kam eine zentrale Rolle zu. Drei unterschiedliche Stationen – eine Intensivstation, eine onkologische Station und eine allgemeinchirurgische Station – dienten als Testfelder. Mithilfe von Prä- und Postbefragungen sowie Fokusgruppen-Interviews entstanden wertvolle Erkenntnisse, die in den Rollout einflossen. ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Herausforderungen bei der Umsetzung Trotz der positiven Resonanz und der Erfolge von Arbeiten 5.0 standen die Verantwortlichen vor einigen Herausforderungen. Ein zentraler Punkt war die **Nachhaltigkeit der Prozessbausteine**, insbesondere in Bereichen mit hoher Personalfluktuation. Beispielsweise erforderte das Arzt-/Ärztin-Pflege-Tandem kontinuierliche Anpassungen, da neue Mitarbeitende regelmäßig in die Strukturen eingeführt werden mussten. Auch die Vielfalt der Dienstzeiten stellte zunächst eine Hürde dar, da sie die Dienstplanerstellung komplexer machte. Durch enge Zusammenarbeit mit den Teams und flexible Anpassungen ließ sich jedoch eine Balance finden. Ein weiteres Hindernis war die Sicherstellung einer breiten Akzeptanz, insbesondere bei Mitarbeitenden, die sich an bestehende Strukturen gewöhnt hatten. Hier bewährte sich der partizipative Ansatz des Projekts, der von Beginn an die Mitarbeitenden aktiv einbezog. ### Evaluation und Ausblick Das Projekt wird aktuell von der Universität Hamburg evaluiert. Erste Ergebnisse zeigen, dass Arbeiten 5.0 nicht nur die Zufriedenheit der Mitarbeitenden erhöht, sondern auch positive Effekte auf die Patient:innenversorgung hat. Ein Abschlussbericht wird für Anfang 2026 erwartet. Die langfristige Vision des Projekts ist es, die gewonnenen Erkenntnisse nachhaltig im Arbeitsalltag zu verankern und kontinuierlich weiterzuentwickeln. Auch andere Einrichtungen können von den Erfahrungen profitieren und die Ansätze an ihre eigenen Bedürfnisse anpassen. ### Fazit Arbeiten 5.0 zeigt, wie innovative Konzepte zur Gestaltung von Arbeitszeiten und Prozessen die Arbeitsbedingungen von Pflegefachpersonen verbessern können. Mit Flexibilität, interprofessioneller Zusammenarbeit und einer klaren Orientierung an den Bedürfnissen der Mitarbeitenden setzt das UKE neue Maßstäbe. Wenn du deine eigene Klinik zukunftssicher und mitarbeiterorientiert gestalten möchtest, findest du in diesem Projekt ein Vorbild. E-Mailkontakt zum Projektteam über: [arbeiten5.0@uke.de](mailto:arbeiten5.0@uke.de) ## Unsere weiteren Inhalte zum Thema: [4-Tage-Woche in der Pflege - Podcast mit Henrik van Gellekom🎙️ Erfahrt in Folge 137 des Übergabe-Podcasts, wie die 4-Tage-Woche am Klinikum Bielefeld die Arbeitsbedingungen und Work-Life-Balance verbessert. Es werden Herausforderungen, Vorteile und die positiven Auswirkungen auf die Patientenversorgung beleuchtet.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-36.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/UG137mittelm--ig.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug137/) [Lebensphasengerechte Personalplanung in der Pflege gestaltenDas Forschungsprojekt LPP zeigt, wie lebensphasengerechte Personalplanung die Pflege zukunftsfähig macht. Individuelle Laufbahnen, flexible Arbeitsmodelle und Weiterbildungen stärken Pflegefachpersonen und Organisationen gleichermaßen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-35.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug157.png)](https://www.uebergabe.de/ug157/) --- ## Veranstaltungen und Aufrufe 💡 Am Freitag, den 14\. Februar 2025 findet der ****27\. Netzwerk-Workshop des DNQP zum Expertenstandard „Kontinenzförderung in der Pflege“** in Osnabrück statt. Der Expertenstandard wurde im April aktualisiert und um das Thema der Stuhlinkontinenz erweitert. Die Programmbroschüre, weitere Informationen zur Veranstaltung sowie die Möglichkeit der Anmeldung finden Sie auf der [DNQP-Website.](https://www.dnqp.de/27-netzwerk-workshop/?ref=uebergabe.de) ## Jobs 💼 ****Advanced Practice Nurse** im Projekt [****PATIENCE**](https://www.fh-muenster.de/de/mdh/forschung/patience?ref=uebergabe.de) Das BMBF-Projekt ****PATIENCE - Partizipatives Forschungs- und Entwicklungsprojekt zur Entwicklung, Implementierung und Evaluation einer Advanced Practice Nurse für alterstraumatologische Patient:innen**, das in einer Kooperation zwischen der FH Münster, der EvH Bochum, den BG Kliniken und dem Universitätsklinikum Bergmannsheil Bochum durchgeführt wird, zielt darauf ab ein Rollen- und Aufgabenprofil für eine Advanced Practice Nurse partizpativ zu entwickeln, zu erproben und hinsichtlich seiner Tragfähigkeit zu evaluieren. 👉 [Informationen zur Stellenanzeige](https://karriere.fh-muenster.de/jobposting/9a032bda233b2d3d5b4a7715568c2df3855ec5d30?ref=uebergabe.de) --- ## Neues aus der Übergabe-Community - [Bundestagswahl 2025](https://community.uebergabe.de/t/bundestagswahl-2025/252?ref=uebergabe.de) - [Pflegeprozesssteuerung](https://community.uebergabe.de/t/pflegeprozesssteuerung/220?ref=uebergabe.de) - [Freiheitsentziehende Maßnahmen](https://community.uebergabe.de/t/freiheitsentziehende-massnahmen/?ref=uebergabe.de) - [Sammlung der Studiengänge aus unserer Community](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/?ref=uebergabe.de) - [Der große “ich stelle mich vor” Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/?ref=uebergabe.de) - [Qualifikationsarbeiten in unserem Podcast!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/F4lv5XmNTA4AAAAC/your-happy-workplace-wendy-conrad.gif) ## Zum Weiterhören - [ÜG137 – 4-Tage-Woche in der Pflege (Henrik van Gellekom)](https://www.uebergabe.de/ug137/) - [ÜG162 – Flexible Arbeitszeiten in der Langzeitpflege (Lena-Marie Wirth & Helmut Wallrafen)](https://www.uebergabe.de/ug162/) - [ÜG157 – Lebensphasengerechte Personalentwicklung (Katja Pein & Dr.In Lena Marie Wirth)](https://www.uebergabe.de/ug157/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Respektvolle Kommunikation bei Demenz URL: https://www.uebergabe.de/respektvolle-kommunikation-bei-demenz/ Last updated: 2025-02-12T22:08:48.000Z 🗓️ #64 | 16.01.2025 ### Worum geht's? Die Studie konzentrierte sich auf die Auswirkungen von Kommunikationsmustern auf das Verhalten von Menschen mit Demenz in Pflegeheimen. Der Fokus lag darauf, wie Elderspeak das Verhalten beeinflusst und ob Schulungsmaßnahmen für Pflegefachpersonen effektiv sind, um respektvollere und effektivere Kommunikationsweisen zu fördern. 💡 ****Elderspeak** bezeichnet eine Art der Kommunikation, die oft unbewusst gegenüber älteren Menschen, insbesondere solchen mit kognitiven Einschränkungen wie Demenz, verwendet wird. Dabei handelt es sich um eine vereinfachte, kindliche oder übermäßig fürsorgliche Sprache, die auf den ersten Blick freundlich wirken soll, jedoch als herablassend oder respektlos empfunden werden kann. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie untersuchte die Wirkung einer Kommunikationsintervention *(Changing Talk, kurz CHAT)* auf die Reduktion von als herausfordernd empfundene Verhaltensweisen bei Bewohner:innen von Pflegeheimen mit Demenz. Ziel war es, die Nutzung von **„Elderspeak“** durch Pflegefachpersonen zu minimieren und dadurch das Verhalten der Bewohner:innen zu verbessern. _This post is for paying subscribers only._ ### Freiheitsentziehende Maßnahmen URL: https://www.uebergabe.de/freiheitsentziehende-massnahmen/ Last updated: 2025-01-11T08:50:22.000Z FEM wie Fixierungen, Bettseitenteile oder geschlossene Türen schränken die Bewegungsfreiheit ein und sind nur erlaubt, wenn sie unbedingt notwendig sind. Sie erfordern meist eine richterliche Genehmigung, müssen verhältnismäßig sein und umfassend dokumentiert werden. Ein OMW für den Überblick. _This post is for subscribers only._ ### Die Advanced Practice Nurse in der Alterstraumatologie URL: https://www.uebergabe.de/die-advanced-practice-nurse-in-der-alterstraumatologie/ Last updated: 2026-09-14T18:52:10.000Z 🗓️ #63 | 09.01.2025 ### Worum geht's? Advanced Practice Nurses sind akademisch spezialisierte Pflegefachpersonen, die insbesondere in der geriatrischen und traumatologischen Versorgung eingesetzt werden. Sie koordinieren Behandlungsprozesse, fördern die interprofessionelle Zusammenarbeit und unterstützen Patient:innen sowie deren Angehörige. In der Alterstraumatologie fehlt bislang ein spezifisches, wissenschaftlich fundiertes Aufgaben- und Rollenprofil. 💡 Die Altersstraumatologie ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit der Diagnose, Behandlung und Prävention von Verletzungen und traumatischen Erkrankungen bei älteren Menschen beschäftigt. Sie verbindet Aspekte der Unfallchirurgie, Orthopädie und Geriatrie, um den besonderen Bedürfnissen von älteren Patient\*innen gerecht zu werden, da diese aufgrund altersbedingter Veränderungen wie Osteoporose, Gebrechlichkeit und verminderter Regenerationsfähigkeit anfälliger für Verletzungen und Komplikationen sind. Typische Erkrankungen und Verletzungen in der Altersstraumatologie umfassen Hüftfrakturen, Wirbelkörperfrakturen, distale Radiusfrakturen, Schulterverletzungen und Schenkelhalsfrakturen, die oft durch Stürze verursacht werden. Zudem spielt die Prävention und Behandlung von osteoporotischen Frakturen eine zentrale Rolle, da die verringerte Knochendichte bei älteren Menschen das Risiko für Knochenbrüche erheblich erhöht. Weitere häufige Probleme sind Polytraumata bei Sturzereignissen, Weichteilverletzungen, Komplikationen durch Multimorbidität sowie die postoperative Versorgung, einschließlich der Vermeidung von Thrombosen, Infektionen und Dekubitus. Die Altersstraumatologie zielt darauf ab, nicht nur die Verletzungen zu behandeln, sondern auch die Mobilität, Lebensqualität und Autonomie älterer Menschen zu erhalten oder wiederherzustellen. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie hatte das Ziel, einen aktuellen Literaturüberblick für den Zeitraum 2010–2022 zu erstellen, um die Rollen und Aufgaben von Advanced Practice Nurses (APN) in der Alterstraumatologie zu identifizieren. Dabei wurde der bestehende nationale und internationale Forschungsstand analysiert, um potenzielle Grundlagen für die Entwicklung eines spezifischen Rollen- und Aufgabenprofils zu schaffen. _This post is for paying subscribers only._ ### Berufsstolz in der Pflege / Gastbeitrag von Lisa Gareis URL: https://www.uebergabe.de/berufsstolz-in-der-pflege-gastbeitrag-von-lisa-gareis/ Last updated: 2025-01-12T19:19:43.000Z --- ## Vom Mutmachbuch zu Berufsstolz-Workshops 2021 erschein das [„Mutmachbuch”](https://www.hogrefe.com/de/shop/berufsstolz-in-der-pflege-99067.html?ref=uebergabe.de) von Quernheim & Zegelin mit dem Titel „Berufsstolz in der Pflege”. Ich bin durch Zufall über das Buch gestolpert. Obwohl ich Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Pflegewissenschaftlerin bin, ist mir dieser Begriff noch nicht bekannt gewesen. Ich habe das Buch direkt gekauft. Dieses Mutmachbuch richtet sich an Pflegefachpersonen und beschäftigt sich, wie der Titel vermuten lässt, mit dem Phänomen „Berufsstolz in der Pflege”. Quernheim & Zegelin beleuchten die Facetten des Berufsstolzes und zeigen das hochkomplexe Wesen der professionellen Pflege auf. Zudem werden praxisrelevante Tipps zur Stärkung des eigenen Berufsstolzes vermittelt. Im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit war ich auf der Suche nach praxisrelevanten Themen, die ich für Workshops mit Pflege-Azubis und Praxisanleitende, aufbereiten konnte. Da kam dieses Buch mit dem neuen Begriff „Berufsstolz“ wie gerufen. Bei dieser Lehrtätigkeit stellte ich schnell fest, dass das Thema auch meinen Teilnehmenden eher unbekannt war. Ich diskutierte mit Pflege-Azubis und Praxisanleitenden über das Phänomen und bemerkte, dass ganz unterschiedliche Vorstellungen zum Begriff „Berufsstolz in der Pflege“ vorlagen. Es kam teilweise zu hochemotionalen Diskussionen und es wurden Fragen in den Raum geworfen wie: *Worauf kann ich im Pflegefachberuf stolz sein? Passt die Emotion Stolz zum Pflegefachberuf? Wirke ich als Pflegefachperson nicht arrogant, wenn ich sage, dass ich stolz bin? Passt eine stolze Haltung überhaupt zum Pflegeimage?* Diese Fragen konnte ich als Pflegefachperson nur intuitiv beantworten. Außerdem habe ich mich zu Beginn an dem Mutmachbuch orientiert. Im Endeffekt habe ich meine Meinung und Annahmen geteilt, ohne einen wissenschaftlichen Bezug zu erstellen. Im Verlauf meiner Lehrtätigkeit wurde mir allerdings bewusst, dass es sich auch nur um meine subjektive Meinung handelt und ich keiner anderen Pflegefachperson zu nahetreten wollte. Außerdem machte ich zu Beginn den Fehler, andere Professionen (Ärzt:innenschaft, therapeutische Berufe) „schlechter“ darzustellen, um die Profession Pflege besonders hervorzuheben. Meine eigentliche Intention war es, meinen Teilnehmenden zu vermitteln: „*Pflege ist (lebens-)wichtig, Pflege ist überall, Pflege ist ein besonderer Beruf – andere Berufe sind nicht so einzigartig – also sei besonders stolz drauf*“. Leider hatte dies die unabsichtliche Degradierung anderer Berufsgruppen zur Folge. Daher musste ich einen anderen Zugang zum Thema suchen. Außerdem ist mir zunehmend aufgefallen, dass wir bereits innerhalb unserer Profession dazu neigen, Pflegefachpersonen aus anderen Settings eher abzuwerten. Professionell Pflegende auf einer Intensivstation erleben höheres Ansehen als Pflegefachpersonen im Fachbereich der Altenpflege *– aber wieso?* > *Sind Pflegefachpersonen einer Intensivstation somit auch stolzer in ihrer Arbeit als Kolleg:innen in der Altenpflege?* Ich komme aus dem psychiatrischen Pflegesetting und habe häufig erlebt, dass meine Arbeit vom somatischen Fachbereich eher belächelt wird. Also fragte ich mich selbst „Was macht mich in meinem Beruf stolz? Wann habe ich mich in meinem Setting stolz gefühlt?”. Ich stellte fest: Das habe ich mich in all den Jahren nie gefragt. Mir fielen aber schnell viele Situationen ein, in denen ich ein Stolzempfinden hatte, ohne je bewusst darüber gesprochen zu haben. *Wieso auch?* Stattdessen habe ich in der Öffentlichkeit, also bei privaten Veranstaltungen/Feiern oder Familienfesten, eher Horrorgeschichten aus meinem Pflegealltag erzählt. Ich berichtete von den krassesten Herausforderungen, den unangenehmsten Pflegesituationen oder jammerte über schlechte Rahmenbedingungen. Zurecht bekam ich dann einen mitleidigen Blick und die Frage gestellt: *Wieso machst du das? Also ich könnte das nicht.* Mir wäre damals nie in den Sinn gekommen in der Öffentlichkeit über einen Stolzmoment zu berichten, da ich mir diesen nicht bewusst war. Jammern und schlecht über den Pflegefachberuf zu sprechen, fühlte sich wie ein ungeschriebenes Gesetz an. Außerdem sieht man als Pflegefachperson, besonders wenn man im Fachbereich der psychiatrischen Pflege arbeitet, gerne etwas entsetzte Gesichter. Zumal ich gerne dargestellt habe, dass nicht jede Person dieser Herausforderung gewachsen ist und man trotz aller Widrigkeiten in der Lage ist, diesen Job zu meistern. Mit Berufsstolz hatte dieses Verhalten allerdings nichts zu tun. --- ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2025/01/temp_image_20241212_051517_54d0e1fb-8b02-4f9d-8e4b-7aa315b3c831.jpg) Lisa Gareis 💡 ****Lisa Gareis** ist Gesundheits- und Krankenpflegerin und Pflegewissenschaftlerin. Ihren Master hat sie in Public Health gemacht und im Rahmen ihrer Masterarbeit forschte Sie zum Thema Berufsstolz. --- ## Was ist denn nun dieser Berufsstolz? Neben meiner Vollzeittätigkeit absolvierte ich ein Masterstudium und wollte das Phänomen „Berufsstolz in der Pflege” in einer Hausarbeit wissenschaftlich aufbereiten. Gerade in der Forschung arbeitet man gerne mit Definitionen. Liegt eine Definition vor, lässt sich ein Phänomen leicht erklären. Jede Person weiß, was sich dahinter verbirgt. Ich habe festgestellt, dass seit etwa 2019 das Stolzerleben von Pflegefachpersonen in [nationaler Literatur](https://www.lehmanns.de/shop/sozialwissenschaften/47640385-9783862165698-pflegewert?ref=uebergabe.de) beleuchtet wird. In dem Mutmachbuch von Laut Quernheim & Zegelin wird der deutsche Begriff „Berufsstolz in der Pflege” mit einem Gefühl von hoher Selbstachtung in Verbindung mit der öffentlichen Wertschätzung der Pflegetätigkeit gleichgesetzt. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine allgemeingültige Definition. Der Begriff „Berufsstolz in der Pflege” wird zunehmend auf Pflegefachtagen, in Social-Media-Beiträgen sowie in wissenschaftlichen Veröffentlichungen verwendet. Es kursieren viele virtuelle Aufrufe wie „*Proud to be a Nurse*” oder „*#Berufsstolz*”, die viele Personen liken oder gar in ihrem Netzwerk teilen. Obwohl das Phänomen in aller Munde ist, gibt es bislang keine allgemeingültige Definition. Somit weiß eigentlich niemand so genau, was sich hinter dem Begriff konkret verbirgt oder was damit gemeint ist. > *Meinen alle Autor:innen in der Wissenschaft oder auf Social-Media mit dem Aufruf „Proud to be a Nurse“ das Gleiche?* Am Ende meiner Literaturrecherche stellte ich fest: viele Menschen verwendeten den Begriff, mittlerweile liest man ihn überall - es gibt auch [international Studienergebnisse](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33896028/?ref=uebergabe.de) zum „professionell pride“ – allerdings wird hier auch keine einheitliche Begriffserklärung verwendet. Aus diesem Grund entschied ich mich im Rahmen meiner Masterthesis das Phänomen qualitativ zu erforschen. Ich habe das Stolzerleben sowie die Vorstellung zum Berufsstolz von Pflegefachpersonen in Deutschland untersucht und wollte wissen: > Welche Vorstellungen haben in Deutschland ausgebildete und derzeit tätige Pflegefachkräfte zum Thema „Berufsstolz in der Pflege”? > > Gibt es bei diesen Pflegefachkräfte einen gemeinsamen Kern beim „Berufsstolz in der Pflege”? Neben den Annahmen von Quernheim & Zegelin (2021) gab es damals auch eine [Studie](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35193561/?ref=uebergabe.de), die beschrieb, dass der Begriff „Berufsstolz in der Pflege“ motivierend auf den Berufsverbleib wirken kann. Dies bestärkte mich, das Phänomen zu erforschen. Ich sehe den frühzeitigen Berufsausstieg von Pflegefachpersonen als hochproblematisch an. Es wäre sinnvoll, Maßnahmen zu entwickeln, um professionell Pflegende in ihrem Pflegefachberuf zu halten. Jedoch geht es vielleicht nicht nur um gute Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung, damit Pflegefachpersonen ihrem Berufszweig treu bleiben? Aus der [Literatur](https://www.researchgate.net/publication/260592297%5FImage%5Fder%5FPflege%5Fin%5FDeutschland?ref=uebergabe.de) geht hervor, dass relevante Faktoren für den Ausstieg das schlechte Image der Pflege und die fehlende Berufsattraktivität sein können. Gleichzeitig mangelt es Pflegefachpersonen an der eigenen positiven Wertschätzung ihrer Pflegetätigkeit. Außerdem sprechen professionell Pflegende in der Öffentlichkeit [nicht über die Wertigkeit](https://www.hogrefe.com/ch/shop/der-pflege-eine-stimme-geben-62124.html?ref=uebergabe.de) ihrer hochkomplexen Pflegeleistung. Stattdessen wird das [Pflegeimage](https://www.researchgate.net/publication/365801440%5FDIE%5FROLLE%5FDER%5FPFLEGE-%5FAussen-%5Fund%5FInnenansichten%5Fzum%5FBeruf?ref=uebergabe.de) von Berufszugehörigen selbst (inklusive meinem alten Ich) geschädigt. Dies wirkt paradox, da im Rahmen von [Studien](https://www.arbeitnehmerkammer.de/fileadmin/user%5Fupload/Downloads/Politik/Rente%5FGesundheit%5FPflege/Bundesweite%5FStudie%5FIch%5Fpflege%5Fwieder%5Fwenn%5FLangfassung.pdf?ref=uebergabe.de) festgestellt wurde, dass eine angemessene Wertschätzung und Anerkennung einen bedeutenden Einfluss für den Berufsverbleib haben. Hier stellte sich mir die Frage: > *Wieso sollten Pflegefachpersonen eine angemessene Anerkennungsleistung für ihre professionelle Pflegetätigkeit erhalten, wenn sie selbst nicht dazu in der Lage sind, positiv über ihren Beruf zu sprechen?* ## [Berufsstolz-Studie](https://app.carelit.de/carelit%5Farticle.php?doc%5Fid=321576&ref=uebergabe.de) — Suche nach [Stolzmomente](https://econtent.hogrefe.com/doi/abs/10.1024/1861-6186/a000830?journalCode=pad&ref=uebergabe.de) in der direkten Pflege Zurück zu meiner Studie zum Phänomen „Berufsstolz in der Pflege”. Ziel meiner Studie war es, setting- und berufsdauerübergreifende Gemeinsamkeiten (d. h. einen gemeinsamen Kern) zum Phänomen „Berufsstolz in der Pflege” für Pflegefachpersonen in Deutschland zu ermitteln. Um das Phänomen greifbar zu machen, sollten die Vorstellungen von befragten Pflegefachpersonen umfassend erhoben und ein erster Definitionsansatz abgeleitet werden. Um mein Forschungsziel zu erreichen, habe ich mit Pflegefachpersonen telefonische Interviews geführt und sie zu ihren Stolzerleben in der direkten Patient:innen- bzw. Bewohner:innenversorgung befragt. Außerdem habe ich Fragen zu ihren Vorstellungen zum Phänomen „Berufsstolz in der Pflege” gestellt. Wichtig war für mich, dass die Befragten ihre dreijährige Pflegeausbildung in Deutschland absolviert haben und zum Zeitpunkt meiner Studie in Deutschland tätig waren. Außerdem mussten die Pflegefachpersonen in der direkten Pflege am Menschen tätig sein. Um ein umfassendes Bild zu den Vorstellungen zu erhalten, wollte ich Pflegefachpersonen aus unterschiedlichen Versorgungsbereichen und mit unterschiedlicher Berufsdauer (d. h. Berufserfahrung in Jahren) befragen. Außerdem durften die Interessierten vorab keinen persönlichen oder beruflichen Kontakt zu mir haben, d.h. keine Teilnahme an meinen Berufsstolz-Workshops. Somit sollten die Befragten frei, ohne mein Zutun, ihre persönliche Meinung äußern können. Mithilfe der unterschiedlichen Settings und Berufserfahrungen wollte ich einen gemeinsamen Kern zu den Vorstellungen der Befragten herausarbeiten. ### Schaut man sich den Begriff „Stolz” näher an: In der Literatur steht, dass Stolz zu den [komplexen Emotionen](https://www.researchgate.net/publication/228840978%5FEmerging%5FInsights%5FInto%5Fthe%5FNature%5Fand%5FFunction%5Fof%5FPride?ref=uebergabe.de) des Menschen zählt. Um Stolz zu empfinden, sind spezielle Prozesse der Selbstbewertung (d. h. *Wie sehe ich mich selbst?)* notwendig. Das Individuum muss sein eigenes Selbst sowie das eigene Tun einschätzen können (d. h. *Das was ich tue, ist gut*). Außerdem ist es für diese komplexe Emotion notwendig, dass eine Person bestimmte ethischen Wertvorstellungen verinnerlicht hat (d. h. *Was bedeutet „gut” für mich? Welche Werte, z. B. Ehrlichkeit, Tapferkeit sind mir wichtig?).* [Stolz](https://www.lehrbuch-psychologie.springernature.com/motivation-und-emotion-2-aufl-2018?ref=uebergabe.de) wird empfunden, wenn ein subjektiv bewerteter konkreter Soll-Zustand realisiert oder überragt wurde. Das bedeutet, dass jede Person für sich selbst entscheidet, welches persönliche Ziel (z. B. Gewichtsreduktion, Erhalten einer guten Note) erreicht werden muss, um sich stolz auf diesen Erfolg zu fühlen. Übertragen auf die professionelle Pflege muss die Pflegefachperson in der Lage sein, ihre pflegerische Leistung zu bewerten und sich persönliche (Pflege-)Erfolge suchen. Außerdem muss sie sich bewusst mit ihren individuellen Wertvorstellungen beschäftigen, um bewerten zu können, nicht nur ob, sondern wie das persönliche Ziel erreicht oder gar überragen wurde. ## „Professional Pride” — internationaler Berufsstolz Wird internationale Literatur zum Begriff „(Berufs-) Stolz” im Pflegfachberuf gesucht, sind erste Studienergebnisse auffindbar. Beispielsweise können herausragende Erfolge bei der pflegerischen Versorgung (sog. [Pflegeerfolge](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34711447/?ref=uebergabe.de)) ein Stolz-Empfinden in Bezug auf die eigene Leistung auslösen. In der Pflege wird eine gute Pflegepraxis durch berufsrelevante Werte festgelegt, welche bewusst von Pflegefachpersonen gelebt werden müssen. [Pflegerelevante Werte](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17901183/?ref=uebergabe.de) (sog. Pflege-Werte) sind z. B. Respekt, Sinnhaftigkeit oder Ganzheitlichkeit. Außerdem wurde festgestellt, dass die eigene erworbene Pflegefachlichkeit ein Stolz-Empfinden bei Pflegefachpersonen auslösen kann. Positive Auswirkungen auf den [Berufsstolz](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26459623/?ref=uebergabe.de) hat zudem die direkte Wertschätzung von Pflegekund:innen. Jedoch musste ich festhalten, dass diese internationalen Studienergebnisse auch keine einheitliche Definition zum Begriff „Berufsstolz” haben. Außerdem können diese Erkenntnisse nicht auf deutsche Rahmenbedingungen übertragen werden. Denn was Pflegefachpersonen tun (dürfen), hängt von den gesetzlichen, gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen eines Landes ab. ### Unser Podcast zum Thema Berufsstolz: [ÜG071 - Berufsstolz in der Pflege (German Quernheim) - ÜbergabeWir sprechen mit Dr. German Quernheim über Berufsstolz in der Pflege und zeigen auf, warum das besonders wichtig ist.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-32.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug071-scaled-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug071/) ## Erkenntnisse aus der Berufsstolz-Studie: Faktoren & Quellen Im Sommer 2023 interviewte ich deutschlandweit zwölf Pflegefachpersonen aus unterschiedlichen Versorgungssettings (d.h. akutstationär, ambulant, langzeitstationär) und mit einer unterschiedlichen Berufsdauer. Es waren acht Frauen und vier Männer. Sie hatten eine durchschnittliche Berufsdauer von 14,84 Jahre. Die durchschnittliche Interviewdauer am Telefon betrug 36:59 Minuten. Aus den Interviews ging hervor, dass es sich bei dem Phänomen „Berufsstolz in der Pflege” um ein eher multifaktorielles Geschehen (siehe gelber Kasten, Abb.1) handelt. Von den Befragten wurden acht Faktoren (sog. Berufsstolz-Faktoren) zum Phänomen beschrieben, die einen positiven oder negativen Einfluss auf das Berufsstolz-Empfinden haben. Diese sogenannten Berufsstolz-Faktoren sind: ![](https://lh7-rt.googleusercontent.com/docsz/AD_4nXc8hSXwt2ug2T7Crpetz33lxiLMHUGi24Y8O8FUDPlRqgfUwp1V4nhOQHQzHdx00ZSq3jWar1dsMQr_dqsXpsmi6GPHGdduUmXzD5JDIJdGY0FedxRW21I2TC2aYx0JXdv1-WHS77-iAq7QYlgogw?key=NXhCVm4S_WQW0TAxVlJb2QgT) **Abbildung 1: Berufsstolz-Faktoren, eigene Darstellung* Um zu verstehen, was sich hinter diesen Berufsstolz-Faktoren versteckt, werden die Inhalte nachfolgend kurz erläutert: 🔺 ****Bewusstsein & Aufbau der eigenen Pflegefachlichkeit als Berufsstolz-Faktor** Elf Befragte sind der Meinung, dass ein obligater Faktor für den Berufsstolz das Bewusstsein über die eigene Pflegefachlichkeit sei. Es wird berichtet, dass mit steigender Fachlichkeit, der Berufsstolz stärker ausgeprägt werde. Der Berufsstolz speise sich aus dem Erwerb (z. B. Pflegeausbildung) und der Aufrechterhaltung (z. B. durch Weiterbildungen, Spezialisierung) der eigenen Pflegefachlichkeit. 🔺 ****Pflege-Werte einer guten Pflegepraxis als Berufsstolz-Faktor** Die Interviewten geben an, dass für den Berufsstolz die Umsetzung individueller Wertvorstellungen (sog. Pflege-Werte) im Sinne einer guten Pflegepraxis relevant sei. Als Pflege-Werte werden u. a. die ganzheitliche Sichtweise, die Sicherstellung der Patient:innen- bzw. Bewohner:innenzufriedenheit, eine positive Fehlerkultur, Nächstenliebe oder Sinnhaftigkeit angeführt. 🔺 ****Darstellung der pflegerischen Performanz als Berufsstolz-Faktor** Einige der Befragten sind der Meinung, dass ein relevanter Berufsstolz-Aspekt die Darstellung einer pflegerischen Performanz sei. Die eigene fachliche Expertise sowie die hohe gesellschaftliche Relevanz der Pflege solle im Sinne eines beruflichen Standings sichtbar gemacht werden. Dies gelte als förderlich für den Berufsstolz. 🔺 ****Positive Selbstbewertung als Berufsstolz-Faktor** Als weiterer beeinflussender Faktor für den Berufsstolz benennen die Befragten die positive Selbstbewertung. Wichtig sei es, sich selbst und die eigene pflegerische Leistung als positiv zu bewerten. Jede Pflegefachperson solle Respekt vor der eigenen Pflegetätigkeit haben. Der Berufsstolz müsse als Eigenleistung verstanden werden. 🔺 ****Öffentliche Selbstdarstellung als Berufsstolz-Faktor** Es sei notwendig für den Berufsstolz, dass Pflegefachpersonen positiver über ihre Tätigkeit sprechen, um die Wertigkeit und Besonderheiten des Pflegefachberufs aufzuzeigen. Diese eigene positive Haltung zum Beruf müsse öffentlich kommuniziert werden. 🔺 ****Externe Anerkennung als Berufsstolz-Faktor** Es liegen unterschiedliche Vorstellungen zur Relevanz der externen Anerkennung auf das Berufsstolz-Empfinden vor. Beispielweise sind vier Interviewte der Meinung, dass der Berufsstolz eng mit der öffentlichen Anerkennung verknüpft sei oder diesen zumindest beeinflussen könne. Neben der öffentlichen Anerkennung spielen auch weitere Formen der externen Anerkennung (z. B. Wertschätzung durch die Ärzteschaft, Arbeitgeber:innen, Pflegekund:innen) beim Berufsstolz eine Rolle. 🔺 ****Arbeitsbedingungen als Berufsstolz-Faktor** Als förderlicher Faktor für den Berufsstolz gelten gute Arbeitsbedingungen. Die arbeitsbezogenen Rahmenbedingungen würden eng mit dem Berufsstolz zusammenhängen. So werde der Berufsstolz von den aktuell vorliegenden, herausfordernden Arbeitsbedingungen (z. B. Zeitdruck, fehlende Zuständigkeitsbereiche) negativ beeinflusst. 🔺 ****Identifikation mit dem Beruf als Berufsstolz-Faktor** Die Identifikation mit dem Beruf ist als beeinflussender Faktor für den Berufsstolz benannt worden. Sich mit der Berufsbezeichnung zu identifizieren, sei relevant, um Stolz auf diese verspüren zu können. Ferner gelte es als wichtig für den Berufsstolz, dass sich ausgebildete Berufsangehörige als Fachpersonen sehen und sich nicht selbst zu degradieren. Neben diesen Berufsstolz-Faktoren wurden auch die Gemeinsamkeiten (d.h. der gemeinsame Kern) der Aussagen der Interviewten näher untersucht. Bei dieser Analyse sind mögliche Berufsstolz-Quellen identifiziert worden, die einen Einfluss auf den jeweiligen Berufsstolz-Faktor nehmen. Je nachdem welche Berufsstolz-Quelle vorliegt, kann dies einen förderlichen oder hinderlichen Einfluss auf den Berufsstolz-Faktor darstellen. Aus den Interviews geht hervor, dass beispielsweise der Berufsstolz-Faktor „Pflegefachlichkeit” auf dem Erwerb und Aufbau der pflegefachlichen Kompetenz basiert, welche z. B. durch die eine berufliche Spezialisierung (Berufsstolz-Quelle) positiv gestärkt wird. Ein weiterer Berufsstolz-Faktor umfasst die Pflege-Werte, welche im Sinne einer guten Pflegepraxis umgesetzt werden sollten. Die identifizierten Berufsstolz-Quellen umfassen individuelle Wertvorstellungen, wie z. B. Freude, Nächstenliebe oder Sinnhaftigkeit (vgl. Abb. 2). ![](https://lh7-rt.googleusercontent.com/docsz/AD_4nXd_i_f4g0TBkqq1IFqb_pAuP9vHuNaZghdMr_bIn1ovEwpQuxOBeTiIGGOAvJaiEH2HaxfqbVB0nTkKFw232u3MiUenvKXbNC5LhKTWG-M5ahrbm05nswXzP8ijPddIZv0xIq1NX5tJ_9yD5cQzs1w?key=NXhCVm4S_WQW0TAxVlJb2QgT) **Abbildung 2: Darstellung der Berufsstolz-Quellen und Berufsstolz-Faktoren, eigene Darstellung* Basierend auf den Ergebnissen habe ich einen Definitionsansatz für das Phänomen abgeleitet: 💡 Der **„Berufsstolz in der Pflege”* ist ein komplexes, berufsbezogenes Stolz-Empfinden von deutschen Pflegefachpersonen. Es beruht auf der ****positiven Selbstbewertung des eigenen pflegefachlichen Tuns**. Dabei stellt der Berufsstolz eine ****individuelle Eigenleistung** dar, bei welcher die eigene professionelle Pflegetätigkeit positiv bewertet werden muss, um Stolz auf diese empfinden zu können. Primär speist sich der „Berufsstolz in der Pflege” aus unterschiedlichen Berufsstolz-Faktoren. Die einzelnen Berufsstolz-Faktoren werden von der Ausprägung der jeweiligen Berufsstolz-Quellen beeinflusst. So ist ein Zusammenspiel von positiven Berufsstolz-Quellen und Berufsstolz-Faktoren notwendig, um den „Berufsstolz in der Pflege” als deutsche Pflegefachkraft zu entwickeln. Es handelt sich um einen kontinuierlichen Prozess, der stets im Wechselspiel zwischen den Berufsstolz-Faktoren und dem Berufsstolz-Empfinden steht. ## Was bedeuten die Erkenntnisse für die Pflegepraxis? Mithilfe meiner Studie konnten erste Tendenzen zu den berufsgruppenrelevanten Vorstellungen zum „Berufsstolz in der Pflege” aufgedeckt werden. Das Phänomen wurde so weit eingegrenzt, dass mögliche Berufsstolz-Faktoren mit Berufsstolz-Quellen abgeleitet werden konnten. Um zukünftig eine einheitliche Definition zum Phänomen zu haben, ist allerdings weitere Forschung notwendig. Es sollten die einzelnen Berufsstolz-Faktoren sowie deren Quellen näher beleuchtet werden, um herauszufinden, welche Quellen tatsächlich relevant sind. So könnten im nächsten Schritt praktische Handlungsempfehlungen (z. B konkrete Fortbildungsinhalte zur Stärkung der Berufsstolz-Faktoren) entwickelt werden, um Pflegefachpersonen länger im Pflegeberuf halten zu können. Professionell durchgeführte Pflegetätigkeiten sind hochkomplexe Dienstleistungen am Menschen, auf die eine Pflegefachperson stolz sein sollte. Sie sollten öffentlich über ihre Stolzmomente sprechen und vor ihrer pflegerischen Tätigkeit eine hohe Selbstachtung haben. Es ist unumgänglich, dass professionell Pflegende im ersten Schritt ihre Pflegefachlichkeit selbst anerkennen, um ihre pflegerische Performanz sichtbar nach außen zu tragen. Um Berufsstolz empfinden zu können, muss man sich selbst darüber im Klaren sein, was einem im Pflegefachberuf wichtig ist und welche pflegerischen Erfolge man erzielen möchte. Dies ist eine Aufgabe, welche jede Pflegefachperson selbst übernehmen muss. Für mich und die meisten meiner Befragten ist die Bewusstwerdung sowie der stetige Aufbau eines Berufsstolz-Empfindens eine Eigenleistung. Diese kann nur begrenzt von einer übergeordneten Stelle (d. h. Arbeitgeber:innen, Politiker:innen) unterstützt werden. Seitdem ich mich mit dem Phänomen beschäftige, habe ich mich auch bewusst mit meinem Stolzmomenten und meinen Vorstellungen zum Berufsstolz auseinandergesetzt. Da der Berufsstolz ein Gefühl ist, sind die jeweiligen Quellen sehr individuell zu sehen. Die Profession Pflege hat ihre eigene Fachlichkeit, ihren eigenen Fachbereich und ihre eigenen Kompetenzen. Um den eigenen „Berufsstolz der Pflege“ darzustellen, muss keine andere Berufsgruppe degradiert werden. Auch ist es nicht notwendig, zwischen den Versorgungssettings zu unterscheiden. Ich vermute, dass jedes Pflegesetting eigene Berufsstolz-Quellen hat, an denen sich die Pflegefachpersonen bedienen können, um ihren Berufsstolz zu fördern. Ich muss mir als Pflegefachperson bewusst werden, welche Besonderheiten der Pflegefachberuf mit sich bringt und welche hochprofessionellen und lebensnotwendigen Tätigkeiten am oder mit dem Menschen durchführt werden. Ich muss mir selbst jedes Mal an die Nase fassen und mich ermahnen, nicht in den Jammermodus zurückzufallen. Ich musste selbst lernen, mir meine Stolzmomente bewusst zu suchen und herausfinden, wie ich das gegenüber fachfremden Personen kommuniziere. Es ist ein Bewusstsein zu schaffen, welches man nicht über Nacht erlernt. Das ist eine lebenslange Lernaufgabe, die bereits in der Pflegeausbildung verankert werden sollte: > *Worauf bist du stolz im Pflegefachberuf?* > *Wie kommunizierst du über deinen Beruf?* > *Welches berufliche Standing hast du?* Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen, ob das Wording „Berufsstolz” im Fachbereich Pflege passend ist. Manche Personen verbinden den Begriff „Stolz sein” mit negativen Persönlichkeitseigenschaften wie „Arroganz” oder „Angeberei”. Auch müssen geschichtliche Hintergründe bedacht werden, bspw. der negativ geprägte „Nationalstolz”, welcher mit dem Nationalsozialismus sowie Rechtsextremismus verknüpft werden kann. Zudem spielt auch die Pflegegeschichte von Deutschland eine Rolle. Der caritative Ursprung von Pflege kann hinderlich auf den Begriff „Stolz sein” wirken. Zumal geschichtlich gesehen, eine dienende, aufopfernder Haltung als (Kranken-)Ordensschwester im Sinne der Nächstenliebe einzunehmen war. Betrachtet man jedoch die Definition von dem Begriff „Stolz”, geht es hierbei um eine persönliche Zielerreichung und individuelle Wertvorstellungen. Für die Zielerreichung im Fachbereich Pflege sind Kompetenzen notwendig. Auf diese erworbenen Kompetenzen kann eine Pflegefachperson stolz sein, ohne dabei arrogant zu wirken. Das Pflegeimage ist im Wandel. Mittlerweile wird Abstand von der Berufsbezeichnung „Krankenschwestern” genommen und der caritative Ursprung verliert mehr und mehr an Bedeutung. ## Daher ist mein Apell: Sei dir als Pflegefachperson deinen Berufsstolz-Quellen bewusst, erlebe Stolzmomente und sprich darüber. ### Meine komplette Studie wurde bereits veröffentlicht: *Adlhoch, L. (2024):* [*Berufsstolz in der Pflege*](https://www.zeitschrift-pflegewissenschaft.de/?ref=uebergabe.de)*. Eine empirische Analyse zum Phänomen des Stolz-Erlebens aus Sicht von deutschen Pflegefachpersonen. Pflegewissenschaft 26 (5). S. 237-243.* Außerdem habe ich praxisnahe Empfehlungen erarbeitet, damit Pflegefachpersonen sich bewusst mit Stolzmomente in ihrem Pflegefachberuf auseinandersetzen können und diese erlebbar machen: *Adlhoch, L. (2024):* [*Stolzmomente in der professionellen Pflege*](https://econtent.hogrefe.com/doi/abs/10.1024/1861-6186/a000830?journalCode=pad&ref=uebergabe.de)*. Stolz im Pflegealltag bewusst erleben und sichtbar machen. PADUA 19 (5). S. 257—262.* ### Standardisierte Fachsprache in der Pflege (Aldair Mateus) URL: https://www.uebergabe.de/ug159/ Last updated: 2026-06-13T12:42:29.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 04.01.2025 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegefachsprache macht pflegerische Leistungen sichtbar und stärkt die Pflege als Profession. - Standards wie NANDA, NIC, NOC schaffen Klarheit und Versorgungsqualität. - In Deutschland bremsen fehlende Ressourcen und praxisferne Ausbildung die Umsetzung. - SNOMED CT vereinheitlicht Begriffe und verbessert die interprofessionelle Zusammenarbeit. - Du brauchst politischen Willen für eine flächendeckende Umsetzung. ## Sprache als Brücke im Pflegealltag Sprache ist das Herzstück der Kommunikation. In der Pflege hat sie jedoch eine zusätzliche Dimension: Sie dient nicht nur dem Austausch, sondern bildet auch die Grundlage professioneller Handlungen. Pflegefachsprache, insbesondere standardisierte Fachsprachen wie [NANDA](https://www.recom.eu/klassifikationen/nanda-international.html?ref=uebergabe.de), [NIC](https://www.hogrefe.com/de/shop/pflegeinterventionsklassifikation-nic-95898.html?ref=uebergabe.de), [NOC](https://www.seidel-millinger.de/shop/item/9783456851662/pflegeergebnisklassifikation-noc-von-sue-moorhead-marion-johnson-meridean-l-maas-u-a-gebundenes-buch?ref=uebergabe.de) und das [OMAHA-System](https://www.omahasystem.org/?ref=uebergabe.de), schafft Klarheit, macht pflegerische Leistungen sichtbar und fördert die Qualität der Versorgung. Aber warum ist diese Entwicklung so entscheidend? > *„Sprache schafft soziale Wirklichkeit. Pflegefachsprache beschreibt, was Pflege ist.“ - Aldair Mateus* ### Warum Pflegefachsprache? Pflegefachpersonen stehen vor der Herausforderung, komplexe Bedürfnisse von Patient:innen zu erfassen und zu dokumentieren. Standardisierte Pflegefachsprachen helfen, pflegerische Diagnosen, Interventionen und Ergebnisse präzise und einheitlich zu beschreiben. Dies hat mehrere Vorteile: - **Transparenz:** Klare Begrifflichkeiten vermeiden Missverständnisse und fördern die Kommunikation innerhalb von Teams. - **Qualitätssteigerung:** Pflegeprozesse werden nachvollziehbarer, was zu besseren Ergebnissen für Patient:innen führt. - **Professionalisierung:** Eine einheitliche Fachsprache stärkt das Selbstverständnis der Pflege als eigenständige Profession. ### Die Rolle standardisierter Fachsprachen Die international anerkannten Pflegeklassifikationen – NANDA für Diagnosen, NIC für Interventionen und NOC für Ergebnisse – haben sich als zentral erwiesen. Sie ermöglichen es, pflegerische Phänomene systematisch zu erfassen und zu bewerten. Die Schweiz zeigt, wie diese Systeme erfolgreich in die Praxis integriert werden können. Dort sind sie oft sogar gesetzlich verankert. > *„Standardisierte Begriffe helfen dabei, klar zu formulieren, was Sache ist.“ - Aldair Mateus* ### Hürden auf dem Weg zur Implementierung Obwohl die Vorteile klar sind, stehen der Einführung von Pflegefachsprachen in Deutschland viele Barrieren im Weg: - **Fehlende Ressourcen:** Die Schulung von Pflegefachpersonen und die Anpassung von Dokumentationssystemen sind kosten- und zeitintensiv. - **Praxisferne Ausbildung:** Pflegefachsprachen werden oft nicht ausreichend in der Ausbildung verankert. - **Interprofessionelle Kommunikation:** Fachsprachen müssen nicht nur innerhalb der Pflege, sondern auch zwischen verschiedenen Berufsgruppen verständlich sein. ### Interprofessionelle Zusammenarbeit: Eine gemeinsame Sprache finden Eine der größten Herausforderungen in der Pflege ist die interprofessionelle Zusammenarbeit. Unterschiedliche Berufsgruppen wie Ärzt:innen, Therapeut:innen oder Pflegefachpersonen arbeiten mit eigenen Fachsprachen, die oft nicht deckungsgleich sind. Pflegefachsprache kann hier als Brücke dienen. Sie ermöglicht es, die spezifischen Bedürfnisse von Patient:innen klar und standardisiert zu kommunizieren, ohne wichtige Details zu verlieren. > *"Die größte Herausforderung in der interprofessionellen Zusammenarbeit ist nicht die fachliche Expertise, sondern die Sprache – wie wir kommunizieren, wie wir verstanden werden und wie wir Verständnis schaffen." - Aldair Mateus* Ein Beispiel hierfür ist die [SNOMED CT](https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Terminologien/SNOMED-CT/%5Fnode.html?ref=uebergabe.de), eine systematische Nomenklatur, die Begriffe aus verschiedenen Fachsprachen übersetzt und vereinheitlicht. So wird sichergestellt, dass alle Beteiligten – unabhängig von ihrer Profession – dieselben Informationen verstehen. Solche Ansätze fördern nicht nur die Qualität der Versorgung, sondern reduzieren auch Fehler durch Missverständnisse. Sie stärken die Zusammenarbeit und schaffen eine gemeinsame Basis für das Ziel: die bestmögliche Versorgung der Patient:innen. ## Abonniere unseren Newsletter! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Forschung und Praxis: Ein Zusammenspiel Forschung zeigt, dass Pflegefachsprachen helfen können, Versorgungsethik und Sicherheit zu verbessern. Sie ermöglichen es, Daten systematisch auszuwerten und Erkenntnisse zu gewinnen, die sowohl die Praxis als auch die Politik beeinflussen. Doch es braucht mehr empirische Studien, um die konkreten Vorteile und Herausforderungen zu evaluieren. ### Eine Vision für die Zukunft Pflegefachsprache ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug, das Pflege als eigenständige Profession sichtbar macht. Mit klaren Begriffen können Pflegefachpersonen ihre Arbeit besser kommunizieren und sich in Verhandlungen, z. B. mit Kostenträgern, stärker positionieren. Dies erfordert jedoch eine flächendeckende Umsetzung, die nicht ohne politischen und finanziellen Willen möglich ist. ## Fazit: Pflegefachsprache als unverzichtbarer Baustein Die Einführung und Etablierung einer Pflegefachsprache ist ein wichtiger Schritt, um die Pflege zukunftssicher zu machen. Sie bietet nicht nur Vorteile für die Professionalisierung, sondern auch für die Qualität der Versorgung und die interprofessionelle Zusammenarbeit. Es ist Zeit, dieses Potenzial zu nutzen und die Pflege als eigenständige Profession weiterzuentwickeln. ## Unsere weiteren Inhalte zum Thema: [Vorbehaltsaufgaben in der Pflege: Podcast mit Frank Weidner🎙️ In unserer neuen Folge sprechen wir mit Prof. Dr. Frank Weidner über die Vorbehaltsaufgaben in der Pflege und die Herausforderungen bei der Umsetzung. Ihr erfahrt mehr über die durchgeführte VAPiK-Studie und erhaltet Empfehlungen zur Umsetzung in der Praxis.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-31.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Uebergabe_Episoden_Cover.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug145/) --- ## Veranstaltungen und Aufrufe 💡 Am Freitag, den 14\. Februar 2025 findet der ****27\. Netzwerk-Workshop des DNQP zum Expertenstandard „Kontinenzförderung in der Pflege“** in Osnabrück statt. Der Expertenstandard wurde im April aktualisiert und um das Thema der Stuhlinkontinenz erweitert. Die Programmbroschüre, weitere Informationen zur Veranstaltung sowie die Möglichkeit der Anmeldung finden Sie auf der [DNQP-Website.](https://www.dnqp.de/27-netzwerk-workshop/?ref=uebergabe.de) ## Jobs 💼 ****Advanced Practice Nurse** im Projekt [****PATIENCE**](https://www.fh-muenster.de/de/mdh/forschung/patience?ref=uebergabe.de) Das BMBF-Projekt ****PATIENCE - Partizipatives Forschungs- und Entwicklungsprojekt zur Entwicklung, Implementierung und Evaluation einer Advanced Practice Nurse für alterstraumatologische Patient:innen**, das in einer Kooperation zwischen der FH Münster, der EvH Bochum, den BG Kliniken und dem Universitätsklinikum Bergmannsheil Bochum durchgeführt wird, zielt darauf ab ein Rollen- und Aufgabenprofil für eine Advanced Practice Nurse partizpativ zu entwickeln, zu erproben und hinsichtlich seiner Tragfähigkeit zu evaluieren. 👉 [Informationen zur Stellenanzeige](https://karriere.fh-muenster.de/jobposting/9a032bda233b2d3d5b4a7715568c2df3855ec5d30?ref=uebergabe.de) --- ## Neues aus der Übergabe-Community - [Kontakt zur Aldair](https://community.uebergabe.de/u/aldair/summary?ref=uebergabe.de) - [Freiheitsentziehende Maßnahmen](https://community.uebergabe.de/t/freiheitsentziehende-massnahmen/?ref=uebergabe.de) - [Sammlung der Studiengänge aus unserer Community](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/?ref=uebergabe.de) - [Der große “ich stelle mich vor” Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/?ref=uebergabe.de) - [Qualifikationsarbeiten in unserem Podcast!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/GO-UcOMitA0AAAAC/rainbow-spongebob.gif) ## Zum Weiterhören - [ÜG052 – Sprachkompetenz in der Pflege (Vivienne Thomas)](https://www.uebergabe.de/ug052/) - [ÜG096 – Digitalisierung in der Pflege (Stephanie Raudies & Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler)](https://www.uebergabe.de/ug096/) - [ÜG171 – Interdisziplinäre Zusammenarbeit (Dr. Bernadette Klapper & Prof. Dr. Lutz Hager)](https://www.uebergabe.de/ug171/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Reupload: Akademisierung in der Pflege, Ausbildung & Professionalisierung - (Prof. Dr. B. Kühme) URL: https://www.uebergabe.de/reup1/ Last updated: 2025-01-22T18:42:53.000Z ## Pflege neu gedacht: Die Akademisierung als Zukunftsweg Die Pflege steht vor einem Paradigmenwechsel. Themen wie Akademisierung, Professionalisierung und wissenschaftliche Reflexion erobern zunehmend das Zentrum der Diskussion. Doch was bedeutet [Akademisierung](https://www.uebergabe.de/tag/akademisierung/) für die Pflege? Welche Chancen, aber auch Herausforderungen, birgt dieser Wandel? ## Akademisierung: Was bedeutet das konkret? Akademisierung bezeichnet die Integration wissenschaftlicher Ansätze und Reflexionen in die Pflegeausbildung. Im Fokus steht dabei, Handlungen auf Basis von evidenzbasiertem Wissen zu gestalten, statt allein auf Traditionen oder Intuition zu vertrauen. Pflege wird somit zu einer [praxiswissenschaftlichen Disziplin, die Theorie und Praxis verbindet.](https://www.uebergabe.de/ug005/) Früher stand oft die Frage im Raum, ob wissenschaftliche Ausbildung Überhaupt notwendig sei. Doch mittlerweile zeigt sich klar: Akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen tragen wesentlich dazu bei, die Qualität der Versorgung zu verbessern. Studien wie die von [Linda Aiken](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4035380/?ref=uebergabe.de) belegen, dass mehr Pflegepersonen mit Bachelorabschluss auf Station die Mortalität der Patient:innen senken können. ### Warum brauchen wir akademische Pflegefachpersonen? Die steigende Komplexität der Gesundheitsversorgung erfordert neue Kompetenzen. Chronische Erkrankungen, Multimorbidität und hochkomplexe medizinische Behandlungen stellen neue Anforderungen an die Pflege. Akademisierte Pflegefachpersonen können hier Lösungen anbieten, da sie Prozesse kritisch hinterfragen, wissenschaftlich reflektieren und methodisch planen können. Ein gutes Beispiel ist die Anwendung von [Expertenstandards](https://www.uebergabe.de/ug019/). Akademisch geschulte Fachpersonen können nicht nur Standards kennen, sondern diese auch implementieren, auditieren und an die spezifischen Bedürfnisse ihrer Einrichtung anpassen. Diese Kompetenzen sind im aktuellen Gesundheitssystem unverzichtbar. > "Pflege ist ein Praxisberuf, aber das wissenschaftliche Nachdenken über Handlungen ist der Schlüssel zu besserer Versorgung." > *Prof. Dr. Benjamin Kühme* ### Vom Widerstand zur Akzeptanz: Die Praxis im Wandel Noch immer begegnet die Akademisierung in der Praxis teils Vorbehalten. Viele Pflegepraktiker:innen fühlen sich in ihrer bisherigen Kompetenz angezweifelt. Dies führt zu Konflikten zwischen Berufserfahrung und akademischem Wissen. Doch erste Studien zeigen, dass sich diese Vorurteile mit der Zeit abbauen, sobald die Zusammenarbeit von erfahrenen Fachpersonen und akademischen Absolvent:innen eingespielt ist. Hier können sogenannte Tandem-Modelle helfen: Teams aus erfahrenen Praktiker:innen und akademisch geschulten Pflegefachpersonen kombinieren Erfahrungswissen mit wissenschaftlichem Know-how. So entstehen innovative Lösungen und eine stärkere Akzeptanz neuer Rollenbilder. ### Berufsübergreifende Zusammenarbeit: Ein Schlüssel zur Integration Neben der internen Zusammenarbeit müssen akademisierte Pflegefachpersonen auch über die eigenen Berufsgrenzen hinausdenken. Beispielsweise erfordert die Optimierung von Patientenströmen ein tiefes Verständnis für organisatorische und interdisziplinäre Prozesse. Hier liegt ein weiteres Potenzial: Pflege kann eine koordinierende Rolle übernehmen und Versorgungsbrüche verhindern. Ein praktisches Beispiel liefert die Entwicklung des Entlassungsmanagements. Hier kann Pflege durch fundierte Prozesskenntnisse sicherstellen, dass Patient:innen optimal vom Krankenhaus in die Langzeitpflege oder den ambulanten Bereich wechseln. Fehler und Versorgungsunterbrechungen, die oft zu gesundheitlichen Verschlechterungen führen, können so vermieden werden. ### Pflegeausbildung und -weiterbildung: Vielfalt statt Einheitsbrei Die Akademisierung bedeutet keinesfalls das Ende der klassischen Pflegeausbildung. Vielmehr geht es um eine sinnvolle Verschränkung beider Bildungswege. Berufsfachschulen leisten weiterhin wertvolle Arbeit und sorgen dafür, dass die Basisversorgung gesichert bleibt. Hochschulen hingegen bereiten auf spezialisierte und strategische Aufgaben vor. Eine besondere Rolle spielen hierbei duale [Studiengänge](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34/10?ref=uebergabe.de), die Theorie und Praxis verbinden. Diese Programme ermöglichen es Studierenden, sich akademisch zu qualifizieren und gleichzeitig praktische Erfahrung zu sammeln. Zukünftig sollten zudem Programme entwickelt werden, die erfahrenen Pflegepersonen den Einstieg in die [Akademisierung](https://www.uebergabe.de/akademisierung-in-der-pflege/) erleichtern. Dazu gehören Anschlussprogramme und die Anerkennung beruflicher Kompetenzen. ### Langzeitpflege und neue Versorgungsformen: Akademisierung als Motor Während die Akademisierung in der Akutpflege schneller voranschreitet, gibt es in der [Langzeitpflege](https://www.uebergabe.de/ug125/) noch Nachholbedarf. Doch gerade hier können akademisierte Pflegefachpersonen einen entscheidenden Unterschied machen. Sie können beispielsweise Konzepte wie das Case-Management entwickeln und umsetzen, um Pflegeprozesse zu optimieren und Krankenhauseinweisungen zu reduzieren. Darüber hinaus gewinnen [Community Health Nurses (CHNs)](https://www.uebergabe.de/tag/community-health-nursing/) an Bedeutung. Diese Fachpersonen agieren in der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung und helfen, die Gesundheitsversorgung in der Gemeinschaft zu stärken. Sie sind ein Beispiel dafür, wie Akademisierung auch neue Berufsprofile schaffen kann. ### Herausforderungen und Chancen für die Zukunft Die Akademisierung der Pflege ist kein Selbstzweck. Sie dient dem Ziel, die Versorgungsqualität zu steigern und die Pflege als Berufsfeld attraktiver zu machen. Dabei ist es entscheidend, alle Beteiligten einzubinden. Pflegefachpersonen mit unterschiedlichen Hintergründen können voneinander lernen und gemeinsam neue Lösungen entwickeln. Eine zentrale Aufgabe bleibt es, die Rolle der akademisierten Pflegepersonen klar zu definieren. Nur so kann die Akzeptanz in der Praxis weiter gesteigert werden. Einrichtungen sollten gezielt Programme entwickeln, um das Potenzial ihrer Mitarbeiter:innen zu fördern. ### Fazit Die Akademisierung der Pflege bietet enorme Chancen, birgt aber auch Herausforderungen. Sie eröffnet neue Perspektiven, macht den Beruf attraktiver und verbessert die Versorgung der Patient:innen. Entscheidend ist, dass alle Akteure den Wandel gemeinsam gestalten und voneinander profitieren. #### Shownotes - [Interprofessionelles Lernen](https://www.bosch-stiftung.de/de/projekt/operation-team-interprofessionelles-lernen?ref=uebergabe.de) (Robert Bosch Stiftung) - [Weiterbildung Tutor:in Pflege](https://www.uni-wh.de/detailseiten/news/weiterbildung-zur-tutorin-oder-zum-tutor-pflege-7268/?ref=uebergabe.de) (Uni Witten/Herdecke) - [360° Qualifikationsmix für Patient:innen](https://www.bosch-stiftung.de/de/projekt/360deg-pflege-qualifikationsmix-fuer-den-patienten?ref=uebergabe.de) (Robert Bosch Stiftung) - [Interprofessionelle Ausbildungsstation](https://www.umm.uni-heidelberg.de/studium/lehrentwicklung-und-lehrforschung/interprofessionelles-lernen/mia/?ref=uebergabe.de) (Uni Heidelberg) - [Arbeitsfelder akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen](https://deutscher-pflegerat.de/Fachinformationen/2015-04-17-DGP-Papier%5Ffinal.pdf?ref=uebergabe.de) (Deutscher Pflegerat) - [Kompetenzmodell für Pflegeberufe in Österreich](https://www.oegkv.at/fileadmin/user%5Fupload/Diverses/OEGKV%5FHandbuch%5FAbgabeversion.pdf?ref=uebergabe.de) (Österreichischer Gesundheits- und Krankenpflegeverband) - [Empfehlungen zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen](https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2411-12.pdf?ref=uebergabe.de) (Wissenschaftsrat) - [Survey zum Stand der akademischen Ausbildung in Deutschland](https://www.uebergabe.de/content/files/de/pdf/mitgliederbereich/tannen%5Fet%5Fal%5Fkopie.pdf) (Elsevier / VPU) - [Handlungsfelder akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen](https://www.uebergabe.de/content/files/de/pdf/presse/2015-05-29%5Fabschlussbericht.pdf) (VPU, aktuellere Version als Broschüre erhältlich) #### Studien zur Mortalität - [Aiken, L. H., et al. (2014): Nurse staffing and education and hospital mortality in nine European countries: a retrospective observational study](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4035380/?ref=uebergabe.de) (NCBI) - [Aiken, L. H., et al. (2003): Educational Levels of Hospital Nurses and Surgical Patient Mortality](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3077115/?ref=uebergabe.de) (NCBI) - [Palese, A. et al. (2014): Bologna Process, More or Less: Nursing Education in the European Economic Area: A Discussion Paper](https://www.degruyter.com/view/j/ijnes.2014.11.issue-1/ijnes-2013-0022/ijnes-2013-0022.xml?ref=uebergabe.de) (International Journal of Nursing Education Scholarship) ### Lebensphasengerechte Personalentwicklung (Katja Pein & Dr.In Lena Marie Wirth) URL: https://www.uebergabe.de/ug157/ Last updated: 2026-06-13T23:27:28.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 21.12.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das LPP-Projekt passt Pflegeorganisationen an individuelle Lebenssituationen der Pflegefachpersonen an. - Pflegelaufbahnen verlaufen heterogen in Minizyklen von drei bis fünf Jahren. - Flexible Arbeitszeitmodelle und Teamorientierung steigern Zufriedenheit und Attraktivität des Berufs. - Politische Unterstützung für Weiterbildung und deren Refinanzierung wird gefordert. - Praxisprodukte wie Metro-Karte, Erklärfilme und Handreichungen unterstützen Organisationen. ### Lebensphasengerechte Personalplanung in der Pflege: Wie neue Konzepte die Zukunft gestalten Die Arbeitswelt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel und gerade in der Pflege sind innovative Ansätze gefragt, um den Beruf attraktiver und zukunftsfähig zu gestalten. Ein Forschungsprojekt mit dem Titel [„Lebensphasengerechte Personalentwicklung mit abgestimmten Qualifikations- und Tätigkeitsprofilen und Berufslaufbahn“ (kurz: LPP)](https://www.bibb.de/de/184983.php?ref=uebergabe.de) liefert spannende Einblicke in die Möglichkeiten, Pflegeorganisationen besser an die Lebenssituationen von Pflegefachpersonen anzupassen. Das Projekt wird im Auftrag des [Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)](https://www.bibb.de/de/index.php?ref=uebergabe.de) durchgeführt und Katja Pein und Dr.In Lena Marie Wirth geben Einblicke in dieses Forschungsprojekt. ### Ein Projekt mit Weitblick: Lebenssituationen im Fokus Pflegefachpersonen haben oft unterschiedliche Anforderungen und Bedürfnisse, die sich im Laufe ihres Berufslebens ändern. Hier setzt das LPP-Projekt an, indem es die Wechselwirkungen zwischen individuellen Lebenssituationen und organisationalen Rahmenbedingungen untersucht. Dabei wird bewusst der Begriff „Lebenssituation“ statt „Lebensphase“ verwendet, um der Vielfalt und Dynamik gerecht zu werden, die nicht linear verläuft. Ein zentrales Ziel des Projekts ist es, Konzepte zu entwickeln, die sowohl die berufliche Entwicklung als auch die Zufriedenheit der Mitarbeitenden fördern. Dazu gehört unter anderem die Erstellung einer „Metro-Karte“, die exemplarisch verschiedene Laufbahnen in der Pflege visualisiert, sowie praxisnahe Handreichungen für Organisationen. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/12/0f2f79cc-f7eb-4188-937f-e1a6eddcab0c.webp) ### Daten und Methoden: Ein umfassender Ansatz Die Erkenntnisse des Projekts basieren auf einem Mixed-Methods-Ansatz, der Literaturrecherchen, Fokusgruppen, Interviews und Sekundärdatenanalysen u.a. von Daten des [sozio-ökonomischen Panels (SOEP)](https://www.diw.de/de/diw%5F01.c.412809.de/sozio-oekonomisches%5Fpanel%5F%5Fsoep.html?ref=uebergabe.de) umfasst. 1. **Literaturrecherche:** Die Grundlage bildeten umfangreiche Analysen bestehender Studien. 2. **Fokusgruppen:** Pflegefachpersonen aus unterschiedlichen Sektoren wurden einbezogen, um Perspektiven aus der Praxis zu erhalten. 3. **Fallstudien:** Organisationen wurden detailliert untersucht, um Herausforderungen und Best Practices zu identifizieren. 4. **Expert:inneninterviews:** Um die Ergebnisse zu validieren, wurden Gespräche mit Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis geführt. Dieser iterative Prozess ermöglichte es, sowohl individuelle als auch organisationale Perspektiven zu berücksichtigen. ### Ergebnisse: Vielfalt und Flexibilität als Schlüssel #### Heterogene Laufbahnen Eines der zentralen Ergebnisse ist die Heterogenität der Laufbahnen in der Pflege. Berufliche Entwicklungen verlaufen oft in „Minizyklen“ von drei bis fünf Jahren, in denen sich Schwerpunkte und Arbeitsumfänge ändern. Diese Dynamik bietet Organisationen die Chance, individuelle Stärken gezielt zu fördern. #### Lebenssituationen statt Lebensphasen Anstelle starrer Lebensphasen liegt der Fokus auf individuellen Lebenssituationen wie der Übernahme von Führungsverantwortung, Krankheit oder Sorgeverpflichtungen. Solche Situationen erfordern flexible Arbeitszeit- und Aufgabenmodelle, um die Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden zu sichern. #### Die Rolle von Teams und Führung Teams spielen eine entscheidende Rolle bei der beruflichen Entwicklung. Sie können als Push-Faktor fungieren, aber auch hinderlich sein. Ebenso wichtig ist die Unterstützung durch Führungskräfte, die bei der Vereinbarkeit von Beruf und individuellen Bedürfnissen eine zentrale Rolle spielen. ### Herausforderungen und Lösungsansätze #### Zeit und Ressourcen Einer der größten Stolpersteine ist die begrenzte Zeit für Weiterbildungen und die Refinanzierung entsprechender Maßnahmen. Hier braucht es politische Unterstützung und tarifliche Regelungen, die solche Entwicklungen fördern. #### Arbeitszeitflexibilisierung Arbeitszeitmodelle müssen flexibler werden, um den Anforderungen unterschiedlicher Lebenssituationen gerecht zu werden. Dies erfordert innovative Ansätze, die sowohl auf individuelle Bedürfnisse eingehen als auch die Teamarbeit stärken. #### Weiterbildung und Entwicklung Pflegefachpersonen wünschen sich oft mehr Fortbildungsmöglichkeiten, die nicht nur Pflichtveranstaltungen abdecken, sondern auch ihre Neugier und Interessen ansprechen. Organisationen sollten daher Bedarfe systematisch ermitteln und Mitarbeitenden die Möglichkeit geben, ihre Ideen aktiv einzubringen. ### Forderungen und Visionen Basierend auf den Projektergebnissen werden mehrere Forderungen formuliert: - **Politische Unterstützung:** Refinanzierung von Weiterbildungen und Schaffung flexibler Arbeitszeitmodelle. - **Akademisierung und Generalistik:** Diese Entwicklungen haben sich als wichtige Motoren für Veränderungen in der Pflege erwiesen und sollten weitergeführt werden. - **Kultureller Wandel:** Organisationen sollten eine Kultur des lebenslangen Lernens und der Offenheit fördern, um langfristig als attraktive Arbeitgeber zu bestehen. ### Produkte für die Praxis Um die Ergebnisse in die Praxis zu tragen, entwickelt das Projekt verschiedene kostenfreie Produkte: - **Metro-Karte:** Visualisierung von Laufbahnen in der Pflege. - **Erklärfilme:** Kurze Videos, die wichtige Erkenntnisse auf anschauliche Weise darstellen. - **Handreichungen:** Leitfäden für Organisationen, die praxisnahe Impulse zur Personalplanung bieten. - **Steckbriefe:** Exemplarische Laufbahnen, die die Vielfalt und Dynamik in der Pflege verdeutlichen. ### Fazit: Eine Zukunft mit Perspektive Das LPP-Projekt zeigt eindrucksvoll, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse von Pflegefachpersonen ernst zu nehmen und in die Personalplanung zu integrieren. Durch flexible Modelle, gezielte Weiterbildungsangebote und eine stärkere Teamorientierung können Organisationen nicht nur ihre Attraktivität steigern, sondern auch einen wesentlichen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten. Die Zukunft der Pflege liegt in einer offenen, flexiblen und partizipativen Arbeitskultur – und genau daran sollten wir gemeinsam arbeiten. ## Unsere weiteren Inhalte zum Thema: [ÜG118 - Live vom Forschungskongress des BIBBs - ÜbergabeForschungskongress “Bildung und Versorgung in der Pflege gemeinsam gestalten” vom Bundesinstitut für berufliche Bildung (BIBB)![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-29.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/uebergabe_cover.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug118/) [ÜG119 - Bildung und Forschung in der Pflege (Dr. Lena Dorin, Malte Falkenstern, Prof. Dr. Karin Reiber, Prof. Dr. Bernd Reuschenbach) - ÜbergabeBildung und Forschung in der Pflege gemeinsam gestalten aus der Perspektive des Bundesinstituts für berufliche Bildung und zwei Forschenden.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-30.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug119_02-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug119/) --- ## Veranstaltungen und Aufrufe 💡 Am Freitag, den 14\. Februar 2025 findet der ****27\. Netzwerk-Workshop des DNQP zum Expertenstandard „Kontinenzförderung in der Pflege“** in Osnabrück statt. Der Expertenstandard wurde im April aktualisiert und um das Thema der Stuhlinkontinenz erweitert. Die Programmbroschüre, weitere Informationen zur Veranstaltung sowie die Möglichkeit der Anmeldung finden Sie auf der [DNQP-Website.](https://www.dnqp.de/27-netzwerk-workshop/?ref=uebergabe.de) ## Jobs 💼 ****Advanced Practice Nurse** im Projekt [****PATIENCE**](https://www.fh-muenster.de/de/mdh/forschung/patience?ref=uebergabe.de) Das BMBF-Projekt ****PATIENCE - Partizipatives Forschungs- und Entwicklungsprojekt zur Entwicklung, Implementierung und Evaluation einer Advanced Practice Nurse für alterstraumatologische Patient:innen**, das in einer Kooperation zwischen der FH Münster, der EvH Bochum, den BG Kliniken und dem Universitätsklinikum Bergmannsheil Bochum durchgeführt wird, zielt darauf ab ein Rollen- und Aufgabenprofil für eine Advanced Practice Nurse partizpativ zu entwickeln, zu erproben und hinsichtlich seiner Tragfähigkeit zu evaluieren. 👉 [Informationen zur Stellenanzeige](https://karriere.fh-muenster.de/jobposting/9a032bda233b2d3d5b4a7715568c2df3855ec5d30?ref=uebergabe.de) --- ## Neues aus der Übergabe-Community - [Sammlung der Studiengänge aus unserer Community ](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34/2?ref=uebergabe.de) - [Der große “ich stelle mich vor” Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22?ref=uebergabe.de) - [Qualifikationsarbeiten in unserem Podcast!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/189?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/eLgs4XHTMG4AAAAC/merry-christmas-xmas.gif) ## Zum Weiterhören - [ÜG162 – Flexible Arbeitszeiten in der Langzeitpflege (Lena-Marie Wirth & Helmut Wallrafen)](https://www.uebergabe.de/ug162/) - [ÜG137 – 4-Tage-Woche in der Pflege (Henrik van Gellekom)](https://www.uebergabe.de/ug137/) - [ÜG169 – Frauen 50+ in der Pflege (Marie-Luise Gaßmann & Prof.in Dr.in Ruth Anna Weber)](https://www.uebergabe.de/ug169/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Dimensionen von Community Health Nursing URL: https://www.uebergabe.de/dimensionen-von-community-health-nursing-2/ Last updated: 2025-02-12T22:09:21.000Z 🗓️ #62 | 19.12.2024 ### Worum geht's? Community Health Nursing bezieht sich auf eine spezialisierte Pflegepraxis, die auf Gemeinde- und Bevölkerungsebene arbeitet. Es umfasst Public/Community Health Nursing (P/CHN), das sich auf bevölkerungsorientierte Prävention und Gesundheitsförderung konzentriert, sowie Community-based Nursing (CBN), das sich auf die individuelle und familienzentrierte Krankenversorgung fokussiert. Beide Dimensionen spielen eine zentrale Rolle in der Gesundheitsversorgung. ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war die inhaltliche Differenzierung der Dimensionen des Community Health Nursing (CHN) und die Explikation der damit verbundenen konzeptuellen Merkmale und Inhalte. Es sollte ein theoretischer und konzeptueller Diskurs vorangetrieben werden, um CHN im deutschsprachigen Raum besser zu etablieren. 💡 Community Health Nursing (CHN) hat seine Ursprünge im 19\. Jahrhundert, als die öffentliche Gesundheitsversorgung in urbanen und ländlichen Gebieten verstärkt organisiert wurde. Insbesondere Florence Nightingale legte mit ihren Reformen im Bereich Hygiene und Krankheitsprävention den Grundstein für das moderne Gesundheitswesen und betonte die Rolle der Pflege im öffentlichen Raum. Anfang des 20\. Jahrhunderts etablierten sich in den USA und Europa öffentliche Gesundheitsdienste, die auf Basis der Prinzipien der Prävention und Gesundheitsförderung arbeiteten. Pflegekräfte übernahmen hier eine zentrale Rolle, indem sie Hausbesuche machten, Impfkampagnen unterstützten und Bildung in Gesundheitsfragen vorantrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich CHN weiter, insbesondere durch die Integration in staatliche Gesundheitsprogramme. Länder wie Kanada, Großbritannien und die skandinavischen Staaten institutionalisierten diese Praxisform, die als Bindeglied zwischen dem Gesundheitssystem und der Bevölkerung dient. Heute umfasst CHN vielfältige Aufgaben, von der Prävention über die Betreuung chronisch Erkrankter bis zur Förderung gesundheitsförderlicher Lebensweisen in der Gemeinschaft. Die WHO hat diese Rolle in ihrer Strategie für "Primary Health Care" besonders hervorgehoben. _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegefachassistenzgesetz / Berufsordnung NRW / Landespflegerat Sachsen URL: https://www.uebergabe.de/pu088/ Last updated: 2026-06-13T23:27:35.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 14.12.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Pflegefachassistenzeinführungsgesetz droht an politischer Uneinigkeit zu scheitern, trotz früherem Konsens. - CDU/CSU und FDP kritisieren das Gesetz, SPD und Grüne drängen auf Verabschiedung. - DPR und DIVI fordern: Stillstand bei Pflegereformen ist keine Option. - NRW entwickelt erstmals eine Berufsordnung – beteilige dich bis 31.12.2024! - Sachsens Koalitionsvertrag bringt neue Pflegepolitik – Interview mit dem Sächsischen Pflegerat. 📎 Die letzte Folge vor der Weihnachtspause rollt auf euch zu! Wir blicken nach NRW, nach Sachsen und auch auf die Bundespolitik. Wie immer bleiben wir für alle wichtigen Themen am Ball. Ein neues Update erhaltet ihr dann im neuen Jahr. 😄 Viel Spaß mit der Folge! ## Zum Weiterhören - [PU100 – Pflegekompetenzgesetz / Pflegefachassistenzgesetz](https://www.uebergabe.de/pu100/) - [PU080 – Pflegefachassistenzausbildung / Reformpläne zur Pflegeversicherung](https://www.uebergabe.de/pu080/) - [PU095 – Berufsordnung NRW / Koalitionsvertrag / Tarifvertrag](https://www.uebergabe.de/pu095/) --- ## **Pflegefachassistenzeinführungsgesetz: Ein Gesetz zwischen Hoffnung und Hürden** Das Pflegefachassistenzeinführungsgesetz sorgt aktuell für hitzige Diskussionen im Bundestag. Eigentlich waren die Vorzeichen günstig: Vor dem Koalitionsbruch herrschte parteiübergreifender Konsens über die Notwendigkeit des Gesetzes. Doch inzwischen ist ein einfaches Durchwinken vom Tisch. **Die Kritikpunkte:** - Die **CDU/CSU** bemängelt die kurze Ausbildungsdauer von 18 Monaten und hat angekündigt, bei einer Rückkehr in die Regierungsverantwortung einen eigenen Gesetzesentwurf vorzulegen. - Auch die **FDP**, die dem Gesetz zunächst im Bundeskabinett zugestimmt hatte, sieht jetzt Änderungsbedarf und kann sich scheinbar nicht erinnern, jemals Teil einer Bundesregierung gewesen zu sein. **Die Befürworter:** **SPD und Grüne** drängen auf eine Verabschiedung des Gesetzes in dieser Legislaturperiode. Die Grünen-Politikerin Kordula Schulz-Asche unterstrich in ihrer Rede, dass eine bundeseinheitliche Regelung für die Pflegeassistenzausbildung dringend erforderlich sei — nicht zuletzt, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu sichern. **Die Stimmen aus der Pflege:** Auf dem Deutschen Pflegetag forderte DPR-Präsidentin Christine Vogler, den Reformprozess nicht durch politische Uneinigkeit zu blockieren. Gemeinsam mit DIVI-Vertreter Thomas van den Hooven machte sie in einer Pressekonferenz klar: „Stillstand ist keine Option!” Die Reformen — dazu gehören auch das Pflegekompetenzgesetz und das APN-Gesetz — seien unverzichtbar, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen und die Pflege zukunftssicher zu machen. > ***„Wir haben nicht die Zeit, alle Pflegegesetze neu zu schreiben!"*** DIVI und DPR [Deutscher Pflegerat - „Wir haben nicht die Zeit, alle Pflegegesetze neu zu schreiben!”„Stillstand ist keine Option!”, machte Christine Vogler (DPR) auf einer gemeinsamen PK mit der DIVI klar: Kompetenzen stärken, Berufe schützen, Ressourcen nutzen!![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-8.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg-1.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/gemeinsame-pressekonferenz-von-divi-und-dpr-wir-haben-nicht-die-zeit-alle-pflegegesetze-neu-zu-schreiben?ref=uebergabe.de) Die Dringlichkeit wird durch einen klaren Appell an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach unterstrichen: „Wir nehmen Sie beim Wort, Herr Minister.” Die Zeit für grundlegende Verbesserungen ist knapp. Ob es gelingt, das Gesetz trotz der politischen Blockaden zu verabschieden, bleibt abzuwarten. --- ## **Berufsordnung für Pflegefachpersonen in NRW: Ein Meilenstein mit Mitgestaltungspotenzial** In Nordrhein-Westfalen macht die Pflegekammer große Fortschritte bei der Entwicklung einer Berufsordnung für Pflegefachpersonen. Der aktuelle Entwurf wurde veröffentlicht und enthält umfangreiche Regelungen zu Rechten, Pflichten und Verantwortungen. [Pflegekammer NRWAlle Infos zu den Leistungen für beruflich Pflegende lesen Sie hier. Jetzt Mitglied werden und Teil einer starken Stimme für die Pflege werden.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon.svg)Pflegekammer NRW![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ico-1.svg)](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de) **Was regelt die Berufsordnung?** Die Berufsordnung beschreibt erstmals, wie Pflegefachpersonen ihre berufliche Tätigkeit ausrichten sollen. Ein zentrales Ziel ist die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen und ethisch fundierten Pflegepraxis. Themen wie Gewaltprävention, Diskriminierung, kontinuierliche Fortbildung und der Schutz der Pflegeempfänger:innen stehen klar im Fokus. Beispielsweise legt die Berufsordnung fest: - Pflegefachpersonen müssen Weisungen auf ihre Rechtmäßigkeit prüfen und dürfen unrechtmäßige Anweisungen ablehnen. - Die Fortbildungspflicht wird angedeutet. - Es gibt eine klare Verpflichtung zur Berufspflichtverletzungsanzeige — auch anonym möglich —, um Missstände wie Vernachlässigung oder Misshandlung zu melden. - Die Dokumentation der pflegerischen Arbeit sowie der Datenschutz sind geregelt. Ein symbolischer Akt ist zudem das (optionale) feierliche Versprechen, das Pflegefachpersonen mit Ablegen ihres Examens sprechen können. Es unterstreicht die ethischen Grundsätze und den hohen Stellenwert des Berufs. **Warum ist das wichtig?** Zum ersten Mal haben Pflegende in NRW selbst die Möglichkeit, ihre Berufsordnung aktiv mitzugestalten. Bis zum **31.12.2024** können Kommentare und Anregungen direkt an die Pflegekammer NRW gesendet werden. **Unser Appell:** Wenn ihr aus NRW seid, nutzt eure Chance! Lest den Entwurf, beteiligt euch an der Diskussion und gestaltet die Regeln mit, die euren Berufsalltag in Zukunft prägen werden. [Berufsordnung - Pflegekammer NRWAktuelle Stellenangebote und Vorteile für Mitarbeitende — Starten Sie Ihre berufliche Zukunft bei der Pflegekammer!![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-1.svg)Pflegekammer NRW![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Logo_weiss-auf-lila_1800x1000_2.png)](https://www.pflegekammer-nrw.de/berufsordnung?ref=uebergabe.de) --- ## **Pflegepolitik in Sachsen: Ein Blick in den Koalitionsvertrag** Die Pflegepolitik in Sachsen nimmt mit dem neuen Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD Gestalt an. Gemeinsam stellen die beiden Parteien die neue Minderheitsregierung und haben Pläne vorgestellt, die auch den Gesundheits- und Pflegebereich betreffen. Lukas hat ein Interview mit dem Sächsischen Pflegerat geführt und nachgefragt, was die Pflegenden in Sachsen nun erwarten können und welche Positionen der Sächsiche Pflegerat zum Koalitionsvertrag hat. Diese und weitere Fragen hat uns in einem Interview Michael Junge, der Vorsitzende des Sächsischen Pflegerates beantwortet. Wir sprechen über die Chancen und Risiken des Koalitionsvertrages und darüber, welche Schwerpunkte der Pflegerat in den kommenden Jahren setzen wird. [Pflegerat Sachsen - Interessenvertretung der Pflege in SachsenDer Pflegerat Sachsen ist die Interessensvertretung der professionellen Pflege- und Gesundheitsversorgung im Freistaat![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/cropped-pflegerat-favicon-270x270-1.png)Pflegerat Sachsen![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Logo-Saechsischer-Pflegerat-1.jpg)](https://pflegerat-sachsen.de/?ref=uebergabe.de) --- ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. --- ## Neu bei der Übergabe: Gastbeiträge 💡 [Johannes Wünscher](https://www.linkedin.com/in/johannes-w%C3%BCnscher-5332a4183/?originalSubdomain=de&ref=uebergabe.de) ist Pflegefachmann und arbeitet als klinisch tätiger Pflegewissenschaftler im Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam. Er ist ein Akteur auf der berufspolitischen Bühne und seit 2023 Vorstandsvorsitzender des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) Nordost. Er setzt sich für die Professionalisierung der Pflege, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Pflegefachpersonen ein und engagiert er sich für die Nachwuchsförderung in der Pflege. In seinem Gastbeitrag erzählt Johannes von seinem Weg in die Pflegewissenschaft und den Herausforderungen. Viel Spaß mit unserem neuen Format![ ](https://www.linkedin.com/in/johannes-w%C3%BCnscher-5332a4183/?originalSubdomain=de&ref=uebergabe.de) [Warum Pflegewissenschaft in die Praxis gehörtPflegewissenschaft gehört in die Praxis! Wie schwer ist es für Pflegefachpersonen mit Hochschulabschluss, Akzeptanz im Team und erweiterte Kompetenzen zu etablieren? Aber wie kann die Pflege zukunftsfähig werden?![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-27.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Takeover-Johannes-Wu-nscher-1.webp)](https://www.uebergabe.de/zwischen-ablehnung-und-ambitionen-warum-pflegewissenschaft-in-die-praxis-gehort-gastbeitrag-von-johannes-wunscher/) --- ## Unser nächstes One Minute Wonder ist da 🎉 [One Minute Wonder: Schlaflos im KrankenhausWie beeinflusst der Krankenhausaufenthalt den Schlaf? Dieses One Minute Wonder zeigt, das Lärm, Licht und Stress die Schlafqualität beeinträchtigen und was Pflegefachpersonen praktisch für eine bessere Genesung und zufriedene Patient:innen tun können.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-28.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Schlafbeeintra-chtigende-Faktoren-im-Krankenhaus-1.webp)](https://www.uebergabe.de/schlaflos-im-krankenhaus/) 💡 Eine Minute warten - eine Minute lernen: Das ist das ****One Minute Wonder** (OMW). Stell dir vor, du wartest auf der Station kurz auf ein Laborergebnis oder dein Kaffee läuft noch durch - in dieser einen Minute kannst du was lernen. An solchen Warteplätzen eignen sich kleine Infotafeln, die du super schnell überfliegen kannst. Die Themen kommen direkt von uns Pflegenden selbst. So nutzt du die Zeit, die du sowieso rumstehst, und schnappst nebenbei was Neues auf. --- ## Aktuelle Themen in der Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Einsamkeit im Pflegeheim URL: https://www.uebergabe.de/einsamkeit-im-pflegeheim/ Last updated: 2024-12-12T08:00:13.000Z 🗓️ #61 | 12.12.2024 ### Worum geht's? Diese Studie beleuchtet die vielschichtige Erfahrung von Einsamkeit älterer Menschen in Langzeitpflegeeinrichtungen. Einsamkeit, die oft mit negativen gesundheitlichen Folgen verbunden ist, wird hier erstmals aus einer umfassenden Perspektive betrachtet: Sie wird in soziale, emotionale und existenzielle Dimensionen unterteilt. Durch eine ethnografische Herangehensweise, die Interviews, Beobachtungen und Gruppeninteraktionen umfasst, werden die subjektiven Erfahrungen der Bewohner\*innen analysiert. Ziel ist es, die individuellen und kollektiven Ausdrucksformen von Einsamkeit zu verstehen, um praktische und passgenaue Interventionen zu entwickeln, die sowohl das emotionale Wohlbefinden als auch die Lebensqualität fördern. Dabei stehen nicht nur die klassischen sozialen Kontakte, sondern auch tiefgreifende existenzielle Fragestellungen im Mittelpunkt. 💡 Eine ****Ethnografie** ist eine Forschungsmethode, bei der Wissenschaftler:innen das Leben und die Erfahrungen von Menschen genau beobachten und dokumentieren, um ein tiefes Verständnis dafür zu gewinnen. Dabei tauchen sie oft direkt in den Alltag der Menschen ein, die sie untersuchen – zum Beispiel durch Gespräche, Interviews, Beobachtungen oder das gemeinsame Erleben von Aktivitäten. Ziel ist es, die Perspektive und Gefühle der Menschen aus ihrer eigenen Sicht zu verstehen und zu beschreiben. ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, die subjektiven Erfahrungen von Einsamkeit älterer Menschen in Langzeitpflegeeinrichtungen zu untersuchen und diese in drei Dimensionen zu unterteilen: **soziale**, **emotionale** und **existenzielle Einsamkeit**. Die Forscher wollten verstehen, wie sich diese Dimensionen im Alltag der Bewohner:innen manifestieren und wie diese durch Zeit, Ort und soziale Beziehungen geprägt werden. Ein besonderes Augenmerk lag darauf, die Stimmen der Betroffenen zu hören, um Einsamkeit nicht nur quantitativ zu erfassen, sondern qualitativ und in ihrer gesamten Komplexität zu beleuchten. Ziel war es, auf Basis dieser Erkenntnisse gezielte Interventionen und Pflegepraktiken zu entwickeln, die den unterschiedlichen Formen von Einsamkeit gerecht werden können​ _This post is for paying subscribers only._ ### Zwischen Ablehnung und Ambitionen: Warum Pflegewissenschaft in die Praxis gehört / Gastbeitrag von Johannes Wünscher URL: https://www.uebergabe.de/zwischen-ablehnung-und-ambitionen-warum-pflegewissenschaft-in-die-praxis-gehort-gastbeitrag-von-johannes-wunscher/ Last updated: 2024-12-10T08:00:15.000Z --- ## "Ich bin Pflegefachmann mit Masterabschluss" So und genau so stelle ich mich vor - bei pflegewissenschaftlichen Praxisbegleitungen im [Klinikum Ernst von Bergmann](https://www.evb-gesundheit.de/klinikumevb/pflege-bildung-zukunft/praxisentwicklung-pflege?ref=uebergabe.de#c11091), auf Podien bei politischen Diskussionen, in Fachgremien und natürlich gegenüber Patient:innen, die sich mit meinem Jobtitel „klinisch tätiger Pflegewissenschaftler“ verständlicherweise schwertun. Es ist der Pflegeberuf, der mich in meinem beruflichen Tun definiert. Das Studium baut darauf auf. Als ich nach meiner Ausbildung meinen ersten Job im Krankenhaus antrat, dauerte es nicht lang und ich stellte mir immer mehr Warum-Fragen: - *Warum stellen wir Medikamente im Nachtdienst allein für alle Patient:innen, wenn man sich so schlecht konzentrieren kann?* - *Warum müssen wir so viel mehr Patient:innen versorgen als Pflegefachpersonen in anderen Ländern?* - *Warum nennen wir das „interdisziplinäre Fallkonferenz“, wenn eine Oberärztin wöchentlich dieselben standardisierten Phrasen in ein Diktiergerät spricht und die Rolle der Therapeut:innen und Pflegefachpersonen lediglich darin besteht, einzelne Aussagen via Kopfbewegung zu bestätigen oder zu verneinen?* Niemand aus meinem Team konnte oder wollte mir auf solche Fragen zufriedenstellend antworten. Mir wurde bald klar: Um in und für den Pflegeberuf etwas verändern zu können, muss ich das System im Großen und im Kleinen besser verstehen. So fasste ich den Entschluss: „Ich studiere - in Vollzeit, berufsbegleitend“. Womit ich damals überhaupt nicht rechnete und was mich in Folge stärker bewegte, als ich mir das lange eingestehen wollte: Die Entscheidung für das Studium führte zum Bruch mit meinem Team. Zu Beginn bekam ich das noch eher subtil und unterschwellig zu spüren: Wenn ich beispielsweise den Aufenthaltsraum betrat und Gespräche abrupt verstummten. Immer wieder bekam ich dieselben halbernsten Fragen gestellt: > *„Und? Was machste dann? Wirst‘ dann unser Chef, wa?“* War es leichtsinnig oder naive von mir, der Neugier nachzugehen und zu studieren, ohne mir vorher ausführlich über mögliche Konsequenzen Gedanken zu machen? --- ![Ein Foto von Johannes Wünscher](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/12/Johannes-Wu-nscher-2023-credit-Stefanie-Siefke.jpg) Johannes Wünscher (Foto: Stefanie Siefke) 💡 [Johannes Wünscher](https://www.linkedin.com/in/johannes-w%C3%BCnscher-5332a4183/?originalSubdomain=de&ref=uebergabe.de) ist Pflegefachmann und arbeitet als klinisch tätiger Pflegewissenschaftler im Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam. Er ist ein Akteur auf der berufspolitischen Bühne und seit 2023 Vorstandsvorsitzender des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) Nordost. Er setzt sich für die Professionalisierung der Pflege, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Pflegefachpersonen ein und engagiert er sich für die Nachwuchsförderung in der Pflege. --- ### Ambitionen? Bitte woanders! Und dann kam die Einladung zum Gespräch bei der Pflegedirektorin. Mit ehrlichem Interesse erkundigte sie sich über mein Studium. Ich fühlte mich zum ersten Mal bei diesem Thema in meinem Krankenhaus verstanden und spürte, wie der Funke einer Erwartung in mir aufzuflackern begann. Doch die kalte Dusche kam umgehend: > „*Das klingt ja alles sehr interessant. Mhmm. Wir haben hier ja aber schon jemanden fürs Qualitätsmanagement.“* Von den zurückliegenden fünfzehn Minuten, in denen ich von Evidence-basierter Praxis, Kenntnissen vom Gesundheitssystem, interdisziplinärer Zusammenarbeit und vielen anderen Inhalten des Studiums sprach, hat sich anscheinend nur das Buzzword „*Qualität*“ verfangen. Und dafür gab es ja schon jemanden. Ob es am Studium lag, an der damit verbundenen Arbeitszeitverkürzung oder an der Kombination aus beidem, kann ich heute nicht mehr genau sagen. Nach diesem Gespräch stellte ich jedoch fest: In mich und in meine berufliche Entwicklung wurde von nun an nicht mehr investiert. Informationen zu neuen Prozessen, Geräten, Prozeduren drangen nicht zu mir durch – lohnte sich anscheinend nicht mehr. Ich wurde inoffiziell zum Aussteiger erklärt, obwohl mir noch im Probezeitgespräch großes Potenzial attestiert wurde. Doch mit dem Studium wurde das Verhältnis mit meinem Team immer unentspannter. Es spitzte sich immer weiter zu, sodass ich für mich keinen anderen Ausweg mehr sah, als das Krankenhaus zu verlassen. Aus dem oft bemühten Vorurteil, dass „studierte“ Pflegefachpersonen nicht mehr *„am Bett“* arbeiten, wurde in meinem Fall eine selbsterfüllende Prophezeiung - vorerst. ### Als APN bei der Krankenversicherung – können wir uns das leisten? Wenn das jemand möchte, dann ist das völlig okay. Mein Wunsch oder Plan war es nicht, das Krankenhaus zu verlassen. Und ich kenne zahlreiche Kolleg:innen, die aufgrund mangelnder Offenheit für die erweiterten Kompetenzen und Perspektiven aus dem Studium und nach ähnlichen Erfahrungen am Ende notgedrungen die Praxis verließen. Jobalternativen für Pflegefachpersonen mit Hochschulabschluss gibt es zu Genüge - ob nun in der gemeinsamen Selbstverwaltung, bei Krankenkassen oder in der Forschung. Keine Frage: Ihre Arbeit dort ist wichtig. Die Perspektiven professionell Pflegender sind gemessen an unserem zahlenmäßigen Anteil in der Gesundheitsversorgung viel zu schwach in Institutionen und Gremien vertreten. Dennoch finde ich es erschütternd, dass es in vielen Fällen eben nicht der primäre Wunsch der Kolleg:innen war, der sie aus der Patient:innenversorgung dorthin geführt hat. Es sind zu oft erlebte Vorurteilen, fehlender Offenheit und Ablehnung. Die erweiterten Kompetenzen von Bachelor– und Masterabsolvent:innen pflegepraktischer Studiengänge können sich nur dann entfalten, wenn sie in der Gesundheitsversorgung ankommen und dort zugelassen werden. Nur wenn sichtbar wird, dass Kollge:innen nach dem Studium dort einen sichtbaren, spürbaren Unterschied machen, wird sich die Bekanntheit erweiterter Rollen, aber auch die Wahrnehmung des gesamten Pflegeberufs verändern. Die Einführung und Regulierung von APN-Rollen haben in den bspw. USA nicht nur dazu beigetragen, dass für hochkomplexe Bedarfe von Patient:innen und deren Zugehörigen maßgeschneiderte Versorgungsmodelle angeboten werden können, auch die gesellschaftliche Wahrnehmung und das Ansehen der Pflegeprofession insgesamt profitieren nachhaltig davon. ## Gartenzwerg und Berufsausbildung: Deutschlands unbeirrbare Erfolgsrezepte Für alle, die einmal die Gelegenheit hatten, sich mit Kolleg:innen aus dem Ausland über Professionalisierung und Autonomie im Pflegeberuf auszutauschen oder Pflege in anderen Ländern hautnah zu erleben, wird hinterher der deutsche, intraprofessionelle Konflikt über die (Teil-)Akademisierung des Pflegeberufs völlig absurd vorkommen. Während in nahezu allen Ländern ein Bachelorabschluss den Zugang zum Pflegeberuf eröffnet, halten wir in Deutschland dogmatisch an unserer Berufsausbildung fest. Die Deutsche Berufsausbildung ist schließlich ein Exportschlager wie Verbrennerautos, Brotkultur und Gartenzwerge. Und tatsächlich haben deutsche Unternehmen wie Daimler, Volkswagen oder BMW in einigen ihrer amerikanischen und asiatischen Werke mit großem Erfolg eine Art duale Ausbildung nach deutschem Vorbild für ihre Industriearbeiter:innen eingeführt. Der Erfolg erklärt sich vor allem dadurch, dass die Belegschaft bis dato überwiegend aus „ungelernten“ oder „angelernten“ Arbeiter:innen bestand. Es sollte also wenig überraschen, dass Absolvent:innen einer Art dreijährigen Berufsausbildung im Vergleich zu Ungelernten hinsichtlich ihrer Fertigkeiten und Kompetenzen hervorstechen. Im Pflegeberuf tritt [unsere generalistische Berufsausbildung](https://www.uebergabe.de/ug017/) im internationalen Wettstreit allerdings gegen in der Regel vierjährige, universitäre Bachelorprogramme an, auf die ein praktisches (bezahltes) Orientierungsjahr folgt. Ich kann und möchte an dieser Stelle nicht vorenthalten, dass seit der letzten Reform hin zur Generalistik auch die Berufsausbildung in der Pflege von Kolleg:innen durchaus kritisch betrachtet wird. Die Tatsache, dass Auszubildende heute in Fachabteilungen geschickt werden, ohne vorher deren medizinische Hauptdiagnosen auswendig gelernt zu haben, wird ebenso als qualitativer Rückschritt betrachtet, wie der vergleichsweise hohe Anteil an Praxisstunden in der Langzeitversorgung. Und nicht nur die Pädiater:innen, sondern auch viel zu viele berufserfahrene Kolleg:innen trauern bei jeder sich bietenden Gelegenheit öffentlichkeitswirksam der *guten alten* Kinderkrankenpflegeausbildung hinterher. Es wird wohl noch einige Zeit vergehen, bevor aus drei Pflegeberufen tatsächlich einer geworden sein wird. Nichts desto trotz erfahren selbst die Auszubildenden der Generalistik immer noch mehr Akzeptanz bei Kolleg:innen als diejenigen, die sich für ein primärqualifizierendes Pflegestudium entschieden haben. ## Wir sind alle gleich! Zumindest fast. Wenn Pflegefachpersonen heute über Engagement und Eignung von Stationsleitungen und Pflegedirektor:innen urteilen, scheint immer noch ein wichtiger Maßstab zu sein, ob und in welchem Umfang im Ernstfall in der direkten Patient:innenversorgung ausgeholfen wird – je mehr, desto besser. Ob das mittel- bis langfristig für die Organisation klug und gut ist, scheint bei dieser Beurteilung erstmal keine Rolle zu spielen. Ich habe Pflegemanager:innen, -pädagog:innen und -wissenschaftler:innen in US-amerikanischen Krankenhäusern getroffen. Im Gespräch mit ihnen über ihre spannenden Rollen sind mir zwei Aspekte ganz besonders aufgefallen: 1. Diese Spezialisierungen zählen zweifelsfrei und ganz selbstverständlich zum Pflegeberuf und ihr Mehrwert, den die Rolleninhabenden für die Organisation und die Berufsgruppe bringen, wird nicht nur wahrgenommen, sondern wertgeschätzt. 2. Keine:r von den Expert:innen aus der Praxis hielt es für eine besonders gute Idee, dass Pflegemanager:innen im Ernstfall in der Versorgung einspringen: Sowohl Bewusstsein also auch Respekt vor der starken Binnenspezialisierung im Pflegeberuf war bei den Kolleg:innen stärker ausgeprägt als in Deutschland. In englischsprachigen Ländern stehen die vielen Abkürzungen hinter dem Namen von Pflegefachpersonen oft für akademische, praxisnahe Weiterbildungen und Spezialisierungen, die mit mehr Eigenständigkeit und Verantwortung verbunden sind. In Deutschland hingegen spielt es bisher kaum eine Rolle für die Autonomie oder Zuständigkeit, ob ich eine Fachweiterbildung wie bspw. in der Intensivpflege, Onkologie, Notfallpflege, Psychiatrie oder im Wundmanagement abgeschlossen habe oder nicht. Pflege in Deutschland kannte bis zur letzten Pflegeberufereform und dem Pflegestudiumstärkungsgesetz keine fachliche Binnendifferenzierung. Das, was uns bisher wie erweiterte Kompetenzen vorkommt, findet am Ende doch wieder auf Ebene ärztlicher Delegation statt und kann mit einem Wechsel in der medizinischen Leitung problemlos rückabgewickelt werden. Vor kurzem habe ich von einer bedenkenswerten Initiative Pflegestudierender gehört, die sich gewerkschaftlich dafür einsetzen, dass Pflegestudierende nicht höher vergütet werden als Pflegeauszubildende. „Schließlich machen wir die gleiche Arbeit.“ Spannend! Mit dem [Pflegeberufegesetz (Teil III)](https://www.gesetze-im-internet.de/pflbg/BJNR258110017.html?ref=uebergabe.de#BJNR258110017BJNG000800000) als Backup fällt es relativ leicht, dagegen zu argumentieren. Doch das tut am Ende nichts zur Sache, wenn diese gesetzlichen Regelungen und Ziele in der erlebten Praxis nicht ankommen, weil sich niemand dafür einsetzt. Jetzt mal Hand aufs Herz: Muten wir primärqualifizierend Studierenden in der Pioniergeneration da nicht vielleicht ein bisschen viel zu? Kann man ihnen vorwerfen, in die altbewährte Gleichmacherei der deutschen Pflege zu verfallen, statt sich für eine bessere, an den Zielen der hochschulischen Pflegeausbildung ausgerichteten praktischen Ausbildung einzusetzen und letztendlich als Noviz:innen Konflikte à la *„Du hältst dich also für etwas Besseres?“* auszuhalten? Nein! ## Mehr Intraprofessionelle Multidisziplinarität - dann klappt’s auch mit den Nachbarn Ich möchte dazu ermutigen Quali(fikations)mix in der Pflege größer zu denken. Die aktuell vorherrschende Diskussion hierzu, die stark aus der Perspektive des Pflegefachassistenzgesetzes geführt wird, ist mir zu kleinteilig. Als ich anfing, mich konzeptionell mit einer kompetenzorientierten Aufgabenverteilung auseinanderzusetzen, bin ich immer wieder auf Quellen gestoßen, in denen diskutiert wurde, dass besser qualifizierte Pflegefachpersonen auch mehr Verantwortung übernehmen können. Von da aus bin ich dann ins Rabbit Hole der Arztentlastung gestürzt… Mir kamen allerdings Zweifel auf: > *„Ist das in unserer aktuellen Situation des Pflegepersonalmangels überhaupt sinnvoll?“* Doch das war die völlig falsche Frage! Warum betrachten wir die Versorgung von Patient:innen allein aus der Perspektive einer einzigen privilegierten Berufsgruppe. Wir als Advokat:innen einer ganzheitlichen, Person-zentrierten Versorgung lassen uns bei der unreflektierten Übernahme solcher Vokabeln an der Nase herumführen. Denn eigentlich sollte es uns allen um bestmögliche Versorgungsqualität und -kontinuität gehen. Wenn man das konsequent zu Ende denkt, hat man plötzlich überlappende Kompetenzbereiche statt Silos und es scheint nicht nur sinnvoll, sondern unabdingbar, dass qualifizierte Pflegefachpersonen mehr Befugnisse bspw. in der Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes erhalten - nicht um eine andere Berufsgruppe zu entlasten, sondern um das eigene Potenzial zum Nutzen der Betroffenen zu entfalten. Denn Pflege hat unglaublich viel zu bieten - von individueller Beratung und Schulung zu bspw. Lebensstilinterventionen und Selbstmanagement über psychosoziale Unterstützung, Förderung von Gesundheitskompetenz, Einbeziehung des sozialen Umfelds, Förderung von Autonomie, Prävention und Früherkennung von Komplikationen, Koordinierung der interdisziplinären Zusammenarbeit bis hin zur (Weiter-) Entwicklung eines individuellen Behandlungsplans. Das alles ist Pflegekompetenz. Die Basis dafür wird in und mit der dreijährigen Berufsausbildung gelegt. Doch wenn man die stetig wachsenden Herausforderungen in der pflegerisch-gesundheitlichen Versorgung betrachtet, wird schnell klar, dass damit nicht Schluss sein kann. Die medizintechnischen, pharmakologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben dazu geführt, dass man heute trotz Multimorbidität ein langes, selbstbestimmtes Leben führen kann. Doch um diesen steigenden Anforderungen weiterhin gerecht werden zu können, benötigt Pflege Spezialisierungsmöglichkeiten mit mehr Kompetenzen – auch leistungsrechtlich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass erweiterte hochschulisch qualifizierte Rollen in der Pflege in Versorgungssituationen auf Akzeptanz stoßen, wenn es gelingt, ihren Wert für eine ganzheitliche und Personen-zentrierte Versorgung klar zu vermitteln und der Mehrwert für alle Beteiligten deutlich ist. ## Hart oder extrahart? Der Anteil der hochschulisch qualifizierten Pflegefachpersonen in der Versorgungspraxis ist immer noch verschwindend gering. Stell dir vor, du bist eine:r der wenigen Exemplare: Die meisten deiner Kolleg:innen werden weder vom primärqualifizierenden Studium, noch von Advanced Nursing Practice gehört haben – geschweige denn persönliche Erfahrung in der Zusammenarbeit mit solchen Kompetenzprofilen gesammelt haben. Du gehörst also zur Pioniergeneration. Herzlichen Glückwunsch! Du bist innovativ, mutig, hartnäckig, lösungsorientiert, visionär. Du bist ein Vorbild! Fühlt sich gemütlich an, oder? Ich will dir nichts vormachen: Wenn du Pflegefachperson mit Bachelor- oder Masterabschluss bist und deine erweiterten Kompetenzen anwenden möchtest, hast du die Wahl, ob du täglich deine Pionier-Superkräfte einsetzt, um Veränderung in deiner Organisation und Akzeptanz deiner Rolle gegen alle intra- und interprofessionellen Widerstände voranzutreiben oder ob du Erfahrung in einer Organisation sammeln möchtest, in der Voraussetzungen herrschen, die dir die Ausübung deiner Rolle erleichtern, dich unterstützen. Es gibt allgemeine Faktoren, die sich auf die Implementierung neuer Rollen positiv auswirken. Vieles kennen wir aus der Implementierungsforschung wie kulturelle Rahmenbedingungen und Werte, die in der Organisation geteilt werden. Solche Organisationen erkennst du bspw. daran, dass… - es für die Rollen konkrete Profile gibt, - es Kolleg:innen in der Organisation gibt, die sich in eine solche Rollen weiterentwickelt haben und dabei unterstützt wurden, - es Organisationsziele gibt, die die Implementierung erweiterter pflegerischer Rollen beinhalten oder unterstützen, - es eine unterstützende Aufbaustruktur gibt wie bspw. eine Abteilung für Pflege- oder Praxisentwicklung. Teste das gemeinsame Verständnis beim Kennenlerngespräch, inwiefern die wohlklingenden Worte aus der Stellenbeschreibung konzeptionell von deinem Gegenüber auch verinnerlicht wurden. ## Pflegeakademisierung in Deutschland: Meilen- oder Stolpersteine [Die Akademisierung der Pflege begann in Deutschland vergleichsweise spät und verlief ganz anders als in den meisten Ländern.](https://www.uebergabe.de/ug002/) Während etwa in Kanada, den USA oder in den skandinavischen Ländern frühzeitig der Fokus darauf lag, Pflegefachpersonen an Hochschulen und Universitäten für die Versorgungspraxis zu qualifizieren, wurde in Deutschland die Akademisierung zunächst auf die Spezialisierungen Forschung, Management und Lehre beschränkt. Der Gedanke war, dass von diesen Multiplikator:innen ausgehend die gesamte Berufsgruppe mitgezogen würde. Ob das nun eine Fehleinschätzung war oder schließlich Jahrzehnte später doch mit dem primärqualifizierenden Pflegestudium gelungen ist, soll an dieser Stelle nicht weiter diskutiert werden. Denn für die daraus resultierende Herausforderung macht das keinen Unterschied: Pflegefachpersonen in Deutschland machten die Erfahrung, dass das Studium der Pflege eben nicht mit erweiterten Kompetenzen zurück in die Praxis führt, sondern in Arbeitsfelder, in denen man nicht von Schichtarbeit, Wochenenddiensten, Infektionsrisiko, körperlicher Anstrengung oder seelisch anspruchsvoller Beziehungsarbeit betroffen ist und dennoch finanziell recht gut davon leben kann. Um 2010 herum gingen dann allerdings die ersten Modellstudiengänge für die pflegerische Praxis an den Start. Studierende erhielten in diesen Programmen nach drei Jahren die Berufsurkunde und nach dem siebten Semester wurde das Studium dann üblicherweise mit einem Bachelorabschluss beendet. Ihr Berufseinstieg erfolgte allerdings in ein System, das Krankenhäuser für möglichst viele komplexe Eingriffe bei minimalen Pflegekosten belohnte. Weder erweiterte Kompetenzen, noch Rollenprofile waren gesetzlich geregelt. Es fehlten nicht nur an Motivation, sondern auch an [Strategien zur Integration neuester pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis](https://www.uebergabe.de/ug005/). In der Folge wurde das Potenzial hochschulisch qualifizierter Pflegefachpersonen in der deutschen Versorgungspraxis weiterhin kaum genutzt. Die Folge: Vorurteile wie *„Wer studiert, arbeitet nicht am Patienten“* oder *„Die haben keinen Bezug zur Realität“* verstärkten die Kluft zwischen akademisierter und berufliche ausgebildeten Pflegefachpersonen. ## Deutschland tickt anders Na gut…. Österreich vielleicht auch. Ich hoffe, dass es mir bis hierhin die Darstellung möglicher Hintergründe gelungen ist, weshalb wir mit den Konzepten anderer Länder hier nicht weiterkommen. Wir haben es in Deutschland inzwischen nicht nur mit Unkenntnis, sondern mit teilweise manifestierten Vorurteilen bzgl. hochschulisch qualifizierter Pflegefachpersonen zu tun. Wenn wir wollen, dass die (Teil-)Akademisierung der deutschen Pflegepraxis mit all ihren Verheißungen gelingt, müssen wir denen auf den Grund gehen und die gewonnenen Erkenntnisse in entsprechenden Implementierungsstrategien berücksichtigen. Seit dem 1\. Dezember gehen wir diesem Thema im [Klinikum Ernst von Bergmann](https://www.evb-gesundheit.de/klinikumevb/pflege-bildung-zukunft/praxisentwicklung-pflege?ref=uebergabe.de#c11091) gemeinsam mit Kolleg:innen von der [Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe](https://www.evh-bochum.de/startseite.html?ref=uebergabe.de) im Projekt *Kooperative Neugestaltung für Akzeptanz im Team* (KoNtAkT) wissenschaftlich nach. Wir werden bereits im Laufe des Projekts Zwischenergebnisse berichten und diskutierten. Acht Jahre hat es bei mir gedauert, bis ich nach meinem Bruch mit der Pflegepraxis einen Job gefunden habe, der es mir ermöglicht, Wissenschaft mit direktem Patient:innenzugang zu vereinen. Zwischendurch war ich mir nicht sicher, ob es mir das noch mal gelingen wird. Ich habe daraus Motivation geschöpft, mich in meiner beruflichen Rolle im Klinikum Ernst von Bergmann, politisch beim [Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe](https://www.dbfk.de/de/dbfk/nordost/aktuelles.php?ref=uebergabe.de), aber auch wissenschaftlich diesem Thema zu widmen. ### APN bei neu dialysepflichtigen Personen (Dorothea Reihs & Regina Bartoldus) URL: https://www.uebergabe.de/ug154/ Last updated: 2026-06-13T12:42:14.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 07.12.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Im Klinikum Bethel begleiten APNs neu dialysepflichtige Patient:innen intensiv durch die erste Zeit. - Die APN-Initiative wurde 2024 mit der Theodor-Fliedner-Medaille ausgezeichnet. - Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist entscheidender Erfolgsfaktor für die Implementierung neuer Pflegerollen. - Das PEPPA-Framework erleichtert die schrittweise Integration der APN-Rolle in die Praxis. - APNs schaffen neue Karriereperspektiven und stärken die Pflegeprofession nachhaltig. ## Fortschritt in der Pflege: Die Bedeutung der APN-Rolle Die Rolle der Advanced Practice Nurses (APN) eröffnet neue Möglichkeiten in der Pflege. Im [Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld](https://evkb.de/patienten-besucher/pflege-therapie/pflege/pflege?ref=uebergabe.de) wird diese innovative Rolle erfolgreich in der Versorgung von neu dialysepflichtigen Patient:innen umgesetzt. Mit einem Fokus auf spezialisierte Beratung und wissenschaftlich fundierte Praxis unterstützt die APN-Rolle nicht nur die Patient:innen, sondern stärkt auch die Pflegeprofession als Ganzes. Die APN-Initiative im Evangelischen Klinikum Bethel wurde 2024 mit der [**Theodor-Fliedner-Medaille**](https://www.kaiserswerther-diakonie.de/ueber-uns/auszeichnungen/theodor-fliedner-medaille/preistraeger/1-preis-2024?ref=uebergabe.de) ausgezeichnet. Dieser Preis würdigt innovative Projekte in der Pflege, die sich durch Patient:innenorientierung und interdisziplinäre Ansätze auszeichnen. Das Team erhielt die Auszeichnung für ihre herausragende Arbeit bei der Implementierung der APN-Rolle in der Dialyseversorgung und deren Fokus auf die aktive Einbindung von Patient:innen in den Versorgungsprozess. [Kaiserswerther Diakonie: 1\. Preis 2024 | Kaiserswerther Diakonie Düsseldorf (KWD)![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-2.png)KWDab1d\_kwd![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Theodor-Fliedner-Medaille_Pflege_Altenhilfe_Kaiserswerther-Diakonie.jpg)](https://www.kaiserswerther-diakonie.de/ueber-uns/auszeichnungen/theodor-fliedner-medaille/preistraeger/1-preis-2024?ref=uebergabe.de) ### Was zeichnet die APN-Rolle aus? APNs übernehmen eine spezialisierte, patientenzentrierte Beratung, die weit über die klassische Pflege hinausgeht. Regina Bartoldus, APN im Bereich Nephrologie, begleitet Patient:innen mit ihrer neuen Diagnose durch die ersten Wochen und unterstützt sie bei der Integration der Dialyse in ihren Alltag. Ihre Tätigkeiten reichen von Beratungen zu Themen wie Flüssigkeitsmanagement und Symptomkontrolle bis hin zur Erstellung von Kurzfortbildungen für Kolleg:innen. > „Die intensive Begleitung von Patient:innen in der ersten Zeit nach der Diagnose ist essenziell und zeigt, wie viel Potenzial in dieser Rolle steckt.” **Regina Bartoldus** Die Arbeit der APN ergänzt ärztliche Tätigkeiten, indem sie sich auf pflegerische und alltagsbezogene Fragen konzentriert, etwa wie Dialyseverfahren in das tägliche Leben integriert werden können. ### Patientenzentrierte Versorgung: Ein Gewinn für alle Patient:innen schätzen die intensive Beratung und den persönlichen Kontakt, der oft den Unterschied in ihrer Krankheitsbewältigung ausmacht. „Die Dankbarkeit und Offenheit der Patient:innen zeigen, wie wichtig dieser Dialog ist”, berichtet Regina Bartoldus. Durch Follow-up-Gespräche nach der Entlassung wird sichergestellt, dass auch zu Hause eine gute Versorgung gewährleistet ist. Das Team des Klinikums hat sich bewusst auf neu dialysepflichtige Patient:innen konzentriert, erkennt jedoch das Potenzial, diese Ansätze auch auf andere Zielgruppen auszuweiten. ### Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Erfolgsfaktor Die Einführung der APN-Rolle im Evangelischen Klinikum Bethel wäre ohne eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht möglich gewesen. Von Anfang an wurden ärztliche Kolleg:innen und das Pflegepersonal in den Prozess eingebunden, um gemeinsame Lösungen für die Patient:innenversorgung zu entwickeln. Dabei standen nicht die Abgrenzung von Tätigkeiten, sondern das gemeinsame Ziel im Fokus: die bestmögliche Versorgung der Patient:innen. > „Wenn wir wegkommen von dem Mein-Tanz-Bereich-Dein-Tanz-Bereich und mehr dahin kommen, wirklich nochmal die Betroffenen in den Blick zu nehmen und zu schauen, wie können wir da gut Hand in Hand agieren, dann würden wir echt was reißen können in dieser Gesellschaft.” **Dorothea Reihs** Durch die kontinuierliche Kommunikation und transparente Prozesse wurde Vertrauen geschaffen und der Weg für eine erfolgreiche Implementierung geebnet. Dieses Beispiel zeigt, wie interprofessionelle Zusammenarbeit nicht nur Konflikte minimiert, sondern auch den Weg für Innovationen ebnet. ### Ein neues Kapitel für die Pflege Die APN-Rolle verändert die Pflege nachhaltig. Neben der direkten Patient:innenversorgung setzt sie neue Impulse für die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen. Interdisziplinäre Kooperation und gegenseitige Unterstützung sind entscheidende Erfolgsfaktoren bei der Implementierung neuer Rollen. Dabei hilft das [PEPPA-Framework](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15533091/?ref=uebergabe.de), das in klaren Schritten die Integration der APN-Rolle in die Praxis erleichtert. > „Es braucht Mut und Ausdauer, um neue Rollen zu etablieren — aber der Erfolg zeigt, dass es sich lohnt.” **Regina Bartoldus** Diese Entwicklung macht den Pflegeberuf attraktiver. Durch die Möglichkeit, sich wissenschaftlich weiterzubilden und gleichzeitig in der Praxis tätig zu bleiben, wird eine neue Karriereperspektive eröffnet. ### Herausforderungen und Ausblick Die Einführung der APN-Rolle brachte auch Herausforderungen mit sich, insbesondere in der Kommunikation innerhalb der Pflege und mit anderen Berufsgruppen. Doch durch stetige Aufklärung, Gespräche und die Einbindung aller Beteiligten konnten Vorurteile abgebaut und Akzeptanz geschaffen werden. Für die Zukunft wünschen sich Dorothea Reihs und Regina Bartoldus eine stärkere Anerkennung der APN-Rolle im Gesundheitswesen und mehr Unterstützung durch Politik und Gesellschaft. Ziel ist es, die APN-Rolle weiter auszubauen und auf andere Patient:innengruppen anzuwenden. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung.Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## Unsere weiteren Inhalte zum Thema: [ÜG012 - Advanced Nursing Practice - A. Knisch & E. Keinath - ÜbergabeShownotes und Literatur Leistungsspektrum FNK (florence-nightingale-krankenhaus.de) Theodor-Fliedner-Medaille für innovative Pflegepraxis![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-20.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug012-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug012/) [ÜG113 - Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri) - ÜbergabeIn diesem brandneuen Podcast dreht sich alles um Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis im Projekt FAMOUS.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-22.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug113-scaled-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug113/) [Der Einfluss von Advanced Practice Nurses in der Notaufnahme und der Intensivstation - ÜbergabeDer Einfluss von Advanced Practice Nurses in der Notaufnahme und der Intensivstation![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-24.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/dall-c2-b7e-2023-11-09-22.32.02-a-van-gogh-like-painting-of-a-male-nurse-working-in-cooparation-vith-a-doctor.png)](https://www.uebergabe.de/der-einfluss-von-advanced-practice-nurses-in-der-notaufnahme-und-der-intensivstation/) [Übergabe | Der Einfluss von Advanced Practice Nurses auf die Versorgung und Lebensqualität von Herzinsuffizienzpatient:innen📨 Die Studie untersucht die Rolle von Advanced Practice Nursing in der Betreuung von Herzinsuffizienzpatient:innen. Sie zeigt, wie spezialisierte Pflege die Krankenhauseinweisungen und Mortalität senken und die Lebensqualität verbessern kann.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-23.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DALL-E-2024-08-28-20.39.08---An-abstract-image-that-represents-the-findings-of-a-study-on-Advanced-Practice-Nursing-in-heart-failure-patients.-The-image-should-include-symbols-of-.webp)](https://www.uebergabe.de/der-einfluss-von-advanced-practice-nurses-auf-die-versorgung-und-lebensqualitat-von-herzinsuffizienzpatient-innen/) [Advanced Nursing Practice in der psychiatrischen Pflege in Deutschland - ÜbergabeAdvanced Nursing Practice in der psychiatrischen Pflege in Deutschland![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-21.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/dall-c2-b7e-2024-01-22-15.50.27-a-van-gogh-like-painting-of-an-nurse-communicating-with-a-patient.png)](https://www.uebergabe.de/advanced-nursing-practice-in-der-psychiatrischen-pflege-in-deutschland/) --- ## Veranstaltungshinweise und Aufrufe 💡 Am Freitag, den 14\. Februar 2025 findet der ****27\. Netzwerk-Workshop des DNQP zum Expertenstandard „Kontinenzförderung in der Pflege”** in Osnabrück statt. Der Expertenstandard wurde im April aktualisiert und um das Thema der Stuhlinkontinenz erweitert. Die Programmbroschüre, weitere Informationen zur Veranstaltung sowie die Möglichkeit der Anmeldung finden Sie auf der [DNQP-Website.](https://www.dnqp.de/27-netzwerk-workshop/?ref=uebergabe.de) --- ## Neues aus der Übergabe-Community - [Sammlung der Studiengänge aus unserer Community ](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34/2?ref=uebergabe.de) - [Der große ”ich stelle mich vor” Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22?ref=uebergabe.de) - [Qualifikationsarbeiten in unserem Podcast!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/189?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/KrM2Dz7Gq6QAAAAC/good-job-crypto.gif) ## Zum Weiterhören - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) - [ÜG113 – Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri)](https://www.uebergabe.de/ug113/) - [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken (Dr. Juliane Spank & Philipp Strnad)](https://www.uebergabe.de/ug188/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Schlafbeeinträchtigende Faktoren im Krankenhaus URL: https://www.uebergabe.de/schlafbeeintrachtigende-faktoren-im-krankenhaus-2/ Last updated: 2025-01-09T09:35:43.000Z 🗓️ #60 | 05.12.2024 ### Worum geht's? Das Kernthema der Studie ist die Bedeutung von Schlaf für die Genesung im Krankenhausumfeld. Es werden sowohl patientenbezogene Faktoren (z. B. Schmerzen, Angst) als auch umgebungsbezogene Aspekte (z. B. Lärm, Licht) untersucht, um Lösungen zur Verbesserung der Schlafqualität zu finden. 💡 Schlaf ist essenziell für die körperliche und geistige Gesundheit. Während des Schlafs durchläuft der Körper wichtige Regenerationsprozesse: Das Gehirn verarbeitet die Eindrücke des Tages und festigt Erinnerungen, während das Immunsystem gestärkt wird, um Infektionen und Krankheiten abzuwehren. Ein ausreichender und qualitativ hochwertiger Schlaf reguliert den Hormonhaushalt, darunter Hormone wie Melatonin, das den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert, und Cortisol, das den Stresspegel beeinflusst. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie untersucht, wie Patient:innen und Pflegefachpersonen Schlaf während eines Krankenhausaufenthalts wahrnehmen. Dabei werden die Faktoren analysiert, die den Schlaf negativ beeinflussen, um potenzielle Verbesserungsmöglichkeiten zu identifizieren. _This post is for paying subscribers only._ ### Schlaflos im Krankenhaus URL: https://www.uebergabe.de/schlaflos-im-krankenhaus/ Last updated: 2024-12-05T08:59:32.000Z Wie beeinflusst der Krankenhausaufenthalt den Schlaf? Dieses One Minute Wonder zeigt, das Lärm, Licht und Stress die Schlafqualität beeinträchtigen und was Pflegefachpersonen praktisch für eine bessere Genesung und zufriedene Patient:innen tun können. _This post is for subscribers only._ ### Update Krankenhausreform / Koalitionsverträge / Internationalisierung der Pflege URL: https://www.uebergabe.de/pu087/ Last updated: 2026-06-13T23:21:46.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 30.11.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Krankenhausreform (KHVVG) ist beschlossen und tritt ab Januar 2025 schrittweise in Kraft. - In Brandenburg entließ Woidke seine Gesundheitsministerin, um die Bundesratsstimme zu sichern. - Thüringen und Brandenburg planen Pflege-Ausbildungsoffensiven, Brandenburg lehnt aber eine Pflegekammer ab. - Jede sechste Pflegefachperson in Deutschland hat eine ausländische Staatsangehörigkeit. - Bürokratische Anerkennungshürden bremsen weiterhin internationale Fachkräfte aus. 📎 In Folge 87 geht es um das (hoffentlich Finale) Update zur Krankenhausreform. Die Reform hat den Bundesrat mit einem großen Knall in Brandenburg passiert. Weiterhin schauen wir in die Koalitionsverträge der wahrscheinlichen Landesregierungen in Brandenburg und Thüringen. Danach wird es International: Wir haben für euch einen Bericht zur Internationalisierung des Pflegeberufs in Deutschland zusammengefasst. Viel Spaß mit der Folge! ## Zum Weiterhören - [PU075 – Krankenhausreform / Klinikatlas / Drohende Schließung des IPW in Bielefeld](https://www.uebergabe.de/pu075/) - [PU068 – Internationale Pflegefachpersonen / Hörer:innen-Kommentar zu Leiharbeit](https://www.uebergabe.de/pu068/) - [ÜG138 – Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland (Sebastian WInter & Alexis Padilla Gomez)](https://www.uebergabe.de/ug138/) --- ## **Krankenhausreform — Eine Zäsur mit politischen Verwerfungen** Die Krankenhausreform (KHVVG) ist beschlossene Sache. Nach intensiven Diskussionen und einem beinahe drohenden Scheitern im Bundesrat ist der Weg nun frei. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hofft, dass die Reform ihre zentralen Ziele — **Entökonomisierung**, **Qualitätssicherung** und **Entbürokratisierung** — erreichen wird. Kritiker wie Tino Sorge, gesundheitspolitischer Sprecher der Union, planen jedoch bereits jetzt grundlegende Änderungen nach der nächsten Bundestagswahl. [Bundesrat billigt Krankenhausreform | BundesregierungFür eine gute Versorgung in Deutschlands Krankenhäusern: Der Bundesrat hat nun die Krankenhausreform abschließend gebilligt.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/startseite-breg-relaunch-de-appleTouchIcon.png)Die Bundesregierung informiert | Startseite![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/2024-05-15-krankenhaus.jpg)](https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/krankenhausreform-im-bundesrat-2282702?ref=uebergabe.de) Für Aufregung sorgte die Bundesratssitzung, als Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) kurzerhand seine Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) entließ, damit die Stimme Brandenburgs für den Verweis in den Vermittlungsausschuss zählt. Diese Maßnahme, die die Landesregierung zum Platzen brachte, zeigt, wie hoch die Spannungen im politischen Umfeld dieser Reform sind. [Rückblick auf die Plenarsitzung am 22\. November 2024Grünes Licht für Krankenhausreform, Jahressteuergesetz 2024 und Bürokratieentlastung![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-6.ico)Bundesrat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/bk-rs.jpg)](https://www.bundesrat.de/DE/plenum/bundesrat-kompakt/24/1049/1049-pk.html?ref=uebergabe.de) Die Reform tritt schrittweise ab dem **1\. Januar 2025** in Kraft. Die Bundesländer haben bis Ende 2026 Zeit, ihre Kliniken neu zu organisieren und Leistungsgruppen zuzuweisen. Bis zur Bundestagswahl bleibt die Krankenhausreform jedoch ein heiß diskutiertes Thema, insbesondere im Hinblick auf mögliche Änderungen durch eine neue Regierung. Wir bleiben für euch am Ball. --- ## **Koalitionsverträge in Thüringen und Brandenburg — Was bedeutet das für Pflege und Gesundheit?** In Thüringen formierte sich erstmals eine sogenannte Brombeer-Koalition aus CDU, SPD und BSW. Im Fokus steht das Ziel, das Bundesland zu einem **"20-Min-Land"** zu machen, in dem medizinische Versorgung innerhalb von 20 Minuten erreichbar ist. Neben der Förderung von Hausärzten sollen auch Community Health Nurses und Gemeindepflegekräfte eine Rolle spielen. Neu eingeführt wird der Begriff der **"Landschwester"**, medizinische Fachangestellte mit erweiterten Kompetenzen in Hausarztpraxen. [zum Koalitionsvertrag für Thüringen | MDR.DE![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-icon-180x180-2.png)MDR.DE![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-mdr-thueringen-sm-100_v-variantBig16x9_wm-true_zc-ecbbafc6.png)](https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/koalitionsvertrag-138.html?ref=uebergabe.de) Investitionen in Pflege- und Krankenhausinfrastruktur sollen durch einen Transformationsfonds unterstützt werden, und das Land übernimmt die Investitionskosten von Langzeitpflegeeinrichtungen, um Pflegebedürftige zu entlasten. Trotzdem bleibt der Koalitionsvertrag inhaltlich vage, was auf weitere Kompromisse in der Gesundheitspolitik hindeutet. In Brandenburg zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Mit der BSW, die das Ministerium für Soziales und Gesundheit übernehmen wird, steht eine Ausbildungsoffensive in der Pflege an. Themen wie die Krankenhausreform und wohnortnahe Versorgung werden zwar benannt, jedoch kaum konkretisiert. Besonders auffällig: Die Koalition lehnt die Einführung einer Pflegekammer gegen den Willen der Pflegefachpersonen ab — eine kontroverse Position, die Fragen nach der Vertretung von Pflegeinteressen aufwirft. [Koalitionsvertrag in Brandenburg \[PDF\]](https://www.rbb24.de/politik/hintergrund/entwurf-koalitionsvertrag-spd-bsw-brandenburg.file.html/Entwurf%5FKoalitionsvertrag%5FSPD%5FBSW%5FErgebnis.pdf?ref=uebergabe.de) --- ## **Internationale Pflegefachpersonen — Ein unverzichtbarer Beitrag** Eine neue Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt, wie wichtig internationale Pflegefachpersonen für die Fachkräftesicherung sind. Mittlerweile hat jede sechste Pflegefachperson in Deutschland eine ausländische Staatsangehörigkeit. Besonders bemerkenswert: Der Anteil ausländischer Fachkräfte unter 20- bis 34-Jährigen stieg in zehn Jahren von 36 auf 55 Prozent. [Hier gehts zur Studie! \[PDF\]](https://doku.iab.de/forschungsbericht/2024/fb2224.pdf?ref=uebergabe.de) Trotzdem bleibt der Fachkräftemangel eine Herausforderung. Anerkennungsverfahren und bürokratische Hürden verzögern den Eintritt internationaler Fachkräfte in den Arbeitsmarkt. Die Studie fordert, Prozesse zu beschleunigen, Arbeitsbedingungen zu verbessern und gezielte Integrationsmaßnahmen zu schaffen, um das Potenzial dieser Gruppe besser zu nutzen. Für mehr Details zum Thema empfehlen wir unsere aktuelle [Übergabe Podcast-Folge](https://uebergabe.de/ug151?ref=uebergabe.de), die das Thema Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland beleuchtet — in Deutsch, Englisch und Spanisch verfügbar. [Integration ausländischer Pflegefachpersonen in Berlin🎙️ In unserer neuen Folge begrüßen wir Debora Aust, die Gründerin von DAREconsulting und Leiterin der neuen Berliner Beratungsstelle für Pflegekräfte mit ausländischem Abschluss (BBeFaP) und sprechen über die Herausforderungen und Chancen der Integration von internationalen Pflegefachpersonen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-19.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug151_3.png)](https://www.uebergabe.de/ug151/) --- ### **Kurznachrichten** - **Pflegestudiumspreis verliehen** Bundesfamilienministerin Lisa Paus zeichnete zehn Studierende des ersten Jahrgangs primärqualifizierender Pflegestudiengänge aus. Der Preis wurde erstmals im Rahmen der Ausbildungsoffensive Pflege verliehen. Herzlichen Glückwunsch an die Gewinner\*innen! [Lisa Paus zeichnet Studierende des neuen Pflegestudiums ausLisa Paus hat zehn Studierende des ersten Jahrgangs für ihre hervorragenden Leistungen mit dem Pflegestudiumspreis ausgezeichnet. Die Bundesregierung führte mit dem Pflegeberufegesetz neben der…![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-180x180.png)BMFSFJ![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/20241119-pflegestudiumspreis-data.jpg)](https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/lisa-paus-zeichnet-studierende-des-neuen-pflegestudiums-aus-248854?ref=uebergabe.de) - **Fachkommission Pflegeberufegesetz** Die neue Fachkommission zur Pflegeausbildung wurde ernannt. Unter der Leitung von Prof. Ingrid Darmann-Finck entwickelt das Gremium bundesweite Rahmenlehr- und Ausbildungspläne. Ziel ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Pflegeausbildung. [BIBB - FachkommissionDas Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ist das anerkannte Kompetenzzentrum zur Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-icon-180x180-1.png)BIBB - Fachkommission![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/bibb_socialmedia_logo.jpg)](https://www.bibb.de/de/162405.php?ref=uebergabe.de) ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. --- ### Recap zum Deutschen Pflegetag gefällig? Viel Spaß! [Was steht auf der pflegepolitischen Agenda?🎙️ Unsere 150\. Folge ist ganz besonders: wir sprechen mit Christel Bienstein als Präsidiumsmitglied des Deutschen Pflegerats über die aktuellen Entwicklungen und Hürden in der Pflegepolitik.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-13.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeLukas![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug150-1.png)](https://www.uebergabe.de/ug150/) [Live vom Deutschen Pflegetag: Perspektiven und Herausforderungen🎙️ In Folge 84 geben wir Euch Einblicke in den Deutschen Pflegetag 2024 aus Berlin! Dieser Pflegetag stand ganz im Zeichen des Koalitionsbruchs der Ampel.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-14.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMax![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/pu084-2.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu084/) [Live vom Deutschen Pflegetag: Pflegepolitik als Zukunftsthema🎙️ In Folge 85 geben wir Euch weitere Einblicke in den Deutschen Pflegetag 2024 aus Berlin! Dieser Pflegetag stand einerseits ganz im Zeichen des Koalitionsbruchs der Ampel, gleichzeitig aber auch im Lichte der weiteren Entwicklungen rund um die Pflege.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-15.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMax![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Pflegeupdate_Episoden_Cover-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu085/) --- ## Unsere One Minute Wonder sind da 🎉 Mit diesem Newsletter erhältst du unser erstes [One Minute Wonder](https://www.uebergabe.de/durst-auf-der-intensivstation/). Es greift das Thema [Durst auf der Intensivstation](https://www.uebergabe.de/umgang-mit-durstgefuhl-bei-patient-innen-auf-der-intensivstation/) auf und gibt einen kompakten Überblick zu diesem komplexen Thema. [Florian](https://www.uebergabe.de/author/florian/) hat es analog zum Briefing gemacht und wir sind schon etwas stolz, dass wir Dir ab jetzt immer mal wieder ein One Minute Wonder schenken können. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/11/Durst-auf-der-ITS-5.jpg) 💡 Eine Minute warten - eine Minute lernen: Das ist das ****One Minute Wonder** (OMW). Stell dir vor, du wartest auf der Station kurz auf ein Laborergebnis oder dein Kaffee läuft noch durch - in dieser einen Minute kannst du was lernen. An solchen Warteplätzen eignen sich kleine Infotafeln, die du super schnell überfliegen kannst. Die Themen kommen direkt von uns Pflegenden selbst. So nutzt du die Zeit, die du sowieso rumstehst, und schnappst nebenbei was Neues auf. Wir werden die [One Minute Wonder](https://www.uebergabe.de/404/) unregelmäßig per Newsletter für unsere Mitglieder versenden, du bekommst natürlich auch Zugriff auf das Archiv! Vielleicht schaffen wir es, dass wir regelmäßig welche kreieren - umso besser für Dich! Wichtig: Natürlich wird es die One Minute Wonder für unsere Mitglieder kostenlos geben 😉 ### Lade dir hier das erste One Minute Wonder runter 👇 [One Minute Wonder: Durst auf der IntensivstationUnser erstes One Minute Wonder ist auf Grundlage eines Briefings entstanden und es behandelt das Problem, dass Durst als belastendes Symptom bei Intensivpatient:innen, oft vernachlässigt wird.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-18.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Durst-1.webp)](https://www.uebergabe.de/durst-auf-der-intensivstation/) --- ## Aktuelle Themen in der Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/1MmxMR_JxXAAAAAC/pow-wow.gif) ### In Gedenken an Prof. Dr. Klaus Wingenfeld URL: https://www.uebergabe.de/in-gedenken-an-prof-dr-klaus-wingenfeld/ Last updated: 2024-11-28T18:22:41.000Z Mit tiefer Erschütterung und großem Respekt nehmen wir Abschied von Prof. Dr. Klaus Wingenfeld, einem außergewöhnlichen Sozial- und Pflegewissenschaftler, dessen Wirken die deutsche Pflegelandschaft nachhaltig und tiefgreifend verändert hat. Seit 1995 war er im Institut für Pflegewissenschaft (IPW) an der Universität Bielefeld tätig, wo er 2004 die Position des wissenschaftlichen Geschäftsführers übernahm. In diesem Wirkungsfeld entfaltete er seine größte Stärke: die Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse mit menschlicher Wärme und Vision zu verbinden. Seine Forschung war mehr als akademische Arbeit – sie war geprägt von großem Engagement, das darauf abzielte, die Würde und Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen zu erhöhen. Als Wegbereiter der Pflegeforschung entwickelte Klaus Wingenfeld bahnbrechende Konzepte, die weit über traditionelle Betrachtungsweisen hinausgingen. Eine seiner bedeutenden Leistungen war die Mitentwicklung des Neuen Begutachtungsassessments (NBA) und die Mitgestaltung des modernen Pflegebedürftigkeitsbegriffs. Durch seinen umsichtigen Ansatz rückten erstmals ganzheitlich die individuellen Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt – nicht nur ihre körperlichen, sondern auch ihre kognitiven und seelischen Bedürfnisse. Klaus Wingenfeld war mehr als ein Wissenschaftler: Er war ein eigenwilliger Visionär, der Brücken baute zwischen akademischer Forschung und der täglichen Pflegepraxis. Mit Weisheit, Mitgefühl und unbändigem Engagement zeigte er, dass Pflege die Wissenschaft und menschliche Zuwendung vereint. Sein Vermächtnis wird weiterleben in den Herzen derer, die er inspiriert hat, in den Institutionen, die er geprägt hat, und in den zahllosen Leben, die durch seine Arbeit berührt wurden. Die Lücke, die er hinterlässt, ist tief, aber sein Geist der Fürsorge und Innovation wird weiterwirken. Unsere Gedanken und unser tief empfundenes Mitgefühl sind bei seiner Familie, seinen Freund:innen und Weggefährt:innen. In Dankbarkeit und Ehrfurcht nehmen wir Abschied von einem außergewöhnlichen Menschen. Möge sein Wirken uns allen weiterhin Inspiration und Ermutigung sein. *Eva Maria Gruber, Lukas Hilleke, Maximilian Menzen, Michelle Fuchs, Florian Fliehe, Alexander Hochmuth, Franziska A. Jagoda, Mike Rommerskirch-Manietta und Christian Köbke.* ### Auswirkungen von Frühmobilisation auf der Intensivstation URL: https://www.uebergabe.de/auswirkungen-von-fruhmobilisation-auf-der-intensivstation/ Last updated: 2024-12-08T13:46:08.000Z 🗓️ #59 | 28.11.2024 ### Worum geht's? Die Studie untersucht, inwiefern eine frühzeitige Mobilisation von Patient:innen auf der Intensivstation dazu beitragen kann, die Liegedauer und den Genesungsprozess zu verbessern. Frühmobilisation umfasst gezielte Interventionen, die bereits früh nach Aufnahme auf die ICU begonnen werden, um Mobilität und Muskelkraft zu fördern. 💡 Der Pschyrembel beschreibt Frühmobilisation wie Folgt: „**In­ner­halb von 72 Stunden nach Auf­nahme auf ei­ne In­tensivstati­on be­ginnen­de pflege­ri­sche und/oder physio­therapeutische Maß­nahmen zur Mobilisati­on nach bei­spiels­weise Operationen, Herz­in­farkt, Schlag­an­fall oder Geburt. Sie dient un­ter an­derem zur Pneumonie-, Dekubitus- und Thrombose­prophyla­xe, zur Aktivierung des Kreislaufs und der Ver­dauung so­wie zur För­de­rung des Wohl­be­findens.“* ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie hat das Ziel, den Einfluss von frühzeitiger Mobilisation auf die Verweildauer von Erwachsenen auf der Intensivstation zu untersuchen. Der Fokus liegt auf der Reduzierung der ICU-Verweildauer, der Dauer der mechanischen Beatmung, der Krankenhausverweildauer, der Sterblichkeit und der funktionellen Unabhängigkeit der Patient:innen. _This post is for paying subscribers only._ ### Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland - Berliner Beratungsstelle BBeFaP (Debora Aust) URL: https://www.uebergabe.de/ug151/ Last updated: 2026-06-13T12:42:09.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 23.11.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die BBeFaP unterstützt ausländische Pflegefachpersonen bei Anerkennung und sozialer Integration in Berlin. - Anerkennungsverfahren sind langwierig: Übersetzungen, B2-Sprachniveau und Bürokratie bremsen. - Ohne Anerkennung dürfen Pflegefachpersonen nur im Hilfssektor arbeiten - frustrierend. - Unternehmen brauchen Integrationskonzepte und strukturiertes Onboarding für neue internationale Mitarbeitende. - Soziale Teilhabe und Wertschätzung sind essenziell gegen Vereinsamung im neuen Land. Wir haben diese Folge auf **Englisch** übersetzt. Hier kannst du in die englische Podcastfolge reinhören: Wir haben diese Folge auf **Spanisch** übersetzt. Hier kannst du in die spanische Podcastfolge reinhören: ## Integration von Pflegefachpersonen mit ausländischem Abschluss in Berlin: Unterstützung, Hürden und Perspektiven Die [Berliner Beratungsstelle für Pflegefachpersonen mit ausländischem Abschluss (BBeFaP)](https://www.berlin.de/sen/pflege/pflege-als-beruf/karrierechancen/artikel.1465275.php?ref=uebergabe.de) stellt eine wertvolle Unterstützung für Pflegefachpersonen dar, die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen und mit den komplexen Herausforderungen der Anerkennungs- und Integrationsprozesse konfrontiert sind. Der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen ist ein Problem, das Berlin und viele andere Städte in Deutschland betrifft. Die BBeFaP fungiert als zentrale Anlaufstelle, um die berufliche Anerkennung, das Ankommen im Arbeitsmarkt und die soziale Integration zu fördern. Dieser Blogbeitrag beleuchtet die Aufgaben der BBeFaP, die Herausforderungen für Pflegefachpersonen und Unternehmen sowie die langfristigen Auswirkungen auf die pflegerische Landschaft Berlins. [Beratungsstelle für Pflegekräfte mit ausländischem Abschluss (BBeFaP) - Berlin.deBBeFaP - Beratungsstelle für Pflegekräfte mit ausländischem Abschluss![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon-1.png)Berlin.de zur Startseite![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo_berlin_m_srgb.svg)](https://www.berlin.de/sen/pflege/pflege-als-beruf/karrierechancen/artikel.1465275.php?ref=uebergabe.de) ### Die Rolle der Berliner Beratungsstelle für Pflegefachpersonen (BBeFaP) Die BBeFaP hat zwei Hauptaufgaben: Unterstützung bei Anerkennungsprozessen und die Entwicklung einer Informationsplattform. Letztere soll eine umfassende Sammlung von Informationen, wie etwa Ablaufdiagramme, FAQs und Dokumentvorlagen, bieten und gleichzeitig Unternehmen sowie Pflegefachpersonen mit Migrationshintergrund Orientierungshilfe geben. Die Beratungsstelle unterstützt Pflegefachpersonen bei der Anerkennung ihrer Abschlüsse und hilft Unternehmen, die Integrationsprozesse zu optimieren. Unternehmen können sich an die Beratungsstelle wenden, wenn sie Unterstützung benötigen, etwa bei der Organisation von Sprachkursen oder bei Fragen zu Fördermöglichkeiten. Besonders kleinere Pflegeeinrichtungen profitieren von der Expertise der BBeFaP, da diese oft nicht über eigene Abteilungen für Integrationsaufgaben verfügen. Die Beratungsstelle schließt somit eine Lücke im System, die durch den Bedarf an Unterstützung bei Einwanderung und Integration entstanden ist. ### Herausforderungen im Anerkennungsprozess Für Pflegefachpersonen aus dem Ausland ist der Anerkennungsprozess oft langwierig und komplex. Er umfasst nicht nur die bürokratische Abwicklung der Anerkennung, sondern auch die sprachliche Qualifikation und das Erfüllen länderspezifischer Vorschriften. Die größten Hindernisse bestehen in der Übersetzung von Dokumenten, der Erfüllung von Sprachanforderungen (in der Regel B2-Niveau) und dem teils zeitintensiven Ablauf der Antragsstellung. > „Das Anerkennungsverfahren dauert oft Monate und viele Pflegefachpersonen fühlen sich allein gelassen.” — Debora Aust Die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen ist entscheidend, da ohne sie Pflegefachpersonen nur im Hilfssektor arbeiten dürfen, was oft zu Frustration und finanziellen Einschränkungen führt. ### Die Bedeutung der sozialen Integration Neben der beruflichen Anerkennung ist die soziale Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland eine zentrale Herausforderung. Die BBeFaP hat erkannt, dass das Gefühl der Vereinsamung bei Pflegefachpersonen ohne soziale Netzwerke in Berlin besonders ausgeprägt ist. Ein sozialer Anschluss, z. B. durch Vereine oder Hobbys, ist entscheidend, um den Integrationsprozess nachhaltig und positiv zu gestalten. Hier unterstützt die Beratungsstelle aktiv, indem sie mit Unternehmen an Konzepten arbeitet, die Pflegefachpersonen eine bessere Eingliederung ins soziale Umfeld ermöglichen. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Herausforderungen für Unternehmen Auch Pflegeeinrichtungen stehen vor der Aufgabe, die Integration der Pflegefachpersonen erfolgreich zu gestalten. Um die Integration effektiv zu gestalten, wird Unternehmen geraten, ein Integrationskonzept zu entwickeln und sich aktiv um die neuen Mitarbeitenden zu kümmern. Wichtig ist es, die einheimische Belegschaft frühzeitig einzubinden, um Missverständnisse und Vorurteile zu vermeiden. > „Ein durchdachtes Onboarding kann den Unterschied machen” > *Debora Aust* Pflegeeinrichtungen, die ihre neuen internationalen Mitarbeitenden mit einem strukturierten Einarbeitungsprozess willkommen heißen, tragen entscheidend zur Vermeidung von Konflikten und zur langfristigen Zufriedenheit bei. ### Gesellschaftliche und politische Implikationen Die Integration internationaler Pflegefachpersonen ist nicht nur für das deutsche Gesundheitssystem von Bedeutung, sondern hat auch eine gesellschaftliche Komponente. Vielfältige Teams in Pflegeeinrichtungen bringen verschiedene Perspektiven und innovative Ansätze ein, was die Qualität der Pflege und die Patient\*innen positiv beeinflussen kann. Langfristig könnte die Pflege in Deutschland von einem offeneren und diverseren Berufsbild profitieren, das auch kulturelle Unterschiede berücksichtigt. ### Die Bedeutung von Wertschätzung und Unterstützung Die Wertschätzung und Förderung der Pflegefachpersonen aus dem Ausland ist ein wichtiger Schritt, um den Pflegeberuf in Deutschland attraktiver zu machen. Unternehmen sind gefordert, nicht nur die notwendigen Strukturen für die Anerkennung und Einarbeitung zu schaffen, sondern auch die soziale Integration zu fördern. Die emotionale und mentale Unterstützung ist gerade für Pflegefachpersonen, die ohne familiäre Bindungen in einem neuen Land ankommen, essenziell. > „Wir riefen Fachkräfte und es kamen Menschen.” Dieser Gedanke unterstreicht die Bedeutung, die Pflegefachpersonen nicht nur als Arbeitnehmende, sondern als Individuen mit eigenen Bedürfnissen und Erwartungen anzuerkennen und zu begleiten. ### Fazit: Ein wichtiger Schritt für die Pflegezukunft Die BBeFaP ist ein Modell für die integrative Pflegefachpersonenarbeit, die sowohl Pflegefachpersonen als auch Unternehmen gezielt unterstützt. Sie zeigt, wie Integration durch nachhaltige Beratung und verlässliche Strukturen möglich ist. Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass auch andere Bundesländer ähnliche Beratungsstellen einrichten und so die gesellschaftliche und berufliche Integration internationaler Pflegefachpersonen weiter fördern. Die Erfahrungen aus Berlin könnten als Blaupause dienen, um den Fachkräftemangel in der Pflege langfristig und systematisch zu lösen. ### Unsere weiteren Inhalte zum Thema: [ÜG046 - Rekrutierung aus dem Ausland (Interview mit T. Kiefer / DeFa)Wir haben bei der Deutschen Fachkräfteagentur (DeFa) nachgefragt, wie die Rekrutierung Pflegender aus dem Ausland abläuft.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-5.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug046-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug046/) [Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland🎙️ Das Klinikum Osnabrück integriert internationale Pflegekräfte zur Bekämpfung des Pflegenotstands. Durch Zusammenarbeit mit Vermittlungsagenturen, umfassende Unterstützung und interkulturelle Trainings wird die Eingliederung erleichtert.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-4.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug138.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug138/) --- ## Veranstaltungshinweise und Aufrufe 💡 Am Freitag, den 14\. Februar 2025 findet der ****27\. Netzwerk-Workshop des DNQP zum Expertenstandard „Kontinenzförderung in der Pflege”** in Osnabrück statt. Der Expertenstandard wurde im April aktualisiert und um das Thema der Stuhlinkontinenz erweitert. Die Programmbroschüre, weitere Informationen zur Veranstaltung sowie die Möglichkeit der Anmeldung finden Sie auf der [DNQP-Website.](https://www.dnqp.de/27-netzwerk-workshop/?ref=uebergabe.de) --- ## Neues aus der Übergabe-Community - [One-Minute-Wonder - Wird es in der Praxis gebraucht und genutzt?](https://community.uebergabe.de/t/one-minute-wonder-wird-es-in-der-praxis-gebraucht-und-genutzt/214?ref=uebergabe.de) - [Der große ”ich stelle mich vor” Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22?ref=uebergabe.de) - [Qualifikationsarbeiten in unserem Podcast!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/189?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG173 – Erwartungen und Realität internationaler Pflegefachpersonen (Debora Aust)](https://www.uebergabe.de/ug173/) - [ÜG138 – Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland (Sebastian WInter & Alexis Padilla Gomez)](https://www.uebergabe.de/ug138/) - [ÜG180 – Teilhabe von Pflegekräften mit Migrationsgeschichte (Yasemin Bekyol & Theresa Wagner)](https://www.uebergabe.de/ug180/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Einsatz von Aromatherapie in der Behandlung von Schmerzen URL: https://www.uebergabe.de/einsatz-von-aromatherapie-in-der-behandlung-von-schmerzen/ Last updated: 2024-11-21T08:18:48.000Z 🗓️ #58 | 21.11.2024 ### Worum geht's? Aromatherapie beinhaltet die therapeutische Nutzung ätherischer Öle, die entweder durch die Haut oder das Riechsystem aufgenommen werden. Diese Methode wird häufig zur Behandlung von psychologischen und physischen Symptomen wie Angst, Depression und eben auch Schmerz eingesetzt. ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit der Aromatherapie in der Schmerzreduktion systematisch zu überprüfen und quantitativ zu analysieren. Dies wurde mittels einer Meta-Analyse durchgeführt, um zu bewerten, in welchem Ausmaß Aromatherapie Schmerzen reduzieren kann. 💡 Ätherische Öle haben eine lange Geschichte in der Medizin und wurden bereits im alten Ägypten, Griechenland und Rom verwendet. Schon vor 5000 Jahren nutzten die Ägypter Öle aus Pflanzen für religiöse Rituale, zur Einbalsamierung und zur Behandlung von Wunden. Hippokrates, der als "Vater der Medizin" gilt, schätzte die antiseptischen Eigenschaften ätherischer Öle und empfahl duftende Bäder und Massagen zur Förderung der Gesundheit. Im Mittelalter gewann die Verwendung von Pflanzenessenzen weiter an Bedeutung, vor allem zur Bekämpfung von Infektionen. Im 16\. Jahrhundert begannen europäische Parfümeure und Alchemisten, die heilenden Eigenschaften von Ölen genauer zu untersuchen. Den Begriff "Aromatherapie" prägte der französische Chemiker René-Maurice Gattefossé im Jahr 1937, nachdem er die heilenden Effekte von Lavendelöl bei einer Verbrennung entdeckte. Seitdem hat sich die Aromatherapie weiterentwickelt und wird heute in der Komplementärmedizin zur Behandlung von Stress, Schlafstörungen, Hautproblemen und anderen Beschwerden eingesetzt. Die moderne Wissenschaft untersucht weiterhin die therapeutischen Effekte ätherischer Öle, insbesondere deren antibakterielle, entzündungshemmende und stimmungsaufhellende Eigenschaften. _This post is for paying subscribers only._ ### Recap des Deutschen Pflegetags 2024 URL: https://www.uebergabe.de/pu086/ Last updated: 2026-06-17T21:48:54.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 16.11.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Peter Nydahl erhält den Deutschen Pflegepreis 2024 für seine Intensivpflege-Forschung. - Nach dem Ampel-Aus drohen Pflegekompetenz- und Pflegefachassistenzgesetz auf der Strecke zu bleiben. - Pflegeverbände warnen vor parteitaktischem Stillstand bis zu den Neuwahlen. 📎 Diese Folge ist entsprechend kurz, hört aber gerne in unsere Folgen Live vom Deutschen Pflegetag rein! Außerdem sei euch die [150\. Folge der Übergabe: Live vom Deutschen Pflegetag mit Christel Bienstein](https://www.uebergabe.de/ug150/) zum Thema **"Was steht auf der pflegepolitischen Agenda?"* ans Herz gelegt. Viel Spaß mit dieser Folge und den weiteren vom Deutschen Pflegetag. Schaut auch auf unserem [YouTube Kanal](https://www.youtube.com/channel/UCktQFo0S7WjV6mI2hJ7-8wA?ref=uebergabe.de) vorbei! Diese Folge fällt bewusst kurz aus: Rund um den Deutschen Pflegetag 2024 ist bereits viel Material entstanden, und pflegepolitisch herrscht nach dem Bruch der Regierungskoalition vor allem Unsicherheit. Zwei Meldungen lohnen aber den genaueren Blick – eine Auszeichnung und eine eindringliche Warnung aus den Pflegeverbänden. ## Deutscher Pflegepreis 2024 geht an Intensivpflege-Forscher Peter Nydahl Den Deutschen Pflegepreis hat in diesem Jahr Peter Nydahl erhalten – Pflegewissenschaftler und Intensivpflegefachperson am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Ausgezeichnet wurde damit eine Arbeit, die in der Akutpflege längst zum festen Repertoire gehört, deren Ursprünge aber oft nicht mehr bewusst sind. Nydahls Schwerpunkte liegen in Themen, die den Alltag auf Intensivstationen unmittelbar prägen: die frühe Mobilisierung kritisch kranker Patient:innen, das Delirmanagement und die Intensivtagebücher, mit denen Betroffene und Angehörige die oft lückenhafte Zeit der Behandlung später nachvollziehen können. Aus der Würdigung durch den Deutschen Pflegerat geht hervor, dass diese Beiträge die Versorgung auf Intensivstationen nachhaltig verändert und verbessert haben. Für Pflegefachpersonen zeigt der Preis, wie eng pflegewissenschaftliche Forschung und praktische Versorgung zusammenhängen – und wie aus einzelnen Fragestellungen Standards werden können. Wie nah das an der täglichen Arbeit liegt, machen auch scheinbar kleine, aber belastende Symptome wie das [Durstgefühl bei Patient:innen auf der Intensivstation](https://www.uebergabe.de/umgang-mit-durstgefuhl-bei-patient-innen-auf-der-intensivstation/) deutlich, das in der Versorgung lange unterschätzt wurde. ## Nach dem Koalitionsbruch: Pflegeverbände bangen um Pflegekompetenz- und Pflegefachassistenzgesetz Die zweite Meldung war zum Zeitpunkt der Folge brandaktuell: Das Scheitern der Regierungskoalition im November 2024 wurde in der Pflegebranche mit großer Sorge aufgenommen. Mehrere Pflegeverbände forderten die Politik auf, die zentralen Gesetzesvorhaben nicht weiter aufzuschieben – darunter das geplante Pflegekompetenzgesetz und das Gesetz zur Pflegefachassistenz. Besonders deutlich wurde die [Vereinigung der Pflegenden in Bayern](https://www.vdpb-bayern.de/?ref=uebergabe.de). Ihre Präsidentin warnte davor, dass die Pflegepolitik zum Spielball parteitaktischer Interessen werde – und dass am Ende die beruflich Pflegenden und die Patient:innen die Leidtragenden wären. Kritik richtete sich dabei auch an die Union, die angekündigt hatte, mit ihren Stimmen keine weiteren gesundheitspolitischen Gesetze mehr durch den Bundestag bringen zu wollen. Der [Referentenentwurf des Pflegekompetenzgesetzes](https://www.uebergabe.de/pu081/) hätte beruflich Pflegenden mehr eigenständige Befugnisse eröffnen können – etwa bei der Übernahme heilkundlicher Tätigkeiten. Mit dem absehbaren Weg in Neuwahlen drohte zum Zeitpunkt der Folge jedoch ein längerer Stillstand: Viele dieser Vorhaben standen damals in den Sternen, eine Weiterbearbeitung war bis zur Wahl kaum zu erwarten. Wie sich die Lage tatsächlich entwickelt hat, lässt sich erst in den folgenden Episoden nachvollziehen. Auf dem Deutschen Pflegetag selbst war diese Hängepartie bereits spürbar: Die Parteien nutzten die Bühne erkennbar zum Wahlkampf, und in den Gesprächen ging es ebenso um Befürchtungen wie um die Hoffnung, einzelne Reformen doch noch über die Ziellinie zu bringen. Ausführliche Stimmen dazu – unter anderem mit Christine Vogler, Sandra Postel, David Benton und Heinz Rothgang – findest du in den [beiden Live-Folgen vom Kongress](https://www.uebergabe.de/pu081/). ## Zum Weiterhören - [PU084 – Live vom Deutschen Pflegetag 2024 - Tag 1](https://www.uebergabe.de/pu084/) - [PU085 – Live vom Deutschen Pflegetag 2024 - Tag 2](https://www.uebergabe.de/pu085/) - [ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein? - Live vom Deutschen Pflegetag 2024](https://www.uebergabe.de/ug150/) --- ## Rückblick auf den Deutschen Pflegetag: Pflegepreis und politische Herausforderungen Auch in diesem Jahr bot der Deutsche Pflegetag eine inspirierende Plattform, um die Chancen und Herausforderungen der Pflegebranche zu beleuchten. Obwohl der Koalitionsbruch vom Vorabend zunächst für Verunsicherung sorgte, ließ sich die engagierte Stimmung davon nicht trüben. Pflegefachpersonen und politische Vertreter:innen nutzten die Gelegenheit, um die Pflege als eigenverantwortliche Profession weiter voranzubringen. ## Ehrung für Peter Nydahl: Deutscher Pflegepreis Ein besonderer Höhepunkt des Pflegetags war die Verleihung des Deutschen Pflegepreises an **Peter Nydahl**, Pflegewissenschaftler und Intensivpflegefachperson an der Uniklinik Schleswig-Holstein. Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, betonte Nydahls Einfluss auf die Intensivpflege. Nydahls langjähriges Engagement dient der Pflegepraxis als Vorbild und Inspiration. ## Melde dich für unseren Newsletter an Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. ## Politischer Stillstand als Belastung für die Pflege Mit Sorge blickt die Pflegebranche auf die derzeitige politische Situation: Der Bruch in der Regierungskoalition führt zu Verzögerungen bei dringend benötigten Gesetzesvorhaben. Besonders das [Pflegekompetenzgesetz](https://www.uebergabe.de/pu081/) und das Pflegeassistenzeinführungsgesetz stehen dabei im Fokus. Verbände wie die [Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB)](https://www.vdpb-bayern.de/?ref=uebergabe.de) appellieren eindringlich an die Politik, die Pflege nicht zum Spielball parteitaktischer Interessen werden zu lassen. VdPB-Präsidentin Kathrin Weidenfelder mahnt: > *„Zeit ist eine Ressource, die die Pflege längst nicht mehr hat.“* Jede Verzögerung treffe die beruflich Pflegenden und die Patient:innen. --- ### Shownotes: [Der Kongress für Pflege in DeutschlandNicht verpassen: Am 07\. & 08\. November findet der Deutsche Pflegetag 2024 im hub27 Berlin statt. Seien Sie mit dabei!![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-3.ico)Der Kongress für Pflege in Deutschland![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo-1.png)](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) [Deutscher Pflegerat - Willkommen beim DPRWillkommen auf der Webseite des DPR! Wir vertreten als Bundesarbeitsgemeinschaft und Dachverband seit 1998 die bedeutendsten Berufsverbände des Pflege- und Hebammenwesens in Deutschland.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon-4.ico)Deutscher Pflegerat![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ogimg.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) [Was steht auf der pflegepolitischen Agenda?🎙️ Unsere 150\. Folge ist ganz besonders: wir sprechen mit Christel Bienstein als Präsidiumsmitglied des Deutschen Pflegerats über die aktuellen Entwicklungen und Hürden in der Pflegepolitik.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-13.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeLukas![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug150-1.png)](https://www.uebergabe.de/ug150/) [Live vom Deutschen Pflegetag: Perspektiven und Herausforderungen🎙️ In Folge 84 geben wir Euch Einblicke in den Deutschen Pflegetag 2024 aus Berlin! Dieser Pflegetag stand ganz im Zeichen des Koalitionsbruchs der Ampel.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-14.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMax![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/pu084-2.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu084/) [Live vom Deutschen Pflegetag: Pflegepolitik als Zukunftsthema🎙️ In Folge 85 geben wir Euch weitere Einblicke in den Deutschen Pflegetag 2024 aus Berlin! Dieser Pflegetag stand einerseits ganz im Zeichen des Koalitionsbruchs der Ampel, gleichzeitig aber auch im Lichte der weiteren Entwicklungen rund um die Pflege.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-15.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMax![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Pflegeupdate_Episoden_Cover-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu085/) --- ## Unsere One Minute Wonder sind da 🎉 Mit diesem Newsletter erhältst du unser erstes [One Minute Wonder](https://www.uebergabe.de/durst-auf-der-intensivstation/). Es greift das Thema [Durst auf der Intensivstation](https://www.uebergabe.de/umgang-mit-durstgefuhl-bei-patient-innen-auf-der-intensivstation/) auf und gibt einen kompakten Überblick zu diesem komplexen Thema. [Florian](https://www.uebergabe.de/author/florian/) hat es analog zum Briefing gemacht und wir sind schon etwas stolz, dass wir Dir ab jetzt immer mal wieder ein One Minute Wonder schenken können. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/11/Durst-auf-der-ITS-5.jpg) 💡 Eine Minute warten - eine Minute lernen: Das ist das ****One Minute Wonder** (OMW). Stell dir vor, du wartest auf der Station kurz auf ein Laborergebnis oder dein Kaffee läuft noch durch - in dieser einen Minute kannst du was lernen. An solchen Warteplätzen eignen sich kleine Infotafeln, die du super schnell überfliegen kannst. Die Themen kommen direkt von uns Pflegenden selbst. So nutzt du die Zeit, die du sowieso rumstehst, und schnappst nebenbei was Neues auf. Wir werden die [One Minute Wonder](https://www.uebergabe.de/404/) unregelmäßig per Newsletter für unsere Mitglieder versenden, du bekommst natürlich auch Zugriff auf das Archiv! Vielleicht schaffen wir es, dass wir regelmäßig welche kreieren - umso besser für Dich! Wichtig: Natürlich wird es die One Minute Wonder für unsere Mitglieder kostenlos geben 😉 ### Lade dir hier das erste One Minute Wonder runter 👇 [One Minute Wonder: Durst auf der IntensivstationUnser erstes One Minute Wonder ist auf Grundlage eines Briefings entstanden und es behandelt das Problem, dass Durst als belastendes Symptom bei Intensivpatient:innen, oft vernachlässigt wird.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-18.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Durst-1.webp)](https://www.uebergabe.de/durst-auf-der-intensivstation/) --- ## Aktuelle Themen in der Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/1MmxMR_JxXAAAAAC/pow-wow.gif) ### Durst auf der Intensivstation URL: https://www.uebergabe.de/durst-auf-der-intensivstation/ Last updated: 2026-02-10T19:23:45.000Z Unser erstes One Minute Wonder ist auf Grundlage eines Briefings entstanden und es behandelt das Problem, dass Durst als belastendes Symptom bei Intensivpatient:innen, oft vernachlässigt wird. _This post is for subscribers only._ ### Schmerzbewertung bei Patient:innen mit Delir URL: https://www.uebergabe.de/schmerzbewertung-bei-patient-innen-mit-delir/ Last updated: 2024-11-14T15:38:05.000Z 🗓️ #57 | 14.11.2024 ### Worum geht's? Das zentrale Thema der Studie ist die Schwierigkeit der Schmerzbewertung bei Patient:innen mit Delir. Das Delir ist eine neurokognitive Störung und führt zu Störungen der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins, die die Kommunikation von Schmerzempfinden beeinflussen können. Die Untersuchung konzentriert sich auf die Anwendung und Validität verschiedener Schmerzbewertungsinstrumente und -strategien in dieser speziellen Patientengruppe. 💡 Der ICD10 Katalog beschreibt das Delir als „**Ein ätiologisch unspezifisches hirnorganisches Syndrom, das charakterisiert ist durch gleichzeitig bestehende Störungen des Bewusstseins einerseits und mindestens zwei der nachfolgend genannten Störungen andererseits: Störungen der Aufmerksamkeit, der Wahrnehmung, des Denkens, des Gedächtnisses, der Psychomotorik, der Emotionalität oder des Schlaf-wach-Rhythmus. Die Dauer ist sehr unterschiedlich und der Schweregrad reicht von leicht bis zu sehr schwer.“* ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie hatte das Ziel, Strategien und Instrumente zur Schmerzbewertung bei erwachsenen Patient:innen mit Delir zu identifizieren und zu evaluieren. Da ein Delir die Fähigkeit der Patient:innen, Schmerzen selbst zu melden, stark beeinträchtigen kann, wollte die Studie Ansätze erfassen, die eine adäquate Schmerzbewertung ermöglichen könnten. _This post is for paying subscribers only._ ### Live vom Deutschen Pflegetag 2024 - Tag 2 URL: https://www.uebergabe.de/pu085/ Last updated: 2026-06-13T23:27:36.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 10.11.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflege gilt zunehmend als Menschenrecht – zugänglich und würdevoll für alle. - Pflegende Angehörige brauchen Sichtbarkeit, Entlastung und gesellschaftliche Anerkennung. - Du sollst Pflege als wahlentscheidendes Zukunftsthema politisch positionieren. - Der Arztvorbehalt bremst Pflegekompetenzen – mehr Autonomie stärkt die Pflege. - KI und regionale Kompetenzzentren bieten Chancen, brauchen aber ethische Kontrolle. 📎 Der zweite Tag, den wir Live vom Deutschen Pflegetag 2024 berichten Wir sprechen mit interessanten Vertreter\*innen aus Politik, Wissenschaft, Bildung und Pflegepraxis. Hinter dem Mikro sitzen und stehen in diesem Teil unter anderem Heinz Rothgang, Sandra Postel oder Martina Hasseler. Eine interessante Berichterstattung dieses wichtigen Events für die Pflege. ## Zum Weiterhören - [PU084 – Live vom Deutschen Pflegetag 2024 - Tag 1](https://www.uebergabe.de/pu084/) - [PU086 – Recap des Deutschen Pflegetags 2024](https://www.uebergabe.de/pu086/) - [ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein? - Live vom Deutschen Pflegetag 2024](https://www.uebergabe.de/ug150/) --- ## Pflege als unverzichtbares Menschenrecht Pflege wird zunehmend als integraler Bestandteil des Menschenrechts auf Gesundheit angesehen. Sandra Postel, Präsidentin der [Landespflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de), unterstrich in ihrer Rede die Notwendigkeit, Pflege als Recht für alle Menschen zu verankern — unabhängig von sozialen oder ökonomischen Faktoren. Dieses Menschenrecht zu wahren erfordert laut Postel eine umfassende gesellschaftliche Verantwortung und politisches Handeln. > „Pflege darf keine Frage der Ressourcen sein, sondern muss für alle Menschen gleichermaßen zugänglich und würdevoll sein” - Sandra Postel Die Diskussion rund um menschenwürdige Pflege und deren Platz im deutschen Gesundheitssystem stieß auf breite Zustimmung und zeigte die Notwendigkeit auf, ein System zu schaffen, das Pflege in allen Facetten gerecht und zugänglich macht. Der Deutsche Pflegetag diente als Plattform für einen klaren Appell an die Politik: Pflege muss in der gesellschaftlichen Struktur fest verankert und als Grundrecht anerkannt werden. ![Aufnahme mit Sandra Postel](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/11/DSCF8250-1.jpg) Aufnahme mit Sandra Postel ### Die Perspektive pflegender Angehöriger Ein emotionaler Moment der Veranstaltung war das Interview mit Herbert Probst, einem pflegenden Angehörigen, der von den täglichen Herausforderungen berichtete. Er schilderte, wie sehr Zeitdruck und fehlende Unterstützung den Alltag vieler pflegender Angehöriger prägen. Für ihn sei es ein zentrales Anliegen, dass Pflege in der Gesellschaft sichtbar wird und pflegende Angehörige die notwendige Entlastung und Anerkennung erhalten. > „Pflege sollte etwas ganz Normales sein — nichts Außergewöhnliches, sondern eine Selbstverständlichkeit.” - Herbert Probst Probst erklärte, dass Pflegearbeit allzu oft im Verborgenen stattfinde und die enorme Belastung für pflegende Angehörige kaum beachtet werde. Er forderte gezielte Rückzugsräume und Unterstützungssysteme, um Pflegende vor Überlastung zu schützen. Seine Stimme unterstrich die Dringlichkeit, die Pflegearbeit als gesellschaftliche Pflicht zu erkennen und Strukturen zu schaffen, die pflegenden Angehörigen angemessen entlasten. ### Pflegepolitik als gesellschaftliches Zukunftsthema [Der Deutsche Pflegetag 2024](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) fand zu einem Zeitpunkt statt, der politisch hoch relevant ist. Daher wurde die Konferenz genutzt, um die Pflege als ein zentrales gesellschaftliches Thema zu positionieren. Sandra Postel erläuterte, dass die Pflege auch als wahlentscheidendes Thema wahrgenommen werden müsse, das weit über parteipolitische Differenzen hinausgeht. In diesem Kontext wurden besonders das Pflegekompetenzgesetz und die Krankenhausreform intensiv diskutiert. > „Pflegende müssen als politisch einflussreiche Wählergruppe wahrgenommen werden. Pflege ist ein Zukunftsthema, das alle angeht.” - Sandra Postel Die Rolle der Pflegefachpersonen als potenziell einflussreiche Wählergruppe wurde dabei herausgestellt. Postel appellierte an alle Anwesenden, im Wahlkampf aktiv Position zu beziehen und Pflege als eine politische Priorität einzufordern. Dies sei ein entscheidender Schritt, um die Zukunft der Pflege in Deutschland zu sichern und sie für kommende Generationen als attraktive und menschenwürdige Berufung zu gestalten. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Strukturelle Hürden: Die Debatte um den Arztvorbehalt Ein bedeutendes Thema des Pflegetags war die strukturelle Einschränkung der Kompetenzen von Pflegefachpersonen durch den sogenannten „Arztvorbehalt”. Professorin [Martina Hasseler](https://www.martina-hasseler.com/?ref=uebergabe.de) brachte ihre internationale Perspektive ein und erklärte, wie dieser Vorbehalt in Deutschland die Handlungsspielräume von Pflegefachpersonen stark beschränkt. Im Gegensatz dazu würden in den USA „Advanced Nurse Practitioners” deutlich autonomer arbeiten und selbst Diagnosen und Therapien durchführen. Hasseler sieht in der Abschaffung oder Lockerung des Arztvorbehalts einen entscheidenden Schritt, um die Pflege in Deutschland zu stärken. Diese Anpassung würde Pflegefachpersonen mehr Verantwortung und Entscheidungsfreiheit verleihen und gleichzeitig die Qualität der Pflegeversorgung verbessern. Hasseler betonte, dass Pflege in Deutschland durch diese Erweiterung an Attraktivität und Autonomie gewinnen würde und langfristig dazu beitragen könnte, die Pflegeberufe für mehr Menschen zugänglich und wertvoll zu machen. ![Aufnahme mit Christine Vogler](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/11/Image_20241109_191957_659.jpeg) Aufnahme mit Christine Vogler ### Internationale Perspektiven und der Wert klarer Regulierung Der britische Pflegeexperte David Benton stellte dar, wie unterschiedliche Länder das Recht auf Pflege in ihre Gesellschaften und rechtlichen Strukturen integrieren. Benton betonte die Bedeutung klarer Regulierungen und Qualitätssicherungen, die sicherstellen, dass jede Pflegefachperson über die notwendige Qualifikation und Kompetenz verfügt, um die bestmögliche Versorgung zu bieten. Dabei ist das Recht auf Pflege nicht nur ein ethisches Anliegen, sondern eine praktische Notwendigkeit für eine funktionierende Gesundheitsversorgung. > „Nur durch klare Regulierung und Qualitätssicherung können wir sicherstellen, dass Pflege überall auf hohem Niveau erbracht wird.” - David Benton Benton schilderte, dass in den USA umfassende Systeme zur Echtzeit-Überwachung und Ressourcenverteilung bestehen. Diese Daten machen es möglich, die Verfügbarkeit und den Bedarf an Pflegefachpersonen in jedem Bereich genau nachzuvollziehen. Er sieht solche Standards als unverzichtbar, um langfristig eine bedarfsgerechte und effiziente Pflege zu ermöglichen. Der Deutsche Pflegetag 2024 unterstrich, dass auch in Deutschland ein solches System etabliert werden sollte, um die Qualität und Zugänglichkeit der Pflege zu garantieren. ![Aufnahme mit David Benton](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/11/DSCF8379.jpg) Aufnahme mit David Benton ### Zukunftstechnologien und ihre Rolle in der Pflege **Künstliche Intelligenz: Potenziale und ethische Anforderungen** Die Integration Künstlicher Intelligenz (KI) in die Pflege wurde ebenfalls auf dem Pflegetag diskutiert. Der Pflegewissenschaftler [Manfred Hülsken-Giesler](https://www.igb.uni-osnabrueck.de/abteilungen/pflegewissenschaft/personal/manfred%5Fhuelsken%5Fgiesler.html?ref=uebergabe.de) machte deutlich, dass KI im Pflegealltag große Chancen bietet, pflegende Personen zu entlasten. Gleichzeitig unterstrich er, dass eine umfassende ethische Kontrolle notwendig ist, um sicherzustellen, dass KI-Systeme im Sinne der pflegerischen Arbeit entwickelt werden und dass sie die Autonomie und Würde der Pflegebedürftigen wahren. ![Aufnahme mit Manfred Hülsken-Giesler](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/11/DSCF8275.jpg) Aufnahme mit Manfred Hülsken-Giesler Hülsken-Giesler sprach auch die Notwendigkeit an, dass Pflegefachpersonen aktiv in die Entwicklung und Umsetzung solcher Technologien einbezogen werden. Nur so könne verhindert werden, dass KI-Lösungen primär wirtschaftlichen Interessen dienen und nicht den Bedürfnissen der pflegebedürftigen Menschen oder der Pflegenden selbst. Dies ist ein Beispiel für den Balanceakt zwischen Innovation und Menschenwürde, der für die Zukunft der Pflege von zentraler Bedeutung sein wird. **Regionale Pflegekompetenzzentren als Vorbild für präventive Pflege** Ein weiterer Lösungsansatz, der auf dem Deutschen Pflegetag 2024 vorgestellt wurde, sind regionale Pflegekompetenzzentren. Diese sollen Pflegebedürftigen ermöglichen, länger in ihrem gewohnten Umfeld zu bleiben und dabei eine qualitativ hochwertige Versorgung zu erhalten. Hülsken-Giesler wies darauf hin, dass solche Zentren auf eine stabile und nachhaltige Finanzierung angewiesen sind. Die Umsetzung solcher Konzepte könnte jedoch langfristig die Pflegeversorgung in Deutschland grundlegend verbessern und für eine präventive, bedürfnisgerechte Pflege sorgen. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/11/DSCF7665.jpg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/11/DSCF8098.jpg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/11/DSCF8134.jpg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/11/DSCF8243.jpg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/11/Image_20241109_111757_009.jpg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/11/Image_20241109_215511_305.jpeg) Momente des Deutschen Pflegetags 2024 --- ### Live vom Deutschen Pflegetag - Tag 1 [Live vom Deutschen Pflegetag: Perspektiven und Herausforderungen🎙️ In Folge 84 geben wir Euch Einblicke in den Deutschen Pflegetag 2024 aus Berlin! Dieser Pflegetag stand ganz im Zeichen des Koalitionsbruchs der Ampel.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-9.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMax![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/pu084-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu084/) ### Live mit Christel Bienstein [Was steht auf der pflegepolitischen Agenda?🎙️ Unsere 150\. Folge ist ganz besonders: wir sprechen mit Christel Bienstein als Präsidiumsmitglied des Deutschen Pflegerats über die aktuellen Entwicklungen und Hürden in der Pflegepolitik.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-10.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeLukas![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug150.png)](https://www.uebergabe.de/ug150/) ### Aktuelle Themen in der Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) #### Wichtige Links - [Deutscher Pflegetag in Berlin ](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de)(deutscher-pflegetag.de) - [Deutscher Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Petition zur Patient:innensicherheit des APS e.V.](https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/%5F2024/%5F08/%5F09/Petition%5F171371.nc.html?ref=uebergabe.de) (bundestag.de) - [Mein Name ist Mensch](https://meinnameistmensch.de/?ref=uebergabe.de) (meinnameistmensch.de) --- ![](https://media.tenor.com/pakzecn3_jgAAAAC/teamwork.gif) ### Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein? - Live vom Deutschen Pflegetag 2024 URL: https://www.uebergabe.de/ug150/ Last updated: 2026-06-13T12:58:27.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 09.11.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Wegen des Ampelbruchs kommt das Pflegekompetenzgesetz vorerst nicht zustande. - Christel Bienstein sieht die generalistische Ausbildung als großen Meilenstein der Pflege. - Das Pflegekompetenzgesetz soll Pflegefachpersonen mehr Kompetenzen und Handlungsspielräume geben. - Pflegeforschung liefert Erkenntnisse, doch die Umsetzung in die Praxis fehlt oft. - Ein stark finanzierter Deutscher Pflegerat soll den Beruf langfristig absichern. ## Pflegepolitik nach dem Ampelbruch - Live von der Bühne?! Als wir uns auf diese Folge vorbereitet haben, wollten wir eigentlich im Detail mit Frau Prof.in. Christel Bienstein, Präsidiumsmitglied des [Deutschen Pflegerats (DPR)](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) und Pflegepionierin über das Pflegekompetenzgesetz sprechen. Und wäre der Pflegetag einen Tag früher gewesen, wäre es auch genauso gekommen... Aber dann kam alles anders. Nach der Auflösung der Koalition war klar, dass das Gesetz in dieser Form **nicht** in dieser Legislaturperiode kommen wird. Also haben wir kurzerhand die Folge umgestellt. ### Die Pflege voranbringen: Eindrücke vom Deutschen Pflegetag [Der Deutsche Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) hat sich als zentrale Plattform für den Austausch zur Zukunft der Pflege etabliert. In dieser besonderen Live-Podcastaufnahme reflektiertet Christel Bienstein zusammen mit uns über Herausforderungen und Chancen im Berufsfeld. Von Pflegekompetenzgesetzen bis zur Digitalisierung: Dieser Beitrag bietet eine Zusammenfassung der Diskussionen und einen Blick auf die Zukunftsperspektiven. Wenn ihr weitere Einblicke vom Deutschen Pflegetag bekommen wollt, könnt ihr gerne auch in unsere [Folge des PflegeUpdates ](https://www.uebergabe.de/pu084/)reinhören. ### Pflege als zukunftsträchtiger Beruf mit Hürden Pflegefachpersonen haben immer wieder ihre Bedeutung für das Gesundheitssystem unter Beweis gestellt. Die Wertschätzung für ihren Beruf und der Wunsch nach einer verbesserten Ausbildung und Anerkennung waren zentrale Themen. Die Einführung der generalistischen Ausbildung gilt als einer der größten Meilensteine. Diese Ausbildung vereinheitlicht Pflegeberufe, die bislang getrennt waren und macht die Qualifikation international wettbewerbsfähig. Sie ermöglicht eine fundierte und vielfältige Qualifizierung der Pflegefachpersonen und schafft eine stärkere Basis für den Beruf. *„Die generalistische Ausbildung ist ein bedeutender Schritt für die Pflege in Deutschland. Damit schließen wir endlich zu anderen Ländern auf.” - Christel Bienstein* ### Pflegekompetenz und Gesetzesinitiativen Eine weitere Diskussion dreht sich um das sogenannte Pflegekompetenzgesetz. Dieses Gesetz soll Pflegefachpersonen neue Kompetenzen und Handlungsspielräume geben, die bislang den Ärzt:innen vorbehalten sind. Zum Beispiel könnte durch das Pflegekompetenzgesetz die Entscheidungskompetenz über Maßnahmen wie Wundversorgung oder das Legen eines Katheters auf Pflegefachpersonen übertragen werden. In Ländern wie Skandinavien ist das längst Praxis — hier betreuen spezialisierte Pflegedienste Patient:innen nach Operationen in deren Zuhause, was Kosten spart und die Gesundheitsversorgung verbessert. „Wir brauchen das Pflegekompetenzgesetz, um Aufgaben klarer zu verteilen und die Qualität der Pflege zu verbessern.” - Christel Bienstein ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung.Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Forschung und Wissenstransfer: Der Blick auf Pflegewissenschaft Pflegeforschung hat in Deutschland immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die Erkenntnisse über die optimale Versorgung pflegebedürftiger Menschen wachsen stetig, doch die Umsetzung in die Praxis bleibt oft aus. Studien zeigen etwa, dass Dekubitus vor allem nachts auftritt und durch spezifische Maßnahmen vermieden werden könnte. Der Mangel an Pflegefachpersonen führt jedoch dazu, dass diese Erkenntnisse oft ungenutzt bleiben, was sowohl die Versorgungsqualität beeinträchtigt als auch Kosten erhöht. Ein Problem sieht die Pflegewissenschaft auch darin, dass Forschungsergebnisse häufig durch Modellprojekte getestet, jedoch nicht langfristig implementiert werden. ### Ein besseres Arbeitsumfeld für Pflegefachpersonen Ein wichtiger Punkt war das Fehlen einer starken Vertretung für Pflegefachpersonen. Berufspolitische Vertretungen wie der Deutsche Pflegerat (DPR) setzen sich kontinuierlich für die Rechte und Bedürfnisse der Pflegeberufe ein. Dabei spielt der DPR eine entscheidende Rolle, da er als Plattform für pflegerische Anliegen dient. Eine Stärkung dieser Institution wäre ein wichtiger Schritt, um den Beruf langfristig abzusichern und eine zentrale Anlaufstelle für pflegerische Anliegen zu schaffen. Ziel ist es, den DPR dauerhaft zu finanzieren, unabhängig von politischen Veränderungen. ### Chancen und Herausforderungen: Pflege in Deutschland stärken Obwohl die Pflege in Deutschland als „zukunftssicher” gilt, bleibt der Pflegeberuf in vielen Bereichen hinter den Möglichkeiten zurück, die andere Länder bereits ausgeschöpft haben. Viele Personen am Pflegetag sprachen über die Notwendigkeit, neue Technologien und Digitalisierung für die Pflege zu nutzen, um den Arbeitsalltag zu erleichtern und die Pflegequalität zu verbessern. Digitale Helfer könnten nicht nur die Kommunikation innerhalb der Pflege verbessern, sondern auch den Zugang zur Pflege für Patient:innen erleichtern. ### Fazit: Ein Blick in die Zukunft der Pflege Der Deutsche Pflegetag zeigt, dass die Pflege in Deutschland auf einem guten Weg ist, jedoch noch viel Potenzial für Verbesserungen besteht. Pflegefachpersonen sind das Rückgrat des Gesundheitssystems und verdienen eine Struktur, die sie unterstützt und stärkt. Innovative Gesetzesinitiativen, wie das Pflegekompetenzgesetz, sind notwendige Schritte, um den Beruf zukunftsfähig zu machen und die Pflege in Deutschland nachhaltig zu fördern. ### Ein herzliches Dankeschön an unsere Hörenden Ein großer Dank gilt allen, die den Übergabepodcast über die Jahre hinweg begleitet haben. Ohne eure kontinuierliche Unterstützung, das wertvolle Feedback und die vielen inspirierenden Rückmeldungen wäre dieser Meilenstein nicht möglich gewesen. Ihr seid es, die den Podcast zu einem festen Bestandteil im Pflegebereich gemacht haben und uns immer wieder motivieren, spannende Themen und Perspektiven zu beleuchten. Das Team der Übergabe freut sich darauf, gemeinsam mit euch die nächsten 150 Folgen zu gestalten und die Pflege auch weiterhin mitzugestalten. --- ## Weitere Inhalte zum Thema [Live vom Deutschen Pflegetag: Perspektiven und Herausforderungen🎙️ In Folge 84 geben wir Euch Einblicke in den Deutschen Pflegetag 2024 aus Berlin! Dieser Pflegetag stand ganz im Zeichen des Koalitionsbruchs der Ampel.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-6.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMax![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/pu084.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu084/) [Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland🎙️ Das Klinikum Osnabrück integriert internationale Pflegekräfte zur Bekämpfung des Pflegenotstands. Durch Zusammenarbeit mit Vermittlungsagenturen, umfassende Unterstützung und interkulturelle Trainings wird die Eingliederung erleichtert.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-8.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug138-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug138/) [ÜG113 - Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri) - ÜbergabeIn diesem brandneuen Podcast dreht sich alles um Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis im Projekt FAMOUS.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-7.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug113-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug113/) --- ## Neues aus der Übergabe-Community - [One-Minute-Wonder - Wird es in der Praxis gebraucht und genutzt?](https://community.uebergabe.de/t/one-minute-wonder-wird-es-in-der-praxis-gebraucht-und-genutzt/214?ref=uebergabe.de) - [Der große ”ich stelle mich vor” Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22?ref=uebergabe.de) - [Qualifikationsarbeiten in unserem Podcast!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/189?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/U9Ee8IEkRXsAAAAC/national-dog-day-team.gif) ## Zum Weiterhören - [ÜG130 – Neue Kompetenz in der Pflege (Gabriele Hönes)](https://www.uebergabe.de/ug130/) - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) - [ÜG017 – Generalistische Ausbildung - (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug017/) ### Live vom Deutschen Pflegetag 2024 - Tag 1 URL: https://www.uebergabe.de/pu084/ Last updated: 2026-06-13T23:27:37.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 08.11.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Pflegekompetenzgesetz soll Pflegefachpersonen mehr Verantwortung geben, stockt aber politisch. - Advanced Practice Nursing braucht in deutschen Kliniken noch flächendeckende Rahmenbedingungen. - Fachkräftemangel und Krankenhausreform belasten den Klinikalltag massiv. - Pflegekammern und Berufsverbände stärken deine berufliche Selbstvertretung. - Das APS fordert ein bundesweites Never-Event-Register für mehr Patient:innensicherheit. 💡 Live Live Live vom Deutschen Pflegetag 2024! Wir sprechen mit verschiedenen Vertreter\*innen aus Politik, Wissenschaft und Bildung. Darüber hinaus hört Ihr Stimmen von Besuchenden und Referent\*innen. Hört auch unbedingt am Samstag die 150\. Folge der Übergabe: Live vom Deutschen Pflegetag mit Christel Bienstein zum Thema "Was steht auf der pflegepolitischen Agenda?" - das dürft Ihr nicht verpassen. Viel Spaß mit dieser Folge und den weiteren vom Deutschen Pflegetag. Schaut auch auf unserem [YouTube Kanal](https://www.youtube.com/channel/UCktQFo0S7WjV6mI2hJ7-8wA?ref=uebergabe.de) vorbei! ## Zum Weiterhören - [PU106 – Deutscher Pflegetag 2025](https://www.uebergabe.de/pu106/) - [PU108 – Pflegekompetenzgesetz / Recap DPT 2025](https://www.uebergabe.de/pu108/) - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) --- ## **Pflege im Wandel: Herausforderungen und Chancen einer Berufung** Der Pflegeberuf steht vor weitreichenden Veränderungen. Neben alltäglichen Herausforderungen beschäftigt sich die Pflegebranche zunehmend mit Fragen der Politik und den Möglichkeiten, wie Pflegefachpersonen stärker und eigenverantwortlicher agieren können. [Der Deutsche Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) hat sich einmal mehr als ein zentraler Treffpunkt etabliert, an dem Themen wie Pflegekompetenz, neue Berufsbilder und rechtliche Reformen diskutiert wurden. ### Die Rolle des Deutschen Pflegetags Der Deutsche Pflegetag ist mittlerweile zu einem wichtigen Ort geworden, an dem aktuelle Herausforderungen und Zukunftsperspektiven im Pflegebereich zusammengeführt werden. Pflegefachpersonen, politische Akteur:innen und Vertreter:innen verschiedener Organisationen treffen sich hier, um Ideen zu sammeln und in die Diskussion zu bringen. Mit spannenden Vorträgen und Diskussionsrunden bietet der Pflegetag eine Plattform für den Austausch über Probleme, Erfolge und die Weiterentwicklung der Pflegeberufe. ### Pflegekompetenz: Das neue Gesetz als Hoffnungsträger? Einer der zentralen Punkte in der Diskussion war das Pflegekompetenzgesetz. Dieses Gesetz soll festlegen, dass Pflegefachpersonen mehr Verantwortung übernehmen können. **Christine Vogler**, Präsidentin des [Deutschen Pflegerates](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de), drückte aus, wie entscheidend dieses Gesetz für die Zukunft der Pflege sei: „Jeder Tag, an dem das Pflegekompetenzgesetz nicht auf den Weg gebracht wird, ist ein verlorener Tag für die Versorgung der Menschen.” Denn das Gesetz sieht vor, dass Pflegefachpersonen verstärkt in die Entscheidungsprozesse in der Gesundheitsversorgung eingebunden werden und Verantwortung für spezifische pflegerische Handlungen übernehmen können. Doch der aktuelle politische Stillstand bedroht dieses Ziel. Durch die Unsicherheiten auf Bundesebene wurde die Umsetzung des Gesetzes erneut verschoben. Dabei wären klare und einheitliche Qualifikationsstandards für Pflegeberufe dringend notwendig, wie auch andere Sprecher:innen betonten. Die Implementierung eines einheitlichen Bildungsprojekts für Pflege könnte dafür sorgen, dass Pflegefachpersonen bundesweit aufeinander abgestimmte Qualifikationen erhalten und so flexibler eingesetzt werden können. ### Pflegewissenschaft und Advanced Practice Nursing (APN) In Deutschland wird auch über das Thema „Advanced Practice Nursing” (APN) zunehmend diskutiert. APN beschreibt ein weiterentwickeltes Pflegeverständnis, das spezialisierte, akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen miteinbezieht, die eigenständige Rollen in der Patient:innenversorgung übernehmen können. Diese neue Art der Fachkompetenz soll nicht nur die Patient:innenversorgung aufwerten, sondern auch dazu beitragen, den Fachkräftemangel zu bekämpfen. APNs könnten eine größere Bandbreite an Aufgaben übernehmen. Ein Master-Abschluss für APN bringt Studierende jedoch auch vor Herausforderungen, wie **Markus Münch** von der [FH Münster](https://www.fh-muenster.de/de/?ref=uebergabe.de) betonte: „Die Praxis hat das Potenzial noch nicht ausreichend erkannt”. In den Kliniken sind die Rahmenbedingungen für APN in Deutschland noch nicht flächendeckend geschaffen, weshalb der Berufseinstieg oft mit Unsicherheiten verbunden ist. ### Veränderte politische Rahmenbedingungen: Pflege auf wackeligem Boden Die jüngsten politischen Entwicklungen beeinflussen die pflegerische Berufspraxis auf allen Ebenen. [**Karl Lauterbach**, Gesundheitsminister](https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskabinett/karl-lauterbach-1974292?ref=uebergabe.de), betonte auf dem Pflegetag die Bedeutung der Pflegekompetenz und die Notwendigkeit, weiter an der gesetzlichen Stärkung der Pflegeberufe zu arbeiten. „Der Pflegerat bleibt der zentrale Ansprechpartner für die Beratung unserer Gesetze,” hob Lauterbach hervor. Die politische Zusammenarbeit zwischen den Ministerien und dem Deutschen Pflegerat wird als essentiell angesehen, um die Pflege in Deutschland langfristig zu stärken. Doch die Frage bleibt, wie schnell sich die politische Landschaft stabilisiert und wie bald Gesetzesentwürfe wieder in Angriff genommen werden können. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Herausforderungen im Klinikalltag: Zwischen Strukturreform und Fachkräftemangel Die Pflege in den Krankenhäusern steht vor zahlreichen Problemen. Der Fachkräftemangel wird zunehmend spürbar und die angestrebte Krankenhausreform trägt vielerorts zur Verunsicherung bei. [**Arne Evers**](https://www.joho.de/ansprechpartner-profil/arne-evers?ref=uebergabe.de), Pflegedirektor im [St. Josefs Hospital](https://www.joho.de/?ref=uebergabe.de), beschreibt die momentane Situation als eine Phase des „Überlebens”: „Das Gesamtkonglomerat aus Krankenhausstrukturreform und Finanzierungslücken ist ein Thema, das präsent ist.” In vielen Kliniken sind die finanziellen Rahmenbedingungen angespannt, was zusätzliche Belastungen für das Pflegepersonal bedeutet. Um den Fachkräftemangel zu begegnen, wird zunehmend auf internationale Pflegefachpersonen gesetzt. Hierbei stellt sich jedoch die Frage nach der ethischen Verantwortung. Denn einerseits profitiert Deutschland von der Anwerbung internationaler Fachkräfte, andererseits kann dies für die Herkunftsländer zu erheblichen Problemen in der Gesundheitsversorgung führen. ### Die Bedeutung von Berufsverbänden und Pflegekammern Um die Interessen der Pflegefachpersonen zu stärken, haben sich verschiedene Berufsverbände und Pflegekammern gebildet, die sich für bessere Arbeitsbedingungen und die Anerkennung des Berufsstands einsetzen. Die [Landespflegekammer Rheinland-Pfalz](https://pflegekammer-rlp.de/?ref=uebergabe.de) etwa spielt eine zentrale Rolle in der Beratung der Landespolitik und entwickelt Weiterbildungsordnungen, die Pflegefachpersonen eine kontinuierliche berufliche Entwicklung ermöglichen sollen. Doch die Pflegekammern stehen auch vor Herausforderungen: Noch immer wird von vielen Pflegefachpersonen nicht ausreichend wahrgenommen, dass sie selbst aktiv zur Verbesserung ihrer beruflichen Lage beitragen können. **Vera Lux**, Präsidentin des [DBFK](https://www.dbfk.de/de/?ref=uebergabe.de), sieht in der Einbindung der jungen Generation eine große Chance: „Es gibt viele junge Menschen, die sich für die Pflege engagieren und ich hoffe, dass wir diese engagierten Personen weiterhin in unsere Arbeit einbinden können.” ### Patient:innensicherheit als zentrale Verantwortung Eine der wichtigsten Aufgaben im Pflegeberuf ist die Sicherstellung der Patient:innensicherheit. Das [Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS)](https://www.aps-ev.de/?ref=uebergabe.de) fordert die Bundesregierung auf, ein bundesweites „Never-Event-Register” einzuführen, in dem Fehler und kritische Ereignisse dokumentiert werden. Ein solches Register soll es ermöglichen, aus Fehlern zu lernen und so die Qualität der Versorgung nachhaltig zu verbessern. **Bernd Gruber** vom APS machte deutlich, dass der offene Umgang mit Fehlern zu einer besseren Patient:innensicherheit beitragen kann: „Fehler passieren. Wichtig ist, dass wir darüber reden.” Um dieses Ziel zu erreichen, hat das APS eine [Petition zur Schaffung von Rahmenbedingungen zur Förderung bzw. zum Ausbau der Sicherheit der Patient:innen in der Gesundheitsversorgung](https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/%5F2024/%5F08/%5F09/Petition%5F171371.nc.html?ref=uebergabe.de) erstellt und bittet um Unterstützung. ### Der Ausblick: Pflege als Beruf mit Zukunft Trotz aller Herausforderungen bleibt der Pflegeberuf ein Berufsfeld mit hohen Zukunftschancen. Die Einführung von Gesetzen wie dem Pflegekompetenzgesetz könnte der Pflegebranche zu neuer Stärke und mehr Eigenverantwortung verhelfen. Gleichzeitig wird die Pflegewissenschaft weiterhin an Bedeutung gewinnen und den Weg für spezialisierte Pflegefachpersonen ebnen. Die Teilnehmer:innen des Deutschen Pflegetags betonten abschließend die Notwendigkeit, den Beruf der Pflegefachpersonen sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft stärker zu verankern und die Pflege als eigenständige Profession weiterzuentwickeln. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/11/IMG_3598.jpeg) --- ### Shownotes: - [Deutscher Pflegetag in Berlin ](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de)(deutscher-pflegetag.de) - [Deutscher Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Fachbereich Gesundheit der FH Münster](https://www.fh-muenster.de/de/mdh?ref=uebergabe.de) (fh-muenster.de) - [Petition zur Patient:innensicherheit des APS e.V.](https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/%5F2024/%5F08/%5F09/Petition%5F171371.nc.html?ref=uebergabe.de) (bundestag.de) - [Übergabe Folge 150 mit Christel Bienstein - Live vom DPT ](https://uebergabe.de/ug150/?ref=uebergabe.de)(verfügbar ab 09.11.) --- # Aktuelle Themen in der Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/1MmxMR_JxXAAAAAC/pow-wow.gif) ### Schulungen zur personenzentrierten Pflege in Langzeitpflegeeinrichtungen URL: https://www.uebergabe.de/schulungen-zur-personenzentrierten-pflege-in-langzeitpflegeeinrichtungen-2/ Last updated: 2024-12-08T13:43:32.000Z 🗓️ #56 | 07.11.2024 ## Worum geht's? Das Kernthema der Studie ist die Implementierung und Wirkung von Fortbildungen zur Förderung personenzentrierter Pflege in der Langzeitpflege für ältere Menschen. Personenzentrierte Pflege stellt das Individuum und seine einzigartigen Bedürfnisse, Präferenzen und Werte in den Mittelpunkt der pflegerischen Betreuung. Dieser Ansatz basiert auf der humanistischen Philosophie und wird als ethischer und qualitativer Standard in der Pflege älterer Menschen betrachtet. Das Ziel ist nicht nur, die körperlichen Bedürfnisse der zu Pflegenden zu erfüllen, sondern ihnen auch ein Gefühl von Autonomie, Würde und Zugehörigkeit zu vermitteln. 💡 In Deutschland leben etwa 730.000 Menschen über 65 Jahre in Langzeitpflegeeinrichtungen, was einer Prävalenz von etwa 4 % in dieser Altersgruppe entspricht. Die Mehrheit der Bewohner:innen von Pflegeeinrichtungen ist älter als 65 Jahre, da der Pflegebedarf mit zunehmendem Alter häufig steigt. Aufgrund des demografischen Wandels und der steigenden Lebenserwartung ist zu erwarten, dass die Zahl der älteren Menschen in Langzeitpflegeeinrichtungen in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. Für viele dieser Personen sind stationäre Pflegeeinrichtungen eine wichtige Option, da sie oft intensive Unterstützung benötigen, die in ihrem häuslichen Umfeld nur schwer bereitzustellen ist. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie zielte darauf ab, die Wirksamkeit von Fortbildungsinterventionen zur personenzentrierten Pflege für Pflegefachpersonen in der Langzeitpflege älterer Menschen zu untersuchen. Durch die systematische Auswertung der existierenden Forschungsliteratur sollte das Verständnis für die Methoden und die Ergebnisse solcher Fortbildungen vertieft werden. _This post is for paying subscribers only._ ### 125 Jahre ICN / Bundespflegekammer durch Bundesgesetzgebung? URL: https://www.uebergabe.de/pu083/ Last updated: 2026-06-13T23:21:26.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 02.11.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das ICN vertritt seit 125 Jahren weltweit über 28 Millionen Pflegefachpersonen. - Die Erklärung von Bukarest 2024 fordert mehr Investitionen in Pflege und Gesundheitssysteme. - Eine Bundespflegekammer ist rechtlich komplex – Kammerpflicht bleibt Ländersache. - Ein bundesweites Berufsregister könnte Qualität und Anerkennung der Pflege stärken. - Mit nur 2,5 Prozent Akademisierungsquote braucht die Pflege mehr wissenschaftliche Kompetenz. 📎 Der ICN und die Declaration of Bucharest 2024 setzen wichtige Impulse, um die Rolle der Pflegeberufe in der globalen Gesundheitsversorgung nachhaltig zu stärken. Die Einrichtung einer Bundespflegekammer und die Akademisierung des Pflegeberufs könnten den Pflegefachpersonen in Deutschland zusätzliche Perspektiven und Kompetenzen eröffnen. Dies würde nicht nur die Pflegequalität verbessern, sondern auch das deutsche Gesundheitswesen widerstandsfähiger und zukunftsorientierter gestalten. ## Zum Weiterhören - [ÜG116 – International Council of Nurses (Dr. Karen Bjøro)](https://www.uebergabe.de/ug116/) - [PU041 – Pflegekammern in Deutschland / Streik in Großbritannien](https://www.uebergabe.de/pu041/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) --- ## **125 Jahre ICN: Pflegefachpersonen prägen die Zukunft der Gesundheitsversorgung** Der Pflegeberuf steht vor weitreichenden Herausforderungen, und das International Council of Nurses (ICN) spielt seit 125 Jahren eine zentrale Rolle in der globalen Vertretung der Interessen von Pflegefachpersonen. Anlässlich dieses Jubiläums trafen sich Mitglieder und politische Vertreter kürzlich zu einer Konferenz in Bukarest unter dem Motto „Nursing Legacy: ICN at 125 — celebrating, recognizing and shaping our collective future”. Die Teilnehmer:innen der Konferenz diskutierten über zukünftige Maßnahmen, die den Pflegeberuf und die globale Gesundheitsversorgung nachhaltig stärken sollen. --- Das ICN wurde 1899 inmitten der Frauenwahlrechtsbewegung gegründet und hat sich seitdem als globale Stimme für mehr als 28 Millionen Pflegefachpersonen etabliert. Mit seinem Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen, die Weiterentwicklung von Professionalität und Bildung sowie die Förderung ethischer Pflegepraktiken hat der ICN die Qualität der Pflege maßgeblich beeinflusst. Auch die Patientenversorgung weltweit wurde durch die Arbeit des ICN entscheidend verbessert. ICN-Präsidentin Dr. Pamela Cipriano hob in ihrer Ansprache die Rolle der Pflege in Zeiten von Kriegen und Friedenssicherung hervor und betonte die Wichtigkeit von Pflegefachpersonen in der Pandemievorsorge. In diesem Sinne sei der ICN nicht nur für Pflegefachpersonen selbst, sondern für die globale Gesundheitsversorgung von enormer Bedeutung. ### Die Erklärung von Bukarest 2024: Gemeinsam die Zukunft der Pflege gestalten Ein zentrales Ergebnis der ICN-Konferenz in Bukarest war die „Declaration on the Future of Nursing: Bucharest 2024”. Diese hebt die Bedeutung der Pflege als Grundpfeiler der Gesundheitsversorgung hervor und betont die Notwendigkeit gezielter öffentlicher Investitionen. Die Inhalte der Erklärung fokussieren sich unteranderem auf: **Stärkere Investitionen in Pflegefachpersonen und Gesundheitssysteme** Die Pflege bedarf umfassender Unterstützung durch finanzielle Mittel und Ressourcen, um die Anzahl und Ausbildung von Pflegefachpersonen weltweit zu sichern. Nur durch gezielte Investitionen können Gesundheitssysteme gestärkt und ausreichend Pflegefachpersonen in primärer und spezialisierter Gesundheitsversorgung integriert werden. Pflege wird hier als gesellschaftliche Investition betrachtet, die sowohl das Wohl von Patient als auch das Arbeitsumfeld der Pflegefachpersonen stärkt. **Qualität und Nachhaltigkeit in der Pflege** Die ICN-Deklaration fordert Richtlinien, die nicht nur hohe Pflegequalität garantieren, sondern auch nachhaltige, umweltbewusste Arbeitsweisen fördern. Pflegefachpersonen sollen dazu befähigt werden, ressourcenschonend und umweltbewusst zu arbeiten. Um Pflegefachpersonen in stressreichen und risikoreichen Umgebungen wie Notaufnahmen und Intensivstationen bestmöglich zu unterstützen, fordert der ICN zudem verbesserte Ressourcen und Zugang zu mentaler Gesundheitsunterstützung. **Die Rolle der Pflegefachpersonen in Krisen und bei globalen Gesundheitsherausforderungen** Die Verantwortung von Pflegefachpersonen reicht weit über den Klinikalltag hinaus. In humanitären Krisen wie Naturkatastrophen, Konfliktgebieten und Flüchtlingscamps ist ihre Arbeit unverzichtbar. Die ICN-Deklaration betont die Notwendigkeit kultursensibler Schulungen und der Bereitstellung ausreichender Ressourcen. Pflegefachpersonen sollen optimal für den Einsatz in Krisengebieten und beim Umgang mit den gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels vorbereitet sein. **Strategische Personalplanung und langfristige Berufsbildung** Eine der drängendsten Herausforderungen für das Gesundheitswesen ist der akute Fachkräftemangel in der Pflege. Die ICN fordert eine strategische Personalplanung, um dem weltweiten Bedarf an qualifiziertem Pflegepersonal gerecht zu werden. Diese Planung beinhaltet den Ausbau der Berufsbildung und die Förderung nachhaltiger Arbeitsbedingungen, damit der Pflegeberuf auch in Zukunft für Nachwuchskräfte attraktiv bleibt. --- ### Die Diskussion um eine Bundespflegekammer: Chancen und Rahmenbedingungen Auch in Deutschland wird weiter intensiv über die Zukunft der Pflege diskutiert. Ein aktueller Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages beleuchtet die Möglichkeit einer Bundespflegekammer sowie eines verpflichtenden Berufsregisters für Pflegefachpersonen. Dieser Bericht wurde auf Anfrage von Janosch Dahmen, dem gesundheitspolitischen Sprecher der Grünen, erstellt und bringt die Pflegekompetenz in den Fokus zukünftiger Gesetzesinitiativen. **Perspektiven für eine Bundespflegekammer** Die Einrichtung einer Bundespflegekammer könnte den Pflegeberuf auf eine neue Ebene heben, indem sie als zentrales Gremium für Qualitätssicherung und berufliche Fortbildung fungiert. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages bestätigt, dass der Bund in bestimmten Bereichen, wie dem Heilberuferecht und der Weiterbildung, Regelungen zur Einrichtung einer Kammer erlassen könnte. Eine endgültige Entscheidung über die Gründung einer Kammer obliegt jedoch den einzelnen Bundesländern. **Berufsregister zur Qualitätssicherung** Ein bundesweites, verpflichtendes Berufsregister für Pflegefachpersonen könnte die Qualität der Pflege fördern und die professionelle Weiterentwicklung der Pflege stärken. Durch eine systematische Erfassung aller Pflegefachpersonen in Deutschland könnten Kompetenzen und Qualifikationen transparent und überprüfbar gemacht werden. Dies würde nicht nur die Qualitätssicherung im Pflegebereich unterstützen, sondern auch zur Anerkennung und zum Schutz des Berufs beitragen. **Rechtliche Grenzen der Bundeskompetenz** Trotz möglicher Vorteile ist die Einrichtung einer Pflegekammer auf Bundesebene rechtlich eingeschränkt. Zwar könnte der Bund Regelungen zu Fortbildungen und Qualitätsstandards erlassen, doch eine verpflichtende Mitgliedschaft in einer Kammer fällt in den Bereich des Standesrechts und ist daher Ländersache. Dies macht die bundesweite Einführung einer Pflegekammer komplex, da sie mit bestehenden Strukturen der Länder harmonieren müsste. --- ## Und was es sonst so Neues gibt... **Akademisierung und interprofessionelle Zusammenarbeit als Zukunftsmodell** Eine wichtige Forderung der Deutschen Hochschulmedizin ist die Akademisierung der Pflegeberufe und die Förderung einer interprofessionellen Zusammenarbeit. Professor Matthias Frosch, Präsident des Medizinischen Fakultätentags, bezeichnet akademisierte Gesundheitsberufe als Schlüssel zu nachhaltiger, hochwertiger Patientenversorgung. Die Akademisierung stattet Pflegefachpersonen mit wertvollen wissenschaftlichen und praktischen Kompetenzen aus, die eine eigenständige und verantwortungsvolle Patientenversorgung ermöglichen. Derzeit beträgt die Akademisierungsquote der Pflegeberufe in Deutschland jedoch nur etwa 2,5 Prozent. Eine klare Kompetenzübertragung und die gezielte Ausbildung von Pflegefachpersonen sind daher entscheidend, um auf komplexe gesundheitliche Herausforderungen effektiv reagieren zu können. Pflegefachpersonen sollen die Möglichkeit haben, sich spezialisierte Kenntnisse anzueignen und sich aktiv in die Gestaltung der Gesundheitsversorgung einzubringen. --- ### Shownotes: - [ICN: 125 Jahre Jubiläum](https://www.icn.ch/news/icn-125th-anniversary-declaration-future-nursing-bucharest?ref=uebergabe.de) (icn.ch) - [Declaration of Bucharest (PDF)](https://www.icn.ch/sites/default/files/2024-10/Bucharest%20Declaration%20on%20the%20Future%20of%20Nursing%5FFinal.pdf?ref=uebergabe.de) (icn.ch) - [Pflegekammern und Beruferegister (WDdB) (PDF)](https://www.bundestag.de/resource/blob/1025870/2952318d43cd5b66eca4d2c42f047204/WD-8-051-24-WD-6-050-24-pdf.pdf?ref=uebergabe.de) (bundestag.de) - [Zukunft der Gesundheitsfachberufe](https://medizinische-fakultaeten.de/medien/presse/zukunft-der-gesundheitsfachberufe-deutsche-hochschulmedizin-fordert-akademisierung-und-interprofessionelle-zusammenarbeit/?ref=uebergabe.de) (medizinische-fakultaeten.de) --- # Aktuelle Themen in der Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Umgang mit Durstgefühl bei Patient:innen auf der Intensivstation URL: https://www.uebergabe.de/umgang-mit-durstgefuhl-bei-patient-innen-auf-der-intensivstation/ Last updated: 2024-11-15T19:31:05.000Z 🗓️ #55 | 31.10.2024 ### Worum geht's? Das Kernthema der Studie ist Durst als belastendes Symptom auf der Intensivstation. Physiologisch wird Durst durch ein Ungleichgewicht der Körperflüssigkeiten ausgelöst, kann jedoch auch durch andere Faktoren wie Medikamenteneinnahme oder eingeschränkte Flüssigkeitszufuhr aufgrund medizinischer Notwendigkeiten hervorgerufen werden. Neben der intensiven Empfindung eines ungestillten Flüssigkeitsbedarfs wird Durst häufig von einem trockenen Mund begleitet (Xerostomie), was das subjektive Leiden der Betroffenen weiter verstärkt. 💡 Der Begriff "Xerostomie" stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Wörtern „xeros“ für „trocken“ und „stoma“ für „Mund“ zusammen. Er bezeichnet das medizinische Phänomen der Mundtrockenheit, das auf eine verminderte Speichelproduktion zurückzuführen ist. Xerostomie kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden, etwa durch bestimmte Medikamente, Dehydration oder Krankheiten, die die Speicheldrüsen beeinträchtigen. In der Medizin wird Xerostomie als Symptom behandelt, das sowohl das allgemeine Wohlbefinden als auch die orale Gesundheit beeinflusst, da ein trockener Mund die Anfälligkeit für Infektionen und Zahnprobleme erhöht. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie zielt darauf ab, das Thema Durst bei erwachsenen Patient:innen auf Intensivstationen umfassend zu beleuchten und zu analysieren. Sie untersucht dabei Ursachen, Risikofaktoren, Diagnose- und Messinstrumente sowie das gemeinsame Auftreten von Durst mit anderen belastenden Symptomen. Zudem werden Interventionen zur Linderung des Durstgefühls betrachtet, um letztlich evidenzbasierte Handlungsansätze zu entwickeln. _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegeforschung im akutklinischen Setting (ProfIn. DrIn. Gabriele Meyer, Prof. Dr. Sascha Köpke, Prof. Dr. Martin Müller) URL: https://www.uebergabe.de/ug149/ Last updated: 2026-06-13T12:41:54.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 26.10.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegewissenschaft fristet trotz Relevanz seit 25 Jahren ein Nischendasein. - Nur 25 von 175 Professuren sind an Universitäten angesiedelt. - Großbritannien zeigt: Klare Karrierepfade und integrierte Pflegeforschung sind möglich. - Clinician-Scientist-Programme und klinische Professuren verzahnen Forschung und Praxis. - Ein Chief Nursing Officer könnte die Pflege gesundheitspolitisch stärker vertreten. ## Pflegeforschung: Nischenwissenschaft oder Schlüssel zur Gesundheitsversorgung? Zu Beginn des Podcasts wird die Frage aufgeworfen, warum die Pflegewissenschaft in Deutschland trotz ihrer Relevanz für das Gesundheitssystem nach über 25 Jahren immer noch ein "Nischendasein" fristet. [Prof.In Dr.In Gabriele Meyer, Universitätsmedizin Halle](https://www.umh.de/portraets/prof-dr-gabriele-meyer?ref=uebergabe.de), führt dies auf die fehlende systematische Förderung der Disziplin zurück. Im Vergleich zu anderen Fachbereichen wie der Allgemeinmedizin oder Geriatrie hat die Pflegewissenschaft noch immer keine spezifische Forschungsförderung und leidet unter einer unzureichenden Postgraduiertenförderung. Sie beschreibt die Situation wie folgt: > „Es gibt kaum strukturierte Postgraduiertenförderung und wir dümpeln so mehr oder weniger vor uns hin. Der gesellschaftliche Wert der Pflegewissenschaft wird nicht verstanden oder auch nicht ausreichend kommuniziert.” - Gabriele Meyer Ein weiterer Punkt, der die Entwicklung der Pflegewissenschaft behindert, ist die Entkopplung von Wissenschaft und Praxis. Pflegende in der Praxis begegnen den Pflegewissenschaftler oft mit Skepsis, was darauf zurückzuführen ist, dass es wenig Austausch zwischen diesen beiden Bereichen gibt. Die Wissenschaft bleibt oft "Gästin", wie es Meyer ausdrückt, und wird nicht als integraler Bestandteil der Praxis wahrgenommen. ### Pflegewissenschaft an Hochschulen — Lehre statt Forschung? Ein weiteres Problem ist die Struktur der Pflegewissenschaft an deutschen Hochschulen. Von den 175 Professuren in der Pflegewissenschaft sind nur 25 an Universitäten angesiedelt, was die Forschungskapazität stark einschränkt. Der Großteil der Professuren befindet sich an Hochschulen für angewandte Wissenschaften, die eine hohe Lehrbelastung haben. Dies führt dazu, dass wenig Zeit für Forschung bleibt. [Prof. Dr. Martin Müller, Universitätsklinikum Heidelberg](https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/personen/prof-dr-rer-medic-martin-mueller-mph-11380?ref=uebergabe.de), betont, dass die Akademisierung der Pflege zwar begrüßenswert ist, aber auch neue Herausforderungen mit sich bringt: > „Die hohe Lehrbelastung an den HAWs behindert die Entwicklung unserer Disziplin. Wir haben aktuell von diesen 175 Professuren insgesamt nur 25 Stellen an Universitäten und davon nur zwölf an medizinischen Fakultäten.” - Martin Müller Diese geringe Zahl an Professuren an forschungsstarken Universitäten bedeutet, dass die Pflegewissenschaft in Deutschland auch in der Akutversorgung bisher wenig präsent ist. Es fehlen strukturelle Möglichkeiten für Pflegewissenschaftler:innen, klinische Forschung zu betreiben, die tatsächlich in der Praxis Anwendung findet. ### Internationale Perspektiven: Vorbilder aus dem Ausland Ein interessanter Aspekt der Diskussion ist der Vergleich mit internationalen Ansätzen. Besonders das Gesundheitssystem in Großbritannien dient hier als Vorbild. In Großbritannien ist Forschung ein integraler Bestandteil des Gesundheitssystems und es gibt klare Karrierepfade für Forschende aus allen Gesundheitsberufen, einschließlich der Pflege. [Prof. Dr. Sascha Köpke, Universität zu Köln,](https://pflegewissenschaft.uni-koeln.de/institut/institutsleitung?ref=uebergabe.de) schildert seine Erkenntnisse wie folgt: > „In Großbritannien ist es völlig normal, dass Pflegewissenschaft und Pflegeforschung als gesellschaftlich anerkannte Fächer wahrgenommen werden. Es gibt klare Vorgaben und Karrierepfade für Pflegewissenschaftler:innen, die im Gesundheitssystem Forschung betreiben.” - Sascha Köpke Im Gegensatz dazu ist die Pflegeforschung in Deutschland weitgehend von der klinischen Praxis getrennt. Es fehlen sowohl die strukturellen Voraussetzungen als auch die gesellschaftliche Akzeptanz, um die Pflegewissenschaft stärker in die Gesundheitsversorgung zu integrieren. Im Podcast wird die Forderung nach der Einführung eines Chief Nursing Officer (CNO) in Deutschland thematisiert, einer Position, die bereits in Ländern wie den USA etabliert ist. Ein CNO würde als hochrangige Pflegefachperson die Pflegewissenschaft und -praxis auf nationaler Ebene vertreten und direkte Einflussmöglichkeiten auf gesundheitspolitische Entscheidungen haben. Diese Rolle könnte, wie es international bereits praktiziert wird, die Stimme der Pflege in der Gesundheitsversorgung stärken und strategische Impulse zur Weiterentwicklung des Pflegeberufs geben. [What is a Chief Nursing Officer / Chief Nurse Executive?Learn about the dynamic and exciting position of chief nursing officer / chief nursing executive and find out how you can get started on this rewarding career path.![](https://www.nursingworld.org/favicon.ico)ANA![](https://www.nursingworld.org/~4af3ab/globalassets/content-hub/uat/new-screenshot-primary-nav-mockup-cta.jpg)](https://www.nursingworld.org/content-hub/resources/nursing-leadership/chief-nursing-officer/?ref=uebergabe.de) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/10/dda14ed0-68c3-499a-a249-2177abceedfe.webp) ## Wege aus der Nische: Wie kann Pflegeforschung gestärkt werden? Eine zentrale Frage besteht darin, wie die Pflegeforschung in Deutschland gestärkt werden kann. Unsere Gäst:innen sind sich einig, dass es einer besseren strukturellen Förderung und einer stärkeren Vernetzung zwischen Wissenschaft und Praxis bedarf. Gabriele Meyer sieht in der Förderung von klinischen Professuren, ähnlich wie in der Allgemeinmedizin, einen wichtigen Schritt: > „Wir brauchen systematische Förderprogramme für die Pflegewissenschaft, vergleichbar mit denen der Allgemeinmedizin. Das könnte durch Praxisnetzwerke, Professuren und eine gezielte Forschungsförderung geschehen.” - Gabriele Meyer Ein weiteres Modell, das aus dem Ausland übernommen werden könnte, sind sogenannte „Clinician Scientist”-Programme. Diese Programme, die in der Medizin bereits erfolgreich sind, bieten Wissenschaftler:innen die Möglichkeit, sowohl in der Forschung als auch in der klinischen Praxis tätig zu sein. Dadurch wird eine enge Verzahnung von Forschung und Praxis gewährleistet, die für die Pflegewissenschaft dringend notwendig wäre. Im Podcast wird auf die [Aussschreibung der Deutschen Krebshilfe für zwei klinische Pflegeprofessuren im Bereich der Onkologie](https://www.krebshilfe.de/fileadmin/Downloads/PDFs/Foerderung/Ausschreibungen/Ausschreibung%5FPflegeprofessur.pdf?ref=uebergabe.de) eingegangen. Diese Professuren sollen die Verzahnung von Pflegewissenschaft und klinischer Praxis vorantreiben und bieten eine besondere Gelegenheit, Pflegeforschung direkt in die Versorgung von Krebspatientzu integrieren. Die Ausschreibung gilt als Pilotprojekt, um zu zeigen, wie wichtig wissenschaftlich fundierte Pflege in der klinischen Praxis ist. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung.Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Scoping-Workshop: Ein Schritt in die richtige Richtung Ein Beispiel für die Bemühungen, die Pflegeforschung in Deutschland voranzutreiben, war ein Scoping-Workshop, der von den drei Gäst:innen des Podcasts organisiert wurde. Der Scoping-Workshop, unterstützt von der Volkswagen Stiftung, zielte darauf ab, die Pflegeforschung mit klinischer Relevanz in Deutschland zu stärken. Martin Müller fasst das Ziel des Workshops zusammen: > „Unser Ziel war es, auszuloten, was der aktuelle Stand der Pflegeforschung in der Akutversorgung in Deutschland ist und zu überlegen, wo wir hinmüssen, um die Pflegeforschung klinisch relevanter zu machen.” - Martin Müller [Erkenntnissen aus der Pflegeforschung den Weg in die klinische Praxis erleichternDie VolkswagenStiftung hat einen „Scoping Workshop” zur Stärkung der klinischen Pflegeforschung in Deutschland gefördert. Die Organisatoren der Medizinischen Fakultäten der Universitäten Heidelberg, Halle-Wittenberg und Köln sind zufrieden: In konstruktiver Atmosphäre entstanden Lösungsansätze und Zukunftsstrategien.![](https://content.presspage.com/favicon/2326.ico?1323871587)Heidelberg UniversityHeidelberg University![](https://content.presspage.com/uploads/2326/1920_luftbildcampushd.jpg?10000)](https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/newsroom/erkenntnissen-aus-der-pflegeforschung-den-weg-in-die-klinische-praxis-erleichtern/?ref=uebergabe.de) Es wurden Expert:innen aus Pflegewissenschaft und Praxis zusammengebracht, um Lösungen für die enge Verzahnung von Forschung und klinischer Pflege zu entwickeln. Auf Grundlage der Erkenntnisse, die auch von internationalen Expert:innen geteilt wurden, diskutierten die Teilnehmenden über Ansätze, wie Forschungsergebnisse effektiver in die Praxis übertragen werden können. Der Workshop ist Teil einer längerfristigen Strategie, den Weg von der Pflegeforschung in die klinische Anwendung zu erleichtern. Die Ergebnisse werden in einem Policy Paper veröffentlicht, das Impulse für die Weiterentwicklung der Pflegewissenschaft in Deutschland liefern soll. ## Fazit: Pflegewissenschaft als unverzichtbarer Teil des Gesundheitssystems Die Pflegewissenschaft in Deutschland hat noch einen weiten Weg vor sich, um sich als unverzichtbarer Teil des Gesundheitssystems zu etablieren. Es wird deutlich, dass es viele strukturelle und gesellschaftliche Hürden gibt, die überwunden werden müssen. Doch es gibt auch positive Entwicklungen: Die Akademisierung der Pflege und die wachsende Anerkennung der Pflegewissenschaft in der Praxis sind Schritte in die richtige Richtung. Unsere Gäst:innen sind optimistisch, dass sich die Situation in den kommenden Jahren verbessern wird. Mit gezielter Förderung, einer besseren Vernetzung von Wissenschaft und Praxis und internationalen Vorbildern könnte die Pflegewissenschaft in Deutschland in Zukunft eine größere Rolle in der Gesundheitsversorgung spielen. Wie Gabriele Meyer es treffend formulierte: > „Wir bewegen uns in dynamischen Zeiten und ich habe Hoffnung, dass wir in Zukunft eine bessere Forschungsförderung und eine stärkere Anerkennung der Pflegewissenschaft erleben werden.” - Gabriele Meyer Die nächsten Schritte, wie das Policy Paper, das aus dem Scoping-Workshop hervorgegangen ist, werden zeigen, wie die Pflegeforschung in den kommenden Jahren weiterentwickelt werden kann. Es bleibt zu hoffen, dass die Politik die Forderungen der Pflegewissenschaftler:innen ernst nimmt und die notwendigen strukturellen Veränderungen unterstützt. ### Unsere weiteren Inhalte zum Thema: [ÜG055 - Living Lab (Prof. Dr. Jan Hamers, Dr. Silke Metzelthin & Ramona Backhaus, PhD) - ÜbergabeWir sprechen über das niederländische Living Lab und wie damit Forschung und Praxis vernetzt werden und somit die Pflege verbessern.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2020/10/ug055-1-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug055/) --- ## Veranstaltungshinweise und Aufrufe 💡 Für ihre Promotion zum Thema „MIND” (moralischer Distress unter Intensivpflegepersonen in Deutschland) sucht Larissa Forster ([larissa.forster@uniklinik-freiburg.de](mailto:larissa.forster@uniklinik-freiburg.de)) Intensivpflegende für eine anonyme Erhebung. Eine Teilnahme ist über folgendem Link möglich: [https://zks-redcap.uniklinik-freiburg.de/surveys/?s=7ECY97FLCNJ9AH43](https://zks-redcap.uniklinik-freiburg.de/surveys/?s=7ECY97FLCNJ9AH43&ref=uebergabe.de) 💡 Für die virtuelle Expert:innen-Konferenz am 15.11.2024 im PICo-Projekt ([www.uni-wh.de/pico 3](http://www.uni-wh.de/pico?ref=uebergabe.de)) werden noch Expert:innen, d.h. Pflegende mit oder ohne Personalverantwortung und Leitungspersonen aus der stationären Altenpflege in Deutschland gesucht. Bei Interesse meldet Euch gerne mit einer kurzen E-Mail ([pico@uni-wh.de](mailto:pico@uni-wh.de)) oder unter 02302-926809\. 💡 Am Freitag, den 14\. Februar 2025 findet der ****27\. Netzwerk-Workshop des DNQP zum Expertenstandard „Kontinenzförderung in der Pflege”** in Osnabrück statt. Der Expertenstandard wurde im April aktualisiert und um das Thema der Stuhlinkontinenz erweitert. Die Programmbroschüre, weitere Informationen zur Veranstaltung sowie die Möglichkeit der Anmeldung finden Sie auf der [DNQP-Website.](https://www.dnqp.de/27-netzwerk-workshop/?ref=uebergabe.de) --- ## Neues aus der Übergabe-Community - [One-Minute-Wonder - Wird es in der Praxis gebraucht und genutzt?](https://community.uebergabe.de/t/one-minute-wonder-wird-es-in-der-praxis-gebraucht-und-genutzt/214?ref=uebergabe.de) - [Der große ”ich stelle mich vor” Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22?ref=uebergabe.de) - [Eure Fragen zum Pflegekompetenzgesetz auf dem Deutschen Pflegetag](https://community.uebergabe.de/t/eure-fragen-zum-pflegekompetenzgesetz-auf-dem-deutschen-pflegetag/192?ref=uebergabe.de) - [Qualifikationsarbeiten in unserem Podcast!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/189?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/xhROYTwvGTIAAAAC/kid-magnifying-glass.gif) ## Zum Weiterhören - [ÜG005 – Pflegewissenschaft, Pflegeforschung & Praxis - (Dr. B. Holle)](https://www.uebergabe.de/ug005/) - [ÜG049 – Transformationale Führung & Pflegewissenschaft in der Praxis (Interview mit Sabine Brase & Rebekka Stetzenbach)](https://www.uebergabe.de/ug049/) - [ÜG082 – Institut für Pflegewissenschaft an der Uni Köln (Prof. Dr. Sascha Köpke)](https://www.uebergabe.de/ug082/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Der Einsatz von APNs im Vergleich mit der Regelversorgung URL: https://www.uebergabe.de/der-einsatz-von-apns-im-vergleich-mit-der-regelversorgung/ Last updated: 2025-01-09T09:36:05.000Z 🗓️ #54 | 24.10.2024 ### Worum geht's? Die Studie befasst sich mit der Frage, ob ANPs eine vergleichbare oder sogar überlegene Versorgung im Vergleich zu ärztlich geleiteter Versorgung bieten können. Dabei wird auf klinische Ergebnisse, Patient:innenzufriedenheit, Wartezeiten und Kosten eingegangen. Dies ist besonders relevant in Zeiten, in denen die Belastung des Gesundheitssystems durch eine alternde Bevölkerung und zunehmende chronische Erkrankungen wächst. 💡 Die Geschichte der Advanced Practice Nurses (APNs) begann in den 1960er Jahren in den USA, als der Mangel an Ärztinnen und Ärzten, insbesondere in ländlichen Gebieten, zu einer neuen Rolle für Pflegefachpersonen führte. Mit der Einführung der Nurse Practitioners (NPs) durch Dr. Loretta Ford und Dr. Henry Silver in Colorado wurde die Basis für die heutige APN-Rolle geschaffen. Ziel war es, Pflegefachpersonen mit fortgeschrittenen Fähigkeiten in der Diagnose und Behandlung von Patientinnen und Patienten auszustatten, um die primäre Gesundheitsversorgung zu verbessern. In den folgenden Jahrzehnten verbreitete sich das Modell der APNs in vielen Ländern weltweit, um den wachsenden Bedarf an Gesundheitsversorgung zu decken. Besonders in den USA und Kanada wurden APNs zunehmend in ländlichen und unterversorgten Gebieten eingesetzt. Mit der Zeit haben sie sich von der primären Gesundheitsversorgung in spezialisierte Bereiche wie die Notfall- und Intensivpflege ausgeweitet. Heute sind APNs ein fester Bestandteil des Gesundheitssystems in vielen Ländern und tragen dazu bei, den Zugang zu qualitativ hochwertiger Versorgung zu verbessern und das Gesundheitspersonal zu entlasten. ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit von Advanced Nurse Practitioners (ANPs) im Vergleich zu ärztlich geleiteter oder üblicher Versorgung zu bewerten. Dabei wurde untersucht, wie ANPs die Qualität der Patient:innenversorgung beeinflussen, insbesondere im Hinblick auf klinische und dienstleistungsbezogene Ergebnisse, wie etwa Patient:innenzufriedenheit, Wartezeiten und Krankheitskontrolle. _This post is for paying subscribers only._ ### Ausbildungsoffensive Pflege / Notfallgesetz / DBfK Pflege 2024 URL: https://www.uebergabe.de/pu082/ Last updated: 2026-06-17T19:52:39.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 19.10.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Abschlussbericht zur Ausbildungsoffensive zieht Bilanz – das 10-Prozent-Ziel wurde verfehlt. - Die geplante Notfallreform bündelt Versorgung in Gesundheitsleitsystem und integrierten Notfallzentren. - Das DBfK-Thesenpapier fordert mehr Pflegekompetenzen und Community Health Nurses. 📎 In dieser Episode sprechen wir über den Abschlussbericht zur Ausbildungsoffensive Pflege vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die die Einführung der generalistischen Pflegeausbildung begleitet hat. Außerdem sprechen wir über den Kabinettsentwurf zur geplanten Notfallreform und über das Positionspapier "Pflege 2024 – Weichenstellung für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung" vom DBfK. Natürlich haben wir euch auch noch zusammengefasst, was sonst noch so passiert ist. In dieser Folge des PflegeUpdates blicken wir auf drei größere Themen: den Abschlussbericht zur Ausbildungsoffensive Pflege, die damals geplante Notfallreform und ein Thesenpapier des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe. Zum Schluss fassen wir kurz weitere Meldungen zusammen. ## Abschlussbericht zur Ausbildungsoffensive Pflege: Ziele teils erreicht, teils verfehlt Ende September 2024 hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend den Abschlussbericht zur Ausbildungsoffensive Pflege veröffentlicht. Gestartet war die Offensive 2019, um die Einführung der neuen, generalistischen Pflegeausbildung bis Ende 2023 zu begleiten. Bund, Länder und zahlreiche Verbände hatten sich dabei zu insgesamt 111 Maßnahmen verpflichtet – mit dem Ziel, mehr Menschen für die Ausbildung zu gewinnen und Pflegeschulen sowie ausbildende Einrichtungen bei der Umstellung zu unterstützen. Der Bericht ordnet diese Maßnahmen drei Handlungsfeldern zu und liefert Daten zur neuen Ausbildung. Bei den Ausbildungszahlen zeigt sich ein gemischtes Bild: Sie stiegen in den meisten Jahren an – von rund 57.300 Personen im Jahr 2019 auf etwa 60.300 im Jahr 2023, ein Ausnahmejahr war 2022\. Auch der Anteil männlicher Auszubildender nahm zu. Das selbst gesteckte Ziel, die Ausbildungszahlen um zehn Prozent zu steigern, wurde allerdings nicht erreicht. Die Autor:innen führen das unter anderem auf den überdurchschnittlich hohen Einstieg im Jahr 2019 zurück. Deutlich übertroffen wurde dagegen das Ziel bei den Ausbildungsstandorten: Die Zahl der ausbildenden Einrichtungen und Schulen stieg um fast 25 Prozent – bei den ambulanten Diensten gab es im Vergleich der Jahre 2019 und 2023 sogar einen Zuwachs von rund 50 Prozent. Bemerkenswert ist die Entscheidung der Auszubildenden für den Ausbildungsweg: 98,7 Prozent wählten den generalistischen Abschluss zur Pflegefachperson, nur 0,4 Prozent die Altenpflege und 0,9 Prozent die Kinderkrankenpflege. Dabei ist zu bedenken, dass nicht alle Träger sämtliche Vertiefungen anbieten. Mit Blick auf das Pflegestudium verweist der Bericht auf einen Sonderbericht des Bundesinstituts für Berufsbildung: 2022 waren die primärqualifizierenden Studiengänge nur zu rund 50 Prozent ausgelastet – etwa 516 Studierende bei knapp 1.200 verfügbaren Plätzen. Vom Pflegestudiumstärkungsgesetz und den künftig erweiterten Kompetenzen erhoffen sich die Autor:innen einen Attraktivitätsschub. ## Notfallreform: Gesundheitsleitsystem und integrierte Notfallzentren als zentrale Anlaufstellen Michelle hat sich die damals geplante Notfallreform angesehen. Ziel des Vorhabens war es, eine rund um die Uhr verfügbare, gut funktionierende Notfall- und Akutversorgung sicherzustellen. Die bisherige Struktur weist bekannte Schwächen in der Steuerung von Hilfesuchenden auf, was Notaufnahmen und Rettungsdienste regelmäßig überlastet. Den [Gesetzentwurf zur Notfallreform](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/notfallreform.html?ref=uebergabe.de) haben wir dir in den Shownotes verlinkt. Kern der Reform sind zwei zentrale Anlaufstellen, die eng zusammenarbeiten sollen. Im Gesundheitsleitsystem werden die Nummer 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes und die Notrufnummer 112 vernetzt, sodass die Leitstellen gemeinsam über die passende Versorgungsebene entscheiden können. Eine digitale, medienbruchfreie Übertragung der Fallinformationen soll Abläufe beschleunigen. Die 116117 übernimmt dabei Aufgaben einer Terminservicestelle und vermittelt auch telemedizinische Angebote sowie aufsuchende Dienste. Die zweite Säule bilden die integrierten Notfallzentren: Sie verbinden eine Notaufnahme, eine Notdienstpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung und eine zentrale Ersteinschätzungsstelle, an der entschieden wird, ob eine stationäre oder ambulante Behandlung nötig ist. Für Kinder und Jugendliche sind spezielle Zentren vorgesehen, ersatzweise eine telemedizinische Anbindung an Kinderärzt:innen. Die Standorte der Notfallzentren sollten von den Selbstverwaltungspartnern auf Länderebene festgelegt werden; käme keine fristgerechte Einigung zustande, entschiede das jeweilige Bundesland. Geplant war zudem eine enge Evaluation mit jährlichen Berichten der Kassenärztlichen Vereinigungen. Finanziell rechnete der Entwurf mit Mehrausgaben von rund 140 Millionen Euro jährlich, denen Einsparungen von bis zu 843 Millionen Euro durch weniger unnötige Krankenhausaufenthalte gegenüberstehen sollten – langfristig wurde mit Minderausgaben von knapp einer Milliarde Euro pro Jahr kalkuliert. Kritik kam von verschiedenen Seiten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung wandte sich gegen die Pflicht, im Rahmen des Sicherstellungsauftrags einen rund um die Uhr verfügbaren Fahrdienst zu betreiben – sie hielt dies für nicht versorgungsnotwendig, wirtschaftlich kaum tragbar und personell schwer umsetzbar, weil so Doppelstrukturen entstünden. Der Verband der Universitätsklinika begrüßte dagegen genau diese Konkretisierung. Für Pflegefachpersonen besonders relevant ist die Stellungnahme des Deutschen Pflegerats: Er begrüßte die Reform grundsätzlich, kritisierte aber, dass die Kompetenzen der Pflegeberufe – insbesondere akademisch qualifizierter Pflegefachpersonen – zu wenig eingebunden würden. Vor allem die Rolle von Community Health Nurses, die gerade in ländlichen Regionen die Notfallversorgung verbessern könnten, bleibe weitgehend unberücksichtigt. ## DBfK-Thesenpapier „Pflege 2024": Mehr Kompetenzen, Community Health Nurses und bessere Basisversorgung Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe hat ein Positionspapier unter dem Titel „Pflege 2024 – Weichenstellung für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung" vorgelegt. Darin arbeitet der Verband zentrale Herausforderungen heraus – darunter Chronifizierung, steigender Pflegebedarf, Fachpersonalmangel und wachsender finanzieller Druck – und gibt Empfehlungen, wie die begrenzte Ressource professioneller Pflege bestmöglich genutzt werden kann. Das vollständige [Thesenpapier des DBfK](https://www.dbfk.de/media/docs/newsroom/dbfk-positionen/DBfK-Thesenpapier%5FWeichenstellung%5F2024.pdf?ref=uebergabe.de) findest du in den Shownotes. Der Verband sieht Handlungsbedarf bei der Vermeidung und Verringerung von Pflegebedürftigkeit: Diese müsse kein unumkehrbarer Prozess sein, sondern lasse sich durch präventive und gesundheitsfördernde Maßnahmen abmildern. Dafür brauche es Forschung und den Einsatz von Community Health Nurses, die datengestützt und evidenzbasiert arbeiten. Pflegende Familien sollten besser unterstützt werden – unter anderem durch niedrigschwelligere Pflegeberatung, die nicht allein auf Leistungen der Pflegeversicherung ausgerichtet ist, sondern eine fachliche Begleitung in dynamischen Pflegesituationen ermöglicht. Daneben betont der DBfK die Notwendigkeit einer besseren Basisversorgung in Pflegeheimen und ländlichen Gebieten. Akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen könnten Routineaufgaben wie Wundversorgung sowie Diabetes- und Blutdruckmanagement nicht nur durchführen, sondern eigenständig verantworten und so Krankenhausaufenthalte reduzieren. Diskutiert werden neue Modelle wie Primärversorgungszentren und sogenannte Nurse-led Clinics, in denen die Rückkehr multimorbider Patient:innen ins häusliche Umfeld vorbereitet wird. Für spezialisierte Bereiche wie Onkologie, Intensivpflege, Psychiatrie oder Neonatologie fordert der Verband gezielte Fort- und Weiterbildung sowie Studiengänge – ohne dabei die Bildungsstandards abzusenken. Zusammengefasst nennt der DBfK vier Kernempfehlungen: Erstens müssten vorhandene Kompetenzen umfänglich genutzt werden, etwa durch erweiterte Befugnisse bei der Verordnung von Hilfsmitteln oder bei der eigenständigen Wundversorgung – Punkte, die auch im Pflegekompetenzgesetz adressiert werden. Zweitens müsse der Qualifikationsmix klar organisiert und die Zusammenarbeit zwischen Pflegefachassistenz und Pflegefachpersonen geregelt sein. Drittens brauche es Investitionen in Kompetenzen, um Eigenständigkeit, Verantwortung und evidenzbasierte Praxis zu fördern. Viertens müsse professionelle Pflege theoriegeleitet und evidenzbasiert verankert werden – mit einer starken Pflegewissenschaft und Pflegeberufekammern. ## Weitere Meldungen in Kürze ### Krankenhausreform passiert den Bundestag Der Bundestag hat die Krankenhausreform mit 373 Ja- gegen 285 Nein-Stimmen und einigen Enthaltungen gebilligt. Zum Zeitpunkt der Folge stand noch der Gang durch den Bundesrat aus. Das Gesetz ist zwar nicht zustimmungspflichtig, der Bundesrat hätte aber den Vermittlungsausschuss anrufen und den Start damit verzögern können. Details zur [beschlossenen Krankenhausreform](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/bundestag-beschliesst-krankenhausreform-pm-17-10-2024.html?ref=uebergabe.de) haben wir verlinkt. ### Neues Institut für Pflegewissenschaft in Würzburg Professorin Melanie Messer hat den neu eingerichteten Lehrstuhl für Pflegewissenschaft an der Universitätsmedizin Würzburg übernommen und leitet ab Oktober 2024 das neu gegründete [Institut für Pflegewissenschaft am Uniklinikum Würzburg](https://www.uni-wuerzburg.de/aktuelles/einblick/single/news/neuprof-melanie-messer/?ref=uebergabe.de). Zum Wintersemester 2025/26 soll ein neuer Bachelorstudiengang Pflegewissenschaft starten – nach Angaben der Universität der erste seiner Art an einer staatlichen Universität in Bayern. Zuvor hatte Messer die entsprechende Professur an der Universität Trier inne. ### ICN-Kernkompetenzen der Katastrophenpflege auf Deutsch Der International Council of Nurses hat seine Kernkompetenzen der Katastrophenpflege überarbeitet, die nun erstmals auf Deutsch vorliegen. Übersetzt wurde das Dokument vom Team um Michael Ewers, Direktor des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft an der Charité Berlin. Es bietet Orientierung für Pflegefachpersonen in Krisensituationen – von der Risikominderung bis zur Reaktion. Sowohl der DBfK als auch der ICN betonten, dass sich alle Pflegefachpersonen auf solche Aufgaben vorbereiten sollten. Die [Kernkompetenzen der Katastrophenpflege](https://www.dbfk.de/media/docs/newsroom/publikationen/CORE%5FICN-Katastrophenpflege%5FStufe%5FIII%5F2022.pdf?ref=uebergabe.de) stehen zum Nachlesen bereit. ### Pflegekammer NRW verzichtet auf Zwangsgeld Die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen verhängt kein Zwangsgeld gegen Pflegefachpersonen, die sich bislang nicht vollständig angemeldet haben. Derzeit wird die Kammer über eine Anschubfinanzierung des Landes getragen und erhebt keine Mitgliedsbeiträge. Das ändert sich mit dem Versand der Beitragsbescheide an die rund 228.000 Pflegefachpersonen ab 2026\. Der Rechtsausschuss hatte im September 2024 beschlossen, eine Beitragsordnung mit Einheitsbeitrag zu erarbeiten; gerechnet wurde mit einem Monatsbeitrag von unter fünf Euro. Mehr dazu erklärt die [Mitteilung der Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/beitraege-vor-zwangsgeld-kammerversammlung-entscheidet-sich-fuer-ueberzeugungsarbeit-bei-der-vervollstaendigung-der-anmeldungen-2/?ref=uebergabe.de). ## Zum Weiterhören - [ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann)](https://www.uebergabe.de/ug168/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) --- ## **Abschlussbericht zur Ausbildungsoffensive Pflege: Fortschritte und Herausforderungen** Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat Ende September 2023 den Abschlussbericht zur Ausbildungsoffensive Pflege veröffentlicht. Diese Initiative wurde 2019 ins Leben gerufen, um bis Ende 2023 die Reform der Pflegeausbildung zu begleiten und den Beruf attraktiver zu gestalten. Doch wie sieht die Bilanz aus, und welche Ziele konnten erreicht werden? ### **Wesentliche Eckpunkte** - **Hintergrund:** Die Ausbildungsoffensive zielte darauf ab, die Zahl der Pflegeauszubildenden um 10% zu steigern und gleichzeitig Pflegeschulen und ausbildende Einrichtungen zu unterstützen. - **Erreichte Ausbildungszahlen:** Seit Beginn der Offensive stiegen die Ausbildungszahlen kontinuierlich, von 57.294 Auszubildenden im Jahr 2019 auf 60.312 im Jahr 2022\. Trotz dieser positiven Entwicklung wurde das gesteckte Ziel von 10% Wachstum nicht erreicht. Dies lag teilweise daran, dass 2019 überdurchschnittlich viele Personen mit der Ausbildung begonnen haben. - **Anzahl der Ausbildungseinrichtungen:** Ein besonderer Erfolg zeigt sich bei den Ausbildungseinrichtungen, die um fast 25% zunahmen. Insbesondere ambulante Dienste verzeichneten ein Wachstum von über 50%. - **Abschlüsse:** Die Mehrheit der Auszubildenden entschied sich für den generalistischen Abschluss als Pflegefachperson, während weniger als 1% in der Alten- und Kinderpflege verbleiben. ### **Herausforderungen und Kritik** Ein kritischer Punkt bleibt die Tatsache, dass die angestrebte 10%-Steigerung der Ausbildungszahlen nicht erreicht wurde. Auch wenn der kontinuierliche Aufwärtstrend positiv bewertet wird, gab es in den letzten Jahren Schwankungen. Zudem zeigt sich, dass der Anteil männlicher Auszubildender zwar wächst, aber noch Luft nach oben hat. ## **Notfallgesetz: Eine umfassende Reform der Notfallversorgung** Die Notfall- und Akutversorgung in Deutschland steht vor großen Veränderungen. Das neue Notfallgesetz soll die bisherige, oft überlastete Notfallstruktur grundlegend reformieren und eine engere Vernetzung der verschiedenen Akteure sicherstellen. Doch was genau soll sich ändern? ### **Wesentliche Eckpunkte** - **Ziele des Gesetzes:** Das Hauptziel des Notfallgesetzes ist eine gut funktionierende und wirtschaftliche Notfallversorgung, die rund um die Uhr verfügbar ist. Die Reform zielt darauf ab, die Steuerung von Hilfesuchenden zu verbessern und eine Überlastung der Notaufnahmen und Rettungsdienste zu verhindern. - **Zentrale Anlaufstellen:** Zwei zentrale Anlaufstellen werden geschaffen: das Gesundheitsleitsystem und die Integrierten Notfallzentren (INZ). Das Gesundheitsleitsystem vernetzt die Notrufnummern 116117 und 112, um Patienten effizient in die richtige Versorgungsebene zu leiten. - **Integrierte Notfallzentren (INZ):** Die Zentren sollen zukünftig bestehen aus einer Ersteinschätzungsstelle, einer Notaufnahme und einer kassenärztlichen Praxis. Anhan der standardisierten Ersteinschätzung wird dann die passende Versorgungsstruktur für die Patient:innen identifiziert und diese werden dann entsprechend geleitet, entweder stationär (zentrale Notaufnahme) oder ambulant (Praxis). ### **Herausforderungen und Kritik** - **Kosten und Einsparungen:** Die geschätzten Mehrausgaben für die gesetzliche Krankenversicherung betragen rund 140 Millionen Euro pro Jahr, jedoch erwartet man Einsparungen von bis zu 843 Millionen Euro durch effizientere Abläufe. - **Reaktionen der Verbände:** Während der Verband der Universitätsklinika die Reform begrüßt, äußert die Kassenärztliche Vereinigung Kritik. Sie sieht in der Verpflichtung zu einem 24/7-Fahrdienst für die Akutversorgung personelle und finanzielle Probleme. Der DPR kritisiert, dass die Kompetenzen von professionell Pflegenden nicht ausreichend berücksichtigt wurden. ## **Pflege 2024: Weichenstellung für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung** Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) hat in einem Positionspapier die Herausforderungen für das Gesundheitswesen im Jahr 2024 zusammengefasst und gibt Empfehlungen, wie die Profession Pflege die zukünftigen Anforderungen meistern kann. Dabei stehen vor allem die Themen Fachpersonalmangel, steigender Pflegebedarf und finanzielle Engpässe im Fokus. ### **Wesentliche Eckpunkte** - **Vermeidung von Pflegebedürftigkeit:** Der DBfK betont, dass Pflegebedürftigkeit durch präventive Maßnahmen verringert werden kann. Hier sieht der Verband eine große Rolle für Community Health Nurses (CHN), die zielgerichtete und evidenzbasierte Maßnahmen umsetzen sollen. - **Unterstützung pflegender Familien:** Der Verband fordert eine bessere und niederschwellige Pflegeberatung für Familien, die pflegen, sowie eine Ausweitung des pflegerischen Aufgabenspektrums. - **Versorgung in ländlichen Regionen:** In ländlichen Gebieten sollen neue Modelle wie Primärversorgungszentren eingeführt werden, um die medizinische Versorgung trotz Ärztemangels zu sichern. Akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen könnten eine Schlüsselrolle in diesen Versorgungsmodellen spielen. ### **Herausforderungen und Empfehlungen** - **Kompetenznutzung:** Der DBfK fordert, die umfangreichen Kompetenzen der Pflegefachpersonen besser zu nutzen, etwa durch eigenständige Wundversorgung oder die Verordnung von Hilfsmitteln. - **Investitionen in die Pflege:** Um die Qualität der Pflege zu sichern, sei es notwendig, mehr in die Aus- und Weiterbildung der Pflegekräfte zu investieren. Zudem müsse die Theorie-Praxis-Verbindung in der Pflegewissenschaft gestärkt werden. ## **Kurznachrichten** - **Durchbruch beim Krankenhausreform:** Der Bundestag hat das umstrittene Krankenhausgesetz mit 373 zu 285 Stimmen verabschiedet. Die Reform sieht eine grundlegende Neuausrichtung der Krankenhausfinanzierung vor, um die wirtschaftliche Stabilität der Kliniken zu sichern. - **Gründung eines Instituts für Pflegewissenschaft:** Die Universität Würzburg hat das erste staatliche Institut für Pflegewissenschaft in Bayern gegründet. Ziel ist es, die Akademisierung der Pflege weiter voranzutreiben und zukünftige Pflegefachpersonen auf die Herausforderungen im Gesundheitswesen vorzubereiten. - **Pflegekammer NRW: Mitgliedsbeiträge ab 2026:** Die Pflegekammer NRW hat beschlossen, ab 2026 Mitgliedsbeiträge für Pflegefachpersonen zu erheben. Der monatliche Beitrag soll unter 5 Euro liegen. - **Katastrophenpflege: Neue ICN-Richtlinien:** Der Internationale Rat der Pflegeberufe (ICN) hat die Kernkompetenzen für Katastrophenpflege überarbeitet. Diese Richtlinien bieten Orientierungshilfen für Pflegefachpersonen, um auf Krisensituationen vorbereitet zu sein. --- ### Shownotes: - [Abschlussbericht Ausbildungsoffensive Pflege ](https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/ausbildungsoffensive-pflege-2019-2023--246066?ref=uebergabe.de)(bmfsfj.de) - [Entwurf Notfallgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/notfallreform.html?ref=uebergabe.de) (bmg.de) - [DBfK Thesenpapier](https://www.dbfk.de/media/docs/newsroom/dbfk-positionen/DBfK-Thesenpapier%5FWeichenstellung%5F2024.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Krankenhausreform](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/bundestag-beschliesst-krankenhausreform-pm-17-10-2024.html?ref=uebergabe.de) (bmg.de) - [Neues Institut für Pflegewissenschaft in Würzburg](https://www.uni-wuerzburg.de/aktuelles/einblick/single/news/neuprof-melanie-messer/?ref=uebergabe.de) (uni-wuerzburg.de) - [ICN Katastrophenpflege](https://www.dbfk.de/media/docs/newsroom/publikationen/CORE%5FICN-Katastrophenpflege%5FStufe%5FIII%5F2022.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/beitraege-vor-zwangsgeld-kammerversammlung-entscheidet-sich-fuer-ueberzeugungsarbeit-bei-der-vervollstaendigung-der-anmeldungen-2/?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nrw.de) --- # Aktuelle Themen in der Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Einfluss von Pflegeexpert:innen auf die Versorgung von Menschen mit Diabetes URL: https://www.uebergabe.de/einfluss-von-pflegeexpert-innen-auf-die-versorgung-von-menschen-mit-diabetes/ Last updated: 2025-01-09T09:36:12.000Z 🗓️ #53 | 17.10.2024 ### Worum geht's? Diabetes-Spezialist:innen wurden in vielen Krankenhäusern eingeführt, um die Versorgung von stationären Patient:innen mit Diabetes zu verbessern. Die Hypothese ist, dass sie durch ihre Expertise Komplikationen wie Hyperglykämie reduzieren, die Verweildauer verkürzen und die allgemeine Zufriedenheit der Patient:innen erhöhen. Dieses systematische Review soll klären, ob Pflegeexpert:innen tatsächlich einen signifikanten Unterschied machen. 💡 Im antiken Ägypten um 1500 v. Chr. haben Ärzt:innen bereits Symptome von Diabetes erkannt. Sie beschrieben eine Krankheit, bei der Betroffene ungewöhnlich viel Urin ausscheiden und ständig durstig sind. Um Diabetes zu diagnostizieren, sollen sie angeblich den Urin von Patient:innen gekostet haben, da bei unkontrolliertem Diabetes der Urin aufgrund des hohen Zuckergehalts süß schmeckt – daher stammt auch der Name „Diabetes mellitus“, was „honigsüßer Durchfluss“ bedeutet. ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel dieser systematischen Übersichtsarbeit war es, den Einfluss von auf Diabetes spezialisierten Pflegefachpersonenn auf die stationäre Versorgung von Patient:innen mit Diabetes zu untersuchen. Die Untersuchung sollte klären, ob sich die Einführung von Pflegeexperten positiv auf klinische Ergebnisse und organisatorische Aspekte wie Verweildauer und Bettbelegung auswirkt. _This post is for paying subscribers only._ ### Wundmanagement in der ambulanten Pflege URL: https://www.uebergabe.de/ug148/ Last updated: 2026-06-13T12:41:44.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 12.10.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Ambulante Pflege ermöglicht Versorgung pflegebedürftiger Menschen im eigenen Zuhause. - Wundmanagement chronischer Wunden erfordert Spezialisierung, Schulung und Kausaltherapie statt reiner Symptombehandlung. - Hygiene, Weiterbildung und digitale Innovationen sichern Qualität in der Wundversorgung. - Pflegende Angehörige und psychologische Betreuung sind oft unterschätzte Erfolgsfaktoren. - Wirtschaftliche Hürden: Chronische Wundversorgung erzielt kaum positiven Deckungsbeitrag, Vergütungsreformen nötig. ## Ambulante Pflege — Ein zentraler Baustein der Gesundheitsversorgung Die ambulante Pflege spielt eine entscheidende Rolle im deutschen Gesundheitssystem. Sie bietet pflegebedürftigen Menschen die Möglichkeit, in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben und dennoch eine umfassende Betreuung zu erhalten. Pflegekräfte besuchen die Patient:innen zu Hause, um ihnen bei der Grundpflege zu helfen, medizinische Behandlungen durchzuführen und notwendige hauswirtschaftliche Unterstützung zu leisten. Dieser ganzheitliche Ansatz trägt dazu bei, dass sich die Patient:innen sicher und gut versorgt fühlen. Alexander Herms, der mit seiner Frau den [Pflegedienst **Pflegefreunde**](https://pflegefreunde.org/?ref=uebergabe.de) in Münster gegründet hat, beschreibt diesen Ansatz folgendermaßen: > „Wir möchten gerne alles aus einer Hand anbieten als Pflegedienst, was so ein älterer Mensch zu Hause braucht.” [Pflegefreunde | Ambulanter Pflegedienst in MünsterIhr ambulanter Pflegedienst in Münster und Umgebung. Professionelle Pflege und Betreuung Ihrer Angehörigen in den eigenen vier Wänden.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/cropped-cropped-Pflegefreunde_Logo_cmyk_RZ-1-e1685557591556-270x270.png)Pflegefreunde.org![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Pflegefreunde-Muenster-Ambulanter-Pflegedienst.jpg)](https://pflegefreunde.org/?ref=uebergabe.de) ### Wundmanagement in der ambulanten Pflege Ein besonders anspruchsvoller Bereich der ambulanten Pflege ist das Wundmanagement. Dabei geht es um die Pflege von chronischen Wunden, die oft über Monate oder sogar Jahre bestehen und eine intensive und spezialisierte Betreuung erfordern. Zu diesen Wunden zählen etwa ein Dekubitus (Druckgeschwüre), Ulcus cruris (offenes Bein) und das diabetische Fußsyndrom. Solche Wunden verursachen nicht nur starke Schmerzen, sondern schränken auch die Lebensqualität der Betroffenen erheblich ein. Die Pflegefreunde haben sich auf die Versorgung dieser chronischen Wunden spezialisiert. Alexander Herms beschreibt die Motivation dahinter: *„Wenn wir weiter diesen Anspruch haben wollen, dass wir alles irgendwie aus einer Hand anbieten und wir springen jetzt auf diesen Zug nicht auf, dann verpassen wir was.”* Diese Spezialisierung ist in der Branche besonders wichtig, da immer mehr Patient:innen chronische Wunden entwickeln und eine gezielte Versorgung benötigen. #### Die Herausforderung chronischer Wunden Chronische Wunden heilen nur sehr langsam oder gar nicht und sind für viele Patient:innen eine dauerhafte Belastung. Diese Wunden entstehen oft als Folge von Durchblutungsstörungen, Diabetes oder mangelnder Bewegung. Sie erfordern eine kontinuierliche Überwachung und Behandlung. Das Ziel des Wundmanagements ist es, den Heilungsprozess zu fördern oder zumindest das Fortschreiten der Wunde zu verhindern. Ein zentrales Problem ist, dass viele Pflegekräfte in der Vergangenheit nicht ausreichend für diese spezialisierte Aufgabe ausgebildet waren. Dies führte zu mangelhafter Wundversorgung und längeren Heilungszeiten. Hierbei geht es darum, die Ursachen der Wunde — wie etwa Durchblutungsstörungen — zu bekämpfen, anstatt nur die Symptome zu behandeln. > „Die Wunde heilt nicht wegen der Wundauflage, sondern die heilt, wenn wir uns der Kausaltherapie widmen.” ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/10/DALL-E-2024-10-09-20.53.04---An-alternative-scene-of-wound-management-in-home-care.-A-healthcare-professional-in-white-medical-scrubs-carefully-cleaning-and-dressing-a-patient-s-w.webp) ### Die Rolle der pflegenden Angehörigen Ein oft vernachlässigter Aspekt in der ambulanten Pflege ist die Rolle der pflegenden Angehörigen. Sie sind häufig die erste Anlaufstelle für pflegebedürftige Menschen und übernehmen einen Großteil der täglichen Pflege. Gerade im Bereich des Wundmanagements können sie eine wertvolle Unterstützung bieten, indem sie auf die Hygiene achten und kleinere Pflegemaßnahmen selbst durchführen. Die Angehörigen müssen jedoch ebenfalls geschult werden, um Fehler zu vermeiden, die den Heilungsprozess gefährden könnten. Regelmäßige Beratung und Unterstützung durch professionelle Pflegekräfte ist hier entscheidend. Pflegedienste sollten den Angehörigen daher verstärkt Anleitung und Schulungen anbieten, um sie in den Pflegeprozess zu integrieren. So können auch sie zur Verbesserung der Pflegequalität beitragen. ### Psychologische Betreuung: Mehr als nur Wundpflege Ein weiterer wichtiger Punkt, der oft übersehen wird, ist die psychologische Betreuung von Patient:innen mit chronischen Wunden. Wunden, die über einen langen Zeitraum bestehen, beeinflussen nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch die Psyche der Betroffenen. Patient:innen fühlen sich oft hilflos, leiden unter ihrem veränderten Körperbild oder ziehen sich sozial zurück. Dieser psychische Stress kann den Heilungsprozess weiter verzögern. Es ist daher wichtig, dass Pflegedienste nicht nur die körperlichen Symptome behandeln, sondern auch psychologische Unterstützung anbieten oder Patient:innen an entsprechende Fachkräfte vermitteln. Ein integrativer Ansatz, bei dem die psychische Gesundheit genauso ernst genommen wird wie die physische, ist von zentraler Bedeutung, um eine ganzheitliche Versorgung zu gewährleisten. Dieser ganzheitliche Ansatz trägt wesentlich dazu bei, dass Patient:innen wieder mehr Selbstvertrauen gewinnen und sich weniger sozial isoliert fühlen. > *„Die Steigerung der Lebensqualität steht bei uns im Vordergrund. Auch wenn die Wunde nicht vollständig heilt, können wir dafür sorgen, dass die Patient:innen sich wohler fühlen.”* ### Hygiene — Der Schlüssel zur erfolgreichen Wundversorgung Die Bedeutung der Hygiene in der Wundversorgung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Eine unzureichende Wundhygiene führt häufig zu Infektionen, die den Heilungsprozess verlangsamen und weitere Komplikationen nach sich ziehen können. Gerade in der ambulanten Pflege, wo Pflegekräfte täglich in unterschiedliche Haushalte gehen, ist es wichtig, dass strenge Hygienestandards eingehalten werden. Dazu gehört beispielsweise der Einsatz steriler Materialien und die richtige Anwendung von Wundauflagen. Auch die Desinfektion der betroffenen Hautstellen sowie der Umgebung spielt eine wichtige Rolle. Pflegedienste wie die Pflegefreunde setzen spezielle Wundversorgungssets ein, um sicherzustellen, dass alle notwendigen Materialien steril sind und jede Wunde individuell versorgt werden kann. Diese Maßnahmen tragen dazu bei, dass Infektionen vermieden und der Heilungsprozess gefördert werden. ### Weiterbildung als Schlüssel zur Qualitätssicherung Die *Weiterbildung* der Pflegekräfte ist ein weiterer zentraler Faktor für den Erfolg im Wundmanagement. Aufgrund der Komplexität chronischer Wunden müssen Pflegekräfte umfassend geschult sein, um die besten Behandlungsergebnisse zu erzielen. In Deutschland gibt es spezialisierte Weiterbildungsprogramme wie den [„*Wundexperte:in ICW*”](https://www.icwunden.de/?ref=uebergabe.de), die Pflegefachpersonen das notwendige Fachwissen vermitteln. [Initiative Chronische Wunden - Initiative Chronische Wunden e.V.Standards, Fortbildungen und aktuelle Themen in der medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaft![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/ICW_Logo_mobile.png)Initiative Chronische Wunden e.V.![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/website-screenshot-1024x564.png)](https://www.icwunden.de/?ref=uebergabe.de) > *„Wir haben unsere Pflegekräfte speziell im Bereich Wundmanagement ausbilden lassen. Diese Ausbildung umfasst nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch praktische Übungen, was sie von anderen Wundmanagement-Kursen abhebt”* Diese spezialisierte Ausbildung befähigt die Pflegekräfte, komplexe Wunden zu behandeln und auf die individuellen Bedürfnisse der Patient:innen einzugehen. Die regelmäßige Teilnahme an Fortbildungen und Zertifizierungen sorgt dafür, dass das Wissen aktuell bleibt und neue Behandlungsmethoden in den Pflegealltag integriert werden. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Technologische Innovationen und Digitalisierung im Wundmanagement Neben der Weiterbildung der Pflegekräfte spielen technologische Innovationen eine immer größere Rolle im modernen Wundmanagement. Digitale Lösungen, wie etwa Apps zur Wunddokumentation oder Telemedizin, ermöglichen es Pflegediensten, den Heilungsprozess besser zu überwachen und schneller auf Veränderungen zu reagieren. Solche Technologien helfen auch dabei, die Zusammenarbeit zwischen Pflegekräften und Ärzt:innen zu optimieren, indem sie den Informationsaustausch erleichtern. Eine weitere Innovation ist der Einsatz moderner Wundauflagen, die antibakterielle Wirkstoffe enthalten und somit Infektionen vorbeugen. Auch fortschrittliche Behandlungsmethoden wie die Vakuumtherapie, bei der die Wunde unter Unterdruck gesetzt wird, um die Heilung zu beschleunigen, werden zunehmend in der ambulanten Pflege eingesetzt. ### Wirtschaftliche Hürden und Vergütungsmodelle Trotz der großen Fortschritte im Wundmanagement stehen viele Pflegedienste vor erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen. Die Vergütung für die Versorgung chronischer Wunden deckt oft nicht die tatsächlichen Kosten, die mit der spezialisierten Pflege verbunden sind. Dies stellt insbesondere kleinere Pflegedienste vor Probleme, da sie wirtschaftlich arbeiten müssen, um langfristig bestehen zu können. > *„Aktuell ist das so, dass es kaum ein Setting gibt, in dem die chronische Wunde einen positiven Deckungsbeitrag erzielt.”* Dies bedeutet, dass Pflegedienste oft Verluste machen, wenn sie sich auf die Versorgung chronischer Wunden spezialisieren. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach dieser spezialisierten Pflege groß. Hier sind Reformen in der Vergütung und eine stärkere Unterstützung durch die Krankenkassen dringend erforderlich, um die Pflegedienste finanziell zu entlasten. [Häusliche KrankenpflegeVersicherte haben nach § 37 SGB V Anspruch auf häusliche Krankenpflege.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-icon-180x180.png)GKV-SpitzenverbandGKV-Spitzenverband![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo_og.jpg)](https://www.gkv-spitzenverband.de/krankenversicherung/ambulante%5Fleistungen/haeusliche%5Fkrankenpflege/haeusliche%5Fkrankenpflege%5F1.jsp?ref=uebergabe.de) ### Patient:innensicherheit und Qualitätskontrolle Die Patientensicherheit und die Sicherstellung einer gleichbleibend hohen Pflegequalität sind essenzielle Ziele im Wundmanagement. Hierbei spielen regelmäßige Qualitätskontrollen und die Einhaltung von Hygienestandards eine zentrale Rolle. Pflegedienste müssen sicherstellen, dass alle Pflegekräfte entsprechend geschult sind und dass die Wundversorgung nach den neuesten medizinischen Standards erfolgt. Alexander Herms erklärt, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit zwischen Pflegediensten und Ärzt:innen ist: > „Wir haben kein Interesse daran, anderen Pflegediensten die Patient:innen wegzunehmen. Unsere Arbeit basiert auf Vertrauen und Zusammenarbeit. > Eine enge Abstimmung zwischen den verschiedenen Akteur:innen im Gesundheitssystem ist unerlässlich, um die Sicherheit der Patient:innen zu gewährleisten und optimale Ergebnisse zu erzielen." ### Spezialisierung und Qualität durch die Bundesarbeitsgemeinschaft Wunde Die [**Bundesarbeitsgemeinschaft spezialisierter Leistungserbringer "Wunde" (BAG Wunde)**](https://www.bag-wunde.de/?ref=uebergabe.de) setzt sich für die Verbesserung der Wundversorgung in Deutschland ein. Sie bietet eine Plattform für spezialisierte Wundpflegedienste, fördert den Austausch und die Weiterentwicklung von Standards und vertritt die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber Kostenträgern und politischen Institutionen. Zu ihren Zielen gehört es, einheitliche Qualitätskriterien zu etablieren und die Effizienz der Wundversorgung zu steigern. Sie strebt außerdem eine faire Vergütung der erbrachten Leistungen an, um die Versorgung chronischer Wunden nachhaltig zu sichern. ### Fazit: Die Zukunft der ambulanten Pflege und des Wundmanagements Die ambulante Pflege und das Wundmanagement stehen vor großen Herausforderungen, aber auch vor spannenden neuen Möglichkeiten. Die Spezialisierung auf chronische Wunden, die Integration moderner Technologien und die kontinuierliche Weiterbildung des Pflegepersonals sind entscheidende Faktoren, um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden. Gleichzeitig müssen wirtschaftliche Hürden abgebaut und die Vergütungsmodelle angepasst werden, um eine langfristige finanzielle Stabilität der Pflegedienste zu gewährleisten. Durch eine verstärkte Zusammenarbeit, sowohl zwischen den verschiedenen Akteur:innen im Gesundheitswesen als auch mit den Angehörigen der Patient:innen, kann eine umfassende, ganzheitliche Pflege sichergestellt werden. --- ## Veranstaltungshinweise und Aufrufe 🎫 Am 24\. und 25\. Oktober 2024 findet der ***„6\. Deutsche Kongress für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie”** im Langenbeck-Virchow-Haus in Berlin statt. Weitere Informationen unter: [***https://www.patientensicherheit2024.de/**](https://smex-ctp.trendmicro.com/wis/clicktime/v1/query?url=https%3a%2f%2fwww.patientensicherheit2024.de&umid=96141bf5-a692-468c-8297-5b4513d19568&auth=31128da715df51a01b6d2733f9eab10119de551f-e17a1407bd186dcb5465fdb0088a7032e472c4ed&ref=uebergabe.de) 💡 Für ihre Promotion zum Thema „MIND” (moralischer Distress unter Intensivpflegepersonen in Deutschland) sucht Larissa Forster ([larissa.forster@uniklinik-freiburg.de](mailto:larissa.forster@uniklinik-freiburg.de)) Intensivpflegende für eine anonyme Erhebung. Eine Teilnahme ist über folgendem Link möglich: [https://zks-redcap.uniklinik-freiburg.de/surveys/?s=7ECY97FLCNJ9AH43](https://zks-redcap.uniklinik-freiburg.de/surveys/?s=7ECY97FLCNJ9AH43&ref=uebergabe.de) 💡 Für die virtuelle Expert:innen-Konferenz am 15.11.2024 im PICo-Projekt ([www.uni-wh.de/pico 3](http://www.uni-wh.de/pico?ref=uebergabe.de)) werden noch Expert:innen, d.h. Pflegende mit oder ohne Personalverantwortung und Leitungspersonen aus der stationären Altenpflege in Deutschland gesucht. Bei Interesse meldet Euch gerne mit einer kurzen E-Mail ([pico@uni-wh.de](mailto:pico@uni-wh.de)) oder unter 02302-926809\. [![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/09/csm_Poster_Fachtag_6037bbb46b.jpg)](https://www.living-lab.org/veranstaltungen-fachtag/?ref=uebergabe.de) --- ## Neues aus der Übergabe-Community - [Covid-19 nachbearbeiten: Expert:innen für stationäre Altenpflege gesucht](https://community.uebergabe.de/t/covid-19-nachbearbeiten-expert-innen-fuer-stationaere-altenpflege-gesucht/227?ref=uebergabe.de) - [Der große ”ich stelle mich vor” Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22?ref=uebergabe.de) - [Eure Fragen zum Pflegekompetenzgesetz auf dem Deutschen Pflegetag](https://community.uebergabe.de/t/eure-fragen-zum-pflegekompetenzgesetz-auf-dem-deutschen-pflegetag/192?ref=uebergabe.de) - [Qualifikationsarbeiten in unserem Podcast!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/189?ref=uebergabe.de) - [DGP Hochschultag 2024 in Jena](https://community.uebergabe.de/t/dgp-hochschultag-2024-in-jena/177?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/y9C-bqGhlloAAAAC/teamwork.gif) ## Zum Weiterhören - [ÜG032 – Qualität in der ambulanten Pflege, Pflegekammer](https://www.uebergabe.de/ug032/) - [ÜG014 – Strukturen der ambulanten Pflege & Langzeitpflege - (K. Schulz-Asche)](https://www.uebergabe.de/ug014/) - [ÜG063 – Buurtzorg als Organisationsmodell der ambulanten Pflege (Johannes Technau)](https://www.uebergabe.de/ug063/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Förderung der Selbstwirksamkeit bei Patient:innen mit chronischen Erkrankungen URL: https://www.uebergabe.de/forderung-der-selbstwirksamkeit-bei-patient-innen-mit-chronischen-erkrankungen/ Last updated: 2024-10-24T13:35:04.000Z 🗓️ #52 | 10.10.2024 ### Worum geht's? Das zentrale Thema der Studie ist die Selbstwirksamkeit, die als kognitiver Prozess beschrieben wird, bei dem Menschen durch soziale und umweltbezogene Einflüsse neue Verhaltensweisen erlernen, die ihre Fähigkeit verbessern, zukünftige Ereignisse zu beeinflussen. Selbstwirksamkeit spielt eine Schlüsselrolle im Umgang mit chronischen Erkrankungen und beeinflusst das Selbstmanagement und die Therapietreue positiv​. 💡 Die fünf häufigsten chronischen Erkrankungen in Deutschland umfassen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2, chronische Atemwegserkrankungen, Rückenschmerzen sowie Depressionen und andere psychische Erkrankungen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Bluthochdruck und koronare Herzkrankheiten, betreffen etwa 20 bis 25 Millionen Menschen. Diabetes mellitus Typ 2 ist ebenfalls weit verbreitet, mit etwa 8 bis 9 Millionen Betroffenen in Deutschland. Chronische Atemwegserkrankungen, darunter COPD und Asthma, betreffen etwa 8 bis 10 Millionen Menschen, wobei etwa 3,5 Millionen Menschen an COPD und 6 bis 7 Millionen an Asthma leiden. Rückenschmerzen und andere Erkrankungen des Bewegungsapparats betreffen etwa 15 bis 20 Millionen Menschen. Schließlich sind auch psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen, häufig: Etwa 11 % der Bevölkerung, das heißt etwa 5 bis 6 Millionen Menschen, sind davon betroffen. ### Was war das Ziel der Studie? Die Studie zielt darauf ab, Barrieren für die Selbstwirksamkeit von Patient:innen mit chronischen Erkrankungen zu identifizieren und alternative Strategien zu erforschen, die über die traditionelle medizinische Bildung hinausgehen. Dabei soll herausgefunden werden, wie Pflegefachkräfte und Führungskräfte im Gesundheitswesen Programme und Strategien umsetzen können, um die Selbstwirksamkeit dieser Patient:innen zu fördern​. _This post is for paying subscribers only._ ### Referentenentwurf des Pflegekompetenzgesetz URL: https://www.uebergabe.de/pu081/ Last updated: 2026-06-13T23:21:17.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 05.10.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Pflegekompetenzgesetz erlaubt Pflegefachpersonen, heilkundliche Aufgaben künftig selbstständig zu übernehmen. - Insulinanpassung, Wundversorgung und Katheterwechsel sollen Versorgungslücken schließen. - Eine bundesweite Organisation der Pflegeberufe soll Interessen vertreten und Scope of Practice entwickeln. - DPR begrüßt das Gesetz, Ärzteschaft und GKV warnen vor Umsetzungs- und Kostenproblemen. - Das Gesetz wertet die Rolle der Pflege auf, bleibt aber politisch umstritten. 📎 In dieser Episode sprechen wir über das neue ****Pflegekompetenzgesetz**, das Pflegefachpersonen erweiterte Aufgaben in der Gesundheitsversorgung übertragen soll. Wir diskutieren die Übernahme heilkundlicher Tätigkeiten, die geplante bundesweite Organisation der Pflegeberufe und beleuchten die Stellungnahmen von wichtigen Verbänden wie dem Deutschen Pflegerat und der Bundesärztekammer. Erfahre, wie diese Änderungen die Pflegepraxis beeinflussen könnten und welche Chancen und Herausforderungen sie mit sich bringen. ## Zum Weiterhören - [PU065 – Im Fokus: Pflegekompetenzgesetz / Reaktionen der Verbände](https://www.uebergabe.de/pu065/) - [PU113 – Maßgebliche Organisation der Pflegeberufe / Substitution ärztlicher Tätigkeiten an Pflege](https://www.uebergabe.de/pu113/) - [PU100 – Pflegekompetenzgesetz / Pflegefachassistenzgesetz](https://www.uebergabe.de/pu100/) --- ## Pflegekompetenzgesetz und aktuelle Entwicklungen In dieser Episode unseres PflegeUpdates beschäftigen wir uns intensiv mit dem neuen Pflegekompetenzgesetz, das vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) entworfen wurde. Auf über 150 Seiten beschreibt das BMG, wie die Pflegekompetenz in Zukunft gesetzlich geregelt werden soll. Es geht um große Themen wie die Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten an Pflegefachpersonen, die Organisation der Berufsvertretung auf Bundesebene sowie die Stellungnahmen von wichtigen Verbänden zu diesem Gesetz. Wir haben die Kernpunkte für euch herausgearbeitet und besprechen, welche Auswirkungen dieses Gesetz auf den Pflegeberuf haben könnte. ### 1\. Übertragung heilkundlicher Aufgaben Ein Hauptthema des Pflegekompetenzgesetzes ist die **Übertragung heilkundlicher Aufgaben** an Pflegefachpersonen. Mit dem neuen Gesetz sollen Pflegefachpersonen bestimmte heilkundliche Tätigkeiten selbstständig übernehmen dürfen. Aber was genau bedeutet das? Die geplanten Änderungen betreffen vor allem Aufgaben, die Pflegefachpersonen im Rahmen ihrer Ausbildung und Berufserfahrung bereits kennen, unter anderem: - **Anpassung von Insulindosen**: Bei Abweichungen der Blutzuckerwerte könnten Pflegefachpersonen eigenständig die Insulindosis von Diabetiker\*innen anpassen, ohne auf ärztliche Rücksprache warten zu müssen. - **Wundversorgung**: Pflegefachpersonen könnten den Zustand chronischer Wunden beurteilen und eigenständig Maßnahmen wie den Verbandwechsel oder die Anwendung spezieller Wundheilungsprodukte durchführen. - **Katheterwechsel**: Auch der Wechsel von Kathetern könnte von qualifizierten Pflegefachpersonen selbstständig durchgeführt werden, besonders in der ambulanten Pflege, wo die Verfügbarkeit von Ärzt\*innen oft eingeschränkt ist. Die Idee hinter diesen Maßnahmen ist es, Versorgungslücken zu schließen, die durch den Fachkräftemangel, insbesondere im ländlichen Raum, entstehen. Pflegefachpersonen sind oft näher an den Patient\*innen und haben einen tieferen Einblick in deren Versorgungssituation. Dadurch könnten Entscheidungen schneller und oft auch effektiver getroffen werden. Es geht bei diesen erweiterten Aufgaben nicht darum geht, der Pflege einfach zusätzliche Arbeiten aufzubürden. Vielmehr handelt es sich um eine gezielte Nutzung der Fachkompetenz von Pflegefachpersonen, um die Versorgung der Patient\*innen zu verbessern. Diese Aufgaben sollen nicht "nebenbei" erledigt werden, sondern sind Teil eines umfassenderen Versorgungsmodells, das die Rolle der Pflegefachpersonen aufwertet und ihnen mehr Verantwortung überträgt. ### 2\. Organisation der Pflegeberufe auf Bundesebene Ein weiterer wichtiger Teil des Pflegekompetenzgesetzes betrifft die **maßgeblichen** **Organisation der Pflegeberufe auf Bundesebene**. Bisher gibt es in Deutschland keine einheitliche Vertretung der Pflegefachpersonen auf Bundesebene. Das neue Gesetz zielt darauf ab, maßgebliche Organisationen der Pflegeberufe zu benennen und deren Aufgaben klar zu definieren. - Diese Organisationen sollen die **Interessenvertretung der Pflegeberufe** auf Bundesebene übernehmen und sich in wichtige politische Entscheidungsprozesse einbringen. - Sie werden zudem für die Entwicklung eines **Muster-Scope of Practice** verantwortlich sein. Dieses Konzept soll eine systematische und umfassende Beschreibung der Aufgaben enthalten, die Pflegefachpersonen übernehmen können, welche Tätigkeiten sie nicht ausführen dürfen und welche Qualifikationen erforderlich sind, um bestimmte Aufgaben zu übernehmen. Dies ist in anderen Ländern bereits etabliert und soll nun auch in Deutschland umgesetzt werden. - Darüber hinaus sollen diese Organisationen Mindestanforderungen für **Weiterbildungen** entwickeln, insbesondere für die heilkundlichen Tätigkeiten, die Pflegefachpersonen in Zukunft übernehmen könnten. Diese Strukturierung auf Bundesebene stellt für die Pflegeberufe einen wichtigen Schritt dar. Die Pflege war bisher nicht in der Lage, selbstständig eine solche bundesweite Interessenvertretung aufzubauen, was dazu führte, dass ihre Stimme in politischen Prozessen oft nicht ausreichend gehört wurde. Das neue Gesetz sieht nun vor, dass die Politik aktiv eine solche Vertretung einsetzt, was für die Pflegeberufe eine Chance sein könnte, ihre Position zu stärken und in der Gesundheitsversorgung eine größere Rolle zu spielen. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### 3\. Stellungnahmen der Verbände zum Gesetzesentwurf Abschließend werfen wir einen Blick auf die **Stellungnahmen der Verbände** zum Pflegekompetenzgesetz. Zahlreiche Organisationen, darunter der Deutsche Pflegerat, die Bundesärztekammer und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV), haben sich zu dem Entwurf geäußert, und wir besprechen einige der wichtigsten Positionen. - **Der Deutsche Pflegerat (DPR)** begrüßt das Gesetz und sieht darin einen wichtigen Schritt zur Stärkung der Pflegeberufe. Besonders positiv wird bewertet, dass erstmals in einem Gesetz formuliert wird, dass Pflegefachpersonen heilkundliche Aufgaben selbstständig übernehmen können. Der DPR fordert jedoch, dass die Pflegewissenschaft und die Pflegeberufe stärker gefördert werden müssen, um die neuen Anforderungen zu erfüllen. Es wird auch darauf hingewiesen, dass die Kernaufgaben der Pflege im Gesetz klarer definiert und gleichberechtigt berücksichtigt werden sollten. - **Die Bundesärztekammer** unterstützt die Pläne zur Entwicklung eines Muster-Scope of Practice, warnt jedoch vor möglichen Umsetzungsproblemen. Besonders die Übertragung heilkundlicher Aufgaben sollte nach Ansicht der Ärzteschaft klar geregelt und die Zusammenarbeit zwischen Ärzt\*innen und Pflegefachpersonen sichergestellt werden. Sie betonen, dass eine enge Abstimmung zwischen den Berufen notwendig ist, um die Patientensicherheit zu gewährleisten. - **Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV)** sieht in dem Gesetz einen ersten richtigen Schritt zu einer modernen pflegerischen Versorgung, äußert aber Bedenken bezüglich der Kosten. Der GKV warnt davor, dass die neuen Regelungen in der Praxis schwer umsetzbar sein könnten, wenn sie nicht präziser gefasst werden. Vor allem die finanziellen Implikationen müssen nach Meinung des GKV noch weiter untersucht werden. Diese Stellungnahmen zeigen, wie kontrovers das Thema in der Gesundheitsbranche diskutiert wird. Während die Organisationen der Pflegeberufe das Gesetz als lange überfällig und notwendig ansehen, äußern Ärzt\*innen und Kassen auch Bedenken hinsichtlich der Machbarkeit und der Kosten. Weitere Stellungnahmen findet ihr in den Shownotes! Es wird deutlich, dass das Pflegekompetenzgesetz viele Chancen bietet, aber auch Herausforderungen mit sich bringt. Es bleibt abzuwarten, wie das Gesetz letztendlich verabschiedet wird und wie sich die neuen Regelungen auf die Pflegepraxis auswirken werden. --- ### Shownotes: - [RefE Pflegekompetenzgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegekompetenzgesetz-pkg.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Stellungnahme DPR](https://deutscher-pflegerat.de/download/dpr%5Fbmg%5Fstellungnahme%5Frefe%5Fpflegekompetenzgesetz%5F240930.pdf?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Stellungnahme GKV-Spitzenverband ](https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/presse/p%5Fstellungnahmen/240930%5FStn%5FRefE%5FPKG%5FBF.pdf?ref=uebergabe.de)(gkv-spitzenverband.de) - [Stellungnahme G-BA](https://www.g-ba.de/downloads/17-98-5767/2024-09-30%5FPA%5FBMG%5FG-BA%5FStellungnahme%5FPKG.pdf?ref=uebergabe.de) (g-ba.de) - [Stellungnahme DBfK ](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2024/DBfK-sieht-in-Pflegekompetenzgesetz-wichtige-Weichenstellung-zur-Aufwertung-des-Pflegeberufs.php?ref=uebergabe.de)(dbfk.de) - [Stellungnahme ThinkTankVA](https://www.dip.de/fileadmin/data/pdf/material/2024-09-23%5FTT-VA%5FStellungnahme%5FRefE%5FPflegekompetenzgesetz%5Ffinal.pdf?ref=uebergabe.de) (dip.de) ## Unser aktuelles Briefing! [Basaler Stimulation und herausforderndes Verhalten bei Demenz📨 Das neue Briefing zeigt, wie die Basale Berührung das herausfordernde Verhalten von Menschen mit Demenz während der Pflege reduziert. Pflegefachpersonen berichten von weniger Aggressionen und mehr Entspannung, was den Alltag für beide Seiten erleichtert.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-2.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DALL-E-2024-10-01-21.25.32---An-abstract-image-representing-the-concept-of-care-and-communication-in-dementia-care-through-gentle-touch.-The-image-should-convey-calmness--connecti.webp)](https://www.uebergabe.de/auswirkung-von-basaler-stimulation-auf-herausforderndes-verhalten-bei-menschen-mit-demenz/) --- # Aktuelle Themen in der Community [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Auswirkung von Basaler Stimulation auf herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz URL: https://www.uebergabe.de/auswirkung-von-basaler-stimulation-auf-herausforderndes-verhalten-bei-menschen-mit-demenz/ Last updated: 2024-10-03T07:00:31.000Z 🗓️ #51 | 03.10.2024 ## Worum geht's? Die Basale Berührung ist Teil der Basalen Stimulation, eines pflegerischen Ansatzes, der über somatische, vestibuläre und vibratorische Reize den Kontakt zu Menschen mit fortgeschrittener Demenz herstellt, deren verbale Kommunikationsfähigkeiten stark eingeschränkt sind. Diese Form der Berührung zielt darauf ab, eine respektvolle Beziehung zu etablieren und den Pflegeprozess für die Betroffenen weniger bedrohlich zu gestalten. 💡 Das Konzept der ****Basalen Stimulation** in der Pflege ist eine pflegerische Methode, die darauf abzielt, schwer beeinträchtigten oder bewusstseinsveränderten Menschen (z. B. Menschen mit schweren neurologischen Erkrankungen, Demenz, Wachkoma oder Behinderungen) über Sinnesreize eine Form der Kommunikation und Wahrnehmungsförderung zu ermöglichen. Die Grundidee ist, durch gezielte sensorische Reize (wie Berührungen, Vibrationen, Gerüche, Töne oder Bewegung) die Körperwahrnehmung, Orientierung und Selbstwahrnehmung der betroffenen Personen zu fördern. Es geht darum, die Körperfunktionen zu stimulieren, eine Rückmeldung über den eigenen Körper zu geben und so eine Kommunikation zu ermöglichen, die oft nonverbal abläuft. ### Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, die Auswirkungen der Anwendung der Basalen Berührung – ein Bestandteil der Basalen Stimulation – auf das herausfordernde Verhalten von Menschen mit Demenz während der Körperpflege im Pflegeheim zu untersuchen. Dabei wurde untersucht, ob und in welchem Umfang diese spezielle Form der Berührung zu einer Reduktion von Verhaltensweisen wie Aggression oder Unruhe führt. _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegeattraktiv-Zertifizierung für attraktive Arbeitgeber in der Pflegebranche (Sarah Lukuc) URL: https://www.uebergabe.de/ug147/ Last updated: 2026-06-13T12:41:35.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 28.09.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Pflegeattraktiv-Zertifikat hilft Einrichtungen, dem Fachkräftemangel mit besseren Arbeitsbedingungen zu begegnen. - Sechs Befähigungskriterien bewerten Kultur, Führung, Arbeitsbedingungen und Mitarbeiterbindung. - Pflegefachpersonen leiten Projekte selbst und entscheiden über Veränderungen mit. - Über drei Jahre prüfen Erst- und Überwachungsaudits den Fortschritt. - Erste Erfolge zeigen mehr Motivation, Personalzuwachs und bessere Patient:innenversorgung. ## Pflegeattraktiv: Wie Pflegeeinrichtungen ihre Arbeitgeberattraktivität im Gesundheitswesen steigern können Im Gesundheitswesen wird der Fachkräftemangel zunehmend zu einer Herausforderung, insbesondere in der Pflege. Pflegefachpersonen sind stark gefragt, und es wird immer wichtiger, sie langfristig an Pflegeeinrichtungen zu binden. Eine der besten Möglichkeiten, diesem Mangel entgegenzuwirken, ist die Schaffung attraktiver Arbeitsbedingungen. Genau hier setzt das Zertifizierungsverfahren [Pflegeattraktiv](https://pflegeattraktiv.de/?ref=uebergabe.de) an. Das Pflegeattraktiv-Zertifikat wurde von der [Knappschaft-Klinik](https://www.knappschaft-kliniken.de/?ref=uebergabe.de) und dem [Bundesverband Pflegemanagement](https://www.bv-pflegemanagement.de/?ref=uebergabe.de) entwickelt, um Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser dabei zu unterstützen, ein attraktives Arbeitsumfeld zu schaffen. Ziel des Zertifikats ist es, die Zufriedenheit und Motivation der Pflegefachpersonen zu steigern, was letztlich auch die Qualität der Patient:innen erheblich verbessert. ### Ursprung des Pflegeattraktiv-Zertifikats Das Pflegeattraktiv-Zertifikat wurde entwickelt, um einem zentralen Problem im Gesundheitswesen entgegenzuwirken: Wie können Pflegefachkräfte nicht nur gewonnen, sondern auch langfristig an Pflegeeinrichtungen gebunden werden? Der Fachkräftemangel in der Pflegebranche ist seit Jahren ein wachsendes Problem, das durch hohe Arbeitsbelastung, unzureichende Arbeitsbedingungen und mangelnde Karrierechancen verschärft wird. > „Wir haben überlegt, wie wir uns im Kampf um Fachkräfte so ein bisschen abheben können und was wir besonders hervorrufen können, um Mitarbeiter zu binden, Mitarbeiter dazu zu gewinnen und zu halten.” - Sarah Lukuc Diese Überlegungen führten zur Entwicklung eines eigenen Zertifizierungsverfahrens, das gezielt auf die Bedürfnisse von Pflegefachpersonen in Deutschland abgestimmt ist. Mit dem Pflegeattraktiv-Zertifikat können Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser die Attraktivität ihrer Arbeitsplätze verbessern und so dem Fachkräftemangel aktiv entgegenwirken. [Pflegeattraktiv.de — Kulturwandel und Prozesse neu denken![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/cropped-Siegel_pflegeattraktiv_RGB-e1655806269373-1-270x270.jpg)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/cropped-logo_homepage.jpg)](https://pflegeattraktiv.de/?ref=uebergabe.de#k1) ### Aufbau des Zertifizierungsverfahrens Das Zertifizierungsverfahren „Pflegeattraktiv” basiert auf sechs **Befähigungskriterien**, die eine umfassende Bewertung der Arbeitsplatzbedingungen ermöglichen. Diese Kriterien umfassen unter anderem die Unternehmenskultur, Führungshandeln, Arbeitsbedingungen und interprofessionelle Zusammenarbeit. Dabei wird besonders auf die Einbindung der Pflegefachpersonen geachtet, wie Sarah Lukuc betont: > "Pflegeattraktiv ist kein von oben nach unten denken. Die Mitarbeiter selbst können entscheiden, was im Unternehmen verändert und angegangen werden soll." Sarah Lukuc Jedes der sechs Befähigungskriterien ist mit einem spezifischen Projekt verbunden, das über einen Zeitraum von drei Jahren umgesetzt wird. Das Verfahren umfasst ein Erstaudit und zwei Überwachungsaudits, in denen die Fortschritte und der Erfolg der Projekte überprüft werden. Ein besonderes Augenmerk liegt darauf, dass die Projekte von den Pflegefachpersonen selbst geleitet werden. Dies soll die Motivation und das Engagement der Mitarbeitenden steigern und zu einem echten Wandel in den Strukturen der Pflegeeinrichtungen führen. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Befähigungskriterien im Detail Die sechs Befähigungskriterien, auf denen das Pflegeattraktiv-Zertifikat basiert, sind breit gefächert und decken alle wesentlichen Aspekte der Arbeitsbedingungen im Pflegebereich ab: 1. **Unternehmenskultur und Rolle der Pflege:** Pflegefachpersonen sollen ein integraler Bestandteil der Unternehmensentwicklung sein. Insbesondere in Krankenhäusern muss die Pflege in der Leitungsebene vertreten sein. 2. **Unternehmensstruktur, Führungshandeln und Eigenverantwortung:** Pflegefachpersonen sollen in die Entscheidungsprozesse eingebunden werden und eigenverantwortlich handeln können. 3. **Arbeitsbedingungen in und für die Pflege:** Flexibilität bei Dienstplänen, Freizeitausgleich und Vermeidung von Überlastung durch ständiges Einspringen sind zentrale Themen. 4. **Personalmanagement im Dreieck - Interprofessionelle Zusammenarbeit:** Die Zusammenarbeit zwischen Pflegefachpersonen und anderen Berufsgruppen wie Ärzt:innen oder der Personalabteilung ist ein weiterer wichtiger Punkt. 5. **Prävention, Gesundheit, Personalpflege und Arbeitssicherheit:** Betriebliche Gesundheitsmanagementprogramme sowie Maßnahmen zur Prävention von Krankheit sind zentrale Elemente. 6. **Personalmarketing, Gewinnungs- und Bindungsmanagement:** Arbeitgeberattraktivität nach außen darzustellen und Auszubildende langfristig an das Unternehmen zu binden, sind entscheidende Faktoren. 💡 Diese Befähigungskriterien sind so konzipiert, dass sie auf die spezifischen Gegebenheiten jeder Pflegeeinrichtung zugeschnitten sind. Jedes Projekt, das im Rahmen des Zertifizierungsverfahrens umgesetzt wird, muss anhand von Kennzahlen dokumentiert und evaluiert werden. ![Gruppe sitzt zusammen und wertet Daten für die Zertifizierung aus](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/09/Analysen-auswerten.webp) ### Ergebnisse und Wirkung von Pflegeattraktiv Das Zertifizierungsverfahren „Pflegeattraktiv” hat sich seit seiner Einführung in zahlreichen Pflegeeinrichtungen als erfolgreich erwiesen. Insbesondere in den **Knappschaft-Kliniken**, die das Verfahren initiiert haben, konnten bereits positive Effekte festgestellt werden. Sarah Lukuc hebt hervor: > "Die Mitarbeiter:innenmotivation und der Zuwachs an Personal waren deutlich spürbar. Es wurde uns zurückgemeldet, dass das Siegel Pflegeattraktiv auch wirklich gelebt wird." - Sarah Lukuc Durch die Einbindung der Pflegefachpersonen in die Entscheidungsprozesse und die Schaffung besserer Arbeitsbedingungen konnte nicht nur die Zufriedenheit der Mitarbeitenden gesteigert, sondern auch die Patient:innenversorgung verbessert werden. Langfristig soll durch die Erhebung von Kennzahlen ein Benchmark entwickelt werden, der es ermöglicht, die Qualität und Effizienz der Maßnahmen zu messen und weiter zu optimieren. ### Pflegeattraktiv und die Magnet-Zertifizierung Ein häufiger Vergleich, der im Zusammenhang mit Pflegeattraktiv gezogen wird, ist die internationale **Magnet-Zertifizierung**, die vor allem in den USA weit verbreitet ist. Während Magnet einen globalen Standard setzt, ist Pflegeattraktiv speziell auf die Anforderungen des deutschen Gesundheitswesens abgestimmt. Dennoch könnte das Pflegeattraktiv-Zertifikat eine Vorbereitung auf den Magnet-Standard darstellen. > *Pflegeattraktiv ist kleiner aufgesetzt und einfacher, hier in Deutschland umzusetzen. Es könnte durchaus als Vorzertifizierung für den Magnet-Weg dienen.* — Sarah Lukuc 💡 Das ****Magnet-Programm** ist ein international anerkanntes Zertifizierungsverfahren, das von der [****American Nurses Credentialing Center (ANCC)**](https://www.nursingworld.org/ancc/?ref=uebergabe.de) ins Leben gerufen wurde. Es zeichnet Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen aus, die herausragende Arbeitsbedingungen für Pflegefachpersonen bieten und durch hohe Pflegequalität und exzellente Patient:innenversorgung überzeugen. Das Programm fördert die berufliche Entwicklung, Autonomie und Entscheidungsbefugnis der Pflegefachpersonen und trägt zur langfristigen Mitarbeiterbindung bei. Weltweit gilt das Magnet-Zertifikat als Qualitätsmerkmal für ein attraktives und fortschrittliches Arbeitsumfeld im Gesundheitswesen. Derzeit gibt es in Europa zwei Magnet-zertifizierte Krankenhäuser: das [Universitätsklinikum Antwerpen in Belgien](https://www.uza.be/?ref=uebergabe.de) und das [Nottingham University Hospitals NHS Trust — City Hospital](https://www.nuh.nhs.uk/?ref=uebergabe.de) in England. ### Herausforderungen und Perspektiven Ein solches Zertifizierungsverfahren ist jedoch nicht ohne Herausforderungen. Insbesondere die **Kommunikation** innerhalb der Einrichtung und die Bereitstellung der erforderlichen **Kennzahlen** sind häufige Hürden, die überwunden werden müssen. Um den Prozess erfolgreich zu gestalten, ist es wichtig, alle Mitarbeitenden frühzeitig zu informieren und in den Prozess einzubinden. Auch die Geschäftsführungen müssen ein starkes Commitment abgeben, da viele der Projekte finanzielle und personelle Ressourcen erfordern. Die ersten Jahre des Pflegeattraktiv-Verfahrens haben jedoch gezeigt, dass der Aufwand lohnt. Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege ist nicht nur ein Gewinn für die Mitarbeitenden, sondern auch für die Patient\*innen und das gesamte Unternehmen. ### Fazit Das Zertifizierungsverfahren „Pflegeattraktiv” bietet Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern eine einzigartige Möglichkeit, ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern und damit dem Fachkräftemangel in der Pflege entgegenzuwirken. Durch die Einbindung der Mitarbeitenden in die Entscheidungsprozesse und die Schaffung verbindlicher Rahmenbedingungen schafft Pflegeattraktiv nicht nur ein Siegel, sondern vor allem einen nachhaltigen Wandel in den Strukturen der Pflege. Die ersten Erfolge zeigen, dass das Verfahren das Potenzial hat, die Pflegebranche in Deutschland grundlegend zu verändern — zum Wohl der Pflegefachpersonen und der Patient:innen. --- ## Veranstaltungshinweise 🎫 Am 24\. und 25\. Oktober 2024 findet der ***„6\. Deutsche Kongress für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie”** im Langenbeck-Virchow-Haus in Berlin statt. Weitere Informationen unter: [***https://www.patientensicherheit2024.de/**](https://smex-ctp.trendmicro.com/wis/clicktime/v1/query?url=https%3a%2f%2fwww.patientensicherheit2024.de&umid=96141bf5-a692-468c-8297-5b4513d19568&auth=31128da715df51a01b6d2733f9eab10119de551f-e17a1407bd186dcb5465fdb0088a7032e472c4ed&ref=uebergabe.de) [![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/09/csm_Poster_Fachtag_6037bbb46b.jpg)](https://www.living-lab.org/veranstaltungen-fachtag/?ref=uebergabe.de) --- ## Neues aus der Übergabe-Community... - [Der große ”ich stelle mich vor” Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22?ref=uebergabe.de) - [Eure Fragen zum Pflegekompetenzgesetz auf dem Deutschen Pflegetag](https://community.uebergabe.de/t/eure-fragen-zum-pflegekompetenzgesetz-auf-dem-deutschen-pflegetag/192?ref=uebergabe.de) - [Qualifikationsarbeiten in unserem Podcast!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/189?ref=uebergabe.de) - [DGP Hochschultag 2024 in Jena](https://community.uebergabe.de/t/dgp-hochschultag-2024-in-jena/177?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180-1.jpeg)Übergabe Community![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564-1.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) --- ## Deine Abschlussarbeit im Podcast... Wir geben großartigen Arbeiten, die oft in der Schublade landen, eine Bühne! 🎉 In unserem Podcast kannst du deine Qualifikationsarbeit vorstellen — egal, ob Pflegewissenschaft, Gesundheitsversorgung oder ein anderes spannendes Thema. In lockerer Atmosphäre sprechen wir über deine Forschung. Keine Sorge, wir beißen nicht! 🎙️😉 [Jetzt melden!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/189?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/aTiXjCHhgOUAAAAC/i-have-the-proclamation-hunter-engel.gif) ## Zum Weiterhören - [ÜG157 – Lebensphasengerechte Personalentwicklung (Katja Pein & Dr.In Lena Marie Wirth)](https://www.uebergabe.de/ug157/) - [ÜG137 – 4-Tage-Woche in der Pflege (Henrik van Gellekom)](https://www.uebergabe.de/ug137/) - [ÜG049 – Transformationale Führung & Pflegewissenschaft in der Praxis (Interview mit Sabine Brase & Rebekka Stetzenbach)](https://www.uebergabe.de/ug049/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Kompetenzbereiche von Pflegefachpersonen in der Wundversorgung URL: https://www.uebergabe.de/kompetenzbereiche-von-pflegefachkraften-in-der-wundversorgung/ Last updated: 2024-10-13T11:35:41.000Z 📨 Dieses Briefing beleuchtet die wichtigsten Kompetenzbereiche für Pflegefachkräfte in der akuten Wundversorgung. Sie zeigt auf, wie fundiertes Wissen, praktische Fähigkeiten und professionelle Einstellungen zur Verbesserung der Pflegequalität beitragen können. _This post is for paying subscribers only._ ### Zwischen den Podcasts URL: https://www.uebergabe.de/zwischen-den-podcasts/ Last updated: 2024-09-21T07:00:35.000Z ## Du hast eine spannende Abschlussarbeit geschrieben? Teile sie mit uns! Wir möchten den großartigen Arbeiten, die oft nach ihrer Abgabe in der Schublade verschwinden, eine Bühne geben! In unserem Podcast bieten wir dir die Möglichkeit, deine Qualifikationsarbeit vorzustellen und darüber zu sprechen. Egal, ob es um ein Thema aus der Pflegewissenschaft, Gesundheitsversorgung oder einem anderen spannenden Bereich geht – wir möchten deine Gedanken und Forschung mit unserer Community teilen. Das Gespräch wird locker und entspannt, wir beißen also nicht! 🎙️😉 **Wir freuen uns auf deine Teilnahme und darauf, deiner Arbeit die Bühne zu bieten, die sie verdient!** ## Wenn du Lust hast, deine Arbeit vorzustellen, melde dich bei uns! Und falls du jemanden kennst, der unbedingt dabei sein sollte – gerne weitersagen! [Jetzt melden!](https://community.uebergabe.de/t/qualifikationsarbeiten-in-unserem-podcast/189?ref=uebergabe.de) --- ❗ Das ****Pflegekompetenzgesetz** wird demnächst von uns genauer unter die Lupe genommen, sodass wir dazu in dieser Ausgabe nichts schreiben. Ein ausführliches PflegeUpdate wird dazu demnächst kommen. ## Gesundheitsberufe fordern Gesundheitsgipfel im Bundeskanzleramt Vertreterinnen und Vertreter von über vier Millionen Beschäftigten im Gesundheitswesen haben die Bundesregierung aufgefordert, einen Gesundheitsgipfel im Bundeskanzleramt einzuberufen. Hintergrund ist die drohende demografische Krise: Steigendes Durchschnittsalter und wachsende Behandlungsbedarfe treffen auf einen massiven Fachkräftemangel. Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, warnt: > „In seiner derzeitigen Verfassung wäre das Gesundheitssystem nicht in der Lage, eine gesundheitliche Krise größeren Ausmaßes zu bewältigen.“ Neben Vogler fordern auch andere führende Vertreter gezielte Maßnahmen: Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, plädiert für „grundlegende Strukturreformen“ und eine Entlastung des Personals durch effizientere Nutzung von Ressourcen und eine bessere Koordination der Gesundheitsleistungen. Ute Repschläger vom Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten betont die Notwendigkeit, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, um die Abwanderung von Fachkräften zu stoppen und die Integration ausländischer Fachkräfte zu fördern. Hannelore König, Präsidentin des Verbands medizinischer Fachberufe, hebt hervor, dass Gesundheit und Pflege *„die Grundlage für eine lebenswerte, sozial und politisch stabile Gesellschaft“* bilden und fordert eine ausreichende Finanzierung des Gesundheitssystems. Ein [Thesenpapier](https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user%5Fupload/BAEK/Ueber%5Funs/Buendnisse/Buendnis%5FGesundheit%5FThesenpapier%5F2024.pdf?ref=uebergabe.de) mit konkreten Maßnahmen zu den Themen Fachkräftemangel, Strukturreformen und Finanzierung wurde bereits an das Bundeskanzleramt übermittelt. ## Rückblick auf den Welttag der Patientensicherheit – Fokus auf Diagnosesicherheit Am 17\. September 2024 wurde weltweit der Welttag der Patientensicherheit begangen, ein globaler Gesundheitstag der WHO, der seit 2019 jährlich stattfindet. Ziel des Tages ist es, das Bewusstsein für Patientensicherheit zu schärfen und spezifische Sicherheitsprobleme im Gesundheitswesen anzugehen. Der diesjährige Welttag der Patientensicherheit stand unter dem Thema **Diagnosesicherheit**. Eine präzise und rechtzeitige Diagnose ist entscheidend, um die richtige Behandlung zu gewährleisten, Krankheiten frühzeitig zu erkennen und Ressourcen effizient zu nutzen. Fehlerhafte oder verzögerte Diagnosen können die Gesundheit von Patientinnen und Patienten gefährden und das Vertrauen in das Gesundheitssystem schwächen. Eine verlässliche Diagnose fördert zudem die aktive Beteiligung der Patientinnen und Patienten an ihrer Behandlung und verbessert so den Heilungsprozess. [Welttag der PatientensicherheitInternationaler Tag der Patientensicherheit![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/favicon.ico)![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/blank.gif)](https://tag-der-patientensicherheit.de/index.html?ref=uebergabe.de) In Deutschland organisierte das [Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (APS)](https://www.aps-ev.de/?ref=uebergabe.de) verschiedene Aktionen, um das Bewusstsein für dieses wichtige Thema zu erhöhen. Der Welttag der Patientensicherheit unterstreicht die Bedeutung fortlaufender Verbesserungen im Gesundheitswesen zum Schutz aller Patientinnen und Patienten weltweit. --- ## **Ergebnisse der Umfrage zur Praxisanleitung 2024** Der [Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)](https://www.dbfk.de/de/?ref=uebergabe.de) hat im März 2024 eine Umfrage zur Praxisanleitung in der Pflegeausbildung durchgeführt, an der 6.139 Pflegende teilnahmen, darunter 508 Auszubildende. Die Umfrage zeigt deutliche Defizite bei der Praxisanleitung, die gesetzlich vorgeschrieben ist. Zehn Prozent der praktischen Ausbildungszeit müssen als strukturierte Anleitungszeit nachgewiesen werden – viele Auszubildende berichten jedoch, dass diese oft nicht oder nur unzureichend angeboten wird. ### Herausforderungen in der Praxisanleitung: - Viele Auszubildende haben Schwierigkeiten, die geforderte Anleitungszeit zu erhalten. - Insbesondere in der stationären Langzeitpflege fehlen häufig freigestellte Praxisanleiter:innen, die sich auf die Ausbildung konzentrieren können. - In über 20 % der Fälle wurde die Anleitungszeit selten oder gar nicht eingehalten. 🚨 Diese Situation gefährdet nicht nur die Qualität der Ausbildung, sondern kann auch dazu führen, dass Auszubildende ihre Prüfungszulassung riskieren, wenn sie die geforderten Praxisnachweise nicht erbringen können. ### Forderungen an die Politik und Einrichtungen: - Die Praxisanleitung muss als zentraler Teil der Ausbildung qualitativ und quantitativ gesichert werden. - Freigestellte Praxisanleiter:innen sollten in den Einrichtungen zur Verfügung stehen, um die notwendige Ausbildungsqualität zu gewährleisten. - Die Ursachen für das Fehlen von Praxisanleitungen müssen analysiert und entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. ### Zahlen - An der Umfrage nahmen 6.139 beruflich Pflegende teil, darunter 508 Auszubildende. - Lediglich 27 % der Auszubildenden erhalten immer die vorgeschriebenen 10 % Anleitungszeit. - 60 % der Befragten arbeiten in der stationären Akutpflege, 25 % in der stationären Langzeitpflege und 10 % in der ambulanten Pflege. - Die Zufriedenheit mit der Praxisanleitung ist gemischt, viele Einrichtungen haben hier deutlichen Nachholbedarf. - 49 % der Auszubildenden gaben an, dass sie schon Einsätze ohne Kontakt zu einer Praxisanleitung absolviert haben. - 8 % studieren an Hochschulen, was über der durchschnittlichen Akademisierungsquote von 0,4 % liegt. 💡 [Hier kannst du den gesamten Bericht lesen.](https://www.dbfk.de/media/docs/newsroom/publikationen/Umfrage%5FPraxisanleitung%5FAuswertung%5Ffinal.pdf?ref=uebergabe.de) --- ## Hot Picks aus dem Archiv... [Übergabe | Die Bedeutung von Teamarbeit für die Arbeitszufriedenheit📨 Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen Teamarbeit und Arbeitszufriedenheit in Krankenhäusern. Ergebnisse zeigen, dass gute Teamarbeit die Zufriedenheit der Pflegekräfte signifikant erhöht.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die Pflege: Podcasts, Videos, Studien & NewsletterChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/briefing.webp)](https://www.uebergabe.de/einfluss-von-teamarbeit-auf-die-arbeitszufriedenheit/) [Übergabe | APN in der Notaufnahme📨 Die vorliegende Studie betrachte die Grundlage für die Implementierung einer APN-Rolle für geriatrische Patient:innen in der Notaufnahme. Betrachtete werden dabei die Herausforderungen die mit der Versorgung von geriatrischen Patient:innen einhergehen und mögliche Aufgabengebiete einer APN.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die Pflege: Podcasts, Videos, Studien & NewsletterFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/DALL-E-2024-06-04-21.01.29---An-elderly-person-in-a-hospital-emergency-room.-The-person-looks-worried-and-is-sitting-on-a-hospital-bed--surrounded-by-medical-equipment-such-as-mon.webp)](https://www.uebergabe.de/eine-apn-rolle-fur-die-notaufnahme/) [ÜG126 - Safewards - ein Konzept für die psychiatrische Pflege (Prof. Dr. Michael Schulz) - ÜbergabeWir sprechen mit Prof. Dr. Michael Schulz über Safewards und den Nutzen des Konzeptes in der psychiatrischen Pflege.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die Pflege: Podcasts, Videos, Studien & NewsletterChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug126-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug126/) [ÜG071 - Berufsstolz in der Pflege (German Quernheim) - ÜbergabeWir sprechen mit Dr. German Quernheim über Berufsstolz in der Pflege und zeigen auf, warum das besonders wichtig ist.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die Pflege: Podcasts, Videos, Studien & NewsletterChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug071-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug071/) [Übergabe | Pflegefachassistenz / Reform Pflegeversicherung🎙️ In Folge 80 des PflegeUpdate geht es um das Pflegefachassistenzgesetz und einen Bericht der Bundesregierung zu Reformideen für die Pflegeversicherung. Viel Spaß!![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die Pflege: Podcasts, Videos, Studien & NewsletterMax![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/cover80.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu080/) [Übergabe | Expertenstandards in der Pflege🎥 Expertenstandards in der Pflege sind evidenzbasierte Instrumente, die Qualität und Patient:innensicherheit verbessern. Sie entstehen durch systematische Entwicklung, und werden stetig aktualisiert.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die Pflege: Podcasts, Videos, Studien & NewsletterChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Expertenstandards-1.webp)](https://www.uebergabe.de/expertenstandards-in-der-pflege-ein-uberblick/) [Übergabe | Akademisierung in der Pflege🎥 Akademisierung in der Pflege fördert höhere Bildungsniveaus mit Fokus auf Forschung und evidenzbasierter Praxis, verbessert die Pflegequalität und erhöht das Berufsimage.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die Pflege: Podcasts, Videos, Studien & NewsletterChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/akademisierung.webp)](https://www.uebergabe.de/akademisierung-in-der-pflege/) ### Nicht vergessen... 📣 Teile die Übergabe an alle deine Freunde und Freundinnen! 🎥 Folge uns auf [Instagram](https://www.instagram.com/uebergabe.pflege/?ref=uebergabe.de) oder abonniere unseren [YouTube-Kanal](https://whatsapp.com/channel/0029VaVuoQ4EFeXgDlkqoF2s?ref=uebergabe.de). ❤️ Wenn dir unser Newsletter gefällt, [zeig uns etwas Liebe und werde Mitglied](https://www.uebergabe.de/mitgliedschaft/). 🎉 Möchtest du Pflegende erreichen? [Schreib uns eine Mail](mailto:hallo@uebergabe.de), wenn du bei uns eine Stellenanzeige schalten möchtest 📫 Leite diese E-Mail an einen Freund weiter und sag ihm, er soll sich [hier anmelden.](https://www.uebergabe.de/mitgliedschaft/) ![](https://media.tenor.com/rScUsBT-27IAAAAC/snoopy-have-a-nice-day.gif) ### Elterliche Unterstützung bei schmerzhaften Eingriffen auf der Kinderintensivstation URL: https://www.uebergabe.de/elterliche-unterstutzung-bei-schmerzhaften-eingriffen-auf-der-kinderintensivstation/ Last updated: 2024-10-01T13:28:40.000Z 🗓️ #49 | 19.09.2024 ## Worum geht's? Das Kernthema der Studie ist die Bedeutung der elterlichen Einbindung in die Schmerzbewältigung von Kindern auf der Intensivstation. Im Fokus steht die Frage, wie Mütter durch sanfte Berührung und Sprechen zur Schmerzlinderung während invasiver Prozeduren beitragen können. Diese Form der aktiven Teilnahme der Mütter zielt darauf ab, die elterliche Bindung zu stärken, das emotionale Wohlbefinden der Kinder zu verbessern und die Stressbelastung für beide Seiten zu reduzieren. ## Was war das Ziel der Studie? Das Ziel der Studie war es, die Erfahrungen von Müttern zu erfassen, die eine „Touch and Talk“-Intervention (T&T) während schmerzhafter Prozeduren ihrer Kinder auf der pädiatrischen Intensivstation (PICU) durchgeführt haben. Diese Pflegeintervention kombiniert Berührungen und mütterliches Reden, um die Kinder während invasiver Eingriffe zu beruhigen. Ziel war es herauszufinden, ob diese Intervention dazu beiträgt, das Schmerzmanagement der Kinder zu optimieren und ob die Mütter das Gefühl haben, durch die Teilnahme an der Pflege einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden ihrer Kinder auszuüben. 💡 Die Erfahrung eines Kindes auf einer Intensivstation kann erhebliche Auswirkungen auf seine psychische und emotionale Gesundheit haben. Nach einem Aufenthalt auf der pädiatrischen Intensivstation (PICU) zeigen etwa 25% der Kinder innerhalb des ersten Jahres nach der Entlassung psychologische und Verhaltensprobleme. Zu den häufigsten Herausforderungen gehören Symptome von posttraumatischem Stress (PTSD), wie Ängste, Depressionen, Reizbarkeit und das Vermeiden von Erinnerungen an den Krankenhausaufenthalt. Besonders gefährdet sind Kinder, die invasive oder schmerzhafte Behandlungen durchmachen mussten, da dies traumatische Belastungen auslösen kann. _This post is for paying subscribers only._ ### Tarifbewegung an der Medizinischen Hochschule Hannover (Burkhard Sohn) URL: https://www.uebergabe.de/ug146/ Last updated: 2026-06-13T12:58:26.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 14.09.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Fachkräftemangel und demografischer Wandel verschärfen die Überlastung der Pflegekräfte an der MHH. - Die Beschäftigten fordern einen Tarifvertrag Entlastung für bessere, fest geregelte Arbeitsbedingungen. - Auch Physiotherapie, Labor und Transport sind in die Forderungen einbezogen. - Arbeitgeber und Politik berufen sich auf rechtliche Hürden und die Tarifgemeinschaft der Länder. - Der Streik vom 16.-18.09.2024 ist Teil einer bundesweiten Entlastungsbewegung. ## ## Streik an der Medizinischen Hochschule Hannover — Einblicke und Hintergründe ### ### Wie kam es zu der aktuellen Streiksituation? Die aktuelle Streiksituation ist das Resultat einer längeren Entwicklung, die nicht nur die MHH betrifft, sondern das gesamte deutsche Gesundheitssystem. Es gibt einen zunehmenden Fachkräftemangel und durch den demografischen Wandel wird sich die Belastung in den kommenden Jahren noch verschärfen. Immer mehr Patient:innen müssen versorgt werden, während viele erfahrene Pflegekräfte aus Altersgründen aus dem Beruf ausscheiden. Diese doppelte Herausforderung, gepaart mit ständig steigenden Arbeitsanforderungen führt zu einer Überlastung der Pflegekräfte. An der MHH fordern die Mitarbeitenden nun einen **Tarifvertrag Entlastung**, um bessere Arbeitsbedingungen zu garantieren. „Gute Versorgung braucht gute Arbeitsbedingungen”, betont Burkhard im Gespräch. Es geht nicht nur um eine gerechte Bezahlung, sondern auch um feste Regelungen, die die Arbeitsbelastung begrenzen und eine nachhaltige Versorgung gewährleisten sollen. [Studie ”Ich pflege wieder, wenn...” | Arbeitnehmerkammer BremenArbeitnehmerkammer Bremen - Kammer der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Lande Bremen.![](https://static.ghost.org/v5.0.0/images/link-icon.svg)Arbeitnehmerkammer BremenArbeitnehmerkammer Bremen![](https://www.arbeitnehmerkammer.de/typo3conf/ext/content_provider/Resources/Public/Be/og_img_fallback_2023.jpg)](https://www.arbeitnehmerkammer.de/studie-ich-pflege-wieder-wenn.html?ref=uebergabe.de) [Zum Internationalen Tag der Pflegenden: Krankenstand bei Pflegekräften erneut auf Rekordhoch | Die Techniker - Presse & PolitikEine aktuelle TK-Auswertung anlässlich des Internationalen Tags der Pflegenden am 12\. Mai zeigt: Pflegekräfte waren im vergangenen Jahr länger krankgeschrieben als je zuvor.![](https://www.tk.de/blueprint/static/assets/base/images/favicons/tk-touch-icon-180.png?cb=53a8c93e8dcf03700d51bf4451db1f02)Techniker KrankenkasseTechniker Krankenkasse![](https://www.tk.de/blueprint/static/assets/base/images/logo.png?cb=0e5b006b0825c4b7aa7a9bb43726d7ee)](https://www.tk.de/presse/themen/pflege/pflegepolitik/krankenstand-bei-pflegekraeften-auf-rekordhoch-2149302?ref=uebergabe.de) ### Was fordern die Mitarbeitenden? Die zentrale Forderung der Streikenden an der MHH ist ein **Tarifvertrag zur Entlastung**, der nicht nur die Pflegekräfte betrifft, sondern auch andere Berufsgruppen wie Physiotherapeut:innen, Laborpersonal und Transportdienste. Ein ähnlicher Tarifvertrag existiert bereits an 21 anderen Kliniken in Deutschland, darunter die Charité in Berlin. Die wichtigsten Punkte, die die Streikenden fordern, sind unter anderem eine bessere und geregelte Personalausstattung sowie einen Ausgleich bei Überlastungen. > **”**Wir wollen feste Regelungen für unsere Arbeitsbedingungen, weil wir glauben, dass eine gute Versorgung auch gute Arbeitsbedingungen braucht.**" - Burkhard Sohn, M.Sc.** [Krankenhausbewegung MHH (@krankenhausbewegung.mhh) • Instagram photos and videos1,257 Followers, 86 Following, 49 Posts - See Instagram photos and videos from Krankenhausbewegung MHH (@krankenhausbewegung.mhh)![](https://static.cdninstagram.com/rsrc.php/v3/yG/r/De-Dwpd5CHc.png)Instagram![](https://scontent-fra3-2.xx.fbcdn.net/v/t51.29350-15/457670954_434077482397921_1178594156136929819_n.jpg?_nc_cat=111&ccb=1-7&_nc_sid=8c02ab&_nc_ohc=bravQjFQ1s0Q7kNvgFkhcy5&_nc_ht=scontent-fra3-2.xx&_nc_gid=AWCuqLuYmxpV7Fk2fwKCjKY&oh=00_AYCqOMxIS9TiUY_FMRyHum73QCfzjCZhGHxbJgd2le5xgQ&oe=66E9F0E6)](https://www.instagram.com/krankenhausbewegung.mhh/?%5F%5Fd=11&ref=uebergabe.de) ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## Der Widerstand von Arbeitgeberseite Ein großer Teil der Verhandlungen findet mit dem Präsidium der MHH und dem niedersächsischen Wissenschaftsminister Falco Mohrs statt, da die MHH als Landesbetrieb direkt dem Ministerium unterstellt ist. Bisher zeigten sich die Arbeitgeberseite und die Politik jedoch wenig kompromissbereit. In den Verhandlungen wurden oft rechtliche Hürden angeführt, etwa dass bestimmte Regelungen nicht in Tarifverträge aufgenommen werden könnten. Dies führte zu Frustration unter den Mitarbeitenden, da ihre Belastung anerkannt wurde, aber kaum konkrete Lösungen angeboten wurden. Ein weiteres Hindernis stellt die Tarifgemeinschaft der Länder (TDL) dar, in der die MHH Mitglied ist. Die TDL verbietet es ihren Mitgliedern, eigene Tarifverträge abzuschließen. Dies wird von der Politik häufig als Argument genutzt, um sich gegen Verhandlungen zu sträuben. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/09/DALL-E-2024-09-13-13.41.01---A-wider-perspective-showing-a-group-of-hospital-staff--including-nurses-and-healthcare-workers--protesting-for-better-working-conditions.-They-are-sta.webp) ### Die nächsten Schritte In der Auseinandersetzung mit Verdi um Entlastungsmaßnahmen für die MHH-Beschäftigten in der Krankenversorgung sowie um eine Verbesserung der Ausbildung für Fachberufe des Gesundheitswesens haben sich die MHH und das für die MHH zuständige Wissenschaftsministerium mit der Gewerkschaft in der vergangenen Woche darauf geeinigt, in dieser Woche miteinander inhaltliche Gespräche aufzunehmen. Die für den 12.09.2024 anberaumte mündliche Verhandlung vor dem Arbeitsgericht Hannover hat deshalb nicht stattgefunden. Die Beschäftigten der MHH streiken in der Zeit vom 16.-18.09.2024 für ihre Forderungen. ### Fazit Der Streik an der MHH ist Teil einer bundesweiten Bewegung, die auf die dringenden Probleme im Gesundheitssystem aufmerksam macht. Die Pflegekräfte und andere Mitarbeitende fordern nicht nur faire Löhne, sondern vor allem eine Entlastung im Arbeitsalltag, um die Patient:innenversorgung zu sichern und ihre eigene Gesundheit zu schützen. Wie sich die Verhandlungen entwickeln, bleibt abzuwarten, doch die Entschlossenheit der Beteiligten ist deutlich zu spüren. Für mehr Informationen und aktuelle Updates könnt ihr den [**Instagram-Kanal „Krankenhausbewegung MHH”**](https://www.instagram.com/krankenhausbewegung.mhh/?%5F%5Fd=11&ref=uebergabe.de) besuchen oder in den [**Podcast „Klinik Klartext: Operation Entlastung”**](https://open.spotify.com/show/7ilJg2LuaitiCllGpNSZ7M?si=CakKNuzaRMW5znnaAR2Q6w&ref=uebergabe.de) reinhören. --- ## Veranstaltungshinweis 🎫 Am 24\. und 25\. Oktober 2024 findet der ***„6\. Deutsche Kongress für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie”** im Langenbeck-Virchow-Haus in Berlin statt. Weitere Informationen unter: [***https://www.patientensicherheit2024.de/**](https://smex-ctp.trendmicro.com/wis/clicktime/v1/query?url=https%3a%2f%2fwww.patientensicherheit2024.de&umid=96141bf5-a692-468c-8297-5b4513d19568&auth=31128da715df51a01b6d2733f9eab10119de551f-e17a1407bd186dcb5465fdb0088a7032e472c4ed&ref=uebergabe.de) --- ## Neues aus der Übergabe-Community - [Referentenentwurf - Pflegekompetenzgesetz](https://community.uebergabe.de/t/referentenentwurf-pflegekompetenzgesetz/179?ref=uebergabe.de) - [Der große "ich stelle mich vor"-Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22?ref=uebergabe.de) - [Studiengänge Pflege](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34?ref=uebergabe.de) - [Pflegeassistenzausbildung auf 12/18 Monate?](https://community.uebergabe.de/t/pflegeassistenzausbildung-auf-12-18-monate/158?ref=uebergabe.de) - [Wie seid ihr mit BA oder MA eingruppiert?](https://community.uebergabe.de/t/wie-seid-ihr-mit-ba-oder-ma-eingruppiert/146/13?ref=uebergabe.de) - [Evidenzbasierte Praxisentwicklung](https://community.uebergabe.de/t/evidenzbasierte-praxisentwicklung/70/4?ref=uebergabe.de) - [Pädiatrisches Delir](https://community.uebergabe.de/t/paediatrisches-delir/142/14?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/VzuethoAlQ8AAAAC/enough-annoyed.gif) ## Zum Weiterhören - [ÜG085 – Der Tarifvertrag der Charité (Carla Eysel & Dana Lützkendorf)](https://www.uebergabe.de/ug085/) - [ÜG094 – Pflege streikt! (Paula Klaan)](https://www.uebergabe.de/ug094/) - [ÜG064 – Gewerkschaften in der Pflege (Michael Quetting)](https://www.uebergabe.de/ug064/) ### Palliativpflege auf der Intensivstation URL: https://www.uebergabe.de/palliativpflege-auf-der-intensivstation/ Last updated: 2024-09-28T20:30:07.000Z 🗓️ #48 | 12.09.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegefachassistenzausbildung / Reformpläne zur Pflegeversicherung URL: https://www.uebergabe.de/pu080/ Last updated: 2026-06-13T23:21:07.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 07.09.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Bund ersetzt 27 Landesausbildungen durch einheitliche Pflegefachassistenz-Ausbildung. - Ausbildung dauert 18 Monate, verkürzbar auf 12 bei Berufserfahrung. - DPR und DBfK wollten 24 Monate, bpa wollte kürzer. - Start der neuen Ausbildung ist für 2027 geplant. - Finanzierungsbericht der Pflegeversicherung diskutiert vier Szenarien ohne konkrete Lösungen. 📎 Der Sommer ist vorbei - naja zumindest unsere Sommerpause! In Folge 80 des PflegeUpdate geht es um das Pflegefachassistenzgesetz und einen Bericht der Bundesregierung zu Reformszenarien für die Pflegeversicherung. Zum Schluss wie immer die Kurznachrichten! Wer bis zum Ende hört, weiß auch schon, wo er uns das nächste mal Live sehen kann! Genießt das Wochenende 😄 ## Zum Weiterhören - [PU088 – Pflegefachassistenzgesetz / Berufsordnung NRW / Landespflegerat Sachsen](https://www.uebergabe.de/pu088/) - [PU100 – Pflegekompetenzgesetz / Pflegefachassistenzgesetz](https://www.uebergabe.de/pu100/) - [PU006 – generalistische Pflegefachassistenzausbildung NRW / Corona-Pandemie in Pflegeheimen](https://www.uebergabe.de/pu006/) --- ### Pflegefachassistenzausbildung: Einheitliche Standards in Sicht! Die Bundesregierung hat einen wichtigen Schritt zur Harmonisierung der Pflegefachassistenzausbildung unternommen. Der neue Gesetzentwurf sieht vor, die bisher 27 verschiedenen landesrechtlichen Pflegehilfsausbildungen durch eine bundesweit einheitliche Pflegefachassistenz-Ausbildung zu ersetzen. **Wesentliche Eckpunkte:** - Einheitlicher Ausbildungsname: Pflegefachassistent, Pflegefachassistentin, Pflegefachassistenzperson - Ausbildungsdauer: 18 Monate, mit der Möglichkeit einer Verkürzung auf 12 Monate bei Berufserfahrung. - Bundesweit einheitliche Ausbildungsinhalte und Vergütung. **Ziele des Gesetzentwurfs:** Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach betont, dass das Gesetz den Einstieg in den Pflegeberuf erleichtern und gleichzeitig zur Entlastung von Pflegekräften beitragen soll. Die Reform richtet sich auch an internationale Fachkräfte, um den Pflegemarkt attraktiver zu machen. **Stimmen der Verbände:** Während der Deutsche Pflegerat und der DBfK den Entwurf grundsätzlich unterstützen, forderten sie ursprünglich eine längere Ausbildungsdauer von 24 Monaten, um die Qualität der Ausbildung sicherzustellen. Der Arbeitgeberverband bpa hingegen plädierte für eine schnellere Ausbildung. **Ausblick:** Der Gesetzentwurf soll ab 2026 gelten, der Start der neuen Ausbildung ist für 2027 geplant. [Kabinett beschließt die Einführung einer neuen PflegefachassistenzausbildungEinigung auf bundesweit einheitliche Ausbildung ab 2027![](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/typo3conf/ext/bmg_sitepackage/Resources/Public/Frontend/Base/images/favicon/favicon.ico)BMGBundesgesundheitsminister Karl Lauterbach![](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/_processed_/c/2/csm_Pflege_Ausbildung_Studentin_30560ca6f6.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/pflegeassistenzgesetz-pm-04-09-2024?ref=uebergabe.de) ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Bericht der Bundesregierung: Zukunftssichere Finanzierung der Pflegeversicherung - aber wie? Die Bundesregierung hat einen Bericht zur langfristigen Finanzierung der sozialen Pflegeversicherung (SPV) vorgelegt (Drucksache 20/12600). Darin werden verschiedene Szenarien diskutiert, wie die Pflegeversicherung zukunftssicher gestaltet werden kann. Der Bericht stellt erste Ideen dar, konkrete Entscheidungen stehen jedoch noch aus. [Langfristige Finanzierung der sozialen PflegeversicherungBerlin: (hib/STO) Als Unterrichtung (20/12600) liegt der Bericht der Bundesregierung „Zukunftssichere Finanzierung der sozialen Pflegeversicherung - Darstellung von Szenarien und Stellschrau…![](https://www.bundestag.de/resource/blob/441486/e8bddff8373827cfc66609ca9697a45d/homepage_de-favicon.ico)Deutscher BundestagSTO![](https://www.bundestag.de/resource/blob/710792/1412e3a264dedb70095c5662743aee3e/adler.png)](https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1015672?ref=uebergabe.de) **Aktuelles System:** Die SPV funktioniert als **Teilleistungssystem**, das heißt, es werden nur reine Pflegekosten übernommen. Kosten für Unterkunft und Verpflegung müssen weiterhin von den Pflegebedürftigen getragen werden. Eigenleistungen sind ein essenzieller Bestandteil der Pflegeversicherung. **Herausforderungen der SPV:** - Steigende Eigenanteile der Pflegebedürftigen. - Unausgewogene Lastenverteilung. - Zunehmende Anzahl an Pflegebedürftigen nach SGB XI. **Reformziele:** Das Ziel der Reformen ist eine langfristig stabile Finanzierung. Diskutiert werden vier Szenarien, die von einer Beibehaltung des Teilleistungssystems bis hin zu einer Vollversicherung reichen. **Szenarien im Überblick:** 1. **Weiterführung des Status Quo:** Geteilte Verantwortung durch Solidargemeinschaft, Steuerzahlerund private Eigenleistungen. 2. **Weiterentwicklung des Teilleistungssystems:** Begrenzung der Eigenanteile durch verpflichtende private Vorsorge. 3. **Teilleistungssystem mit solidarischem Kapitalstock:** Finanzierung durch Steuermittel und Eigenmittel. 4. **Vollversicherungssystem:** Komplett umlagefinanzierte Pflegeleistungen — allerdings vermutlich mit stark steigenden Kosten. **Kritik:** Prof.in Dr.in Martina Hasseler, kritisiert den Bericht in einem Kommentar bei Bibliomed-Pflege scharf. Sie bemängelt, dass er keine echten Lösungen für die strukturellen Probleme der Langzeitpflege biete und sich zu stark auf kurzfristige Maßnahmen konzentriere. Zudem werden soziale Ungleichheiten nicht ausreichend adressiert. [News![](https://www.bibliomed-pflege.de/typo3conf/ext/lns_sitepackage_bibpflege/Resources/Public/Images/favicon.ico)Online-Portal für professionell PflegendeBibliomed Pflege - Das Portal für die Pflege![](https://www.bibliomed-pflege.de/typo3conf/ext/lns_sitepackage_bibpflege/Resources/Public/Images/logo/Bibliomed_Pflege_1zeilig_RGB.svg)](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dieser-bericht-ist-eine-sehr-grosse-enttaeuschung?ref=uebergabe.de) Kommentar von Martina Hasseler Weitere Diskussionen und eine gesellschaftliche Debatte sind notwendig, um die Zukunft der Pflegeversicherung zu planen! --- ## Unser aktuelles Briefing [Übergabe | Entwicklung von Pflegekompetenz in der Ausbildung📨 Die Studie untersucht die Entwicklung von Pflegekompetenz bei Auszubildenden und zeigt auf, wie der Fokus auf medizinisches Wissen häufig die patientenorientierte Pflege vernachlässigt. Sie bietet wertvolle Ansätze zur Verbesserung der Pflegeausbildung und -qualität.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/09/DALL-E-2024-09-04-15.03.08---An-abstract-image-representing-the-educational-aspect-of-nursing--focusing-on-a-school-environment.-The-image-features-abstract-shapes-resembling-book.webp)](https://www.uebergabe.de/entwicklung-von-pflegekompetenz-in-der-ausbildung/) --- # Aktuelle Themen in der Community - [Der große "ich stelle mich vor" Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22/23?ref=uebergabe.de) - [Wie seid ihr mit BA oder MA eingruppiert?](https://community.uebergabe.de/t/wie-seid-ihr-mit-ba-oder-ma-eingruppiert/146?ref=uebergabe.de) - [Pflegeassistenzausbildung auf 12/18 Monate?](https://community.uebergabe.de/t/pflegeassistenzausbildung-auf-12-18-monate/158?ref=uebergabe.de) - [MHH Streik - Entlastungstarifvertrag](https://community.uebergabe.de/t/mhh-streik-entlastungstarifvertrag/167?ref=uebergabe.de) - [Deutscher Pflegetag 2024](https://community.uebergabe.de/t/deutscher-pflegetag-2024/24/7?ref=uebergabe.de) - [Akademisierung trifft direkte Patient\*innenversorgung](https://community.uebergabe.de/t/akademisierung-trifft-direkte-patient-innenversorgung/164?ref=uebergabe.de) - [Studiengänge Pflege](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34/1?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Entwicklung von Pflegekompetenz in der Ausbildung URL: https://www.uebergabe.de/entwicklung-von-pflegekompetenz-in-der-ausbildung/ Last updated: 2024-09-05T08:00:03.000Z 🗓️ #47 | 05.09.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Schulgesundheitspflege: Gesundheitsförderung in Schulen URL: https://www.uebergabe.de/schulgesundheitspflege/ Last updated: 2024-11-25T18:45:41.000Z ## Was ist Schulgesundheitspflege? Schulgesundheitspflege umfasst die Betreuung von Schüler:innen in Schulen durch speziell ausgebildete Pflegekräfte. Diese sind für die Gesundheitsversorgung, die Prävention von Krankheiten und die Förderung eines gesunden Lebensstils verantwortlich. Sie leisten schnelle Hilfe bei Unfällen, betreuen Schüler:innen mit chronischen Erkrankungen und bieten psychosoziale Unterstützung. ***Im folgenden Video sprechen wir über die Schulgesundheitspflege und sprechen alle wichtigen Aspekte an:*** 💡 Ein zentraler Aspekt der Schulgesundheitspflege ist die ****Präventionsarbeit**. Schulgesundheitspflegekräfte arbeiten eng mit Lehrer:innen, Eltern und anderen Fachleuten zusammen, um Programme zu entwickeln und umzusetzen, die sich auf gesundheitliche Aufklärung und Prävention konzentrieren. Das können Workshops zur gesunden Ernährung und Bewegung sein, aber auch Initiativen zur Stressbewältigung und Suchtprävention. [Mehr Gesundheit im Schulalltag | Schulgesundheitsfachkräfte![](https://static.ghost.org/v5.0.0/images/link-icon.svg)SchulgesundheitsfachkräfteAWO Bezirksverband Potsdam e.V.![](https://schulgesundheitsfachkraft.de/assets/images/b/SGF_Banner2-24baa088.jpg)](https://schulgesundheitsfachkraft.de/de/?ref=uebergabe.de) ## Warum Schulgesundheitspflege für die Gesundheitsförderung von Schüler:innen entscheidend ist Die Gesundheit von Schüler:innen hat einen direkten Einfluss auf ihren schulischen Erfolg. Pflegekräfte in Schulen sorgen dafür, dass Schüler:innen bei Gesundheitsproblemen und Krankheiten schnell versorgt werden. Gleichzeitig unterstützen sie mit Programmen zur Gesundheitsförderung und Prävention, die langfristig zur Verbesserung der Schulgesundheit beitragen. Wichtige Schwerpunkte der Schulgesundheitspflege sind: - Unterstützung bei **chronischen Erkrankungen** wie Diabetes oder Asthma - Psychosoziale Betreuung bei **psychischen Erkrankungen** oder Stress - Gesundheitsberatung und **Förderung eines gesunden Lebensstils** > "Schulgesundheitspflege bringt das große Potenzial mit, vor Ort zu gucken, was sind denn die wirklichen Bedarfe, was sind die Themen" > \- Andreas Kocks ### Fehlendes Gesundheitswissen Viele Kinder und Jugendliche in Deutschland verfügen nicht über das nötige Wissen, um ihre Gesundheit aktiv zu fördern. Besonders besorgniserregend ist dies bei Schüler:innen aus sozial benachteiligten Familien. [Diese Gruppe weist häufig eine geringere Gesundheitskompetenz auf](https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/Focus/JHealthMonit%5F2024%5F01%5FGesundheitskompetenz.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&ref=uebergabe.de). Das bedeutet, dass sie weniger darüber wissen, wie sie sich gesund ernähren, Stress bewältigen oder ihre körperliche Fitness erhalten können. Ohne die richtige Unterstützung können diese Wissenslücken zu langfristigen gesundheitlichen Problemen führen, die nicht nur das individuelle Wohlbefinden, sondern auch die zukünftigen Chancen dieser Kinder beeinträchtigen. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Anstieg psychischer Erkrankungen Ein weiterer kritischer Punkt ist die psychische Gesundheit. [Der Kindergesundheitsbericht 2023](https://www.kindergesundheit.de/Die-Stiftung/Kindergesundheitsberichte/Kindergesundheitsbericht%5F2023.php?ref=uebergabe.de) zeigt, dass Jugendliche in Deutschland einem zunehmenden Risiko für psychische Erkrankungen ausgesetzt sind. Dazu gehören Depressionen, Essstörungen und Angststörungen. Diese Entwicklung hat sich während der Covid-19-Pandemie noch verschärft, was den dringenden Bedarf an zusätzlichen Unterstützungsmaßnahmen verdeutlicht. Schulgesundheitspflegekräfte können hier eine entscheidende Rolle spielen, indem sie frühzeitig eingreifen, wenn Anzeichen von psychischen Problemen auftreten. So können sie helfen, schwerwiegendere Entwicklungen zu verhindern. ### Bewegungsmangel und schlechte Ernährung Neben den psychischen Herausforderungen gibt es auch im Bereich der körperlichen Gesundheit erheblichen Handlungsbedarf. Viele Kinder und Jugendliche in Deutschland bewegen sich zu wenig und ernähren sich ungesund. Fast Food, Süßigkeiten und zuckerhaltige Getränke dominieren oft den Speiseplan, während Obst, Gemüse und Vollkornprodukte die Ausnahme bleiben. Die Folge: Rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind übergewichtig, und fast 6 Prozent leiden an Adipositas. Diese Entwicklungen können langfristig schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und andere chronische Leiden. ### Die Schule als Ort der Gesundheitsförderung Angesichts dieser Herausforderungen wird deutlich, dass die Schule als zentraler Ort im Leben von Kindern und Jugendlichen eine wichtige Rolle bei der Gesundheitsförderung spielen kann. Die Schule bietet eine einzigartige Gelegenheit, Gesundheitskompetenz zu stärken und präventive Maßnahmen direkt in den Alltag der Schüler:innen zu integrieren. ### Sofortige Hilfe vor Ort Eine der größten Stärken der Schulgesundheitspflege ist die unmittelbare Verfügbarkeit von Gesundheitsfachkräften vor Ort. Wenn ein:e Schüler:in gesundheitliche Probleme hat, sei es ein akuter Unfall oder eine chronische Erkrankung, ist schnelle Hilfe zur Stelle. Dies reduziert nicht nur die Angst der Schüler:innen, sondern stellt auch sicher, dass gesundheitliche Probleme so früh wie möglich erkannt und behandelt werden. Diese schnelle Reaktion kann oft verhindern, dass sich kleine gesundheitliche Probleme zu größeren entwickeln. ### Prävention und Gesundheitsförderung Durch regelmäßige Aufklärung und präventive Maßnahmen können Schulgesundheitspflegekräfte aktiv dazu beitragen, dass Themen wie gesunde Ernährung, ausreichende Bewegung, Stressbewältigung und die Vermeidung von Suchtverhalten im Schulalltag verankert werden. Diese Programme haben das Potenzial, langfristige gesundheitliche Probleme zu verhindern und die allgemeine Gesundheitskompetenz der Schüler:innen zu steigern. Das Wissen, das sie durch diese Programme erwerben, kann sie ein Leben lang begleiten und ihnen helfen, gesunde Entscheidungen zu treffen. > "Ich habe mich mal länger mit jemandem von der Unfallkasse unterhalten, der hat gesagt, die Schulen agieren bei Verletzungen häufig aus Angst heraus. Und dann wird sofort der Notarztwagen gerufen. Das kostet immens Geld." > \- Andreas Kocks ### Unterstützung bei chronischen Erkrankungen Kinder und Jugendliche mit chronischen Krankheiten benötigen oft besondere Aufmerksamkeit und Betreuung. Eine Schulgesundheitspflegekraft kann diese Schüler:innen eng begleiten, sicherstellen, dass sie ihre Medikamente richtig einnehmen, und in Notfällen schnell reagieren. Darüber hinaus trägt die Präsenz dieser Fachkräfte dazu bei, das Verständnis und die Akzeptanz von chronischen Krankheiten unter den Mitschüler:innen zu fördern. Wenn Schüler:innen lernen, was Diabetes ist und wie Insulin verabreicht wird, fördert dies nicht nur das Verständnis, sondern auch die Inklusion in der Schulgemeinschaft. Dies ist besonders wichtig, um Ausgrenzung und Missverständnisse zu vermeiden. ### Niedrigschwelliger Zugang zu Gesundheitsberatung Für viele Schüler:innen ist der Zugang zu einer Pflegefachperson in der Schule einfacher und weniger einschüchternd als der Gang zum Arzt oder zur Ärztin. Dies gilt besonders für sensible Themen wie psychische Gesundheit, Sexualität oder familiäre Probleme. Die Schulgesundheitspflegekraft kann hier als Vertrauensperson fungieren und den Schüler:innen helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und gegebenenfalls weitere Hilfe in Anspruch zu nehmen. Diese Art der Unterstützung ist besonders wertvoll, da sie oft verhindert, dass Probleme eskalieren. ### Entlastung für Lehrer:innen und Eltern Lehrer:innen sind in erster Linie für den Unterricht verantwortlich und keine Gesundheitsspezialist:innen. Durch die Präsenz von Schulgesundheitspflegekräften können sie sich auf ihren Unterricht konzentrieren, während sie sicher sein können, dass die gesundheitlichen Bedürfnisse ihrer Schüler:innen professionell betreut werden. Auch Eltern profitieren davon, da sie die Sicherheit haben, dass ihre Kinder im schulischen Umfeld gut versorgt sind. Dies schafft Vertrauen und Entlastung im Alltag und ermöglicht es den Eltern, sich auf andere Aspekte der Erziehung zu konzentrieren. ### Besseres Lernen durch Gesundheit Gesunde Schüler:innen lernen besser. Wenn sie sich wohlfühlen und ihre gesundheitlichen Bedürfnisse erfüllt werden, können sie sich besser auf ihre schulischen Aufgaben konzentrieren. Langfristig führt dies zu besseren schulischen Leistungen und einer insgesamt positiven Schulerfahrung. Weniger Fehlzeiten, mehr Motivation und bessere Ergebnisse sind die logische Konsequenz. Die Schulgesundheitspflege trägt also nicht nur zur Gesundheit der Schüler:innen bei, sondern auch zu ihrem schulischen Erfolg. ***Hör unsere Podcast-Episode mit Andreas Kocks zum Thema der Schulgesundheitspflege:*** [ÜG074 - Schulgesundheitspflege / School Nursing (Andreas Kocks) - ÜbergabeSchulgesundheitspflege gibt es in Deutschland kaum. Dabei ist sie wichtig. Was genau das ist, erklärt Andreas Kocks.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2021/06/ug074.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug074/) ## Die Herkunft der Schulgesundheitspflege: Erfolgreiches Modell aus den USA und Skandinavien Die Schulgesundheitspflege (oder School Nursing), hat ihre Ursprünge in den USA und Skandinavien. Dort wurde früh erkannt, dass Schulen nicht nur Orte des Lernens, sondern auch der Gesundheitsförderung sind. In diesen Ländern hat sich die Schulgesundheitspflege als effektives Modell etabliert, das die Gesundheit und das Wohlbefinden der Schüler aktiv fördert. In Deutschland steckt die Schulgesundheitspflege noch in den Anfängen. Erste Modellprojekte in einigen Bundesländern zeigen jedoch, dass dieses Konzept auch hier großes Potenzial hat. Schulgesundheitskräfte unterstützen Schüler:innen direkt vor Ort bei gesundheitlichen Fragen, Präventionsmaßnahmen und der Betreuung von chronisch kranken Kindern. Die positiven Ergebnisse dieser Pilotprojekte könnten den Weg für eine flächendeckende Einführung der Schulgesundheitspflege in Deutschland ebnen. ## Qualifikationen für Schulgesundheitspflegekräfte Schulgesundheitspflegekräfte benötigen eine fundierte Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege. In Ländern, in denen die Schulgesundheitspflege bereits etabliert ist, sind die Pflegekräfte oft auf Hochschulniveau ausgebildet, mit einem Bachelor- oder sogar einem Masterabschluss. Studiengänge wie Pflegewissenschaft oder Gesundheitsmanagement bieten hier eine solide Basis. ### Spezialisierung auf Kinder- und Jugendgesundheit Da die Arbeit in Schulen spezielle Anforderungen stellt, sollten Schulgesundheitspflegekräfte idealerweise eine Spezialisierung im Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit haben. Diese Spezialisierung befähigt sie, die gesundheitlichen Bedürfnisse von Schüler:innen aller Altersgruppen zu verstehen und darauf einzugehen. Sie lernen, wie sie mit den verschiedenen physischen und psychischen Herausforderungen umgehen, die bei Kindern und Jugendlichen auftreten können. ### Kenntnisse in Prävention und Gesundheitsförderung Ein wesentlicher Teil der Schulgesundheitspflege besteht aus präventiven Maßnahmen und Gesundheitsförderung. Schulgesundheitspflegekräfte sollten wissen, wie man präventive Programme in den Schulalltag integriert und welche Maßnahmen effektiv sind, um gesundheitliche Probleme von vornherein zu vermeiden. Dies erfordert ein tiefes Verständnis der Gesundheitsförderung und der spezifischen Bedürfnisse von Schüler:innen. ### Erfahrung im Umgang mit chronischen Erkrankungen Viele Schüler:innen leiden unter chronischen Erkrankungen wie Asthma, Diabetes oder Epilepsie. Es ist daher wichtig, dass Schulgesundheitspflegekräfte Erfahrung im Umgang mit solchen Krankheiten haben und wissen, wie sie betroffene Schüler:innen optimal unterstützen können. Sie müssen in der Lage sein, schnell und sicher zu handeln, um den Schüler:innen den Schulalltag so angenehm und sicher wie möglich zu gestalten. ### Kommunikations- und soziale Kompetenz Die Arbeit als Schulgesundheitspflegekraft erfordert hervorragende kommunikative Fähigkeiten. Schulgesundheitspflegekräfte müssen in der Lage sein, komplexe gesundheitliche Sachverhalte verständlich zu erklären, Vertrauen aufzubauen und in sensiblen Situationen angemessen zu reagieren. Dazu gehört auch die Fähigkeit, in schwierigen Gesprächen, zum Beispiel bei der Thematisierung von psychischen Problemen oder familiären Schwierigkeiten, empathisch und professionell zu agieren. Diese Fähigkeiten sind entscheidend, um eine vertrauensvolle Beziehung zu den Schüler:innen aufzubauen und ihnen die nötige Unterstützung zu bieten. ### Fähigkeit zur eigenständigen Arbeit und Entscheidungsfindung In vielen Fällen arbeiten Schulgesundheitspflegekräfte eigenständig, oft ohne unmittelbare ärztliche Unterstützung. Das bedeutet, dass sie in der Lage sein müssen, selbstständig Entscheidungen zu treffen, insbesondere in akuten Situationen. Sie müssen eine erste Diagnose stellen, die Dringlichkeit der Behandlung beurteilen und entsprechende Maßnahmen ergreifen können. Diese Unabhängigkeit ist besonders in einer schulischen Umgebung wichtig, in der oft schnelle Entscheidungen gefragt sind. ### Kenntnisse in interdisziplinärer Zusammenarbeit Schulgesundheitspflegekräfte müssen in der Lage sein, mit verschiedenen Fachdisziplinen zusammenzuarbeiten, einschließlich Lehrer:innen, Schulpsycholog:innen, Sozialarbeiter:innen und externen Gesundheitsdiensten. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ist entscheidend, um eine ganzheitliche Betreuung der Schüler:innen sicherzustellen. Sie müssen in der Lage sein, effektiv zu kommunizieren und ihre Rolle in einem größeren Team zu verstehen, um die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten. [SchulgesundheitspflegeDer DBfK setzt sich dafür ein, dass flächendeckend Schulgesundheitspflegende in Schulen eingesetzt werden. Denn: Sie ermöglichen Gesundheitsförderung, Prävention und Teilhabe schon im Schulalter.![](https://www.dbfk.de/wLayout/wGlobal/layout/images/site-icons/favicon.ico)![](https://www.dbfk.de/wLayout/wGlobal/layout/images/DBfK_Logo_Kuller.svg)](https://www.dbfk.de/de/berufspolitik/schulgesundheitspflege/?ref=uebergabe.de) ## Die Zukunft der Schulgesundheitspflege in Deutschland Die Schulgesundheitspflege hat das Potenzial, sich in Deutschland zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Bildungssystems zu entwickeln. Durch die Präsenz von Pflegekräften in Schulen wird nicht nur die Gesundheitsversorgung verbessert, sondern auch die Prävention gestärkt. Expert:innen betonen, dass diese Form der Gesundheitsförderung langfristig zu besseren schulischen Leistungen und einer höheren Lebensqualität führt. In den bestehenden Modellprojekten wurden bereits spezifische Weiterbildungen entwickelt, um Pflegekräften die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten für diese Rolle zu vermitteln. Diese [Weiterbildungen](https://campus-lll.de/s/campus-LLL/schulgesundheitsfachkraefte?ref=uebergabe.de) umfassen in der Regel mehrere hundert Stunden und decken alle relevanten Themenbereiche ab, von der Gesundheitsförderung bis hin zu den rechtlichen Grundlagen für die Arbeit in Schulen. [HAGE e.V :: Schulgesundheitsfachkräfte in Hessen![](https://hage.de/ressources/icons/apple-touch-icon.png)![](https://hage.de/media/yrewrite_seo_image/slider_sgfk_l.jpg)](https://hage.de/arbeitsbereiche/gesund-aufwachsen/schulgesundheitsfachkraefte/?ref=uebergabe.de) [Gesundheitsfachkräfte an Schulen (GefaS) - Gesundheitsamt BremenIn insgesamt zwölf Schulen in Bremen und Bremerhaven werden seit Beginn des Schuljahres 2018/2019 Fachkräfte für Prävention und Gesundheitsförderung eingesetzt. Nach Auslaufen der GKV-Projektförderung Ende Januar 2021 wurden die GefaS verstetigt und in ein Regelangebot des Öffentlichen Gesundheitsdienstes überführt.![](https://www.gesundheitsamt.bremen.de/fastmedia/3/favicon.ico)Logo Verwaltung Bremen![](https://www.gesundheitsamt.bremen.de/static/img/html5/bremen_logo_schwarz.svg)](https://www.gesundheitsamt.bremen.de/gesundheitsfachkraefte-an-schulen-gefas-22434?ref=uebergabe.de) Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Schulgesundheitspflege auch in Deutschland auf positive Resonanz stößt. Eltern, Lehrer:innen und Schüler:innen berichten gleichermaßen von den Vorteilen, die eine fest in der Schule verankerte Pflegefachkraft mit sich bringt. Insbesondere die Möglichkeit, präventive Maßnahmen direkt im schulischen Umfeld umzusetzen, wird als großer Gewinn gesehen. ## "Ich finde Schulgesundheitspflege ist die perfekte Imagekampagne für einen Pflegeberuf. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man besser Werbung für Pflege machen kann zu so langer Zeit und zu so früh, wo eine Findungsphase ist." **Andreas Kocks* ## Fazit: Schulgesundheitspflege als wichtiger Bestandteil des Bildungssystems Die Schulgesundheitspflege ist mehr als nur eine Reaktion auf akute gesundheitliche Probleme. Sie stellt einen proaktiven Ansatz zur Gesundheitsförderung und zum Wohlbefinden von Schüler:innen dar. Durch die Arbeit von Schulgesundheitskräften lernen Kinder in einer sicheren und unterstützenden Umgebung, die ihre Entwicklung fördert. Die positiven Ergebnisse aus den Modellprojekten in Deutschland zeigen, dass die Schulgesundheitspflege eine wertvolle Ergänzung des Bildungssystems sein kann. Eine flächendeckende Einführung könnte die Gesundheitskompetenz von Kindern und Jugendlichen verbessern und ihnen die besten Voraussetzungen für ein gesundes, erfolgreiches Leben bieten. ### Vorbehaltsaufgaben in der Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner) URL: https://www.uebergabe.de/ug145/ Last updated: 2026-06-13T12:41:20.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 31.08.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Vorbehaltsaufgaben wurden 2020 im Pflegeberufegesetz festgelegt und sind nur Pflegefachpersonen vorbehalten. - Dazu zählen Pflegeprozesssteuerung, Bedarfsfeststellung sowie Planung und Durchführung pflegerischer Maßnahmen. - Die VAPiK-Studie zeigt: In der Praxis hapert es oft an der Umsetzung. - Im Entlassmanagement entscheiden teils unbefugte Berufsgruppen über Pflegebedarfe. - Frank Weidner betont: Pflege kann mehr, wenn man sie lässt. ## Was sind Vorbehaltsaufgaben? Vorbehaltsaufgaben wurden 2016 erstmals im Entwurf des Pflegeberufereformgesetzes genannt und sind wurde 2020 mit dem [Pflegeberufegesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/pflegeberufegesetz?ref=uebergabe.de) eingeführt und bezeichnen Tätigkeiten, die ausschließlich von Pflegefachpersonen durchgeführt werden dürfen. Dazu gehören zentrale Aufgaben wie die Steuerung des Pflegeprozesses, die Feststellung des Pflegebedarfs und die Planung und Durchführung pflegerischer Maßnahmen. Diese gesetzlichen Vorgaben unterstreichen die Verantwortung und die Bedeutung der Pflegeberufe in der Gesundheitsversorgung. > **”**Vorbehaltsaufgaben sind ein Kernthema der Pflege und entscheidend für die Professionalität und die Verantwortung, die Pflegefachpersonen übernehmen.**" - Prof. Dr. Frank Weidner** ### Die Bedeutung der Vorbehaltsaufgaben in der Praxis Eine der zentralen Fragen ist, wie diese Vorbehaltsaufgaben in der Praxis umgesetzt werden. Frank Weidner betont, dass der Pflegeprozess — also das systematische Planen, Durchführen und Evaluieren von Pflegemaßnahmen — eigentlich schon lange zum Kerngeschäft der Pflege gehört. Neu ist jedoch, dass diese Aufgaben nun gesetzlich geschützt und ausschließlich der Pflege vorbehalten sind. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass die Umsetzung dieser Vorbehaltsaufgaben oft mit Herausforderungen verbunden ist. Es gibt Unsicherheiten darüber, wie diese Aufgaben im Arbeitsalltag tatsächlich gelebt werden sollen. In vielen Einrichtungen ist die Umsetzung noch nicht vollständig angekommen, was unter anderem an unklaren Regelwerken und mangelnder Unterstützung von Leitungsebene und anderen Berufsgruppen liegt. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/08/DALL-E-2024-08-28-11.17.13---A-heartwarming-scene-in-a-modern-nursing-home-showing-a-nurse-assisting-an-elderly-patient.-The-nurse-is-wearing-a-blue-uniform-and-has-a-friendly-smi.webp) ## Die VAPiK-Studie: Ein Blick auf Vorbehaltsaufgaben im Krankenhaus Frank Weidner und sein Team haben sich in der sogenannten VAPiK-Studie (Vorbehaltsaufgaben der Pflege im Krankenhaus), durchgeführt vom [Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (DIP-Institut)](https://www.dip.de/aktuelles/?ref=uebergabe.de) und finanziert vom [Katholischen Krankenhausverband Deutschland e.V.](https://die-katholischen-krankenhaeuser.de/?ref=uebergabe.de), intensiv mit diesen Herausforderungen auseinandergesetzt. Die Studie hattte einen explorativen Charakter und wurde in Zusammenarbeit mit acht Krankenhäusern durchgeführt. Ziel war es, herauszufinden, wie Vorbehaltsaufgaben in der Praxis umgesetzt werden und welche Schwierigkeiten dabei auftreten. [VAPiK - Vorbehaltsaufgaben der PflegeWir informieren Sie hier über das Projekt „VAPiK — Vorbehaltsaufgaben der Pflege im Krankenhaus”, gesetzliche Regelungen und den interdisziplinären Arbeitskreis „think-tank Vorbehaltsaufgaben”.![](https://www.vorbehaltsaufgaben-pflege.de/wp-content/uploads/2023/04/cropped-vapik-fav-270x270.jpg)Vorbehaltsaufgaben der PflegeMarianne Bittner![](https://www.vorbehaltsaufgaben-pflege.de/wp-content/uploads/2024/01/FoerderKombi.png)](https://www.vorbehaltsaufgaben-pflege.de/vapik/?ref=uebergabe.de) Ein zentraler Punkt der Studie war die Analyse von Fallbeispielen aus der Praxis. Dabei zeigte sich, dass es in vielen Bereichen, wie zum Beispiel im Entlassmanagement, häufig zu Problemen kommt. Hier werden Entscheidungen über Pflegebedarfe oft von Berufsgruppen getroffen, die eigentlich nicht dazu befugt sind. Dies führt zu Spannungen und Unklarheiten darüber, wer welche Verantwortung trägt. ## Melde dich für unseren Newsletter an! Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Herausforderungen und Chancen Ein zentrales Thema im Podcast war die Frage, wie gut Pflegekräfte auf die Umsetzung der Vorbehaltsaufgaben vorbereitet sind. Frank Weidner wies darauf hin, dass viele Pflegekräfte bereits heute mehr Verantwortung übernehmen, als ihnen offiziell zugestanden wird. Dies zeigt, dass die Pflege in der Praxis oft weiter ist, als es die gesetzlichen Rahmenbedingungen widerspiegeln. Dennoch bedarf es klarer Regelungen und Fortbildungsmöglichkeiten, um Pflegekräfte in ihrer Rolle zu stärken und ihnen das notwendige Wissen und die Sicherheit für die Umsetzung der Vorbehaltsaufgaben zu geben. ## Fazit: Pflege kann mehr — wenn man sie lässt Abschließend lässt sich sagen, dass die Einführung der Vorbehaltsaufgaben ein wichtiger Schritt zur Professionalisierung der Pflege ist. Sie gibt Pflegekräften die rechtliche Grundlage, um ihre Verantwortung wahrzunehmen und ihren Beitrag zur Gesundheitsversorgung zu leisten. Gleichzeitig zeigt die Diskussion, dass es noch viel zu tun gibt, um diese Aufgaben in der Praxis wirklich zu verankern und zu leben. Frank Weidner brachte es im Podcast auf den Punkt: „Pflege kann mehr, wenn man sie lässt.” Es liegt nun an den Pflegekräften selbst, an den Bildungseinrichtungen und an der Politik, diese Potenziale zu erkennen und zu fördern. Nur so kann Pflege in Deutschland den Stellenwert erreichen, den sie verdient — als eigenständige, verantwortungsvolle und unverzichtbare Profession im Gesundheitssystem. **Diskutiert mit!** Welche Erfahrungen habt Ihr mit den Vorbehaltsaufgaben in der Pflege gemacht? Teilt Eure Gedanken und Erfahrungen in unserem [Community-Forum](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) oder in den sozialen Medien. --- ## Neues aus der Community - [Pflegeassistenzausbildung auf 12/18 Monate?](https://community.uebergabe.de/t/pflegeassistenzausbildung-auf-18-monate/158?ref=uebergabe.de) - [Studiengänge Pflege](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34?ref=uebergabe.de) - [Der große "ich stelle mich vor"-Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22?ref=uebergabe.de) - [Wie seid ihr mit BA oder MA eingruppiert?](https://community.uebergabe.de/t/wie-seid-ihr-mit-ba-oder-ma-eingruppiert/146/13?ref=uebergabe.de) - [Evidenzbasierte Praxisentwicklung](https://community.uebergabe.de/t/evidenzbasierte-praxisentwicklung/70/4?ref=uebergabe.de) - [Pädiatrisches Delir](https://community.uebergabe.de/t/paediatrisches-delir/142/14?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG088 – Masterplan Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)](https://www.uebergabe.de/ug088/) - [ÜG130 – Neue Kompetenz in der Pflege (Gabriele Hönes)](https://www.uebergabe.de/ug130/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Landtagswahl-Special URL: https://www.uebergabe.de/pu079/ Last updated: 2026-06-13T23:21:02.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 29.08.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die AfD könnte in Sachsen, Thüringen oder Brandenburg stärkste Kraft werden. - Gesundheitspolitik spielt in den Wahlprogrammen meist nur eine Nebenrolle. - Fachkräftemangel in der Pflege ist das einzige durchgängige Thema. - Parteien setzen auf Anerkennung, Zuwanderung, Digitalisierung und Akademisierung der Pflege. - Das Pflegeupdate-Team ruft auf, ein Zeichen gegen rechts zu setzen. 📎 Folge 79 des PflegeUpdates und wir melden uns vorzeitig aus der Sommerpause. In Thüringen und Sachsen wird am 1.9\. und in Brandenburg am 22.9\. jeweils ein neuer Landtag gewählt. Wir haben uns für euch die Wahlprogramme der einzelnen Parteien angeschaut und zusammengefasst was zum Thema Gesundheitspolitik und insbesondere zur Pflege genannt wird. ****Die nächste Folge des PflegeUpdate gibt es am 07\. September 2024 nach der parlamentarischen Sommerpause.** ## Zum Weiterhören - [PU054 – Landtagswahlspecial 2023 Bayern/Hessen](https://www.uebergabe.de/pu054/) - [PU114 – Diskussionen zum Pflegebudget / Landtagswahl in Baden-Württemberg](https://www.uebergabe.de/pu114/) - [PU115 – Pflegebudget / Update zur Krankenhausreform / Landtagswahl in RLP](https://www.uebergabe.de/pu115/) --- ## AfD als potenzielle Regierungspartei? Die Wahlanalysen und Prognosen deuten darauf hin, dass die AfD in mindestens einem der drei Bundesländer als stärkste Kraft hervorgehen könnte. Dies wäre nicht nur ein politisches Erdbeben, sondern auch eine Herausforderung für die bestehenden Gesundheitssysteme. Besonders besorgniserregend ist dabei die Aussicht, dass die AfD, die für ihre populistischen und oftmals polarisierenden Positionen bekannt ist, in Regierungsverantwortung kommen könnte. ## Ein Blick auf die Wahlprogramme [Max](https://www.uebergabe.de/author/max/), Michelle und [Lukas](https://www.uebergabe.de/author/lukas/) nahmen sich die Wahlprogramme der verschiedenen Parteien vor und untersuchten sie insbesondere im Hinblick auf die Gesundheitspolitik. Dabei fiel auf, dass die Gesundheitspolitik in den meisten Programmen eher eine untergeordnete Rolle spielt. Ein Thema, das jedoch in fast allen Programmen auftauchte, war der Fachkräftemangel im Pflegebereich. ### Sachsen: Fachkräftemangel und die AfD-Positionen In Sachsen beispielsweise verspricht die CDU, dass ausländische Fachkräfte ihre Berufsanerkennung innerhalb eines Monats erhalten sollen — ein ehrgeiziges Ziel, das in der Praxis schwer umsetzbar scheint. Die SPD setzt auf die finanzielle Unterstützung der Zuwanderung von Pflegekräften, während die Grünen den Fokus eher auf die Rückgewinnung von Berufsaussteiger:innen legen. Die AfD hingegen möchte ein sogenanntes *"Rückkehrergeld"* für Pflegekräfte einführen, die in den Beruf zurückkehren. Zudem fordert die AfD eine Fünf-Tage-Woche in der Pflege — eine Forderung, die angesichts der bereits bestehenden Regelungen fragwürdig erscheint. Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) fordert den Erhalt aller Krankenhäuser und spricht sich gegen Privatisierungen im Gesundheitswesen aus. ### Thüringen: Ländliche Versorgung und Pflegekammern In Thüringen sieht die Situation ähnlich aus. Die Linke setzt sich für eine flächendeckende medizinische Versorgung ein, während die SPD die Eigenanteile an Pflegekosten deckeln möchte, um Pflege bezahlbar zu halten. Die Grünen fordern die Einführung eines Pflegefördergesetzes, das die Pflege zukunftssicher machen soll. Auch in Thüringen fordert das BSW den Erhalt aller Krankenhäuser und lehnt Privatisierungen ab. Auffällig ist, dass das Thema Pflegekammer, welches in anderen Bundesländern kontrovers diskutiert wird, in den Programmen kaum eine Rolle spielt. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Brandenburg: Digitalisierung und ländliche Gesundheitsversorgung Auch in Brandenburg steht die Digitalisierung als Buzzword im Raum. Die SPD verspricht, durch die elektronische Gesundheitskarte den Pflegenotstand zu lindern — ein Versprechen, das eher nach einem verzweifelten Versuch klingt, das Thema Digitalisierung als Lösung für alles zu verkaufen. Die CDU hingegen zeigt sich überraschend fortschrittlich und spricht sich für die [Akademisierung](https://www.uebergabe.de/akademisierung-in-der-pflege/) der Pflege aus. Die Grünen setzen wie in den anderen Bundesländern auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege und die Einführung flexiblerer Arbeitszeitmodelle. Das BSW fordert in Brandenburg ebenfalls den Erhalt aller Krankenhäuser und lehnt jegliche Privatisierungen ab. [DBfK - PflegomatDBfK - Pflegomat![](https://www.dbfk-pflegomat.de/favicon.ico)PflegomatMathias Steudtner![](https://www.dbfk-pflegomat.de/images/thumbnails/dbfk-pflegomat.png)](https://www.dbfk-pflegomat.de/?ref=uebergabe.de) [Wahl-O-Mat Sachsen, Thüringen und Brandenburg 2024![](https://www.wahl-o-mat.de/favicon.ico)Wahl-O-Mat![](https://www.wahl-o-mat.de/fp-media/assets/images/wahl-o-mat_logo.svg)](https://www.wahl-o-mat.de/?ref=uebergabe.de) ## Fazit: Ein ernüchternder Blick in die Zukunft Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Gesundheitspolitik in den bevorstehenden Wahlen zwar Thema ist, jedoch nicht die Priorität genießt, die sie angesichts der aktuellen Herausforderungen im Pflegebereich verdienen würde. Besonders alarmierend ist die Aussicht, dass die AfD mit ihren populistischen Ansätzen möglicherweise in Regierungsverantwortung kommen könnte. **Das Team des Pflegeupdates ruft daher dazu auf, bei den Wahlen ein Zeichen gegen rechts zu setzen und sich bewusst zu machen, welche weitreichenden Folgen eine Wahlentscheidung haben kann — gerade auch im Bereich der Gesundheitspolitik.** Trotz aller kritischen Töne bleibt abzuwarten, wie sich die politischen Landschaften nach den Wahlen verändern werden und welche Auswirkungen dies auf die Pflege und Gesundheitsversorgung in den ostdeutschen Bundesländern haben wird. --- ## ****Wenn ihr bei den Landtagswahlen die Möglichkeit habt zu wählen, nutzt eure Stimme und wählt für alle Menschen, für Vielfalt und für unsere Demokratie.** ## Unser aktuelles Briefing [Übergabe | Der Einfluss von Advanced Practice Nurses auf die Versorgung und Lebensqualität von Herzinsuffizienzpatient:innen📨 Die Studie untersucht die Rolle von Advanced Practice Nursing in der Betreuung von Herzinsuffizienzpatient:innen. Sie zeigt, wie spezialisierte Pflege die Krankenhauseinweisungen und Mortalität senken und die Lebensqualität verbessern kann.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeFlorian![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/08/DALL-E-2024-08-28-20.39.08---An-abstract-image-that-represents-the-findings-of-a-study-on-Advanced-Practice-Nursing-in-heart-failure-patients.-The-image-should-include-symbols-of-.webp)](https://www.uebergabe.de/der-einfluss-von-advanced-practice-nurses-auf-die-versorgung-und-lebensqualitat-von-herzinsuffizienzpatient-innen/) --- # Aktuelle Themen in der Community - [Der große "ich stelle mich vor" Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22/23?ref=uebergabe.de) - [Wie seid ihr mit BA oder MA eingruppiert?](https://community.uebergabe.de/t/wie-seid-ihr-mit-ba-oder-ma-eingruppiert/146?ref=uebergabe.de) - [Pflegeassistenzausbildung auf 12/18 Monate?](https://community.uebergabe.de/t/pflegeassistenzausbildung-auf-12-18-monate/158?ref=uebergabe.de) - [MHH Streik - Entlastungstarifvertrag](https://community.uebergabe.de/t/mhh-streik-entlastungstarifvertrag/167?ref=uebergabe.de) - [Deutscher Pflegetag 2024](https://community.uebergabe.de/t/deutscher-pflegetag-2024/24/7?ref=uebergabe.de) - [Akademisierung trifft direkte Patient\*innenversorgung](https://community.uebergabe.de/t/akademisierung-trifft-direkte-patient-innenversorgung/164?ref=uebergabe.de) - [Studiengänge Pflege](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34/1?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ### Der Einfluss von Advanced Practice Nurses auf die Versorgung und Lebensqualität von Herzinsuffizienzpatient:innen URL: https://www.uebergabe.de/der-einfluss-von-advanced-practice-nurses-auf-die-versorgung-und-lebensqualitat-von-herzinsuffizienzpatient-innen/ Last updated: 2024-08-29T07:50:00.000Z 🗓️ #46 | 29.08.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Prädiktoren für die Dauer der geriatrischen Rehabilitation nach Hüftfraktur URL: https://www.uebergabe.de/pradiktoren-fur-die-dauer-der-geriatrischen-rehabilitation-nach-huftfraktur/ Last updated: 2024-08-28T22:23:47.000Z 🗓️ #45 | 22.08.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Die Zukunft der Übergabe (Eva Maria Gruber & Christian Köbke) URL: https://www.uebergabe.de/ug144/ Last updated: 2026-06-17T09:02:39.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 17.08.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Seit 2018 entwickelt sich die Übergabe von Witten zur festen Größe in der Pflegelandschaft. - Statt alle zu erreichen, setzt das Team auf klare Zielgruppe und Fachlichkeit. - Aus dem Podcast wurden PflegeUpdate, wissenschaftliche Briefings und erste YouTube-Videos. - Briefings machen Pflegewissenschaft praxisnah und greifbar für deinen Arbeitsalltag. - Die Übergabe ist ein Mitmachprojekt – bring deine Themen und Ideen ein! ## Sechs Jahre "Übergabe": Ein Blick hinter die Kulissen Seit 2018 bringt die Übergabe spannende Inhalte und tiefgehende Diskussionen rund um das Thema Pflege direkt in die Ohren ihrer Hörer:innen. Was als kleines Projekt in Witten begann, hat sich inzwischen zu einer festen Größe in der Podcast- und Pflegelandschaft entwickelt. Anlass für einen Rückblick auf die Entstehung und die Weiterentwicklung der Übergabe. ### Ein kleines Projekt beginnt Im Dezember 2018 ging [die erste Folge des „Übergabe-Podcasts”](https://www.uebergabe.de/ug001/) online. Damals wie heute war es das Ziel, Pflegende und Interessierte mit relevanten Themen zu versorgen, die über den Pflegealltag hinausgehen. Doch der Weg dahin war nicht immer einfach. Ursprünglich sollte der Podcast alle Pflegenden abholen. Diese Vision hat nicht ganz funktioniert. Gründe dafür gibt es viele: Manchmal sind die Themen zu spezifisch, manchmal zu wissenschaftlich. Aber genau diese Vielfalt macht das Projekt auch aus. Allerdings war es keine einfache Lernerfahrung, mit guten Inhalten auf Ablehnung bei der eigenen Berufsgruppe zu stoßen. Mittlerweile ist ziemlich genau klar, wer die Zielgruppe ist, und das hat sehr viel mehr Vorteile, als Inhalte für alle zu machen. So lassen sich die Angebote viel spezifischer gestalten, und es verleiht der gesamten Übergabe ein herausragendes Profil. Das schafft Vertrauen und Seriosität, was dem Projekt besonders wichtig ist. Im Laufe der Jahre hat sich das Team hinter der Übergabe erweitert. Heute gehören auch [Max](https://www.uebergabe.de/author/max/), Michelle, [Lukas](https://www.uebergabe.de/author/lukas/) und [Florian](https://www.uebergabe.de/author/florian/) dazu, die das [PflegeUpdate](https://www.uebergabe.de/tag/pflegeupdate/) und die wissenschaftlichen [Briefings](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/) betreuen — ein besonderer Stolz des Teams. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/08/ug144.webp) > **”**Unser Ziel ist es, Wissen in den Beruf zu bringen und dadurch die Versorgung zu verbessern.**" - Christian** ### Die Übergabe ist lange kein Podcast mehr 2018 startete "Übergabe - Der Podcast" und hat sich mittlerweile zum Podcast "Übergabe" weiterentwickelt. 2021 folgte der News-Podcast, das [PflegeUpdate](https://www.uebergabe.de/tag/pflegeupdate/). Nachdem Clara und Caroline das Projekt erfolgreich starteten, haben sie es im Februar 2023 an Max, Lukas & Michelle übergeben. [PU42 - Übergabe des Pflegeupdates - ÜbergabeWir sprechen über die Kammerversammlung der Pflegekammer NRW, den Mitsprachmöglichkeiten der Pflegenden und über Community Health Nursing. Außerdem lernt ihr das neue Team kennen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2023/02/pu042-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu042/) Weil reines Audio auf Dauer zu wenig war, sollten auch Menschen auf YouTube von den Inhalten profitieren. Also wurde tief in die Tasche gegriffen und [die ersten Gehversuche in Sachen Video](https://www.youtube.com/@uebergabe?ref=uebergabe.de) gewagt. Dabei zeigte sich, dass der Arbeitsaufwand um ein Vielfaches höher ist als im Podcasting, sodass eine Regelmäßigkeit (noch) nicht aufgebaut werden konnte. Das wird sich sicher ändern, und an einer regelmäßigen Videoproduktion wird bereits gearbeitet. [Video - Übergabe | Medien für die PflegeWir diskutieren wichtige und aktuelle Themen der Pflege![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://images.unsplash.com/photo-1485846234645-a62644f84728?crop=entropy&cs=tinysrgb&fit=max&fm=jpg&ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDF8fHZpZGVvfGVufDB8fHx8MTcxMTMxMjQ0OHww&ixlib=rb-4.0.3&q=80&w=2000)](https://www.uebergabe.de/tag/video/) ### Pflegewissenschaft einfach zugänglich machen Eine der jüngsten Erweiterungen der Übergabe ist das [Briefing-Format](https://www.uebergabe.de/tag/briefings/), bei dem wissenschaftliche Studien aus der Pflege aufbereitet und in verständlicher Form an die Community weitergegeben werden. Ziel ist es, Wissen in den Beruf zu bringen und dadurch die Versorgung zu verbessern. Dieser Service ist besonders wertvoll für Pflegende, die sich kontinuierlich weiterbilden möchten, ohne sich durch unübersichtliche wissenschaftliche Artikel kämpfen zu müssen. Dabei wird darauf geachtet, dass die Studien praxisrelevant sind, sodass alle etwas mitnehmen können. So lassen sich neue Impulse auf Station oder Wohnbereich setzen, es entstehen neue Diskussionsgrundlagen, und vielleicht wird auch die alltägliche Praxis hinterfragt. So wird Pflegewissenschaft greifbar und verständlich. Es soll aufzeigen, dass Pflegewissenschaft durchaus einen Einfluss auf die eigene tägliche Praxis haben kann. ### Ein Projekt für die Community Im Wissen darum, dass im Podcast nicht immer die einfachste Kost besprochen wird und sich damit nicht alle in der Pflege erreichen lassen, will die Übergabe Möglichkeiten bieten, einen Zugang zu finden. Sie versteht sich nicht als "elitäres Podcast-Projekt". Die Übergabe ist ein **Mitmachprojekt**, bei dem ihr aktiv beteiligt werden sollt. Ob durch Themenvorschläge, die Vorstellung von Best-Practice-Beispielen oder die Teilnahme an der neu gestarteten [Community-Plattform](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) — die Interaktion mit euch steht im Vordergrund. Es geht nicht um die Macher:innen, sondern darum, eine Plattform zu schaffen, auf der sich die Pflegecommunity austauschen kann. Wichtig ist dabei, dass sich die Pflege professionell darstellt und Fachlichkeit und Qualität eine wesentliche Rolle spielen. Mimimi, Herz und Hand sind verbraucht, lasst uns das Hirn nutzen. ### Mach mit und gestalte die Zukunft der Pflege mit! Bist du interessiert an innovativen Themen in der Pflege? Hast du Ideen, die du mit der Community teilen möchtest? Oder möchtest du einfach Teil eines Projekts sein, das die Pflegewelt positiv beeinflusst? Dann bist du hier genau richtig! [Schreib uns deine Themenvorschläge](mailto:hallo@uebergabe.de)**, erzähle uns von Best-Practice-Beispielen aus deinem Alltag oder** [werde Teil unserer Community-Plattform.](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) Jeder Beitrag zählt und hilft dabei, die „Übergabe” noch besser zu machen. Umso mehr Menschen sich anschließen, desto bunter werden die Inhalte. Und davon profitieren dann am Ende alle, die mitmachen. **Schreib uns auch zu diese Fragen:** - Ideen zu neuen Formaten? - Was können wir tun, um deine praktische Arbeit zu bereichern? - Was können wir für dich als Auszubildende:n oder Studierende:n tun? - Welches Thema wünscht du dir für das Briefing? - Deine Meinung zu längeren Artikelreihen? **Sei dabei und gestalte die Zukunft der Pflege aktiv mit!** Schreib uns, bewerte uns und teile den Podcast mit deinen Kolleg:innen! ## Ein großes Dankeschön an Euch! Zum Schluss ein herzliches Dankeschön an euch. Euer kontinuierliches Feedback, eure Unterstützung und eure Treue haben die Übergabe zu dem gemacht, was sie heute ist. Es sind eure Kommentare, Bewertungen und Anregungen, die immer wieder motivieren, weiterzumachen und neue Ideen zu entwickeln. Wir freuen uns auf viele weitere gemeinsame Jahre mit spannenden Themen und inspirierenden Gesprächen. Danke auch an alle Personen, die wir interviewen durften, die uns das Vertrauen gegeben haben, ihr besonderes Thema in die Welt zu bringen. Danke, dass ihr Teil unserer Reise seid! Liebe geht raus !â¤ï¸ --- ## Neues aus der Community - [Pflegeassistenzausbildung auf 12/18 Monate?](https://community.uebergabe.de/t/pflegeassistenzausbildung-auf-18-monate/158?ref=uebergabe.de) - [Studiengänge Pflege](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34?ref=uebergabe.de) - [Der große "ich stelle mich vor"-Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22?ref=uebergabe.de) - [Wie seid ihr mit BA oder MA eingruppiert?](https://community.uebergabe.de/t/wie-seid-ihr-mit-ba-oder-ma-eingruppiert/146/13?ref=uebergabe.de) - [Evidenzbasierte Praxisentwicklung](https://community.uebergabe.de/t/evidenzbasierte-praxisentwicklung/70/4?ref=uebergabe.de) - [Pädiatrisches Delir](https://community.uebergabe.de/t/paediatrisches-delir/142/14?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/eiQfLMHiXkgAAAAC/hug-friends.gif) ## Zum Weiterhören - [ÜG070 – Auf´n Schnack - Neuigkeiten bei der Übergabe](https://www.uebergabe.de/ug070/) - [ÜG093 – Wir müssen reden!](https://www.uebergabe.de/ug093/) - [ÜG025 – Jahresrückblick](https://www.uebergabe.de/ug025/) ### Vermeidbare Krankenhausaufenthalte bei Demenz URL: https://www.uebergabe.de/vermeidbare-krankenhausaufenthalte-bei-demenz/ Last updated: 2024-12-08T13:42:21.000Z 🗓️ #44 | 15.08.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/08/Christian-Banner-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Das Erleben außerklinischer Beatmung URL: https://www.uebergabe.de/das-erleben-ausserklinischer-beatmung/ Last updated: 2024-08-28T22:24:04.000Z 🗓️ #43 | 08.08.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### IPAG Expert:innenrat (Jürgen Drebes) URL: https://www.uebergabe.de/ug143/ Last updated: 2026-06-13T12:41:05.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 03.08.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das IPAG will das Gesundheitssystem nicht reformieren, sondern grundlegend restaurieren. - Du sollst Prävention statt Defizitorientierung in den Mittelpunkt stellen. - Community Health Nurses sollen dezentral in Gemeinden, Schulen und Kindergärten wirken. - Gefordert: Bereinigung des SGB V und neues Sozialgesetzbuch 13 (Care-Share 13). - Mehr Autonomie und Selbstverwaltung für Pflege braucht politische Unterstützung. ## Die Entstehung des IPAG und seine Ziele Das [IPAG ](https://www.i-pag.de/?ref=uebergabe.de)wurde vor einigen Jahren gegründet, um die Architektur des deutschen Gesundheitssystems grundlegend zu überarbeiten. Jürgen betont, dass das Ziel des Instituts nicht nur eine Reform, sondern eine umfassende Restaurierung des Systems ist. Das derzeitige System, das auf der bismarckischen Sozialgesetzgebung basiert, sei zu starr und zu stark auf Defizite und Krankheiten ausgerichtet. Es bedarf einer Neuausrichtung hin zu einem salutogenetisch orientierten System, das den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt. ### Die Vision eines neuen Gesundheitssystems Jürgen erklärt, dass das IPAG ein System anstrebt, das präventiv arbeitet und die Gesundheit der Menschen fördert, bevor Krankheiten entstehen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Dezentralisierung der medizinischen Versorgung und u.a. die Einführung von Community Health Nurses, die direkt in den Gemeinden arbeiten und präventiv tätig werden können. Diese Fachkräfte könnten präventive Maßnahmen bereits in Schulen und Kindergärten umsetzen, um langfristig gesundheitliche Probleme zu vermeiden. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/08/DALL-E-2024-08-02-22.08.12---A-detailed-image-showing-a-nurse-actively-working-on-restructuring-the-healthcare-system.-Depict-the-nurse-in-a-modern--organized-setting--collaborati.webp) ### Herausforderungen und Lösungsansätze Eine der größten Herausforderungen besteht darin, dass die Politik und die aktuellen Strukturen des Sozialgesetzbuchs (SGB) die notwendige Umstrukturierung erschweren. Jürgen fordert eine Bereinigung des SGB V von nicht-medizinischen Aufgaben und die Einführung eines neuen Sozialgesetzbuchs 13 (Care-Share 13), das die Kompetenzen und Zuständigkeiten der Pflege- und Therapieberufe klar definiert und ihnen mehr Autonomie verleiht. > **”Wir müssen das Gesundheitssystem komplett neu ausrichten, nicht nur reformieren, sondern restaurieren. Es braucht eine Kernsanierung, um den Anforderungen der heutigen Gesellschaft gerecht zu werden." - Jürgen Drebes** ### Die Rolle der Politik Jürgen betont, dass die Umstrukturierung nur mit Unterstützung der Politik gelingen kann. Die Politik müsse Gesetze erlassen, die den Gesundheitsberufen mehr Selbstverwaltung und Entscheidungsfreiheit ermöglichen. Ein Beispiel hierfür ist die Einführung von Pflegekammern. ### Der Weg nach vorne Das IPAG setzt auf Informationsveranstaltungen und den Dialog mit politischen Entscheidungsträgern, um die Notwendigkeit der Veränderungen zu verdeutlichen. Jürgen ist überzeugt, dass nur durch kontinuierliche Aufklärung und die Einbindung aller Beteiligten eine nachhaltige Verbesserung des Gesundheitssystems erreicht werden kann. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## Fazit Die Vision des IPAG für ein neues Gesundheitssystem in Deutschland ist klar: Ein präventives, menschenzentriertes System, das durch gut ausgebildete Fachkräfte in den Gemeinden unterstützt wird. Die Herausforderungen sind groß, aber durch engagierte Arbeit und politischen Willen können die notwendigen Veränderungen umgesetzt werden. ***Unsere Folgen zum Thema:*** [ÜG074 - Schulgesundheitspflege / School Nursing (Andreas Kocks) - ÜbergabeSchulgesundheitspflege gibt es in Deutschland kaum. Dabei ist sie wichtig. Was genau das ist, erklärt Andreas Kocks.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2021/06/ug074.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug074/) [ÜG113 - Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri) - ÜbergabeIn diesem brandneuen Podcast dreht sich alles um Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis im Projekt FAMOUS.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2023/03/ug113-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug113/) --- ## Neues aus der Community - [Studiengänge Pflege](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34?ref=uebergabe.de) - [Der große "ich stelle mich vor"-Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22?ref=uebergabe.de) - [Wie seid ihr mit BA oder MA eingruppiert?](https://community.uebergabe.de/t/wie-seid-ihr-mit-ba-oder-ma-eingruppiert/146/13?ref=uebergabe.de) - [Evidenzbasierte Praxisentwicklung](https://community.uebergabe.de/t/evidenzbasierte-praxisentwicklung/70/4?ref=uebergabe.de) - [Pädiatrisches Delir](https://community.uebergabe.de/t/paediatrisches-delir/142/14?ref=uebergabe.de) [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/CBcKT2vgTXgAAAAC/waheguru-minion.gif) ## Zum Weiterhören - [ÜG023 – DVG & Community Health Nursing (Prof. Dr. W. Schnepp & J. Sauskat)](https://www.uebergabe.de/ug023/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG088 – Masterplan Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)](https://www.uebergabe.de/ug088/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Psychologische Interventionen für Pflegefachkräfte auf der Kinderintensivstation URL: https://www.uebergabe.de/psychologische-interventionen-fur-pflegefachkrafte-auf-der-kinderintensivstation/ Last updated: 2024-08-07T15:48:37.000Z 🗓️ #42 | 01.08.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Wenn Lebensbeginn und Lebensende zusammentreffen – Möglichkeiten für Pflegende auf Kinderintensivstation URL: https://www.uebergabe.de/wenn-lebensbeginn-und-lebensende-zusammentreffen-moglichkeiten-fur-pflegende-auf-kinderintensivstation/ Last updated: 2024-12-08T13:42:10.000Z 🗓️ #41 | 25.07.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/07/Maria-Banner-3.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Evidenzbasierte Praxisentwicklung (Nina Kolbe) URL: https://www.uebergabe.de/ug142/ Last updated: 2026-06-17T09:02:06.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 20.07.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Evidenzbasierte Praxis verbindet Forschung, Pflegeerfahrung und Patient:innenpräferenzen für fundierte Entscheidungen. - Zeitmangel und fehlende Kompetenzen erschweren dir die Umsetzung im Alltag. - UKM-Projekte zu Mucositis-Prophylaxe und Frühmobilisation zeigen erfolgreiche Praxisbeispiele. - Strukturelle Voraussetzungen: Datenbankzugang, Zeitfenster und evidenzbasierte Aufgaben in Stellenprofilen. - Akademisierung und interprofessionelle Zusammenarbeit verbessern die Pflegequalität nachhaltig. Die evidenzbasierte Praxisentwicklung gewinnt in der Pflege zunehmend an Bedeutung. Ziel dieser Praxis ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch in den Pflegealltag zu integrieren, um die Pflegequalität zu verbessern und patient:innenenorientierte Entscheidungen zu fördern. Erfahrungen und Projekte am [Uniklinikum Münster (UKM)](https://ukm.de/?ref=uebergabe.de) zeigen, wie diese Integration erfolgreich gestaltet werden kann. ## Definition und Bedeutung der evidenzbasierten Praxisentwicklung Evidenzbasierte Praxisentwicklung verbindet externe Evidenz, also wissenschaftliche Forschungsergebnisse, mit interner Evidenz, den praktischen Erfahrungen der Pflegenden, und den Präferenzen der Patient:innen. Diese Verbindung ermöglicht es, pflegerische Entscheidungen fundiert und patient\*innenorientiert zu treffen. Laut Nina Kolbe, Leiterin der Stabstelle [Pflegewissenschaft am UKM](https://www.ukm.de/pflege/pflegewissenschaft?ref=uebergabe.de), ist dies nur möglich, wenn Pflegekräfte die Kompetenz besitzen, Forschungsergebnisse zu verstehen, kritisch zu bewerten und in die Praxis umzusetzen. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/07/image.webp) ### Herausforderungen bei der Implementierung Die Umsetzung der evidenzbasierten Praxis stellt Pflegende vor verschiedene Herausforderungen. Ein zentrales Problem ist der Mangel an Zeit und Ressourcen, um sich intensiv mit wissenschaftlicher Literatur auseinanderzusetzen. Zudem sind entsprechende Kompetenzen oft nicht ausreichend in der regulären Ausbildung integriert. Nina Kolbe betont, dass es wichtig ist, Pflegekräfte zu befähigen, Forschungsfragen zu formulieren und zu beantworten. Dies erfordert gezielte Weiterbildung und den Zugang zu wissenschaftlichen Ressourcen. > ”**Evidenzbasierte Praxis oder auch Praxisentwicklung heißt für mich, dass wir es hinkriegen, wirklich die externe Evidenz, also quasi die Forschungserkenntnisse, die an dritten Personen identifiziert worden sind, diese Erkenntnisse wirklich auch mit in die Entscheidungsfindung, in die Praxis, mit den Patient:innen, in Kombination mit der internen Evidenz, also die Erfahrung der Pflegenden, die Präferenzen der Patient:innen zueinander zu bringen.**” - Nina Kolbe ### Erfolgreiche Projekte und Praxisbeispiele Am UKM wurden mehrere Projekte initiiert, die die erfolgreiche Umsetzung der evidenzbasierten Praxisentwicklung demonstrieren. Ein herausragendes Beispiel ist das Projekt zur Mucositis-Prophylaxe in der Onkologie. Hier wurde die Wirksamkeit verschiedener Mundpflegemittel untersucht, um die bestmögliche Prophylaxe für Patient:innen zu gewährleisten. Durch gezielte Forschung und interdisziplinäre Zusammenarbeit konnte ein effektiveres Pflegekonzept entwickelt werden, das den Patient:innen unmittelbar zugutekommt. 💡 ****Mucositis** ist eine schmerzhafte Entzündung der Schleimhäute, oft als Nebenwirkung von Chemo- und Strahlentherapien. Sie verursacht Rötung, Schwellung, Geschwüre und Schmerzen im Mund- und Rachenbereich. Symptome umfassen Schwierigkeiten beim Schlucken und Sprechen. Behandelt wird sie durch regelmäßige Mundhygiene, Schmerzmittel und spezielle Mundspülungen. Eine frühzeitige Pflege verbessert die Lebensqualität der Betroffenen erheblich. Ein weiteres Beispiel ist die Frühmobilisation auf der neurologischen Intensivstation. Pflegekräfte zögerten oft, oral intubierte Patient:innen zu mobilisieren, aus Angst vor möglichen Komplikationen. Durch Schulungen und praktische Übungen wurden diese Ängste abgebaut und die Mobilisationsrate konnte signifikant erhöht werden. Dies zeigt, wie wichtig es ist, Unsicherheiten durch gezielte Weiterbildung und praktische Erfahrungen zu überwinden. [Advanced Practice Nurses | UKM Pflege | Uniklinik MünsterUm unsere Patient\*innen bestmöglich begleiten zu können, entwickeln sich neue pflegerische Rollenprofile für Pflegeexpert\*innen (Advanced Practice Nurse).![](https://www.ukm.de/typo3conf/ext/ukm_main/Resources/Public/Icons/favicon.ico)UKM Münster![](https://www.ukm.de/typo3conf/ext/ukm_main/Resources/Public/Icons/barrierefreiheit.png)](https://www.ukm.de/pflege/pflegewissenschaft/advances-pracitice-nurses?ref=uebergabe.de) ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Strukturelle Voraussetzungen und Empfehlungen Für die erfolgreiche Implementierung der evidenzbasierten Praxisentwicklung sind strukturelle Veränderungen unerlässlich. Dazu gehört der Zugang zu wissenschaftlichen Datenbanken und die Schaffung von Zeitfenstern für Forschung und Weiterbildung. Zudem sollten evidenzbasierte Aufgaben in die Stellenprofile der Pflegekräfte integriert werden, um die Bedeutung dieser Tätigkeiten zu unterstreichen und Ressourcen gezielt bereitzustellen. Am UKM wird dies durch die Unterstützung der Pflegedirektion und die enge Zusammenarbeit mit der Universität Münster ermöglicht. Der Zugang zu umfangreichen wissenschaftlichen Ressourcen und die enge Verknüpfung von Theorie und Praxis sind hierbei zentrale Erfolgsfaktoren. [Bachelor in klinischer Pflege | UKM Pflege | Uniklinik MünsterDas Traineeprogramm Bachelor in klinischer Pflege und Therapie ist ein Angebot für Bachelorabsolvent\*innen in der Pflege und den Therapieberufen.![](https://www.ukm.de/typo3conf/ext/ukm_main/Resources/Public/Icons/favicon.ico)UKM Münster![](https://www.ukm.de/typo3conf/ext/ukm_main/Resources/Public/Icons/barrierefreiheit.png)](https://www.ukm.de/pflege/pflegewissenschaft/bachelor-in-klinischer-pflege?ref=uebergabe.de) ### Zukunftsperspektiven Trotz der bestehenden Herausforderungen sieht Nina Kolbe positive Entwicklungen in der Integration der evidenzbasierten Praxis. Die zunehmende Akademisierung der Pflege und die Förderung interprofessioneller Zusammenarbeit tragen dazu bei, die Qualität der Pflege kontinuierlich zu verbessern. In Deutschland besteht jedoch noch erheblicher Entwicklungsbedarf, insbesondere in kleineren Krankenhäusern und im ambulanten Bereich. [Deutschland<< INTERVENTION SITES![](https://www.magnet4europe.eu/favicon.ico)MAGNET4EUROPE![](https://www.magnet4europe.eu/uploads/1/0/0/3/100339036/published/germany12.png?1639153101)](https://www.magnet4europe.eu/deutschland.html?ref=uebergabe.de) [Projekte — 360° Pflege - Qualifikationsmix für Patient:innen - in der PraxisSieben Leuchtturmprojekte erproben aktuell die Umsetzung eines Qualifikationsmix in die Pflegepraxis unter Einbindung von akademischen Pflegefachkräften.![](https://www.bosch-stiftung.de/favicons/apple-touch-icon.png)Robert Bosch Stiftung![](https://www.bosch-stiftung.de/sites/default/files/styles/im1440a/public/images/media/2020-05/360%C2%B0%20Pflege%20Keyvisual%20f%C3%BCr%20Website_470x577px_transparent.png?itok=TbMr8cQT)](https://www.bosch-stiftung.de/de/projekt/360deg-pflege-qualifikationsmix-fuer-patientinnen-der-praxis/projekte?ref=uebergabe.de#akutstation%C3%A4repflege) Die evidenzbasierte Praxisentwicklung bietet zahlreiche Vorteile für Patient:innen und Pflegekräfte gleichermaßen. Durch die systematische Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Pflegepraxis kann die Pflegequalität nachhaltig gesteigert und patient\*innenorientierte Entscheidungen fundiert getroffen werden. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieser Ansatz in der deutschen Pflege weiter etabliert und die Gesundheitsversorgung insgesamt verbessert. ## Fazit Die evidenzbasierte Praxisentwicklung ist ein zentraler Bestandteil moderner Pflege und bietet zahlreiche Vorteile für die Patient:innenversorgung. Die Erfahrungen und Projekte am UKM zeigen, dass durch gezielte Weiterbildung, interprofessionelle Zusammenarbeit und strukturelle Unterstützung die Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Pflegepraxis erfolgreich gestaltet werden kann. Trotz bestehender Herausforderungen bieten die positiven Entwicklungen Anlass zur Hoffnung, dass die evidenzbasierte Praxis in der Pflege in Deutschland weiter an Bedeutung gewinnen wird. *Buchempfehlung:* [Evidence-based Nursing and Caring - 2021 - Methoden und Ethik der Pflegepraxis und Versorgungsforschung | HogrefePflege-Fachbuch „Evidence-based Nursing and Caring” — Evidenzbasierte Pflege anschaulich, verständlich und nachprüfbar. Jetzt bei Hogrefe bestellen!![](https://www.hogrefe.com/_assets/2cb2a4083936226ae65d527b2738beba/Images/touch-icons/apple-touch-icon-180x180.png)Hogrefe![](https://www.hogrefe.com/de/shop/media/catalog/product/cache/200x/17f82f742ffe127f42dca9de82fb58b1/9/7/9783456860749.jpg)](https://www.hogrefe.com/de/shop/evidence-based-nursing-and-caring-94218.html?ref=uebergabe.de) *Unsere Folgen zum Thema:* [ÜG012 - Advanced Nursing Practice - A. Knisch & E. Keinath - ÜbergabeShownotes und Literatur Leistungsspektrum FNK (florence-nightingale-krankenhaus.de) Theodor-Fliedner-Medaille für innovative Pflegepraxis![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2019/06/ug012-1.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug012/) [ÜG113 - Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri) - ÜbergabeIn diesem brandneuen Podcast dreht sich alles um Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis im Projekt FAMOUS.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2023/03/ug113-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug113/) [ÜG072 - Praxisentwicklung in der Pflege (Prof.in Rebecca Palm & Sibylle Reick) - ÜbergabeWir sprechen mit Prof.in Rebecca Palm und Sibylle Reick über Praxisentwicklung in der Pflege und ihre Herausforderungen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2021/05/cover-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug072/) ## Werde Teil unserer Community Werde Teil der **Übergabe-Community**! Tausch dich aus, teile deine Erfahrungen und erhalte wertvolle Tipps rund um die Pflege. Vernetze dich mit Kolleg:innen und Expert:innen, um gemeinsam die Pflegepraxis zu verbessern. Wir freuen uns auf dich! [Übergabe CommunityDie Pflegecommunity![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe Community![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/?ref=uebergabe.de) ![](https://media.tenor.com/2w1XsfvQD5kAAAAC/hhgf.gif) ## Zum Weiterhören - [ÜG072 – Praxisentwicklung in der Pflege (Prof.in Rebecca Palm & Sibylle Reick)](https://www.uebergabe.de/ug072/) - [ÜG005 – Pflegewissenschaft, Pflegeforschung & Praxis - (Dr. B. Holle)](https://www.uebergabe.de/ug005/) - [ÜG049 – Transformationale Führung & Pflegewissenschaft in der Praxis (Interview mit Sabine Brase & Rebekka Stetzenbach)](https://www.uebergabe.de/ug049/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Pflegerische Maßnahmen in der Versorgung krebserkrankter Kinder URL: https://www.uebergabe.de/pflegerische-massnahmen-in-der-versorgung-an-krebserkrankter-kinder-2/ Last updated: 2024-08-02T22:31:00.000Z 🗓️ #40 | 18.07.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Bildungsarchitektur der Pflege in Deutschland - BAPID URL: https://www.uebergabe.de/pu078/ Last updated: 2026-06-13T22:09:04.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 13.07.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Deutscher Pflegerat und CAU Kiel stellen mit BAPID ein durchlässiges Pflegebildungsmodell vor. - Der Bundesrat fordert Änderungen am GVSG, etwa zu Gesundheitskiosken und Mitberatung der Pflege. - Verdi und Unikliniken in Baden-Württemberg einigen sich auf einen neuen Tarifvertrag. 📎 In Folge 78, der letzten Folge vor der Update-Sommerpause, betrachten Lukas und Michelle die Vorabpublikation BAPID - Bildungsarchitektur der Pflegeberufe in Deutschland vom Deutschen Pflegerat und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Auf Max mussten wir aus Krankheitsgründen in dieser Folge leider verzichten! Viel Spaß mit der Folge! :) Die nächste Folge des PflegeUpdate gibt es am ****07\. September 2024** nach der parlamentarischen ****Sommerpause** \- vielleicht dann auch mit dem Pflegekompetenzgesetz?! Vor der Sommerpause fällt diese Folge etwas kürzer aus: Der mit Spannung erwartete Entwurf zum Pflegekompetenzgesetz war zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht da und wurde erst für den Herbst 2024 erwartet. Dafür gibt es ein neues Bildungsmodell für die Pflege, gesundheitspolitische Bewegung im Bundesrat, einen Abschied beim Berufsverband und einen Tarifabschluss an Universitätskliniken. ## BAPID: ein durchlässiges Bildungsmodell für die Pflegeberufe Im Mittelpunkt der Folge steht ein Projekt der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, das gemeinsam mit dem Deutschen Pflegerat entstanden ist. Ziel ist ein kohärentes Gesamtbild der Bildungslandschaft in den Pflegeberufen, das bestehende und künftige Anforderungen zusammenführt. Den Anstoß gaben bereits im Oktober 2022 der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) und der Berufsverband Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe (BLGS), die über den Deutschen Pflegerat ein entsprechendes Projekt beantragten. Zur Zeit der Folge lag eine Vorveröffentlichung vor; die vollständige Studie war für September 2024 angekündigt. Das Modell trägt den Namen BAPID – Bildungsarchitektur der Pflege in Deutschland. Es ruht auf drei Domänen, die wie Säulen nebeneinanderstehen: die allgemeine Bildung bis zum Schulabschluss, die allgemeine Pflegebildung (also die Berufsqualifikation) und die spezielle Pflegebildung (Fort- und Weiterbildung). Diese Bereiche sind insgesamt in sechs Stufen gegliedert und greifen in jeder Bildungsbiografie ineinander. Entscheidend ist die Durchlässigkeit: vom Einstieg ohne Schulabschluss über mehrere Stufen bis zur Promotion soll ein zusammenhängender Weg möglich sein. Für die Domäne Pflegebildung definiert das Konzept sechs Typen beruflich Pflegender. Typ 1 umfasst Personen ohne Pflegeausbildung, Typ 2 die Pflegefachassistenz, die definiert an Pflegeprozessen mitwirkt. Typ 3 ist der Pflegefachberuf, der komplexe Pflegeprozesse gestaltet, Typ 4 der Bachelor in der Pflege für hochkomplexe Prozesse. Typ 5 und 6 schließlich – Master und Promotion – leiten Pflegeprozesse auf wissenschaftlicher Basis und tragen die fachliche Letztverantwortung. Jedem Typ sind klare Zuständigkeiten zugeordnet. Damit will das Modell dem Prinzip „alle machen alles" entgegenwirken und gleichzeitig Karrierewege sichtbar machen, was die Attraktivität der Pflegeberufe stärken soll. Für die Umsetzung fordert das Konzept mehrere gesetzliche Anpassungen: Die Pflegehilfsausbildung soll zum erweiterten ersten Schulabschluss führen, alle Pflegenden sollen regelmäßig Fort- und Weiterbildungen besuchen, und spezielle Weiterbildungen sollen bundesweit in numerischen Niveaustufen vergleichbar werden. An Universitätskliniken sollen zudem Pflegende mit Master und abgeschlossener Promotion als fachliche Leitungen in Versorgung, Lehre und Forschung vorgesehen werden. Für dich als Pflegefachperson ist das relevant, weil hier erstmals ein durchgängiges Stufenmodell skizziert wird, das Qualifikationen, Verantwortung und Vergütungslogik miteinander verknüpfen will. Wer sich vorab mit den Studienwegen in der Pflege beschäftigen möchte, findet im Forum eine Übersicht zu [Studiengängen in der Pflege](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34/1?ref=uebergabe.de). ## Bundesrat verlangt Nachbesserungen am GVSG In seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause hat der Bundesrat das Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG) der Bundesregierung beraten und Änderungswünsche formuliert. Die Länderkammer sprach sich unter anderem dafür aus, dass die Pflege über die Bundespflegekammer ein Antrags- und Mitberatungsrecht im Gemeinsamen Bundesausschuss erhält und damit verbindlich einzubeziehen wäre. Außerdem regte der Bundesrat an, Gesundheitskioske und Primärversorgungszentren wieder in das Gesetz aufzunehmen – beide waren zuvor aus dem Entwurf des Bundesgesundheitsministeriums gestrichen worden. Aus Sicht des DBfK, dessen Bundesgeschäftsführerin Bernadette Klapper sich dazu äußerte, ist die Rückkehr dieser neuen Versorgungsformen zu begrüßen, weil gute Gesundheitsversorgung multiprofessionell aufgestellt sein müsse und die Gesundheitsberufe sie gemeinsam konzipieren sollten. Für die Pflege geht es dabei um mehr Mitsprache in zentralen Versorgungsstrukturen – auch wenn zum Zeitpunkt der Folge offen war, ob sich diese Wünsche im weiteren Verfahren durchsetzen würden. ## DBfK verabschiedet Christel Bienstein nach zwölf Jahren Anfang Juli 2024 hat der DBfK seine Präsidentin Prof. Dr. Christel Bienstein nach zwölf Jahren verabschiedet. Zu einem Fachsymposium unter dem Titel „Professionelle Pflegepraxis braucht Weiterentwicklung" kamen zahlreiche Weggefährt:innen nach Berlin. Der frühere Bundesgeschäftsführer Franz Wagner würdigte Bienstein als prägende Persönlichkeit, die stets die Wirkung pflegerischen Handelns für Patient:innen in den Mittelpunkt gestellt habe. Bienstein selbst blickte auf zentrale Entwicklungen ihrer Amtszeit zurück: die Einführung der generalistischen Ausbildung, den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff, den langsam voranschreitenden Ausbau der Akademisierung sowie die im Koalitionsvertrag verankerten Forderungen der Profession. Ihr Fazit lautete sinngemäß, dass vieles erreicht, manches Wichtige aber noch nicht abgeschlossen sei – und dass die beharrliche Arbeit gegenüber Politik und Ministerien sich gelohnt habe. Der Wechsel an der Verbandsspitze markiert eine Zäsur für eine der sichtbarsten Stimmen der Pflege in Deutschland. ## Tarifeinigung an den Unikliniken in Baden-Württemberg Nach schwierigen Verhandlungen und drei Warnstreiks haben sich die Gewerkschaft Verdi und die Arbeitgeberseite der Universitätskliniken in Baden-Württemberg auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Rund 30.000 Beschäftigte können mit spürbaren Gehaltssteigerungen rechnen – vorbehaltlich der Zustimmung der Gewerkschaftsmitglieder. Vorgesehen waren in zwei Stufen mindestens acht Prozent mehr Geld sowie eine Inflationsausgleichsprämie von 1.050 Euro. Ab Oktober 2024 sollte die Vergütung um 4,3 Prozent steigen, mindestens jedoch um 160 Euro, ab Oktober 2025 um weitere 3,7 Prozent. Auch Auszubildende sollten stufenweise mehr Geld und eine Inflationsausgleichszahlung erhalten – zunächst 100 Euro mehr ab August 2025, ab April 2026 weitere 75 Euro. Besonders für die Pflege interessant ist ein neuer Belastungsausgleich: Bis zu einer automatisierten Umsetzung sollte es laut Verdi pauschal einen Entlastungsbetrag geben, der wahlweise in freie Tage umgewandelt werden kann – im Äquivalent von fünf Tagen pro Jahr. Zusätzlich war für alle Beschäftigten eine nach Betriebszugehörigkeit gestaffelte Wahloption zwischen mehr Geld und zusätzlichen freien Tagen geplant: ab fünf Jahren ein freier Tag, maximal vier Tage jährlich, wahlweise auszahlbar, als Freizeit nutzbar oder auf einem Langzeitkonto ansparbar. Der Abschluss zeigt, dass Entlastung neben der reinen Vergütung zunehmend zum festen Bestandteil von Tarifverhandlungen wird. ## Zum Weiterhören - [ÜG189 – BAPID - die neue Bildungsarchitektur für die Pflege (Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen Hoops)](https://www.uebergabe.de/ug189/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) - [ÜG119 – Bildung und Forschung in der Pflege (Dr. Lena Dorin, Malte Falkenstern, Prof. Dr. Karin Reiber, Prof. Dr. Bernd Reuschenbach)](https://www.uebergabe.de/ug119/) --- ## BAPID - Bildungsarchitektur der Pflegeberufe in Deutschland Der Deutsche Pflegerat (DPR) hat kürzlich eine Vorveröffentlichung zu einem neuen Bildungskonzept in der Pflege vorgestellt. Dieses Konzept wurde in Zusammenarbeit mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel entwickelt und soll ein Gesamtbild der Bildungslandschaft in den Pflegeberufen schaffen, das sowohl bestehende als auch zukünftige Anforderungen berücksichtigt. ### Das BAPID-Bildungskonzept Das neue Konzept, genannt BAPID (Bildungsarchitektur der Pflege in Deutschland), basiert auf drei zentralen Punkten: - **Allgemeine Bildung**: Betrifft die schulische Bildung bis zum Schulabschluss. - **Allgemeine Pflegebildung**: Bezieht sich auf die beruflichen Qualifikationen. - **Spezielle Pflegebildung**: Umfasst Fort- und Weiterbildungen. Diese drei Säulen sind in sechs Stufen unterteilt und bilden die Grundlage für die Bildungsentwicklung in den Pflegeberufen. Das System ist durchlässig und ermöglicht einen Bildungsweg von „ohne Schulabschluss“ bis zur Promotion. #### Sechs Typen der Pflegebildung Das Konzept definiert sechs grundlegende Pflegetypen: - **Typ I**: Personen ohne Pflegeausbildung. - **Typ II**: Pflegefachassistenz, die an Pflegeprozessen mitwirkt. - **Typ III**: Pflegefachberuf, der komplexe Pflegeprozesse gestaltet. - **Typ IV**: Bachelor Pflege, der hochkomplexe Pflegeprozesse gestaltet. - **Typ V und VI**: Pflegende mit Masterabschluss bzw. Promotion, die Pflegeprozesse auf wissenschaftlicher Basis leiten und die fachliche Letztverantwortung tragen. Jeder Typ hat klare Zuständigkeiten. Dies soll die Karriereverläufe und Entwicklungsmöglichkeiten in der Pflege sichtbar machen und die Attraktivität des Pflegeberufs stärken. #### Notwendige gesetzliche Anpassungen Für die Umsetzung des Modells werden mehrere gesetzliche Anpassungen gefordert: - **Anerkennung der Ausbildung**: Pflegehilfeausbildung sollte zur Anerkennung des erweiterten ersten Schulabschlusses führen. - **Fort- und Weiterbildungen**: Alle Pflegenden sollen regelmäßig Fort- und Weiterbildungen besuchen müssen. - **Anerkennung von Weiterbildungen**: Spezielle Weiterbildungen sollen bundesweit in numerischen Niveaustufen unterschieden werden. - **Gesetzliche Vorgaben für Universitätskliniken**: Pflegende auf Masterniveau mit Promotion sollen als fachliche Leitungen in der Gesundheitsversorgung, Lehre und Forschung vorgesehen werden. Die vollständige Veröffentlichung der Studie ist für September dieses Jahres geplant. [Projekt BAPID IBildungsarchitektur der Pflegeberufe in Deutschland – eine Bildungskonzepterstellung![](https://www.pflegepaedagogik.uni-kiel.de/touch_icon.png)Pflegepaedagogik![](https://www.pflegepaedagogik.uni-kiel.de/de/projekt-bapid-1/dpr-logo.tif/image_w160)](https://www.pflegepaedagogik.uni-kiel.de/de/projekt-bapid-1/projekt-bapid-1?ref=uebergabe.de) --- ## Kurznachrichten **GVSG im Bundesrat**: Der Bundesrat hat das Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz beraten und Änderungswünsche formuliert. Die Pflege soll durch die Bundespflegekammer im G-BA mit einem Antrags- und Mitberatungsrecht verbindlich berücksichtigt werden. Gesundheitskioske und Primärversorgungszentren sollen wieder in das Gesetz aufgenommen werden. **Abschied von Christel Bienstein**: Nach 12 Jahren als Präsidentin wurde Prof. Dr. Christel Bienstein vom DBfK verabschiedet. Ihre Verdienste um die Pflegeberufe wurden in einem Fachsymposium gewürdigt. **Tarifvertrag für Unikliniken**: Nach schwierigen Verhandlungen und Warnstreiks haben sich die Gewerkschaft ver.di und die Vertreter der Unikliniken in Baden-Württemberg auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Beschäftigte können mit deutlichen Gehaltssteigerungen und einem neuen Belastungsausgleich rechnen. --- # Aktuelle Themen in der Community - [Der große "ich stelle mich vor" Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22/23?ref=uebergabe.de) - [\[PflegeUpdate\] 76 - Aus für die Pflegekammer in Baden-Württemberg](https://community.uebergabe.de/t/pflegeupdate-76-aus-fuer-die-pflegekammer-in-baden-wuerttemberg/20/15?ref=uebergabe.de) - [Deutscher Pflegetag 2024](https://community.uebergabe.de/t/deutscher-pflegetag-2024/24/7?ref=uebergabe.de) - [Studiengänge Pflege](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34/1?ref=uebergabe.de) ### Effekte einer energie- und/oder proteinreiche Ernährung bei Kindern mit angeborenem Herzfehler zur Vermeidung einer Mangelernährung URL: https://www.uebergabe.de/effekte-einer-energie-und-oder-proteinreiche-ernahrung-bei-kindern-mit-angeborenem-herzfehler-zur-vermeidung-einer-mangelernahrung/ Last updated: 2024-08-02T22:29:53.000Z 🗓️ #39 | 11.07.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Lydia-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Hitzeschutz als Gesundheitsschutz (Ulrike Krol & Jana Luntz) URL: https://www.uebergabe.de/ug141/ Last updated: 2026-06-13T23:27:29.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 06.07.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Hitzeschutz schützt vulnerable Patient:innen und Pflegekräfte vor extremen Temperaturen. - Sichere Hydration, Heatmaps und Raumtemperatur-Regulierung sind zentrale Maßnahmen. - Sorge für Pausen, Trinkwasser, kühle Räume und regelmäßige Fortbildungen. - BG-Klinikum Berlin zeigt mit Heatmap, Schulungen und DWD-Warnsystem Best Practice. - Hitzeschutz ist gesamtgesellschaftlich – Finanzierung und gesetzliche Vorgaben sind nötig. ## Hitzeschutz in der Pflegepraxis Pflegekräfte sind besonders gefordert, wenn es darum geht, hitzebedingte Gesundheitsrisiken zu minimieren und sowohl Patient:innen als auch sich selbst vor den Folgen extremer Temperaturen zu schützen. Dies umfasst mehrere zentrale Aspekte: die Sicherstellung einer ausreichenden Hydration, die Regulierung der Raumtemperatur und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte. ### Sicherstellung der Hydration und Regulierung der Raumtemperatur Ein zentraler Aspekt des Hitzeschutzes in der Pflege ist die Sicherstellung ausreichender Hydration. Besonders ältere und chronisch kranke Patient:innen sind gefährdet. Der Hautfaltentest am Handrücken hilft, Flüssigkeitsmangel zu erkennen und sollte routinemäßig angewendet werden. Die Regulierung der Raumtemperatur ist ebenfalls wichtig. Eine „Heatmap” der Station kann heiße und kühle Bereiche identifizieren, um gefährdete Patient:innen optimal unterzubringen. Ventilatoren und Klimaanlagen helfen, die Raumtemperatur zu senken, wobei kontinuierliche Überwachung und Anpassung der Temperaturen notwendig sind. ### Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte Pflegekräfte müssen regelmäßig Pausen einlegen, besonders nach anstrengenden Tätigkeiten in heißen Räumen. Arbeitgeber sollten ausreichend Trinkwasser und kühlende Pausenräume bereitstellen. Maßnahmen wie die Bereitstellung von Eis und kühlen Getränken helfen, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Pflegekräfte zu erhalten. Zusätzlich sind Fortbildungen und Schulungen essentiell, um Pflegekräfte auf die Herausforderungen bei Hitze vorzubereiten. Themen wie die Erkennung von hitzebedingten Erkrankungen und Hitzestress-Vermeidung sollten regelmäßig aufgefrischt werden, um eine optimale Patient:innenversorgung zu gewährleisten. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/07/hitze-1.webp) ## Best-Practice-Beispiel: Hitzeschutzplan im BG-Klinikum Berlin Ein herausragendes Beispiel für einen effektiven Hitzeschutzplan kommt aus dem BG-Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin. Ulrike Kroll, Gesundheits- und Krankenpflegerin, hat im Rahmen ihrer Masterarbeit einen theoretischen Hitzeschutzplan entwickelt, der jetzt praktisch umgesetzt wird. Eine der ersten Maßnahmen war die Erstellung einer Heatmap der Station. Diese Heatmap basiert auf den Erfahrungen der Mitarbeiter:innen, die die heißesten und kühlsten Bereiche identifiziert haben. Diese einfache, aber effektive Methode ermöglicht es, Patient:innen in kühleren Zimmern unterzubringen, insbesondere diejenigen, die nicht in der Lage sind, ihr Zimmer eigenständig zu verlassen. [Hitzeschutz: Alle Krankenhäuser sollten eigenen Hitzeaktionsplan festlegenNachdem der Hitzeschutz im deutschen Gesundheitswesen lange Zeit vernachlässigt wurde, hat er im vergangenen Jahr an Fahrt aufgenommen. Auf dem zweiten bundesweiten Hitzeaktionstag zeigte sich, was bislang alles erreicht wurde — und was noch nicht.…![](https://cfcdn.aerzteblatt.de/_icons/apple-touch-icon-180x180.png)Deutsches ÄrzteblattDeutscher Ärzteverlag GmbH, Redaktion Deutsches Ärzteblatt![](https://cfcdn.aerzteblatt.de/bilder/134457561-1200-0)](https://www.aerzteblatt.de/archiv/239833/Hitzeschutz-Alle-Krankenhaeuser-sollten-eigenen-Hitzeaktionsplan-festlegen?ref=uebergabe.de) Ein weiterer wichtiger Aspekt des Hitzeschutzplans ist die Fortbildung der Mitarbeitenden. Zusammen mit der Klima-Managerin des Krankenhauses wurden Schulungen erarbeitet, die Pflegekräfte, Therapeut:innen und Ärzt:innen auf die besonderen Herausforderungen bei Hitze vorbereiten. Diese Schulungen umfassen Themen wie die Erkennung von hitzebedingten Erkrankungen und Maßnahmen zur Vermeidung von Hitzestress. Durch diese umfassenden Schulungen wird sichergestellt, dass alle Mitarbeitenden über die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, um effektiv auf Hitzewellen zu reagieren. [Mit einem Hitzeschutzplan die Beschäftigten schützen — top einsWie die Beschäftigten des Unfallkrankenhauses Berlin vor Hitze geschützt werden sollen, legt ein Hitzeschutzplan fest.![](https://topeins.dguv.de/wp-content/themes/topeinsm-1505/assets/img/signet_ukbg-1024x1024.png)top einsJörn Käsebier![](https://topeins.dguv.de/wp-content/uploads/2024/05/Hitzeschutzplan-Beschaeftigte-Klimawandel.jpg)](https://topeins.dguv.de/gesundheitsschutz/hitzeschutzplan-beschaeftigte-schuetzen-klimawandel/?ref=uebergabe.de) Das Krankenhaus nutzt zudem das [Warnsystem des Deutschen Wetterdienstes](https://www.dwd.de/DE/service/newsletter/form/hitzewarnungen%5Falt/hitzewarnungen%5Fnode.html;jsessionid=04C4D8E5E3B47E84B2F299E2572C03E3.live31094?ref=uebergabe.de), um rechtzeitig auf bevorstehende Hitzewellen aufmerksam zu machen. Diese Warnungen werden digital an alle relevanten Abteilungen weitergegeben, sodass rechtzeitig Maßnahmen ergriffen werden können, wie zum Beispiel die Bereitstellung von zusätzlichem Trinkwasser oder die Anpassung der Dienstpläne. Durch die frühzeitige Warnung können notwendige Vorkehrungen getroffen und somit die Gesundheit der Patient:innen und Mitarbeitenden geschützt werden. ### Herausforderungen, Finanzierung und politische Bestrebungen Die Umsetzung von Hitzeschutzmaßnahmen in Pflegeeinrichtungen erfordert erhebliche finanzielle Mittel und organisatorische Unterstützung. Bestehende Gebäude müssen nachgerüstet und zukünftige Bauprojekte klimaresilient geplant werden. Staatliche Unterstützung und klare gesetzliche Vorgaben sind notwendig, um die erforderlichen Investitionen und kontinuierliche Schulungen der Pflegekräfte sicherzustellen. Der [Hitzeaktionstag](https://hitzeaktionstag.de/?ref=uebergabe.de) hat sich als zentrale Plattform etabliert, um auf die Herausforderungen durch extreme Temperaturen aufmerksam zu machen. Über 50 Akteur:innen, darunter [KLUG - Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit](https://www.klimawandel-gesundheit.de/?ref=uebergabe.de), der [Deutsche Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) und die [Bundesärztekammer](https://www.bundesaerztekammer.de/?ref=uebergabe.de), beteiligten sich zuletzt. Politisch werden die Bemühungen durch das Bundesministerium für Gesundheit und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales intensiviert, die Präventions- und Arbeitsschutzmaßnahmen vorantreiben und langfristig gesetzliche Vorgaben und finanzielle Mittel zur Unterstützung bereitstellen. Diese Schritte sind entscheidend, um die Gesundheit der Bevölkerung nachhaltig zu schützen. [Gesundheitsrisiko HitzeSchwindel, Verwirrtheit, Erschöpfung, Hitzschlag: Die spürbaren gesundheitlichen Folgen der Hitze können in den Sommermonaten gravierend sein.![](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/typo3conf/ext/bmg_sitepackage/Resources/Public/Frontend/Base/images/favicon/favicon.ico)BMGBundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/hitze?ref=uebergabe.de) ***Wir haben bereits mehrfach das Thema genauer unter die Lupe genommen:*** [PU031 - Eckpunktepapier zur PPR 2.0 / Klimabewusstsein im Gesundheitswesen - ÜbergabeWir sprechen über die Umsetzung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht und über den neuen Mindestlohn sowie Tarifverträge in der Altenpflege.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2022/07/pu_31-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/pu031/) [ÜG075 - Klima, Pflege und Gesundheit (Jessica Esser & David Vogel) - ÜbergabeWie passen Klima und Pflege zusammen? Jessica Esser und David Vogel von Health for Future klären uns in dieser Folge auf.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2021/06/ug075.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug075/) ## Hitzeschutz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe Hitzeschutz ist nicht nur eine Aufgabe des Gesundheitswesens, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Es bedarf der Zusammenarbeit aller relevanten Akteur:innen, von staatlichen Institutionen über Unternehmen bis hin zu Privatpersonen. Präventive Maßnahmen müssen auf allen Ebenen umgesetzt werden. Dazu gehören beispielsweise [öffentliche Informationskampagnen (BZgA)](https://www.klima-mensch-gesundheit.de/?ref=uebergabe.de) und die Förderung von Gemeinschaftsprojekten, bei denen Nachbarschaftshilfen organisiert werden. Zusätzlich führt [das RKI ein Monitoring zu hitzbedingter Mortalität](https://www.rki.de/DE/Content/GesundAZ/H/Hitzefolgekrankheiten/Hitzefolgekrankheiten%5Fnode.html?ref=uebergabe.de) durch. Blickt man ins Ausland, gibt es viele Beispiele für erfolgreiche Hitzeschutzpläne. Frankreich hat nach der Hitzewelle 2003 einen nationalen Hitzeaktionsplan entwickelt, der unter anderem eine frühzeitige Warnung der Bevölkerung und spezifische Maßnahmen für besonders gefährdete Gruppen umfasst. Auch Wien hat ein vorbildliches Hitzeschutzsystem, das eng mit dem Wetterdienst verknüpft ist und umfassende Maßnahmen von der Bereitstellung kühler Räume bis hin zu speziellen Lieferdiensten für Medikamente umfasst. Diese internationalen Vorbilder zeigen, dass es möglich ist, durch koordinierte und gut durchdachte Maßnahmen die Auswirkungen von Hitzewellen zu minimieren. [Wiener HitzeaktionsplanDer Wiener Hitzeaktionsplan legt vorausschauend Ma�nahmen zur Vorbeugung gegen die �berhitzung der Stadt und zur Bew�ltigung der Hitze im Akutfall fest.![](https://www.wien.gv.at/layout-a/wien.at/img/favicon/apple-touch-icon.png)![](https://www.wien.gv.at/layout-a/wien.at/img/logo-stadt_wien-hoch.svg)](https://www.wien.gv.at/umwelt/cooleswien/hitzeaktionsplan.html?ref=uebergabe.de) ## Fazit und Ausblick Hitzeschutz ist nicht nur eine temporäre Maßnahme, sondern muss als dauerhafte, gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden. Die Pflegefachkräfte tragen hier eine besondere Verantwortung, da sie in der direkten Patient:innenversorgung arbeiten. Durch präventive Maßnahmen und eine enge Zusammenarbeit aller Akteur:innen im Gesundheitswesen können wir den Herausforderungen des Klimawandels effektiv begegnen. Der Hitzeaktionstag hat gezeigt, dass das Bewusstsein für dieses Thema wächst und viele Akteur:innen bereit sind, gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Es ist wichtig, dass diese Initiativen fortgeführt und weiterentwickelt werden, um nachhaltigen Hitzeschutz zu gewährleisten. Nur durch ein gemeinsames Engagement und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit können wir die Gesundheit und das Wohlbefinden von Patient:innen und Pflegekräften auch in Zeiten des Klimawandels sicherstellen. ## Teile deine Erfahrungen zum Hitzeschutz in unserer Community! Hitzeschutz ist in der täglichen pflegerischen Arbeit essenziell. Wir laden euch ein, eure bewährten Methoden und innovativen Lösungen zum Umgang mit Hitze zu teilen. Welche Strategien habt ihr entwickelt, um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bewohner:innen und Patient:innen zu gewährleisten? Was tut ihr, um euch selbst, oder euer Personal zu schützen? Teilt eure Tipps, Herausforderungen und Erfolge in unserer Community! Gemeinsam können wir voneinander lernen und die Pflege ein Stückchen besser machen. [Wie gelingt euch der Hitzeschutz auf Station/Wohnbereich?Wir haben eine Episode zum Thema Hitzeschutz aufgenommen und mich würde interessieren, ob das Thema auch an anderen Standorten ernst genommen wird?! Also gibt es dazu erklärte Maßnahmen und Ziele die vereinbart wurden? Gibt es Nachholbedarf oder sogar Good-Practice-Beispiele? Hat jemand gute Infos aus der Praxis, wo man was lernen oder mitnehmen kann? Das Thema wird in den nächsten Jahren ja nicht unbedingt unwichtiger…![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/optimized/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564_2_180x180.jpeg)Übergabe CommunityChristian![](https://community.uebergabe.de/uploads/default/original/1X/6c894e3be4a6fe4e70ae6d786f4e585ced71c564.jpeg)](https://community.uebergabe.de/t/wie-gelingt-euch-der-hitzeschutz-auf-station-wohnbereich/57?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG075 – Klima, Pflege und Gesundheit (Jessica Esser & David Vogel)](https://www.uebergabe.de/ug075/) - [ÜG187 – Nachhaltigkeit in der Pflegeausbildung (Sarah Fliesgen & Luka Eulberg)](https://www.uebergabe.de/ug187/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Bedürfnisse von pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz URL: https://www.uebergabe.de/bedurfnisse-von-pflegenden-angehorigen-von-menschen-mit-demenz/ Last updated: 2024-12-08T13:41:50.000Z 🗓️ #38 | 04.07.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegepolitische Sommerflaute?! URL: https://www.uebergabe.de/pu077/ Last updated: 2026-06-13T23:20:52.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 29.06.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Krankenhausreform durchlief am 27\. Juni ihre erste Lesung im Bundestag. - Beim GVSG wurde der Gesundheitskiosk gestrichen; Ausschüsse fordern Stimmrecht der Pflege im G-BA. - Der Intensivpflegegipfel diskutierte das angekündigte Pflegekompetenzgesetz und Fortbildungspflichten. - Ohne Impfnachweis Freigestellte erhalten rückwirkend keine Gehalts- und Urlaubsnachzahlungen. - Die Pflegekammer NRW startet eine Plattform für aktuelle Pflegeforschung. 📎 In Folge 77 des PflegeUpdates geben wir einen groben Überblick über die aktuell laufenden Gesetzgebungsverfahren zur Krankenhausreform im Bundestag und zum Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz im Bundesrat - hier ist aber noch sehr viel unklar! Generell befinden wir uns in einem Vorsommerloch - man merkt die herannahende Sommerpause im Bundestag! In den Kurznachrichten geht es um Klagen gegen die Impfpflicht während COVID, den Intensivpflegegipfel sowie den Hauptstadtkongress. Viel Spaß mit der Folge! :) ## Zum Weiterhören - [PU075 – Krankenhausreform / Klinikatlas / Drohende Schließung des IPW in Bielefeld](https://www.uebergabe.de/pu075/) - [PU072 – PPR - Update / DAK-Pflegereport / Ende der Gesundheitskioske?](https://www.uebergabe.de/pu072/) - [PU052 – Referentenentwurf GVSG / Expert\*innenpapier Notfallpflege](https://www.uebergabe.de/pu052/) --- ## Sommerloch in der Pflegepolitik?! Der Sommer bringt eine kurze Pause in den großen Nachrichten, aber hinter den Kulissen wird intensiv an wichtigen gesundheitspolitischen Reformen gearbeitet. ### Krankenhausreform im Bundestag Am 27\. Juni 2024 fand die erste Lesung der geplanten Krankenhausreform im Bundestag statt. Diese Reform zielt darauf ab, die Behandlungsqualität zu verbessern, eine flächendeckende medizinische Versorgung sicherzustellen, die Effizienz zu steigern und die Bürokratie zu reduzieren. In der Debatte zeigten sich unterschiedliche Parteipositionen: Die SPD betont die Notwendigkeit der Reform zur Behebung von Qualitätsproblemen und wirtschaftlichen Defiziten und dass die Länder die Planungsverantwortung behalten. Die Grünen setzen auf die Verbesserung der wohnortnahen Versorgung und Arbeitsbedingungen, um ein Kliniksterben zu verhindern. Die FDP kritisiert das ineffektive Gesundheitssystem und fordert Entbürokratisierung und eine Strukturreform. Die Union bemängelt die unzureichende Einbindung der Betroffenen und die unausgereiften Reformansätze. Nach der Debatte wurde der Entwurf an die Ausschüsse weitergeleitet, wobei der Gesundheitsausschuss die Federführung übernimmt. Wenn es Neuigkeiten gibt, gibts die im Update zu hören! [Deutscher Bundestag - Kontroverse Debatte über die geplante KrankenhausreformIn einer kontroversen und teilweise emotionalen Debatte hat der Bundestag am Donnerstag, 27\. Juni 2024, über die geplante Krankenhausreform beraten. Der aktuelle Gesetzentwurf der Bundesregi…![](https://www.bundestag.de/resource/blob/441486/e8bddff8373827cfc66609ca9697a45d/homepage_de-favicon.ico)Deutscher BundestagGötz Hausding![](https://www.bundestag.de/resource/image/1008318/3x2/475/316/4107a2b5bc0e5cb8c1117d29e15903b4/B8C4EAFE16EF48B70020BA1E1BC322C0/kw26_de_krankenhausversorgung_bild.jpg)](https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2024/kw26-de-krankenhausversorgung-1008316?ref=uebergabe.de) --- #### Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz im Bundesrat Der Bundesrat berät aktuell über das Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz. Ursprünglich sollte es Gesundheitskioske einführen, was jedoch gestrichen wurde. Der Gesundheitsausschuss hat eine Beschlussempfehlung übermittelt, die am 5\. Juli 2024 beraten wird. Die Ausschüsse fordern die verbindliche Berücksichtigung der Bundespflegekammer als Stimme der Pflege im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Weiterhin sollen den Pflegeberufen weitergehende Rechte, einschließlich eines Stimmrechts im G-BA, eingeräumt werden. Ob diese Empfehlungen Gehör finden, bleibt abzuwarten. [DIP![](https://dip.bundestag.de/icon_180x180.a936a2190399d4d508bd37c40c585b72.png)Parlamentssuche des Deuschen Bundestages](https://dip.bundestag.de/vorgang/gesetz-zur-st%C3%A4rkung-der-gesundheitsversorgung-in-der-kommune-gesundheitsversorgungsst%C3%A4rkungsgesetz/312308?term=GVSG&f.typ=Vorgang&rows=25&pos=1&ctx=e&ref=uebergabe.de) --- #### Intensivpflegegipfel in Berlin Mitte Juni fand in Berlin zum dritten Mal der Intensivpflegegipfel statt. Vertreter der Bundesregierung, Pflegekammern und Pflegeverbände diskutierten über Reformansätze und Gesetzesentwürfe rund um die Intensiv- und Notfallpflege. Ein zentrales Thema war das angekündigte Pflegekompetenzgesetz, das laut Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerates, einen qualitativen Schritt zur Sicherung der Zukunft des Pflegeberufs darstellt. Die Teilnehmenden forderten gesetzliche Verpflichtungen zur stetigen Fortbildung von Pflegefachpersonen auf Intensivstationen und eine vollständige Finanzierung der Fachweiterbildung. --- #### Gerichtsurteil zur Impfpflicht Das Bundesarbeitsgericht hat entschieden, dass Arbeitnehmer\*innen ohne COVID-19-Impfnachweis rückwirkend keine Gehaltsnachzahlungen und Urlaubstage bei angeordneter Freistellung zustehen. Geklagt hatte eine Arbeitnehmerin aus NRW, die 2022 wegen fehlendem Impfnachweis freigestellt wurde. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass eine Abmahnung aufgrund des fehlenden Impfnachweises unzulässig ist. Die einrichtungsbezogene Impfpflicht galt bis Ende 2022 und wurde vom Bundesverfassungsgericht als rechtmäßig erklärt. --- #### Forschungsplattform der Pflegekammer NRW Die Pflegekammer NRW bietet nun eine Plattform für aktuelle Forschungsarbeiten aus der Pflegewissenschaft. Diese soll Studierende und Forschende unterstützen, um die Pflegepraxis und -politik auf wissenschaftlicher Basis weiterzuentwickeln. Interessierte können sich an die Pflegekammer NRW wenden. [Forschungsarbeiten - Pflegekammer NRWMöchten Sie dazu beitragen, die Pflegewissenschaft voranzubringen? Die Pflegekammer NRW unterstützt Forschungsvorhaben.![](https://www.pflegekammer-nrw.de/wp-content/themes/pflegekammer-nrw/assets/img/favicon.svg)Pflegekammer NRW![](https://www.pflegekammer-nrw.de/wp-content/uploads/2022/02/960X700_Webseite_Anschreiben.jpg)](https://www.pflegekammer-nrw.de/forschungsarbeiten/?ref=uebergabe.de) --- #### Hauptstadtkongress in Berlin Vom 26\. bis 28\. Juni 2024 fand der Hauptstadtkongress in Berlin statt. Vera Lux, die neue Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK), betonte die Notwendigkeit umfassender Strukturreformen im Gesundheitswesen angesichts demografischer Veränderungen, Klimawandel, geopolitischer Konflikte und wirtschaftlicher Herausforderungen. --- # Aktuelle Themen in der Community - [Der große "ich stelle mich vor" Thread](https://community.uebergabe.de/t/der-grosse-ich-stelle-mich-vor-thread/22/23?ref=uebergabe.de) - [\[PflegeUpdate\] 76 - Aus für die Pflegekammer in Baden-Württemberg](https://community.uebergabe.de/t/pflegeupdate-76-aus-fuer-die-pflegekammer-in-baden-wuerttemberg/20/15?ref=uebergabe.de) - [Deutscher Pflegetag 2024](https://community.uebergabe.de/t/deutscher-pflegetag-2024/24/7?ref=uebergabe.de) - [Studiengänge Pflege](https://community.uebergabe.de/t/studiengaenge-pflege/34/1?ref=uebergabe.de) ### Die Haltung von Pflegefachkräften in Bezug auf akademisierte Pflegefachkräfte URL: https://www.uebergabe.de/die-haltung-von-pflegefachkraften-in-bezug-auf-akademisierte-pflegefachkrafte/ Last updated: 2024-06-27T08:00:30.000Z 🗓️ #37 | 27.06.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Live von der IdeenExpo 2024 URL: https://www.uebergabe.de/ug140/ Last updated: 2026-06-13T12:58:25.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 22.06.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Hochschule Osnabrück begeisterte auf der IdeenExpo 2024 junge Menschen für die Pflege. - Praktische Erlebnisse wie der Alterssimulationsanzug schufen echte Aha-Momente. - Viele wissen nicht: Pflege kann man auch studieren. - Falsche Darstellung der Pflege spiegelt sich in sinkenden Bewerber:innenzahlen. - Aufklärung über Pflege ist Aufgabe aller Bildungseinrichtungen. Die IdeenExpo 2024 in Hannover bot eine spannende Plattform, um jungen Menschen den Pflegeberuf näherzubringen. Begleitet von der Hochschule Osnabrück, wurde die Veranstaltung genutzt, um auf kreative Weise Interesse und Verständnis für den Pflegeberuf zu wecken. Wir haben die Hochschule Osnabrück bei ihrem Projekt begleitet. ## Der Pflegeberuf: Falsch dargestellt und unterschätzt? Prof. Dr. Benjamin Kühme von der Hochschule Osnabrück betonte in seinem Interview, dass Pflege in der Gesellschaft oft negativ oder falsch dargestellt wird. Diese Fehldarstellung spiegelt sich auch in den sinkenden Bewerber:innenzahlen wider. Auf der IdeenExpo sollte dies geändert werden, indem praktische Einblicke in den Pflegeberuf gegeben wurden. Die Schüler:innen konnten beispielsweise Verbände anlegen, Injektionen aufziehen oder einen Alterssimulationsanzug tragen. Solche interaktiven Erfahrungen führten zu *Aha-Momenten* und halfen, die alltäglichen Herausforderungen älterer Menschen und Pflegebedürftiger besser zu verstehen. [ÜG067 - Pflege in Fach- und Massenmedien (Bianca Flachenecker & David Gutensohn)Im Gespräch mit Bianca Flachenecker (HCM Magazin) und David Gutensohn (ZEIT online) Pflege in Fach- und Massenmedien.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2021/04/ug067-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug067/) [ÜG068 - Pflege in den Medien - Social Media (Franziska Böhler & Ugur Cetinkaya) - ÜbergabeIm Gespräch über Pflege in den sozialen Medien stehen uns Franziska Böhler und Ugur Cetinkaya zur Seite und beantworten unsre Fragen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2021/04/ug068-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug068/) ## Praktische Erfahrungen wecken Interesse Ein Highlight der Expo war der Alterssimulationsanzug, der den Träger:innen einen Eindruck davon vermittelte, wie es sich anfühlt, in seiner Beweglichkeit eingeschränkt zu sein. Diese Erfahrung hinterließ bei vielen Jugendlichen einen bleibenden Eindruck. Besucher:innen berichteten, dass sie nun besser verstehen, wie sehr alte Menschen auf Hilfe angewiesen sind und wie schwer es ist, alltägliche Aufgaben mit eingeschränkter Beweglichkeit zu bewältigen. Solche Erfahrungen fördern nicht nur das Interesse an der Pflege, sondern auch das Verständnis und den Respekt gegenüber älteren Menschen. ## Pflege studieren: Eine wenig bekannte Option Ein weiterer wichtiger Aspekt der Veranstaltung war die Information, dass Pflege auch studiert werden kann. Svenja Klausmeier, Studiengangskoordinatorin an der Hochschule Osnabrück, hob hervor, dass viele Jugendliche und auch Lehrer:innen nicht wussten, dass Pflege studiert werden kann. Dies schafft jedoch Interesse bei Jugendlichen, die sich bisher nicht für ein Studium in diesem Bereich interessiert hatten. [Pflege (B.Sc.), dual | Hochschule OsnabrückPflege ist ein dualer Bachelorstudiengang, der in Kooperation mit Berufsfachschulen und einer Klinik oder Pflegeeinrichtung durchgeführt wird.![](https://static.ghost.org/v5.0.0/images/link-icon.svg)Hochschule Osnabrück![](https://www.hs-osnabrueck.de/typo3conf/ext/hsos_core/Resources/Public/Images/logo-mobile.svg)](https://www.hs-osnabrueck.de/studienangebot/bachelor/pflege-bsc-dual/?ref=uebergabe.de) [Pflegewissenschaft (B.A.), berufsbegleitend | Hochschule OsnabrückPflegewissenschaft ist ein berufsbegleitender Bachelorstudiengang für die Ausbildung von Pflegeexpertinnen und -experten im Gesundheitswesen.![](https://static.ghost.org/v5.0.0/images/link-icon.svg)Hochschule Osnabrück![](https://www.hs-osnabrueck.de/typo3conf/ext/hsos_core/Resources/Public/Images/logo-mobile.svg)](https://www.hs-osnabrueck.de/studium/studienangebot/bachelor/pflegewissenschaft-ba-berufsbegleitend/?ref=uebergabe.de) ## Gesellschaftliche Relevanz und die Rolle der Bildungseinrichtungen Die Aufklärung über Pflege und Pflegebedürftigkeit ist eine Aufgabe, die von allen Bildungseinrichtungen getragen werden sollte. Das Ziel ist es, nicht nur potenzielle Pflegekräfte zu gewinnen, sondern auch das allgemeine Bewusstsein und die Akzeptanz für die Bedürfnisse pflegebedürftiger Menschen zu erhöhen. 📣 Pflege braucht Zukunft! Lehrer:innen von Schulen und Berufsschulen: Bringen Sie Ihren Schüler:innen die wertvollen Pflegeberufe näher! Die Hochschule Osnabrück besucht Sie und unterstützt mit praxisnahen Einblicken. Damit kann das Bewusstsein und Interesse für diesen Beruf gefördert. Kontaktieren Sie die Hochschule Osnabrück und werden Sie Teil der Bewegung für eine starke Pflegezukunft! [Kontakt aufnehmen](mailto:pflege@hs-osnabrueck.de) ## Persönliche Eindrücke und ihre Auswirkungen Die Gespräche mit den Jugendlichen auf der IdeenExpo zeigten, dass persönliche Erfahrungen einen starken Einfluss auf die Berufswahl haben können. Einige der Teilnehmenden berichteten, dass sie sich nach der Erfahrung auf der IdeenExpo ein Studium im Pflegebereich vorstellen können. ## Fazit: Ein Plädoyer für die Pflege Am Ende war das Experiment auf der IdeenExpo 2024 ein Erfolg in der Sensibilisierung und Aufklärung über den Pflegeberuf. Die Hochschule Osnabrück konnte viele Jugendliche erreichen und ihnen die Vielseitigkeit und Wichtigkeit des Pflegeberufs nahebringen. Es bleibt zu hoffen, dass solche Veranstaltungen und die kontinuierliche Aufklärung dazu beitragen, das Bild der Pflege in der Gesellschaft zu verbessern und mehr junge Menschen für diesen wichtigen Beruf zu gewinnen. [Event 2024 | IdeenExpo![](https://www.ideenexpo.de/themes/custom/ideenexpo/images/favicon/apple-icon-180x180.png)Home![](https://www.ideenexpo.de/sites/default/files/styles/hd/public/2023-10/IE-Website_Aufmacher_Kampagne-24.jpg?itok=SMW8QVGq)](https://www.ideenexpo.de/event-2024?ref=uebergabe.de) --- # Veranstaltungen [![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/06/Last-Minute-2024-2.png)](https://www.oth-regensburg.de/weiterbilden/ueberblick/highlights-2023/informationsabende?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) - [ÜG002 – Akademisierung in der Pflege, Ausbildung & Professionalisierung - (Prof. Dr. B. Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug002/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) ### Überprüfung einer pflegegeleiteten Versorgung von Menschen mit Gicht URL: https://www.uebergabe.de/uberprufung-einer-pflegegeleiteten-versorgung-von-menschen-mit-gicht/ Last updated: 2024-07-05T09:09:20.000Z 🗓️ #36 | 20.06.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Aus für die Pflegekammer in Baden-Württemberg / GMK 2024 / 77. World Health Assembly URL: https://www.uebergabe.de/pu076/ Last updated: 2026-06-13T23:20:41.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 15.06.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Pflegekammer Baden-Württemberg ist am Quorum gescheitert – nur 3.377 Stimmen fehlten. - Über 53.000 Pflegefachpersonen brachten Einwendungen gegen ihre Registrierung vor. - Verbände wie DBfK reagierten enttäuscht, ver.di lobte das rechtsstaatliche Vorgehen Luchas. - Die GMK 2024 stellt Pflegekompetenzgesetz, APNs und Community Health Nurses in den Fokus. - Der ICN forderte bei der WHA mehr Investitionen in Pflege und Pandemieschutz. 📎 In Folge 76 des PflegeUpdates thematisieren wir das endgültige Aus der Pflegekammer in Baden-Württemberg, die Gesundheitsminister\*innenkonferenz und die 77\. World Health Assembly. In den Kurznachrichten sprechen wir über die Zukunft des Klinikatlas, die neue Präsidentin des DBfK, Vera Lux, und zuletzt über die Streiks an den Universitätskliniken in Baden-Württemberg. Viel Spaß mit der Folge! :) ## Zum Weiterhören - [PU071 – Eklat: Pflegekammer Baden-Württemberg / VAPiK-Studie](https://www.uebergabe.de/pu071/) - [ÜG129 – Kammergründung in Baden-Württemberg (Anne-Katrin Gerhardts)](https://www.uebergabe.de/ug129/) - [PU083 – 125 Jahre ICN / Bundespflegekammer durch Bundesgesetzgebung?](https://www.uebergabe.de/pu083/) --- ## Pflegekammer in Baden-Württemberg gescheitert: Was bedeutet das für die Pflege? Die Hoffnung auf eine Pflegekammer in Baden-Württemberg ist offiziell geplatzt. Diese Woche teilte das Gesundheitsministerium Baden-Württemberg in einer Pressemitteilung mit, dass das Quorum für die Errichtung der Pflegekammer nicht erreicht wurde. Mehr als 53.000 Pflegefachpersonen hatten Einwendungen gegen ihre Registrierung und damit gegen die Kammer vorgebracht. Am Ende fehlten 3.377 Stimmen, um das Quorum zu erfüllen. Bereits im Februar hatte Minister Manne Lucha angedeutet, dass die Errichtung einer Pflegekammer unwahrscheinlich sei. Trotz intensiver Prüfungen durch den Gründungsausschuss und das Ministerium blieb das Ergebnis knapp. Das Ergebnis wurde unterschiedlich aufgenommen. Während der Vorsitzende des Gründungsausschusses, Peter Bechtel, das Ministerium kritisierte und den politischen Willen für eine Kammer infrage stellte, lobte Martin Gross von der Gewerkschaft ver.di Minister Lucha für die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien. Der DBfK (Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe) und andere Pflegeverbände zeigten sich enttäuscht und forderten weiterhin Unterstützung für die Pflege. Das Scheitern der Pflegekammer in Baden-Württemberg ist ein Rückschlag für die professionelle Pflege. Es zeigt die Herausforderungen, die bürokratische Hürden und politische Entscheidungen mit sich bringen. Dennoch bleibt die Stärkung der Pflegeberufe ein zentrales Thema, das weiterhin Engagement und Unterstützung benötigt. Pflegekräfte, Verbände und die Politik müssen jetzt gemeinsam nach neuen Wegen suchen, um die Pflege nachhaltig zu verbessern und den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden. [Quorum zur Errichtung einer Landespflegekammer verfehltIn Baden-Württemberg wird es nicht zur Errichtung einer Landespflegekammer kommen. Mehr als 53.000 Pflegefachkräfte hatten bis zum Ende der dafür vorgesehenen Frist Einwendungen gegen ihre Registrierung und damit auch gegen die Errichtung der Kammer erhoben.![](https://assets.baden-wuerttemberg.de/3/images/favicons/apple-touch-icon.png)Baden-Württemberg.de![](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/_processed_/5/8/csm_Fotolia_93946609_Pfleger-Senior-Hand_2434x1310_e36893012c.jpg)](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/quorum-zur-errichtung-einer-landespflegekammer-verfehlt?ref=uebergabe.de) --- ## Fokus auf die Pflegekrise - GMK 2024 Während sich die Gesundheitsminister\*innen Deutschlands in Travemünde zur jährlichen Konferenz trafen, fanden im Norden des Landes Demonstrationen statt. Angehörige verschiedener Gesundheitsberufe machten auf die drängenden Probleme in der Gesundheitsversorgung aufmerksam. In diesem Jahr knüpfen die Minister\*innen an die bisherigen Themen an. Auf der Agenda stehen das Pflegekompetenzgesetz und die Etablierung von Advanced Practice Nurses (APNs) und Community Health Nurses (CHNs). Weitere zentrale Themen sind die Krankenhausreform, die Notfallreform, die Reform des Medizinstudiums und die Reform der ambulanten Versorgung. Bernadette Klapper, Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK), appellierte an die Minister\*innen, die Pflegekrise mit Priorität zu behandeln. Sie kritisierte, dass die Pflegekrise in Deutschland kontinuierlich verdrängt wird. Eine wachsende Zahl pflegebedürftiger Menschen treffe auf immer weniger Pflegefachpersonen und die Abhängigkeit von ausländischer Unterstützung sei unethisch und nicht nachhaltig, kritisierte Bundesgeschäftsführerin. Die Gelegenheit müsse genutzt werden, um sofort wirksame Lösungen zu finden, nachdem wichtige Regelungen zur Stärkung der Pflege im Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz und Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz gestrichen wurden. Die Pflege wurde in diesen Gesetzesentwürfen lediglich als Kostenfaktor betrachtet, anstatt als wesentlicher Leistungserbringer anerkannt zu werden. [Beschlüsse - Gesundheitsministerkonferenz (GMK)Gesundheitsministerkonferenz (GMK)![](https://www.gmkonline.de/images/favicon.ico)Gesundheitsministerkonferenz (GMK)](https://www.gmkonline.de/Beschluesse.html?ref=uebergabe.de) --- ## Die 77\. World Health Assembly: Globale Gesundheitsstrategien und die Rolle des ICN In dieser Woche fand die 77\. World Health Assembly (WHA) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf statt, bei der sich alles um globale Gesundheitsstrategien und die Stärkung der Gesundheitsversorgung drehte. #### Was sind die WHO und die WHA? Die WHO ist eine spezialisierte Agentur der Vereinten Nationen, die 1948 gegründet wurde und heute 194 Mitgliedsstaaten umfasst. Ihr Hauptsitz befindet sich in Genf. Die WHO spielt eine zentrale Rolle bei der Überwachung globaler Gesundheitsrisiken, der Entwicklung von Gesundheitsrichtlinien und der Unterstützung von Ländern bei der Verbesserung ihrer Gesundheitssysteme. Ihr erklärtes Ziel ist es, allen Völkern zur bestmöglichen Gesundheit zu verhelfen. Die WHA, das Entscheidungsgremium der WHO, trifft sich jährlich, um über wichtige Gesundheitsstrategien und -richtlinien zu beraten und Entscheidungen zu treffen. Die diesjährige Versammlung fand vom 27\. Mai bis 2\. Juni 2024 statt und behandelte zentrale Themen wie universelle Gesundheitsversorgung, Pandemieprävention, Klimawandel und die Stärkung des Pflegepersonals. #### Wer ist der ICN? Der International Council of Nurses (ICN) ist eine globale Föderation nationaler Pflegeverbände, darunter auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). Der ICN setzt sich weltweit für die Förderung der Pflegeberufe und die Verbesserung der Gesundheitsversorgung ein. Zu seinen Aufgaben gehören die Festlegung von Standards für die Pflegepraxis, die Vertretung der Interessen von Pflegekräften auf internationaler Ebene und die Förderung der beruflichen Entwicklung und Ausbildung von Pflegekräften. Der ICN hat über 130 Mitgliedsorganisationen. #### Der Beitrag des ICN zur WHA Der ICN war mit einer 70-köpfigen Delegation bei der WHA vertreten und nutzte die Plattform, um wichtige gesundheitspolitische Themen zu adressieren. Zu den Hauptforderungen gehörten: 1. **Investitionen in die Pflege**: Der ICN forderte mehr Investitionen in die Ausbildung, Beschäftigung und Bindung von Pflegekräften, um die universelle Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. 2. **Globales Pandemieabkommen**: Der ICN betonte die Notwendigkeit eines globalen Pandemieabkommens, um robuste Systeme zum Schutz vor zukünftigen Ausbrüchen sicherzustellen. 3. **Klimawandel und Gesundheit**: Der Klimawandel wurde als unmittelbare Bedrohung für die globale Gesundheit anerkannt, und es wurden drastische Maßnahmen gefordert, um die damit verbundenen Gesundheitsrisiken zu bewältigen. 4. **Wirtschaft und Gesundheit**: Neue Strategien wurden diskutiert, um die Wirtschaften der Länder so umzugestalten, dass sie die Gesundheit der Menschen und des Planeten fördern. [Seventy-seventh World Health AssemblyThe World Health Assembly is the decision-making body of WHO. It is attended by delegations from all WHO Member States and focuses on a specific health agenda prepared by the Executive Board.![](https://www.who.int/apple-touch-icon-precomposed.png)World Health Organization![](https://cdn.who.int/media/images/default-source/world-health-assembly/wha76/20230530_wha_closing_ceremony_pal20476.tmb-1200v.jpg?sfvrsn=3b65859b_2)](https://www.who.int/about/accountability/governance/world-health-assembly/seventy-seventh?ref=uebergabe.de) ## Ergebnisse der WHA 1. **Resolution zur sozialen Partizipation**: Diese soll die universelle Gesundheitsversorgung fördern und Gesundheitsungleichheiten bekämpfen. 2. **Änderungen der Internationalen Gesundheitsvorschriften (2005)**: Diese Änderungen sollen die globale Gesundheitssicherheit stärken. 3. **Anerkennung des Klimawandels**: Der Klimawandel wurde offiziell als Bedrohung für die Gesundheit anerkannt, und es wurden drastische Maßnahmen zur Bewältigung der damit verbundenen Risiken gefordert. 4. **Resolution zur Wirtschaft und Gesundheit**: Diese unterstützt Länder dabei, ihre Wirtschaften zur Förderung der Gesundheit von Menschen und Planeten umzugestalten. 5. **Reduzierung der Mütter- und Kindersterblichkeit**: Die internationale Zusammenarbeit zur Reduzierung der Mütter- und Kindersterblichkeit wurde verstärkt. --- ### Häusliche Pflege bei älteren LSBTQI-Menschen URL: https://www.uebergabe.de/hausliche-pflege-bei-alteren-lsbtqi-menschen/ Last updated: 2024-07-05T09:09:32.000Z 🗓️ #35 | 13.06.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Palliativpflege URL: https://www.uebergabe.de/ug139/ Last updated: 2026-06-13T12:40:34.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 08.06.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Palliativpflege ist mehr als Sterbebegleitung: ganzheitliche Betreuung und Symptomlinderung. - Palliativstation am Krankenhaus, Hospiz separat – beide arbeiten eng zusammen. - Angehörige brauchen Unterstützung; Trauerarbeit beginnt schon während der Erkrankung. - Empathie und professionelle Nähe schützen Pflegende vor emotionalem Ausbrennen. - Mehr Fortbildung und Wissenstransfer machen Palliativversorgung überall zugänglich. Wir sprechen in unserer neuen Folge mit Michaela Bayer über die Versorgung von Menschen auf einer Palliativstation. Dabei erfahrt ihr mehr über die Tätigkeit und die Betreuung von Angehörigen. Zusätzlich sprechen wir über Hoffnung auf einer Palliativstation und die Lebensqualität der versorgten Menschen. ## **Was ist Palliativpflege?** Palliativpflege umfasst die ganzheitliche Betreuung von Menschen mit unheilbaren Erkrankungen. Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass Palliativpflege ausschließlich Sterbebegleitung bedeutet. Tatsächlich geht es jedoch auch um die Linderung von Symptomen wie Schmerzen, Atemnot und Übelkeit sowie um die psychologische, soziale und spirituelle Unterstützung der Betroffenen. Michaela Bayer betont, dass die Palliativpflege darauf abzielt, die Lebensqualität der Patient:innen zu verbessern und ihnen sowie ihren Angehörigen in dieser schwierigen Zeit beizustehen. ### **Unterschied zwischen Palliativstation und Hospiz** Eine Palliativstation ist an ein Krankenhaus angegliedert und betreut Menschen mit akuten Symptomen, die einer intensiven medizinischen und pflegerischen Versorgung bedürfen. Ein Hospiz hingegen ist eine separate Einrichtung, in der Menschen bis zu ihrem Lebensende bleiben können. Die Aufenthaltsdauer auf einer Palliativstation ist in der Regel auf zwei Wochen begrenzt, während Hospizbewohner:innen in der Regel bis zu einem Jahr dort verbringen können. Beide Einrichtungen arbeiten eng zusammen, um eine nahtlose Versorgung zu gewährleisten. ## **Hauptaufgaben der Palliativpflegekräfte** Die Aufgaben der Palliativpflegekräfte sind vielfältig und richten sich nach den individuellen Bedürfnissen der Patient:innen. Neben der Unterstützung bei der Körperpflege und der Essenseinnahme sind Palliativpflegekräfte auch für die Symptomkontrolle und die Verabreichung von Medikamenten zuständig. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der psychologischen und spirituellen Unterstützung, da viele Patient:innen am Lebensende mit existenziellen Fragen und Ängsten konfrontiert sind. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/06/palliativ-1.webp) ### **Herausforderungen und ethische Dilemmata** Eine der größten Herausforderungen in der Palliativpflege ist die Balance zwischen medizinischen Notwendigkeiten und den individuellen Bedürfnissen der Patient:innen. Michaela Beyer berichtet von Situationen, in denen es notwendig ist, von standardisierten pflegerischen Maßnahmen abzuweichen, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Ein Beispiel dafür ist die Entscheidung, die Position eines sterbenden Menschen nicht alle zwei Stunden zu ändern, wenn dies dessen Wohlbefinden beeinträchtigen würde. Ethische Dilemmata entstehen häufig, wenn keine klaren Patient:innenverfügungen vorliegen oder Angehörige unterschiedliche Vorstellungen über die weitere Versorgung haben. In solchen Fällen sind umfassende Gespräche und gegebenenfalls Supervisionen notwendig, um zu einer einvernehmlichen Lösung zu gelangen. [Michaela Bayer & Sara Loy (@elsa.palliative.care) • Instagram photos and videos42K Followers, 480 Following, 181 Posts - See Instagram photos and videos from Michaela Bayer & Sara Loy (@elsa.palliative.care)![](https://static.cdninstagram.com/rsrc.php/v3/yG/r/De-Dwpd5CHc.png)Instagram![](https://scontent.cdninstagram.com/v/t51.2885-19/281639919_378323224270572_7520114393355705652_n.jpg?stp=dst-jpg_s100x100&_nc_cat=101&ccb=1-7&_nc_sid=3fd06f&_nc_ohc=yu-RapnG5R8Q7kNvgGhJimc&_nc_ht=scontent.cdninstagram.com&oh=00_AYBSLIGuEumvVIGBpxQQ0xyHRAkYQrN3p9WBZuSPGhRt_Q&oe=666954B2)](https://www.instagram.com/elsa.palliative.care/?ref=uebergabe.de) Michaela und Sara haben zusammen einen Instagram-Kanal, auf dem sie Informationen über die Palliativpflege zur Verfügung stellen und Aufklärung leisten wollen. Ein Blick lohnt sich! ### **Die Rolle der Angehörigen** Die Angehörigen spielen eine zentrale Rolle in der Palliativpflege. Sie sind oft mit der Situation überfordert und benötigen ebenso Unterstützung und Aufklärung. Michaela Beyer hebt hervor, dass die Trauerarbeit nicht erst nach dem Tod beginnt, sondern bereits während des Krankheitsverlaufs. Palliativpflegekräfte nehmen sich daher viel Zeit für Gespräche mit den Angehörigen und bieten ihnen emotionalen Beistand. ### **Empathie und professionelle Nähe** Eine wesentliche Kompetenz in der Palliativpflege ist Empathie. Michaela Beyer betont die Bedeutung der sogenannten "professionellen Nähe", bei der Pflegekräfte einerseits Nähe und Vertrauen aufbauen, andererseits aber auch die notwendige Distanz wahren müssen, um sich selbst zu schützen. Diese Balance ist entscheidend, um den Patient:innen und deren Angehörigen bestmöglich beizustehen, ohne dabei emotional auszubrennen. ### **Qualitätsmessung in der Palliativpflege** Die Messung der Pflegequalität in der Palliativpflege ist komplex. Standardisierte Kriterien reichen oft nicht aus, um die individuellen Bedürfnisse der Patient:innen zu erfassen. Ein wichtiger Aspekt ist die kontinuierliche Einschätzung der Symptomlast und der Lebensqualität. Hierbei spielen sowohl die subjektiven Einschätzungen der Patient:innen als auch die Beobachtungen der Pflegekräfte eine Rolle. ## **Weiterbildung und Wissenstransfer** Ein wesentlicher Punkt, der im Podcast zur Sprache kommt, ist der Mangel an Wissen und Ressourcen in der allgemeinen Krankenpflege. Michaela Beyer plädiert dafür, dass Palliativpflege nicht nur auf spezialisierten Stationen, sondern auch auf Normalstationen und in der häuslichen Pflege mehr Beachtung findet. Sie betont die Bedeutung von Fortbildungen und den Austausch zwischen den verschiedenen Pflegebereichen, um die Palliativversorgung zu verbessern. ## **Fazit** Die Palliativpflege ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Gesundheitswesens, der weit über die reine Sterbebegleitung hinausgeht. Sie umfasst die ganzheitliche Betreuung von Patient:innen und deren Angehörigen, die Linderung von Symptomen und die Unterstützung in psychologischen und spirituellen Fragen. Die Herausforderungen und ethischen Dilemmata erfordern ein hohes Maß an Empathie, Fachwissen und Zusammenarbeit im multiprofessionellen Team. Die kontinuierliche Weiterbildung und der Wissenstransfer sind entscheidend, um die Palliativversorgung weiter zu verbessern und für alle Betroffenen zugänglich zu machen. --- ## Veranstaltungen [![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/05/Bild2.pngF.png)](https://stadt.muenchen.de/events/digitaler-fachtag-paediatrische-pflege.html?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG177 – Palliativpflege auf der Intensivstation (Annemarie Röthig)](https://www.uebergabe.de/ug177/) - [ÜG092 – Ethik in der Pflegepraxis (Dr.in Anna-Henrikje Seidlein & Lisa Graurock-Rosemeier)](https://www.uebergabe.de/ug092/) - [ÜG095 – Empathie in der Pflege (Ludwig Thiry)](https://www.uebergabe.de/ug095/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Eine APN-Rolle für die Notaufnahme URL: https://www.uebergabe.de/eine-apn-rolle-fur-die-notaufnahme/ Last updated: 2024-08-02T22:31:54.000Z 🗓️ #34 | 06.06.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Organspende URL: https://www.uebergabe.de/organspende/ Last updated: 2024-07-05T09:09:42.000Z Heute widmen wir uns einem besonders wichtigen und oft emotional diskutierten Thema: der Organspende. Organspende betrifft uns alle und jede:r sollte sich damit auseinandersetzen. In diesem Artikel erfährst du, wie Organspende funktioniert, welche Arten es gibt, welche Organe gespendet werden können und warum es so wichtig ist, eine informierte Entscheidung zu treffen. 🎬 ### Was ist Organspende? Organspende bezeichnet die Übertragung von Organen eines Menschen auf einen anderen, um dessen Gesundheit oder Leben zu retten. Dabei unterscheiden wir zwischen zwei Hauptarten der Organspende: 1. **Lebendspende**: Bei dieser Art der Spende gibt eine lebende Person ein Organ oder einen Teil davon ab. Häufige Beispiele sind die Niere oder ein Teil der Leber. Der oder die Spender:in lebt nach der Operation weiter und kann in der Regel ein normales Leben führen. 2. **Postmortale Organspende**: Diese Spende erfolgt nach dem Tod des Spenders oder der Spenderin. Hierbei hat die Person zu Lebzeiten zugestimmt, Organe nach ihrem Tod zu spenden. Diese Organe werden dann entnommen und an Menschen, die auf der Warteliste stehen, transplantiert. ### Unser Podcast zum Thema Organspende [ÜG015 - Organspende (B. Gruber) - ÜbergabeAktuelles Unabhängiger Beirat für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf legt ersten Bericht vor (bmfsfj.de) Sofortprogramm Pflege hat bislang keine![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2019/07/ug015.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug015/) ### Welche Organe können gespendet werden? Grundsätzlich können mehrere lebenswichtige Organe gespendet werden, darunter: - **Leber**: Kann sowohl teilweise (bei Lebendspende) als auch vollständig (bei postmortaler Spende) transplantiert werden. - **Lunge**: Eine oder beide Lungenflügel können gespendet werden. - **Niere**: Besonders häufig bei Lebendspenden, da der Mensch mit einer Niere weiterleben kann. - **Bauchspeicheldrüse**: Kann vollständig transplantiert werden. - **Herz**: Nur postmortale Spende möglich. - **Darm**: Selten, aber möglich. ### Voraussetzungen für eine Organspende Bevor eine Organspende stattfinden kann, müssen mehrere wichtige Voraussetzungen erfüllt sein: 1. **Zustimmung des Spenders oder der Spenderin**: - **Organspendeausweis**: Ein kleines Dokument, das die Spendeperson immer bei sich tragen sollte. Darauf kann festgelegt werden, welche Organe gespendet werden dürfen oder ob eine Spende generell abgelehnt wird. - **Organspenderegister**: Seit März 2024 gibt es ein digitales Register, in das sich Menschen eintragen können, um ihre Bereitschaft zur Organspende zu erklären. Dieser Eintrag kann jederzeit geändert werden. [Das Organspende-RegisterDas Organspende-Register ist ein zentrales elektronisches Verzeichnis. Hier können Sie Ihre Entscheidung für oder gegen eine Organ- und Gewebespende online festhalten.![](https://static.ghost.org/v5.0.0/images/link-icon.svg)organspende-register.de![](https://organspende-register.de/assets/images/Organspende-Register__Identifikation_4e820176eb.jpg)](https://organspende-register.de/?ref=uebergabe.de) [Den Organspendeausweis erhalten Sie hierHier finden Sie den Organspendeausweis kostenfrei zum Ausfüllen, Herunterladen und Bestellen. Auch erhältlich als Plastikkarte und in verschiedenen Sprachen.![](https://www.organspende-info.de/typo3conf/ext/organspende_provider/Resources/Public/Favicons/apple-touch-icon.png)Organspende![](https://www.organspende-info.de/fileadmin/_processed_/d/9/csm_BZgA_Website_Relaunch_Organspendeausweis_Download_01_kk_43726ffff9.jpg)](https://www.organspende-info.de/organspendeausweis-download-und-bestellen/?ref=uebergabe.de) 1. **Feststellung des Hirntods**: Für eine postmortale Organspende muss der irreversible Hirnfunktionsausfall, auch Hirntod genannt, festgestellt werden. Dies geschieht durch zwei unabhängige Ärzt:innen. Der Hirntod bedeutet, dass alle Funktionen des Gehirns unwiderruflich erloschen sind, was gleichbedeutend mit dem Tod der Person ist. 💡 ****Warum werden nach dem Hirntod noch Medikamente verabreicht?** Nach der Feststellung des Hirntods werden Patient:innen weiterhin Medikamente, einschließlich Schmerzmittel, verabreicht. Dies geschieht nicht, weil Patient:innen Schmerzen empfinden könnten, sondern um Reflexe zu unterdrücken. Diese sogenannten Reflexbögen entstehen durch das intakte Rückenmark und können während der Organentnahme störend wirken. Die Medikamente helfen, diese Reflexe zu unterdrücken, was den chirurgischen Eingriff erleichtert. ### Eurotransplant und die Verteilung der Organe Die Verteilung der gespendeten Organe wird von Eurotransplant organisiert. Diese Organisation ist dafür verantwortlich, die Organe gerecht und effizient an die Patient:innen auf der Warteliste zu verteilen. Dabei werden u.a. verschiedene Kriterien berücksichtigt: - **Dringlichkeit**: Wie dringend benötigen Patient:innen das Organ? - **Blutgruppe und Gewebetyp**: Diese müssen zwischen Spender:in und Empfänger:in kompatibel sein. - **Erfolgsaussichten**: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Transplantation erfolgreich ist? [Eurotransplant homepage - EurotransplantEurotransplant is responsible for the allocation of donor organs in Austria, Belgium, Croatia, Germany, Hungary, Luxembourg, the Netherlands and Slovenia. This international collaborative framework includes all transplant hospitals, tissue-typing laboratories and hospitals where organ donations take place.![](https://www.eurotransplant.org/wp-content/themes/Eurotransplant/favicon.png)Eurotransplant![](https://www.eurotransplant.org/wp-content/themes/Eurotransplant/assets/images/twitter.svg)](https://www.eurotransplant.org/?ref=uebergabe.de) ### Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ist die bundesweit zuständige Koordinierungsstelle für die postmortale Organspende in Deutschland. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die gesamte Prozesskette der Organspende zu organisieren und sicherzustellen, dass Organe von Verstorbenen effizient und sicher an Transplantationszentren vermittelt werden. Dazu gehören die Aufklärung und Schulung von medizinischem Personal, die Unterstützung von Krankenhäusern bei der Identifizierung potenzieller Organspender:innen, die Koordination der Organentnahme sowie die logistische Planung des Transports der Organe. Zudem engagiert sich die DSO in der Öffentlichkeitsarbeit, um das Bewusstsein und die Akzeptanz für Organspenden in der Bevölkerung zu erhöhen. Durch ihre Arbeit trägt die DSO maßgeblich dazu bei, dass die Zahl der Organspenden in Deutschland gesteigert wird und somit mehr Patient:innen auf der Warteliste eine lebensrettende Transplantation erhalten können. [Deutsche Stiftung Organtransplantation Homepage![](https://dso.de/_catalogs/masterpage/Themable/img/favicon.ico)Deutsche Stiftung Organtransplantation enu-btn![](https://dso.de/_layouts/15/images/spcommon.png?rev=40)](https://dso.de/?ref=uebergabe.de) ### Aktuelle Zahlen zur Organspende Mit Stand zum 31.12.2022 standen rund 8.500 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Im Jahr 2022 wurden 3372 Organe transplantiert, davon war jedes sechste eine Lebendspende. Die Niere ist das am häufigsten transplantierte Organ in Deutschland. International gesehen hat Spanien die höchste Anzahl an Organspenden, was auf ein sehr gut organisiertes Transplantationssystem und eine hohe Bereitschaft zur Organspende in der Bevölkerung zurückzuführen ist. ### Organspendeausweis und Organspenderegister Seit dem 18\. März 2024 gibt es das digitale Organspenderegister (organspende-register.de), in das sich Menschen eintragen können, um ihre Bereitschaft zur Organspende zu erklären. Trotz der technischen Hürden, wie dem Bedarf eines elektronischen Personalausweises und eines Kartenlesegeräts, haben sich bis zum 31\. Mai 2024 bereits über 120.000 Personen eingetragen. Alternativ kann man einen Organspendeausweis bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) unter organspende-info.de, oder bei Ärzt:innen erhalten. Dieser Ausweis dokumentiert die persönliche Entscheidung zur Organspende und sollte stets mitgeführt werden. ### Warum ist es wichtig, eine Entscheidung zur Organspende zu treffen? Es ist wichtig, zu Lebzeiten eine Entscheidung zur Organspende zu treffen, um Angehörige im Falle eines plötzlichen Todes zu entlasten. Diese Entscheidung kann jederzeit geändert werden, sowohl im Organspenderegister als auch durch einen neuen Organspendeausweis. Ohne eine klare Entscheidung müssen die Angehörigen diese schwierige Wahl treffen, was in einer ohnehin belastenden Situation zusätzlichen Stress und Unsicherheit verursachen kann. ### Fazit Das Thema Organspende ist von großer Bedeutung und betrifft uns alle. Es ist wichtig, sich zu informieren und eine bewusste Entscheidung zu treffen. Ob man Organe spenden möchte oder nicht, sollte jeder für sich entscheiden, basierend auf fundierten Informationen und persönlichen Überlegungen. ### Krankenhausreform / Klinikatlas / Drohende Schließung des IPW in Bielefeld URL: https://www.uebergabe.de/pu075/ Last updated: 2026-06-13T23:20:35.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 01.06.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - KHVVG bringt dir Vorhaltevergütung, 65 Leistungsgruppen und weniger Bürokratie. - Der Pflegerat kritisiert: Die berufliche Pflege wird im Entwurf marginalisiert. - Klinik-Atlas soll Transparenz schaffen, doch DKG bemängelt veraltete und falsche Daten. - Dem Institut für Pflegewissenschaft Bielefeld droht die Schließung – Verbände protestieren. - Mach mit: Umfrage zu Gewalterfahrungen gegen Pflegefachpersonen läuft. 📎 In der 75\. Folge des PflegeUpdates beschäftigen wir uns (nicht zum ersten mal...) mit dem aktuellen Stand der Krankenhausreform in Deutschland. Nicht unbeachtet bleiben soll auch die Kritik der Pflegeverbände. Anschließend hat Lukas für euch den neuen Bundesklinikatlas des BMG getestet, dem Ergebnis des Krankenhaustransparenzgesetzes. Abschließen wollen wir die Folge mit der Information über die drohende Schließung des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität in Bielefeld - hier finden wir klare Worte. Zuletzt, wie immer, die Kurznachrichten! Viel Spaß mit der Folge :) ## Zum Weiterhören - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG069 – Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [PU105 – Positionen zur Pflegebildung & Krankenhausreform](https://www.uebergabe.de/pu105/) --- ## **Krankenhausreform: Überblick und Kritik** Die deutsche Krankenhauslandschaft steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Die Bundesregierung hat kürzlich den Entwurf des Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetzes (KHVVG) vorgestellt. Doch nicht jeder ist zufrieden mit den geplanten Reformen. Kritische Stimmen aus der Pflege und dem Gesundheitswesen werfen wichtige Fragen auf. ### Ein Rückblick auf den Weg zur Krankenhausreform Ende 2022 legte die Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung erste Vorschläge vor. Diese enthielten Pläne für verschiedene Versorgungslevel (Level 1-3 Kliniken sowie Level 1i Kliniken). Doch schon Mitte 2023 wurde der Referentenentwurf aus dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) stark verändert vorgestellt. Die ursprünglichen Empfehlungen, insbesondere zur Rolle der Pflegefachkräfte, wurden erheblich abgeschwächt. ### Die zentralen Ziele der Reform Der aktuelle Gesetzesentwurf verfolgt drei Hauptziele: 1. **Entökonomisierung**: Kliniken sollen nicht mehr nur über Fallpauschalen finanziert werden. Stattdessen wird eine Vorhaltevergütung eingeführt, die 60% der bisherigen Fallpauschalen ersetzt. Damit soll der wirtschaftliche Druck auf die Kliniken reduziert werden. 2. **Qualitätssicherung**: Die Krankenhausleistungen werden in 65 Gruppen unterteilt. Mindestqualitätsanforderungen müssen erfüllt werden, damit Krankenhäuser die entsprechenden Leistungen anbieten dürfen. 3. **Entbürokratisierung**: Der Dokumentationsaufwand soll reduziert werden. Strukturierte Stichprobenprüfungen ersetzen die bisherigen Einzelfallprüfungen. ### Kritikpunkte aus der Pflege Trotz intensiver Konsultationen wurden wesentliche Anliegen der Pflegeberufe ignoriert. Der Deutsche Pflegerat (DPR) kritisiert, dass die berufliche Pflege marginalisiert wurde. Christine Vogler, Präsidentin des DPR, bezeichnet den Entwurf als Missachtung des Könnens der Pflegekräfte. Besonders problematisch sieht der DPR die Streichung von § 115h SGB V, der wichtige Definitionen zur medizinisch-pflegerischen Versorgung enthielt. [Deutscher Pflegerat - Gesetzentwurf: An den Taten ist die Politik gescheitertEinmal mehr scheitert die Politik daran, die Pflegeberufe angemessen zu berücksichtigen. Der Gesetzesentwurf zum KHVVG marginalisiert die berufliche Pflege.![](https://deutscher-pflegerat.de/favicon.ico)Deutscher Pflegerat![](https://deutscher-pflegerat.de/ogimg.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/kabinettsbeschluss-zum-khvvg-an-den-taten-ist-die-politik-gescheitert?ref=uebergabe.de) --- ## **Klinik-Atlas: Ein Schritt zur Transparenz oder unnötige Bürokratie?** Ein weiteres großes Thema ist der kürzlich vorgestellte Klinik-Atlas. Dieses Online-Tool soll Transparenz schaffen und Patienten bei der Auswahl von Krankenhäusern unterstützen. Der Klinik-Atlas gibt Auskunft über Bettenzahl, Fallzahlen, Pflegepersonalquotienten und andere Parameter. [Bundesweiter Klinik-Atlas geht onlineDas Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat am 17.05.2024 den interaktiven Bundes-Klinik-Atlas veröffentlicht.![](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/typo3conf/ext/bmg_sitepackage/Resources/Public/Frontend/Base/images/favicon/favicon.ico)BMGBundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach![](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/_processed_/3/1/csm_Bundes-Klinik-Atlas_BPK_Lauterbach_HP_33e50e7452.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/bundesweiter-klinik-atlas-geht-online?ref=uebergabe.de) ### Funktionen und Aufbau des Klinik-Atlas Der Klinik-Atlas bietet Informationen zu: - Krankenhäusern und deren Standorten - Bettenzahlen - Fallzahlen je Fachabteilung und Behandlungsanlass - Mindestmengen und Notfallstufen - Pflegepersonalquotienten und Pflegekräfte pro Standort [Startseite | Bundes-Klinik-Atlas![](https://bundes-klinik-atlas.de/assets/tverz-frontend/base/images/favicon/favicon_16x16.svg)Logo Bundesministerium für Gesundheit - Zur externen Website![](https://bundes-klinik-atlas.de/assets/tverz-frontend/base/images/logo/logo.svg)](https://bundes-klinik-atlas.de/?ref=uebergabe.de) ### Kritik und Reaktionen Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) bemängelt, dass der Klinik-Atlas keine zusätzlichen Informationen bietet und lediglich vorhandene Daten neu aufbereitet. Zudem seien einige Daten veraltet oder falsch dargestellt. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach verteidigt das Projekt und betont, dass der Klinik-Atlas ein lernendes System sei, das kontinuierlich verbessert werde. [Lauterbachs Transparenz ist politischer Aktionismus auf Kosten des SteuerzahlersZur Vorstellung des Klinik-Atlas des Bundesgesundheitsministeriums erklärt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) Dr. Gerald Gaß: „Kein anderer Bereich unseres Gesundheitswesens ist in Sachen Behandlungsqualität so transparent wie der Krankenhaussektor.![](https://www.dkgev.de/typo3conf/ext/as_template/Resources/Public/Images/favicon.ico)Deutsche Krankenhaus Gesellschaft![](https://www.dkgev.de/typo3conf/ext/as_template/Resources/Public/Images/logo-DKG.png)](https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/lauterbachs-transparenz-ist-politischer-aktionismus-auf-kosten-des-steuerzahlers/?ref=uebergabe.de) --- ## **Schließung des Instituts für Pflegewissenschaft: Ein schwerer Rückschlag** Ein schwerwiegender Rückschlag betrifft die Pflegewissenschaft: Dem Institut für Pflegewissenschaft (IPW) an der Universität Bielefeld droht die Schließung. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen plant, die Förderung des Instituts zu beenden. Dies stößt auf scharfe Kritik von Verbänden wie der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft (DGP) und dem Deutschen Pflegerat. Beide betonen die unverzichtbare Rolle des IPW für die Pflegeforschung und -ausbildung. [Stellungnahme zur Schließung des Instituts für Pflegewissenschaft (IPW) an der Universität Bielefeld | DGP - Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.![](https://dg-pflegewissenschaft.de/wp-content/uploads/2017/01/favicon.png)DGP - Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.Carolin Mirbeth![](https://dg-pflegewissenschaft.de/wp-content/uploads/2017/01/dgp-logo.jpg)](https://dg-pflegewissenschaft.de/aktuelles/stellungnahme-der-deutschen-gesellschaft-fuer-pflegewissenschaft-e-v-dgp-zur-schliessung-des-instituts-fuer-pflegewissenschaft-ipw-an-der-universitaet-bielefeld/?ref=uebergabe.de) ### Bedeutung des IPW Das IPW hat sich der Forschung in der Langzeitpflege, der Entwicklung pflegewissenschaftlicher Konzepte und Instrumente, der ambulanten Pflege sowie der Nutzung digitaler Technologien in der Pflege verschrieben. Bedeutende Beiträge umfassen die Entwicklung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs und die Forschung zur pflegerischen Sterbebegleitung von Kindern. [Institut für Pflegewissenschaft - Universität Bielefeld![](https://www.uni-bielefeld.de/(cache-forever,mtime=1641997392)/assets/img/favicons/apple-touch-icon.png)Logo Neolaia](https://www.uni-bielefeld.de/fakultaeten/gesundheitswissenschaften/ag/ipw/?ref=uebergabe.de) ### Reaktionen auf die geplante Schließung Die Schließung des IPW wäre ein schwerer Rückschlag für die Pflegewissenschaft in Deutschland. Verbände wie der Deutsche Pflegerat und die Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft betonen die Bedeutung des Instituts und fordern die Landesregierung auf, die Finanzierung fortzusetzen oder ein neues Zentrum für Pflegewissenschaft zu gründen. --- ## Aufruf zur Teilnahme an Umfrage zu Gewalterfahrungen gegen Pflegefachpersonen Forschende der Alice Salomon Hochschule Berlin (u.a. Prof.Dr. Johannes Gräske) führen eine Umfrage zu Gewalterfahrungen gegen Pflegefachpersonen durch und würden sich über Eure Teilnahme freuen. [**Hier**](https://survey.ash-berlin.eu/s/08b9c779/de.html?ref=uebergabe.de) gehts zur Studie und weiteren Informationen. --- ## Veranstaltungen [![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/image001-1.png)](https://hitzeaktionstag.de/?ref=uebergabe.de) [![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/05/Bild2.pngF.png)](https://stadt.muenchen.de/events/digitaler-fachtag-paediatrische-pflege.html?ref=uebergabe.de) ### Resilienz in der Pflege URL: https://www.uebergabe.de/resilienz-in-der-pflege/ Last updated: 2024-06-18T18:16:25.000Z 🗓️ #33 | 30.05.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland (Sebastian WInter & Alexis Padilla Gomez) URL: https://www.uebergabe.de/ug138/ Last updated: 2026-06-13T12:40:28.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 25.05.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Pflegenotstand macht die Integration ausländischer Pflegekräfte immer wichtiger. - Das Klinikum Osnabrück rekrutiert ethisch nach WHO-Richtlinien aus Drittstaaten wie Kolumbien. - Sprachbarrieren und andere Pflegerollen sind zentrale Herausforderungen für internationale Fachkräfte. - Wohnraum, feste Ansprechpartner und interkulturelle Trainings fördern erfolgreiche Integration. - Seit 2020 rund 80 Pflegekräfte rekrutiert, kaum jemand verließ das Klinikum. In Folge 138 sprechen wir über die Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland. Der Pflegenotstand in Deutschland ist eine der drängendsten Herausforderungen des Gesundheitswesens. Aufgrund des demografischen Wandels und der zunehmenden Alterung der Bevölkerung steigt der Bedarf an qualifizierten Pflegekräften stetig. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Integration von Pflegekräften aus dem Ausland immer mehr an Bedeutung. Das [Klinikum Osnabrück](https://www.klinikum-os.de/?ref=uebergabe.de) hat in den letzten Jahren umfangreiche Maßnahmen ergriffen, um internationale Pflegekräfte erfolgreich zu integrieren. #### Der Bedarf an internationalen Pflegekräften Viele Pflegekräfte aus der Babyboomer-Generation werden in den nächsten Jahren in Rente gehen, was den Personalmangel neben anderen Faktoren weiter verschärft. > „Die Akquise aus dem Ausland ist eine von mehreren Maßnahmen, um diesem Mangel entgegenzuwirken.” > \- Sebastian Winter #### Herkunftsländer und Rekrutierungsprozesse Aktuell richtet sich der Fokus auf Drittstaaten wie Kolumbien, Indien und Indonesien. Das Klinikum Osnabrück arbeitet eng mit Vermittlungsagenturen zusammen, die geeignete Kandidat:innen suchen und bei der sprachlichen und beruflichen Qualifikation unterstützen. Diese Agenturen helfen nicht nur bei der Rekrutierung, sondern auch bei der Vorbereitung der Pflegekräfte auf die beruflichen Anforderungen in Deutschland. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/05/ug138.webp) #### Ethische Fragen und WHO-Richtlinien Ein zentraler Aspekt bei der internationalen Rekrutierung ist die ethische Vertretbarkeit. Das Klinikum Osnabrück hält sich strikt an die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO), welche die Rekrutierung aus Ländern mit einem Pflegenotstand verbieten. > „Wir werben Pflegekräfte aus Ländern an, in denen ein Überschuss besteht oder die sich aufgrund wirtschaftlicher und beruflicher Perspektiven für eine Arbeit in Deutschland entscheiden”. > \- Sebastian Winter [WHO health workforce support and safeguards list 2023The WHO health workforce support and safeguards list 2023 comprises 55 countries. These countries face the most pressing health workforce challenges related to universal health coverage. In particular, these countries have: 1) a density of doctors, nurses and midwives below the global median (i.e., 49 per 10 000 population); and 2) a universal health coverage service coverage index below a certain threshold.![](https://www.who.int/apple-touch-icon-precomposed.png)World Health OrganizationHealth Workforce (HWF)![](https://iris.who.int/bitstream/handle/10665/366398/9789240069787-eng.pdf.jpg?sequence=6)](https://www.who.int/publications/i/item/9789240069787?ref=uebergabe.de) #### Der Weg nach Deutschland Alexis Padilla Gomez, ein Pflegefachmann aus Kolumbien, berichtet von seinen Erfahrungen bei der Ankunft in Deutschland. Er und seine Frau hatten bereits in Kolumbien einen Deutschkurs absolviert, bevor sie nach Deutschland kamen. Nach ihrer Ankunft durchliefen sie weitere Sprachkurse und berufliche Anerkennungsmaßnahmen, bevor sie als vollwertige Pflegefachkräfte arbeiten konnten. > „Die ersten Wochen waren eine Herausforderung, besonders aufgrund der sprachlichen Barrieren und der kulturellen Unterschiede in der Pflegepraxis.” > \- Alexis Padilla Gomez [Gütesiegel ”Faire Anwerbung Pflege Deutschland”Das Gütesiegel setzt Vorgaben zur Sicherung eines hohen ethischen Standards für die privatrechtliche Anwerbung von Pflegekräften aus Drittstaaten.![](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/typo3conf/ext/bmg_sitepackage/Resources/Public/Frontend/Base/images/favicon/favicon.ico)App Title](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/f/faire-anwerbung-pflege-deutschland-guetesiegel?ref=uebergabe.de) [Deutsche Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe![](https://www.defa-agentur.de/apple-touch-icon.png)und PflegeberufeSite Point GmbH![](https://www.defa-agentur.de/Canvas/images/defa/icons_logos_elemente/logo_defa_zuschnitt.png)](https://www.defa-agentur.de/?ref=uebergabe.de) #### Herausforderungen und Integration In Kolumbien delegieren Pflegefachkräfte Aufgaben wie die Körperpflege oft an Hilfskräfte. In Deutschland ist die Rolle der Pflegefachkraft umfassender. Alexis musste sich an diese Unterschiede anpassen und seine Kompetenzen erweitern. Dabei wurde er von seinen deutschen Kolleg:innen unterstützt, die ihm bei der Integration halfen. [Beratung und Qualifizierung für Migranten | IQ Netzwerk NiedersachsenProfessional recognition / Reconnaissance professionnelle / Профессиональное признание / بالمؤهلات المهنية الاجنبية![](https://www.migrationsportal.de/typo3conf/ext/ti_base_iqnnds/Resources/Public/Favicons/apple-touch-icon.png)Logo: IQ-Netzwerk Niedersachsen](https://www.migrationsportal.de/angebote/migrantinnen-migranten.html?ref=uebergabe.de) #### Unterstützung durch das Klinikum Das Klinikum Osnabrück unterstützt den Integrationsprozess durch eine Vielzahl von Maßnahmen. Von der Bereitstellung von Wohnraum über die Organisation kultureller und sozialer Aktivitäten bis hin zu interkulturellen Trainings für das Stammpersonal — all diese Maßnahmen tragen dazu bei, dass sich internationale Pflegekräfte willkommen und integriert fühlen. Ein fester Ansprechpartner, der die neuen Fachkräfte bei allen behördlichen und organisatorischen Fragen unterstützt, ist ein zentrales Element dieses Ansatzes. [Stabsstelle Internationale Pflegefachpersonen![](https://www.klinikum-os.de/fileadmin/content/default/favicon.jpg)Logo vom Klinikum Osnabrück![](https://www.klinikum-os.de/typo3conf/ext/hoch5_site_package/Resources/Public/Images/Klinikum_Osnabrueck_Green_Hospital_Logo.svg)](https://www.klinikum-os.de/medizin-pflege/pflege/pflegedirektion/stabsstelle-internationale-pflegefachpersonen?ref=uebergabe.de) #### Erfolgsfaktoren und Herausforderungen Das Klinikum Osnabrück hat bisher positive Erfahrungen mit der Integration internationaler Pflegekräfte gemacht. Seit 2020 wurden rund 80 Pflegekräfte rekrutiert, von denen nur wenige das Klinikum wieder verlassen haben. Dies spricht für den Erfolg des Integrationsmodells. Dennoch gibt es Herausforderungen, insbesondere bei der Anerkennung ausländischer Qualifikationen und der Erlangung eines dauerhaften Aufenthaltstitels. --- ## Aufruf zur Teilnahme an Umfrage zu Gewalterfahrungen gegen Pflegefachpersonen Forschende der Alice Salomon Hochschule Berlin (u.a. Prof.Dr. Johannes Gräske) führen eine Umfrage zu Gewalterfahrungen gegen Pflegefachpersonen durch und würden sich über Eure Teilnahme freuen. [**Hier**](https://survey.ash-berlin.eu/s/08b9c779/de.html?ref=uebergabe.de) gehts zur Studie und weiteren Informationen. --- ## Veranstaltungen [![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/image001-1.png)](https://hitzeaktionstag.de/?ref=uebergabe.de) [![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/05/Bild2.pngF.png)](https://stadt.muenchen.de/events/digitaler-fachtag-paediatrische-pflege.html?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG151 – Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland - Berliner Beratungsstelle BBeFaP (Debora Aust)](https://www.uebergabe.de/ug151/) - [ÜG173 – Erwartungen und Realität internationaler Pflegefachpersonen (Debora Aust)](https://www.uebergabe.de/ug173/) - [ÜG046 – Rekrutierung aus dem Ausland (Thorsten Kiefer)](https://www.uebergabe.de/ug046/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Auswirkungen von Arbeitsstunden auf unerwünschte Ereignisse und Fehler URL: https://www.uebergabe.de/auswirkungen-von-arbeitsstunden-auf-unerwunschte-ereignisse-und-fehler/ Last updated: 2024-06-01T06:04:31.000Z 🗓️ #32 | 23.05.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/05/Christian-Banner-2-1.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Resümee zum International Nurses Day / Sektorengrenzen im Gesundheitswesen URL: https://www.uebergabe.de/pu074/ Last updated: 2026-06-17T19:31:04.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 18.05.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der ICN-Bericht zum International Nurses Day betont den wirtschaftlichen Wert guter Pflege. - DPR und DBfK fordern erweiterte Befugnisse und Investitionen in die Profession. - Die Regierungskommission empfiehlt, die Sektorengrenzen im Gesundheitswesen abzubauen. 📎 In der 74\. Folge des PflegeUpdates beschäftigen wir uns mit den Aktionen der verschiedenen Verbände zum International Nurses Day. Besonderes Augenmerk erhält der ICN. Anschließend schauen wir in die Stellungnahme der Regierungskomission für eine moderene und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung zu dem Thema der Sektorengrenzen im deutschen Gesundheitswesen. Viel Spaß mit der Folge! In Folge 74 des PflegeUpdates geht es um zwei große Themen: das Resümee zum International Nurses Day mit den Stellungnahmen der Verbände und die zehnte Empfehlung der Regierungskommission, die den Abbau der Sektorengrenzen im Gesundheitswesen ins Zentrum rückt. Vorab gibt es außerdem einen kurzen Ausblick auf die Krankenhausreform. ## Krankenhausreform: Kabinett beschließt das KHVVG Zum Zeitpunkt der Folge war das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) – also der Gesetzesrahmen für die Krankenhausreform von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach – frisch vom Bundeskabinett verabschiedet worden. Damit startete damals erst der eigentliche Gesetzgebungsprozess, auch wenn über die Reform zuvor schon lange diskutiert worden war. Eine Besonderheit: Lauterbach hatte das Gesetz so formuliert, dass der Bundesrat nicht zustimmen muss. Erste Reaktionen der Länder ließen damals erwarten, dass der seit Langem schwelende Streit um die Reform weitergeht – zumal die Länder bezweifelten, dass ihre Planungskompetenz wirklich unangetastet bleibt. Eine ausführliche Einordnung kündigten die Hosts für eine spätere Folge an. ## International Nurses Day: ICN-Bericht zum wirtschaftlichen Wert der Pflege Der International Nurses Day, der internationale Tag der Pflegefachpersonen, findet traditionell am 12\. Mai statt. Das Motto der Kampagne des International Council of Nurses (ICN) lautete „The Economic Power of Care“. Passend dazu veröffentlichte der ICN seinen jährlichen Bericht – in diesem Jahr erstmals auch in deutscher Übersetzung. Kernanliegen ist, die wirtschaftliche Bedeutung guter pflegerischer Versorgung sichtbar zu machen, ein Punkt, mit dem sich die Profession traditionell schwertut. Im [Bericht des ICN zum International Nurses Day 2024](https://icn.ch/resources/publications-and-reports/international-nurses-day-2024-report?ref=uebergabe.de) wird unter anderem auf Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation verwiesen: Unzureichende Versorgungsqualität kostet demnach allein in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen jährlich zwischen 1,4 und 1,6 Billionen US-Dollar an Produktivitätsverlust. Außerdem hebt der ICN hervor, dass faire Arbeitsplätze in der Pflege die Armutsbekämpfung unterstützen und zur Geschlechtergleichstellung beitragen – bessere Gehälter, Arbeitsbedingungen und Karrierechancen stärken vor allem Frauen. Investitionen in eine sichere Gesundheitsversorgung sparen aus Sicht des ICN langfristig Geld. Aus diesen Befunden leitet der ICN mehrere Forderungen an die Politik ab: Pflegefachpersonen sollen ihre Tätigkeit im vollen Umfang ihrer Qualifikation ausüben dürfen und stärker an politischen Entscheidungen beteiligt werden. Hinzu kommen mehr Finanzierung für Ausbildung und berufliche Weiterentwicklung, bessere Arbeitsbedingungen, eine faire Entlohnung sowie die Förderung der gesellschaftlichen Rolle der Pflegenden, etwa durch öffentliche Kampagnen. ## Deutsche Verbände: DPR und DBfK greifen die ICN-Thesen auf Auch der Deutsche Pflegerat (DPR) bezog Stellung. In seiner Mitteilung argumentiert der Verband, dass [Investitionen in die Profession Pflege Kosten im Gesundheitssystem senken](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/deutscher-pflegerat-fordert-deutschland-muss-in-die-profession-pflege-investieren--jetzt?ref=uebergabe.de) können. Gut ausgebildete Pflegefachpersonen könnten präventive Maßnahmen umsetzen und so teure Krankenhausaufenthalte vermeiden – vorausgesetzt, sie erhalten die entsprechenden Befugnisse. Konkret fordert der DPR einen Rahmen für die Ausübung von Heilkunde durch Pflegefachpersonen sowie die Abrechenbarkeit pflegerischer Leistungen. Die eingesparten Mittel könnten an anderer Stelle eingesetzt werden, etwa für den Aufbau von Pflegekammern. DPR-Präsidentin Christine Vogler betonte, dass solche Investitionen Qualität und Effizienz des Systems verbessern und die pflegerische Versorgung langfristig sichern. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) nahm den Tag zum Anlass, sich in einem offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz zu wenden. Der Verband bittet darin eindringlich darum, [den Wert der Pflege nicht allein als Kostenfaktor zu betrachten](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2024/Tag-der-Pflegenden-2024.php?ref=uebergabe.de). Statt im sozialen Bereich zu sparen, solle die Politik die Primärversorgung verbessern, Pflegebedürftigkeit wirksam verhindern, die Rollen der beruflich Pflegenden zügig erweitern und neue Aufgabenteilungen unter den Gesundheitsberufen vornehmen – besonders in der Langzeitpflege. Dort sollen Doppelstrukturen abgebaut, Bürokratie zurückgefahren und der Pflege insgesamt mehr Verantwortung übertragen werden. Am Rande ein Hinweis aus der Folge: Auf Social Media kursierte erneut der Hashtag „Tag der Pflege". Treffender ist der „Tag der Pflegefachpersonen" – schließlich geht es um die Menschen, die Pflege professionell und beruflich ausüben. ## Sektorengrenzen: Die 10\. Empfehlung der Regierungskommission Das zweite Schwerpunktthema ist die zehnte Stellungnahme der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung. Dieses vom Gesundheitsministerium berufene Expert:innengremium tagt regelmäßig und vereint Fachleute aus Versorgung, Pflege, Medizin, Ökonomie und Rechtswissenschaft; koordiniert wird es von Tom Bschor, für die Pflege ist Prof. Dr. Martina Hasseler vertreten. Einen Überblick über Auftrag und Zusammensetzung bietet die [Seite des Bundesgesundheitsministeriums zur Regierungskommission](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/krankenhaus/regierungskommission-krankenhausversorgung?ref=uebergabe.de). Im Mittelpunkt der Empfehlung steht ein Kernproblem des deutschen Gesundheitswesens: die stark ausgeprägte Trennung der Versorgungssektoren. Am bekanntesten ist die Grenze zwischen ambulant und stationär, doch auch innerhalb der ambulanten Versorgung unterscheiden sich haus- und fachärztlicher Bereich, und die Rehabilitation ist sogar in einem eigenen Sozialgesetzbuch geregelt. Hinzu kommt die unterschiedliche Finanzierung: Krankenhausbehandlung und etwa eine subkutane Injektion durch den ambulanten Pflegedienst laufen über das SGB V, Unterstützung bei Körperpflege oder Anziehen über das SGB XI, die Reha über das SGB IX. Ein einziger Patientinnenverlauf kann also durch mehrere Finanzierungslogiken wandern. Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass diese Trennung eine erhebliche Fehlsteuerung erzeugt. So führt Deutschland im EU-Vergleich über 50 Prozent mehr stationäre Versorgung durch und hat zugleich rund ein Drittel mehr ambulante Kontakte. Probleme sind eine ineffiziente Nutzung der Strukturen, viele unnötige stationäre Behandlungen – etwa Operationen, die andernorts ambulant erfolgen –, fehlende Behandlerkonstanz mit umgestellten Medikamenten an den Übergängen, viel Bürokratie und Doppeluntersuchungen sowie ein unzureichender Informationsfluss nach der Entlassung. ### Was die Kommission empfiehlt Die [zehnte Stellungnahme der Regierungskommission](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/regierungskommission-zehnten-stellungnahme-pm-03-05-2024.html?ref=uebergabe.de) nennt als Ziele eine abgestimmte Planung der Strukturen, den Abbau von Doppelstrukturen, weniger vollstationäre zugunsten ambulanter oder teilstationärer Behandlungen, eine Angleichung der Vergütung für vergleichbare Leistungen, die Stärkung nichtärztlicher Berufsgruppen und die Förderung eines Primärarztkonzepts mit steuernder Rolle. Kurzfristig empfiehlt die Kommission den Aufbau von Krankenhäusern für sektorenübergreifende Versorgung – die sogenannten Level-1i-Krankenhäuser, die möglicherweise unter anderem Namen kommen. Sie sollen vorrangig ambulant behandeln, nach Tagespauschalen abrechnen, die mit der Verweildauer sinken, von den Ländern geplant werden und bei Unterversorgung einspringen. Welche Leistungen dort erbracht werden dürfen, soll der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) über Positivlisten definieren – denkbar sind etwa einfache chirurgische Eingriffe oder die Behandlung einer nicht-akuten Lungenentzündung. An diesen Standorten sollen zudem weitere Gesundheitsangebote Platz finden, etwa Apotheken, Arztpraxen, medizinische Versorgungszentren, Gesundheitskioske oder Sanitätshäuser. Mittel- und langfristig schlägt die Kommission regionale Planungsgremien unter Ländervorsitz vor, die ambulante und stationäre Versorgung gemeinsam planen, sowie den Aufbau eines Primärarztsystems mit Steuerungsfunktion. Ausdrücklich genannt wird auch eine flächendeckende Versorgung durch qualifizierte Pflegefachpersonen mit erweiterten Kompetenzen – verbunden mit einer Einschränkung des Arztvorbehalts. Gerade hier liegt aus Sicht der Hosts großes Potenzial für die Pflege, etwa in der Prävention und in Primärversorgungszentren. Zum Zeitpunkt der Folge war offen, wie viel davon in der laufenden Reform tatsächlich umgesetzt wird. ## Zum Weiterhören - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG116 – International Council of Nurses (Dr. Karen Bjøro)](https://www.uebergabe.de/ug116/) - [ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)](https://www.uebergabe.de/ug145/) --- ## **Zehnte Stellungnahme der Regierungskomission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung** Die zehnte Stellungnahme der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung behandelt die Überwindung der Sektorengrenzen im deutschen Gesundheitssystem. [Schwerpunkt KrankenhausreformKrankenhausreform wird Schwerpunkt der nächsten Jahre. BMG setzt “Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung” ein.![](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/typo3conf/ext/bmg_sitepackage/Resources/Public/Frontend/Base/images/favicon/favicon.ico)App Title](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/krankenhaus/regierungskommission-krankenhausversorgung?ref=uebergabe.de) ### Problemlage: - Das deutsche Gesundheitssystem ist stark in verschiedene Sektoren unterteilt (stationär vs. ambulant, ärztlich vs. nichtärztlich, etc.). - Diese Trennung führt zu Ineffizienzen und Fehlsteuerungen, wie unzureichende Abstimmung zwischen ambulanten und stationären Strukturen, kostspielige Doppeluntersuchungen und unnötige stationäre Behandlungen. ### Ziele der Empfehlungen - Gemeinsame Planung der Gesundheitsstrukturen. - Abbau ineffizienter Doppelstrukturen. - Reduzierung der vollstationären Behandlungen zugunsten ambulanter oder teilstationärer Lösungen. - Verringerung der durch Sektorengrenzen bedingten Bürokratie. - Angleichung der Vergütung für vergleichbare medizinische Leistungen. - Stärkung der nichtärztlichen Berufsgruppen und der Primärärzte. ### Empfehlungen: #### Kurzfristige Maßnahmen - **Level Ii-Krankenhäuser**: Diese Krankenhäuser sollen ambulante und stationäre Leistungen erbringen und flexibel auf regionale Gesundheitsbedarfe reagieren. Sie sollen vorrangig ambulant behandeln und dabei bislang stationär erbrachte Leistungen ambulantisieren. - Einführung degressiver Tagespauschalen zur Finanzierung und Abkopplung vom DRG-System (Fallpauschalen). - Förderung der pflegerischen Leitung und Erweiterung pflegerischer Kompetenzen. #### Mittel- und langfristige Maßnahmen - **Gemeinsame Planung der Versorgung**: Ein regionales Planungsgremium soll die ambulante und stationäre Versorgung gemeinsam planen und Krankenhäuser für die ambulante Versorgung ermächtigen. - **Reduktion der doppelten Facharztschiene**: Langfristig sollen nicht primärärztliche Fachärzte nur noch an oder in Kooperation mit Krankenhäusern tätig sein. - **Stärkung des Primärarztsystems**: Ausbau und finanzielle Anreize für Primärärzte, um eine bessere Steuerung der Versorgung zu ermöglichen. - **Interprofessionelle Versorgung**: Aufbau einer flächendeckenden Versorgung durch qualifizierte Pflegefachpersonen, die eng mit Primärärzten zusammenarbeiten. Die vollständige Stellungnahme bietet detaillierte Vorschläge und beschreibt spezifische Maßnahmen zur praktischen Umsetzung dieser Empfehlungen. [Regierungskommission legt Reformvorschläge für bessere Zusammenarbeit im Gesundheitssystem vorDie Sektorengrenzen des deutschen Gesundheitswesens zu überwinden, fordert die Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung in ihrer zehnten Stellungnahme.![](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/typo3conf/ext/bmg_sitepackage/Resources/Public/Frontend/Base/images/favicon/favicon.ico)App TitleBundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach![](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/_processed_/c/2/csm_Krankenhausflur_21d0219ddc.jpg)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/regierungskommission-zehnten-stellungnahme-pm-03-05-2024.html?ref=uebergabe.de) ## International Nurses Day und die Bedeutung von Investitionen in die Pflege Zum International Nurses Day haben verschiedene Pflegeverbände ihre Stimmen erhoben, um auf die Bedeutung von Investitionen in die Pflege aufmerksam zu machen. #### ICN-Bericht „The Economic Power of Care“ [International Nurses Day 2024 report![](https://icn.ch/themes/custom/icn/build/favicons/apple-touch-icon.png)ICN - International Council of Nurses![](https://icn.ch/themes/custom/icn/build/logos/logo-header-en.svg)](https://icn.ch/resources/publications-and-reports/international-nurses-day-2024-report?ref=uebergabe.de) Das International Council of Nurses (ICN) veröffentlichte einen Bericht, der die wirtschaftliche Bedeutung guter Pflege hervorhebt. Der Bericht zeigt, dass unzureichende Gesundheitsversorgung jährlich bis zu 1,6 Billionen US-Dollar an Produktivitätsverlust verursacht. Investitionen in die Pflege schaffen faire Arbeitsplätze, fördern die Geschlechtergleichstellung und tragen zur Armutsbekämpfung bei. Der Bericht betont, dass jeder Dollar, der in die Verhinderung nosokomialer Infektionen investiert wird, eine Rendite von sieben Dollar bringt​. [International Council of Nurses (ICN)![](https://icn.ch/themes/custom/icn/build/favicons/apple-touch-icon.png)ICN - International Council of Nurses![](https://icn.ch/themes/custom/icn/build/logos/logo-header-en.svg)](https://icn.ch/?ref=uebergabe.de) #### Deutscher Pflegerat (DPR) fordert Investitionen Der Deutsche Pflegerat (DPR) fordert, dass Deutschland jetzt in die Pflege investiert. Laut DPR-Präsidentin Christine Vogler können gut ausgebildete Pflegefachpersonen präventive Maßnahmen umsetzen, die teure Krankenhausaufenthalte vermeiden. Der DPR betont, dass es notwendig ist, den Rahmen der Heilkundeausübung für Pflegefachpersonen zu schaffen und die Abrechenbarkeit ihrer Leistungen zu ermöglichen. Investitionen in die Pflege verbessern die Qualität und Effizienz des Gesundheitssystems und sichern die langfristige pflegerische Versorgung​. [Deutscher Pflegerat - Deutscher Pflegerat fordert: Deutschland muss in die Profession Pflege investieren – jetzt!![](https://deutscher-pflegerat.de/favicon.ico)Deutscher Pflegerat![](https://deutscher-pflegerat.de/ogimg.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/deutscher-pflegerat-fordert-deutschland-muss-in-die-profession-pflege-investieren--jetzt?ref=uebergabe.de) #### DBfK fordert Maßnahmen vom Bundeskanzler Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) nutzte den International Nurses Day, um einen offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz zu schreiben. Darin fordert der Verband, die Primärversorgung zu verbessern, Pflegebedürftigkeit zu verhindern, neue Aufgabenteilungen unter den Gesundheitsberufen vorzunehmen und die Bürokratie abzubauen. Der DBfK betont, dass die Pflegeberufe mehr Verantwortung übernehmen sollten, um die pflegerische Versorgung zu verbessern und Doppelstrukturen abzuschaffen​. [Vom Wert professioneller PflegeAm 12\. Mai wird seit nun 50 Jahren der internationale Tag der beruflich Pflegenden begangen. Auch in diesem Jahr hat der International Council of Nurses (ICN) einen Bericht zur Situation der Pflege weltweit veröffentlicht, der den ökonomischen Wert guter Pflege für die Weltwirtschaft hervorhebt. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) hat den Tag außerdem zum Anlass genommen, um sich mit einem Offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz zu wenden.![](https://www.dbfk.de/wLayout/wGlobal/layout/images/site-icons/favicon.ico)![](https://www.dbfk.de/wLayout/wGlobal/layout/images/DBfK_Logo_Kuller.svg)](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2024/Tag-der-Pflegenden-2024.php?ref=uebergabe.de) Diese Aktionen und Forderungen unterstreichen die dringende Notwendigkeit, die Pflegeberufe zu stärken und in ihre Entwicklung zu investieren, um die Gesundheitsversorgung nachhaltig zu verbessern. --- ### Einfluss von Teamarbeit auf die Arbeitszufriedenheit URL: https://www.uebergabe.de/einfluss-von-teamarbeit-auf-die-arbeitszufriedenheit/ Last updated: 2024-10-13T11:35:49.000Z 🗓️ #32 | 16.05.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/05/Christian-Banner-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### 4-Tage-Woche in der Pflege (Henrik van Gellekom) URL: https://www.uebergabe.de/ug137/ Last updated: 2026-06-13T12:40:21.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 11.05.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Klinikum Bielefeld testet die 4-Tage-Woche erfolgreich auf zwei Pilotstationen. - Längere Schichten an vier Tagen verbessern deine Work-Life-Balance ohne große Arbeitszeitkürzung. - Mitarbeitende schätzen freie Tage; längere Arbeitstage sind aber eine Herausforderung. - Führe das Modell schrittweise ein und passe es dem Mitarbeitenden-Feedback an. - Flexible Arbeitszeitmodelle können die Pflegebedingungen nachhaltig modernisieren. 📎 In Folge 137 des Übergabe-Podcasts erfahrt ihr mehr darüber, wie die 4-Tage-Woche in der Pflege die Arbeitsbedingungen verbessern kann und zur Work-Life-Balance beitragen kann. Diese Folge gibt Einblick in die praktische Umsetzung dieses Modells am Klinikum Bielefeld, diskutiert die Herausforderungen und Vorteile für das Personal und zeigt auf, welche positiven Effekte eine reduzierte Arbeitswoche auf die Patient:innenversorgung haben kann. Viel Spaß mit dieser neuen Folge! ### Die 4-Tage-Woche in der Pflege: Ein innovatives Arbeitsmodell für mehr Work-Life-Balance Die Einführung der 4-Tage-Woche in der Pflegebranche in Deutschland wird zunehmend populär, insbesondere am Beispiel des Klinikum Bielefeld, welches dieses Modell erfolgreich umsetzt. Die Initiative zielt darauf ab, die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte zu verbessern und gleichzeitig die Qualität der Patient:innenversorgung zu erhalten oder sogar zu steigern. #### Grundzüge des Modells Im Klinikum Bielefeld wurde die 4-Tage-Woche zunächst als Pilotprojekt auf zwei Stationen eingeführt. Die Pflegekräfte arbeiten dabei längere Schichten an vier Tagen pro Woche, was zu einer Reduzierung der Arbeitstage führt, ohne die Gesamtarbeitszeit signifikant zu kürzen. Dies ermöglicht eine bessere Work-Life-Balance und kann zu einer höheren Mitarbeiter:innenzufriedenheit führen. [Klinikum Bielefeld - Vier-Tage-Woche für Pflegekräfte beschlossenDas Klinikum weitet sein Modellprojekt auf weitere Stationen aus und übernimmt den Ansatz in den Normalbetrieb.![](https://www.bibliomed-pflege.de/typo3conf/ext/lns_sitepackage_bibpflege/Resources/Public/Images/favicon.ico)Online-Portal für professionell PflegendeNadine Millich![](https://www.bibliomed-pflege.de/fileadmin/_processed_/6/a/csm_x_Klinikum_Bielefeld_VierTageWoche_2023_45424082af.jpg)](https://www.bibliomed-pflege.de/news/vier-tage-woche-fuer-pflegekraefte-beschlossen?ref=uebergabe.de) #### Erfahrungen und Herausforderungen Die Erfahrungen aus der Pilotphase sind überwiegend positiv. Die längeren Arbeitszeiten erlauben effektivere Übergaben und eine verbesserte Patient:innenbetreuung. Die Mitarbeitenden schätzen insbesondere die zusätzlichen freien Tage, die eine bessere Erholung und mehr Zeit für persönliche Angelegenheiten ermöglichen. Trotzdem gibt es Herausforderungen, vor allem die Anpassung an längere Arbeitstage, die von einigen als anstrengend empfunden werden. > "Es ist nicht alles rosa-rot, es ist nicht alles die Fee, die über den Flur fliegt und alles schön macht. Es gibt auch echt Punkte, wo man sagt, ja, haben wir gelernt, haben wir hart gelernt" > \- Henrik van Gellekom, Pflegedienstleiter Klinikum Bielefeld ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. #### Zukunftsperspektiven Das Klinikum Bielefeld plant, das Modell der 4-Tage-Woche weiterhin anzubieten und weiterzuentwickeln. Dies unterstreicht das Potential flexibler Arbeitszeitmodelle, die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern. Für andere Einrichtungen bietet dieses Modell ein Beispiel dafür, wie Arbeitszeitgestaltung innovativ angepasst werden kann, um den Bedürfnissen der Mitarbeitenden gerecht zu werden. #### Übertragbarkeit und Empfehlungen Andere Pflegeeinrichtungen, die eine ähnliche Umstellung in Betracht ziehen, sollten die spezifischen Bedingungen und die Kultur ihrer Einrichtung berücksichtigen. Wichtig ist eine schrittweise Einführung und die Bereitschaft, das Modell entsprechend des Feedbacks der Mitarbeitenden anzupassen, um eine hohe Akzeptanz und Zufriedenheit zu sichern. Insgesamt zeigt das Beispiel der 4-Tage-Woche im Klinikum Bielefeld, dass solche Modelle nicht nur machbar sind, sondern auch erfolgreich umgesetzt werden können, wenn sie sorgfältig geplant und mit Bedacht auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden implementiert werden. Sie könnten einen wesentlichen Beitrag zur Modernisierung der Arbeitsbedingungen in der Pflege leisten. [4-Tage-Arbeitswoche - Klinikum Bielefeld![](https://www.klinikumbielefeld.de/favicon.ico)Klinikum Bielefeld![](https://www.klinikumbielefeld.de/files/images/logo/UK-OWL-Logo-Internet.svg)](https://www.klinikumbielefeld.de/4-tage-arbeitswoche.html?ref=uebergabe.de) #### Kontakt zu den Gäst:innen - [Henrik van Gellekom](https://www.klinikumbielefeld.de/team-der-pflegedirektion.html?ref=uebergabe.de) ## ## Zum Weiterhören - [ÜG162 – Flexible Arbeitszeiten in der Langzeitpflege (Lena-Marie Wirth & Helmut Wallrafen)](https://www.uebergabe.de/ug162/) - [ÜG160 – Harmonisierung von Dienstzeiten und Prozessen (Ilja Doronin & Christine Navarro)](https://www.uebergabe.de/ug160/) - [ÜG157 – Lebensphasengerechte Personalentwicklung (Katja Pein & Dr.In Lena Marie Wirth)](https://www.uebergabe.de/ug157/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Präventive Hausbesuche bei älteren Menschen mit Frailty URL: https://www.uebergabe.de/praventive-hausbesuche-bei-alteren-menschen-mit-frailty/ Last updated: 2024-06-01T06:04:41.000Z 🗓️ #31 | 09.05.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Akademisierung in der Pflege URL: https://www.uebergabe.de/akademisierung-in-der-pflege/ Last updated: 2024-12-08T13:40:24.000Z Die Akademisierung der Pflege ist ein wesentlicher Trend im Gesundheitssektor, der die Ausbildungswege und beruflichen Praktiken zunehmend auf Hochschulniveau hebt. Wir erläutern, warum eine akademische Ausbildung in der Pflege nicht nur wünschenswert, sondern sogar notwendig ist, um den modernen Anforderungen im Gesundheitswesen gerecht zu werden. ***Im folgenden Video sprechen wir allgemein über die Akademisierung in der Pflege und geben einen Überblick zum Themenfeld.*** ## Was ist die Akademisierung in der Pflege? 💡 Akademisierung in der Pflege bedeutet, dass die Ausbildung von Pflegefachpersonen zunehmend auf akademischem Niveau erfolgt, einschließlich Bachelor-, Master- und sogar Doktoratsprogrammen. Diese Entwicklung bringt einen stärkeren Fokus auf theoretische Kenntnisse, wissenschaftliche Methoden und forschungsbasierte Praktiken mit sich. ### Notwendigkeit der Akademisierung Die Akademisierung ist wichtig, um den wachsenden und sich wandelnden Anforderungen im Gesundheitswesen gerecht zu werden. Dies umfasst eine zunehmend komplexe Patient:innenversorgung, die durch Multimorbidität und eine alternde Bevölkerung gekennzeichnet ist. Es ist essentiell, dass Pflegefachpersonen ein tieferes Verständnis für fortgeschrittene medizinische und pflegerische Prozesse und interdisziplinäre Zusammenarbeit entwickeln. --- ## Als Podcast hören --- ## Die Rollen und Erwartungen an akademisch ausgebildete Pflegekräfte Akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen sind in der Lage, anspruchsvolle und vielfältige Rollen in der Pflege zu übernehmen. Sie verfügen über die notwendigen Kompetenzen, um auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse zu handeln und Führungs- sowie Managementaufgaben in Gesundheitseinrichtungen zu übernehmen. ### Forschung und evidenzbasierte Praxis Ein zentraler Aspekt ihrer Rolle ist die Integration von Forschungsergebnissen in die Pflegepraxis, was die Pflegequalität signifikant verbessern kann. Akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen sind geschult, Forschungsergebnisse kritisch zu bewerten und in die Praxis zu integrieren. > "Ein zentraler Aspekt der Rolle akademisch ausgebildeter Pflegekräfte ist die Fähigkeit, Pflegepraxis auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse zu gestalten." > *Prof. Dr. Benjamin Kühme* ## Evidenzbasierte Pflege: Bedeutung und Implementierung Evidenzbasierte Pflege (EBP) ist ein unverzichtbarer Bestandteil der modernen Gesundheitsversorgung, der die Pflegepraxis durch die Anwendung der besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse verbessert. Trotz der Herausforderungen, wie dem Zugang zu aktuellen Forschungsdaten und der Notwendigkeit spezialisierter Schulungen, ist die Bedeutung einer fundierten EBP nicht zu unterschätzen. EBP ermöglicht es Pflegefachpersonen, ihre Pflegemaßnahmen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse anzupassen. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/05/lebenslanges-lernen-3.webp) lebenslanges lernen ## Bildungswege und berufliche Weiterentwicklung in der Pflege In der modernen Gesundheitsversorgung spielt die akademische Ausbildung eine immer größere Rolle, um die Qualität der Pflege kontinuierlich zu verbessern und den Pflegeberuf weiter zu professionalisieren. ### Primärqualifizierende Studiengänge Primärqualifizierende Studiengänge sind akademische Bildungswege, die direkt zu einem berufsqualifizierenden Abschluss führen. Diese Programme verbinden die praktische Ausbildung mit einem akademischen Abschluss, meist einem Bachelor. Durch die Integration von theoretischem Wissen und praktischer Anwendung bereiten diese Studiengänge die Absolvent:innen darauf vor, direkt in die Berufspraxis einzusteigen und gleichzeitig eine solide wissenschaftliche Grundlage für ihre Arbeit zu haben. ### Spezialisierungsprogramme Spezialisierungsprogramme bieten Pflegefachkräften die Möglichkeit, ihre Kenntnisse in spezifischen Bereichen der Pflege zu vertiefen. Solche Programme können Fortbildungen in Bereichen wie Gerontologie, Palliativpflege, Intensivpflege und viele andere spezialisierte Felder umfassen. Durch diese Weiterbildungen können Pflegekräfte ihre Fachkenntnisse erweitern, was unmittelbar zu einer verbesserten Patientenversorgung führt. ### Lebenslanges Lernen Die Bedeutung des lebenslangen Lernens wird in der Pflege besonders betont. Dieses Konzept unterstützt nicht nur die kontinuierliche fachliche Entwicklung der Pflegefachpersonen, sondern trägt auch dazu bei, den Pflegeberuf insgesamt zu stärken und weiterzuentwickeln. Lebenslanges Lernen ist ein Schlüsselelement, um mit den schnell fortschreitenden Veränderungen im Gesundheitswesen Schritt zu halten und die bestmögliche Patient:innenversorgung sicherzustellen. ### Master- und Doktoratsprogramme Für Pflegefachpersonen, die ihre akademische und berufliche Laufbahn weiter vorantreiben möchten, bieten Master- und Doktoratsprogramme eine exzellente Gelegenheit. Diese weiterführenden Studiengänge ermöglichen es den Pflegenden, Forschungskompetenzen zu entwickeln, sich auf akademischer Ebene weiter zu qualifizieren und zur Entwicklung neuer Pflegetheorien und -modelle beizutragen. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## Ethische Kompetenz und gesundheitspolitische Beteiligung Die ethische Kompetenz und das wachsende Engagement von Pflegekräften in der Gesundheitspolitik sind entscheidend für die Förderung eines tiefen Verständnisses für die komplexen ethischen und gesellschaftlichen Herausforderungen in der Pflege. > "Ethische Kompetenz in der Pflege geht über das klinische Setting hinaus. Sie beeinflusst, wie wir als Gesellschaft über Alter, Krankheit und Tod denken und sprechen." > Prof. Dr. Benjamin Kühme ## Fazit Die Akademisierung der Pflege ist ein entscheidender Schritt zur Weiterentwicklung des Berufsstandes und zur Verbesserung der Patient:innenversorgung im modernen Gesundheitswesen. Durch die Integration von höheren Bildungsabschlüssen und spezialisierten Weiterbildungsprogrammen werden Pflegefachpersonen nicht nur in der Lage, komplexe pflegerische und interdisziplinäre Herausforderungen effektiv zu bewältigen, sondern auch, ihre Rolle in Forschung und evidenzbasierter Praxis zu stärken. Zudem trägt die Akademisierung dazu bei, das Ansehen des Pflegeberufs zu erhöhen und den Fachkräften ermöglicht, sowohl in direkten Pflegebereichen als auch in Führungs- und Bildungsrollen signifikant beizutragen. Die Herausforderungen, die mit der Akademisierung einhergehen, wie Fachkräftemangel und finanzielle Beschränkungen, erfordern strategische Planungen und Investitionen, um die langfristigen Vorteile dieses Wandels zu sichern und die Pflegeprofession nachhaltig zu stärken. ### Weitere Podcasts zum Thema [Übergabe - ÜG002 - Akademisierung in der Pflege, Ausbildung & Professionalisierung - (Prof. Dr. B. Kühme)Die Akademiserung in der Pflege ist wichtiger denn je! Wir sprechen mit Prof. Dr. B. Kühme darüber:, warum wir sie dringend brauchen.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2019/01/episode-2.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug002/) [ÜG098 - Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme) - ÜbergabeIn der letzten Folge vor der Sommerpause sprechen wir mit Prof. Dr. Benjamin Kühme von der Hochschule Osnabrück über die Akademisierung.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2022/07/ug098-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug098/) ### Links zum Weiterlesen [Publikationen - Empfehlungen zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen (Drs. 2411-12), Juli 2012![](https://www.wissenschaftsrat.de/SiteGlobals/Frontend/Images/favicon.ico?__blob=normal&v=1)Wissenschaftsratadmin![](https://www.wissenschaftsrat.de/SiteGlobals/Frontend/Images/logo.svg?__blob=normal&v=1)](https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2411-12?ref=uebergabe.de) [svr![](https://www.svr-gesundheit.de/typo3conf/ext/svr_sitepackage/Resources/Public/Icons/favicons/apple-icon-180x180.png)SVR Gesundheit![](https://www.svr-gesundheit.de/fileadmin/Gutachten/Gutachten_2024/202404250520_gross.jpeg)](https://www.svr-gesundheit.de/publikationen/gutachten-2024/?ref=uebergabe.de) ### PPR - Finale / Sachverständigenrat Gesundheit und Pflege URL: https://www.uebergabe.de/pu073/ Last updated: 2026-06-13T23:20:23.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 04.05.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Bundesrat hat der PPR 2.0 zugestimmt, Einführung zum 01\. Juli 2024 geplant. - Pflegeverbände feiern den Beschluss als Meilenstein für die Pflegeberufe. - SVR empfiehlt Pflegekammern, Registrierungspflicht und Professionalisierung der Pflege. - Pflegekammer Baden-Württemberg: Quorum wohl erreicht, Bestätigung steht aus. - Internationaler Tag der Pflegefachpersonen am 12\. Mai unter Wirtschaftsmotto. 📎 In Folge 73 des Pflegeupdate haben wir für euch wieder die neusten Entwicklungen aus der pflegepolitischen Landschaft zusammengefasst. In der Folge geht es dieses Mal um das Update zur Pflegepersonalregelung 2.0 (PPR 2.0) und die jüngsten Empfehlungen des Sachverständigenrats Gesundheit und Pflege (SVR). Viel Spaß euch beim Hören der Folge! ## Zum Weiterhören - [PU072 – PPR - Update / DAK-Pflegereport / Ende der Gesundheitskioske?](https://www.uebergabe.de/pu072/) - [PU070 – PPR 2.0 als Spielball der Politik / Expert:innenrat Gesundheit und Resilienz](https://www.uebergabe.de/pu070/) - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) --- ## **Update zur PPR 2.0: Was gibt es Neues?** In den letzten Folgen haben wir öfter über die PPR 2.0 gesprochen und die Herausforderungen auf dem Weg zu ihrer Einführung diskutiert. Nun hat der Bundesrat, am 26\. April der PPR 2.0 zugestimmt. Damit steht der Einführung zum 01\. Juli 2024 quasi nichts mehr im Wege. Die Änderungen, die in den letzten Monaten vorgenommen wurden, haben dazu geführt, dass selbst kritische Bundesländer zustimmen konnten. Die Pflegeverbände begrüßen diesen Schritt. Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats (DPR), bezeichnet den Beschluss als einen Meilenstein für die Pflegeberufe und die Sicherung der Gesundheits- und Pflegeversorgung. Auch Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK), betont die Bedeutung der PPR 2.0 für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Versorgungsqualität. Nun liegt es an der Bundesregierung, ihre Zustimmung zu geben, damit die PPR 2.0 wie geplant in Kraft treten kann. Wir bleiben dran und informieren euch über weitere Entwicklungen. [Deutscher Pflegerat - Historischer Meilenstein für die Pflege. Bundesrat verabschiedet PflegepersonalbemessungsverordnungMit dem Beschluss zur Pflegepersonalbemessungsverordnung hat der Bundesrat für die Profession Pflege in Deutschlands Krankenhäusern Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal wird ein Personalbemessungssystem eingeführt. Das ist ein Meilenstein für die Attraktivität des Pflegeberufs und für die Sicherung der Versorgung.![](https://deutscher-pflegerat.de/favicon.ico)Deutscher Pflegerat![](https://deutscher-pflegerat.de/ogimg.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/bundesrat-verabschiedet-pflegepersonalbemessungsverordnung?ref=uebergabe.de) ## **Empfehlungen des SVR Gesundheit und Pflege: Wie können wir die Pflege stärken?** Ein weiteres wichtiges Thema, das in der Pflegelandschaft diskutiert wird, sind die Empfehlungen des Sachverständigenrats Gesundheit und Pflege (SVR). Der SVR ist ein Beratungsgremium, das wissenschaftliche Analysen und Reformvorschläge für das Gesundheitswesen erarbeitet. Das kürzlich veröffentlichte Gutachten des SVR beschäftigt sich mit der Situation der Fachkräfte im Gesundheitswesen, insbesondere in der Pflege, und leitet Empfehlungen für die Politik ab, um sparsamer mit der knappen Personalressource umzugehen. Die wichtigsten Punkte des Gutachtens sind: - Eine strukturierte Erfassung von Daten zu Beschäftigten im Gesundheitswesen, um den zukünftigen Personalbedarf präziser zu prognostizieren. - Stärkung der professionellen Autonomie und Selbstorganisation in der Pflege durch Gründung von Pflegekammern und Einführung einer beruflichen Registrierungspflicht. - Modernisierung der Aufgaben- und Verantwortungsprofile im Pflegebereich, um lebenslange Karrierewege zu ermöglichen und die Qualität der Pflege zu verbessern. - Gezielte Maßnahmen zur Professionalisierung und Akademisierung der Pflege, einschließlich einer obligatorischen Fortbildung für alle Pflegeberufe. Diese Empfehlungen zielen darauf ab, den Pflegeberuf nachhaltig zu stärken und die Versorgungsqualität für alle zu sichern. Die Digitalisierung wird ebenfalls als ein wichtiges Instrument zur Unterstützung des Pflegepersonals angesehen, indem sie routinemäßige Aufgaben erleichtert und die Belastung verringert. [Download des Gutachten des SVR](https://www.svr-gesundheit.de/fileadmin/Gutachten/Gutachten%5F2024/Gutachten%5F2024%5Fbarrierefrei.pdf?ref=uebergabe.de) --- ## **Kurznachrichten:** **Pflegekammer in Baden-Württemberg:** Die Errichtung der Pflegekammer in Baden-Württemberg bleibt weiterhin spannend. Der Deutsche Pflegerat geht davon aus, dass das Quorum für die Gründung erreicht wurde, jedoch steht die offizielle Bestätigung noch aus. **Förderung von Pflegeeinrichtungen in Niedersachsen:** Das Kabinett der Landesregierung in Niedersachsen hat eine Verordnung zur Förderung von Pflegeeinrichtungen beschlossen, um ambulant versorgte Pflegebedürftige und ihre Angehörigen zu entlasten. **Forderungen an Gesundheitsminister Karl Lauterbach:** Verschiedene Verbände fordern eine konsequente Umsetzung des Pflegekompetenzgesetzes und eine stabile Finanzierung der Pflege. Bundesgesundheitsminister Lauterbach bekräftigt das Bestreben der Bundesregierung, die Pflegereformen voranzutreiben. **Internationale Tag der Pflegefachpersonen:** Am 12\. Mai - dem Geburtstag von Florence Nightingale - wird auch in diesem Jahr der "International Nurses Day" gefeiert. Dieses Jahr steht der Tag unter dem Motto ”Our Nurses. Our Future. The economic power of care.” Auf der Webseite des ICN findet ihr kostenlos Materialen zum Download. --- ## Weitere Shownotes - [Sachverständigenrat Gesundheit und Pflege](https://www.svr-gesundheit.de/?ref=uebergabe.de) (svr-gesundheit.de) - [Statement DPR zur Pflegekammer BaWÜ](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/gesundheitsministerium-muss-errichtung-der-pflegekammer-bekanntgeben?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Lauterbach bei der Altenpflegemesse](https://www.altenpflege-online.net/lauterbach-reagiert-auf-forderungen-aus-der-pflege/?utm%5Fsource=newsletter&utm%5Fmedium=email&utm%5Fcontent=Head%5FLauterbach+reagiert+auf+Forderungen+aus+der+Pflege&utm%5Fcampaign=AP%5FNL%5F20240423) (Altenpflege-online.net) - [Verordnung zur Förderung von Pflegeeinrichtungen](https://www.stk.niedersachsen.de/startseite/presseinformationen/neufassung-der-verordnung-zur-forderung-von-pflegeeinrichtungen-beschlossen-pflegebedurftige-profitieren-von-forderung-erleichterungen-fur-einrichtungsbetreiber-231532.html?ref=uebergabe.de) (stk.niedersachsen.de) - [International Nurses Day 2024](https://www.icn.ch/news/icn-releases-posters-digital-resources-international-nurses-day-one-month-until-ind2024?ref=uebergabe.de) (ich.ch) - [Übergabe Folge 135 - PPR 2.0](https://www.uebergabe.de/ug135/) (uebergabe.de) - [Übergabe auf YouTube](https://www.youtube.com/@uebergabe?ref=uebergabe.de) (YouTube.de) ### Selbstwirksamkeitserwartung von Jugendlichen mit Essstörung URL: https://www.uebergabe.de/selbstwirksamkeitserwartung-von-jugendlichen-mit-essstorung/ Last updated: 2024-05-09T10:21:26.000Z 🗓️ #30 | 02.05.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Arzneimitteltherapiesicherheit (Prof.in Dr.in Cornelia Mahler, Prof.in Dr.in Hanna Seidling, Prof. Dr. Ulrich Jaehde) URL: https://www.uebergabe.de/ug136/ Last updated: 2026-06-13T12:40:14.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 27.04.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - AMTS gelingt nur interprofessionell – Ärzt:innen, Apotheker:innen und Pflege arbeiten eng zusammen. - Du überwachst und verabreichst Medikamente und sicherst so die Therapiesicherheit. - Digitale Medikationspläne, E-Rezept und ePA reduzieren Fehlerquellen spürbar. - Schulung und Weiterbildung schärfen das Bewusstsein für Medikationssicherheit. - Spezialisierte Masterstudiengänge bilden AMTS-Multiplikator:innen für die Praxis aus. 📎 Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) ist ein essentielles Feld innerhalb der medizinischen Versorgung, das darauf abzielt, Medikationsfehler zu minimieren und die Effektivität von Behandlungen zu maximieren. Dieses Gebiet erfordert die koordinierte Zusammenarbeit verschiedener Gesundheitsprofessionen, von Ärzt:innen und Apotheker:innen bis hin zu Pflegefachpersonen und Patient:innen selbst. ### Die Rollen der Gesundheitsprofessionen Ärzt:innen sind verantwortlich für die richtige Verschreibung von Medikamenten, während Apotheker:innen die korrekte Abgabe sicherstellen und auf Wechselwirkungen prüfen. Pflegefachpersonen spielen eine zentrale Rolle in der Verabreichung und Überwachung der Medikation, besonders in Einrichtungen wie Krankenhäusern und Pflegeheimen. Patient:innen müssen schließlich die Medikamente gemäß den Anweisungen einnehmen, um deren Wirksamkeit sicherzustellen. > "Die richtigen Informationen an den richtigen Patienten bekommen, das verbessert die Arzneimitteltherapiesicherheit." > \- Prof.in Dr.in Hanna Seidling [5\. Aktionsplan (2021-2024)![](https://www.akdae.de/typo3conf/ext/lns_theme_akdae/Resources/Public/Images/favicon.ico)Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft![](https://www.akdae.de/typo3conf/ext/lns_theme_akdae/Resources/Public/Images/socialmedia-placeholder-facebook.jpg)](https://www.akdae.de/amts/aktionsplan/aktionsplan-2021-2024?ref=uebergabe.de) ****Aktionsplan zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit in Deutschland (AMTS)** ### Historische Entwicklung und politische Rahmenbedingungen Die AMTS hat sich seit den 2000er Jahren als Begriff etabliert, als Medikationsfehler verstärkt wissenschaftlich untersucht wurden. In dieser Zeit haben auch politische und gesetzliche Initiativen, wie das Krankenhauszukunftsgesetz, zunehmend die Bedeutung der Digitalisierung und die Implementierung sicherer Medikationsprozesse unterstützt. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/AMTS-1.webp) ### Digitalisierung als Treiber der AMTS Moderne Technologien spielen eine zunehmend wichtige Rolle in der AMTS. Digitale Medikationspläne und Patient:innenakten verbessern die Übersichtlichkeit und reduzieren Fehlerquellen. Die Einführung von E-Rezepten und die zunehmende Nutzung elektronischer Patient:innenakten tragen dazu bei, dass alle beteiligten Akteur:innen auf die gleichen aktuellen Informationen zugreifen können. ### Spezifische Beispiele und Herausforderungen Im praktischen Alltag treten spezifische Herausforderungen auf, wie Professor Dr. Ulrich Jaehde beschreibt: Die interprofessionelle Zusammenarbeit und die Kommunikation zwischen Ärzt:innen, Apothekern und Pflegepersonal sind entscheidend, um Medikationsfehler zu vermeiden. Prof. Dr. Hannah Seidling und Prof. Dr. Cornelia Mahler betonen die Bedeutung der Schulung und Weiterbildung, um das Bewusstsein für AMTS zu schärfen und Fachkräfte im Gesundheitswesen entsprechend auszubilden. [Auch die Wissenschaft zeigt, dass Pflegebedürftige Personen in Alten- und Pflegeheimen unerwünschte Arzneimittelereignisse erleiden.](https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S186592171200298X?ref=uebergabe.de) > "Denn man weiß, dass nur interprofessionell dieses Thema richtig adressiert werden kann." > \- Prof. Dr. Ulrich Jaehde [Medication Without Harm![](https://www.who.int/apple-touch-icon-precomposed.png)World Health Organization![](https://www.who.int/images/default-source/fallback/header-logos/h-logo-blue.svg?sfvrsn=aaed4f35_20)](https://www.who.int/initiatives/medication-without-harm?ref=uebergabe.de) [Patient SafetyThe department supports countries in moving their health systems towards universal health coverage, through equitable access to quality health services that are integrated, safe and people-centred across the care continuum. The department also leads the WHO efforts on essential health services and systems during the COVID-19 pandemic.![](https://www.who.int/apple-touch-icon-precomposed.png)Read More![](https://www.who.int/images/default-source/fallback/header-logos/h-logo-blue.svg?sfvrsn=aaed4f35_20)](https://www.who.int/teams/integrated-health-services/patient-safety?ref=uebergabe.de) [Aktionsbündnis Patientensicherheit![](https://www.aps-ev.de/wp-content/favicons/apple-touch-icon.png)![](https://www.aps-ev.de/wp-content/themes/m-nautik/image/logo-fb.jpg)](https://www.aps-ev.de/Arbeitsgruppen/ag-amts/?ref=uebergabe.de) ### Ausbildungsprogramme und interprofessionelle Studiengänge Die Einführung spezialisierter Studiengänge, wie der interprofessionelle Masterstudiengang zur AMTS, der von den Universitäten Bonn, Tübingen und Heidelberg angeboten wird, zeigt, wie durch Bildung und gemeinsames Lernen der unterschiedlichen Gesundheitsprofessionen die Patientensicherheit verbessert werden kann. Diese Programme bereiten die Absolvent\_innen darauf vor, in ihren jeweiligen Einrichtungen als Multiplikatoren für AMTS zu fungieren und den Standard der Patient\_innenversorgung zu heben. [Startseite AMTS![](https://www.klinische-pharmazie.uni-bonn.de/favicon.ico)msc-amts![](https://www.klinische-pharmazie.uni-bonn.de/msc-amts/logo.png)](https://www.klinische-pharmazie.uni-bonn.de/msc-amts/de?ref=uebergabe.de) Masterstudiengang AMTS Uni Bonn ### Zukunftsperspektiven und politische Unterstützung Die Zukunft der AMTS sieht vielversprechend aus, besonders angesichts des politischen Willens, digitale Lösungen zu fördern und interprofessionelle Ansätze zu unterstützen. Dies wird auch durch die zunehmende Anzahl von Initiativen und Förderprogrammen wie der Medizin-Informatik-Initiative deutlich, die darauf abzielen, Daten besser nutzbar zu machen und den Gesundheitssektor effizienter zu gestalten. [Vernetzen. Forschen. Heilen. | Medizininformatik-Initiative![](https://www.medizininformatik-initiative.de/themes/custom/mii/assets/favicon/favicon.ico)Medizin-Informatik-InitiativeMedizininformatik-Initiative![](https://www.medizininformatik-initiative.de/sites/default/files/2024-01/img_moodimage_1400x605.png)](https://www.medizininformatik-initiative.de/de/start?ref=uebergabe.de) [Medikationsanalyse - DocCheck FlexikonAls Medikantionsanalyse bezeichnet man die Prüfung aller eingenommenen Arzneimittel eines Patienten auf Wechselwirkungen oder leitliniengerechte…![](https://dccdn.de/static.doccheck.com/favicons/apple-touch-icon-152x152.png)DocCheck FlexikonMedizinexpert\*innen bei DocCheck![](https://dccdn.de/www.doccheck.com/data/rq/ey/x8/fu/52/en/facebook-profil_mdSq.jpg)](https://flexikon.doccheck.com/de/Medikationsanalyse?ref=uebergabe.de) [Die Perspektive der Krankenhauspharmazie: Closed Loop Medication Management — Goldstandard im Krankenhaus‘Die Perspektive der Krankenhauspharmazie: Closed Loop Medication Management — Goldstandard im Krankenhaus’ published in ‘Arzneimittel-Kompass 2022’![](https://link.springer.com/oscar-static/img/favicons/darwin/apple-touch-icon-92e819bf8a.png)Springer Berlin HeidelbergFrank Dörje![](https://static-content.springer.com/cover/book/978-3-662-66041-6.jpg)](https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-66041-6%5F15?ref=uebergabe.de) ### Fazit Die Arzneimitteltherapiesicherheit ist ein multidisziplinäres, komplexes Feld, das konstante Anstrengungen in Ausbildung, Technologie und interprofessioneller Zusammenarbeit erfordert. Durch die Kombination aus fortlaufender Bildung, dem Einsatz moderner Technologien und der Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen kann die Sicherheit und Effektivität der Medikamententherapie signifikant verbessert werden. Die stetige Weiterentwicklung in diesem Bereich bleibt entscheidend, um die bestmöglichen Behandlungsergebnisse für Patienten zu gewährleisten. #### Kontakt zu den Gäst:innen - [Kontakt Prof. Dr. Cornelia Mahler](https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/das-klinikum/einrichtungen/institute/gesundheitswissenschaften/pflegewissenschaft?ref=uebergabe.de) - [Kontakt Prof. Dr. Hanna Seidling](https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/kliniken-institute/kliniken/zentrum-fuer-innere-medizin-krehl-klinik/abt-klinische-pharmakologie-und-pharmakoepidemiologie/kphz?ref=uebergabe.de) - [Kontakt Prof. Dr. Ulrich Jaehde](https://www.klinische-pharmazie.uni-bonn.de/de/mitglieder-der-arbeitsgruppe-jaehde/mitglieder-der-arbeitsgruppe-jaehde?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG027 – Patient\*innensicherheit (H. François-Kettner)](https://www.uebergabe.de/ug027/) - [ÜG096 – Digitalisierung in der Pflege (Stephanie Raudies & Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler)](https://www.uebergabe.de/ug096/) - [ÜG171 – Interdisziplinäre Zusammenarbeit (Dr. Bernadette Klapper & Prof. Dr. Lutz Hager)](https://www.uebergabe.de/ug171/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Wie Apotheker:innen die Medikation in Pflegeheimen verbessern URL: https://www.uebergabe.de/wie-apotheker-innen-die-medikation-in-pflegeheimen-verbessern/ Last updated: 2024-05-03T14:06:53.000Z 🗓️ #29 | 25.04.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Christian-Banner-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Leitlinien in der Gesundheitsversorgung URL: https://www.uebergabe.de/leitlinien-in-der-gesundheitsversorgung/ Last updated: 2024-05-15T21:14:37.000Z In unserem neuen Video widmen wir uns den Leitlinien. Nachdem wir im vorigen Video [Expertenstandards](https://www.uebergabe.de/expertenstandards-in-der-pflege-ein-uberblick/) beleuchtet haben, müssen wir nun einen Blick auf Leitlinien werfen. Auch wenn es primär medizinisch-geprägte Instrumente zur Versorgung sind, sind sie für die pflegerische Praxis nicht weniger wichtig. In unserem neuen Video erklären wir warum. ## Was genau sind Leitlinien? > Leitlinien sind systematisch entwickelte Aussagen, die den gegenwärtigen Erkenntnisstand wiedergeben, um die Entscheidungsfindung von Ärzt\*innen sowie Angehörigen von weiteren Gesundheitsberufen und Patient\*innen/Bürger\*innen für eine angemessene Versorgung bei spezifischen Gesundheitsproblemen zu unterstützen. > Leitlinien unterscheiden sich von anderen Quellen aufbereiteten Wissens (systematische Übersichtsarbeiten, Health Technology Assessments (HTA) mit oder ohne Metaanalysen) durch die Formulierung von klaren Handlungsempfehlungen, in die auch eine klinische Wertung der Ziele mit Relevanz für Patient\*innen/Bürger\*innen, Aussagekraft und Anwendbarkeit von Studienergebnissen eingeht. > Leitlinien sind als „Handlungs- und Entscheidungskorridore“ zu verstehen, von denen in begründeten Fällen abgewichen werden kann oder sogar muss. Die Anwendbarkeit einer Leitlinie oder einzelner Leitlinienempfehlungen muss in der individuellen Situation geprüft werden nach dem Prinzip der Indikationsstellung, Beratung, Präferenzermittlung und der partizipativen Entscheidungsfindung. #### Die Rolle der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) Die AWMF ist eine Schlüsselorganisation in Deutschland, die die Erstellung und Koordination von Leitlinien übernimmt. Sie unterstützt die Entwicklung von Leitlinien durch methodische Beratung, fördert den wissenschaftlichen Austausch zwischen den Fachgesellschaften und gewährleistet die Qualität und Aktualität der Leitlinien durch regelmäßige Überprüfungen und Updates. [Start | Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V.![](https://awmf.org/_assets/174fb7c95e2a3a26e52d086fd546f119/Images/Favicons/apple-touch-icon.png)Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V.Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V.![](https://awmf.org/_assets/174fb7c95e2a3a26e52d086fd546f119/Images/og-image.png)](https://awmf.org/?ref=uebergabe.de) #### Der Prozess der Leitlinienentwicklung Die Erstellung einer medizinischen Leitlinie ist ein komplexer und mehrstufiger Prozess, der mit der Initiierung beginnt. Dieser erste Schritt wird oft durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder Änderungen in der Behandlungspraxis ausgelöst, die einen Bedarf für eine neue oder überarbeitete Leitlinie erkennen lassen. Nachdem der Bedarf identifiziert wurde, folgt die Phase des Konzepts und der Planung. In dieser Phase wird eine interdisziplinäre Expert:innengruppe zusammengestellt, die gemeinsam die Ziele der Leitlinie festlegt, die Hauptfragen definiert und den gesamten Entwicklungsprozess plant. Im nächsten Schritt, der Evidenzrecherche und Bewertung, führt das Team eine systematische Durchsicht der aktuellen Forschungsliteratur durch. Ziel ist es, alle relevanten Informationen zu sammeln und zu bewerten, um eine fundierte Grundlage für die Leitlinie zu schaffen. Auf Basis dieser Evidenz entwickelt die Gruppe dann Empfehlungen, die in Konsensuskonferenzen diskutiert und verfeinert werden, um breite Zustimmung und Praktikabilität sicherzustellen. Sobald ein Konsens gefunden ist, beginnt die redaktionelle Phase. In dieser Phase wird das endgültige Leitliniendokument erstellt und einer gründlichen Überprüfung durch externe Expert:innen unterzogen. Nach erfolgreicher Begutachtung und finaler Freigabe folgt die Veröffentlichung und Dissemination der Leitlinie. Sie wird offiziell veröffentlicht und breit verbreitet, um sicherzustellen, dass sie von der medizinischen Gemeinschaft angenommen und angewendet wird, was letztendlich zur Verbesserung der Patient:innenversorgung beiträgt. 💡 ****Dissemination** bedeutet die Verbreitung oder das Teilen von Informationen, Ideen oder Materialien. Man nutzt diesen Begriff oft in wissenschaftlichen oder akademischen Kontexten, wenn Forschungsergebnisse oder wichtige Erkenntnisse mit anderen geteilt oder veröffentlicht werden, damit mehr Menschen davon erfahren und sie nutzen können. #### Klassifizierung und Typen von Leitlinien Leitlinien können nach ihrem methodischen Ansatz klassifiziert werden: - **S1-Leitlinien:** Basieren auf dem informellen Konsens einer Expert:innengruppe. - **S2-Leitlinien:** Unterteilt in S2e (evidenzbasiert, ohne formalen Konsens) und S2k (konsensbasiert, ohne systematische Evidenzbewertung). - **S3-Leitlinien:** Diese sind die umfangreichsten; sie kombinieren systematische Evidenzbewertung mit einem formalisierten Konsensprozess und beteiligen dabei alle relevanten Stakeholder. 💡 Die Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft (DGP) ist ein bedeutendes Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) seit 2016\. Diese Mitgliedschaft ist von großer Bedeutung, da sie die Pflegewissenschaft direkt in den Prozess der Entwicklung und Überarbeitung von Leitlinien einbindet. Die Integration der Pflegewissenschaft in die AWMF ermöglicht es, dass pflegespezifische Perspektiven und Forschungsergebnisse in die Erstellung von Leitlinien einfließen, was die Relevanz und Anwendbarkeit dieser Leitlinien für die Pflegepraxis deutlich erhöht. #### Bedeutung der Mitgliedschaft der DGP in der AWMF Die Beteiligung der DGP an der AWMF trägt dazu bei, dass die Interessen und das Fachwissen der Pflegeberufe stärker in die medizinische Leitlinienerstellung integriert werden. Dies ist besonders wichtig, da viele Leitlinien nicht nur medizinische, sondern auch pflegerische Interventionen umfassen. Die Pflegewissenschaft bringt spezifisches Wissen über Patient:innenbetreuung, präventive Maßnahmen und die Handhabung chronischer Bedingungen in den Leitlinienprozess ein. [DGPDeutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.![](https://dg-pflegewissenschaft.de/wp-content/uploads/2017/01/favicon.png)DGP - Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.![](https://dg-pflegewissenschaft.de/wp-content/uploads/2022/12/CHW_7712-400x250.jpg)](https://dg-pflegewissenschaft.de/?ref=uebergabe.de) #### Warum sind Leitlinien wichtig für die Pflege? 1. **Standardisierung der Pflegepraxis**: Leitlinien helfen, einheitliche Standards in der Pflege zu etablieren, die auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Dies führt zu einer verbesserten und konsistenten Patient:innenversorgung quer durch verschiedene Gesundheitseinrichtungen. 2. **Verbesserung der Patient:innensicherheit**: Durch klare, evidenzbasierte Richtlinien können Risiken und Fehler in der Pflege reduziert werden. Leitlinien geben genaue Anweisungen zur Durchführung pflegerischer Maßnahmen, was die Sicherheit der Patient:innen direkt erhöht. 3. **Förderung evidenzbasierter Praxis**: Leitlinien ermöglichen es Pflegefachpersonen, auf dem neuesten Stand der Forschung zu bleiben und diese Erkenntnisse in ihre tägliche Arbeit zu integrieren. Dies trägt dazu bei, dass die Pflegepraxis kontinuierlich verbessert und aktualisiert wird. 4. **Professionelle Entwicklung und Bildung**: Leitlinien sind ein wesentliches Instrument für die Aus- und Weiterbildung von Pflegefachpersonen. Sie bieten eine fundierte Grundlage für die Schulung und sind integraler Bestandteil vieler Lehrpläne in der Pflegeausbildung. 5. **Unterstützung bei klinischen Entscheidungen**: In komplexen oder unsicheren Situationen bieten Leitlinien wertvolle Orientierung und unterstützen Pflegefachpersonen bei der Entscheidungsfindung. Sie dienen als Referenzpunkt, um die bestmögliche Pflegeentscheidung zu treffen. 6. **Patient:innenaufklärung und -einbindung**: Leitlinien können genutzt werden, um Patient:innen über ihre Behandlung aufzuklären und sie aktiv in den Pflegeprozess einzubeziehen. Dies fördert das Verständnis und die Compliance/Adhärenz der Patient:innen. 💡 ****Compliance** bezieht sich auf das Maß, in dem Patient:innen den Anweisungen oder Vorschriften einer Gesundheitsfachperson folgt. Der Begriff impliziert oft eine gewisse Passivität der Patient:innen, bei der Ärzt:innen die Anweisungen geben und Patient:innen ihnen folgen. 💡 ****Adhärenz** ist ein Begriff, der eine aktivere Beteiligung von Patient:innen an der Behandlung betont. Adhärenz geht von einer partnerschaftlichen Beziehung zwischen Patient:innen und den Gesundheitsfachpersonen aus, in der gemeinsam Entscheidungen über die Behandlung getroffen werden. Patient:innen entscheiden bewusst den Behandlungsplänen zu folgen, die auf die individuellen Bedürfnisse und Umstände abgestimmt sind. Adhärenz berücksichtigt auch, dass Patient:innen aus guten Gründen von den Empfehlungen abweichen, etwa aufgrund von Nebenwirkungen oder persönlichen Überzeugungen. ## Unterschiede zwischen Expertenstandards und Leitlinien Während Leitlinien eine zentrale Rolle in der medizinischen und pflegerischen Versorgung spielen, ist es wichtig, sie von Expertenstandards abzugrenzen. Informationen zu Expertenstandards werden in diesem Video detailliert aufgearbeitet. ### Gemeinsamkeiten - **Qualitätsverbesserung:** Sowohl Leitlinien als auch Expertenstandards zielen darauf ab, die Qualität der Patient:innenversorgung zu verbessern. - **Wissenschaftliche Evidenz:** Beide basieren auf der aktuellsten wissenschaftlichen Evidenz und definieren Qualitätsstandards in der Behandlung und Pflege. ### Unterschiede - **Fokus und Anwendungsbereich:** Leitlinien sind in der Regel nicht so breit angelegt und decken ein spezifisches medizinisches oder pflegerisches Thema ab. Sie sind hauptsächlich medizinisch orientiert und bieten Entscheidungsgrundlagen für spezifische medizinische Maßnahmen. Expertenstandards hingegen sind oft breiter angelegt und auf den Pflegeprozess ausgerichtet, um die Gesamtheit der Pflege zu verbessern. - **Disziplinäre Ausrichtung:** Expertenstandards sind monoprofessionelle Instrumente. Leitlinien hingegen werden multidisziplinär erstellt, was bedeutet, dass sie die Perspektiven verschiedener medizinischer und pflegerischer Fachgebiete integrieren. Dieser Punkt ist allerdings nicht so streng zu bewerten, da auch Expertenstandards mittlerweile einen multidisziplinären Ansatz verfolgen. - **Implementierung in der Praxis:** Expertenstandards sind in der Regel direkt auf die Implementierung in Pflegeeinrichtungen ausgerichtet und beinhalten spezifische Anweisungen zur Umsetzung. Leitlinien sind hingegen eher als Empfehlungen zu verstehen, die Fachpersonal helfen, Entscheidungen zu treffen, aber nicht unbedingt direkt in die Strukturen von Gesundheitseinrichtungen eingebunden werden. ## Zusammenfassung Leitlinien sind wichtige Werkzeuge in der Gesundheitsversorgung, die darauf abzielen, die Qualität der Patient:innenbetreuung kontinuierlich zu verbessern. Sie sind das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses und spiegeln den Konsens führender Expert:innen auf Basis der besten verfügbaren Evidenz wider. Durch die Bereitstellung klarer, forschungsbasierter Richtlinien tragen sie dazu bei, dass Gesundheitsfachleute sicher und effektiv handeln können, zum Wohl der Patient:innen. ### PPR - Update / DAK-Pflegereport / Ende der Gesundheitskioske? URL: https://www.uebergabe.de/pu072/ Last updated: 2026-06-13T23:20:18.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 20.04.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - PPR 2.0 nimmt Fahrt auf: kleine Änderungen, Evaluation nach fünf Jahren geplant. - DAK-Pflegereport warnt vor Fachkräftemangel und hoher Belastung der Babyboomer-Pflegenden. - GVSG: Streichung von Gesundheitskiosken und Primärversorgungszentren sorgt für Kritik. - NRW zahlt internationalen Pflegefachpersonen 1.500 Euro Willkommensgeld. - Bericht zu Pflegepersonaluntergrenzen zeigt geteiltes Echo von GKV und DKG. 📎 Willkommen zu Folge 72 des PflegeUpdate! Heute beleuchten wir die wichtigen Neuigkeiten zu der Pflegepersonalbemessungsverordnung (PPR 2.0), analysieren die Erkenntnisse aus dem DAK-Pflegereport 2024 über den zunehmenden Pflegefachkräftemangel und die Herausforderungen durch die Baby-Boomer. Zudem diskutieren wir die jüngsten Streichungen im Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG), die erhebliche Auswirkungen auf die künftige Gesundheitsversorgung haben könnten. Bleibt dran für spannende Einsichten und Diskussionen zur Zukunft der Pflege. Mehr dazu hört ihr in dieser Folge, viel Spaß! ## Zum Weiterhören - [PU070 – PPR 2.0 als Spielball der Politik / Expert:innenrat Gesundheit und Resilienz](https://www.uebergabe.de/pu070/) - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) - [PU052 – Referentenentwurf GVSG / Expert\*innenpapier Notfallpflege](https://www.uebergabe.de/pu052/) --- ## PflegeUpdate Folge 72: Neues aus der Pflegewelt! Willkommen zu einer neuen Ausgabe des PflegeUpdate. In der heutigen Folge 72 erwarten euch spannende Diskussionen und wichtige Neuigkeiten aus der Pflegelandschaft! ### Aktuelles zur Pflegepersonalbemessungsverordnung (PPR 2.0) Das Thema PPR 2.0 hat eine lange Vorgeschichte und ist nach einer Phase der Stagnation nun wieder in den Fokus der pflegepolitischen Debatte gerückt. Ursprünglich unter Gesundheitsminister Jens Spahn gestartet und in Vergessenheit geraten, wurde das Thema unter seinem Nachfolger Karl Lauterbach erneut aufgegriffen. Die jüngsten Diskussionen im Gesundheitsausschuss des Bundesrats haben einige (kleinere) Änderungen hervorgebracht. So wurde vorgeschlagen, den Anteil an Hilfspersonal von 10 auf 20 Prozent zu erhöhen, um Fachpersonal zu entlasten. Zudem wird eine Anpassung bei der Anrechnung von Hebammen auf gynäkologischen Stationen angestrebt, wobei Hebammen weiterhin in der Geburtshilfe angerechnet werden können. Eine wissenschaftliche Evaluation der PPR ist fünf Jahre nach ihrer Einführung geplant, um die Wirksamkeit der Verordnung zu überprüfen. Mit Spannung beobachten wir die nächste Bundesratssitzung, bei der eine Zustimmung den Weg für die baldige Umsetzung ebnen könnte. Wenn das soweit ist, hört ihr es natürlich im Update! [Die PPR 2.0 im Bundesrat](https://www.bundesrat.de/bv.html?id=0065-24&ref=uebergabe.de) [Deutscher Pflegerat - Pflegepersonalbemessungsverordnung passiert Gesundheitsausschuss des Bundesrates mit positivem Votum.Der Gesundheitsausschuss des Bundesrats hat dem Bundesrat empfohlen, der Pflegepersonalbemessungsverordnung mit wenigen Änderungen zuzustimmen. Der Deutsche Pflegerat begrüßt die Empfehlung und fordert eine schnelle Umsetzung.![](https://deutscher-pflegerat.de/favicon.ico)Deutscher Pflegerat![](https://deutscher-pflegerat.de/ogimg.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/bundesratsausschuss-befuerwortet-pflegepersonalbemessungsverordnung-zur-sicherung-der-pflege?ref=uebergabe.de) --- ### DAK-Pflegereport 2024 beleuchtet Zukunft der Pflege Der jüngste Pflegereport der DAK-Gesundheit wirft einen Spot auf die drängenden Herausforderungen und zukünftigen Bedarfe im Pflegesektor. [DAK-Pflegereport 2024Die Baby-Boomer und die Zukunft der Pflege: Beruflich Pflegende im Fokus. Mehr erfahren!![](https://www.dak.de/favicon.ico)DAK Gesundheit Home![](https://www.dak.de/api/image-forward/caas/v1/media/848/data/d9d37aedc3a0a015da402981a85c3f8f/landscape_ratio4x3/1024/logo-opengraph.png)](https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/dak-pflegereport-2024%5F64670?ref=uebergabe.de#rtf-anchor-kernergebnisse-dak-pflegereport-2024) Der Report, der sich auf eine Vielzahl von Daten und Umfragen stützt, prognostiziert einen zunehmenden Mangel an Pflegefachkräften, der durch demografische Veränderungen verstärkt wird. Besonders hervorgehoben wird die Gesundheitsbelastung von Pflegekräften, insbesondere der Generation der Baby-Boomer, die durch hohe Krankenstände und spezifische gesundheitliche Risiken gekennzeichnet ist. Der Report empfiehlt eine Vielzahl von Maßnahmen, um das Arbeitsfeld der Pflege attraktiver zu gestalten und eine nachhaltige Versorgung sicherzustellen, darunter die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Förderung von Gesundheitsprävention speziell für ältere Pflegepersonen. [Pflegepersonalmangel: erste Bundesländer schon bald am KipppunktDer jetzt von der AGP Sozialforschung vorgestellte DAK-Pflegereport zeigt eindrücklich, mit welcher Wucht der demografische Faktor in den kommenden Jahren im Pflegebereich einschlagen wird — und mit doppelter Wirkung: dem steigenden Bedarf an pflegerischer Unterstützung stehen schwindende Personalressourcen durch den Renteneintritt der Babyboomer Generation gegenüber, die dann wiederum selbst zu Pflegebedürftigen werden können.![](https://www.dbfk.de/wLayout/wGlobal/layout/images/site-icons/favicon.ico)![](https://www.dbfk.de/wLayout/wGlobal/layout/images/DBfK_Logo_Kuller.svg)](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2024/2024-04-10-pflegepersonalmangel-erste-bundeslaender-schon-bald-am-kipppunkt.php?ref=uebergabe.de) --- ### Diskussionen um das Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz Das Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG), das ursprünglich die Einrichtung von Primärversorgungszentren und Gesundheitskiosken vorsah, steht nach einem überarbeiteten Entwurf nun in der Kritik. Diese Versorgungsmodelle sollten niederschwellige, kommunale Gesundheitsdienste stärken und waren insbesondere für die Tätigkeit von Community Health Nurses gedacht. Die Streichung dieser Elemente aus dem Gesetzentwurf wegen befürchteter hoher Kosten für die gesetzlichen Krankenkassen hat bei Fachverbänden und Experten erhebliche Besorgnis ausgelöst. Sie argumentieren, dass die Einsparungen kurzfristig sind, aber langfristig die Gesundheitsversorgung schwächen und die demografischen Herausforderungen ungelöst lassen. Die Entwicklungen um das GVSG bleiben ein zentrales Thema, das wir weiterhin genau beobachten und über das wir in kommenden Episoden berichten werden. [Chance für bessere Versorgung nicht verspielenDer Referentenentwurf zum Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG) liegt in neuer Fassung vor. Ausgerechnet die Primärversorgungszentren, Gesundheitsregionen und Gesundheitskioske, die zu einer nachhaltigen Verbesserung der Gesundheitsversorgung beitragen, fehlen in diesem Entwurf. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) warnt davor, diese Chance zu verspielen.![](https://www.dbfk.de/wLayout/wGlobal/layout/images/site-icons/favicon.ico)![](https://www.dbfk.de/wLayout/wGlobal/layout/images/DBfK_Logo_Kuller.svg)](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2024/Referentenentwurf-des-Gesundheitsversorgungsstaerkungsgesetzes.php?ref=uebergabe.de) [Zur Streichung der Gesundheitskioske aus dem Gesetzesentwurf: Wir machen weiter! | Presse und PolitikMatthias Mohrmann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg, anlässlich der neuen Fassung des Referentenentwurfs zum Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG):![](https://www.aok.de/pp/typo3conf/ext/site_package/Resources/Public/Icons/BrowserIcons/apple-touch-icon.png)AOK-Bundesverband![](https://www.aok.de/pp/fileadmin/_processed_/4/6/csm_Heller_LX3A1173_061f924a04.jpg)](https://www.aok.de/pp/rh/statement/2024/zur-streichung-der-gesundheitskioske-aus-dem-gesetzesentwurf-wir-machen-weiter/?ref=uebergabe.de) [Download des Gesetzesentwurf GVSG](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/G/GVSG%5FReferentenentwurf.pdf?ref=uebergabe.de) --- ## Kurznachrichten: ### Willkommensgeld NRW unterstützt internationale Pflegefachkräfte Nordrhein-Westfalen bietet ein Willkommensgeld von 1.500 Euro an, um internationale Pflegefachpersonen zu unterstützen. Voraussetzungen für den Erhalt sind u.a. ein anerkannter Pflegeberufsabschluss, die Erlaubnis zum Führen der Berufsbezeichnung, ein entsprechender Aufenthaltstitel und ein Wohnsitz in NRW. Die finanzielle Abwicklung erfolgt durch die Bezirksregierungen Arnsberg und Detmold. Anträge können sofort eingereicht werden. ### Bericht zur Pflegepersonaluntergrenze zeigt gemischte Reaktionen Der GKV-Spitzenverband und die Deutsche Krankenhausgesellschaft haben einen Bericht vorgelegt, der die Auswirkungen der Pflegepersonaluntergrenzen (PpUG) bewertet. Basierend auf einer Evaluation von Daten aus über 1.300 Krankenhäusern und Einschätzungen von Pflegedirektionen, zeigt der Bericht gemischte Ergebnisse. Während der GKV-Spitzenverband die PpUG unterstützt und deren Weiterentwicklung fordert, kritisiert die DKG die Maßnahmen als unflexibel und nicht zeitgemäß. ## Weitere Shownotes - [Willkommensgeld NRW](https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/krankenversicherung%5F1/krankenhaeuser/pflegepersonaluntergrenzen/2024-01-22%5FKH%5FGem%5FBericht%5Fueb%5Fd%5FAuswirkungen%5Fd%5FPpUG%5Ffinal.pdf?ref=uebergabe.de) - [DKG und GKV-Spitzenverband zu Pflegepersonaluntergrenzen](https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/krankenversicherung%5F1/krankenhaeuser/pflegepersonaluntergrenzen/2024-01-22%5FKH%5FGem%5FBericht%5Fueb%5Fd%5FAuswirkungen%5Fd%5FPpUG%5Ffinal.pdf?ref=uebergabe.de) ### Tracking-Systeme bei Menschen mit Demenz in der Langzeitpflege URL: https://www.uebergabe.de/tracking-systeme-bei-menschen-mit-demenz-in-der-langzeitpflege/ Last updated: 2024-12-29T21:49:35.000Z 📅 #28 | 18.04.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/Florian-Banner-2-1.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers) URL: https://www.uebergabe.de/ug135/ Last updated: 2026-06-13T12:40:06.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 13.04.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die PPR 2.0 erfasst den tatsächlichen Pflegeaufwand minutengenau für bedarfsgerechte Personalplanung. - Sie soll Arbeitsbedingungen und Versorgungsqualität durch passendes Personal-Patienten-Verhältnis verbessern. - Digitalisierung ist entscheidend, um bürokratischen Aufwand zu senken und mehr Patientenzeit zu schaffen. - Herausforderungen sind fehlende digitale Infrastruktur, uneinheitliche Regelwerke und Qualifikationsmix. - Der Erfolg hängt von Schulungen, digitalen Lösungen und kontinuierlicher Anpassung ab. 📎 Die Pflege bildet das Fundament des Gesundheitssystems. In einem Bereich, der kontinuierlichem Wandel ausgesetzt ist, ist die stetige Anpassung der Bedingungen an die Anforderungen der Pflegekräfte und der Patient:innen eine andauernde Aufgabe. Die neue Pflegepersonalregelung (PPR) 2.0 wurde entwickelt, um ein lang bestehendes Problem zu lösen: den Personalmangel in der Pflege und die dadurch beeinträchtigte Versorgungsqualität in deutschen Krankenhäusern. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Grundlagen, Ziele und Schwierigkeiten der PPR 2.0 und betrachtet, welche Auswirkungen dies auf die Zukunft der Krankenhauspflege in Deutschland haben könnte. ## Hintergrund der PPR 2.0 ### Ursprünge: PPR 1.0 und die Entwicklung bis heute Die PPR 1.0, die in den frühen 1990er Jahren eingeführt wurde, stellte den ersten Schritt dar, um eine systematische Personalplanung in der Pflege zu implementieren. Obwohl sie ambitioniert war, konnte sie sich nicht dauerhaft etablieren und wurde aufgrund verschiedener Kritikpunkte sowie den ständigen Veränderungen im Gesundheitswesen abgeschafft. Dies führte über die Jahre zu einem verstärkten Pflegekräftemangel, der die Qualität der Patientenversorgung beeinträchtigte. Die PPR 2.0 zielt darauf ab, auf den Erfahrungen und Erkenntnissen der Vergangenheit aufzubauen und ein aktualisiertes System zu entwickeln, das den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen gerecht wird. [Pflegepersonaluntergrenzen im KrankenhausFür eine sichere und gute Behandlung: In welchen Krankenhausbereichen Personaluntergrenzen festgelegt sind.![](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/typo3conf/ext/bmg_sitepackage/Resources/Public/Frontend/Base/images/favicon/favicon.ico)App Title](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/pflege/pflegepersonaluntergrenzen.html?ref=uebergabe.de) [Pflegepersonalquotient (PpQ)Zur Verbesserung der Pflegepersonalausstattung der Krankenhäuser und Sicherung der pflegerischen Versorgungsqualität ermittelt das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) jährlich, erstmals zum 31.05.2020, für jedes nach § 108 SGB V zugelassene Krankenhaus einen Pflegepersonalquotienten (PpQ), der das Verhältnis der Anzahl der Vollzeitkräfte in der unmittelbaren Patientenversorgung auf bettenführenden Stationen zu dem Pflegeaufwand eines Krankenhauses beschreibt (§ 137j SGB V).![](https://www.gkv-spitzenverband.de/media/global/favicon/apple-icon-180x180.png)GKV-SpitzenverbandGKV-Spitzenverband![](https://www.gkv-spitzenverband.de/media/global/img/layout/logo_og.jpg)](https://www.gkv-spitzenverband.de/krankenversicherung/krankenhaeuser/pflegepersonaluntergrenzen/pflegepersonalquotient/ppq.jsp?ref=uebergabe.de) [Konzertierte Aktion PflegeMehr Auszubildende, bundeseinheitliche Personalbemessung, eine höhere (tarifliche) Entlohnung, bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen in der Pflege![](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/typo3conf/ext/bmg_sitepackage/Resources/Public/Frontend/Base/images/favicon/favicon.ico)App Title](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/konzertierte-aktion-pflege?ref=uebergabe.de) 💡 ****Was ist die Pflegelast?** **Der Pflegeaufwand wird mithilfe des Pflegelastkataloges des InEK ermittelt. Hierzu sind fallbezogene Informationen erforderlich, die in den Daten nach* [**§ 21 KHEntgG*](https://www.gesetze-im-internet.de/khentgg/%5F%5F21.html?ref=uebergabe.de) *enthalten sind. Der Grundgedanke lautet: Jedem oder jeder vollstationär versorgten Patient:in wird eine DRG (Fallpauschale) zugewiesen. Die Fälle wurden nach dem aG-DRG-System 2021 gruppiert. Jedem oder jeder vollstationären Patient:in wird eine DRG (Diagnosis Related Groups) beziehungsweise Fall-pauschale des aG-DRG-Fallpauschalen-Kataloges für 2021 zugewiesen.* (Quelle: [Bibliomed-Pflege](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/44422-ein-grober-anhaltspunkt?ref=uebergabe.de#:~:text=Der%20PPQ%20ist%20eine%20Verh%C3%A4ltniszahl,%28Textkasten%3A%20Der%20Kehrwert%29.)) ### Die politische und gesellschaftliche Dimension Die Diskussion über die PPR 2.0 ist vielschichtig: Sie ist nicht nur fachlich, sondern auch politisch und gesellschaftlich von Bedeutung. Diese Debatte ist Teil umfassenderer Diskussionen über die Zukunft und die Nachhaltigkeit des Gesundheitssystems, die Arbeitsbedingungen in der Pflege und die Anerkennung des Pflegeberufs in der Gesellschaft. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/ppr-2.0-5-2.webp) ## Ziele der PPR 2.0 ### Adäquate Personalbemessung Ein Hauptziel der PPR 2.0 ist es, den tatsächlichen Pflegeaufwand genauer zu erfassen. Dies geschieht durch die systematische Aufzeichnung von Pflegemaßnahmen und der daraus resultierenden Zeit in Minuten. Ziel ist es, den Personalbedarf realistischer darzustellen und eine solide Basis für eine bedarfsgerechte Personalplanung zu schaffen. > "Es ist ja nicht so, dass die Untergrenzen jetzt besonders toll waren, aber mit der PPR 2.0 haben wir jetzt die Möglichkeit, wirklich auf den individuellen Patientenbedarf einzugehen. Das war vorher in dem Maße einfach nicht möglich." > (Arne Evers) [§ 137k SGB 5 - Einzelnorm![](https://www.gesetze-im-internet.de/favicon.ico)Einzelnorm![](https://www.gesetze-im-internet.de/img/lay/BfJ_2021_WebSVG_de_de.svg)](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F5/%5F%5F137k.html?ref=uebergabe.de) [§ 137l SGB 5 - Einzelnorm![](https://www.gesetze-im-internet.de/favicon.ico)Einzelnorm![](https://www.gesetze-im-internet.de/img/lay/BfJ_2021_WebSVG_de_de.svg)](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F5/%5F%5F137l.html?ref=uebergabe.de) ### Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Versorgungsqualität Die PPR 2.0 zielt darauf ab, eine bessere Übereinstimmung zwischen dem Pflegebedarf der Patient:innen und den verfügbaren Personalressourcen zu erreichen. Dies soll nicht nur die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte verbessern, sondern auch die Qualität der Versorgung steigern. ### Digitalisierung und Bürokratieabbau Ein zusätzliches Ziel der PPR 2.0 ist die Verringerung des administrativen Aufwands durch die Digitalisierung und Standardisierung der Datenerfassung und -verarbeitung. Dies soll es den Pflegekräften ermöglichen, mehr Zeit direkt bei den Patient:innen zu verbringen und weniger Zeit für bürokratische Aufgaben aufzuwenden. ### Übergabe Podcast aus dem Jahr 2019 [ÜG004 - Pflegepersonalstärkungsgesetz (PpSG), Pflegelast, Pflegebudget, Pflegepersonaluntergrenzenverordnung (PpUGV) - (A. Evers) - ÜbergabePflegepersonaluntergrenzen (PpUGV) Pflegepersonaluntergrenzen (InEK) Pflegepersonaluntergrenzen (BMG) Pflegepersonaluntergrenzenverordnung (InEK) Katalog![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2019/02/ug004.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug004/) ## Herausforderungen und Kritikpunkte der PPR 2.0 ### Bürokratische Belastung vs. Digitalisierung Ein häufiger Kritikpunkt an der PPR 2.0 ist der möglicherweise hohe bürokratische Aufwand. Die detaillierte Dokumentation von Pflegemaßnahmen und deren Umrechnung in Minutenwerte könnte, falls nicht durch ausreichende digitale Hilfsmittel unterstützt, eine zusätzliche Belastung für das Pflegepersonal darstellen. Obwohl die Digitalisierung als Lösung vorgeschlagen wird, stehen viele Einrichtungen vor der Herausforderung, notwendige digitale Infrastrukturen erst zu entwickeln oder zu verbessern. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Mangelnde Einheitlichkeit und Überforderung der Systeme Die zahlreichen bestehenden Regelungen und Standards im Pflegebereich machen die einheitliche Anwendung der PPR 2.0 schwierig. Unterschiedliche Vorgaben aus verschiedenen Regelwerken können Verwirrung stiften und den Koordinationsaufwand erhöhen. > "Die Digitalisierung spielt eine Schlüsselrolle bei der Reduzierung des bürokratischen Aufwands und der effizienten Umsetzung der PPR 2.0\. \[...\] Es ist in Anführungszeichen schon alles fertig programmiert. Einige Firmen, die warten halt einfach nur." > (Arne Evers) ### Qualifikationsmix und Pflegekompetenz Ein weiterer Diskussionspunkt betrifft die angemessene Berücksichtigung verschiedener Qualifikationsniveaus in der Pflege. Die PPR 2.0 muss sicherstellen, dass die breite Palette an Kompetenzen und Spezialisierungen innerhalb des Pflegepersonals angemessen in der Personalbemessung reflektiert wird. ## Praktische Umsetzung und Ausblick ### Implementierung und Anpassungsprozesse Für die erfolgreiche Einführung der PPR 2.0 sind umfangreiche Schulungen und Anpassungsprozesse in den Krankenhäusern notwendig. Pflegekräfte müssen in der Handhabung der neuen Regelungen geschult werden, und die administrativen Prozesse müssen den Anforderungen der digitalen Datenerfassung und -übermittlung angepasst werden. ### Die Rolle der Digitalisierung Die Digitalisierung ist entscheidend für die Reduktion des bürokratischen Aufwands und die effektive Implementierung der PPR 2.0\. Digitale Pflegedokumentationssysteme erleichtern die Erfassung und Auswertung der notwendigen Daten und tragen so direkt zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals bei. ### Zukünftige Entwicklungen Es wird erwartet, dass die PPR 2.0 einem kontinuierlichen Entwicklungs- und Anpassungsprozess unterzogen wird. Praktische Rückmeldungen und wissenschaftliche Begleitforschung sind notwendig, um das System weiter zu verfeinern und es an die dynamischen Anforderungen der Pflegepraxis anzupassen. > "Die Aufgabe der Pflegekräfte am Bett ist es, diese Daten zur Einschätzung zu erheben. \[...\] Pflege muss auch in der Lage sein, ihre eigene Leistung zu erfassen. Und das Problem, was momentan herrscht, ist halt eben, man möchte es nicht auf Papier machen, nachvollziehbar. Und es gibt kaum funktionsfähige Computersysteme, die das momentan können." > (Arne Evers) ## Fazit Die Einführung der PPR 2.0 markiert einen wichtigen Schritt hin zu einer systematischen und bedarfsorientierten Personalbemessung in der Pflege. Trotz bestehender Herausforderungen und Kritikpunkte bietet sie die Möglichkeit, die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte zu verbessern und die Qualität der Patientenversorgung zu erhöhen. Der Erfolg der PPR 2.0 wird wesentlich davon abhängen, wie effektiv die Umsetzung gestaltet, digitale Lösungen integriert und alle Beteiligten in einen fortlaufenden Verbesserungsprozess einbezogen werden können. Die zukünftige Bewährung der PPR 2.0 in der Praxis und ihre Auswirkungen auf das Gesundheitssystem bleiben gespannt abzuwarten. ### Video zur PPR 2.0 ### Alle Podcasts zum Thema PPR 2.0 [PPR 2.0 - Übergabe | Medien für die PflegeWir diskutieren wichtige und aktuelle Themen der Pflege![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w600/2024/03/cover70-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/tag/ppr-2-0/) --- #### Zum weiterlesen - [Kontakt Arne Evers (Pflegedirektor St. Josefs-Hospital Wiesbaden)](https://www.joho.de/ansprechpartner-profil/arne-evers?ref=uebergabe.de) - [Eckpunkte zur Umsetzung der PPR 2.0 ](https://www.dkgev.de/fileadmin/default/Mediapool/2%5FThemen/2.5.%5FPersonal%5Fund%5FWeiterbildung/2.5.0.%5FPPR%5F2.0/Eckpunkte%5Fzur%5FUmsetzung%5FPPR%5F2.0.pdf?ref=uebergabe.de) - [Anwendungsvorschriften für die Pflege-Personalregelung 2.0 (Stand 04.04.2023)](https://www.dkgev.de/fileadmin/default/Mediapool/2%5FThemen/2.5.%5FPersonal%5Fund%5FWeiterbildung/PPR%5F2.0%5FAnwendungsvorschriften%5FStand%5F04.04.23.pdf?ref=uebergabe.de) - [Katholischer Krankenhausverband Deutschland e.V.](https://die-katholischen-krankenhaeuser.de/?ref=uebergabe.de) - [Deutsche Krankenhausgesellschaft ](https://www.dkgev.de/?ref=uebergabe.de) - [DBfK Bundesarbeitsgemeinschaften (BAG) ](https://www.dbfk.de/de/berufspolitik/arbeitsgruppen/bundesarbeitsgemeinschaften.php?ref=uebergabe.de) - [Hessische Krankenhausgesellschaft e. V. ](https://hkg-online.de/?ref=uebergabe.de) - [Pflegekompetenzgesetz - Vorläufige Eckpunkte Pflegekompetenzgesetz ](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/P/Pflegekompetenzreform/Kurzpapier%5FVorlaeufige%5FEckpunkte%5FPflegekompetenzG.pdf?ref=uebergabe.de) - [Gesundheitsstrukturgesetz ](https://www.gesetze-im-internet.de/gsg/GSG.pdf?ref=uebergabe.de) - [Selbstkostendeckung](https://www.bpb.de/themen/gesundheit/gesundheitspolitik/252951/die-verguetung-von-krankenhausleistungen/?ref=uebergabe.de#node-content-title-2) - [Pflegekomplexmaßnahmen-Scores (PKMS) ](https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/ops/kode-suche/opshtml2014/zusatz-anh-pflege-scores-pkms.pdf?ref=uebergabe.de) - [Qualitätssicherungs-Richtlinie Früh- und Reifgeborene ](https://www.g-ba.de/richtlinien/41/?ref=uebergabe.de) - [Schreyögg Gutachten zur Krankenhausfinanzierung](https://www.hche.uni-hamburg.de/en/aktuelles/2020-09-10-gutachten-tk/expertise-hche-gesamt-20200825.pdf?ref=uebergabe.de) - [Pflegepersonal-Stärkungsgesetz — PpSG](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/sofortprogramm-pflege?ref=uebergabe.de) - [Tarifvertrag Entlastung Verdi ](https://gesundheit-soziales-bildung-nrw.verdi.de/themen/tarifvertrag-entlastung?ref=uebergabe.de) - [Erhebung DBfK zur Situation beruflich Pflegender im zweiten Corona-Lockdown ](https://www.dbfk.de/media/docs/newsroom/publikationen/Broschuere%5FPflege-im-2.-Lockdown%5FAuswertung%5FFeb2021.pdf?ref=uebergabe.de) - [Bericht über die Auswirkungen der Pflegepersonaluntergrenzen des GKV Spitzenverbandes](https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/krankenversicherung%5F1/krankenhaeuser/pflegepersonaluntergrenzen/2024-01-22%5FKH%5FGem%5FBericht%5Fueb%5Fd%5FAuswirkungen%5Fd%5FPpUG%5Ffinal.pdf?ref=uebergabe.de) - [Studie zur Pflegepersonalausstattung und „Pflegelast” in pflegesensitiven Bereichen in Krankenhäusern — KPMG Gutachten ](https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/krankenversicherung%5F1/krankenhaeuser/pflegepersonaluntergrenzen/2018%5F09%5F24%5FKPMG%5FPflegepersonalausstattung%5Fund%5FPflegelast%5FStudie%5Ffinal.pdf?ref=uebergabe.de) - [Pre-Test einer modernisierten Pflegepersonal- Regelung für Erwachsene PPR 2.0 ](https://www.dkgev.de/fileadmin/default/Mediapool/2%5FThemen/2.5.%5FPersonal%5Fund%5FWeiterbildung/2.5.0.%5FPPR%5F2.0/Abschlussbericht%5FDKG%5FPre-Test%5FPPR2.0%5Ffinal.pdf?ref=uebergabe.de) - [Erprobung der Pflegepersonalregelung 2.0 (PPR 2.0) und der Kinder-Pflegepersonalregelung 2.0 (Kinder-PPR 2.0)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5%5FPublikationen/Pflege/Berichte/Abschlussbericht%5FKinder%5FPPR%5FErprobung%5F20230831.pdf?ref=uebergabe.de) - [Krankenhauspflegeentlastungsgesetz (KHPflEG)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/gesetze-und-verordnungen/guv-20-lp/khpfleg?ref=uebergabe.de) - [Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) e.V. ](https://www.divi.de/?ref=uebergabe.de) - [INPULS - Leistungserfassungssystem Intensivstation Universitätsklinikum Heidelberg ](https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/organisation/pflege/pflegedienst-am-ukhd/pflegedirektion/inpulsr/inpulsr-im-ueberblick-1?ref=uebergabe.de) - [Gesundheitsausschuss des Bundesrates ](https://www.bundesrat.de/DE/bundesrat/ausschuesse/g/g-node.html?ref=uebergabe.de) - [Pflegepersonalbemessungsverordnung — PPBV ](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegepersonalbemessungsverordnung-ppbv.html?ref=uebergabe.de) - [Krankenhaustransparenzgesetz ](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/krankenhaustransparenzgesetz?ref=uebergabe.de) - [European Nursing care Pathways (ENP) ](https://www.recom.eu/klassifikationen/european-nursing-care-pathways.html?ref=uebergabe.de) - [Vorläufige Eckpunkte Pflegekompetenzgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/P/Pflegekompetenzreform/Kurzpapier%5FVorlaeufige%5FEckpunkte%5FPflegekompetenzG.pdf?ref=uebergabe.de) - [Personalbemessungsverfahren in der vollstationären Pflege ](https://www.aok.de/gp/stationaere-pflege/vollstationaere-pflege/personalbemessungsverfahren?ref=uebergabe.de) - [Pflegebedürftigkeit — Begutachtungsinstrument ](https://md-bund.de/themen/pflegebeduerftigkeit-und-pflegebegutachtung/das-begutachtungsinstrument.html?ref=uebergabe.de) - [INEK (Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus) ](https://www.g-drg.de/?ref=uebergabe.de) - [Krankenhausstrukturreform ](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/krankenhaus/krankenhausreform?ref=uebergabe.de) - [Reform der Notfall- und Akutversorgung: Rettungsdienst und Finanzierung ](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/K/Krankenhausreform/BMG%5FStellungnahme%5F9%5FRettungsdienst%5Fbf.pdf?ref=uebergabe.de) - [Heilkundeübertragung: Modellvorhaben zur Übertragung ärztlicher Tätigkeiten an ausgebildete Pflegekräfte ](https://www.g-ba.de/themen/qualitaetssicherung/weitere-bereiche/weitere-bereiche-heilkundeuebertragung/?ref=uebergabe.de) - [Pflegekräftevorausberechnung - 2024 bis 2070 ](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/%5Finhalt.html?ref=uebergabe.de#%5Fi951uc92c) ## Zum Weiterhören - [ÜG030 – Mindestlöhne, PPR 2.0 & Pflegende Angehörige (Prof. Dr. T. Segmüller)](https://www.uebergabe.de/ug030/) - [ÜG183 – Personalbemessung in der Pflege (Martin Pohlmann & Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug183/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Patient-to-Nurse Ratio und Mortalität von Sepsis-Patient:innen URL: https://www.uebergabe.de/patient-to-nurse-ratio-und-mortalitat-von-sepsis-patient-innen/ Last updated: 2024-08-02T22:32:33.000Z 🗓️ #27 | 11.04.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Fritz-Banner-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Expertenstandards in der Pflege: Ein Überblick URL: https://www.uebergabe.de/expertenstandards-in-der-pflege-ein-uberblick/ Last updated: 2024-12-08T19:29:27.000Z Im Gesundheitswesen nehmen Expertenstandards eine Schlüsselrolle ein, um eine hochwertige Patient:innenversorgung sicherzustellen. In der Pflege sind diese Standards von besonderer Bedeutung, da sie direkt die Qualität der Betreuung und die Sicherheit der Patient:innen beeinflussen. Dieser Artikel erläutert, was Expertenstandards in der Pflege sind, wie sie entwickelt werden und warum sie unerlässlich sind. **In diesem Video haben wir alle wesentlichen Aspekte der Expertenstandards für dich zusammengefasst:** ## Was sind Expertenstandards in der Pflege? 💡 Expertenstandards in der Pflege sind detaillierte, auf wissenschaftlicher Evidenz basierende abgestimmte Leistungsniveaus, die definieren, was unter qualitativ hochwertiger Pflege zu verstehen ist. Sie legen spezifische Kriterien für die Pflegepraxis fest, die auf dem besten verfügbaren Wissen beruhen. ### Als Podcast hören ### Anfänge und Gründung des DNQP Die Geschichte der Expertenstandards sowie des [Deutschen Netzwerks für Pflegeentwicklung (DNQP)](https://dnqp.de/?ref=uebergabe.de) ist eng mit der Entwicklung der Pflegewissenschaft in Deutschland verbunden. Die Weltgesundheitsorganisation hatte bereits zu Beginn der 1990er Jahre auf die Bedeutung von Qualitätsstandards in der Pflege hingewiesen, was in Deutschland zur Gründung des DNQP führte. Ziel war es, ein einheitliches Qualitätsniveau in der Pflege zu etablieren und kontinuierlich zu verbessern. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Entwicklung der Expertenstandards Zu Beginn lag der Fokus zunächst auf dem Austausch guter Praxis. Bald erkannte man jedoch die Notwendigkeit, systematisch Expertenstandards zu entwickeln, um die Pflegequalität nachhaltig zu sichern und zu verbessern. [ÜG019 - Expertenstandards in der Pflege (Prof. Dr. Dr. A. Büscher) - ÜbergabeExpertenstandards sind ein wichtiges Instrument zur Förderung der Pflegequalität. In der neuen Folge sprechen wir mit Prof. Dr. Dr. Büscher.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2019/10/ug019.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug019/) ## Der Prozess der Entwicklung von Expertenstandards im Detail Die Entwicklung von Expertenstandards in der Pflege ist ein umfassender und vielschichtiger Prozess, der das Ziel verfolgt, evidenzbasierte und praxisorientierte Instrumente zu schaffen. Dieser Prozess stellt sicher, dass die Standards nicht nur wissenschaftlich fundiert, sondern auch in der Pflegepraxis umsetzbar sind. Im Folgenden wird der Entwicklungsprozess detailliert beschrieben: ### 1\. Themenfindung Der erste Schritt besteht darin, relevante Themenfelder zu identifizieren, die einen Bedarf aufweisen. Diese Identifikation erfolgt durch die Analyse aktueller Herausforderungen in der Pflege, die Bewertung von Risikobereichen, die Berücksichtigung gesellschaftlicher Entwicklungen und dem Einbezug von Feedback aus der Pflegepraxis. ### 2\. Systematische Literaturrecherche und Evidenzbewertung Nach der Festlegung eines Themas wird eine systematische Literaturrecherche durchgeführt, um alle relevanten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu sammeln. Die gesammelten Informationen werden anschließend kritisch bewertet, um die Qualität und Relevanz der Evidenz sicherzustellen. Dieser Schritt ist entscheidend, um eine solide Wissensbasis für die Entwicklung des Standards zu schaffen. 💡 Evidenz bezeichnet Beweise oder Daten, die die Wahrheit einer Behauptung, Hypothese oder Theorie stützen oder belegen. ### 3\. Bildung der Expert:innengruppe und Entwicklung des Entwurfs Auf Basis der gesammelten Evidenz wird eine Expert:innengruppe gebildet, die sich aus Fachexpert:innen verschiedener Disziplinen, Praktiker:innen aus dem Pflegebereich und gegebenenfalls Patient:innenvertreter:innen zusammensetzt. Diese Gruppe arbeitet gemeinsam an der Erstellung eines Entwurfs für den Expertenstandard. Dabei werden die spezifischen Anforderungen an die Pflegepraxis definiert, einschließlich Struktur-, Prozess- und Ergebniskriterien. Die Expert:innengruppe achtet darauf, dass der Standard praktisch umsetzbar ist und den Bedürfnissen der Zielgruppe entspricht. ### 4\. Konsentierungsprozess Der entwickelte Entwurf wird einem breiten Konsentierungsprozess unterzogen, in dem Fachleute aus verschiedenen Bereichen der Pflege und weitere Stakeholder eingeladen werden und Feedback zum Entwurf zu geben. Dies findet in Form von Konsensuskonferenzen statt. Ziel ist es, einen breiten fachlichen Konsens zu erreichen und den Entwurf entsprechend anzupassen. Dieser Schritt gewährleistet, dass der Standard eine breite Akzeptanz findet und die Vielfalt der Pflegepraxis widerspiegelt. ### 5\. Implementierung, Evaluation und Aktualisierung Nach der Konsentierung wird der Expertenstandard in ausgewählten Pflegeeinrichtungen und/oder Krankenhäusern implementiert, um seine Praxistauglichkeit und Effektivität zu überprüfen. Die Erfahrungen aus der Implementierungsphase werden systematisch gesammelt und ausgewertet. Auf Basis dieser Evaluation können Anpassungen vorgenommen werden, um den Standard weiter zu optimieren. Expertenstandards werden regelmäßig überprüft und aktualisiert, um sie an neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Veränderungen in der Pflegepraxis anzupassen. 💡 Implementierung bedeutet, eine Idee, einen Plan oder eine Lösung in die Tat umzusetzen, sodass sie praktisch genutzt oder ausgeführt werden kann. Es geht darum, aus einer Theorie oder einem Konzept eine funktionierende Realität zu machen. 💡 Evaluation bedeutet die systematische Untersuchung und Bewertung eines Prozesses, Projekts oder Programms, um dessen Wirksamkeit, Qualität oder Erfüllung von Zielen zu beurteilen und zu verstehen. Es geht darum, Stärken und Schwächen zu identifizieren und Verbesserungsmöglichkeiten aufzuzeigen. ## Die Bedeutung von Expertenstandards Die Bedeutung von Expertenstandards in der Pflege lässt sich anhand mehrerer Aspekte verdeutlichen: - **Evidenzbasierte Praxis**: Sie gewährleisten, dass Pflegepraktiken auf dem aktuellsten Stand der Forschung basieren und fördern so eine qualitativ hochwertige Patient:innenversorgung. - **Einheitliche Qualität**: Durch die Vorgabe spezifischer Standards wird eine gleichbleibend hohe Qualität der Pflege in verschiedenen Einrichtungen sichergestellt. - **Rechtlicher Rahmen**: Sie bieten rechtliche Sicherheit sowohl für Pflegefachkräfte als auch für Patient:innen, indem sie klare Qualitätsanforderungen definieren. - **Berufspolitische Bedeutung**: Die Standards stärken die Professionalisierung der Pflege und tragen zur Anerkennung des Berufsstands bei. - **Schutz der Patient:innen**: Sie tragen wesentlich zur Sicherheit und zum Wohl der Patient:innen bei, indem sie Risiken in der Pflegepraxis minimieren. - **Ausbildungsgrundlage**: Expertenstandards dienen als Lehrmaterial in der Aus- und Weiterbildung von Pflegefachkräften. - **Innovationsantrieb**: Sie fördern die kontinuierliche Weiterentwicklung der Pflegepraxis durch die regelmäßige Integration neuer Forschungsergebnisse. ## Weitere Podcasts zum Thema [ÜG073 - Expertenstandard Mobilität im Akutkrankenhaus (Nicole Parwolowski)Wir sprechen mit Nicole Parwolowksi über die Einführung des Expertenstandards Mobilität im Krankenhaus und die Entwicklung des Assessments.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2021/06/ug073-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug073/) [ÜG050 - Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes) - ÜbergabeMit Prof. Dr. Martina Roes sprechen wir über den Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz.![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2020/08/ug050-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug050/) ## Fazit Expertenstandards sind ein unverzichtbares Werkzeug, um die Qualität und Sicherheit in der Pflege zu gewährleisten. Durch ihren evidenzbasierten, systematischen Entwicklungsprozess tragen sie dazu bei, dass Pflegefachkräfte ihr Handeln stets auf dem neuesten Stand der Wissenschaft ausrichten können. Die kontinuierliche Beteiligung der professionell Pflegenden an ihrer Entwicklung und Überprüfung stellt sicher, dass die Expertenstandards aktuell bleiben und die Praxis effektiv unterstützen. Sie sind somit ein fundamentaler Bestandteil einer qualitätsorientierten Pflegekultur, die das Wohl der Patient:innen in den Mittelpunkt stellt. ## Links zum Weiterlesen [DNQP![](https://static.ghost.org/v5.0.0/images/link-icon.svg)![](https://dnqp.de/typo3conf/ext/hsos_core/Resources/Public/Images/logo-mobile.svg)](https://dnqp.de/?ref=uebergabe.de) [Methodisches Vorgehen![](https://static.ghost.org/v5.0.0/images/link-icon.svg)![](https://www.dnqp.de/typo3conf/ext/hsos_core/Resources/Public/Images/logo-mobile.svg)](https://www.dnqp.de/methodisches-vorgehen/?ref=uebergabe.de) ### Eklat: Pflegekammer Baden-Württemberg / VAPiK-Studie URL: https://www.uebergabe.de/pu071/ Last updated: 2026-06-13T23:20:08.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 06.04.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Verfahren zur Pflegekammer BaWü wird regulär - aber verspätet - beendet. - Luchas Äußerung nach der Rückmeldefrist sorgte für Verwirrung und Unruhe. - Die VAPiK-Studie zeigt: Vorbehaltsaufgaben sind in der Praxis kaum umgesetzt. - Handlungsempfehlungen adressieren Mikro-, Meso- und Makroebene des Gesundheitssystems. - Seit 28.03.2024 gilt das Krankenhaustransparenzgesetz. 📎 In der Folge 71 des PflegeUpdates setzen wir uns mit zwei aktuellen Themen auseinander, die den Pflegesektor bewegen. Zum einen die hitzige Debatte um die geplante ****Pflegekammer in Baden-Württemberg**: Warum gibt es die aktuelle politische Debatte und wieso fehlt der politische Rückhalt? Zudem blicken wir auf die spannenden Ergebnisse der ****VAPiK-Studie** des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung zu den Vorbehaltsaufgaben in der Pflege. Was sagen diese Ergebnisse über den Alltag der Pflegefachkräfte aus und welche Veränderungen könnten sie bewirken? Warum spielen die Vorbehaltsaufgaben immer noch so eine untergeordnete Rolle? Mehr dazu hört ihr in dieser Folge, viel Spaß! ## Zum Weiterhören - [ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)](https://www.uebergabe.de/ug145/) - [ÜG129 – Kammergründung in Baden-Württemberg (Anne-Katrin Gerhardts)](https://www.uebergabe.de/ug129/) - [PU076 – Aus für die Pflegekammer in Baden-Württemberg / GMK 2024 / 77\. World Health Assembly](https://www.uebergabe.de/pu076/) --- ## Errichtung der Pflegekammer in BaWü: Ein kontroverses Thema Die geplante Errichtung einer Pflegekammer in Baden-Württemberg hat in den vergangenen Monaten für viel Diskussion gesorgt. Der Gründungsausschuss hatte im August 2023 die Anschreiben an die Arbeitgeber verschickt, welche bis zum Oktober 2023 Zeit hatten, die bei ihnen tätigen Pflegefachpersonen zu melden. Diese hatten wiederum bis zum Februar 2024 Zeit, sich für oder gegen eine Kammer auszusprechen. Der gesamte Prozess sollte bis zum 25\. März 2024 abgeschlossen sein, jedoch hat eine Äußerung des Gesundheitsministers Lucha kurz nach dem Ende der Rückmeldungsfrist für Verwirrung und weitere Unruhe gesorgt. ### Diskussion im Landtag Die Opposition im Landtag hat das Thema aufgegriffen und für zusätzliche Dynamik in der Debatte gesorgt. Die Diskussionen drehen sich vor allem um die Frage, ob eine Pflegekammer die Interessen und die Qualität der Pflege in Baden-Württemberg tatsächlich stärken kann oder ob sie lediglich weitere Bürokratie und Belastungen für die Pflegefachkräfte bedeutet. Die Debatten um eine Beendigung des Verfahrens um die Pflegekammer wurden nun durch den Landtag in Baden-Württemberg beendet - das Verfahren wird regulär beendet - jedoch verspätet. [Zur Pressemitteilung des Errichtungsausschusses](https://www.pflegekammer-bw.de/wp-content/uploads/2022/08/pm-verfahren-wird-fortgesetzt.pdf?ref=uebergabe.de) --- ## Werde Mitglied erhalte Zugriff auf alle Briefings! [Mitglied werden](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) --- ## Spannende Erkenntnisse aus der VAPiK-Studie Die VAPiK-Studie, initiiert vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (DIP), markiert einen entscheidenden Punkt in der Diskussion um die Rolle und die Rechte der Pflegefachpersonen in Deutschland. Durch die Unterstützung des Katholischen Krankenhausverbands Deutschlands (KKVD) ermöglicht, widmet sich die Studie den Vorbehaltsaufgaben in der Pflege, die mit dem Pflegeberufegesetz 2020 neu definiert wurden. Diese spezifizierten Aufgaben betonen die essenzielle Bedeutung des Pflegeprozesses für die pflegerische Tätigkeit. #### Absolute Vorbehaltsaufgaben: Eine klare Grenzziehung Ein Kernpunkt des Grundlagenteils im VAPiK-Projektberichts ist die Betonung der Vorbehaltsaufgaben als absolut. Die Ausführung unterstreicht, dass bestimmte Tätigkeiten ausschließlich von qualifizierten Pflegefachpersonen durchgeführt werden dürfen, ohne Ausnahmen. Diese strenge Abgrenzung soll die Qualität der Pflege gewährleisten und die Professionalisierung des Pflegeberufs vorantreiben. Die Studie zeigt jedoch, dass trotz der klaren gesetzlichen Vorgaben die Umsetzung dieser Vorbehaltsaufgaben in der Praxis noch Herausforderungen birgt. Selbst vier Jahre nach Einführung des Pflegeberufegesetzes ist die flächendeckende Beachtung und Implementierung dieser Aufgaben noch nicht erreicht. [VAPiK - Vorbehaltsaufgaben der PflegeWir informieren Sie hier über das Projekt „VAPiK — Vorbehaltsaufgaben der Pflege im Krankenhaus”, gesetzliche Regelungen und den interdisziplinären Arbeitskreis „think-tank Vorbehaltsaufgaben”.![](https://www.vorbehaltsaufgaben-pflege.de/wp-content/uploads/2023/04/cropped-vapik-fav-270x270.jpg)Vorbehaltsaufgaben der PflegeMarianne Bittner![](https://www.vorbehaltsaufgaben-pflege.de/wp-content/uploads/2024/01/FoerderKombi.png)](https://www.vorbehaltsaufgaben-pflege.de/vapik/?ref=uebergabe.de) #### Die Praxis und ihre Tücken Die VAPiK-Studie wirft Licht auf die Diskrepanz zwischen gesetzlicher Regelung und klinischer Praxis. Obwohl das Pflegeberufegesetz einen bedeutenden Schritt in Richtung Anerkennung und Autonomie der Pflege darstellt, offenbart die Studie, dass die praktische Umsetzung der Vorbehaltsaufgaben vielerorts noch aussteht. Die Studienergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, die Pflegeprozessbezogenheit dieser Aufgaben zu stärken und sie als vorbehaltene Tätigkeiten fest im klinischen Alltag zu verankern. #### Handlungsempfehlungen: Ein Wegweiser für die Zukunft Die aus der VAPiK-Studie resultierenden Handlungsempfehlungen bieten konkrete Ansätze, um die Implementierung der Vorbehaltsaufgaben zu verbessern. Sie adressieren unterschiedliche Ebenen des Gesundheitssystems und fordern eine ganzheitliche Betrachtung und Herangehensweise. Auf der Mikroebene (Praxis) werden Vor-Ort-Analysen und Teambesprechungen vorgeschlagen, um ein tieferes Verständnis und eine bessere Zusammenarbeit zu fördern. Auf der Mesoebene (Einrichtungsleitung) sollen Einrichtungsleitungen die Bedeutung dieser Aufgaben erkennen und unterstützen, während auf der Makroebene (Gesundheitspolitik) politische Entscheidungen gefordert sind, um die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen anzupassen. ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/DALL-E-2024-04-05-12.35.23---Imagine-a-futuristic-scene-with-a-sleek--high-tech-road-sign-standing-at-the-fork-of-a-glowing--neon-lit-path.-The-sign-itself-is-made-of-a-polished--.webp) #### Fazit: Ein notwendiger Dialog für die Zukunft der Pflege Die VAPiK-Studie stellt einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte um die Stellung und die Entwicklung des Pflegeberufs in Deutschland dar. Sie zeigt deutlich auf, dass die Anerkennung und Umsetzung der Vorbehaltsaufgaben zentrale Punkte für die Professionalisierung der Pflege und die Steigerung der Versorgungsqualität sind. --- ## Das Krankenhaustransparenzgesetz ist veröffentlicht! Seit dem 28.03.2024 ist das Krankenhaustransparenzgesetz im Bundesgesetzblatt veröffentlicht und gilt. In der Folge 55 haben wir uns ausführlich dem Gesetz zugewandt. [PU55 - Pflegemindestlöhne steigen/KH-Transparenzgesetz - ÜbergabeWir sind zurück! Das schöne Wetter ist noch da, aber wir sind trotzdem zurück aus der Sommerpause.Ab heute erhaltet ihr hier wieder die neusten Nachrichten aus Pflege- und Gesundheitspolitik.Heute befassen wir uns mit den steigenden Pflegemindestlöhnen, der Tarifbindung in der Pflege und dem Krankenhaus-Transparenzgesetz - also irgendwie schon wieder mit der Krankenhausreform? Wir freuen uns auf die nächsten Folgen!![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMax![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2023/09/folge-55-scaled.jpg)](https://uebergabe.de/pu055?ref=uebergabe.de) ## Weitere Shownotes - [PPR 2.0 Gesetzentwurf](https://dserver.bundestag.de/brd/2024/0065-24.pdf?ref=uebergabe.de) (bundestag.de) - [Pressemitteilung des Sozialauschusses im Landtag BaWü](https://www.landtag-bw.de/home/aktuelles/pressemitteilungen/2024/februar/27-2024.html?ref=uebergabe.de) (landtag-bw.de) - [Internationale Pflegerekrutierung ICN](https://www.icn.ch/news/guardian-article-highlights-icns-concerns-about-international-nurse-recruitment-and-its?ref=uebergabe.de) (icn.ch) ### Psychische Gesundheit nach schwieriger Sedierung URL: https://www.uebergabe.de/psychische-gesundheit-nach-schwieriger-sedierung/ Last updated: 2024-04-19T08:27:48.000Z 🗓️ #26 | 04.04.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Fritz-Banner-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Diversität in der Pflege URL: https://www.uebergabe.de/ug134/ Last updated: 2026-06-13T21:04:19.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 30.03.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Schwanthaler Carrée erhielt den Deutschen Pflegepreis für gelebte Vielfalt und Respekt. - Diversität fördert Resilienz, Achtsamkeit und konstruktiven Umgang mit Konflikten im Pflegealltag. - Maßgeschneiderte Betreuung, Schulungen und Offenheit verankern Diversity Management praktisch. - Kontinuierliche Bildung und Dialogformate sensibilisieren Mitarbeitende für Vielfalt. - Vielfalt wird als zentrales Qualitäts- und Erfolgsmerkmal moderner Pflege verstanden. In der modernen Pflegelandschaft Deutschlands stellt das Schwanthaler Carrée in Frankfurt ein herausragendes Beispiel dafür dar, wie Diversity Management systematisch implementiert und gelebt werden kann. Diese Pflegeeinrichtung wurde für ihre vorbildliche Integration von Diversität mit dem Deutschen Pflegepreis in der Kategorie "Vielfalt und Respekt" ausgezeichnet. Der folgende Artikel beleuchtet die Konzepte, Strategien und Erfolge des Schwanthaler Carrées im Bereich Diversity Management. #### Konzeptionelle Verankerung von Diversität Im Zentrum des Engagements des Schwanthaler Carrées stehen Cornelia Sciborski und Tom Dörr, die durch ihre Arbeit demonstrieren, wie eine inklusive Pflegekultur geschaffen und gefördert werden kann. Die Grundlage ihres Ansatzes bildet die Überzeugung, dass die Anerkennung und Wertschätzung individueller Unterschiede — sei es in Bezug auf Herkunft, Glauben oder sexuelle Orientierung — essenziell für die Qualität der Pflege und das Wohlbefinden der Bewohner:innen sowie der Mitarbeiter:innen ist. [Regenbogenschlüssel![](https://www.regenbogenschluessel.de/img/header-rainbow-flag.jpg)](https://www.regenbogenschluessel.de/?ref=uebergabe.de) > "Diversität wird ja auch ganz oft im Berufsfeld belächelt, so als Kuschelwuschelkurs, irgendwie wieder so ein witziges Projekt von HR, aber im Prinzip ist Diversität davon geprägt, dass man resilienter wird, dass man achtsamer wird, dass man Konflikte auch angeht und eingeht." > \- Tom Dörr #### Implementierung von Diversity Management in der Praxis Die Herausforderungen, die mit der Umsetzung von Diversity Management in einem Pflegekontext einhergehen, sind vielschichtig. Das Schwanthaler Carrée adressiert diese durch maßgeschneiderte Betreuungskonzepte, fortlaufende Weiterbildungen des Personals und die Etablierung einer Kultur der Offenheit. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Bildung und Sensibilisierung aller Beteiligten hinsichtlich der Bedeutung von Vielfalt und den Potenzialen, die ein diverses Umfeld bietet. [Creating Equal Access to Quality Health Care for Transgender Patients: Transgender-Affirming Hospital PoliciesCreating Equal Access to Quality Health Care for Transgender Patients: Transgender-Affirming Hospital Policies![](https://legacy.lambdalegal.org/favicon.ico)Lambda Legal Legacy![](https://legacy.lambdalegal.org/sites/default/files/styles/share_fb/public/images/share/facebook/transhealth_1.png?itok=dfPwYsk2)](https://legacy.lambdalegal.org/publications/20160524%5Ftransgender-affirming-hospital-policies?ref=uebergabe.de) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/DALL-E-2024-03-26-00.03.37---Eine-Szene-in-einer-Pflegeeinrichtung--die-Vielfalt-und-Inklusion-zeigt.-Im-Vordergrund-arbeitet-ein-diverses-Team-aus-Pflegekra-ften-harmonisch-zusamm.webp) #### Ergebnisse und Auszeichnungen Die Anerkennung durch den Deutschen Pflegepreis bestätigt den Erfolg des Schwanthaler Carrées. Doch über die formale Anerkennung hinaus manifestiert sich der wahre Erfolg in den alltäglichen Interaktionen und Erfahrungen innerhalb der Einrichtung: in der gesteigerten Lebensqualität der Bewohner:innen, der persönlichen Entwicklung der Mitarbeiter:innen und der positiven Resonanz von Angehörigen. ## weitere Shownotes [Deutscher Pflegepreis 2023In vier Kategorien werden Persönlichkeiten und Institutionen prämiert, die sich für die Pflege einsetzen und die für die Pflege Stellung beziehen.![](https://www.deutscher-pflegetag.de/_Resources/Static/Packages/Globit.DefaultSite/images/favicons/favicon.ico?bust=a1ed1ff4)Der Kongress für Pflege in Deutschland![](https://www.deutscher-pflegetag.de/_Resources/Persistent/d12d912dbb424789ea702d85b3edef06645d2f8c/Logo_Deutscher_Pflegepreis_RGB-1200x567.png)](https://www.deutscher-pflegetag.de/pflegepreis/deutscher-pflegepreis.html?ref=uebergabe.de) [Das AGAPLESION SCHWANTHALER CARRÉE ist Preisträger des deutschen Pflegepreises-Frankfurt — Das AGAPLESION SCHWANTHALER CARRÉE erhält den deutschen Pflegepreis. Ausgezeichnet wurde die Einrichtung der AGAPLESION MARKUS DIAKNONIE gGmbH in der Kategorie Vielfalt und Respekt.![](https://www.agaplesion.de/typo3conf/ext/agaplesion_template/Resources/Public/images/favicon.png)AGAPLESION gAG![](https://www.agaplesion.de/fileadmin/_processed_/b/b/csm_Korian_Stiftungsaward_2023_Gewinner_Fotocredit_Jan_Pauls_Deutscher_Pflegetag_f613759eec.jpg)](https://www.agaplesion.de/gesundheitskonzern/presse/news-single/das-agaplesion-schwanthaler-carree-ist-preistraeger-des-deutschen-pflegepreises-1-11893?ref=uebergabe.de) > "Für mich hat das eine, \[...\] gewisse Normalität. Allerdings habe ich auch im Laufe der ganzen Jahre immer wieder feststellen müssen, dass es nicht immer so einfach war, für die Menschen zu arbeiten oder dass sie nicht immer so als Mensch angenommen wurden." > \- Cornelia Sciborski ## Werde Mitglied! Erhalte Zugriff auf alle Premium-Inhalte! [Mitglied werden](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) #### Bildungsinitiativen als Kernstück der Strategie Eine Schlüsselkomponente des Diversity Managements im Schwanthaler Carrée ist die kontinuierliche Bildung. Durch interne und externe Schulungen werden alle Beteiligten in die Lage versetzt, Diversität zu verstehen, wertzuschätzen und aktiv zu fördern. Gleichzeitig schafft die Einrichtung durch offene Dialogformate und Begegnungsmöglichkeiten Räume für Austausch und Reflexion. [Bildungsstätte Anne Frank: HomeDie Bildungsstätte Anne Frank ist ein Bildungs- und Beratungszentrum in Frankfurt am Main.![](https://www.bs-anne-frank.de/fileadmin/templates/assets/images/favicons/apple-icon-180x180.png)Bildungsstätte Anne Frank![](https://www.bs-anne-frank.de/fileadmin/templates/assets/images/logos/BAF_Ecke_Webseite_blau.png)](https://www.bs-anne-frank.de/?ref=uebergabe.de) #### Zukunftsperspektiven Das Schwanthaler Carrée ist bestrebt, seine Praktiken und Strategien kontinuierlich zu evaluieren und weiterzuentwickeln. Die Einrichtung sieht sich als Teil einer dynamischen Entwicklung hin zu einer noch inklusiveren und vielfältigeren Pflegelandschaft. Ziel ist es, durch Innovation und Vorbildwirkung einen Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion um Diversität in der Pflege zu leisten und Standards für die Branche zu setzen. #### Resümee Das Engagement des Schwanthaler Carrées für Diversity Management zeigt, dass Vielfalt ein zentrales Qualitätsmerkmal moderner Pflegeeinrichtungen sein kann. Durch ihren ganzheitlichen Ansatz leistet die Einrichtung einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der Pflegepraxis und setzt Maßstäbe für ein wertschätzendes, inklusives Miteinander. Diese Erfahrungen und Erfolge bieten wertvolle Impulse für die gesamte Pflegebranche und unterstreichen die Bedeutung von Diversität als Qualitäts- und Erfolgsfaktor in der Pflege. [GRIN - Das Psychobiographische Pflegemodell nach Erwin BöhmDas Psychobiographische Pflegemodell nach Erwin Böhm. „Verwirrt nicht die Verwirrten” - Gesundheit - Hausarbeit 2006 - ebook 12,99 € - GRIN![](https://www.grin.com/wp-content/uploads/2020/09/cropped-cropped-grin_smiley1000px-270x270.png)GRINFranziska Misch![](https://cdn.openpublishing.com/thumbnail/products/114540/large.webp)](https://www.grin.com/document/114540?ref=uebergabe.de) [SOFRA — Queer Migrants e.V. — Gemeinnütziger Verein![](https://sofra.cologne/wp-content/uploads/2021/05/Logo-Sofra-without-Background-500x500.jpg)![](https://sofra.cologne/wp-content/uploads/2021/05/Logo-Sofra-without-Background-scaled.jpg)](https://sofra.cologne/?ref=uebergabe.de) [Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt® - Schwulenberatung BerlinDas Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt® ist ein Qualifizierungsprogramm für stationäre Pflegeeinrichtungen und ambulante Pflegedienste, Tagespflegestätten, Hospize und Krankenhäuser, die in struktureller, organisationspolitischer und personeller Hinsicht Voraussetzungen schaffen wollen, um sexuelle und geschlechtliche Minderheiten zu inkludieren. Start des erweiterten Programms ab Oktober 2023! Im Oktober 2023 startet das erweiterte Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt® Programm zur Qualifizierung und \[…\]![](https://schwulenberatungberlin.de/wp-content/themes/sbb/img/favicons/favicon.png)Schwulenberatung Berlin![](https://schwulenberatungberlin.de/wp-content/uploads/2021/11/Siegel-Kopie.jpg)](https://schwulenberatungberlin.de/qualitaetssiegel-lebensort-vielfalt/?ref=uebergabe.de) [Wozu Rassismus?Wie funktioniert rassistische Diskriminierung und wie kann ihr begegnet werden? El-Mafaalani zeigt die umfassenden Herausforderungen auf, die mit dem Kampf gegen Rassismus einhergehen.![](https://www.bpb.de/themes/custom/bpbtheme/favicon.ico)bpb.deAladin El-Mafaalani![](https://www.bpb.de/cache/images/7/757517_teaser_publikation_800.jpg?A26FE)](https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/514062/wozu-rassismus/?ref=uebergabe.de) [Startseite | AHF e. V.Die AIDS-Hilfe Frankfurt (AHF) ist: LSBTIQ-Organisation, Sexualität, Identität, Beratung, queeres Jugendwohnen, Kinderwunsch, Drogenhilfe, BeWo.![](https://www.frankfurt-aidshilfe.de/sites/www.frankfurt-aidshilfe.de/files/favicon.ico)AHF - AIDS-Hilfe Frankfurt/Main![](https://www.frankfurt-aidshilfe.de/sites/www.frankfurt-aidshilfe.de/files/images/AH-FFM_og_image.png)](https://www.frankfurt-aidshilfe.de/de?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG167 – Vielfältige Pflege - Sexualität, Identität und professionelle Haltung](https://www.uebergabe.de/ug167/) - [ÜG104 – Diversifizierung von Pflegeteams (Merlin Wenzel & Holger Hegermann)](https://www.uebergabe.de/ug104/) - [ÜG123 – Gesundheitsförderung in Lebenswelten von Trans\* Menschen (Prof:In Dr:In Miriam Tariba Richter, Ray Trautwein)](https://www.uebergabe.de/ug123/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### PPR 2.0 als Spielball der Politik / Expert:innenrat Gesundheit und Resilienz URL: https://www.uebergabe.de/pu070/ Last updated: 2026-06-13T23:19:59.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 23.03.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die PPR 2.0 wird durch politische Blockaden, vor allem aus Bayern, verzögert. - Kritiker fürchten mehr Bürokratie trotz akutem Personalmangel in Kliniken. - Neuer ExpertInnenrat Gesundheit berät die Regierung, Pflegewissenschaft durch Gabriele Meyer vertreten. - Pflegekammer-Entscheidung in Baden-Württemberg bleibt nach Stimmenprüfung weiter offen. - Krankenhausreform und neuer Vorstand der DGPP prägen die Pflegepolitik. 📎 Lukas berichtet euch über die PPR 2.0 und warum diese als politischer Spielball genutzt wird. Auch die Krankenhausreform hängt mit drin - wieso? Lukas erklärt seine Vermutung. Max stellt den neuen ExpertInnenrat Gesundheit und Resilienz vor, der seine Konstitution im Bundeskanzleramt hinter sich hat. Wie ist die Pflege vertreten, was macht das Gremium und was hat das ganze mit Corona zu tun. Keine dieser Fragen bleibt unbeantwortet. Anschließend - wie immer - die Kurznachrichten. ## Zum Weiterhören - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) - [ÜG183 – Personalbemessung in der Pflege (Martin Pohlmann & Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug183/) - [ÜG127 – Pflegekammer Baden-Württemberg (Peter Koch)](https://www.uebergabe.de/ug127/) --- ### Pflegepersonalbemessungsverordnung / PPR 2.0: Ein politisches Hin und Her Die Pflegepersonalbemessungsverordnung, kurz PPBV (oder PPR 2.0), steht im Zentrum politischer Auseinandersetzungen und zeitlicher Verzögerungen. Ursprünglich sollte die Verordnung zu Jahresbeginn eingeführt werden, doch wurde sie aufgrund politischer Debatten und Einsprüchen, insbesondere von der Bayerischen Landesregierung, aufgeschoben. Die Hauptargumente gegen die PPR 2.0 beziehen sich auf den aktuellen Personalmangel in Krankenhäusern und die Befürchtung, dass eine neue Personalbemessung die Situation durch erhöhte Bürokratie verschlimmern könnte. ### Die politische Dimension der PPR 2.0 Die PPR 2.0 wird als politisches Instrument betrachtet, das in der Debatte um die Krankenhausreform eine Rolle spielt. Während die Idee der PPR 2.0 breite Unterstützung findet, zeigt die aktuelle politische Lage, wie Gesetzesvorhaben zu Spielbällen politischer Interessen werden können. Besonders kritisiert wird die Blockadehaltung einiger Länder, die als kontraproduktiv für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege und die Sicherstellung der pflegerischen Versorgung angesehen wird. [Deutscher Pflegerat - Pflegepersonalbemessungsverordnung stärkt die ProfessionDer Deutsche Pflegerat fordert die Länder dringend auf, der Pflegepersonalbemessungsverordnung im Bundesrat schnellstmöglich zuzustimmen und sich klar für die Pflegeprofession auszusprechen.![](https://deutscher-pflegerat.de/favicon.ico)Deutscher Pflegerat![](https://deutscher-pflegerat.de/ogimg.jpg)](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/wer-bessere-arbeitsbedingungen-will-der-darf-nicht-gegen-die-pflegeprofession-stimmen?ref=uebergabe.de) ### Folge 63 des Übergabe PflegeUpdate zu PPR 2.0 [PU63 - Im Fokus: Pflegepersonalbemessungsverordnung (PPR 2.0)Heute haben wir ein wichtiges Thema der Pflegepolitik besonders im Fokus: die Pflegepersonalbemessungsverordnung PPBV (oder eben PPR 2.0). Die PPR gab es schon einmal in deutschen Kliniken und die meisten werden sich daran erinnern.Dieses Verfahren sollte bereits 2020 unter Jens Spahn aktualisiert und wieder eingeführt werden - dazu kam es wegen Corona aber nicht.Was die neuen PPR jetzt bringen sollen und wie die berufspolitische Welt darauf reagiert hat?Und, wie immer, die Kurznachrichten!Hört![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeMax![](https://www.uebergabe.de/content/images/size/w1200/podcast/wp-content/uploads/2023/12/cover63-scaled.jpg)](https://uebergabe.de/pu063?ref=uebergabe.de) ### Video der Übergabe zu PPR 2.0 [Die Zukunft der PersonalbemessungDie Pflegepersonalregelung (PPR) und ihre Aktualisierung, PPR 2.0, zielen auf die Verbesserung der Pflege durch angepasste Personalplanung. Trotz Herausforderungen unterstützen Branchenvertreter:innen die Neuerung für bessere Arbeitsbedingungen.![](https://ubergabe.ghost.io/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeÜbergabe![](https://ubergabe.ghost.io/content/images/size/w1200/2024/03/ppr2.0.webp)](https://www.uebergabe.de/die-zukunft-der-personalbemessung/) [PPR 2.0 | Was ist das? Infos zum aktuellen StandIn diesem Video erklären wir, wie die PPR 2.0 funktioniert und warum sie in Zukunft wichtig für die Pflege ist.🔗 LINKSDBfK: https://www.dbfk.de/media/docs/n…![](https://www.youtube.com/s/desktop/436f2749/img/favicon_144x144.png)YouTube![](https://i.ytimg.com/vi/AylWYXfjIl8/maxresdefault.jpg)](https://www.youtube.com/watch?v=AylWYXfjIl8&ref=uebergabe.de) ## Werde Mitglied erhalte Zugriff auf alle Briefings! [Mitglied werden](https://uebergabe.de/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) ## ExpertInnenrat Gesundheit und Resilienz: Beratung für zukünftige Gesundheitskrisen Am 18\. März begrüßte Bundeskanzler Olaf Scholz die Mitglieder des neuen ExpertInnenrats Gesundheit und Resilienz, der den ehemaligen Corona-ExpertInnenrat ersetzt. Dieses Gremium setzt sich aus WissenschaftlerInnen verschiedener Fachrichtungen zusammen und soll die Bundesregierung bei der Bewältigung zukünftiger Gesundheitskrisen beraten. Besonders hervorzuheben ist die Vertretung der Pflegewissenschaft durch Professorin und Doktorin Gabriele Meyer, die wichtige Perspektiven zur Pflege im höheren Lebensalter und zu Gesundheitsfragen beisteuert. [Bundeskanzleramt beruft ExpertInnenrat ”Gesundheit und Resilienz”![](https://www.bundesregierung.de/resource/blob/974430/974430/34846dc660215d3aa5a281be68288bd6/startseite-breg-relaunch-de-appleTouchIcon.png)Die Bundesregierung informiert | Startseite![](https://www.bundesregierung.de/resource/image/1537866/16x9/500/281/dfaa81700c2114d2c5fc2981504a776c/B9407E9BC00DFD40DE0C8F33EDB022AE/logo-share-social-media.png)](https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/bundeskanzleramt-beruft-expertinnenrat-gesundheit-und-resilienz--2265936?ref=uebergabe.de) ## Die Pflegekammer in Baden-Württemberg Die Debatte um die Einführung einer Pflegekammer in Baden-Württemberg steht weiterhin im Fokus. Aufgrund der Notwendigkeit einer Einzelfallprüfung der abgegebenen Stimmen wurde die Bekanntgabe des Ergebnisses verschoben. Diese Prüfung soll ein rechtssicheres Ergebnis garantieren, welches anschließend durch einen unabhängigen Notar bestätigt wird. Die Entscheidung, ob eine Pflegekammer eingerichtet wird oder nicht, bleibt somit weiterhin offen. Diese Entwicklung spiegelt die anhaltende Diskussion um die Vertretung und Professionalisierung der Pflegeberufe in Deutschland wider. ## Die Krankenhausreform auf dem Prüfstand Die Krankenhausreform bleibt ein Dauerthema in der Gesundheitspolitik. Ein neuer Referentenentwurf legt den Fokus auf die Verbesserung der Zugänglichkeit und Qualität der Versorgung. Unter anderem werden die maximale Fahrzeit zu geeigneten Kliniken und die Vorhaltefinanzierung adressiert. Die bisherige Erfahrung zeigt jedoch, dass der Weg von Entwürfen zu verbindlichen Gesetzen lang und steinig sein kann. Ein Artikel des Bibliomed-Verlags fasst den aktuellen Diskussionsstand zusammen und gibt Einblick in die möglichen Auswirkungen der Reform auf das deutsche Gesundheitssystem. [Politik - Lauterbachs Entwurf zur Transformation der KliniklandschaftNach langem Warten liegt nun seit dem Wochenende der 186 Seiten starke Entwurf zur großen Krankenhausreform vor.![](https://www.bibliomed-pflege.de/typo3conf/ext/lns_sitepackage_bibpflege/Resources/Public/Images/favicon.ico)Online-Portal für professionell PflegendeBibliomed Pflege - Das Portal für die Pflege![](https://www.bibliomed-pflege.de/fileadmin/_processed_/4/8/csm_GettyImages-1473750158_9c4107016c.jpg)](https://www.bibliomed-pflege.de/news/50077-lauterbachs-entwurf-zur-transformation-der-kliniklandschaft?ref=uebergabe.de) ## Vorstandswahlen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrische Pflege Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrische Pflege (DGPP) hat einen neuen Vorstand gewählt. Die Bestätigung von Dorothea Sauer als Präsidentin sowie die Wahl von Uwe Genge und Jacqueline Rixe als Vizepräsidentinnen zeugen von Kontinuität und Erneuerung in der Führung. Die Wiederwahl von Jakob Hellbeck und Michael Mayer sowie die Neuwahl von Robert Zappe in den Beirat unterstreichen das Engagement der DGPP für die Weiterentwicklung psychiatrischer Pflegepraxis und Forschung. Diese personellen Entscheidungen sind wichtig für die zukünftige Ausrichtung der Gesellschaft und die Stärkung der psychiatrischen Pflege in Deutschland. ## Weitere Shownotes - [PPR 2.0 Gesetzentwurf](https://dserver.bundestag.de/brd/2024/0065-24.pdf?ref=uebergabe.de) (bundestag.de) ### Die Zukunft der Personalbemessung URL: https://www.uebergabe.de/die-zukunft-der-personalbemessung/ Last updated: 2024-05-15T21:15:07.000Z Die Pflegebranche steht vor vielen Herausforderungen, nicht zuletzt aufgrund des anhaltenden Pflegepersonalmangels und der wachsenden Anforderungen an die Patient:innenversorgung. Die Pflegepersonalregelung (PPR) und deren jüngste Aktualisierung, die PPR 2.0, stehen im Zentrum einer intensiven Debatte über die Zukunft der Pflege in Deutschland. ### Ein Blick zurück: Die Ursprünge der PPR Die PPR wurde erstmals 1993 eingeführt, um auf den Pflegepersonalmangel zu reagieren, der bereits in den 1980er Jahren spürbar war. Obwohl sie seit 1997 nicht mehr gesetzlich vorgeschrieben ist, diente sie vielen Krankenhäusern weiterhin als wichtige Richtlinie für die Personalbedarfsplanung. Diese Regelung war ein Versuch, den Bedarf an Pflegepersonal quantitativ zu erfassen und somit eine optimale Patient:innenversorgung sicherzustellen. ### Die Geburt der PPR 2.0 Angesichts der sich wandelnden Herausforderungen im Pflegesektor und dem unvermindert hohen Bedarf an qualifiziertem Personal wurde 2019 die Entwicklung der PPR 2.0 in Angriff genommen. Ziel war es, eine aktualisierte und den heutigen Bedürfnissen angepasste Regelung zu schaffen. Die PPR 2.0 soll nicht nur eine präzisere Messung und Planung des Pflegepersonals ermöglichen, sondern auch zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege beitragen. Wir haben bereits 2020 in Folge 30 dazu berichtet. [ÜG030 - Mindestlöhne, PPR 2.0 & Pflegende Angehörige (Prof. Dr. T. Segmüller) - ÜbergabeWir sprechen über die neuen Mindestlöhne und die PPR 2.0\. Zusätzlich sind wir mit Prof. Dr. Tanja Segmüller im Gespräch zu Pflegenden Angehörigen.![](https://ubergabe.ghost.io/content/images/size/w256h256/format/jpeg/2024/03/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeEva![](https://ubergabe.ghost.io/content/images/podcast/wp-content/uploads/2020/02/segm-c3-bcller.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug030/) ## Herausforderungen und Kritik Die Implementierung der PPR 2.0 stieß jedoch auf Hindernisse, darunter die COVID-19-Pandemie und politische Veränderungen, die zu Verzögerungen führten. Besonders kritisch wird die Realisierbarkeit der neuen Regelung betrachtet, vor allem angesichts des bestehenden Personalmangels. Aus Bayern kam beispielsweise deutliche Kritik: Die Landesregierung sprach sich gegen die Einführung der PPR 2.0 aus, mit der Begründung, dass sie die bestehenden Probleme nicht lösen und sogar zu einer Mehrbelastung der Pflegekräfte führen könnte. ### Unterstützung aus der Branche Trotz der Kritik finden sich auch Befürworter:innen der PPR 2.0, insbesondere unter den Vertreter:innen der Pflegeberufe. Organisationen wie der [Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK](https://dbfk.de/?ref=uebergabe.de)), der [Deutsche Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/wer-bessere-arbeitsbedingungen-will-der-darf-nicht-gegen-die-pflegeprofession-stimmen?ref=uebergabe.de) und die [Gewerkschaft ver.di](https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++59409af2-dc7f-11ee-8e3a-6f0c150ddb48?ref=uebergabe.de) unterstützen die Aktualisierung der Regelung. Sie argumentieren, dass eine moderne und an die aktuellen Bedürfnisse angepasste PPR notwendig sei, um die Qualität der Pflege zu sichern und die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte zu verbessern. > „Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Vielleicht ist der Druck bei manchen noch nicht groß genug, um die ernste Situation der gefährdeten Versorgung umfassend anzuerkennen. Eine mehrmonatige Verschiebung oder das Scheitern der Verordnung sind inakzeptabel." > \- Christine Vogler ## Ausblick Die Debatte um die PPR 2.0 und deren Implementierung zeigt, wie dringlich die Suche nach effektiven Lösungen für den Pflegepersonalmangel und die Sicherstellung der Patient:innenversorgung ist. Es steht außer Frage, dass die Pflegebranche an einem Wendepunkt steht. Die Entwicklung und Einführung der PPR 2.0 könnte ein entscheidender Schritt in Richtung einer besseren Zukunft für Pflegekräfte und Patient:innen sein, doch es bedarf eines breiten Konsenses und einer sorgfältigen Planung, um die Herausforderungen erfolgreich zu meistern. Die Diskussion um die PPR 2.0 unterstreicht die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Anpassung und Verbesserung der Regelungen im Pflegebereich. Nur so kann eine hohe Qualität der Patient:innenversorgung gewährleistet und dem Personalbedarf effektiv begegnet werden. ### Außerklinische Intensivversorgung mit Christoph Jaschke URL: https://www.uebergabe.de/ug133/ Last updated: 2026-06-13T12:39:46.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 20.03.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Außerklinische Intensivpflege entstand in den 90ern als bahnbrechendes Versorgungsmodell. - Miniaturisierte Beatmungsgeräte ermöglichen Patient:innen ein autonomeres, normales Leben. - Fachkräftemangel gefährdet heute Pflegequalität und Lebenszufriedenheit der Betroffenen. - Jaschke fordert gesellschaftliches Umdenken und gemeinschaftliche Verantwortung für Schwerstpflegebedürftige. - Über 1000 Unternehmen bieten diese spezialisierte Pflege in Deutschland an. Die Welt der Medizin und Pflege befindet sich in einem ständigen Wandel, getrieben von technologischen Innovationen und dem unermüdlichen Engagement der Fachkräfte. Ein Bereich, der in den letzten Jahrzehnten eine bemerkenswerte Transformation durchlaufen hat, ist die außerklinische Intensivpflege. Christoph Jaschke, ein Pionier und Experte auf diesem Gebiet, teilt tiefgreifende Einsichten in die Entwicklung, die gegenwärtigen Herausforderungen und die vielversprechende Zukunft dieser spezialisierten Pflegeform. #### Die Anfänge und die Rolle des technologischen Fortschritts In den 90er Jahren, als die außerklinische Intensivpflege noch in ihren Anfängen war, wagte Jaschke zusammen mit einem Freund den mutigen Schritt, ein Unternehmen zu gründen, das sich auf diese Art der Pflege konzentrierte. Diese Initiative galt damals als bahnbrechend. Ein Schlüssel zum Erfolg und zur Verbreitung der außerklinischen Intensivpflege war der technologische Fortschritt, insbesondere die Miniaturisierung von Beatmungsgeräten. Diese Innovationen haben es den Patienten ermöglicht, trotz schwerer Beeinträchtigungen ein weitgehend normales und autonomes Leben zu führen. #### Qualifikation des Personals und Lebensqualität der Patienten Ein kritisches Element in der Frühphase der außerklinischen Intensivpflege war die Verfügbarkeit hochqualifizierter Pflegekräfte. Jaschke erinnert sich, wie er zunächst aus einem Pool erfahrener Fachkräfte schöpfen konnte. Heute sieht sich der Sektor jedoch mit einem Mangel an qualifiziertem Personal konfrontiert, was die Qualität der Pflege und die Lebensqualität der Patienten direkt beeinflusst. Trotz dieser Herausforderungen berichten viele Patienten von einer hohen Lebenszufriedenheit, sofern die Betreuung ihren Bedürfnissen entspricht. > ...das ist die, ich sag' mal Königsdisziplin in der Pflege: Menschen auch trotz maximaler Eingeschränktheit am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen. #### Gesellschaftliche Herausforderungen und der Ruf nach Wandel Jaschke spricht offen über die systemischen Schwierigkeiten, die die Versorgung schwerstpflegebedürftiger Menschen mit sich bringt. Er kritisiert den Mangel an qualifiziertem Personal und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Patientenversorgung. Der Experte sieht die Lösung in einem gesellschaftlichen Umdenken und in der Anerkennung der außerklinischen Intensivpflege als eine gemeinschaftliche Verantwortung. Er fordert einen Wandel in der Wahrnehmung und im Umgang mit schwerstpflegebedürftigen Menschen. #### Ein Blick in die Zukunft Trotz der bestehenden Herausforderungen ist Jaschke optimistisch bezüglich der Zukunft der außerklinischen Intensivpflege. Er betont die Notwendigkeit, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Versorgung und Inklusion schwerstpflegebedürftiger Menschen zu verbessern. Mit über 1000 Unternehmen, die in Deutschland diese spezialisierte Pflege anbieten, und einer Patientengruppe, die von Säuglingen bis zu Senioren reicht, ist die außerklinische Intensivpflege ein essentieller Teil des Gesundheitssystems geworden. ### Shownotes [Christoph Jaschkemoderator | speaker | networker![](https://www.christoph-jaschke.de/favicon.ico)Christoph Jaschke![](https://usercontent.one/wp/www.christoph-jaschke.de/wp-content/plugins/instagram-feed-pro/img/placeholder.png?media=1686111271)](https://www.christoph-jaschke.de/?ref=uebergabe.de) [Startseite | DEUTSCHEFACHPFLEGEHerzlich Willkommen bei der DEUTSCHENFACHPFLEGE. Wir decken gemeinsam das gesamte Spektrum der Pflege in Deutschland ab.![](https://deutschefachpflege.de/wp-content/uploads/2022/06/cropped-Logo-DeutscheFachpflege-Signet-4c_web-full-270x270.png)DEUTSCHEFACHPFLEGE![](https://deutschefachpflege.de/wp-content/uploads/2021/09/df-logo.svg)](https://deutschefachpflege.de/?ref=uebergabe.de) [Deutsche Interdisziplinäre Gesellschaft für Außerklinische Beatmung (DIGAB) e.V.![](https://digab.de/wp-content/uploads/2017/12/cropped-DIGAB-e.V._Favicon-270x270.png)Deutsche Interdisziplinäre Gesellschaft für Außerklinische Beatmung (DIGAB) e.V.![](https://digab.de/wp-content/themes/enfold/images/layout/logo.png)](https://digab.de/?ref=uebergabe.de) [MAIK - der Kongress der außerklinischen IntensivversorgungDer MAIK ist seit mehr als 16 Jahren der Fachkongress der außerklinischen Intensivversorgung in Deutschland.![](https://maik-online.org/wp-content/uploads/2023/03/maik-kongress-favicon-new.svg)MAIK Münchner außerklinischer Intensiv KongressMAIK Kongress![](https://maik-online.org/wp-content/uploads/2023/05/Bildschirmfoto-2023-05-10-um-09.50.49-1024x759.png)](https://maik-online.org/?ref=uebergabe.de) [UN-BehindertenrechtskonventionSchätzungsweise 650 Millionen Menschen leben weltweit mit einer Behinderung. Nur in etwa 45 Staaten gibt es Vorschriften, die ihre Rechte besonders schützen. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat deshalb 2001 beschlossen, dass Vorschläge für ein umfassendes internationales Übereinkommen zur Förderung und zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen entwickelt werden sollen - die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK).![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/apple-touch-icon.png)Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit BehinderungenDer Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/logo.png)](https://www.behindertenbeauftragter.de/DE/AS/rechtliches/un-brk/un-brk.html?ref=uebergabe.de) [Intensivpflege- und RehabilitationsstärkungsgesetzIntensiv-Pflegebedürftige sollen besser versorgt, Fehlanreize in der Intensivpflege beseitigt und die Selbstbestimmung der Betroffenen gestärkt werden.![](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/typo3conf/ext/bmg_sitepackage/Resources/Public/Frontend/Base/images/favicon/favicon.ico)App TitleBundesgesundheitsminister Jens Spahn](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/intensivpflegegesetz?ref=uebergabe.de) [GKV-IPReG ThinkTankSeit September 2020 trifft sich der GKV-IPReG ThinkTank![](https://usercontent.one/wp/www.cody.care/wp-content/uploads/2021/05/cody_fav_48x48.png?media=1708602066)CODY connecting healthcare![](https://usercontent.one/wp/www.cody.care/wp-content/uploads/2024/01/CODY.CARE_FB.png?media=1708602066)](https://www.cody.care/gkv-ipreg-thinktank/?ref=uebergabe.de) [Christoph JaschkeVideo’s delen met vrienden, familie en de rest van de wereld![](https://www.youtube.com/s/desktop/74a09c08/img/favicon_144x144.png)YouTube![](https://yt3.googleusercontent.com/vSXIUzhOPuyu8gF-7fMLKcjeJmrTnP3xswErf5kxLoEdiNeMRz0lQvTkhr16ecGfxV_nNutSrQ=s900-c-k-c0x00ffffff-no-rj)](https://youtube.com/@christophjaschke1250?si=pHRIV5Ri8hcCtBmO&ref=uebergabe.de) ### Hör unseren News Podcast *PflegeUpdate* ### ## Zum Weiterhören - [ÜG106 – Auf der Intensivstation (Dr. Sabine Walther & Brigitte Teigeler)](https://www.uebergabe.de/ug106/) - [ÜG165 – Moralischer Distress in der Intensivpflege (Larissa Forster)](https://www.uebergabe.de/ug165/) - [ÜG042 – CORONA SPEZIAL #9: Lage auf Intensivstationen (Interview mit Carsten Hermes)](https://www.uebergabe.de/ug042/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Bauchlage bei operativen Intensivpatient:innen URL: https://www.uebergabe.de/bauchlage-bei-operativen-intensivpatient-innen/ Last updated: 2025-01-03T18:59:52.000Z 📆 #25 | 21.03.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Fritz-Banner-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegepolitik im Bundesrat URL: https://www.uebergabe.de/pu069/ Last updated: 2026-06-13T22:09:00.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 09.03.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Vermittlungsausschuss empfiehlt das Krankenhaustransparenzgesetz unverändert zur Annahme. - Bayern will die PPR 2.0 im Bundesrat überraschend ablehnen – DBfK und Verdi protestieren. - In Baden-Württemberg droht das Quorum für die Landespflegekammer zu scheitern. In dieser Folge richten wir den Blick auf den Bundesrat: Zwei pflegerelevante Vorhaben standen Anfang 2024 zur Entscheidung an – das Krankenhaustransparenzgesetz und die Pflegepersonalbemessungsverordnung. Dazu kommen Kurznachrichten zur Pflegekammer in Baden-Württemberg, einem neuen Vorstand in der Pflegewissenschaft und einer großen Befragung des DBfK. Wichtig vorab: Vieles war zum Zeitpunkt der Aufnahme noch im Fluss – die folgenden Stände beziehen sich auf Anfang März 2024. ## Krankenhaustransparenzgesetz: Vermittlungsausschuss empfiehlt unveränderte Annahme Das Krankenhaustransparenzgesetz wurde im Oktober 2023 vom Bundestag beschlossen. Sein Ziel ist mehr Durchblick für Patient:innen: Über ein sogenanntes Transparenzverzeichnis sollen sie sich künftig über die Behandlungsqualität in deutschen Kliniken informieren und so eine selbstbestimmte, qualitätsorientierte Entscheidung für eine Behandlungsstätte treffen können. Der Bundesrat hatte dem Gesetz am 24\. November 2023 zunächst nicht zugestimmt und es an den Vermittlungsausschuss überwiesen. Dieses Gremium aus jeweils 16 Mitgliedern von Bundestag und Bundesrat wird immer dann einberufen, wenn sich die beiden Kammern bei einem Gesetz nicht einig sind. Es kann keine Entscheidung erzwingen, sondern nur Einigungsvorschläge unterbreiten, die anschließend von beiden Seiten gebilligt werden müssen. Beim Krankenhaustransparenzgesetz verlief das Verfahren vergleichsweise glatt: Der [Vermittlungsausschuss empfahl die unveränderte Annahme des Gesetzes](https://www.vermittlungsausschuss.de/SharedDocs/beratungsvorgaengeva/DE/20wp/541-23.html?ref=uebergabe.de#:~:text=Vermittlungsausschuss%20best%C3%A4tigt%20Krankenhaustransparenzgesetz,einlegt%20oder%20dem%20Einigungsvorschlag%20folgt.). Damit war absehbar, dass das Vorhaben in einer der nächsten Bundesratssitzungen erneut auf der Tagesordnung landet. Wie die Abstimmung am 22\. März 2024 ausging, war zum Zeitpunkt der Aufnahme noch offen. ## PPR 2.0: Bayern will die Pflegepersonalbemessungsverordnung im Bundesrat blockieren Das zweite große Thema betraf die Pflegepersonalregelung 2.0 (PPR 2.0) beziehungsweise – genauer – die Pflegepersonalbemessungsverordnung (PPBV). Auch sie sollte in der nächsten Bundesratssitzung zur Zustimmung gestellt werden, damit die Verordnung endlich in Kraft treten kann. Ihr Kern: eine bedarfsgerechte Personalausstattung in den Krankenhäusern ermöglichen und nachvollziehbar belegen, warum wie viel Personal gebraucht wird. Viele Berufsverbände und die Gewerkschaft Verdi halten dieses Instrument für unverzichtbar. Überraschend wollte Bayern im Bundesrat jedoch eine Ablehnung der PPR 2.0 beantragen und das gesamte Vorhaben so zum Scheitern bringen. Das rief deutliche Kritik hervor. Der DBfK warf der bayerischen Landesregierung vor, mit diesem Schritt die Pflegequalität zu gefährden. In ihrer Argumentation betonte DBfK-Präsidentin Christel Bienstein, die PPR 2.0 sei derzeit das einzige Instrument, mit dem sich Pflegequalität in den Krankenhäusern sicherstellen lasse – ein lernendes Verfahren, das weiterentwickelt werde. Schlechte Personalbesetzung und dauernde Überlastung zählten zu den Hauptgründen, warum Pflegefachpersonen den Beruf verließen; ohne verbindliche Personalbemessung sei in den vergangenen Jahren kein Personalaufbau gelungen. Der Vorwurf in Richtung Bayern: Hier werde eine zentrale Maßnahme blockiert, ohne eine Alternative anzubieten. Ähnlich scharf fiel die Reaktion der Gewerkschaft Verdi aus, die der bayerischen Landespolitik unverantwortliches Handeln vorwarf und befürchtete, mit dem Vorstoß würden auch die bestehenden Personaluntergrenzen infrage gestellt. Die Hintergründe lassen sich in der [Stellungnahme des DBfK zum bayerischen Antrag](https://www.uebergabe.de/content/files/media/docs/newsroom/PressemitteilungenPDF/2024/pm-dbfk%5Fppbv%5Fbayern%5Fantrag.pdf) sowie in der [Pressemitteilung von Verdi](https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++59409af2-dc7f-11ee-8e3a-6f0c150ddb48?ref=uebergabe.de) nachlesen. Der zugehörige [Vorgang zur PPBV im Bundesrat](https://dip.bundestag.de/experten-suche?term=he%3Abr%20AND%20dr%3A65%2F24&f.typ=Vorgang&rows=25&ref=uebergabe.de) dokumentiert den parlamentarischen Stand. Für dich als Pflegefachperson ist das hochrelevant: Eine verbindliche Personalbemessung entscheidet mit darüber, wie viele Kolleg:innen pro Schicht eingeplant werden und wie hoch die Arbeitsbelastung im Alltag ausfällt. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war noch offen, ob der bayerische Antrag eine Mehrheit finden würde – das Thema blieb in Bewegung. ## Kurznachrichten ### Baden-Württemberg: Quorum für die Landespflegekammer in Gefahr In Baden-Württemberg zeichnete sich ab, dass das nötige Quorum für die Gründung einer Landespflegekammer nicht erreicht werden könnte – so eine Einschätzung von Sozialminister Manfred Lucha. Damit es zur Gründung kommt, müssen sich mindestens 60 Prozent der knapp 113.500 Pflegefachpersonen im Land registrieren. Das endgültige Ergebnis sollte das Sozialministerium am 25\. März 2024 bekanntgeben. Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus: Aus der SPD wurde der drohende Misserfolg als Vertrauensverlust für den Minister gewertet, während aus FDP und CDU gemischte Stimmen kamen. Aus den Reihen der FDP wurde zugesichert, die Pflege unabhängig vom Ausgang weiter zu unterstützen; die CDU betonte, die Entscheidung der Pflegefachpersonen respektieren zu wollen und die Kammer als Angebot zu verstehen, das angenommen oder abgelehnt werden könne. ### Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft: Vorstand neu gewählt Im Februar 2024 wählte die Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft einen neuen Vorstand. Die bisherige Vorsitzende Prof.in Inge Eberl von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde in ihrem Amt bestätigt, das sie seit 2021 innehat. Ebenfalls bestätigt wurden die Vorstandsmitglieder Bernhard Holle und Sascha Köpke. Neu hinzu kamen Gabriele Meyer und Rebecca Palm. ### DBfK-Befragung „Pflege – wie geht es dir?" Der DBfK startete die Umfrage „Pflege – wie geht es dir?", um die Stimmung und das Befinden der beruflich Pflegenden regelmäßig zu erfassen. Die Online-Befragung lief vom 1\. bis 31\. März 2024 und richtete sich an alle beruflich Pflegenden. Abgefragt wurden unter anderem die Zufriedenheit mit den Rahmenbedingungen, die berufliche Situation und die allgemeine Stimmungslage. Die jährlich wiederkehrenden Fragen sollen jeweils um einen Schwerpunkt ergänzt werden – 2024 lag dieser auf dem Thema Pflegekompetenz. Vor dem Hintergrund des damals geplanten Pflegekompetenzgesetzes wollte der Verband nach eigener Darstellung herausfinden, inwiefern die vorhandenen Kompetenzen im Arbeitsalltag tatsächlich zum Tragen kommen, welche Erweiterungen sich Pflegefachpersonen wünschen und wie attraktiv neue pflegerische Rollen für sie sind. Die Ergebnisse sollten zum Internationalen Tag der Pflegenden am 12\. Mai veröffentlicht werden. ## Zum Weiterhören - [PU063 – Im Fokus: Pflegepersonalbemessungsverordnung (PPR 2.0)](https://www.uebergabe.de/pu063/) - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) - [ÜG129 – Kammergründung in Baden-Württemberg (Anne-Katrin Gerhardts)](https://www.uebergabe.de/ug129/) --- ### Quellen - [Vermittlungsausschuss zum KH-Transparenzgesetz](https://www.vermittlungsausschuss.de/SharedDocs/beratungsvorgaengeva/DE/20wp/541-23.html?ref=uebergabe.de#:~:text=Vermittlungsausschuss%20best%C3%A4tigt%20Krankenhaustransparenzgesetz,einlegt%20oder%20dem%20Einigungsvorschlag%20folgt.) (vermittlungsausschuss.de) - [Vorgang zu den PPR 2.0 im Bundesrat](https://dip.bundestag.de/experten-suche?term=he%3Abr%20AND%20dr%3A65%2F24&f.typ=Vorgang&rows=25&ref=uebergabe.de) (bundesrat.de) - [Pressemitteilung Verdi zu PPR 2.0](https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++59409af2-dc7f-11ee-8e3a-6f0c150ddb48?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [Pressemitteilung DBfK zu PPR 2.0](https://www.uebergabe.de/content/files/media/docs/newsroom/PressemitteilungenPDF/2024/pm-dbfk%5Fppbv%5Fbayern%5Fantrag.pdf) (dbfk.de) ### Links zu relevanten Folgen aus der Übergabe-Gruppe - [Folge 63 des PflegeUpdate zu PPR 2.0](https://www.uebergabe.de/pu063/) - [Folge 55 des PflegeUpdate zum KH-Transparenzgesetz](https://www.uebergabe.de/pu055/) ### Qualitätsverbesserung in der hospizlich-palliativen Versorgung URL: https://www.uebergabe.de/qualitaetsverbesserung-in-der-hospizlich-palliativen-versorgung/ Last updated: 2024-03-26T20:56:03.000Z 🗓️ #24 | 07.03.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Christian-Banner-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegekräftemangel in Deutschland: Eine Herausforderung für die Zukunft URL: https://www.uebergabe.de/wieviel-pflegekrafte-brauchen-wir/ Last updated: 2024-05-15T21:15:20.000Z Der Pflegebereich in Deutschland steht vor einer enormen Herausforderung: dem wachsenden Mangel an Pflegekräften. Dieses Problem, welches seit Jahren intensiv diskutiert wird, könnte sich in naher Zukunft weiter verschärfen. In diesem Artikel beleuchten wir die drängende Frage der Verfügbarkeit von Pflegekräften im Verhältnis zum steigenden Bedarf, basierend auf statistischen Prognosen und demografischen Entwicklungen. ## Demografische Entwicklungen und die Zukunft der Pflege Deutschland sieht sich einer stetig steigenden Anzahl von Pflegebedürftigen gegenüber, während die Zahl der verfügbaren Pflegekräfte gleichzeitig sinkt. Besonders problematisch ist der bevorstehende Ruhestand der Babyboomer-Generation, welche in den nächsten 10 Jahren die Arbeitnehmerzahl signifikant verringern wird. Dies führt zu einer doppelten Belastung: weniger Pflegekräfte bei gleichzeitig höherem Pflegebedarf. ### Statistische Prognosen bis 2049 Das Statistische Bundesamt hat zwei Szenarien entwickelt, die einen Blick in die Zukunft der Pflege in Deutschland werfen. Diese Szenarien, die den Zeitraum von 2024 bis 2049 umfassen, offenbaren entweder einen signifikanten Rückgang oder einen mäßigen Anstieg der Pflegekräfte, je nach betrachteten Faktoren. #### Status Quo vs. Trendvariante - Im **Status-Quo-Szenario** wird von einem Rückgang der Pflegekräfte um 9% bis 2034 ausgegangen. - Die **Trendvariante** prognostiziert unter Berücksichtigung der Ein- und Austritte aus dem Pflegeberuf einen Zuwachs an Pflegekräften von bis zu 15% bis 2049. ### Der steigende Bedarf an Pflegekräften Unabhängig von den Szenarien ist der Bedarf an Pflegekräften enorm. Schätzungen zufolge wird der Bedarf bis 2049 um ein Drittel steigen, was bedeutet, dass Deutschland etwa 2,15 Millionen Pflegekräfte benötigen wird. ## Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung des Pflegeberufs Um dem Mangel entgegenzuwirken, sind verschiedene Maßnahmen vorgeschlagen worden: - **Gehaltserhöhungen:** Eine Anhebung der Vergütung kann den Pflegeberuf finanziell attraktiver machen. - **Politische Lobbyarbeit:** Eintritt in den politischen Dialog zur Schaffung besserer Arbeitsbedingungen. - **Aufgabenerweiterung:** Mehr Verantwortung und Vielfalt in den Tätigkeitsfeldern. - **Erleichterung des Quereinstiegs:** Zugänglichere Wege für den Berufseinstieg schaffen. - **Anpassung der Teilzeitquoten:** Flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten. ### Einblicke basierend auf Zahlen Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: - Die Anzahl der Pflegebedürftigen wird bis 2049 voraussichtlich um 52% auf 2,74 Millionen Menschen ansteigen. - Im Krankenhausbereich wird ein Anstieg der Fälle um 14% auf 22,5 Millionen erwartet. - Im Bereich der ambulanten Pflege wird ein Mehrbedarf von etwa 60% prognostiziert, während im Bereich der Langzeitpflege ein Anstieg von 40% erwartet wird. [PflegekräftevorausberechnungDie steigende Zahl an Pflegebedürftigen und die Diskussion um fehlende Pflegekräfte verdeutlichen die Herausforderungen, vor denen der Pflegearbeitsmarkt aktuell steht. Der demografische Wandel wirkt im Bereich der Pflege sowohl beim Angebot als auch beim Bedarf. Welche Auswirkungen hat dies auf den Pflegearbeitsmarkt? Mithilfe dieser Vorausberechnung soll die künftige Entwicklung der Zahl der Pflegekräfte eingeschätzt und mit der möglichen Entwicklung des Bedarfs an Pflegekräften verglichen werden.![](https://static.ghost.org/v5.0.0/images/link-icon.svg)Statistisches Bundesamt![](https://www.destatis.de/_config/SocialMediaImage_Image.jpg?__blob=poster)](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Bevoelkerungsvorausberechnung/pflegekraeftevorausberechnung.html?nn=208696&ref=uebergabe.de) ## Fazit Der Pflegekräftemangel in Deutschland ist eine komplexe Herausforderung, die durch demografische Entwicklungen und einen steigenden Bedarf an Pflegeleistungen gekennzeichnet ist. Um dieser Herausforderung zu begegnen, sind innovative Lösungen und politische Maßnahmen erforderlich, die den Pflegeberuf attraktiver machen und so den Weg für eine nachhaltige Zukunft der Pflege in Deutschland ebnen. ### Pflege von Menschen mit geistiger Behinderung (Dr. Stefanie Schniering & Tabea Zillmann) URL: https://www.uebergabe.de/ug132/ Last updated: 2026-06-17T19:31:52.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 02.03.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Menschen mit Lernschwierigkeiten sind im Gesundheitssystem stark unterrepräsentiert. - Das Projekt FaPP-MgB setzt auf Pflegeexpertise und individuelle Präventionspläne. - Bewegung, Ernährung, Stress und Sucht bilden die vier Bausteine. - Vertrauen, Zeit und leichte Sprache sind entscheidend für den Zugang. - Die Intervention soll perspektivisch in die Regelversorgung überführt werden. Wir sprechen über ein Thema, was wir kaum beachten: die Pflege von Menschen mit geistiger Behinderung. Dr. Stefanie Schniering von der HAW Hamburg und Tabea Zillmann sprechen über ein Projekt, welches die Gesundheitsförderung von geistig behinderten Menschen in den Fokus nimmt. Wir sprechen über systembedingte Hürden, welche Qualifikation geeignet ist für dieses Klientel und welches Ziel das Projekt verfolgt. Stell dir vor, es gibt Sportkurse, Ernährungsberatungen und Vorsorgeangebote – und eine ganze Gruppe von Menschen findet darin kaum statt. Genau das passiert in Deutschland bei Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung, also Menschen mit Lernschwierigkeiten. Sie zählen zu den größten Risikogruppen für vermeidbare Begleiterkrankungen und sind gleichzeitig in der Gesundheitsförderung kaum sichtbar. In einer Episode des Übergabe-Podcasts erzählen Dr. Stefanie Schniering und Tabea Zillmann, wie sie das mit dem Hamburger Projekt FaPP-MgB ändern wollen – und warum die Pflege hier eine Hauptrolle übernehmen sollte. ## Eine Zielgruppe im Schatten des Gesundheitssystems Etwa 0,6 Prozent der Menschen in Deutschland leben mit einer geistigen Behinderung. Eine kleine Gruppe – und trotzdem eine, die im Gesundheitswesen viel zu selten mitgedacht wird. Stefanie Schniering, Pflegewissenschaftlerin an der HAW Hamburg, beschreibt das Problem deutlich: Während es in Ländern wie Irland eigene Studiengänge für die Pflege von Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen gibt, ist diese Zielgruppe in Deutschland aus pflegerischer Sicht fast ein blinder Fleck. Das hat Gründe, die tief in der Geschichte liegen. Vor dem Hintergrund dessen, was Menschen mit Behinderungen in Deutschland in der Vergangenheit angetan wurde, hat sich die Pflege diesem Feld lange kaum zugewandt. Stattdessen übernahmen andere Berufsgruppen – allen voran die Sozialpädagogik – die Begleitung. Der Bereich Gesundheit und Gesundheitsförderung blieb dabei jedoch oft außen vor. Dabei gehen Lernschwierigkeiten häufiger mit Bewegungsmangel und ungesunder Ernährung einher, was wiederum das Risiko für Erkrankungen wie Adipositas oder Diabetes erhöht. Genau hier setzt Prävention an – wenn sie denn vorhanden ist. ## Was hinter dem sperrigen Namen FaPP-MgB steckt Das Akronym steht für „Fallmanagement und Pflegeexpertise als Präventionsansatz für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung". Damit auch die Zielgruppe selbst verstehen kann, worum es geht, gibt es einen Titel in leichter Sprache: [BESSER Gesund Leben](https://projekt-besser.de/?ref=uebergabe.de). Das „B" steht für Bewegung, die beiden „S" für Stress und Sucht, das „ER" für Ernährung – die vier Bausteine, um die sich alles dreht. Das Ziel: Menschen mit Lernschwierigkeiten dabei zu unterstützen, ihre Gesundheitskompetenz aufzubauen, ihre Resilienz zu stärken und ihre Lebensqualität zu fördern. Wer früh lernt, etwas für die eigene Gesundheit zu tun, nimmt im besten Fall später seltener Gesundheitsleistungen in Anspruch, weil Begleiterkrankungen gar nicht erst entstehen. Finanziert wird das Ganze über den [Innovationsfonds des G-BA](https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/neue-versorgungsformen/fapp-mgb-fallmanagement-und-pflegeexpertise-als-praeventionsansatz-fuer-erwachsene-menschen-mit-geistiger-behinderung.420?ref=uebergabe.de) über drei Jahre. Genau das ist auch die große Hoffnung des Teams: Wenn die Ergebnisse überzeugen, könnte die Intervention in die Regelversorgung überführt werden – und damit allen Versicherten in Deutschland zur Verfügung stehen, nicht nur den Teilnehmenden in Hamburg. Das Projekt ist groß: Knapp 30 Mitarbeitende an verschiedenen Einrichtungen sind beteiligt. Die [Gesamtkoordination liegt bei der HAW Hamburg](https://www.haw-hamburg.de/forschung/forschungsprojekte-detail/project/project/show/fapp-mgb/?ref=uebergabe.de) unter der Leitung von Prof. Dr. Miriam Tariba Richter, die Durchführung der Intervention beim [Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf](https://evangelisches-krankenhaus-alsterdorf.de/?ref=uebergabe.de). Für die Evaluation sind die Hochschule Bielefeld und das Deutsche Krankenhausinstitut zuständig, dazu kommen zwei Krankenkassen und mehrere Träger der Eingliederungshilfe als Kooperationspartner. ## Warum Zeit und Vertrauen alles entscheiden Tabea Zillmann ist eine von sieben Pflegeexpertinnen im Projekt und betreut – wie ihre Kolleginnen – einen Hamburger Bezirk. Auf die Frage, was die Begleitung dieser Zielgruppe besonders macht, antwortet sie ohne Zögern: Einfühlungsvermögen und vor allem Zeit. Bis Vertrauen entsteht und die Menschen wirklich mitarbeiten, vergehen oft Wochen oder Monate. Und genau diese Zeit fehlt im stark medizinzentrierten Gesundheitssystem an fast allen Ecken. > *„Der Beziehungsaufbau braucht tatsächlich sehr, sehr lange, bis die Menschen auch Vertrauen gefasst haben und anfangen, mit uns zusammenzuarbeiten." — Tabea Zillmann* Ärzt:innen haben selten Zeit, Dinge mehrmals und in einfacher Sprache zu erklären. Im Krankenhaus fehlt der Pflege oft die Möglichkeit, sich diese Zeit zu nehmen. Selbst dort, wo Menschen in Einrichtungen leben und Personal vor Ort ist, entsteht eine Lücke: Die Assistenz, die sie bekommen, ist meist eine pädagogische und kümmert sich um lebenspraktische Dinge wie Behördengänge oder Arztbesuche. Eine spezielle Schulung im Bereich Gesundheit haben diese Begleitpersonen in der Regel nicht – und so geht das alltägliche „Etwas für die Gesundheit tun" schlicht unter. Im Projekt werden übrigens sowohl Menschen begleitet, die allein leben und ambulant unterstützt werden, als auch Teilnehmende aus vollstationären Einrichtungen. ## Vom Kennenlernen zum gemeinsamen Präventionsplan Wie sieht die Begleitung konkret aus? Zu Beginn führten die Pflegeexpertinnen für jeden Bezirk eine Sozialraumanalyse durch: Welche Angebote zur Gesundheitsförderung gibt es bereits, sind sie barrierefrei und für die Zielgruppe zugänglich? Danach beginnt die Arbeit mit den Teilnehmenden selbst. Erst wird kennengelernt und das soziale Netzwerk erfasst, dann folgen umfangreiche Assessments. Dabei steht eine Frage im Mittelpunkt: Wo möchte die Person selbst etwas für ihre Gesundheit verändern? Aus diesen Gesprächen entsteht ein gemeinsamer, partizipativ erarbeiteter Präventionsplan – sogar als haptischer Plan mit einem aufgezeichneten Weg, den man zusammen geht. Die Maßnahmen reichen von niedrigschwellig bis konkret: Mal wird die Lebensmittelpyramide besprochen oder ein Lebensmittel-Memory gespielt, mal geht es gemeinsam in den Sportverein, zur Ernährungsberatung oder zur Suchtberatung. Über zwölf Monate begleiten die Pflegeexpertinnen die Teilnehmenden, überarbeiten den Plan alle zwei Monate und binden früh das Unterstützungssystem ein, damit die Versorgung nach dem Projektende nicht abbricht. Bemerkenswert ist die Haltung dahinter. Im Mittelpunkt stehen konsequent die Wünsche und Bedürfnisse des Menschen – nicht die Erwartungen von außen. Wenn eine Mutter sich wünscht, dass ihr Sohn abnimmt, der Sohn das aber nicht möchte, dann zählt seine Entscheidung. Diese Selbstbestimmung ist etwas, das man sich auch für die allgemeine Pflege mehr wünschen würde. ## Pflegeexpertinnen mit doppelter Spezialisierung Was qualifiziert die Pflegeexpertinnen für diese Aufgabe? Alle bringen einen Masterabschluss in einem pflegerelevanten Bereich mit, etwa Pflegewissenschaft oder Advanced Practice Nursing. Tabea Zillmann selbst hat Gesundheits- und Pflegewissenschaften mit Bildungswissenschaften kombiniert. Das Team ist bunt gemischt, eint aber zwei Spezialisierungen: tiefes Fachwissen in der Gesundheitsförderung und Erfahrung im Umgang mit der Zielgruppe. Weil das Thema Behinderung in vielen Pflegeausbildungen und Studiengängen kaum vorkommt, entwickelte das Team zu Projektbeginn eine 14-tägige Schulung. Inhalte: Wer ist die Zielgruppe, wie gelingt Kommunikation in leichter Sprache oder über unterstützte Kommunikation, wie hält man Motivation aufrecht, welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten – und wie setzt man die spezialisierten Assessments für diesen Bereich ein. So starten alle mit demselben Wissensstand in eine Rolle, die ein neues Aufgabenfeld für die professionelle Pflege markiert. ## Wie misst man den Erfolg von Prävention? Die Begleitung ist hochindividuell – verschiedene Bezirke, verschiedene Bedarfe, verschiedene Maßnahmen. Wie evaluiert man so etwas vergleichbar? Das Team hat dafür ein umfangreiches Design entwickelt. Kern ist eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT), in der die Teilnehmenden in eine Interventions- und eine Kontroll- bzw. Wartegruppe eingeteilt werden. Untersucht wird, wie sich gesundheitsbezogene Lebensqualität, Resilienz und Gesundheitsstatus über ein Jahr entwickeln. Dazu kommen Befragungen aus Nutzer:innensicht, Sichtweisen von Angehörigen, Assistenzpersonen und Ärzt:innen, eine Prozessanalyse des Dokumentationssystems und eine Kosteneffektivitätsanalyse auf Basis von Routinedaten der Krankenkassen. Besonders spannend: ein Baustein inklusiver Forschung. Teilnehmende werden in einer Forschungs-AG geschult, eigene Fragestellungen zu entwickeln und Interviews zu führen – Befragungen aus der Zielgruppe, mit der Zielgruppe. Partizipation also nicht nur in der Planung, sondern auch in der Forschung. Eine ethische Frage liegt nahe: Ist es vertretbar, der Hälfte der Teilnehmenden die Intervention vorzuenthalten? Die Antwort des Teams: Genau deshalb gibt es keine klassische Kontrollgruppe, sondern eine Kontroll-Wartegruppe. Sobald das erste Jahr abgeschlossen ist, erhält auch sie dieselbe Begleitung über zwölf Monate. ## Erste Eindrücke aus der Praxis Belastbare Evaluationsergebnisse gab es zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht – die Intervention lief und eine Entblindung sollte vermieden werden. Was es aber gab, waren Erfahrungsberichte. Und die fielen positiv aus: Viele Teilnehmende nahmen das Projekt sehr gut an, etliche waren am Ende sogar traurig, dass das Jahr schon vorbei war. Während die ersten Monate vor allem Beziehungsarbeit und Orientierung waren, kamen zum Ende immer mehr konkrete Maßnahmen dazu. Menschen, die anfangs skeptisch waren, ließen sich in Sportvereine oder Ernährungsberatungen vermitteln. Es gab einen spürbaren Wissenszuwachs, etwa über gesunde Ernährung oder mehr Alltagsbewegung. Auch das Umfeld wurde sensibilisiert: Assistenzpersonen bemerkten Veränderungen in der Haltung der Teilnehmenden und fragten von sich aus, wie man die Gemeinschaftsversorgung gesünder gestalten könnte – bis hin zu der ganz banalen Frage, wie man mehrmals täglich Obst und Gemüse anbieten kann. ## Wenn Prävention zur Frage des Rechts wird Ein Punkt, der in der Episode für Diskussionsstoff sorgte: Menschen mit Lernschwierigkeiten kann der Zugang zu Präventionsleistungen erschwert sein – obwohl die Beeinträchtigung mit der jeweiligen Maßnahme gar nichts zu tun hat. Nur weil jemand eine Lernschwierigkeit hat, heißt das schließlich nicht, dass er nicht laufen oder Sport machen kann. Tatsächlich musste das Team zu Projektbeginn genau darüber diskutieren, weil die gesetzlichen Formulierungen nicht eindeutig sind: Primärpräventive Angebote richten sich an Gesunde – wer bereits eine Erkrankung hat, fällt schnell durch das Raster. Dazu kommen Barrieren im gelebten Alltag, die oft gar nicht böswillig entstehen, sondern aus schlichtem Übersehen: Leistungserbringer kennen die Zielgruppe nicht, leichte Sprache ist nicht selbstverständlich, es fehlt an Sensibilisierung. Genau hier setzten die Pflegeexpertinnen an, regten neue Angebote an und stießen Fortbildungen an, die speziell auf die Zielgruppe zugeschnitten sind. Immerhin: Ein neues Betreuungsgesetz von Anfang 2023 rückt die Einwilligung der betroffenen Person stärker in den Vordergrund. Bei der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen ist Deutschland damit aber noch lange nicht am Ende. ## Ein neues Feld für die Pflege Was dieses Projekt so besonders macht, ist seine Gleichzeitigkeit: Es stärkt eine bislang übersehene Zielgruppe – und zugleich die Pflege selbst. International ist längst klar, dass die Begleitung von Menschen mit Behinderung eine pflegerische Aufgabe ist. In Deutschland wird genau dieses Feld noch vernachlässigt. > *„Es geht um eine Stärkung einer Zielgruppe, aber auch um eine Stärkung der Pflegenden als Zielgruppe – ein neues Aufgabenfeld für die professionelle Pflege." — Dr. Stefanie Schniering* Das Projekt sollte zum Stand der Aufnahme bis Ende März 2025 laufen, samt abschließender Evaluation, ökonomischer Auswertung und einem Manual als Handreichung für künftige Umsetzungen. Ob die Intervention den Sprung in die Regelversorgung schafft, hängt von den Ergebnissen ab – und am Ende auch von viel Geld, das das System dafür bereitstellen müsste. Aber es geht um Teilhabe, um den Abbau von Barrieren und um gleiche Chancen auf ein gesundes Leben. Ein Anliegen, für das es sich zu kämpfen lohnt. ## Zum Weiterhören - [ÜG081 – Pflege von Menschen mit Behinderung im Krankenhaus (Prof.In Dr.In Doris Tacke)](https://www.uebergabe.de/ug081/) - [ÜG123 – Gesundheitsförderung in Lebenswelten von Trans\* Menschen (Prof:In Dr:In Miriam Tariba Richter, Ray Trautwein)](https://www.uebergabe.de/ug123/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes - [BESSER Gesund Leben](https://projekt-besser.de/?ref=uebergabe.de) - [Evangelisches Krankenhaus Alsterdorf](https://evangelisches-krankenhaus-alsterdorf.de/?ref=uebergabe.de) - [Nursing staff and nursing managers' experiences of using the interRAI ID instrument in assessing the service needs of persons with intellectual disabilities in housing services](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/jppi.12438?ref=uebergabe.de) - [FaPP-MgB – Fallmanagement und Pflegeexpertise als Präventionsansatz für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung - G-BA Innovationsfonds](https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/neue-versorgungsformen/fapp-mgb-fallmanagement-und-pflegeexpertise-als-praeventionsansatz-fuer-erwachsene-menschen-mit-geistiger-behinderung.420?ref=uebergabe.de) - [FaPP-MgB](https://www.haw-hamburg.de/forschung/forschungsprojekte-detail/project/project/show/fapp-mgb/?ref=uebergabe.de) ### Internationale Pflegefachpersonen / Hörer:innen-Kommentar zu Leiharbeit URL: https://www.uebergabe.de/pu068/ Last updated: 2026-06-13T22:08:57.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 24.02.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Pflegekammer NRW fordert eine einheitliche Berufsbezeichnung für internationale Pflegefachpersonen im Anerkennungsverfahren. - Ein Leiharbeit-Experte kritisiert die Bundesrats-Entschließung und plädiert für Dialog statt Deckelung. - News zu Pflegekammer Baden-Württemberg, DPR, ICN-Motto und Freistellung von Kammermitgliedern in NRW. In Folge 68 des PflegeUpdates geht es um zwei größere Themen und einige Kurznachrichten: Wie internationale Pflegefachpersonen während ihres Anerkennungsverfahrens benannt werden sollten, ein ausführlicher Hörer:innen-Kommentar zur Leiharbeit – und Neues zu Pflegekammern und zum Internationalen Tag der Pflegefachpersonen. Hier bekommst du alles kompakt zum Nachlesen. ## Pflegekammer NRW: Einheitliche Berufsbezeichnung für internationale Pflegefachpersonen Die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen hat ein Positionspapier zur Benennung von Pflegefachpersonen veröffentlicht, die ihre Ausbildung im Ausland abgeschlossen haben und sich in Deutschland im Anerkennungsverfahren befinden. Der Kern: Wie diese Kolleg:innen genannt werden – gerade auf dem Namensschild – ist eine Frage der Wertschätzung. Bislang reicht das Spektrum der verwendeten Bezeichnungen von „Pflegehelfer:in" über „Praktikant:in" bis „Hilfskraft" oder schlicht „Hilfe". Das sorgt für Unsicherheit darüber, welche Aufgaben und welche Verantwortung diese Personen eigentlich übernehmen dürfen. Dabei bringen viele der Betroffenen bereits umfangreiche Berufserfahrung mit, und in zahlreichen Herkunftsländern ist die Pflegeausbildung weitgehend akademisiert – die Kolleg:innen wurden also auf Hochschulniveau qualifiziert. Konkret schlägt die Kammer einheitliche Bezeichnungen wie „Pflegefachperson in Anerkennung" beziehungsweise „im Anerkennungsverfahren" vor. Zusätzlich sollen ein klares Aufgabenprofil sowie Tätigkeitsbeschreibungen und Arbeitsverträge in englischer Sprache vorliegen, um sprachliche Hürden abzubauen. Die Kammer ordnet das Thema in einen größeren Zusammenhang ein: Ohne die Zuwanderung von Pflegefachpersonen und ihre gelingende Integration drohe der Pflegenotstand zum Kollaps der Versorgung zu führen. Eine respektvolle, diversitätsfreundliche Arbeitsumgebung – in der Rassismus keinen Platz hat – sei deshalb auch ein Mittel, um diese Kolleg:innen langfristig zu halten. Die Einzelheiten kannst du im [Positionspapier der Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/internationale-pflegefachpersonen-im-anerkennungsverfahren-wertschaetzung-beginnt-bei-der-berufsbezeichnung-auf-dem-namensschild-2/?ref=uebergabe.de) nachlesen. Ein Hinweis zur Einordnung: Seit dem 1\. Januar 2024 übernimmt die Kammer in NRW die Fachsprachprüfung selbst – nach eigenem Anspruch, um die Verfahren aus der Fachlichkeit heraus durchzuführen. ## Hörer:innen-Kommentar: Was an der Bundesrats-Entschließung zur Leiharbeit fehlt Erstmals gab es im PflegeUpdate einen Audiokommentar aus der Community. Den Anfang machte Matthias Menne, gelernter Altenpfleger mit Pflegewissenschafts-Studium an der Universität Witten/Herdecke und nach eigenen Angaben rund 17 Jahren Erfahrung in der Zeitarbeit. Er bezog sich auf die [Bundesratsentschließung zur Eindämmung der Leiharbeit in der Pflege](https://dip.bundestag.de/vorgang/entschlie%C3%9Fung-des-bundesrates-eind%C3%A4mmung-der-leiharbeit-in-der-pflege/299634?term=he%3Abr%20AND%20dr%3A214%2F23&f.typ=Vorgang&rows=25&pos=1&ctx=e&ref=uebergabe.de), die in der vorangegangenen Folge Thema war. Aus seiner Sicht trifft die Entschließung das Problem nur teilweise. Positiv bewertete er den Vorschlag, für die Verleiherlaubnis besondere Qualitätskriterien im sensiblen Pflegebereich einzuführen – bislang würden Unternehmen verschiedener Branchen bei der Erlaubnis zur Arbeitnehmerüberlassung über die Bundesagentur für Arbeit weitgehend gleich behandelt. Kritisch sah er dagegen Vorgaben wie eine Deckelung der Zahl von Leiharbeitnehmer:innen pro Einrichtung, eine Preisdeckelung oder eine gesetzlich verordnete Gleichstellung von Leih- und Stammpersonal. Solche Eingriffe gehörten seiner Meinung nach nicht in die Gesetzgebung; der Markt reguliere vieles davon bereits selbst. Besonders widersprüchlich fand er zwei Punkte: Zum einen könne ein träger- und einrichtungsübergreifendes „Tauschen" von Mitarbeitenden zu einer Umgehung bestehender Regeln zur Arbeitnehmerüberlassung führen. Zum anderen sollten Zeitarbeitsfirmen zwar verpflichtet werden, sich an Aus- und Fortbildungskosten zu beteiligen – dürften aber selbst kaum entsprechende Bildungsmaßnahmen umsetzen. Im Zuge der Personalbemessung (PeBeM) wolle sein Unternehmen Mitarbeitende von einem Qualifikationsniveau zum nächsten weiterqualifizieren, scheitere aber daran, dass es als Zeitarbeitsfirma firmiert. Sein Fazit war zweigeteilt: Zeitarbeitsfirmen müssten sich bei Preisen, Lohnstrukturen und vor allem bei der Pflegekompetenz selbstkritisch hinterfragen. Gleichzeitig hätten sie Kompetenzen in Recruiting, Digitalisierung und der Steuerung flexibler Personalpools aufgebaut, die Einrichtungen künftig brauchen – etwa beim Aufbau eigener Springer- und Pool-Konzepte. Statt eines pauschalen „Fingerzeigs" Richtung Leiharbeit wünschte er sich einen offenen Dialog zwischen Trägern und Personaldienstleistern. Mit Blick auf die aktuelle Lage beschrieb er, dass sich der Markt seit etwa einem Jahr verändere: Leiharbeit werde wieder stärker als Ausfallmanagement genutzt, die Preise sänken. Kritisch sei jedoch die kurzfristige, diskontinuierliche Einsatzplanung – etwa Anfragen für den Nachtdienst am späten Nachmittag –, die die Versorgungsqualität belaste und nach besseren, kontinuierlicheren Konzepten verlange. ## Kurznachrichten ### Pflegekammer Baden-Württemberg: Frist im Widerspruchsverfahren abgelaufen Am 23\. Februar 2024 endete die Frist im Verfahren zur Errichtung einer Pflegekammer in Baden-Württemberg. Von den rund 117.000 Pflegefachpersonen mussten sich mehr als 60 Prozent für eine Kammer aussprechen. Die Landesregierung um Gesundheitsminister Manne Lucha hatte dafür ein Widerspruchsverfahren festgelegt – gezählt wird also nur, wer ausdrücklich Einwand erhebt. Diese Konstruktion stieß sowohl bei Befürworter:innen als auch bei Gegner:innen auf Unverständnis. Kritik gab es zudem am Registrierungsprozess: Dieser lag größtenteils in der Verantwortung der Arbeitgebenden, was teils zu fehlerhaften und unvollständigen Datenübermittlungen führte. In der Folge konnte der Errichtungsausschuss nicht alle Pflegefachpersonen anschreiben. Das Ergebnis sollte zum Zeitpunkt der Folge Ende März persönlich von Gesundheitsminister Lucha verkündet werden. ### Deutscher Pflegerat: Pflegekammern als „Schlüsselelement" Die Entwicklungen in Baden-Württemberg nahm der Deutsche Pflegerat zum Anlass für eine Stellungnahme zu Pflegekammern in Deutschland. Aus Sicht von DPR-Präsidentin Christine Vogler sind Pflegekammern ein zentraler Baustein, damit die Profession Pflege als gleichberechtigter Partner an Entscheidungsprozessen teilnehmen kann. Der Rat sieht Politik, Kostenträger, Krankenkassen, Gewerkschaften, Verbände und Arbeitgeber gemeinsam in der Pflicht, sich für die Errichtung von Pflegekammern in allen Bundesländern einzusetzen. Die [vollständige Stellungnahme des Deutschen Pflegerats](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/pflegekammern-sind-ein-wesentlicher-eckstein-und-das-fundament-unserer-beruflichen-zukunft?ref=uebergabe.de) findest du in den Shownotes. ### ICN: Motto zum Internationalen Tag der Pflegefachpersonen 2024 Das International Council of Nurses (ICN) hat das Motto für den Internationalen Tag der Pflegefachpersonen bekannt gegeben: „Our Nurses, Our Future: The Economic Power of Care". ICN-Präsidentin Pamela Cipriano machte deutlich, dass Finanzkrisen häufig zu Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen führen – meist zulasten der Pflege. Dieser Ansatz übersehe den erheblichen, oft unterschätzten wirtschaftlichen Wert der Pflege für das Gesundheitswesen und die Gesellschaft. Zum Tag der Pflegefachpersonen am 12\. Mai kündigte der [ICN einen Sonderbericht zum wirtschaftlichen Einfluss der Pflege](https://www.icn.ch/news/international-nurses-day-2024-theme-announced-our-nurses-our-future-economic-power-care?ref=uebergabe.de) an. ### NRW: Freistellung für Mitglieder der Pflegekammer beschlossen Anfang Februar 2024 stimmte der nordrhein-westfälische Landtag fraktionsübergreifend einer Änderung des Heilberufegesetzes zu. Mit einem neuen Paragrafen zur „Freistellung für die Mitglieder der Pflegekammer" wurde geregelt, dass gewählte Mitglieder der Organe und Ausschüsse der Kammer für die Ausübung ihres Mandats von der Arbeit freizustellen sind – soweit dringende betriebliche oder dienstliche Belange nicht entgegenstehen. Der Anspruch ist auf acht Tage pro Kalenderjahr beschränkt. Die Regelung soll nach fünf Jahren evaluiert werden. ## Zum Weiterhören - [ÜG076 – Zeitarbeit in der Pflege (Matthias Menne)](https://www.uebergabe.de/ug076/) - [ÜG173 – Erwartungen und Realität internationaler Pflegefachpersonen (Debora Aust)](https://www.uebergabe.de/ug173/) - [ÜG129 – Kammergründung in Baden-Württemberg (Anne-Katrin Gerhardts)](https://www.uebergabe.de/ug129/) --- ### Quellen - [Internationale Pflegefachpersonen - Statement Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/internationale-pflegefachpersonen-im-anerkennungsverfahren-wertschaetzung-beginnt-bei-der-berufsbezeichnung-auf-dem-namensschild-2/?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nrw.de) - [Eindämmung der Leiharbeit in der Pflege](https://dip.bundestag.de/vorgang/entschlie%C3%9Fung-des-bundesrates-eind%C3%A4mmung-der-leiharbeit-in-der-pflege/299634?term=he%3Abr%20AND%20dr%3A214%2F23&f.typ=Vorgang&rows=25&pos=1&ctx=e&ref=uebergabe.de) (bundestag.de) - [Übergabe Folge 76 mit Matthias Menne](https://www.uebergabe.de/ug076/) (uebergabe.de) - [ICN - Internationaler Tag der Pflegenden](https://www.icn.ch/news/international-nurses-day-2024-theme-announced-our-nurses-our-future-economic-power-care?ref=uebergabe.de) (icn.ch) - [Pflegerat zu Pflegekammern](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/pflegekammern-sind-ein-wesentlicher-eckstein-und-das-fundament-unserer-beruflichen-zukunft?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) ### Einflussnehmende Faktoren zur Verwendung von Protokollen zur Beatmungsentwöhnung URL: https://www.uebergabe.de/einflussnehmende-faktoren-zur-verwendung-von-protokollen-zur-beatmungsentwoehnung/ Last updated: 2024-03-26T20:56:07.000Z 🗓️ #23 | 22.02.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Lydia-Banner-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Demenz- und delirsensibles Krankenhaus (CrossOver mit Aufnahmegespräche) URL: https://www.uebergabe.de/ug131/ Last updated: 2026-06-13T12:58:24.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 15.02.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Demenz- und delirsensible Versorgung gelingt nur interdisziplinär – Pflege und Medizin auf Augenhöhe. - Statt separater Demenzstation setzt das Projekt auf flächendeckende Schulung aller Berufsgruppen. - Beim Delir wird per Screening ein niederschwelliges neurologisches Konsil ausgelöst. - E-Learning, Trainingstage und Alltagsboxen verankern Wissen direkt auf den Stationen. - Ziel ist weniger herausforderndes Verhalten, kein perfekter Idealzustand. Unsere neue Folge ist eine CrossOver Aufnahme mit dem Podcast "Aufnahmegespräche" der Niels-Stensen-Kliniken. Wir sprechen mit Tobias Wittler, Ralf Dittrich und Clara Heuer über ihr Projekt zum demenz- und delirsensiblen Krankenhaus. Ihr erfahrt, wie das Konzept im Marienhospital Osnabrück umgesetzt wird und welche Maßnahmen getroffen wurden. Wenn ältere Menschen ins Krankenhaus kommen, bringen viele mehr mit als ihre eigentliche Diagnose: eine Demenz oder das Risiko, ein Delir zu entwickeln. Beides macht den Klinikaufenthalt für die Betroffenen gefährlicher – und für die Versorgenden anspruchsvoller. Wie ein Haus damit umgehen kann, zeigt ein Projekt aus Osnabrück, das in einer ganz besonderen Folge im Mittelpunkt stand: einem CrossOver der Übergabe mit dem [Podcast Aufnahmegespräche der Niels-Stensen-Kliniken](https://www.niels-stensen-kliniken.de/aktuelles/podcast.html?ref=uebergabe.de). Zu Gast waren die Pflegewissenschaftlerin und Projektleiterin [Clara Heuer](https://www.niels-stensen-kliniken.de/marienhospital-osnabrueck/beratung-begleitung/demenzbeauftragte.html?ref=uebergabe.de) und der Neurologe [PD Dr. med. Ralf Dittrich](https://www.niels-stensen-kliniken.de/marienhospital-osnabrueck/medizin/kliniken/neurologie/team.html?ref=uebergabe.de). Für ihre Arbeit wurden sie mit dem Pflegepreis der Deutschen Gesellschaft für Neurologie ausgezeichnet. ## Was ein Krankenhaus überhaupt „demenzsensibel" macht Eines vorweg: Der Begriff ist nicht geschützt. Es gibt kein einheitliches Siegel, kein Zertifikat, keine verbindliche Definition. Wer recherchiert, findet viele Empfehlungen und Handreichungen – aber keinen goldenen Weg, dem man einfach folgen könnte. Genau deshalb sprechen die Beteiligten bewusst von einem demenz- und delirsensiblen Krankenhaus und nicht von einem „demenzgerechten". Denn gerecht, das machten beide Gäste deutlich, kann ein Akutkrankenhaus dieser Patientengruppe kaum werden. Ein geregelter Tagesablauf, viel Ruhe, immer dieselben Bezugspersonen – all das, was Menschen mit Demenz brauchen, steht im Klinikalltag selten im Fokus. Sensibel sein heißt dagegen etwas anderes: bewusst hinschauen, die Bedürfnisse dieser besonders verletzlichen Gruppe wahrnehmen und im Alltag mitdenken. Es geht um Aufmerksamkeit, um Haltung und um ein gemeinsames Verständnis darüber, dass diese Menschen in einer anderen Realität leben – und dass das in Ordnung ist. > *„Ein wichtiges Learning war, zu akzeptieren, dass die Realität eines Menschen mit Demenz nicht unsere ist. Das sind keine Kinder, die ich erziehen muss, sondern Menschen mit einem echten Defizit und einem Handicap." — Clara Heuer* ## Wie aus überschüssiger Energie ein Projekt wurde Der Anstoß kam aus der Neurologie. Als die Klinik die Versorgung der umliegenden Häuser mitbetreute, war noch viel Energie da, die kanalisiert werden wollte. Ein Projektantrag ging raus – und Clara Heuer erfuhr per Telefon, dass sie nun die Projektleitung übernahm. Das war 2018\. Sie wälzte Literatur, recherchierte, schaute sich an, was andere Kliniken machten. Schnell wurde klar: Man fängt im Grunde bei null an. Den ersten echten Faktencheck lieferte ihre Masterarbeit. Über sieben Wochen wurden alle Patient:innen über 65 Jahre gescreent – mit einem [Kurzformat des MoCA-Tests](https://www.pflege.de/krankheiten/demenz/test/moca/?ref=uebergabe.de) und einem Score zur Delir-Erkennung. Das Ergebnis bestätigte das Bauchgefühl der Pflegenden mit Zahlen: Rund ein Fünftel der über 65-Jährigen zeigte eine Form von Demenz oder demenzielle Veränderungen. Eine Zahl, die zur internationalen Datenlage passt, etwa zur bekannten [GHoSt-Studie zur Demenz im Allgemeinkrankenhaus](https://www.bosch-stiftung.de/de/publikation/demenz-im-allgemeinkrankenhaus-ergebnisse-einer-epidemiologischen-feldstudie-general?ref=uebergabe.de). Überraschend war ein anderer Befund: Verglichen mit einem historischen Kollektiv wurden die Betroffenen sogar rund einen Tag früher entlassen – weil sie wegen ihrer Begleiterkrankungen oft priorisiert untersucht und behandelt wurden. Der Mensch und seine eigentliche Problematik bleiben damit aber natürlich. ## Warum Pflege und Medizin hier kein Gegeneinander kennen Ursprünglich war das Vorhaben als Verbesserung der pflegerischen Versorgung gedacht. Doch es zeigte sich rasch, dass das im Krankenhaus nicht funktioniert. Pflege kann einen Expertenstandard umsetzen – aber wenn sich das nicht in Therapie, Umgang und Strukturen widerspiegelt, verpufft die Wirkung. Die Therapiehoheit liegt bei den Ärzt:innen, Veränderungen an Abläufen brauchen einen Motor in der Medizin. Und so wurde aus einem Pflegeprojekt ein interdisziplinäres Projekt über alle Berufsgruppen hinweg. Bemerkenswert war schon, wie sich die beiden Gäste vorstellten: Eine Pflegewissenschaftlerin präsentierte einen Mediziner als ihren Kollegen – und umgekehrt. Diese Gleichwertigkeit ist kein Zufall, sondern Kern des Projekts. > *„Im Krankenhaus lässt sich das nicht monodisziplinär lösen. Die Pflege erkennt diese Patienten oft schon von Weitem – aber die Therapie braucht die Medizin. Beide Berufsgruppen müssen gleichwertig daran arbeiten." — PD Dr. med. Ralf Dittrich* ## Eine bewusste Entscheidung gegen die separate Station Viele Häuser richten geschützte, top ausgestattete Demenzbereiche ein. In Osnabrück hat man sich nach genauer Prüfung der Räumlichkeiten dagegen entschieden. Die Gründe sind praktisch und konzeptionell zugleich. Zehn oder zwanzig Plätze reichen bei den realen Fallzahlen nicht aus – ist die Station voll, müssen die Menschen ohnehin woanders liegen. Zudem kommen Patient:innen nicht mit der Diagnose Demenz, sondern mit einem chirurgischen oder internistischen Krankheitsbild. Eine spezialisierte Station müsste folglich alle Fachrichtungen abbilden, und sämtliche Fachabteilungen müssten dorthin visitieren. Vor allem aber widerspricht die Bündelung dem eigentlichen Ziel. Wenn das Thema in einen abgeschnittenen Bereich ausgelagert wird, denken alle anderen schnell: „Damit habe ich nichts zu tun." Die Sensibilität soll aber überall wachsen. Deshalb fiel die Entscheidung für ein dezentrales Modell – realistischer und nachhaltiger, ohne das von einem Gast trocken kommentierte „Demenzghetto". ## Erkennen, melden, handeln: der Behandlungspfad beim Delir Beim Screening unterscheidet das Projekt klar zwischen Demenz und Delir. Eine Demenz routinemäßig abzufragen, wäre kaum vermittelbar – niemand betritt ein Patientenzimmer, um zu prüfen, ob jemand „dement" ist. Außerdem ist das Demenz-Screening zeitintensiv. Das Delir-Screening dagegen ist, heruntergebrochen, erstaunlich einfach und treffsicher: ein robustes, kurzes Testinstrument wie die [Confusion Assessment Method](https://www.msdmanuals.com/de-de/profi/multimedia/table/confusion-assessment-method-cam-zur-diagnose-von-delirium?ref=uebergabe.de) oder die [NU-DESC](https://www.uksh.de/uksh%5Fmedia/Dateien%5FPflege/LOGGIA/Pocket%5FCards/LOGGiA%5FPocket%5FCard%2B%5F%2BDelir-p-432443.pdf?ref=uebergabe.de), auf der Intensivstation ergänzt durch die CAM-ICU. Wird ein Delir erkannt, läuft ein Behandlungspfad an. Das Entscheidende: Pflegende können dann direkt – auch nur aus dem Bauchgefühl heraus – ein neurologisches Konsil auslösen, das für sie freigeschaltet wurde. Innerhalb von 24 Stunden kommt ein:e Neurolog:in und klärt, ob eine Demenz, ein Delir oder eine andere Differenzialdiagnose vorliegt. Das ist niederschwellig und umgeht den sperrigen Umweg, erst die behandelnde Fachdisziplin um ein Konsil bitten zu müssen. Wichtig dabei: Auf den Normalstationen wird beim Delir bewusst gescreent, weil ein erkanntes Delir Interventionen nach sich ziehen muss – auch wegen der damit verbundenen Mortalität. Beim Thema Demenz vertraut man dagegen auf die geschärfte Wahrnehmung der geschulten Teams. ## Schulung als Herzstück – für wirklich alle Das eigentliche Kernstück ist die Qualifizierung. Statt einzelne Expert:innen herauszupicken, wurden alle geschult, die am Patientenbett wirken: die Pflege als größter Teil, dazu Servicekräfte und Mitarbeitende aus der Küche, die in die Zimmer gehen. Denn herausforderndes Verhalten entsteht unter anderem dadurch, dass zu viele unbekannte Personen auf den Menschen einwirken. Grundlage ist der [Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz](https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/?ref=uebergabe.de), doch das Projekt geht deutlich darüber hinaus. Aufgebaut ist die Schulung in mehreren Ebenen. Ein E-Learning mit rund 15 Modulen à fünf bis zehn Minuten lässt sich orts- und zeitunabhängig nutzen – komplett durchlaufen ergibt es eine vollständige Schulung, einzeln aufgerufen wird es zum Wissensmanagement im Alltag. Inhaltlich geht es um die Krankheitsbilder Demenz und Delir, um Diagnostik und Therapie, um Biografiearbeit und Gedächtnistraining. Ergänzt wird das durch Trainingstage in Präsenz, bei denen Haltung, Sensibilisierung und der Umgang mit herausforderndem Verhalten an Fallbeispielen geübt werden. Über zwei Jahre hinweg wurde so jede Station geschult – immer im Gespräch mit den Teams, mit zugelassenen Pausen, weil alle ohnehin überlastet waren. Obendrauf bildet eine Weiterbildung mit dem Bildungszentrum seit 2021 Multiplikator:innen aus, die als Ansprechpersonen für Demenz und Delir auf den Stationen bleiben. Ein besonderer Baustein ist ein Erfahrungsparcours nach dem Vorbild von [Hands-on Dementia](https://www.hands-on-dementia.info/?ref=uebergabe.de): Mit dicken Handschuhen, beim An- und Auskleiden oder bei alltäglichen Aufgaben lässt sich nachempfinden, wie sich ein Mensch mit Demenz fühlt. Das wechselt die Perspektive spürbar – und schafft Verständnis dafür, dass bestimmtes Verhalten kein Trotz, sondern Ausdruck der Erkrankung ist. ## Vom Massageball bis zur 4-Uhr-Blutentnahme Damit Wissen im Alltag ankommt, bekam jede Station eine Alltagsbox: Stifte und Mandalas, Massagebälle, ein Igelball, Kitteltaschenkarten mit Fünf-Minuten-Übungen fürs Gedächtnistraining. Manche Teams ergänzten eigene Ideen, sodass die Boxen heute unterschiedlich aussehen. Wichtig war, Dinge bereitzustellen, die sich ohne Vorbereitung sofort für Beschäftigung und Aktivierung nutzen lassen – denn gerade die nicht-medikamentösen Maßnahmen sind beim Delir entscheidend, wo medikamentös ohnehin wenig auszurichten ist. Das geschärfte Bewusstsein wirkt auch auf Prozesse zurück. Plötzlich wird hinterfragt, warum Patient:innen nachts um vier zur Blutentnahme geweckt werden, damit die Werte zur Sieben-Uhr-Visite frisch vorliegen. Für Menschen mit Delir kann der ungestörte Nachtschlaf der bessere Weg sein. Auch die klassischen Verlegungen – liebevoll „Bettenkarussell" genannt – werden zurückhaltender gehandhabt, weil jeder Wechsel der Umgebung das Krankheitsbild verschärft. Ein präventiver Effekt, der sich rechnet: Wer mehr Zeit in den Umgang investiert, verhindert herausforderndes Verhalten, Aggression oder Hinlauftendenzen – und gewinnt am Ende. ## Realistische Ziele statt Heilsversprechen Die Schulungseffekte sind beachtlich – in der Literatur ist von rund der Hälfte weniger herausforderndem Verhalten die Rede. Doch die Beteiligten warnen vor Übertreibung: Das Ziel ist nicht, herausforderndes Verhalten komplett abzuschaffen oder Menschen mit Demenz reibungslos zu versorgen. „Das gibt es halt nicht", lautet die nüchterne Einsicht. Es geht darum, dass Pflegende in schwierigen Situationen nicht mehr überfordert dastehen, sondern wissen, an wen sie sich wenden und wie sie reagieren können. > *„Den einen Weg, dem man Schritt für Schritt folgen kann, gibt es nicht. Wir schneiden uns immer kleine Steinchen ab – weniger ist mehr. Man legt einen Grundstein und baut darauf immer wieder auf." — Clara Heuer* ## Was noch kommen soll Das Projekt bleibt dynamisch. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war eine Stelle für eine Advanced Practice Nurse im Bereich Demenz-Delir-Management ausgeschrieben, um die Expertise weiter zu vertiefen. Größere Visionen reichen bis in kommunale Strukturen hinein – etwa eine ambulante Begleitung nach Hause, um Rehospitalisierungen zu vermeiden. Denn sobald die Betroffenen entlassen sind, endet der Einfluss des Krankenhauses, und die strenge Trennung von ambulant und stationär setzt enge Grenzen. Auch eine Wiederholung der ursprünglichen Erhebung steht im Raum, scheitert aktuell aber an knappen Ressourcen. Wer ein ähnliches Vorhaben starten will, bekommt von den Gästen klare Empfehlungen mit auf den Weg: alle Berufsgruppen einbeziehen, die Mitarbeitenden fragen, was sie brauchen, an Haltung und Mindset arbeiten – und klein anfangen, ohne sich auf starre Zahlenziele festzulegen. Für Hospitationen, Tipps und Anregungen ist das Team in Osnabrück ansprechbar. Und der wichtigste Satz fasst die Philosophie zusammen: Es geht nicht darum, ein Projekt vorzuweisen, sondern darum, dass es bei den Patient:innen ankommt. ## Zum Weiterhören - [ÜG100 – Demenzfreundliche Krankenhäuser](https://www.uebergabe.de/ug100/) - [ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz](https://www.uebergabe.de/ug050/) - [ÜG103 – Dementia Care Mapping](https://www.uebergabe.de/ug103/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes - [Zum Podcast Aufnahmegespräche der Niels-Stensen-Kliniken](https://www.niels-stensen-kliniken.de/aktuelles/podcast.html?ref=uebergabe.de) - [Clara Heuer](https://www.niels-stensen-kliniken.de/marienhospital-osnabrueck/beratung-begleitung/demenzbeauftragte.html?ref=uebergabe.de) - [PD Dr. med. Ralf Dittrich](https://www.niels-stensen-kliniken.de/marienhospital-osnabrueck/medizin/kliniken/neurologie/team.html?ref=uebergabe.de) - [Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz](https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/?ref=uebergabe.de) - [MoCa-Test](https://www.pflege.de/krankheiten/demenz/test/moca/?ref=uebergabe.de) - [DemTect](https://www.pflege.de/krankheiten/demenz/test/demtect/?ref=uebergabe.de) - [Confusion Assessment Method (CAM) zur Diagnose von Delirium ](https://www.msdmanuals.com/de-de/profi/multimedia/table/confusion-assessment-method-cam-zur-diagnose-von-delirium?ref=uebergabe.de) - [NU-DESC (Nursing Delirium Screening Scale)](https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwjl1be57YCEAxU0R%5FEDHcQzBhsQFnoECBIQAQ&url=https%3A%2F%2Fwww.uksh.de%2Fuksh%5Fmedia%2FDateien%5FPflege%2FLOGGIA%2FPocket%5FCards%2FLOGGiA%5FPocket%5FCard%2B%5F%2BDelir-p-432443.pdf&usg=AOvVaw1VrKGx3-sxZjN0JTMb-dOY&opi=89978449) - [Demenz im Allgemeinkrankenhaus. Ergebnisse einer epidemiologischen Feldstudie. General Hospitalstudy (GHoSt)](https://www.bosch-stiftung.de/de/publikation/demenz-im-allgemeinkrankenhaus-ergebnisse-einer-epidemiologischen-feldstudie-general?ref=uebergabe.de) - [Hands-on Dementia](https://www.hands-on-dementia.info/?ref=uebergabe.de) - [Weiterbildung zum Demenzexperten](https://www.niels-stensen-kliniken.de/niels-stensen-bildungszentrum/fortbildungen/lehrgang/default-329296b786.html?ref=uebergabe.de#rc-26112024-0830-weiterbildung-zum-demenzexperten) - [Stellenangebot Pflegeexperte/in (m/w/d) APN Demenz- und Delirmanagement im Marienhospital Osnabrück, Niels-Stensen-Kliniken](https://karriere.niels-stensen-kliniken.de/Pflegeexpertein-mwd-APN-Demenz-und-Delirmanagement-de-j1918.html?ref=uebergabe.de) ### Bundesrat: Leiharbeitsverbot?! / Reform der VdPB? URL: https://www.uebergabe.de/pu067/ Last updated: 2026-06-13T22:08:56.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 10.02.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Bundesrat fordert in einer Entschließung Maßnahmen gegen Leiharbeit in der Pflege. - Bayern will die VdPB mit Pflichtregister und ohne Beirat kammerähnlicher machen. - Kurznachrichten zu Krankenhausreform, Belastung junger Pflegender und neuem DGF-Ethikkodex. In dieser Folge dreht sich vieles um zwei politische Baustellen, die Pflegefachpersonen direkt betreffen: ein erneuter Anlauf gegen die Leiharbeit – diesmal über den Bundesrat – und eine geplante Reform der Pflegevertretung in Bayern. Dazu kommen am Ende drei Kurznachrichten. Wichtig vorab: Vieles befand sich zum Zeitpunkt der Folge (Februar 2024) erst am Anfang des jeweiligen Verfahrens. ## Bundesrat fordert Maßnahmen gegen Leiharbeit in der Pflege Das Thema Leiharbeit begleitet das PflegeUpdate seit Jahren – und es gibt erneut etwas Neues. Bereits im Mai 2023 hatte der damalige bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek einen Antrag auf eine Entschließung des Bundesrates zur Lage in der Pflege und zum Anstieg der Leiharbeit angestoßen. Der Antrag wanderte zunächst in den federführenden Gesundheitsausschuss sowie in den Ausschuss für Arbeit, Soziales und Integration und den Wirtschaftsausschuss. Nachdem im Januar 2024 die Empfehlungen vorlagen, wurde die [Entschließung zur Eindämmung der Leiharbeit in der Pflege](https://dip.bundestag.de/vorgang/entschlie%C3%9Fung-des-bundesrates-eind%C3%A4mmung-der-leiharbeit-in-der-pflege/299634?term=he%3Abr%20AND%20dr%3A214%2F23&f.typ=Vorgang&rows=25&pos=1&ctx=e&ref=uebergabe.de) in der Bundesratssitzung am 2\. Februar 2024 angenommen. Zur Einordnung: Eine Entschließung des Bundesrates dient dazu, die Position der Länder zu einem Thema zu formulieren und Forderungen oder Empfehlungen an die Bundesregierung zu richten. Bindend ist sie nicht – sie muss aber beraten werden. Dass aus einer Länderinitiative tatsächlich Bewegung entstehen kann, hat das Pflegestudiumstärkungsgesetz gezeigt. Ob die jetzigen Forderungen umgesetzt werden, war zum Folgenzeitpunkt völlig offen. Inhaltlich erkennt der Bundesrat an, dass Leiharbeit unter bestimmten Bedingungen die Versorgung sichern kann, sieht im wachsenden Einsatz aber Risiken für die Pflegequalität. Der zentrale Hebel sei eine grundsätzliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Festangestellten – etwa über bessere Bezahlung, verlässliche und flexible Dienstpläne, eine bessere Personalbemessung, eine Ausbildungsoffensive sowie den Aufbau von Springerpools. Konkret fordert die Entschließung unter anderem: Regelungen zur Gleichbehandlung von Stammpersonal und Leiharbeitskräften, eine Prüfung einschränkender Regelungen wie einer Deckelung, die Berücksichtigung der Pflegesituation bei Verleiherlaubnissen, ein mögliches Förderprogramm für Springerpools und eine Prüfung, ob Leiharbeitsfirmen an der Finanzierung der Pflegeausbildung beteiligt werden können – woran sie bislang nicht beteiligt sind. Begleitende Wortmeldungen kamen aus Rheinland-Pfalz (Staatsminister Clemens Hoch, SPD) und Berlin (Senatorin Dr. Ina Czyborra, SPD), die beide auf Qualitätsrisiken und die besondere Lage in Ballungsräumen hinwiesen. Was bedeutet das für die Praxis? Vieles davon ist nicht neu, und ob eine Begrenzung von Leiharbeit in der Versorgungsrealität ankommt, ist fraglich. Würde man Gehälter in der Leiharbeit deckeln, ist keineswegs sicher, dass diese Pflegefachpersonen wieder in feste Anstellung zurückkehren – ein Teil könnte sich ganz aus der patientennahen Versorgung verabschieden. Sinnvoll erscheinen dagegen Ansätze wie Förderprogramme für Springerpools. Die Grundbotschaft bleibt: Leiharbeit ist eher Symptom als Ursache. Verantwortung liegt vor allem bei Trägern und Kliniken, die Arbeitsbedingungen im Stationsalltag spürbar zu verbessern – nicht nur über Regulierung von außen. ## Bayern will die VdPB reformieren – Schritt Richtung Pflegekammer? Im Koalitionsvertrag der bayerischen Regierung aus CSU und Freien Wählern fand sich die Ankündigung, die Unabhängigkeit der Vertretung des Pflegeberufsstands weiter zu stärken. Gesundheits- und Pflegeministerin Judith Gerlach stieß diesen Prozess nun an: Die Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB) soll reformiert und – so die Formulierung der Ministerin – „anschlussfähig" an die Pflegekammern gemacht werden, ohne selbst eine Kammer zu sein. Bereits im Dezember 2023 hatte das Ministerium einen [Gesetzentwurf](https://www.bayern.landtag.de/parlament/dokumente/drucksachen/?ist%5Fbasisdokument=off&suchvorgangsarten%5B0%5D=Gesetze%5C%5CGesetzentwurf&suchvorgangsarten%5B1%5D=Gesetze%5C%5CHaushaltsgesetz%2C+Nachtragshaushaltsgesetz&dokumentenart=Schriftliche+Stellungnahmen+im+Gesetzgebungsverfahren&basisdokumentid=153438000&wahlperiodeid%5B0%5D=19&ref=uebergabe.de) veröffentlicht, zu dem Verbände Stellung nehmen konnten. Im Januar 2024 folgte die erste Lesung im Landtag, anschließend befasste sich der Ausschuss für Gesundheit, Pflege und Prävention damit. Hintergrund: Die VdPB steht seit ihrer Gründung 2017 in der Kritik, eine „Pflegekammer light" zu sein – vor allem wegen der freiwilligen Mitgliedschaft und der finanziellen Abhängigkeit vom Freistaat, der die Vereinigung über Steuermittel finanziert. In ihrer [Rede im Landtag](https://www.bayern.landtag.de/webangebot3/views/vorgangsanzeige/vorgangsanzeige.xhtml?gegenstandid=153438&ref=uebergabe.de) nannte Ministerin Gerlach die ernüchternde Bilanz: Von rund 150.000 potenziellen Mitgliedern hätten sich bislang nur etwa 3.500 angeschlossen – nicht einmal drei Prozent. Aussagekräftige Rückschlüsse auf die Zusammensetzung der Berufsgruppe lässt das kaum zu. Der Gesetzentwurf sah zum Folgenzeitpunkt vier wesentliche Änderungen vor: Erstens eine gesetzliche Grundlage für ein verpflichtendes Berufsregister, in dem sich alle in Bayern tätigen Pflegefachpersonen registrieren müssen – ausdrücklich getrennt von der weiterhin freiwilligen Mitgliedschaft. Erfasst werden sollen unter anderem Fort- und Weiterbildungen, Tätigkeit, Versorgungsbereich und Berufsbezeichnung, um eine bessere Datengrundlage zu Anzahl, Altersstruktur und Qualifikationsniveau zu schaffen. Zweitens die Abschaffung des Beirats, in dem bislang auch Arbeitgeberinteressen einflossen – ein Punkt, der dem Gedanken der Eigenständigkeit widerspreche. Drittens ein gesetzlicher Auftrag, eine einheitliche Berufs- und Weiterbildungsordnung zu entwickeln. Und viertens eine Kommission zur Begleitung des Reformprozesses, getragen unter anderem vom Bayerischen Landespflegerat und der Landesdekanekonferenz Pflegewissenschaft. Politisch wirkt das wie eine Vorbereitung auf eine Kammer, ohne sich an diesem heißen Eisen die Finger zu verbrennen – die Ministerin verwies selbst auf die Erfahrungen aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Aus der Opposition kam Kritik: Die SPD-Fraktion stellte unter anderem die Frage, ob die VdPB ihre neuen Aufgaben mit der vorgesehenen Finanzierung erfüllen könne und wie die Anschlussfähigkeit an eine mögliche Bundespflegekammer gelingen solle. Die Grünen monierten Doppelstrukturen und unnötige Bürokratie und forderten gleich eine echte Pflegekammer. Der [Bayerische Landespflegerat](https://bayerischer-landespflegerat.de/presse/pressemitteilungen/?ref=uebergabe.de) begrüßte den Reformanstoß, hielt aber fest, dass das stückweise Hinzufügen kammerähnlicher Elemente – etwa einer Pflichtregistrierung – wenig an der fehlenden Anschlussfähigkeit ändere; nötig sei eine echte, im Heilberufe-Kammergesetz verortete Selbstverwaltung. Auch der [DBfK Südost](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2024/2024-01-24-entwicklung-interessenvertretung-pflegekraefte.php?ref=uebergabe.de) sieht in der Registrierungspflicht allein keine echte berufsständische Vertretung und hält eine perspektivisch verpflichtende Mitgliedschaft sowie eine unabhängige Finanzierung für erforderlich. Das Verfahren stand erst am Anfang – die Entwicklung bleibt zu beobachten. ## Kurznachrichten: Krankenhausreform, junge Pflegende und neuer Ethikkodex ### Deutscher Pflegerat: Versorgungsqualität braucht Personal In der Bundespressekonferenz Ende Januar 2024 ging es um die Krankenhausreform unter dem Stichwort Versorgungsqualität. Der [Deutsche Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/deutscher-pflegerat-qualitaet-braucht-die-beruflich-pflegenden?ref=uebergabe.de) betonte, dass gute Versorgung nur mit ausreichend qualifiziertem Personal gelingt, und verwies auf einen prognostizierten Bedarf von rund 350.000 zusätzlichen Pflegefachpersonen in den kommenden zehn Jahren. Die PPR 2.0 gilt als erster Schritt, doch eine echte Reform müsse alle Versorgungsbereiche umfassen – nicht nur die Krankenhäuser –, weil Veränderungen in einem Sektor stets Auswirkungen auf die anderen haben. ### Studie: Junge Pflegende denken über Berufsausstieg nach Eine [Pflegestudie in Zusammenarbeit mit dem Institut für betriebliche Gesundheitsberatung](https://www.uebergabe.de/content/files/resource/blob/1143786/1b8d8606f75a5778f8c7ccfef93d6e59/pflegestudie-coronabezogene-ressourcen-und-belastungsanalyse-bei-pflegekraeften-data.pdf) zeigt, dass vor allem jüngere Pflegefachpersonen unter hohen Anforderungen, Zeitmangel und psychischer Belastung leiden. Viele – besonders unter den unter 29-Jährigen – denken über einen Berufsausstieg nach. Als Hebel nennt die Studie bessere Bezahlung, faire Arbeitszeiten, mehr Wertschätzung und Personal sowie gute Führung. Die Befragung wurde im Juli 2023 durchgeführt und mit Daten aus 2022 verglichen. ### DGF veröffentlicht überarbeiteten Ethikkodex Die Arbeitsgemeinschaft Ethik der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste hat ihren [Ethikkodex für die Fachkrankenpflege und Funktionsdienste](https://www.dgf-online.de/veroeffentlichung-des-ueberarbeiteten-dgf-ethikkodex-fuer-die-fachkrankenpflege-und-funktionsdienste/?ref=uebergabe.de) überarbeitet. Der erstmals 1995 erstellte und 2013 aktualisierte Kodex berücksichtigt nun erstmals auch Fachpflegepersonen außerhalb der Intensivpflege und orientiert sich am ICN-Ethikkodex von 2021\. Angesichts wachsender Komplexität sei neben fachlicher auch ethische Kompetenz entscheidend – der Kodex soll Pflegefachpersonen in unterschiedlichen Situationen Orientierung geben. ## Zum Weiterhören - [ÜG076 – Zeitarbeit in der Pflege (Matthias Menne)](https://www.uebergabe.de/ug076/) - [PU043 – Leiharbeit in der Pflege / Neues von der Pflegereform](https://www.uebergabe.de/pu043/) - [ÜG129 – Kammergründung in Baden-Württemberg (Anne-Katrin Gerhardts)](https://www.uebergabe.de/ug129/) --- ### Quellen - [Eindämmung der Leiharbeit in der Pflege](https://dip.bundestag.de/vorgang/entschlie%C3%9Fung-des-bundesrates-eind%C3%A4mmung-der-leiharbeit-in-der-pflege/299634?term=he%3Abr%20AND%20dr%3A214%2F23&f.typ=Vorgang&rows=25&pos=1&ctx=e&ref=uebergabe.de) (bundestag.de) - [Reform der VdPB (Gesetzesvorlagen)](https://www.bayern.landtag.de/parlament/dokumente/drucksachen/?ist%5Fbasisdokument=off&suchvorgangsarten%5B0%5D=Gesetze%5C%5CGesetzentwurf&suchvorgangsarten%5B1%5D=Gesetze%5C%5CHaushaltsgesetz%2C+Nachtragshaushaltsgesetz&dokumentenart=Schriftliche+Stellungnahmen+im+Gesetzgebungsverfahren&basisdokumentid=153438000&wahlperiodeid%5B0%5D=19&ref=uebergabe.de) (bayern.landtag.de) - [Rede der Ministerin Gerlach (VIDEO)](https://www.bayern.landtag.de/webangebot3/views/vorgangsanzeige/vorgangsanzeige.xhtml?gegenstandid=153438&ref=uebergabe.de) (bayern.landtag.de) - [Stellungnahme des BLPR](https://bayerischer-landespflegerat.de/presse/pressemitteilungen/?ref=uebergabe.de) (bayrischer-landespflegerat.de) - [Stellungnahme des DBfK Südost](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2024/2024-01-24-entwicklung-interessenvertretung-pflegekraefte.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Statement des DPR zu Krankenhausreform ](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/deutscher-pflegerat-qualitaet-braucht-die-beruflich-pflegenden?ref=uebergabe.de)(deutscher-pflegerat.de) - [Pflegestudie 2.0](https://www.uebergabe.de/content/files/resource/blob/1143786/1b8d8606f75a5778f8c7ccfef93d6e59/pflegestudie-coronabezogene-ressourcen-und-belastungsanalyse-bei-pflegekraeften-data.pdf) (barmer.de) - [DGF Ethikkodex](https://www.dgf-online.de/veroeffentlichung-des-ueberarbeiteten-dgf-ethikkodex-fuer-die-fachkrankenpflege-und-funktionsdienste/?ref=uebergabe.de) (dgf-online.de) ### Auswirkung motivierender Gesprächsführung auf die Krankheitswahrnehmung bei stabiler koronarer Herzkrankheit URL: https://www.uebergabe.de/auswirkung-motivierender-gespraechsfuehrung-auf-die-krankheitswahrnehmung-bei-stabiler-koronarer-herzkrankheit/ Last updated: 2024-04-03T22:06:51.000Z 🗓️ #22 | 08.02.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Florian-Banner-2-17.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Neue Kompetenz in der Pflege (Gabriele Hönes) URL: https://www.uebergabe.de/ug130/ Last updated: 2026-06-17T21:48:58.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 03.02.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Pflegekompetenzgesetz soll Pflegefachpersonen mehr eigenverantwortliche Aufgaben übertragen. - Eine Advanced Practice Nurse als neues Berufsbild rückt näher. - Das Digital-Gesetz will Versorgungsprozesse durchgängig digitalisieren. - Die Pflege fehlt bislang in der Gematik – das soll sich ändern. - Eine Pflegekammer stärkt Selbstbewusstsein und Organisationskraft der Profession. In dieser neuen Folge sprechen wir mit Gabriele Hönes. Sie ist im Gründungsausschuss der Pflegekammer Baden-Württemberg und berichtet von den Eckpunkten des neuen Pflegekompetenzgesetzes. Sie zeigt an diesem Beispiel, welche Chancen in der weiteren Professionalisierung der Pflege liegen und welche Rolle die Pflegekammer dabei spielt. Darüber hinaus gibt sie Einblicke in das Digital-Gesetz und zeigt, welche Auswirkungen das auf die Versorgung in den verschiedenen Settings zukünftig haben wird. Im Süden der Republik geht es zurzeit hoch her: In Baden-Württemberg läuft die Gründung einer Landespflegekammer auf Hochtouren. Doch wer denkt, das große Thema der Pflege erschöpfe sich in Quoren und Registrierungszahlen, der irrt. Hinter der Kammerdebatte steht eine viel größere Bewegung – eine, die das Berufsbild Pflege in den nächsten Jahren grundlegend umkrempeln könnte. Wir haben mit Gabriele Hönes gesprochen, Pflegewissenschaftlerin, langjährige Pflegefachperson und Mitglied im Gründungsausschuss der Landespflegekammer Baden-Württemberg. Sie erklärt, warum gleich zwei neue Gesetze für viel Bewegung sorgen – und warum sich Pflegende endlich trauen sollten, breitbeiniger aufzutreten. ## Ein Meilenstein mit Ausrufezeichen Im Mittelpunkt steht das Pflegekompetenzgesetz. Zum Zeitpunkt der Aufnahme Anfang 2024 lag dazu zunächst ein [vorläufiges Eckpunktepapier](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/P/Pflegekompetenzreform/kurzpapier%5Fvorlaeufige%5Feckpunkte%5Fpflegekompetenzg.pdf) vor – und solche Papiere muss man immer mit Vorsicht genießen, weil sich bis zum fertigen Gesetz noch vieles ändern kann. Trotzdem klingen die geplanten Inhalte nach einem echten Wendepunkt. Der damalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte die Eckpunkte kurz vor Weihnachten 2023 im Schulterschluss mit dem Deutschen Pflegerat vorgestellt und damit, wie Hönes es beschreibt, den Pflegenden ein kleines Geschenk unter den Baum gelegt. Der Kern: Pflegefachpersonen sollen – je nach Qualifikation – in der direkten Versorgung deutlich mehr Kompetenzen bekommen. Ein konkretes Beispiel ist die häusliche Krankenpflege. Bislang beurteilt etwa eine Wundexpertin vor Ort die Wunde, meldet ihre Einschätzung an die Ärztin, die dann eine Verordnung ausstellt – obwohl die ärztliche Beurteilung oft nur auf Fotos und Wundbeschreibungen beruht. Künftig sollen Pflegefachpersonen solche Leistungen perspektivisch selbst verordnen können. Auch bei der Feststellung von Pflegebedürftigkeit sollen Pflegefachkräfte stärker einbezogen werden – nicht zuletzt, um die langen Wartezeiten in der stationären Langzeitpflege abzubauen. > *„Wir haben so viele Tätigkeiten in der Pflege selbst, die wir mit hoher Qualität erbringen wollen und können. Die pflegerischen Tätigkeiten sind ja nicht schlechter als Blutabnehmen." — Gabriele Hönes* Besonders bemerkenswert ist die geplante Schaffung eines neuen Berufsbildes: die Advanced Practice Nurse. Was in anderen Ländern längst Alltag ist – die eigenverantwortliche Ausübung von Heilkunde, samt Verordnung bestimmter Hilfsmittel und Arzneimittel – soll auch in Deutschland möglich werden. Dazu kommt eine Weiterentwicklung des Personalbemessungsverfahrens im Krankenhaus inklusive eines geregelten Qualifikationsmix. Und ein Satz aus dem Papier liegt Hönes besonders am Herzen: Pflege brauche eine stärkere Stimme und mehr berufspolitische Kompetenzen. Für die Kammer-Vertreterin ist das ein klares Bekenntnis zur Berufsautonomie. ## Warum ausgerechnet jetzt? Spannend ist die Frage, warum sich erst jetzt etwas bewegt. Konzepte zur Neuverteilung pflegerischer Aufgaben liegen teils seit über zehn Jahren auf dem Tisch – etwa vom Deutschen Pflegerat oder von Berufsverbänden. Hönes' Erklärung ist nüchtern und realistisch zugleich: Erst der wachsende Druck durch demografische Entwicklung und Fachkräftemangel – sowohl bei Pflegefachpersonen als auch bei Ärzt:innen – zwinge alle Beteiligten zum Umdenken. Der [Gedanke der Substitution ärztlicher Leistungen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegekraefte-staerken-durch-substitution?ref=uebergabe.de) sei keine Bedrohung, sondern eine kluge Verteilung von Aufgaben. Damit das in der Praxis funktioniert, braucht es allerdings neue Vergütungssystematiken. In der Langzeitpflege wird bislang zwischen Pflegehelfer:in und Pflegefachperson unterschieden – alles dazwischen, etwa eine Hochschulqualifikation, taucht weder in der Vergütung noch in der Refinanzierung auf. Eine Pflegefachperson mit Bachelor- oder Masterabschluss am Bett kann also gar nicht entsprechend bezahlt werden, weil die Kassen das nicht anerkennen. Hönes plädiert deshalb für eine kompetenzorientierte Pflege, in der jede:r genau das tut, wofür sie oder er ausgebildet ist – ganz ohne Wertung. Das mit dem [angekündigten Neustart für die Pflege](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/lauterbach-wir-machen-einen-neustart-fuer-die-pflege-19-12-23?ref=uebergabe.de) verbundene Pflegestudiumsstärkungsgesetz, das primärqualifizierende Studiengänge inzwischen vergütet, ist ein erster Schritt – doch es nützt wenig, wenn diese Absolvent:innen anschließend in alte Systeme gepresst werden. ## Krise als Bewährungsprobe – und als Chance Bleibt die kritische Frage: Wird die junge, gerade erst erstarkende Profession nicht überfordert, wenn man ihr ausgerechnet inmitten der größten Versorgungskrise mehr Verantwortung überträgt? Besteht nicht die Gefahr, dass am Ende heißt: „Ihr kriegt es nicht geregelt"? Hönes nimmt die Sorge ernst – und kontert dennoch selbstbewusst. Die Pflege habe gerade in der Corona-Pandemie gezeigt, dass sie Krise kann. Wer jeden Morgen eine Station am Laufen halte, obwohl sich Kolleg:innen krankgemeldet haben, oder Touren in der ambulanten Pflege zum x-ten Mal umplane, sei krisenerprobt wie kaum eine andere Berufsgruppe. > *„Es ist genug vom Kuchen da für alle. Wir müssen ihn nur sehr klug verteilen." — Gabriele Hönes* Für sie liegt der größte Hebel ohnehin im Umbau des Systems: weg vom Denken in stationären Settings, hin zu mehr ambulanter Versorgung, Prävention und edukativer Verantwortung – Stichworte wie Gesundheitskioske oder Community Health Nursing fallen hier. Stationäre Versorgung bleibt unverzichtbar, sie ist aber das personalintensivste Setting. Wer also den Fachkräftemangel ernst nimmt, muss neue Wege gehen – und genau dafür biete das Pflegekompetenzgesetz die Grundlage. ## Digitalisierung: Schluss mit dem Fax-Karussell Das zweite große Thema ist das [Digital-Gesetz (DigiG)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/gesetze-und-verordnungen/guv-20-lp/digig?ref=uebergabe.de), das im Dezember 2023 verabschiedet wurde. Es verfolgt das Ziel, die Digitalisierung im Gesundheits- und Pflegebereich konsequent auf die Menschen auszurichten – mit mehr Patientensouveränität, besserer Versorgungsqualität und mehr Effizienz. Im zugehörigen Strategiepapier ist sogar von Begeisterung die Rede. Wie dringend nötig das ist, zeigt ein Beispiel aus der ambulanten Pflege: Eine Verordnung häuslicher Krankenpflege wandert heute oft per Fax, Post und Kurier zwischen Pflegedienst, Hausarztpraxis, Patient:in und Krankenkasse hin und her – mit Unterschriften von Hand, Stempeln und engen Fristen, deren Versäumnis die Refinanzierung gefährden kann. Allein die Digitalisierung dieses einen Prozesses wäre eine enorme Erleichterung. Wichtig sei dabei, betont Hönes, nicht einfach schlechte analoge Abläufe eins zu eins zu digitalisieren – sonst bleibe der Mist erhalten, nur eben digital. Ein Stolperstein ist die Telematikinfrastruktur, deren Anbindung für ambulante Dienste um ein Jahr verschoben wurde. Viele Einrichtungen hatten bereits Hardware und Heilberufsausweise angeschafft – Technik, die bis zum neuen Starttermin teils schon wieder veraltet ist. Solche ständigen Fristverschiebungen, warnt Hönes, verprellen genau jene, die sich engagiert auf den Weg gemacht haben. Mindestens ebenso wichtig ist ihr der Teilhabeaspekt: Menschen, die nicht digital aufgewachsen sind – ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen – dürfen nicht abgehängt werden. Dafür braucht es Übergangslösungen, Unterstützung und vor allem eine Refinanzierung dieser Begleitung. ## Die ambulante Pflege als heimliche Vorreiterin Ein verbreitetes Vorurteil räumt Hönes nebenbei aus: Wenn jemand Digitalisierung kann, dann ist es die ambulante Pflege. Mobile Datenerfassung, digitale und teils papierlose Dokumentation sind dort längst Standard – an manchen Stellen ist die ambulante Pflege weiter als manche Uniklinik. Auch in der Langzeitpflege gibt es spannende Innovationen: von intelligenten Lichtprogrammen und Sturzprävention über Exoskelette bis zu augmented-reality-basierten Anwendungen, bei denen Pflegende Maßnahmen direkt über eine Datenbrille dokumentieren können. Das Problem liegt woanders: Viele dieser Lösungen bleiben Projekte und schaffen es nicht in die Regelversorgung, weil die Kostenträger zögern. Genau hier sieht Hönes Handlungsbedarf – was sich in Projekten als wirksam und evidenzbasiert erweist, müsse anschließend auch dauerhaft finanziert werden. Sonst, so ihr nüchternes Fazit, brauche man die Projekte gar nicht erst zu starten. ## Die größte Berufsgruppe fehlt am Tisch Besonders deutlich wird die strukturelle Schieflage bei der Gematik – jener Gesellschaft, die seit 2005 die Telematikinfrastruktur und die elektronische Gesundheitskarte verantwortet. An ihr beteiligt sind unter anderem das Bundesgesundheitsministerium, Bundesärztekammer, Apothekerverband, Krankenhausgesellschaft und der [GKV-Spitzenverband](https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv%5Fspitzenverband/presse/pressemitteilungen%5Fund%5Fstatements/pressemitteilung%5F1704384.jsp?ref=uebergabe.de). Wer hier aufmerksam zuhört, merkt schnell, was fehlt: die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen – die Pflege. Genau die Profession also, die digitale Anwendungen täglich nutzen soll, sitzt nicht mit am Tisch. Hönes ist überzeugt: Spätestens mit dem Pflegekompetenzgesetz muss sich das ändern. Es wäre, sagt sie, das Dümmste, die Expertise der Pflege ungenutzt zu lassen. Allerdings macht sie sich keine Illusionen: Bei der Gematik gehe es um viel Geld und viel Macht – und beides werde ungern geteilt. Hier werde die Pflege noch hart streiten müssen. Genau deshalb sei es so wichtig, mit einer Stimme zu sprechen. ## Warum es eine Bundespflegekammer braucht Womit wir wieder bei der Kammer wären. Wenn das Gesetz von einer zentralen berufsständischen Vertretung der Pflege auf Bundesebene spricht, sieht Hönes darin einen klaren Wink in Richtung Bundespflegekammer. Sind erst einmal mehrere Landespflegekammern etabliert, kann eine bundesweite Vertretung institutionalisiert werden – und dann spricht sie für alle Pflegenden, unabhängig davon, ob das einzelne Bundesland selbst schon eine Kammer hat. Ihr Argument für die bundesweite Klammer: Es kann nicht sein, dass eine Pflegekraft in Bayern etwas anderes lernt als eine in Baden-Württemberg. Einheitliche Aus- und Weiterbildungsordnungen, abgestimmte Standards – hier liegt der eigentliche Mehrwert. Spannend ist auch die Frage der Assistenzberufe. Ein Bundesgutachten hat ergeben, dass auch in der Pflegeassistenz Heilkunde erbracht wird – der Bund darf diese Ausbildung also bundesweit regeln, inklusive Refinanzierung und einheitlicher Zugangsvoraussetzungen. Alleingänge einzelner Länder, etwa der Einstieg in die Pflegeausbildung ganz ohne Vorqualifikation, gehörten dann der Vergangenheit an. Ob die Kammern künftig auch die Assistenzberufe vertreten sollten, lässt Hönes bewusst offen – wünschenswert wäre es, im Moment aber eine Überforderung. ## Selbstbewusstsein statt Selbstaufgabe Am Ende dreht sich vieles um eine Haltungsfrage. Hönes wünscht sich mehr Selbstbewusstsein in der Pflege – die Bereitschaft zu sagen: Das sind unsere Aufgaben, und wir fordern sie ein. Sie verweist auf Hebammen, die durch ihren hohen Organisationsgrad über Jahrzehnte die Hoheit über Geburten verteidigt haben, oder auf kleine, aber schlagkräftige Gewerkschaften, die ganze Branchen bewegen können. Die Pflege dagegen leide an einem Organisationsdefizit: Zu wenige engagieren sich freiwillig in Berufsverbänden. Genau daraus begründet sich für Hönes die Pflichtmitgliedschaft in der Kammer – nur so lasse sich für alle Pflegenden sprechen. > *„Es kann nicht schlechter werden. Wir müssen uns organisieren, sonst sind wir wirklich verloren in der Pflege." — Gabriele Hönes* Auch wenn die Kammer nicht für jede:n das perfekte Instrument sein mag – ein gemeinsamer Startpunkt, an dem Pflegende ihre Themen bündeln und mit einer Stimme nach außen treten, ist überfällig. Solange es keine bessere Alternative gibt, lohnt es sich, der vorhandenen Idee eine Chance zu geben. Denn aus gar keiner Idee wächst bekanntlich nichts. Pflegekompetenzgesetz, Digital-Gesetz und Kammer sind drei Hebel, die ineinandergreifen. Sie zu nutzen, liegt nun an der Profession selbst. ## Zum Weiterhören - [ÜG129 – Kammergründung in Baden-Württemberg (Anne-Katrin Gerhardts)](https://www.uebergabe.de/ug129/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) - [ÜG096 – Digitalisierung in der Pflege (Stephanie Raudies & Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler)](https://www.uebergabe.de/ug096/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes - [Kurzpapier: Vorläufige Eckpunkte Pflegekompetenzgesetz](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/P/Pflegekompetenzreform/kurzpapier%5Fvorlaeufige%5Feckpunkte%5Fpflegekompetenzg.pdf) - [Lauterbach: Wir machen einen Neustart für die Pflege](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/lauterbach-wir-machen-einen-neustart-fuer-die-pflege-19-12-23?ref=uebergabe.de) - [Pflegekompetenzgesetz - Pflegekräfte stärken durch Substitution](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegekraefte-staerken-durch-substitution?ref=uebergabe.de) - [Digital-Gesetz (DigiG)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/gesetze-und-verordnungen/guv-20-lp/digig?ref=uebergabe.de) - [Gesundheit und Pflege endlich ins Digitalzeitalter bringen!](https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv%5Fspitzenverband/presse/pressemitteilungen%5Fund%5Fstatements/pressemitteilung%5F1704384.jsp?ref=uebergabe.de) ### BDO/DKI Studie zu Personalnotstand im Krankenhaus URL: https://www.uebergabe.de/pu066/ Last updated: 2026-06-13T13:45:27.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 27.01.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - BDO/DKI-Studie belegt massiven Personalmangel in Kliniken – der DBfK kritisiert die Schlussfolgerungen. - Das Statistische Bundesamt rechnet mit 280.000 bis 690.000 fehlenden Pflegefachpersonen bis 2049. - Lauterbach diskutierte bei der OECD über resilientere Gesundheitssysteme; die Pflegekammer RLP positioniert sich gegen Rechtsextremismus. In dieser kompakten Folge des PflegeUpdates dreht sich alles um Zahlen und Prognosen zum Personalmangel – und um die Frage, welche Schlüsse die Verantwortlichen daraus ziehen. Dazu kommen Kurznachrichten aus der internationalen Gesundheitspolitik und eine klare Positionierung der Pflegekammer Rheinland-Pfalz. Wir fassen die Meldungen für dich zusammen. ## BDO/DKI-Studie: Klinikgeschäftsführungen sehen den Personalnotstand – aber kaum Lösungen Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO und das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) haben eine Studie mit dem Titel „Personalnotstand im Krankenhaus – Quo vadis?" vorgelegt. Befragt wurden zwischen Ende Juli und Anfang September 2023 insgesamt 111 Klinikgeschäftsführer:innen zur Personalsituation in ihren Häusern und zu ihrem Ausblick auf die kommenden Jahre. Die Ergebnisse beschreiben die Autor:innen als alarmierend: Im Schnitt fehlen auf den Allgemeinstationen rund 16 Vollkraftstellen in der Pflege, und nur ein Viertel der befragten Intensivstationen meldete keine offenen Stellen. Auch jenseits der Pflege – etwa in der Krankenhaus-IT – sei es schwierig, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen. Knapp 90 Prozent der Häuser gingen davon aus, dass sich die Stellensituation in der Pflege auf den Allgemeinstationen weiter verschlechtern werde. Von der damals geplanten Krankenhausreform erwarteten die Befragten keine nennenswerten Effekte auf die Personalsituation. Dass im Krankenhaus Personal fehlt, ist für die meisten Pflegefachpersonen keine Überraschung – und auch der [Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2024/Richtige-Schluesse-aus-Studienergebnissen-ziehen.php?ref=uebergabe.de) zeigte sich von den Befunden wenig erstaunt. Entscheidend ist jedoch, welche Schlüsse man zieht. DBfK-Präsidentin Christel Bienstein verwies darauf, dass sich der mit der Einführung der DRG-Fallpauschalen Anfang der 2000er-Jahre vorgenommene Stellenabbau im Pflegedienst nun räche. Kritisch merkte der Verband an, dass die befragten Geschäftsführungen das Problem zwar erkennen, Lösungen aber offenbar weder im Reformvorhaben der Bundesregierung noch im eigenen Handlungsspielraum sehen. Aus Sicht des DBfK ist die Krankenhausstrukturreform überfällig und kann dem Pflegepersonalmangel zumindest teilweise entgegenwirken – vor allem, wenn sie mit einer gestärkten Primärversorgung und attraktiven Arbeitsplätzen für Pflegefachpersonen einhergeht. So ließen sich unnötige Krankenhausaufenthalte vermeiden und das vorhandene Personal besser verteilen. Zugleich erinnerte der Verband die Klinikleitungen an ihre Eigeninitiative: attraktive Rollen und Karrierewege auch für akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen sowie moderne Arbeitszeitmodelle lägen in ihrer Hand. Grundlegende Reformen dürften nicht mit fehlleitenden Argumenten zum Pflegepersonalmangel ausgebremst werden. ## Vorausberechnung des Statistischen Bundesamts: bis zu 690.000 fehlende Pflegefachpersonen Passend dazu veröffentlichte das Statistische Bundesamt in derselben Woche eine [Vorausberechnung zum künftigen Bedarf an Pflegefachpersonen](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Bevoelkerungsvorausberechnung/pflegekraeftevorausberechnung.html?ref=uebergabe.de). Mit Blick auf die kommenden rund 25 Jahre – und insbesondere auf das Ausscheiden der Babyboomer-Generation aus dem Berufsleben – ergibt sich ein Mangel von 280.000 bis 690.000 Pflegefachpersonen. Die große Spannweite erklärt sich durch zwei Berechnungsmethoden. Die sogenannte Trendvariante berücksichtigt eine positive Entwicklung am Pflegearbeitsmarkt; hier läge die Lücke bei rund 280.000 Stellen. Die Status-quo-Variante blickt dagegen ausschließlich auf die Folgen des demografischen Wandels und kommt auf etwa 690.000 unbesetzte Stellen. Beide Werte sind als damaliger Stand der Projektion zu verstehen und zeigen vor allem eines: Der Handlungsdruck verschwindet nicht von allein, sondern hängt stark davon ab, ob es gelingt, Menschen für den Beruf zu gewinnen und im Beruf zu halten. ## Lauterbach beim OECD-Gesundheitsministertreffen in Paris Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach nahm am Gesundheitsministertreffen der OECD-Länder in Paris teil, das unter dem Titel „Better Policies for More Resilient Health Systems" stand. Die Teilnehmer:innen hielten ihre Ergebnisse in einer [gemeinsamen Erklärung](https://legalinstruments.oecd.org/en/instruments/OECD-LEGAL-0500?ref=uebergabe.de) fest. Bereits im Vorfeld meldete sich DBfK-Präsidentin Christel Bienstein mit Blick auf die künftige Rolle von Pflegefachpersonen zu Wort. Ihr Argument: Das deutsche Gesundheitssystem stelle bislang die ärztliche Profession ins Zentrum; nötig sei stattdessen eine Ausrichtung an den Gesundheitsbedarfen der Menschen. In einer Gesellschaft mit vielen alten und chronisch kranken Menschen gingen medizinische und pflegerische Bedarfe ineinander über – Reformen müssten dem Rechnung tragen. Geplante Primärversorgungszentren könnten die Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe ermöglichen, sofern die Aufgaben neu und kompetenzgerecht verteilt würden. ## Pflegekammer Rheinland-Pfalz positioniert sich gegen Rechtsextremismus – und Berufsordnungskonferenzen in NRW Vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischer Entwicklungen meldete sich die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz zu Wort. Kammerpräsident Markus Mai stellte klar, dass Werte wie Solidarität, Menschlichkeit und Chancengleichheit mit Rechtsextremismus und Rassismus unvereinbar seien; die Kammer verurteile jede Form von Diskriminierung und setze sich für eine offene, demokratische Gesellschaft ein. Ergänzend verwies die Vizepräsidentin der Kammer darauf, dass die Berufsordnung diese Haltung untermauere: Eine pflegerische Tätigkeit, die Gesundheit und Wohlbefinden fördert und die Würde sowie Autonomie jeder Person respektiert, sei mit jeder Form von Diskriminierung unvereinbar. Das Team des PflegeUpdates schloss sich dieser Positionierung ausdrücklich an und stellte sich klar gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Der Hinweis auf die Berufsordnung führt zugleich zu einer Terminmeldung aus Nordrhein-Westfalen: Dort starteten in der Woche nach der Folge die [Regionalkonferenzen zur Erstellung einer Berufsordnung](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2024/01/2024-01%5Fpflegekammernrw%5Fregionalkonferenzen.pdf) für Pflegefachpersonen, die erste Auftaktveranstaltung fand in Duisburg statt. Pflegefachpersonen, die an der Ausgestaltung mitwirken wollten, konnten sich über die weiteren Termine informieren und einbringen. ## Zum Weiterhören - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG183 – Personalbemessung in der Pflege (Martin Pohlmann & Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug183/) - [ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein?](https://www.uebergabe.de/ug150/) --- ### Quellen - [Link zur Studie](https://www.bdo.de/de-de/events/konferenz-personalnotstand-im-krankenhaus-quo-vadis?ref=uebergabe.de) (bdo.de) - [Reaktion des DBfK](https://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2024/Richtige-Schluesse-aus-Studienergebnissen-ziehen.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Pflegekräftevorausberechnung](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Bevoelkerungsvorausberechnung/pflegekraeftevorausberechnung.html?ref=uebergabe.de) (destatis.de) - [Deklaration zum OECD-Gesundheitsministertreffen](https://legalinstruments.oecd.org/en/instruments/OECD-LEGAL-0500?ref=uebergabe.de) (oecd.org) - [Berufsordnungskonferenzen in NRW](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2024/01/2024-01%5Fpflegekammernrw%5Fregionalkonferenzen.pdf) (pflegekammer-nrw.de) ### Advanced Nursing Practice in der psychiatrischen Pflege in Deutschland URL: https://www.uebergabe.de/advanced-nursing-practice-in-der-psychiatrischen-pflege-in-deutschland/ Last updated: 2024-03-26T21:02:55.000Z 🗓️ #21 | 25.01.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Florian-Banner-2-9.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Kammergründung in Baden-Württemberg (Anne-Katrin Gerhardts) URL: https://www.uebergabe.de/ug129/ Last updated: 2026-06-17T19:31:50.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 20.01.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Seit Januar 2024 läuft das Quorum zur Kammergründung in Baden-Württemberg. - ver.di stellt sich gegen die Kammer – mit teils falschen Behauptungen. - Eine Kammer vertritt die Berufsfachlichkeit, keine Tarife – das macht die Gewerkschaft. - Kammerbeiträge liegen voraussichtlich bei 5 bis 9 Euro im Monat. - Die neue Weiterbildungsordnung soll ab 2029 greifen. Über die Notwendigkeit von Kammern lässt sich immer wieder neu diskutieren – so auch in dieser Episode mit Anne-Katrin Gerhardts vom Gründungsausschuss der Pflegekammer Baden-Württemberg. Das Gespräch dreht sich um die jüngsten Vorfälle mit Verdi und um die Mythen und Gerüchte, die sich rund um die Kammer ranken. Anne-Katrin räumt mit Fake-News auf, erläutert, wozu es die Kammer braucht und wie man sich beteiligen kann. Eine Berufsgruppe, die endlich selbst über ihre fachlichen Standards bestimmt – das klingt nach einer ziemlich guten Idee. Genau darum geht es bei der Pflegekammer in Baden-Württemberg. Doch der Weg dorthin ist kein Selbstläufer. Während der Gründungsausschuss informiert, mobilisiert und überzeugt, formiert sich gleichzeitig Widerstand. Anne-Katrin Gerhardts, die ehrenamtlich im Vorstand des Gründungsausschusses sitzt, erläutert im Gespräch, wo der Prozess steht, warum eine Gewerkschaft dagegen sein kann und weshalb eine Kammer aus ihrer Sicht ein Geschenk ist. ## Von der Station bis in den Gründungsausschuss Anne-Katrin Gerhardts hat ihren Werdegang als Krankenschwester begonnen – noch unter dieser Berufsbezeichnung. Über verschiedene Stationen, Fachbereiche und Kliniken hinweg hat sie früh gemerkt, dass sie die Vielfalt der Pflege reizt. Es folgten ein berufsbegleitendes betriebswirtschaftliches Studium, der Einstieg in die Pflegedienstleitung und ein weiteres Studium im Bereich Organisationsentwicklung. Sie hat eine stationäre Langzeitpflegeeinrichtung mit aufgebaut, zwei Jahre lang Verbandsarbeit auf Bundesebene kennengelernt und versteht inzwischen sehr genau, wie sich Politik gestalten und mitgestalten lässt. Als sich die Pflegekammer in Baden-Württemberg erneut auf den Weg machte, brachte sie sich parallel ein – und entschied sich schließlich, vor Ort wirklich mitzugestalten. Im Juli 2023 wurde sie durch das Sozialministerium in den Gründungsausschuss berufen und dort in den Vorstand gewählt. Diese Funktion begleitet sie ehrenamtlich. ## Das Quorum: Sechs Wochen, ein Kreuzchen und eine demokratische Sonderschleife Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Januar 2024 steckte der Prozess mitten im Quorum. Am 8\. Januar wurden die Anschreiben an die Pflegefachpersonen versendet. Sie informieren darüber, dass die Arbeitgeber ihre Beschäftigten an den Gründungsausschuss gemeldet haben – die Voraussetzung für die Registrierung und spätere Mitgliedschaft. Baden-Württemberg hat dabei ein Sonderkonstrukt eingebaut: ein zusätzliches demokratisches Verfahren. Mit dem Informationsschreiben beginnt eine sechswöchige Frist, in der Pflegefachpersonen reagieren können. Zwei Möglichkeiten gibt es: Wer die Voraussetzungen nicht (mehr) erfüllt – etwa weil er den Beruf nicht mehr aktiv ausübt oder in den Ruhestand getreten ist –, kann das per beigefügtem Zettel oder online über ein Portal melden. Und wer grundsätzlich nicht Mitglied einer Pflegekammer sein möchte, kann ebenfalls ein Kreuzchen setzen. Den genauen Ablauf kannst du [am Zeitstrahl des Vorgehens](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2022/08/lpk-zeitstrahl-dina4-231220-final.pdf) nachvollziehen. Diese zusätzliche Schleife war im Landtag während der Gesetzgebung Konsens – obwohl es bereits 2018 eine Befragung gab, die mit 68 Prozent für die Kammergründung ausfiel, und obwohl eine Gesetzesgrundlage besteht. Der Politik war die demokratische Legitimation besonders wichtig. Genau das macht es allerdings auch Kritiker:innen leicht, immer wieder neue Runden zu drehen. > *„Für mich ist es eine innere Verpflichtung, meine Profession verantwortungsvoll zu entwickeln und voranzubringen. Irgendjemand muss ja auch die Verantwortung dafür übernehmen, dass diese Entwicklung überhaupt stattfinden kann." — Anne-Katrin Gerhardts* ## Warum ver.di auf der Bremse steht Die Gelegenheit hat ver.di genutzt. Wie zuvor schon in Niedersachsen oder Schleswig-Holstein stellt sich die Gewerkschaft auch in Baden-Württemberg gegen die Kammer. Anfang Januar 2024 veröffentlichte sie eine entsprechende Mitteilung. Doch warum eigentlich? Eine Kammer übernimmt keine gewerkschaftlichen Aufgaben – sie verhandelt keine Tarife und gestaltet keine Arbeitsbedingungen. Genau das bleibt Sache der Tarifpartner. Gerhardts vermutet einen handfesten Hintergrund: Die demografische Entwicklung sorgt dafür, dass die Zahl der Fachkräfte sinkt – und damit potenziell auch die Mitgliederzahlen in Gewerkschaften und Verbänden. Wenn dann eine neue Organisation mit Pflichtmitgliedschaft an den Start geht, die zwar nicht die Interessenvertretung der Gewerkschaften übernimmt, aber die gesamte Profession unter einer Organisationsform bündelt, könnten Ängste entstehen. Ihr Umkehrschluss: Gerade dann sollte man Kräfte bündeln, zusammenrücken und die Zuständigkeiten schärfen, statt in eine Konfrontation zu gehen. ## Behauptung gegen Fakt In der [Mitteilung von ver.di zum Registrierungsverfahren](https://bawue.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++dc667988-afa2-11ee-83ca-114477b4c0a5?ref=uebergabe.de) fanden sich aus Sicht des Gründungsausschusses einige Aussagen, die so nicht stimmen. Der Ausschuss reagierte mit einer Pressemeldung zur Klarstellung. Behauptung eins: Kosten und Pflichten würden verschwiegen. Tatsächlich, so Gerhardts, herrscht über die voraussichtlichen Beiträge volle Transparenz – das Thema taucht in jedem Talk und auch im Anschreiben auf. Behauptung zwei: Abhängig Beschäftigte müssten ihre Weiterbildungen künftig selbst bezahlen und in der Freizeit absolvieren. Auch das entkräftet sie deutlich. An der bisherigen Systematik – Freistellungen und Kostenübernahme durch die Arbeitgeber – ändere sich nichts. Es gibt schon heute keine festgeschriebene Verpflichtung der Arbeitgeber zur Finanzierung; es passiert trotzdem, weil es Sinn ergibt. Was sich verändert, liegt an einer ganz anderen Stelle: bei den Inhalten. Eine Kammer legt fest, welche fachlichen Qualifikationen für bestimmte Tätigkeiten gelten – und zwar einheitlich für alle Einrichtungen. Damit verbunden ist eine qualitative Sicherung. Es geht nicht um Selbstzweck, sondern um eine hochwertige Versorgung der Menschen im Land. ## Zank ums Wording: Zwang oder Pflicht? Veränderung macht Angst – das weiß Gerhardts. Und Sprache erzeugt Bilder. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob von einer „Zwangsmitgliedschaft" oder einer „Pflichtmitgliedschaft" die Rede ist. Zwang lässt keinen Handlungsspielraum, da steht man mit dem Rücken zur Wand. Eine Pflicht dagegen bringt immer auch Rechte mit sich – und Rechte sind positiv besetzt, weil sie zur Übernahme von Verantwortung einladen. Statt sich in eine Spirale aus Argument und Gegenargument zu begeben, setzt der Gründungsausschuss auf Sachlichkeit. Im Format „Mythos und Fakten" greift er immer wieder kursierende Aussagen auf – egal aus welcher Richtung – und stellt sie kurz und knackig richtig. Begonnen hat das einmal mit der Behauptung, der Kammerbeitrag liege bei über 100 Euro im Monat. > *„Es ist ein Riesenunterschied, ob ich sage, das ist eine Zwangsmitgliedschaft, oder ob ich sage, es ist eine Pflichtmitgliedschaft. Mit Pflichten gehen immer auch Rechte einher – und die sind positiv besetzt." — Anne-Katrin Gerhardts* ## Die Formel für Veränderung Warum tun sich Menschen so schwer mit Neuem? Gerhardts beschreibt eine einfache Veränderungslogik mit vier Faktoren: Unzufriedenheit, eine Vision, die nötigen Ressourcen und erste konkrete Schritte. Multipliziert man diese Faktoren, muss das Ergebnis größer sein als der Widerstand, der jeder Veränderung entgegensteht. Unzufriedenheit in der Pflege? Reichlich vorhanden. Eine Vision? Auch. Die strukturelle Ressource in Form einer funktionierenden Kammer ist noch im Aufbau – aber genau daran arbeitet der Gründungsausschuss mit vielen anderen. Im Kern, so ihr Appell, sollte man weniger zwischen „dafür" und „dagegen" zerren, sondern den Mut zur Veränderung aufbringen. Wer dagegen ist, stellt sich Veränderungen in den Weg – und erwartet trotzdem, dass sich etwas verbessert. Das passt nicht zusammen. ## Klare Zahlen statt Gerüchte Damit niemand im Ungewissen bleibt, hier die wichtigsten Eckdaten. Die Kammerbeiträge werden voraussichtlich bei fünf bis neun Euro pro Monat liegen, gestaffelt nach Verdienst und Arbeitsumfang. Es gibt Ausnahmeregelungen bis hin zur Beitragsbefreiung, und die Beiträge sind vollumfänglich steuerlich absetzbar. Weitere Informationen finden sich kompakt im Flyer des Gründungsausschusses. Wichtig ist auch der zeitliche Rahmen: Eine Fort- und Weiterbildungsordnung entsteht nicht über Nacht. In Rheinland-Pfalz dauerte es rund zwei Jahre bis zur ersten Ordnung. Für Baden-Württemberg sieht das Landespflegekammergesetz vor, dass die neue Weiterbildungsordnung ab dem 1\. Januar 2029 in die Umsetzung kommt. Entwickelt wird sie in Fachgremien – von Pflegefachpersonen, die Kammermitglieder sind, und anschließend demokratisch durch die Vertreterversammlung verabschiedet. ## Kein Wasserkopf, sondern eine vielfältige Profession Ein häufiger Vorwurf: Eine Kammer sei nur ein Verwaltungsorgan, ein Verein für Funktionär:innen mit Managementhintergrund. Gerhardts widerspricht. Im Gründungsausschuss sitzen auch Pflegefachpersonen aus der direkten Versorgung. Und wer in Funktionsbereichen unterwegs ist, hat sich oft genau deshalb dorthin entwickelt, weil ihm die Profession und die Versorgung der Menschen wichtig sind. Das Ziel ist nicht, dass sich jede Pflegefachperson maximal engagieren muss – sondern dass der Weg breit mitgetragen wird. Mitgestaltung ist auf mehreren Ebenen möglich: Kammermitglieder können wählen und sich selbst wählen lassen. Aus der Vertreterversammlung heraus wird ein Vorstand bestimmt, der die Kammer nach außen vertritt. Welche Fachausschüsse gebildet werden und wie sie arbeiten, entscheiden die gewählten Vertreter:innen – nicht der Gründungsausschuss, der ausschließlich die Vorbereitungsphase verantwortet. ## Warum eine Kammer auf Landesebene etwas bewegt Aber wirken Landesgesetze nicht ohnehin alle auf Bundesebene? Hier lohnt der Blick auf den Föderalismus: Die Heilberufekammern haben ihren Ausgang auf Länderebene. Über verstetigte Strukturen ist die Kammer in zahlreichen Gremien vertretungsberechtigt und bereitet so Einbringungen vor, die später auf Bundesebene Eingang finden. Es geht vom Kleinen ins Große. Hinzu kommt die Vernetzung: Wenn alle berufsfachlichen Bereiche – von der Akutklinik über die Langzeitpflege bis zur ambulanten Versorgung – unter einer Organisationsform zusammenkommen, entsteht eine ganz andere Abstimmung der Versorgungssettings. Und anders als die Politik, die in Legislaturperioden und Koalitionsverträgen denkt, ist eine Kammer dauerhaft der Weiterentwicklung der Profession verpflichtet. Das ermöglicht eine Verstetigung, die nicht bei jedem Regierungswechsel ins Wanken gerät. > *„Es ist die Chance unseres Berufs, uns selbst um unsere Rahmenbedingungen zu kümmern und Entscheidungen auf politischer Ebene mitzubeeinflussen. Dieses Geschenk sollten wir annehmen und verantwortungsvoll damit umgehen." — Anne-Katrin Gerhardts* ## Wie der Gründungsausschuss die Pflege erreicht Eine zentrale Hürde aus anderen Bundesländern war fehlende Information – und der schwierige Zugang in die Einrichtungen. Baden-Württemberg setzt deshalb auf breite Öffentlichkeitsarbeit: eine Infokampagne in sieben großen Städten, Plakate und Litfaßsäulen auch im ländlichen Raum, eine hauptamtlich besetzte Geschäftsstelle, eine Info-E-Mail-Adresse, ein Callcenter mit ausgearbeiteten FAQs und Kammerbotschafter:innen, die in Einrichtungen und Regionen informieren. Seit Ende 2023 gibt es zudem zweimal dienstags einen Online-Kammertalk. Wo Betriebsräte oder Häuser Infoveranstaltungen wünschen, kommen Vertreter:innen direkt vorbei – gern auch zu Podiumsdiskussionen mit Gegenpositionen. Rückenwind gibt es ebenfalls: Die bereits gegründeten Kammern in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen waren früh ansprechbar, sodass man aus deren Gründungsprozessen lernen konnte. Hinzu kommen Zuspruch aus Management, Pflegewissenschaft und Bildung sowie der notwendige politische Wille. Denn ohne Unterstützung aus der Politik, das zeigen die anderen Kammerprozesse, funktioniert es nicht. ## Ein Blick fünf Jahre nach vorn Wie sieht die Kammer in fünf Jahren aus? Gerhardts wünscht sich ein Selbstverständnis, in dem die Pflegekammer fest in der Profession und in der Gesellschaft verankert ist – nicht mehr wegzudenken aus den Versorgungs- und Vertretungsstrukturen. Ab Anfang 2029 soll die Weiterbildung nach der eigenen Ordnung umgesetzt werden. Und auf Bundesebene könnten Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg gemeinsam bereits ein Drittel aller Pflegefachpersonen in Deutschland vertreten – bestenfalls ergänzt um weitere Länder, die sich auf den Weg machen. Der rote Faden ihres Plädoyers ist klar: Es geht um den Willen, Verantwortung für die eigene Profession zu übernehmen – und die Möglichkeiten zu sehen, die mit dieser Verantwortung kommen. Diese Chance ist jetzt da. Bilde dir deine eigene Meinung, informiere dich und überlege, ob du nicht doch ein Stück über den Tellerrand schauen und deinen Teil beitragen möchtest, die Pflege ein bisschen besser zu machen. ## Zum Weiterhören - [ÜG127 – Pflegekammer Baden-Württemberg](https://www.uebergabe.de/ug127/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [ÜG045 – Blickpunkt Niedersachsen: Evaluation der Pflegekammer](https://www.uebergabe.de/ug045/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes - [Allgemeine Informationen rund um die Entwicklung der PK](https://www.pflegekammer-bw.de/?ref=uebergabe.de) - [Alle Veranstaltungen, Zugangslinks zu den regelmäßig online stattfindenden Info-Veranstaltungen jeden Dienstag um 14:00 und um 16:00 Uhr](https://www.pflegekammer-bw.de/veranstaltungen?ref=uebergabe.de) - [Zum Zeitstrahl des Vorgehens](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2022/08/lpk-zeitstrahl-dina4-231220-final.pdf) - [Zu den unterschiedlichen Mythen](https://www.pflegekammer-bw.de/mythosoderfakt?ref=uebergabe.de) - [Generelle Infos in unserem Flyer](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2022/08/landespflegekammer-faltblatt-din-lang-230726-web-1.pdf) - [ver.di kritisiert Registrierungsverfahren für Pflegekammer | Landesbezirk Baden-Württemberg](https://bawue.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++dc667988-afa2-11ee-83ca-114477b4c0a5?ref=uebergabe.de) - [Kritik am Verfahren für Pflegekammer in BW | tagesschau.de](https://www.tagesschau.de/inland/regional/badenwuerttemberg/swr-kritik-am-verfahren-fuer-pflegekammer-in-bw-100.html?ref=uebergabe.de) - [Pflegekammer Baden-Württemberg - Zank zwischen Gründungsausschuss und Verdi](https://www.bibliomed-pflege.de/news/zank-zwischen-gruendungsausschuss-und-verdi?ref=uebergabe.de) - [Pflegekammer in Baden-Württemberg](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/gesundheit-pflege/pflege/pflegekammer-in-baden-wuerttemberg?ref=uebergabe.de) ### Im Fokus: Pflegekompetenzgesetz / Reaktionen der Verbände URL: https://www.uebergabe.de/pu065/ Last updated: 2026-06-17T09:54:57.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 13.01.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das BMG-Eckpunktepapier soll Pflegefachpersonen erweiterte Befugnisse und heilkundliche Aufgaben übertragen. - Verbände und Kammern begrüßen die Pläne überwiegend, Hausärzt:innen mahnen offene Fragen an. - Pflegekammer Baden-Württemberg startet Registrierung; Pflegepionierin Ruth Schröck verstorben. In der ersten Folge des Jahres dreht sich alles um ein Papier, das kurz vor der politischen Winterpause für reichlich Gesprächsstoff gesorgt hat: das Eckpunktepapier des Bundesgesundheitsministeriums zum geplanten Pflegekompetenzgesetz. Hinzu kommen die Reaktionen aus Verbänden und Kammern – und zum Abschluss zwei Kurznachrichten. ## Eckpunktepapier zum Pflegekompetenzgesetz: Was geplant ist Auf dem Deutschen Pflegetag hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach angekündigt, die Pflege werde künftig „mehr dürfen und mehr können“. Was damit gemeint war, wurde zum Zeitpunkt dieser Folge etwas konkreter: Das Bundesgesundheitsministerium legte Ende des Jahres 2023 ein Eckpunktepapier vor, das den Rahmen für ein späteres Pflegekompetenzgesetz absteckt. Die Inhalte lassen sich grob in mehrere Themenfelder gliedern – von der ambulanten und Langzeitpflege über heilkundliche Tätigkeiten und neue Berufsbilder bis hin zur berufspolitischen Vertretung und zur Personalbemessung. ### Erweiterte Befugnisse in ambulanter und Langzeitpflege Geplant war, die Befugnisse von Pflegefachpersonen je nach Qualifikation auch in der häuslichen und ambulanten Krankenpflege auszuweiten – etwa in sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen wie Level-1i-Kliniken, Gesundheitskiosken oder Primärversorgungszentren. Geprüft werden sollte zudem, ob Leistungen der häuslichen und ambulanten Pflege künftig von Pflegefachpersonen selbst verordnet werden können. Ein weiterer Vorschlag betraf die Feststellung des Pflegebedarfs: In Modellprojekten gemeinsam mit dem Medizinischen Dienst sollte erprobt werden, ob Pflegefachpersonen den Pflegebedarf im Rahmen ihrer ohnehin geleisteten Versorgung selbst einschätzen können. Dabei ging es um zwei Fragen – ob der Medizinische Dienst dadurch entlastet wird und ob die Einschätzungen übereinstimmen. Weitergedacht sollte dies auch im Entlassmanagement im Krankenhaus greifen, um eine bessere Anschlussversorgung sicherzustellen. ### Heilkundliche Aufgaben in der Regelversorgung Bislang war die Übernahme heilkundlicher Tätigkeiten durch entsprechend qualifizierte Pflegefachpersonen auf Modellvorhaben beschränkt. Diese Modellklausel sollte gestrichen werden, sodass qualifizierte Pflegefachpersonen erweiterte Versorgungsaufgaben generell in der Regelversorgung übernehmen können – etwa in der Wundversorgung oder in der Betreuung von Menschen mit Demenz oder Diabetes. Bemerkenswert: Vorgesehen war dies nicht nur für Pflegefachpersonen mit akademischem Abschluss, sondern ausdrücklich auch für solche mit entsprechender Fachweiterbildung. ### Neue Berufsbilder und mehr Mitgestaltung Gestärkt werden sollten zudem Berufsbilder nach internationalem Vorbild, namentlich die Advanced Practice Nurse und die Community Health Nurse. Zu ihren Aufgaben sollten die Ausübung von Heilkunde, die Verordnung pflegerischer Leistungen und die Verordnung bestimmter Medikamente zählen – tätig im stationären wie im ambulanten Setting. Weil es bislang nur wenige entsprechend qualifizierte Personen gibt, kündigte das Ministerium an, die Ausbildung zu fördern, etwa über Stipendienprogramme, die auch ein Studium im Ausland und den Erwerb einer Masterqualifikation ermöglichen sollen. Berufspolitisch sah das Papier zwei Punkte vor: Das Amt der oder des Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung sollte gesetzlich verankert werden, und die Profession sollte eine zentrale berufsständische Vertretung auf Bundesebene erhalten – ausgestattet mit Befugnissen zur Weiterentwicklung von Berufsverständnis und Berufsrollen. Bei der Personalbemessung in der Langzeit- und akutstationären Pflege ging es schließlich um einen bedarfsgerechten Qualifikationsmix: Eine wissenschaftliche Begleitung und eine eigene Geschäftsstelle sollten die Umsetzung der Personalbemessungsinstrumente koordinieren. Für Pflegefachpersonen ist das relevant, weil hier viele Bausteine zusammenkommen, die den Beruf eigenständiger und attraktiver machen könnten – vorausgesetzt, die Eckpunkte werden tatsächlich in ein Gesetz überführt. Zum Zeitpunkt der Folge handelte es sich ausdrücklich um ein Eckpunktepapier, also um eine Absichtserklärung, noch nicht um beschlossenes Recht. ## Verbände und Kammern begrüßen die Pläne überwiegend Das Echo aus Verbänden und Kammern fiel zum Zeitpunkt der Folge auffallend positiv aus. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) wertete die Eckpunkte als überfälligen Schritt: Sie zeigten, dass der Stellenwert professioneller Pflege für die Gesundheitsversorgung anerkannt werde. Besonders hervorgehoben wurden die eigenverantwortliche Verordnung häuslicher Krankenpflege, die geplante Feststellung von Pflegebedürftigkeit durch Pflegefachpersonen sowie die Einführung der Berufsbilder Advanced Practice Nursing und Community Health Nursing. Gelobt wurde zudem, dass die Kompetenzerweiterung in einem mehrstufigen Modell angelegt sei, das Ausbildungs-, Weiterbildungs- und akademische Abschlüsse berücksichtigt und so Durchlässigkeit ermöglicht. Auch der Deutsche Pflegerat zeigte sich zuversichtlich und bezeichnete die Vorschläge als durchweg richtig. Als besonderen Meilenstein wertete er die geplante berufsständische Vertretung der Profession auf Bundesebene. Zugleich verwies der Pflegerat darauf, dass im Detail noch einige Fragen zu klären seien. Ähnlich äußerte sich die Vizepräsidentin der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, die die Inhalte als längst überfällig und richtungsweisend einordnete und begrüßte, dass eine Umsetzung bereits in den folgenden Monaten angestrebt wurde. Eine etwas zurückhaltendere Einordnung kam aus der Ärzteschaft: Die Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Nicola Buhlinger-Göpfarth, hielt es grundsätzlich für richtig, die Pflege zu stärken und Kompetenzen breiter einzusetzen. Offen blieben aus ihrer Sicht aber Fragen zu Budgetverantwortung, Haftung und Grenzen der neuen Aufgaben. Außerdem äußerte sie die Sorge, die Versorgungslandschaft könne für Patient:innen durch die Vielzahl der Leistungserbringer unübersichtlicher werden. Insgesamt überwog jedoch deutlich die Zustimmung – und manche Frage klärt sich womöglich schon, wenn man sich näher mit den Konzepten Advanced Practice Nursing und Community Health Nursing befasst. ## Kurznachrichten ### Pflegekammer Baden-Württemberg: Registrierung läuft an Wer in Baden-Württemberg pflegerisch tätig ist, dürfte zum Zeitpunkt der Folge bereits Post von der Landespflegekammer erhalten haben oder in Kürze erhalten: Die Informationsschreiben wurden damals verschickt, womit der Registrierungsprozess in seine finale Phase ging. Aus der Kammer hieß es sinngemäß, die Pflege brauche eine eigene Stimme, um auf Augenhöhe mit anderen Berufsgruppen mitsprechen und ihre Interessen wirksam vertreten zu können. ### Nachruf: Ruth Schröck verstorben Mit einer traurigen Nachricht endet die Folge: Ruth Schröck, Deutschlands erste Professorin für Pflege, ist am 30\. Dezember 2023 im Alter von 92 Jahren verstorben. Sie war für die Weiterentwicklung und Akademisierung der Pflege in Deutschland von herausragender Bedeutung. Nach ihrer Lehrtätigkeit an der Hochschule Osnabrück betreute sie auch nach ihrer Emeritierung noch das Promovendenkolleg an der Universität Witten/Herdecke. Sie war Trägerin des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse. Mit ihr verliert die Pflegelandschaft eine Schlüsselfigur. ## Zum Weiterhören - [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken (Dr. Juliane Spank & Philipp Strnad)](https://www.uebergabe.de/ug188/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein? - Live vom Deutschen Pflegetag 2024](https://www.uebergabe.de/ug150/) ### Implementation von nicht-pharmakologischen Maßnahmen zur Vermeidung einer Fixierung auf der Intensivstation URL: https://www.uebergabe.de/implementation-von-nicht-pharmakologischen-massnahmen-zur-vermeidung-einer-fixierung-auf-der-intensivstation/ Last updated: 2024-04-16T17:39:48.000Z 🗓️ #20 | 11.01.2024 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Florian-Banner-2-6.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Starke Pflege (Sabrina Rudolph & Manuel Reuper) URL: https://www.uebergabe.de/ug128/ Last updated: 2026-06-13T12:31:59.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 07.01.2024 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - „Starke Pflege" stärkt die interprofessionelle Zusammenarbeit von Pflege und Medizin. - Partizipative Workshops bringen konkrete Lösungen für Visite, Doku und Dienstplan. - Finanziert über das Pflegepersonalstärkungsgesetz statt aus dem knappen Klinikbudget. - Beteiligung schafft Akzeptanz – auch Führungskräfte müssen sich reflektieren. - Pflege kann ihre Arbeitsbedingungen aktiv mitgestalten und gewinnt Selbstbewusstsein. Ein Frohes Neues jahr 2024! Wir freuen uns, Dich auch im neuen Jahr mit vielen soannenden Podcasts begleiten zu können. Den Anfang machen Sabrina Rudolph und Manuel Reuper von der Universitätsmedizin Göttingen. Sie haben das Projekt **Starke Pflege** durchgeführt und sprechen und dieser Folge darüber, worum es in diesem Projekt geht, wie man Erkenntnisse von Forschung in der Praxis umsetzen kann und wie eine gute Zusammenarbeit gelingen kann. Stell dir vor, du fragst nicht erst nach Rückenschule und Massagestühlen, sondern einfach: Was läuft bei euch auf Station gut – und was nervt jeden Tag? Genau an diesem Punkt setzt das Projekt [„Starke Pflege"](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/47209-starke-pflege?ref=uebergabe.de) an der Universitätsmedizin Göttingen an. Sabrina Rudolph aus dem betrieblichen Gesundheitsmanagement und Stationsleiter Manuel Reuper haben in der Übergabe erzählt, wie aus dieser einfachen Frage ein umfangreiches Praxisprojekt wurde, das Visiten neu strukturiert, Dienstpläne familienfreundlicher macht und vor allem eines stärkt: das Miteinander von Pflege und Medizin. ## Vom Gesundheitsmanagement zur starken Pflege Der Ausgangspunkt war kein fertiges Konzept, sondern eine Haltung. Das betriebliche Gesundheitsmanagement der Universitätsmedizin versteht Gesundheit ganzheitlich: Es geht um körperliches Wohlbefinden genauso wie um psychische Ressourcen, Resilienz, Kollegialität und Kommunikation. Statt sich Maßnahmen auszudenken, ging das Team auf die Pflege zu und fragte über verschiedene Hierarchieebenen hinweg, was die Mitarbeitenden eigentlich brauchen. Schließlich sind Pflegefachpersonen die Expert:innen ihrer eigenen Arbeit. Aus diesen Gesprächen kristallisierte sich ein zentrales Thema heraus: die Zusammenarbeit mit dem ärztlichen Dienst. Daraus entstand der Projekttitel „Starke Pflege" – als übergeordnetes Ziel, die Berufsgruppe zu stärken. Wichtig ist die Erkenntnis, dass es bei der Frage nach Verbesserungen gar nicht zuerst um Rücken und Muskel-Skelett-Belastungen ging. Sobald man die Pflegenden offen fragt, was gut läuft und was besser werden muss, landet man bei Strukturen, Abläufen und Kommunikationsprozessen – und genau dort sind die Pflegefachpersonen die wahren Fachleute. > *„Wir denken uns nicht irgendwas aus, sondern wir fragen die Zielgruppe: Was braucht ihr eigentlich? Denn das sind ja auch die Expert:innen ihrer eigenen Arbeit." — Sabrina Rudolph* ## Wer zahlt das eigentlich? Freie Hand gibt es in keinem Krankenhaus – auch nicht in Göttingen. Dass das Projekt trotz angespannter wirtschaftlicher Lage in diesem Umfang läuft, liegt an einer externen Förderung. Das zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits einige Jahre bestehende Pflegepersonalstärkungsgesetz verpflichtet die gesetzlichen Krankenkassen, innovative Projekte zur Gesundheitsförderung von Pflegefachpersonen zu unterstützen. Genau diesen Fördertopf hat das Team angezapft: gemeinsam mit der Pflege eine Idee entwickelt, daraus ein Projekt konzipiert, einen Förderantrag geschrieben und eingereicht. Die Förderung ermöglicht unter anderem die externen Coaches, die den gesamten Prozess begleiten. „Starke Pflege" ist dabei das Dach für mehrere Säulen. Dazu gehören eine große Mitarbeitendenbefragung zu Gesundheit, Stresswahrnehmung und Arbeitsbedingungen, die Einführung von Entspannungssystemen in besonders belasteten Bereichen, Coachings und Teamentwicklung für Führungskräfte sowie die Entwicklung eines neuen Pflegeleitbildes. Im Zentrum des Gesprächs stand jedoch die Säule „Starke Teams" – mit dem klaren Ziel, die interprofessionelle Zusammenarbeit zu verbessern. ## Warum Teams die eigentlichen Held:innen sind Auch wenn der Titel die Pflege in den Vordergrund stellt: Auf den Stationen wird im multiprofessionellen Team gearbeitet. Die Befragung zeigte deutlich, dass die größten Spannungen weniger zwischen Pflege und Therapieberufen liegen, sondern dort entstehen, wo Pflegende und Ärzt:innen eng zusammenarbeiten. Genau diese Reibungspunkte sollte das Projekt aufarbeiten. Das übergeordnete Ziel bleibt dabei immer die gute Versorgung der Patient:innen – und die gelingt nur mit Mitarbeitenden, die gesund, gut eingebunden und arbeitsfähig sind. Manuel Reuper, Stationsleiter mit Schwerpunkt Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie, ist eher zufällig in das Projekt geraten: Sein Bereich wurde einer der Pilotbereiche. Hängengeblieben ist er, weil ihn die Tiefe der Arbeit überzeugt hat – so sehr, dass er das Projekt im Rahmen seiner Bachelorarbeit wissenschaftlich evaluiert hat. ## Erst getrennt, dann gemeinsam an einen Tisch Methodisch ist das Vorgehen aufwendig und kleinschrittig. Eine quantitative Befragung ging an alle Pflegefachpersonen des Hauses. In den ausgewählten Pilotbereichen folgten Workshops, in denen jede:r Mitarbeitende vier Stunden Zeit bekam, um mit einem externen Coach die eigenen Anliegen zu besprechen. Allein in den ersten anderthalb Jahren wurden in drei Kliniken über 80 Workshops durchgeführt. Spannend ist die Dramaturgie: Zunächst arbeiteten Pflegende und Ärzt:innen in getrennten Workshops an ihren jeweiligen Themen. Schnell zeigte sich, dass viele Probleme parallel laufen – das Schlagwort Kommunikation kam von beiden Berufsgruppen gleichermaßen. Im zweiten Schritt kamen beide Seiten zusammen und arbeiteten gemeinsam weiter. Die überschneidenden Themen waren konkret: gemeinsame Visite, Aufnahme, Entlassmanagement und der Prozess der Medikamentengabe. Hier ging es nicht nur um „weiche" Kommunikationsfragen, sondern auch darum, wer welche Aufgabe und welche Rolle hat – und auf welche gemeinsamen Regeln man sich verständigt. Damit dieser geschützte Raum wirklich funktioniert, wurden die Workshops bewusst ohne ständige Anwesenheit der Leitung gestaltet und vertraulich behandelt. Die externen Coaches – spezialisiert auf Moderation – hatten die Aufgabe, die Energie zu kanalisieren und in produktive Bahnen zu lenken. Und Energie war reichlich da: Man merkte, wie sehr die Themen unter den Nägeln brennen. ## Von der Excel-Tabelle zur echten Veränderung Nach der Analysephase entstand etwas ganz Unspektakuläres und doch Wirkungsvolles: eine klassische Tabelle. In ihr stand zu jedem Thema die konkrete Maßnahme, wer verantwortlich ist, bis wann sie umgesetzt wird und wie sie kommuniziert wird. In Reupers Bereich standen anfangs über 50 Punkte, am Ende blieben 30 konkrete Maßnahmen übrig. Um Nachhaltigkeit zu sichern, traf sich ein kleines Team aus Ärzt:innen und Pflegenden – oft inklusive Klinikdirektion und Pflegedirektorin – im Abstand von acht bis zehn Wochen, um den Stand jeder Maßnahme zu prüfen. Wie sieht so eine Maßnahme konkret aus? Bei der gemeinsamen Visite einigte man sich auf einen festen Zeitkorridor zwischen 9 und 11 Uhr. Die pflegerische Leitung schuf dafür die zeitlichen Ressourcen, der ärztliche Dienst sorgte für die strukturelle Umsetzung. Daraus entstand sogar ein neuer Zwischendienst im Dienstplan, der zugleich Elternarbeitszeiten abbilden konnte. Ein anderes Beispiel: Weil der administrative Aufwand auf Station enorm ist, wurde eine Stationssekretärin auf Basis einer MFA eingestellt, die Telefon und Anmeldungen übernimmt – und auf vielen Stationen zum echten Dreh- und Angelpunkt wurde. > *„Eine Kollegin aus der Pflege sagte mir: Ich habe das Gefühl, die Pflege hat jetzt eine ganz andere Rolle bekommen in der Visite. Das fand ich total klasse." — Sabrina Rudolph* Diese Aufwertung ist mehr als ein Gefühl. Wenn die gemeinsame Visite gut strukturiert ist, sinkt der administrative Nacharbeitsaufwand spürbar: kein ewiges Hinterhertelefonieren wegen fehlender Anordnungen, keine verzögerte Medikamentengabe. Besonders in einem Bereich, der parallel auf digitale Patientendokumentation umgestellt hat, gewinnt die persönliche Visite an Bedeutung – weil sonst die direkte Kommunikation leicht verloren geht. Wie wichtig ein gutes Zusammenspiel der Berufsgruppen ist, wurde auch in der Übergabe-Folge zur [interdisziplinären Zusammenarbeit](https://www.uebergabe.de/ug171/) deutlich. ## Dienstpläne, die zum Leben passen Ein Thema brannte besonders: familienfreundliche Dienstplanung. Reuper erlebte dabei eine überraschende Lektion. Seine eigene Vorstellung – Kind morgens bringen, später anfangen, nachmittags abholen – traf gar nicht den Kern. Den Pflegenden ging es ebenso um einen attraktiveren Nachtdienst, bei dem Eltern ihre Kinder abends noch ins Bett bringen und morgens wieder wecken können. Aus diesem Prozess wurde – mit Zustimmung von Personalrat und Pflegedirektion – ein völlig neues Arbeitszeitmodell. Aus einem klassischen Dreischichtbetrieb entstanden rund 14 verschiedene Schichten, die individuell auf die Lebenssituation der Mitarbeitenden eingehen. Das zeigt, wie eng das Projekt mit Fragen moderner Arbeitszeitgestaltung verwoben ist – ein Thema, das auch in unserer Folge zu [flexiblen Arbeitszeiten in der Langzeitpflege](https://www.uebergabe.de/ug162/) eine zentrale Rolle spielt. ## Führung heißt: sich selbst in den Spiegel schauen Wer Mitarbeitende einlädt, Kritik zu äußern, muss damit rechnen, selbst gespiegelt zu werden. Für Reuper war genau das ein wertvoller Moment. Er buchte den Coach im Anschluss für zwei individuelle Termine, um an seiner Außenwirkung und seinem Führungsverhalten zu arbeiten. Seine Erkenntnis: Man kann von Mitarbeitenden nur dann Offenheit erwarten, wenn man als Führungskraft selbst offen und zugänglich für Kritik bleibt. Damit der Prozess nicht in Enttäuschung endet, arbeitete das Team mit einem einfachen Bild: tief hängende Früchte, die schnell umgesetzt werden können, und hoch hängende, an denen man nicht zaubern kann. So bleibt die Erwartung realistisch – nicht alles wird sofort gut, aber vieles bewegt sich. > *„Man erwartet von seinen Mitarbeitenden, dass sie offen sind und Maßnahmen mittragen. Genauso muss die Führungskraft offen und zugänglich sein für Kritik." — Manuel Reuper* ## Was bleibt – und wie es weitergeht Natürlich gibt es immer wieder den Versuch, in alte Muster zurückzufallen. Doch die Pflegenden nehmen ihre neue Rolle aktiv ein und berufen sich auf das gemeinsam Vereinbarte. Wichtig war auch, dass bei strukturellen oder finanziellen Entscheidungen immer eine Person mit Entscheidungsgewalt – etwa ein Klinikdirektor oder leitender Oberarzt – mit am Tisch saß und zustimmte. So sind die Vereinbarungen auch ärztlicherseits abgesegnet. Über die konkreten Häkchen in der Tabelle hinaus verändert sich etwas Größeres: die Kultur des Zusammenarbeitens. Immer wieder gab es Aha-Momente, in denen die eine Berufsgruppe die Arbeitsrealität der anderen plötzlich verstand. Das stärkt die Pflege auch im Selbstbewusstsein – denn dass man auf Augenhöhe mit dem ärztlichen Dienst Lösungen erarbeitet, ist keineswegs selbstverständlich. Dass dieses Thema brennt, belegen auch aktuelle Studien: Befragungen zur Rückkehr in den Beruf zeigen, dass wertschätzender Umgang, gute Kommunikation und Augenhöhe gegenüber der Ärzteschaft ganz oben stehen. Das Projekt soll deshalb flächendeckend in weiteren Kliniken ausgerollt werden, und für Herbst war zum Zeitpunkt der Aufnahme ein „Starke Teams"-Kongress in Göttingen geplant, um die Erfahrungen mit externen Expert:innen zu teilen. ## Was du in deinem Team sofort umsetzen kannst Du arbeitest nicht in einem großen Universitätsklinikum mit eigener Förderung? Kein Problem. Der wichtigste Tipp der beiden ist verblüffend einfach: wieder an einen Tisch kommen. Manchmal reicht der gemeinsame Kaffee mit der Stationsärztin, um ein brennendes Thema im Keim zu klären. Zwei Minuten Austausch an der Kaffeemaschine können erstaunlich viel bewegen – vorausgesetzt, beide Seiten reflektieren ihr eigenes Handeln und fragen sich, ob es noch zeitgemäß ist. Die vielleicht stärkste Botschaft der Folge: Pflege ist nicht gelähmt. Im großen Kontext des Gesundheitssystems gibt es Zwänge, aber wenn es um das eigene Arbeiten, das eigene Umfeld und die Zusammenarbeit mit anderen Professionen geht, lassen sich die Rahmenbedingungen sehr wohl mitgestalten. Oder, wie es in der Folge so schön hieß: Love it, change it – or leave it. ## Zum Weiterhören - [ÜG171 – Interdisziplinäre Zusammenarbeit (Dr. Bernadette Klapper & Prof. Dr. Lutz Hager)](https://www.uebergabe.de/ug171/) - [ÜG162 – Flexible Arbeitszeiten in der Langzeitpflege (Lena-Marie Wirth & Helmut Wallrafen)](https://www.uebergabe.de/ug162/) - [ÜG157 – Lebensphasengerechte Personalentwicklung (Katja Pein & Dr.in Lena Marie Wirth)](https://www.uebergabe.de/ug157/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes - [Starke Pflege](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/47209-starke-pflege?ref=uebergabe.de) - [Starke Pflege – Ansätze zur Gesundheitsförderung von Pflegefachpersonal an der UMG](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Redaktion/id28%5FMetanavigation/id29%5FKarriere/id126%5FInfos%5FFoerderung/id205%5FBetriebliches%5FGesundheitsmanagement/starke%5Fpflege.pdf) ### Jahresabschluss 2023 und Ausblick auf 2024 URL: https://www.uebergabe.de/pu064/ Last updated: 2026-06-13T22:08:51.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 16.12.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Pflegestudiumstärkungsgesetz bringt eine Vergütung für primärqualifizierende Studierende. - Die Krankenhausreform blieb 2023 politisch umkämpft und unfertig. - Pflegekammern in NRW, RLP und BaWü treiben Berufs- und Weiterbildungsordnungen voran. Zum Jahresabschluss 2023 blicken die Hosts des PflegeUpdates auf die Themen zurück, die das Pflegejahr geprägt haben – und schauen voraus auf das, was 2024 wichtig werden dürfte. Wir haben die wichtigsten Punkte für dich zusammengefasst. Wichtig vorab: Alle Angaben spiegeln den Stand Mitte Dezember 2023 wider; vieles war damals noch in Bewegung. ## Pflegestudiumstärkungsgesetz: Vergütung für primärqualifizierende Studierende Als positives Highlight des Jahres hoben die Hosts das Pflegestudiumstärkungsgesetz hervor. Damit wurde ein politischer Webfehler korrigiert: Bis dahin erhielten primärqualifizierende Pflegestudierende – anders als Auszubildende – keine Vergütung für ihre praktischen Einsätze. Genau diese finanzielle Schieflage hatte viele Interessierte vom Studium abgehalten. Mit der nun beschlossenen Vergütung verbinden die Hosts die Hoffnung, dass die Einschreibungszahlen in den primärqualifizierenden Studiengängen mittelfristig steigen. Auch für Hochschulen und Universitäten könnte das ein Anreiz sein, entsprechende Angebote auf- oder auszubauen. Sichtbare Effekte erwarteten die Hosts nicht sofort, sondern eher in den kommenden Jahren. Für Pflegefachpersonen ist das relevant, weil sich die Akademisierung des Berufs realistisch nur über primärqualifizierte Studierende voranbringen lässt. Ein Studium bringt einen anderen fachlichen Blick in die Versorgung – und je mehr akademisch qualifizierte Kolleg:innen es gibt, desto eher lassen sich neue Rollen und Aufgabenprofile in der Praxis verankern. ## Krankenhausreform und Transparenzgesetz: viel Streit, wenig Klarheit Kein Thema hat die Folgen des Jahres 2023 so durchgehend begleitet wie die Krankenhausreform. Von den ursprünglichen Plänen aus dem Bundesgesundheitsministerium ist nach Einschätzung der Hosts vieles auf der Strecke geblieben – nicht zuletzt, weil die Länder erheblichen Einfluss geltend machten. Das ist insofern nachvollziehbar, als die Strukturierung der Krankenhauslandschaft maßgeblich auf Länderebene geplant wird. Parallel wurde das Krankenhaustransparenzgesetz vorangetrieben, das zum Zeitpunkt der Folge im Bundesrat von den unionsgeführten Ländern ausgebremst worden war. Die Hosts rechneten damit, dass die großen Fragen erst 2024 entschieden würden – „dieses Jahr wird das wohl nichts mehr“. Einig waren sie sich darin, dass das DRG-System (die Fallpauschalen) in seiner jetzigen Form weitgehend ausgedient hat und ein grundlegender Umbau überfällig ist. Kritisch sahen die Hosts zugleich die föderale Krankenhausplanung: 16 unterschiedliche Planungslogiken nebeneinander seien nicht nur von Vorteil. Für Pflegefachpersonen bleibt die Reform damit eines der wichtigsten Themen, weil sie über Standorte, Strukturen und letztlich Arbeitsplätze entscheidet. ## Landtagswahlen 2023 und Ausblick: emotionale Standortdebatten Die Krankenhausreform mischte sich auch in die Landtagswahlkämpfe in Hessen und Bayern. Dort zeigte sich, wie emotional aufgeladen das Thema wird, sobald konkrete Standortschließungen drohen und Menschen vor Ort um die Versorgung in ihrer Region fürchten. Die Gesundheitsminister:innen der Länder geraten dadurch unter Druck, einzelne Standorte zu erhalten – auch mit Blick auf die Wählerschaft. Pflegepolitisch fiel die Bilanz für Bayern ernüchternd aus: Im Koalitionsvertrag fand sich aus Sicht der Hosts kein großer Wurf für die Pflege, und mit dem Wechsel des bisherigen Gesundheitsministers in die Parlamentsarbeit geht fachliche Kontinuität verloren. Für 2024 richtet sich der Blick auf die Landtagswahlen in den ostdeutschen Bundesländern. Dort, so die Einschätzung, dürften Pflegekammern kaum eine Rolle spielen – es gehe um grundsätzlichere Weichenstellungen. ## Pflegekammern: NRW, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg im Aufbau Ein wiederkehrendes Thema waren die Pflegekammern. Besonders gelobt wurde die Pflegekammer NRW unter Präsidentin Sandra Postel: Sie habe in kurzer Zeit eine Weiterbildungsordnung erarbeitet und mit der Anschubfinanzierung gut gewirtschaftet. Für 2024 war angekündigt, an einer Berufsordnung zu arbeiten – ein wichtiger Meilenstein für die Pflegefachpersonen in NRW. Rheinland-Pfalz ist hier weiter: Dort sollte die Pflegekammer künftig in die Überprüfung des Sprachniveaus internationaler Pflegefachpersonen eingebunden werden, unter anderem über simulationsbasierte Prüfungssituationen zur Fachsprache. Die Hosts ordneten ein, dass es bei der Integration internationaler Kolleg:innen längst nicht nur um Sprache geht – und dass es spannend wird, welche Rolle die berufliche Selbstverwaltung dabei einnimmt. Auch die Neugründung der Kammer in Baden-Württemberg stand auf der Beobachtungsliste. Eine vertiefende Folge dazu gibt es im Übergabe-Podcast. Insgesamt zeigte sich 2023 außerdem, dass sich Pflegekammern zunehmend zu Fachthemen positionieren – etwa geschlossen zur Leiharbeit auf dem Deutschen Pflegetag. ## Aufgabenprofile akademisch Pflegender: Fortschritt mit Bremse Bei den Aufgabenprofilen für akademisch Pflegende gab es 2023 Bewegung – allerdings gebremst durch kritische Stellungnahmen, namentlich aus der Gewerkschaft Verdi. Die Hosts werteten die Entwicklung grundsätzlich als Schritt nach vorne, sahen das Potenzial aber durch die Debatte ausgebremst. Für Pflegefachpersonen ist das Thema zentral, weil klar definierte Rollen darüber entscheiden, wie akademische Qualifikation tatsächlich in der Versorgung ankommt. ## Leiharbeit: eine Debatte, die übergekocht ist Schließlich blieb die Leiharbeit – fachlich korrekt: die Arbeitnehmerüberlassung – eines der am stärksten diskutierten Themen des Jahres. Kritisch sahen die Hosts weniger die Leiharbeit selbst als die Schärfe der Debatte, die sowohl innerhalb der Berufsgruppe als auch politisch stark aufgeheizt sei. Ihr Appell: Leiharbeit ist eher Symptom als Ursache der angespannten Lage in der Pflege. Die Berufsgruppe sollte vorsichtig mit pauschalen Urteilen umgehen und 2024 mit etwas Abstand neu auf das Thema blicken. ## Zum Weiterhören - [PU056 – Erste Beratung zum PflStudStG / Weiterbildungsordnung NRW](https://www.uebergabe.de/pu056/) - [PU050 – Krankenhausstrukturreform / Studie der KAP](https://www.uebergabe.de/pu050/) - [ÜG127 – Pflegekammer Baden-Württemberg (Peter Koch)](https://www.uebergabe.de/ug127/) ### Risikofaktoren für eine prolongierte Beatmung URL: https://www.uebergabe.de/risikofaktoren-fuer-eine-prolongierte-beatmung/ Last updated: 2024-03-23T22:47:35.000Z 🗓️ #19 | 14.12.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Fritz-Banner-2-4.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Pflegekammer Baden-Württemberg (Peter Koch) URL: https://www.uebergabe.de/ug127/ Last updated: 2026-06-13T12:58:23.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 09.12.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Baden-Württemberg gründet seine Pflegekammer in nur 18 Monaten. - Ein Quorum kann die Gründung kippen: Über 40 % Einwendungen stoppen den Prozess. - Die Kammer bekommt verbindliches Anhörungsrecht in pflegerelevanten Gremien. - Nur im Dreiklang aus Kammer, Berufsverbänden und Gewerkschaften gelingt Veränderung. - Die Weiterbildungsordnung soll eines der ersten großen Projekte werden. Eine Berufsgruppe mit 1,7 Millionen Menschen – und trotzdem zu oft ohne echte Stimme im System: Genau das treibt Peter Koch seit über 30 Jahren um. Im Gespräch mit Christian Köbke berichtet er aus dem Maschinenraum eines spannenden berufspolitischen Projekts: dem Aufbau der Pflegekammer Baden-Württemberg. Koch ist Mitglied des Gründungsausschusses, hauptberuflich Geschäftsführer einer Pflegeeinrichtung in Gaggenau mit rund 350 Beschäftigten und 600 Menschen in ambulanter und stationärer Versorgung. Er kennt also beide Seiten – die der Arbeitgeber und die der Pflegefachpersonen. Was er erzählt, ist ein ehrlicher Blick auf Chancen, Stolpersteine und die Frage, warum eine Kammer überhaupt Sinn ergibt. ## Vom Krankenpfleger zum Kammergründer Peter Kochs Weg ist klassisch und ungewöhnlich zugleich. Vor 30 Jahren stieg er in die klinische Pflege ein, arbeitete in der Kardiologie und auf der herzchirurgischen Intensivstation, studierte später Pflegemanagement und wechselte in die Langzeitpflege. Seit fast 15 Jahren leitet er seine Einrichtungen – und engagiert sich parallel berufspolitisch. Schon während der Ausbildung war er Mitglied im DBfK, später viele Jahre im Verband der Leitungskräfte. Vor knapp zwei Jahren legte er seinen Fokus wieder stärker auf die eigene Profession und trat dem [Bundesverband Pflegemanagement](https://www.bv-pflegemanagement.de/?ref=uebergabe.de) bei. Besonders prägend ist das von ihm vor über zehn Jahren initiierte [Pflegebündnis Mittelbaden](https://www.pflegebuendnis-mittelbaden.de/?ref=uebergabe.de) – ein loser Zusammenschluss von Einrichtungen, der heute rund 69 Institutionen umfasst: Pflegeheime, ambulante Dienste, Tagespflegen, Kliniken und weitere Partner. Das Bündnis will der Pflege regional eine Stimme geben und positive Impulse setzen. Über eine Besonderheit der Satzung – es gibt auch Einzelmitgliedschaften von Pflegefachpersonen – wurde das Bündnis im Herbst 2022 Mitglied im [Landespflegerat Baden-Württemberg](https://lpr-bw.de/?ref=uebergabe.de). Genau dieser Weg führte Koch schließlich in den Gründungsausschuss. > *„Was mich von Anfang an gestört hat: Wir leisten überall tolle Arbeit, aber die Würdigung innerhalb des Systems gibt es einfach nicht." — Peter Koch* ## Ein langer Anlauf mit Handbremse Die Idee einer Pflegekammer ist in Baden-Württemberg nicht neu. Schon 2018 zeigte eine [repräsentative Befragung des Sozialministeriums](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/meldung/pid/die-pflegekraefte-haben-entschieden-ja-zu-einer-pflegekammer-in-baden-wuerttemberg?ref=uebergabe.de), dass sich 68 Prozent der befragten Kolleg:innen für eine Kammer aussprachen. Dann kam die Pandemie, die Schwerpunkte verschoben sich, Widerstände formierten sich – und das Projekt landete erst einmal auf Eis. Erst mit der bestätigten Koalition und der Aufnahme ins Koalitionsvertrag rückte das Thema zurück auf die Agenda. Im Mai 2023 wurde das Gesetz schließlich verabschiedet, getragen vor allem von einem Sozialminister, der mit Manne Lucha selbst gelernter Krankenpfleger ist und das Vorhaben aktiv vorantreibt. Trotzdem spricht Koch von „angezogener Handbremse". Anders als etwa in Nordrhein-Westfalen, wo man das bestehende Heilberufegesetz schlicht ergänzte, wählte Baden-Württemberg ein eigenes Gesetz – und baute zusätzlich ein viel diskutiertes Quorum ein. Koch macht keinen Hehl daraus, dass er sich mehr politischen Mut gewünscht hätte. Die Realität demokratischer Prozesse sei aber ein Kompromiss: Selbst wenn ein Koalitionspartner etwas unbedingt will, heißt das nicht, dass er sich zu hundert Prozent durchsetzt. Die Opposition von FDP und SPD habe sich klar gegen die Kammer positioniert – mit teils tradierten Argumenten, die aus Kochs Sicht nicht mehr zeitgemäß sind. ## Was es mit dem Quorum auf sich hat Der Gründungsprozess folgt einem engen Zeitregime: Vom Start des Gründungsausschusses am 18\. Juli 2023 bleiben genau 18 Monate für den gesamten Aufbau. Eine, wie Koch sagt, „brutale Schlagzahl". Das Verfahren läuft so: Arbeitgeber sind gesetzlich verpflichtet, ihre Pflegefachpersonen an den Gründungsausschuss zu melden. Anfang Januar 2024 werden alle registrierten Pflegefachpersonen persönlich angeschrieben und können innerhalb von sechs Wochen Einwendungen gegen die Registrierung vorbringen. Der entscheidende Punkt: Bleiben diese Einwendungen unter 40 Prozent aller registrierten Pflegenden, geht der Prozess in die nächste Phase – die Vorbereitung der Vertreterversammlung und die erste Wahl, die spätestens Anfang 2025 stattfinden muss. In Baden-Württemberg geht man von rund 110.000 Pflegefachpersonen aus – deutlich weniger als die über 200.000 in NRW. Genau weiß es zum Zeitpunkt der Aufnahme aber niemand, weil sich ein Teil der Einrichtungen der Meldepflicht zunächst verweigerte. Mehrere Erinnerungsschreiben sollten Abhilfe schaffen; im äußersten Fall drohen Bußgelder. Denn die Kammer ist, wie Koch betont, kein loser Verein, sondern eine Körperschaft des öffentlichen Rechts mit gesetzlichem Auftrag. ## Warum eine Kammer? Eine Frage der Wirksamkeit Die häufigste Frage, die Koch begegnet: Was bringt mir die Kammer als Pflegefachperson am Bett? Seine Antwort ist ehrlich. Eine Kammer hat keinen direkten Zugriff auf Löhne oder Personalschlüssel – das ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Sie wirkt auf der Meta-Ebene, auf der gesetzgeberischen Ebene. Genau dort liegt aber ihr Hebel: Als Körperschaft des öffentlichen Rechts erhält die Kammer ein verbindliches Anhörungsrecht in allen pflegerelevanten Arbeitsgruppen und Gremien auf Landesebene. Sie darf nicht nur eine nette Stellungnahme abgeben – sie muss angehört werden. Wie stark das wirkt, zeige der Austausch mit den Kolleg:innen aus NRW, die mittlerweile in zahlreichen Gremien mitarbeiten und eine andere Perspektive ins System tragen. Mittelfristig, ist Koch überzeugt, lassen sich so Rahmenbedingungen verändern, die dann sehr wohl in der Praxis ankommen. Ein konkretes Beispiel ist die Weiterbildungsordnung: Wird eine Fachweiterbildung etwa auf DQR-Niveau 6 eingeordnet, entsteht daraus eine Steilvorlage für Tarifverhandlungen – denn hoch qualifizierte Pflegefachpersonen lassen sich schwerer wie Berufseinsteiger:innen vergüten. Berufsrecht und Tarifrecht greifen so ineinander. > *„Wir brauchen Profis aus dem eigenen Berufsstand, die uns zuarbeiten. Lobbyarbeit kannst du nicht ehrenamtlich nach Feierabend stemmen – das funktioniert nicht." — Peter Koch* ## Das Geld und die Unabhängigkeit Ein zentrales Argument zieht sich durch das Gespräch: die Frage der Finanzierung. Jahrzehntelang lief die Lobbyarbeit der Pflege rein ehrenamtlich – gegenüber Lobbyapparaten aus Medizin, Pharmaindustrie und Trägerverbänden mit dutzenden Vollzeitkräften. Koch beschreibt, dass er allein für die Kammer zeitweise vier bis fünf Stunden täglich aufwendete, neben seinem Vollzeitjob. Eine Kammer könne genau das ändern: eine Geschäftsstelle, die Themen professionell vorbereitet, damit ehrenamtliche Vorstände nicht jedes hundertseitige Gesetz nach Feierabend durcharbeiten müssen. Wichtiger noch ist die Unabhängigkeit. Solange die Gründungsphase aus Haushaltsmitteln finanziert wird, muss vieles mit dem Ministerium abgestimmt werden – bis hin zu einzelnen Halbsätzen in einem Informationsflyer. Erst die selbst erhobenen Mitgliedsbeiträge schaffen echte Autonomie. Koch verweist auf das Negativbeispiel Niedersachsen, wo fehlende Mittel die inhaltliche Arbeit lähmten und letztlich zum Aus beitrugen. Die Anschubfinanzierung in NRW dagegen habe den Rücken freigehalten. In Baden-Württemberg gibt es eine Finanzierung für die Gründungsphase – aber, wie Koch einräumt, weniger Anschub für die Anfangszeit, als sich der Landespflegerat gewünscht hätte. Gerade in Zeiten klammer Kassen heißt es nun, kreativ zu werden. ## Der Dreiklang – und der Streit mit Verdi Eines betont Koch immer wieder: Veränderung gelingt nur im Dreiklang aus Kammer, Berufsverbänden und Gewerkschaften. Bei einem Organisationsgrad von deutlich unter zehn Prozent hätten Gewerkschaften und Verbände allein in den letzten Jahrzehnten zu wenig Schlagkraft entwickelt. Eine Kammer dagegen vertritt über die Pflichtmitgliedschaft hundert Prozent der Pflegefachpersonen – demokratisch legitimiert, mit Wahl- und Mitspracherecht für jedes Mitglied. Umso bemerkenswerter ist sein Werben um die Gewerkschaft, obwohl [Verdi sich auf Landesebene klar gegen die Kammer positioniert](https://gesundheit-soziales-bildung-bawue.verdi.de/themen/nachrichten/++co++6cae1d5c-8f55-11ee-b5f7-b1c8a3aca1be?ref=uebergabe.de) und öffentlich dazu aufruft, Einwendungen zu erheben. Das Framing dort sei durchweg negativ, sagt Koch – dabei ließen sich dieselben Sätze auch positiv lesen: Die Einwendungsmöglichkeit ist letztlich eine indirekte Abstimmung. Hinter dem Widerstand vermutet er vor allem Angst vor Bedeutungsverlust – ein Blick auf die [Entwicklung der Mitgliederzahlen](https://de.statista.com/statistik/daten/studie/74814/umfrage/mitglieder-der-gewerkschaft-verdi-seit-2001/?ref=uebergabe.de) über die letzten Jahrzehnte mache diese Sorge nachvollziehbar. Dabei schließe sich beides für ihn überhaupt nicht aus: Er sei selbst Gewerkschafts- und (künftiges) Kammermitglied. In NRW arbeiten Vertreter:innen mit Verdi-Hintergrund inzwischen konstruktiv mit – ein Modell, das Koch auch für Baden-Württemberg anstrebt. > *„Wir sind kein Heilhilfsberuf, kein Anhängsel der Medizin. Wir sind eine eigenständige Profession, die ihren Platz im System bekommen muss." — Peter Koch* ## Lernen von den Nachbarn Baden-Württemberg ist in der Lage, aus Positiv- und Negativbeispielen zu lernen. Mit Rheinland-Pfalz und NRW besteht enger Austausch, ebenso mit Personen aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Aus den Kommunikationsproblemen der gescheiterten Gründungen will man Konsequenzen ziehen, schnell in die Sacharbeit kommen und früh sichtbare Erfolge liefern. Die Weiterbildungsordnung soll dabei – wie in den Vorbild-Bundesländern – eines der ersten großen Projekte werden. Seit dem 1\. November 2023 hat der Gründungsausschuss erste hauptamtliche Unterstützung: einen Geschäftsführer, eine Assistenz, weitere Stellen in Ausschreibung. Banalitäten wie Büroräume, Telefonverträge oder ein Konto musste der Vorstand zuvor komplett selbst stemmen. Für 2024 ist außerdem eine sichtbare Werbekampagne geplant, parallel zu den Anschreiben an die Pflegefachpersonen. ## Mitmachen erwünscht Auf die Frage nach Unterstützung wird Koch konkret: Gesucht werden Kammerbotschafter:innen – ein Modell, das man sich von NRW abgeschaut hat. Sie informieren in Einrichtungen, gehen in den offenen Austausch und begeistern Kolleg:innen für das Thema. Auch in den sozialen Medien brauche es Menschen, die sich klar als Befürworter:innen positionieren und Falschinformationen entgegentreten. Wer mitwirken will, findet die [Informationen zur Pflegekammer Baden-Württemberg](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/gesundheit-pflege/pflege/pflegekammer-in-baden-wuerttemberg?ref=uebergabe.de) über das Sozialministerium. Ob das Quorum erreicht wird? Koch ist optimistisch. Die 68 Prozent von 2018 seien nicht vom Himmel gefallen – die schweigende Mehrheit sei oft leiser als die lauten Gegner. Und sein Antrieb bleibt klar: Er will nicht in den Ruhestand gehen, ohne den Status quo verändert zu haben. Denn eines fehlt der Pflege bis heute grundlegend – ihr fester Platz im leistungsrechtlichen Gefüge des Gesundheitssystems. Den, davon ist Koch überzeugt, bekommt man nur über politische Instrumente. Und die Kammer ist der erste Schritt dorthin. ## Zum Weiterhören - [ÜG129 – Kammergründung in Baden-Württemberg (Anne-Katrin Gerhardts)](https://www.uebergabe.de/ug129/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [ÜG045 – Blickpunkt Niedersachsen: Evaluation der Pflegekammer](https://www.uebergabe.de/ug045/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes Zu Gast in dieser neuen Folge ist Peter Koch als Mitglied des Gründungsausschusses der Landespflegekammer Baden-Württemberg. Wir sprechen mit Peter über die Entwicklung, den aktuellen Stand und die Aufgaben des Ausschusses und der zukünftigen Landespflegekammer. Lauscht die Ohren und erfahrt mehr über die Herausforderungen und was Pflegende von einer Pflegekammer erwarten können. ### Shownotes - [Pflegekammer BaWü](https://www.pflegekammer-bw.de/?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-bw.de) - [Gründungsausschuss der Pflegekammer BaWü](https://www.pflegekammer-bw.de/vorstellung-gruendungsausschuss?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-bw.de) - [Informationen zur Pflegekammer BaWü](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/gesundheit-pflege/pflege/pflegekammer-in-baden-wuerttemberg?ref=uebergabe.de) (sozialministerium.baden-wuerttemberg.de) - [Befragung zur Einrichtung einer Pflegekammer](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/meldung/pid/die-pflegekraefte-haben-entschieden-ja-zu-einer-pflegekammer-in-baden-wuerttemberg?ref=uebergabe.de) (sozialministerium.baden-wuerttemberg.de) - [Landespflegerat (LPR) Baden-Württemberg](https://lpr-bw.de/?ref=uebergabe.de) (lpr-bw.de) - [Deutscher Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Botschafter\*innen der Pflegekammer BaWü](https://www.pflegekammer-bw.de/botschafter?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-bw.de) - [Verdi zur Pflegekammer BaWü](https://gesundheit-soziales-bildung-bawue.verdi.de/themen/nachrichten/++co++6cae1d5c-8f55-11ee-b5f7-b1c8a3aca1be?ref=uebergabe.de) (gesundheit-soziales-bildung-bawue.verdi.de) - [Anzahl der Mitglieder der Gewerkschaft ver.di von 2001 bis 2022 ](https://de.statista.com/statistik/daten/studie/74814/umfrage/mitglieder-der-gewerkschaft-verdi-seit-2001/?ref=uebergabe.de)(de.statista.com) - [Bundesverband Pflegemanagement ](https://www.bv-pflegemanagement.de/?ref=uebergabe.de)(bv-pflegemanagement.de) - [Deutscher Verband der Leitungskräfte der Alten- und Behindertenhilfe e. V. ](https://www.dvlab.de/index.php?ref=uebergabe.de)(dvlab.de) - [Pflegebündnis Mittelbaden](https://www.pflegebuendnis-mittelbaden.de/?ref=uebergabe.de) (pflegebuendnis-mittelbaden.de) ### Im Fokus: Pflegepersonalbemessungsverordnung (PPR 2.0) URL: https://www.uebergabe.de/pu063/ Last updated: 2026-06-17T19:31:03.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 03.12.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Referentenentwurf zur Pflegepersonalbemessungsverordnung (PPR 2.0) liegt vor – mit täglicher Einstufung der Patient:innen. - Verbände begrüßen den Schritt, kritisieren aber Zeitplan, Schulungsaufwand und fehlende Refinanzierung. - Kurznachrichten zu Pflegetag RLP, Krankenhaustransparenzgesetz und neuer Berufsordnung in NRW. In dieser Folge dreht sich fast alles um ein einziges großes Thema: die Pflegepersonalbemessungsverordnung, kurz PPBV, in der die viel diskutierte PPR 2.0 verankert werden soll. Wir ordnen ein, was im Referentenentwurf steht, wie Verbände und Gewerkschaften reagiert haben – und warum der ursprünglich geplante Start ins Wanken geriet. Danach gibt es noch drei Kurzmeldungen für dich. ## Referentenentwurf zur PPR 2.0: tägliche Einstufung statt starrer Untergrenzen Eine bedarfsorientierte Personalbemessung wird seit Jahren von Verbänden, Gewerkschaften, Kammern, der Pflegewissenschaft und aus der Praxis gefordert. Das Ziel: weg von starren Pflegepersonaluntergrenzen, hin zu einem validierten Instrument, das den tatsächlichen Bedarf an Pflegefachpersonen je nach Versorgungssituation auf Station misst. Bereits unter dem damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn entwickelten der Deutsche Pflegerat, die Gewerkschaft ver.di und die Deutsche Krankenhausgesellschaft die PPR 2.0\. Eigentlich war eine Einführung schon 2020 vorgesehen – dann kam die Corona-Pandemie dazwischen, und die Vorschläge blieben zunächst liegen. Die Ampelkoalition nahm die PPR 2.0 als Übergangsinstrument zur verbindlichen Personalbemessung in ihren Koalitionsvertrag von 2021 auf. Gesundheitsminister Karl Lauterbach ließ die bereits erprobten Regelungen erneut in der Praxis testen und wissenschaftlich untersuchen; das Instrument wurde dabei noch einmal angepasst. Zum Zeitpunkt der Folge lag nun ein [Referentenentwurf zur Pflegepersonalbemessungsverordnung](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/P/refe%5Fppbv.pdf) vor, mit dem der Gesetzgebungsprozess in Gang kommen sollte. Geplant war damals, dass Krankenhäuser ab dem 1\. Januar 2024 ihren Pflegepersonalbedarf nach den Vorgaben der Verordnung für alle bettenführenden Stationen der Somatik ermitteln. Der Entwurf regelt die Personalbemessung auf Normalstationen für Erwachsene und für Kinder sowie auf pädiatrischen Intensivstationen, außerdem die Übermittlung der Daten an das Institut für das Entgeltsystim im Krankenhaus (InEK). Anhand dieser Daten soll zunächst ermittelt werden, wie sich die vorhandene Ist-Personalausstattung zur rechnerischen Soll-Personalausstattung verhält. In einer anschließenden Konvergenzphase soll der Erfüllungsgrad der Soll-Besetzung stufenweise angehoben werden – mit dem Ziel des Personalaufbaus. Sanktionen bei Unterschreitung waren angekündigt, sollten aber erst später per Rechtsverordnung festgelegt werden. ### Was das konkret für die Praxis bedeutet Damit der Bedarf überhaupt gemessen werden kann, müssen Pflegefachpersonen den Versorgungsaufwand erfassen. Künftig wird dafür einmal pro Tag eine Einstufung der Patient:innen vorgenommen. Wer länger im Beruf ist, erinnert sich an die frühere PPR 1.0, die wieder abgeschafft wurde; einige Häuser haben ein vergleichbares Vorgehen beibehalten, viele jüngere Kolleg:innen kennen es dagegen nicht mehr. Unterschieden wird grob zwischen allgemeiner und spezieller Pflege, mit einer angepassten Variante für die Versorgung von Kindern. Klar ist: Das bedeutet zusätzlichen Dokumentationsaufwand. Die vom Ministerium beauftragte Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass die Einstufung pro Patient:in und Tag zwischen einer und fünf Minuten dauert, auf Kinderstationen zwischen einer und zehn Minuten. Für die Einarbeitung wurden rund 20 bis 40 Minuten pro Person veranschlagt, auf Kinderstationen etwa 120 Minuten. Diesen Zeiten steht der Mehrwert gegenüber, eine belastbare Datengrundlage für mehr Personal zu schaffen. ## Reaktionen der Verbände: Zustimmung im Grundsatz, Kritik im Detail Ein Referentenentwurf bleibt selten unkommentiert – und so meldeten sich zahlreiche Akteur:innen zu Wort. Der Deutsche Pflegerat begrüßte die Veröffentlichung und sprach von einem Meilenstein. Zugleich machte der DPR deutlich, dass pflegewissenschaftliche und pflegefachliche Begleitung in der Einführungs- und Konvergenzphase unverzichtbar sei, wenn man das Instrument als lernendes System verstehe, das immer wieder nachjustiert werden müsse. Als Ansprechpartner für die Datenerfassung war zunächst nur das InEK vorgesehen, das jedoch keine pflegefachlichen Fragen beantworten kann. Der DPR forderte deshalb ein eigenes Institut für Personalbemessung in der Pflege. Kritisch sah der DPR auch die Kinder-PPR 2.0: Pflegefachpersonen ohne pädiatrische Vertiefung sowie akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen würden praktisch nicht berücksichtigt. Dabei befähige die generalistische Ausbildung auch ohne Vertiefung zur selbstständigen, prozessorientierten Pflege, und akademisch Qualifizierte verbesserten nachweislich die Versorgungsqualität. Würden diese Gruppen nicht einbezogen, drohten pädiatrischen Stationen erhebliche Besetzungsprobleme. Wegen des hohen Schulungsaufwands plädierte der DPR zudem dafür, in der Konvergenzphase auf Sanktionen zu verzichten. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) argumentierte ähnlich: Er begrüßte die gesetzliche Verankerung, kritisierte aber ebenfalls die fehlende Berücksichtigung von Pflegefachpersonen ohne pädiatrische Vertiefung und von akademisch ausgebildeten Pflegefachpersonen – das widerspreche dem Grundgedanken der generalistischen Ausbildung. Auch der DBfK forderte ein öffentlich finanziertes Institut für die Personalbedarfsermittlung. ver.di sprach gleichfalls von einem Meilenstein und begrüßte ausdrücklich, dass der [vorgesehene Zeitplan eingehalten werden sollte](https://gesundheit-soziales-bildung.verdi.de/themen/gesundheitspolitik/++co++578bc916-8f5e-11ee-800a-b51c59f2ff0c?ref=uebergabe.de). Kritisiert wurde jedoch das Fehlen konkreter inhaltlicher und zeitlicher Vorgaben zur Konvergenzphase sowie verbindlicher Sanktionsregelungen – ein bloßer Verweis auf spätere Möglichkeiten reiche nicht aus, um Datenerhebung und Übermittlung wirksam durchzusetzen. Auch der Verband der Pflegedirektor:innen der Universitätskliniken und medizinischen Hochschulen Deutschlands (VPU) und der Berufsverband Pflegemanagement meldeten sich. Beide hielten den Zeitrahmen für unrealistisch: Die Daten müssten digital erhoben und an das InEK übermittelt werden, die nötige Software bereitzustellen sei zeitintensiv. Der VPU rechnete mit einem Schulungsaufwand von mindestens sechs Monaten und sah die wirtschaftlichen Aufwendungen der Kliniken unterschätzt. Der Berufsverband Pflegemanagement bemängelte zusätzlich die fehlende Refinanzierung der Einführungskosten und die uneinheitlichen technischen Voraussetzungen der Häuser. ## Beratung von der Tagesordnung gestrichen – Start verschiebt sich Und dann kam der überraschende Schlusspunkt: Das Bundesministerium für Gesundheit reagierte auf die Kritik. Die Beratung zur PPBV wurde von der Tagesordnung der Bundesratssitzung am 15\. Dezember gestrichen, die nächste Sitzung war erst für Februar angesetzt. Damit war der geplante Start zum 1\. Januar 2024 zum Zeitpunkt der Folge faktisch nicht mehr zu halten – realistisch wirkte eher das zweite oder dritte Quartal 2024\. ver.di wertete diese Verzögerung als bittere Nachricht. Die Lage zeigt das Grunddilemma: Auf der einen Seite steht die Forderung nach ausreichend Vorbereitungszeit, etwa für Schulungen – denn wenn Pflegefachpersonen das Instrument nicht sicher anwenden, lassen sich die Daten kaum sinnvoll nutzen. Auf der anderen Seite steht der Wunsch nach einer möglichst schnellen Einführung eines lernfähigen Systems, das mit der Zeit weiterentwickelt wird. Beides unter einen Hut zu bringen, ist anspruchsvoll. Klar ist auch, dass der Entwurf zunächst nur den somatischen Bereich erfasst – Pflege findet jedoch in vielen weiteren Settings statt, die perspektivisch einbezogen werden sollten. ## Pflegetag Rheinland-Pfalz mit über 1.300 Teilnehmenden In der Woche vor der Folge fand der mittlerweile fünfte Pflegetag in Rheinland-Pfalz statt. Laut der organisierenden Pflegekammer Rheinland-Pfalz kamen in Mainz mehr als 1.300 Teilnehmende, Gäste und Ausstellende zusammen. Die Veranstaltung bot eine Plattform für Austausch, Vernetzung und die Diskussion zentraler Themen der professionellen Pflege. Kammerpräsident Markus Mai bewertete den [Pflegetag als vollen Erfolg](https://pflegekammer-rlp.de/rheinland-pfalzischer-pflegetag-2023-er-folgreiche-plattform-fur-dialog-vernetzung-und-innovation-in-der-pflegebranche/?ref=uebergabe.de) und betonte die gesellschaftliche Bedeutung des Pflegeberufs sowie die Notwendigkeit, Pflegefachpersonen angemessen zu unterstützen und die Profession nachhaltig zu stärken. ## Krankenhaustransparenzgesetz im Vermittlungsausschuss Der Bundesrat hat am 24\. November 2023 das Krankenhaustransparenzgesetz in den Vermittlungsausschuss überwiesen, um es grundlegend überarbeiten zu lassen. Grundsätzlich begrüßen die Länder das Vorhaben, die Transparenz der stationären Versorgungsqualität zu verbessern. Bemängelt wurden jedoch unter anderem die geplante Übersicht zur Behandlungsqualität, die Zuordnung der Leistungsgruppen, der Bürokratieaufwand durch neue Meldepflichten und ein aus Sicht der Länder unzureichender Rechtsschutz für die Häuser. Zudem fehle es an kurzfristigen Verbesserungen der Liquidität der Krankenhäuser – die Länder forderten tragfähige finanzielle Überbrückungshilfen des Bundes. Der [Vermittlungsausschuss](https://www.vermittlungsausschuss.de/VA/DE/vermittlungsverfahren/laufend/laufende-node.html?ref=uebergabe.de) hat die Aufgabe, die unterschiedlichen Vorstellungen von Bundestag und Bundesrat auszugleichen. In ihm sitzen Vertreter:innen beider Häuser mit gleicher Stimmenzahl, um Lösungen zu finden, die für beide Seiten akzeptabel sind. ## Pflegekammer NRW startet Arbeit an einer Berufsordnung Zu Jahresbeginn beginnt die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen mit der Arbeit an einer Berufsordnung für Pflegefachpersonen. Eine solche Ordnung bietet Orientierung für den beruflichen Alltag, indem sie Rechte, Pflichten, Aufgaben und Verantwortungen der Pflege festlegt. In fünf Regional- und zwei Online-Konferenzen im ersten Quartal 2024 konnten sich Mitglieder aktiv an der Erstellung beteiligen. Die Termine waren über die [Seite zur Berufsordnung der Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/berufsordnung/?ref=uebergabe.de) abrufbar. ## Zum Weiterhören - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) - [ÜG183 – Personalbemessung in der Pflege (Martin Pohlmann & Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug183/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) --- ### Quellen - [Direktdownload des Referentenentwurfs zur PPR 2.0](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/P/refe%5Fppbv.pdf) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Reaktion des DBfK ](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2023/PPR-Referentenentwurf.php?ref=uebergabe.de)(dbfk.de) - [Reaktion des DPR ](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/ein-meilenstein-fuer-die-pflege-und-die-patientensicherheit?ref=uebergabe.de)(deutscher-pflegerat.de) - [Reaktion verdi](https://gesundheit-soziales-bildung.verdi.de/themen/gesundheitspolitik/++co++578bc916-8f5e-11ee-800a-b51c59f2ff0c?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [Pflegetag RLP](https://pflegekammer-rlp.de/rheinland-pfalzischer-pflegetag-2023-er-folgreiche-plattform-fur-dialog-vernetzung-und-innovation-in-der-pflegebranche/?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-rlp.de) - [Krankenhaustransparenzgesetz im Vermittlungsausschuss](https://www.vermittlungsausschuss.de/VA/DE/vermittlungsverfahren/laufend/laufende-node.html?ref=uebergabe.de) (vermittlungsausschuss.de) - [Regionalkonferenzen zur Berufsordnung in NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/berufsordnung/?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nrw.de) ### Onkologische Patient:innen profitieren von zertifizierten Zentren URL: https://www.uebergabe.de/onkologische-patientinnen-profitieren-von-zertifizierten-zentren/ Last updated: 2024-03-23T22:47:47.000Z 🗓️ #18 | 30.11.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Maria-Banner-2-1.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Safewards - ein Konzept für die psychiatrische Pflege (Prof. Dr. Michael Schulz) URL: https://www.uebergabe.de/ug126/ Last updated: 2026-06-13T23:27:29.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 24.11.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - SafeWards ist ein evidenzbasiertes Konzept, das Gewalt auf psychiatrischen Stationen präventiv reduziert. - Nicht Patient:innen, sondern das Teamverhalten steht im Fokus der Veränderung. - Zehn Interventionen stärken Beziehung, Transparenz und Kommunikation auf Augenhöhe. - SafeWards gilt als operationalisierte Recovery und braucht Rückendeckung der Leitung. - Du veränderst Haltung und Kultur, nicht nur einzelne Abläufe. ## Gewalt reduzieren, Beziehungen stärken – ein System verändert sich Gewalt und Zwangsmaßnahmen gehören zu den kritischsten Themen in der psychiatrischen Versorgung. Während international bereits seit Jahrzehnten an Strategien zur Gewaltvermeidung gearbeitet wird, hinkt Deutschland vielfach hinterher. Doch das ändert sich langsam – unter anderem dank eines Konzepts, das aus Großbritannien stammt und derzeit mehr Aufmerksamkeit denn je erhält: SafeWards. Was zunächst wie ein weiteres Deeskalationstraining klingen mag, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als tiefgreifende, komplexe Intervention mit nachhaltigem Kulturwandelpotenzial. Denn SafeWards verändert nicht nur Abläufe, sondern Haltungen – und das multiprofessionell, interdisziplinär und evidenzbasiert. ## Was ist SafeWards – und was ist es nicht? SafeWards bedeutet übersetzt „sichere Stationen“. Entwickelt wurde das Modell vom britischen Pflegewissenschaftler Len Bowers, der am Institute of Psychiatry in London forschte. Ziel war es, die Ursachen für Gewalt auf psychiatrischen Akutstationen systematisch zu untersuchen – und daraus praktische Maßnahmen abzuleiten. Dabei ist SafeWards kein reines Pflegekonzept, sondern adressiert das gesamte Team: Pflegefachpersonen, Ärzt:innen, Sozialarbeiter:innen, Therapeut:innen und alle weiteren Beteiligten. Der Fokus liegt auf Prävention, Haltung und Kommunikation. SafeWards ist also keine neue Methode zur körperlichen Abwehr von Gewalt, sondern zielt darauf ab, dass es gar nicht erst zur Eskalation kommt. ## Ursachen für Eskalation: Sechs Krisenherde Das Modell identifiziert sechs Ursprungsfaktoren, die zu Aggression und Gewalt führen können: 1. **Team und Strukturen**: Personalmangel, Überlastung, mangelnde Ausbildung oder widersprüchliche Regeln fördern Stress und Unsicherheit. 2. **Räumliche Umgebung**: Überfüllte Stationen, schlechte Gestaltung, fehlende Privatsphäre oder geschlossene Türen erzeugen Unruhe. 3. **Einflüsse von außen**: Schlechte Nachrichten, familiäre Krisen oder existenzielle Verluste wirken in den Stationsalltag hinein. 4. **Eigenschaften der Patient:innen**: Vorangegangene Lebenserfahrungen, insbesondere mit Gewalt, können Reaktionen beeinflussen. 5. **Symptomatik und Gruppendynamik**: Konflikte innerhalb der Patient:innengruppe bergen Eskalationspotenzial. 6. **Stationäre Kultur und Kommunikation**: Hierarchien, Intransparenz und mangelnde Begegnung auf Augenhöhe sind weitere Risikofaktoren. Diese Faktoren wirken oft ineinander und verstärken sich gegenseitig. SafeWards setzt genau hier an – mit Interventionen, die auf Beziehungsarbeit, Transparenz und Mitbestimmung beruhen. > „SafeWards arbeitet zu 70 % mit dem Personal – und nur zu 30 % mit den Patient:innen.“ – Prof. Michael Schulz ## Zehn Interventionen, die Haltung verändern SafeWards umfasst zehn Interventionen, die systematisch eingeführt werden. Jede für sich klingt einfach – gemeinsam verändern sie das Miteinander auf Station nachhaltig: - **Gegenseitige Erwartungen klären**: Patient:innen und Team entwickeln gemeinsam Regeln und Erwartungen. Das verhindert Missverständnisse. - **Sich kennenlernen**: Mitarbeitende stellen sich persönlich vor – mit Hobbys, Lieblingsessen, Musikgeschmack. Auch Patient:innen schreiben auf, was sie mögen. Das schafft Verbindung. - **Positive Sprache**: Es wird gezielt an wertschätzender, ressourcenorientierter Kommunikation gearbeitet. - **Unterstützungskonferenzen**: Patient:innen unterstützen sich gegenseitig. Das stärkt die Gemeinschaft. - **Umgang mit schlechten Nachrichten**: Diese werden vorausschauend begleitet, um Eskalationen zu vermeiden. - **Sicherheitsgefühl stärken**: Die Station bietet bewusst Ansprechbarkeit – z. B. durch einen "Flurdienst". - **Würdige Verabschiedung**: Patient:innen hinterlassen positive Botschaften für nachfolgende Mitpatient:innen. - **Gemeinsame Reflexion im Team**: Personal tauscht sich regelmäßig über Kommunikation und Prozesse aus. - **Vermeidung unnötiger Regeln**: Viele stationäre Regeln werden infrage gestellt – zugunsten von Flexibilität und individueller Aushandlung. - **Deeskalationskultur als Haltung**: Nicht das Verhalten der Patient:innen, sondern das eigene Handeln steht im Fokus. ## Wandel beginnt im Team – und in der Leitung Ein zentrales Prinzip von SafeWards: Nicht die Patient:innen müssen sich ändern, sondern das professionelle Verhalten auf Station. Prof. Michael Schulz bringt es auf den Punkt: In 70 % der Fälle liegt die Ursache für Eskalationen im Verhalten des Teams. Das bedeutet auch: SafeWards funktioniert nur, wenn alle mitziehen. Das setzt intensive Schulungen, klare Kommunikation und vor allem: die Rückendeckung des Managements voraus. In Deutschland ist das Modell deshalb eine „Top-down“-Entscheidung. Klinikleitungen müssen bereit sein, Verantwortung neu zu denken – und auch, Risiken auszuhalten. Denn Öffnung bedeutet auch, Kontrolle loszulassen. ## Erfolg mit Folgen: Wie sich Stationen verändern Studien zeigen: Die Einführung von SafeWards führt zu einer deutlichen Reduktion von Zwangsmaßnahmen und Aggressionsvorfällen. Beispiel: Die Stationen des St. Urban Krankenhauses in Berlin-Kreuzberg, Teil der Charité, konnten durch SafeWards ihre Vorfälle drastisch reduzieren – und das bei gleichbleibendem Patient:innenklientel. Auch das Sicherheitsgefühl stieg: Bei Patient:innen wie bei Mitarbeitenden. Der Essener Stationsklimabogen, ein standardisierter Erhebungsbogen, zeigt dabei Verbesserungen in den Bereichen Beziehungsqualität, wahrgenommene Sicherheit und Teamklima. > „Es reicht ein Blick auf den Dienstplan, um zu wissen, ob es heute eskaliert.“ – Prof. Michael Schulz ## SafeWards als Brücke zur Recovery Das SafeWards-Modell ist eng verwandt mit dem Recovery-Konzept – der Idee, dass psychische Genesung individuell, selbstbestimmt und nicht immer „heilbar“ ist, aber in jedem Fall Unterstützung auf Augenhöhe braucht. Prof. Schulz betont: SafeWards ist „operationalisierte Recovery“. Das bedeutet: Die Grundidee von Recovery wird durch klare Maßnahmen im Stationsalltag lebbar gemacht. Und zwar für alle – nicht nur für Pflegefachpersonen, sondern auch für Ärzt:innen, Therapeut:innen und Sozialarbeiter:innen. ## Vom Projekt zur Kulturveränderung Die Einführung von SafeWards dauert etwa ein Jahr. Dann sind alle zehn Interventionen implementiert. Doch der Prozess endet nicht dort. Denn SafeWards ist keine Maßnahme, sondern eine Haltung. Es geht um habitualisiertes Verhalten im Team, um eine Kultur der Offenheit, des Dialogs und der kontinuierlichen Reflexion. Stationen, die langfristig mit SafeWards arbeiten, entwickeln häufig Folgeprojekte: Patient:innenbeteiligung, Einsatz von Genesungsbegleiter:innen oder neue Konzepte für die Ausbildung von Pflegefachpersonen. ## Grenzen und Potenziale SafeWards ist keine Allzwecklösung. Es ersetzt keine Therapie und kann strukturelle Probleme wie Personalnot oder bauliche Mängel nicht aufheben. Doch es kann helfen, den Handlungsspielraum innerhalb bestehender Systeme besser zu nutzen. Und: SafeWards funktioniert besonders gut dort, wo Teams bereit sind, sich selbst infrage zu stellen – wo Leitungspersonen Führung nicht als Kontrolle, sondern als Ermöglichung verstehen. ## Vernetzen, lernen, reflektieren SafeWards lebt vom Austausch. Es gibt internationale Netzwerke, einen aktiven Facebook-Channel und regelmäßige SafeWards-Treffen im deutschsprachigen Raum. Stationen, die das Modell einführen, werden ermutigt, sich zu öffnen – auch für Besuch und kollegiale Hospitation. Auch die LWL-Kliniken in Gütersloh laden Interessierte ein, sich vor Ort ein Bild zu machen. Denn nichts wirkt stärker als erlebte Veränderung. ## Fazit: Menschlichkeit ist keine Schwäche SafeWards zeigt, dass gute psychiatrische Versorgung nicht durch Zwang entsteht, sondern durch Beziehung. Es ist ein Modell, das Professionalität nicht über Distanz definiert, sondern über Nähe, Reflexion und Haltung. In einer Zeit, in der Pflegefachpersonen unter wachsendem Druck stehen und psychiatrische Versorgung oft als besonders herausfordernd gilt, ist SafeWards nicht nur eine Antwort auf Gewalt – sondern auf die Frage, wie wir Pflege menschlich, sicher und zukunftsfähig gestalten wollen. #### Shownotes - [Zur Person Prof. Dr. Michael Schulz](https://www.fh-diakonie.de/.cms/fhdd/professor%5Fdr%5Fmichael%5Fschulz/250?ref=uebergabe.de) - [Safewards](https://www.safewards.net/de/?ref=uebergabe.de) - [Buch: Safewards - Sicherheit durch Beziehung und Milieu (Michael Löhr, Prof. Dr. Michael Schulz, Prof. Dr. André Nienaber)](https://psychiatrie-verlag.de/product/safewards-2/?ref=uebergabe.de) - [Len Bowers auf ResearchGate](https://www.researchgate.net/profile/Len-Bowers?ref=uebergabe.de) - [ProDema](https://prodema-online.de/?ref=uebergabe.de) - [Björkdahl A, Palmstierna T, Hansebo G. The bulldozer and the ballet dancer: aspects of nurses' caring approaches in acute psychiatric intensive care. J Psychiatr Ment Health Nurs. 2010 Aug;17(6):510-8\. doi: 10.1111/j.1365-2850.2010.01548.x. PMID: 20633078.](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20633078/?ref=uebergabe.de) - [Entwicklung eines Beurteilungsbogens für das Stationsklima im Maßregelvollzug](https://www.uni-due.de/for-sex/entwicklungeinesbeurteilungsbogensfuerdasstationsklimaimmassregelvollzug.php?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG091 – Recovery - ein Konzept der psychiatrischen Pflege (Florian Schumacher, Marie Gröninger & Simon Stiehl)](https://www.uebergabe.de/ug091/) - [ÜG047 – Psychiatrische Pflege (Interview mit Prof. Dr. Michael Löhr)](https://www.uebergabe.de/ug047/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Krankenhaustag / Pflegekammer NRW kritisiert G-BA Empfehlung URL: https://www.uebergabe.de/pu062/ Last updated: 2026-06-13T22:08:47.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 18.11.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der 46\. Deutsche Krankenhaustag rückte Krankenhausreform und neue Rollen für Pflegefachpersonen in den Fokus. - Die Pflegekammer NRW kritisiert die G-BA-Richtlinie zur Ersteinschätzung in der Notaufnahme. - Personalwechsel in Bayern, Aufbau des BIPAM und ein ICN-Appell zum Nahostkrieg. In dieser Folge geht es vergleichsweise ruhig zu – trotzdem haben wir einige Entwicklungen für dich aufbereitet: einen Rückblick auf den Deutschen Krankenhaustag, die Kritik der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen an einer Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses und ein paar Kurzmeldungen. Bitte beachte: Alle politischen Zahlen, Pläne und Verfahren spiegeln den Stand von Mitte November 2023 wider. ## 46\. Deutscher Krankenhaustag in Düsseldorf: Reform und neue Rollen der Pflege Einmal im Jahr treffen sich Politik und Branchenvertreter:innen beim Deutschen Krankenhaustag, um über aktuelle gesundheitspolitische Themen zu diskutieren. In diesem Jahr stand erwartungsgemäß die Krankenhausreform ganz oben auf der Agenda. Die vier Kongresstage waren jeweils einem eigenen Schwerpunkt gewidmet – den Auftakt machte am Montag das Thema Politik und Finanzierung. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hielt seine Eröffnungsrede per Videoschalte, NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann sprach ein Grußwort vor Ort. Im Anschluss diskutierte Laumann mit den Bundesgesundheitspolitikerinnen und -politikern Maria Klein-Schmeink (Bündnis 90/Die Grünen) und Ates Gürpinar (Die Linke) über die künftig benötigten Rahmenbedingungen für deutsche Krankenhäuser. Die mittleren Kongresstage rückten dann die eigentliche Versorgung durch Pflegefachpersonen und Ärzt:innen in den Mittelpunkt. Vorträge unter anderem aus der Pflegewissenschaft sowie von Vertreter:innen des Deutschen Pflegerats und des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) beleuchteten die Perspektive der Pflege für die zukünftige Krankenhausversorgung. Besonders relevant für dich: Ein eigener Programmpunkt befasste sich mit den künftigen Rollen von Pflegefachpersonen im Krankenhaus – etwa mit Advanced Practice Nurses und dem viel diskutierten Qualifikationsmix. Wer es nicht nach Düsseldorf geschafft hat, findet das [vollständige Programm des Kongresses](https://www.deutscher-krankenhaustag.de/programm/?ref=uebergabe.de) online; viele Vorträge sollten zudem laut Ankündigung als [Aufzeichnungen zum Nachschauen](https://www.medica.de/de/Programm/Konferenzen/Deutscher%5FKrankenhaustag?ref=uebergabe.de) bereitgestellt werden. Zum Aufnahmezeitpunkt der Folge waren die Videos allerdings noch nicht abrufbar. ## Pflegekammer NRW kritisiert G-BA-Richtlinie zur Ersteinschätzung in der Notaufnahme Zur Einordnung zunächst der Hintergrund: Anfang Juli 2023 hatte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) eine [Richtlinie zur Ersteinschätzung des Versorgungsbedarfs in der Notfallversorgung](https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-meldungen/1119/?ref=uebergabe.de) veröffentlicht. Kern der Regelung: Hilfesuchende, die in eine Notaufnahme kommen, sollten künftig nicht mehr nur in ihrer Behandlungsdringlichkeit eingeschätzt werden, sondern es sollte auch die Behandlungsnotwendigkeit bestimmt werden. Stellt sich heraus, dass jemand mit seinem Anliegen ebenso gut am nächsten Tag in den niedergelassenen Bereich gehen könnte, sollte diese Person noch vor der eigentlichen Aufnahme dorthin verwiesen werden. Zudem sah die Richtlinie vor, dass die Ersteinschätzung nur noch von Pflegefachpersonen mit der Fachweiterbildung Notfallpflege oder von Notfallsanitäter:innen durchgeführt werden darf. Der Beschluss stieß auf Widerstand – vor allem beim Bundesgesundheitsministerium. Bemängelt wurde unter anderem, dass klare Kriterien für eine qualifizierte Ersteinschätzung fehlten, etwa mit Blick auf Patient:innensicherheit, Vollständigkeit und Objektivität. Kritisiert wurde außerdem, dass die Richtlinie nur Personen erfasse, die selbstständig ins Krankenhaus kommen, nicht aber jene, die mit dem Rettungsdienst eintreffen. Auch die Vergütung sorgte für Diskussionen: Würde eine hilfesuchende Person als weniger dringlich eingestuft, dennoch aber in der Klinik weiterbehandelt, sollten diese Leistungen nicht mehr vergütet werden. In Summe beanstandete das Ministerium nicht nur Teile, sondern die gesamte Richtlinie – wogegen der G-BA wiederum klagt. In diese Debatte hat sich nun die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen eingeschaltet. Sie weist in ihrer [Stellungnahme](https://www.pflegekammer-nrw.de/ersteinschaetzung-in-der-notaufnahme-wir-sehen-die-pflege-in-der-prozessverantwortung-2/?ref=uebergabe.de) darauf hin, dass die in Deutschland gängigen Systeme zur Ersteinschätzung – das Manchester-Triage-System und der Emergency Severity Index (ESI) – darauf ausgelegt sind, die Behandlungsdringlichkeit einzustufen, nicht aber die Behandlungsnotwendigkeit zu bestimmen. Ein digitales Instrument, das den geforderten Zweck erfüllt und wissenschaftlich erprobt wäre, existiere bislang nicht. Ein zweiter Kritikpunkt betrifft die Gleichstellung von Notfallsanitäter:innen und Notfallpflegefachpersonen. Die Pflegekammer hält es zwar grundsätzlich für sinnvoll, die Ersteinschätzung nur hochqualifiziertem Personal zu überlassen, sieht die Gleichsetzung beider Berufsgruppen aber kritisch: Die Ausbildung zum Notfallsanitäter konzentriere sich auf die präklinische Versorgung; für die Frage, bei welchen Gesundheitsstörungen ein Verweis in den niedergelassenen Bereich möglich ist, seien Notfallsanitäter:innen nur am Rande ausgebildet. Demgegenüber bringen Notfallpflegefachpersonen drei Jahre Berufsausbildung, ein Jahr Berufserfahrung in einer Notaufnahme und zwei Jahre Fachweiterbildung mit – insgesamt also rund sechs Jahre spezialisierte Qualifizierung. Vor dem Hintergrund der Vorbehaltsaufgabe „Steuerung des Pflegeprozesses", die ausschließlich der Pflege obliegt, bewertet die Kammer die Gleichstellung als fachlich und rechtlich problematisch. Praktisch relevant ist schließlich der dritte Einwand: Die geforderten Qualifikationsanforderungen hält die Pflegekammer im vorgegebenen Zeitrahmen für unrealistisch. Es gebe zu wenige weitergebildete Pflegefachpersonen, zu wenige Weiterbildungsplätze und keinen Ersatz für Personal, das während einer Weiterbildung in anderen Bereichen fehlt. Gefordert wird deshalb, erfahrene Pflegefachpersonen, die seit Jahren in der Ersteinschätzung tätig und entsprechend geschult sind, zumindest übergangsweise rechtssicher weiter einsetzen zu können. Außerdem möchte die Kammer mit belastbaren Daten zu Anzahl, Qualifikation und Stellenumfang von Pflegefachpersonen in nordrhein-westfälischen Notaufnahmen in den Prozess eingebunden werden und ihn aktiv mitgestalten. ## Kurznachrichten: Ministerinnenwechsel in Bayern, BIPAM und ein ICN-Appell In Bayern hat es einen Wechsel an der Spitze des Gesundheitsressorts gegeben: Neue Gesundheitsministerin ist Judith Gerlach (CSU), zuvor Digitalministerin. Sie folgt auf Klaus Holetschek, der seit Oktober 2023 Fraktionsvorsitzender der CSU im Bayerischen Landtag ist. Gerlach ist Juristin und kündigte an, einen Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Integration des technischen Fortschritts in das Gesundheitswesen legen zu wollen. Auf Bundesebene beginnt der Aufbau des Bundesinstituts für Prävention und Aufklärung in der Medizin (BIPAM). Es soll sich um die Vermeidung nicht übertragbarer Erkrankungen kümmern – etwa Krebs, Demenz oder die koronare Herzkrankheit. Die Neuordnung der Gesundheitsbehörden war bereits im Koalitionsvertrag angelegt; die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die während der Corona-Pandemie wiederholt in der Kritik stand, soll in das BIPAM überführt werden. Mehr Hintergründe liefert die [Mitteilung des Bundesgesundheitsministeriums zum Aufbau des Instituts](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/praeventions-institut-im-aufbau-pm-04-10-23?ref=uebergabe.de). Mit Blick auf den Krieg in Israel und im Gazastreifen hat der International Council of Nurses (ICN) die anhaltende Gewalt verurteilt. Der Weltverband forderte einen sicheren Zugang zu Gesundheitsdiensten für alle Betroffenen sowie den Schutz des Gesundheitspersonals. ## Zum Weiterhören - [ÜG182 – Krankenhausreform](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug145/) --- ### Quellen - [Rede Lauterbach auf dem Deutschen Krankenhaustag](https://www.ardmediathek.de/video/phoenix-vor-ort/46-deutscher-krankenhaustag/phoenix/Y3JpZDovL3Bob2VuaXguZGUvMzk1MzcxMg?ref=uebergabe.de) (ardmediathek.de) - [Programm des DKT](https://www.deutscher-krankenhaustag.de/programm/?ref=uebergabe.de) (deutscher-krankenhaustag.de) - [Link zu den Videos vom DKT](https://www.medica.de/de/Programm/Konferenzen/Deutscher%5FKrankenhaustag?ref=uebergabe.de) (medica.de) - [PM Pflegekammer NRW zu G-BA](https://www.pflegekammer-nrw.de/ersteinschaetzung-in-der-notaufnahme-wir-sehen-die-pflege-in-der-prozessverantwortung-2/?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nrw.de) - [Ursprüngliche PM des G-BA zur Notfallversorgung ](https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-meldungen/1119/?ref=uebergabe.de)(g-ba.de) - [Aufbau des BIPAM beginnt](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/praeventions-institut-im-aufbau-pm-04-10-23?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) ### Der Einfluss von Advanced Practice Nurses in der Notaufnahme und der Intensivstation URL: https://www.uebergabe.de/der-einfluss-von-advanced-practice-nurses-in-der-notaufnahme-und-der-intensivstation/ Last updated: 2024-03-26T21:01:28.000Z Welchen Einfluss hat der Einsatz von APNs in der Akut- und Notfallversorgung auf die Mortalitätsrate, die Kosten, das klinische Outcome, die Verweildauer und die Patient:innenzufriedenheit? _This post is for paying subscribers only._ ### Akademisch Pflegende in der Langzeitpflege (Theresa Laschewski) URL: https://www.uebergabe.de/ug125/ Last updated: 2026-06-13T12:31:54.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 11.11.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Akademisch Pflegende arbeiten kaum in der Langzeitpflege – ihr Potenzial bleibt ungenutzt. - Ein Forschungsprojekt entwickelte einen Katalog mit neun Aufgabenbereichen. - Handlungsempfehlungen richten sich an Politik, Berufsverbände, Träger und Pflegende selbst. - Im Ausland übernehmen Pflegende längst Diagnostik, Beratung und Prävention. - Mut zur Veränderung fehlt oft mehr als die Kompetenz. Wenn von akademisch Pflegenden die Rede ist, denken die meisten an Universitätskliniken, an hochspezialisierte Advanced Practice Nurses und an die großen Häuser der Akutversorgung. Doch was ist eigentlich mit der ambulanten und stationären Langzeitpflege? Genau dieser Bereich, der so selten im Rampenlicht steht, war Gegenstand eines Forschungsprojekts, über das Theresa Laschewski im Übergabe-Podcast mit Eva Maria Gruber und Christian Köbke gesprochen hat. Theresa ist akademisch ausgebildete Pflegefachperson, hat einen Master in Gesundheitspädagogik und arbeitete an der Hochschule Furtwangen im Schwarzwald an dem Projekt mit. Was sie und ihr Team herausgefunden haben, macht Mut – und stellt zugleich unbequeme Fragen. ## Warum die Langzeitpflege akademische Köpfe braucht Die Ausgangslage ist bekannt aus jeder pflegewissenschaftlichen Hausarbeit: Die Anforderungen an die Pflege werden komplexer. Chronische Erkrankungen, Multimorbidität, hochbetagte Klient:innen mit vielschichtigem Versorgungsbedarf – all das trifft auf ein Gesundheitssystem, das selbst für Fachleute schwer zu durchschauen ist. Hinzu kommt, dass pflegende Angehörige immer seltener vor Ort sind und die Organisation der Versorgung kaum noch stemmen können. Migration, kulturelle Vielfalt und der zunehmende Technikeinsatz erhöhen die Komplexität zusätzlich. Trotzdem arbeiten akademisch Qualifizierte bisher kaum in der Langzeitpflege – und wenn, dann häufig nicht in der direkten Versorgung, sondern im Management oder Qualitätsmanagement. Das Projekt nahm bewusst auch das vergleichsweise neue Setting der Quartierspflege in den Blick, Stichwort Community Health Nursing. Warum bleibt dieser Bereich so unterbesetzt? Theresa hat in den Interviews eine vielsagende Beobachtung gemacht. > *„Die Einrichtungen sind häufig überfordert und wissen nicht, welche Aufgaben akademisch Qualifizierte in diesem Setting übernehmen können." — Theresa Laschewski* Personalmangel, das neue Personalbemessungsinstrument, Generalistik – die Themen, die Leitungen ohnehin binden, lassen kaum Ressourcen für strategische Überlegungen. Viele Einrichtungen löschen Brände, statt langfristig zu planen. Genau deshalb, so der Gedanke im Podcast, lohnt es sich, gerade jetzt über zukünftige Handlungsfelder nachzudenken – auch, um gegenüber Kostenträgern neue Argumente für die Refinanzierung solcher Stellen zu haben. ## Ein Blick über die Grenze: Was anderswo längst selbstverständlich ist Die Literaturrecherche des Teams umfasste einen nationalen und einen internationalen Review. Im Ausland, wo die Vollakademisierung der Pflege vielerorts seit Jahren Realität ist, gibt es ein deutlich breiteres Spektrum an Aufgaben. Pflegende übernehmen dort umfangreiche Diagnostik und pflegerische Assessments, stellen teilweise medizinische Diagnosen und verordnen Medikamente wie Schmerzmittel selbstständig. In der Gemeinde ist die Pflegefachperson oft die erste Ansprechperson, die alles selbst organisiert und Mediziner:innen oder Therapeut:innen gezielt als Expert:innen hinzuzieht. Auch Gesundheitsförderung und Prävention gehören selbstverständlich dazu – niedrigschwellig, gemeindenah und sogar an Schulen. Aber auch in Deutschland gibt es Vorreiter. Der Hamburger Gesundheitskiosk berät und klärt auf, bietet Kurse an, gerade für Menschen mit Migrationshintergrund und Sprachbarrieren. Es gibt Projekte, in denen Pflegende eng mit Hausärzt:innen zusammenarbeiten und langfristig selbst Heilkunde übernehmen sollen. Und es gibt präventive Hausbesuche, bei denen Pflegende ab einem bestimmten Alter in die Häuslichkeit kommen, den Gesamtblick auf das Wohnumfeld richten und einschätzen, was Menschen brauchen, um gesund und möglichst lange zu Hause leben zu können. Gerade im ländlichen Raum, wo der Hausärzt:innenmangel besonders spürbar ist, könnte die Pflege hier eine Schlüsselrolle einnehmen. Im Podcast entstand dazu ein spannender Gedanke: Eigentlich ist unser System falsch herum gebaut. Menschen müssen sich dorthin begeben, wo ihnen geholfen wird – ins Krankenhaus, in die Praxis. Doch wäre es nicht sinnvoller, frühzeitig dort anzusetzen, wo Pflegebedürftigkeit entsteht? Prävention im Sinne eines echten Community Health Nursing würde nicht erst reagieren, wenn etwas „aufploppt", sondern aktiv vorbeugen. Die ehrliche Einschätzung: In Deutschland passiert genau das noch viel zu selten und zu wenig strukturiert. ## Wie das Projekt vorgegangen ist Federführend war der Caritasverband Freiburg, der gemeinsam mit der Katholischen Hochschule Freiburg und der Hochschule Furtwangen einen Forschungsantrag beim baden-württembergischen Sozial- und Gesundheitsministerium stellte. Das Projekt startete rund drei Jahre vor der Aufnahme. Methodisch ging das Team in mehreren Phasen vor: Aus der Literaturrecherche entstand ein Leitfaden, auf dessen Basis vier Fokusgruppen und rund zehn bis elf Expert:innen-Interviews durchgeführt wurden. Die Teilnehmenden waren bewusst heterogen zusammengesetzt – von Einrichtungs- und Pflegedienstleitungen über akademisch und nicht-akademisch qualifizierte Pflegende bis zu Praxisanleitenden, Mediziner:innen, Forschenden und Vertreter:innen der Trägerseite. Ausgewertet wurde qualitativ über MAXQDA und die strukturierende Inhaltsanalyse nach Kuckartz. Aus dem entstandenen Kategoriensystem entwickelte das Team schließlich zwei greifbare Ergebnisse: einen [Katalog zum Einsatz akademisch ausgebildeter Pflegefachkräfte](https://www.hs-furtwangen.de/aktuelles/detail/4204-katalog-zum-einsatz-von-akademisch-ausgebildeten-pflegefachkraeften/?ref=uebergabe.de) mit neun Aufgaben und zugehörigen Tätigkeiten sowie Handlungsempfehlungen für vier Zielgruppen. Spannend ist eine ehrliche Selbstkritik aus dem Gespräch: Obwohl das Team sehr kleinteilig und praxisorientiert arbeitete, war den Praktiker:innen das Ergebnis bei der Vorstellung oft noch zu abstrakt. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis bleibt also bestehen – und sie zeigt sich auch in einer wiederkehrenden Beobachtung. > *„Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Praxis weniger zutraut, als sie eigentlich könnte." — Theresa Laschewski* Der Appell, der daraus erwächst, ist einer für Mut: einfach mal anders machen, ausprobieren, und falls es nicht klappt, eben wieder verwerfen. Denn, so das schöne Bild im Podcast: Das elektrische Licht wurde nicht erfunden, indem man die Kerze immer weiter verbessert hat. Es ist Irrsinn, immer dasselbe zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten. ## Vier Zielgruppen, vier Hebel Im Fokus standen vor allem Bachelor-Absolvent:innen, die in der direkten Versorgung arbeiten und dort zusätzliche Aufgaben übernehmen – Master-Absolvent:innen wurden mitgedacht, spielen in der deutschen Langzeitpflege zum Zeitpunkt der Aufnahme aber noch eine geringere Rolle. Die Handlungsempfehlungen richten sich an vier Gruppen. **Politische Entscheidungsträger:innen** sind gefragt, wenn es um die Rahmenbedingungen geht. Ein Beispiel: Pflegestudierende sollten die Module zur Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten bereits im Studium erlernen und sie anschließend in der Praxis anwenden dürfen. Hintergrund ist der [§ 64d SGB V zur verpflichtenden Durchführung von Modellvorhaben](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F5/%5F%5F64d.html?ref=uebergabe.de), der – anders als der ältere § 63 Abs. 3c – die Krankenkassen stärker in die Pflicht nimmt und auf Substitution statt nur Delegation zielt. Die zugehörigen Module zu heilkundlichen Aufgaben können von Pflegeschulen und Hochschulen unterrichtet werden. Ein großes ungelöstes Problem bleibt die Refinanzierung: Solange Aufgaben für akademisch Qualifizierte nicht in den Rahmenverträgen fixiert sind, müssen Einrichtungen kreativ werden und auf Gelder etwa aus dem Qualitätsbereich zurückgreifen. Die **berufspolitischen Vertreter:innen** – etwa Berufsverbände und Fachkommissionen – sollen an der Schnittstelle zwischen Hochschulen, Trägern, Kommunen und Einrichtungen vermitteln. Ähnlich wie Universitätskliniken mit Universitäten verbunden sind, bräuchte es Kooperationen zwischen Langzeitpflegeeinrichtungen und Hochschulen, damit Studierende schon früh Einblicke bekommen. Theresa beschreibt aus eigener Erfahrung, dass die Langzeitpflege als mögliches Arbeitsfeld vielen Studierenden gar nicht präsent ist. Auch die Begleitung von Studierenden in der Praxis und die Translation aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse gehören in dieses Aufgabenfeld. Bei den **Trägern** der ambulanten und stationären Langzeitpflege sowie den Kommunen hängt vieles an der Leitung. Sie muss hinter dem Einsatz akademisch Qualifizierter stehen und eine echte Qualifizierungskultur leben – eine, in der sich alle weiterbilden können und niemand befürchten muss, ins Abseits zu geraten. Transparenz ist dabei entscheidend: klare Stellenprofile, eine nachvollziehbare Einordnung im Organigramm, definierte Weisungsbefugnisse und Verantwortlichkeiten. Nur so lässt sich auch die Akzeptanz im Team gewinnen und der Eindruck vermeiden, da käme jemand, der „etwas wegnimmt". Wichtig sind flache Hierarchien und ein sensibler Einstieg in die Praxis. Die vierte Zielgruppe sind die **akademisch Qualifizierten selbst**. Von ihnen wird erwartet, dass sie lebenslanges Lernen leben, eine professionelle Haltung repräsentieren, zur Verbesserung der direkten Versorgung beitragen und Verantwortung übernehmen – ein in der Pflege bekanntes Sorgenkind. Dass dieser Anspruch, etwa der Theorie-Praxis-Transfer durch praxisorientierte Forschung, für Bachelor-Absolvent:innen durchaus hoch ist, räumt Theresa offen ein. Manche dieser Aufgaben wären langfristig eher auf Masterniveau angesiedelt. ## Neun Aufgabenbereiche – und ein kluger Umgang mit dem Komplexen Der Aufgabenkatalog umfasst neun Bereiche, die sich nicht trennscharf voneinander abgrenzen lassen, sondern ineinander übergehen. Dazu gehören die Ausbildung – etwa interne, wissenschaftlich fundierte Schulungen und die Begleitung Studierender –, ein breit gefasstes Feld der Beratung (kollegiale Beratung im Team ebenso wie die An- und Zugehörigenberatung zu Wohnraumanpassung, Entlastung oder Transfertechniken), das Case Management mit Schnittstellen- und Krisenmanagement, die Förderung von Digitalisierungsprozessen, die Pflegewissenschaft, die inter- und intraprofessionelle Zusammenarbeit sowie das Public Health Nursing. Gerade beim Thema Beratung entzündete sich eine wichtige Debatte: Können das nicht auch erfahrene Pflegefachpersonen leisten? Können sie – und sie tun es. Doch die Antwort darf nicht sein, akademische Kompetenz kleinzureden. Eine überzeugende Lösung aus dem Gespräch: Man sollte nicht einzelne Tätigkeiten herausgreifen und nur akademisch Qualifizierten zuweisen, sondern die Versorgungssteuerung als Gesamtpaket denken. Bei hochkomplexen Fällen etwa fließen während der Körperpflege unzählige Beobachtungen in den Pflegeprozess ein – sie lassen sich nicht beliebig in Funktionspflege zerlegen. Das Berufsgesetz weist akademisch Qualifizierten ohnehin die komplexen Fälle zu. Entscheidend ist also weniger die einzelne Verrichtung als das Abstraktionsniveau der jeweiligen Situation. In der inter- und intraprofessionellen Zusammenarbeit sieht Theresa einen besonderen Mehrwert für die Langzeitpflege, wo die Pflege das Zepter in der Hand hält und andere Berufsgruppen koordiniert. Eine feste Ansprechperson für die Netzwerkarbeit – statt fünf bis zehn Pflegender, die nicht wissen, wer was kommuniziert hat – würde Pflegekonsile, Visiten und Fallbesprechungen deutlich erleichtern. Eine ausführliche Einordnung dieser Ergebnisse findet sich auch im [Endbericht des Forschungsprojekts](https://www.uebergabe.de/content/files/frontdoor/deliver/index/docId/9943/file/endbericht%5Fap%5Fcaritas.pdf) sowie in einem begleitenden [Fachartikel zu Aufgabenfeldern für Akademiker:innen](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/48009-aufgabenfelder-fuer-akademiker?ref=uebergabe.de). ## Wie es weitergeht – und was du mitnehmen kannst Ein Evaluations- und Anschlussprojekt wäre der logische nächste Schritt, um die Implementierung in echten Einrichtungen wissenschaftlich zu begleiten. Ein entsprechender Antrag war zum Zeitpunkt der Aufnahme gestellt, aber noch in Bearbeitung. Bis dahin geht es vor allem darum, die Ergebnisse zu verbreiten und in die Praxis zu tragen. Denn die Einrichtungen tragen jetzt eine große Eigenverantwortung: Sie haben einen Katalog an Aufgaben in der Hand, müssen aber selbst priorisieren, was zu ihnen passt, und konkrete Stellenprofile entwickeln. Ohne attraktive, klar umrissene Stellenausschreibungen bewirbt sich niemand – und ohne Bewerbungen bleibt das Feld leer. Theresas zentrale Botschaft richtet sich deshalb an Studierende und Absolvent:innen genauso wie an die Praxis: Traut euch. Es gibt innovative Langzeitpflegeeinrichtungen, man muss sie nur finden. Und angesichts des Fachkräftemangels sind Bewerber:innen heute in einer komfortablen Position, sich gezielt das passende Arbeitsumfeld auszuwählen. Der Katalog ist keine fertige Schablone, die sich eins zu eins übertragen lässt – aber er kann Inspiration sein, um endlich über den Tellerrand hinauszudenken. ## Zum Weiterhören - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes Wir sprechen in dieser neuen Folge mit Theresa Laschewski. Sie hat das Projekt (AP²)-Caritas begleitet und berichtet in unserem Podcast über die Einbindung von akademisch Pflegenden in die Langzeitpflege. In dem Projekt wurden Handlungsempfehlungen für verschiedene Zielgruppen, die an dem Prozess beteiligt sind, erarbeitet. Darüber hinaus wurden auch konkrete Tätigkeitsfelder für akademisch Pflegende in diesem Setting herausgearbeitet, sodass Einrichtungen eine gute Grundlage bekommen, um akademisch Pflegende in der Langzeitpflege gezielt einzusetzen. ### Shownotes - [Theresa Laschewski bei Researchgate](https://www.researchgate.net/profile/Theresa-Laschewski-2?ref=uebergabe.de) - [Endbericht des Forschungsprojekts AP2 - Caritas](https://www.uebergabe.de/content/files/frontdoor/deliver/index/docId/9943/file/endbericht%5Fap%5Fcaritas.pdf) - [Abschlussveranstaltung zum Forschungsprojekt AP2 - Caritas](https://www.kh-freiburg.de/de/news/abschlussveranstaltung-ap-2caritas---akademische-pflege-und-erweiterte-pflegepraxis-in-der-ambulanten-und-stationaeren-altenhilfe-der-caritas%5F5034?document=363&ref=uebergabe.de) - [Aufgabenfelder für Akademiker](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/48009-aufgabenfelder-fuer-akademiker?ref=uebergabe.de) - [Katalog zum Einsatz von akademisch ausgebildeten Pflegefachkräften](https://www.hs-furtwangen.de/aktuelles/detail/4204-katalog-zum-einsatz-von-akademisch-ausgebildeten-pflegefachkraeften/?ref=uebergabe.de) - [§ 64d Verpflichtende Durchführung von Modellvorhaben zur Übertragung ärztlicher Tätigkeiten](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F5/%5F%5F64d.html?ref=uebergabe.de) ### Koalitionsvertrag Bayern / WBO NRW / Aufgabenprofile akademisch Pflegender / Wissenschaftsrat URL: https://www.uebergabe.de/pu061/ Last updated: 2026-06-13T22:08:44.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 04.11.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Bayerns Koalitionsvertrag setzt im Gesundheitswesen auf Kontinuität statt große Pflegereformen. - Die Pflegekammer NRW verabschiedet ihre erste eigene Weiterbildungsordnung. - ver.di kritisiert die Empfehlungen zu akademischen Aufgabenprofilen scharf – Gegenwind vom Deutschen Pflegerat. - Der Wissenschaftsrat fordert mindestens 20 Prozent akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen. In dieser Folge laufen die Themen ungewöhnlich gut zusammen: Es geht um Landespolitik in Bayern, die erste Weiterbildungsordnung der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen, einen handfesten Verbändestreit über akademische Aufgabenprofile und die lange erwarteten Empfehlungen des Wissenschaftsrats. Wir ordnen für dich ein, was zum Zeitpunkt der Folge Anfang November 2023 beschlossen, geplant oder umstritten war. ## Bayerns Koalitionsvertrag: Kontinuität statt Pflegereform Nach den Landtagswahlen im Oktober 2023 konnten sich CSU und Freie Wähler als stärkste Kräfte behaupten und bilden für die kommenden fünf Jahre erneut die Regierungskoalition im Freistaat. Markus Söder wurde Anfang November als Ministerpräsident bestätigt, und auch im Gesundheitsministerium blieb mit Klaus Holetschek alles beim Alten. Der [Koalitionsvertrag für 2023 bis 2028](https://www.bayern.de/staatsregierung/koalitionsvertrag-2023-2028/?ref=uebergabe.de) trägt den Titel „Freiheit und Stabilität für ein modernes, weltoffenes und heimatverbundenes Bayern" – große, wegweisende Ideen für das Gesundheitswesen sucht man darin allerdings vergeblich. Beim Thema Krankenhausstruktur setzt die Landesregierung auf Erhalt und Investition: Die Fördermittel sollten in den nächsten fünf Jahren auf rund eine Milliarde Euro steigen, ein Großteil davon für Kliniken im ländlichen Raum. Damit positioniert sich Bayern bewusst gegen mögliche Klinikschließungen im Zuge der bundesweiten Krankenhausreform. Fairerweise gilt: Die großen Weichen werden in Berlin gestellt, und im Bundesrat fehlen der bayerischen Regierung die Mehrheiten für eigene Initiativen. Auch die Akademisierung der Hebammenausbildung will man „fortführen" – was insofern bemerkenswert ist, als diese ohnehin bereits beschlossen und durch EU-Vorgaben gesetzt ist. Für Pflegefachpersonen, Pflegeempfänger:innen und pflegende Angehörige ist vor allem auffällig, was fehlt. 8.000 zusätzliche Pflegeheimplätze, die Fortführung des Landespflegegelds und Springerpools in der Langzeitpflege stehen im Programm – die Akademisierung der Pflege dagegen wird mit keinem Wort erwähnt. Statt von Community Health Nursing ist von der „Gemeindeschwester" die Rede, ohne dass klar wird, was genau gemeint ist. Während die Zahl der Medizinstudienplätze weiter steigen soll, fehlt ein vergleichbares Bekenntnis zu Studienplätzen in der Pflege. Immerhin kündigt der Vertrag eine „weitere Stärkung der Unabhängigkeit der Vertretung des Pflegeberufsstands" an – ein Hinweis darauf, wie sich die Vereinigung der Pflegenden in Bayern entwickeln könnte. ## Pflegekammer NRW verabschiedet erste Weiterbildungsordnung Am 24\. Oktober 2023 hat die [Pflegekammer Nordrhein-Westfalen ihre erste Weiterbildungsordnung verabschiedet](https://www.pflegekammer-nrw.de/profession-pflege-gestaltet-ihren-eigenen-weg-pflegekammer-nrw-regelt-ihre-weiterbildung-2/?ref=uebergabe.de). Sie regelt zum einen organisatorische Fragen: Was eine Weiterbildung ausmacht, wer weiterbilden darf, welche Voraussetzungen für die Prüfung gelten und was bei Nichtantreten oder Nichtbestehen passiert. Zum anderen legt sie über Modulhandbücher inhaltlich fest, was in den einzelnen Weiterbildungen gelehrt werden muss. Konkret beschrieben werden die Weiterbildungen zur Fachpflegeperson für Intensivpflege und Anästhesie, für pädiatrische Intensivpflege und Anästhesie, für psychische Gesundheit, für den Operationsdienst sowie die Fachkraft für Hygiene und Infektionsprävention. Ein für alle Fachweiterbildungen einheitliches Basismodul mit dem Titel „Beziehungen gestalten und Projekte planen" gliedert sich in Interaktion und Beziehungsgestaltung, ethisches Handeln, Anleitung, Beratung und Coaching sowie Grundlagen des Projektmanagements. Auch die Anerkennung von Abschlüssen ist geregelt: Staatliche Weiterbildungsabschlüsse aus anderen Bundesländern werden anerkannt, die Bezeichnungen dürfen also weitergeführt werden – wer etwa mit einer abgeschlossenen Fachweiterbildung Intensivpflege nach NRW zieht, muss sich keine Sorgen um seinen Titel machen. Nichtstaatliche Qualifizierungen können unter bestimmten Bedingungen ebenfalls anerkannt werden. Kritik kam vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) Nordwest, der über seine in die Kammer gewählten Mitglieder selbst an der Ordnung beteiligt war: Sie sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, aber unzureichend ausformuliert, nicht anschlussfähig an das Pflegeberufegesetz und vernachlässige die Durchlässigkeit ins hochschulische Bildungssystem. Der Verband fordert eine zeitnahe Überarbeitung. Entscheidend bleibt: In NRW entscheidet künftig die Kammer und nicht mehr Arbeitgeber allein, wer welchen Weiterbildungstitel tragen darf. ## Streit um Aufgabenprofile akademisch qualifizierter Pflegefachpersonen In der vorigen Folge ging es bereits um die [Empfehlungen zu Aufgabenprofilen akademisch qualifizierter Pflegefachpersonen](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/de.altenpflegeausbildung/content.de/user%5Fupload/231010%5Fempfehlungen%5Faqp%5Ffinal.pdf) aus der Konzertierten Aktion Pflege. Sie richten sich an die Verantwortlichen in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen und beschreiben mit Beispielen, wie hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen in die direkte Pflegepraxis eingebunden werden können. Ziel ist es, vom Flickenteppich unterschiedlichster Tätigkeitsprofile wegzukommen und wissenschaftlich basierte Problemlösungen systematisch in die personennahe Pflege zu integrieren. Bemerkenswert: Die Gewerkschaft ver.di saß in der zuständigen Arbeitsgruppe und hat an den Empfehlungen mitgearbeitet – kritisiert sie nach der Veröffentlichung aber scharf. In ihrer [Stellungnahme](https://www.uebergabe.de/content/files/++file++652e30ead59d570756665fe8/download/ver.di-stn-ag%5Ft-c3-a4tigkeitsprofile.pdf) warnt sie vor einer Spaltung der Berufsgruppe und einer Hierarchisierung in der Pflege. Die neuen Profile stünden in Konkurrenz zu denen beruflich ausgebildeter Pflegefachpersonen. Kritisiert wird zudem, dass die Arbeitgeberseite – konkret die kommunalen Arbeitgeberverbände und die Tarifgemeinschaft deutscher Länder – nicht eingebunden gewesen sei. Der [Deutsche Pflegerat hält dagegen](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/deutscher-pflegerat-kritisiert-ver.di-schuert-oeffentlich-bewusst-dissens-und-entwertet-die-profession-pflege?ref=uebergabe.de): Präsidentin Christine Vogler betont, wissenschaftlich fundiertes Wissen spiele in der heutigen Pflege eine zentrale Rolle, und Deutschland hinke im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hinterher. Eine Spezialisierung über akademische Qualifikation sei nicht praxisfern, sondern zeitgemäß. Der Pflegerat wirft ver.di vor, mit dem Reden von Konkurrenz und komplexen Pflegetätigkeiten einen Keil zwischen die Berufsgruppen zu treiben und unnötige Schranken aufzubauen, die es in der Praxis nicht gebe. Die Redaktion ordnet ein: Ängste vor Veränderung sind ernst zu nehmen, und Beschäftigte müssen bei solchen Prozessen mitgenommen werden – genau das aber gelingt mit einer Zuspitzung auf Spaltung kaum. Im Kern geht es um eine bessere Versorgung der Patient:innen, die international nachweislich auch durch unterschiedliche Qualifikationsniveaus erreicht wird. ## Wissenschaftsrat: mindestens 20 Prozent akademisch qualifizierte Pflege Nach mehrfacher Verschiebung hat der Wissenschaftsrat seine [Empfehlungen zur Akademisierung der Gesundheitsfachberufe](https://www.wissenschaftsrat.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/PM%5F2023/PM%5F2223.html?ref=uebergabe.de) aktualisiert. Das Gremium berät Bund und Länder in Fragen der Hochschul-, Wissenschafts- und Forschungsentwicklung und besteht aus 32 Mitgliedern, die der Bundespräsident beruft – darunter Vertreter:innen großer Wissenschaftsorganisationen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft, der Hochschulrektorenkonferenz, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft und der Leibniz-Gemeinschaft. Die letzte Empfehlung von 2012 hatte eine Akademisierungsquote von zehn bis 20 Prozent vorgesehen – erreicht wurden in der Pflege je nach Quelle nur ein bis 2,5 Prozent. Begründet wird der Bedarf mit demografischem und epidemiologischem Wandel: mehr chronische Erkrankungen, mehr Multimorbidität, mehr Pflegebedürftigkeit, dazu Digitalisierung, Verlagerung von Aufgaben in den ambulanten Sektor und die berufsdemografische Entwicklung. Diese komplexeren Versorgungslagen, so der Wissenschaftsrat, lassen sich ohne akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen kaum steuern. Im Zentrum steht die Forderung nach wissenschaftlicher Disziplinenbildung – die Pflege-, Hebammen- und Therapiewissenschaft soll schneller und gezielter ausgebaut werden, etwa durch Partnerschaften zwischen Hochschulen für angewandte Wissenschaft, Universitäten und Universitätsmedizin, durch klinische Professuren, eigene Forschungszentren und mehr wissenschaftliche Stellen für Postdocs und Mitarbeitende. Für die hochschulische Qualifikation selbst setzt der Wissenschaftsrat auf primärqualifizierende, dual aufgebaute Bachelorstudiengänge, wie sie das Pflegestudiumstärkungsgesetz festigt, und auf den Ausbau klientennaher Masterstudiengänge. Unverändert gilt die Empfehlung von mindestens 20 Prozent akademisch qualifizierten Fachpersonen – man bewegt sich also weg von der alten Spanne klar an die obere Grenze. Für die Praxis fordert das Gremium berufliche Zielpositionen, größere Autonomie bei versorgungsrelevanten Aufgaben und attraktive Karrierewege, damit Pflegefachpersonen länger im Beruf bleiben – im Schnitt verlassen sie ihn bisher nach rund sieben Jahren. Der Vorsitzende Wolfgang Wick fasst es so zusammen: Wer die Gesundheitsversorgung halten und verbessern wolle, brauche attraktive Gesundheitsfachberufe mit mehr Autonomie und Entscheidungskompetenz, wie sie international längst üblich seien. ## Kurznachrichten Zum 1\. Januar 2024 sollte die Pflegepersonaluntergrenzenverordnung um den Bereich Neurochirurgie erweitert werden. Geplant war ein Verhältnis von neun Patient:innen je Pflegefachperson in der Tagschicht und 18 zu 1 in der Nachtschicht. Laut Bundesgesundheitsministerium wären damit ab 2024 rund 93 Prozent der Fälle von Untergrenzen erfasst. Außerdem hat das Krankenhaustransparenzgesetz den Bundestag passiert. Ab Mai 2024 sollte begleitend zur Krankenhausreform ein Verzeichnis über die Leistungen der Kliniken entstehen. Die Krankenhäuser übermitteln die nötigen Angaben an das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK), das die Daten aufbereitet; das Institut für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) bereitet sie für das Verzeichnis auf. Geplant waren Informationen zu Fallzahlen nach Leistungsgruppen, zum vorgehaltenen ärztlichen und pflegerischen Personal, zu Komplikationsraten ausgewählter Eingriffe und zur Zuordnung der Häuser zu Versorgungsstufen – übersichtlich, verständlich, interaktiv und fortlaufend aktualisiert. ## Zum Weiterhören - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) - [ÜG080 – Verbleib von akademisiert Pflegenden (Prof.in Dr.in Änne-Dörte Latteck, Christian Grebe & Rüdiger Hoßfeld)](https://www.uebergabe.de/ug080/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) --- ### Quellen - [Ergbnisse Landtagswahl in Bayern](https://www.landtagswahl2023.bayern.de/?ref=uebergabe.de) (landtagswahl2023.bayern) - [Koalitionsvertrag 2023-2028 Bayern](https://www.bayern.de/staatsregierung/koalitionsvertrag-2023-2028/?ref=uebergabe.de) (bayern.de) - [Aufgabenprofile akademisch qualifizierter Pflegenden](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/de.altenpflegeausbildung/content.de/user%5Fupload/231010%5Fempfehlungen%5Faqp%5Ffinal.pdf) (pflegeausbildung.net) - [Verdis Stellungnahme](https://www.uebergabe.de/content/files/++file++652e30ead59d570756665fe8/download/ver.di-stn-ag%5Ft-c3-a4tigkeitsprofile.pdf) (verdi.de) - [Kritik des DPR zu Verdis Stellungnahme](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/deutscher-pflegerat-kritisiert-ver.di-schuert-oeffentlich-bewusst-dissens-und-entwertet-die-profession-pflege?ref=uebergabe.de) (dpr.de) - [WBO in NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/profession-pflege-gestaltet-ihren-eigenen-weg-pflegekammer-nrw-regelt-ihre-weiterbildung-2/?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nrw.de) - [Stellungnahme des DBfK zur WBO in NRW](https://www.dbfk.de/media/docs/regionalverbaende/rvnw/pdf/dbfknw%5FPM%5FWBO-NRW%5F2023-10-24.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Akademisierung der Gesundheitsfachberufe](https://www.wissenschaftsrat.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/PM%5F2023/PM%5F2223.html?ref=uebergabe.de) (wissenschaftsrat.de) ### Einfluss von pflegegeleiteten Critical Care Outreach Teams auf die Mortalitätsrate von Patienten im Krankenhaus URL: https://www.uebergabe.de/einfluss-von-pflegegeleiteten-critical-care-outreach-teams-auf-die-mortalitaetsrate-von-patienten-im-krankenhaus/ Last updated: 2024-03-26T21:00:54.000Z 🗓️ #16 | 02.11.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Florian-Banner-2-13.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Akkreditierung von Studiengängen (Florian Steck) URL: https://www.uebergabe.de/ug124/ Last updated: 2026-06-17T19:52:59.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 28.10.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Jeder Studiengang in Deutschland muss akkreditiert sein – meist alle acht Jahre. - Gutachtergruppen bestehen aus Lehrenden, Praxisvertretung und Studierenden. - Studierende können sich aktiv als Gutachter:innen bewerben. - Lehr- und Alumni-Evaluationen fließen direkt in die Bewertung ein. - Auflagenfreie Berichte gefährden zunehmend die Transparenz im System. Du hast es bestimmt schon einmal gelesen: „Dieser Studiengang ist akkreditiert." Ein Wort, das nach Qualität klingt – aber was bedeutet es eigentlich? Wer prüft da was, nach welchen Regeln, und warum kostet das die Hochschulen eine Menge Geld? In dieser Episode haben Eva und Franzi genau hingeschaut. Zu Gast war Florian Steck, Sozialwissenschaftler und Referent bei der Akkreditierungsagentur AHPGS in Freiburg. Und auch Franzi bringt eine besondere Perspektive mit: Sie war über Jahre als studentische Gutachterin in Akkreditierungsverfahren unterwegs – im In- und Ausland. ## Glauben schenken – was hinter dem Begriff steckt Das Wort Akkreditierung kommt aus dem Lateinischen und heißt sinngemäß „Glauben schenken". Genau darum geht es: Eine unabhängige Agentur bescheinigt einer Hochschule, dass ein Studiengang bestimmte Qualitätsmerkmale erfüllt. Im Kern ist Akkreditierung also nichts anderes als externe Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung im Hochschulbereich – die Begutachtung von Studienangeboten im Bachelor- und Masterbereich an staatlich anerkannten und privaten Hochschulen. > *„Akkreditierung heißt eigentlich Glauben schenken. Für mich ist das Qualitätsentwicklung, Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung – jemand schaut von außen noch einmal drauf." — Florian Steck* Die AHPGS, bei der Florian arbeitet, hat sich dabei thematisch spezialisiert: Der Name steht für Akkreditierungsagentur im Bereich Heilpädagogik, Gesundheit und soziale Arbeit. Sie ist 2001 aus der medizinischen Soziologie in Freiburg entstanden. In Deutschland gibt es rund zehn zugelassene Agenturen – die meisten sind nicht an einzelne Hochschulen oder Bundesländer gebunden, sondern thematisch aufgestellt. Es gibt sogar eine winzige Agentur, die ausschließlich theologische Studiengänge prüft. ## Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure? Damit eine Agentur überhaupt arbeiten darf, muss sie selbst geprüft werden. Auf europäischer Ebene übernimmt das [die European Association for Quality Assurance in Higher Education](https://www.enqa.eu/?ref=uebergabe.de), und das Ziel ist eine Listung im [European Quality Assurance Register for Higher Education](https://www.eqar.eu/?ref=uebergabe.de). Die AHPGS ist dort seit 2009 gelistet und darf damit europaweit Verfahren durchführen. Auch der deutsche Akkreditierungsrat – die Behörde, der die Agenturen zuarbeiten – durchläuft ein solches Verfahren, in dem seine Prozesse genau unter die Lupe genommen werden. Der Ursprungsgedanke reicht bis in die späten 1990er Jahre zurück. Schon 1998 trafen sich Bildungsminister in Paris, ein Jahr später folgte der Bologna-Prozess. Ziel war ein einheitlicher europäischer Hochschulraum: bessere Vergleichbarkeit der Bildungssysteme, einfachere Anerkennung von Abschlüssen, mehr internationale Mobilität. Mit der Umsetzung wurde Akkreditierung um 2001 zum verpflichtenden externen Element der Qualitätssicherung. ## Drei Wege zur Akkreditierung In Deutschland gilt: Praktisch jeder Studiengang muss akkreditiert sein. Dabei unterscheidet man drei Verfahren. Bei der **Programmakkreditierung** bringt eine Hochschule einzelne Studiengänge oder fachlich verwandte Bündel zur Begutachtung. Bei der deutlich aufwendigeren **Systemakkreditierung** wird das gesamte Qualitätsmanagement der Hochschule geprüft – danach darf die Hochschule ihre Verfahren intern selbst durchführen, quasi wie eine eigene kleine Agentur. Eigentlich ist das das Ziel des Systems, doch in der Praxis funktioniert es noch nicht im erhofften Ausmaß, was zu einem spürbaren Stau bei den Entscheidungen führt. Hinzu kommt die **institutionelle Akkreditierung** durch den Wissenschaftsrat, der prüft, ob eine Hochschule Lehre und Forschung nach anerkannten wissenschaftlichen Maßstäben überhaupt leisten kann. Wichtig zu wissen: Auch wenn Akkreditierung Pflicht ist, sind die Hochschulen nicht an eine bestimmte Agentur gebunden. Oft werden Angebote eingeholt, manchmal bekommt eine günstigere Agentur den Zuschlag. Die Agenturen selbst sind in der Regel gemeinnützige GmbHs, die keine Gewinne ausschütten dürfen – am Ende ist das Ganze eher als Nullsummengeschäft kalkuliert, in dem Reisekosten und die kleinen Aufwandsentschädigungen der Gutachter:innen mitfinanziert werden. ## Von der ersten Idee bis zur Urkunde Wie läuft so ein Verfahren ab? Merkt eine Hochschule, dass die Frist für einen Studiengang ausläuft, beginnt sie oft schon zwei Jahre vorher mit den Vorbereitungen: Selbstbericht nach Vorlage, Evaluationsdaten, Studien- und Prüfungsordnung, Modulhandbuch. Etwa neun Monate vor Fristende landen die Unterlagen bei der Agentur. Das aktuelle System – in Kraft seit 2018 – ist zweigeteilt: Zuerst prüft die Agentur die formalen Aspekte. Ist der Studiengang modularisiert? Stimmt der Abschluss? Hat die Bachelorarbeit den richtigen Umfang? Anschließend folgt die fachlich-inhaltliche Bewertung von Qualifikationszielen, Curriculum, Studierbarkeit und Prüfungssystem. Erst dann geht es vor Ort. Eine Gutachtergruppe besucht die Hochschule, meist nach einem Vorabendgespräch. Am nächsten Tag folgen vier Gesprächsrunden: mit der Hochschulleitung, der Fachbereichsleitung, den Lehrenden und – besonders wichtig – den Studierenden. Am Ende können die Gutachter:innen Auflagen vorschlagen, die innerhalb eines Jahres erfüllt werden müssen, oder unverbindliche Empfehlungen aussprechen. Stimmt am Schluss alles, gibt es eine Urkunde, und der fertige Bericht geht an [die Stiftung Akkreditierungsrat](https://www.akkreditierungsrat.de/de/home?ref=uebergabe.de), die die eigentliche Akkreditierung vergibt. Übrigens: Die Berichte sind öffentlich einsehbar und fließen als Kennzahlen in [den Hochschulkompass](https://www.hochschulkompass.de/home.html?ref=uebergabe.de) ein. Zwischen Erstakkreditierung, Konzeptakkreditierung (noch vor dem Start) und Reakkreditierung liegen jeweils acht Jahre. Bei der Reakkreditierung verschiebt sich der Blick: Statt um das Curriculum geht es darum, ob sich der Studiengang bewährt hat – ob Absolvent:innen in den gedachten Berufsfeldern landen und ob das Qualitätsmanagement funktioniert. ## Vier Köpfe, vier Perspektiven Eine typische Gutachtergruppe in einem Einzelverfahren besteht aus vier Personen: zwei Hochschullehrenden, einer Person aus der Praxis und – und das ist der entscheidende Punkt für Franzi – einer studentischen Vertretung. Genau hier können sich Studierende aktiv einbringen. Franzi kam über eine E-Mail ihrer Hochschule dazu und war seitdem rund achtmal als Gutachterin dabei. Sie führt die Gesprächsrunde mit den Studierenden, fragt nach Workload, Studierbarkeit und Verbesserungswünschen. Befangenheit wird über Fragebögen abgeklopft – wer eng mit der Hochschule verbunden ist, prüft sie nicht. > *„Als Studierende ist man erst die kleine Person in der Runde voller Professor:innen. Aber man wird super aufgenommen – die freuen sich, dass diese Perspektive dabei ist, weil sie unglaublich wichtig ist." — Franzi* Die Rolle der Gutachter:innen versteht Florian als die eines „critical friend": Es geht nicht darum, durchfallen zu lassen, sondern den Studiengang wirklich besser zu machen. Dass ein Studiengang die Akkreditierung tatsächlich nicht erhält, kommt in der Praxis sehr selten vor – dafür gibt es zu viele Schleifen, in denen nachgebessert werden kann. ## Warum deine Lehrevaluation wirklich zählt Ein Aha-Moment der Episode: Die nervigen Lehrevaluationen und Alumni-Befragungen, die man als Studi gern wegklickt, sind keineswegs für die Schublade. Sie landen Jahre später auf dem Tisch der Gutachter:innen. Die zugrunde liegende Musterrechtsverordnung sieht sogar verpflichtend vor, dass Studierende und Absolvent:innen in die Qualitätsentwicklung einbezogen werden. Wenn Hochschulen keine Strukturen für Alumni-Befragungen haben, kann genau das zu einer Auflage führen. > *„Ich habe solche E-Mails früher selbst weggeklickt. Aber dieses Feedback verschwindet nicht in der Schublade – spätestens sieben, acht Jahre später liest das jemand Externes. Also: Füllt eure Lehrevaluation aus." — Florian Steck* Kritisch sieht Florian eine Entwicklung im aktuellen System: Der Akkreditierungsrat wünscht sich möglichst auflagenfreie Berichte. Das führt zu einer Art vorauseilendem Gehorsam – Hochschulen bessern direkt nach der Begutachtung nach, sodass im fertigen Bericht oft gar nicht mehr auftaucht, welche Mängel es gab. Eine Datenanalyse aller Pflegestudiengänge hatte deshalb zunächst den falschen Eindruck erweckt, die Qualität sei sprunghaft gestiegen – tatsächlich waren die Auflagen nur vorab erledigt worden. Damit geht ein Stück Transparenz verloren, das eigentlich auch der Politik wichtige Signale liefern könnte. ## Ein Blick über die Grenze Die AHPGS akkreditiert auch international – Franzi war unter anderem in Rumänien, Ungarn, im Libanon und in Saudi-Arabien im Einsatz. Die Verfahren laufen ähnlich ab, basieren aber auf eigenen Auslandskriterien, die sich an den europäischen Standards (ESG) orientieren. Über das [International Network for Quality Assurance Agencies in Higher Education](https://www.inqaahe.org/?ref=uebergabe.de) ist die Agentur auch über den EU-Raum hinaus gelistet. Mal ersetzt die Akkreditierung das nationale Verfahren, mal dient sie der internationalen Sichtbarkeit – und damit der Hoffnung auf einen leichteren Berufsfeldzugang und ein Qualitätssiegel, mit dem sich Hochschulen vor Ort von Mitbewerbern abheben können. Für Franzi waren diese Reisen ein echter Gewinn: Sie bekam kulturelle Einblicke und knüpfte Kontakte, die sie später beim ICN-Kongress oder für ein Auslandspraktikum wiedersah. ## Besonderheit duale Studiengänge Gerade in der Pflege sind duale Studiengänge verbreitet – und sie bringen eigene Herausforderungen mit. Durch die vertragliche und inhaltliche Verzahnung der Lernorte muss vor Ort geprüft werden, wie Praxispartner einbezogen werden, wie Praxiszeiten dokumentiert und Praxisanleitende qualifiziert sind. Die ungewöhnliche Studienstruktur erschwert außerdem Mobilitätschancen wie ein Auslandssemester. Solche Modelle auf die Beine zu stellen, erfordert einen hohen koordinativen Aufwand – etwa eigene Praxiskoordinationsstellen, besonders in Regionen mit geringer Krankenhausdichte. ## Lust, selbst dabei zu sein? Eine zentrale Botschaft der Folge: Akkreditierung ist kein Mysterium, sondern eine Chance zur Selbstreflexion für Hochschulen – und eine spannende Erfahrung für alle Beteiligten. Wer studiert, kann sich bei den Agenturen als studentische:r Gutachter:in bewerben. Auch Hochschulen müssen vor einem anstehenden Verfahren keine übergroße Angst haben: Wer einen soliden Studiengang vorlegt und früh den Dialog mit der Agentur sucht, geht entspannt in die Begutachtung. Und für alle, die einfach neugierig sind, gilt Florians Tipp: Über [das ELIAS-Portal des Akkreditierungsrats](https://antrag.akkreditierungsrat.de/?ref=uebergabe.de) kannst du den detaillierten Bericht zu nahezu jedem Studiengang nachlesen – gerade vor einer Masterbewerbung lohnt sich der Blick. ## Zum Weiterhören - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) - [ÜG002 – Akademisierung in der Pflege, Ausbildung & Professionalisierung (Prof. Dr. B. Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug002/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes In unserer neuen Folge sprechen wir mit Florian Steck von der Akkreditierungsagentur im Bereich Gesundheit und Soziales (AHPGS) über die Akkreditierung von Studiengängen. Ihr erfahrt mehr über die Unterschiede zwischen Programm- und Systemakkreditierung sowie die Prozesse und die Berichterstattung dessen. ### Shownotes - [Akkreditierungsagentur im Bereich Gesundheit und Soziales (AHPGS) ](https://ahpgs.de/wir-ueber-uns/?ref=uebergabe.de)(ahpgs.de) - [European Consortium for Accreditation ](https://ecahe.eu/?ref=uebergabe.de)(ecahe.eu) - [European Quality Assurance Register for Higher Education (EQAR)](https://www.eqar.eu/?ref=uebergabe.de) (eqar.eu) - [The European Association for Quality Assurance in Higher Education](https://www.enqa.eu/?ref=uebergabe.de) (enqa.eu) - [Stiftung Akkreditierungsrat](https://www.akkreditierungsrat.de/de/home?ref=uebergabe.de) (akkreditierungsrat.de) - [Hochschulkompass](https://www.hochschulkompass.de/home.html?ref=uebergabe.de) (hochschulkompass.de) - [Musterrechtsverordnung](https://www.akkreditierungsrat.de/de/media/23?ref=uebergabe.de) (akkreditierungsrat.de) - [Studienakkreditierungsstaatsvertrag](https://akkreditierungsrat.de/de/media/25?ref=uebergabe.de) (akkreditierungsrat.de) - [International Network for Quality Assurance Agencies in Higher Education (INQAAHE)](https://www.inqaahe.org/?ref=uebergabe.de) (inqaahe.org) - [ELIAS-Portal des Akkreditierungsrats](https://antrag.akkreditierungsrat.de/?ref=uebergabe.de) (akkreditierungsrat.de) - [Datenanalyse aller Pflegestudiengänge aus ELIAS des Akkreditierungsrats](https://rpubs.com/MNE/pflege%5F20230711?ref=uebergabe.de) (rpubs.com) ### CDU/CSU Positionspapier Pflege / DPR zu Vorbehaltsaufgaben URL: https://www.uebergabe.de/pu060/ Last updated: 2026-06-13T22:08:41.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 21.10.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die CDU/CSU legt ein 17-seitiges Positionspapier zur Zukunft der Pflege vor. - Der Deutsche Pflegerat fordert Vorbehaltsaufgaben für alle Versorgungsbereiche und Qualifikationen. - Der Bundestag stimmt über das Pflegestudiumsstärkungsgesetz mit Ausbildungsgehalt ab. In dieser Folge geht es um die großen Linien der Pflegepolitik: ein umfangreiches Positionspapier der Opposition, ein Statement des Deutschen Pflegerats zu den Vorbehaltsaufgaben und mehrere kurze Meldungen rund um Pflegestudium, Verbandsarbeit und akademische Aufgabenprofile. Wir fassen für dich zusammen, was zum Zeitpunkt der Folge im Oktober 2023 diskutiert wurde. ## CDU/CSU-Positionspapier „Die Pflege zukunftsfest machen" Unter dem Titel „Die Pflege zukunftsfest machen" hat die CDU/CSU-Fraktion als damalige Oppositionsfraktion im Bundestag am 10\. Oktober 2023 ein [17-seitiges Positionspapier zur Pflegepolitik](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/2023-10/pp-20pflege.pdf) vorgelegt. In der Einleitung wird das deutsche Gesundheits- und Pflegesystem als eines der stärksten und bestausgestatteten beschrieben, in dem aber gerade im pflegerischen Bereich noch Potenzial ungenutzt bleibe und eine gesamtgesellschaftliche Unterstützung nötig sei. Beim Thema Finanzierung will die Fraktion am Teilleistungsprinzip der Pflegeversicherung festhalten und setzt auf einen Mix aus gesetzlicher Pflegeversicherung, privater Vorsorge und betrieblicher Mitfinanzierung. Außerdem werden eine Bundespflegekammer als zentrale Ansprechpartnerin, ein Auffangen der Eigenanteile in der Langzeitpflege sowie eine Übernahme der Investitionskosten durch die Länder gefordert. Gerade die private Vorsorge dürfte in einer angespannten wirtschaftlichen Lage für Menschen in prekären Situationen schwierig sein – und die Investitionskostenfinanzierung durch die Länder funktioniert schon bei den Krankenhäusern nur unzureichend. Für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen schlägt das Papier unter anderem Lebensarbeitszeitkonten zwischen Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen vor sowie an die Berufserfahrung gekoppelte Stundenreduzierungskonzepte ohne Einkommensverlust. Pflegefachpersonen sollen klarere Karrierewege erhalten, auch über Weiterbildung. Die Vorbehaltsaufgaben sollen neu geregelt, die Berufsautonomie gestärkt und die Übertragung von Heilkunde in Modellprojekten – etwa über den Modellvorhaben-Paragrafen §64d SGB V – erprobt werden. Warum dies nur als Modellprojekt erfolgen soll, bleibt im Papier offen. Hinzu kommen eine schärfere Abgrenzung zwischen professionell Pflegenden und Assistenzkräften sowie eine Evaluation der Personalvorgaben in der Langzeitpflege. Beim Thema Pflegebildung hält die CDU/CSU eine vollständige Akademisierung für realitätsfern, da Pflege praktisch sei, und wirbt stattdessen für einen Qualifikationsmix aus beruflich und hochschulisch ausgebildeten Pflegefachpersonen. Als Ziel nennt sie die Akademisierungsquote des Wissenschaftsrats von 10 bis 20 Prozent, die unter anderem durch eine Stärkung der Pflegepädagogikstudiengänge erreicht werden soll. Akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen sollen in der direkten Patient:innenversorgung tätig bleiben, ihre Arbeitsfelder und Aufgaben sollen klar definiert werden. Außerdem fordert die Fraktion eine bundeseinheitliche Regelung der Assistenzqualifikation – bislang gibt es dafür 16 unterschiedliche Landesvorgaben. Ergänzend nennt das Papier wohnortnahe Pflege mit kommunaler Verantwortung, sektorenübergreifende Lösungen, mehr Digitalisierung, eine Evaluation der Generalistik, die fortgesetzte Anwerbung internationaler Pflegefachpersonen und eine Reform der Leiharbeit, bei der ein vollständiges Verbot als nicht realistisch und verfassungsrechtlich fraglich eingeschätzt wird. ## Deutscher Pflegerat zu Vorbehaltsaufgaben auf der Intensivstation Der Deutsche Pflegerat hat ein Statement veröffentlicht, in dem er fordert, dass die Vorbehaltsaufgaben nach §4 Pflegeberufegesetz für alle Versorgungsbereiche gleichermaßen gelten müssen. Vorbehaltsaufgaben sind Tätigkeiten, die ausschließlich Pflegefachpersonen vorbehalten sind. Konkret nennt der Paragraf die Feststellung des individuellen Pflegebedarfs, die Organisation, Gestaltung und Steuerung des Pflegeprozesses sowie die Analyse, Evaluation, Sicherung und Entwicklung der Pflegequalität. Hintergrund ist ein juristisches Gutachten, das die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) in Auftrag gegeben hatte – darüber haben wir bereits in Folge 55 berichtet. Es untersuchte, welche Tätigkeiten auf einer Intensivstation nicht zwingend ärztlich vorbehalten sind, sondern auch von Pflegefachpersonen mit Fachweiterbildung Anästhesie und Intensivpflege übernommen werden können. Das [Statement des Deutschen Pflegerats](https://www.uebergabe.de/content/files/download/20231006%5Fstatement%5Fvorbehaltsaufgaben%5Fintensivpflege%5Ffinal.pdf) ergänzt dieses Gutachten und unterscheidet dabei deutlich zwischen „Aufgaben" und „Tätigkeiten": Eine Aufgabe wird durch das Ausführen verschiedener Tätigkeiten erfüllt. Übertragen auf die Vorbehaltsaufgaben heißt das, dass Pflegefachpersonen den Pflegeprozess steuern, sichern und evaluieren und die übergeordnete Verantwortung tragen, ohne jede einzelne Tätigkeit selbst ausführen zu müssen. Der Deutsche Pflegerat fordert zudem, dass nicht nur Pflegefachpersonen mit Fachweiterbildung Anästhesie und Intensivpflege berücksichtigt werden, sondern auch solche mit anderen Zusatzqualifikationen – etwa mit Bachelor- oder Masterabschluss oder mit Fachweiterbildungen wie Notfallpflege und Atmungstherapie. Die Fachweiterbildung Anästhesie und Intensivpflege als alleinige Voraussetzung für intensivpflegerische Aufgaben sei bedenklich und schließe andere qualifizierte Gruppen nur unzureichend ein. Damit verbindet der Rat zwei Forderungen: erstens, die erweiterten Tätigkeitsbereiche für mehrere Qualifikationswege zu öffnen, und zweitens, die Vorbehaltsaufgaben nicht nur für die Intensivpflege, sondern für alle pflegerischen Versorgungsbereiche zu konkretisieren. Auch die Präsidentin der Pflegekammer NRW, Sandra Postel, betonte, dass gesetzlich legitimierte Vorbehaltsaufgaben ebenso für spezifische Aufgaben weitergebildeter Pflegefachpersonen geregelt werden müssten und es dafür eine bundesweite Klärung brauche. Damit bleibt auch die Forderung nach einer bundeseinheitlichen Musterweiterbildungsordnung präsent. Das Themenfeld Vorbehaltsaufgaben und Tätigkeitserweiterung wird die Pflege voraussichtlich noch über Jahre begleiten. ## Kurznachrichten ### Bundestag stimmt über das Pflegestudiumsstärkungsgesetz ab Der Bundestag hat über das Pflegestudiumsstärkungsgesetz abgestimmt. Künftig sollen Pflegestudierende in Deutschland ein Ausbildungsgehalt erhalten, und das primärqualifizierende Studium wird als duales Studium organisiert: Die Studierenden schließen einen Vertrag mit einem Ausbildungsträger für die berufspraktische Ausbildung und absolvieren die theoretische Qualifikation an einer kooperierenden Hochschule oder Universität. Die Kosten des hochschulischen Studiums sollen die Länder tragen. Außerdem soll künftig eine geschlechtsneutrale Berufsbezeichnung möglich sein, und das Anerkennungsverfahren für Pflegefachpersonen mit internationaler Qualifikation soll erleichtert werden – unter anderem durch eine bundesrechtliche Regelung der vorzulegenden Unterlagen. Mit den Stimmen der damaligen Koalition aus SPD, Grünen und FDP [ging das Gesetz in den Bundesrat](https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2023/kw42-de-pflegestudiumstaerkungsgesetz-971392?ref=uebergabe.de). Zur Einordnung: Im Jahr 2021 gab es in Deutschland 508 Erstimmatrikulationen nach dem Pflegeberufegesetz – bei rund 61.329 Ausbildungsantritten im selben Jahr entspricht das einer Akademisierungsquote von nur 0,82 Prozent. ### VPU bestätigt seinen Vorstand Der Verband der Pflegedirektor:innen an Universitätskliniken und medizinischen Hochschulen in Deutschland (VPU) hat [seinen Vorstand wiedergewählt](https://www.bibliomed-pflege.de/news/rantzsch-fuer-weitere-drei-jahre-zum-vorstandsvorsitzenden-gewaehlt?ref=uebergabe.de). Torsten Rantzsch, Pflegedirektor und Vorstandsmitglied des Universitätsklinikums Düsseldorf, bleibt Vorsitzender. Auch die übrigen Vorstandsmitglieder – darunter Vertreter:innen der Universitätskliniken Dresden, Hamburg-Eppendorf und Erlangen – wurden im Amt bestätigt. Im VPU sind 34 Pflegedirektor:innen organisiert, die zusammen rund 60.000 Pflegefachpersonen an deutschen Universitätskliniken vertreten. ### Aufgabenprofile für akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen Die Arbeitsgruppe der Ausbildungsoffensive Pflege hat einen Bericht mit [Empfehlungen für Aufgabenprofile akademisch qualifizierter Pflegefachpersonen](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/de.altenpflegeausbildung/content.de/user%5Fupload/231010%5Fempfehlungen%5Faqp%5Ffinal.pdf) veröffentlicht. Die Gruppe aus Vertreter:innen von Hochschulen, Berufsverbänden, Gewerkschaften, Bundesinstitutionen und Einrichtungen führt damit die Arbeit der Konzertierten Aktion Pflege fort. Die Empfehlungen richten sich an die Pflegeverantwortlichen in allen Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, die akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen in die direkte Pflegepraxis einbeziehen sollen. Der Bericht beschreibt konkrete Aufgabenprofile für die personennahe Pflege und hebt hervor, dass akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen ihre wissenschaftliche Expertise einbringen und wissenschaftlich basierte Problemlösungen in die direkte Pflege integrieren sollen. Dazu gehören laut Bericht auch eine angemessene tarifliche Berücksichtigung und eine verlässliche Refinanzierung durch die Kostenträger. Eine genauere Betrachtung des Berichts und erste Stellungnahmen wurden für die folgende Episode angekündigt. ## Zum Weiterhören - [ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)](https://www.uebergabe.de/ug145/) - [ÜG164 – Übertragung von arztentlastenden Tätigkeiten (Maresa Buchholz & Sven Wolfers)](https://www.uebergabe.de/ug164/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) --- ### Quellen - [CDU/CSU Positionspapier](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/2023-10/pp-20pflege.pdf) (Direktdownload: cducsu.de) - [Positionspapier DPR Vorbehaltsaufgaben ICU](https://www.uebergabe.de/content/files/download/20231006%5Fstatement%5Fvorbehaltsaufgaben%5Fintensivpflege%5Ffinal.pdf) (dpr.de) - [Ausbildungsoffensive Pflege: Aufgabenprofile für Hochschulabsolvent\*innen ](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/de.altenpflegeausbildung/content.de/user%5Fupload/231010%5Fempfehlungen%5Faqp%5Ffinal.pdf)(Direktdownload: Pflegeausbildung.net) - [Abstimmung PflStudStG](https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2023/kw42-de-pflegestudiumstaerkungsgesetz-971392?ref=uebergabe.de) (bundestag.de) - [VPU Vorstandsvorsitzender bestätigt](https://www.bibliomed-pflege.de/news/rantzsch-fuer-weitere-drei-jahre-zum-vorstandsvorsitzenden-gewaehlt?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) ### Checkliste zur Vermeidung unerwünschter Ereignisse auf neonatologischen Intensivstationen URL: https://www.uebergabe.de/wirkung-von-leitfaeden-zur-dekubituspraevention-bei-kindern-2/ Last updated: 2024-03-26T21:00:40.000Z 🗓️ #15 | 19.10.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Lydia-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Gesundheitsförderung in Lebenswelten von Trans* Menschen (Prof:In Dr:In Miriam Tariba Richter, Ray Trautwein) URL: https://www.uebergabe.de/ug123/ Last updated: 2026-07-09T23:34:44.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 14.10.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - GeLebT fragt nicht, was krank macht, sondern was Trans\* Menschen gesund hält. - Diskriminierung und Misgendering prägen den Kontakt zum Gesundheitswesen. - Es braucht Sensibilisierung, Fortbildung und strukturelle Veränderungen in Einrichtungen. - Das qualitative, partizipative Design gibt selten gehörten Stimmen Raum. - Ein Maßnahmenkatalog soll Pflegepraxis, Bildung und Politik erreichen. Stell dir vor, du verschiebst einen Arztbesuch immer wieder – nicht, weil du keine Zeit hast, sondern weil du Angst hast, dort schlecht behandelt zu werden. Für viele Trans\* Menschen ist genau das Realität. Hier setzt das Forschungsprojekt GeLebT an, über das Prof:in Dr:in Miriam Tariba Richter und Ray Trautwein am Rande des Deutschen Pflegetags berichteten. Die beiden forschen an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg zu einer Frage, die in der Pflegewissenschaft bislang erstaunlich selten gestellt wurde: Was hält Trans\* Menschen eigentlich gesund? ## Eine Professur, die es so nur einmal gibt Miriam Tariba Richter ist Professorin für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Gender und Migration – eine Kombination, die in der deutschen Pflegewissenschaft einmalig ist. Während sich einige Kolleg:innen schon länger mit den Themen Migration und Kultur beschäftigen, ist Gender ein vergleichsweise junges Feld. Das hat nichts damit zu tun, dass das Thema vorher keine Bedeutung gehabt hätte – es hat in den letzten Jahren schlicht mehr Präsenz und damit auch mehr Sichtbarkeit in der Forschung gewonnen. Dass ihre Professur explizit mit diesen beiden Begriffen ausgeschrieben wurde, ist ein Zeichen dafür, dass sich etwas bewegt. Ray Trautwein bringt eine andere Perspektive mit: Bachelor in Soziologie und Gender Studies, Master in Gender Studies, vorher tätig in einem soziologischen Forschungsprojekt. Seit August 2021 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im [Forschungsprojekt GeLebT](https://www.haw-hamburg.de/forschung/forschungsprojekte-detail/project/project/show/gelebt/?ref=uebergabe.de), das von Miriam Tariba Richter geleitet wird. Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Herbst 2023 befand sich das Projekt im letzten Projektjahr und sollte planmäßig Ende Juni 2024 abgeschlossen werden. ## Den Blick umdrehen: vom Krankmachenden zur Resilienz Die Forschungslage ist eindeutig, auch wenn sie noch jung ist: Trans\* Menschen erleben im Gesundheitswesen überdurchschnittlich viel Diskriminierung und Gewalt. Interaktionen mit Behandelnden werden häufig negativ erlebt – bis hin zu dem Punkt, an dem Menschen das Gesundheitswesen aus Angst vor Diskriminierung meiden, Behandlungen verschieben oder gar nicht erst in Anspruch nehmen. Die meisten belastbaren Daten dazu stammen bislang aus dem US-amerikanischen Raum, wo Trans\* Menschen schon länger als vulnerable Zielgruppe anerkannt sind und Forschung staatlich gefördert wird. In Deutschland gab es lange vor allem aktivistische Forschung und Erfahrungsberichte, aber wenig valide, evidenzbasierte Ergebnisse. Das Besondere an GeLebT: Das Projekt dreht den Blick bewusst um. Statt immer wieder zu fragen, was krank macht, lautet die Leitfrage, was Trans\* Menschen gesund hält. Wo lässt sich Resilienz fördern? Welche Rahmenbedingungen und Lebenswelten müssten sich verändern, damit sie gesundheitsförderlich werden? Das ist ein Perspektivwechsel weg vom Pathologisierenden – und genau das macht das Projekt im internationalen Vergleich innovativ. > *„Mal weg von diesem Pathologisierenden, was macht krank? Da gibt es auch sehr viel, vor allem Diskriminierung macht krank. Aber was hält Trans\* Menschen gesund? Wo kann Resilienz gefördert werden?" — Prof:in Dr:in Miriam Tariba Richter* Übertragbar sind die internationalen Erkenntnisse durchaus auf den deutschen Kontext. Die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Transition unterscheiden sich zwar von Land zu Land. Aber wenn es um Gewaltstatistiken und Diskriminierungserfahrungen geht, zeigt sich weltweit ein ähnliches Bild – mit Unterschieden vor allem in der Häufigkeit. ## Vier Zielgruppen, viele Stimmen Um die Frage nach Gesundheitsförderung umfassend zu beantworten, befragte das Team vier Gruppen. Im Zentrum standen Trans\* Menschen selbst, mit denen 36 episodische Einzelinterviews geführt wurden. Hinzu kamen Trans\*-Expert:innen aus Wissenschaft und Beratung, Peer-Educator:innen, die Beratung auf Augenhöhe leisten, ohne professionell ausgebildet zu sein, sowie im Gesundheitswesen Tätige – vor allem Pflegefachpersonen, aber auch Mediziner:innen, Hebammen und Physiotherapeut:innen. Bei dieser letzten Gruppe ging es um die Frage, welches Wissen und welche Kompetenzen es braucht, um für das Thema sensibilisiert zu werden und die Gesundheit von Trans\* Menschen aktiv zu unterstützen. Warum ein qualitatives Design? Weil Zahlen zwar wichtig sind, aber Trans\* Menschen ohnehin sehr viel Fremdbestimmung erleben – ihre Lebenswelt wird oft von außen definiert, durch Rahmenbedingungen, Vorurteile und Rollenerwartungen. Genau deshalb war es dem Team wichtig, ins Gespräch zu gehen und Raum für eigene Erzählungen zu schaffen. > *„Sie zeigen vor allem die Stimmen derer, die halt voll oft nicht mitreden können, gerade in so wissenschaftlichen Kontexten." — Ray Trautwein* Die episodischen Interviews arbeiten mit zwei Frageebenen: semantische Fragen nach Bedeutung und Einschätzung sowie episodische Fragen, die konkretes Erfahrungswissen ansteuern. So konnten die Befragten selbst entscheiden, welche Situationen sie teilen möchten – etwa Erlebnisse mit Personal im Gesundheitswesen – und vor allem, wie sie damit umgegangen sind. Genau dieser Umgang mit schwierigen Situationen ist für die Frage nach Resilienz entscheidend. Ausgewertet werden die Interviews mit der dokumentarischen Methode nach Bohnsack. ## Forschung auf Augenhöhe Akquiriert wurde über Aufrufe in deutscher und englischer Sprache, gestaffelt nach Zielgruppen. Den Zugang zu Trans\* Menschen ermöglichten sogenannte Gate-Opener – Organisationen und Akteur:innen mit einer transaffirmativen Haltung. Das ist mehr als eine Formalität: Wenn ein Aufruf über vertrauenswürdige Strukturen geteilt wird, müssen die Angesprochenen nicht befürchten, dass „wieder nur über sie geredet wird". Das Team arbeitet teilpartizipativ, mit einem Projektbeirat aus Community und Fachkreisen, der kritisch begleitet und reflektiert. Und es ist mehrheitlich trans besetzt – ein Bezug zum Thema, der in der Wissenschaft leider noch nicht selbstverständlich ist. Partizipation heißt hier auch, dass Teilnehmende sich einbringen können – schon in der Interviewsituation, in der ihre Vulnerabilität ernst genommen wird, aber auch in geplanten Workshops in der Abschlussphase. Dort sollen die wissenschaftlichen Erkenntnisse gemeinsam darauf abgeklopft werden, was es braucht, um sie in die Praxis zu bringen. ## Was die Daten zeigen Auch wenn die Auswertung der Einzelinterviews zum Zeitpunkt des Gesprächs noch lief, kristallisierten sich klare Themen heraus. Das ernüchterndste zuerst: Der bisherige Forschungsstand ist nach wie vor brandaktuell. Die Probleme bestehen fort. Es fehlt im Gesundheitswesen weiterhin an Fachwissen und Sachkompetenz – und an der grundlegenden Haltung, benachteiligte Gruppen nicht als homogene Masse, sondern als Menschen mit vielfältigen Bedarfen wahrzunehmen. Konkret berichteten Menschen, sich in therapeutischen Settings oder bei Hausärzt:innen ausgeliefert zu fühlen, abhängig zu sein und ständig etwas beweisen zu müssen – ihre Identität ebenso wie ihren Leidensdruck. Bevor man überhaupt über Gesundheitsförderung sprechen kann, herrscht in der Versorgung also vielerorts noch Baustelle. Und selbst dort, wo Gesundheitsangebote existieren, sind sie für Trans\* Menschen oft nicht zugänglich. Nicht, weil die Tür verschlossen wäre, sondern weil sie nicht transsensibel gestaltet sind: Gibt es im Sportverein eine Toilette, die ich nutzen kann? Wird meine Geschlechtsidentität anerkannt? Trau ich mich auf Arbeit, geoutet zu sein – oder hat das Konsequenzen für meine Karriere? Und was, wenn ich in der Pflege rund um die Uhr auf Betreuung angewiesen bin und mich oute? Ein wiederkehrendes Thema ist auch das binäre Denken in Institutionen. Zimmeraufteilungen im Krankenhaus sind ebenso wie Toiletten häufig zweigeschlechtlich angelegt. Was passiert, wenn eine nonbinäre Person aufgenommen wird? Hinzu kommt Misgendering im Alltag. All das ist Diskriminierung – und die ist, auch wenn sie nicht direkt Gesundheitsförderung betrifft, in jedem Fall der Gesundheit abträglich. Umgekehrt heißt das: Antidiskriminierung ist per se gesundheitsförderlich. ## Individuelle Haltung trifft auf strukturelle Veränderung Eine zentrale Erkenntnis: Transsensible Versorgung lässt sich nicht auf die einzelne Pflegefachperson abwälzen. Sie braucht beides – die Ebene der persönlichen Interaktion und die strukturelle Ebene. In der direkten Begegnung können Pflegefachpersonen eine Offenheit für geschlechtliche Vielfalt einnehmen, sich um einen diskriminierungsfreien Umgang bemühen und individuelle Bedürfnisse anerkennen. Aber das reicht nicht. Institutionen müssen sich überlegen, wie sie generell mit Vielfalt umgehen: von Anmeldeverfahren, die keine normativen Kategorien bedienen, bis hin zur Frage der Zimmer- und Toilettengestaltung. Und das betrifft längst nicht nur das Thema Trans\*, sondern alle Vielfaltsdimensionen. Was sich aus den 36 Interviews quer durch die Republik – von der Großstadt bis aufs Dorf, in Ost wie West – zeigt: Die Versorgungsmöglichkeiten unterscheiden sich, die grundlegenden Probleme aber ähneln sich überall. Wer zusätzlich andere Diskriminierungsformen erlebt, ist oft mehrfach belastet. ## Bildung als Hebel Ganz oben auf der Liste möglicher Maßnahmen stehen Sensibilisierung und Bildung. Es braucht Fort- und Weiterbildungen rund um Trans\* und geschlechtliche Vielfalt – und das Thema muss in die Pflegeausbildung. Anknüpfungspunkte gibt es bereits: Über das Pflegeberufegesetz und die [Rahmenpläne für die Pflegeausbildungen](https://www.bibb.de/de/86562.php?ref=uebergabe.de) sind erste Spuren gelegt, die sich gut aufgreifen lassen. Was oft fehlt, sind Pflegelehrende, die das Thema vermitteln können – auch sie brauchen zunächst Kompetenzunterstützung, bevor es in Ausbildung und Weiterbildung ankommt. Gute Grundlagen existieren bereits. Das [Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt](https://schwulenberatungberlin.de/qualitaetssiegel-lebensort-vielfalt/?ref=uebergabe.de) kommt etwa in Altenpflegeeinrichtungen zum Einsatz und arbeitet mit der Community zusammen, teils mit trans Dozierenden. Wichtig ist beiden: Die Verantwortung darf nicht einseitig auf Trans\* Menschen abgewälzt werden. Es gibt fundiertes Material, etwa vom [Bundesverband Trans\*](https://www.bundesverband-trans.de/?ref=uebergabe.de), das wissenschaftliche Erkenntnisse mit Erfahrungswissen verbindet. Entscheidend ist, dass dieses Wissen die Lernenden auch erreicht und dass verschiedene Wissensformen – Rahmenplan, Wissenschaft und Erfahrungsberichte – anerkannt werden. Dann können auch cisgeschlechtliche Personen gute Aufklärungsarbeit leisten. ## Vom Maßnahmenkatalog in die Praxis Am Ende des Projekts soll nicht nur Wissenschaft stehen, sondern ein Maßnahmenkatalog mit Handlungsempfehlungen für im Gesundheitswesen Tätige. Adressat:innen sind zunächst die finanzierende Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dann aber auch Fachwissenschaft, Community, Pflegepraxis und Pflegebildung. Genau hier liegt allerdings die ehrlich benannte Schwachstelle vieler Projekte: Sie enden oft genau dort, wo es spannend wird – beim Transfer in die Praxis. Stellen laufen aus, der Katalog droht in der Schublade zu landen. Der Wunsch für die Zukunft ist deshalb klar: ein Anschlussprojekt, das Umsetzung und Evaluation leistet, politische Anerkennung der evidenzbasierten Ergebnisse – und Player, die den Finger drauflegen. Denn Wissenschaft kann etwas bereitstellen, umsetzen müssen es andere. Immerhin: Das Thema verschwindet nicht. Über den primärqualifizierenden Pflegestudiengang an der HAW Hamburg etwa, in dem ein ganzes Modul Diversity das Thema Trans\* aufgreift, wird es weiter multipliziert. Dass der Bedarf real ist, zeigte sich auch beim [Deutschen Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de): In einem Workshop mit der jungen Pflege diskutierten rund 30 Pflegefachpersonen mit großem Interesse, was es an Sach-, Sozial- und struktureller Kompetenz braucht. Wirklich Neues kam dabei nicht heraus – aber die Ergebnisse aus den Fokusgruppen wurden bestätigt. Besonders deutlich wurde der Ruf nach mehr diversitätssensibler Bildung und nach Kommunikationskompetenz. Und vor allem: Die Bereitschaft ist da. Wenn Menschen aus der Pflege selbst sagen, dass ihnen genau dieses Wissen fehlt, ist das die beste Voraussetzung für echte Lern- und Verlernprozesse. ## Zum Weiterhören - [ÜG167 – Vielfältige Pflege - Sexualität, Identität und professionelle Haltung](https://www.uebergabe.de/ug167/) - [ÜG134 – Diversität in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug134/) - [ÜG083 – Rassismus in der Pflege (Prof.in Dr.in Miriam Tariba Richter)](https://www.uebergabe.de/ug083/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes In dieser Folge sprechen wir mit ProfIn DrIn Miriam Tariba Richter und Ray Trautwein von der HAW Hamburg über ihr Forschungsprojekt "GeLebT - Gesundheitsförderung in Lebenswelten von Trans\* Menschen". Hierbei schauen wir auf den Hintergrund sowie das methodische Vorgehen des Projekts. Zusätzlich erhaltet Ihr Einblicke in vorläufige Ergebnisse. Shownotes - [Forschungsprojekt GeLebT](https://www.haw-hamburg.de/forschung/forschungsprojekte-detail/project/project/show/gelebt/?ref=uebergabe.de) (haw-hamburg.de) - [Rahmenpläne für die Pflegeausbildungen](https://www.bibb.de/de/86562.php?ref=uebergabe.de) (bibb.de) - [Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt](https://schwulenberatungberlin.de/qualitaetssiegel-lebensort-vielfalt/?ref=uebergabe.de) (schwulenberatungberlin.de) - [Bundesverband Trans\*](https://www.bundesverband-trans.de/?ref=uebergabe.de) (bundesverband-trans.de) - [Deutscher Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegetag.de) - [Junge Pflege DBfK](https://www.dbfk.de/de/expertengruppen/junge-pflege/index.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) ### Fazit Deutscher Pflegetag / Masterplan Pflegebildung / Pflegereport 2023 URL: https://www.uebergabe.de/pu059/ Last updated: 2026-06-13T22:08:39.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 07.10.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Deutsche Pflegetag 2023 setzte auf Vernetzung, Aufbruchstimmung und mehr Kompetenzen für die Pflege. - Der Deutsche Pflegerat fordert einen Masterplan Pflegebildung und bundesweit einheitliche Bildungsstrukturen. - Der AOK-Pflegereport 2023 zeigt große regionale Unterschiede in der Versorgungsqualität von Pflegeheimbewohner:innen. In dieser Folge blicken wir auf den Deutschen Pflegetag 2023 zurück, ordnen den Masterplan Pflegebildung des Deutschen Pflegerats ein und werfen einen Blick in den neuen AOK-Pflegereport. Dazu gibt es kompakt weitere Meldungen aus Pflege, Politik und Wissenschaft – alles mit Stand Anfang Oktober 2023. ## Rückblick auf den Deutschen Pflegetag 2023 in Berlin Der [Deutsche Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) hat in Berlin wieder zahlreiche Akteur:innen aus Pflege, Politik und Verbänden zusammengebracht. Für das Übergabe-Team war es ein Ort der Begegnung und des fachlichen Austauschs – ein Treffen vieler Menschen, die den Beruf voranbringen wollen. Die beiden Kongresstage wurden für euch live begleitet; die ausführlichen Eindrücke findest du in der [Live-Folge vom Deutschen Pflegetag](https://www.uebergabe.de/pu057/). Bei der Eröffnung sprach auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Sein Tenor: Die Pflege werde künftig mehr dürfen und mehr können. Er stellte mehr Handlungsspielräume und eine größere gesellschaftliche Anerkennung in Aussicht und verwies auf die Aufwertung des Berufs durch Pflegestudium und Pflegewissenschaft. Wichtig ist die zeitliche Einordnung: Es handelte sich um eine politische Ankündigung im Herbst 2023 – was davon in der damaligen Legislaturperiode tatsächlich umgesetzt würde, blieb zu diesem Zeitpunkt offen. Am ersten Abend wurde der Deutsche Pflegepreis vergeben. Eine der Preisträgerinnen, Elisabeth Kernwächter, wurde für ihre Verdienste um die Pflege geehrt. Sie beschrieb die Stimmung beim Pflegetag als von Aufbruch geprägt: Viele Beteiligte wollten sich von tradierten Begrenzungen lösen, Strukturen verändern und Wege für die junge Generation gestalten – stets mit Blick auf den Nutzen für die Patient:innen. Auch die Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler, hob hervor, dass der Pflegetag ein Ort sei, an dem engagierte Kolleg:innen Fragen stellen und die Themen ansprechen könnten, die sie bewegen. ## Deutscher Pflegerat fordert einen Masterplan Pflegebildung Anlässlich der ersten Lesung des Pflegestudiumstärkungsgesetzes – über das wir bereits in Folge 56 berichtet haben – hat der Deutsche Pflegerat (DPR) eine Stellungnahme zur Zukunft der akademischen Pflege veröffentlicht. Unter dem Titel „Der steinige Weg zum Pflegestudium in Deutschland braucht einen Masterplan Pflegebildung und Pflegewissenschaft" macht der DPR deutlich, wie wichtig die akademische Pflege für das Versorgungssystem ist. Die zentralen Argumente kannst du in der [Pressemitteilung des Deutschen Pflegerats](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/der-steinige-weg-zum-pflegestudium-in-deutschland-braucht-einen-masterplan-pflegebildung-und-pflegewissenschaft?ref=uebergabe.de) nachlesen. Aus Sicht des DPR ist das Pflegestudiumstärkungsgesetz im Kern ein Nachbesserungsgesetz: Es soll die im Pflegeberufegesetz bereits angelegte Möglichkeit eines primärqualifizierenden Studiums überhaupt erst praktisch umsetzbar machen. Christine Vogler fordert durchlässige und bundesweit gültige Bildungsstrukturen – von der Pflegefachassistenz bis zur Professur. Weiterbildungsangebote und Studiengänge müssten ausgebaut werden, und der Föderalismus sei dabei eher hinderlich. Die Gesetzgebungskompetenz für die Pflegebildung gehöre deshalb in die Verantwortung des Bundes. Außerdem brauche es eine Neustrukturierung heilkundlicher Maßnahmen, damit diese auch von Pflegenden übernommen werden können. In ihrem Positionspapier benennt der DPR acht Forderungen: nachhaltige Reformen gegen den Personalmangel, durchlässige und bundesweit gültige Bildungsstrukturen samt eines Masterplans Pflegebildung und Pflegewissenschaft, ein allgemeines Heilberufegesetz mit nach Qualifikationsgraden differenzierten Vorbehaltsaufgaben, eine Modernisierung des beruflichen Selbstverständnisses inklusive eines weiterentwickelten Verständnisses von Geschlechtsidentität, die feste Verankerung digitaler Lerninhalte sowie von Kompetenzen für berufspolitisches Engagement und nachhaltige Entwicklung, die Bündelung der Gesetzgebungskompetenz beim Bund, eine angemessene Finanzierung aller Bildungsmaßnahmen losgelöst von Eigenanteilen sowie eine attraktive, qualitativ hochwertige theoretische und praktische Ausbildung bei gesicherter Patient:innensicherheit. Für dich als Pflegefachperson ist das relevant, weil hier die Leitplanken für künftige Ausbildungs-, Studien- und Karrierewege abgesteckt werden. ## AOK-Pflegereport 2023: große regionale Unterschiede in der Versorgungsqualität Der AOK-Bundesverband und das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) haben den Pflegereport 2023 vorgelegt. Die jährliche Publikation bündelt Analysen aus Forschung und Praxis zu den großen Herausforderungen in der Pflege. Die diesjährige Ausgabe trägt den Titel „Versorgungsqualität von Langzeitgepflegten" und verweist auf deutliche regionale Unterschiede in der Versorgung von Bewohner:innen in Pflegeheimen. Auffällig waren etwa Ergebnisse in mehreren Bundesländern bei der Dauerverordnung von Schlaf- und Beruhigungsmitteln – ein Befund, der laut den Autor:innen ein ernsthaftes, regional sehr unterschiedlich ausgeprägtes Versorgungsproblem bestätigt. Die zentralen Ergebnisse fasst die [Mitteilung des WIdO zum Pflegereport 2023](https://www.wido.de/news-presse/pressemitteilungen/2023/pflege-report-2023-grosse-regionale-unterschiede-bei-versorgungsqualitaet/?ref=uebergabe.de) zusammen. Zugleich gingen die Krankenhauseinweisungen am Lebensende zurück. Ob das ein dauerhafter Trend ist oder vor allem auf gesunkene Fallzahlen während der Pandemie zurückgeht, war zum Zeitpunkt der Folge noch offen. Die Ergebnisse für die einzelnen Bundesländer sind im Online-Portal „Qualitätsatlas Pflege" einsehbar, das insgesamt zehn Indikatoren beleuchtet. Dazu zählen neben der Dauermedikation mit Schlaf- und Beruhigungsmitteln unter anderem Krankenhauseinweisungen von Menschen mit Demenz aufgrund von Flüssigkeitsmangel, die augenärztliche Versorgung bei Diabetes, das Auftreten von Dekubitus, die gleichzeitige Verordnung von neun oder mehr Wirkstoffen sowie besonders kurze Krankenhausaufenthalte von bis zu drei Tagen. Für die Auswertungen wurden Daten der Kranken- und Pflegekassen aus den elf AOKs verknüpft; rund ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland ist bei einer AOK versichert. In die Analyse flossen Daten von rund 350.000 Pflegeheimbewohner:innen über 60 Jahren ein. Für die Praxis bedeutet das: Die Daten machen Qualitätsunterschiede sichtbar und liefern Ansatzpunkte, wo gezielt nachgesteuert werden kann – von der Medikamentensicherheit bis zur Vermeidung vermeidbarer Klinikaufenthalte. ## Weitere Meldungen kurz gefasst ### Pflegewissenschaftliche Fakultät in Vallendar geschlossen Nach knapp 20 Jahren wurde die pflegewissenschaftliche Fakultät an der Hochschule in Vallendar endgültig geschlossen. Die Entscheidung war bereits 2021 bekannt geworden; mit einer Abschlussveranstaltung Ende September 2023 ging die Fakultät zu Ende. Was das für die pflegewissenschaftliche Landschaft bedeutet, haben wir in einer eigenen Übergabe-Folge zur [Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät](https://www.uebergabe.de/ug069/) ausführlich besprochen. ### Forsa-Umfrage: wenig Vertrauen in die Politik Anlässlich des Deutschen Pflegetags hat der Robert Bosch Health Campus, eine Einrichtung der Robert Bosch Stiftung, eine deutschlandweite Forsa-Befragung zur Pflege durchführen lassen. Ein zentrales Ergebnis: 92 Prozent der Befragten hatten eher wenig oder gar kein Vertrauen in die Politik, wenn es um eine qualitativ hochwertige und bezahlbare pflegerische Versorgung geht. Die Zahlen wurden bei der Eröffnung des Pflegetags vorgestellt. ### Neuer Vorstand bei der Fachgesellschaft für Intensiv- und Funktionspflege Bei der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) gab es gleich zwei Neuigkeiten: Die Fachgesellschaft hat einen neuen Vorstand gewählt und übernimmt künftig die Zertifizierung für die „angehörigenfreundliche Intensivstation". ## Zum Weiterhören - [ÜG088 – Masterplan Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)](https://www.uebergabe.de/ug088/) - [ÜG017 – Generalistische Ausbildung (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug017/) - [ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein? – Live vom Deutschen Pflegetag 2024](https://www.uebergabe.de/ug150/) --- ### Quellen - [Deutscher Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegetag.de) - [Folge 57 vom Deutschen Pflegetag](https://www.uebergabe.de/pu057/) (uebergabe.de) - [Folge 58 vom Deutschen Pflegetag](https://uebergabe.de/podcast/pu058/?ref=uebergabe.de) (uebergabe.de) - [Masterplan Pflegebildung](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/der-steinige-weg-zum-pflegestudium-in-deutschland-braucht-einen-masterplan-pflegebildung-und-pflegewissenschaft?ref=uebergabe.de) (dpr.de) - [DPR Forderungen vom Deutschen Pflegetag](https://www.uebergabe.de/content/files/%5FResources/Persistent/fb05339748dbdfb3a7cbb0882e726842a8236ab2/deutscherpflegerat%5Fforderungen2023%5Ffinal.pdf) (deutscher-pflegetag.de) - [AOK-Pflegereport](https://www.wido.de/news-presse/pressemitteilungen/2023/pflege-report-2023-grosse-regionale-unterschiede-bei-versorgungsqualitaet/?ref=uebergabe.de) (Wido.de) - [Übergabe Folge 69: Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV ](https://www.uebergabe.de/ug069/)(uebergabe.de) ### Delire durch Musik reduzieren URL: https://www.uebergabe.de/delire-durch-musik-reduzieren/ Last updated: 2024-03-26T21:00:32.000Z 🗓️ #14 | 05.10.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Florian-Banner-2-12.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Live vom Deutschen Pflegetag - Tag 2 URL: https://www.uebergabe.de/pu058/ Last updated: 2026-06-17T21:49:36.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 30.09.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Internationale Anwerbung von Pflegefachpersonen wirft ethische Fragen für Herkunftsländer auf. - Pflegekammern in NRW, RLP und BaWü treiben Selbstverwaltung, Weiterbildungsordnung und Beiträge voran. - Kammern positionieren sich differenziert zur Leiharbeit in der Pflege. - Community Health Nursing und Heilkundeübertragung waren zentrale politische Themen. - Der Deutsche Pflegepreis 2023 würdigte Verdienste um die Endoskopiepflege. Diese Folge des PflegeUpdate ist live vom zweiten Kongresstag des [Deutschen Pflegetags](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) in Berlin entstanden. Statt einer klassischen Nachrichtenlage haben die Hosts am Stand zahlreiche Stimmen eingefangen – von der internationalen Berufspolitik über die Pflegekammern bis zum Deutschen Pflegepreis. Wir bündeln die wichtigsten Themen für dich. Alle Aussagen geben den Stand von Ende September 2023 wieder. ## Internationale Anwerbung: Warum Migration in der Pflege ein ethisches Dilemma ist Franz Wagner, langjähriges Gesicht der deutschen Berufspolitik, ist nach seiner aktiven Laufbahn international unterwegs. Er engagiert sich im Vorstand des [European Forum of National Nursing and Midwifery Associations](https://efnnma.org/?ref=uebergabe.de) (EFNNMA), das eng mit der WHO-Region Europa zusammenarbeitet. Diese Region reicht weit über die EU hinaus – von Island bis Zentralasien – und vertritt sowohl Pflegende als auch Hebammen. Ein Schwerpunkt der Folge war die Anwerbung von Pflegefachpersonen aus dem Ausland, die bei der Eröffnung als Frage „ethischer Verantwortung" aufkam. Wagner ordnete das differenziert ein: Migration sei einerseits ein Menschenrecht, andererseits gebe es eine reale Wanderungsbewegung aus wirtschaftlich schwächeren in reichere Länder. Wenn gut qualifizierte Fachpersonen abwandern, fehlten sie in den Herkunftsländern – ein Effekt, den er als eine Form von Neokolonialismus bezeichnete. Auch der WHO-Ethikkodex zur Anwerbung greift aus seiner Sicht nur an der Oberfläche, weil die jeweilige Landesregierung selbst erklären muss, ob ein Mangel besteht – und viele Regierungen ein wirtschaftliches Interesse an Auswanderung und den damit verbundenen Rücküberweisungen haben. Sein Fazit: Deutschland sei im weltweiten Wettbewerb um Fachpersonal wegen Sprache, Arbeitsbedingungen und Vergütung nicht gut aufgestellt – die Lösung des Mangels allein durch Anwerbung sieht er deshalb skeptisch. ## Pflegekammern im Aufbau: NRW, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ### Nordrhein-Westfalen: Register, Weiterbildungsordnung und Beitragsfrage Sandra Postel, seit rund einem halben Jahr Präsidentin der [Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de), beschrieb die Arbeit der nach eigener Aussage größten Pflegekammer Deutschlands entlang dreier Säulen: eigene Zahlen und ein Register aufbauen, eigene Strukturen schaffen und daraus politische Positionen ableiten. Zum Zeitpunkt der Folge waren rund 224.000 Kolleg:innen im geprüften Register erfasst. Die Weiterbildungsordnung befand sich damals in der zweiten Lesung und sollte nach intensivem Diskurs mit dem Berufsstand binnen weniger Wochen verabschiedet werden. Beim Geld setzte Postel auf Zeit: Die Anschubfinanzierung des Landes von sechs Millionen Euro jährlich war bis 2027 zugesagt. Diese decke etwa die Hälfte des benötigten Volumens; rechnerisch komme man mit dem 2022 empfohlenen Basisbeitrag von fünf Euro im Monat hin. Über Höhe und Zeitpunkt eines verpflichtenden Beitrags wollte die Kammer ab dem Folgejahr transparent diskutieren. Für Pflegefachpersonen ist das relevant, weil genau diese Beitragsfrage in anderen Bundesländern – etwa Niedersachsen – zum Scheitern von Kammern beigetragen hat. Politisch verwies Postel auf die Umsetzung des **Rothgang-Gutachtens** zur Personalbemessung, den Pflegevorbehalt und die Übertragung heilkundlicher Aufgaben. Beim Thema Streiten innerhalb des Berufsstands betonte sie, dass das ein Lernprozess sei – erst intern klären, dann geschlossen nach außen treten. Auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann ([Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW](https://www.mags.nrw/?ref=uebergabe.de)) äußerte sich klar zur Kammer als bester Organisationsform: Über Pflege werde zu oft entschieden, ohne dass Pflege am Tisch sitze. Den Fachkräftemangel sieht er als bleibend, verwies aber zugleich auf jährlich 15.000 bis 17.000 Ausbildungsanfänger:innen und 12.000 bis 13.000 Staatsexamina in NRW. ### Rheinland-Pfalz: Erfahrungswerte aus sieben Jahren Kammerarbeit Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, und Vizepräsidentin Andrea Bergstresser berichteten aus der seit 2016 bestehenden Kammer. Ihr Fazit: ein Erfolgskonzept. Kontakte zur Politik hätten sich seit dem Start vervielfacht; in Rheinland-Pfalz werde keine Entscheidung zur Pflege mehr ohne die Kammer getroffen. Als Beispiele für die Wirksamkeit nannten sie die Beratung von Krisen- und Katastrophenstäben während Pandemie und Flutkatastrophe. Anderen, neu startenden Kammern – etwa in Berlin – rieten sie, schnell in die Fach- und Sacharbeit zu gehen, Positionen zu beziehen und die Mitglieder mitzunehmen. ### Baden-Württemberg: Errichtungsausschuss gestartet In Baden-Württemberg hatte der Errichtungsausschuss der Pflegekammer seine Arbeit aufgenommen. Gesundheitsminister Manfred Lucha ([Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/startseite?ref=uebergabe.de)) selbst aus der Pflege kommend, machte sich für eine Pflege auf Augenhöhe mit den anderen Gesundheitsberufen stark. Das Land stelle erhebliche Mittel zur Gründung bereit. Eine darüber hinausgehende Anschubfinanzierung der ersten Legislatur war zum Zeitpunkt der Folge ausdrücklich nicht geplant – mit Verweis auf einen erwarteten Krisenhaushalt. ## Leiharbeit in der Pflege: zwei Kammern, zwei Perspektiven Sowohl NRW als auch Rheinland-Pfalz hatten Positionspapiere zur Leiharbeit verabschiedet, der Deutsche Pflegerat ein weiteres. In den Grundlinien sind sich die Kammern einig: bessere Arbeitsbedingungen, mehr Personalentwicklung, klare Qualitätskriterien und der Hinweis, dass nicht die einzelnen Kolleg:innen im Fokus stehen, sondern das System. Die Nuancen unterscheiden sich allerdings. Rheinland-Pfalz argumentiert eher systemisch: Würden die Mittel, die in Leiharbeit fließen, in bessere Arbeitsbedingungen gesteckt, ließe sich das Problem teils vermeiden. NRW schaut stärker auf die konkrete Versorgungssituation und differenziert nach Setting – etwa zwischen Intensivstation und Pflegeheim, wo häufig wechselnde Bezugspersonen Verwirrtheit bei betagten Menschen verstärken können. Einig waren sich beide darin, dass ein Verbot rechtlich nicht möglich ist – das hatte auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags festgestellt – und auch nicht gefordert wurde. ## Community Health Nursing und Heilkundeübertragung In einer Podiumsdiskussion ging es um die Community Health Nurse im Jahr 2035\. Klaus Reinhardt, Präsident der [Bundesärztekammer](https://www.bundesaerztekammer.de/?ref=uebergabe.de), zeigte sich grundsätzlich offen: Bei chronisch Erkrankten zu Hause, bei Koordination, beim Erkennen von Pflege- und Hilfsmittelbedarf sowie bei der Begleitung von Krankenhauseinweisungen und Entlassungen sieht er sinnvolle Aufgaben. Zugleich betonte er, Community Health Nursing dürfe die hausärztliche Versorgung nicht ersetzen, sondern ergänzen. Die Bundestagsabgeordnete Cordula Schulz-Asche (Bündnis 90/Die Grünen) ging weiter: Mit Blick auf die demografische Entwicklung müssten Gesundheitsberufe enger zusammenarbeiten und Heilkunde tatsächlich übertragen werden – eigenständig und entsprechend der Qualifikation. Sie sah die Heilkundeübertragung damals „auf dem Weg", erste Eckpunkte aus dem Ministerium lägen vor, ein Referentenentwurf sei eventuell noch 2023 möglich. Als Voraussetzung dafür nannte sie das damals in erster Lesung befindliche **Pflegestudiumstärkungsgesetz**, das eine Ausbildungsvergütung im Pflegestudium ermöglichen sollte. Wichtig seien außerdem eine pflegegerechte Digitalisierung und neue Versorgungsstrukturen wie Primärversorgungszentren. Auch die Stärkung des Deutschen Pflegerats über den Bundeshaushalt rechnete sie zu den Erfolgen. ## Deutscher Pflegepreis 2023 für die Endoskopiepflege Geehrt wurde Elisabeth Kern-Wächter mit dem [Deutschen Pflegepreis 2023](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/deutscher-pflegepreis-2023-geht-an-frau-elisabeth-kern-waechter?ref=uebergabe.de) des Deutschen Pflegerats. Sie hat den damals jungen diagnostischen Bereich der Endoskopiepflege über Jahrzehnte mitgeprägt – unter anderem, indem sie in einer bundesweiten Arbeitsgruppe gemeinsam mit dem DBfK eine eigene Weiterbildung für die Endoskopiepflege entwickelte, als es dafür noch keine Strukturen gab. Ihr Appell an die Kolleg:innen: konkret formulieren, was im eigenen Arbeitsbereich gebraucht wird – und es dann einfach umsetzen. ## Schulgesundheitsfachkräfte gewinnen an Bedeutung Ein weiteres Thema war die Arbeit von Schulgesundheitsfachkräften, über die Denise Vey von der Technischen Hochschule Mittelhessen berichtete. Immer mehr Bundesländer greifen das Konzept auf, um die Gesundheitskompetenz von Kindern zu stärken, kleinere und größere Notfälle an Schulen zu versorgen und Lehrkräfte sowie Eltern zu entlasten. Voraussetzung ist das pflegerische Examen plus eine modulare Weiterbildung; ein flächendeckender Einsatz wäre aus Sicht von Vey wünschenswert. ## Zum Weiterhören - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG074 – Schulgesundheitspflege / School Nursing (Andreas Kocks)](https://www.uebergabe.de/ug074/) --- ### Quellen - [Deutscher Pflegetag in Berlin ](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de)(deutscher-pflegetag.de) - [European Forum of National Nursing and Midwifery Associations (EFNNMA)](https://efnnma.org/?ref=uebergabe.de) (efnnma.org) - [Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nrw.de) - [Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen](https://www.mags.nrw/?ref=uebergabe.de) (mags.nrw) - [Pflegekammer Rheinland-Pfalz](https://www.pflegekammer-rlp.de/index.php/startseite.html?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-rlp.de) - [Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/startseite?ref=uebergabe.de) (sozialministerium.baden-wuerttemberg.de) - [Preisträgerin des Deutschen Pflegepreis 2023: Elisabeth Kern-Wächter](https://deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/deutscher-pflegepreis-2023-geht-an-frau-elisabeth-kern-waechter?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Bundesärztekammer](https://www.bundesaerztekammer.de/?ref=uebergabe.de) (bundesaerztekammer.de) - [Fernhochschule SRH](https://www.mobile-university.de/?ref=uebergabe.de) (mobile-university.de) ### Live vom Deutschen Pflegetag - Tag 1 URL: https://www.uebergabe.de/pu057/ Last updated: 2026-06-13T22:08:31.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 29.09.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Christine Vogler beschwört Aufbruchsstimmung und mehr Verantwortung der Pflegeprofession. - Lauterbach verspricht der Pflege mehr Kompetenzen über Vorbehaltstätigkeiten und Studium. - G-BA-Chef Hecken unterstützt ein Mitberatungsrecht der Pflege. - forsa-Umfrage: 92 Prozent misstrauen der Pflegepolitik, 77 Prozent akzeptieren Ersteinschätzung durch Pflege. Diesmal war das PflegeUpdate „on tour": Wir haben uns für dich auf dem [Deutschen Pflegetag in Berlin](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) umgehört – an Tag 1 der Jubiläumsausgabe zum zehnjährigen Bestehen. Zwischen Kongressrauschen, Messeständen und Eröffnungsreden haben wir zahlreiche Stimmen eingefangen. Hier liest du die wichtigsten Themen dieses Tages kompakt nach. Beachte: Alle politischen Aussagen, Gesetzespläne und Zahlen spiegeln den Stand vom September 2023 wider. ## Christine Vogler ruft zu Aufbruch und Wachsamkeit auf Den Auftakt machte Christine Vogler, Präsidentin des [Deutschen Pflegerats](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de), mit ihrer Eröffnungsrede. Sie griff das oft strapazierte Bild der Pflege als „Herzensprofession" auf und gab ihm über den Rhythmus des Herzschlags eine neue Richtung. Inhaltlich umriss sie die bekannten Baustellen: Arbeitsbedingungen, Handlungsautonomie, strukturelle Bedingungen wie Pflegekammern und Pflegebildung sowie ein neuer gesellschaftlicher Zugang – auch zu pflegenden Angehörigen. Bemerkenswert war ihr klarer Appell, als Profession wachsam gegenüber dem Erstarken faschistischer Strömungen zu sein. Zur beruflichen Identität gehöre, jeden Menschen vorbehaltlos zu pflegen. Im Gespräch mit uns betonte Vogler außerdem, warum ein Kongress wie dieser für Pflegefachpersonen wertvoll ist: Er schaffe Netzwerke, stärke den Berufsstolz und sei für viele „Seelenpflege". Auf die Zusammenarbeit mit der Politik angesprochen, ordnete sie ein, dass gute Gesetzesgrundlagen im Verfahren oft „verwässert" würden, weil die Pflege strukturell nicht mitsprechen könne und andere Lobbygruppen stärker aufgestellt seien. Ihr Rat an engagierte Kolleg:innen: sich zusammenschließen, Verbündete suchen und gezielt das Gespräch mit Wahlkreisbüros der Parteien suchen – auch kleine Gespräche könnten große Wirkung entfalten. ## Lauterbach verspricht der Pflege mehr Kompetenzen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sprach in seiner Rede von einer „positiven Zukunft" der Pflege – eine Formulierung, die im Saal für Schmunzeln sorgte. Wir konnten ihm nach seiner Rede noch eine Frage stellen: Was er darunter verstehe? Seine Antwort: Pflege werde mehr Möglichkeiten und mehr Anerkennung bekommen, unter anderem durch das Pflegestudium und die Pflegewissenschaft. Kurz: Pflege werde künftig mehr dürfen und mehr können. Diese Aussage ist deshalb relevant, weil das Thema akademische Pflegeausbildung damals politisch sehr aktuell war. Lauterbach verwies zudem auf eine Art Zehn-Jahres-Frist, unter die er das Thema Vorbehaltstätigkeiten einordnete. An genau diesen Ankündigungen wird sich künftige Pflegepolitik messen lassen müssen – ein Punkt, den auch Vogler betonte, als sie sich ein großes Verständnis für Lauterbachs Blick auf das Potenzial der Pflege bewahrte. ## Holetschek wirbt für einen „Pakt für die Pflege" Bayerns damaliger Gesundheitsminister Klaus Holetschek schlug einen „Pakt für die Pflege" vor – analog zum „Deutschlandpakt" der Bundesregierung. Konkret nannte er steuerfreie Gehaltsbestandteile, bezahlbaren Wohnraum, Entbürokratisierung, die Eindämmung von Leiharbeit und die Übertragung von Heilkunde. Für ihn sei die Pflege die „Schicksalsfrage der Zukunft", um die man sich kümmern müsse, bevor Strukturreformen wie die Krankenhausreform greifen. Der geplanten Krankenhausreform stand er kritisch gegenüber und verwies auf seine Ablehnung im Bundesrat, weil er die Versorgung im ländlichen Raum gefährdet sehe. Positiv äußerte er sich zu Community Health Nursing und Schulgesundheitspflege – Konzepte, für die Pflege auf Augenhöhe mit der Ärzteschaft agieren müsse. Er kündigte einen runden Tisch mit der Ärzteschaft an und sah in der Akademisierung den Weg, das nötige Personal für solche Rollen zu gewinnen. ## G-BA-Chef Hecken unterstützt ein Mitberatungsrecht der Pflege Ein zentrales Thema des Tages war die Frage, warum die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen bislang nicht im [Gemeinsamen Bundesausschuss](https://www.g-ba.de/?ref=uebergabe.de) mitentscheidet. Dessen Vorsitzender Josef Hecken bezeichnete den G-BA als „Maschinenraum" des Gesundheitswesens, der festlegt, was angemessen, wirtschaftlich, zweckmäßig und qualitätsgesichert ist – einschließlich verpflichtender Personalvorgaben für Krankenhäuser. Hecken machte deutlich, dass er ein Mitberatungsrecht des Deutschen Pflegerats unterstützt und sogar eine Geschäftsstelle finanzieren wolle, damit die Pflege fachlich fundiert mitarbeiten kann. Das Bundesgesundheitsministerium hatte zum Zeitpunkt der Folge bereits einen Gesetzentwurf rundgeschickt, der ein formales Mitberatungsrecht vorsah; politische Widerstände sah Hecken nicht. Wichtig sei jedoch, dass Pflege mit eigenen Strukturen und Referent:innen an den Tisch komme – ein Punkt, den auch Vogler hervorhob. Daneben äußerte Hecken Kritik an der Mittelverteilung: Er stelle infrage, warum mehrere hundert Millionen Euro für Gesundheitskioske ausgegeben würden, während wichtigere Projekte – etwa zu Community Health Nurses – nicht finanziert würden. Sein Argument: Immer mehr Geld ins System zu kippen sei bei einem Gesundheitsausgabenvolumen von rund 580 Milliarden Euro keine Lösung – es brauche vernünftige Strukturen. ## Westerfellhaus mahnt mehr politische Schlagkraft an Deutlich kritischer fiel das Resümee von Andreas Westerfellhaus aus, ehemaliger Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung. Lauterbachs Zukunftsversprechen sei ihm „zu flach": Pflegende wüssten längst, dass sie unverzichtbar seien – gefragt seien konkrete Rahmenbedingungen, nicht Ankündigungen. Er zählte ungelöste Probleme auf: Insolvenzen von Einrichtungen, abgewiesene Pflegebedürftige, Fachkräftemangel und zunehmende Wartezeiten. Sein zentraler Hebel ist die Selbstverwaltung. Als langjähriger Befürworter von Pflegekammern bedauerte er, dass Teile der Berufsgruppe viel kritisierten, aber zögerten, selbstgestalterisch Verantwortung zu übernehmen. Er erinnerte daran, dass selbst der damalige Minister Jens Spahn die Pflege ermutigt habe, ihre Geschichte selbst in die Hand zu nehmen. Sein Appell: Die Pflege müsse aktiver werden und sich die Gesellschaft zum Partner machen, denn es gehe um Versorgungssicherheit. ## Bochumer Bund: 4.500 Euro Einstiegsgehalt als Ziel Am Stand des [Bochumer Bundes](https://www.bochumerbund.de/?ref=uebergabe.de) ging es um die Rolle der einzigen Pflegegewerkschaft in Deutschland. Die Forderung: ein Bruttoeinstiegsgehalt von 4.500 Euro für Pflegefachpersonen, dazu mehr selbstständiges Arbeiten und Begegnung auf Augenhöhe im interdisziplinären Team. Voraussetzung für tarifliche Durchsetzungskraft sei ein hoher Organisationsgrad – ähnlich wie ihn der Marburger Bund für die Ärzteschaft erreicht hat. Wichtig war den Vertreter:innen die Botschaft, dass Gewerkschaft und Pflegekammer kein Widerspruch seien: Die Gewerkschaft sei für Tarifverträge und Arbeitsbedingungen zuständig, die Kammer für Qualitätsfragen, Vorbehaltsaufgaben und Fortbildungsregelungen. Beides solle als Miteinander gedacht werden. ## forsa-Umfrage: Misstrauen gegenüber der Pflegepolitik Marc Dominik Alscher vom Robert Bosch Health Campus stellte eine eigens für den Pflegetag durchgeführte forsa-Umfrage vor. Zwei Ergebnisse stachen heraus: 92 Prozent der Befragten hatten wenig oder gar kein Vertrauen in die Pflegepolitik. Und 77 Prozent wären bereit, eine medizinische Ersteinschätzung auch von einer akademisch ausgebildeten Pflegefachperson vornehmen zu lassen. Alscher wertete dies als Handlungsauftrag: Die Bevölkerung sei beim Thema neue Aufgabenverteilung weiter als die Gesetzgebung. Mit Blick auf die Krankenhausreform, die viele Standorte in ambulante Strukturen überführen wolle, plädierte er für konkrete Angebote wie PORT-Zentren – multiprofessionelle Versorgungszentren in den Quartieren. Auch Prävention sei ein großer Hebel, da sich ein erheblicher Teil stationärer Aufnahmen durch sie vermeiden lasse. Die vollständigen Ergebnisse findest du im [Material zur forsa-Umfrage Pflege](https://www.bosch-health-campus.de/de/material-zur-forsa-umfrage-pflege?ref=uebergabe.de). ## Junge Pflege, Expertenstandards und neue Berufsfelder Parallel lief der Junge Pflegekongress des [Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de) Nordost unter dem Titel „Gepflegte Zukunft". Die AG-Koordinatorin schilderte, wie der Einstieg über berufspolitischen Unterricht und Podcasts gelang und warum Sessions etwa zu Praxisanleitung, Community Health Nursing und Schulgesundheitspflege jungen Pflegenden Perspektiven aufzeigen. Ihr Aufruf: Wer sich im Beruf stört, ist in den regionalen AGs richtig, um etwas zu bewegen. Am Stand des [Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege](https://www.dnqp.de/?ref=uebergabe.de) ging es um das 30-jährige Jubiläum. Der Schwerpunkt verschiebt sich dort zunehmend von der reinen Festlegung von Qualitätsniveaus hin zur praxisnahen Unterstützung: Wie lassen sich Expertenstandards verstehen und pragmatisch anwenden – gerade unter schwierigen Bedingungen? Genau hier sieht das DNQP, etwa über sein Weiterbildungsprogramm, den größten Handlungsbedarf. Schließlich haben wir uns am Stand der [Bundeswehr](https://www.bundeswehr.de/de/?ref=uebergabe.de) erkundigt, welche Einsatzfelder es dort für Pflegefachpersonen gibt: zivil in den Bundeswehrkrankenhäusern als reine Pflegetätigkeit oder militärisch als Soldat:in mit zusätzlichen Verpflichtungen wie Auslandseinsätzen. Fachweiterbildungen etwa für Intensiv-, Psychiatrie- oder innere Medizin sind möglich; Kinderkrankenpflege und Gynäkologie sind dagegen nicht abgedeckt. ## Zum Weiterhören - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)](https://www.uebergabe.de/ug145/) --- ### Quellen - [Deutscher Pflegetag in Berlin ](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de)(deutscher-pflegetag.de) - [Deutscher Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Gemeinsamer Bundesauschuss](https://www.g-ba.de/?ref=uebergabe.de) (g-ba.de) - [Bochumer Bund](https://www.bochumerbund.de/?ref=uebergabe.de) (bochumerbund.de) - [Material zur forsa-Umfrage Pflege](https://www.bosch-health-campus.de/de/material-zur-forsa-umfrage-pflege?ref=uebergabe.de) (bosch-health-campus.de) - [Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege](https://www.dnqp.de/?ref=uebergabe.de) (dnqp.de) - [Bundeswehr](https://www.bundeswehr.de/de/?ref=uebergabe.de) (bundeswehr.de) ### Erste Beratung zum PflStudStG / Weiterbildungsordnung NRW URL: https://www.uebergabe.de/pu056/ Last updated: 2026-06-13T22:08:27.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 26.09.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Pflegekammer NRW vertagt ihre neue Weiterbildungsordnung um vier Wochen. - Der Bundestag berät erstmals über das Pflegestudiumstärkungsgesetz – parteiübergreifend positiv. - Das DNQP eröffnet die Kommentierung zum aktualisierten Expertenstandard Kontinenzförderung. - Rund 6.000 Menschen demonstrierten in Düsseldorf für eine bessere Klinikfinanzierung. In dieser Folge des PflegeUpdate dreht sich alles um zwei große pflegepolitische Baustellen und zwei kompakte Kurznachrichten. Wir ordnen für dich ein, was sich rund um die Weiterbildungsordnung der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen getan hat und wie die erste Bundestagsdebatte zum Pflegestudiumstärkungsgesetz verlaufen ist. Alle Angaben beziehen sich auf den Stand Ende September 2023. ## Weiterbildungsordnung der Pflegekammer NRW vertagt In Nordrhein-Westfalen existiert eine der zum damaligen Zeitpunkt noch verbliebenen Pflegekammern in Deutschland. In der Kammerversammlung sorgte das Thema Weiterbildungsordnung für so viel Diskussionsstoff, dass sich der Vorstand der Kammer veranlasst sah, dazu in den sozialen Medien Stellung zu beziehen. Der Grund: Sobald die Begriffe Weiterbildung, Fortbildung oder Ordnung fallen, entsteht bei vielen Pflegefachpersonen der Eindruck, über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden. Inhaltlich geht es darum, wie Weiterbildungen in der Pflege in NRW künftig geregelt werden. Der [Entwurf der Weiterbildungsordnung](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2023/09/2023-09-06%5Fpknrw%5Fentwurf%5Fweiterbildungsordnung%5Fwebsite.pdf) umfasst unter anderem die Fachweiterbildungen für Intensivpflege und Anästhesie, für die pädiatrische Intensivpflege und Anästhesie, für psychische Gesundheit, für den Operationsdienst sowie die Weiterbildung zur Praxisanleiterin oder zum Praxisanleiter und zur Fachkraft für Hygiene- und Infektionsprävention. Auch die Anerkennung der Weiterbildungsstätten ist Teil des Dokuments. Geplant war, dass die Kammer diese Bereiche ab dem 1\. Januar zentral verantwortet. Weil es sich um ein sehr umfangreiches Dokument handelt, baten die Fraktionen von ver.di und den Pflegebündnissen in der Kammerversammlung um mehr Zeit, damit alle Kolleg:innen den Entwurf in Ruhe lesen und Anmerkungen einbringen können. Die Versammlung entschied daraufhin, in vier Wochen erneut zusammenzukommen und die Ordnung dann zu verabschieden. Die Kammerpräsidentin stellte klar, dass die Fristen des Heilberufsgesetzes eingehalten würden und niemand befürchten müsse, im neuen Jahr keine Weiterbildung beginnen zu können. Warum braucht es die Ordnung überhaupt? Das Heilberufsgesetz in NRW weist den Kammern ausdrücklich die Aufgabe zu, die berufliche Fort- und Weiterbildung ihrer Mitglieder zu regeln und zu fördern. Dazu gehören künftig auch ein Weiterbildungsregister, Anpassungslehrgänge und Eignungsprüfungen sowie die Zertifizierung von Fortbildungsveranstaltungen. Erstellt wurde der Entwurf in enger Zusammenarbeit mit der Pflegekammer Rheinland-Pfalz, die bereits seit 2017 mit einer solchen Ordnung arbeitet. Für dich relevant ist vor allem: Die bisherige Zuständigkeit der fünf Bezirksregierungen wechselt damit zu einer einzigen zentralen Stelle bei der Kammer, und die Ordnung löst die bisherige Weiterbildungs- und Prüfungsverordnung ab. Vorgesehen ist außerdem, dass die Ordnung regelmäßig überprüft, angepasst und um neue Weiterbildungen ergänzt werden kann. ## Erste Bundestagsdebatte zum Pflegestudiumstärkungsgesetz Das Pflegestudiumstärkungsgesetz, kurz PflStudStG, soll dafür sorgen, dass primärqualifizierende Studierende in der Pflege ab dem 1\. Januar 2024 dieselbe Vergütung erhalten wie ihre Kolleg:innen in der berufsschulischen Ausbildung. Bislang war das nicht der Fall. Zum Zeitpunkt der Folge wurde der Gesetzentwurf erstmals im Bundestag beraten. Die Details findest du auf der [Übersichtsseite des Bundesgesundheitsministeriums zum PflStudStG](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegestudiumstaerkungsgesetz-pflstudstg.html?ref=uebergabe.de). In der ersten Lesung kamen Vertreter:innen der Fraktionen zu Wort. Für die CDU/CSU sprach sich die Abgeordnete unter anderem für eine Akademisierung des Pflegeberufs aus – auch in der direkten Versorgung am Bett, um echte Karrierewege zu eröffnen. Sie verband damit die Hoffnung auf mehr Pflegeforschung in Deutschland und auf eine bessere Integration internationaler Forschungsergebnisse, wofür es Bachelorabsolvent:innen brauche. Kritisch äußerte sie sich zu möglicherweise weiter steigenden Eigenanteilen in der Langzeitpflege, weil auch die Gehälter der Studierenden finanziert werden müssen, und brachte eine steuerfinanzierte Lösung ins Gespräch. Auch die übrigen Fraktionen bewerteten die Akademisierung grundsätzlich positiv, sahen aber Verbesserungsbedarf, den sie im Gesundheitsausschuss erarbeiten wollten. Die FDP erhoffte sich, mehr junge Menschen für die Pflege zu gewinnen, und drang auf eine zeitnahe Neuregelung der Heilkundeübertragung. Die SPD sprach sich klar für die Akademisierung aus und benannte ausdrücklich die aufsuchende und beratende Arbeit von Community Health Nurses. Die Grünen wollten mit dem Gesetz die Pflege stärken und aufwerten und griffen die Heilkundeübertragung ebenfalls auf. Bemerkenswert war, dass sich quer durch die demokratischen Fraktionen ein einhellig positives Bild zur Akademisierung zeigte. Der Entwurf sollte am Mittwoch, dem 27\. September, im Gesundheitsausschuss weiter beraten werden, anschließend waren die Sichtung der Sachverständigen-Stellungnahmen und die Rücküberweisung an den Bundestag vorgesehen. Da das Gesetz bereits wenige Monate später in Kraft treten sollte, war ein zügiges Verfahren geplant. ## DNQP: Kommentierung zum Expertenstandard Kontinenzförderung Aus dem Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) gab es ebenfalls Neuigkeiten: Das Netzwerk veröffentlichte die Konsensfassung des aktualisierten Expertenstandards zur Förderung der Kontinenz in der Pflege. Interessierte aus Praxis und Wissenschaft hatten im Zeitraum vom 25\. September bis zum 19\. November 2023 die Möglichkeit, eine Stellungnahme oder Kommentierung abzugeben – per E-Mail oder auf dem Postweg. Für dich ist das ein guter Moment, fachliche Einschätzungen aus dem Versorgungsalltag einzubringen, bevor der Standard final wird. ## Klinikproteste in Düsseldorf für eine bessere Refinanzierung In der Woche vor der Folge gab es deutschlandweit Proteste von Klinikbeschäftigten. In Düsseldorf beteiligten sich nach Polizeiangaben rund 6.000 Menschen an einer Kundgebung auf der Landtagswiese. Getragen wurde sie von einem breiten Bündnis aus kommunalen Spitzenverbänden, Ärztekammern, der Pflegekammer NRW, der Gewerkschaft ver.di, dem Marburger Bund sowie Diakonie und Caritas. Unter dem Motto „5 vor 12" forderten sie eine nachhaltige Refinanzierung der Kliniken – auch mit Blick auf die damals geplante Krankenhausstrukturreform. ## Zum Weiterhören - [PU046 – Pflegestudiumstärkungsgesetz / Update: TV-E am UKGM](https://www.uebergabe.de/pu046/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) --- ### Quellen - [WBO NRW](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2023/09/2023-09-06%5Fpknrw%5Fentwurf%5Fweiterbildungsordnung%5Fwebsite.pdf) (pflegekammer-nrw.de) - [PflStudStG](https://www.bundestag.de/ausschuesse/a14%5Fgesundheit/oeffentliche%5Fanhoerungen/964636-964636?ref=uebergabe.de) (bundestag.de) - [Website des BMG zum PflStudStG](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegestudiumstaerkungsgesetz-pflstudstg.html?ref=uebergabe.de) (bmg.de) - [Deutscher Pflegetag in Berlin ](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de)(deutscher-pflegetag.de) ### Wie Krankenhausaufenthalte in Pflegeheimen reduziert werden können URL: https://www.uebergabe.de/wie-krankenhausaufenthalte-in-pflegeheimen-reduziert-werden-koennen/ Last updated: 2024-04-16T21:18:37.000Z 🗓️ #13 | 21.09.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Christian-Banner-2-3.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten (Prof:in Dr:in Vera Antonia Büchner) URL: https://www.uebergabe.de/ug122/ Last updated: 2026-06-17T19:31:48.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 16.09.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflege braucht mehr Handlungsautonomie und klar abgegrenzte Aufgabengebiete. - Sichtbarkeit und Profession schlagen kurzlebige Wertschätzungsgesten. - Modellprojekte scheitern zu oft am Sprung in die Regelfinanzierung. - Ambulantisierung und Digitalisierung sind zentrale Hebel der Zukunft. - New Work und agile Strukturen können auch auf Station funktionieren. Krankenhaus, Altenhilfe, ambulante Pflege – drei Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten? In der Finanzierung, in der Personalstruktur, im Selbstverständnis? Genau diese vermeintlich klaren Grenzen stellt [Vera Antonia Büchner, Professorin für Management im Gesundheitswesen](https://www.th-nuernberg.de/person/buechner-vera-antonia/?ref=uebergabe.de) an der Technischen Hochschule Nürnberg, im Übergabe-Podcast in Frage. Anlass des Gesprächs ist das Buch „Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten", für das sie als eine von vier Personen die Herausgeberschaft übernommen hat. Was als Werk über das Krankenhaus beginnt, wird schnell zu einem Plädoyer für ein Versorgungssystem, das vom Menschen aus gedacht wird – und nicht von Mauern zwischen Sektoren. ## Warum sich die Versorgung nicht in Schubladen sortieren lässt Büchner hat in beiden Welten gearbeitet: als kaufmännische Direktorin in der Altenhilfe und als Vorstandsvorsitzende eines kleinen bayerischen Krankenhauses. Heute leitet sie eine sich in Gründung befindende „School of Health". Aus dieser Doppelperspektive macht sie für sich keinen großen Unterschied zwischen den Settings. Gerade in der ländlichen Versorgung, so ihr Argument, könnten wir uns die strikte Trennung gar nicht mehr leisten. Ihr Beispiel: die Kurzzeitpflege, die in Modellprojekten bereits ans Krankenhaus angedockt ist – ein Projekt, das sie in ihrer eigenen Klinik mit angestoßen hat. Es geht ihr also weniger um das einzelne Setting als um Versorgungsstrukturen, die rund um die Patient:innen herum gebaut werden. Genau an dieser Stelle liegt für sie der eigentliche Hebel – und auch der zentrale blinde Fleck der aktuellen Debatte. Denn Schnittstellen zwischen Krankenhaus, Pflegeheim und ambulantem Dienst müssen funktionieren, sonst geht jede noch so gute Reform an der Realität der Menschen vorbei. ## Ein Buch als Bestandsaufnahme – und als Startsignal Die Idee zum Buch kam von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft rund um deren Geschäftsführer Roland Engehausen. Entstanden ist ein dickes Werk mit mehr als 700 Seiten und über 90 Autor:innen, von denen mehr als die Hälfte aus der Pflege kommt. Der Untertitel bringt den Dreiklang auf den Punkt: Probleme erkennen, Profession entwickeln, Potenziale fördern. Wichtig war den Herausgeber:innen, dass die Pflege über die Pflege spricht – auch wenn die Strukturveränderung aus ihrer Sicht nicht allein von der Berufsgruppe zu stemmen ist. Deshalb kommen auch politische und verbandliche Stimmen zu Wort. > *„Unsere Vision ist, dass es jetzt erst sozusagen losgeht – dass das erst mal eine Bestandsaufnahme ist." — Vera Antonia Büchner* Das Buch endet nicht mit Diagnosen, sondern formuliert 15 Thesen und eine Matrix, die zeigt, bei welchen Akteur:innen welcher Handlungsbedarf liegt. Denn nicht alles lässt sich auf Krankenhausebene lösen – manches gehört in die Hände von Berufsverbänden und Politik. ## Vom Kostenfaktor zur erlösrelevanten Profession Eine der zentralen Thesen lautet: Der Veränderungsdruck in den Krankenhäusern erzeugt zugleich einen Entwicklungsdruck in der Pflege. Lange galt Pflege rein betriebswirtschaftlich als Kostenaspekt, während ärztliche Leistung als Erlösfaktor verbucht wurde. Mit der Auslagerung des Pflegebudgets aus dem DRG-System unter Jens Spahn habe sich zumindest etwas verschoben – krankenhausindividuelle Pflegekosten lassen sich seither gesondert abrechnen. Das nimmt zwar Druck aus dem System, macht die Pflege aber noch lange nicht zur Berufsgruppe, die als erlösrelevant wahrgenommen wird. Trotzdem sieht Büchner einen Unterschied: Es mache etwas aus, ob man als reiner Kostenfaktor gilt oder weiß, dass die Personalkosten verlässlich über das Pflegebudget finanziert werden. Genau hier setzt ihre nächste These an – die Forderung nach mehr Handlungsautonomie. Die Pflegeprofession müsse sich weiterentwickeln und die Möglichkeit bekommen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört für sie auch, Weiterbildung und Spezialisierung klarer zu unterscheiden und sichtbar zu machen – etwas, das im ärztlichen Bereich für Patient:innen längst selbstverständlich ist. ## Wertschätzung? Lieber Sichtbarkeit An einem Begriff arbeitet sich Büchner sichtlich ab: Wertschätzung. Das Wort sei während der Corona-Pandemie überstrapaziert worden. Sie selbst war damals im Krankenhaus, erlebte zwei große Ausbrüche auf der Geriatrie – und der Applaus vom Balkon habe sie nicht besonders beeindruckt. Lieber spricht sie von Sichtbarkeit und davon, dass die Pflege wahrgenommen wird. Initiativen, die aus der Pflege heraus entstanden sind, hätten gezeigt, dass der Spannungsbogen aus der Pandemie schnell wieder abgeflacht ist. Im Gespräch entsteht hier ein produktiver Reibungspunkt. Denn statt darauf zu warten, dass andere der Pflege Wertschätzung entgegenbringen, könnte sich die Profession diese auch selbst holen – über Lobbyarbeit, über Organisation, über ein selbstbewusstes Auftreten. Wer Anerkennung nur von außen bezieht, bleibt abhängig davon, wie viel man gerade „wert" ist. Wer den eigenen Wert nach außen trägt, hat eine ganz andere Ausgangslage. > *„Wertschätzung ist für mich immer so ein bisschen zu kurz gegriffen. Das ist eher die Sichtbarkeit und ein Wahrnehmen der Pflege." — Vera Antonia Büchner* Büchner sieht beides – kein Entweder-oder. Anfangen lässt sich im Kleinen: Taucht die Pflege im Leitbild des eigenen Hauses überhaupt auf? Wie wird sie in der Unternehmenskommunikation und in der Personalakquise dargestellt? Spannend findet sie dabei den Gedanken des Influencer-Marketings: Warum nicht eine:n Pflege-Botschafter:in durchs Krankenhaus laufen lassen, um realistisch und ansprechend für den Beruf zu werben – statt nur eine Facebook-Seite zu pflegen, die kaum noch jemanden erreicht? ## Mehr Autonomie, neue Aufgaben – und ein Blick über die Grenze Wohin soll sich die Pflege im Krankenhaus also entwickeln? Büchners Antwort kreist um Handlungsautonomie, klare Abgrenzung zwischen Ausbildung und Studium und ein echtes Arbeiten auf Augenhöhe mit dem ärztlichen Dienst. Provokant gefragt: Muss jede Leistung, die heute ärztlich erbracht wird, überhaupt bei den Mediziner:innen liegen? Angesichts des Fachkräftemangels – der eben nicht nur die Pflege trifft – könne man sich das auf Dauer schlicht nicht mehr leisten. Der Blick geht dabei ins europäische Ausland. In Österreich seien für die [Community Health Nurse](https://www.uebergabe.de/ug066/) klare Vorgaben formuliert worden, inklusive des erforderlichen Abschlusses. So ein Weg ließe sich auch hierzulande gehen. Ihre Sorge: dass die Pflege diese Entwicklungschance verpasst und andere Berufsgruppen den Raum besetzen. Eine pflegerische Anlaufstelle im ländlichen Raum, an der eine Pflegefachperson als Erstkontakt entscheidet, ob weitergeleitet werden muss – das wäre für sie ein echter Fortschritt. ## Wenn gute Ideen in der Schublade landen An dieser Stelle wird die Debatte selbstkritisch. Modellprojekte gibt es viele, doch der Sprung in die Regelfinanzierung gelingt selten. Das vielzitierte Kinzigtal, der Gesundheitskiosk, intersektorale Versorgung – die Beispiele kursieren seit Jahren, ohne flächendeckend umgesetzt zu werden. Woran das liegt? Büchner sieht die Ursache nicht primär im Gesundheitswesen selbst, sondern im Föderalismus mit seiner Aufteilung zwischen Bund- und Länderhoheiten. Hinzu kommt die ewige Frage der Finanzierung. Ihr Appell: Forschungsprojekte müssten von vornherein so aufgesetzt werden, dass Übernahmepartner und grundsätzliche Bereitschaft zur Umsetzung schon vor dem Start geklärt sind. Sonst verpufft viel Geld und Personal – und am Ende fehlt eine Art Landkarte, die transparent macht, was eigentlich schon erforscht wurde. Gute Wissenschaftskommunikation, sagt sie, könnte hier viel bewirken. Damit die Pflege politisch Gewicht bekommt, brauche es konkrete Bedingungen: einen Sitz im Gemeinsamen Bundesausschuss, starke Berufsverbände, Pflegekammern in den Ländern und ein abgestimmtes Miteinander von Verbänden, Selbstverwaltung und Gewerkschaften. Auch über das Modell der MVZ wird diskutiert – und über die Idee, pflegegeleitete Versorgungszentren zu denken, in denen pflegerische Tätigkeiten wie Verbandwechsel, Fädenziehen oder Diabetesberatung selbstverständlich von der Pflege übernommen werden. ## New Work auf Station: agil statt starr Ein überraschend frischer Strang des Buches widmet sich modernen Führungs- und Arbeitsformen. Stationen als agile Organisationseinheiten zu begreifen, basisdemokratisch und ohne starre Hierarchien Aufgaben und Prozesse neu zu denken – das klingt im konservativ geprägten Krankenhaus erst einmal ungewohnt. Agilität bedeutet dabei, situativ zu reagieren und auch mal Schritte zurückzugehen, wenn neue Erkenntnisse das nahelegen, ohne das als Misserfolg zu werten. Im Buch wird ein Praxisbeispiel beschrieben, in dem genau das auf einer Station gelungen ist. > *„Es braucht ein anderes Mindset – ich muss den einzelnen Mitarbeiter mitnehmen. Der muss es verinnerlichen." — Vera Antonia Büchner* Klar ist Büchner aber auch: Selbstbestimmte Arbeitszeiten, flexible Modelle und mehr Mitspracherecht stoßen im Schichtdienst an reale Grenzen. Am Patient:innenbett lässt sich eben kein Homeoffice machen. Trotzdem müssten Krankenhäuser konkurrenzfähig bleiben – gegenüber Branchen, die mit Vier-Tage-Woche und Homeoffice locken. Sonst entscheidet sich der Nachwuchs bei der Ausbildungswahl gegen die Pflege. ## Digitalisierung als Entlastung, nicht als Ersatz Beim Thema Digitalisierung setzt Büchner einen klaren Akzent: Sie soll entlasten, nicht ersetzen. Als Praxisbeispiel nennt sie eine an der TH Nürnberg entwickelte Plattform für ein digitales Entlass- und Überleitungsmanagement, [CareNext](https://carenext.net/?ref=uebergabe.de), die den enormen Aufwand bei der Überleitung in die stationäre Pflege verringern soll. Auch Doppeluntersuchungen ließen sich vermeiden, wenn Informationen – etwa zur Diabeteseinstellung – digital verfügbar wären, statt im Krankenhaus erneut erhoben zu werden. Jede vermiedene Doppelarbeit ist gewonnene Zeit für die ohnehin knappen Fachkräfte. ## Image der Pflege: zwischen subjektiver Erfahrung und Selbstbewusstsein Das Image der Pflege schätzt Büchner eher als beschädigt ein – auch deshalb sei die Professionsentwicklung so dringend. Spannend ist die Unterscheidung zwischen Außen- und Innenwahrnehmung. Nach außen prägen oft einzelne, subjektive Erfahrungen das Bild: lange Wartezeit in der Notaufnahme, die als Maßstab für das ganze System herhalten muss. Diese gefühlte Wahrheit lässt sich kaum direkt verändern. Sehr wohl beeinflussen lässt sich aber, wie die Pflege selbst und wie die Klinikkommunikation den Beruf nach außen tragen. Nach innen spielen die Arbeitsbedingungen die entscheidende Rolle: Wie oft muss aus dem Frei eingesprungen werden? Bleibt überhaupt Privatleben? Beim Geld verweist Büchner auf Vergleiche mit Finnland, wo Pflegefachpersonen besser vergütet werden – und zugleich auf [Erkenntnisse, dass mehr Einkommen ab einem gewissen Punkt nicht glücklicher macht](https://www.handelsblatt.com/finanzen/anlagestrategie/trends/hohes-einkommen-studie-klaert-auf-macht-geld-doch-gluecklich-/29024694.html?ref=uebergabe.de). Es brauche also weit mehr als nur höhere Gehälter, damit Menschen nicht nach wenigen Jahren aus dem Beruf aussteigen. ## Eine ideale Versorgung – und die Frage nach dem Wann Wie sähe für Büchner die ideale Versorgung aus? Drei Begriffe fasst sie zusammen: Ambulantisierung, Digitalisierung und Professionsentwicklung – getragen von einem echten Miteinander der Akteur:innen. Die Sektorengrenzen sollen aufweichen, die Finanzierung im Blick bleiben, die Digitalisierung als Unterstützung wirken und die Pflege mit mehr Tätigkeiten und mehr Autonomie ausgestattet werden. Das Image, ist sie überzeugt, folgt dann fast von allein. Ihr Wunschhorizont: weniger als zehn Jahre. Denn Ideen, Modelle und Auslandsbeispiele liegen längst vor – es hakt an der Umsetzung. Den Fachkräftemangel werden wir damit zwar nicht über Nacht beseitigen. Aber vielleicht lässt sich die viel beschworene Katastrophe abwenden, wenn wir aus dem Reden endlich ins Handeln kommen. Das Buch versteht Büchner dabei ausdrücklich als Startsignal, nicht als Schlusspunkt – als Einstieg in Themen, Zusammenhänge und, ja, in eine Vision für ein besseres Gesundheitssystem. ## Zum Weiterhören - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes In dieser Folge ist Prof:in Dr:in Vera Antonia Büchner zu Gast in der Übergabe. Wir sprechen über ihre Herausgeberschaft des Buches "Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten" und wie es dazu gekommen ist. Wir diskutieren alle relevanten Themen des Buches, wobei Frau Büchner auch tiefe Einblicke in konkrete Umsetzung gibt, damit die Pflege in Zukunft besser aufgestellt ist. Einiges davon lässt sich direkt umsetzen, für manch anderes brauchen wir politischen Einfluss. Eine tolle Folge über Professionsentwicklung und Imageverbesserung der Pflege. ### Shownotes - [Vera Antonia Büchner – Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm](https://www.th-nuernberg.de/person/buechner-vera-antonia/?ref=uebergabe.de) - [Prof. Dr. Vera Antonia Büchner – Professur Management im Gesundheitswesen – Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm | LinkedIn](https://de.linkedin.com/in/prof-dr-vera-antonia-b%C3%BCchner-945a931a8?ref=uebergabe.de) - [Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten | medhochzwei Verlag](https://www.medhochzwei-verlag.de/Shop/ProduktDetail/Zukunft-der-Pflege-im-Krankenhaus-gestalten-978-3-86216-925-2?ref=uebergabe.de) - [Buchvorstellung Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten auf dem Hauptstadtkongress 2023](https://youtu.be/8so%5FTAJ6MlY?si=vtgtRWoLU6dkTmYB&ref=uebergabe.de) - [Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten – Autorenstimmen](https://www.medhochzwei-verlag.de/Video/Details/126472?ref=uebergabe.de) - [Holetschek will Pflege im Krankenhausbereich stärken – Bayerns Gesundheits- und Pflegeminister anlässlich der Buchpräsentation "Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten" in Berlin](https://www.bayern.de/holetschek-will-pflege-im-krankenhausbereich-strken-bayerns-gesundheits-und-pflegeminister-anlsslich-der-buchprsentation-zukunft-der-pflege-im-krankenhaus-gestalten-in/?ref=uebergabe.de) - [CareNext](https://carenext.net/?ref=uebergabe.de) - [Hohes Einkommen: Studie klärt auf – Macht Geld doch glücklich?](https://www.handelsblatt.com/finanzen/anlagestrategie/trends/hohes-einkommen-studie-klaert-auf-macht-geld-doch-gluecklich-/29024694.html?ref=uebergabe.de) ### Pflegemindestlöhne steigen/KH-Transparenzgesetz URL: https://www.uebergabe.de/pu055/ Last updated: 2026-06-13T22:08:25.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 09.09.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Pflegemindestlöhne steigen ab 2024 in zwei Schritten – mit gemischten Reaktionen der Verbände. - Das geplante Krankenhaustransparenzgesetz führt eine bundesweite Level-Einteilung der Kliniken ein. - Ein DGF-Gutachten fordert mehr heilkundliche Befugnisse für fachweitergebildete Pflegefachpersonen auf Intensivstationen. In dieser Folge geht es um zwei pflegepolitische Schwergewichte: die beschlossene Anhebung der Pflegemindestlöhne und das geplante Krankenhaustransparenzgesetz. Dazu kommen Kurznachrichten zu Vorbehaltsaufgaben, einer neuen Weiterbildungsordnung und einem Stipendienprogramm. Alle Angaben beziehen sich auf den Stand Anfang September 2023. ## Pflegemindestlöhne steigen ab 2024 in zwei Schritten Ende August 2023 hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales angekündigt, den Empfehlungen der Pflegekommission zu folgen und die Mindestlöhne in der Altenpflege per Verordnung anzuheben. Damals war geplant, die Erhöhung in zwei Schritten umzusetzen: Für Pflegefachpersonen mit dreijähriger Ausbildung sollte der Mindeststundenlohn im Mai 2024 zunächst auf 19,50 Euro und im Juli 2025 auf 20,50 Euro steigen. Für qualifizierte Pflegehilfskräfte mit mindestens einjähriger Ausbildung waren 16,50 Euro beziehungsweise später 17,35 Euro vorgesehen, für Pflegehilfskräfte ohne besondere Qualifikation 15,50 Euro und anschließend 16,10 Euro. Die Regelungen sollten nach den damaligen Plänen bis Ende Juni 2026 Bestand haben. Die Einzelheiten finden sich in der [Mitteilung zur Empfehlung der Pflegekommission](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/pflegekommission-empfiehlt-erneute-anhebung-der-mindestloehne-in-der-altenpflege-pm-29-08-2023.html?ref=uebergabe.de). Wichtig zur Einordnung: Die Pflegemindestlöhne betreffen ausschließlich die Alten- und Langzeitpflege, nicht den Krankenhausbereich. Nach Angaben des Ministeriums arbeiteten damals rund 1,3 Millionen Beschäftigte in Einrichtungen, die unter den Pflegemindestlohn fallen. Wie viele davon tatsächlich profitieren, ließ sich allerdings kaum genau beziffern – denn anders als in Krankenhäusern sind Tarifverträge in der Langzeitpflege längst nicht flächendeckend verbreitet. Wo es keinen Tarifvertrag gibt, bildet der Mindestlohn die zentrale Untergrenze. Zum Vergleich: Der allgemeine gesetzliche Mindestlohn lag damals bei zwölf Euro pro Stunde, die Pflegemindestlöhne lagen also deutlich darüber. Die Reaktionen der Verbände fielen unterschiedlich aus. Die Gewerkschaft Verdi, die in der Pflegekommission vertreten ist, begrüßte die Absicherung nach unten, betonte aber, dass ein Mindestlohn allein nicht ausreiche, um die Arbeit attraktiver zu machen – nötig seien umfassende Tarifverträge, von denen gerade bei kommerziellen Anbietern viele Beschäftigte weiterhin ausgeschlossen blieben. Diese Position lässt sich in der [Einschätzung von Verdi zu den Pflegemindestlöhnen](https://www.verdi.de/themen/geld-tarif/++co++94a2c498-4676-11ee-a4ff-001a4a16012a?ref=uebergabe.de) nachlesen. Der Deutsche Pflegerat hob in seiner [Stellungnahme zu den Pflegemindestlöhnen](https://deutscher-pflegerat.de/2023/08/30/pflege-mindestlohn-gutes-signal-fuer-mehr-beschaeftigung/?ref=uebergabe.de) hervor, dass die Mindestlöhne über dem gesetzlichen Niveau liegen, kritisierte jedoch die geringen Lohnabstände zwischen den Qualifikationsstufen: Der Unterschied von rund drei Euro zwischen Pflegefachpersonen und qualifizierten Hilfskräften setze kaum Anreize, eine höhere Qualifikation anzustreben. Aus Sicht der Arbeitgeberverbände – etwa des bpa und des Deutschen Roten Kreuzes – ist die Erhöhung zwar grundsätzlich richtig, verschärft aber die Finanzierungsfrage. Da höhere Löhne bislang vor allem über die Eigenanteile der Pflegebedürftigen refinanziert werden, sahen sie den Gesetzgeber in der Pflicht, sozial ausgewogene Lösungen zu finden, die die zu pflegenden Menschen nicht zusätzlich belasten. Zur Einordnung: Die Pflegekommission ist paritätisch mit acht Mitgliedern besetzt – je zwei Vertretungen der Gewerkschaften, der Arbeitgeberverbände sowie der Dienstnehmer- und Dienstgeberseite kirchlicher Arbeitgeber. Sie erarbeitet die Vorschläge, die als Grundlage für die Festsetzung der Mindestlöhne dienen. ## Krankenhaustransparenzgesetz: Level-Einteilung der Kliniken geplant Mitte August 2023 legte das Bundesgesundheitsministerium eine Formulierungshilfe für ein „Gesetz zur Förderung der Qualität durch Transparenz im Krankenhauswesen" vor – kurz Krankenhaustransparenzgesetz. Es soll die geplante Krankenhausreform flankieren und Struktur- sowie Leistungsdaten der Kliniken öffentlich sichtbar machen. Patient:innen sollten so vergleichen können, welche Leistungen eine Klinik anbietet und in welcher Qualität. Auch Zahlen zur ärztlichen und pflegerischen Personalausstattung waren zur Veröffentlichung vorgesehen. Den damaligen Entwurf stellt das Ministerium in seiner [Übersicht zum Krankenhaustransparenzgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/krankenhaustransparenzgesetz.html?ref=uebergabe.de) bereit. Der vorgesehene Datenweg sah vor, dass die Kliniken Angaben zu Leistungsgruppen, Diagnosen, Prozeduren sowie zum Pflege- und ärztlichen Personal an das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) übermitteln – jene Stelle, die auch für die DRG-Berechnung zuständig ist. Das InEK sollte die Daten an das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) weiterleiten, das sie gemeinsam mit weiteren Qualitätsdaten auswertet und schließlich an das Ministerium zur Veröffentlichung übergibt. Kern des Entwurfs war eine bundesweite Zuordnung der Krankenhäuser zu Versorgungsstufen, den sogenannten Leveln. Ein Level-3-Haus sollte mindestens fünf internistische und fünf chirurgische Leistungsgruppen sowie Intensiv- und Notfallmedizin und acht weitere Leistungsgruppen vorhalten. Level 2 verlangte je zwei internistische und chirurgische Leistungsgruppen plus Intensiv- und Notfallmedizin und drei weitere Gruppen. Ein Level-1N-Haus musste allgemeine innere Medizin, allgemeine Chirurgie, Intensiv- und Notfallmedizin abdecken, während Level 1i eine sektorenübergreifende Versorgungsstelle ohne reguläre Notfallmedizin bezeichnete. Neu hinzu kam das Level F für spezialisierte Fachkrankenhäuser. Für Pflegefachpersonen ist das relevant, weil mit der Level-Logik auch die Personaldaten sichtbar werden – und weil die Einteilung mittelfristig beeinflusst, welche Klinik welche Leistungen überhaupt noch erbringt. Die Kritik an der Level-Einteilung blieb deutlich. Der Deutsche Evangelische Krankenhausverband bezeichnete ein Transparenzregister als überflüssig, da sich aus den Leveln kein verlässlicher Rückschluss auf die Versorgungsqualität ziehen lasse. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft ging weiter und warf dem Ministerium vor, über die Hintertür eine Zentralisierung der Krankenhausplanung zu betreiben und die Planungskompetenz der Länder zu beschneiden; Patient:innen würden eher in die Irre geführt als informiert. Diese Position vertritt die DKG in ihrer Einschätzung, das Gesetz [entmachte die Länder bei der Krankenhausplanung](https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/lauterbach-entmachtet-die-laender-bei-der-krankenhausplanung/?ref=uebergabe.de). Auch Mitglieder des Gemeinsamen Bundesausschusses meldeten erhebliche Bedenken an. Eigene Stellungnahmen aus der Pflege lagen zum Zeitpunkt der Folge nicht vor. ## Kurznachrichten: Vorbehaltsaufgaben, Weiterbildungsordnung und Stipendien ### DGF-Gutachten zu heilkundlichen Tätigkeiten auf der Intensivstation Die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) ließ ein juristisches Gutachten erstellen, das untersucht, welche Tätigkeiten auf einer Intensivstation auch von Pflegefachpersonen mit abgeschlossener Fachweiterbildung übernommen werden können – und nicht zwingend dem ärztlichen Personal vorbehalten bleiben müssen. Das Gutachten empfiehlt unter anderem, die Weiterbildungsordnung zu reformieren, weil die bestehenden Länderregelungen die klinische Praxis nicht mehr abbildeten. Eine bundesweit einheitliche Musterweiterbildungsordnung könnte hier Abhilfe schaffen, müsste mangels Selbstverwaltungsstrukturen aber zunächst über die Länderparlamente umgesetzt werden. Konkret nennt das Gutachten Tätigkeiten wie das Steuern und Anpassen von Beatmungseinstellungen, die Pflegefachpersonen faktisch längst übernehmen. Die Details finden sich in der [Mitteilung der DGF zum Rechtsgutachten](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/pm%5F31.08.2023%5Frechtsgutachten-zu-vorbehaltsaufgaben-verfuegbar.pdf). ### Weiterbildungsordnung der Pflegekammer NRW Die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen arbeitete zum Zeitpunkt der Folge an einer eigenen Weiterbildungsordnung, die zum 1\. Januar 2024 in Kraft treten sollte. Damit läge die Verantwortung für Zertifizierung, Nachweise und die Registrierung von Qualifikationen künftig nicht mehr beim Land, sondern bei der Kammer selbst – ein Beispiel dafür, wie Selbstverwaltungsstrukturen pflegerische Bildung konkret prägen. Hintergründe dazu liefert ein [Bericht über die Weiterbildungsordnung der Pflegekammer NRW](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegekammer-erarbeitet-weiterbildungsordnung?ref=uebergabe.de). ### Stipendium für das Pflegestudium in Bayern Studierende des primärqualifizierenden Pflegestudiums konnten sich in Bayern künftig auf ein Stipendium bewerben: Bis zu 600 Euro monatlich sollten an 60 Studierende über drei Jahre ausgezahlt werden. Im Gegenzug verpflichteten sich die Geförderten, nach dem Abschluss mindestens drei Jahre in einer bayerischen Gesundheits- oder Pflegeeinrichtung zu arbeiten. ### Deutscher Pflegetag 2023 Schließlich der Hinweis auf den Deutschen Pflegetag, der am 28\. und 29\. September 2023 in Berlin stattfand. Das Programm war damals in sechs Säulen gegliedert – von Themen wie Auslandsrekrutierung, PPR 2.0 und Krankenhausstrukturreform über Digitalisierung und Vorbehaltsaufgaben bis hin zur Akademisierung. Mehr Informationen bot die [Website des Deutschen Pflegetags](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de). ## Zum Weiterhören - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)](https://www.uebergabe.de/ug145/) - [PU050 – Krankenhausstrukturreform / Studie der KAP](https://www.uebergabe.de/pu050/) --- ### Quellen - [Pflegemindestlöhne steigen](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/pflegekommission-empfiehlt-erneute-anhebung-der-mindestloehne-in-der-altenpflege-pm-29-08-2023.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Stellungnahme des DPR zu den Pflegemindestlöhnen](https://deutscher-pflegerat.de/2023/08/30/pflege-mindestlohn-gutes-signal-fuer-mehr-beschaeftigung/?ref=uebergabe.de) (dpr.de) - [Stellungnahme Verdi Pflegemindestlöhne](https://www.verdi.de/themen/geld-tarif/++co++94a2c498-4676-11ee-a4ff-001a4a16012a?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [Krankenhaustransparenzgesetz Vorlage](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/krankenhaustransparenzgesetz.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [DKG zum KH-Transparenzgesetz](https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/lauterbach-entmachtet-die-laender-bei-der-krankenhausplanung/?ref=uebergabe.de) (dkg.de) - [Pressemitteilung DGF zu Vorbehaltsaufgaben](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/pm%5F31.08.2023%5Frechtsgutachten-zu-vorbehaltsaufgaben-verfuegbar.pdf) (dgf-online.de) - [Pflegekammer NRW Weiterbildungsordnung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegekammer-erarbeitet-weiterbildungsordnung?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Website des Deutschen Pflege Tages in Berlin](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegetag.de) ### Gründe für Fixierungen im Krankenhaus URL: https://www.uebergabe.de/gruende-fuer-fixierungen-im-krankenhaus/ Last updated: 2024-04-16T21:10:25.000Z 🗓️ #12 | 07.09.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Christian-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Landtagswahlspecial 2023 Bayern/Hessen URL: https://www.uebergabe.de/pu054/ Last updated: 2026-06-17T19:52:38.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 04.09.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - In Hessen reichen die Pflegepläne von Gemeindepfleger:innen bis zu Community Health Nurses und Pflegekammer. - In Bayern dominieren Tarifbindung, Leiharbeit, Akademisierung und die Zukunft der Pflegevertretung die Debatte. - Ein Bekenntnis zur Akademisierung der Pflege findet sich längst nicht in allen Programmen. Diese Folge des PflegeUpdate war ein Wahlspecial: Am 8\. Oktober 2023 wurde in Hessen und in Bayern ein neuer Landtag gewählt. Wir haben für dich die Wahlprogramme der demokratischen Parteien gelesen und die pflege- und gesundheitspolitisch relevanten Punkte herausgezogen. Alle Aussagen geben den damaligen Programmstand vor der Wahl wieder – nichts davon ist als heutige Beschlusslage zu verstehen. ## Landtagswahl Hessen: Worüber abgestimmt wurde Zum Zeitpunkt der Folge regierte in Hessen eine Koalition aus CDU und Grünen. Ministerpräsident war seit 2022 Boris Rhein (CDU), das Gesundheits- und Sozialressort führte Kai Klose (Grüne). Im Koalitionsvertrag spielte vor allem der sogenannte Gesundheitspakt 3.0 eine Rolle – ein Bündnis, das eine flächendeckende Versorgung sichern sollte, von der Ausbildung über Versorgungsstrukturen wie Gesundheitszentren bis zur Stärkung der ambulanten und häuslichen Pflege. Auffällig: Viele dieser Stichworte – Verzahnung von ambulantem und stationärem Sektor, Ausbau der Telemedizin, Förderung von Versorgungsassistent:innen und Gemeindeschwestern – tauchten auch im Wahlkampf wieder auf. Für Pflegefachpersonen ist das relevant, weil sich daran ablesen lässt, welche neuen Rollen die Parteien der Pflege im ländlichen Raum zutrauen. ### CDU Hessen: Gemeindepfleger:innen ohne akademische Hürde Im [Wahlprogramm der CDU Hessen](https://www.cduhessen.de/programm/?ref=uebergabe.de) war die Pflege Teil eines breiteren Gesundheitskapitels. Die Partei wollte den hessischen Versorgungsgipfel fortführen, die Krankenhausreform kritisch begleiten und die Investitionsmittel für Kliniken mindestens auf stabilem Niveau halten. Für die Versorgung in der Fläche setzte sie auf Telemedizin, eine Landarztquote und die Ausweitung des Pilotprojekts „Gemeindeschwester 2.0". Dieses Projekt sollte künftig unter dem Namen Gemeindepfleger:innen laufen und präventiv, vorbeugend und sorgend zwischen hausärztlicher und pflegerischer Versorgung vermitteln. Bemerkenswert für die Pflege: In den Fördervoraussetzungen war keine akademische Qualifikation vorgesehen – die Rolle sollte auch von Altenpfleger:innen, medizinischen Fachangestellten mit Zusatzqualifikation oder Sozialarbeiter:innen ausgefüllt werden können. Ein klares Bekenntnis zur Akademisierung der Pflege fehlte. ### Grüne Hessen: Community Health Nurses und Pflegekammer Die [Grünen in Hessen](https://landtagswahl.gruene-hessen.de/wahl-programm/?ref=uebergabe.de) setzten beim Thema gemeindenahe Versorgung einen anderen Akzent als die CDU: Sie wollten Community Health Nurses als akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen in multiprofessionellen Gesundheitszentren oder mobilen Praxen einsetzen, das Angebot der Gemeindepfleger:innen ergänzen und ein flächendeckendes Case Management aufbauen. Zur Personalgewinnung setzten sie auf vereinfachte Zugänge für Quereinsteiger:innen, schnellere Anerkennung ausländischer Abschlüsse und mehr Lehrkräfte. Erstmals in dieser Folge fiel auch das Stichwort Pflegekammer: Die Grünen wollten den Dialog zu einer Einrichtung nach dem Vorbild von Rheinland-Pfalz unterstützen und den Aufbauprozess gegebenenfalls finanziell begleiten. ### SPD Hessen: Daseinsvorsorge statt Markt Die SPD verstand Gesundheit und Pflege als Teil der Daseinsvorsorge und lehnte eine reine Marktlogik ab. Konkret forderte sie die Entprivatisierung des Universitätsklinikums Gießen-Marburg, mehr Planungs- und Steuerungsmöglichkeiten der Länder bei der Krankenhausplanung sowie attraktivere Bedingungen für Niederlassungen. Auf der Strukturebene reihten sich Gesundheitskioske, medizinische Versorgungszentren, Gesundheitslots:innen, Gemeindepflegekräfte, Pflegestützpunkte und Telemedizin aneinander – ohne klare Zuordnung, wer welche Aufgabe übernehmen soll. Beim Personal blieb das Programm bei den bekannten Forderungen: gute Arbeitsbedingungen, ausreichende Ausbildungsplätze, Stärkung der Pflege- und Pflegehelfer:innenausbildung, Eindämmung der Leiharbeit und die Übernahme von Tarifsteigerungen durch das Land. Ein Bekenntnis zur Akademisierung oder zur Erweiterung pflegerischer Kompetenzen fehlte – ebenso wie das Wort Pflegekammer. ### Linke Hessen: Fallpauschalen abschaffen, Akademisierung fördern Die [Linke in Hessen](https://www.uebergabe.de/content/files/images/Downloads/2023-aktuell/LTW/wahlprogramm-ltw2023.pdf) fasste ihre Punkte prägnanter: Abschaffung der Fallpauschalen, Ausbau der Prävention und Rücknahme von Privatisierungen. Anders als SPD und CDU forderte die Linke ausdrücklich die Akademisierung der Gesundheitsberufe und eine gemeinsame Ausbildung der nichtärztlichen Berufe, um die Interprofessionalität zu stärken. Für die Pflege selbst stellte die Linke einen Pflegeplan für Hessen, den Ausbau von Pflegestützpunkten, Tages- und Kurzzeitpflege sowie alternative Wohnkonzepte wie Senioren-WGs in Aussicht. Über einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag sollten Personalbemessung und Mindeststandards festgelegt werden – inklusive der Forderung nach einer 30-Stunden-Woche, um Pflegefachpersonen zurückzugewinnen. ### FDP Hessen: Digitalisierung und mehr Tempo beim Landesamt Die [FDP Hessen](https://fdp-hessen.de/programm-zur-landtagswahl-2023/?ref=uebergabe.de) stellte die Digitalisierung in den Vordergrund und wollte das Land zum Vorreiter bei E-Health und Telemedizin machen. Sie kritisierte, dass das im Januar geschaffene Landesamt für Gesundheit und Pflege zu langsam arbeite, und versprach mehr Kompetenzen und Tempo. In der pflegerischen Versorgung galt für die FDP „ambulant vor stationär", unterstützt durch digitale Lösungen. Ein konkreter Vorschlag: Pflegeeinrichtungen sollten mittelfristig 105 Prozent der Personalquote vorhalten, um die Versorgung abzusichern. ## Landtagswahl Bayern: Worüber abgestimmt wurde In Bayern regierte zum Zeitpunkt der Folge eine Koalition aus CSU und Freien Wählern unter Ministerpräsident Markus Söder, mit Hubert Aiwanger als Stellvertreter. Gesundheitsminister war Klaus Holetschek (CSU). Die Gesundheitspolitik des Freistaats war in den Jahren zuvor stark von der Corona-Pandemie geprägt und nahm bei aktuellen Bundesthemen wie der Krankenhausreform und der Cannabis-Legalisierung häufig eine oppositionelle Haltung ein. ### CSU Bayern: Ein „Regierungsprogramm" mit wenig Pflege Die CSU betitelte ihr [Programm selbstbewusst als Regierungsprogramm](https://www.uebergabe.de/content/files/common/download/beschlussversion%5Fregierungsprogramm%5Ffuereinstarkesundstabilesbayern%5Finbayernlebtessicheinfachbesser-mitdeckblatt.pdf) – die Pflege fand sich darin erst als vorletzter von 15 Punkten und vor allem als allgemeines Gesundheitsthema. Kritik gab es an den Bundesvorgaben zur Krankenhausreform. Konkret wollte die CSU das Landespflegegeld für pflegende Angehörige fortsetzen und erweitern, 8.000 neue Pflegeplätze schaffen, Springerpools fördern, die Leiharbeit schrittweise reduzieren und Pflegepersonal aus dem Ausland rekrutieren. Den assistierten Suizid lehnte die Partei ab. Neue Impulse etwa zur Akademisierung fehlten. ### Freie Wähler: Kommunale Versorgung und eine Berufsvertretung Die Freien Wähler stellten die Pflegeversorgung und das Altwerden in der Heimat als Ziel voran, ohne es stark auszuformulieren. Geplant waren eine bessere Anrechnung der Pflegezeit auf die Rente, neue Wohnkonzepte wie Mehrgenerationenwohnen und der Schutz kommunaler Krankenhäuser vor Schließungen durch die Krankenhausreform. Notaufnahmen und Geburtsstationen sollten flächendeckend erhalten, die „Gemeindeschwester Plus" ausgebaut werden. Für die Pflege kündigten die Freien Wähler eine unabhängige Berufsstandsvertretung an. Eingeordnet ins Pflegekapitel war außerdem ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr – ob das den Pflegenotstand löst, blieb offen. ### SPD Bayern: Tarifbindung und Pflegehotels Die [SPD in Bayern](https://bayernspd.de/programm/?ref=uebergabe.de) verstand Gesundheit und Pflege als zusammenhängende Daseinsvorsorge und wollte die Profitorientierung überwinden. Im Zentrum standen bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen über flächendeckende Tarifbindung sowie die schrittweise Reduktion der Leiharbeit auf null. Die SPD bekannte sich zur Krankenhausreform und zur Abschaffung der DRGs. Zur Akademisierung der Gesundheitsfachberufe fand sich allerdings kein klares Bekenntnis – die Ausbildung sollte nach den Regeln des Berufsbildungsgesetzes gestaltet werden, was eine akademische Ausrichtung eher ausschließt. Bei den Arbeitsbedingungen setzte die SPD auf verbindliche Personalgrenzen, entlastende Arbeitszeitregelungen, Kinderbetreuung und Anreize zum Aufstocken und Wiedereinstieg. Für pflegende Angehörige waren Lohnersatzleistungen, Beratung und – als eigener Vorschlag – Förderprogramme für Pflegehotels vorgesehen, in denen Angehörige und Pflegebedürftige gemeinsam Urlaub machen können. ### Grüne Bayern: Gesundheitsregionen, CHN und Pflegekammer Die [Grünen in Bayern](https://www.gruene-bayern.de/landtagswahl2023/?ref=uebergabe.de) setzten auf intersektorale Planung und wollten das seit 2015 bestehende Konzept der „Gesundheitsregion Plus" weiterentwickeln. Kommunen sollten gemeinwohlorientierte, interprofessionelle Gesundheits- und Pflegezentren einrichten können, in denen Praxen, Gesundheitsämter, Pflegedienste und Kliniken kooperieren. Hausarztpraxen sollten stärker durch nichtärztliches Personal wie Community Health Nurses und Versorgungsassistent:innen unterstützt werden. Für die Pflege nannten die Grünen einen verbesserten Pflegeschlüssel, eine bedarfsgerechte Akademisierung der Ausbildung und mehr Ausbildungsplätze. Außerdem wollten sie die Vereinigung der Pflegenden in Bayern zu einer Pflegekammer ausbauen, um die politische Einflussnahme der Pflege zu stärken – die deutlichste Kammer-Aussage der Folge. ### Linke Bayern: Studium für Gemeindepflegekräfte Ob die Linke in Bayern überhaupt ins Parlament einziehen würde, war zum Zeitpunkt der Folge offen. Inhaltlich forderte sie Gemeindepflegekräfte mit Studium – hier wurde ein akademischer Abschluss ausdrücklich genannt. Hinzu kamen die Entprivatisierung aller Krankenhäuser, verbindliche Personaluntergrenzen, ein evidenzbasierter Qualifikationsmix in der Langzeit- und ambulanten Pflege sowie bessere Ausbildungsbedingungen, etwa indem Auszubildende nicht mehr im Stellenplan gezählt werden. Auch eine Beschwerdestelle beim Landesamt für Pflege war vorgesehen. ### FDP Bayern: Telepflege und Enquete-Kommission Die [FDP Bayern](https://www.fdp-bayern.de/ziele?ref=uebergabe.de) betonte die Digitalisierung, führte den Begriff „Telepflege" ein und wollte die Pflegeberatung vereinheitlichen und über ausgebaute Pflegestützpunkte organisieren. Geplant war eine Enquete-Kommission „Pflege in Bayern" nach dem Vorbild von Sachsen oder NRW. Den Fachkräftemangel wollte die FDP über einen Fünf-Punkte-Plan angehen, der vor allem das unbürokratische Anwerben ausländischer Pflegefachpersonen umfasste. Für die Langzeitpflege forderte sie ein Personalbemessungsinstrument angelehnt an das Rothgang-Gutachten. Das Landespflegegeld wollte die FDP nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip, sondern bedarfsgerechter ausschütten. Eine Pflegekammer lehnte die Partei ab und plädierte für eine Umstrukturierung der Vereinigung der Pflegenden in Bayern ohne Zwangsmitgliedschaft. ## Was Pflegefachpersonen daraus mitnehmen Quer durch beide Länder zeigten sich wiederkehrende Muster: Verzahnung der Sektoren, Telemedizin, neue Versorgungsrollen im ländlichen Raum und die Anwerbung internationaler Pflegefachpersonen. Wer sich für Akademisierung und erweiterte Kompetenzen interessiert, fand bei Grünen und Linken die deutlichsten Aussagen, während CDU, SPD und Freie Wähler hier vager blieben. Auch die Pflegekammer war ein Trennlinien-Thema – befürwortet von den Grünen, abgelehnt von der FDP. Wenn du die Details nachlesen möchtest, lohnt zur Wahlentscheidung der Blick in die Originalprogramme; ## Zum Weiterhören - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [PU040 – Krankenhausreform / Pflegehilfeausbildung ohne Schulabschluss in Hessen / Verpflichtendes Gesellschaftsjahr in der Pflege](https://www.uebergabe.de/pu040/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) --- ### Quellen - [Wahlprogramm CDU Hessen](https://www.cduhessen.de/programm/?ref=uebergabe.de) (cduhessen.de) - [Wahlprogramm Linke Hessen](https://www.uebergabe.de/content/files/images/Downloads/2023-aktuell/LTW/wahlprogramm-ltw2023.pdf) (die-linke-hessen.de) - [Wahlprogramm Grüne Hessen](https://landtagswahl.gruene-hessen.de/wahl-programm/?ref=uebergabe.de) (gruene-hessen.de) - [Wahlprogramm SPD Hessen](https://www.spd-hessen.de/landtagswahlprogramm2023/?ref=uebergabe.de) (spd-hessen.de) - [Wahlprogramm FDP Hessen](https://fdp-hessen.de/programm-zur-landtagswahl-2023/?ref=uebergabe.de) (fdp-hessen.de) - [Wahlprogramm CSU Bayern ](https://www.uebergabe.de/content/files/common/download/beschlussversion%5Fregierungsprogramm%5Ffuereinstarkesundstabilesbayern%5Finbayernlebtessicheinfachbesser-mitdeckblatt.pdf)(Download von CSU.de) - [Wahlprogramm Linke Bayern](https://bayerns-opposition.de/programm/?ref=uebergabe.de) (bayerns-opposition.de) - [Wahlprogramm Grüne Bayern](https://www.gruene-bayern.de/landtagswahl2023/?ref=uebergabe.de) (gruene-bayern.de) - [Wahlprogramm SPD Bayern](https://bayernspd.de/programm/?ref=uebergabe.de) (bayernspd.de) - [Wahlprogramm FDP Bayern ](https://www.fdp-bayern.de/ziele?ref=uebergabe.de)(fdp-bayern.de) - [Wahlprogramm Freie Wähler Bayern](https://www.fw-bayern.de/ltw23/wahlprogramm?ref=uebergabe.de) (fw-bayern.de) - [Wahlprüfsteine des VdPB Bayern](https://www.vdpb-bayern.de/vdpb-wahlpruefsteine-bayern-2023/?ref=uebergabe.de) (vdpb-bayern.de) - [DBfK Südwest](https://www.dbfk.de/de/ueber-uns/region-suedwest/index.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [DBfK Pfleg-o-mat Bayern](https://www.dbfk-pflegomat.de/?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) ### Social Media Nurse (Stefan Schwark) URL: https://www.uebergabe.de/ug121/ Last updated: 2026-06-13T12:31:39.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 02.09.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegende sollten ihre Berufsinhalte in sozialen Medien selbst erzählen. - Ethik, Recht und Datenschutz sind die Basis für sicheres Posten. - Der DBfK-Lehrgang Social Media Nurse startet im Oktober 2023. - Komplexe Pflegethemen brauchen kreative, glaubwürdige Vermittlung. - Vernetzung und Austausch der Berufsgruppe stärken die Sichtbarkeit. Pflege findet überall statt – nur in den sozialen Medien erzählen meistens andere die Geschichte. Genau das will der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) ändern. In dieser Episode spricht Stefan Schwark, Pflegefachperson und Referent für öffentliche Kommunikation beim DBfK Nordwest, über ein Thema, das ihm seit Jahren am Herzen liegt: Wie können beruflich Pflegende ihre Inhalte selbst, glaubwürdig und rechtlich sicher nach außen tragen? Sein Vorschlag heißt Social Media Nurse – und er ist mehr als ein hübscher Begriff. ## Vom Krankenbett über Chapel Hill ins Social-Media-Büro Stefan Schwark ist gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger – und das, betont er, sei die Basis von allem. Nach der Ausbildung folgte ein Studium der Betriebswirtschaft im Gesundheitswesen in Osnabrück, später ein Master in Gesundheitsökonomie in Bayreuth. Ein Auslandssemester führte ihn an die University of North Carolina at Chapel Hill, wo er bereits 2013 erlebte, wie Lehre mit sozialen Medien funktionieren kann: In einer Vorlesung wurde Twitter genutzt, um live abzustimmen und zu diskutieren. Was in den USA damals schon selbstverständlich war, ist in der deutschen Pflege bis heute selten. 2016 stieg er beim DBfK ein, zunächst als Referent für Pflege im Krankenhaus – zuständig für Themen wie Krankenhausfinanzierung, Gesetzgebung und Personalbemessung. Schnell merkte er: Berufspolitik passiert oft in Gremien, hinter verschlossenen Türen, intransparent. Damit sie wirkt, muss sie sichtbar werden. Also eröffnete er noch im selben Jahr einen [eigenen YouTube-Kanal](https://www.youtube.de/dbfknordwest?ref=uebergabe.de) und begann, Interviews zu drehen – etwa über Personalbemessung oder die Rolle der Pflege im Gemeinsamen Bundesausschuss. > *„Es ist schön und gut, dass wir sehr wichtige Sachen in Gremien besprechen – aber es muss halt auch sichtbar sein." — Stefan Schwark* Spätestens mit der Corona-Pandemie wurde Social Media zu seinem Schwerpunkt. Krisenkommunikation, schnelle Information, Aufklärung – Schwark sah darin eine riesige Chance. Eine Erkenntnis, die offenbar nicht nur intern geteilt wurde: Mehrere Preise bestätigten die Arbeit des Verbands in dieser Zeit. ## Warum Pflegende beim Posten besonders aufpassen müssen So groß die Chancen sind – so heikel ist das Terrain. Anders als in vielen anderen Berufen können Pflegende nicht einfach erzählen, was sie heute auf der Arbeit erlebt hat. Patient:innenschutz, Datenschutz, Schweigepflicht und die Loyalität gegenüber Arbeitgeber:innen setzen enge Grenzen. Dazu kommt die Mechanik der Plattformen selbst: Reichweite entsteht oft durch Provokation, Polarisierung und vermeintlichen Humor – und genau da kann es schnell daneben gehen, wenn über sensible Themen oder Patient:innen gesprochen wird. Schon 2015 hat der International Council of Nurses (ICN) dazu ein [Positionspapier zu Pflegenden in sozialen Medien](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/inline-files/e10a%5Fnurses%5Fsocial%5Fmedia.pdf) veröffentlicht. Für Schwark war genau dieses Statement der entscheidende Auslöser, einen eigenen Lehrgang zu entwickeln. Denn darin steht nicht nur, worauf Pflegende achten sollten – sondern auch, dass Berufsverbände einen Bildungsauftrag haben. Da der DBfK in diesem Jahr gleich doppelt Jubiläum feiert (120 Jahre seit der Gründung der Vorgängerorganisation durch Agnes Karll, 50 Jahre unter heutigem Namen), passt das Thema Vernetzung ohnehin in die DNA des Verbands. ## Klischee oder Kompass – wie stellen wir den Beruf dar? Ein zentraler Punkt der Episode ist die Frage, wie Pflege in den sozialen Medien überhaupt erzählt werden sollte. Viele reichweitenstarke Accounts setzen auf Stereotype und Humor. Ist das in Ordnung – oder schadet es dem Beruf? Schwark macht deutlich, dass es kein simples Richtig oder Falsch gibt und Vielfalt erwünscht ist. Aber: Bevor man frei und kreativ wird, braucht es ein Grundgerüst an Wissen. Wer ethische Grundlagen, Arbeitsrecht, Urheberrecht und den Schutz sensibler Daten kennt, kann bewusst entscheiden, wie er oder sie kommuniziert. Im Gespräch wird auch eine grundlegende Haltungsfrage aufgeworfen: Treten Pflegende eher als Kritiker:innen auf, die das System anprangern – oder als Mitgestaltende, die den Beruf so darstellen, dass andere Lust bekommen, ihn zu ergreifen? Wer sich als Teil der Pflege versteht, kann Reichweite nutzen, um den Wert der Arbeit zu zeigen, statt das eigene Image herunterzuwirtschaften. > *„Wir können den Leuten nicht sagen, was sie sagen sollen. Aber wir wollen, dass es ein gewisses Grundgerüst an Wissen gibt, bevor man anfängt, kreativ zu werden." — Stefan Schwark* Parallel zum Lehrgang gründet der DBfK deshalb eine Arbeitsgemeinschaft Social Media in der Pflege. Sie soll genau diesen Austausch ermöglichen: Wie wollen wir uns als Berufsgruppe darstellen? Welche Optionen gibt es? Schwark ist überzeugt, dass die Pflege als Berufsgruppe groß genug ist, um auch komplexe und sogar humorvolle Inhalte zu produzieren – man denke an erfolgreiche Wissensvermittler:innen aus anderen Disziplinen wie den Immunologen Carsten Watzl, den Science Buster Martin Moder oder Eckart von Hirschhausen. Das pflegerische Pendant fehle bislang. Die Frage sei nicht, ob es unmöglich ist, sondern: Wer schafft es – und wie? ## Das ewige Dilemma: Unterhaltung gewinnt, Bildung scrollt vorbei Ein Einwand bleibt nicht aus: Inhalte, die polarisieren oder unterhalten, bekommen die Klicks – fachliche, differenzierte Beiträge erreichen oft nur die ohnehin schon Interessierten. Das deutsche Gesundheitssystem lässt sich eben nicht in einem Zwei-Minuten-Video erklären. Schwark hält dagegen, dass man solche Annahmen nicht als endgültiges Urteil stehen lassen darf. Es kommt auf den Anspruch an: Jede Kommunikation findet in einer Bubble statt – und auch eine kleine Bubble kann enorm wertvoll sein, wenn die richtigen Leute darin sind. Er erinnert an die Diskussionen rund um die Pflegekammern: In Niedersachsen eskalierte die Debatte 2019 vor allem auf Facebook, wo zehntausende Pflegende mobilisiert wurden und Falschinformationen kursierten. Bei der späteren Gründung der Pflegekammer NRW verlief die Kommunikation – überwiegend auf Instagram – deutlich reflektierter und sachlicher. Eine professionelle, vernetzte Community konnte Fake News abwehren. Für Schwark ein Beleg, wie sehr es sich lohnt, dieses Feld nicht dem Zufall zu überlassen. ## Was eine Social Media Nurse konkret leisten soll Der Kerngedanke ist einfach: Eine Social Media Nurse identifiziert gute, erzählenswerte Inhalte aus der pflegerischen Praxis und macht sie gemeinsam mit der Unternehmenskommunikation sendungsreif – oder kommuniziert selbst nach außen. Denn eine klassische PR-Abteilung, die nicht aus der Pflege kommt, versteht oft gar nicht, was in der Pflege erzählenswert ist. Zu oft werden Pflegende nur vor die Kamera „gezerrt", statt mit ihnen zu sprechen. > *„Wo ist meine Einrichtung wirklich gut? Welche schöne Geschichte können wir nach außen tragen? Das schafft niemand außer den Pflegenden selbst." — Stefan Schwark* Die Einsatzfelder sind vielfältig: Vom kleinen ambulanten Pflegedienst ohne eigene Öffentlichkeitsarbeit bis zur großen Uniklinik mit zehnköpfigem Kommunikationsteam, dem aber die pflegerische Perspektive fehlt. Wer authentische Inhalte liefern will, muss nicht zwingend selbst vor der Kamera stehen – auch die Rolle als Content-Vermittler:in ist denkbar. Wichtig ist dabei immer: Die Arbeitgeber:innen müssen an Bord sein. Geschieht das eigenmächtig und ohne Absprache, kann aus einem gut gemeinten Beitrag schnell ein arbeitsrechtlicher Konflikt werden. ## Ein bunter Lehrgang – mit Recht, Ethik und Praxis Der Zertifikatslehrgang umfasst 82 Stunden, verteilt auf elf Module mit acht Präsenztagen und einer Selbstlern- und Praxisprojektphase mit Peer-Review-Anteilen. Inhaltlich reicht das Spektrum von den Grundlagen sozialer Medien über Unternehmenskommunikation und Marketing bis zu Ethik, Arbeits-, Urheber- und Medienrecht. Auch der Umgang mit Hate Speech und Social-Media-Resilienz gehört dazu – ein Thema, das eng mit dem Rechtsbereich verknüpft ist, denn Hassrede ist ab einem gewissen Maß strafbar. Besonders stolz ist Schwark auf die Dozierenden, die bewusst nicht nach Reichweite, sondern nach Themen und Glaubwürdigkeit ausgewählt wurden – viele kommen selbst aus der Pflege. Mit dabei sind unter anderem der Gesundheitskommunikator Marc Raschke, die Corporate Influencerin Janine Fasold, eine ausgebildete Mediengestalterin sowie die Köpfe hinter erfolgreichen Pandemie-Kampagnen und ein Vorsitzender einer Ethikkommission. Eine Rechtsanwältin für Medien- und Urheberrecht ergänzt das Team. Diese Mischung aus pflegerischem Hintergrund und kommunikativem Know-how, sagt Schwark, gebe es so bislang nirgends. Zum Zeitpunkt der Aufnahme startet der erste Durchgang am 26\. Oktober 2023 und endet Ende Februar 2024\. Es gibt 18 Plätze, von denen die meisten bereits vergeben waren, obwohl der Verband kaum Werbung gemacht hatte. Die Gebühr liegt bei 1.490 Euro. Die einzige Voraussetzung: eine abgeschlossene dreijährige Pflegeausbildung oder ein Pflegestudium. Anfragen von Menschen außerhalb der Pflege gab es viele – und genau die werden abgelehnt. Für Schwark ein Beleg, dass der Ansatz richtig ist: Über Pflege sollen Pflegende sprechen. ## Erst probieren, dann perfektionieren International ist dem DBfK kein vergleichbares Angebot bekannt – Deutschland könnte hier also Vorreiter sein. Eine wissenschaftliche Evaluation ist zunächst nicht geplant, denn soziale Medien sind schlicht zu schnelllebig: Eine klassische Studie wäre womöglich überholt, bevor sie fertig ist. Stattdessen setzt der Verband auf qualitatives Feedback von Dozierenden und Teilnehmenden und will den Lehrgang dynamisch weiterentwickeln. Spannend wird auch, welche Dynamiken in den Einrichtungen entstehen, wenn frisch ausgebildete Social Media Nurses auf bestehende Kommunikationsabteilungen treffen. Schwark sieht in dem Lehrgang nicht zuletzt ein exklusives Netzwerk: Soziales Netzwerk heißt eben auch, dass sich die Berufsgruppe untereinander vernetzt, inspiriert und austauscht. Wer mitdenken möchte, ohne sich gleich auf einen ganzen Lehrgang einzulassen, kann sich der Arbeitsgemeinschaft Social Media in der Pflege anschließen. Und wer mehr über das Konzept wissen will, findet alle Infos auf der [Website zur Social Media Nurse](https://www.social-media-nurse.de/?ref=uebergabe.de) sowie auf den Kanälen des Verbands bei [DBfK Nordwest auf Instagram](https://www.instagram.de/dbfknordwest?ref=uebergabe.de) und [auf Facebook](https://www.facebook.com/dbfknordwest). Eines wird im Gespräch klar: Social Media ist alles andere als einfach – aber es ist ein Kommunikationskanal, an dem die Pflege nicht vorbeikommt. Ob daraus eine ganze Generation sichtbarer, selbstbewusster Pflegestimmen entsteht, lässt sich heute noch nicht sagen. Der Anfang aber ist gemacht. ## Zum Weiterhören - [ÜG068 – Pflege in den Medien - Social Media (Franziska Böhler & Ugur Cetinkaya)](https://www.uebergabe.de/ug068/) - [ÜG067 – Pflege in den Medien - Fach- und Massenmedien (Bianca Flachenecker & David Gutensohn)](https://www.uebergabe.de/ug067/) - [ÜG116 – International Council of Nurses (Dr. Karen Bjøro)](https://www.uebergabe.de/ug116/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes Stefan Schwark vom DBfK spricht mit uns über die "Social Media Nurse". Das ist eine Fortbildung für Pflegende, um alle relevanten Aspekte rund um das Thema Social Media zu lernen. Stefan gibt uns tiefe Einblicke in das gesamte Fortbildungsprogramm und warum eine solche Fortbildung überhaupt notwendig ist. Wir sprechen über Sinn und Unsinn in den sozialen Medien, wie Pflege sich präsentiert und welche Chancen sich für die Berufsgruppe ergeben, wenn sie den Umgang in den sozialen Medien lernt. ### Shownotes - [Homepage Social Media Nurse](https://www.social-media-nurse.de/?ref=uebergabe.de) - [Nurses and social media](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/inline-files/e10a%5Fnurses%5Fsocial%5Fmedia.pdf) - [ICN Ethikkodex (2021)](https://www.dbfk.de/media/docs/download/Allgemein/ICN%5FCode-of-Ethics%5FDE%5FWEB.pdf?ref=uebergabe.de) - [DBfK Handreichung „Rechtliche Fragestellungen bei der privaten Verwendung Sozialer Medien durch Pflegende“](https://www.dbfk.de/media/docs/regionalverbaende/rvnw/pdf/Handreichung%5FSocial%5FMedia%5F10%5F2022.pdf?ref=uebergabe.de) ### **DBfK Nordwest auf**: - [DBfK Nordwest (@dbfknordwest) • Instagram photos and videos](https://www.instagram.de/dbfknordwest?ref=uebergabe.de) - [DBfK Nordwest e.V. - German Nurses Association - YouTube](https://www.youtube.de/dbfknordwest?ref=uebergabe.de) - [DBfK Nordwest (@dbfknordwest) / X](https://www.twitter.com/dbfknordwest?ref=uebergabe.de) - [DBfK Nordwest e.V. | Hannover](https://www.facebook.com/dbfknordwest) 💡 **Anmeldung zum Treffen der AG Social Media (10.08.2023, ab 18 Uhr und Folgetermine)* **per E-Mail an nordwest@dbfk.de, Stichwort „AG Social Media“* ### Das Erleben einer maschinellen Beatmung URL: https://www.uebergabe.de/das-erleben-einer-maschinellen-beatmung/ Last updated: 2024-04-16T21:03:09.000Z 🗓️ #11 | 24.08.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Fritz-Banner-2-3.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Unerfüllter Pflegebedarf bei Menschen mit fortgeschrittenem Krebs URL: https://www.uebergabe.de/unerfuellter-pflegebedarf-bei-menschen-mit-fortgeschrittenem-krebs/ Last updated: 2024-03-26T20:59:53.000Z 🗓️ #10 | 10.08.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Florian-Banner-2-11.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Wirkung von Leitfäden zur Dekubitusprävention bei Kindern URL: https://www.uebergabe.de/wirkung-von-leitfaeden-zur-dekubituspraevention-bei-kindern/ Last updated: 2024-03-23T15:53:29.000Z 🗓️ #9| 27.07.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Lydia-Banner-2-1.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Fachkraftquote Langzeitpflege / GMK / CareShare13 URL: https://www.uebergabe.de/pu053/ Last updated: 2026-06-17T19:43:29.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 15.07.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Mecklenburg-Vorpommern streicht die 50-Prozent-Fachkraftquote und löst Kritik der Pflegeverbände aus. - Die Gesundheitsministerkonferenz fordert attraktivere Berufsbilder und einfachere Anerkennung ausländischer Qualifikationen. - Der Think Tank IPAG schlägt mit CareShare 13 ein komplett neu strukturiertes Gesundheitssystem vor. In der letzten Folge vor der Sommerpause blicken wir auf die Personalbemessung in der Langzeitpflege, auf die Beschlüsse der Gesundheitsministerkonferenz und auf einen weitreichenden Reformvorschlag eines Think Tanks. Dazu kommen mehrere Kurzmeldungen. Alle Angaben beziehen sich auf den Stand Mitte Juli 2023. ## Mecklenburg-Vorpommern streicht die Fachkraftquote in der Langzeitpflege Mitte Juni 2023 hat die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern ein Gesetz verabschiedet, das den Personalbedarf in Langzeitpflegeeinrichtungen neu regelt. Dabei wurde die bislang gültige Fachkraftquote von 50 Prozent ersatzlos gestrichen. Statt eines festen Anteils soll sich der Personaleinsatz künftig am tatsächlichen Pflegebedarf der Bewohner:innen orientieren. Aus Sicht des Sozialministeriums liegt darin ein Vorteil: Pflegefachpersonen könnten so auf einer bundeseinheitlichen, wissenschaftlich begründeten Grundlage stärker entsprechend ihrer Fachlichkeit eingesetzt werden. Die Personalbemessung orientiere sich am Pflegebedarf, der mit steigender Pflegebedürftigkeit zunimmt. Das bedeutet konkret: Bei niedrigen Pflegegraden kann der Anteil an Hilfskräften höher liegen. Deutliche Kritik kam unter anderem vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), hier vertreten durch Anja Katharina Peters aus dem Vorstand des DBfK Nordost. Der Tenor: Das Signal gehe in die falsche Richtung. Weil Menschen heute später und mit mehreren Erkrankungen sowie hochkomplexem Pflegebedarf ins Heim kämen, brauche es eher mehr als weniger qualifizierte Pflegefachpersonen. Eine Versorgung, die ganz überwiegend von Hilfs- und angelernten Kräften getragen werde, sei riskant, überfordere die Kolleg:innen und treibe sie aus dem Beruf. Die [Kritik an der Abschaffung der Fachkraftquote](https://www.bibliomed-pflege.de/news/kritik-an-abschaffung-der-fachkraftquote-in-mecklenburg-vorpommern?ref=uebergabe.de) macht zugleich deutlich, dass körperbezogene Pflegehandlungen aus fachlicher Sicht eben nicht beliebig delegierbar sind. ### Vom Rothgang-Gutachten zur bundeseinheitlichen Personalobergrenze Um die Diskussion einzuordnen, lohnt ein Rückblick. Die Langzeitpflege wartet seit Jahren auf ein geeignetes Instrument zur Personalbemessung. 2017 legte das Zweite Pflegestärkungsgesetz den Grundstein für einen neuen Anlauf. Den Auftrag erhielt das SOCIUM-Forschungsinstitut der Universität Bremen unter Leitung des Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang. Der Abschlussbericht (PeBeM) aus dem August 2020 ermittelte einen rund 36 Prozent höheren Personalbedarf in den stationären Einrichtungen – und vor allem einen veränderten Personalmix. Im Durchschnitt empfahl das Gutachten rund 38 Prozent Pflegefachpersonen, 32 Prozent Pflegehilfskräfte mit ein- oder zweijähriger Ausbildung und etwa 30 Prozent Assistenzpersonal. Der reine Mehrbedarf an Pflegefachpersonen wurde mit lediglich 3,5 Prozent beziffert, weil Fachpersonen wegen der starren Quote häufig Aufgaben übernähmen, für die sie überqualifiziert seien. Insgesamt rechneten die Wissenschaftler:innen mit rund 115.000 zusätzlichen Stellen über alle drei Berufsgruppen hinweg. Darauf folgten mehrere Umsetzungsschritte: Mit dem Gesundheitsversorgungs- und Pflegeverbesserungsgesetz (GPVG, in Kraft seit Januar 2021) sollten 20.000 neue Hilfskraftstellen finanziert werden. Das Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG) definierte erstmals in Paragraf 113c SGB XI bundeseinheitliche Personalobergrenzen nach Pflegegraden und drei Qualifikationsniveaus und sollte ab Juli 2023 rund 25.000 weitere Stellen schaffen. Der dritte Schritt – eine Evaluationsstudie des GKV-Spitzenverbands zur Umsetzung des Personalbemessungsinstruments in Modellprojekten – war zum Zeitpunkt der Folge noch nicht abgeschlossen; erste Ergebnisse wurden für 2025 erwartet. Für die Praxis ist entscheidend: Erstmals gibt es bundesweit eine Personalobergrenze – anders als im Krankenhaus, wo Mindestvorgaben gelten. Die Bundesländer müssen diese Vorgaben nun umsetzen, was bislang über Landesrahmenverträge geregelt war. Offen blieb damals, ob daraus eine einheitliche Linie entsteht oder weiterhin ein Flickenteppich unterschiedlicher Landesregelungen – wie man es etwa von den vielen verschiedenen Pflegeassistenzausbildungen kennt. ## Gesundheitsministerkonferenz: Beschlüsse zur Attraktivität des Pflegeberufs Am 5\. und 6\. Juli 2023 kam die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) der Länder zusammen. Für die Pflege ging es vor allem darum, den Beruf attraktiver zu machen. So sollen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine langjährige Berufstätigkeit ermöglichen, und es soll wirksame Anreize für Aus- und Wiedereinsteiger:innen geben. Ein Schwerpunkt lag auf der Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen: Sie soll rechtlich vereinfacht und durch einheitliche Standards bei den vorzulegenden Unterlagen erleichtert werden. Zugleich fordert die GMK den Bund auf, im Rahmen seiner Gesetzgebungskompetenz moderne und attraktive Berufsbilder zu fördern – gegebenenfalls mit erweiterten Kompetenzen, wie sie etwa beim Community Health Nursing diskutiert werden. Auch Dokumentationspflichten und die Pflegepersonaluntergrenzen sollen überprüft werden, um einen bedarfsgerechten Skillmix zu ermöglichen. Die [Beschlüsse der Gesundheitsministerkonferenz](https://www.gmkonline.de/Beschluesse.html?id=1407&jahr=2023&ref=uebergabe.de) sind im Detail nachzulesen. ### Eckpunkte zur Krankenhausreform Am 10\. Juli 2023 einigten sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und die Länder auf Eckpunkte zur Krankenhausreform – 14 von 16 Ländern stimmten zu, Schleswig-Holstein enthielt sich, Bayern stimmte dagegen. Geplant war, das Vergütungssystem der Fallpauschalen zu verändern: Kliniken sollen sogenannte Vorhaltebudgets erhalten, also Mittel für das Bereithalten von Personal, Technik und Leistungsangeboten. Dazu sollten Leistungsgruppen genauer definiert und mit einheitlichen Qualitätsvorgaben versehen werden, die Bund und Länder erst noch gemeinsam erarbeiten mussten. Bis dahin war vorgesehen, die Vorhalteanteile auf 60 Prozent der DRG-Vergütung festzulegen. Eine Bund-Länder-Gruppe sollte über den Sommer einen Gesetzentwurf erarbeiten; das Inkrafttreten war für Anfang 2024 geplant, mit schrittweiser Umsetzung. Eine Einordnung lieferte damals auch die [Berichterstattung zur Krankenhausreform](https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/krankenhausreform-110.html?ref=uebergabe.de). ## CareShare 13: Ein Think Tank entwirft ein neues Gesundheitssystem CareShare 13 ist ein Vorschlag des Instituts für Pflege, Altern und Gesundheit (IPAG), eines eingetragenen Vereins, der sich selbst als Think Tank für eine menschenzentrierte und hochwertige Versorgung versteht. Der Name spielt darauf an, dass es in Deutschland bislang kein dreizehntes Sozialgesetzbuch gibt – diese Lücke will das Konzept füllen. Auf 53 Seiten Positionspapier wird CareShare 13 als Architektur für ein zeitgemäßes Gesundheitssystem beschrieben. Das IPAG benennt vier Hauptprobleme: erstens eine starke Ärzt:innenzentrierung, die interprofessionelle Zusammenarbeit erschwere, weil andere Gesundheitsberufe im System kaum abgebildet seien. Zweitens fehlende regionale Governance-Strukturen, die Versorgungsbedarfe sozialraumbezogen planen und sicherstellen könnten. Drittens die Pflegeversicherung (SGB XI), die nach Auffassung der Autor:innen eine Deprofessionalisierung der Pflege auslöse, sie unterfinanziere und pflegende Angehörige – meist Frauen – systematisch in Überforderung treibe. Viertens die Dualität aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung, die eine solidarische Finanzierung verhindere. Als Konsequenz schlägt das IPAG vor, ein neues Sozialgesetzbuch XIII zu schaffen, das die berufliche Pflege umfasst, die bisherige Pflegeversicherung im SGB XI abzuschaffen und das SGB V zu entkernen. Konkret stehen drei Bausteine im Raum: regionale CareShare-Verbünde als Steuerungsebene der Versorgung, die Arbeit in medizinisch-pflegerischen Tandems ohne ärztlichen Vorbehalt für pflegerische Tätigkeiten sowie eine solidarisch und gemeinwohlorientiert ausgerichtete Mischfinanzierung aus Beiträgen, Steuermitteln und Selbstbeteiligungsmodellen. Beteiligt sind bekannte Stimmen aus dem pflegerischen Feld, darunter Martina Hasseler, Sabine Brase und Annemarie Fajardo sowie weitere Personen aus Wissenschaft, Praxis und Management. Wichtig zur Einordnung: Es handelt sich um den Entwurf eines Think Tanks – politische Bestrebungen in diese Richtung lagen zum Zeitpunkt der Folge nicht vor. ## Kurznachrichten **Neues Ersteinschätzungsverfahren in Notaufnahmen:** Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat eine Richtlinie beschlossen, nach der ab Juni 2024 eingeschätzt werden soll, ob Patient:innen innerhalb von 24 Stunden ambulant im Krankenhaus oder in einer KV-Notdienstpraxis versorgt oder stationär aufgenommen werden müssen. Ist keine Versorgung innerhalb von 24 Stunden nötig, sollen Betroffene per Code einen Termin in einer Vertragspraxis erhalten. Die [vom G-BA verabschiedete Richtlinie zur Ersteinschätzung](https://www.bibliomedmanager.de/news/g-ba-verabschiedet-umstrittene-richtlinie-zur-ersteinschaetzung?ref=uebergabe.de) stieß auf geteiltes Echo: Während Vertreter:innen der Krankenhausärzt:innen die Sorge äußerten, Notaufnahmen würden zu einer Terminservicestelle für Termine, die es nicht gebe, sah der G-BA-Vorsitzende darin eine praktische Übergangslösung bis zu den Strukturveränderungen der Krankenhausreform. **ICN-Kongress in Montreal:** Vom 1\. bis 5\. Juli 2023 tagte der International Council of Nurses (ICN) in Kanada. Thema war der weltweite Mangel an Pflegefachpersonen – Schätzungen zufolge fehlen bis zu sechs Millionen. Gewarnt wurde davor, freie Stellen mit schlechter qualifiziertem Assistenzpersonal aufzufüllen – ein Trend, der auch in Deutschland sichtbar ist. WHO und ICN kündigten für 2025 einen zweiten Bericht zur Lage der Pflegefachpersonen an. **Habilitation von Peter Nydahl:** Der Pflegewissenschaftler aus Schleswig-Holstein, seit Jahren im intensivpflegerischen Bereich aktiv, hat seine Habilitation erlangt. Inhaltlich beschäftigte er sich mit der Frührehabilitation auf der Intensivstation und kündigte an, sich weiter für die Professionalisierung der Pflege einzusetzen. **Haushaltsentwurf 2024:** Der damalige Finanzminister legte den Haushaltsentwurf vor, in dem alle Ressorts wegen der Schuldenbremse sparen sollten. Pflegekassen und Gewerkschaften kritisierten insbesondere den geplanten Wegfall des Bundeszuschusses für die Pflegeversicherung in Höhe von rund einer Milliarde Euro – der Deutsche Gewerkschaftsbund bezeichnete die Pläne als dumm und zynisch gegenüber Pflegebedürftigen wie Pflegefachpersonen. ## Zum Weiterhören - [ÜG183 – Personalbemessung in der Pflege (Martin Pohlmann & Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug183/) - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) --- ### Quellen - [Kritik: Abschaffung der Fachkraftquote in MV](https://www.bibliomed-pflege.de/news/kritik-an-abschaffung-der-fachkraftquote-in-mecklenburg-vorpommern?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Beschlüsse der GMK](https://www.gmkonline.de/Beschluesse.html?id=1407&jahr=2023&ref=uebergabe.de) (gmkonline.de) - [Update: Krankenhausreform ](https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/krankenhausreform-110.html?ref=uebergabe.de)(tagesschau.de) - [CareShare13-Systemarchitektur](https://www.i-pag.de/care-share-13/?ref=uebergabe.de) (ipag.de) - [Ersteinschätzungsinstrument](https://www.bibliomedmanager.de/news/g-ba-verabschiedet-umstrittene-richtlinie-zur-ersteinschaetzung?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Kürzung von Pflegeleistungen im Haushaltsentwurf?](https://www.deutschlandfunk.de/bundeszuschuss-zur-pflege-soll-wegfallen-100.htm?ref=uebergabe.de) (deutschlandfunk.de) ### Zwangsmaßnahmen und Macht in der Psychiatrie aus der Sicht von ehemaligen Patient:innen URL: https://www.uebergabe.de/zwangsmassnahmen-und-macht-in-der-psychiatrie-aus-der-sicht-von-ehemaligen-patientinnen/ Last updated: 2024-03-23T13:53:28.000Z 🗓️ #8| 13.07.2023 ### zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Fritz-Banner-2-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Pflege in Österreich (Elisabeth Potzmann & Monika Völk) URL: https://www.uebergabe.de/ug120/ Last updated: 2026-06-13T12:31:37.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 08.07.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Österreich akademisierte die Pflege ab 2008 – heute wird die Reform wieder evaluiert. - Eine neue Pflegelehre ab 15 Jahren sorgt für Sorge vor Deprofessionalisierung. - Masterstudiengänge laufen fast nur über teure Privatunis – Stellen fehlen. - Der ÖGKV vertritt als Berufsverband exklusiv die Interessen der Pflege. - Nicht neue Berufsfelder, schlechte Rahmenbedingungen treiben Pflegende aus dem Beruf. Wenn von „Ausland" die Rede ist, denkt man selten an ein Land, in dem man dieselbe Sprache spricht – und sich trotzdem regelmäßig missversteht. Genau das macht den Blick nach Österreich so spannend. In dieser Episode des Übergabe-Podcasts sprechen Christian Köbke und Lukas mit Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands, und Monika Völk, stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Junge Pflege. Es geht um Akademisierung, Berufspolitik und die Frage, wohin sich die Pflege im Nachbarland bewegt. Spoiler: Vieles kommt dir bekannt vor – manches verläuft aber überraschend anders. ## Heuer, Madura und SNOMED: Wenn dieselbe Sprache trennt Bevor es inhaltlich losging, sorgte schon ein kleines Wort für Verwirrung: „heuer" – also „dieses Jahr". Was in Bayern und Österreich selbstverständlich ist, lässt norddeutsche Hörer:innen kurz stolpern. Genau dieses Sprachthema zieht sich durch die ganze Folge. Elisabeth Potzmann erzählt, dass im deutschsprachigen Raum gerade gemeinsam an einer Übersetzung der Klassifikation SNOMED CT gearbeitet wird – inklusive einer einheitlichen Pflegeklassifikation. Was simpel klingt, kostet viele Sitzungen: Deutschland, Österreich und die Schweiz müssen sich erst darauf einigen, welcher Begriff in allen drei Ländern dasselbe bedeutet. Ein gutes Bild dafür, wie nah und gleichzeitig eigen die drei Pflegesysteme sind. ## Ein Verband, der nur für die Pflege spricht Der [Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband](https://oegkv.at/?ref=uebergabe.de) – kurz ÖGKV – ist das österreichische Pendant zum deutschen DBfK: ein freiwilliger Berufsverband ohne Pflichtmitgliedschaft. Gegründet wurde er 1933, allerdings nicht von Agnes Karll, sondern von Hedwig Birkner. Nach der Auflösung 1938 erfolgte 1948 die Neugründung. Heute übernimmt der Verband die Weiterentwicklung des Berufs, vertritt Interessen, bietet Beratung, eine Berufsrechtsversicherung und Fortbildung – unter anderem über [eigene Pflegefortbildungspunkte](https://oegkv.at/pflegeberuf/oegkv-pflegefortbildungspunkte/?ref=uebergabe.de) und eine Akademie in Graz. Anders als in Deutschland gibt es in Österreich keine Pflegekammer und auch keine Bewegung in diese Richtung. Stattdessen sind alle Angestellten automatisch Pflichtmitglied in der [Arbeiterkammer](https://www.arbeiterkammer.at/index.html?ref=uebergabe.de), die jedoch alle Berufsgruppen vertritt und stets auf Interessenausgleich achten muss. Wer ausschließlich die Interessen der Pflege vertreten haben möchte, landet beim ÖGKV – der genau diesen Anspruch hat. Eine Besonderheit: Freiberuflich tätige Pflegende haben in Österreich gar keine andere Standesvertretung und werden exklusiv vom Verband repräsentiert. Spannend ist auch, dass das seit 2018 bestehende [Gesundheitsberuferegister](https://www.gesundheit.gv.at/gesundheitsleistungen/gesundheitsberuferegister.html?ref=uebergabe.de), in das man sich für die Berufsausübung eintragen lassen muss, von der Arbeiterkammer geführt wird. > *„In Österreich wird Pflege verhandelt über Betriebswirte, über Juristen, über Mediziner, aber ganz wenig über die Pflege selbst." — Elisabeth Potzmann* ## Vom Diplom zum Studium: ein langer, hart erkämpfter Weg Um die Akademisierung zu verstehen, lohnt der Blick zurück. 1997 bekam die Pflege in Österreich erstmals ein eigenes Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) – vorher war sie meist im Ärztegesetz „mitgemeint". Damit wurden Kompetenzen erstmals schriftlich festgehalten. Zehn Jahre später, 2007, folgte das FH-Studiengesetz, das die Erstausbildung an Fachhochschulen ermöglichte. 2008 startete der FH Campus Wien mit dem ersten sechssemestrigen Studium, das mit dem Bakkalaureat abschließt. Seitdem existiert in Österreich eine Parallelität, die es bis heute gibt: die alte dreijährige Fachausbildung (Diplom) ohne Matura – also ohne Hochschulzugangsberechtigung – und das Studium. Während sich andere Länder mit Stichtag von der alten Ausbildung verabschiedeten, entschied man sich in Österreich für eine Beobachtungsphase bis 2023\. Genau hier liegt der Knackpunkt. Was diesen Schritt überhaupt möglich machte, war vor allem gute Lobbyarbeit. Vorgeprescht waren zunächst die Hebammen (2005) und die medizinisch-technischen Berufe, die ihre Ausbildung an die Fachhochschulen verlegten. Damit war der logische nächste Schritt, dass auch die Pflege folgte – inhaltlich kamen dabei vor allem qualitative und quantitative Forschung, Pflegewissenschaft und wissenschaftliches Arbeiten hinzu. ## Warum eine alte Diskussion neu entbrennt Eigentlich, so Potzmann, konsolidiert sich eine solche Reform nach rund zehn Jahren – dann ist sie Norm und niemand spricht mehr darüber. In Österreich war das fast erreicht. Doch mit der Evaluierung 2023 wurde die Diskussion künstlich auf den Stand von 2008 zurückgedreht: Brauchen wir die Akademisierung überhaupt? Eine Evaluierungskommission sollte bis Jahresende entscheiden, ob die grundständige Fachausbildung ohne Matura abgeschafft oder beibehalten wird. Dass diese Debatte erneut geführt wird, hält Potzmann rückblickend für eine schlechte Entscheidung – die Parallelität habe der Profession nicht gutgetan. Besonders ärgerlich aus Verbandssicht: Manche politische Kräfte machen die Akademisierung für den Personalmangel verantwortlich – ohne jede Evidenz. Ein Argument, das auch deutsche Hörer:innen kennen dürften. Diese Spannung zwischen Professionalisierung und dem Ruf nach „mehr Köpfen schneller" zieht sich durch die gesamte Episode. ## Pflegelehre ab 15: ein Schritt zurück? Während die Akademisierung diskutiert wird, ist gleichzeitig eine neue Pflegelehre beschlossen worden, bei der Jugendliche bereits mit 15 Jahren in die Ausbildung einsteigen. Für den ÖGKV ist das ein klarer Rückschritt. Denn am Patienten arbeiten darf man per Gesetz ohnehin erst ab 17 Jahren. Eine einjährige Ausbildung zur Pflegeassistenz wird über die Lehre also auf drei Jahre gestreckt, die zweijährige Pflegefachassistenz sogar auf vier – obwohl es diese qualifizierten Wege bereits gibt, voll- wie berufsbegleitend. Potzmann zieht eine historische Linie: Schon in den 1920er-Jahren dauerte die Ausbildung in Österreich drei Jahre, das Zugangsalter lag bei 20\. In den 1940er-Jahren – ebenfalls in einer Mangelsituation – wurde verkürzt und das Einstiegsalter gesenkt. 2023 wiederhole sich dieses Muster. Ihre Sorge: 15-Jährige stecken mitten in der Persönlichkeitsentwicklung, ihnen fehlt die nötige Resilienz für ein anspruchsvolles Berufsfeld – und es fehlt schlicht das Personal, um sie pädagogisch angemessen zu begleiten. Auch Monika Völk bestätigt, wie wichtig gerade in jungen Jahren Reflexion und Entlastungsgespräche wären. > *„Wir pflegen ja keine Betten, wir pflegen Menschen. Also die Besten zu den Menschen." — Elisabeth Potzmann* ## Praxisanleitung: das große Nadelöhr Ein Thema, das Monika Völk aus eigener Erfahrung schildert, dürfte vielen Auszubildenden und Studierenden bekannt vorkommen: In Österreich fehlt es an Praxisanleiter:innen – und zwar für alle Ausbildungswege. Im Studium absolviert man rund 2.300 Praxisstunden, oft jedoch unbegleitet. Reflexionsmöglichkeiten und Nachbesprechungen bleiben dabei häufig auf der Strecke. Gleichzeitig werden ständig neue Ausbildungs- und Praktikumsplätze geschaffen, ohne dass parallel die Anleitungskapazitäten mitwachsen. Genau hier liegt für Völk ein Widerspruch: Der praktische Teil ist der Ort, an dem aus Wissen Können wird – und an dem man herausfindet, ob der Beruf zu einem passt. Wer dort allein gelassen wird, kann diese Qualität kaum entwickeln. Erfreulich ist immerhin, dass das Interesse an der Pflege in Österreich vergleichsweise stabil ist: Die Fachhochschulen sind voll, und gerade in die Assistenzberufe zieht es zunehmend Quereinsteiger:innen. Das System ist durchlässig – wer in der Pflegeassistenz beginnt, kann sich bis ins Studium hocharbeiten, sogar ohne Matura. ## Masterstudium nur gegen Bares Besonders ernüchternd ist die Situation bei den weiterführenden Studiengängen. Während das Bakkalaureat staatlich finanziert ist – inzwischen sogar mit einem Stipendium von mindestens 600 Euro – laufen berufsqualifizierende Masterstudiengänge in Österreich fast ausschließlich über Privatuniversitäten. Sprich: Wer sich spezialisieren will, etwa in der Palliativpflege oder als Advanced Practice Nurse, zahlt in der Regel aus eigener Tasche. Eine staatliche Spezialisierungsverordnung, die solche Qualifizierungen verpflichtend auf Masterebene anheben würde, lässt seit 2016 auf sich warten. Potzmann formuliert es deutlich: Die hohe Bildungsaffinität der Pflegenden werde teilweise vom System ausgenutzt. Viele finanzieren ihre Weiterbildung selbst – und mancher Arbeitgeber schöpft das Wissen ab, ohne es zu honorieren. Hier zeigt sich ein interessanter Kontrast zu Deutschland, wo Pflegewissenschaft und Studiengänge wie Community Health Nursing zunehmend auch an staatlichen Hochschulen kostenfrei studiert werden können. ## Wo bleiben die Stellen für akademisierte Pflegende? Eng damit verknüpft ist die Frage nach den Berufsperspektiven. Monika Völk sieht den Arbeitsmarkt für Masterabsolvent:innen bislang als „übersichtlich" – viele gehen den Weg in die Selbstständigkeit, etwa im Wundmanagement oder in der Demenzberatung. Große Arbeitgeber sähen den Bedarf an spezialisierten Pflegepersonen oft nicht oder stellten die Möglichkeiten nicht bereit. Ein Teufelskreis: Solange Weiterbildung teuer bleibt und nicht honoriert wird, macht sie kaum jemand – und solange kaum jemand sie macht, entsteht kein Druck, Stellen zu schaffen. Potzmann relativiert das Bild etwas: Es gebe durchaus Arbeitgeber, die den Wert erkennen, APN-Stellen schaffen und besser bezahlen – und die in der Personalausstattung oft besser dastehen. Allerdings müssten akademisch Pflegende ihr Berufsfeld vielfach noch selbst argumentieren, statt sich auf ausgeschriebene Stellen zu bewerben. Wichtig ist beiden, dass Akademisierung nicht automatisch „weg vom Bett" bedeutet: Gefragt sind auch horizontale Fachkarrieren – die Besten sollen bei den Menschen bleiben. ## Der Elfenbeinturm und das andere Ende Ein eindrückliches Bild liefert Potzmann zum Schluss: In Österreich drifte die Pflege auseinander. Während sich am oberen Ende ein „Elfenbeinturm" hochqualifizierter, forschender Pflegepersonen bilde, werde die Lage am anderen Ende – in der mobilen und häuslichen Pflege – immer schlechter. Eigentlich, so die Berufssoziologie, müsste sich mit der Professionalisierung die Situation für den gesamten Berufsstand verbessern. In der Pflege geschieht genau das nicht. Was fehlt, ist eine abgestufte Versorgung: Primärversorgungseinheiten, nurse-led clinics und neue Berufsfelder wie Community Nurses oder School Nurses, die Menschen dort erreichen, wo die eigentlichen Bedarfe liegen. Beide warnen davor, neue Berufsfelder als „Personalfresser" abzustempeln. Pflegende seien keine Verfügungsmasse, die man dorthin schiebt, wo gerade Not herrscht. Die jüngere Generation lasse sich das – zu Recht – nicht mehr gefallen. > *„Nicht die neuen Berufsfelder ziehen die Leute ab, die schlechten Rahmenbedingungen in den Krankenhäusern und in den Einrichtungen ziehen die Leute ab." — Elisabeth Potzmann* ## Selbstbewusst in die Zukunft Trotz aller Baustellen blickt Monika Völk optimistisch nach vorn. Pflege werde oft auf das Bild „alte Leute pflegen" reduziert – dabei sei der Beruf weit vielfältiger. Genau diese Vielfalt sichtbar zu machen, sei eine zentrale Aufgabe. Ihr Appell richtet sich aber auch an die Berufsgruppe selbst: Statt zu jammern, müsse die Pflege klar artikulieren, was sie braucht, und gegenüber Entscheidungsträger:innen dafür einstehen. > *„Es wird oft sehr viel gut wienerisch gesudert, gejammert, genörgelt, aber nichts gemacht. Da müssen wir uns ändern und auch wirklich den Entscheidungsträgern aufzeigen, was wir brauchen." — Monika Völk* Am Ende bleibt eine wohltuende Erkenntnis: Der Blick ins Nachbarland relativiert das oft gehörte Gejammer über die eigene Lage. Die Pflege im deutschsprachigen Raum kämpft mit erstaunlich ähnlichen Themen – Akademisierung, Personalmangel, fehlende Versorgungsstrukturen. Und gerade deshalb lohnt der grenzüberschreitende Austausch, etwa im Dachverband, in der [European Federation of Nurses Associations](https://efn.eu/?ref=uebergabe.de) oder beim internationalen Kongress des International Council of Nurses. Denn voneinander lernen lässt sich am besten dort, wo man dieselbe Sprache spricht – auch wenn man manchmal über ein „heuer" stolpert. ## Zum Weiterhören - [ÜG185 – DACH-Austausch in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug185/) - [ÜG176 – School Nursing in Wien](https://www.uebergabe.de/ug176/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes Wir sprechen in dieser neuen Folge über den Stand der Pflege in Österreich. Unsere Gästinnen sind Elisabeth Potzmann und Monika Völk vom ÖGKV (Österreichischer Gesundheits- und Krankenpflegeverband). Wir sprechen über die Assistenzausbildung, die Rolle des ÖGKV, die Akademisierung und bekommen einen tollen Einblick in die Pflegelandschaft in Österreich. ### Shownotes - [ÖGKV](https://oegkv.at/?ref=uebergabe.de) - [Junge Pflege | ÖGKV](https://oegkv.at/berufsverband/bundesarbeitsgemeinschaften/junge-pflege/?ref=uebergabe.de) - [Gesundheits- und Krankenpflegegesetz, Fassung vom 07.07.2023](https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10011026&ref=uebergabe.de) - [Bachelor (oder Bakkalaureat) | Studium.at](https://www.studium.at/studieren/bachelor-bakkalaureat?ref=uebergabe.de) - [Bundesrecht konsolidiert: Gesamte Rechtsvorschrift für Fachhochschulgesetz, Fassung vom 07.07.2023](https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10009895&ref=uebergabe.de) - [Arbeiterkammer](https://www.arbeiterkammer.at/index.html?ref=uebergabe.de) - [Gesundheitsberuferegister | Gesundheitsportal](https://www.gesundheit.gv.at/gesundheitsleistungen/gesundheitsberuferegister.html?ref=uebergabe.de) - [European Federation of Nurses Associations](https://efn.eu/?ref=uebergabe.de) - [ÖGKV Pflegefortbildungspunkte](https://oegkv.at/pflegeberuf/oegkv-pflegefortbildungspunkte/?ref=uebergabe.de) ### Referentenentwurf GVSG / Expert*innenpapier Notfallpflege URL: https://www.uebergabe.de/pu052/ Last updated: 2026-06-13T22:08:15.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 01.07.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der GVSG-Referentenentwurf stärkt die Pflege im G-BA, aber ohne Stimmrecht. - Ein DPR-Papier fordert klare Mindestbesetzungen für zentrale Notaufnahmen. - Kurznews zu Bremen, Leiharbeit in NRW, der Kammer in BaWü und der Krankenhausreform. In Folge 52 des PflegeUpdates ging es um zwei größere Gesetzes- und Fachthemen sowie um mehrere Kurznachrichten. Wir fassen für dich zusammen, was im Sommer 2023 auf der pflegepolitischen Agenda stand – und ordnen ein, warum die Punkte für Pflegefachpersonen relevant sind. Hinweis: Alle Angaben zu Entwürfen, Plänen und Zahlen beziehen sich auf den damaligen Stand zur Veröffentlichung der Folge am 1\. Juli 2023. ## GVSG: Mehr Mitsprache für die Pflege im G-BA – aber weiterhin ohne Stimmrecht Zum Zeitpunkt der Folge lag der Redaktion der Referentenentwurf des Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetzes (GVSG) vor, auch als Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsversorgung in der Kommune bezeichnet. Es handelte sich um ein Vorhaben aus dem Haus von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, das damals noch nicht öffentlich war. Für die Pflege am bedeutsamsten waren die geplanten Änderungen im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Die Beteiligung der Pflegeverbände sollte gestärkt werden: Der Entwurf sah ein Antrags- und Mitberatungsrecht vor, das durch zwei Vertreter:innen wahrgenommen werden konnte – speziell für Richtlinien und Beschlüsse im Rahmen der Qualitätssicherung. Darüber hinaus sollten die Berufsorganisationen bei weiteren pflegerelevanten Themen mitberaten dürfen. Wichtig dabei: Ein Stimmrecht war dem Entwurf weiterhin nicht zu entnehmen. Geplant war außerdem, dass die Pflege bei der Bestellung von Sachverständigen und bei der Einrichtung von Arbeitsgruppen zu pflegerelevanten Themen ihr Einvernehmen erteilen muss – und dass die Berufsorganisationen für die erweiterten Beteiligungsrechte finanziell unterstützt werden. Eine ausführliche Einordnung zu den damals geplanten [Mitentscheidungsrechten der Pflege im G-BA](https://www.bibliomed-pflege.de/news/48196-umfassende-mitentscheidungsrechte-der-pflege-im-g-ba-ergaenzen?ref=uebergabe.de) ist nachzulesen. Der zweite große Baustein des Entwurfs waren die Gesundheitskioske, die Lauterbach bereits 2022 angekündigt hatte. Sie sollten die Versorgung vor Ort verbessern und die Schwelle zur Gesundheitsversorgung gerade für sozial benachteiligte Gruppen senken. Pro Kiosk rechnete der Entwurf mit rund 400.000 Euro Betriebskosten – getragen zu 74,5 Prozent von den gesetzlichen und zu 5,5 Prozent von den privaten Krankenversicherungen, die übrigen 20 Prozent von den Kommunen. Zu den Aufgaben sollten Beratung, die Koordination von Gesundheitsleistungen sowie einfache medizinische Routineaufgaben gehören; die Leitung sollte bei Pflegefachpersonen liegen. Ein potenzielles Arbeitsfeld also auch für Community Health Nurses. Ergänzend waren sogenannte Primärversorgungszentren vorgesehen, die vor allem ländliche Gebiete abdecken sollten – im Entwurf damals noch nicht näher ausgestaltet. ## DPR-Papier zur Personalbesetzung in zentralen Notaufnahmen Das zweite Schwerpunktthema war ein Expert:innenpapier des Deutschen Pflegerats (DPR) zur Personalbesetzung in zentralen Notaufnahmen, veröffentlicht am 23\. Juni 2023\. Hintergrund ist, dass Notaufnahmen in Deutschland bei Personalmenge und Qualifikation sehr unterschiedlich aufgestellt sind. Durch die Etablierung zentraler Notaufnahmen über einen G-BA-Beschluss und durch die Professionalisierung der Notfallpflege als zweijährige Fachweiterbildung ist zwar ein Wandel erkennbar – doch für den Bereich der Erwachsenen-Notfallpflege fehlt bislang ein valides Messinstrument zur Ermittlung des Personalbedarfs, wie es im stationären Bereich mit der PPR 2.0 ansatzweise existiert. Das vollständige [Expert:innenpapier zur Notfallpflege](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2023/06/2023%5F06%5F23%5Fexpert%5Finnenpapier%5Fnotfallpflege.pdf) kannst du nachlesen. Das Papier geht deutlich über die im [G-BA-Beschluss zu den Notaufnahmestrukturen](https://www.uebergabe.de/content/files/downloads/62-492-2340/not-kra-r%5F2020-11-20%5Fik-2020-11-01.pdf) verankerten Mindestvorgaben hinaus. Der DPR fordert rund um die Uhr mindestens zwei Pflegefachpersonen vor Ort – unabhängig von der Größe der Notaufnahme –, von denen mindestens eine die Fachweiterbildung Notfallpflege abgeschlossen haben sollte. Alleinige Nachtdienste sollen damit der Vergangenheit angehören. Für die Ersteinschätzung soll eine dreijährig ausgebildete Pflegefachperson zuständig sein, idealerweise ebenfalls mit Fachweiterbildung, und im Stellenplan gesondert ausgewiesen werden. Hinzu kommen administrative Stellen auf dem Qualifikationsniveau medizinischer Fachangestellter, deren Zahl sich nach dem Versorgungslevel richtet (vier Stellen bei der Basisnotfallversorgung, fünf bei der erweiterten, sechs bei der umfassenden Versorgung). Einjährig ausgebildete Pflegehilfspersonen sollen unterstützen – mit der klaren Maßgabe, dass die Einschätzung des individuellen Pflegebedarfs ausschließlich Pflegefachpersonen vorbehalten ist. Gerade bei zunehmend hochaltrigen, multimorbiden Patient:innen und längeren Verweildauern gewinnt diese Einschätzung an Bedeutung. Auf der Management-Ebene fordert der DPR eine freigestellte hauptamtliche Leitung – je nach Größe auch eine freigestellte Stellvertretung – sowie freigestellte Praxisanleiter:innen mit Notfallpflege-Qualifikation. Pro Teilnehmer:in der Fachweiterbildung sollen 50 Prozent Stellenanteil zusätzlich eingeplant werden, um Ausfallzeiten durch Unterrichtsblöcke und externe Einsätze zu kompensieren. Für die Aufnahmestation (Decision Unit oder Holding), auf der die Weiterbehandlung koordiniert wird, orientiert sich das Papier an den Empfehlungen für IMC-Stationen: eine Pflegefachperson für maximal vier Patient:innen. Müssen intensivpflichtige Patient:innen kurzzeitig versorgt werden, werden klare Schlüssel genannt – von einer 1:1-Betreuung bei einer ECMO-Neuanlage über 1:2 bei mehr als zwei Organersatzverfahren bis hin zu 1:4 bei einem Verfahren. Spannend ist die Frage der Konsequenzen, wenn diese Grenzen nicht eingehalten werden. Geldstrafen hält der DPR für unzureichend, da sie Versorgungsmängel erst im Nachhinein adressieren. Stattdessen sollen Kapazitäten eingeschränkt werden – also Betten gesperrt –, sobald die Vorgaben nicht mehr gewährleistet sind, wobei die Erstversorgung jederzeit sichergestellt bleiben muss. Grundlegend kritisiert das Papier, dass aktuelle Daten und valide Messinstrumente fehlen: Der bislang verwendete Schlüssel basiert auf einer Erhebung von 2010/2011 und bildet die heutige Komplexität nicht mehr ab. Der DPR fordert deshalb ein eigenständiges, aus Bundesmitteln finanziertes pflegerisches Institut zur Personalbedarfsbemessung, das über Legislaturperioden hinweg unabhängig arbeiten kann. ## Kurznachrichten: Bremen, Leiharbeit, Pflegekammer BaWü und Krankenhausreform ### Koalitionsvertrag in Bremen In Bremen einigten sich SPD, Grüne und Die Linke auf einen Koalitionsvertrag für die kommende Legislaturperiode und setzten damit ihr Bündnis fort. In Gesundheit und Pflege standen die Umsetzung der Krankenhausreform sowie der Ausbau der ambulanten Versorgung Pflegebedürftiger im Fokus. Der DBfK Nordwest kritisierte unter anderem Bestrebungen, die Pflegeausbildung im Land Bremen unter bestimmten Voraussetzungen verkürzen zu können. Den [Bremer Koalitionsvertrag](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/sites/64/2023/06/koalitionsvertrag-2023-11.pdf) findest du im Wortlaut. ### Positionspapier zur Leiharbeit aus NRW Die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen verabschiedete in ihrer Kammerversammlung einstimmig ein [Positionspapier zur Leiharbeit](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2023/06/2023-06-22%5Fpknrw%5Fpositionspapier%5Fleiharbeit.pdf) mit elf Forderungen an die Politik. Aus Sicht der Kammer ist nicht die Leiharbeit selbst das eigentliche Problem, sondern die Arbeitsbedingungen, unter denen alle Pflegefachpersonen leiden. Schnelle Lösungen seien bei einem über Jahrzehnte gewachsenen Problem kaum zielführend. ### Pflegekammer Baden-Württemberg Für die geplante Landespflegekammer in Baden-Württemberg gab es Bewegung: Die Landesregierung hatte als Hürde gesetzt, dass sich mindestens 60 Prozent der Pflegefachpersonen registrieren müssen. Der Landespflegerat setzte durch, dass diese Registrierung auch kollektiv durch die Arbeitgeber erfolgen kann – ein praktischer Schritt, um die geforderte Quote überhaupt erreichbar zu machen. ### Studie zur Krankenhausreform Das Bundesgesundheitsministerium veröffentlichte eine Studie zur geplanten Krankenhausreform. Ergebnis: Komplexe Eingriffe in spezialisierten Zentren führen zu deutlich besseren Behandlungsergebnissen. Würden alle Schlaganfall-Patient:innen in Kliniken mit einer Stroke Unit behandelt, könnten der Studie zufolge im ersten Jahr rund 5.000 Menschen zusätzlich überleben. Auch in der Versorgung von Krebspatient:innen und in der Endoprothetik zeigten sich deutliche Qualitätssteigerungen. Die zugrunde liegende [Potenzialanalyse zur Krankenhausreform](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/potenzialanalyse-krankenhausreform.html?ref=uebergabe.de) ist veröffentlicht. ## Zum Weiterhören - [PU027 – Tag der Pflegenden 2022 / Stimmrecht im Gemeinsamen Bundesausschuss](https://www.uebergabe.de/pu027/) - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) - [ÜG106 – Auf der Intensivstation (Dr. Sabine Walther & Brigitte Teigeler)](https://www.uebergabe.de/ug106/) --- ## Quellen - [Artikel zum GVSG](https://www.bibliomed-pflege.de/news/48196-umfassende-mitentscheidungsrechte-der-pflege-im-g-ba-ergaenzen?ref=uebergabe.de) (Bibliomed-Pflege.de) - [ZNA-Regelungen G-BA](https://www.uebergabe.de/content/files/downloads/62-492-2340/not-kra-r%5F2020-11-20%5Fik-2020-11-01.pdf) (g-ba.de) - [Expert\*Innenpapier DPR Notfallpflege](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2023/06/2023%5F06%5F23%5Fexpert%5Finnenpapier%5Fnotfallpflege.pdf) (dpr.de) - [Koalitionsvertrag Bremen](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/sites/64/2023/06/koalitionsvertrag-2023-11.pdf) (gruene-bremen.de) - [Paper Leiharbeit Pflegekammer NRW](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2023/06/2023-06-22%5Fpknrw%5Fpositionspapier%5Fleiharbeit.pdf) (pflegekammer-nrw.de) - [Studie Krankenhausreform ](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/potenzialanalyse-krankenhausreform.html?ref=uebergabe.de)(bmg.de) ### Auswirkungen von Intensivtagebüchern bei posttraumatischen Belastungsstörungen, Angstzuständen und Depressionen URL: https://www.uebergabe.de/non-pharmakologische-interventionen-bei-praeoperativer-angst-2/ Last updated: 2024-03-26T20:59:26.000Z 🗓️ #7| 29.06.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Jasmin-Banner-2.png "Jasmin-Banner") _This post is for paying subscribers only._ ### Bildung und Forschung in der Pflege (Dr. Lena Dorin, Malte Falkenstern, Prof. Dr. Karin Reiber, Prof. Dr. Bernd Reuschenbach) URL: https://www.uebergabe.de/ug119/ Last updated: 2026-06-17T19:43:26.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 24.06.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Arbeitsbereich Pflegeberufe am BIBB bündelt erstmals Forschung, Monitoring und Praxistransfer. - Das Pflegepanel beobachtet langfristig, was Ausbildung attraktiv und erfolgreich macht. - Forschung läuft über Ausschreibungen mit starkem Fokus auf Transfer in die Praxis. - Erkenntnisse fließen schnell in politische Prozesse wie Gesetzentwürfe ein. - Ziel ist immer: bessere Versorgungsqualität für Patient:innen und Bewohner:innen. Pflege und Wissenschaft – das klingt für viele noch immer nach zwei getrennten Welten. Auf der einen Seite der hektische Stationsalltag, auf der anderen Seite Studien, Daten und Fachartikel. Doch wie kommt eigentlich beides zusammen? Genau darum ging es in dieser Podcast-Folge, die direkt vor Ort bei einem Kongress des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn aufgenommen wurde. Mit am Tisch saßen Dr. Lena Dorin, Malte Falkenstern, Prof. Dr. Karin Reiber und Prof. Dr. Bernd Reuschenbach – vier Menschen, die genau an dieser Schnittstelle zwischen Pflegebildung, Forschung und Politik arbeiten. ## Ein junger Arbeitsbereich mit großem Auftrag Dass sich ein Bundesinstitut überhaupt um die Pflegeberufe kümmert, ist erstaunlich neu. Lange Zeit waren die Pflegeberufe außen vor: Das BIBB ist über das Berufsbildungsgesetz und die Handwerksordnung verankert – und die Pflege wird als eigenständiger Heilberuf eben nicht darüber geregelt. Erst mit der Pflegeberufereform entstand die Idee, das vorhandene Know-how, vor allem die Daten und das Zahlenmaterial, auch für die Pflege nutzbar zu machen. So entstand vor rund drei Jahren der [Arbeitsbereich Pflegeberufe am BIBB](https://www.bibb.de/de/112728.php?ref=uebergabe.de). Rund 15 Personen arbeiten dort an drei großen Säulen: an der Forschung samt Monitoring, an der Geschäftsstelle der Fachkommission und an der zielgruppengerechten Aufbereitung von Wissen. Letzteres ist wichtig, damit Erkenntnisse nicht in Schubladen verschwinden, sondern als Broschüren, Handreichungen oder kleine Infografiken bei Praxisanleitenden, Lehrenden und Pflegefachpersonen ankommen. Spannend ist die Doppelrolle dieses Bereichs: Er begleitet die Pflege sowohl in der beruflichen Ausbildung als auch in der akademischen Qualifizierung. Dieses „Sowohl-als-auch" ist ein echtes Novum – und nimmt von vornherein den Wind aus der oft hitzigen Debatte, ob nun Ausbildung oder Studium der richtige Weg sei. > *„Wir können die Welt nicht retten, aber wir können unseren Beitrag leisten – und der bezieht sich vor allem auf gute Bildungsangebote in der Pflege." — Dr. Lena Dorin* ## Was hast du als Pflegefachperson eigentlich davon? Diese Frage zieht sich durch die ganze Folge – und sie ist berechtigt. Denn auf den ersten Blick wirkt ein Bundesinstitut weit weg vom Schichtdienst. Die Antwort der Gäste ist klar: Der Nutzen entsteht mittelbar, aber konkret. Aus der [Arbeit des Bereichs gehen Materialien](https://www.bibb.de/de/86408.php?ref=uebergabe.de) hervor, etwa für Praxisanleitende. Es werden Forschungsprojekte zur Weiterbildung und zur Führungsweiterbildung in der Pflege angestoßen. Und über all dem steht ein Ziel: die Versorgungsqualität zu verbessern und damit auch die Arbeitsbedingungen. Ein großer Teil der heutigen Aufgaben geht auf die Konzertierte Aktion Pflege zurück, vor allem auf deren Ausbildungsoffensive. Daraus entstand ein ganzer Aufgabenkatalog – manche Punkte beschäftigen das Team über mehrere Jahre. Ein Beispiel: Ausbildungsabbrüche verhindern. Daraus wuchs unter anderem die Idee eines „Hauses der guten Ausbildung", das zeigt, welche Unterstützung welche Person braucht, damit eine Ausbildung gelingt – auch bei schwierigeren Startbedingungen. Für Auszubildende soll früh die einfache Botschaft ankommen: Du kannst dir Hilfe holen. ## Das Pflegepanel: ein Langzeitblick auf die Ausbildung Besonders eindrücklich ist das Monitoring, auch Langzeitbeobachtung genannt. Mit dem [BIBB-Pflegepanel](https://www.bibb.de/de/127032.php?ref=uebergabe.de) werden Ausbildungsbetriebe, Schulen und Hochschulen über die Zeit befragt. Der Anfang war mühsam – niemand wusste genau, welche Pflegeheime in Deutschland überhaupt ausbilden. Dahinter steckte also viel Recherche- und Telefonarbeit. Der Lohn dieser Mühe sind belastbare Trends. Das Panel fragt zum Beispiel, was eine Ausbildung attraktiv macht. Heraus kommen sehr handfeste Dinge: Auslandseinsätze, Unterstützung bei Lernschwierigkeiten, kostenfreie ÖPNV-Tickets oder wohnortnahe Unterbringung für Auszubildende aus ländlichen Regionen. Solche Ideen lassen sich teilen – und Träger können ihr Angebot verbessern. Auch ein verbreitetes Phänomen wurde sichtbar: eine Art Realitätskonfrontation im zweiten Ausbildungsjahr, in dem die Zufriedenheit oft sinkt. Erst der Vergleich mit anderen Berufen zeigt, dass das kein reines Pflege-Problem und kein automatischer Abwärtstrend ist, sondern ein Punkt, den man im Blick behalten sollte. Genau hier liegt eine Stärke des BIBB: Daten zur Pflege lassen sich intern mit denen anderer Branchen abgleichen. Sinken die Ausbildungszahlen? Dann lohnt der Blick, ob das auch andere Berufe betrifft – und wie viele junge Menschen insgesamt überhaupt eine Ausbildung beginnen. So entsteht ein Korrektiv, das in der hitzigen Online-Debatte oft fehlt: der Kontext. ## Forschung per Ausschreibung – schnell, aber gut durchdacht Wie kommt ein Forschungsprojekt zustande? Hier wird es ungewöhnlich, denn der Arbeitsbereich bewegt sich rechtlich im Vergaberecht. Eine Forschungsidee – aus der Politik, der Praxis oder eigener Literaturrecherche – wird in eine Leistungsbeschreibung gegossen und als [öffentliche Auftragsvergabe](https://www.bibb.de/de/483.php?ref=uebergabe.de) veröffentlicht. Dann läuft eine Angebotsfrist, und die Interessierten reichen ihre Konzepte ein. Vom ersten Gedanken bis zum Projektstart können idealerweise nur drei bis sechs Monate vergehen – für Forschungsförderung ein erstaunlich kurzes Tempo. Dieses Tempo hat zwei Seiten. Der Vorteil: Hochaktuelle, politisch drängende Themen lassen sich zügig beforschen. Der Preis: Bewerber:innen haben wenig Zeit, manche Verfahren mussten sogar mehrfach ausgeschrieben werden, weil keine Angebote kamen. Wer den Zuschlag bekommt, bleibt bis zum Fristende eine Blackbox – auf Bietergemeinschaften hat das Team keinen Einfluss. Genau deshalb formulieren die Mitarbeitenden Qualitätskriterien so, dass sie auf verschiedenen Wegen erfüllbar sind, statt auf eine bestimmte Wunschinstitution zu schielen. Und nein, es geht nicht nur ums Geld. Rund 60 Prozent der Entscheidung speisen sich aus fachlichen Kriterien – also Konzept, methodischer Tiefe und ganz besonders dem Transfer in die Praxis. Der Preis macht nur etwa 30 bis 40 Prozent aus. Damit ist die Auswahl in erster Linie eine fachliche Entscheidung. > *„Wir treten alle mit dem Anspruch an, die Bildung zu verändern, um die Versorgung zu verändern – damit am Ende Patientinnen und Patienten davon profitieren." — Prof. Dr. Bernd Reuschenbach* ## Vom Datensatz zur echten Veränderung Forschung als Selbstzweck? Das wollen die Gäste ausdrücklich vermeiden. Die Projekte sollen eigene Ideen entwickeln, wie ihre Ergebnisse in die Praxis gelangen – nicht nur in die wissenschaftliche Community. Das kann ein neues Curriculum sein, das an Pilotschulen erprobt wird, ein niedrigschwelliger Workshop oder ein Artikel in einer Fachzeitschrift wie „Die Schwester Der Pfleger". Peer-reviewte Journals sind willkommen, aber eben nicht das alleinige Maß. An genau dieser Stelle verbinden sich drei Perspektiven: Was interessiert die Praxis? Was braucht die weitere Forschung? Und was braucht die Politik – in welcher Aufbereitung? Der Arbeitsbereich versteht sich als Spiegel für die jeweils andere Seite. Karin Reiber und Bernd Reuschenbach kennen beide Welten gut. Reiber forscht an der [Hochschule Esslingen](https://www.hs-esslingen.de/personen/karin-reiber/?ref=uebergabe.de) zur Berufsbildung im Feld Pflege, Reuschenbach kommt aus der Pflegewissenschaft und ist selbst gelernter Krankenpfleger. Beide betonen, wie ungewöhnlich dialogorientiert die Zusammenarbeit ist – „im Dienst der Sache", wie Reiber es nennt. Dass es vorher nicht so lief, daran erinnert Reuschenbach mit einem Blick zurück: Lange gab es vor allem schlecht ausgestattete, oft interessengeleitete Einzelforschung – und vieles wurde im Ehrenamt gestemmt. Zum Vergleich nennt er eine ältere Analyse: Während pro medizinischer Professur grob 700.000 Euro Forschungsmittel im Jahr zur Verfügung standen, waren es für die wenigen Professuren rund um die Pflege gemeinsam nur rund 30.000 Euro. Fakten aber schaffen Veränderung – und ohne sie bleibt die Pflege in der Fremdbestimmung. > *„Das, was in den letzten drei Jahren passiert ist, hat einen Schub ins Feld gegeben, den wir die letzten 20 Jahre so nicht hatten." — Prof. Dr. Karin Reiber* ## Wenn Forschung in Gesetzestexte fließt Wie schnell Erkenntnisse wirken können, zeigte sich am [Pflegestudiumstärkungsgesetz](https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/gesetze/pflegestudiumstaerkungsgesetz-pflstudstg--223650?ref=uebergabe.de), das zum Aufnahmezeitpunkt als Entwurf vorlag. Eine Sondererhebung im Panel – eine Vollerhebung unter den Hochschulen – machte sichtbar, dass die wenigen berufsqualifizierenden Pflegestudiengänge im Schnitt nur zu rund 50 Prozent ausgelastet waren. Besser ausgelastet waren jene, die eine Finanzierung der Studierenden boten. Diese Daten flossen unmittelbar in den Gesetzgebungsprozess ein, in dem damals eine Vergütung der Studierenden angelehnt an das Ausbildungsgehalt vorgesehen war. Ein weiterer Wunsch des Teams: ein einfacherer Datenaustausch zwischen BIBB und Statistischem Bundesamt. Davon könnten beide Seiten profitieren – etwa um vorzeitige Vertragslösungen genauer zu erfassen, im Sinne von Datensparsamkeit und letztlich auch im Interesse der Steuerzahlenden. Dabei geht es ausdrücklich nicht um Patient:innendaten. ## Akademisierung, Durchlässigkeit und der Blick nach vorn Die Frage nach der Akademisierung beantwortet Lena Dorin gelassen: Eine eigene Positionierung braucht es nicht zwingend, denn die Empfehlung des Wissenschaftsrats von zehn bis zwanzig Prozent akademisch qualifizierter Pflegender steht seit Langem im Raum. Spannender ist die Frage, wie weit man auf diesem Weg überhaupt schon ist – und ob klare hochschulische Tätigkeitsprofile entstehen, damit künftige Studierende wissen, was sie nach dem Abschluss erwartet. Würde sie eine neue Konzertierte Aktion Pflege schreiben, läge ihr Schwerpunkt auf Fort- und Weiterbildung sowie auf klar gestalteten Fach- und Führungskarrieren. Denn die Aussicht auf Entwicklung beeinflusst schon die erste Entscheidung für die Ausbildung – und sollte sich auch in Eingruppierung und Bezahlung widerspiegeln. ## Ein Kongress als Vernetzungsmotor Der Kongress selbst – hybrid, mit rund 200 Teilnehmenden vor Ort und etwa 300 online – war Programm: Über 120 Seiten Abstracts zeigten, wie viel Bewegung im Feld steckt. Wissenschaft und Praxis kamen ins Gespräch, von Schulleitungen bis zu Praxisanleitenden. Genau dieser Austausch ist es, der laut Bernd Reuschenbach gerade für den wissenschaftlichen Nachwuchs entscheidend ist. Und damit sein wichtigster Tipp an junge Forschende: Vernetzung. Karin Reiber ergänzt: eine solide Mischung aus Kreativität und Sorgfältigkeit – und immer das Ergebnis für die Versorgungspraxis im Blick. Wer sich übrigens an einer Ausschreibung versuchen möchte, muss thematisch nicht völlig frei sein: Auch andere Förderlinien geben Rahmen vor – und trotzdem bleibt, das betonen alle, überraschend viel Gestaltungsspielraum. Am Ende bleibt eine klare Botschaft: Pflegeforschung lohnt sich nur, wenn ihre Ergebnisse ankommen – bei Lehrenden, bei Auszubildenden und letztlich bei den Menschen, die gepflegt werden. Oder wie es das Team in seinem Leitsatz zusammenfasst: qualitativ hochwertige Pflegebildung mit einer patientenorientierten Versorgungsvision. ## Zum Weiterhören - [ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand](https://www.uebergabe.de/ug168/) - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug098/) - [ÜG189 – BAPID - die neue Bildungsarchitektur für die Pflege](https://www.uebergabe.de/ug189/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes In dieser neuen Folge sprechen wir über die Verknüpfung von Bildung und Forschung in der Pflege. Dr.in Lena Dorin und Malte Falkenstern berichten in diesem Zusammenhang von ihren Aufgaben beim Bundesinstitut für berufliche Bildung (BIBB). Zusätzlich erfahrt ihr von Prof.in Dr.in Karin Reiber (HS Esslingen) und Prof. Dr. Bernd Reuschenbach (KSH München), wie Forschungsprojekte beantragt sowie durchgeführt werden und welchen Beitrag Forschungsprojekte zur beruflichen Bildung in der Pflege beitragen können. ### Shownotes - [Kontaktdaten Bernd Reuschenbach](https://www.ksh-muenchen.de/hochschule/professorinnen-lehrbeauftragte/detail/bernd-reuschenbach/?ref=uebergabe.de) - [Kontaktdaten Karin Reiber](https://www.hs-esslingen.de/personen/karin-reiber/?ref=uebergabe.de) - [Kontaktdaten Lena Dorin](https://www.bibb.de/de/112728.php?ref=uebergabe.de) - [Arbeitsbereich 2.6 Pflegeberufe im BIBB](https://www.bibb.de/de/112728.php?ref=uebergabe.de) [Publikationen des Arbeitsbereiches](https://www.bibb.de/de/86408.php?ref=uebergabe.de) - [BIBB-Pflegepanel / Monitoring](https://www.bibb.de/de/127032.php?ref=uebergabe.de) - [Aktuelle Auftragsvergaben des BIBB](https://www.bibb.de/de/483.php?ref=uebergabe.de) - [Pflegestudiumstärkungsgesetz (Gesetzentwurf)](https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/gesetze/pflegestudiumstaerkungsgesetz-pflstudstg--223650?ref=uebergabe.de) - [Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG)](https://www.dfg.de/foerderung/?ref=uebergabe.de) ### Leiharbeitseindämmung / Tarifeinigung Mainz URL: https://www.uebergabe.de/pu051/ Last updated: 2026-06-13T22:08:12.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 17.06.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Bayern bringt im Bundesrat einen Antrag zur Eindämmung der Leiharbeit in der Pflege ein. - An der Universitätsmedizin Mainz gibt es nach fünf Runden eine Tarifeinigung. - Hitzeschutztag, steigende Kassenbeiträge, PUEG und Krankenhausreform-Kritik prägen die Kurznachrichten. In Folge 51 des PflegeUpdates (Stand: 17\. Juni 2023) dreht sich alles um zwei große Themen der vergangenen Wochen – die politische Debatte um Leiharbeit in der Pflege und eine Tarifeinigung in Mainz. Dazu kommen die wichtigsten Kurznachrichten. Hier bekommst du die Einordnung im Überblick. ## Bayern bringt im Bundesrat einen Antrag zur Eindämmung der Leiharbeit ein Am Sitzungsfreitag vor Veröffentlichung der Folge hat das Land Bayern im Bundesrat einen Antrag mit dem Titel „Eindämmung der Leiharbeit in der Pflege" eingebracht. Der bayerische Gesundheits- und Pflegeminister Klaus Holetschek (CSU) beschreibt die zunehmende Leiharbeit als besorgniserregenden Trend zum Nachteil der Stammbelegschaften und will mit der Initiative erreichen, dass in allen Pflegebereichen gleichwertig gute Arbeitsbedingungen herrschen. Den vollständigen Wortlaut findest du im [Antrag Bayerns zur Eindämmung der Leiharbeit](https://www.uebergabe.de/content/files/brd/2023/0214-23.pdf). Ein vollständiges Verbot ist damit nicht gemeint. Auch die Landesregierung räumt ein, dass Kolleg:innen aus der Leiharbeit bei Belegungsspitzen oder Erkrankungswellen Belastungen abfedern können. Im Kern geht es darum, Kosten für die Einrichtungen sowie für die Kranken- und Pflegekassen zu senken. Damit ist Bayern nicht allein: Mit dem Pflegeunterstützungs- und Entlastungsgesetz (PUEG) hatte das Bundesgesundheitsministerium bereits einen ersten Schritt gemacht, der dem Freistaat aber nicht weit genug geht. Mehr zum politischen Kontext liest du in der Meldung, dass die [Initiative gegen Leiharbeit auf der Agenda](https://www.bibliomed-pflege.de/news/initiative-gegen-leiharbeit-in-der-pflege-auf-der-agenda?ref=uebergabe.de) steht. Der Mechanismus läuft über die Finanzierung. In der Langzeitpflege sollen die Kostenträger künftig nur noch einen Anteil der Lohnkosten für Leiharbeit übernehmen. Vereinfacht gesagt: Liegt der Tariflohn einer festangestellten Pflegefachperson bei rund 3.400 Euro und der Lohn einer Leiharbeitskraft bei 4.400 Euro, bliebe eine Lücke von 1.000 Euro, die nicht finanziert wird. Das Problem dabei: In der Langzeitpflege werden Mehrkosten häufig schnell auf die Pflegebedürftigen umgelegt. Über diesen Umweg sollen die Einrichtungen angehalten werden, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern – etwa durch höhere Gehälter, attraktivere Arbeitszeiten und eigene Lösungen für Personalausfall wie Springerpools. Krankenhäuser haben hier einen Vorteil, weil Springerpools dort weitgehend refinanziert werden. Genau deshalb fordert der Antrag, dass Mehrkosten für Springerkonzepte in ambulanten und stationären Einrichtungen nicht von den Pflegebedürftigen getragen werden müssen. Die politische Erwartung lautet, dass Beschäftigte mit besseren Bedingungen und höheren Löhnen aus der Leiharbeit zurückkehren. Die betroffenen Pflegefachpersonen sehen das offenbar anders. Eine Umfrage unter Zeitarbeitskräften aus dem Januar und Februar 2023 ergab, dass nur rund 18 Prozent bei einem Verbot in eine Festanstellung wechseln würden, während 60 Prozent eher den Beruf wechseln oder Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen würden. Zur Einordnung: Von etwa 1,4 Millionen beruflich Pflegenden in Deutschland sind weniger als 31.000 in der Leiharbeit beschäftigt. Es stellt sich also die Frage, ob es den Aufwand wert ist, rund 6.200 Kolleg:innen zurückzugewinnen, wenn zugleich rund 24.800 verloren gehen könnten. Die genauen [Zahlen zur Leiharbeit](https://www.bibliomedmanager.de/news/nur-wenige-pflegekraefte-wollen-raus-aus-der-zeitarbeit?ref=uebergabe.de) lohnen einen genaueren Blick. Der Antrag wurde an den Gesundheitsausschuss des Bundesrates verwiesen und sollte in der Folgewoche erneut beraten werden. ## Tarifeinigung an der Universitätsmedizin Mainz nach fünf Verhandlungsrunden Nach einem längeren Tarifkonflikt, über den das PflegeUpdate bereits in Folge 46 berichtet hatte, gibt es an der Universitätsmedizin Mainz eine Einigung. Nach fünf Verhandlungsrunden konnten sich Verdi und die Universitätsmedizin auf gemeinsame Eckpunkte verständigen. Für Pflegefachpersonen am Standort bringt das Ergebnis spürbare Verbesserungen mit sich. Vorgesehen war zum damaligen Stand eine Inflationsausgleichsprämie von 3.000 Euro für Vollzeitbeschäftigte, ausgezahlt in zwei Teilen; Teilzeitkräfte sollten sie anteilig erhalten, Auszubildende 1.600 Euro. Bei den Tabellenentgelten waren ab dem 1\. Januar 2024 200 Euro plus weitere zwei Prozent geplant, ab dem 1\. August 2024 noch einmal vier Prozent obendrauf. Ein zentraler Punkt: Examinierte Pflegefachpersonen, die nach der Ausbildung regulär auf Station arbeiten, sollten ab dem 1\. Oktober 2023 statt in der Entgeltgruppe KR7 in KR8 eingruppiert werden – unter Mitnahme von Erfahrungsstufe und Stufenlaufzeit. Hinzu kamen eine Erhöhung des Nachtzuschlags und die Umwandlung der Pflegezulage. Ebenfalls geregelt werden sollte die Eingruppierung von dreijährig ausgebildetem nichtpflegerischem medizinischem Personal, etwa Medizinischen Fachangestellten: Wenn sie auf Station ähnlich oder gleich wie die Pflege eingesetzt werden, sollen sie künftig in dieselbe Entgelttabelle aufgenommen werden, und zwar in KR7\. Das war an vielen Standorten bisher unklar geregelt. Die Höhergruppierung von KR7 nach KR8 wirft zudem die Frage auf, wie mit Pflegefachpersonen verfahren wird, die bereits höher eingruppiert sind – etwa in Funktionsbereichen oder als Stations- und Bereichsleitung. Auch das sollte bis zum 1\. Oktober 2023 neu bewertet werden. Darüber hinaus war vorgesehen, Auszubildende nach bestandener Prüfung grundsätzlich unbefristet zu übernehmen, ein Konzept zum schrittweisen Ausstieg aus der Leiharbeit zu entwickeln und gemeinsam mit Verdi ein Projekt zur Vier-Tage-Woche zu initiieren. Endgültig abgeschlossen war das Paket zum Zeitpunkt der Folge noch nicht. Verdi-Mitglieder konnten bis zum 27\. Juni 2023 online über das Verhandlungsergebnis abstimmen; anschließend standen Redaktionsgespräche an, in denen offene Details geklärt werden sollten. Im Großen und Ganzen lag damit aber eine Einigung vor. ## Hitzeschutztag 2023: Forderung nach verbindlichen Hitzeschutzplänen Am 14\. Juni 2023 fand der Hitzeaktionstag statt, ausgerichtet von der Bundesärztekammer gemeinsam mit dem Deutschen Pflegerat und der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit. Im Mittelpunkt standen die gesundheitlichen Folgen steigender Temperaturen und die Forderung, endlich verbindliche Hitzeschutzpläne zu erstellen. Details zur Aktion liefert die Mitteilung zum [Hitzeaktionstag 2023](https://www.bundesaerztekammer.de/presse/aktuelles/detail/hitzeaktionstag-2023-gesundheitsorganisationen-fordern-hitzeschutz-bundesweit-gesetzlich-verankern?ref=uebergabe.de). Als Reaktion kündigte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach an, sich zeitnah mit Ärzt:innen, Pflegenden und weiteren Vertreter:innen des Gesundheitswesens zusammensetzen zu wollen. ## Krankenkassenbeiträge sollen 2024 leicht steigen Das für 2024 erwartete Milliardendefizit der gesetzlichen Krankenkassen zeigte erste Folgen. Bundesgesundheitsminister Lauterbach kündigte an, dass die Beiträge 2024 voraussichtlich leicht steigen würden; Leistungskürzungen lehnte er weiterhin ab. Das erwartete Defizit wurde damals auf rund sieben Milliarden Euro geschätzt. Die Hintergründe zu den [steigenden Kassenbeiträgen](https://www.tagesschau.de/inland/lauterbach-kassenbeitraege-100.html?ref=uebergabe.de) fasst die Berichterstattung zusammen. ## PUEG passiert den Bundesrat ohne Vermittlungsausschuss Das Pflegeunterstützungs- und Entlastungsgesetz wurde im Bundesrat erneut aufgegriffen. Der Rat verzichtete darauf, einen Vermittlungsausschuss anzurufen, sodass das Gesetz ins Abschlussverfahren im Bundestag zurückging. Die zugehörige [Tagesordnung des Bundesrates](https://www.uebergabe.de/content/files/SharedDocs/TO/1034/erl/2.pdf) dokumentiert den Vorgang. Der nordrhein-westfälische Arbeits- und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann kritisierte, dass das Gesetz die Erwartungen der Pflege keineswegs erfülle, und forderte Bund und Länder auf, die Versorgungsrealität endlich zur Kenntnis zu nehmen. Zudem nahm der Bundesrat eine Entschließung an, die weitere strukturelle Reformschritte für eine zukunftsfeste Pflegeversicherung sowie eine Gesamtreform der Notfallversorgung anmahnt. ## Deutscher Pflegerat kritisiert Eckpunktepapier zur Krankenhausreform Der Deutsche Pflegerat (DPR) äußerte sich kritisch zum damaligen Eckpunktepapier der Krankenhausreform. Beanstandet wurde insbesondere, dass ein Krankenhaus der untersten Versorgungsstufe (Level 1i) unter ständiger ärztlicher Leitung stehen solle. Aus Sicht des DPR spiegelt das ein überholtes Hierarchiedenken wider, das nicht zur kompetenzorientierten Pflege der Gegenwart passt. Stattdessen brauche es schnellstmöglich die im Koalitionsvertrag vorgesehene heilkundliche Übertragung an Pflegefachpersonen. Der DPR sieht in den Empfehlungen eine Beschneidung der Profession Pflege und trägt sie nicht mit – nachzulesen in der [Stellungnahme des Deutschen Pflegerats](http://deutscher-pflegerat.de/2023/06/08/deutscher-pflegerat-mahnt-reform-ist-ein-stoppschild-fuer-die-profession-pflege/?ref=uebergabe.de). Insgesamt zeichnete sich zum Zeitpunkt der Folge ab, dass mehrere große Vorhaben – PUEG, das Pflegestudiumstärkungsgesetz und die Krankenhausreform – vor der Sommerpause in entscheidende Phasen gingen. Für die Krankenhausreform war über den Sommer ein neuer Referentenentwurf angekündigt. ## Zum Weiterhören - [ÜG076 – Zeitarbeit in der Pflege (Matthias Menne)](https://www.uebergabe.de/ug076/) - [PU043 – Leiharbeit in der Pflege / Neues von der Pflegereform](https://www.uebergabe.de/pu043/) - [ÜG085 – Der Tarifvertrag der Charité (Carla Eysel & Dana Lützkendorf)](https://www.uebergabe.de/ug085/) --- ## Quellen - [Antrag Leiharbeitseindämmung Bayern](https://www.uebergabe.de/content/files/brd/2023/0214-23.pdf) (bundesrat.de) - [Initiative gegen Leiharbeit auf der Agenda](https://www.bibliomed-pflege.de/news/initiative-gegen-leiharbeit-in-der-pflege-auf-der-agenda?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Zahlen zur Leiharbeit](https://www.bibliomedmanager.de/news/nur-wenige-pflegekraefte-wollen-raus-aus-der-zeitarbeit?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Verdi Ergebnisse in Mainz](https://rps.verdi.de/branchen-und-berufe/bg-unimedizin-mainz/um%5Fverhandlungsergebnis2023?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [Hitzeaktionstag Bundesärztekammer](https://www.bundesaerztekammer.de/presse/aktuelles/detail/hitzeaktionstag-2023-gesundheitsorganisationen-fordern-hitzeschutz-bundesweit-gesetzlich-verankern?ref=uebergabe.de) (baek.de) - [Erhöhung der Krankenkassenbeiträge](https://www.tagesschau.de/inland/lauterbach-kassenbeitraege-100.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) - [PUEG im Bundesrat ](https://www.uebergabe.de/content/files/SharedDocs/TO/1034/erl/2.pdf)(bundesrat.de) - [Kritik des DPR am Eckpunktepapier Krankenhausreform](http://deutscher-pflegerat.de/2023/06/08/deutscher-pflegerat-mahnt-reform-ist-ein-stoppschild-fuer-die-profession-pflege/?ref=uebergabe.de) (dpr.de) ### Non-pharmakologische Interventionen bei präoperativer Angst URL: https://www.uebergabe.de/non-pharmakologische-interventionen-bei-praeoperativer-angst/ Last updated: 2024-03-23T13:29:08.000Z 🗓️ #6 | 15.06.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Fritz-Banner-2-1.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Live vom Forschungskongress des BIBBs URL: https://www.uebergabe.de/ug118/ Last updated: 2026-06-17T08:59:39.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 10.06.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Bundeseinheitliche Bildungsstrukturen gelten als Schlüssel für die Zukunft der Pflege. - Das BIBB-Pflegepanel liefert erstmals belastbare Zahlen zur Akademisierungsquote. - Die Pflegeassistenz bleibt ein heterogener Flickenteppich über 16 Bundesländer. - Digitale Kompetenzen brauchen eigene Lernformate – auch für erfahrene Pflegende. - Teilzeitausbildung kann neue Zielgruppen für die Pflege gewinnen. Zwei Tage, ein Titel, der Programm war: „Bildung und Versorgung in der Pflege gemeinsam gestalten". Unter diesem Motto lud das [Bundesinstitut für Berufsbildung mit seinem Arbeitsbereich Pflegeberufe](https://www.bibb.de/de/112728.php?ref=uebergabe.de) zu seinem ersten großen Forschungskongress – mit Mikrofon und Aufnahmegerät war auch unsere Redaktion mittendrin. Das Programm war dicht: Keynotes, Forschungsprojekte und viele Gespräche am Rande. Der Kongress zeigte, wo die Pflegebildung in Deutschland gerade steht, woran geforscht wird und welche Fragen noch offen sind. ## Bildung und Pflege – ein einziger Atemzug Den Auftakt machte Christine Vogler, Präsidentin des [Deutschen Pflegerats](http://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de), mit ihrem Vortrag „Pflege braucht Bildung". Ihre Botschaft war unmissverständlich: Bildung sei das zentrale Element für die Pflege – und werde ihr seit Jahrzehnten vorenthalten. Seit 2009, so Vogler, beobachte man eine permanente Absenkung der Qualifikationsniveaus. Umso wichtiger sei es, jetzt nicht stehenzubleiben, sondern bundeseinheitliche Bildungsstrukturen tatsächlich umzusetzen. Sie spürt, dass der Bedarf in Ministerien und Ländern zunehmend ankommt – getrieben auch von der schlichten Not, den Beruf zukunftsfähig zu halten. > *„Pflege und Bildung, das ist ein Atemzug. Wir brauchen bundeseinheitliche Bildungsstrukturen für die Pflege und müssen jetzt darüber diskutieren, wie wir es tatsächlich umsetzen." — Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats* Besonders am Herzen liegt ihr die Durchlässigkeit. Wer eine Ausbildung beginnt, soll wissen, dass später ein Bachelor oder Master möglich ist – ohne in einer Sackgasse zu landen. Dass die Sonderabschlüsse in der Alten- und Kinderkrankenpflege kaum gewählt werden, deutet sie als klares Signal: Junge Menschen wollen Anschlussfähigkeit. Dazu brauche es vernünftige Ausbildungsbedingungen, sinnvolle Ausbildungs- und Lehrendenschlüssel sowie attraktive Lernorte – ganz pragmatisch: ein vernünftiges Dach über dem Kopf. ## Wenn der Nachwuchs ausbleibt Auch Christel Bienstein, langjährige Stimme des [Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de), gehörte zu den Keynote-Sprecherinnen. Sie schlug die Brücke vom demografischen Wandel zur Ausbildungsrealität: Der Rückgang der Auszubildenden hängt eben auch mit sinkenden Geburtenzahlen zusammen – und betrifft längst nicht nur die Pflege, sondern viele Berufe. Ihre nüchterne Rechnung: Um das Defizit auszugleichen, müsste rein rechnerisch fast jede zweite bis dritte Person in einem Gesundheitsberuf arbeiten. Das ist utopisch. Also muss man sich auf einen Mangel einstellen – und gleichzeitig die Ausbildungsqualität hochhalten. Genau hier verknüpfte Bienstein Forschung, Ausbildung und hochschulische Bildung miteinander: erweiterte Rollen wie Advanced Practice Nursing, Community Health Nursing oder School Nurses brauchen passende Bildungskonzepte. ## Zahlen, die Politik bewegen: das BIBB-Pflegepanel Wie sich aus einem unübersichtlichen Feld belastbare Daten gewinnen lassen, erläuterte Claudia, wissenschaftliche Mitarbeiterin am BIBB, die das [BIBB-Pflegepanel](https://www.bibb.de/de/127032.php?ref=uebergabe.de) mitbetreut. Das Panel ist die größte Befragung zur Pflegebildung in Deutschland: Über 6.000 Ausbildungseinrichtungen, Pflegeschulen und Hochschulen haben sich bereiterklärt, jährlich Auskunft zu geben. Der Clou ist der Längsschnitt – immer wieder ähnliche Fragen, damit sich Entwicklungen über Jahre nachzeichnen lassen, etwa zu Angebot und Nachfrage von Ausbildungs- und Studienplätzen. Der Aufbau war eine echte Detektivarbeit: Es gab schlicht keine amtlichen Daten darüber, wie viele ambulante Dienste und Pflegeheime überhaupt ausbilden. Rund 35.000 Einrichtungen mussten erst ermittelt und telefonisch kontaktiert werden. Das Ergebnis ist für die Praxis direkt relevant: Erstmals konnte eine Akademisierungsquote bestimmt werden – und die liegt deutlich unter den Empfehlungen des Wissenschaftsrats. Genau solche Kennzahlen sind die Grundlage für politische Entscheidungen, etwa zur Finanzierung der hochschulischen Ausbildung. Aus den abgefragten Unterstützungsbedarfen entstehen außerdem Handreichungen für Praxisanleitung und Lehrende – nachzulesen unter den [Publikationen des Arbeitsbereichs](https://www.bibb.de/de/86408.php?ref=uebergabe.de). ## Der Flickenteppich der Pflegeassistenz Ein Thema zog sich durch den Kongress: die Pflegeassistenzberufe. Anke Jürgensen vom BIBB kennt die Landschaft wie kaum jemand sonst – sie hat sie kartiert. Ihre Übersicht zu den [landesrechtlich geregelten Pflegehelfer- und Pflegeassistenzausbildungen](https://www.uebergabe.de/content/files/dienst/publikationen/de/download/10155.pdf) zeigt ein erstaunlich buntes Bild: über 16 Bundesländer verteilt gab es zwischenzeitlich rund 26 bis 27 verschiedene Ausbildungen. Mit der generalistischen Ausbildung und den Paragrafen 11 und 12 des Pflegeberufegesetzes ist die Lage zwar geregelt, aber widersprüchlich: Auf eine Altersgruppe zugeschnittene Helferausbildungen sollen plötzlich auf eine generalistische Ausbildung anrechenbar sein. Jürgensen warnte zudem vor einer reinen Tätigkeitslogik bei Personalbemessung und Untergrenzen. Ihr Beispiel: Eine subkutane Injektion bei einem langjährigen Diabetiker mit Pen ist etwas völlig anderes als die erste Injektion bei einem ängstlichen jungen Menschen mit Diabetes Typ 1\. Wer Qualifikation nur an Tätigkeiten festmacht und nicht an der Komplexität der Situation, wird dem Versorgungsbedarf nicht gerecht. Die im Koalitionsvertrag angekündigte bundeseinheitliche Pflegeassistenzausbildung war zum Zeitpunkt des Kongresses noch nicht umgesetzt. Ihr Wunsch: zwei Jahre Dauer, die Möglichkeit zum höheren Schulabschluss und eine echte Anschlussfähigkeit an die dreijährige Ausbildung. ## Akademische Pflege am Krankenbett Wie akademisch qualifizierte Pflegeexpert:innen die direkte Versorgung verändern können, zeigte Verena von der Universität Köln. In ihrem Projekt geht es um eine Pflegeexpert:innenrolle für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Akutkrankenhaus. Vier Pflegefachpersonen wurden weitergebildet und starten auf Allgemeinstationen der Uniklinik – als sogenannte Change Agents, die personenzentrierte Pflege direkt am Bett vorantreiben. Ihr Argument für die Praxis: Leitungsaufgaben sollten geteilt werden, damit eine Stationsleitung nicht zugleich Personalmanagement und fachliche Führung in einer Person stemmen muss. Moderiert wurde diese Session von Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen-Hoops, der die Debatte ins Große weiterdachte. Aus seiner Sicht braucht es eine Grundgesetzänderung, die Anerkennung pflegerischer Tätigkeiten als heilkundlich und vor allem eine klare Zielperspektive: Was bedeutet pflegerische Expertise in Deutschland eigentlich? Seine Studierenden, die als Bachelor-Absolvent:innen in der Pflege arbeiten, berichten ihm durchgehend, dass sie genau diese erweiterten Kompetenzen im Alltag gar nicht ausüben dürfen. > *„Wir müssen dahin kommen, dass Pflegende mit erweiterten Kompetenzen von den Trägern ernst genommen und entsprechend eingesetzt werden – und dass sie die Handlungen, die sie vollführen, auch verantworten dürfen. Das ist längst noch nicht gegeben." — Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen-Hoops* Bei einer Akademisierungsquote von rund 1,7 Prozent sind das, wie es im Gespräch hieß, noch dicke Bretter. Sein Appell an die Hochschulen: attraktive Studienprogramme schaffen und deutlich machen, dass man sich in der Pflege qualifizieren und gleichzeitig in der Pflege bleiben kann – statt wie früher aus ihr heraus zu studieren. ## Digitale Kompetenzen – in fünf Minuten pro Tag? Die Digitalisierung nahm auf dem Kongress viel Raum ein. Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler stellte den „Online-Campus Pflege" vor, ein online-gestütztes Weiterbildungsangebot zu digitalen Kompetenzen für beruflich Pflegende. Das Prinzip: kleine Lerneinheiten von fünf bis fünfzehn Minuten, die sich in Randzeiten erledigen lassen. Vermittelt werden nicht nur das Bedienen einzelner Technologien, sondern auch das Verständnis für ihre Komplexität – und vor allem die Kompetenz, reflektiert zu entscheiden, wann eine Technologie sinnvoll ist und wann eben nicht. Eine Kernfrage blieb dabei kritisch im Raum: Wer schafft die Zeit zum Lernen? > *„Da müssen wir sensibel drauf gucken, damit Lernen nicht zu einem Freizeitvergnügen in der Pflege wird." — Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler, Universität Osnabrück* Einen ganz praktischen Ansatz verfolgt Prof. Dr. Roland Brühe von der Katholischen Hochschule NRW: Auszubildende sollen Weblogs nutzen, um Fachinformationen für betroffene Menschen aufzubereiten – etwa zu Diabetes bei Jugendlichen – und über die Kommentarspalten in einen beratenden Dialog zu treten. So wird Handlungskompetenz nicht für die Lehrkraft, sondern für echte Menschen erprobt. Dass dabei Datenschutz, IT-Abteilungen und rechtliche Grenzen eine Rolle spielen, gehört, wie er offen erzählte, zu den größeren Hürden des Projekts. Wer den Markt digitaler Anwendungen sortieren will, findet mit [FiDiCare des Zukunftszentrums Brandenburg](https://www.zukunftszentrum-brandenburg.de/digitales-pflegeportal/?ref=uebergabe.de) ein Orientierungswerkzeug, das Katja Pein vorstellte – eine Web-App, die Pflegeeinrichtungen hilft, zielgerichtet statt zufällig auszuwählen. ## Ausbildung in Teilzeit – das unterschätzte Modell Dass eine Pflegeausbildung auch in Teilzeit möglich ist, wissen die wenigsten – und genau das ist das Problem. Dr. Jannika Grunau von der Universität Osnabrück stellte das BIBB-Projekt zur Teilzeitausbildung vor. Aktuell wird nur gut ein Prozent der neuen Ausbildungsverträge in Teilzeit abgeschlossen, verteilt auf rund 70 bis 80 Schulen und etwa 600 Personen. Dabei eröffnet das Modell Menschen Zugänge, die sonst außen vor blieben: Eltern, pflegende Angehörige, ehrenamtlich Engagierte oder Personen, die parallel einen Sprachkurs besuchen. Die Gesamtstundenzahl bleibt gesetzlich vorgeschrieben, sie wird lediglich auf vier oder fünf Jahre gestreckt – zugunsten eines machbaren Alltags. Ihr Fazit: Wer Fachkräfte gewinnen will, braucht eine bedarfsorientierte Sicht darauf, wer überhaupt infrage kommt. ## Weiterbildung ohne klare Landkarte Wie unübersichtlich die Weiterbildungslandschaft ist, machte Dr. Katja Richter aus Magdeburg deutlich. In ihrem Projekt wurde der Status quo der pflegerischen Weiterbildung analysiert – mit ernüchterndem Ergebnis: Schon die Begriffe „Weiterbildung" und „Fortbildung" sind nicht trennscharf, die länderspezifischen Angebote unterscheiden sich in Dauer, Bezeichnung und Niveau. Als Schablone nutzte das Team den [Deutschen Qualifikationsrahmen](https://www.dqr.de/dqr/de/der-dqr/was-ist-ein-qualifikationsrahmen/was-ist-ein-qualifikationsrahmen%5Fnode.html?ref=uebergabe.de), in dem Weiterbildungen bislang gar nicht systematisch eingeordnet sind. Ihre Empfehlung: den DQR künftig als Orientierung bei der Konzeption von Weiterbildungen nutzen, um Transparenz, Vergleichbarkeit und Durchlässigkeit zu schaffen. ## Promovieren in 15 Minuten am Tag Ein schöner Beweis dafür, dass dieser Kongress auch den wissenschaftlichen Nachwuchs im Blick hatte, war ein eigenes Forum für Promovierende. Marianne Rahner von der Universität Bremen berichtete von einem Workshop mit dem augenzwinkernden Titel, wie man seine Dissertation in 15 Minuten – am Tag – schreibt. Die Idee dahinter: jeden Tag dranbleiben, in kleinen Schritten, statt auf den großen freien Block zu warten. Ihr eigenes Promotionsthema – die Zusammenarbeit von Pflegelehrenden und Praxisanleitenden, um Evidence-Based Nursing besser in die Ausbildung zu bringen – brachte sie mit ansteckender Begeisterung auf den Punkt. Ihr Eindruck vom Kongress: In der Pflegelandschaft tut sich gerade wissenschaftlich viel, der Aufbruchswille ist groß. Wie all diese Projekte die konkreten Probleme der Pflege lösen, bleibt eine spannende Frage – aber man ist auf dem Weg. ## Zum Weiterhören - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug181/) - [ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein?](https://www.uebergabe.de/ug150/) - [ÜG189 – BAPID - die neue Bildungsarchitektur für die Pflege](https://www.uebergabe.de/ug189/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes In unserer neuen Folge berichten wir für Euch vom Forschungskongress „Bildung und Versorgung in der Pflege gemeinsam gestalten“ des Bundesinstituts für berufliche Bildung (BIBB). Wir haben mit Vortragenden und Gäst\*innen über die aktuellen Themen der Bildung im Pflegebereich gesprochen. Ihr erfahrt mehr über die Chancen und Herausforderungen beispielsweise bei der Digitalisierung oder der Qualitätssicherung von Ausbildung und Studium. ### Shownotes - [Arbeitsbereich 2.6 Pflegeberufe im BIBB](https://www.bibb.de/de/112728.php?ref=uebergabe.de) - [Publikationen des Arbeitsbereiches](https://www.bibb.de/de/86408.php?ref=uebergabe.de) - [Deutscher Pflegerat](http://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) - [Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de) - [BIBB-Pflegepanel / Monitoring](https://www.bibb.de/de/127032.php?ref=uebergabe.de) - [Projekt ENROLE-acute der Universität Köln](https://pflegewissenschaft.uni-koeln.de/forschung/aktuelle-projekte/enrole-acute?ref=uebergabe.de) - [Pflegehilfe und Pflegeassistenz](https://www.uebergabe.de/content/files/dienst/publikationen/de/download/10155.pdf) - [FiDiCare des Zukunftszentrums Brandenburg](https://www.zukunftszentrum-brandenburg.de/digitales-pflegeportal/?ref=uebergabe.de) - [Qualitätsrahmen DQR](https://www.dqr.de/dqr/de/der-dqr/was-ist-ein-qualifikationsrahmen/was-ist-ein-qualifikationsrahmen%5Fnode.html?ref=uebergabe.de) ### Krankenhausstrukturreform / Studie der KAP URL: https://www.uebergabe.de/pu050/ Last updated: 2026-06-13T22:08:09.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 03.06.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Verbände kritisieren, dass die Krankenhausreform die geplante pflegerische Leitung beschneidet. - Eine KAP-Studie zeigt: Pflegende wollen mehr Gehalt, sichere Dienstpläne und bessere Besetzung. - Kurznews zu PUEG, Beschwerdestelle Niedersachsen, RLP-Umfrage und sinkenden Azubizahlen in NRW. In Folge 50 des PflegeUpdates standen zwei große Themen im Mittelpunkt: die geplante Krankenhausstrukturreform und eine Arbeitsplatzstudie der Konzertierten Aktion Pflege, die in der öffentlichen Debatte weitgehend unterging. Dazu kamen mehrere Kurznachrichten. Da die Folge vom 3\. Juni 2023 stammt, geben alle Angaben zu Gesetzentwürfen, Zeitplänen und Zahlen den damaligen Stand wieder. ## Verbände kritisieren die geplante Rolle der Pflege in der Krankenhausreform Die Krankenhausreform war zum Zeitpunkt der Folge das beherrschende Thema im Gesundheitswesen und prägte maßgeblich die Amtszeit des damaligen Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach. Den Ausgangspunkt bildeten die Vorschläge der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung. Auf deren Grundlage legte das Bundesgesundheitsministerium einen Referentenentwurf zur Krankenhausstrukturreform vor – und änderte dabei nach Einschätzung der Pflegeverbände einige der ursprünglich vielversprechenden Vorschläge ab. Im Zentrum der Kritik des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) standen die geplanten Level-1i-Krankenhäuser. Die Regierungskommission hatte für diese sektorenübergreifenden Einrichtungen eine pflegerische Leitungsfunktion empfohlen, etwa durch Advanced Practice Nurses. Aus Sicht des Verbandes wäre das ein wichtiger Schlüssel für eine bessere Versorgung von zunehmend chronisch kranken und alten Menschen gewesen, weil sich so Sektoren- und Professionsgrenzen überwinden ließen. Im Eckpunktepapier werde die pflegerische Leitung dagegen auf eine reine Geschäftsverwaltung reduziert, statt sie fachlich auszugestalten – nach Lesart des DBfK ein verschwendetes Potenzial und ein Rückschritt für die Profession. Ein zweiter Kritikpunkt betraf die grundsätzliche Bewertung pflegerischer Arbeit. In den Eckpunkten werde die Qualität pflegerischer Versorgung nicht einmal erwähnt; Pflege erscheine – wie schon im System der Fallpauschalen – allein als Kostenfaktor, während Medizin als Leistung gelte. Damit würden, so der Verband, überkommene Machtstrukturen zementiert, anstatt die Reform am tatsächlichen Versorgungsbedarf der Patient:innen auszurichten. Zur inhaltlichen Stoßrichtung: Die Reform sollte das System entbürokratisieren, die Versorgungsqualität verbessern und durch eine Entökonomisierung den Druck der Fallpauschalen verringern. Geplant waren sogenannte Vorhaltepauschalen, mit denen rund ein Drittel der Kosten – vor allem für Personal und Technik – unabhängig von der Fallzahl gedeckt werden sollte; die übrigen zwei Drittel sollten weiter über Fallpauschalen erwirtschaftet werden. Hinzu kam eine Einteilung der Krankenhäuser in Level mit einheitlichen Mindeststandards bei Personal, Räumen und Ausstattung. Am 1\. Juni 2023 stellte Lauterbach gemeinsam mit den Länderministern Karl-Josef Laumann und Manfred Lucha sowie der Hamburger Gesundheitssenatorin Melanie Schlotzhauer die Ergebnisse einer erneuten Beratung der Bund-Länder-Arbeitsgruppe vor; ein [Interview Lauterbachs zur Krankenhausreform](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/interviews/interview/bild-01-06-2023-krankenhausreform.html?ref=uebergabe.de) gibt den damaligen Stand wieder. Die Grundstruktur galt als gesetzt, ein weiteres Treffen war für den 29\. Juni angekündigt, ein finaler Referentenentwurf über die Sommerpause. Lauterbachs Ziel war ein Inkrafttreten im Januar 2024\. Ob es danach noch zu Anpassungen zugunsten der pflegerischen Leitungsrolle kommen würde, war zum Zeitpunkt der Folge offen. ## KAP-Studie: Pflegende wünschen sich mehr Gehalt, sichere Dienstpläne und bessere Besetzung Die zweite Hauptmeldung widmete sich einer Arbeitsplatzstudie aus der Konzertierten Aktion Pflege (KAP). Die KAP wurde 2018 von der damaligen Großen Koalition als langfristiger Prozess zur Verbesserung der Pflege ins Leben gerufen – mit Zielen wie höheren Ausbildungszahlen, einer bundeseinheitlichen Personalbemessung, besserer Vergütung und besseren Arbeits- und Ausbildungsbedingungen. Auch unter der Ampelkoalition lief die Arbeit weiter; Hintergründe zur [Konzertierten Aktion Pflege](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/konzertierte-aktion-pflege.html?ref=uebergabe.de) stellt das Ministerium bereit. Am 12\. Mai 2023, dem Tag der beruflich Pflegenden, wurden die Ergebnisse veröffentlicht. Die Studie ging unter anderem den Fragen nach, wie ein zukunftsfähiger Pflegearbeitsplatz aussehen müsste, um beruflich Pflegende zu gewinnen, zu stärken und zu entlasten, welche Wünsche und Anforderungen sie an ihren Arbeitsplatz haben und wo sie die zentralen Handlungsbedarfe sehen. Ermittelt wurden dabei auch Gründe für einen Berufsausstieg oder eine Reduzierung der Arbeitszeit. Mehrere Punkte stachen heraus. An erster Stelle stand die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf – gewünscht wurden nicht nur verlässliche, sondern auch flexiblere Dienstpläne. Zweitens forderten die Befragten eine deutlich bessere Bezahlung; im Durchschnitt nannten sie knapp 40 Prozent mehr Gehalt. Weitere zentrale Anliegen waren eine am Pflegebedarf ausgerichtete Personalausstattung samt mehr Hilfspersonal zur Entlastung von pflegefremden Tätigkeiten, partizipative Führungsmodelle statt starrer Hierarchien sowie eine Stärkung der Profession – nicht nur über das Studium, sondern auch über Weiterbildung für erfahrene Pflegefachpersonen und neue Rollen mit echter Handlungsautonomie. Auch der digitale Arbeitsplatz, etwa die digitale Pflegekurve, und gezielte Maßnahmen für Berufseinstieg und Berufsverbleib wurden hervorgehoben. Auf drei Schlagworte zusammengefasst lässt sich das Ergebnis so beschreiben: mehr Gehalt, sichere Dienstplanung und bessere Besetzung. Wenn du tiefer einsteigen möchtest, lohnt der Blick in die [Veröffentlichung zum Tag der Pflegenden](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/tag-der-pflegenden.html?ref=uebergabe.de), die zur Kurz- und Langfassung führt. ## Kurznachrichten aus Politik, Ländern und Statistik ### PUEG nimmt weitere parlamentarische Hürde Das Pflegeunterstützungs- und Entlastungsgesetz (PUEG) wurde am 26\. Mai 2023 im Bundestag angenommen und ging anschließend an den Bundesrat. Zuvor hatte es Kritik aus der Opposition und von Verbänden gegeben. Die Präsidentin des Deutschen Pflegerates, Christine Vogler, machte deutlich, dass die im Gesetz vorgesehene Entlastung weder bei pflegenden Angehörigen noch in der professionellen Pflege wirklich ankomme. Sie verwies darauf, dass die seit 2017 erwartete Erhöhung zu spät komme und etwa im höchsten Pflegegrad rechnerisch nur rund 40 Euro mehr im Monat bedeute – angesichts der nötigen Versorgung und Materialien aus ihrer Sicht deutlich zu wenig. Grundsätzlich vermisste sie den Mut zu großen Schritten wie einem stärker steuerfinanzierten System, mehr Public Health und einer breiteren Verteilung von Handlungskompetenzen in die Gesundheitsfachberufe. Details zum Verfahren bietet die Übersicht zum [Pflegeunterstützungs- und Entlastungsgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegeunterstuetzungs-und-entlastungsgesetz-pueg.html?ref=uebergabe.de), ihre Einschätzung stammt aus einem [Interview im heute journal](https://www.zdf.de/nachrichten/heute-journal/pflegereform-deutscher-pflegerat-vogler-100.html?ref=uebergabe.de). ### Niedersachsen richtet Beschwerdestelle Pflege ein Das Land Niedersachsen hat eine Beschwerdestelle Pflege eingerichtet, die sich sowohl an Angehörige als auch an Pflegefachpersonen richtet. Eingehende Anliegen sollen systematisch ausgewertet und bearbeitet werden. Bemerkenswert ist der zeitliche Zusammenhang: Die gesetzliche Grundlage entstand im Dezember 2021, nur einen Monat nach der Auflösung der Pflegekammer Niedersachsen. Vieles spricht dafür, dass die Stelle – ähnlich wie die Ethikkommission – ursprünglich bei der Kammer angesiedelt werden sollte. Hintergründe liefert ein Beitrag über die [Beschwerdestelle Pflege in Niedersachsen](https://www.altenpflege-online.net/beschwerdestelle-pflege-soll-pflegequalitaet-verbessern/?utm%5Fsource=newsletter&utm%5Fmedium=email&utm%5Fcontent=Head%5FBeschwerdestelle+Pflege+soll+Pflegequalit%C3%A4t+verbessern&utm%5Fcampaign=AP%5FNL%5F20230516). ### Rheinland-Pfalz: eine Vision der Pflege für 2040 Anlässlich des Internationalen Tages der Pflegenden veröffentlichte die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz die Ergebnisse einer Online-Umfrage und formte daraus eine Vision der Pflege im Jahr 2040\. Genannt wurden unter anderem eine Vier-Tage-Woche, eine bessere Vergütung, altersgerechte Strukturen, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch flexible Arbeitszeitmodelle sowie ein am Pflegebedarf ausgerichteter Personalschlüssel. Die Vizepräsidentin der Kammer appellierte an die Politik, jetzt auf die Bedürfnisse der Berufsgruppe einzugehen, um möglichst viele Pflegefachpersonen im Beruf zu halten – andernfalls drohe eine dauerhafte Gefährdung der pflegerischen Versorgung, die am Ende alle betreffe. ### NRW: weniger neue Ausbildungsverträge In Nordrhein-Westfalen begannen 2022 rund neun Prozent weniger Menschen eine Ausbildung zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann als im Jahr zuvor. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes wurden 14.298 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen, gegenüber 15.700 im Jahr 2021\. Ende 2022 befanden sich insgesamt 39.201 Personen in dieser Ausbildung – rund drei Viertel von ihnen waren weiblich, ein Viertel männlich. ## Zum Weiterhören - [PU040 – Krankenhausstrukturreform / Pflegehilfeausbildung ohne Schulabschluss in Hessen / Verpflichtendes Gesellschaftsjahr in der Pflege](https://www.uebergabe.de/pu040/) - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken (Dr. Juliane Spank & Philipp Strnad)](https://www.uebergabe.de/ug188/) --- ## Quellen - [Pressemitteilung DBfK Krankenhausstrukturreform](https://www.dbfk.de/media/docs/presse/PM/Statement-DBfK%5FEckpunkte%5FKrankenhausreform.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Interview Lauterbach](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/interviews/interview/bild-01-06-2023-krankenhausreform.html?ref=uebergabe.de) (bmg.de) - [PflegeUpdate Folge 40: Krankenhausstrukturreform](https://www.uebergabe.de/pu040/) (uebergabe.de) - [Studie zur Berufszufriedenheit](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/tag-der-pflegenden.html?ref=uebergabe.de) (bmg.de) - [Website der KAP](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/konzertierte-aktion-pflege.html?ref=uebergabe.de) (bmg.de) - [PUEG](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegeunterstuetzungs-und-entlastungsgesetz-pueg.html?ref=uebergabe.de) (bmg.de) - [Vogler Interview ZDF](https://www.zdf.de/nachrichten/heute-journal/pflegereform-deutscher-pflegerat-vogler-100.html?ref=uebergabe.de) (zdf.de) - [Beschwerdestelle Pflege in NDS](https://www.altenpflege-online.net/beschwerdestelle-pflege-soll-pflegequalitaet-verbessern/?utm%5Fsource=newsletter&utm%5Fmedium=email&utm%5Fcontent=Head%5FBeschwerdestelle+Pflege+soll+Pflegequalit%C3%A4t+verbessern&utm%5Fcampaign=AP%5FNL%5F20230516) (altenpflege-online.de) - [Umfrage Pflegekammer RLP](https://www.pflegekammer-rlp.de/index.php/news-lesen-130/landespflegekammer-rheinland-pfalz-stellt-umfrageergebnisse-zur-professionellen-pflege-in-deutschland-vor.html?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-rlp.de) - [Rückgang der Ausbildungszahlen NRW](https://www.it.nrw/nrw-2021-22-prozent-weniger-auszubildende-als-im-vorjahr-zahl-der-neu-abgeschlossenen-17953?ref=uebergabe.de) (it.nrw) ### Gefahr einer Mangelernährung älterer Patient:innen im Krankenhaus URL: https://www.uebergabe.de/gefahr-einer-mangelernaehrung-aelterer-patientinnen-im-krankenhaus/ Last updated: 2026-06-25T12:14:33.000Z 💡 #5 | 01.06.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Florian-Banner-2-10.png "Florian-Banner") _This post is for paying subscribers only._ ### ParAScholaBi (Denise Döring & Lola Maria Amekor) URL: https://www.uebergabe.de/ug117/ Last updated: 2026-06-17T19:31:46.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 27.05.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Menschen mit längeren Bildungswegen sind eine engagierte, hoffnungsvolle Gruppe für die Pflege. - Eine vermutete Stigmatisierung konnte das Projekt bislang nicht nachweisen. - Finanzielle Förderung und Bürokratie sind die größten Hürden beim Einstieg. - Lebenserfahrung schützt vor dem klassischen Praxisschock. - Partizipation und Empowerment stehen im Zentrum des Forschungsansatzes. Stell dir vor, du bist Mitte 40, hast jahrelang in der Buchhaltung gearbeitet oder ein Schiff über die Weltmeere navigiert – und entscheidest dich, nochmal ganz neu anzufangen. In der Pflege. Genau diese Menschen stehen im Mittelpunkt eines Forschungsprojekts mit dem etwas sperrigen Namen ParAScholaBi. Hinter dem Kürzel verbirgt sich das „Partizipative Ausbildungskonzept zur Förderung und Entstigmatisierung von Schüler:innen mit längeren Bildungswegen vor der Pflegeausbildung". In einer Episode des Übergabe-Podcasts sprachen Denise Döring und Lola Maria Amekor über eine Berufsgruppe, die in Forschung und Gesellschaft bisher kaum beachtet wurde – obwohl sie für die Pflege erstaunlich viel mitbringt. ## Eine Gruppe, über die kaum jemand spricht Wenn wir an den Einstieg in die Pflege denken, haben wir meist ein bestimmtes Bild im Kopf: junge Menschen, die direkt nach dem Schulabschluss eine Ausbildung beginnen. Doch es gibt eine zweite, deutlich vielfältigere Gruppe – und die wurde lange übersehen. Gemeint sind Menschen, die vor ihrer generalistischen Pflegeausbildung etwas anderes gemacht haben: einen anderen Beruf, eine Pflegeassistenzausbildung oder lange Erziehungszeiten. Das Projekt fasst sie unter dem Begriff „Schüler:innen mit längeren Bildungswegen" zusammen. Angesiedelt ist die Forschung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, getragen wird sie interdisziplinär von der Didaktik der Pflege- und Gesundheitsberufe sowie der Sozialpädagogik. Gefördert wird das Vorhaben vom [Bundesinstitut für Berufsbildung](https://www.bibb.de/de/152090.php?ref=uebergabe.de), dem auffiel, dass zu dieser Personengruppe erstaunlich wenig belastbares Wissen existiert. Dabei ist das Phänomen gar nicht so neu, wie es scheint. Berufsbiografien verlaufen heute seltener geradlinig – sie haben Kurven, Brüche, Neuanfänge. Und gerade die Pflege gilt für viele Jobcenter und Arbeitsagenturen als ein Bereich, in den man Arbeitssuchende vermitteln kann, weil dort händeringend Personal gesucht wird. Was fehlte, war ein genauer Blick darauf, wie es diesen Menschen eigentlich geht: Was erleben sie? Was wünschen sie sich? Und was brauchen sie, damit der Übergang gelingt? ## Vom Verdacht der Stigmatisierung – und seiner Entwarnung Im Projektnamen steckt das Wort „Entstigmatisierung". Das klingt nach einem ernsten Problem – doch die Realität sieht erfreulicher aus. Das Forschungsteam hatte die These aufgestellt, dass Menschen, die nicht dem normativen Bild „Schule, dann direkt Ausbildung" entsprechen, in der Pflege womöglich auf Vorbehalte stoßen, etwa wegen ihres Alters. Befragt wurden Lehrende, Praxisanleitende, die umschulenden Personen selbst sowie Mitarbeitende von Agentur für Arbeit und Jobcentern. Das Ergebnis war überraschend positiv. > *„Das ist eine These, die wir aufgestellt haben – und die wir bislang zum Glück nicht belegen konnten." — Denise Döring* Statt Ablehnung berichteten die Befragten von großem Engagement und Wertschätzung. Das Alter und die Lebenserfahrung dieser Menschen werden nicht als Defizit, sondern als Gewinn empfunden. In der Berufsgruppe selbst sind sie ausgesprochen gern gesehen. Wichtig ist allerdings die Einschränkung: Die gesellschaftliche Perspektive – also wie das Umfeld außerhalb der „Pflege-Bubble" auf diesen Weg blickt – hat das Projekt bewusst noch nicht untersucht. Im Fokus standen zunächst die umschulenden Personen selbst. ## Heterogen, motiviert und voller Lebenserfahrung Was diese Gruppe so besonders macht, ist ihre Vielfalt. Da sind zum einen Menschen, die schon lange als Pflegeassistent:innen oder -helfer:innen gearbeitet haben – manche mit einem sechswöchigen Kurs, andere mit zweijähriger Assistenzausbildung. Sie wollen mehr Verantwortung, mehr Wissen, mehr Gehalt und werden oft von Kolleg:innen oder Vorgesetzten ermutigt, den nächsten Schritt zu gehen. Zum anderen gibt es Quereinsteiger:innen aus völlig anderen Welten: aus der Gastronomie, dem Callcenter, der Buchhaltung, aber auch studierte BWLer:innen, eine Person aus der Organisationsentwicklung, ein:e Archäolog:in. Manche haben Angehörige gepflegt und dabei gemerkt, dass ihnen die Arbeit mit Menschen Sinn gibt. Diese Lebenserfahrung wirkt sich spürbar auf die Ausbildung aus. Themen wie Ekel, Scham, Schmerz, Tod und Sterben begegnen vielen nicht zum ersten Mal – sie haben sie schon im eigenen Leben erlebt und können ihnen souveräner begegnen. Hinzu kommt: Wer mit Anfang 40 eine bewusste Entscheidung trifft, hat sich diesen Weg meist gut überlegt. Beim Arbeitsamt wird teils sogar darauf gedrängt, vorab ein Praktikum zu machen, um zu prüfen, ob der Beruf wirklich passt. Das Resultat ist eine Gruppe, die als besonders „hoffnungsvoll" beschrieben wird: Menschen, die länger im Beruf bleiben und schnell verantwortungsvolle Positionen übernehmen. ## Wenn der Neuanfang das ganze Leben betrifft So vielversprechend die Gruppe ist – der Weg in die Pflege ist alles andere als ein Spaziergang. Eine Ausbildung im mittleren Lebensalter zu beginnen, hat Konsequenzen, die weit über den Berufswechsel hinausgehen. Ein Ausbildungsgehalt ernährt selten eine Familie, ein abzuzahlendes Haus oder andere finanzielle Verpflichtungen lassen sich damit kaum stemmen. Dazu kommt: Lernen muss erst wieder gelernt werden. Viele haben jahrzehntelang nicht mehr in einer Schulklasse gesessen, keine Klausuren geschrieben, keine Vorträge gehalten. Die Sorge davor war eine der am häufigsten genannten Hürden. > *„Da gehört für uns schon eine große Portion Mut dazu – das wurde uns auch von den umschulenden Personen so erzählt." — Lola Maria Amekor* Entscheidend ist deshalb das soziale Netz: Familie, Partner:in, Freund:innen, die mittragen, Kinder versorgen und Freiräume zum Lernen ermöglichen. Doch genau dieses Netz erzeugt auch Druck – denn scheitert die Ausbildung, war nicht nur die eigene Zeit umsonst investiert, sondern auch die aller, die unterstützt haben. Verschärft wird das dadurch, dass die finanzielle Förderung teils an den Erfolg geknüpft ist: Wer schlechte Noten schreibt, riskiert, dass die Unterstützung eingestellt wird. Genau hier liegt eine der größten Baustellen. ## Bürokratie, Rollenkonflikte und ein gut gehütetes Geheimnis Eine zentrale Erkenntnis: Viele Menschen wissen gar nicht, dass es überhaupt Fördermöglichkeiten gibt. Instrumente wie das Qualifizierungschancengesetz ermöglichen Beschäftigten, gemeinsam mit ihren Arbeitgebenden eine Umschulung zu finanzieren – doch davon erfahren manche nur über zehn Ecken. Und selbst wer Bescheid weiß, kämpft sich durch einen, wie es eine befragte Person nannte, „Papierwust". Sogar Mitarbeitende der Arbeitsagenturen wünschen sich hier schnellere Verfahren. Ein weiteres Phänomen sind Rollenkonflikte in der Praxis. Wer als Pflegehelfer:in auf einer Station angestellt war und dort zur Auszubildenden wird, muss sich das Lernen oft regelrecht erkämpfen. Statt neue Kompetenzen zu erwerben, werden diese Personen weiter als Helfende adressiert und eingesetzt. Manche Einrichtungen lösen das pragmatisch, indem sie die Person für die Ausbildung auf eine neue Station versetzen. Spannend war auch der Blick auf die Lernorte: Während die Schule mit dem „Wieder-Lernen" als große Herausforderung erlebt wurde, war der Lernort Praxis für viele – gerade mit Vorerfahrung – eher interessant als beängstigend. Den klassischen Praxisschock gab es kaum, weil die Lebenserfahrung als Schutzschild wirkt. ## Partizipation statt Belehrung Das vielleicht spannendste Wort im Projekttitel ist „partizipativ". Denn das Team will nicht über die umschulenden Personen sprechen, sondern mit ihnen. Geplant ist eine partizipative Website, auf der Betroffene selbst Materialien hochladen können – Sprachnachrichten, Fotos, Ausschnitte aus Mitschriften, alles, was ihnen wichtig erscheint. So sollen sie selbst zu Wort kommen und mitgestalten. Dahinter steht ein klarer Empowerment-Gedanke: Es geht nicht darum, Machtstrukturen zu wiederholen und vorzugeben, was gut für die Menschen sei, sondern danach zu fragen, was sie wirklich brauchen. Bemerkenswert: Das Team verabschiedet sich vom defizitären Denken. Es geht längst nicht mehr nur darum, Menschen zu „helfen", etwas nachzuholen. Vielmehr zeigt sich, dass viele dank ihrer Lebenserfahrung schnell lernen und eigentlich viel lieber eigene Schwerpunkte setzen würden. Warum also nicht eigene Projekte als anrechenbare Leistung in die Ausbildung integrieren? Aus den Interviews entstanden konkrete [Konzeptbausteine zur Mitwirkung](https://www.uebergabe.de/content/files/de/projekt-parascholabi/konzeptbausteine-zur-mitwirkung-parascholabi-02-23-1.pdf) – darunter die Idee, auch kleineren Pflegeschulen Schulsozialarbeit zu ermöglichen, die es an großen Bildungscampi längst gibt. ## Die große Frage: Zugang erleichtern oder Kompetenzen heben? Im Gespräch entspann sich auch eine grundsätzliche Debatte über Zugangsvoraussetzungen und Professionalisierung. Deutschland gehört in der EU zu den wenigen Ländern, in denen Pflege noch primär als Ausbildungsberuf organisiert ist – mit vergleichsweise niedrigen Zugangshürden. Im Schatten des Fachkräftemangels schwingt schnell die Sorge mit, man könnte die Anforderungen weiter senken und in eine Deprofessionalisierung rutschen. Doch das Forschungsteam plädiert für den umgekehrten Weg. > *„Ich gehe total mit, dass man einen hohen Bildungsstand braucht, um diesen Beruf zu machen. Die Frage ist, wie wir Menschen dahin bekommen, diesen Stand zu erreichen." — Lola Maria Amekor* Der Gedanke dahinter: Ein Abiturzeugnis ist letztlich nur ein Zertifikat über bestimmte Kompetenzen. Viele intelligente Menschen hatten schlechte Schulerfahrungen – nicht, weil ihnen Fähigkeiten fehlten, sondern weil sie sich dem System nicht anpassen konnten. Statt sie auszusortieren, könnte man sie gezielt fördern, etwa durch eine modulare Ausbildung, die Lernende dort Zeit investieren lässt, wo sie sie brauchen. Auch ein Kompetenzmessungsinstrument, das berufliche Vorerfahrung anerkennt und Ausbildungen verkürzt, ist ein möglicher Baustein für die kommenden Projektphasen. Hinzu kommt die europäische Perspektive: Unterschiedliche Qualifikationsniveaus führen zu langwierigen Anerkennungsverfahren und Frust – eine Angleichung könnte dem Beruf ein besseres Image und mehr Durchlässigkeit verschaffen. ## Wo das Projekt steht – und was bleiben soll Ungefähr die Hälfte des Weges war geschafft. Das seit 2021 laufende Projekt arbeitet nach einem fortlaufenden Forschungsansatz und gliedert sich grob in drei Phasen: Erst ging das Team ins Feld und erhob Daten zu Herausforderungen und Ressourcen, dann entwickelte es Konzepte, die nun pilotiert und evaluiert werden. Bis zum geplanten Projektende 2025 bleibt also noch viel Raum zur gemeinsamen Gestaltung. Erste Ergebnisse fließen schon jetzt in kompakte Infopaper für die vier befragten Akteursgruppen, in tiefergehende Handreichungen, Fachveröffentlichungen und Kongressvorträge. Das übergeordnete Ziel: Sichtbarkeit und Wertschätzung. Es soll normaler werden zu sagen „Ich bin 40 und orientiere mich nochmal um." Berufliche Vorerfahrungen – ob soziale Kompetenz aus dem Pflegealltag oder das Geschick, Essen ansprechend anzurichten, das jemand aus der Gastronomie mitbringt – sollen nicht als Bruch abgetan, sondern als Ressource begriffen werden. Da das Projekt mit dem BIBB eine politiknahe Institution an seiner Seite hat, könnten Erkenntnisse zur Förderung und zum erleichterten Einstieg auch den Weg in die Politik finden. Wer das Projekt mit der eigenen Perspektive unterstützen möchte, ist eingeladen, sich über die Projektseite der Universität zu melden – für die nächste Phase werden weiterhin Teilnehmende gesucht. ## Zum Weiterhören - [ÜG189 – BAPID - die neue Bildungsarchitektur für die Pflege (Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen Hoops)](https://www.uebergabe.de/ug189/) - [ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann)](https://www.uebergabe.de/ug168/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes In Folge 117 sprechen wir mit Denise Döring und Lola Maria Amekor. Beide arbeiten im Projekt "ParAScholaBi". Dies ist ein Partizipatives Ausbildungskonzept zur Förderung und Entstigmatisierung von Schüler:innen mit längeren Bildungswegen vor der Pflegeausbildung. Dabei geht es darum, Personen, die bereits eine Ausbildung absolviert haben, die Umorientierung in de Pflegeberuf zu ermöglichen und zu erleichtern. Das ist nicht so einfach, wie beide Expertinnen im Interview berichten. Könnte es ein zukunftsweisendes Projekt gegen den Personalmangel sein? ### Shownotes - [Projekt ParAScholaBi](https://www.pflegepaedagogik.uni-kiel.de/de/projekt-parascholabi/parascholabi?ref=uebergabe.de) - [Projektübersicht beim BIBB](https://www.bibb.de/de/152090.php?ref=uebergabe.de) - [Konzeptbausteine](https://www.uebergabe.de/content/files/de/projekt-parascholabi/konzeptbausteine-zur-mitwirkung-parascholabi-02-23-1.pdf) ### Live vom Junge Pflege Kongress in Bochum - Teil 2 URL: https://www.uebergabe.de/pu049/ Last updated: 2026-06-17T19:43:28.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 23.05.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Berufsverbände machen Pflege auf Bundesebene sichtbar – Organisieren lohnt sich. - Der Tarifvertrag Entlastung wird in NRW umgesetzt, Verbesserungen brauchen noch Zeit. - Pflege-Influencer:innen tragen Verantwortung für das Bild des Berufs. - Die Kampagne Pflegestufe Rot setzt künftig auf positivere Töne. Dies ist der zweite Teil der Aufnahmen vom Junge Pflege Kongress des DBfK Nordwest in Bochum. Das Material reichte für zwei Folgen – diesmal kommen Stimmen aus Berufsverband, Gewerkschaft und der Social-Media-Welt zu Wort, dazu Eindrücke von Kongressbesucher:innen. Worum es bei den einzelnen Gesprächen ging und warum die Themen relevant sind, ordnet dieser Teil ein. ## Berufsverbände machen Pflege auf Bundesebene sichtbar Lina Gürtler ist Sprecherin der Lenkungsgruppe der Jungen Pflege im DBfK und hielt auf dem Kongress einen Vortrag über die Arbeit von Berufsverbänden. Ihr zentrales Argument: In der Pflege gibt es bislang nur wenige Wege, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Über die Mitgliedschaft in einem Berufsverband ist man indirekt auch im Deutschen Pflegerat eingebunden – aus ihrer Sicht derzeit eine der wenigen Möglichkeiten, auf Bundesebene überhaupt sichtbar zu werden. Die [Strukturen des DBfK](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de) erklärte sie so: Der Verband besteht aus mehreren Regionalverbänden, die jeweils eine AG Junge Pflege haben. Aus diesen Arbeitsgruppen heraus wird die Lenkungsgruppe gewählt, die die AGs vernetzt und die bundesweit relevanten Themen bearbeitet. Wer mehr über diese ehrenamtliche Struktur erfahren möchte, findet die [Lenkungsgruppe Junge Pflege auf Instagram](https://www.instagram.com/jungepflege%5Fdbfk/?hl=de&ref=uebergabe.de). Ihr Appell an junge Pflegende und Auszubildende: Der Beruf lässt sich aktiv gestalten und bietet viele Perspektiven. Sie warb dafür, bei Frustration über Personalsituation und Schichtdienst nicht gleich den Ausstieg zu erwägen – denn Berufspädagogik, Pflegepolitik, Pflegemanagement oder Tätigkeiten bei Kranken­kassen und beim Medizinischen Dienst seien Wege, im weiteren Sinne in der Pflege zu bleiben. ## Tarifvertrag Entlastung: In NRW noch in der Umsetzung Zwei Vertreterinnen der Gewerkschaft ver.di stellten in einem Vortrag die Arbeitsweise von Gewerkschaften vor. Im Anschluss sprach Vicky, Jugendkoordinatorin im Landesfachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Wissenschaft und Forschung, über die Rolle der Gewerkschaft. Genaue Mitgliederzahlen examinierter Pflegefachpersonen konnte sie nicht nennen, betonte aber, ver.di sei die größte Organisation, in der sich Pflegefachpersonen in Deutschland zusammenschließen. Ein Schwerpunkt war der Tarifvertrag Entlastung (TV-E). Bundesweit haben sich verschiedene Kliniken auf den Weg gemacht, solche Verträge mit ihren Arbeitgebern zu erkämpfen, um Arbeits- und Ausbildungsbedingungen zu verbessern. Wichtig zum Zeitpunkt der Folge im Mai 2023: In Nordrhein-Westfalen befand sich die Umsetzung noch in einer frühen Phase. Spürbare Verbesserungen waren damals für viele Kolleg:innen noch nicht angekommen, weil die Betriebe Personal aufbauen und Abläufe umstellen müssen, bevor die Vereinbarungen greifen. Spannend ist die Frage, woher die Verhältniszahlen zwischen Patient:innen und Personal stammen. Nach Darstellung von Vicky haben nicht die hauptamtlichen Gewerkschaftsmitarbeitenden diese Grenzen festgelegt, sondern die Beschäftigten auf den Stationen selbst. Sie schauten sich Pflegeaufwand und Schweregrad der Erkrankungen an und leiteten daraus für ihre jeweiligen Bereiche Forderungen ab – entsprechend unterschiedlich fallen die Zahlen etwa zwischen Allgemein- und Intensivstation aus. Ihre Botschaft an junge Kolleg:innen: Bessere Arbeitsbedingungen entstehen nicht von allein, deshalb lohnt sich gewerkschaftliches Engagement – nicht nur für mehr Geld, sondern auch für die Versorgung der Menschen. ## Pflege-Influencer:innen und ihre Verantwortung In einer Podiumsdiskussion sprachen mehrere bekannte Social-Media-Gesichter der Pflege über die Verantwortung, die mit Reichweite einhergeht. Janine, examinierte Gesundheits- und Kinderkranken­pflegerin, vertrat den Gedanken, dass im Grunde alle Pflegenden „Influencer:innen" seien, weil jede:r das Bild des Berufs nach außen mitprägt. Metin, Gesundheits- und Krankenpfleger mit Schwerpunkt auf Unterhaltung, betonte die besondere Verantwortung, weil es in der Pflege um Menschen mit eigenen Schicksalen geht – gleichzeitig habe jede:r ein eigenes Themenfeld, von Unterhaltung über Politik bis zum Pflegestudium. Die beiden findest du auf [Metins Instagram-Kanal](https://www.instagram.com/metinlevindogru/?hl=de&ref=uebergabe.de). Beide warben dafür, sich gegenseitig zu unterstützen, statt – wie Janine es nannte – „Pflege-Bitching" zu betreiben, das weder den Teams noch dem Ansehen des Berufs guttue. Ihre Botschaft an Auszubildende und Studierende: Die Ausbildung ist anspruchsvoll, lohnt sich aber, weil danach viele Türen offenstehen. Tobias, angehender Pflegepädagoge mitten in der Bachelorarbeit, stellte gemeinsam mit anderen das Videoprojekt [#NurEinVideo?](https://www.instagram.com/reel/CqGVt7RPkwf/?utm%5Fsource=ig%5Fweb%5Fcopy%5Flink&igshid=MzRlODBiNWFlZA==) vor. Anlass war, dass einzelne Pflegende den Beruf in ein schlechtes Licht gerückt hatten, indem sie Patient:innen ohne deren Wissen filmten oder nebenbei in Livestreams Essen anreichten. Der Titel spielt darauf an, dass ein solcher Clip im Moment „nur ein Video" zu sein scheint – das Internet aber nichts vergisst. Den Begriff „Influencer:in" sah Tobias kritischer: Einfluss nehme zwar jede:r, doch nicht alle sollten sich darüber definieren. ## Pflegestufe Rot: Von der Provokation zum positiveren Ton Julian berichtete über die Kampagne Pflegestufe Rot, die 2020 in der Corona-Zeit entstand, um auf den Pflegenotstand aufmerksam zu machen. Bekannt wurde sie durch den Film „Applaus reicht nicht aus", der in der Pflegeszene viral ging und mehrfach ausgezeichnet wurde – unter anderem als bester Wirtschaftsfilm Europas in Cannes, wobei der Preis pandemiebedingt nicht persönlich entgegengenommen werden konnte. In einem weiteren, bewusst zynisch-sarkastischen Film trat der Dortmunder Tuning-Experte Jean-Pierre Kraemer auf und präsentierte ein fiktives Reinigungsmittel aus „Schweiß und Tränen" von Pflegenden. Julian deutete an, dass sich die Kampagne weiterentwickelt. Provokative, negativ zugespitzte Aktionen hätten ihre Berechtigung gehabt und die nötige Aufmerksamkeit erzeugt – inzwischen wandle sich aber vieles ins Positive, und mit dieser Entwicklung wolle man mitgehen. Zum Zeitpunkt der Aufnahme kündigte er für den Tag der Pflegenden eine neue Veröffentlichung an. Trotz aller Kritik an den Zuständen, so sein wiederkehrender Gedanke, bleibe Pflege ein Beruf, für den es sich lohne. Das anlässlich des Tages der Pflegenden veröffentlichte [Video der Pflegestufe Rot](https://www.youtube.com/watch?v=q541K0nP6cg&ref=uebergabe.de) kannst du dir im Anschluss ansehen. ## Stimmen vom Kongress: Studierende wollen sichtbar werden Zwischen den Vorträgen kamen auch Kongressbesucher:innen zu Wort. Michael, Public-Health-Student und gesundheitspolitisch aktiv, hatte über Praktika gemerkt, dass die direkte Pflegearbeit nicht sein Weg ist – das Thema aber nie ganz losgelassen. Auf dem Kongress nutzte er die gesundheitspolitische Vernetzung und wollte einen DBfK-Mitgliedsantrag einwerfen. Charlotte, 27, studiert Pflege und Gesundheit an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf-Kaiserswerth. Sie machte deutlich, wie wenig bekannt das Pflegestudium oft noch ist – selbst examinierte Kolleg:innen in der Praxis fragten sie, was das eigentlich sei. Ein Thema, das viele Studierende beschäftigt: Im Studium wird häufig schlechter oder gar nicht vergütet, obwohl ähnlich viele Praxisstunden anfallen wie in der Ausbildung. Zum Zeitpunkt der Folge war eine bessere Vergütung politisch in der Diskussion. Charlotte warb außerdem dafür, die Pflegekammern zu unterstützen, weil deren Nutzen vielen Pflegenden noch nicht klar sei. ## Zum Weiterhören - [PU048 – Live vom Junge Pflege Kongress in Bochum - Teil 1](https://www.uebergabe.de/pu048/) - [PU032 – Der Tarifvertrag Entlastung / Pflegekammer in Berlin](https://www.uebergabe.de/pu032/) - [ÜG068 – Pflege in den Medien - Social Media (Franziska Böhler & Ugur Cetinkaya)](https://www.uebergabe.de/ug068/) --- ### Quellen - [DBfK Nordwest](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Lenkungsgruppe Junge Pflege im DBfK](https://www.instagram.com/jungepflege%5Fdbfk/?hl=de&ref=uebergabe.de) (instagram.com) - [Video der Pflegestufe Rot](https://www.youtube.com/watch?v=q541K0nP6cg&ref=uebergabe.de) (youtube.com) - [Videoprojekt #NurEinVideo?](https://www.instagram.com/reel/CqGVt7RPkwf/?utm%5Fsource=ig%5Fweb%5Fcopy%5Flink&igshid=MzRlODBiNWFlZA==) (instagram.com) - [Metins Instagram](https://www.instagram.com/metinlevindogru/?hl=de&ref=uebergabe.de) (instagram.com) - [Einfach Jean Instagram](https://www.instagram.com/einfach.jean/?ref=uebergabe.de) (instagram.com) ### Live vom Junge Pflege Kongress in Bochum - Teil 1 URL: https://www.uebergabe.de/pu048/ Last updated: 2026-06-13T22:08:04.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 20.05.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Junge Pflege Kongress in Bochum stand 2023 unter dem Motto „Nurse the System". - Der einfachste Einstieg in Berufspolitik führt über bestehende Organisationen statt über Einzelaktionen im Netz. - Pflegekammer-Präsidentin Sandra Postel kritisiert Sonderregelungen im geplanten Kammergesetz Baden-Württembergs. - Praxisanleitung und Hochschulen ziehen gemischte Bilanz zur generalistischen Ausbildung. Diese Folge des PflegeUpdates ist ein Sonderformat: Die Hosts waren beim Junge Pflege Kongress in Bochum und haben den Kongresstag begleitet. Weil das Programm umfangreich war, ist dies der erste von zwei Teilen. Wir fassen die wichtigsten inhaltlichen Punkte für dich zusammen – von den Beweggründen der Veranstalter:innen über Wege in die Berufspolitik bis zu Pflegekammer, Generalistik und Fördermöglichkeiten. ## „Nurse the System": Worum es beim Junge Pflege Kongress 2023 ging Organisiert wurde der Kongress von der AG Junge Pflege des [DBfK Nordwest](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de), die Auszubildende, Studierende und frisch examinierte Pflegefachpersonen vertritt. Die beiden Koordinierenden schilderten, dass sie selbst über berufspolitischen Unterricht in der Ausbildung zum Engagement gekommen sind – ein Weg, der sich durch viele Gespräche dieser Folge zieht. Das Kongressmotto „Nurse the System" zielt darauf, das Gesundheitssystem aus der Pflege heraus zu verändern. Der Grundgedanke: Pflegefachpersonen sind Teil des Systems, kennen die Versorgung am besten und sollten die Gestaltung selbst in die Hand nehmen. Ziel des Tages war es, möglichst breit zu zeigen, wie unterschiedlich berufspolitisches Engagement aussehen kann – ob in Vollzeit, Teilzeit oder neben familiären Verpflichtungen. Wer Interesse hat, kann über die [Junge Pflege](https://www.junge-pflege.de/?ref=uebergabe.de) niedrigschwellig einsteigen. ## Berufspolitik ist mehr als der Gesundheitsminister Den fachlichen Auftakt machte ein Vortrag von Johannes Wünscher, Gesundheits- und Krankenpfleger mit Public-Health-Studium. Seine Kernbotschaft: Viele Auszubildende verbinden Pflege- und Gesundheitspolitik fast ausschließlich mit der Bundesebene und dem jeweiligen Gesundheitsminister. Tatsächlich besteht Berufspolitik aber aus vielen Ebenen und Akteuren – und ist dadurch weniger übermächtig, als sie oft wirkt. Sein Rat für den Einstieg: Statt sich als Einzelperson in Social-Media-Debatten zu verstricken, die man inhaltlich kaum allein tragen kann, sollte man sich bestehenden Strukturen anschließen – etwa Berufsverbänden, Gewerkschaften oder, je nach Bundesland, den Pflegekammern. Dort gebe es niedrigschwellige Angebote und Kontakte zu Mandatsträger:innen. Als drängendstes Problem benannte er zum Zeitpunkt der Folge die fehlende nachhaltige Finanzierung von Pflege und Gesundheit: Im Bundestag werde damals zwar über die Lage der Pflegeversicherung diskutiert, eine dauerhafte Lösung sei aber nicht in Sicht. An der Finanzierung hänge vieles weitere – etwa drohende Insolvenzen in der Langzeitpflege, weil Tarifsteigerungen nicht refinanziert würden. ## Parteipolitik trifft Pflege: Stimmen von der Podiumsdiskussion Auf einer Podiumsdiskussion sprachen vier Politiker:innen mit pflegerischem Hintergrund über die Pflege. Vertreten waren Bündnis 90/Die Grünen, die FDP, die CDU und die SPD; die Vertretung der Linken war zum Zeitpunkt der Aufzeichnung bereits abgereist. Auffällig war, dass alle Befragten selbst aus Pflege- oder Gesundheitsberufen kommen und über Berufsverband oder Kammer in die Politik gefunden haben. Inhaltlich zeigten sich unterschiedliche Schwerpunkte: vom Wunsch nach besseren Ausbildungsbedingungen – etwa Auszubildende nicht auf den Personalschlüssel anzurechnen und Praxisanleitung zu stärken – über die Einordnung der Pflege in einen gesamtgesundheitlichen Kontext bis hin zur Beobachtung, dass die Wertschätzung gegenüber der professionellen Pflege in der Politik gewachsen sei. Mehrfach klang an, dass das Thema in den eigenen Parteien zwar präsenter werde, aber nie „genügend" Raum bekomme. ## Pflegekammer NRW: Was junge Pflegende erwarten können Ein längeres Gespräch führten die Hosts mit Sandra Postel, Präsidentin der [Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de) – nach eigener Angabe der größten Heilberufskammer Deutschlands. Sie ordnete ein, warum es so lange gedauert hat, bis Pflegekammern in Deutschland entstanden sind: Die Berufsgruppe sei lange wenig vernetzt gewesen, und eine Kammer bedeute einen tiefgreifenden Strukturwandel, der Widerstände und Ängste auslöse – auch mit Blick auf bestehende Besitzstände. Mit Blick auf Baden-Württemberg, wo damals die Gesetzgebung für eine Pflegekammer lief und die zweite Lesung anstand, äußerte Postel deutliche Kritik. Problematisch sei, dass dort ein eigenständiges Pflegeberufekammergesetz geplant war, das die Pflege von den übrigen Heilberufen entkoppelt – ein Einzelgesetz lasse sich leichter wieder abschaffen. Zudem würden die Merkmale der Mitgliedschaft für die Pflege anders definiert als für andere Heilberufe (zusätzlich zur Berufserlaubnis und zum Wohnort auch die tatsächliche Tätigkeit in der Pflege), was eine spätere Überführung ins gemeinsame Heilberufsgesetz erschwere. Auch das vorgesehene Quorum sah sie kritisch. Zugleich würdigte sie, dass sich die Politik dort überhaupt auf den Weg gemacht habe. Für junge Pflegende, die nach der Ausbildung automatisch Kammermitglied werden, skizzierte Postel die Aufbauarbeit: eine gemeinsame Agenda für eine sehr heterogene Berufsgruppe entwickeln, nach innen und außen wirken und mit Stellungnahmen präsent sein – etwa zu Leiharbeit, pflegenden Angehörigen, Gewalt in der Pflege und zur Kinderkrankenpflege. Ihr Appell an den Nachwuchs: kritisch und unbequem bleiben, sich aber gezielt Verbündete suchen, weil in der Pflegepolitik nichts geschenkt werde. ## Generalistik in der Praxis: Bilanz von Praxisanleitung und Hochschule Auf der Ausstellungsfläche stellten sich Arbeitgeber:innen, Hochschulen und Weiterbildungsstätten vor. Eine Praxisanleiterin der [Alexianer aus Münster](https://www.alexianer-muenster.de/?ref=uebergabe.de) zog eine gemischte Bilanz zur generalistischen Pflegeausbildung. Manche Auszubildende hätten gezielt darauf gewartet, in der Umsetzung hapere es aber noch. Häufig fühlten sich Lernende im dritten Ausbildungsjahr unzureichend auf das Examen vorbereitet, weil im zweiten Jahr viele Außeneinsätze stattfänden und Stationsabläufe so schwerer verinnerlicht würden. Positiv seien hingegen die frei wählbaren Wunscheinsätze. Für die Praxisanleitung bedeute die Generalistik, individueller anzusetzen, weil der Wissensstand der Auszubildenden heterogener geworden sei. ### Pflegestudium und Vergütung An der [Hochschule Osnabrück](https://www.hs-osnabrueck.de/studium/studienangebot/bachelor/pflegewissenschaft-ba-berufsbegleitend/?ref=uebergabe.de) umfasst das Angebot unter anderem Pflegewissenschaft, Pflegemanagement, ein duales Format sowie den interprofessionellen Masterstudiengang HELP, in dem Pflege- und Therapieberufe gemeinsam studieren. Die Hochschule ist über das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) und dessen Expertenstandards bundesweit vernetzt. Mit Blick auf die damals diskutierte Vergütung von Pflegestudierenden zeigten sich die Vertreterinnen offen für eine stärkere Ausrichtung auf primärqualifizierende Studiengänge – sahen aber das Problem, dass die große Berufsgruppe so kaum vollständig auszubilden sei. Dies sei letztlich eine politische und finanzielle Frage. ### Weiterbildungsstipendium der SBB Ergänzend informierte die Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung (SBB) über ihre [Stipendienprogramme](https://www.sbb-stipendien.de/sbb-start?ref=uebergabe.de). Das Weiterbildungsstipendium richtet sich an Berufseinsteiger:innen direkt nach der Ausbildung. Voraussetzung ist ein Abschluss von 1,9 oder besser beziehungsweise ein Vorschlag durch die Fachschule. Wer aufgenommen wird, erhält über drei Jahre insgesamt rund 8.700 Euro für Weiterbildungen – von Wochenendseminaren bis zum berufsbegleitenden Studium. In den Gesundheitsfachberufen gilt eine erweiterte Altersgrenze, weil Fachschuljahre angerechnet werden können; Bewerbungsschluss ist jährlich der 15\. Februar. ## Eindrücke vom Kongress Den Abschluss des ersten Teils bildeten Stimmen junger Pflegender selbst. Eine Auszubildende zur Pflegefachfrau berichtete, dass Pflegepolitik in ihrer Ausbildung kaum vorkomme und der Kongress für sie ein erster Anlaufpunkt sei, um sich zu engagieren – auch wenn sie als Beschäftigte in der Altenpflege zunächst befürchtet hatte, auf einem stark akutpflegerisch geprägten Podium zu kurz zu kommen. Insgesamt zogen die Hosts ein positives Fazit: Der Kongress habe mit rund 2.750 Teilnehmenden gezeigt, wie viele junge Menschen sich für ihren Beruf und dessen Gestaltung interessieren. Teil 2 mit weiteren Gesprächen folgt. ## Zum Weiterhören - [PU049 – Live vom Junge Pflege Kongress in Bochum - Teil 2](https://www.uebergabe.de/pu049/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [ÜG129 – Kammergründung in Baden-Württemberg (Anne-Katrin Gerhardts)](https://www.uebergabe.de/ug129/) --- ## Quellen - [DBfK Nordwest](https://www.dbfk.de/de/index.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Junge Pflege](https://www.junge-pflege.de/?ref=uebergabe.de) (junge-pflege.de) - [Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nrw.de) - [Alexianer aus Münster](https://www.alexianer-muenster.de/?ref=uebergabe.de) (alexianer.de) - [Hochschule Osnabrück](https://www.hs-osnabrueck.de/studium/studienangebot/bachelor/pflegewissenschaft-ba-berufsbegleitend/?ref=uebergabe.de) (hs-osnabrueck.de) - [Stipendien bei der SBB](https://www.sbb-stipendien.de/sbb-start?ref=uebergabe.de) (sbb.de) ### Notfallmanagement in Pflegeheimen URL: https://www.uebergabe.de/notfallmanagement-in-pflegeheimen/ Last updated: 2024-03-26T20:58:58.000Z 🗓️ #4 | 18.05.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Christian-Banner-2-1.png "Christian-Banner") _This post is for paying subscribers only._ ### International Council of Nurses (Dr. Karen Bjøro) URL: https://www.uebergabe.de/ug116/ Last updated: 2026-06-13T11:43:43.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 12.05.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der ICN ist seit 1899 die globale Stimme von rund 28 Millionen Pflegefachpersonen. - 135 nationale Verbände – darunter der DBfK – bilden das weltweite Dachnetzwerk. - Der Pflegekräftemangel gilt dem ICN als globaler Gesundheitsnotstand. - Code of Ethics und Pflegedefinition prägen Pflege weltweit. - Nicht resiliente Pflegende, sondern resiliente Gesundheitssysteme braucht es. Zum Tag der Pflegenden haben wir uns etwas Besonderes vorgenommen: ein Gespräch über Ländergrenzen hinweg – per Telefon nach Norwegen. Dort lebt und arbeitet **Dr. Karen Bjøro**, die zum Zeitpunkt der Aufnahme zweite Vizepräsidentin des [International Council of Nurses](https://www.icn.ch/?ref=uebergabe.de) (ICN) war. Sie hat uns mitgenommen in eine Organisation, von der viele in der Pflege schon einmal gehört haben – meist im Zusammenhang mit dem Ethikkodex –, deren Reichweite und Bedeutung aber selten wirklich greifbar wird. Höchste Zeit also, das zu ändern. ## Von der Intensivstation bis ins globale Politiknetz Karens beruflicher Weg ist selbst schon ein kleines Stück Pflegegeschichte. Ursprünglich aus den USA, zog sie vor rund fünf Jahrzehnten nach Norwegen und entschied sich bewusst für einen Beruf mit internationaler Bedeutung – die Pflege. Ihre klinische Heimat war die Intensivstation, wo sie die enge Eins-zu-eins-Beziehung zwischen Pflegefachperson und Patient:in besonders schätzte. Später wechselte sie ins Qualitätsmanagement, wurde Pflegedirektorin am Universitätsklinikum Ullevål und schlug schließlich noch den Weg in die Forschung ein: Ihre Doktorarbeit schrieb sie über Delir bei älteren Menschen mit Hüftfraktur. 2017 kam die nächste Wende: Sie wurde in den Vorstand der norwegischen Pflegeorganisation gewählt und vertrat diese auf europäischer Ebene, bevor sie in den [Vorstand des International Council of Nurses](https://www.icn.ch/who-we-are/board-directors?ref=uebergabe.de) einzog. Diese Biografie zeigt schon, worum es dem ICN im Kern geht: Pflege ist eben kein lokales, sondern ein zutiefst globales Berufsfeld. ## 1899 – als Pflegende begannen, sich zu organisieren Der ICN wurde 1899 gegründet, im Jahr der Aufnahme also kurz vor seinem 125-jährigen Jubiläum. Gründerin war die britische Pflegende Ethel Bedford Fenwick – in einer Zeit, in der das Vereinigte Königreich durch Florence Nightingale und die von ihr begründete moderne Pflege bereits weit in der Ausbildung vorangeschritten war. Spannend ist, dass der ICN als erste internationale Organisation überhaupt galt, die sich an Angehörige eines Gesundheitsberufs richtete – und zugleich an Frauen, denn die Pflege war damals praktisch ein reiner Frauenberuf. In Norwegen, so erzählt Karen, gab es die erste männliche Pflegekraft erst um 1958. Deutsche Pflegende waren von Anfang an dabei: Der zweite ICN-Kongress fand bereits 1904 in Berlin statt, der vierte 1912 in Köln – ausgerechnet im Gründungsjahr der norwegischen Pflegeorganisation, deren Präsidentin damals vor Ort war. Wer in diese bewegte Geschichte tiefer eintauchen möchte, findet auf der [interaktiven Zeitleiste „Twelve Decades of the ICN"](https://icntimeline.org/page/0001.html?ref=uebergabe.de) einen wunderbaren Überblick über zwölf Jahrzehnte internationaler Pflegegeschichte. > *„Der ICN ist die globale Stimme der Pflege. Es gibt weltweit rund 28 Millionen Pflegefachpersonen – sie machen etwa die Hälfte aller Beschäftigten im Gesundheitswesen aus. Und für diesen größten Gesundheitsberuf der Welt sprechen wir am globalen Verhandlungstisch." — Dr. Karen Bjøro* ## Ein Dach für 135 Verbände Heute ist der ICN eine Dachorganisation für 135 nationale Pflegeverbände. Einzelne Pflegefachpersonen können also nicht direkt Mitglied werden – Mitglied wird immer der nationale Verband. Diese Verbände sind über sechs Weltregionen verteilt, die denselben Zuschnitt haben wie die Regionen der Weltgesundheitsorganisation: Europa (inklusive Zentralasien), Afrika, Amerika, der westliche Pazifik, Südostasien sowie der östliche Mittelmeerraum als kleinste Region. Der jüngste aufgenommene Verband kam aus der Elfenbeinküste. Der Hauptsitz liegt in Genf – kein Zufall, denn dort sitzt auch die WHO, mit der der ICN eng zusammenarbeitet. Diese Verbände sind übrigens höchst unterschiedlich aufgestellt: Manche sind Gewerkschaften, manche reine Berufsverbände, einige sind Regulierungsbehörden, und manche – wie die norwegische Organisation – vereinen mehrere Funktionen in sich. Genau diese Vielfalt prägt die politische Arbeit, denn der ICN muss ganz unterschiedliche Bedürfnisse unter einen Hut bringen. Auf internationaler Ebene pflegt er enge Beziehungen zur WHO, zur Internationalen Arbeitsorganisation und zur Weltbank. Schon 1948, bei ihrer Gründung, war der ICN eine der ersten offiziell anerkannten Partnerorganisationen der WHO – und war zu diesem Zeitpunkt selbst bereits fast ein halbes Jahrhundert alt. ## Wie aus 135 Stimmen eine wird Bei so vielen unterschiedlichen Mitgliedern stellt sich natürlich die Frage: Wie entsteht daraus eine gemeinsame Stimme? Die Antwort liegt in geteilten Werten und gemeinsamen Grundlagendokumenten. Das wichtigste davon ist der ICN-Ethikkodex, erstmals 1953 entwickelt und zuletzt 2021 überarbeitet. Er ist Leitlinie für Entscheidungen in der Pflege und Maßstab dafür, allen Menschen die bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen – unabhängig von den Umständen. Die jüngste Überarbeitung betont besonders die internationale Solidarität und die Rolle der Pflege im Einsatz gegen Diskriminierung und für die Menschenrechte. Wer den Hintergrund der [Überarbeitung des Code of Ethics](https://www.icn.ch/news/international-council-nurses-launches-consultation-revise-code-ethics-nurses?ref=uebergabe.de) nachlesen möchte, findet dazu beim ICN ausführliche Informationen. Und ja: Auch Deutschland ist mit dabei. Der DBfK ist seit 1904 durchgehend Mitglied im ICN, und mit Franz Wagner, dem ehemaligen Geschäftsführer des Verbands, stellte Deutschland lange Jahre ein Vorstandsmitglied und sogar den ersten Vizepräsidenten. Wer Mitglied im DBfK ist, gehört damit indirekt auch zur weltweiten ICN-Gemeinschaft. ## Was Pflege überhaupt ist – eine Definition mit Geschichte Neben dem Ethikkodex ist es vor allem die Pflegedefinition, über die viele zum ersten Mal mit dem ICN in Berührung kommen. Sie geht maßgeblich auf Virginia Henderson zurück, deren Verständnis von 1977 in die ICN-Definition eingewoben wurde: Die einzigartige Aufgabe der Pflege ist es, Menschen – ob krank oder gesund – bei jenen Tätigkeiten zu unterstützen, die zu Gesundheit, Genesung oder einem würdevollen Sterben beitragen, und sie dabei so rasch wie möglich zu Selbstständigkeit zu befähigen. Parallel dazu definiert der ICN auch, wer überhaupt als Pflegefachperson gilt: jemand, der eine grundständige, generalistische Pflegeausbildung abgeschlossen hat und von der zuständigen Stelle zur Berufsausübung autorisiert ist – bewusst breit gefasst, weil die konkreten Curricula weltweit variieren. ## Junge Stimmen für eine alte Organisation Ein Herzensthema von Karen ist die Beteiligung von Pflegestudierenden und Berufseinsteiger:innen. Während Medizin- und Pharmaziestudierende längst über starke internationale Vertretungen verfügen, fehlte der Pflege auf globaler Ebene lange eine vergleichbar laute junge Stimme. Genau das soll sich ändern. Der ICN hat eine Steuerungsgruppe für Studierende eingerichtet, in der je eine Person aus jeder der sechs Regionen vertreten ist, und auf dem Kongress findet parallel zur Generalversammlung eine eigene Studierendenversammlung statt. Offen ist noch, welche organisatorische Form die Studierenden im ICN künftig bekommen sollen. In vielen europäischen Ländern und beim DBfK sind sie in den nationalen Verbänden eingebettet, in Nordamerika dagegen eher über die Universitäten eigenständig organisiert, in anderen Regionen gibt es kaum Strukturen. Der Reiz für junge Pflegende, hier mitzugestalten, liegt auf der Hand: Sie können eine über 120 Jahre alte Organisation mitformen – und lernen früh, wie Gesundheitspolitik funktioniert. Gerade Themen wie Gendergerechtigkeit oder mentale Gesundheit – Letztere durch die Pandemie noch einmal massiv verschärft – stehen bei Studierenden ganz oben. ## Globaler Gesundheitsnotstand: der Pflegekräftemangel Eine der drängendsten Aufgaben ist die Umsetzung der „Global Strategic Directions for Nursing and Midwifery", die die WHO gemeinsam mit dem ICN und der Internationalen Hebammen-Konföderation erarbeitet und die die Weltgesundheitsversammlung 2021 verabschiedet hat. Vier Bereiche stehen im Mittelpunkt: Ausbildung, gute Arbeitsbedingungen, Leadership und Versorgungsmodelle – etwa der Ausbau von Advanced Practice Nursing. Jedes Land ist gehalten, diese Ziele bis 2025 umzusetzen; auch der DBfK erhielt dazu eine Erhebung des ICN. Besonders kritisch sieht der ICN die internationale Anwerbung von Pflegefachpersonen: Einkommensstarke Länder rekrutieren gezielt aus einkommensschwachen Ländern – teils sogar aus Staaten auf der „Red List" der WHO, aus denen eigentlich nicht angeworben werden sollte. Statt in die eigene Ausbildung zu investieren, werden so andernorts ohnehin fragile Gesundheitssysteme weiter geschwächt. Auch Deutschland zählt zu den anwerbenden Ländern. Wer sich damit genauer beschäftigen will, findet bei uns eigene Episoden zu den [Erwartungen und der Realität internationaler Pflegefachpersonen](https://www.uebergabe.de/ug173/). ## Was die Pandemie offengelegt hat Wie wichtig eine globale Stimme ist, zeigte sich in der Corona-Pandemie. Der ICN sammelte Rückmeldungen aus aller Welt – über fehlende Schutzausrüstung, über Angst, Erschöpfung und moralische Verletzungen, etwa wenn Pflegende einerseits Sterbende begleiteten und andererseits draußen auf Corona-Leugner trafen. Diese gebündelten Informationen trug der ICN direkt zu WHO-Generaldirektor Dr. Tedros. Die Zahlen sind erschütternd: Schätzungsweise rund zehn Prozent der Pflegenden infizierten sich, mindestens 150.000 starben weltweit, viele entwickelten posttraumatische Belastungsstörungen. In ihrem Bericht „Recover to Rebuild" – damals erst wenige Wochen alt – legte die Organisation nach: 40 bis 80 Prozent der Pflegenden berichteten von Symptomen psychischer Belastung, die Absicht, den Beruf zu verlassen, war auf über 20 Prozent gestiegen. Den Pflegekräftemangel bezeichnet der ICN deshalb als globalen Gesundheitsnotstand. > *„Wir hören viel davon, wie wichtig es sei, resiliente Pflegefachpersonen zu haben. Was wir aber wirklich brauchen, sind resiliente Gesundheitssysteme, in denen Pflege arbeiten kann. Es ist nicht Aufgabe der einzelnen Pflegeperson, dieses System zu schaffen – das liegt bei Regierungen und Arbeitgebern." — Dr. Karen Bjøro* Die Forderungen sind entsprechend klar: massive Investitionen, sichere Personalschlüssel, vollständige Impfprogramme, Ausbau der Ausbildung statt Anwerbung aus armen Ländern, attraktive Karrierewege, technische Entlastung von Dokumentationsarbeit und der Ausbau erweiterter Rollen wie der [Advanced Nursing Practice](https://www.uebergabe.de/ug012/). ICN-Präsidentin Pam Cipriano bringt es auf den Punkt: Pflegefachpersonen können das Gesundheitswesen aus seiner Erschöpfung nach der Pandemie führen – aber nur, wenn es genug von ihnen gibt, sie gut bezahlt und unterstützt werden und die Systeme erneuert werden. ## Vom Kongress bis ins Klinikzimmer Wie spürt eine einzelne Pflegefachperson den ICN im Alltag? Vor allem über die nationalen Verbände – und über Kampagnen wie den Internationalen Tag der Pflegenden am 12\. Mai, für den der ICN jedes Jahr ein Motto vorgibt, oder die damals neu eingeführte Europäische Woche der Pflege und Hebammen. Ein eindrückliches Erlebnis ist der [ICN-Kongress, der 2023 in Montreal](https://www.icn.ch/events/icn-congress-2023-montreal?ref=uebergabe.de) stattfand. Dort treffen sich Tausende Pflegende, es gibt Paraden der Verbände, hochkarätige Keynotes und regionale Präsentationen – für Europa etwa mit dem Direktor des WHO-Regionalbüros, Hans Kluge. > *„Man fühlt sich neu beflügelt, wenn man mit fünf- oder sechstausend anderen Pflegenden in einem Saal sitzt, alle engagiert, alle stolz darauf, Pflegende zu sein. Gerade nach der Pandemie ist dieses Gefühl unglaublich wichtig." — Dr. Karen Bjøro* Karens Botschaft an die Politik ist so einfach wie wirkungsvoll: nicht über Pflege reden, sondern mit Pflege. Denn die Pflege stand an vorderster Front, kennt die Realität der Versorgung – und muss am Entscheidungstisch sitzen, wenn Gesundheitssysteme wiederaufgebaut werden. Wer die politische Rolle der Pflege weiterdenken möchte, findet bei uns reichlich Anknüpfungspunkte. ## Zum Weiterhören - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug181/) - [ÜG173 – Erwartungen und Realität internationaler Pflegefachpersonen](https://www.uebergabe.de/ug173/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes Heute ist Tag der professionell Pflegenden. Und zu diesem Anlass haben wir eine besondere Folge für Dich. Wir haben mit Karen Bjøro PhD gesporochen. Sie ist 2\. Vize-Präsidentin des International Council of Nurses (ICN) und Mitglied der Norwegian Nurses Organisation. Mit ihr haben wir über die Rolle und Aufgaben des ICN gesprochen, welche Herausforderungen sie für die globale Pflege sieht und an welchen Themen der ICN aktuell arbeitet. Darüber hinaus hat sie über die Struktur und Organisation des ICN gesprochen und wie die Arbeit des ICN die tägliche Arbeit der Pflegenden weltweit berührt. ### Shownotes - [International Council of Nurses](https://www.icn.ch/?ref=uebergabe.de) - [Twelve Decades of the International Council of Nurses](https://icntimeline.org/page/0001.html?ref=uebergabe.de) - [Board of Directors | ICN - International Council of Nurses](https://www.icn.ch/who-we-are/board-directors?ref=uebergabe.de) - [International Council of Nurses launches Consultation to revise Code of Ethics for Nurses | ICN](https://www.icn.ch/news/international-council-nurses-launches-consultation-revise-code-ethics-nurses?ref=uebergabe.de) - [ICN-Ethikkodex für professionell Pflegende aktualisiert | DBfK veröffentlicht deutsche Fassung des Kodex](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2021/ICN-Ethikkodex-fuer-professionell-Pflegende-aktualisiert.php?ref=uebergabe.de) - [ICN Congress 2023 Montreal](https://www.icn.ch/events/icn-congress-2023-montreal?ref=uebergabe.de) ### 120 Jahre DBfK / International Nurses Day URL: https://www.uebergabe.de/pu047/ Last updated: 2026-06-13T22:08:02.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 06.05.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der 12\. Mai würdigt weltweit die professionelle Pflege unter dem Motto „Our Nurses, Our Future". - Der DBfK feierte sein 120- und 40-jähriges Doppeljubiläum in Berlin. - Der Bochumer Bund schloss seinen Vorstandsvorsitzenden aus. - Der Pflegemindestlohn in der Altenpflege stieg zum 1\. Mai 2023. - Baden-Württemberg knüpft seine Pflegekammer an ein Widerspruchs-Quorum. In dieser Folge geht es um zwei pflegerische Gedenk- und Jubiläumstermine und um eine Reihe kürzerer Meldungen aus Berufspolitik und Gesetzgebung. Wir fassen für dich zusammen, was sich Anfang Mai 2023 getan hat – vom International Nurses Day bis zur ersten Lesung eines neuen Pflegegesetzes. ## International Nurses Day am 12\. Mai: Motto „Our Nurses, Our Future" Am 12\. Mai wird weltweit der Internationale Tag der Pflegenden begangen. Der Aktionstag würdigt die Arbeit professionell Pflegender und macht ihre unverzichtbare Rolle im Gesundheitswesen sichtbar. Federführend organisiert ihn seit 1965 der International Council of Nurses (ICN); seit 1974 fällt er fest auf den 12\. Mai – den Geburtstag von Florence Nightingale. In den USA und Kanada wird sogar eine ganze Woche, die National Nurses Week, daraus. Jedes Jahr steht der Tag unter einem anderen Motto. Zum Zeitpunkt der Folge lautete es „Our Nurses, Our Future". Der ICN verband damit die Forderung nach gezielten Investitionen in die professionelle Pflege, um sie in den Gesundheitssystemen zu stärken. Hintergrund sind mehrere ICN-Berichte, die die Schwachstellen der Systeme nach der Corona-Pandemie aufzeigen – darunter der Report „Recover to Rebuild". Kritisiert wurde dabei, dass Pflegefachpersonen nach ihrem unermüdlichen Einsatz während der Pandemie nun auch noch den Wiederaufbau der überlasteten Systeme schultern sollen. Auch in Deutschland fanden rund um den 12\. Mai bundesweit Aktionen statt. Der Deutsche Evangelische Verband für Altenarbeit und Pflege (DEVAP) rief beispielsweise diakonische Einrichtungen, Dienste und Pflegeschulen unter dem Motto „5 nach 12" zu Protesten auf. Bemerkenswert bleibt, dass der Tag im deutschsprachigen Raum oft verkürzt als „Tag der Pflege" oder „Tag für Pflegekräfte" bezeichnet wird – obwohl der International Nurses Day inhaltlich eine deutlich weiter gefasste, berufspolitische Bedeutung hat. ## 120 Jahre Berufsverband, 40 Jahre DBfK: Doppeljubiläum in Berlin Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) feierte in Berlin ein Doppeljubiläum. Zum einen jährte sich zum 120\. Mal die Gründung des ersten Berufsverbandes für Krankenpflege überhaupt – der Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands (BOKD), die auf die Pflegepionierin Agnes Karll zurückgeht. Zum anderen wurde der DBfK in seiner heutigen Form 40 Jahre alt. Der Festakt stand unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. DBfK-Präsidentin Christel Bienstein betonte, dass der Verband maßgeblich zur Weiterentwicklung des Pflegeberufs beigetragen habe – bei den Themen Ausbildung, Studium und aktuell der Personalbemessung. Zugleich machte sie deutlich, dass noch viel berufspolitische Arbeit vor dem Berufsstand liege. Glückwünsche kamen unter anderem per Videobotschaft vom Bundesgesundheitsminister und von der Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung sowie von ICN-Präsidentin Pamela Cipriano, die auf die rund hundertjährige Zusammenarbeit zwischen dem ICN und den deutschen Pflegenden verwies. Auch die Präsidentin des Deutschen Pflegerats würdigte den Beitrag des DBfK, etwa bei der Gründung der Dachorganisation der Berufsverbände vor 25 Jahren. Für Pflegefachpersonen ist das Jubiläum vor allem ein Anlass, sich an die Bedeutung berufspolitischen Engagements zu erinnern: Wer sich in einem Berufsverband einbringt, stärkt die eigene Profession und entwickelt sich fachlich wie persönlich weiter. Dabei ist es zweitrangig, in welchem Verband das geschieht – wichtig ist das Mitmachen. Wer sich für die Geschichte des Verbandes und seine Gründerin interessiert, findet sie aufbereitet in einer [Radiosendung über Agnes Karll](https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/zeitzeichen-agnes-karll-100.html?ref=uebergabe.de). ## Bochumer Bund schließt Vorstandsvorsitzenden aus Die Spartengewerkschaft Bochumer Bund hat ihren Vorstandsvorsitzenden Ingo Schaffenberg abgewählt und aus dem Verein ausgeschlossen. Begründet wurde der Schritt mit mehreren Satzungsverstößen, insbesondere mit Vorwürfen rund um Misskommunikation und Intransparenz. Als neue kommissarische Vorsitzende wurden Ulrike Schütz und Jürgen Drebes gewählt. Die Gewerkschaft befand sich zum Zeitpunkt der Folge seit der letzten Vorstandswahl in unruhigem Fahrwasser – auch mit Blick auf frühere Querelen im Verband. Für die noch junge Interessenvertretung der Pflegeberufe ist Stabilität entscheidend, um wieder handlungsfähig auftreten und produktiv arbeiten zu können. ## Pflegemindestlohn in der Altenpflege steigt zum 1\. Mai 2023 Wie zuvor festgelegt, wurde der für die Altenpflege geltende Pflegemindestlohn zum 1\. Mai 2023 angehoben. Ungelernte Hilfspersonen erhielten danach mindestens 13,90 Euro pro Stunde, qualifizierte Pflegehilfspersonen 14,90 Euro und Pflegefachpersonen mindestens 17,90 Euro pro Stunde. Die gestaffelte Erhöhung folgt den Empfehlungen der Pflegekommission und gilt branchenweit als Untergrenze. Für viele Beschäftigte in der Altenpflege ist sie ein spürbarer, wenn auch begrenzter Schritt – die tatsächliche Vergütung liegt je nach Tarifbindung und Träger häufig darüber. ## Pflegekammer Baden-Württemberg: Errichtung mit Widerspruchs-Quorum Der baden-württembergische Gesundheitsminister Manfred Lucha verteidigte erneut den Gesetzentwurf zur Errichtung einer Pflegekammer im Land. Allerdings soll die Errichtung an ein Quorum geknüpft werden: Widersprechen während des Errichtungsprozesses mehr als 40 Prozent der Pflegenden, soll keine Kammer eingeführt werden. Ein solches Widerspruchsmodell baut der Politik eine Hintertür ein, um aus dem umstrittenen Thema bei einem Scheitern unbeschadet herauszukommen – ein Muster, das aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein bereits bekannt ist. Dabei gerät leicht aus dem Blick, wofür Pflegekammern eigentlich gedacht sind: nicht zur Selbstbeschäftigung des Berufsstands, sondern zur Sicherung einer guten pflegerischen Versorgung der gesamten Gesellschaft. Wie die baden-württembergische Diskussion weitergeht, blieb zum Zeitpunkt der Folge offen. ## Erste Lesung des Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetzes Das Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetz (PUEG) wurde zum ersten Mal im Bundestag beraten und sorgte dort für kontroverse Diskussionen. Maria Klein-Schmeink von Bündnis 90/Die Grünen kritisierte unter anderem die vielen Schleifen, die der Entwurf seit Jahresbeginn 2023 genommen hatte: Er war wiederholt beraten und angepasst worden, was dem Gesetz nach ihrer Einschätzung nicht gutgetan habe. Im Anschluss wurde das Vorhaben an den Gesundheitsausschuss des Bundestages überwiesen und dort weiter bearbeitet. Den damaligen Verfahrensstand kannst du im [Textarchiv des Bundestages zur ersten Beratung](https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2023/kw17-de-pflege-944846?ref=uebergabe.de) nachlesen. Für Pflegefachpersonen ist das Gesetz relevant, weil es Leistungen der Pflegeversicherung und die Entlastung pflegender Angehöriger neu regeln sollte. ## Zum Weiterhören - [PU044 – Kliniksterben durch die Reform? / ICN-Report: Recover to Rebuild](https://www.uebergabe.de/pu044/) - [ÜG116 – International Council of Nurses (Dr. Karen Bjøro)](https://www.uebergabe.de/ug116/) - [ÜG127 – Pflegekammer Baden-Württemberg (Peter Koch)](https://www.uebergabe.de/ug127/) --- ## Quellen - [DBfK-Doppeljubiläum](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2023/Deutscher-Berufsverband-fuer-Pflegeberufe-feiert-Doppeljubilaeum.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Radioshow über Agnes Karll](https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/zeitzeichen-agnes-karll-100.html?ref=uebergabe.de) (wdr.de) - [ICN-International Nurses Day](https://www.icn.ch/what-we-do/campaigns/international-nurses-day?ref=uebergabe.de) (icn.ch) - [Pressemitteilung BochumerBund Vorstand](https://www.bochumerbund.de/pressemeldungen/der-bochumerbund-stellt-den-vorstand-personell-neu-auf/?ref=uebergabe.de) (bochumerbund.de) - [Pflegekammer BaWü](https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/streit-um-pflegekammer-bw-100.html?ref=uebergabe.de) (swr.de) - [Aktueller Stand des PUEG](https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2023/kw17-de-pflege-944846?ref=uebergabe.de) (bundestag.de) ### Körperausstreichung beeinflusst das Pusher-Syndrom URL: https://www.uebergabe.de/eine-koerperausstreichung-beeinflusst-das-pusher-syndrom-bei-schlaganfallbetroffenen/ Last updated: 2024-03-23T13:47:25.000Z 🗓️ #3 | 04.05.2023 ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Jan-Banner-2-1.png "Jan") _This post is for paying subscribers only._ ### Simulationsbasiertes Lehren und Lernen (Meike Schwermann & Annika Rott) URL: https://www.uebergabe.de/ug115/ Last updated: 2026-06-13T12:39:30.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 29.04.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Simulation schafft geschützte Lernräume, in denen Fehler erwünscht sind und reflektiert werden. - Das Debriefing ist der eigentliche Lernmoment – wichtiger als die perfekte Ausführung. - Neue Curricula erlauben bis zu 10 % Praxiseinsätze durch Simulation zu ersetzen. - SimNAT vernetzt seit 2012 Fachpersonen und sichert didaktische Qualität in der Simulation. - Simulation fördert Reflexion, Kommunikation und personale Kompetenzen ohne Patient:innen zu gefährden. ## Simulation in der Pflege – Wie wir mit Fehlern lernen, bevor sie passieren In der Pflege werden täglich Entscheidungen getroffen, die über Wohlbefinden, Gesundheit oder sogar Leben entscheiden. Doch wie können Pflegefachpersonen auf diese Herausforderungen vorbereitet werden, ohne dabei Patient:innen zu gefährden? Eine Antwort darauf bietet das simulationsbasierte Lehren und Lernen – eine Methode, die nicht nur Skills trainiert, sondern vor allem Denken, Haltung und Kommunikation stärkt. Im Zentrum steht dabei ein geschützter Raum: Simulationen ermöglichen das Durchspielen realitätsnaher Szenarien ohne reale Konsequenzen. Fehler dürfen gemacht werden – ja, sie sind sogar erwünscht. Denn nur wer reflektiert, entwickelt sich weiter. Genau das macht Simulation zu einem so wirkungsvollen Lernformat. ### Was ist Simulation – und was nicht? Der Begriff Simulation umfasst viele Formen: von einfachen Skills-Trainings wie dem Legen eines Blasenkatheters bis hin zu komplexen, szenarienbasierten Notfallsituationen mit Schauspielpersonen oder Simulatoren. Entscheidend ist nicht die Technik, sondern das Ziel. Simulation ist keine „Puppe in einem Raum“. Es ist ein methodisch geplantes Lernsetting mit einem klar definierten Ziel. Ob Kommunikationstrainings, Entscheidungsfindung in ethischen Dilemmata oder Schmerzmanagement: Jede Simulation verfolgt ein konkretes Kompetenzziel – fachlich, sozial oder kommunikativ. > „Simulation ermöglicht es, Pflege zu erleben – ohne den Druck der Realität, aber mit all ihren Anforderungen.“ – Meike Schwermann Dabei spielt die Qualität der Durchführung eine zentrale Rolle. Professionelle Simulationstrainer:innen bereiten nicht nur Szenarien vor, sondern begleiten die Teilnehmenden durch ein strukturiertes Pre-Briefing, eine realitätsnahe Umsetzung und ein reflexives Debriefing. Dieser letzte Schritt – das gemeinsame Reflektieren des Erlebten – ist oft der eigentliche Lernmoment. ### Warum Simulation gerade jetzt wichtig ist Die Pflege steht unter Druck: Fachkräftemangel, steigende Anforderungen und wachsende Komplexität prägen den Berufsalltag. Gleichzeitig ist die Ausbildung reformiert worden – durch das Pflegeberufegesetz und die hochschulische Pflegebildung. Simulationen bieten hier eine Brücke zwischen Theorie und Praxis. Sie ermöglichen standardisierte Lerngelegenheiten, die unabhängig vom Zufall der Praxisverläufe stattfinden. Wo auf Station ein Notfall selten ist, kann er simulativ gezielt erlebbar gemacht werden. Wo Kommunikation mit sterbenden Menschen herausfordernd ist, kann sie trainiert und reflektiert werden – ohne Schaden anzurichten. Nicht zuletzt fordern neue Curricula sogar Simulationen: In hochschulischen Ausbildungen dürfen bis zu 10 % der praktischen Einsätze durch Simulation ersetzt werden. Die Relevanz steigt – die Umsetzung hinkt jedoch oft noch hinterher. ### Vom Verein zum Netzwerk: SimNAT als Motor für Qualität Seit 2012 vernetzt das Simulationsnetzwerk Pflege (SimNAT) Fachpersonen, Lehrende und Einrichtungen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg. Ziel ist der Austausch über Methoden, Standards und Weiterentwicklungen. Über 500 Mitglieder – Einzelpersonen, Schulen, Hochschulen, Kliniken – engagieren sich ehrenamtlich. SimNAT hat es sich zur Aufgabe gemacht, Simulation auf eine fundierte Grundlage zu stellen. Dazu gehört u. a. die Übersetzung und Anpassung der internationalen „INACSL Standards“ – Leitlinien aus den USA, die evidenzbasiert darlegen, wie Simulationen geplant, durchgeführt und ausgewertet werden sollten. Denn: Nicht alles, was aussieht wie Simulation, hat auch didaktische Qualität. Arbeitsgruppen entwickeln im Netzwerk Szenarien, Checklisten, Formate für Debriefings oder auch ganze Weiterbildungen für Simulationstrainer:innen. Wer heute Simulation neu aufbauen will, muss nicht bei null anfangen – kann aber aktiv mitgestalten. ### Reflexion statt Reproduktion: Was Simulation leistet Ein wesentlicher Unterschied zur klassischen Praxisanleitung liegt im Fokus: Während in der Praxis der unmittelbare Handlungsdruck dominiert, schafft Simulation Raum für Reflexion. Die Lernenden agieren ohne den Druck der Bewertung – zumindest dann, wenn Simulationen nicht als Prüfungsform eingesetzt werden. > „Die Reflexion nach einer Simulation ist der eigentliche Lerneffekt – nicht die perfekte Ausführung.“ – Annika Rott Diese sichere Lernumgebung wirkt wie ein Katalysator: Lernende trauen sich mehr, sie probieren aus, sie stellen Fragen. Die Atmosphäre ist von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung geprägt. Die Trainierenden sind keine Bewertenden, sondern Begleitende. Und das verändert alles. Nicht zuletzt ermöglicht Simulation auch die Förderung personaler Kompetenzen: Selbstwirksamkeit, Umgang mit Emotionen, Resilienz, Teamfähigkeit. Kompetenzen, die im Alltag zählen, aber im klassischen Unterricht oft untergehen. ### Simulation ist teuer – und trotzdem unverzichtbar Die Ausstattung eines Simulationszentrums ist aufwendig: Räume, Technik, Personal, Vorbereitung. All das kostet – nicht nur Geld, sondern vor allem Zeit. Dennoch: Simulation lohnt sich. Nicht nur, weil sie Kompetenzen fördert, die anders kaum zu vermitteln sind. Sondern auch, weil sie langfristig Qualität und Sicherheit verbessert. In den USA zum Beispiel senken einige Versicherer bereits die Prämien, wenn Kliniken regelmäßige Simulationstrainings nachweisen. Die Logik ist einfach: Wer gut vorbereitet ist, macht weniger Fehler. In Deutschland fehlt diese Verknüpfung bisher. Aber erste Studien zeigen: Simulation hat Potenzial – auch wenn großangelegte Langzeitstudien zur Mortalitätsreduktion noch fehlen. ### Zwischen Praxis und Vision: Simulation in der Ausbildung Simulation lässt sich curricular verankern – sowohl in der beruflichen als auch in der hochschulischen Ausbildung. An der Fachhochschule Münster etwa entwickeln Studierende im Berufspädagogik-Studiengang eigene Szenarien für pflegewissenschaftliche Settings – etwa zum Expertenstandard Schmerzmanagement. Diese Szenarien werden dann mit Studierenden des B.Sc.-Studiengangs Pflege durchgeführt und gemeinsam ausgewertet. So entstehen nicht nur didaktisch fundierte Lernsituationen, sondern auch interprofessionelle Kooperationen. Theorie trifft Praxis, Lehre trifft Simulation, Pflege trifft Pädagogik. Der Vorteil: Die zukünftigen Lehrenden lernen, wie Simulationen geplant, durchgeführt und reflektiert werden. Denn Simulation ist keine Technikfrage, sondern eine Haltung. > „Simulation ist keine Spielerei – sie ist eine der wenigen Methoden, um sichere Lernräume zu schaffen.“ – [Lukas](https://www.uebergabe.de/author/lukas/) ### Simulation und Technik: Zwischen VR-Brillen und Pflegeethik Augmented und Virtual Reality halten Einzug in die Pflegeausbildung – auch im Simulationsbereich. In Münster werden VR-Brillen z. B. genutzt, um Pre-Briefings zu simulieren oder Beratungsprozesse aus der Ich-Perspektive erlebbar zu machen. Noch ist der Mehrwert nicht immer klar. Manche handlungsorientierten Szenarien lassen sich besser praktisch als virtuell üben. Doch die Entwicklung geht weiter – und mit ihr die Frage: Wo ergänzt Technologie sinnvoll die menschliche Interaktion? Wichtig bleibt dabei ein ethischer Blick: Technik darf nicht den Menschen verdrängen. Simulation ist kein Selbstzweck, sondern dient dem Ziel, Pflege menschlich, sicher und professionell zu gestalten. ### Simulation als Prüfungsform? Eine Debatte mit Spannweite In der Ausbildung und im Studium wird Simulation zunehmend auch als Prüfungsform genutzt. Das hat Vorteile: Situatives Handeln wird beobachtbar, Soft Skills lassen sich zumindest teilweise erfassen. Doch es birgt auch Risiken. Simulation kann ihren geschützten Charakter verlieren, wenn Lernende wissen, dass sie bewertet werden. Angst ersetzt Neugier, Perfektion ersetzt Ausprobieren. Darum ist es entscheidend, zwischen Lernsimulationen und Prüfungssimulationen zu unterscheiden – didaktisch und organisatorisch. ### Zukunftsmusik: Simulation als Zugang zur Pflege? Ein Gedanke, der in der Podcastfolge aufkommt, ist provokant: Könnte Simulation irgendwann ein Auswahlverfahren für den Pflegeberuf werden? Statt Schulnoten würden Kompetenzen, Haltung und Kommunikationsfähigkeit im Vordergrund stehen. Eine mutige Idee – und ein realistischer Blick auf das, was Pflege wirklich braucht: Menschen, die handeln können, reflektieren wollen und empathisch bleiben. Simulation kann helfen, diese Stärken sichtbar zu machen. Nicht nur in der Ausbildung, sondern auch in der Personalentwicklung. ### Fazit: Simulation ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit Simulation ist mehr als eine Methode. Sie ist eine Haltung. Sie stellt das Lernen ins Zentrum, erlaubt Fehler, fördert Reflexion. Und sie zeigt: Gute Pflege entsteht nicht zufällig, sondern durch gezielte Vorbereitung. Damit Simulation ihre Wirkung entfalten kann, braucht es Ressourcen – Räume, Zeit, Personal. Aber vor allem braucht es Menschen, die an sie glauben. Menschen wie Meike Schwermann, Annika Rott und die vielen anderen, die Simulation in der Pflege vorantreiben. Denn Pflege ist komplex – und wer ihr mit Kompetenz begegnen will, braucht Lernräume, die genau das ermöglichen. Simulation ist einer davon. #### Shownotes - [Kontaktdaten Meike Schwermann ](https://www.fh-muenster.de/gesundheit/personen/schwermann-meike.php?anzeige=publikationen&autorid=5220&ref=uebergabe.de) - [Kontaktdaten Annika Rott](https://www.sfh-muenster.de/unsere-kompetenzen/franziskussim-simulationszentrum/kontakt/?ref=uebergabe.de) - [Simulationsnetzwerk in der Pflege](https://www.simnat-pflege.net/?ref=uebergabe.de) - [Simulationsbasiertes Lernen im Skills Lab FH Münster](https://www.fh-muenster.de/zpll/skills-lab/skills-lab.php?ref=uebergabe.de) - [Simulationszentrum (FranziskusSIM) am St. Franziskus-Hospital Münster](https://www.sfh-muenster.de/unsere-kompetenzen/franziskussim-simulationszentrum/franziskussim/?ref=uebergabe.de) - [Simulation als Lehr-Lernmethode - Vollständige Überarbeitung der SimNAT Pflege e.V. Leitlinie 2020 ](https://www.simnat-pflege.net/download-file?file%5Fid=163&file%5Fcode=9c1f6a34e3&ref=uebergabe.de) - [INACSL Standards Committee (2021) Healthcare Simulation Standards of Best PracticeTM Professional Development. Clinical Simulation in Nursing, Vol 58, 5-8\. DOI:https://doi.org/10.1016/j.ecns.2021.08.007](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1876139921000943?ref=uebergabe.de) - [DigitalPakt Schule](https://www.digitalpaktschule.de/index.html?ref=uebergabe.de) - [SPIKES-Modell zur Überbringung schlechter Nachrichten](https://www.springermedizin.de/emedpedia/dgim-innere-medizin/ueberbringen-schlechter-nachrichten?epediaDoi=10.1007%2F978-3-642-54676-1%5F211&ref=uebergabe.de) - [Rahmenpläne für die Pflegeausbildungen](https://www.bibb.de/de/86562.php?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG119 – Bildung und Forschung in der Pflege (Dr. Lena Dorin, Malte Falkenstern, Prof. Dr. Karin Reiber, Prof. Dr. Bernd Reuschenbach)](https://www.uebergabe.de/ug119/) - [ÜG017 – Generalistische Ausbildung - (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug017/) - [ÜG187 – Nachhaltigkeit in der Pflegeausbildung (Sarah Fliesgen & Luka Eulberg)](https://www.uebergabe.de/ug187/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Pflegestudiumstärkungsgesetz / Update: TV-E am UKGM URL: https://www.uebergabe.de/pu046/ Last updated: 2026-06-13T22:07:52.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 22.04.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Pflegestudiumstärkungsgesetz soll das primärqualifizierende Pflegestudium vergüten – als Referentenentwurf. - Am UKGM ist ein Entlastungstarifvertrag mit der PPR 2.0 als Instrument vereinbart worden. - Neue Zahlen zeigen Spitzengehälter in Pflegeausbildungen und einen klaren Zusammenhang von Personalmangel und Krankenstand. In Folge 46 des PflegeUpdate vom April 2023 geht es um einen geplanten Schritt zur Vergütung des Pflegestudiums, um neue Entwicklungen im Arbeitskampf an deutschen Kliniken und um aktuelle Zahlen rund um Ausbildungsgehälter und Personalmangel. Wir fassen die Meldungen für dich zusammen und ordnen ein, was sie für Pflegefachpersonen bedeuten. ## Pflegestudiumstärkungsgesetz: Vergütung für das primärqualifizierende Studium Das Pflegestudiumstärkungsgesetz – kurz PflStudStG – ist die Reaktion auf langjährige Forderungen der Pflegeverbände und auf eine Entschließung des Bundesrats: Wer ein primärqualifizierendes Pflegestudium absolviert, soll dafür künftig eine Vergütung erhalten. Das betrifft sowohl bereits immatrikulierte Studierende als auch alle, die ein solches Studium neu aufnehmen. Zum Zeitpunkt der Folge lag das Vorhaben als [Referentenentwurf](https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/gesetze/pflegestudiumstaerkungsgesetz-pflstudstg--223650?ref=uebergabe.de) bei Bundesländern, Verbänden und beteiligten Ressorts, die ihre Stellungnahmen abgeben sollten. Ein verabschiedetes Gesetz war es damals also noch nicht. Hintergrund ist die bislang fehlende Vergütung: Während Pflegeauszubildende ein Ausbildungsgehalt erhalten, gingen primärqualifizierende Studierende bisher leer aus – ein Nachteil, der das Studium für viele unattraktiv machte. Zum damaligen Stand schätzte man die Zahl der Betroffenen auf rund 1.500 Studierende, mit etwa 500 neuen Studierenden pro Semester. Mit der Vergütung will der Gesetzgeber mehr junge Menschen für ein Pflegestudium gewinnen. Die Finanzierung der praktischen Ausbildung soll dazu in das bestehende System der beruflichen Pflegeausbildung integriert werden. Dieses funktioniert über Landesfonds, in die ausbildende Krankenhäuser sowie stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen einzahlen; hinzu kommen ein Anteil der sozialen Pflegeversicherung und rund zehn Prozent vom Land. Aus diesem Ausgleichsfonds wird in einem Umlageverfahren an die Träger der praktischen Ausbildung und an die Pflegeschulen ausgezahlt. Künftig soll auch die Vergütung der Studierenden über diesen Fonds laufen. Das Pflegestudium wird dafür als duales Studium ausgelegt: Studierende schließen zusätzlich zum Studienplatz einen Vertrag mit einem praktischen Ausbildungsträger, der die Verantwortung für die Durchführung des Praxisteils übernimmt und dafür eine Finanzierung aus dem Ausgleichsfonds erhält. Die theoretischen Lehrveranstaltungen der Hochschulen bleiben dagegen weiterhin Sache der Länder. Mehr Details zur geplanten [Vergütung des Pflegestudiums](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflege-studium-soll-verguetet-werden?ref=uebergabe.de) findest du in der verlinkten Berichterstattung. Über die reine Vergütung hinaus sah der Entwurf weitere Änderungen vor: Das Anerkennungsverfahren für ausländische Pflegefachpersonen soll durch bundeseinheitliche Formerfordernisse vereinfacht und beschleunigt werden. Digitale Unterrichtsformate und digitale Kompetenzen sollen ausdrücklich ins Pflegeberufegesetz beziehungsweise in die Lehrpläne aufgenommen werden. Und die Prüfungsbedingungen sollen transparenter werden – etwa mit Blick darauf, wie viele Prüfende anwesend sein müssen und wer Entscheidungen trifft. Kritik kam unter anderem von Prof. Dr. Thomas Fischer von der Evangelischen Hochschule Dresden, der die Förderung der Vergütung grundsätzlich begrüßte, aber ein Risiko in der neuen Konstruktion sah: Indem zwischen Hochschule und Praxis ein zusätzlicher praktischer Ausbildungsträger als Vermittler eingezogen werde, könnte die Gesamtverantwortung der Hochschulen für die Studiengänge geschwächt und der Transfer zwischen Theorie und Praxis erschwert werden – mit möglichen Folgen für das hochschulische Niveau des Studiums. Wie die Finanzierung und die Zusammenarbeit mit den Hochschulen im Detail geregelt werden, war zum Zeitpunkt der Folge noch offen und sollte sich erst nach Abschluss des Verfahrens und der Veröffentlichung des Gesetzes zeigen. ## Entlastungstarifvertrag am UKGM vereinbart – PPR 2.0 als Instrument Am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) konnte ein Entlastungstarifvertrag erreicht werden. In der vorherigen Folge war noch berichtet worden, dass die Beschäftigten dort für Entlastungsregelungen in den Streik getreten waren, nachdem mehrere Verhandlungsrunden gescheitert waren. Als Instrument für die Entlastung soll die PPR 2.0 dienen – ein Personalbemessungsinstrument, das den tatsächlichen Pflegebedarf abbilden soll. Die Hintergründe zur [geplanten Entlastung am UKGM](https://www.bibliomed-pflege.de/news/ukgm-entlastung-fuer-pflegende-soll-kommen?ref=uebergabe.de) sind in der verlinkten Meldung nachzulesen. Damit ist das Thema Arbeitskampf in der Pflege aber nicht abgeschlossen. An der Universitätsmedizin Mainz liefen zum Zeitpunkt der Folge Tarifverhandlungen mit ver.di. Gefordert wurde unter anderem eine dauerhafte Erhöhung der monatlichen Grundvergütung um 550 Euro bei Vollzeitbeschäftigten und um 275 Euro bei Auszubildenden und Praktikant:innen bei einer Laufzeit von zwölf Monaten, eine Anhebung des Nachtzuschlags von 25 auf 40 Prozent sowie der Einstieg in Verhandlungen über eine Arbeitszeitverkürzung. Die genauen [Forderungen von ver.di in Mainz](https://rps.verdi.de/branchen-und-berufe/bg-unimedizin-mainz/?ref=uebergabe.de) sind dort dokumentiert. Die Arbeitgeberseite bot demgegenüber eine dreistufige prozentuale Erhöhung der Tabellenentgelte an: zwei Prozent rückwirkend zum 1\. Januar 2023, weitere zwei Prozent zum 1\. Juni 2023 und einen noch zu definierenden Prozentsatz zum 1\. Dezember 2023\. Ver.di lehnte das Angebot als inakzeptabel ab, weil die gestaffelte und verzögerte Auszahlung einen Reallohnverlust bedeute und keinen Inflationsausgleich darstelle. Für den 4\. und 5\. Mai 2023 wurde ein zweitägiger Warnstreik angekündigt, falls es bis dahin zu keiner Einigung kommt; zwischenzeitlich waren noch Verhandlungstermine am 24\. April und 3\. Mai vorgesehen. Für Pflegefachpersonen zeigt sich an beiden Beispielen, wie stark Entlastung und faire Bezahlung inzwischen über Tarifverträge erkämpft werden. ## Neue Zahlen: Ausbildungsgehälter, Streiks in Großbritannien und der DAK-Report Das Statistische Bundesamt hat aktuelle Zahlen zu Ausbildungsvergütungen veröffentlicht. Demnach lag das durchschnittliche Bruttogehalt von Auszubildenden in einem Gesundheits- oder Pflegeberuf bei rund 1.139 Euro im Monat. Damit war es das höchste Ausbildungsgehalt, das das Amt im Referenzmonat April 2022 erfasst hat. Die Einordnung der [Gehälter von Auszubildenden](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/04/PD23%5FN024%5F62%5F12.html?ref=uebergabe.de) liefert das Statistische Bundesamt selbst. In Großbritannien zeichnete sich derweil weiterhin keine Einigung in den Tarifverhandlungen für Pflegefachpersonen ab. Die Mitglieder des Royal College of Nursing (RCN) lehnten ein Angebot der Regierung ab. Dem britischen Gesundheitssystem drohten dadurch neue Streiks, die sich über das ganze Jahr ziehen könnten, sollte keine Einigung erzielt werden. Die DAK hat gemeinsam mit dem Institut forsa ihren Gesundheitsreport vorgelegt. Er zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Personalmangel und Krankenstand: Je größer die Personalnot, desto wahrscheinlicher gehen Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit. Drei Viertel der befragten Pflegefachpersonen im Krankenhaus gaben an, die Arbeit sei mit dem vorhandenen Personal nur noch unter größten Anstrengungen zu leisten; in der Langzeitpflege äußerten sich 65 Prozent der Befragten ähnlich. Die Ergebnisse des [DAK-Gesundheitsreports](https://www.dak.de/dak/bundesthemen/dak-gesundheitsreport-personalmangel-macht-krank-2617954.html?ref=uebergabe.de#/) unterstreichen, dass Personalmangel kein Zukunftsproblem ist, sondern für viele Beschäftigte längst Alltag – mit messbaren Folgen für die eigene Gesundheit. ## Zum Weiterhören - [PU045 – Streik am UKGM / Vergütung Pflegestudium / Koalitionsvertrag Berlin](https://www.uebergabe.de/pu045/) - [PU056 – Erste Beratung zum PflStudStG / Weiterbildungsordnung NRW](https://www.uebergabe.de/pu056/) - [ÜG094 – Pflege streikt! (Paula Klaan)](https://www.uebergabe.de/ug094/) --- ## Quellen - [Pflegestudiumstärkungsgesetz - Referentenentwurf](https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/gesetze/pflegestudiumstaerkungsgesetz-pflstudstg--223650?ref=uebergabe.de) (bmfsfj.de) - [Abbildung zur Ausbildungsfinanzierung](https://www.bezreg-muenster.de/de/gesundheit%5Fund%5Fsoziales/ausgleichsfonds%5Fpflegeausbildung/index.html?ref=uebergabe.de) (bezreg-muenster.de) - [Artikel Pflegestudium Vergütung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflege-studium-soll-verguetet-werden?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Tarifvertrag Entlastung UKGM](https://www.bibliomed-pflege.de/news/ukgm-entlastung-fuer-pflegende-soll-kommen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Forderungen Verdi Mainz](https://rps.verdi.de/branchen-und-berufe/bg-unimedizin-mainz/?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [RCN-Streikwarnung](https://www.rcn.org.uk/news-and-events/Press-Releases/rcn-announces-further-strike-action-as-members-in-england-vote-to-reject-nhs-pay-offer?ref=uebergabe.de) (rcn.org.uk) - [Gehalt von Auszubildenden](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/04/PD23%5FN024%5F62%5F12.html?ref=uebergabe.de) (destatis.de) - [Gesundheitsreport DAK](https://www.dak.de/dak/bundesthemen/dak-gesundheitsreport-personalmangel-macht-krank-2617954.html?ref=uebergabe.de#/) (dak.de) - [Junge Pflege Kongress](https://www.junge-pflege.de/nordwest/junge-pflege-kongress/?ref=uebergabe.de) (junge-pflege.de) ### Medikamentenadhärenz und Symptomlast bei Menschen mit Herzinsuffizienz verbessern URL: https://www.uebergabe.de/medikamentenadhaerenz-und-symptomlast-bei-menschen-mit-herzinsuffizienz-verbessern/ Last updated: 2024-03-23T13:40:23.000Z 🗓️ #2 | 20.04.2023 *Die vorliegende Studie (RCT) macht deutlich, dass professioneller Pflege eine Schlüsselposition in komplexen Versorgungssituationen zukommt. In einem Projekt in Rheinland-Pfalz wird aktuell der Einsatz von Advanced Practice Nurses (APN) in der Primärversorgung von multimorbiden Patient:innen untersucht. Auch hier handelt es sich um komplexe Gesundheitssituationen, die eine interprofessionelle Zusammenarbeit erfordern. Die APN nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein, indem sie die individuellen Bedarfe feststellt (inkl. Medikamentenadhärenz und Symptomlast), die Gesundheitsversorgung patientenzentriert und evidenzbasiert plant, organisiert, koordiniert und dabei mit den unterschiedlichen Gesundheitsanbietern zusammen arbeitet.* ### Zusammengefasst von ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/03/Maria-Banner-2.png) _This post is for paying subscribers only._ ### Existenzrelevant! (Annemarie Fajardo & Birgit Ehrenfels) URL: https://www.uebergabe.de/ug114/ Last updated: 2026-06-17T08:58:45.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 15.04.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflege ist existenzrelevant – jeder Mensch braucht sie von Geburt bis Tod. - Unser System finanziert Krankheit, nicht Gesundheit und Prävention. - Höhere Qualifizierungsniveaus brauchen rechtliche Grundlagen, um wirksam zu werden. - Pflegekammer, Berufsverband und Gewerkschaft erfüllen unterschiedliche Aufgaben. - Politik und alle Akteure müssen sich bewegen – ein „Tsunami" rollt heran. Stell dir vor, du wirst in eine Kinderklinik gebracht – und niemand kann dich aufnehmen, weil das Personal fehlt. Oder du liegst nach einem Unfall hilflos im Krankenhausbett und merkst plötzlich, wie sehr du auf Menschen angewiesen bist, die dich pflegen. Genau hier setzen Annemarie Fajardo und Birgit Ehrenfels an. Die beiden Pflegefachpersonen haben gemeinsam ein Buch geschrieben, das einen wunden Punkt trifft: [Existenzrelevant! Eine starke Pflege für Staat und Gesellschaft](https://shop.kohlhammer.de/existenzrelevant-42161.html?ref=uebergabe.de), erschienen 2022 im Kohlhammer Verlag. Im Übergabe-Podcast erläutern sie, warum sie den vielzitierten Begriff der „Systemrelevanz" für zu kurz gegriffen halten – und was hinter dem dicken Ausrufezeichen im Titel steckt. ## Von der Wiege bis zur letzten Stunde Die beiden Autorinnen bringen zwei Blickwinkel zusammen, die selten aufeinandertreffen. [Annemarie Fajardo](https://www.annemarie-fajardo.de/?ref=uebergabe.de) ist gelernte Altenpflegerin, hat im Pflegemanagement gearbeitet, studiert und engagiert sich seit 2021 als Vizepräsidentin im [Deutschen Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de). Birgit Ehrenfels ist examinierte Kinderkrankenschwester mit über 30 Jahren Berufserfahrung – von der Neonatologie über kinderchirurgische Stationen bis zur ambulanten und stationären Pflege. Kennengelernt haben sich beide über die Berufspolitik. Genau diese Kombination macht das Buch besonders: Die eine begleitet Menschen am Anfang des Lebens, die andere hat ihren Blick auf das Lebensende gerichtet. Dazwischen liegt alles, was den Menschen ausmacht. Pflege, so die Botschaft, ist eben nicht punktuell, sondern eine Konstante über das gesamte Leben hinweg. Manche brauchen sie nur kurz, andere ein Leben lang – aber treffen wird es jede und jeden früher oder später. > *„Pflege ist existenzrelevant, und zwar unabhängig von der Pandemie oder von anderen Krisen. Es betrifft jeden früher oder später das Thema Pflegebedürftigkeit." — Annemarie Fajardo* Der ursprüngliche Buchtitel lautete schlicht „Pflege ist …", berichten die beiden. Der Verlag schlug dann den prägnanten Begriff aus einem der Kapitel vor: existenzrelevant. Das Ausrufezeichen stammt von Annemarie Fajardo – als bewusstes Pendant zu der Art, wie der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn die Pflege während der Corona-Pandemie immer wieder als „systemrelevant" bezeichnete. Denn wenn die Gesundheit unwiederbringlich verloren geht, geht es um nicht weniger als die eigene Existenz. ## Ein System, das Krankheit belohnt Ein zentraler Gedanke des Buches: Das Gesundheitssystem ist auf Krankheit ausgerichtet, nicht auf Gesundheit. Wer das Sozialgesetzbuch V aufschlägt, findet dort vor allem die Finanzierung medizinischer Leistungen – kleinteilig, verrichtungsbezogen, aufgeteilt in Sektoren wie Krankenhaus, ambulante und stationäre Langzeitpflege. Annemarie Fajardo bringt es auf den Punkt: Finanziert werde keine Daseinsvorsorge, sondern das, was über die Entstehung von Krankheit entsteht. Damit fehlt dem System genau das, was die Pflege eigentlich auszeichnet: der salutogenetische Ansatz, der auf Gesundheitserhaltung und Krankheitsvermeidung zielt. Pflegerische Kompetenz endet eben nicht bei der Wundversorgung, sondern umfasst Prävention, Beratung und den Blick auf den ganzen Menschen. Solange aber Zeitbudgets in einzelne abrechenbare Leistungen zerlegt werden, statt zu fragen, was wirklich wirksam ist, bleibt diese Kompetenz weitgehend ungenutzt. Hinzu kommt ein Grundrecht, das im Alltag oft untergeht: das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Eine Grundversorgung der Gesundheit ist kein übertriebener Luxusanspruch, betonen die Autorinnen, sondern steht jedem Menschen zu – ob mit 14 oder mit 90 Jahren. Dass Politiker:innen und Vertreter:innen der Krankenversicherungen häufig sagen, es laufe doch gut in Deutschland, halten sie für gefährlich verkürzt. Wer gesund ist und nur Routine-Arztgänge braucht, fühlt sich gut versorgt. Wer chronisch krank oder pflegebedürftig wird, erlebt eine andere Realität. ## Warum sich die Profession selbst im Weg steht Ein Befund zieht sich durch das ganze Gespräch: Die Pflege ist im internationalen Vergleich rückständig organisiert. In angloamerikanischen Ländern gibt es seit rund 100 Jahren eine akademisierte Pflege mit Pflegekammern, geregelter Registrierung und klaren Zulassungen. In den USA werden Krankenhäuser von Pflegenden geleitet, auch Australien hat solche Strukturen vor Jahrzehnten eingeführt. Deutschland dagegen hat den Pflegeberuf traditionell als Assistenz der Medizin verstanden – und das wirkt bis heute nach. Birgit Ehrenfels erinnert daran, dass über den Pflegenotstand bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren diskutiert wurde, damals noch durch die Gewerkschaft ÖTV. Das Herunterfahren des Gesundheitssystems sei weder durch die Pandemie noch durch den Ukraine-Krieg ausgelöst worden, sondern eine Entwicklung über Jahrzehnte. Hinzu kommt: Nur ein verschwindend kleiner Teil der über eine Million Pflegenden engagiert sich berufspolitisch. In den Mitgliedsverbänden des Deutschen Pflegerats sind, so die grobe Einschätzung im Gespräch, nur etwa fünf Prozent organisiert. > *„Weil auf der einen Seite ist die Berufsgruppe selbst nicht imstande, für sich das Wort zu ergreifen und für sich die Rechte zu nehmen, die sie braucht, um ihre eigenen Regeln zu machen." — Birgit Ehrenfels* Hier liegt auch der Grund, warum es nicht reicht, die Verantwortung an „die Gesellschaft" abzuschieben. Die Zusammenhänge im Gesundheitswesen sind so komplex, dass weder eine einzelne Bürgerin noch ein einzelner Bürger sie über eine Petition lösen kann. Trotzdem sehen die Autorinnen die Bevölkerung in der Pflicht, sich zu fragen: Wie wichtig ist mir eigentlich meine eigene Gesundheit – und die meiner Mitmenschen? ## Generalistik, Vorbehaltsaufgaben und die fehlende Brücke ins System Mit dem Pflegeberufegesetz von 2020 ist viel passiert: Die generalistische Ausbildung führt Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege zusammen und orientiert sich an der EU-Berufsanerkennungsrichtlinie. Erstmals wurden auch pflegerische Vorbehaltsaufgaben definiert – etwa die Steuerung des Pflegeprozesses. Annemarie Fajardo bewertet das als echten Meilenstein. Doch sie macht auch klar: Damit ist erst das Qualifikationsniveau 4 erreicht. Auf der international gebräuchlichen Skala von 1 bis 8 bleibt nach oben viel Raum. Das eigentliche Problem: Es fehlt die rechtliche Brücke, um höhere Qualifizierungsniveaus – also Niveau 5 bis 8 – tatsächlich ins Versorgungssystem zu überführen. Pflegefachpersonen mit Bachelor- oder Masterabschluss bringen Kompetenzen mit, dürfen sie aber nur eingeschränkt einsetzen. Es fehlen berufsordnungsrechtliche Grundlagen, fehlt eine bundeseinheitliche Berufsordnung, fehlt die leistungs- und abrechnungsrechtliche Relevanz. Solange Pflegebetriebe nicht gesetzlich verpflichtet sind, diese Niveaus zu berücksichtigen, gelten höher Qualifizierte als „zu teuer" – und werden gar nicht erst eingestellt. Eng verknüpft ist das mit dem Arztvorbehalt. Heilkundliche Tätigkeiten dürfen bislang nur erbracht werden, wenn sie ärztlich angeordnet und verantwortet werden. Selbst für Tätigkeiten, die eigentlich zum Kern der Pflege gehören – wie die spezielle Krankenbeobachtung – braucht es oft eine ärztliche Verordnung. Modellvorhaben zur Übertragung heilkundlicher Aufgaben werden seit über zehn Jahren diskutiert, sind aber nie in die Regelversorgung überführt worden. Hier setzt auch die Debatte um [Vorbehaltsaufgaben in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug145/) an, die ohne tragfähige Rechtsgrundlage Stückwerk bleibt. ## Kammer, Gewerkschaft, Berufsverband – wer macht was? Ein wiederkehrendes Missverständnis räumen die beiden konsequent aus: Pflegekammer, Gewerkschaft und Berufsverband sind keine Konkurrenten, sondern erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Die Gewerkschaft kümmert sich um Tarifautonomie und Arbeitsbedingungen. Ein Berufsverband ist ein Ort der Vernetzung und der fachlichen Weiterentwicklung. Eine Pflegekammer dagegen ist Selbstverwaltungsorgan der Profession – sie registriert, regelt Berufsordnung und Fortbildung und verleiht der Berufsgruppe eine Stimme gegenüber der Politik. Birgit Ehrenfels, selbst seit über 30 Jahren Gewerkschaftsmitglied, plädiert deshalb klar für die Pflegekammer und wünscht sich, dass auch die Gewerkschaften diese anerkennen und unterstützen. Denn ohne Selbstverwaltungsstrukturen fehlt der Politik der verbindliche Ansprechpartner – und es passiert genau das, was beide kritisieren: In wichtigen Gremien wie dem Gemeinsamen Bundesausschuss wird über die Köpfe der Pflege hinweg entschieden. Auch eine Restrukturierung des G-BA und ein echtes Stimm- und Antragsrecht für die Pflege gehören für die Autorinnen auf die Agenda. Wer in einem Bundesland ohne Kammer lebt, dem empfiehlt Annemarie Fajardo, sich zunächst einem Berufsverband anzuschließen. ## Blick über den Tellerrand: Konzepte, die woanders längst wirken Was die beiden besonders frustriert: Viele wirksame Konzepte sind seit Jahrzehnten bekannt, werden in Deutschland aber nicht angewendet. Das Magnetkonzept aus den USA, das seit Mitte der 1980er-Jahre für exzellente Pflegequalität und niedrigere Komplikationsraten sorgt, kommt erst seit einigen Jahren auch hierzulande an – einzelne Universitätskliniken lassen sich inzwischen zertifizieren. Das Konzept der Interprofessionalität hat die Weltgesundheitsorganisation bereits 2010 verschriftlicht. Und auch europaweite Pflegeforschung zeigt seit Langem, wie eng Personalausstattung und Patient:innensicherheit zusammenhängen. Spannend ist auch die Beobachtung, dass viele dieser Ansätze aus Versorgungsnotlagen heraus entstanden sind. Wo zu wenig Gesundheitspersonal verfügbar war, übernahmen Pflegefachpersonen andere Kompetenzen – mit messbar guten Ergebnissen. Modelle wie Community Health Nurses oder Gesundheitskioske könnten genau hier ansetzen, gerade für jene zehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung mit erhöhtem Versorgungsbedarf. ## Der Tsunami rollt – und die Quintessenz Die Zahlen sind seit Jahrzehnten bekannt: Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen steigt durch die geburtenstarken Jahrgänge in die Millionen, während zugleich Zehntausende Pflegende in den Ruhestand gehen oder dem Beruf den Rücken kehren. Diese Schere wird riesig. Annemarie Fajardo spricht von einem „Tsunami", der auf uns zurollt. Einzelne Reformen, immer neue Projekte und konzertierte Aktionen reichen dafür nicht – es braucht eine echte Systemreform und den Mut, über vierzig oder fünfzig Jahre alte Strukturen tatsächlich anzufassen. > *„Für mich ist die Quintessenz ganz klar: Ich erwarte, dass die Politik sich bewegt, und ich erwarte, dass sich alle Akteure bewegen." — Annemarie Fajardo* Das Buch versteht sich deshalb bewusst als Anstoß zur gesellschaftlichen Debatte – allgemeinverständlich geschrieben, gestützt auf jahrzehntelange persönliche Erfahrungen. Es richtet sich an die Pflegenden selbst, die sich intensiver mit den Strukturen ihres eigenen Berufs beschäftigen sollen, ebenso wie an alle anderen. Denn jede und jeder kann sich fragen: Welchen Beitrag leiste ich zu dieser Gesellschaft – und wie wichtig ist mir, dass Gesundheit für uns alle erhalten bleibt? Die [Pflegepioniere](https://pflegepioniere.de/?ref=uebergabe.de), bei denen Birgit Ehrenfels als Beraterin tätig ist, begleiten genau solche Entwicklungsprozesse. Der dringende Appell beider Autorinnen lautet trotzdem ganz schlicht: Organisiert euch, vernetzt euch, mischt euch ein. ## Zum Weiterhören - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug181/) - [ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug145/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice](https://www.uebergabe.de/ug012/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes Heute sprechen wir mit Annemarie Fajardo und Birgit Ehrenfels. Die beiden Expertinnen haben das Buch [Existenzrelevant!](https://shop.kohlhammer.de/existenzrelevant-42161.html?ref=uebergabe.de) geschrieben und berichten über den Weg von der Idee bis zur Umsetzung. Sie berichten von Problemen in der Pflegelandschaft und zeigen gleichzeitig einen Weg auf, die sich Probleme lösen lassen und was es braucht für eine gute pflegerische Versorgung. Wir sprechen über die Rolle der Gesellschaft, ob wir gut versorgt sind und was das alles mit der Pflege-Ausbildung zu tun hat. ### Shownotes - Profil von [Annemarie Fajardo](https://www.annemarie-fajardo.de/?ref=uebergabe.de) - Zum Buch: [Existenzrelevant!](https://shop.kohlhammer.de/existenzrelevant-42161.html?ref=uebergabe.de) - [Deutscher Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) - [Pflegepioniere](https://pflegepioniere.de/?ref=uebergabe.de) ### Streik am UKGM / Vergütung Pflegestudium / Koalitionsvertrag Berlin URL: https://www.uebergabe.de/pu045/ Last updated: 2026-06-13T22:07:48.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 08.04.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Am UKGM streiken Beschäftigte für einen Entlastungstarifvertrag – über Ostern hinaus. - Der Bundesrat fordert eine Vergütung für Pflegestudierende und die Refinanzierung der Praxisanleitung. - Der Berliner Koalitionsvertrag von CDU und SPD bleibt bei Pflegethemen vage. In dieser Folge dreht sich vieles ums Geld – und um Berlin. Wir blicken auf den Streik am Universitätsklinikum Gießen-Marburg, auf die geplante Vergütung im Pflegestudium und auf den Entwurf des Berliner Koalitionsvertrags. Dazu kommen am Ende kurze Meldungen zur abgeschwächten Pflegereform, zu sinkenden Ausbildungszahlen und zur Pflegekammer in Baden-Württemberg. Alle zeitbezogenen Angaben beziehen sich auf den Stand Anfang April 2023. ## Streik am Universitätsklinikum Gießen-Marburg für einen Entlastungstarifvertrag Um zu verstehen, worum es am Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM) geht, lohnt ein kurzer Rückblick. Schon 2021 hatten Beschäftigte der Charité und der Vivantes-Kliniken in Berlin einen Tarifvertrag Entlastung erkämpft. Dessen Kern: verbindliche Mindestbesetzungen für die Stationen – und falls diese nicht eingehalten werden, ein Ausgleich für die betroffenen Kolleg:innen, etwa in Form von freien Tagen. Ziel ist es, die Versorgungsqualität und die Sicherheit der Patient:innen zu sichern. 2022 folgten die sechs Unikliniken in Nordrhein-Westfalen mit einem 77-tägigen Streik einem ähnlichen Muster. Am UKGM in Hessen wiederholt sich dieses Muster nun: Nachdem an der Frankfurter Uniklinik nach langem Tarifkonflikt eine Einigung erzielt worden war, forderte die Gewerkschaft ver.di auch für Gießen-Marburg einen Entlastungstarifvertrag. Verhandlungen scheiterten, ein 100-Tage-Ultimatum verstrich – sein letzter Tag war der 24\. März 2023\. Seit dem 27\. März, sechs Uhr morgens, befinden sich die Beschäftigten im Streik. Details dazu hat ver.di in einer [Pressemitteilung zum Streikbeginn](https://bb.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++1e12224a-b68b-11ed-86b8-001a4a160111?ref=uebergabe.de#:~:text=F%C3%BCr%20den%206.,diesen%20Tagen%20ihre%20Arbeit%20niederlegen) zusammengefasst. Eine Verhandlungsrunde am 4\. April brachte zum Zeitpunkt der Folge noch keinen Durchbruch. Das UKGM gab sich Medienberichten zufolge zuversichtlich, dass ein Abschluss bald gelingen könne, und bat die Beschäftigten, den Streik über die Ostertage auszusetzen. Die Gewerkschaft hielt dagegen, die Situation sei durch Arbeitgeber und Politik vermeidbar gewesen und jederzeit beendbar, sobald die Forderungen nach guter Versorgungsqualität und Patient:innensicherheit erfüllt würden. Der Streik sollte damit auch über Ostern andauern. Wie viele Beschäftigte sich beteiligten, ordnet ein [Bericht zum Tarifkonflikt am UKGM](https://www.kma-online.de/aktuelles/klinik-news/detail/rund-600-beschaeftigte-streiken-am-ukgm-49557?ref=uebergabe.de) ein. Das UKGM war damals nicht der einzige Schauplatz. Parallel legten Tarifkonflikte im öffentlichen Dienst nicht nur Bahn und Flughäfen lahm, sondern auch das Tagesgeschäft in Kliniken – etwa Anfang März in Berlin, wo ver.di unter anderem an Vivantes und der Charité zum Warnstreik aufrief und 500 Euro mehr für alle sowie zehn Prozent Lohnerhöhung forderte. Auch die Ärztegewerkschaft Marburger Bund rief an kommunalen Kliniken mehrerer Bundesländer zur Arbeitsniederlegung auf und verlangte 2,5 Prozent mehr Gehalt plus Inflationsausgleich. Für Pflegefachpersonen sind solche Auseinandersetzungen mehr als ein Gehaltsthema – sie verhandeln zunehmend über verbindliche Personalbesetzung und damit über die Bedingungen, unter denen sichere Versorgung überhaupt möglich ist. ## Bundesrat fordert eine Vergütung für Pflegestudierende Mit der Pflegeberufereform von 2020 wurde neben der generalistischen Ausbildung auch das primärqualifizierende Pflegestudium gesetzlich verankert. Schnell kritisierten Pflegeverbände jedoch dessen Finanzierung als unattraktiv – und genau hier gab es zum Zeitpunkt der Folge Bewegung. Das Problem: Pflegestudierende in primärqualifizierenden Studiengängen erhielten für ihre praktische Arbeit keine Vergütung – obwohl sie rund 2.300 Stunden in der Versorgung ableisten müssen. Auch die gesetzlich vorgeschriebene Praxisanleitung wurde den Einrichtungen nicht refinanziert. Die gesetzlichen Krankenkassen sahen sich dafür nicht zuständig, die Bundesländer ebenfalls nicht. Im Vergleich zur berufsfachschulischen Ausbildung, die vergütet wird, schmälert das die Attraktivität des Studiums erheblich – obwohl rechnerisch genug Studienplätze existieren, deren Auslastung teils unter 50 Prozent lag. Der Berliner Senat brachte deshalb am 14\. März 2023 eine Bundesratsinitiative auf den Weg, die die zuständige Senatorin Ulrike Gote (Bündnis 90/Die Grünen) vorlegte. Ihre Argumentation hat sie auch im Bundesrat vorgetragen – nachzuhören in der [Mediathek des Bundesrates](https://www.bundesrat.de/DE/service/mediathek/mediathek-node.html?cms%5Fid=0%5F7zqiuqr1&ref=uebergabe.de). Der Antrag ging am 16\. März in den Bundesrat ein und wurde am 31\. März mit deutlicher Mehrheit der Länder unverändert beschlossen. Darin bittet der Bundesrat die Bundesregierung, zeitnah einen Gesetzentwurf zur Vergütung der Pflegestudierenden vorzulegen und dabei auch die Refinanzierung der Praxisanleitung zu regeln. Den genauen Wortlaut findest du in der [Entschließung des Bundesrates](https://dip.bundestag.de/vorgang/entschlie%C3%9Fung-des-bundesrates-f%C3%BCr-eine-angemessene-verg%C3%BCtung-von-pflegestudierenden/297577?ref=uebergabe.de). Wichtig zur Einordnung: Eine solche Entschließung ist keine Gesetzesinitiative, sondern hat empfehlenden Charakter – eine Verpflichtung für die Bundesregierung entsteht daraus nicht. Eine Vergütung war zwar bereits im Koalitionsvertrag der damaligen Bundesregierung vorgesehen, ein Gesetzentwurf lag aber noch nicht vor. Der zum Hintergrund passende Bezugspunkt ist die vom Wissenschaftsrat genannte Akademisierungsquote von 10 bis 20 Prozent – ein Ziel, von dem Deutschland damals weit entfernt war. Nach Redaktionsschluss der Folge veröffentlichten das Bundesgesundheits- und das Bundesfamilienministerium einen Referentenentwurf zur Stärkung der hochschulischen Pflegeausbildung, der eine angemessene Vergütung während des Studiums vorsah; den späteren [Kabinettsbeschluss zur Ausbildungsvergütung](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/pflegestudierende-erhalten-ausbildungsverguetung.html?ref=uebergabe.de) ordnen wir hier nur als Ausblick ein. ## Berliner Koalitionsvertrag: Was CDU und SPD für die Pflege planen Nach den Neuwahlen im Februar 2023 zeichnete sich in Berlin eine Regierung aus CDU und SPD ab, die die rot-grün-rote Koalition ablösen sollte. Zum Zeitpunkt der Folge lag der Entwurf des Koalitionsvertrags vor. Da die Legislaturperiode regulär nur bis 2026 lief, waren die Erwartungen an große pflegepolitische Weichenstellungen von vornherein gedämpft. Den vollständigen Text kannst du im [Koalitionsvertrag von CDU und SPD](https://www.uebergabe.de/content/files/media/2023/04/koalitionsvertrag%5F2023-2026%5F.pdf) nachlesen. Beim Dauerthema Pflegekammer blieb der Entwurf vage: Die Koalition sprach sich für eine „starke institutionelle Interessenvertretung" der Pflegeberufe aus und kündigte zunächst eine Befragung der Pflegenden an, auf deren Grundlage über eine Kammer entschieden werden solle. Ein klares Bekenntnis sieht anders aus – das Thema wurde damit erneut vertagt. Zur Vergütung im Pflegestudium versprach das Land, sich weiter auf Bundesebene starkzumachen und eine Vergütung zügig in Landesrecht umzusetzen. Auch zu Entlastungstarifverträgen bekannten sich die künftigen Partner: Sie hielten Entlastung des Personals für essenziell und appellierten an die Tarifparteien, entsprechende Instrumente auszuhandeln. Pikant dabei: Berlin ist als Träger von Charité und Vivantes selbst Arbeitgeber – die Bedingungen liegen also zu einem guten Teil in der eigenen Hand. Gegen den Personalmangel setzte die Koalition auf mehr Ausbildungs- und Studienplätze, mehr Lehrkräfte sowie zusätzliche Plätze für Pflege- und Medizinpädagogik. Geplant waren außerdem die Weiterentwicklung von Studiengängen wie einem Master Pflegewissenschaft an der Charité und in der Hebammenwissenschaft. Für die ambulante Pflege fanden sich konkrete Alltagshilfen – etwa stadtweit gültige Parkvignetten für Pflegedienste und die Prüfung, ob diese Sonderspuren nutzen dürfen. Bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse setzte die Koalition auf Beschleunigung und ein Konzept zur Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland. Für die Langzeit- und ambulante Versorgung waren eine Bestandsaufnahme, der Ausbau pflegeunterstützender Wohnformen sowie Anschubfinanzierungen für Kurzzeitpflege und Pflege-WGs vorgesehen. Geprüft werden sollte zudem, ob die in Berlin eineinhalbjährige Pflegefachassistenz-Ausbildung noch zeitgemäß ist. Begleitforschung zur neuen Pflegeausbildung blieb angekündigt – mit Blick auf die für 2025 anstehende Evaluation, bei der über die Zahl der Ausbildungsabschlüsse entschieden wird. Schließlich plante die Koalition eine Bundesratsinitiative zur Regulierung der Leiharbeit in der Pflege. Auffällig blieb jedoch, dass viele Formulierungen im Konjunktiv blieben und etwa das Konzept Community Health Nursing gar nicht vorkam. ## Kurz gemeldet: Pflegereform, Ausbildungszahlen und Kammer in Baden-Württemberg Die Pflegereform von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach wurde am 5\. April 2023 im Bundeskabinett beschlossen – allerdings in abgeschwächter Form. Die Erhöhung der Pflegesachleistungen wurde offenbar auf Druck der FDP auf fünf Prozent reduziert, während die geplanten Beitragssatzanhebungen unverändert blieben. Das Statistische Bundesamt meldete nach vorläufigen Zahlen einen Rückgang der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in der Pflege um rund sieben Prozent. Demnach begannen rund 52.000 Menschen eine Ausbildung zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann – etwa 4.000 weniger als 2021. In Baden-Württemberg gab es Fortschritte auf dem Weg zur Pflegekammer: Das Landeskabinett billigte einen Gesetzentwurf und übergab ihn dem Landesparlament. Gesundheitsminister Manne Lucha sah darin eine Aufwertung des Pflegeberufs; bei planmäßigem Verlauf der Beratungen sollten die Aufbauarbeiten im Sommer 2023 beginnen. Mehr Hintergrund liefert das zuständige [Sozialministerium Baden-Württemberg](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/landesregierung-stellt-weichen-fuer-eine-pflegekammer-in-baden-wuerttemberg?ref=uebergabe.de). ## Zum Weiterhören - [PU046 – Pflegestudiumstärkungsgesetz / Update: TV-E am UKGM](https://www.uebergabe.de/pu046/) - [ÜG085 – Der Tarifvertrag der Charité (Carla Eysel & Dana Lützkendorf)](https://www.uebergabe.de/ug085/) - [ÜG129 – Kammergründung in Baden-Württemberg (Anne-Katrin Gerhardts)](https://www.uebergabe.de/ug129/) --- ## Quellen - [Verdi-Pressemitteilung Streik UKGM](https://bb.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++1e12224a-b68b-11ed-86b8-001a4a160111?ref=uebergabe.de#:~:text=F%C3%BCr%20den%206.,diesen%20Tagen%20ihre%20Arbeit%20niederlegen) (verdi.de) - [Artikel TV-E](https://www.kma-online.de/aktuelles/klinik-news/detail/rund-600-beschaeftigte-streiken-am-ukgm-49557?ref=uebergabe.de) (km-a.de) - [Übergabe Folge 85: T-VE Charite ](https://uebergabe.de/podcast/ug085?ref=uebergabe.de)(uebergabe.de) - [Übergabe Folge 94: TV-E UK NRW ](https://uebergabe.de/podcast/ug094?ref=uebergabe.de)(uebergabe.de) - [Entschluss des Bundesrates zur Vergütung Pflegestudierender](https://dip.bundestag.de/vorgang/entschlie%C3%9Fung-des-bundesrates-f%C3%BCr-eine-angemessene-verg%C3%BCtung-von-pflegestudierenden/297577?ref=uebergabe.de) (dip.bundestag.de) - [Kabinettsbeschluss Vergütung Pflegestudierender](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/pflegestudierende-erhalten-ausbildungsverguetung.html?ref=uebergabe.de) (bmg.de) - [Rede Ulrike Gote im Bundesrat](https://www.bundesrat.de/DE/service/mediathek/mediathek-node.html?cms%5Fid=0%5F7zqiuqr1&ref=uebergabe.de) (bundesrat.de) - [Koalitionsvertrag Berlin ](https://www.uebergabe.de/content/files/media/2023/04/koalitionsvertrag%5F2023-2026%5F.pdf)(spd.berlin) - [Pflegekammer BaWü](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/landesregierung-stellt-weichen-fuer-eine-pflegekammer-in-baden-wuerttemberg?ref=uebergabe.de) (Sozialministerium BaWü) ### Virtuelle Besuche im Intensivpflegebereich während der Covid-Pandemie URL: https://www.uebergabe.de/virtuelle-besuche-im-intensivpflegebereich-waehrend-der-covid-pandemie/ Last updated: 2024-10-13T11:35:57.000Z Angehörige von Intensivpatienten leiden trotz virtueller Besuche unter starken psychischen Belastungen. Forschungsprojekte sollten neue Erkenntnisse zu virtuellen Besuchen auf Intensivstationen liefern, um verbesserte Strategien für die Nutzung digitaler Kommunikationsplattformen zu entwickeln. _This post is for paying subscribers only._ ### Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri) URL: https://www.uebergabe.de/ug113/ Last updated: 2026-06-17T19:52:58.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 01.04.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - FAMOUS erprobt Advanced Practice Nurses mit Masterabschluss in neun Hausarztpraxen. - APNs versorgen multimorbide Patient:innen mit mindestens drei chronischen Erkrankungen. - Sie verbinden klinische Einschätzung, Beratung und Alltagsbewältigung statt reiner Organisation. - Ziel ist weniger Notfallkontakte und mehr Stabilität in der Häuslichkeit. - Externe Evaluation der Unimedizin Mainz, Abschlussbericht Ende 2024 geplant. Stell dir vor, du verlässt seit einem Jahr nicht mehr dein Haus. Nicht, weil du es nicht willst – sondern weil dein Sauerstoffgerät am Stromkabel hängt und du damit nicht vor die Tür kommst. Genau in solchen Situationen setzt ein Projekt aus Rheinland-Pfalz an, über das Prof. Dr. Renate Stemmer und Sophie Petri im Übergabe-Podcast gesprochen haben: FAMOUS – die fallbezogene Versorgung multimorbider Patient:innen durch Advanced Practice Nurses in der Hausarztpraxis. ## Wenn der Hausarzt in Rente geht und niemand nachkommt Der Ausgangspunkt ist ein Problem, das viele kennen: Hausärzt:innen werden knapp. Schon 2022 hatten in Rheinland-Pfalz über 60 Prozent der Hausärzt:innen das rentenfähige Alter erreicht. Wenn Praxen schließen und keine Nachfolge finden, steigt der Druck auf die verbliebenen Praxen – und Menschen mit eingeschränkter Mobilität fallen schlicht aus der Versorgung heraus. Gleichzeitig wird die Bevölkerung älter und kränker: Bis zu 95 Prozent der über 65-Jährigen haben mehrere Erkrankungen gleichzeitig. Genau hier setzt FAMOUS an. Das Projekt unter Leitung der Katholischen Hochschule Mainz erprobt, ob akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen die Versorgung multimorbider Menschen verbessern können – also von Patient:innen ab 18 Jahren mit mindestens drei chronischen Erkrankungen. Manche von ihnen bringen nicht nur drei, sondern zehn, fünfzehn oder mehr Diagnosen mit. Finanziert wird das Ganze über den [Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses](https://innovationsfonds.g-ba.de/innovationsausschuss/?ref=uebergabe.de), dessen Mittel überwiegend aus den gesetzlichen Krankenkassen stammen. ## APN ist mehr als ein neuer Name Vor dem Blick in die Praxis lohnt ein Wort zur Berufsgruppe selbst. Advanced Practice Nurses sind Pflegefachpersonen, die nach ihrer Ausbildung noch ein Studium auf Masterniveau absolviert haben. Das ist kein alter Wein in neuen Schläuchen, sondern eine eigene Qualifikation mit eigenem Schwerpunkt: klinische Einschätzung, kommunikative Kompetenz und ein evidenzbasiertes Arbeiten. In Ländern wie Großbritannien, Finnland, den USA, Kanada oder Australien ist diese Form der Versorgung längst etabliert – mit sehr guten Ergebnissen. FAMOUS will herausfinden, ob sich diese Erfahrungen auch in deutsche Strukturen übertragen lassen. Den Projektverantwortlichen war dabei wichtig, bewusst APNs auf Masterniveau einzusetzen – und nicht ersatzweise auf Zusatzkurse oder Bachelorqualifikationen auszuweichen. Denn genau die anspruchsvolle Einschätzung komplexer Situationen ist das, was diese Versorgungsform ausmacht. ## Frau Müller und Frau Sommer: ein Jahr, das alles verändert Wie das konkret aussieht, verdeutlicht ein Beispiel, das Sophie Petri mitgebracht hat. Nennen wir die Patientin Frau Müller und die APN Frau Sommer. Frau Müller ist über 70, hat eine COPD mit 24-stündigem Sauerstoffbedarf, dazu eine Herzinsuffizienz, Beinödeme mit Stauungsdermatitis, eine leichte Hemiparese nach Schlaganfall, eine Harninkontinenz und eine Depression. Als Frau Sommer die Begleitung übernahm, fand sie Patientin und Wohnung in verwahrlostem Zustand vor. Der Grund: Frau Müller hatte das Haus seit einem Jahr nicht verlassen, weil ihr strombetriebenes, kabelgebundenes Sauerstoffgerät dafür ungeeignet war. Sie konnte nur über Fünf-Minuten-Terrinen versorgt werden, die ihre Schwester brachte. Frau Sommer fragte nach dem größten Wunsch – und der war einfach: wieder selbst einkaufen gehen, ein Stück Selbstständigkeit zurück. Was dann geschah, zeigt die Spannweite der Arbeit. Frau Sommer organisierte ein mobiles Sauerstoffgerät mit Flüssigsauerstoff und einen Leichtgewichtrollator, übte das Handling an der Haustür, sorgte für einen Badewannenlifter, „Essen auf Rädern", eine passende Inkontinenzversorgung. Sie fand heraus, dass die Krankenkasse die Stromkosten für das Sauerstoffgerät übernehmen kann – das wusste Frau Müller schlicht nicht. Sie unterstützte beim höheren Pflegegrad, durch den nun der Pflegedienst häufiger kommt und eine Haushaltshilfe möglich wurde. Und sie brachte Frau Müller bei, die Warnzeichen einer Infektexazerbation früh zu erkennen, sodass rechtzeitig gehandelt werden kann. Das Entscheidende: Es ging nie um Luxusversorgung, sondern um das, was Frau Müller wirklich zusteht und hilft. Im gesamten Jahr war sie nur einmal im Krankenhaus – vorher deutlich häufiger. > *„Es ist die Kernkompetenz der Pflege, Menschen dabei zu unterstützen, mit ihren Erkrankungen im Alltag bestmöglich zurechtzukommen und so lange wie möglich selbstständig zu leben." — Sophie Petri* ## Alle Fäden in einer Hand Frau Müller hatte vorher durchaus Kontakt zu verschiedenen Gesundheitsdienstleistern – nur kümmerte sich jeder nur um seinen kleinen Ausschnitt. Niemand schaute auf das Ganze. Genau das ist die Stärke der APN: Sie betrachtet die gesamte Lebenswelt, wägt verschiedene Bedarfe gegeneinander ab, setzt gemeinsam mit der Patientin Prioritäten und führt alle Informationen an einer Stelle zusammen. Gesundheit wird dabei umfassend verstanden – als Zusammenspiel von Erkrankung, Erkrankungsfolgen und Alltagsbewältigung. Dabei reicht das Aufgabenspektrum von Beratung und Schulung über das Therapiemanagement bis hin zur ganz konkreten klinischen Arbeit. Wenn Angehörige anrufen, weil es jemandem schlecht geht, fahren die APNs in die Häuslichkeit, hören die Lunge ab, messen den Sauerstoff und deuten die Ergebnisse. Auf dieser Grundlage entscheiden sie über die nächsten Schritte – und holen, wenn es etwa um Medikamentenanpassungen geht, Rücksprache mit den Hausärzt:innen ein. ## Mehr als Organisieren: die Abgrenzung zu anderen Modellen Naheliegende Frage: Ist das nicht einfach Case Management? Renate Stemmer zieht hier eine klare Linie. Auch zum Community Health Nursing, das stärker auf den Aufbau regionaler Strukturen zielt, grenzt sich FAMOUS ab – die APNs gehen in die unmittelbare Versorgung der einzelnen Person. > *„Case Management meint ganz stark die Frage der Organisation. Was die APNs machen, ist wirklich unmittelbare Gesundheitsversorgung." — Prof. Dr. Renate Stemmer* Auch von Modellen wie [VERAH und NäPa](https://www.verah.de/?ref=uebergabe.de) oder dem früheren AGnES-Ansatz unterscheidet sich die Rolle: Diese arbeiten meist in einer engen Delegationslinie der Ärzteschaft. Die APNs hingegen treffen vor Ort gemeinsam mit den Patient:innen eigenständig Entscheidungen über die nächsten Schritte – deutlich selbstständiger, als wenn jemand eine Blutentnahme macht und wieder zurück in die Praxis fährt. ## Am Nabel der Ärzteschaft? Eine ehrliche Strukturdebatte Im Gespräch wurde kritisch nachgehakt: Die APNs sind in den Hausarztpraxen angestellt, die medizinischen Aufgaben bleiben bei der Ärzteschaft. Macht das die Pflege nicht abhängig – und ist das für die Professionalisierung nicht ein Rückschritt? Stemmer ordnet das im aktuellen Rechtsrahmen ein: Was medizinisch verantwortet werden muss, wird über einen kurzen, unkomplizierten Weg per Kürzel der Ärzt:innen abgesichert. Faktisch sei das im Alltag aber kein Problem. Bemerkenswert: Die teilnehmenden Praxen haben sich aktiv beworben – die Einladung lief über den Hausärzteverband. Manche Praxen erlebten den Hausarztmangel und die Zahl unversorgter Patient:innen täglich und sagten sinngemäß: Wir schaffen das nicht mehr alleine. Die Zusammenarbeit beschreiben die Hausärzt:innen heute als kollegial und auf Augenhöhe. Für die Zukunft denken die Beteiligten – auch im Austausch mit dem Gesundheitsministerium – eher in Richtung multiprofessioneller Teams und neuer Versorgungsstrukturen. ## Wie misst man, ob es wirkt? FAMOUS ist sauber als Studie aufgesetzt. In die Interventionsgruppe sollen rund 850 Patient:innen aufgenommen werden; zum Zeitpunkt der Aufnahme waren es bereits über 700, mit einem Altersmedian von 82 Jahren. Dazu kommt eine doppelt so große Kontrollgruppe, die aus Krankenkassendaten gebildet und im Verhältnis 1:2 gematcht wird. Die primäre Zielgröße ist die Nutzung von Notfallkontakten – also Bereitschaftsdienste, ambulante und stationäre Krankenhausaufnahmen. Die externe Evaluation übernimmt die Unimedizin Mainz – bewusst unabhängig von denen, die die Intervention entwickelt haben. Ein Teilbereich zur ambulanten Versorgung wird von einer Kollegin der Universität Bremen geleitet. Zusätzlich hat die Hochschule ein eigenes Monitoring aufgesetzt, das die gesundheitliche Situation und die Bedarfe vor und nach der zwölfmonatigen Interventionsphase abbildet. Die zwölf Monate sind dabei nach bisheriger Erfahrung ein guter Rahmen, um Situationen wirklich zu begleiten und weiterzuentwickeln. Belastbare Ergebnisse standen zum Aufnahmezeitpunkt noch aus – der Abschlussbericht war für Ende 2024 geplant. Die ersten Eindrücke aber waren überzeugend: hohe Zufriedenheit bei Patient:innen und Praxen, teils sogar zufriedener als bei rein ärztlicher Versorgung. ## Kostet das mehr – oder spart es am Ende? Spannend ist die ökonomische Seite, gerade weil der Innovationsfonds von Kassengeldern lebt. Mehr Sichtbarkeit kann zunächst mehr beantragte Leistungen bedeuten, etwa im SGB V. Gleichzeitig fallen Kosten weg, wenn Krankenhausaufenthalte vermieden werden. Belastbare gesundheitsökonomische Daten gab es noch nicht – aber die Logik ist klar: Gelingt es, die Krankenhausaufnahmerate deutlich zu senken, stehen die Chancen gut, dass sich der Einsatz auch wirtschaftlich rechnet. International ist gerade diese ökonomische Frage übrigens noch nicht abschließend beantwortet. ## Ein Potenzial, das nicht liegen bleiben sollte Jedes Jahr strömen in Deutschland Absolvent:innen pflegebezogener Studiengänge auf den Arbeitsmarkt – rund 12.000 Studienplätze gibt es. Für viele von ihnen eröffnet die Hausarztpraxis ein attraktives, anspruchsvolles Arbeitsfeld mit großer Selbstständigkeit und Verantwortung. In den Bewerbungsgesprächen war genau das ein zentrales Motiv: endlich wirklich als APN arbeiten zu können. Wie das gelingen kann, beleuchtet auch die Folge [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken](https://www.uebergabe.de/ug188/). > *„Wir sehen international in vielen Studien und systematischen Reviews die guten Ergebnisse – und prüfen, ob sich das auch in unseren Strukturen reproduzieren lässt." — Prof. Dr. Renate Stemmer* Das Fallbeispiel von Frau Müller bleibt am Ende hängen – auch wegen einer Frage, die Sophie Petri umtreibt: Wie viele Menschen leben in Deutschland in einer ähnlichen Situation, ohne dass jemand alle Fäden in die Hand nimmt? FAMOUS ist ein Versuch, genau diese Versorgungslücke zu schließen – mit Pflegefachpersonen, deren Kernkompetenz es ist, Menschen ein möglichst selbstbestimmtes Leben mit ihren Erkrankungen zu ermöglichen. ## Zum Weiterhören - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice](https://www.uebergabe.de/ug012/) - [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken](https://www.uebergabe.de/ug188/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes In dieser Folge sprechen wir mit Prof. Dr. Renate Stemmer und Sophie Petri über das Projekt "FAMOUS". Das steht für "fallbezogene Versorgung multimorbider Patienten und Patientinnen in der Hausarztpraxis durch Advanced Practice Nurses". Dabei wird versucht, die Primärversorgung von Patient:innen durch Pflegende in Praxen von Hausärzten:innen zu verlagern, sodass Pflegende die Versorgung übernehmen. In diesem Podcast stellen uns die Expertinnen das Projekt vor und sprechen auch darüber, welche Tätigkeitsbereiche die ANPs übernehmen und welche Expertise notwendig ist. Darüber hinaus sprechen wir auch darüber, ob die Verrottung im ärztlichen Bereich sinnvoll ist, welche Türen das Projekt zukünftig aufstoßen kann und welchen Nutzen Patient:innen haben. ### Shownotes - [Jetzt Mitglied werden bei der Übergabe und die **Pflege-Briefings** erhalten!](https://uebergabe.de/podcast/abo?ref=uebergabe.de) - Aufruf der Uni Leipzig: [Schreiben gegen Burnout](https://www.schreiben-gegen-burnout.de/?ref=uebergabe.de) - [FAMOUS – Fallbezogene Versorgung multimorbider Patient/innen in der Hausarztpraxis durch Advanced Practice Nurses (APN) : Katholische Hochschule Mainz](https://www.kh-mz.de/forschung/forschungsprojekte/gesundheit-pflege/famous-fallbezogene-versorgung-multimorbider-patientinnen-in-der-hausarztpraxis-durch-advanced-practice-nurses-apn/?ref=uebergabe.de) - [Innovationsausschuss - G-BA Innovationsfonds](https://innovationsfonds.g-ba.de/innovationsausschuss/?ref=uebergabe.de) - [VERAH (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis) und NäPa (Nicht-ärztliche Praxisassistentin)](https://www.verah.de/?ref=uebergabe.de) - [Community Health Nursing | Robert Bosch Stiftung](https://www.bosch-stiftung.de/de/projekt/community-health-nursing?ref=uebergabe.de) - [Community Health Nursing - DBfK](https://www.dbfk.de/de/themen/Community-Health-Nursing.php?ref=uebergabe.de) ### Kliniksterben durch die Reform? / ICN-Report: Recover to Rebuild URL: https://www.uebergabe.de/pu044/ Last updated: 2026-06-17T08:23:22.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 25.03.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Streit um die Krankenhausreform: DKG warnt vor Kliniksterben, Lauterbach und Laumann ringen um Fallgruppen. - Der ICN-Report „Recover to Rebuild" warnt vor einem globalen Pflegenotstand nach der Pandemie. - Leiharbeit, Bildungskonferenz, Ethikkommission und Generalistik prägen die weiteren Meldungen. In dieser Folge des PflegeUpdates dreht sich vieles um Politik und internationale Pflege: Im Mittelpunkt stehen die hitzige Debatte um die Krankenhausreform, eine Einordnung des neuen Reports des International Council of Nurses sowie die weiteren Meldungen der vergangenen zwei Wochen. Die Fakten beziehen sich auf den Stand Ende März 2023 – manches war damals noch in Bewegung. ## Krankenhausreform: Warnung vor Kliniksterben und Streit um die Fallgruppen Rund um die von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach geplante Krankenhausreform wurde zum Zeitpunkt der Folge verstärkt vor einer Welle an Klinikschließungen gewarnt. Grundlage dieser Warnung war eine Datenanalyse der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Lauterbach hielt dagegen: Ohne seine Reform komme es seiner Einschätzung nach erst recht zu einem unkontrollierten Kliniksterben. Wer die Grundlagen der Reform noch einmal nachhören möchte, findet sie in [Folge 40 zur Krankenhausreform](https://www.uebergabe.de/pu040/) kompakt erklärt. Das erklärte Ziel der Reform war damals nicht die Schließung von Häusern, sondern eine höhere Versorgungsqualität, der Abbau von Überversorgung und eine Entökonomisierung. Kernidee: Neben den Erlösen aus den DRG-Fallpauschalen sollten Kliniken künftig eine Vorhaltepauschale erhalten, die unabhängig von der Fallzahl gezahlt wird. Damit sollten die Fallpauschalen insgesamt an Bedeutung verlieren. Für kleinere Häuser bedeutet das: Sie sollten keine komplexen Eingriffe mehr durchführen müssen, für die ihnen die nötige Expertise fehlt – nur um damit Erlöse zu erzielen. Gleichzeitig betonte Lauterbach, die Krankenhausplanung bleibe Ländersache, ein Haus dürfe aber nicht allein aus Gründen des Bestandsschutzes erhalten werden, wenn darunter die Versorgungsqualität leide. Einen [Überblick über die Kritik an den Plänen](https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/krankenhausreform-lauterbach-gutachten-101.html?ref=uebergabe.de) gab es zu dieser Zeit in mehreren Medienberichten. Parallel dazu entwickelte sich ein offener Konflikt zwischen Lauterbach und dem nordrhein-westfälischen Gesundheits- und Arbeitsminister Karl-Josef Laumann. Laumann treibt seit einigen Jahren eine eigene Umstrukturierung der Krankenhauslandschaft in NRW voran, die sich auch in der Krankenhausbedarfsplanung von 2022 niederschlug. Beide Pläne unterschieden sich unter anderem in der Anzahl der vorgesehenen Fallgruppen. Lauterbach drohte zwischenzeitlich, für Laumanns Landesweg keine Bundesmittel bereitzustellen. Laumann konterte, ohne Zustimmung des Bundesrates werde es überhaupt keine Reform geben. Nordrhein-Westfalen, Bayern und Schleswig-Holstein kündigten zudem an, die Reform auf ihre Verfassungsmäßigkeit prüfen zu lassen, weil sie Eingriffe in die föderalen Länderkompetenzen befürchteten – die Krankenhausplanung sei schließlich Ländersache, weil regionale Bedarfe auch regional gelöst werden müssten. Über diesen [Gegenwind und die Entrüstung über Lauterbachs Vorgehen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/entruestung-ueber-lauterbach?ref=uebergabe.de) wurde damals breit berichtet. In einer Pressekonferenz am Aufnahmetag, dem 23\. März 2023, schlug Lauterbach versöhnlichere Töne an: Er wollte die Ergebnisse aus NRW zunächst als Grundlage für seine Reform aufnehmen. Statt der ursprünglich angekündigten 128 Fallgruppen sollten auf Bundesebene zunächst nur die 64 Fallgruppen gelten, die in NRW bereits zugrunde gelegt wurden. Ob damit der Konflikt und die angekündigten Verfassungsprüfungen vom Tisch waren, blieb zu diesem Zeitpunkt offen. Klar war nur: Bis Jahresende sollte ein Gesetzesvorschlag vorliegen, und das nächste Treffen der Gesundheitsministerien war für Ende April angesetzt. Für Pflegefachpersonen ist die Reform deshalb relevant, weil sie über Personalausstattung, Versorgungsstrukturen und die Frage entscheidet, welche Leistungen künftig an welchem Standort erbracht werden. ## ICN-Report „Recover to Rebuild": Globaler Pflegenotstand nach der Pandemie Das zweite große Thema der Folge ist eine Veröffentlichung des International Council of Nurses (ICN). Der ICN ist der internationale Dachverband für Pflegefachpersonen: Über 130 nationale Verbände sind dort organisiert, womit der Verband nach eigenen Angaben rund 28 Millionen Pflegefachpersonen weltweit vertritt. Für Deutschland sitzt der DBfK im ICN. Gegründet wurde der Verband bereits 1899 – er blickt also auf eine lange Geschichte zurück. Der ICN veröffentlicht jährlich einen Report, der die Probleme von Pflegefachpersonen beschreibt und zugleich Lösungsvorschläge für Politik, Kliniken und Arbeitgeber:innen liefert. Der Bericht dieses Jahres trug den Titel „Recover to Rebuild: Investing in the Nursing Workforce for Health System Effectiveness". Dafür wertete der ICN weltweit veröffentlichte Studien aus und beschrieb die Folgen der Pandemie für die Gesundheitssysteme – mit besonderem Blick auf die Pflege. Zu den zentralen Befunden zählten hohe psychische und physische Belastungen wie Burnout und Depressionen sowie ein weltweit stetig wachsender Mangel an Pflegefachpersonen. Die zentralen Aussagen und Materialien dazu hat der [ICN auf seiner Website veröffentlicht](https://www.icn.ch/news/value-respect-protect-invest-icn-launches-international-nurses-day-posters?ref=uebergabe.de). Ein wichtiger Punkt für die Einordnung: Wohlhabendere Länder wie Deutschland können Pflegefachpersonen aus dem Ausland anwerben – und verschärfen damit den Mangel in den Herkunftsländern. Der ICN nannte als Beispiel die Philippinen, wo bereits damals rund 350.000 Pflegefachpersonen fehlten. In vielen dieser Länder tragen Pflegefachpersonen eine noch zentralere Rolle im Gesundheitssystem als hierzulande. Der ICN prognostizierte – wie schon im Vorjahr – einen globalen Mangel von etwa 13 Millionen Pflegefachpersonen in den kommenden Jahren und sprach von einem „Global Health Emergency", einem globalen Gesundheitsnotstand. Die Kritik des Verbands richtete sich vor allem dagegen, dass das von der Pandemie gebeutelte Pflegepersonal nun mit noch mehr Einsatz die Gesundheitssysteme wieder aufbauen solle – ohne dass entsprechend in seine Unterstützung investiert werde. Ohne solche Investitionen, so der ICN, könne sich kein Gesundheitssystem langfristig von der Pandemie erholen. Konkret rief der Verband die nationale Politik dazu auf, sofort für sichere Schichtbesetzungen zu sorgen, bei künftigen Pandemien zügig Impfstoff für Pflegefachpersonen bereitzustellen und mehr Ausbildungs- beziehungsweise Studienplätze zu schaffen. Auf internationaler Ebene sollte die Staatengemeinschaft Länder mit niedrigerem Einkommen dabei unterstützen, die Abwanderung ihrer Pflegefachpersonen zu verhindern. Auch Arbeitgeber:innen und Organisationen sah der ICN in der Pflicht – andernfalls drohten als Folge fehlender Unterstützung weiter Demonstrationen und Streiks für bessere Arbeitsbedingungen und sichere Besetzungen. ## Leiharbeit in der Pflege: Laumann und Lauterbach mit gegensätzlichen Linien NRW-Gesundheits- und Arbeitsminister Karl-Josef Laumann positionierte sich gegen ein Verbot der Zeitarbeit in Kliniken und Pflegeheimen. Auch eine Deckelung von Entgelten und eine Beschränkung von Vermittlungsprämien lehnte sein Ministerium ab. Die Probleme durch Personalüberlastung seien zwar bekannt, Leiharbeit solle aber nur in Krisensituationen und als letztes Mittel eingesetzt werden. Als Alternative verwies das Ministerium auf sogenannte Springer-Konzepte, bei denen Personal gezielt eingestellt wird, um kurzfristige Ausfälle aufzufangen. Fast zeitgleich wurde bekannt, dass Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach die Leiharbeit in der Altenpflege faktisch verbieten wollte. Laut einem damaligen Entwurf der Pflegereform sollten die Mehrkosten für den Einsatz von Leiharbeiter:innen künftig nicht mehr den Pflegekassen in Rechnung gestellt werden dürfen; als Obergrenze sollten die branchenüblichen Tariflöhne gelten. Damit standen sich zwei gegensätzliche Linien gegenüber – ein Thema, das Pflegefachpersonen unmittelbar betrifft, weil es Einkommen, Personaleinsatz und Arbeitsbedingungen prägt. ## Deutscher Pflegerat fordert eigene Bildungskonferenz für die Pflege Der Deutsche Pflegerat (DPR) forderte anlässlich des Bildungsgipfels in Berlin eine eigene Bildungskonferenz für die Pflege- und Gesundheitsfachberufe. DPR-Präsidentin Christine Vogler verwies auf die Bedeutung von Bildung für eine gute medizinische, therapeutische und pflegerische Versorgung. Trotz eines bundeseinheitlichen Pflegeberufegesetzes sei die Bildungsstruktur stark zersplittert – besonders bei der Ausbildung zur Pflegefachassistenz. In der Langzeitpflege habe Deutschland zudem den niedrigsten Bildungsstand der Pflegenden im europäischen Vergleich. Der DPR forderte verbindliche, bedarfsgerechte Akademisierungsquoten sowie klare Arbeitsfelddefinitionen und Einsatzmöglichkeiten für hochschulisch ausgebildete Pflegefachpersonen. Die entsprechende [Forderung des Deutschen Pflegerats](http://deutscher-pflegerat.de/2023/03/15/deutscher-pflegerat-fordert-eigenen-bildungsgipfel-fuer-die-pflege-und-gesundheitsfachberufe/?ref=uebergabe.de) wurde dazu veröffentlicht. ## Niedersachsen: Erste Ethikkommission für Pflegeberufe konstituiert Zum 1\. Januar 2023 hatte das niedersächsische Sozialministerium eine Ethikkommission für Pflegeberufe eingerichtet; am 17\. März 2023 fand in Göttingen die konstituierende Sitzung statt. Unabhängig von verbandlichen oder politischen Interessen soll die Kommission Pflegende bei ethischen Fragen stärken – etwa im Umgang mit Menschen mit Demenz oder mit Sterbe- und Suizidwünschen. Es handelt sich um die erste Ethikkommission dieser Art in Deutschland. Unter den 17 Mitgliedern sind Personen aus Pflegepraxis, Pflegewissenschaft, Philosophie, Theologie, Rechtswissenschaften und Gesundheitsökonomie vertreten, ebenso Menschen mit Pflegebedarf oder Behinderung und deren Angehörige. Mehr Details finden sich in der [Mitteilung des niedersächsischen Sozialministeriums](https://www.ms.niedersachsen.de/startseite/uber%5Funs/presse/presseinformationen/ethikkommission-fur-berufe-in-der-pflege-in-niedersachsen-gegrundet-220685.html?ref=uebergabe.de). ## Rheinland-Pfalz: Erste Absolvent:innen der generalistischen Pflegeausbildung In Rheinland-Pfalz wurden die ersten Absolvent:innen der generalistischen Pflegeausbildung geehrt. Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, betonte, der umfassende Berufsabschluss „Pflegefachfrau" und „Pflegefachmann" bedeute für die Fachkräfte mehr Flexibilität, weil sie explizit für alle Aufgabenbereiche ausgebildet seien. Die Vereinheitlichung soll zudem helfen, bestehende Benachteiligungen abzubauen – etwa bei der Bezahlung in der Altenpflege. Ein weiterer Vorteil: Die generalistische Ausbildung wird im gesamten EU-Ausland anerkannt, was zuvor in einigen Bereichen wie der Altenpflege nicht durchgehend der Fall war. ## Zum Weiterhören - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG116 – International Council of Nurses (Dr. Karen Bjøro)](https://www.uebergabe.de/ug116/) - [ÜG076 – Zeitarbeit in der Pflege (Matthias Menne)](https://www.uebergabe.de/ug076/) --- ## Quellen - [PflegeUpdate Folge 40 zur Krankenhausreform](https://www.uebergabe.de/pu040/) (uebergabe.de) - [Allgemeines zur Krankenhausreform - Überblick DLF ](https://www.deutschlandfunk.de/krankenhaeuser-reform-lauterbach-fallpauschale-100.html?ref=uebergabe.de)(deutschlandfunk.de) - [Gutachten und Kritik an Lauterbachs Plänen](https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/krankenhausreform-lauterbach-gutachten-101.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) - [Gegenwind für Lauterbachs Reform](https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/lauterbach-krankenhaus-gipfel-101.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) - [Entrüstung über Lauterbach](https://www.bibliomed-pflege.de/news/entruestung-ueber-lauterbach?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [ICN-Report: Recover to Rebuild](https://www.icn.ch/publications/recover-rebuild?ref=uebergabe.de) (icn.ch) - [Bericht zum ICN-Report](https://www.icn.ch/news/value-respect-protect-invest-icn-launches-international-nurses-day-posters?ref=uebergabe.de) (icn.ch) - [Ethikkomission in Niedersachsen](https://www.ms.niedersachsen.de/startseite/uber%5Funs/presse/presseinformationen/ethikkommission-fur-berufe-in-der-pflege-in-niedersachsen-gegrundet-220685.html?ref=uebergabe.de) (niedersachsen.de) - [DPR-Bildungsgipfel](http://deutscher-pflegerat.de/2023/03/15/deutscher-pflegerat-fordert-eigenen-bildungsgipfel-fuer-die-pflege-und-gesundheitsfachberufe/?ref=uebergabe.de) (dpr.de) ### #05 „Barrierefrei daheim, einfach besser“ - Warum eine Wohnraumanpassung mehr als nur eine Umbaumaßnahme ist und wie auch vollstationär zu einem Zuhause wird URL: https://www.uebergabe.de/ug112/ Last updated: 2026-06-17T19:31:44.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 18.03.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Wohnumfeldverbessernde Maßnahmen bringen bis zu 4.000 Euro Zuschuss pro Pflegesituation. - Voraussetzung ist mindestens Pflegegrad 1 und ein Bezug zur Pflege. - Barrierefrei, barrierearm und behindertengerecht meinen ganz Unterschiedliches. - Auch eine vollstationäre Einrichtung kann zum echten Zuhause werden. - Wer früh über einen Umzug nachdenkt, gewöhnt sich leichter ein. Die meisten Menschen haben einen ganz klaren Wunsch: so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben. Doch was passiert, wenn die Badewanne plötzlich zur unüberwindbaren Hürde wird, wenn Türschwellen den Rollator ausbremsen oder die Treppe am Hauseingang den Weg nach draußen versperrt? Genau hier setzt die letzte Folge des Podcast-Specials „Wir erklären Pflege" an, das die [Pflegeexpert:innen der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) gemeinsam mit der Übergabe produziert haben. Pflegeberaterin Doreen Stadi schildert im Gespräch mit Christian Köbke, wie das Zuhause auch mit Pflegebedarf lebbar bleibt – und wann eine vollstationäre Pflegeeinrichtung zu einem neuen Zuhause werden kann. ## Mehr als vier Wände: Was das Wohnumfeld eigentlich ist Bevor es um Umbauten geht, lohnt der Begriff selbst eine Einordnung. Das Wohnumfeld ist – ganz umgangssprachlich – das Zuhause. Das kann die eigene Wohnung der pflegebedürftigen Person sein, aber auch die Wohnung einer anderen Person, in der sie überwiegend lebt. Entscheidend ist der Lebensmittelpunkt: Wo hält sich jemand am meisten auf, und ist das Ganze auf Dauer ausgerichtet? Wer für zwei Wochen zur Tochter zieht, verlagert damit noch nicht seinen Lebensmittelpunkt – das wäre also kein Wohnumfeld im rechtlichen Sinn. Warum das so wichtig ist? Weil das Zuhause eben das Zuhause ist. Es gibt nicht nur den verständlichen Wunsch, dort wohnen zu bleiben, auch wenn es einem gesundheitlich schlechter geht – es gibt auch ein Recht darauf. Über diesem Thema schwebt der Grundsatz „ambulant vor stationär": Zuerst wird geprüft, ob sich die häusliche Situation an veränderte Bedürfnisse anpassen lässt, bevor ein Umzug in eine Einrichtung überhaupt zur Debatte steht. Und genau darum geht es bei einer Wohnraumanpassung: Wer früher gern gebadet hat, aber die Beine nicht mehr gut anheben kann, muss nicht ausziehen, nur weil die Badewanne zum Hindernis geworden ist. Stattdessen wird umgebaut – und plötzlich klappt das selbstständige Leben wieder. ## Wohnumfeldverbessernde Maßnahmen: ein sperriges Wort mit großer Wirkung Hinter dem etwas behäbigen Begriff „wohnumfeldverbessernde Maßnahmen" steckt eine konkrete Unterstützungsleistung der Pflegekasse. Zerlegt man das Wortungetüm, wird es greifbar: Das Wohnumfeld ist das Zuhause, „verbessernd" meint, dass eine Einschränkung ausgeglichen wird – und „Maßnahme" ist der eigentlich knifflige Teil. Denn eine Maßnahme ist nicht ein einzelner Umbau, sondern die Summe all dessen, was zum jeweiligen Gesundheitszustand passt und benötigt wird. Ein Beispiel: Jemand braucht nach einer Verletzung dauerhaft einen Rollator oder Rollstuhl. Beim Blick auf die Wohnung zeigt sich, dass Türschwellen, Treppenstufen am Hauseingang und eine Badewanne im Weg sind. Diese drei Punkte zusammen ergeben eine Maßnahme – und für diese gibt es einen Zuschuss von bis zu 4.000 Euro. Kostet der Umbau weniger, werden entsprechend nur die tatsächlichen Kosten übernommen. Wichtig zu wissen: Die 4.000 Euro sind nicht zwingend einmalig. Der Betrag bezieht sich auf den Gesundheitszustand. Wer beim ersten Umbau nur 2.000 Euro verbraucht, hat noch Spielraum. Und verschlechtert sich die Pflegesituation deutlich – etwa vom Rollator zum dauerhaften Rollstuhl –, entsteht ein erneuter Anspruch auf bis zu 4.000 Euro. ## Drei Grundsätze, an denen sich alles entscheidet Ob ein Umbau bezuschusst wird, richtet sich nach drei Grundsätzen. Der erste: Pflege überhaupt erst ermöglichen. Wer nach einem Schlaganfall im Rollstuhl nach Hause möchte, aber an den Treppenstufen am Eingang scheitert, kommt ohne eine Rampe gar nicht erst in die eigene Wohnung. Der zweite Grundsatz ist die Selbstständigkeit – ein Dauerthema in der Pflege. Eine ebenerdige Dusche kann dafür sorgen, dass jemand sich wieder allein waschen und auf einen Duschstuhl setzen kann, statt auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Der dritte Grundsatz ist die Pflegeerleichterung und richtet sich an die Pflegepersonen – ob ambulanter Pflegedienst oder Angehörige. Lässt sich ein Rollstuhl einfach in eine ebenerdige Dusche fahren, erleichtert das die Arbeit enorm. > *„Dann verändern wir das, bauen eine Dusche ein, und dann kommt die Person wieder zurecht und kann selbstständig zu Hause leben – also einfach ein Zuhause leben können mit veränderten Bedürfnissen." — Doreen Stadi* Dabei gilt immer: praktisch denken. Der Umbau muss die Pflege beeinflussen, und gleiche Dinge werden nur einmal umgebaut. Wer zwei Badezimmer hat, bekommt nicht beide bezuschusst, sondern eines. Und Dinge ohne direkten Pflegebezug – etwa undichte Fenster, die ohnehin erneuert werden müssten – fallen nicht darunter, auch wenn jemand bettlägerig wird. ## Vom Treppenlift bis zur Mini-Rampe: Was konkret möglich ist Die Klassiker sind Treppenstufen. Über zwei Etagen kann ein Treppenlift den Geschosswechsel ermöglichen, am Hauseingang hilft eine Rampe oder ein Handlauf – Letzterer ist gleichzeitig ein Beitrag zur Sturzprophylaxe, ebenfalls ein zentrales Thema der Pflege. Sehr häufig geht es um die Badewanne oder die Dusche mit hohem Einstieg, die durch eine bodengleiche Variante ersetzt wird. Türschwellen lassen sich entfernen oder mit kleinen Rampen überbrücken, damit der Rollator auch innen genutzt werden kann. Und wenn es gar nicht anders geht, kann sogar ein Umzug mit Transportunternehmen über diese Leistung finanziert werden. ## Barrierefrei, barrierearm, behindertengerecht – wo liegt der Unterschied? Diese drei Begriffe werden gern durcheinandergeworfen, meinen aber Unterschiedliches. „Behindertengerecht" hat keine klare Definition und ist eher ein Marketingbegriff. „Barrierefrei" dagegen ist in Deutschland über eine Norm exakt festgelegt: Sie schreibt etwa vor, wie breit eine Tür sein muss, welchen Abstand eine bodengleiche Dusche zum nächsten Sanitärobjekt braucht und welche Mindestgröße ein Badezimmer haben muss. Ein Bad mit nur fünf Quadratmetern erfüllt diese Vorgaben in der Regel nicht. Das meiste, was in der Praxis umgesetzt wird, ist deshalb „barrierearm" – alles dazwischen. Eine ebenerdige Dusche ist barrierearm, aber nicht automatisch barrierefrei, etwa wenn noch eine kleine Kante bleibt oder die Toilette zu dicht steht. Die gute Nachricht: Die Pflegekasse bezuschusst beides. Niemand muss eine komplett barrierefreie Lösung erzwingen – gerade in Altbauwohnungen lässt das Rohrleitungssystem oft keine völlig bodengleiche Dusche zu. Bleibt ein Rand von anderthalb Zentimetern statt 30 oder 40 Zentimeter Einstieg, ist das trotzdem eine enorme Verbesserung. ## Der Weg zum Zuschuss: Wer hilft, wer entscheidet Der erste Schritt ist die Kontaktaufnahme. Je nach Bundesland gibt es Wohnberatungen, die ins Haus kommen, dazu Sanitätshäuser oder die Pflegeberatung. Sie schauen sich die konkreten Einschränkungen an, überlegen, welche Maßnahme im Einzelfall sinnvoll ist, und haben oft gute Ideen zur Umsetzung. Anschließend wird ein Antrag bei der zuständigen Pflegekasse gestellt. Die Kasse kann – muss aber nicht – den Medizinischen Dienst oder eine Pflegefachperson mit einer Begutachtung beauftragen. Häufig genügt der Blick auf ein bereits beschriebenes Gutachten oder ein Telefonat. Dann hat die Pflegekasse fünf Wochen Zeit für die Entscheidung, die in der Regel per Post kommt. Voraussetzung ist mindestens Pflegegrad 1 und dass die Maßnahme die Pflege positiv beeinflusst. Wer den Umbau durchführt, darf frei gewählt werden: Sanitätshäuser für Haltegriffe, Handwerksbetriebe für die Dusche, Transportunternehmen für den Umzug. Auch Angehörige oder Freund:innen dürfen anpacken – dann werden allerdings nur die Materialkosten übernommen. ## Mietwohnung: Stolperstein oder unverhoffte Chance? Wer zur Miete wohnt, braucht die Zustimmung der Vermietung. Betrifft der Umbau Gemeinschaftsflächen wie den Hauseingang, kann sogar die Zustimmung der örtlichen Feuerwehr und der Eigentümergemeinschaft nötig werden. Das kann im Einzelfall bedeuten, dass ein Umbau abgelehnt wird – ein echtes Problem, wenn dann doch ein Umzug ansteht. > *„Ganz oft ist das auch eine riesengroße Chance, wenn ich Mieter oder Mieterin bin. Weil die Vermietung dann sagt: Wenn Sie irgendwann ausziehen, ist die barrierefreie Dusche immer noch da." — Doreen Stadi* In der Praxis werden den Mieter:innen meist keine Steine in den Weg gelegt. Im Gegenteil: Manche Vermietungen geben sogar einen eigenen Zuschuss obendrauf, weil sie nach einem Auszug von der barrierefreien Ausstattung profitieren. Mitunter schreiben sie allerdings bestimmte Handwerksbetriebe vor. Der klare Rat lautet deshalb: nachfragen lohnt sich. ## Wenn das Zuhause nicht mehr reicht: die vollstationäre Pflegeeinrichtung Manchmal lässt sich die Pflege zu Hause trotz aller Anpassungen nicht mehr sicherstellen. Dann rückt die vollstationäre Pflegeeinrichtung in den Blick – ein Begriff, der dem etwas unglücklichen Wort „Pflegeheim" vorzuziehen ist. Gemeint ist ein Haus mit vielen, meist Einzelzimmern, in dem Menschen rund um die Uhr Unterstützung in allen Lebensbereichen bekommen: regelmäßige Mahlzeiten, ausreichend Trinken, Hilfe bei der Körperpflege und Beschäftigungsangebote. Die Einrichtung wird damit zum neuen Zuhause. Oft entsteht hier eine Spannung: Angehörige stoßen an ihre Grenzen, während die pflegebedürftige Person partout nicht „ins Heim" möchte. Ein Patentrezept gibt es nicht. Hilfreich ist es, eine Pflegeberatung einzubeziehen und zu prüfen, ob im ambulanten Bereich noch mehr Entlastung möglich ist – Stichwort Verhinderungspflege und weitere Entlastungsangebote. Vor allem aber braucht es viele Gespräche über die Bedürfnisse aller Beteiligten. ## Den passenden Platz finden – und einrichten Einen Pflegeplatz zu finden, ist nicht leicht. In der Regel heißt es: Einrichtungen abtelefonieren, mit Wartelisten rechnen und vieles selbst organisieren. Beim Schritt aus dem Krankenhaus kann der soziale Dienst unterstützen – oft zunächst über die Kurzzeitpflege, die später in die vollstationäre Pflege übergeht. Orientierung bei der Qualität bietet der [Pflegenavigator der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/cl/nordwest/pflege/pflegenavigator/?ref=uebergabe.de) mit Bewertungen einzelner Einrichtungen. Ein praktischer Tipp: Wer die Person oft besuchen möchte, sollte eine Einrichtung in der Nähe wählen, um nicht selbst in eine neue Überlastungssituation zu geraten. Ausgestattet sind die Zimmer in der Regel mit Pflegebett, Kleiderschrank und Nachtschrank. Alles Weitere bringt jede Person selbst mit – das, was den Raum zum Zuhause macht: der gemütliche Sessel, der Fernseher, die Lieblingskommode voller Erinnerungen. Sinnvoll ist auch ein Stuhl für Gäste, damit Pflegefachpersonen für einen netten Plausch oder Angehörige für einen Kaffee Platz nehmen können. Besuche sind grundsätzlich jederzeit möglich – je nach Haus galten allerdings noch unterschiedliche Corona-Regelungen. Der Rat: einfach mit dem Haus absprechen, etwa zu Essenszeiten oder Besuchsende. ## Keine Endstation: warum ein früher Umzug Sinn ergeben kann Ein „Probewohnen" lässt sich über Kurzzeit- und Verhinderungspflege ausprobieren – meist zwei bis vier, in vielen Einrichtungen bis zu acht Wochen. Wer bereits eingezogen ist und sich nicht wohlfühlt, sollte zuerst das Gespräch mit der Einrichtung suchen: Ist die Raumtemperatur zu hoch, wird zu früh geweckt, passt der Wohnbereich nicht? Vieles lässt sich anpassen, ein Wechsel des Wohnbereichs bringt manchmal neue Bezugspersonen. Im Zweifel kann der Pflegevertrag gekündigt und ein neuer Platz gesucht werden. Und ganz wichtig: Eine Einrichtung ist keine unumkehrbare Endstation – verändert sich die Lebenssituation der Angehörigen, ist auch ein Rückzug in die häusliche Pflege möglich. > *„Wenn sie warten, bis nichts mehr geht, ist es viel schwerer, sich in dieser neuen Umgebung einzugewöhnen. Deshalb kann man sich durchaus schon ein bisschen früher damit beschäftigen." — Doreen Stadi* Ein Einzug muss nichts Negatives sein. Wer zu Hause zunehmend allein ist, weil Nachbarschaft und Freundeskreis wegfallen, findet in einer Einrichtung wieder Gesellschaft. Hinzu kommt die Rundumversorgung: Tag und Nacht ist Unterstützung erreichbar. Das beruhigt nicht nur die pflegebedürftige Person, sondern entlastet auch Angehörige enorm – sie sind nicht mehr die einzige Rettung im Notfall. Dieses Gefühl von Sicherheit gibt oft neue Kraft, die dann wieder in die Beziehung fließen kann. Die wichtigste Botschaft: Du hast das Recht, deine Situation zu verbessern – damit der Wunsch, zu Hause zu leben, in Erfüllung gehen kann. Und falls das eines Tages nicht mehr reicht, kann auch eine vollstationäre Einrichtung zu einem echten Zuhause werden. Mehr Informationen und Beratungsangebote findest du auf der [Themenseite Pflege der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de). ## Zum Weiterhören - [ÜG111 – #04 Heim oder daheim – Pflegeorte im Mittelpunkt der Diskussion](https://www.uebergabe.de/ug111/) - [ÜG110 – #03 „Ich kann heute nicht" – alles rund um Verhinderungspflege](https://www.uebergabe.de/ug110/) - [ÜG101 – Selbstbestimmtes Leben im Pflegeheim](https://www.uebergabe.de/ug101/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes Die meisten pflegebedürftigen Menschen möchten möglichst lange in ihrem Zuhause wohnen bleiben, auch wenn der Alltag immer schwerer wird und Stolperfallen zunehmend gefährlicher werden. „Pflegeheim als Endstation“ – diese Sorge haben viele, so unsere Pflegeberaterin Doreen Stadie in der fünften Folge des Podcast. Im Gespräch mit dem ÜBERGABE-Team erklärt sie anhand vieler, konkreter Beispiele, wie man diesem Angstgefühl zuvorkommen kann. In dieser Episode gibt es praktische Ratschläge und unzählige Möglichkeiten, wie man mit einem Zuschuss von bis zu 4.000 € auch als Sofortmaßnahmen für mehr Barrierefreiheit sorgen kann. Zum Beispiel, wenn schmale Türen oder ein hoher Einstieg in die Badewanne plötzlich zu Barrieren werden und so entweder bei der Pflege behindern oder für den Pflegebedürftigen zu Gefahrenquellen werden. Mehr als nur ein körperliches Bedürfnis ist „alleine duschen“, was so selbstverständlich klingt, ist gleichzeitig Symbol für selbstbestimmtes Leben. Das kann schon im Badezimmer der Mietwohnung beginnen, das nicht optimal auf eine Pflegesituation ausgerichtet ist und so einen größeren Umbau notwendig macht. Das gilt aber auch für die eigenen vier Wände in einer Pflegeeinrichtung. Egal, wo das Umfeld sich befindet, oft helfen schon kleine Änderungen, um das Leben und die Pflege zu erleichtern. In der vorerst letzten Folge des Podcast wollen wir gemeinsam nochmals optimistisch das Thema Pflegeleistungen betrachten. Auch wenn eine Pflegesituation gesundheitlich ausweglos erscheint – die gute Nachricht ist immer, Wohnraum lässt sich einfach und praktisch verbessern und sorgt so für mehr Lebensqualität – für den Pflegebedürftigen direkt aber auch auf der Seite der Pflegenden. Denn: Pflege geht uns alle an, wir lassen dich #nichtallein. ### Shownotes - [Pflegeexpert:innen der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) - [Der Pflegenavigator der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/cl/nordwest/pflege/pflegenavigator/?ref=uebergabe.de) - [Homepage zum Thema PFLEGE der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) - [Homepage der AOK NordWest](https://www.aok.de/nw?ref=uebergabe.de) - [Homepage der Übergabe](https://uebergabe.de/podcast/?ref=uebergabe.de) ### Leiharbeit in der Pflege / Neues von der Pflegereform URL: https://www.uebergabe.de/pu043/ Last updated: 2026-06-13T22:07:42.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 11.03.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die DKG fordert ein weitgehendes Leiharbeitsverbot – Verbände sehen die Ursachen bei den Arbeitsbedingungen. - Der PUEG-Referentenentwurf hebt vor allem Beiträge und Leistungen an, ohne das System grundlegend zu reformieren. - Kurzmeldungen: neue Expertenstandards, neuer Sachverständigenrat und ein Auftakt der Pflegekammer NRW mit dem Land. In Folge 43 des PflegeUpdates geht es um zwei große Dauerbrenner der Pflegepolitik und einige kurze Meldungen zum Schluss. Wir blicken auf die wieder aufgeflammte Debatte um die Leiharbeit, auf den Referentenentwurf zur Finanzierung der Pflegeversicherung und fassen am Ende kompakt zusammen, was in den Wochen rund um den Stand vom 11\. März 2023 sonst noch wichtig war. ## DKG fordert weitgehendes Verbot der Leiharbeit in der Pflege Die Diskussion um Leiharbeit – fachlich genauer: Arbeitnehmerüberlassung – in der Pflege reißt seit Jahren nicht ab. Mal kommen Forderungen nach einem Verbot aus der Politik, mal heizen Berichte in Medien und sozialen Netzwerken die Stimmung an. Den jüngsten Anstoß lieferte zum Zeitpunkt der Folge ein Papier der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), die ein generelles Verbot von Leiharbeit sowohl in der Pflege als auch im ärztlichen Dienst [verlangte](https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/verbot-als-ultima-ratio-krankenhaeuser-fordern-drastische-beschraenkung-der-pflege-leiharbeit/?ref=uebergabe.de). Die DKG stützte ihre Forderung auf eine eigene Umfrage vom November des Vorjahres, an der sich 319 Krankenhäuser beteiligten. Allen voran beklagten die Kliniken die hohen Kosten der Leiharbeit, ohne diese allerdings konkret zu beziffern. Hinzu kämen aus ihrer Sicht Qualitätsverluste in der Versorgung und eine Unzuverlässigkeit der vermittelnden Agenturen. Bemerkenswert ist der innere Widerspruch: Gleichzeitig räumten die Häuser ein, dass sich ohne die Kolleg:innen aus der Leiharbeit Personaluntergrenzen kaum einhalten und die Versorgung allenfalls unter größten Anstrengungen aufrechterhalten lassen. Entsprechend abgeschwächt war die Rückfallposition: Sollte ein generelles Verbot politisch nicht umsetzbar sein, sollten zumindest die Mehrkosten durch die Kostenträger erstattet werden. Interessant ist außerdem, dass die DKG die Überlassung zwischen Einrichtungen – also etwa zwischen Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Reha-Kliniken sowie innerhalb einer Trägerschaft – weiterhin erlauben wollte. Ein vollständiges Verbot war also gar nicht das Ziel. Aus den Berufsverbänden, Gewerkschaften und Pflegekammern kamen deutliche Gegenpositionen. Dr. Markus Mai, Präsident der Pflegekammer Rheinland-Pfalz, verwies darauf, dass die Einrichtungen selbst Verantwortung übernehmen müssten: Wer keine Leiharbeit wolle, müsse vor allem die Arbeitsbedingungen vor Ort verbessern, statt auf die Politik zu warten. Der Deutsche Pflegerat hatte bereits 2022 betont, dass Leiharbeitnehmer:innen nicht das Problem seien, sondern Folge unzureichender Arbeitsbedingungen und teils fehlender Führungskompetenz – sie nutzten schlicht die Chance auf bessere Bedingungen und Vergütung. Die dazugehörige [Stellungnahme des Deutschen Pflegerats](http://deutscher-pflegerat.de/wp-content/uploads/2022/11/dpr%5Fursachen-und-auswirkungen-der-leiharbeit-in-der-pflege-entgegenwirken.pdf?ref=uebergabe.de) fordert eine am Pflegebedarf ausgerichtete Personalausstattung und einen bedarfsgerechten Qualifikationsmix als Voraussetzung dafür, dass Leiharbeit nicht mehr regelhaft nötig ist. Auch die Gewerkschaften meldeten sich: Der Bochumer Bund gab zu bedenken, dass Pflegefachpersonen bei einem Verbot nicht automatisch in ihre alten Einrichtungen zurückkehren – eine Begrenzung könnte die Zahl verfügbarer Fachpersonen also sogar weiter sinken lassen. Verdi wiederum bewertete den Einsatz von Leiharbeit als belastend für die Versorgung und die Teamarbeit. Für dich als Pflegefachperson ist die Einordnung wichtig: Mediale Zuspitzungen, die einen drohenden „Pflegekollaps" allein der Leiharbeit zuschreiben, greifen zu kurz. Leiharbeit ist eher Symptom als Ursache der strukturellen Probleme. ## PUEG: Referentenentwurf hebt Beiträge und Leistungen an Die zweite große Meldung betrifft die Finanzierung der Pflegeversicherung, geregelt im Sozialgesetzbuch XI. Seit Längerem kämpft die Pflegeversicherung mit Finanzierungsproblemen – unter anderem, weil mit dem 2017 eingeführten neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff die Zahl der Leistungsempfänger:innen stark gestiegen ist, während die Kosten allgemein zunehmen. Abhilfe sollte zum Zeitpunkt der Folge das Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetz (PUEG) schaffen, das in den Medien oft als „Pflegereform" bezeichnet wird. Tatsächlich verbarg sich hinter dem Namen zunächst vor allem eine Beitragsanhebung. Für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte – also alle, die mehr als 520 Euro verdienen – sollte der Beitragssatz zum Juli 2023 um 0,35 Prozentpunkte steigen, was der Pflegekasse rund 6,6 Milliarden Euro zusätzlich einbringen sollte. Geplant war außerdem, dass die Bundesregierung künftig per Rechtsverordnung – ohne erneute Zustimmung des Bundesrates – die Beitragshöhe anpassen kann, um flexibler auf Liquiditätsengpässe zu reagieren. Aus den Mehreinnahmen sollten Leistungen wie das Pflegegeld und ambulante Sachleistungen im Folgejahr um fünf Prozent steigen, mit weiteren geplanten Überprüfungen in den Jahren 2025 und 2028\. Details finden sich im damaligen [Referentenentwurf zum PUEG](https://www.vbw-bayern.de/Redaktion/Frei-zugaengliche-Medien/Abteilungen-GS/Sozialpolitik/2023/Downloads/RefE-BMG-PUEG%5F20.02.2023.pdf?ref=uebergabe.de). Für die professionell Pflegenden in der ambulanten und stationären Langzeitpflege war ein konkreter Hebel das Förderprogramm zur Vereinbarkeit von Pflege, Familie und Beruf, das von der Pflegebevollmächtigten Claudia Moll weitergeführt und bis mindestens 2030 verlängert werden sollte. Über das Programm – jährlich rund 100 Millionen Euro – können sich etwa stationäre Einrichtungen mit Coachings beraten lassen, um attraktivere Arbeitgeber zu werden. Zusätzlich sollte die Anerkennung ausländischer Pflegefachpersonen beschleunigt werden. Eine kompakte [Übersicht zum PUEG](https://www.aok-bv.de/hintergrund/gesetze/index%5F26247.html?ref=uebergabe.de) ordnete die Eckpunkte ein. Neu war die Staffelung der Beiträge nach Kinderzahl: Kinderlose Personen sollten 4,0 Prozent zahlen, Personen mit einem Kind 3,4 Prozent. Ab dem zweiten Kind sollte der Satz je Kind um 0,15 Prozentpunkte sinken, maximal um 0,6 Prozentpunkte. Hintergrund ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das den Gesetzgeber verpflichtet, die Kinderzahl in die Beitragsbemessung einzubeziehen – die Begründung: Erst die Geburt von Kindern ermöglicht das umlagefinanzierte System. Aus Sicht des Deutschen Pflegerats blieb das Gesetz hinter einer echten Reform zurück. Präsidentin Christine Vogler warf dem Gesundheitsministerium eine fehlende Vision vor: Der Entwurf sichere vor allem kurzfristig die Liquidität, berücksichtige aber die steigenden Eigenanteile der Pflegebedürftigen nicht ausreichend – mit dem Risiko, dass mehr Menschen in die Sozialhilfe rutschen. Kritisch sah sie zudem, dass das reine Beitragssystem unangetastet bleibt und keine Steuerfinanzierung vorgesehen ist, was angesichts des demografischen Wandels problematisch ist. Insgesamt also: Der Begriff „Pflegereform" passt für diese Vorlage nur bedingt. ## Kurz gemeldet: Expertenstandards, Sachverständigenrat und Pflegekammer NRW Zum Internationalen Frauentag erinnerte Bernadette Klapper, Geschäftsführerin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK), daran, dass Pflegepolitik immer auch feministische Bedeutung hat. Wer die Weiterentwicklung pflegerischer Rollen und die Pflegestudiengänge nicht fördere, verhindere aktiv weibliche Bildungs- und Karrierewege – und gefährde damit zusätzlich die Versorgung der Patient:innen. Beim Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) tat sich gleich doppelt etwas: Der Expertenstandard zur Mundgesundheit in der Pflege wurde endgültig veröffentlicht. Der Expertenstandard zur Hautintegrität war verabschiedet und sollte zunächst modellhaft implementiert, dann erneut evaluiert und anschließend veröffentlicht werden. Eine Einordnung der pflegefachlichen Neuerungen bot die damalige [Berichterstattung zum gesundheitspolitischen Geschehen](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/neuer-sachverstaendigenrat-gesundheit-pflege-konstituiert-sich-28-03-2023.html?ref=uebergabe.de). Ende Februar konstituierte sich zudem der neue Sachverständigenrat Gesundheit und Pflege. Vom Gesundheitsministerium einberufen, soll das Gremium Gutachten erstellen – das erste zum Thema Fachkräfte im Gesundheitswesen. Vorsitzender ist Professor Michael Hallek von der Uniklinik Köln, stellvertretend wirken die Pflegewissenschaftlerin Professorin Melanie Messer aus Trier und der Gesundheitsökonom Professor Jonas Schreyögg aus Hamburg mit. Dass die Pflegewissenschaft hier prominent vertreten ist, ist ein wichtiges Signal. Schließlich setzte sich die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen erstmals mit dem nordrhein-westfälischen Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann zusammen. Themen waren unter anderem die Situation in den Kinderkliniken und die Frage, welche Aufgaben das Land schrittweise an die Kammer überträgt – ein Prozess, der noch viel Spielraum für Veränderungen lässt. ## Zum Weiterhören - [ÜG076 – Zeitarbeit in der Pflege (Matthias Menne)](https://www.uebergabe.de/ug076/) - [ÜG018 – RISG, Leiharbeit, Übergabe Jobboard, Interview mit Alexander Jorde](https://www.uebergabe.de/ug018/) - [PU002 – Pflegereform](https://www.uebergabe.de/pu002/) --- ## Quellen - [Mitteilung DKG Leiharbeitsverbot](https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/verbot-als-ultima-ratio-krankenhaeuser-fordern-drastische-beschraenkung-der-pflege-leiharbeit/?ref=uebergabe.de) (dkgev.de) - [Leiharbeits-Stellungnahme des DPR](http://deutscher-pflegerat.de/wp-content/uploads/2022/11/dpr%5Fursachen-und-auswirkungen-der-leiharbeit-in-der-pflege-entgegenwirken.pdf?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [BochumberBund-Stellungnahme Leiharbeit](https://www.bochumerbund.de/wp-content/uploads/2023/01/Leiharbeit-in-der-Pflege.pdf?ref=uebergabe.de) (bochumerbund.de) - [Übergabe Folge 76 zur Leiharbeit](https://www.uebergabe.de/ug076/) (uebergabe.de) - [Referentenentwurf PUEG ](https://www.vbw-bayern.de/Redaktion/Frei-zugaengliche-Medien/Abteilungen-GS/Sozialpolitik/2023/Downloads/RefE-BMG-PUEG%5F20.02.2023.pdf?ref=uebergabe.de)(BMG) - [AOK Übersicht zum PUEG ](https://www.aok-bv.de/hintergrund/gesetze/index%5F26247.html?ref=uebergabe.de)(aok.de) - [DNQP Expertenstandards ](https://www.aok-bv.de/hintergrund/gesetze/index%5F26247.html?ref=uebergabe.de)(dnqp.de) - [Neuer SVR Gesundheit und Pflege](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/neuer-sachverstaendigenrat-gesundheit-pflege-konstituiert-sich-28-03-2023.html?ref=uebergabe.de) (BMG) - [DBfK Weltfrauentag](https://www.dbfk.de/media/docs/presse/PM/Statement-DBfK%5FInternationaler%5FFrauentag.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) ### #04 Heim oder daheim – Pflegeorte im Mittelpunkt der Diskussion und weitaus mehr als die simple Entscheidung, ob ambulant oder stationär URL: https://www.uebergabe.de/ug111/ Last updated: 2026-06-17T19:52:57.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 04.03.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Über 80 % der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, der Großteil durch Angehörige. - Der Grundsatz „ambulant vor stationär" stellt Eigenständigkeit und Wünsche ins Zentrum. - Hilfe anzunehmen ist kein Versagen, sondern Selbstschutz für pflegende Angehörige. - Wer sich früh informiert, vermeidet Engpässe und Überlastung. - Pflegeberatung hilft, individuelle Entlastungslösungen zu finden. Wann ist eigentlich der Moment gekommen, an dem ein Mensch nicht mehr allein zu Hause zurechtkommt? Und wer übernimmt dann die Pflege – die Familie oder Profis? Diese Fragen klingen erst einmal nach einer simplen Entweder-oder-Entscheidung. Doch hinter dem Thema Pflegeorte steckt weit mehr als die Wahl zwischen ambulant und stationär. Im Podcast-Special „Wir erklären Pflege" spricht Christian Köbke mit zwei Pflegeberaterinnen der AOK NordWest: Doreen Stadi, die ihren Weg über die Verwaltung in die Beratung gefunden hat, und Heike Tams, gelernte Krankenschwester mit 15 Jahren Erfahrung im ambulanten Pflegedienst – und selbst pflegende Angehörige ihrer 98-jährigen Mutter. ## Fünf Millionen Menschen – und eine steile Kurve nach oben Pflegebedürftigkeit ist in Deutschland längst kein Randthema mehr. Rund 4,96 Millionen Menschen waren als pflegebedürftig eingestuft. Die Pflegeversicherung gab dafür mehr als 50 Milliarden Euro pro Jahr aus. Bemerkenswert ist vor allem die Entwicklung: Vor 20 Jahren lag die Zahl noch bei rund der Hälfte. Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat sich die Zahl der Pflegebedürftigen also mehr als verdoppelt – und der Anstieg dürfte sich weiter beschleunigen. Dabei zeigen diese Zahlen nur die Spitze des Eisbergs. Denn sie umfassen ausschließlich Menschen mit einem anerkannten Pflegegrad. Die Dunkelziffer ist deutlich höher: Viele Familien trauen sich gar nicht erst, einen Pflegegrad zu beantragen – aus Angst, in eine stationäre Einrichtung „abgeschoben" zu werden, oder weil sie die Situation unbedingt allein bewältigen wollen. Doch was bedeutet Pflegebedürftigkeit eigentlich genau? Sie ist auf Dauer angelegt – mindestens sechs Monate. Ein gebrochenes Bein, das nach acht Wochen verheilt, zählt also noch nicht dazu. Entscheidend ist, dass jemand in seiner Selbstständigkeit eingeschränkt ist und auf Unterstützung angewiesen ist – sei es körperlich, kognitiv (etwa bei Demenz) oder psychisch (etwa bei starken Angstzuständen). ## Warum „ambulant vor stationär" mehr ist als ein Spruch Der Leitsatz „ambulant vor stationär" prägt die gesamte deutsche Gesundheits- und Pflegepolitik. Übersetzt heißt das: Erst werden alle Möglichkeiten im häuslichen Umfeld ausgeschöpft, bevor eine vollstationäre Versorgung im Pflegeheim infrage kommt. Das entspricht auch dem, was sich die allermeisten Menschen wünschen – nämlich so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Hinter diesem Grundsatz steckt mehr als ein Sparmodell. Es geht darum, die Eigenständigkeit zu erhalten. Wer im Alltag gefordert bleibt und Dinge selbst erledigt, kann eine Verschlechterung der Pflegesituation oft hinauszögern. Die Zahlen untermauern das: Über 80 Prozent der pflegebedürftigen Menschen werden zu Hause versorgt, mehr als 60 Prozent davon durch Angehörige. Nur ein vergleichsweise kleiner Teil von rund 20 Prozent wird ausschließlich professionell gepflegt. Spannend ist der Blick auf Pflegegrad 5: Obwohl hier der Versorgungsbedarf am größten ist, halten sich häusliche und stationäre Pflege fast die Waage – meist als Kombination aus engagierten Angehörigen und intensiver professioneller Unterstützung. ## Der größte Pflegedienst Deutschlands sitzt am Küchentisch Angehörigenpflege bedeutet nicht, dass jemand komplett auf sich allein gestellt ist. Ein ambulanter Pflegedienst, der zweimal die Woche beim Duschen hilft, oder eine Tagespflege, die den Tag strukturiert – all das gehört dazu. Wer pflegt, bekommt diese Leistung in gewisser Weise auch anerkannt: Je nach Pflegegrad steht den Pflegebedürftigen ein Pflegegeld zu, das sie an pflegende Angehörige weitergeben können. Diese finanzielle Anerkennung ist für viele emotional wichtig – sie ermöglicht es, sich für die geleistete Unterstützung erkenntlich zu zeigen. Hinzu kommt: Wer mindestens zehn Stunden pro Woche an mindestens zwei Tagen pflegt und dabei nicht mehr als 30 Stunden erwerbstätig ist, kann unter bestimmten Voraussetzungen Rentenversicherungsbeiträge erhalten. Die Pflegekasse zahlt dann pauschale Beträge direkt an die Rentenversicherung der pflegenden Person. Der Hintergrund: Viele reduzieren für die Pflege ihre Arbeitszeit – und sollen dafür im Alter nicht benachteiligt werden. Wer pflegt eigentlich? Überwiegend Frauen, und überwiegend Menschen im Rentenalter, weil die Pflege häufig zuerst zwischen Ehepartner:innen stattfindet. Die meisten Pflegenden sind fünf bis sieben Tage die Woche im Einsatz, oft ein bis drei Stunden täglich. Bemerkenswert ist, dass nur rund ein Viertel der Menschen sagt, sie könnten sich Pflege überhaupt nicht vorstellen. Häufiger scheitert es an konkreten Hürden: Bei Frauen steht eher Privates im Weg, bei Männern die berufliche Situation. > *„Es gibt viele Menschen und Familien, die sich gar nicht trauen, einen Pflegegrad zu beantragen, weil sie Ängste haben, dass sie in eine stationäre Pflegeeinrichtung geschoben werden." — Doreen Stadi, Pflegeberaterin* ## Pflicht, Nähe und ein schambesetztes Tabu Warum pflegen Menschen ihre Angehörigen überhaupt? Oft ist es ein Pflichtgefühl, das über Generationen weitergegeben wird. Oft ist es die emotionale Nähe. Und oft ist es schlicht so, dass die pflegebedürftige Person niemand Fremdes an sich heranlassen will. Gerade die heute pflegebedürftige Generation – Kriegskinder – ist häufig stark schambesetzt. Sich vor fremden Menschen auszuziehen und geduscht zu werden, ist für viele kaum erträglich. Da fühlen sich Angehörige verpflichtet, diese intime Aufgabe selbst zu übernehmen. Fachliches Unwissen ist dabei seltener ein Problem, als man denken könnte. Denn Pflegebedürftigkeit kommt meist schleichend. Man wächst langsam in die Aufgaben hinein – und kann sich an jedem Punkt, an dem es nicht weitergeht, Unterstützung und praktische Tipps holen, etwa über die [Pflegeexpert:innen der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de). ## Generationenvertrag unter Druck So tragfähig das System der Angehörigenpflege heute noch ist – es steht vor einem strukturellen Problem. Aktuell pflegen die sogenannten Babyboomer ihre Eltern. Doch wenn diese Generation selbst pflegebedürftig wird, stehen ihr nur noch wenige junge Menschen gegenüber. Die Alterspyramide kippt – und mit ihr ein unausgesprochener Generationenvertrag, der nicht nur die Rente, sondern auch die Pflege trägt. Genau hier setzt der Begriff Pflegenotstand an. Verschärft wurde die Lage zum Jahresbeginn durch stark gestiegene Kosten – sowohl bei ambulanten Pflegediensten als auch in den Pflegeheimen. Die Folge: Manche Menschen verzichten lieber auf das zweite Duschen pro Woche, als die Kosten zu tragen, weil sie nicht sozialhilfepflichtig werden möchten. Die Pflegekassen sind dabei an Gesetze gebunden – sie können nicht zaubern, sondern brauchen politische Weichenstellungen und mehr Pflegefachpersonen. ## Wenn die eigene Kraft nicht reicht: Bedürfnisse der Pflegenden Pflegende Angehörige tragen eine enorme Last – körperlich wie seelisch. Sie möchten gesehen werden, in dem, was sie leisten. Sie wünschen sich Anerkennung, von der pflegebedürftigen Person ebenso wie vom Umfeld. Und sie brauchen Freiräume – ohne schlechtes Gewissen. Der wohl größte Spagat besteht darin, Beruf, Pflege und eigenes Leben unter einen Hut zu bringen. Dabei sind körperliche Warnzeichen wie Rückenschmerzen durch fehlende oder falsche Hilfsmittel noch vergleichsweise leicht zu erkennen und zu beheben – etwa über den verpflichtenden Beratungsbesuch, den ein Pflegedienst beim Bezug von Pflegegeld durchführt. Je nach Pflegegrad findet dieser vierteljährlich oder halbjährlich statt und ist eine wichtige Schnittstelle: Die Beratenden schauen nicht nur, wie es den Pflegebedürftigen geht, sondern auch, ob die Angehörigen überfordert sind. Viel schwerer zu greifen sind die psychischen Komponenten – etwa wenn man sich gestresst fühlt oder sich anderen gegenüber anders verhält als sonst. Hier hilft oft ein ehrlicher Blick von außen, aus dem Freundes- oder Familienkreis. Heike Tams schildert ein eigenes Beispiel: Lange Zeit erledigte sie die Einkäufe ihrer Mutter quer durch drei verschiedene Geschäfte – und merkte erst durch einen Hinweis ihrer Tochter, wie sehr sie das stresste. Die Lösung war kein Streit, sondern ein Perspektivwechsel: Eine andere Person übernahm die Einkäufe, alle waren zufrieden. Solche Schritte sind schwerer, als sie klingen. ## Hilfe annehmen ist kein Versagen Genau hier liegt eine der größten emotionalen Hürden. Viele Menschen empfinden es als persönliches Scheitern, wenn sie eine Aufgabe abgeben. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Wer als Pflegeperson zusammenbricht, weil die Überlastung zu groß wird, schadet am Ende allen. Schritt für Schritt einzelne Aufgaben abzugeben, ist deshalb kein Rückzug, sondern Selbstschutz und Selbstachtung. > *„Es ist überhaupt kein Versagen zu sagen: Ich schaffe es nicht mehr. Das ist einfach ein Selbstschutz und eine Selbstachtung." — Doreen Stadi, Pflegeberaterin* Erschwerend kommt eine gesellschaftliche Erwartungshaltung hinzu. „Du musst doch, du bist ihr etwas schuldig" – solche Sätze setzen Pflegende zusätzlich unter Druck. Dabei gibt es längst zahlreiche Unterstützungsleistungen, die genau diese Last abfedern sollen. ## Welche Wege es gibt, wenn es allein nicht mehr geht Das Pflegeheim ist keineswegs die erste Option. Wer bisher allein gepflegt hat, kann sich zunächst Profis ins Boot holen – etwa einen ambulanten Pflegedienst. Eine Tagespflege entlastet, indem die pflegebedürftige Person tagsüber gut versorgt und mit Anregungen unterstützt wird, die zu Hause kaum zu leisten sind. Über die [Angebote der AOK NordWest](https://www.aok.de/nw?ref=uebergabe.de) hinaus lassen sich auch kurzfristige Lösungen wie die Verhinderungspflege nutzen, um Urlaube oder Auszeiten zu überbrücken – ein Thema, das im Special bereits ausführlich beleuchtet wurde. Professionelle Unterstützung bringt klare Vorteile: Sie entlastet, sie nimmt die alleinige Verantwortung von den Schultern – und sie ermöglicht es, den Wunsch der pflegebedürftigen Person nach einem Leben zu Hause zu erfüllen. Denn fällt die einzige Pflegeperson aus, bricht schnell das ganze Kartenhaus zusammen. Wichtig ist die Botschaft, mit der die Beraterinnen vielen Ängsten begegnen: Niemandem wird die Selbstständigkeit genommen. Wer Hilfe beim Waschen annimmt, darf weiterhin selbst entscheiden und mitgestalten. Die gesamte Versorgung dreht sich um Selbstbestimmung. > *„Kümmern Sie sich, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist – nicht warten, bis man komplett am Limit ist." — Heike Tams, Pflegeberaterin* ## Der wichtigste Rat: früh kümmern Gerade weil Pflegebedürftigkeit oft schleichend entsteht, lohnt es sich, frühzeitig aktiv zu werden. Das gilt auch deshalb, weil Wartezeiten regional stark schwanken: In Städten mit vielen Pflegediensten geht es oft schnell, auf Inseln oder in ländlichen Regionen mit nur einem einzigen Anbieter kann es Monate dauern. Wer früh ein wenig Hilfe zulässt – einmal die Woche eine Haushaltshilfe, einmal jemand, der beim Duschen hilft –, gewöhnt sich und die pflegebedürftige Person leichter daran. Besonders bei beginnenden kognitiven Veränderungen ist es wertvoll, frühzeitig vertraute fremde Gesichter in den Haushalt einzubeziehen. Der erste Schritt ist immer: Hilfe annehmen wollen und Kontakt aufnehmen. Je nach Region gibt es Pflegestützpunkte, bei den Pflegekassen außerdem eigene Pflegeberater:innen. In einem persönlichen Gespräch – oft direkt zu Hause – wird die Situation analysiert: Welche Einschränkungen bestehen, welche Ressourcen und welches Umfeld sind vorhanden, und welche Wünsche haben Pflegebedürftige und Angehörige? Daraus entsteht ein individueller Plan. Denn am Ende geht es bei Pflegeorten nie nur um die Frage „Heim oder daheim" – sondern darum, wie ein selbstbestimmtes Leben gelingt. ## Zum Weiterhören - [ÜG108 – #01 Wir erklären Pflege – 5,4,3,2,1 Pflegegrad - wie geht's weiter ...](https://www.uebergabe.de/ug108/) - [ÜG110 – #03 „Ich kann heute nicht" – alles rund um Verhinderungspflege](https://www.uebergabe.de/ug110/) - [ÜG112 – #05 „Barrierefrei daheim, einfach besser" – Warum eine Wohnraumanpassung mehr als nur eine Umbaumaßnahme ist](https://www.uebergabe.de/ug112/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes Fast 5 Millionen Menschen in Deutschland werden als pflegebedürftig eingestuft. Die Dunkelziffern der ungemeldeten Pflegegrade ist deutlich höher. Man muss nicht lange rechnen, um zu erkennen, dass die professionelle Versorgung in stationären Pflegeeinrichtungen nicht ausreicht. Bereits 80% der Pflege findet heute schon zu Hause statt, denn viele Pflegebedürftige wünschen sich, in ihrer vertrauten Umgebung bleiben zu dürfen. Damit die ambulante, häusliche Pflege dort so gut und so lange wie möglich gelingt, sind Entlastungsleistungen wichtig und nicht jedem vollumfänglich bekannt. „Ambulant vor stationär“, so auch der Leitsatz der Pflegepolitik und ebenso der große Wunsch der meisten Pflegebedürftigen. Gleichzeitig aber laut den Erfahrung unserer Gästinnen im Podcast verbunden mit einem großen Pflichtgefühl der Pflegenden: „Das gehört sich so“ ist nicht nur der unausgesprochene Generationenvertrag, sondern auch oftmals einfach fehlendes Vertrauen in fremdes Pflegepersonal. Häusliche Pflege ist für Angehörige eine emotional aufreibende und oftmals kraftraubende Entscheidung, vor allem für denjenigen der sie trägt – persönlich, finanziell und organisatorisch. Wir sprechen in dieser Folge mit dem ÜBERGABE-Podcast und dem Expertinnen-Duo Doreen Stadie und Heike Thams darüber, was der Satz „Ich kann nicht mehr alleine“ für eine Tragweite haben kann – für den Pflegebedürftigen wie auch die Personen, die pflegen. Deshalb, höchste Zeit zu sprechen über die Belastung und Alternativen zur Entlastung, denn du bist #nichtallein. ### Shownotes - [Pflegeexpert:innen der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) - [Der Pflegenavigator der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/cl/nordwest/pflege/pflegenavigator/?ref=uebergabe.de) - [Homepage zum Thema PFLEGE der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) - [Homepage der AOK NordWest](https://www.aok.de/nw?ref=uebergabe.de) - [Homepage der Übergabe](https://uebergabe.de/podcast/?ref=uebergabe.de) ### Übergabe des Pflegeupdates URL: https://www.uebergabe.de/pu042/ Last updated: 2026-06-17T19:52:37.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 25.02.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Sandra Postel wird erste Präsidentin der nun arbeitsfähigen Pflegekammer NRW. - Die Pflege soll laut Ankündigung mehr Einfluss im G-BA erhalten. - Community Health Nursing und Gesundheitslots:innen ergänzen sich, ohne sich zu ersetzen. In dieser Folge stand neben den Nachrichten ein Wechsel im Mittelpunkt: Die bisherigen Hosts haben das PflegeUpdate an drei neue Stimmen übergeben – Michelle Fuchs, Maximilian Mentzen und Lukas. Inhaltlich ging es um drei aktuelle Themen aus Pflegepolitik und Versorgung. Wichtig vorab: Alle Angaben hier geben den Stand vom Februar 2023 wieder. ## Pflegekammer NRW: Sandra Postel zur ersten Präsidentin gewählt Die Kammerversammlung der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen hat zum Zeitpunkt der Folge ihren ersten Vorstand gewählt. Sandra Postel, die zuvor dem geschäftsführenden Vorstand angehörte, wurde mit 50 von 51 abgegebenen Stimmen zur ersten Präsidentin der Pflegekammer NRW gewählt. Sie war die einzige Kandidatin und genoss damit auch das Vertrauen kammerkritischer Mitglieder. Zum Vizepräsidenten wurde Jens Albrecht gewählt, der ebenfalls bereits im bisherigen geschäftsführenden Vorstand mitgearbeitet hatte. Im Laufe des Tages entschied die Kammerversammlung außerdem über die übrigen Vorstandsmitglieder. Ziel war eine paritätische Besetzung nach Tätigkeitsbereichen – von der ambulanten Langzeitpflege Erwachsener über die Pflege von Kindern und Jugendlichen bis hin zu den teilstationären Feldern. Gewählt wurden unter anderem Christine Engelen, Sandra Klünter, Dominik Stark, Carsten Hermes, Nicole Bialas, Ilka Mildner, Marlene May, Sonja Wolf und Kevin Galuschka. Gemeinsam mit Präsidentin und Vizepräsident war der Vorstand damit komplett. Möglich wurde die Wahl, weil die Kammerversammlung im Januar eine Hauptsatzung verabschiedet hatte. Diese lag anschließend beim zuständigen Landesministerium und wurde nach finaler Prüfung am 16\. Februar 2023 [auf der Website der Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/hauptsatzung-gilt/?ref=uebergabe.de) veröffentlicht. Damit galt die Kammer als arbeitsfähig. Wie geht es weiter? Die künftige Arbeit wird auf Ausschüsse verteilt – etwa für Bildung, Recht und Finanzen. In den Statements nach der Wahl wurde deutlich, dass die Kammer sich als beschluss- und konsensfähige Stimme der über 200.000 Mitglieder versteht, die anders auftreten kann als die bisherigen Verbände – Stellungnahmen im Landtag waren bereits angefragt. Für dich als Pflegefachperson in NRW heißt das: Es gibt erstmals eine gewählte Selbstverwaltung, die berufspolitische Anliegen gebündelt vertreten kann. Details zu den weiteren Wahlergebnissen finden sich in der [Mitteilung zur Vorstandswahl](https://www.pflegekammer-nrw.de/vorstandswahlen-sandra-postel-ist-erste-praesidentin-der-pflegekammer-nrw/?ref=uebergabe.de). ## Mehr Mitsprache der Pflege im G-BA – Ankündigung statt Beschluss Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) entscheidet darüber, welche Leistungen gesetzlich Versicherten zustehen, und erlässt Richtlinien zu Qualität und Wirtschaftlichkeit, die für Ärzt:innen, Krankenhäuser, Versicherte und Krankenkassen gelten. Feste Mitglieder waren zum Zeitpunkt der Folge der GKV-Spitzenverband, die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und die Deutsche Krankenhausgesellschaft – die Pflege hatte kein Stimmrecht. Bei einer Pressekonferenz zum Arbeitsprogramm 2023 deutete der G-BA-Vorsitzende Josef Hecken an, dass die Pflege voraussichtlich deutlich mehr Einfluss erhalten solle. Er bezog sich dabei auf angekündigte Sammelgesetze von Gesundheitsminister Karl Lauterbach – die Versorgungsgesetze I und II –, mit denen die Gesundheitsthemen aus dem [Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP](https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/gesetzesvorhaben/koalitionsvertrag-2021-1990800?ref=uebergabe.de) abgearbeitet werden sollten. Dort heißt es sinngemäß, der Deutsche Pflegerat solle als Stimme der Pflege im G-BA gestärkt und finanziell unterstützt werden. Konkret war zum damaligen Zeitpunkt aber noch wenig: Die Gesetzentwürfe waren noch nicht veröffentlicht, es handelte sich um Absichtserklärungen. Im Gespräch waren etwa eine eigene Geschäftsstelle für die Pflegevertretung sowie erweiterte Mitberatungsrechte. Bemerkenswert ist die Bewegung in Heckens Position: Im Mai 2022 hatte er sich noch [deutlich gegen ein Stimmrecht ausgesprochen](https://deutscher-pflegerat.de/2022/04/28/g-ba-greift-durch-beschluesse-in-die-berufsausuebung-der-profession-pflege-ein/?ref=uebergabe.de) und eine Verwässerung der Entscheidungsstrukturen befürchtet – wofür er von den Berufsverbänden und dem Deutschen Pflegerat scharf kritisiert wurde. Warum ist das für die Praxis relevant? Der G-BA trifft regelmäßig Entscheidungen mit direkter Wirkung auf die Pflege – etwa zur Verordnung außerklinischer Intensivpflege oder zu Qualifikationsanforderungen in hämatoonkologischen Zentren für Kinder. Im letzteren Fall wollte der G-BA festlegen, dass Pflegefachpersonen ohne eine bestimmte Vertiefung dort nicht mehr arbeiten dürfen – ein Eingriff, der nach Lesart des Deutschen Pflegerats das Pflegeberufegesetz unterläuft. Ob und wie ein echtes Stimmrecht kommt, lag letztlich beim Gesetzgeber. ## Community Health Nursing und Gesundheitslots:innen: Wo die Unterschiede liegen Community Health Nurses (CHN) sind masterqualifizierte Pflegefachpersonen, die Aufgaben in der primären Gesundheitsversorgung übernehmen. Voraussetzung sind ein pflegerisches Examen, ein Bachelorabschluss und ein darauf aufbauendes Masterstudium. Die Idee dahinter: Die Kompetenzen der Pflege werden erweitert, um einen klaren Mehrwert für die Versorgung zu schaffen. Die Aufgabenfelder reichen von der Steuerung komplexer Gesundheitsprozesse in Gesundheitszentren bis zu niederschwelliger Beratung zu Prävention und Gesundheitsförderung. Zielgruppen können Menschen mit bestimmten chronischen Erkrankungen oder die Bevölkerung eines Stadtteils sein. Auch heilkundliche Tätigkeiten, die bislang ärztlich vorbehalten sind, könnten künftig an CHN übergeben werden. Im Koalitionsvertrag ist festgehalten, dass die professionelle Pflege durch heilkundliche Aufgaben ergänzt werden soll. Im fünften Sozialgesetzbuch sind bereits Modellvorhaben verankert, die speziell qualifizierten Pflegefachpersonen erlauben, bestimmte Therapien eigenständig zu überwachen, anzupassen und zu verlängern. Häufig werden CHN mit Gesundheitslots:innen verwechselt. Der Deutsche Pflegerat, der DBfK und der Verband der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz haben dazu eine gemeinsame Erklärung vorgelegt. Beide Profile eignen sich demnach dazu, die Versorgung sicherzustellen, individuelle Bedarfe zu erkennen, den Versorgungsprozess zu steuern und Menschen durch das Gesundheitssystem zu begleiten, damit keine Lücken in der Versorgungskontinuität entstehen. Der entscheidende Unterschied: Community Health Nurses sind zusätzlich in Gesundheitsförderung und Prävention aktiv, wirken an der Weiterentwicklung regionaler Versorgungsstrukturen mit und übernehmen Care Management. Dazu zählt – mit Blick auf die großen Volkskrankheiten und ihre häufigen Begleiterkrankungen – auch die Ausübung von Heilkunde sowie die Entscheidung über Pflegebedarf und Hilfsmittel. Die Erklärung betont, dass beide Berufe unabhängig voneinander einen Mehrwert bieten und gerade in der gemeinsamen Arbeit, etwa in einem Primärversorgungszentrum, die größten Synergieeffekte entstehen. Für dich bedeutet die Differenzierung vor allem: Die beiden Rollen konkurrieren nicht, sondern ergänzen sich – mit klar abgegrenzten Aufgabenprofilen. ## Zum Weiterhören - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [PU027 – Tag der Pflegenden 2022 / Stimmrecht im Gemeinsamen Bundesausschuss](https://www.uebergabe.de/pu027/) --- ## Quellen - [Pflegekammer NRW Website](https://www.pflegekammer-nrw.de/hauptsatzung-gilt/?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nrw.de) - [Sitzung der Kammerversammlung der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen Tagesordnung](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2023/02/2023-02-24%5Ftagesordnung%5Fwebseite.pdf) (pflegekammer-nrw.de) - [Vorstandswahlen: Sandra Postel ist erste Präsidentin der Pflegekammer NRW ](https://www.pflegekammer-nrw.de/vorstandswahlen-sandra-postel-ist-erste-praesidentin-der-pflegekammer-nrw/?ref=uebergabe.de)(pflegekammer-nrw.de) - [Koalitionsvertrag zwischen SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP](https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/gesetzesvorhaben/koalitionsvertrag-2021-1990800?ref=uebergabe.de) (bundesregierung.de) - [G-BA greift durch Beschlüsse in die Berufsordnung der Profession Pflege ein](https://deutscher-pflegerat.de/2022/04/28/g-ba-greift-durch-beschluesse-in-die-berufsausuebung-der-profession-pflege-ein/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Die Pflege soll mehr Einfluss im G-BA bekommen](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/140990/Die-Pflege-soll-mehr-Einfluss-im-G-BA-bekommen?utm%5Fsource=dlvr.it&utm%5Fmedium=twitter) (aerzteblatt.de) - [Heilkundeübertragung und Stimmrecht für Pflege auf der Agenda](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/134127/Heilkundeuebertragung-und-Stimmrecht-fuer-Pflege-auf-der-Agenda?ref=uebergabe.de) (aerteblatt.de) - [DBfK Website Community Health Nursing](https://www.dbfk.de/de/themen/Community-Health-Nursing.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Zum Einsatz und der Zusammenarbeit von Community Health Nurses und Gesundheitslotsen in der regional orientierten Versorgung](https://www.dbfk.de/media/docs/presse/Erklaerung%5FDPR%5FDBfK%5FVdS%5FGesundheitslotse%5FCHN%5Ffinal.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Gemeinsame Erklärung: Community Health Nurses und Gesundheitslotsen sichern kündtige Versorgung](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2023/Gemeinsame-PM-CHN-Gesundheitslotsen.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) ### #03 „Ich kann heute nicht“ – alles rund um Verhinderungspflege und alles zur gleichen Zeit: Entlastung des Pflegenden und Sicherstellung der Pflege URL: https://www.uebergabe.de/ug110/ Last updated: 2026-06-17T19:31:43.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 18.02.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Verhinderungspflege sichert die häusliche Pflege, wenn die Pflegeperson ausfällt. - Sie ist kein Urlaubsgeld, sondern Aufwandsentschädigung für die Ersatzpflege. - Voraussetzungen: mindestens Pflegegrad 2 und sechs Monate Vorpflegezeit. - Verhinderungs- und Kurzzeitpflege lassen sich flexibel miteinander kombinieren. - Bei Fragen lohnt sich immer ein Beratungsgespräch mit der Pflegekasse. Pflege findet zum allergrößten Teil zu Hause statt – getragen von Angehörigen, Freund:innen oder Nachbar:innen. Sie sind, wie es im Gespräch so schön heißt, Deutschlands größter Pflegedienst. Aber was passiert, wenn diese Menschen selbst einmal ausfallen? Wenn die Tochter krank wird, der Sohn verreisen möchte oder der Nachbar einfach mal durchatmen muss? Genau für diese Situationen gibt es die Verhinderungspflege. In dieser Folge des Podcast-Specials „Wir erklären Pflege“ – einer Kooperation des Übergabe-Podcasts mit der [AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) – spricht Host Christian Köbke mit Moritz Hering über eine Leistung, die viele kennen, aber kaum jemand vollständig durchschaut. ## Wenn die Pflegeperson selbst eine Pause braucht Moritz Hering arbeitet seit einigen Jahren im Bereich Pflegeversicherung und kennt das Thema sowohl aus der Sachbearbeitung als auch aus eigener privater Erfahrung. Sein Ausgangspunkt ist klar: Verhinderungspflege setzt voraus, dass eine pflegebedürftige Person zu Hause von einer Privatperson gepflegt wird – und diese Pflegeperson vorübergehend ausfällt. Der Grund spielt dabei keine entscheidende Rolle. Es kann eine geplante Urlaubsreise sein, eine akute Erkrankung, ein Arzttermin oder auch nur das wöchentliche Sportprogramm. Der Begriff selbst verrät schon viel: Verhinderung plus Pflege. Es geht darum, zwei Dinge gleichzeitig zu erreichen, die auch dem Episodentitel seinen Namen geben – die Entlastung der pflegenden Person und die Sicherstellung der Pflege. Die pflegebedürftige Person soll in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können, während jemand anderes die Aufgabe übernimmt. > *„Es ist einfach normal, dass auch die Personen, die die Pflege ausüben, mal an der Pflege verhindert sind." — Moritz Hering* Wichtig zu wissen: Anspruch auf die Leistung hat formal immer die pflegebedürftige Person. Zugutekommen tut sie aber in erster Linie den pflegenden Angehörigen. Denn dadurch lässt sich zum Beispiel ein Verdienstausfall ausgleichen, wenn jemand für die Ersatzpflege unbezahlten Urlaub nimmt. Genau das macht die Verhinderungspflege so wertvoll: Sie ermöglicht es, die häusliche Pflege auch dann aufrechtzuerhalten, wenn das eingespielte System einmal ins Wanken gerät. ## Was die Pflegekasse zahlt – und wie viel Die Verhinderungspflege ist eine ambulante Leistung. Die Idee dahinter ist, die pflegebedürftige Person nicht woanders unterzubringen, sondern weiterhin daheim zu versorgen. Pro Kalenderjahr standen dafür 1.612 Euro zur Verfügung. Dieser Betrag lässt sich um bis zu 806 Euro aus dem Topf der Kurzzeitpflege aufstocken – macht zusammen 2.418 Euro im Jahr. Der Anspruch beginnt jeweils neu am 1\. Januar. Wer die Pflege übernimmt, ist erstaunlich offen geregelt. Es braucht keine besondere Qualifikation. Theoretisch kann sogar ein zugelassener Pflegedienst beauftragt werden, wenn sich privat niemand findet. Eine Besonderheit gilt allerdings, wenn nahe Angehörige einspringen – also Personen, die bis zum zweiten Grad verwandt oder verschwägert sind oder im selben Haushalt leben. Dann greift zunächst eine andere Erstattungshöhe: ausgezahlt wird das Anderthalbfache des normalen Pflegegeldes (im Beispiel Pflegegrad 2 wären das damals 474 Euro). Lassen sich darüber hinaus konkrete Kosten nachweisen, etwa Fahrtkosten oder ein Verdienstausfall, gilt wieder der reguläre Höchstbetrag. ## Stundenweise oder tageweise – worin der Unterschied liegt Die Verhinderungspflege kennt zwei Varianten, und welche zum Tragen kommt, hängt von der Art der Abwesenheit ab. Bei einem ganztägigen Ausfall – etwa durch eine Urlaubsreise oder Erkrankung – spricht man von der tageweisen Verhinderungspflege. Sie ist auf bis zu 42 Tage im Jahr begrenzt, also sechs Wochen. Länger verreisen ist natürlich trotzdem möglich, nur die Leistung gibt es eben nur für diesen Zeitraum und nur bis zum verfügbaren Höchstbetrag. Bei einzelnen Terminen – dem regelmäßigen Arztbesuch oder dem wiederkehrenden Sportabend – handelt es sich um die stundenweise Verhinderungspflege. Hier gibt es keine Begrenzung der Tage. Die einzelnen Abwesenheiten lassen sich sammeln und gebündelt einreichen, ob monatlich, halbjährlich oder für das ganze Jahr. Der entscheidende Vorteil: Bei der tageweisen Variante wird das Pflegegeld in der betreffenden Zeit nur hälftig weitergezahlt, bei der stundenweisen bleibt es unangetastet. > *„Es ist nicht so, dass wir das Pflegegeld kürzen. Eigentlich im Gegenteil – man bekommt etwas weitergezahlt, obwohl die Pflege ja anderweitig organisiert wird." — Moritz Hering* Hering legt Wert auf diese Einordnung. Streng gedacht müsste bei einer Verhinderung gar kein Pflegegeld fließen, schließlich pflegt die ursprüngliche Person ja nicht. Stattdessen wird bewusst die Hälfte weitergezahlt. Bei einem Pflegegrad 2 mit damals 316 Euro monatlich wären das 158 Euro, wenn die Verhinderung den ganzen Monat umfasst. Berechnet wird tagegenau – wobei der erste und der letzte Tag ausgenommen sind, weil davon ausgegangen wird, dass an diesen Tagen noch ein Teil privat gepflegt wurde. ## Kein Urlaubsgeld – sondern Sicherstellung der Pflege Ein Punkt, der im Gespräch immer wieder betont wird: Die Verhinderungspflege ist kein Zuschuss für die eigene Urlaubskasse. Wer hofft, damit den nächsten Strandurlaub zu finanzieren, hat das Prinzip missverstanden. Das Geld ist als Aufwandsentschädigung für die Person gedacht, die freundlicherweise einspringt und die Pflege übernimmt. > *„Verhinderungspflege ist kein Urlaubsgeld. Sie ist wirklich dafür da, dass die Pflege während der Verhinderung weiter sichergestellt werden kann." — Moritz Hering* Genau deshalb funktioniert das System auch ohne aufwendige Kontrolle. Eingereicht wird ein Abrechnungsbogen, auf dem steht, wann die Verhinderung war, wer eingesprungen ist und welcher Betrag gezahlt wurde. Die Ersatzpflegekraft zeichnet gegen, sodass alle Beteiligten bestätigen, dass die Pflege tatsächlich stattgefunden hat. Die Pflegekasse prüft auf Vollständigkeit und Plausibilität – und vertraut ansonsten auf die Angaben. Ob die Erholung im Urlaub wirklich gelungen ist, interessiert dabei niemanden. ## Zwei Töpfe, die zusammenspielen: Verhinderungs- und Kurzzeitpflege Eng verwandt mit der Verhinderungspflege ist die Kurzzeitpflege. Auch sie ist für Situationen gedacht, in denen die häusliche Versorgung vorübergehend nicht oder nur mit erheblichem Aufwand möglich ist – dann allerdings mit einer Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung. Beide Leistungen haben ihren eigenen Jahrestopf, lassen sich aber flexibel miteinander kombinieren. Manche Familien nutzen gern beides: temporär einen Heimplatz über die Kurzzeitpflege und zusätzlich Geld aus der Verhinderungspflege. Andere lehnen eine stationäre Unterbringung ab und schieben stattdessen einen Teil des Kurzzeitpflege-Budgets in die Verhinderungspflege, um diese aufzustocken. Sogar ein wochenweiser Wechsel ist möglich. Wichtig bleibt nur: Was einmal verbraucht ist, ist weg – und der neue Anspruch entsteht erst im folgenden Kalenderjahr. ## Erst Pflegegrad 2, dann sechs Monate – die Voraussetzungen Zwei Bedingungen sollten Pflegende kennen. Erstens: Im Pflegegrad 1 besteht kein Anspruch auf Verhinderungspflege. Zweitens muss die Pflege zuvor mindestens sechs Monate lang privat geleistet worden sein. Aus einer akuten Krankenhausentlassung heraus direkt mit Verhinderungspflege zu starten, funktioniert also nicht. Spannend ist eine Konstellation, die Hering anspricht: Viele Menschen sind längst pflegebedürftig, haben aber nie einen Pflegegrad beantragt – aus Scham, Unsicherheit oder schlicht Unwissen. Lässt sich die zurückliegende Pflegebedürftigkeit nachweisen, etwa durch eine kurze ärztliche Bescheinigung, kann die Vorpflegezeit auch dann als erfüllt gelten, wenn der Pflegegrad selbst noch frisch ist. Rückwirkend Pflegeleistungen gibt es dadurch zwar nicht, wohl aber den Zugang zur Verhinderungspflege. ## So läuft die Beantragung ab Den Antrag gibt es als Vordruck zum Zuschicken oder online zum Herunterladen. Streng genommen ist er an keine Form gebunden – ein formloses Schreiben würde ebenfalls genügen. Trotzdem empfiehlt sich der offizielle Weg, weil so alle nötigen Informationen sauber erfasst sind. Wer noch keine Routine hat, sollte vorab ein kurzes Beratungsgespräch suchen, um die Voraussetzungen abzuklopfen. Auch eine rückwirkende Beantragung ist möglich, solange die Kosten nachgewiesen werden können. Findet sich privat partout niemand, lohnt ein Blick in den [AOK-Pflegenavigator](https://www.aok.de/pk/cl/nordwest/pflege/pflegenavigator/?ref=uebergabe.de), der Pflege- und Betreuungsdienste in der Umgebung anzeigt. Und falls jemand aus dem weiteren Freundes- oder Familienkreis extra anreist oder sich freinimmt, übernimmt die Kasse im Rahmen der Verhinderungspflege auch Fahrtkosten und Verdienstausfall. Als erste Anlaufstelle nennt Hering immer die Pflegekasse selbst sowie die [Beratungsangebote der Pflegeexpert:innen](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) – telefonisch, per Video oder persönlich in den Kundencentern vor Ort. > *„Bevor man Dinge nicht tut, weil man sie nicht weiß, oder Dinge falsch tut, weil man es nicht besser weiß – einfach nachfragen. Wir sind gern für euch da." — Moritz Hering* ## Mehr als Verhinderungspflege: weitere Wege zur Entlastung Die Verhinderungspflege ist nur ein Baustein. Hering nennt zwei weitere, die im Alltag enorm helfen können. Da ist zum einen die Tagespflege – eine teilstationäre Betreuung, bei der die pflegebedürftige Person morgens abgeholt, tagsüber versorgt und beschäftigt und nachmittags wieder nach Hause gebracht wird. Ideal etwa, wenn Angehörige tagsüber arbeiten. Für die Tagespflege steht ein eigener monatlicher Leistungsbetrag bereit, die Pflege wird direkt mit der Kasse abgerechnet. Lediglich Unterkunft und Verpflegung bleiben als Eigenanteil. Zum anderen gibt es den Entlastungsbetrag von 125 Euro monatlich, der ab Pflegegrad 1 jedem in häuslicher Pflege zusteht. Damit lassen sich Betreuungsdienste, Nachbarschaftshilfe oder auch die Eigenanteile der Tagespflege finanzieren. Angesparte Beträge aus der Vergangenheit können sogar in größeren Summen abgerufen werden. Das Pflegegeld bleibt von all dem unberührt und steht weiterhin zur freien Verfügung. Das Fazit der Folge ist so einfach wie wichtig: Pflegende Angehörige dürfen und sollen Auszeiten nehmen. Die Verhinderungspflege ist genau dafür da – nicht als Belohnung, sondern als Schutz für ein System, das ohne diese Menschen nicht funktionieren würde. Wer unsicher ist, welche Leistung im eigenen Fall greift, findet bei der Pflegekasse und auf der [Homepage der AOK NordWest](https://www.aok.de/nw?ref=uebergabe.de) verlässliche Antworten. Denn bei aller Komplexität gilt: Du bist nicht allein. ## Zum Weiterhören - [ÜG108 – #01 Wir erklären Pflege – 5,4,3,2,1 Pflegegrad - wie geht's weiter ...](https://www.uebergabe.de/ug108/) - [ÜG109 – #02 Mitten im Leben – Pflegefall. Alles, auf was man sich in Pflegesituationen nicht vorbereiten kann](https://www.uebergabe.de/ug109/) - [ÜG111 – #04 Heim oder daheim – Pflegeorte im Mittelpunkt der Diskussion](https://www.uebergabe.de/ug111/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes 2.418 € – das ist der Höchstbetrag auf Verhinderungspflege pro Kalenderjahr (2023) und in Summe mehr als nur eine finanzielle Entlastung für alle privaten Pflegepersonen, die die Pflege eines Angehörigen mit ihrem Berufsleben und Alltag vereinbaren müssen. Ob ein eigener Arzttermin oder schlichtweg das Bedürfnis sich selbst mit einem Urlaub mental versorgen zu wollen. Gerade wenn die private Belastung so hoch wird, können und sollen sich Pflegende stunden-, tage- und wochenweise vertreten lassen. Denn: Pflegende Privatpersonen sind und bleiben Deutschlands größter und wichtigster ambulanter Pflegedienst. Dazu gehörst vielleicht auch du als Hörerin und Hörer.Unser Podcast-Gast in Folge 3 weiß nur allzu gut und genau diese Art der häuslichen Pflege mehr als zu schätzen. Eben diese Wertschätzung stellt die Verhinderungspflege ab Pflegegrad 2 dar: Eine temporäre Aufwandsentschädigung, die wir in dieser Episode mit verschiedenen Fall- und Rechenbeispielen direkt aus dem Pflegealltag und recht informell erklären. Gemeinsam mit unserem Pflege-Experten Moritz Hering und dem ÜBERGABE-Podcast geben wir einen guten Überblick über alle Anlässe für die Verhinderungspflege und warum es eben nicht um bezahlten Urlaub geht, vielmehr wie Pflege jederzeit sichergestellt werden kann. Jeder fällt auch mal temporär aus, aber du bist #nichtallein. ### Shownotes - [Pflegeexpert:innen der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) - [Der Pflegenavigator der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/cl/nordwest/pflege/pflegenavigator/?ref=uebergabe.de) - [Homepage zum Thema PFLEGE der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) - [Homepage der AOK NordWest](https://www.aok.de/nw?ref=uebergabe.de) - [Homepage der Übergabe](https://uebergabe.de/podcast/?ref=uebergabe.de) ### Pflegekammern in Deutschland / Streik in Großbritannien URL: https://www.uebergabe.de/pu041/ Last updated: 2026-06-17T19:31:01.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 11.02.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegekammer-Zahlen aus NRW zeigen: ein Drittel der Pflegenden ist über 55. - Berlin, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt ringen unterschiedlich um eigene Pflegekammern. - In Großbritannien streikt das Gesundheitspersonal im größten Ausmaß seit 75 Jahren. Nach einer kleinen Winterpause meldet sich das PflegeUpdate mit gleich mehreren Themen zurück. Diesmal geht es um Erkenntnisse der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen, um den Stand der Kammer-Debatten in drei weiteren Bundesländern und um einen historischen Streik im britischen Gesundheitswesen. Was zum Zeitpunkt der Folge im Februar 2023 jeweils bekannt war, lässt sich wie folgt einordnen. ## Pflegekammer NRW: Jede dritte Pflegefachperson steht vor der Rente Ein Argument fällt in jeder Kammer-Debatte: Eine Pflegekammer liefert verlässliche Daten darüber, wie viele Pflegefachpersonen es überhaupt gibt und wie es um den Beruf bestellt ist. Die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen hat genau solche Zahlen vorgelegt – ausgewertet aus den eigenen Mitgliederdaten. Das Ergebnis ist deutlich: Rund ein Drittel der registrierten Pflegenden ist älter als 55 Jahre, 29 Prozent liegen in der Altersgruppe zwischen 55 und 65 Jahren. Diese Gruppe steht damit absehbar vor dem Renteneintritt. Gleichzeitig rücken zu wenige junge Menschen nach. In den Altersgruppen der 31- bis 42-Jährigen sowie der 43- bis 54-Jährigen liegt der Anteil bei jeweils etwa 27 Prozent. Bei den 19- bis 30-Jährigen sind es dagegen nur rund 15 Prozent. Die Altersverteilung gleicht also einer Pyramide, die auf dem Kopf steht – oben breit, unten schmal. Die Pflegekammer befürchtet, dass sich dieser Trend in den kommenden Jahren verschärft und sich angesichts des demografischen Wandels zuspitzt. Damit gerät auch die Versorgung von Patient:innen unter Druck. Die Pflegekammer betont, dass deutlich stärker in Nachwuchsförderung und Fachkräftegewinnung investiert werden müsse. Für Pflegefachpersonen zeigt sich daran zugleich, wozu eine Kammer dient: Ohne die Erhebung solcher Daten bliebe die Altersstruktur des eigenen Berufsstands schlicht im Dunkeln. ## Pflegekammern in Berlin, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt Auch wenn Nordrhein-Westfalen damals als Vorzeigeland in Sachen pflegerischer Selbstverwaltung galt, gab es zum Zeitpunkt der Folge in drei weiteren Bundesländern Bewegung. Der Reihe nach betrifft das Berlin, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt. ### Berlin: Senat stellt sich gegen den CDU-Gesetzentwurf In Berlin hatte die CDU bereits im November 2022 einen 16-seitigen [Gesetzentwurf zur Errichtung einer Pflegekammer](https://www.bibliomed-pflege.de/news/berliner-cdu-legt-gesetzentwurf-fuer-pflegekammer-vor?ref=uebergabe.de) eingebracht. Neu ist die Idee allerdings nicht: Schon 2015 hatten sich bei einer Befragung 58 Prozent der teilnehmenden Pflegefachpersonen für eine Kammer ausgesprochen, und die Berliner CDU hatte sich damals dafür positioniert. Zum Zeitpunkt der Folge wurde jedoch bekannt, dass der Berliner Senat den Entwurf nicht unterstützen will. In einer Stellungnahme bezeichnete der Senat die Einführung einer Pflegekammer als langwierigen Prozess mit zahlreichen Hürden. Eine Errichtung allein auf Basis des vorgelegten Entwurfs – ohne flankierende Maßnahmen und weitere Planung – werde demnach auf erheblichen Widerstand stoßen. Mit „flankierenden Maßnahmen" könnte beispielsweise eine Anschubfinanzierung gemeint sein, die im Entwurf nicht vorgesehen war. Gerade eine solche Starthilfe hat sich beim Aufbau anderer Kammern, etwa in Nordrhein-Westfalen, als hilfreich erwiesen. Die Reaktion fiel kritisch aus: Unter anderem [kritisierte der Deutsche Pflegerat den Berliner Senat](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dpr-kritisiert-berliner-senat?ref=uebergabe.de) und verwies auf das demokratisch legitimierte Befragungsergebnis von 2015\. Hinzu kam, dass dem Berliner Abgeordnetenhaus in den Wochen nach der Folge eine Neuwahl bevorstand. Mit einer veränderten Zusammensetzung des Senats wäre also auch ein neuer Anlauf denkbar – ob es bei der Ablehnung bleibt, war damals offen. ### Baden-Württemberg: Gesetzentwurf mit hoher Registrierungshürde In Baden-Württemberg hatten sich 2018 bei einer Befragung sogar 68 Prozent für eine Pflegekammer ausgesprochen. 2020 verschob Sozialminister Manne Lucha das Vorhaben jedoch mit Verweis auf die Corona-Pandemie auf die nächste Legislaturperiode. Im Herbst 2022 nahmen Grüne und CDU das Projekt wieder auf und brachten einen Gesetzentwurf in die Beratung. Dieser sieht vor, dass die Pflegekammer ein eigenes Gesetz erhält und nicht – wie die übrigen Gesundheitsberufe – im Heilberufekammergesetz verankert wird. Die Kammer soll innerhalb von 18 Monaten errichtet werden. Voraussetzung dafür ist, dass sich 60 Prozent der rund 110.000 Pflegefachpersonen im Land registrieren. Die hohe Zustimmung der Befragung von 2018 reichte als Legitimation also nicht aus. Der Landespflegerat, der voraussichtlich den Gründungsausschuss bildet, bewertet diese Vorgabe kritisch – allein der Aufbau einer Registrierungssoftware würde nach den Erfahrungen aus NRW mehrere Monate dauern. Dass dies ein [Schritt nach vorn](https://www.bibliomed-pflege.de/news/gruendung-der-pflegekammer-einen-schritt-weiter?ref=uebergabe.de) war, bedeutete also keineswegs ein schnelles Tempo, nachdem das Vorhaben zuvor [vom Sozialminister verschoben worden war](https://www.bibliomed-pflege.de/news/sozialminister-verschiebt-zukunftsprojekt?ref=uebergabe.de). Nach Veröffentlichung des Entwurfs konnten Interessierte auf einem Landesportal Stellung beziehen und kommentieren – offen für Befürworter:innen wie Gegner:innen. Das Portal war zum Zeitpunkt der Folge bereits geschlossen. Offen blieb, wie die Kritik einfließt und ob der Gründungsausschuss seine Arbeit im Sommer 2023 aufnehmen kann. ### Sachsen-Anhalt: Petition gegen den Stillstand In Sachsen-Anhalt hatte sich die Landesregierung 2015 mit dem Thema befasst, danach trat in der Debatte Stillstand ein. Engagierte Menschen aus Magdeburg wollen das ändern und haben eine [Petition zur Etablierung einer Pflegekammer in Sachsen-Anhalt](https://www.change.org/p/etablierung-einer-pflegekammer-in-sachsen-anhalt?ref=uebergabe.de) gestartet, um das Thema zurück in den politischen Diskurs zu holen. ## Großbritannien: Größter Streik im Gesundheitswesen seit 75 Jahren Zum Verständnis lohnt ein kurzer Blick auf das britische System, das sich stark von dem deutschen unterscheidet. In Großbritannien gibt es keine Krankenkassen nach deutschem Vorbild; das Gesundheitswesen wird überwiegend aus Steuern finanziert und vom Staat organisiert. Zentrale Institution ist der National Health Service (NHS), der – aufgeteilt auf England, Wales, Schottland und Nordirland – die medizinische Versorgung verantwortet und zugleich Arbeitgeber für einen Großteil des Gesundheitspersonals ist. Das System steht seit Langem unter Druck. Großbritannien hat eine vergleichsweise geringe Ärztedichte von etwa 2,9 pro 1.000 Einwohner:innen, in Deutschland sind es rund 4,3\. Auch bei den Krankenhausbetten ist der Abstand groß. Die Zahlen verdeutlichen den Spardruck – und machen klar, dass sich beide Länder trotz mancher Ähnlichkeiten nur schwer direkt vergleichen lassen. Zum Zeitpunkt der Folge legte das Gesundheitspersonal in einem in Deutschland kaum vorstellbaren Ausmaß die Arbeit nieder. Gefordert wurden bessere Löhne und Arbeitsbedingungen sowie ein Notfalletat, damit staatliche Kliniken mehr qualifizierte Pflegefachpersonen einstellen können – landesweit fehlten Zehntausende. Am Montag der Erscheinungswoche traten laut Gewerkschaftsangaben zehntausende Pflegende und Rettungssanitäter:innen in den Ausstand. Das Royal College of Nursing, die Gewerkschaft der Pflegenden, sprach vom größten Streik seit 75 Jahren; rund 88.000 Operationen mussten kurzfristig abgesagt werden. Die Politik wirkte machtlos. Das Gesundheitsministerium in London warf den Streikenden vor, Patient:innenleben zu gefährden, und kritisierte, dass die bestreikten Kliniken nicht vorab angekündigt würden – eine Vorbereitung sei dadurch kaum möglich. Der Tarifkonflikt zog sich bereits über Monate. In England zeichnete sich keine Einigung ab, die Regierungsangebote lagen unter der Inflationsrate. In Wales hingegen sagten die Gewerkschaften nach einem verbesserten Lohnangebot geplante Streiks ab, über das die Mitglieder noch abstimmen mussten; auch in Schottland näherten sich die Tarifparteien an. Mehr zu den [geplanten weiteren Streiks](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegepersonal-plant-weitere-streiks?ref=uebergabe.de) und zum [Ausmaß des Ausstands](https://www.springerpflege.de/rahmenbedingungen/zehntausende-englische-pflegekraefte-und-sanitaeter-im-streik/23996134?ref=uebergabe.de) findest du in den verlinkten Beiträgen. ## Zum Weiterhören - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [ÜG129 – Kammergründung in Baden-Württemberg (Anne-Katrin Gerhardts)](https://www.uebergabe.de/ug129/) - [ÜG094 – Pflege streikt! (Paula Klaan)](https://www.uebergabe.de/ug094/) --- ## Quellen - [Postel: "Wir rasen auf einen Kollaps zu"](https://www.bibliomed-pflege.de/news/postel-wir-rasen-auf-kollaps-zu?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Pflegekammer warnt vor drohendem Kollaps](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Pflege?s=&p=1&n=1&nid=140780&ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de)[DPR kritisiert Berliner Senat](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dpr-kritisiert-berliner-senat?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Berliner CDU legt Gesetzentwurf für Pflegekammer vor](https://www.bibliomed-pflege.de/news/berliner-cdu-legt-gesetzentwurf-fuer-pflegekammer-vor?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Gründung der Pflegekammer einen Schritt weiter](https://www.bibliomed-pflege.de/news/gruendung-der-pflegekammer-einen-schritt-weiter?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Sozialminister verschiebt Kammergründung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/sozialminister-verschiebt-zukunftsprojekt?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Etablierung einer Pflegekammer in Sachsen-Anhalt Petition](https://www.change.org/p/etablierung-einer-pflegekammer-in-sachsen-anhalt?ref=uebergabe.de) (change.org) - [Pflegepersonal plant weitere Streiks](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegepersonal-plant-weitere-streiks?ref=uebergabe.de) (bibliomed.pflege.de) - [Tausende Pflegekräfte streiken in England](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Pflege?s=&p=1&n=1&nid=140316&ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) - [Zenhtausende englische Pflegekräfte und Sanitäter im Streik](https://www.springerpflege.de/rahmenbedingungen/zehntausende-englische-pflegekraefte-und-sanitaeter-im-streik/23996134?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) ### #02 Mitten im Leben – Pflegefall. Alles, auf was man sich in Pflegesituationen nicht vorbereiten kann URL: https://www.uebergabe.de/ug109/ Last updated: 2026-06-17T19:31:41.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 04.02.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Eine Pflegesituation kann von heute auf morgen jede Familie treffen. - Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung entlasten in emotional schweren Phasen enorm. - Neben körperlicher Pflege zählt vor allem emotionaler Beistand. - Pflegende Angehörige müssen auf den eigenen Akku achten. - Hilfe gibt es – man muss sie nur kennen und annehmen. Pflege ist für viele ein abstraktes Thema – etwas, das irgendwann kommt, später, jemand anderen betrifft. Bis zu dem Moment, in dem ein Anruf alles verändert. Genau dieser Moment ist der Ausgangspunkt einer Folge aus dem Podcast-Special „Wir erklären Pflege“, einer Kooperation des Übergabe-Podcasts mit der AOK NordWest. Host Christian Köbke spricht darin mit Maik Fonau, Fachbereichsleiter für Pflege bei der [AOK NordWest](https://www.aok.de/nw?ref=uebergabe.de) – und damit beruflich seit Jahren mit dem Thema vertraut. Doch vor zwei Jahren wurde aus dem Fachmann ein pflegender Angehöriger. Was er dabei erlebt hat, ist ehrlich, berührend und voller Erkenntnisse, die jeder von uns gebrauchen kann. ## Wenn aus dem Profi ein Betroffener wird Beruflich verantwortet Maik Fonau bei seiner Krankenkasse alles, was mit Pflege und häuslicher Krankenpflege zu tun hat – von der Vertragsgestaltung über Genehmigungs- und Abrechnungsprozesse bis hin zur Pflegeberatung. Sein Blick auf das Thema war lange ein rationaler, sachlicher: Anträge, Leistungen, Prozesse. Im Mittelpunkt stehen dabei die Versicherten und ihre Familien, denn in der direkten Korrespondenz hat die Kasse meist mit den Angehörigen zu tun – mit den Kindern, die sich um Vater oder Mutter kümmern. Pflegebedürftige selbst können sich häufig gar nicht mehr eigenständig mit Formalitäten auseinandersetzen und sind darauf angewiesen, dass Familie, Freunde oder Bekannte die Verantwortung übernehmen. Dann kam der Tag, an dem dieses Wissen plötzlich nicht mehr nur Theorie war. Seine Mutter erhielt eine akute Diagnose. Von heute auf morgen stand die Familie – Maik Fonau und seine beiden Brüder – vor einer Situation, auf die niemand vorbereitet war. Pflege bekam dadurch einen völlig neuen Charakter: hochemotional, unmittelbar, persönlich. > *„Im klassischen Job ist das Thema rational und sachlich. Aber wenn der Pflegefall die eigenen Eltern trifft, bekommt man einen ganz anderen Bezug dazu – und merkt erst, worauf es wirklich ankommt." — Maik Fonau* ## Ad hoc statt langer Vorbereitung Was diese Situation besonders herausfordernd machte: Es gab keine Vorlaufzeit. Keine Wochen, in denen man sich gedanklich sortieren, die Wohnung umräumen oder Pflegedienste in Ruhe vergleichen konnte. Die Diagnose zwang die Familie, innerhalb kürzester Zeit weitreichende Entscheidungen zu treffen. Maik Fonau betont, dass es zwar Lebenssituationen gibt, in denen sich eine Pflegebedürftigkeit lange ankündigt – bei seiner Mutter aber war es ein akuter Einschnitt. Und damit ist er nicht allein: Pflege verbinden viele Menschen automatisch mit dem hohen Alter, mit der Generation 75 plus. Doch eine schwere Diagnose kann jeden treffen, auch Menschen im mittleren Lebensalter oder sogar Kinder. Die Entscheidung, die Mutter zu Hause zu pflegen, fiel schnell und einvernehmlich. Drei erwachsene Söhne und der Vater setzten sich zusammen und verteilten die Aufgaben ganz pragmatisch – jeder nach seinen Stärken. Möglich war das auch, weil die Familie in der Nähe wohnte und einen passenden Raum in der Häuslichkeit einrichten konnte. Wichtig war dabei nicht nur die reine Versorgung, sondern auch, dass die Mutter ihre letzten Wochen gemeinsam mit dem Ehemann verbringen konnte – Nähe und Gemeinsamkeit statt eines abgeschotteten Zimmers. ## Das, worauf man sich nicht vorbereiten kann Es sind die kleinen, intimen Momente, die hängen bleiben. Maik Fonau erzählt von einer Situation während eines Krankenhausaufenthalts in der Corona-Zeit, als er als Einziger seine Mutter besuchen durfte und sie zur Toilette begleitete – mit allem, was dazugehört. Eine Aufgabe, auf die ihn nichts vorbereitet hatte. Und doch meisterten beide sie mit einem Lächeln. Genau hier liegt eine zentrale Botschaft: Je verkrampfter man an solche Momente herangeht, desto schwerer werden sie. Vor dem Betreten des Zimmers atmete er jedes Mal kurz durch, setzte ein Grinsen auf und versuchte, gute Stimmung mitzubringen. Nicht, weil alles leicht gewesen wäre – sondern weil er überzeugt ist, dass diese Haltung wertvoll für alle Beteiligten ist. Ein Stück Schauspielerei, das half, die letzten Wochen so positiv wie möglich zu gestalten. > *„Ich habe vor der Tür dreimal durchgeatmet, ein Grinsen aufgesetzt und bin mit guter Laune reingegangen. Je verkrampfter man an die Situation herangeht, umso schwieriger wird sie." — Maik Fonau* ## Warum Vorsorge Gold wert ist Eines hat der Familie in dieser Ausnahmesituation enorm geholfen: Die Eltern hatten frühzeitig vorgesorgt. Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung lagen vor, die Wünsche waren bekannt. So musste sich niemand in einer emotional ohnehin überwältigenden Phase noch um formalrechtliche Fragen kümmern. Maik Fonaus dringender Appell: Diese Dinge sollte man regeln, bevor sie akut werden – und zwar nicht erst im hohen Alter, sondern bereits im mittleren Lebensabschnitt. Denn die Realität sieht oft anders aus. Viele Menschen verdrängen das Thema, beschäftigen sich erst damit, wenn es nicht mehr anders geht. Verständlich – aber gerade vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung riskant. Die Babyboomer kümmern sich heute um ihre pflegebedürftigen Eltern; in rund zwei Jahrzehnten sind sie selbst die Generation, die versorgt werden muss. Wer wissen möchte, welche Leistungen und Unterstützungsangebote es gibt, findet auf der [Seite der Pflegeexpert:innen der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) erste Anlaufpunkte. ## Pflege ist mehr als waschen und Essen anreichen Bei der Versorgung zu Hause war die Familie nicht allein: Über die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) waren Ärzt:innen und ein ambulanter Pflegedienst eingebunden. Den Kontakt hatte der Sozialdienst des Krankenhauses schnell vermittelt – ein wichtiger Baustein, der den Übergang von der Klinik in die Häuslichkeit erleichterte. Doch der professionelle Pflegedienst ist nicht rund um die Uhr da. Die Stunden dazwischen mussten die Angehörigen füllen. Und hier räumt Maik Fonau mit einem verbreiteten Bild auf: Pflege ist eben nicht nur körperliche Arbeit. Natürlich gehörten Bewegungsübungen, das Anreichen von Nahrung und Flüssigkeit dazu. Doch der eigentliche Kern war für ihn der emotionale Beistand – am Bett sitzen, die Hand halten, Fotoalben anschauen, erzählen, ablenken. Diese Form der Zuwendung lässt sich nicht in einem Kurs erlernen, sie passiert intuitiv. Vieles probierten die Brüder schlicht aus, ergänzt durch Tipps des Pflegedienstes. Und ja, es gab auch Momente, in denen Emotionen, Trauer oder Trotzreaktionen die Situation belasteten. Profis seien sie nun einmal nicht gewesen, sondern Menschen, die in eine Rolle hineingeschubst wurden. > *„Viele verbinden Pflege mit körperlicher Arbeit. Aber dieser emotionale Part – einfach da sein, für Gesellschaft und Ablenkung sorgen – ist mindestens genauso wichtig." — Maik Fonau* ## Wenn Beruf, Familie und Pflege gleichzeitig rufen Maik Fonau hatte – neben der Pflege seiner Mutter – einen anspruchsvollen Job, eine eigene Familie und Kinder. Drei Welten, die alle ihren Platz forderten. Interessanterweise wirkte die Pflege auf ihn nicht nur belastend, sondern auch ablenkend: Die intensive Auseinandersetzung mit dem Alltag ließ kaum Raum, über das nahende Ende nachzudenken. Trauer und Verlust kamen bei ihm erst mit großem zeitlichem Abstand – fast ein Jahr später. Dass sich Beruf und Pflege überhaupt vereinbaren ließen, lag auch an flexiblen Arbeitsmöglichkeiten. Homeoffice und technische Ausstattung erlaubten es ihm zeitweise, direkt aus dem Elternhaus zu arbeiten. Klar ist aber: Das funktioniert nicht in jeder Branche. Wer auf eine Baustelle muss, kann nicht einfach „von zu Hause“ pflegen. Maik Fonau verweist auf gesetzliche Möglichkeiten der Freistellung für Pflegezeiten und auf Modellprojekte, in denen sogenannte Pflegeguides oder Pflegelotsen ausgebildet werden – betriebliche Ansprechpersonen, die als erste Anlaufstelle und Schnittstelle zu den Pflegekassen dienen. Eine besonders schwierige Konstellation entsteht, wenn Angehörige weit entfernt wohnen: Wenn die Mutter in Kiel pflegebedürftig wird und der Sohn in München lebt, lässt sich häusliche Pflege kaum allein stemmen. Dann braucht es starke externe Unterstützung – und manchmal die Entscheidung für eine stationäre Versorgung. ## Auf den eigenen Akku achten Bei aller Hingabe – ohne Ausgleich geht es nicht. Maik Fonau ist sportbegeistert und hat sich selbst in den intensiven Wochen kleine Auszeiten geschaffen, etwa eine Runde Laufen mit dem Bruder. Sein Bild dafür ist eingängig: Wer mit voller Energie für einen Angehörigen da sein will, dessen eigener Akku muss zumindest halbwegs gefüllt sein. Und der wird eben nicht durch Pflichtgefühl geladen, sondern durch Freiräume – ob Sport, Kultur, soziale Kontakte oder einfach Zeit mit der eigenen Familie. Gerade Menschen mit ausgeprägtem Pflichtbewusstsein neigen dazu, sich vollständig aufzuopfern und ein schlechtes Gewissen zu entwickeln, sobald sie an sich denken. Maik Fonaus klare Botschaft – beruflich wie privat: Diese Auszeiten sind kein Egoismus, sondern Voraussetzung dafür, langfristig durchzuhalten. Bei einer kurzen Pflegephase von neun Wochen mag man Belastungsspitzen überbrücken können. Doch je länger eine häusliche Pflege dauert – über Monate oder Jahre –, desto schneller stößt man an emotionale und organisatorische Grenzen. ## Hilfe suchen – und annehmen Im Rückblick würde Maik Fonau wenig anders machen. Die Versorgung gelang, alle Beteiligten zogen an einem Strang, und seine Mutter konnte ihre Zufriedenheit noch selbst zeigen – ein Händedruck, eine Umarmung. Daraus zog die Familie eine positive Klammer um eine schwere Zeit. Was bleibt, ist eine veränderte Haltung zum Leben: mehr Achtsamkeit, mehr Wertschätzung für Gesundheit, Beruf und ein tragfähiges soziales Umfeld – und das Bewusstsein, dass eine Diagnose jeden von uns jederzeit treffen kann. Sein zentraler Appell an alle, die in eine ähnliche Lage geraten: Niemand muss diesen Weg allein gehen. Das deutsche Sozialsystem bietet Absicherung, und es gibt zahlreiche Institutionen, die durch den „Pflegedschungel“ lotsen – Pflegestützpunkte, Pflegeberater:innen der Pflegekassen, die Sozialdienste der Krankenhäuser. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, kann sich über die Angebote rund um das Thema Pflege informieren. Wichtig ist vor allem eines: offen für diese Hilfe zu sein und sie anzunehmen. Auch der präventive Gedanke spielt für Maik Fonau eine wachsende Rolle. In Kooperation mit zahlreichen Krankenhäusern werden im Rahmen der familialen Pflege Pflegekurse angeboten, die Angehörige schon während des Klinikaufenthalts auf die Versorgung zu Hause vorbereiten. Die Herausforderung bleibt, jüngere und noch nicht betroffene Menschen für das Thema zu sensibilisieren – denn die wenigsten beschäftigen sich freiwillig damit, bevor es ernst wird. Umso wertvoller ist es, von jemandem zu lernen, der diesen Weg bereits gegangen ist. ## Zum Weiterhören - [ÜG108 – #01 Wir erklären Pflege – 5,4,3,2,1 Pflegegrad - wie geht's weiter ...](https://www.uebergabe.de/ug108/) - [ÜG110 – #03 „Ich kann heute nicht" – alles rund um Verhinderungspflege](https://www.uebergabe.de/ug110/) - [ÜG139 – Palliativpflege](https://www.uebergabe.de/ug139/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes Ein Blick hinter die Kulissen und gleichzeitig Einblick in den Alltag. Geht das? In der zweiten Folge beleuchten wir zwei Seiten:Zum einen die eines Angehörigen, der mitten im Berufs- und Familienleben steht und konfrontiert wird mit einer Akut-Pflegesituation. Die andere Seite zeigt Möglichkeiten auf, wie man, auch unvorbereitet, schnell reagieren kann und direkt Hilfe als pflegender Angehöriger erhält. Beide Seiten kennt unser Podcast-Gast in Personalunion und findet für unbeschreibliche Momentein Pflegsituationen die genau richtigen Worte, seine eigenen: „Wir haben die Pflegesituation mit dem einem Lächeln angenommen, und auch nur so meistern können.“ Gemeinsam mit unserem Pflege-Experten Maik Vonau und dem ÜBERGABE-Podcast geben wir mitunter sehr persönliche Einblicke mitten aus dem Alltag der häuslichen Pflege. Also lasst uns reden, denn du bist #nichtallein ### Shownotes - [Pflegeexpert:innen der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) - [Der Pflegenavigator der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/cl/nordwest/pflege/pflegenavigator/?ref=uebergabe.de) - [Homepage zum Thema PFLEGE der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) - [Homepage der AOK NordWest](https://www.aok.de/nw?ref=uebergabe.de) - [Homepage der Übergabe](https://uebergabe.de/podcast/?ref=uebergabe.de) ### #01 Wir erklären Pflege – 5,4,3,2,1 Pflegegrad - wie geht's weiter ... URL: https://www.uebergabe.de/ug108/ Last updated: 2026-06-17T08:54:14.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 21.01.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegebedürftigkeit kann jeden treffen – nicht erst im hohen Alter. - Seit 2017 zählt nicht die Pflegezeit, sondern die verbliebene Selbstständigkeit. - Der Medizinische Dienst begutachtet anhand von sechs unterschiedlich gewichteten Modulen. - Entschieden wird der Pflegegrad von der Pflegekasse, nicht vom Medizinischen Dienst. - Bei Zweifeln am Bescheid hast du einen Monat Zeit für einen Widerspruch. Ein Sturz, ein Schlaganfall, ein schwerer Unfall – oder einfach das fortschreitende Alter: Pflegebedürftigkeit tritt oft plötzlich ins Leben und stellt Familien vor jede Menge Fragen. Wer ist überhaupt pflegebedürftig? Wie lässt sich Hilfe beantragen? Und was steckt eigentlich hinter dem Begriff „Pflegegrad"? In der ersten Folge des Podcast-Specials, das der Übergabe-Podcast gemeinsam mit der [AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) produziert hat, gibt Britta Jansen Antworten. Sie ist Fachkraft in der Pflegegenehmigung und betreut dort besonders komplexe Fälle. Der folgende Überblick führt Schritt für Schritt durch den Prozess – von der ersten Ahnung bis zum bewilligten Pflegegrad. ## Wenn das Leben einen Strich durch die Rechnung macht Pflegebedürftig zu werden, hat viele Gesichter. Der häufigste Auslöser ist Krankheit, doch genauso können Akutsituationen wie ein Verkehrsunfall das Leben von einem Tag auf den anderen verändern. Wichtig zu verstehen: Pflegebedürftigkeit ist keine Frage des Alters allein. Auch junge Menschen, ja sogar Neugeborene können betroffen sein – etwa wenn während Schwangerschaft oder Geburt etwas schiefläuft. Die Vorstellung, dass Pflege erst ab 80 ein Thema sei, ist also ein Trugschluss. > *„Es ist utopisch zu glauben, dass wir erst ab 80 über Pflegebedürftige sprechen. Es beginnt definitiv vorher – niemand ist davor gefeit." — Britta Jansen* Genau für diese Fälle gibt es die Pflegeversicherung. Weil in Deutschland alle, die krankenversichert sind, automatisch auch in der Pflegeversicherung mitversichert sind, steht jedem ein Anspruch zu, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind. Und das ist eine beruhigende Nachricht: Für eine Situation, die sich niemand wünscht, ist im Hintergrund bereits vorgesorgt. ## Sechs Module, die das Leben unter die Lupe nehmen Ob jemand pflegebedürftig ist, hängt nicht von einem Bauchgefühl ab, sondern von klar definierten Kriterien. Der Medizinische Dienst prüft dafür sechs Lebensbereiche, sogenannte Module: die Mobilität, kognitive Fähigkeiten, psychische Problemlagen, die Selbstversorgung (etwa Waschen und Anziehen), den Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen (Medikamente, Arztbesuche, Kompressionsstrümpfe) sowie die Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte. Bemerkenswert ist, dass diese Module nicht gleich gewichtet werden. Aus Einzelpunkten werden für jedes Modul gewichtete Punkte errechnet, die am Ende den Pflegegrad bestimmen. Das heißt konkret: Ein einzelner Punkt mehr in einem Modul führt nicht automatisch zu einem höheren Pflegegrad. Es kommt auf das Gesamtbild an. ## Vom Minutenzählen zur gelebten Selbstständigkeit Wer sich noch an die alten „Pflegestufen" erinnert: Die wurden zum Jahreswechsel 2016/2017 abgeschafft. Früher zählte man Minutenwerte – also wie lange jemand brauchte, um etwa Socken anzuziehen. Diese Logik war wenig fair, denn sie übersah, wie viel Anleitung ein Mensch mit Demenz braucht, obwohl er rein körperlich noch vieles selbst tun könnte. Seit 2017 gilt deshalb der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff mit den Pflegegraden 1 bis 5. Der entscheidende Perspektivwechsel: Es geht nicht mehr darum, was jemand *nicht* kann, sondern darum, welche Ressourcen noch da sind. Britta Jansen veranschaulicht das gern am Treppensteigen. Wer die Treppe problemlos nimmt, ist selbstständig. Wer jemanden hinter sich braucht, um nicht zu fallen, ist überwiegend selbstständig. Wer sich unterhaken lassen muss, ist überwiegend unselbstständig – und wer getragen werden muss, ist unselbstständig. > *„Es ist völlig egal, wie lange ich brauche, um mir die Socken anzuziehen. Entscheidend ist: Kann ich es oder kann ich es nicht?" — Britta Jansen* Dieser Blick auf die verbliebenen Fähigkeiten ist auch für Angehörige hilfreich. Denn er macht deutlich, dass Pflege nicht das Ziel verfolgt, einem Menschen alles abzunehmen, sondern ihn dort zu unterstützen, wo er Hilfe braucht – damit er seinen Alltag so selbstbestimmt wie möglich weiterleben kann. ## Der erste Schritt: einfach melden Der Weg zum Pflegegrad beginnt mit einem Antrag bei der Pflegekasse, die an die jeweilige Krankenkasse angegliedert ist. Der Vordruck lässt sich online herunterladen – einen Überblick über alle Angebote bietet die [Seite der Pflegeexpert:innen der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) – oder, was Britta Jansen ausdrücklich empfiehlt, das persönliche Gespräch suchen. Im direkten Kontakt lassen sich gleich Fragen klären und die nächsten Schritte erklären. Gut zu wissen: Maßgeblich ist das Datum der Antragstellung. Selbst wenn die Bearbeitung sechs oder zehn Wochen dauert, zählt der Leistungsanspruch ab dem Tag der Einreichung. Unterstützung gibt es an vielen Stellen – bei Pflegestützpunkten, bei den speziell ausgebildeten Pflegeberater:innen der Krankenkasse, die auch nach Hause kommen, und im Krankenhaus über das Case- bzw. Entlassungsmanagement. Letzteres ist besonders wertvoll: Wer aus dem Krankenhaus entlassen wird, kann oft schon innerhalb weniger Tage einen vorläufigen Pflegegrad erhalten, sodass die Versorgung nahtlos weitergeht. ## Wenn der Medizinische Dienst klingelt Nach dem Antrag leitet die Pflegekasse den Vorgang digital an den Medizinischen Dienst weiter. Wichtig: Das ist eine völlig unabhängige Institution. Übrigens heißt sie inzwischen nur noch „Medizinischer Dienst" – das „K" für „Krankenversicherung" ist entfallen, was die Unabhängigkeit von den Kassen noch deutlicher macht. Im Regelfall meldet sich der Dienst innerhalb von rund drei Wochen schriftlich mit einem Terminfenster. Seit dem 1\. Juli 2022 finden die Begutachtungen wieder vor Ort statt, nachdem sie während der Corona-Zeit oft telefonisch durchgeführt wurden. Der Besuch ist mehr, als viele vermuten. Die Begutachtung beginnt im Grunde schon beim Klingeln: Wer öffnet die Tür, wie sicher ist der Gang, wie geht der Mensch mit der Situation um? Geschultes Personal – Ärzt:innen oder Pflegefachpersonen – führt ein Gespräch, lässt sich Wohnräume zeigen und prüft ganz nebenbei Fähigkeiten: Kann eine Flasche geöffnet, ein Glas eingeschenkt, ein Knopf geschlossen werden? Funktioniert der Spitzfingergriff? Hält die Handkraft beim Händeschütteln? All diese Beobachtungen fließen in die Module ein. ## So bereitest du dich auf die Begutachtung vor Damit der Termin gut läuft, lohnt sich Vorbereitung. Ärztliche Unterlagen sollten bereitliegen – Entlassungsberichte aus dem Krankenhaus und Arztbriefe sind „Gold wert", auch der Medikamentenplan kann viel über bestehende Erkrankungen verraten. Und ganz wichtig: Suche vorher ein klärendes Gespräch mit deinem Angehörigen. Viele ältere Menschen neigen dazu, ihre Situation zu beschönigen. > *„Wasch mich, aber mach mich nicht nass – das funktioniert nicht. Wenn ich Hilfe brauche, muss ich auch dazu stehen." — Britta Jansen* Falls der Angehörige seine Lage zu optimistisch darstellt, lässt sich das Gespräch mit dem Medizinischen Dienst auch noch beim Verabschieden an der Tür suchen. Und keine Sorge, wenn eine ärztliche Diagnose fehlt: Wer glaubhaft schildern kann, dass der Herd angeschaltet bleibt oder die Mutter nachts immer wieder anruft und sich nicht zurechtfindet, wird ernst genommen. Die Gutachter:innen erleben solche Situationen häufig und können sie einordnen. ## Was ein Pflegegrad konkret bringt Liegt ein Pflegegrad vor, öffnet sich das ganze Leistungsspektrum der Pflegeversicherung. Pflegegrad 1 ist dabei der Einstieg – Britta Jansen nennt ihn den „kleinen Finger", der schon mal gereicht wird. Hier gibt es vor allem den monatlichen Entlastungsbetrag von 125 Euro, der in diesem Pflegegrad als Besonderheit auch für die Grundpflege wie Duschen und Anziehen genutzt werden darf. Ab Pflegegrad 2 stehen dann alle Leistungen offen: Pflegegeld, Pflegesachleistungen, Pflegehilfsmittel, wohnumfeldverbessernde Maßnahmen wie der Umbau zur bodengleichen Dusche oder ein Treppenlift, dazu Kurzzeit- und Verhinderungspflege. Drei wichtige Leistungsarten gilt es auseinanderzuhalten: Die **Sachleistung** bedeutet, dass ein Pflegedienst kommt und direkt mit der Kasse abrechnet. Das **Pflegegeld** wird gezahlt, wenn die Pflege durch Angehörige zu Hause sichergestellt wird. Beides lässt sich anteilig kombinieren. Der **Entlastungsbetrag** von 125 Euro kommt immer obendrauf und kann etwa für Nachbarschaftshilfe oder anerkannte Alltagsbegleitung genutzt werden. Nicht genutzte Beträge sammeln sich an wie in einem Sparschwein – auszahlen lassen sie sich allerdings nicht, es bleibt eine Erstattungsleistung gegen Rechnung. Übrigens ist ein Pflegegrad nicht zwingend für immer. Wer nach einem Schlaganfall wieder fit wird, kann auch wieder herabgestuft werden. Pflegebedürftigkeit liegt im Sinne des Gesetzes erst dann vor, wenn die Hilfe voraussichtlich mindestens ein halbes Jahr nötig ist. Was zunächst hart klingt, ist eigentlich eine gute Nachricht: Das eigentliche Ziel bleibt schließlich die Gesundheit. ## Den passenden Pflegedienst finden – und Engpässe überbrücken Einen Pflegedienst zu finden, ist heute nicht immer einfach. Eine gute Orientierung bietet der [Pflegenavigator der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/cl/nordwest/pflege/pflegenavigator/?ref=uebergabe.de): Dort lassen sich Pflegedienste, Kurzzeitpflegeeinrichtungen und Pflegeheime nach Postleitzahl und Umkreis suchen. Bleibt die Suche erfolglos, hilft der schnelle Kontakt zur Pflegeberatung. Es gibt mehrere Wege, eine Lücke zu überbrücken: das Pflegeunterstützungsgeld als Ausgleich für Verdienstausfall, wenn ein Angehöriger eine Zeit lang zu Hause bleibt, oder eine Kurzzeitpflege zur Mobilisierung, die zugleich Zeitpuffer schafft, um eine ambulante Versorgung zu organisieren. Ein Sonderfall ist die Intensiv- bzw. Beatmungspflege. Sie bedeutet eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung und lässt sich nicht aus dem Nichts stampfen, weil ein ganzes Team in Schichten bereitstehen muss. Hier gibt es spezialisierte Pflegedienste und Wohngruppen mit stationärem Charakter. Solche Patient:innen werden grundsätzlich erst aus dem Krankenhaus entlassen, wenn die Versorgung im Hintergrund tatsächlich steht. ## Wenn du mit dem Bescheid nicht einverstanden bist Manchmal weicht der festgestellte Pflegegrad von der eigenen Einschätzung ab – gerade die telefonischen Begutachtungen der Corona-Zeit haben das begünstigt. Wichtig ist dann: Ruhe bewahren. Das Gutachten in Ruhe durchlesen und auf einem Blatt notieren, wo der Medizinische Dienst etwas anders wahrgenommen hat als ursprünglich geschildert. Gegen den Bescheid lässt sich innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen. Der Widerspruch richtet sich an die Pflegekasse, nicht an den Medizinischen Dienst – denn die Kasse ist die entscheidende Instanz. Sie würdigt die Argumente, holt eine erneute Einschätzung ein (nach Aktenlage oder mit einem zweiten Hausbesuch) und legt den Vorgang gegebenenfalls einem neutralen Widerspruchsausschuss vor. Bei großen Diskrepanzen kann es durchaus zu einer erneuten Begutachtung kommen. Bei allen Fragen lohnt der direkte Kontakt – ob über die [Homepage zum Thema Pflege](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) oder die persönliche Beratung. > *„Wir haben kein Interesse daran, irgendetwas abzulehnen. Jeder soll das bekommen, worauf er ein Anrecht hat – darum geht es uns." — Britta Jansen* Bleibt am Ende vor allem eine Botschaft: Diesen Weg musst du nicht allein gehen. Pflegeberater:innen, Pflegestützpunkte und die Mitarbeitenden der Krankenkassen sind dafür da, durch den anfangs unübersichtlichen Pflege-Dschungel zu begleiten. Wer das Gespräch sucht, gewinnt fast immer – an Klarheit, an Unterstützung und an Entlastung im Alltag. ## Zum Weiterhören - [ÜG109 – #02 Mitten im Leben – Pflegefall. Alles, auf was man sich in Pflegesituationen nicht vorbereiten kann](https://www.uebergabe.de/ug109/) - [ÜG110 – #03 „Ich kann heute nicht" – alles rund um Verhinderungspflege](https://www.uebergabe.de/ug110/) - [ÜG111 – #04 Heim oder daheim – Pflegeorte im Mittelpunkt der Diskussion](https://www.uebergabe.de/ug111/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes Was passiert, wenn ich oder Angehörige Pflegebedürftig werden? Bin ich überhaupt pflegebedürftig und was ist Pflegebedürftigkeit? Welche Pflegegrade gibt es? Was steht mir zu? Leistungen für Pflege beginnt mit der Pflegegrad-Bestimmung und der Begutachtung durch den medizinischen Dienst. Aber was sagt der Pflegegrad über mich aus? Er ist ein Richtwert, um Pflegeversorgung angemessen, gemessen am Leben, sicherzustellen und Hilfe zu gewährleisten. Wir führen ein Gespräch, das kritisch beleuchtet und gleichzeitig Licht ins Dunkel bringt. Gemeinsam mit unserer Pflegeexpertin Britta Jannsen und dem ÜBERGABE- Podcast wollen wir Schritt für Schritt alle Fragen beantworten. Also lasst uns reden, denn du bist #nichtallein Und vergiss nicht: Du machst uns einen großen Gefallen, wenn du eine Mitgliedschaft bei [Steady](https://steadyhq.com/de/uebergabe/?ref=uebergabe.de) abschließt ☺️ ### Shownotes - [Pflegeexpert:innen der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) - [Der Pflegenavigator der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/cl/nordwest/pflege/pflegenavigator/?ref=uebergabe.de) - [Homepage zum Thema PFLEGE der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) - [Homepage der AOK NordWest](https://www.aok.de/nw?ref=uebergabe.de) - [Homepage der Übergabe](https://uebergabe.de/podcast/?ref=uebergabe.de) ### Trailer: Wir erklären Pflege - Das Podcast-Special mit Expertinnen und Experten URL: https://www.uebergabe.de/ug107/ Last updated: 2024-03-24T20:24:44.000Z Plötzlicher Pflegefall und was jetzt? Dieser Podcast spricht es an. Anträge stellen, Pflege organisieren und Alltag gestalten. Pflegen und gepflegt werden. Tritt ein Pflegefall ein, stehen Angehörige, Pflegende und Pflegebedürftige von einem Moment auf den nächsten plötzlich vor vielen Fragen rund um die Versorgung. Das ist ein komplexes, anspruchsvolles und vor allem belastendes Thema. Deshalb, lasst uns darüber reden: Wir lassen dich in diesen herausfordernden Zeiten nicht allein und stellen uns in der zweiten Staffel des Podcast den großen und auch kleinen Fragen. Jede Folge neu, jede Folge aus einem anderen Blickwinkel und jede Folge mit erfahrenen Expertinnen und Experten, die auch über das Gehörte im Podcast hinaus als Pflegeberatung zur Seite stehen, denn du bist #nichtallein Zusammen mit der AOK NordWest und dem ÜBERGABE-Podcast erklären wir Pflegeleistung – verständlich, authentisch und empathisch. ### Shownotes - [Homepage zum Thema PFLEGE der AOK NordWest](https://www.aok.de/pk/nordwest/pflegeexperte/?ref=uebergabe.de) - [Homepage der AOK NordWest](https://www.aok.de/nw?ref=uebergabe.de) - [Homepage der Übergabe](https://uebergabe.de/podcast/?ref=uebergabe.de) ### Auf der Intensivstation (Dr. Sabine Walther & Brigitte Teigeler) URL: https://www.uebergabe.de/ug106/ Last updated: 2026-06-13T12:39:24.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 07.01.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Auf der Intensivstation zählen Menschlichkeit und Fachkompetenz gleichermaßen für Vertrauen. - Einfühlsame Kommunikation lindert Ängste und bindet Angehörige aktiv ein. - Angehörige sind kein Besuch, sondern Teil des Heilungsprozesses. - Offene Besuchszeiten reduzieren Delirien und beruhigen Patient:innen. - Hoffnung, Licht und Lärmreduktion fördern Genesung und Wohlbefinden. ## Die unsichtbare Verbindung: Intensivpflege aus einer neuen Perspektive Die Intensivstation ist ein Ort der Extreme — ein Schauplatz, an dem Leben gerettet, Schicksale gewendet und Entscheidungen getroffen werden, die die Zukunft der Betroffenen grundlegend beeinflussen. Doch was macht die Arbeit in diesem hochspezialisierten Umfeld aus? Welche Rolle spielen Kommunikation, Menschlichkeit und die Perspektiven der Angehörigen? Unsere Podcast-Episode beleuchtet nicht nur die Herausforderungen, sondern auch die Chancen für eine bessere Intensivpflege. ## Eine neue Sichtweise auf Intensivstationen Patient:innen und Angehörige erleben die Intensivstation oft als fremde, hochtechnisierte Welt. Dabei spielt nicht nur die medizinische Versorgung eine entscheidende Rolle. Es geht um das Zusammenspiel aus Menschlichkeit und Fachkompetenz, das die Basis für Vertrauen schafft. Angehörige werden immer mehr als Teil des Teams wahrgenommen — eine Entwicklung, die nicht nur die Patient:innen, sondern auch die Pflegenden positiv beeinflusst. ### Die Bedeutung der Kommunikation Kommunikation ist mehr als nur der Austausch von Informationen. Gerade auf der Intensivstation geht es darum, komplexe Sachverhalte verständlich zu erklären, emotionale Unterstützung zu bieten und ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Eine Patientin beschreibt es treffend: „Ich konnte nur schlafen, wenn mein Mann da war.” Diese Verbindung zeigt, wie entscheidend das Vertrauen in die Bezugspersonen ist — sei es Familie oder das Pflegepersonal. Pflegefachpersonen, die sensibel und empathisch kommunizieren, können nicht nur die Angst vor der unbekannten Umgebung lindern, sondern auch dazu beitragen, dass Angehörige aktiver in die Pflege eingebunden werden. Studien zeigen, dass diese Einbindung sowohl den Heilungsprozess der Patient:innen als auch die psychische Gesundheit der Angehörigen fördert. ## Hoffnung als therapeutischer Faktor Hoffnung kann Berge versetzen — gerade in Extremsituationen. Ob durch kleine Gesten, wie das Schreiben eines Intensiv-Tagebuchs, oder durch klare Kommunikation über den Zustand der Patient:innen: Hoffnung gibt den Betroffenen Kraft und Perspektive. Eine Angehörige erzählt, wie sie ihrem Mann Briefe schrieb, die ihm nach seinem Erwachen helfen sollten, die verlorene Zeit zu rekonstruieren. „Es hat mir Kraft gegeben, dass er sie eines Tages lesen wird.” > „Hoffnung verändert sich — von der Hoffnung auf Heilung bis hin zur Hoffnung auf ein würdiges Sterben.” > *Dr.in Sabine Walther* ## Die Rolle der Angehörigen Angehörige sind keine Besucher:innen, sondern ein integraler Bestandteil des Heilungsprozesses. Ihre Einbindung kann vielseitig gestaltet werden: von einfachen Aufgaben wie dem Eincremen der Hände bis hin zur gemeinsamen Erstellung von Intensiv-Tagebüchern. Doch auch Grenzen sind wichtig. Pflegende müssen eine Balance finden zwischen Unterstützung und Überforderung der Angehörigen. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt, wie sich offene Besuchszeiten positiv auswirken können. Eine Intensivstation, die auf ein 24/7-Besuchskonzept umstellte, verzeichnete weniger Delirien und ruhigere Patient:innen. Dies zeigt, dass die physische Präsenz von Angehörigen mehr als nur moralische Unterstützung bietet. > „Die physische Präsenz von Angehörigen beruhigt nicht nur die Patient:innen, sondern gibt auch den Pflegenden Sicherheit.” > *Brigitte Teigeler* ### Fachkompetenz und Menschlichkeit im Einklang Die Pflege auf der Intensivstation ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch der Menschlichkeit. Patient:innen spüren, ob ihre Pflegefachpersonen kompetent und aufmerksam sind. Eine Patientin erzählte: „Ich wusste, wenn dieser Pfleger da ist, wird alles gut.” Dieses Vertrauen entsteht durch ein Zusammenspiel von Fachwissen und emotionaler Intelligenz. ### Optimierung der Umgebung Auch die Gestaltung der Intensivumgebung spielt eine zentrale Rolle. Forschungen zeigen, dass Faktoren wie Licht, Lärm und Farben erheblichen Einfluss auf das Wohlbefinden der Patient:innen haben. Innovative Ansätze wie biologisches Licht oder die Reduzierung von Störgeräuschen können den Genesungsprozess beschleunigen und den Stress für alle Beteiligten mindern. ## Fazit: Eine bessere Intensivpflege ist möglich Die Arbeit auf der Intensivstation erfordert ein Umdenken — weg von starren Strukturen hin zu einer patienten- und angehörigenorientierten Versorgung. Die Integration von Angehörigen, die Förderung von Hoffnung und die Optimierung der Kommunikation sind Schritte, die nicht nur die Genesung der Patient:innen, sondern auch die Arbeitszufriedenheit der Pflegenden verbessern können. Die Zukunft der Intensivpflege liegt in einem harmonischen Zusammenspiel von Menschlichkeit, Fachwissen und Innovation. #### Shownotes - [Auf der Intensivstation - Patienten und Angehörige zwischen Leben, Tod und Trauma](https://www.hogrefe.com/de/shop/auf-der-intensivstation-96457.html?ref=uebergabe.de#1+1) - [Homepage von Brigitte Teigeler](https://www.brigitte-teigeler.de/?ref=uebergabe.de) - [Homepage von Dr.in Sabine Walther](https://www.lektorat-walther.de/?ref=uebergabe.de) - [Deutsche Sepsishilfe](https://sepsis-hilfe.org/de/?ref=uebergabe.de) - [Profil von Professor Jos Latour](https://www.plymouth.ac.uk/staff/jos-latour?ref=uebergabe.de) - [Intensivtagebücher von Peter Nydahl](https://www.intensivtagebuch.de/?ref=uebergabe.de) - Brichetti, K. & Mechsner, F. (2019). Heilsame Architektur: Raumqualitäten erleben, verstehen und entwerfen (Bd. 48). Bielefeld: transcript. [https://doi.org/10.1515/9783839445037](https://doi.org/10.1515/9783839445037?ref=uebergabe.de) - Deutsches Farbenzentrum e. V. (2019). Gesundheit und Therapie: Farbe im Gesundheitsbau. Verfügbar unter [https://deutsches-farbenzentrum.de/farbe-im-gesundheitsbau](https://deutsches-farbenzentrum.de/farbe-im-gesundheitsbau/?ref=uebergabe.de) - Deutsches Farbenzentrum e. V. (2020). Gesundheit und Therapie: Farb-Lichtgestaltung senkt Krankenstand beim Pflegepersonal um 35,37 %! Healing Architecture — 2\. Studie zu den Wirkungen von Licht und Farben auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen. Verfügbar unter [https://deutsches-farbenzentrum.de/farb-lichtgestaltung-senkt-krankenstand-beim-pflege personal-um-3537](https://deutsches-farbenzentrum.de/farb-lichtgestaltung-senkt-krankenstand-beim-pflegepersonal-um-3537/?ref=uebergabe.de) - Redaktion kma Online. (Hrsg.). (2019, September). Moderne Delir-Prävention auf Intensivstationen mit VitalSky von Philips. Als erstes Krankenhaus weltweit setzt das Marien-Hospital Wesel auf nicht-pharmakologische Delir-Prävention mit personalisierter Lichttherapie. Verfügbar unter [https://www.kma-online.de/unternehmen/philips/news/detail/als-erstes-krankenhaus-weltweit-setzt-das-marien-hospital-wesel-auf-nicht-pharmakologische-delir-praevention-mit-personalisierter-lichttherapie-a-4207](https://www.kma-online.de/unternehmen/philips/news/detail/als-erstes-krankenhaus-weltweit-setzt-das-marien-hospital-wesel-auf-nicht-pharmakologische-delir-praevention-mit-personalisierter-lichttherapie-a-42074?ref=uebergabe.de) - Walther, S. & Teigeler, B. (2022): Mit Worten an die Hand nehmen. Tipps für die tägliche Kommunikation mit Angehörigen auf einer Intensivstation. Hogrefe. Verfügbar unter [https://www.hogrefe.com/de/thema/mit-worten-an-die-hand-nehmen](https://www.hogrefe.com/de/thema/mit-worten-an-die-hand-nehmen?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG177 – Palliativpflege auf der Intensivstation (Annemarie Röthig)](https://www.uebergabe.de/ug177/) - [ÜG165 – Moralischer Distress in der Intensivpflege (Larissa Forster)](https://www.uebergabe.de/ug165/) - [ÜG095 – Empathie in der Pflege (Ludwig Thiry)](https://www.uebergabe.de/ug095/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Jahresabschluss 2022 URL: https://www.uebergabe.de/ug105/ Last updated: 2026-06-17T19:52:55.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 23.12.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - 2022 erschienen 44 Folgen mit fast 100.000 Downloads. - In vier Jahren sind über 140 Episoden entstanden. - Eine Edukationsreihe mit der AOK Nordwest startet Mitte Januar. - Themenwünsche aus der Community fließen aktiv in die Planung ein. - Stellenanzeigen für akademisch Pflegende laufen künftig über den Podcast. Ein Jahr neigt sich dem Ende zu – Zeit, kurz innezuhalten. In der letzten Folge des Jahres 2022 nimmt sich Christian Köbke allein ans Mikrofon, um zurückzublicken, Danke zu sagen und einen Ausblick auf das kommende Jahr zu geben. Es ist eine dieser Episoden, die selten im Rampenlicht stehen, aber viel darüber verraten, was ein Projekt wie die Übergabe eigentlich am Leben hält: eine engagierte Community, ein kleines Team und jede Menge Themen rund um die **akademische Pflege**, die noch darauf warten, erzählt zu werden. ## Zahlen, die für sich sprechen Wer wissen will, wie groß ein Podcast geworden ist, schaut am Jahresende gern auf die nackten Zahlen – und die können sich sehen lassen. 44 Folgen sind 2022 erschienen, das **Pflege-Update** eingerechnet. Allein die Übergabe-Episoden kamen dabei auf über 80.000 Downloads, mit dem Update zusammen sind es vermutlich knapp 100.000\. Für das kommende Jahr wird vorsichtig optimistisch geträumt: 120.000, vielleicht sogar 140.000 Downloads könnten drin sein – allerdings nur mit der Unterstützung der Hörer:innen. Noch beeindruckender wird es im Blick auf den gesamten Zeitraum. In vier Jahren Podcast-Produktion sind über 140 Folgen entstanden. Aneinandergereiht ergeben sie eine Hörzeit von rund einer Woche – man könnte die Übergabe also theoretisch rund um die Uhr durchhören, sieben Tage am Stück. > *„In den gesamten vier Jahren sind über 140 Podcasts erschienen. Die sind in etwa so lang wie eine ganze Woche. Darauf sind wir einfach mega stolz." — Christian Köbke* Solche Zahlen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind das Ergebnis vieler Stunden Arbeit hinter den Kulissen – und vor allem das Ergebnis einer Community, die zuhört, weiterempfiehlt und mitdenkt. Genau darauf legt das Team auch in seinem Dank den Schwerpunkt: auf die Gäst:innen, die ihr Wissen teilen, auf die Hörenden, ohne die das Projekt schlicht keinen Sinn ergäbe, und auf alle, die mit Themenvorschlägen oder einer monatlichen Mitgliedschaft unterstützen. ## Umzug im Hintergrund – Vorteile im Vordergrund Eine technische Veränderung dürfte den meisten Hörer:innen kaum aufgefallen sein: Im November 2022 ist die Übergabe zu einem neuen Hoster umgezogen. Vorher lief alles auf einem eigenen Server – das war zwar in mancher Hinsicht entspannt, bedeutete aber auch eine Menge zusätzlicher Arbeit beim Anlegen und Hochladen der Folgen. Für die Hörer:innen hat der Wechsel handfeste Vorteile. Auf der Homepage steht nun ein deutlich besserer Player zur Verfügung, der sich problemlos auf anderen Seiten einbetten lässt. Das frühere iFrame, das gerade auf dem Smartphone oft schlecht dargestellt wurde, gehört damit der Vergangenheit an. Der neue Player wird per Script eingebunden und funktioniert auf allen Geräten zuverlässig. Besonders praktisch: Einige Kliniken binden den Übergabe-Player bereits ins Intranet ein und zeigen ihren Mitarbeitenden so automatisch die jeweils aktuelle Folge an. Wer das ebenfalls umsetzen möchte, kann sich beim Team melden und bekommt die nötige Einbindung zur Verfügung gestellt. ## Ein Service-Update: Eventkalender und Jobboard Damit die Übergabe ihren Hörer:innen noch mehr bietet als die reinen Episoden, sind zwei neue Funktionen entstanden: ein Eventkalender und ein Jobboard. Die Idee dahinter ist denkbar einfach – alle Veranstaltungen rund um Pflege und Gesundheit an einem Ort zu sammeln, damit man sie nicht mühsam zusammensuchen muss. Wer selbst etwas organisiert, kann sein Event eintragen. Das Jobboard verfolgt einen ganz bestimmten Fokus: Es richtet sich gezielt an **akademisch Pflegende**. Wer auf der Suche nach einer passenden Stelle ist, kann dort stöbern; wer eine entsprechende Position zu besetzen hat, darf sie kostenfrei einreichen. Damit greift das Team ein Thema auf, das die gesamte Branche umtreibt – den Mangel an Fachpersonal. > *„Wir merken auch, dass das Thema Mangel an Fachpersonal überall kursiert. Das geht an uns auch nicht vorbei – und wir würden gern unterstützen." — Christian Köbke* Interessant ist die Vorgeschichte: Schon 2020 gab es bei der Übergabe einmal ein Jobboard, das aber wieder abgeschafft wurde. Der Grund waren datenschutzrechtliche Bedenken – nicht etwa ein Sicherheitsvorfall, sondern schlicht das Fehlen einer eigenen IT-Abteilung, die ein solches System dauerhaft sicher betreiben könnte. Diese Erfahrung zeigt, wie sorgfältig auch ein gewachsenes Podcast-Projekt mit den Daten seiner Nutzer:innen umgehen muss. Zusätzlich zum neuen Board bietet das Team an, Stellenausschreibungen für den akademischen Bereich über die Reichweite des Podcasts zu platzieren. Transparenterweise weist Christian darauf hin, dass dieser Service nicht kostenlos ist – das Ziel sei jedoch, die Pflegelandschaft zu entwickeln, nicht Einrichtungen finanziell zu belasten. ## Was 2023 auf dem Programm steht Die gute Nachricht zuerst: Die Übergabe macht weiter. Auch im neuen Jahr soll es im gewohnten Zwei-Wochen-Rhythmus weitergehen, mit Themen rund um die Pflege und natürlich mit dem Pflege-Update, das die Hörer:innen weiterhin mit aktuellen Infos aus der **Pflegelandschaft** versorgt. Caroline und Clara, die das Update durch das Jahr getragen haben, legen erst einmal eine kleine Verschnaufpause ein. Ein besonderes Highlight steht gleich zu Jahresbeginn an: Mitte Januar startet eine Sonderreihe, die gemeinsam mit der AOK Nordwest entsteht. Dabei handelt es sich um eine Edukationsreihe, die diesmal nicht in erster Linie die Fachwelt anspricht, sondern Menschen, die konkrete Informationen brauchen – etwa dann, wenn in der eigenen Familie plötzlich das Thema **Pflegebedürftigkeit** ansteht. In dieser Reihe soll ein ganzer Blumenstrauß an Fragen geklärt werden. ## Eine Liste, die niemals leer wird Eine Sache zieht sich durch die gesamte Geschichte der Übergabe: die Themenliste. Vor vier Jahren begonnen, ist sie bis heute nicht abgearbeitet – im Gegenteil, sie wächst stetig. Genau das ist beabsichtigt, denn neue Anregungen kommen regelmäßig aus der Community. Über Instagram und Twitter hatte das Team in den Tagen vor der Aufnahme nachgefragt, welche Inhalte sich die Hörer:innen wünschen, und prompt kamen spannende Ideen zurück. Besonders häufig genannt wurde der Wunsch nach Updates zu bereits behandelten Themen. Die Umsetzung ist allerdings nicht ganz trivial: Mehrere Gäst:innen in einer einzigen Folge zu versammeln, würde einen langen Vorlauf bedeuten – über das passende Format wird deshalb noch nachgedacht. Konkret auf der Liste stehen außerdem zwei Themen, die schon länger darauf warten, aufgegriffen zu werden: **freiheitsentziehende Maßnahmen** und das Konzept der Safewards aus der psychiatrischen Pflege. Wer dazu schon jetzt mehr erfahren möchte, findet in der Folge zu [Safewards als Konzept für die psychiatrische Pflege](https://www.uebergabe.de/ug126/) tiefe Einblicke. > *„Traut euch und schreibt uns. Wir freuen uns über jeden Impuls und natürlich über jedes Feedback." — Christian Köbke* Wichtig ist dem Team dabei eine Leitplanke: So sehr neue Formate und Themen willkommen sind – die Fachlichkeit und der Fokus auf die akademische Pflege sollen nicht verloren gehen. Genau dieser Anspruch unterscheidet die Übergabe von vielen anderen Angeboten und macht sie für eine bestimmte Zielgruppe so wertvoll. ## Warum der Nachwuchs besonders zählt Eine Rückmeldung scheint dem Team besonders am Herzen zu liegen: Aus Schulen, Hochschulen und von Studierenden sowie Auszubildenden kommt immer wieder das Signal, dass die Episoden im Lernalltag echte Hilfestellung leisten. Für ein Projekt, das mit dem Ziel angetreten ist, Wissen rund um die Pflege zugänglich zu machen, ist das mehr als nur eine nette Statistik – es ist die Bestätigung, dass die Arbeit ankommt, wo sie ankommen soll. Dass die Inhalte ihren Weg in Ausbildungsstätten und in die Institutionen finden, ist dabei kein Selbstläufer. Es passiert vor allem durch Menschen, die die Formate weiterempfehlen und in ihre Teams und Klassenräume tragen. Gerade für die nächste Generation an Pflegefachpersonen entsteht so ein niedrigschwelliger Zugang zu Themen, die im klassischen Unterricht manchmal zu kurz kommen. Für das kommende Jahr hat sich das Team deshalb vorgenommen, die Community noch stärker einzubeziehen. Die Fragen, die im Raum stehen, sind grundlegend: Was wünschen sich die Hörer:innen? Was fehlt ihnen? Und was lässt sich besser machen? Ob neue Podcast-Formate, andere Schwerpunkte oder zusätzliche Services – die Richtung soll künftig stärker gemeinsam mit den Hörenden bestimmt werden. Wer eine Idee hat, ist eingeladen, sich per Mail oder über die sozialen Kanäle zu melden. ## Ein leiser, aber wichtiger Jahresabschluss Diese Episode ist keine der großen Fachinterviews, die die Übergabe sonst ausmachen. Und doch erzählt sie viel über das, was hinter einem Podcast-Projekt steckt: kontinuierliche Arbeit, technische Weiterentwicklung, der ehrliche Umgang mit Rückschlägen wie dem ersten Jobboard und vor allem eine enge Beziehung zu den Menschen, die zuhören. Mit fast 100.000 Downloads in einem einzigen Jahr und über 140 Folgen insgesamt hat sich die Übergabe einen festen Platz in der deutschsprachigen Pflege-Podcast-Landschaft erarbeitet. Zum Jahresende bleibt vor allem eines: ein großes Dankeschön an alle, die das Projekt tragen – durch Zuhören, durch Feedback, durch Themenvorschläge oder durch eine Mitgliedschaft. Wenn du also eine Idee hast, welches Thema rund um die Pflege als Nächstes beleuchtet werden sollte, dann schreib dem Team. Vielleicht steht dein Vorschlag schon bald auf der berühmten, niemals endenden Themenliste – und wird irgendwann zu deiner Lieblingsfolge. ## Zum Weiterhören - [ÜG084 – Jahresabschluss](https://www.uebergabe.de/ug084/) - [ÜG126 – Safewards - ein Konzept für die psychiatrische Pflege](https://www.uebergabe.de/ug126/) - [ÜG107 – Trailer: Wir erklären Pflege - Das Podcast-Special mit Expertinnen und Experten](https://www.uebergabe.de/ug107/) ### Krankenhausreform / Pflegehilfeausbildung ohne Schulabschluss in Hessen / Verpflichtendes Gesellschaftsjahr in der Pflege URL: https://www.uebergabe.de/pu040/ Last updated: 2026-06-13T23:24:27.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 17.12.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Regierungskommission schlägt drei Versorgungslevel, Leistungsgruppen und eine Vorhaltefinanzierung vor. - Hessen erlaubt die Pflegehilfeausbildung künftig auf Antrag auch ohne Schulabschluss. - Der Deutsche Pflegerat befürwortet ein verpflichtendes soziales Gesellschaftsjahr. In der letzten Folge des Jahres dreht sich beim PflegeUpdate alles um drei Themen, die für deinen Berufsalltag und die Zukunft der Pflege relevant sind: die große Krankenhausreform von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, eine Gesetzesänderung zur Pflegehilfeausbildung in Hessen und die Debatte um ein verpflichtendes soziales Gesellschaftsjahr. Alle Angaben beziehen sich auf den Stand Mitte Dezember 2022. ## Krankenhausreform: Drei Versorgungslevel, neue Leistungsgruppen und Vorhaltefinanzierung Schon seit Monaten hatte Lauterbach eine umfassende Reform der Krankenhausvergütung angekündigt. Anfang Dezember 2022 stellte die Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung – ein Gremium aus 16 Expert:innen, darunter Ökonom:innen, Mediziner:innen und eine Pflegewissenschaftlerin – ihre Eckpunkte vor. Grundlage ist die seit Jahren bekannte Kritik, dass die Behandlung von Patient:innen zu oft ökonomischen Fehlanreizen folgt. In der Bundespressekonferenz am 6\. Dezember beschrieb Lauterbach das Kernproblem so, dass nahezu das gesamte Budget über Fallpauschalen finanziert werde – unabhängig davon, wie aufwendig oder wie gut ein Fall behandelt wird. Wer einen Fall möglichst günstig behandelt, macht Gewinn; das System tendiert damit zu einer „billigen" Medizin. Die [Äußerungen von Karl Lauterbach](https://www.youtube.com/watch?v=UYB4MNEX-aM&t=66s&ref=uebergabe.de) lassen sich in der Aufzeichnung nachhören. Dazu kommt, dass Behandlungen teils ohne die nötige Ausstattung stattfinden – etwa die Erstversorgung von Herzinfarkten oder Schlaganfällen in Häusern ohne CT oder Herzkatheterlabor. Hinzu kommen im europäischen Vergleich viele Krankenhausbetten, eine starke Trennung von ambulanter und stationärer Versorgung sowie wenige intersektorale Konzepte. Die Reform verknüpft deshalb die bedarfsgerechte Krankenhausplanung der Länder mit einer neuen, weniger mengenabhängigen Vergütungssystematik. Einen kompakten Überblick bietet die Aufbereitung zu [Lauterbachs großer Klinikreform](https://www.bibliomed-pflege.de/news/lauterbachs-grosse-klinikreform-40-prozent-vorhaltung-60-prozent-drg?ref=uebergabe.de). ### Versorgungslevel statt uneinheitlicher Stufen Bislang ist die Krankenhausplanung Ländersache und entsprechend uneinheitlich – mal drei Versorgungsstufen, mal Begriffe wie Regel- oder Schwerpunktversorgung, ohne bundesweit einheitliche Definition. Künftig soll es nur noch drei übergeordnete Level geben. Level 1 ist die Grundversorgung und verzahnt ambulante und stationäre Angebote, etwa in regionalen Gesundheitszentren, mit Fokus auf internistische und chirurgische Basisversorgung, chronisch und geriatrisch Erkrankte sowie Palliativmedizin. Unterschieden wird in Level-1i-Häuser (integrierte Grundversorgung) und Level-1n-Häuser, die zusätzlich eine kleine Notfall- und Intensivmedizin vorhalten. Bemerkenswert für die Pflege: Ein Level-1i-Haus darf von einer spezialisierten Pflegefachperson, etwa einer Advanced Practice Nurse, geleitet werden; ärztliche Versorgung läuft außerhalb der Kernzeiten oft über Rufbereitschaft. Level-2-Häuser erweitern dieses Spektrum um weitere Leistungsgruppen, eine ärztliche und fachärztliche Versorgung rund um die Uhr sowie eine entsprechende Notaufnahme und Intensivstation. Level-3-Häuser teilen sich in nicht-universitäre Maximalversorger und universitäre Häuser (Level 3U). Sie halten zahlreiche internistische und chirurgische Leistungsgruppen vor, bieten komplexe Notfall- und Intensivversorgung, onkologische Therapien in zertifizierten Zentren und übernehmen – bei den Unikliniken – überregionale Koordinations- und Steuerungsaufgaben. Daneben gibt es gesondert somatische Fachkliniken. Die [offizielle Mitteilung zum Krankenhauskonzept](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/regierungskommission-legt-krankenhauskonzept-vor.html?ref=uebergabe.de) fasst die Logik der Level zusammen. ### Leistungsgruppen und Vorhaltefinanzierung Der zweite Baustein sind sogenannte Leistungsgruppen. Statt sich nur an ärztlichen Fachgebieten zu orientieren, sollen klare Qualitätsanforderungen und Mindestvoraussetzungen definieren, welches Haus welche Leistung erbringen darf. Wer etwa Pankreaschirurgie anbieten will, muss auch allgemeine Viszeralchirurgie, Gastroenterologie sowie Hämatologie und Onkologie vorhalten. Diese Gruppen sollen binnen zwölf Monaten gemeinsam mit medizinischen Fachgesellschaften konkretisiert werden. Der dritte Baustein betrifft die Finanzierung: Die DRG-Fallpauschalen bleiben, werden aber um Vorhaltekosten ergänzt – also um die Vergütung dafür, dass eine Leistungsgruppe überhaupt bereitgehalten wird. Das Pflegebudget bleibt erhalten. Für Level-1n- bis Level-3-Häuser empfiehlt die Kommission grob eine Aufteilung von 40 Prozent Vorhaltung und 60 Prozent DRG; für besonders kostenintensive Bereiche wie Intensiv- und Notfallmedizin, Geburtshilfe und Neonatologie soll der Vorhalteanteil auf 60 Prozent steigen, um den ökonomischen Druck zu senken. Level-1i-Häuser werden ausschließlich über Tagespauschalen finanziert und hätten damit kein eigenes Vorhalte- und Pflegebudget. Die Umstellung soll in einer mehrjährigen Konvergenzphase erfolgen und etwa fünf Jahre bis zur vollen Umsetzung dauern; die Höhe der Vorhaltekosten richtet sich nach Bevölkerung, Qualität und Menge. Wer tiefer einsteigen will, findet die Details in der [dritten Stellungnahme der Regierungskommission](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/K/Krankenhausreform/3te%5Fstellungnahme%5Fregierungskommission%5Fgrundlegende%5Freform%5Fkh-verguetung%5F6%5Fdez%5F2022%5Fmit%5Ftab-anhang.pdf) inklusive grafischer Abbildungen. Offen war zum Zeitpunkt der Folge, wie die Länder reagieren – sie sind gerade für die neue Level-1i-Versorgung zentral – und wie sich das System auf private, öffentliche und kirchliche Träger auswirkt. Lauterbach erwartete damals, dass sich das Modell für rein gewinnorientierte private Träger weniger lohnen werde. Für die Pflege spannend ist vor allem der Ansatz, ambulante und stationäre Versorgung stärker zu verzahnen und Pflegefachpersonen mehr Verantwortung zu geben. ## Hessen: Pflegehilfeausbildung künftig auch ohne Schulabschluss möglich Mit einer Änderung des hessischen Krankenpflegehilfegesetzes will das Land den Einstieg in die Pflegehilfeausbildung erleichtern. Künftig soll man auch ohne Hauptschulabschluss – der bislang Voraussetzung war – auf Antrag zur Ausbildung zugelassen werden können. Der damalige hessische Sozialminister Kai Klose begründete den Schritt mit dem ausgeprägten Fachkräftemangel: Auch Menschen mit Lücken im Lebenslauf solle so der Einstieg in die Pflege ermöglicht werden. Die Hintergründe fasst der Beitrag zur [Flexibilisierung der Pflegeausbildung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/gesetzesaenderung-flexibilisiert-pflegeausbildung?ref=uebergabe.de) zusammen. Aus der Pflegewissenschaft kam deutliche Kritik. Befürchtet wird eine Deprofessionalisierung und ein weiterer Attraktivitätsverlust des Berufs, der sich auch auf Versorgungsqualität und Behandlungsergebnisse auswirken könnte. Mehrfach wurde zudem die verpasste Chance betont: Statt die Hürde abzusenken, hätte man die Ausbildung mit dem Erwerb eines Schulabschlusses verknüpfen und so gebrochene Bildungsbiografien anschlussfähig machen können. Einzuordnen ist die Regelung, dass der Zugang ohne Schulabschluss nur auf Antrag möglich sein soll – die grundsätzliche Kritik an der Richtung bleibt davon aber unberührt. ## Deutscher Pflegerat befürwortet verpflichtendes Gesellschaftsjahr Immer wieder taucht in der politischen Debatte die Idee eines verpflichtenden sozialen Jahres auf, das junge Menschen nach der Schule in der Pflege oder einem anderen sozialen Bereich absolvieren sollen. Der Deutsche Pflegerat hat sich angesichts des Fachkräftemangels in den Sozial- und Pflegeberufen für ein solches Gesellschaftsjahr ausgesprochen. Die Argumentation und Reaktionen sind im Beitrag zum [Gesellschaftsjahr für Schulabgänger:innen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dpr-fuer-gesellschaftsjahr-fuer-schulabgaenger?ref=uebergabe.de) nachzulesen. Die damalige Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler, machte deutlich, dass ein solches Jahr zwar Aufmerksamkeit für die Branche schaffen könne, das Gesundheitssystem aber weder retten noch allein eine gute pflegerische Versorgung sicherstellen werde. Der Mehrwert läge eher darin, junge Menschen für gesellschaftliche Verantwortung zu sensibilisieren und ein realistisches Bild von der Rolle der Pflege zu vermitteln. In der Debatte stehen sich Argumente gegenüber: Manche sehen einen sinnvollen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe, andere fragen, warum eine solche Pflicht ausgerechnet jungen Menschen nach der Schule auferlegt werden soll und ob ein über die Lebensspanne verteiltes, anrechenbares Modell – etwa für die Pflege von Angehörigen – nicht sinnvoller wäre. ## Zum Weiterhören - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG043 – Krankenhausfinanzierung (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug043/) - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) --- ## Quellen - [Ausschnitt Äußerungen Karl Lauterbach](https://www.youtube.com/watch?v=UYB4MNEX-aM&t=66s&ref=uebergabe.de) (youtube.com) - [Lauterbachs große Klinikreform](https://www.bibliomed-pflege.de/news/lauterbachs-grosse-klinikreform-40-prozent-vorhaltung-60-prozent-drg?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Regierungskommission legt Krankenhauskonzept vor](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/regierungskommission-legt-krankenhauskonzept-vor.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Dritte Stellungsnahme und Empfehlung der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechteKrankenhausversorgung](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/K/Krankenhausreform/3te%5Fstellungnahme%5Fregierungskommission%5Fgrundlegende%5Freform%5Fkh-verguetung%5F6%5Fdez%5F2022%5Fmit%5Ftab-anhang.pdf) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Gesetzsänderung flexibilisert Pflegehilfeausbildung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/gesetzesaenderung-flexibilisiert-pflegeausbildung?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Umstritten: Pflegehilfeausbildung soll ohne Schulabschluss möglich sein](https://www.altenpflege-online.net/artikel/2022%5F12/2022%5F12%5F09%5Fauch%5Fohne%5Fschulabschluss%5Fin%5Fdie%5Fpflegehilfeausbildung%5Fstarten?ref=uebergabe.de#:~:text=In%20Hessen%20sollen%20zuk%C3%BCnftig%20auch,Unterricht%20in%20der%20Pflegeschule%20teil.&text=Hessen%20erleichtert%20damit%20den%20Einstieg%20in%20die%20Ausbildung%20f%C3%BCr%20einen%20Pflegeberuf.) (altenpflege-online.net) - [DPR für Gesellschaftsjahr für Schulabgänger](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dpr-fuer-gesellschaftsjahr-fuer-schulabgaenger?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) ### Diversifizierung von Pflegeteams (Merlin Wenzel & Holger Hegermann) URL: https://www.uebergabe.de/ug104/ Last updated: 2026-06-13T11:43:27.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 10.12.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Nur rund 20 Prozent der Pflegenden in Deutschland sind Männer. - Gemischte Teams arbeiten oft ausgeglichener und vielfältiger. - Sichtbarkeit, Vorbilder und Mentoring sind zentrale Hebel. - Das Projekt liefert Betrieben konkrete Handlungsempfehlungen. - Fachlichkeit zählt – nicht das Geschlecht der Pflegeperson. Pflege ist Frauensache? Diese Vorstellung hält sich hartnäckig – obwohl sie weder der Realität noch dem Bedarf entspricht. In dieser Episode der Übergabe spricht Christian Köbke mit zwei Männern, die genau das ändern wollen: Merlin Wenzel und Holger Hegermann. Ihr gemeinsames Projekt trägt den Namen **MoMeDoCare** – kurz für „Modern Men Do Care“. Es geht um mehr Männer in der Pflege, um Geschlechterrollen und letztlich um die Frage, wie vielfältige Teams die Versorgung besser machen. ## Modern Men Do Care: Wer steckt dahinter? Merlin Wenzel hat in Bremen Public Health studiert und anschließend einen Master in Prävention und Gesundheitsförderung gemacht. Zum Zeitpunkt der Aufnahme leitete er das Projekt bei der Gesundheitswirtschaft Nordwest – einem Verein, der ein breites Netzwerk aus Krankenkassen, Kliniken, Hochschulen und Gesundheitsinitiativen in der Metropolregion Bremen-Oldenburg bündelt und gesundheitswirtschaftliche Projekte anstößt. Holger Hegermann ist Geschäftsführer eines [ambulanten Pflegedienstes in Bremen](https://www.vacances.de/?ref=uebergabe.de), der rund 250 Mitarbeitende beschäftigt – darunter überdurchschnittlich viele Männer. Sein Anreiz, beim Projekt mitzumachen, war einfach: Er wollte wissen, was sein Betrieb noch besser machen kann. Initiiert wurde das Projekt im Rahmen der [Konzertierten Aktion Pflege](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/konzertierte-aktion-pflege.html?ref=uebergabe.de) des Bundesgesundheitsministeriums, das auch als Fördermittelgeber auftrat. Eine eigene Ausschreibung zielte explizit darauf, mehr Männer für die Pflege zu gewinnen. Aus dem ursprünglich pragmatischen Anliegen, dem Fachkräftemangel mit allen Mitteln zu begegnen, entwickelte sich schnell eine viel grundlegendere Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen. ## 20 Prozent – und warum das zu wenig ist Rund 20 Prozent der Pflegenden in Deutschland sind Männer. Holger Hegermanns Pflegedienst liegt darüber, in einer Filiale erreicht er sogar etwa 30 Prozent – für die ambulante Pflege ein hoher Wert. Doch warum sind es im Schnitt so wenige? Die Antwort liegt zum großen Teil in der Geschichte des Berufs. Bis etwa 1970 war Pflege in Deutschland faktisch ein reiner Frauenberuf – Männer durften ihn schlicht nicht ausüben. Diese Prägung wirkt bis heute nach, von der Berufsorientierung in den Schulen über das gesellschaftliche Prestige bis hin zur Frage, wie Betriebe in der Öffentlichkeit auftreten. Christian stellte die provokante Gegenfrage: Wer sagt eigentlich, dass 20 Prozent zu wenig sind? Für beide Gäste war die Antwort klar – angesichts des massiven Fachkräftemangels und einer alternden Gesellschaft braucht es jede helfende Hand. Und es spricht nichts dagegen, dass diese Hand auch einem Mann gehört. > *„Am Ende muss die Fachlichkeit eine Rolle spielen. Es ist eigentlich egal, wer jemanden versorgt.“ — Holger Hegermann* ## Diversität macht Teams stärker Dass ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis Teams guttut, ist nicht nur ein Pflege-Phänomen. Studienlage und Erfahrung zeigen über viele Branchen hinweg: Eine ruhigere Atmosphäre, vielfältigere Handlungsmöglichkeiten und ein bereichernder Austausch entstehen dort, wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Das beginnt beim Geschlecht und reicht bis zu kultureller Vielfalt. Genau deshalb spricht das Projekt am Ende nicht nur von Männern, sondern von der **Diversifizierung von Pflegeteams** insgesamt. > *„Ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis führt dazu, dass Teams besser funktionieren und man von mehr Vielfalt profitiert.“ — Merlin Wenzel* Gerade die intime, körpernahe Arbeit in der Pflege birgt das Risiko, dass Tätigkeiten sexualisiert werden – ein Thema, das viele Männer am Anfang verunsichert und das man offen ansprechen muss. Hinzu kommt ein zweites Spannungsfeld: In großen, stark hierarchisch geprägten Einrichtungen wie Krankenhäusern finden sich Männer häufiger in den höheren, machtvolleren Positionen wieder – oder in technisch orientierten, oft besser bezahlten Bereichen wie dem OP. Würde man einfach „mehr Männer“ rekrutieren, ohne diese Strukturen mitzudenken, könnte sich genau dieses Ungleichgewicht verstärken. „Modern Men Do Care“ will deshalb Männer in die eigentliche, beziehungsorientierte Pflege bringen – auch als Gewinn für die Männer selbst, die starre Männlichkeitsbilder ablegen und sich in ihrer Identität weiterentwickeln können. Mehr über diesen Hintergrund findest du auch im Beitrag [über mehr Männer für die Pflege](https://www.hcm-magazin.de/mehr-maenner-fuer-die-pflege-282188/?ref=uebergabe.de). ## Wer pflegt – und darf man sich das aussuchen? Eine der spannendsten Passagen der Episode dreht sich um die Frage, ob das Geschlecht am Pflegebett überhaupt zählt. In Holger Hegermanns Pflegedienst wird Kund:innen bewusst nicht die Wahl gelassen: Es kommt einfach, wer eingeteilt ist – „um zwölf kommt Klaus-Peter zu Ihnen“. Damit setzt der Betrieb ein Zeichen und regt zum Nachdenken an. Ausnahmen macht er bei Menschen mit schweren biografischen Erfahrungen, etwa aus der Kriegsgeneration. Christian hielt dagegen: Wer pflegebedürftig ist, befindet sich in einer Abhängigkeitsposition – Intimsphäre, Wunden, Nacktheit, die eigene Wohnung. Anders als beim Arzttermin oder beim Bäcker gibt es hier oft keine echte Wahlfreiheit mehr. Holger Hegermann verwies auf die reale Versorgungsknappheit: Wartelisten von zwei Monaten, kaum alternative Anbieter. Würde man jeden Geschlechterwunsch bedienen, müsste er womöglich Männer entlassen. Christian formulierte den Gegenpunkt klar: Das sei dann ein Problem des Betriebs – nicht der pflegebedürftigen Person. Merlin Wenzel löste die Diskussion auf einer anderen Ebene: Warum muss Unbehagen überhaupt am Geschlecht festgemacht werden? Auch eine Frau kann unsympathisch sein, auch einem Mann kann man sich anvertrauen. Entscheidend sei, von der Sexualisierung wegzukommen und konkrete Probleme – etwa fehlendes Vertrauen zu einer bestimmten Person – ernst zu nehmen und zu bearbeiten, statt sie pauschal am Geschlecht aufzuhängen. ## Geld allein lockt keine Männer Liegt der Schlüssel nicht einfach in besseren Gehältern und Arbeitsbedingungen? Teilweise, sagen beide. Mit dem 2022 in Kraft getretenen Tariftreue-Gesetz hat sich bei der Bezahlung viel bewegt – in Holger Hegermanns Betrieb spielt Geschlecht bei der Vergütung ohnehin keine Rolle, es zählen Qualifikation und Berufserfahrung. Doch Bezahlung allein reicht nicht. Genauso wichtig ist das gesellschaftliche Prestige des Berufs, das oft nicht der Realität entspricht. Denn wer sich als Mann für die Pflege entscheidet, erlebt im sozialen Umfeld noch immer Skepsis – von „Bist du dir sicher?“ bis zu abwertenden Sprüchen über das vermeintliche „Hintern abwischen“. In der entscheidenden Phase der Berufsorientierung, etwa in Schulen und Berufsberatungsstellen, ist die Aufklärung schlicht noch nicht angekommen. Auch der gut gemeinte Boys' bzw. Zukunftstag kann nach hinten losgehen, wenn Jungen dort zwar reinschnuppern, am Ende aber denken: „Ist ja toll – aber eben ein Frauenberuf.“ ## Vorbilder, Sichtbarkeit, Mentoring Ein roter Faden zieht sich durch die ganze Episode: Es fehlt an Vorbildern. Fast alle befragten Männer kamen über persönliche Berührungspunkte – Familie, Bekannte – zur Pflege und ließen sich von Kommentaren nicht beirren. Genau hier setzt das Projekt an. Mehr Sichtbarkeit von männlichen Pflegenden erzeugt einen Sog, der weitere Männer nachziehen kann. Praktisch bedeutet das: in Schulen gehen, mit Pflegeschulen kooperieren, den Beruf erfahrbar machen – etwa durch kleine Mitmach-Stationen auf Veranstaltungen. Innerhalb der Betriebe helfen Mentoring-Programme, bei denen erfahrene Kolleg:innen Auszubildende oder neue Mitarbeitende begleiten. Wichtig sei dabei, betont Merlin Wenzel: Es geht nicht darum, dass Männer ausschließlich von Männern betreut werden – das wäre ein Widerspruch zur Diversität. Es geht um Identifikationspotenziale. Wer im Team mindestens eine andere Person findet, mit der er sich identifizieren kann, bleibt mit höherer Wahrscheinlichkeit dabei. Auch Holger Hegermanns Erfahrung mit einem Beschäftigungsprojekt für junge Männer – viele mit Migrationsgeschichte – zeigt, wie kraftvoll dieser direkte Kontakt wirkt: Plötzlich erkennen sie, dass Pflege Freude macht, dass man Menschen hilft und sich entwickeln kann. Diversität, das machen beide deutlich, hört nicht beim Geschlecht auf, sondern umfasst genauso unterschiedliche Kulturen und Herkünfte. ## Drei Hebel: Öffentlichkeitsarbeit, Recruiting, Personalmanagement Das Herzstück des Projekts ist eine Handreichung für Betriebe, gegliedert in drei Bereiche. In der **Öffentlichkeitsarbeit** geht es um Website und Social Media: Bilder, Texte und Logos werden daraufhin geprüft, ob sie unbewusst nur Frauen ansprechen. Vielfalt soll bewusst gezeigt werden – auch ein Mann, der eine Patientin umarmt oder die Hand hält. Beim **Recruiting** spielen Stellenanzeigen eine Schlüsselrolle: Begriffe wie Professionalität, Komplexität und aufgabenorientiertes Arbeiten machen sichtbar, dass Pflege ein anspruchsvoller Beruf mit Entwicklungsmöglichkeiten ist. Im **Personalmanagement** reichen die Ansätze von Mentoring über Prämienprogramme bis hin zu Digitalisierung – etwa eigene Apps und Diensthandys. Ein besonders heikler Punkt sind die Wochenstunden: Eine schrittweise Absenkung der Vollzeit von 38 bis 40 auf 35 oder gar 30 Stunden könnte helfen, dass Menschen einen ganzen Erwerbsabschnitt in der Pflege verbringen. Das aber ist ein wirtschaftliches und politisches Thema, das ein einzelner Betrieb nicht stemmen kann – hier braucht es Strukturen und eine starke Interessenvertretung. Spannend: Wo Arbeitgeber flexibel, modern und zugewandt auftreten, finden sich oft automatisch sowohl mehr Fachkräfte als auch mehr Männer. Diese Beobachtung deckt sich mit der Erkenntnis, dass [gemischte und diverse Teams als Bereicherung wahrgenommen werden](https://www.uebergabe.de/content/files/downloads/interview%5Fzeitschrift%5Faltenpflege.pdf). ## „Pflegen kann jeder“ – Fluch und Segen eines Satzes Holger Hegermann wünscht sich von der Politik klare Aufklärungskampagnen mit der Botschaft, dass jeder pflegen kann – egal ob Mann oder Frau. Christian widersprach pointiert: Pflegen kann eben nicht jeder, denn der Beruf setzt Bildung und fachliche Voraussetzungen voraus. Der Satz „Pflegen kann jeder“ habe dem Berufsstand in der Vergangenheit eher geschadet, weil er die Tätigkeit abgewertet hat. Beide Seiten waren sich am Ende einig: Pflege ist eine anspruchsvolle, fachlich fordernde Arbeit – und genau dieses Bild muss nach außen getragen werden, um Männer wie Frauen zu gewinnen. Mehr darüber, wie das Projekt diese Ziele verfolgte, lässt sich auch in der Berichterstattung [über das Vorhaben, mehr Männer für den Pflegeberuf zu gewinnen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/projekt-will-mehr-maenner-fuer-den-pflegeberuf-gewinnen?ref=uebergabe.de), nachlesen. ## Was vom Projekt bleibt Das auf 18 Monate angelegte Projekt näherte sich zum Aufnahmezeitpunkt seinem Ende, eine Abschlussveranstaltung war für den 9\. März 2023 in hybrider Form geplant. Grundlage der Handreichung waren eine internationale Literaturrecherche, Einzelinterviews mit männlichen Pflegenden, eine wissenschaftlich begleitete Gruppendiskussion sowie eine Pilotierung in mehreren Betrieben. Für die Beteiligten war ein zentrales Ergebnis: Viele Einrichtungen machen bereits einiges richtig – und der größte Wert liegt darin, sich kontinuierlich mit Themen wie Geschlecht, Kultur und Vielfalt auseinanderzusetzen. Holger Hegermanns Betrieb etwa zog daraus den Impuls, die eigene Social-Media-Arbeit zu professionalisieren. Die Handreichung richtet sich klar an die Arbeitgeber selbst: Sie sollen mit konkreten Maßnahmen Handlungsspielraum gewinnen und nachhaltige Strukturen aufbauen – individuell zugeschnitten auf ambulante Pflege, stationäre Altenpflege oder Krankenhaus. Ob ein Anschlussprojekt folgt, das die Wirkung der Maßnahmen langfristig evaluiert, war zum Aufnahmezeitpunkt noch offen. Klar ist: Mehr Männer in der Pflege sind kein Selbstzweck, sondern ein Beitrag zu vielfältigeren Teams und besserer Versorgung – und am Ende zählt nicht das Geschlecht, sondern die Fachlichkeit und die Lust, für Menschen da zu sein. ## Zum Weiterhören - [ÜG134 – Diversität in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug134/) - [ÜG020 – Feminismus & Pflege](https://www.uebergabe.de/ug020/) - [ÜG180 – Teilhabe von Pflegekräften mit Migrationsgeschichte](https://www.uebergabe.de/ug180/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes - [Projektseite MOMEDOCARE](https://www.gesundheitswirtschaft-nordwest.de/themen-projekte/modern-men-do-care-mehr-maenner-fuer-die-pflege-von-morgen?ref=uebergabe.de) - [vacances Mobiler Sozial- und Pflegedienst](https://www.vacances.de/?ref=uebergabe.de) - [Konzertierte Aktion Pflege](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/konzertierte-aktion-pflege.html?ref=uebergabe.de) - [Mehr Männer für die Pflege](https://www.hcm-magazin.de/mehr-maenner-fuer-die-pflege-282188/?ref=uebergabe.de) - [Projekt will mehr Männer für den Pflegeberuf gewinnen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/projekt-will-mehr-maenner-fuer-den-pflegeberuf-gewinnen?ref=uebergabe.de) - [Gemischte oder diverse Teams werden als Bereicherung wahrgenommen](https://www.uebergabe.de/content/files/downloads/interview%5Fzeitschrift%5Faltenpflege.pdf) ### Versorgungsengpässe in der Pädiatrie / Auslaufen der Impfpflicht / Pflegekammer Berlin URL: https://www.uebergabe.de/pu039/ Last updated: 2026-06-17T19:52:36.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 03.12.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - RS-Welle trifft auf bundesweiten Mangel an pädiatrischen Intensivbetten und Personal. - Die einrichtungsbezogene Corona-Impfpflicht soll zum Jahresende 2022 auslaufen. - Die Berliner CDU legt einen Gesetzentwurf für eine Pflegekammer vor. Drei Entwicklungen zeigen, wie angespannt die Lage in der Versorgung gerade ist: die Versorgungsengpässe in der Kinderheilkunde, das angekündigte Aus der einrichtungsbezogenen Impfpflicht und ein neuer Anlauf für eine Pflegekammer in Berlin. Im Folgenden geht es um das, was Anfang Dezember 2022 bekannt war. ## RS-Welle trifft auf fehlende Betten und Personal in der Pädiatrie Wie in jedem Winter rollt eine Welle von Atemwegsinfektionen durch das Land – in dieser Saison aber heftiger als zuletzt. Besonders das RS-Virus ist sehr präsent und für Säuglinge gefährlich: Ihre Atemwege sind enger und der Atemwegswiderstand höher, sodass es schneller zu Luftnot kommen kann. Warum die Welle in diesem Jahr so stark ausfällt, ist nicht abschließend geklärt; diskutiert wird ein Nachholeffekt nach der Corona-Pandemie. Handhabbar wäre die Lage womöglich, träfe sie nicht auf eine bundesweite Knappheit an pädiatrischen Intensivbetten. Zum Stand 1\. Dezember 2022 standen demnach nur rund 83 freie Betten zur Verfügung – das ist im Schnitt weniger als ein Bett pro Klinik. Die Folgen: Operationen werden verschoben, eigentlich intensivpflichtige Kinder auf Normalstationen behandelt, und in den Notaufnahmen entstehen lange Wartezeiten. Eltern müssen teils in andere Bundesländer ausweichen. Nach einer Umfrage der DIVI unter 110 Kliniken war bei rund 72 Prozent der Personalmangel in der Pflege der konkrete Grund für gesperrte Betten. Wichtig ist die Einordnung: Geschlossene Kinderstationen und fehlende Kapazitäten sind keine neue Meldung. Über die letzten 25 Jahre wurden systematisch Kinderkliniken geschlossen und die Zahl pädiatrischer Betten deutlich reduziert – von rund 25.400 Betten 1995 auf etwa 18.000 im Jahr 2020\. Ursache ist auch hier das Fallpauschalensystem: Die Behandlung von Kindern ist oft langwieriger, gesprächsintensiver gegenüber Kind und Eltern und schlecht planbar – anders als etwa standardisierte Hüft- oder Knieoperationen. Hinzu kommt, dass die früher eigenständige Ausbildung in der Kinderkrankenpflege dazu führte, dass viele Pflegefachpersonen aus der Erwachsenenpflege kaum Berührungspunkte mit der Pädiatrie hatten – der Bewerber:innenpool ist entsprechend klein. Ob die generalistische Ausbildung das langfristig verändert, bleibt abzuwarten; die aktuelle Situation lässt sich damit nicht über Nacht lösen. Der damalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach legte mehrere Punkte vor. Krankenhäuser sollten Personal in die Kinderstationen verlegen können; dafür wurden die Krankenkassen aufgefordert, die Personaluntergrenzen vorübergehend nicht zu überprüfen. Kritisch dabei: So wird Personal aus der Erwachsenenversorgung abgezogen – oft ohne pädiatrische Erfahrung – und an anderer Stelle entsteht ein neues Versorgungsproblem. Die Untergrenzen sollen Menschen eigentlich vor Fehlern durch Unterbesetzung schützen; hier wird Gefährdung gegen Gefährdung ausgespielt. Weitere Maßnahmen waren die fortgeführte telefonische Krankschreibung in Kinderarztpraxen und der Appell, nicht dringliche Vorsorgeuntersuchungen um einige Wochen zu verschieben. Längerfristig forderten Fachleute aus der Kinderintensivmedizin – etwa der DIVI-Generalsekretär und Münchner Intensivmediziner Florian Hoffmann – bessere Arbeitsbedingungen in Kinderkliniken, telemedizinische Netzwerke zwischen pädiatrischen Einrichtungen und spezialisierte Transportsysteme für die Kinderintensivversorgung. ### DBfK warnt vor Überlastung des Pflegesystems Die Pädiatrie ist nicht der einzige Bereich unter Druck. Der DBfK warnte vor einem Zusammenbruch der pflegerischen Versorgung. DBfK-Präsidentin Christel Bienstein betonte gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, dass es eine grundlegende Reform brauche, um die Versorgung aufrechtzuerhalten – eine vergleichbare Lage habe es in den letzten 50 Jahren nicht gegeben. Rund 200.000 Vollzeitkräfte fehlten, während die Zahl der Pflegebedürftigen weiter steige. Steigende Beschäftigtenzahlen sagen dabei wenig aus, weil weder der Qualifikationsgrad noch der Stellenumfang systematisch erhoben werden. Viele arbeiten in Teilzeit, die Krankenquote ist hoch – die reine Kopfzahl spiegelt also nicht wider, wie viele Pflegende tatsächlich im Dienst sind. Verschärfen dürfte sich die Lage durch den demografischen Wandel, der auch vor den Pflegenden selbst nicht haltmacht, sowie durch die zunehmende Arbeitsverdichtung: Der medizinische Fortschritt bringt komplexere Behandlungen und damit höheren pflegerischen Aufwand. Aus Sicht des Verbands reichen kleine Reformen nicht aus – nötig seien faire Gehälter, angemessene Arbeitszeiten und attraktive Karrierewege, um neue Kolleg:innen zu gewinnen. ## Einrichtungsbezogene Impfpflicht soll zum Jahresende auslaufen Ein Thema, das diesen Podcast über lange Zeit beschäftigt hat, neigt sich dem Ende zu: Die einrichtungsbezogene Impfpflicht sollte zum Jahresende 2022 auslaufen. Damit müsste man dann nicht mehr gegen Covid-19 geimpft sein, um in Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern oder vergleichbaren Settings zu arbeiten. Den damaligen Stand der Pläne fasst unter anderem [ein Bericht von Springer Pflege](https://www.springerpflege.de/sars-cov-2/politik/einrichtungsbezogene-impfpflicht-soll-auslaufen/23740222?ref=uebergabe.de) zusammen. Begründet wurde der Schritt damit, dass die zu diesem Zeitpunkt dominierende Omikron-Sublinie BQ.1.1 in hohem Maß immunflüchtig sei und ein verlässlicher Übertragungsschutz durch die Impfung nicht mehr gegeben sei. Mehrere Akteur:innen hatten das Auslaufen ohnehin lange gefordert. Der Deutsche Pflegerat sprach sich gegen eine Verlängerung aus und kritisierte eine „Zwei-Klassen-Lage", in der Pflegende geimpft sein mussten, der Rest der Gesellschaft aber nicht. Auch von ärztlicher Seite gab es Zustimmung: Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, hielt die Regelung für überholt und für eine zusätzliche Belastung von Krankenhäusern, Praxen und Pflegeeinrichtungen, in denen jede Pflegefachperson dringend gebraucht werde. Angesichts des wachsenden politischen Drucks war das Auslaufen damit auch ein politisch naheliegender Schritt. Mehr zum Hintergrund liefert [die Meldung von Bibliomed Pflege](https://www.bibliomed-pflege.de/news/impfpflicht-soll-auslaufen?ref=uebergabe.de). ## Berliner CDU legt Gesetzentwurf für eine Pflegekammer vor Kurz nachdem in Nordrhein-Westfalen die erste Kammerversammlung gewählt wurde, gab es auch in Berlin Bewegung. Schon 2015 hatte die Alice-Salomon-Hochschule rund 1.200 Pflegefachpersonen befragt; damals sprachen sich knapp 59 Prozent für die Errichtung eines solchen Selbstvertretungsorgans aus. Der damalige Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) befürwortete eine Pflegekammer, doch die seinerzeitige Regierung lehnte das Vorhaben mit Verweis auf den Koalitionsvertrag ab. Danach wurde es ruhiger – die Interessengemeinschaft rund um eine Berliner Pflegekammer hielt das Thema mit Anfragen und Gesprächen über Jahre auf der Agenda. Nun kam wieder von der CDU Bewegung in die Debatte: Wie der Tagesspiegel berichtete, brachte die CDU-Fraktion einen 16-seitigen Gesetzentwurf ins Abgeordnetenhaus ein – als Initiative aus der Gesundheitspolitik der Fraktion, unter anderem getragen vom damaligen Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses Christian Gräff. Details dazu fasst [die Meldung zum CDU-Gesetzentwurf](https://www.bibliomed-pflege.de/news/berliner-cdu-legt-gesetzentwurf-fuer-pflegekammer-vor?ref=uebergabe.de) zusammen. Wichtig für die zeitliche Einordnung: Das Berliner Abgeordnetenhaus musste nach den Pannen bei der Wahl im Herbst 2021 neu gewählt werden, sodass neue Regierungskoalitionen möglich waren – und sich die Beratung des Entwurfs verzögern konnte. Sowohl CDU als auch Grüne sprachen sich für eine Pflegekammer aus; bei einer entsprechenden Koalition standen die Chancen auf eine Aufnahme in den Koalitionsvertrag gut. Mit einer arbeitsfähigen Regierung wurde damals frühestens für Februar 2023 gerechnet. Wie die geplante Selbstvertretung für die rund 45.000 Pflegefachpersonen in Berlin konkret ausgestaltet würde, war zu diesem Zeitpunkt noch offen. Im Gespräch waren ein Beitrag von etwa einem Prozent des Bruttolohns sowie der Aufbau einer unabhängigen Ethikkommission. ## Zum Weiterhören - [PU032 – Der Tarifvertrag Entlastung / Pflegekammer in Berlin](https://www.uebergabe.de/pu032/) - [PU020 – Umsetzung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht / Tarifvertrag in der Altenpflege](https://www.uebergabe.de/pu020/) - [ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein?](https://www.uebergabe.de/ug150/) --- ## Quellen - [Bettenmangel in Kinderkliniken](https://www.tagesspiegel.de/gesundheit/kliniken-an-der-belastungsgrenze-kaum-freie-intensivbetten-fur-kinder-8946733.html?ref=uebergabe.de) (tagesspiegel.de) - [ZDF heute zur aktuellen Sitaution in der Pädiatrie](https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/kinderkliniken-bettenmangel-uerberlastung-100.html?ref=uebergabe.de#:~:text=DIVI%20beklagt%20%22katastrophale%20Situation%22,mehr%20auf%20der%20Normalstation%20frei.) (zdf.de) - [DPR warnt vor Zusammenbruch des Pflegesystems](https://www.rnd.de/politik/fachkraeftemangel-verband-warnt-vor-zusammenbruch-des-pflegesystems-JJJY374E4VCOPAE2VILNWNZK7U.html?ref=uebergabe.de) (rnd.de) - [Impfpflicht soll auslaufen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/impfpflicht-soll-auslaufen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Einrichtungsbezogene Impfpflicht soll auslaufen](https://www.springerpflege.de/sars-cov-2/politik/einrichtungsbezogene-impfpflicht-soll-auslaufen/23740222?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [Berliner CDU legt Gesetzentwurf zur Pflegekammer vor](https://www.bibliomed-pflege.de/news/berliner-cdu-legt-gesetzentwurf-fuer-pflegekammer-vor?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Berlins CDU will über Pflegekammer diskutieren](https://www.tagesspiegel.de/berlin/berliner-wirtschaft/standesvertretung-fur-45000-fachkrafte-berlins-cdu-legt-gesetzentwurf-fur-pflegekammer-vor-8911810.html?ref=uebergabe.de) (tagesspiegel.de) - [Website Berliner Pflegekammer](https://berliner-pflegekammer.de/?ref=uebergabe.de) (berliner-pflegekammer.de) ### Dementia Care Mapping (Dr.in Iris Hochgraeber) URL: https://www.uebergabe.de/ug103/ Last updated: 2026-06-17T08:52:39.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 26.11.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Dementia Care Mapping bildet Wohlbefinden und Verhalten von Menschen mit Demenz detailliert ab. - Im Zentrum steht die personenzentrierte Haltung nach Tom Kitwood. - Beobachtet wird alle fünf Minuten in 23 Verhaltenskategorien plus Affekt und Kontakt. - Aus den Daten entsteht ein Feedback mit gemeinsam entwickeltem Handlungsplan. - DCM macht Pflegekompetenz sichtbar und stärkt die Professionalisierung. ## Wenn Beobachtung zur Landkarte wird Stell dir vor, jemand setzt sich vier Stunden lang unauffällig in eine Ecke des Gemeinschaftsraums und schreibt minutiös auf, was du tust, wie es dir dabei geht und wie die Menschen um dich herum mit dir umgehen. Genau das passiert beim Dementia Care Mapping – kurz DCM. Es ist ein Verfahren, das den Alltag von Menschen mit Demenz aus deren Perspektive sichtbar macht. Nicht um zu kontrollieren, sondern um zu verstehen, wo Pflege besser werden kann. Dr.in Iris Hochgraeber erläutert im Übergabe-Podcast, was dahintersteckt, warum sie selbst seit über zehn Jahren regelmäßig in Einrichtungen sitzt und mappt – und weshalb das Ganze am Ende viel mit Haltung zu tun hat. ## Von der Pflegewissenschaft zur Beobachterin am Wohnzimmertisch Iris Hochgraeber ist Gesundheits- und Krankenpflegerin, hat an der Universität Witten/Herdecke Pflegewissenschaft studiert, dort promoviert und arbeitet seit 2010 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Witten. Schon früh im Studium absolvierte sie ihren ersten Basic-User-Kurs – ein Angebot, das sich gezielt auch an Forschende richtet, weil mit DCM immer wieder Studien durchgeführt werden, die Wissenschaftler:innen das Instrument aber oft nicht gut genug kennen. Für ihre Masterarbeit untersuchte sie damit eine Betreuungsgruppe, machte den Aufbaukurs und kam über einen sogenannten Interrater-Abgleich zu einem Träger, für den sie seither nebenberuflich bis zu acht Beobachtungen im Jahr durchführt. Diese Doppelrolle – Wissenschaftlerin und Praktikerin am Wohnzimmertisch – prägt ihren Blick. Interessanterweise legt sie ihren Doktortitel im Feedback ganz bewusst ab, weil sie nicht abschrecken, sondern Zugang finden will. DCM kennt vier Ausbildungsstufen: Basic User, Advanced, Evaluator und Trainer:in. Der Basiskurs umfasst inzwischen zweimal zwei Tage – mit einer Praxisphase dazwischen, in der die Teilnehmenden das Gelernte in der eigenen Einrichtung erproben und ihre Ergebnisse anschließend gemeinsam reflektieren. ## Was steckt hinter dem Kürzel DCM? Dementia Care Mapping ist ein Beobachtungsverfahren, das Tom Kitwood und Kathleen Bredin Ende der 1980er-Jahre an der University of Bradford entwickelt haben. Dahinter steht der personenzentrierte Ansatz: Nicht die Krankheit oder die Aufgabe steht im Mittelpunkt, sondern der Mensch mit seinen Bedürfnissen. Kitwood fehlte damals ein Instrument, um diese Haltung in der Praxis abzubilden und zugleich einzuführen – und genau das leistet DCM seither in mehreren, immer wieder angepassten Versionen. Der DCM-Zyklus folgt einer klaren Logik: Zuerst die Beobachtung, dann das Feedback an das Team, anschließend ein gemeinsam erstellter Handlungsplan, der umgesetzt und am Ende erneut beurteilt wird. Beim Beobachten selbst richtet sich der Blick auf drei Ebenen: erstens das Verhalten der Bewohner:innen, also was sie tun. Zweitens ihr Wohlbefinden – wie es ihnen dabei geht, ausgedrückt über Affekt und Kontakt. Und drittens die Interaktion zwischen Mitarbeitenden und Bewohner:innen, in der sich die vorherrschende Haltung zeigt: personenzentriert oder eher aufgabenorientiert. > *„Map heißt es deswegen, weil man eine Art Landkarte zeichnet von dem, was den Menschen in dieser Einrichtung ausmacht: Was macht er den ganzen Tag, was erlebt er dort – und wie geht es ihm dabei?" — Dr.in Iris Hochgraeber* ## Vier Stunden, fünf Menschen, ein Eck im Raum Wie läuft so eine Beobachtung konkret ab? Iris Hochgraeber kommt – beim Träger, für den sie arbeitet, bewusst unangekündigt – in eine Einrichtung, wendet sich an die Leitung und lässt sich einen Wohnbereich zuweisen. In Absprache mit der zuständigen Pflegefachperson werden meist fünf Menschen mit Demenz ausgewählt; möglich sind vier bis acht. Je mehr Personen, desto komplexer wird die Sache. Beobachtet wird ausschließlich im Gemeinschaftsraum, niemals in Privaträumen oder bei der Körperpflege. Sie stellt sich kurz vor, damit sich niemand wundert, und setzt sich dann möglichst unauffällig in eine Ecke – um die Situation so wenig wie möglich zu verändern. Vier Stunden gelten dabei als Minimum, um überhaupt belastbare Aussagen treffen zu können; sechs bis acht Stunden wären besser. Dass das anstrengend ist, verschweigt Hochgraeber nicht: Wenn viel gleichzeitig passiert – jemand kommt neu in den Raum, das Frühstück läuft, mehrere Gespräche überlagern sich –, raucht der Kopf. Zum Glück gibt es nach den Mahlzeiten meist ruhigere Phasen, in denen sich kurz durchatmen lässt. ## Codes, Affekte und das stille Wohlbefinden Warum braucht es dafür eine Ausbildung? Weil das Kodierverfahren komplex ist. Verhalten wird in 23 Kategorien erfasst, sortiert nach dem Alphabet: A steht etwa für die Interaktion mit anderen Menschen, B für passives Beteiligtsein wie Beobachten. Alle fünf Minuten entscheidet sich die Mapperin auf Basis eines umfangreichen Regelwerks für einen Code – und ergänzt ihn um den sogenannten ME-Wert für Mood and Engagement, also Affekt und Kontakt. Bewertet wird auf einer Skala von minus fünf bis plus fünf, wobei plus eins das neutrale Niveau markiert. Daneben füllt Hochgraeber ein zweites Blatt mit dem, was sie „qualitative Notizen" nennt: Was genau ist passiert? Gab es ein Gespräch? Blättert jemand intensiv in einer Zeitung und lässt sich nicht ablenken? Diese Notizen sind entscheidend, denn ein Code wie „A plus 1" sagt für sich genommen wenig aus. Erst die Beschreibung macht die Situation nachvollziehbar – und liefert später im Feedback die Beispiele, an denen das Team etwas erkennen kann. Spannend ist, dass Wohlbefinden nicht nur am Lächeln abzulesen ist: Körperhaltung, Tonfall, der Inhalt von Äußerungen und ein gutes Stück Empathie fließen in die Einschätzung ein. Ein zentraler Grundsatz dahinter: Ein aktives Verhalten ist fürs Wohlbefinden in der Regel besser als ein passives. ## Vom Zettel zum Handlungsplan Aus den Beobachtungen entsteht ein Feedbackbericht, der den Tagesablauf beschreibt und das durchschnittliche Wohlbefinden abbildet. Genau hier zeigt sich der praktische Wert von DCM. Hochgraeber nennt ein anschauliches Beispiel: Eine Bewohnerin, die günstig im Raum sitzt, wird beim Hereinkommen ständig angesprochen – ihr Wohlbefinden steigt sichtbar. Ein anderer Mensch ganz hinten in der Ecke bekommt kaum Kontakt. Solche Muster fallen erst durch das detaillierte Beobachten auf und führen zu konkreten Ableitungen: vielleicht eine andere Sitzordnung, vielleicht die bewusste Ansprache aller im Raum. Fertige Handlungsempfehlungen gibt es bewusst nicht – Menschen sind zu individuell, als dass ein Wert automatisch eine Maßnahme nach sich ziehen könnte. Stattdessen verbindet Hochgraeber ihren Außenblick mit der Innensicht der Mitarbeitenden, die die Bewohner:innen viel besser kennen. So entstehen Maßnahmen gemeinsam, mal anlassbezogen für eine schwierige Situation beim Essen, mal als grundsätzliche Arbeit an der Haltung. Wer tiefer in die methodischen Hintergründe solcher Beobachtungsverfahren einsteigen will, findet im [Journal für Qualitative Forschung in Pflege- und Gesundheitswissenschaft](https://www.qupug.at/index.php?ITaGR4PCq4z34FnT3vsgDFX1XoEXxhQVPJG37xAG1Ok%3D&ref=uebergabe.de) weiterführende Perspektiven. ## Mäeutik und der Blick auf die Person Der Träger, für den Hochgraeber tätig ist, hat vor rund zwanzig Jahren die Mäeutik als Pflege- und Betreuungsmodell eingeführt. Entwickelt wurde sie von Cora van der Kooij aus den Niederlanden – „Mäeutik" bedeutet Hebammenkunst. Im Zentrum steht der Kontakt zu anderen Menschen, der Umgang mit den Bewohner:innen. Das Modell ist sehr praxisnah und bringt eigene Methoden mit, etwa die mäeutische Bewohnerbesprechung oder ein Training on the Job. Um nachzuweisen, ob die Einführung der Mäeutik tatsächlich etwas verändert, entschied man sich für DCM – ein Instrument, das die Personenzentrierung immer wieder in den Vordergrund holt. In Deutschland wurde DCM maßgeblich von Christian Müller-Hergl etabliert; ausgebildet wird heute zentral über die Weiterbildungsstrukturen der Universität Witten/Herdecke. ## Wenn das Team die Arme verschränkt Wie reagieren Pflegefachpersonen darauf, plötzlich beobachtet zu werden? Anfangs durchaus mit Skepsis – manche wollen am liebsten sofort alle Diagnosen und Medikamente erklären, andere lehnen sich im Feedback erst einmal abwartend zurück. Hochgraeber begegnet dem mit Authentizität und vor allem mit Fragen: Wie haben Sie die Situation erlebt? Wie ist das an anderen Tagen? Und wenn doch einmal mitten in der Beobachtung hektisch eine zusätzliche Beschäftigungsrunde organisiert wird, weil „die DCM-Frau" ja da ist, ist das kein Beinbruch – auch dann bleibt die Interaktion der eigentliche Fokus, und mit Erfahrung erkennt man solche Effekte ohnehin. > *„Wenn ich personenzentrierte Versorgung in den Vordergrund stellen will, dann muss auch mein Feedback personenzentriert sein. Wer hingeht und sagt: Das habt ihr alles falsch gemacht – so kann das niemand annehmen." — Dr.in Iris Hochgraeber* ## Wo das Instrument an Grenzen stößt DCM kann nicht alles. Bei Menschen mit stark reduziertem Gesichtsausdruck ist das Wohlbefinden schwer einzuschätzen – hier wären videogestützte Feinanalysen geeigneter, weil sich Situationen wiederholt anschauen lassen. Beim Mappen dagegen gibt es keine Zeitlupe: Man sitzt in der Situation und muss sich entscheiden. Damit steht und fällt vieles mit der Kompetenz und Übung der beobachtenden Person. Hinzu kommen strukturelle Befunde, die sich nicht so leicht ändern lassen – etwa ein Durchgangsraum, in dem Lärm die Bewohner:innen unruhig macht. Genau deshalb hat Hochgraeber im Feedback gern eine Leitungsperson dabei, die solche Entscheidungen mittragen kann. Und schließlich: DCM ist aufwendig und teuer. Wer aber wirklich eine personenzentrierte Pflegekultur will, für den lohnt sich der Aufwand. Eine berechtigte Frage bleibt der Transfer: Beobachtet werden fünf Personen, auf dem Wohnbereich leben aber vielleicht 35\. Lässt sich daraus etwas Allgemeines ableiten? Hochgraebers Antwort: Aus den fünf Beobachtungen heraus arbeitet man heraus, was an Haltung und Umgang entscheidend ist – und vertraut darauf, dass Pflegefachpersonen diese Erkenntnis auf andere Bewohner:innen übertragen. Dass das gelingt, sieht sie über die Jahre selbst: Wo früher viel an grundsätzlicher Haltung zu tun war, geht es heute eher um die Feinheiten. ## Mehr als Begrüßungen: ein Beitrag zur Professionalisierung Macht DCM die Pflege professioneller? Eindeutig ja, findet Hochgraeber. Vieles, was das Verfahren anstößt, deckt sich mit dem [Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz](https://www.uebergabe.de/ug050/). Der entscheidende Vorteil: DCM kann hinterher abbilden, dass sich der Umgang verbessert hat – über die Zahl der personalen Aufwerter und Abwerter etwa, die positives oder negatives Verhalten von Mitarbeitenden in Unterkategorien erfassen. So wird Beziehungsqualität in gewissem Maße greifbar. Gerade darin liegt für Hochgraeber der Kern. Während Pflegende genau wissen, wie eine Sturzprophylaxe oder Inkontinenzversorgung durchzuführen ist, fehlt für die Kompetenz „guter Umgang mit Menschen" oft jedes Instrument. DCM nähert sich genau dieser Fähigkeit an – und zwar aus der Perspektive der Bewohner:innen. Damit rückt es eine zentrale, oft unsichtbare Stärke der Pflege ins Licht. Wer die Verbindung zur [Praxisentwicklung in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug072/) sucht, erkennt schnell, dass DCM weit mehr ist als ein Bewertungsraster: Es ist ein Werkzeug, um Pflege grundsätzlich neu zu denken. > *„DCM holt in den Vordergrund, was Pflege eigentlich alles kann – das Wissen um den Umgang mit den Menschen. Das ist eine zentrale Eigenschaft von Pflegenden, um gute Versorgung zu leisten." — Dr.in Iris Hochgraeber* Am Ende bleibt der Eindruck, dass DCM ein anspruchsvolles, manchmal sperriges Instrument ist – aber eines, das deinen Blick verschiebt: weg von der Aufgabe, hin zum Menschen. Und genau dorthin, wo gute Pflege beginnt. ## Zum Weiterhören - [ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)](https://www.uebergabe.de/ug050/) - [ÜG072 – Praxisentwicklung in der Pflege (Prof.in Rebecca Palm & Sibylle Reick)](https://www.uebergabe.de/ug072/) - [ÜG100 – Demenzfreundliche Krankenhäuser (Christina Manietta & Melanie Feige)](https://www.uebergabe.de/ug100/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes - [Informationen zu Dr.in Iris Hochgraeber](https://www.dzne.de/forschung/forschungsbereiche/versorgungsforschung/forschungsgruppen/holle/gruppenmitglieder/iris-hochgraeber/?ref=uebergabe.de) - **Englische Wirksamkeitsstudie zur Frage: Kann DCM Agitation reduzieren:** Surr, C. A., Holloway, I., Walwyn, R. E., Griffiths, A. W., Meads, D., Kelley, R., . . . Farrin, A. J. (2020). Dementia Care Mapping to reduce agitation in care home residents with dementia: the EPIC cluster RCT. Health Technol Assess, 24(16), 1-172\. doi:10.3310/hta24160 ([Dementia Care Mapping to reduce agitation in care home residents with dementia: the EPIC cluster RCT](https://www.journalslibrary.nihr.ac.uk/hta/hta24160?ref=uebergabe.de#/full-report)) - **deutscher Artikel zum DCM-Verfahren (nicht frei):** Welling, K. (2010). Dementia Care Mapping ein Beobachtungsverfahren und seine Bedeutung für die Entwicklung einer person-zentrierten Pflegekultur. Unterricht Pflege(1), 10-16. - **deutscher Artikel zu Einstellungen zu DCM im Implementierungsprozess (nicht frei)**: Quasdorf, T., Halek, M., & Bartholomeyczik, S. (2020). Dementia Care Mapping (DCM): Entwicklung von Einstellungen zur Anwendung. QuPuG, 7(1). ([Journal für Qualitative Forschung in Pflege- und Gesundheitswissenschaft (QuPuG)](https://www.qupug.at/index.php?ITaGR4PCq4z34FnT3vsgDFX1XoEXxhQVPJG37xAG1Ok%3D&ref=uebergabe.de)) - [Link zur DCM-Ausbildung](https://professional-campus.de/bildungsangebot/dementia-care-mapping-dcm?ref=uebergabe.de) - [Mäeutik in der Pflege](https://www.zqp.de/wp-content/uploads/ZQP%5FNaturheilkunde%5FM%C3%A4eutik.pdf?ref=uebergabe.de) ### Pflegebudget für Hebammen / Kritik am KHPflEG / Klimakrise als Gesundheitskrise URL: https://www.uebergabe.de/pu038/ Last updated: 2026-06-17T19:30:59.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 19.11.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Hebammen sollten aus dem Pflegebudget fallen – nach Protest rudert das Ministerium zurück. - Fachleute kritisieren das KHPflEG als unklar und zweifeln am Willen zur PPR 2.0. - Die Klimakrise trifft die Pflege direkt – etwa über Hitze und vulnerable Patient:innen. In Folge 38 des PflegeUpdates verlassen Caroline Körner und Clara Goll bewusst den engen Pflege-Kosmos und schauen, was rundherum gesundheitspolitisch passiert. Drei Themen stehen an: der Streit ums Pflegebudget für Hebammen, die Kritik am Krankenhauspflegeentlastungsgesetz und die Frage, was die Klimakrise mit dem Pflegeberuf zu tun hat. Alle Angaben beziehen sich auf den Stand Mitte November 2022. ## Hebammen sollten aus dem Pflegebudget fallen – das Ministerium lenkt ein Auslöser für die Debatte war eine Empörungswelle in den sozialen Netzwerken, angestoßen unter anderem vom Pflegeinfluencer Ricardo Lange und gestützt auf ein Statement des Deutschen Hebammenverbands. Im Kern ging es um das damals beschlossene GKV-Finanzstabilisierungsgesetz, das auch eine Änderung der Krankenhausfinanzierung vorsah. Geplant war, dass ab dem Jahr 2024 nur noch die Personalkosten qualifizierter Pflegefachpersonen in der unmittelbaren Versorgung auf bettenführenden Stationen über das Pflegebudget berücksichtigt werden sollten. Bislang waren Hebammen dort unter dem „sonstigen Personal“ mit aufgeführt. Warum das so brisant ist, zeigt der Hintergrund: Geburtshilfliche Stationen sind stark interprofessionell besetzt. Im Kreißsaal, auf Wochenbett- und Neugeborenenstationen arbeiten Hebammen mit Pflegefachpersonen zusammen, viele Tätigkeiten überschneiden sich. Gleichzeitig gelten seit Januar 2022 auch in der Geburtshilfe Pflegepersonaluntergrenzen – und ausgerechnet Hebammen lassen sich darauf nur in geringem Umfang anrechnen: rund 10 Prozent im Tag- und 5 Prozent im Nachtdienst. Aus Sicht des Verbands wird es für Kliniken dadurch wenig rentabel, Hebammen einzusetzen oder neu einzustellen. Der [Deutsche Hebammenverband sah darin eine akute Gefährdung der klinischen Geburtshilfe](https://www.hebammenverband.de/aktuell/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung-detail/datum/2022/10/21/artikel/pressestatement-aus-fuer-klinische-geburtshilfe-gkv-finanzstabilisierungsgesetz-stellt-alles-in-frag/?ref=uebergabe.de) und warnte zugleich vor Folgen für die praktische Ausbildung der Hebammenstudierenden. Wichtig zur Einordnung: Pflegepersonaluntergrenzen und Pflegebudget sind zwei verschiedene Instrumente. Das Pflegebudget erlaubt es Kliniken, Pflegepersonalkosten außerhalb der Fallpauschalen zu refinanzieren – für die Häuser ein attraktiver Mechanismus. Wer hier herausfällt, wird teurer. In Kombination mit der schwachen Anrechnung bei den Untergrenzen entstand so der Eindruck, die Berufsgruppe der Hebammen werde gleich doppelt benachteiligt. Die Einzelheiten beider Regelungen sind im [Gesetzentwurf zum GKV-Finanzstabilisierungsgesetz](https://www.uebergabe.de/content/files/btd/20/034/2003448.pdf) und in der [geänderten Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung](https://www.uebergabe.de/content/files/media/dokumente/krankenversicherung%5F1/krankenhaeuser/pflegepersonaluntergrenzen/kh%5Fppug2022/1.%5Fvo%5Fz%5Faend%5Fd%5Fppugv%5F08.11.2021.pdf) nachzulesen. Der öffentliche Druck wirkte: Nach Kritik und Einsatz einzelner Abgeordneter lenkte das Bundesgesundheitsministerium ein. Gesundheitsminister Karl Lauterbach erklärte zum Zeitpunkt der Folge, Hebammen sollten weiterhin im Pflegebudget bleiben; Geburtshilfe und Kinderheilkunde dürften nicht dem Spardruck des alten Systems unterworfen werden. Das Ministerium hielt die Sorgen zugleich für überzogen, weil die Leistungen ohnehin noch eine Weile abgebildet würden und eine größere Krankenhausreform in Arbeit sei. Wie genau die Anschlussregelung aussehen würde, war damals offen. ## Kritik am KHPflEG: unklare Formulierungen und Zweifel an der PPR 2.0 Beim Krankenhauspflegeentlastungsgesetz, kurz KHPflEG, geht es vor allem um die Einführung der Pflegepersonalregelung 2.0 (PPR 2.0). Sie ist ein Instrument zur Personalbemessung, das – stark vereinfacht – einen am Bedarf orientierten Sollwert für die Besetzung einer Station ermittelt und durchsetzbar machen soll. Geplant war ein schrittweiser Start ab dem 1\. Januar 2023\. Am 9\. November 2022 fand dazu eine öffentliche Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestags statt. In der Anhörung und in vorab veröffentlichten Stellungnahmen kam viel Kritik zusammen. Der Gesundheitswissenschaftler Michael Simon bemängelte eine Vielzahl an Unklarheiten und Formulierungsmängeln im Entwurf. Er zeigte sich erstaunt, dass nun erneut eine ausführliche Erprobung der PPR 2.0 vorgesehen sei, obwohl das Konzept bereits 2020 mit guten Ergebnissen getestet worden war – und zweifelte deshalb am ernsthaften Willen, das Instrument tatsächlich einzuführen. Eine Übersicht der Einwände findet sich in der Dokumentation zur Anhörung, in der [Fachleute grundsätzliche Änderungen am Pflegeentlastungsgesetz forderten](https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw45-pa-gesundheit-krankenhausentlastung-918134?ref=uebergabe.de). Auch der Deutsche Pflegerat war skeptisch und sprach von einem möglichen Täuschungsmanöver gegenüber den Pflegenden: Dem Entwurf sei nicht klar zu entnehmen, ob die Bundesregierung die PPR 2.0 wirklich einführen wolle – das müsse deutlich stärker formuliert werden. Diese Position ist in der Einschätzung dokumentiert, dass die [Profession Pflege keine „Mogelpackung“ akzeptieren](https://www.bibliomed-pflege.de/news/46769-profession-pflege-will-keine-mogelpackung?ref=uebergabe.de) wolle. Der GKV-Spitzenverband lehnte die PPR 2.0 dagegen grundsätzlich ab: Sie könne kein vollständiges, einheitliches und digitales Bemessungsinstrument sein und bilde insbesondere nicht ab, welche Qualifikation das eingesetzte Personal mitbringt – also etwa, ob hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen am Bett stehen. Für die Praxis heißt das: Mehrere Akteure sahen Nachbesserungsbedarf, allerdings aus unterschiedlichen Richtungen. Den vollständigen Entwurf und die Gesetzesinformationen findest du beim [Bundesgesundheitsministerium](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/gesetze-und-verordnungen/guv-20-lp/khpfleg.html?ref=uebergabe.de) sowie im [Gesetzentwurf zum KHPflEG](https://www.uebergabe.de/content/files/btd/20/038/2003876.pdf). ## Klimakrise als Gesundheitskrise: Was das für die Pflege bedeutet Anlass für das dritte Thema war die damals laufende Weltklimakonferenz in Ägypten. Die Hosts ordnen ein, warum die Klimakrise weit mehr ist als ein abstraktes Umweltthema: Sie wirkt unmittelbar auf die Gesundheit – und damit auf den Pflegealltag. Pflegefachpersonen genießen großes Vertrauen bei den Menschen, die sie versorgen, und können deshalb eine wichtige Multiplikator:innenrolle einnehmen, wenn es darum geht, auf den Zusammenhang von Klima und Gesundheit hinzuweisen und zum Mitwirken zu motivieren. Konkret werden die Folgen besonders bei vulnerablen Gruppen spürbar. Heiße, kaum abkühlende Nächte führen schon heute dazu, dass Notaufnahmen im Sommer vermehrt ältere Menschen mit Exsikkose versorgen müssen. Hinzu kommen die Zunahme von Infektionskrankheiten, Unsicherheiten bei sauberem Trinkwasser und Nahrung sowie wachsende psychische Belastungen – gerade bei jüngeren Menschen mit Blick auf ihre Zukunftsperspektive. All das trifft auf einen ohnehin bestehenden Mangel an Pflegefachpersonen, den demografischen Wandel und eine steigende Zahl Pflegebedürftiger. Auch große Stimmen der Profession griffen das Thema auf: Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, machte zu Beginn der Konferenz darauf aufmerksam, dass die Klimakrise bereits jetzt massive Auswirkungen auf Pflege- und Gesundheitssysteme weltweit hat – die Hitze sei nur die Spitze des Eisbergs. Wer tiefer einsteigen will, findet weiterführende Informationen bei [Health for Future](https://healthforfuture.de/?ref=uebergabe.de). Die Take-Home-Message der Folge: Sich bewusst zu machen, dass auch Pflegende vom Problem betroffen sind, ist der erste Schritt. ## Zum Weiterhören - [ÜG075 – Klima, Pflege und Gesundheit (Jessica Esser & David Vogel)](https://www.uebergabe.de/ug075/) - [ÜG087 – Hebammenwissenschaft (Prof.in Dr.in Claudia Hellmers)](https://www.uebergabe.de/ug087/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) --- ## Quellen - [Gesetzentwurf GKV-Finanzstabilisierungsgesetz](https://www.uebergabe.de/content/files/btd/20/034/2003448.pdf) (bundestag.de) - [Erste Verordnung zur Änderung der Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung](https://www.uebergabe.de/content/files/media/dokumente/krankenversicherung%5F1/krankenhaeuser/pflegepersonaluntergrenzen/kh%5Fppug2022/1.%5Fvo%5Fz%5Faend%5Fd%5Fppugv%5F08.11.2021.pdf) (gkv-spitzenverband.de) - [Vereinbarung Krankenhausfinanzierungsgesetz](https://www.dkgev.de/fileadmin/default/Mediapool/2%5FThemen/2.2%5FFinanzierung%5Fund%5FLeistungskataloge/2.2.2.%5FStationaere%5FVerguetung/2.2.2.3.%5FPflegefinanzierung/Pflegepersonalkostenabgrenzungsvereinbarung%5F2022.pdf?ref=uebergabe.de) (dkgev.de) - [Hebammen-Streit: "Geringschätzung der Frauen"](https://www.zdf.de/nachrichten/politik/hebamme-finanzierung-streit-lauterbach-100.html?ref=uebergabe.de) (zdf.de) - [Pressemitteilung Deutscher Hebammenverband](https://www.hebammenverband.de/aktuell/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung-detail/datum/2022/10/21/artikel/pressestatement-aus-fuer-klinische-geburtshilfe-gkv-finanzstabilisierungsgesetz-stellt-alles-in-frag/?ref=uebergabe.de) (hebammenverband.de) - [Profession Pflege will keine "Mogelpackung"](https://www.bibliomed-pflege.de/news/46769-profession-pflege-will-keine-mogelpackung?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Krankenhauspflegeentlastungsgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/gesetze-und-verordnungen/guv-20-lp/khpfleg.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Gesetzentwurf KHPflEG](https://www.uebergabe.de/content/files/btd/20/038/2003876.pdf) (bundestag.de) - [Experten fordern grundsätzliche Änderungen am Pflegeentlasungsgesetz](https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw45-pa-gesundheit-krankenhausentlastung-918134?ref=uebergabe.de) (bundestag.de) - [Vogler: Klimawandel ist eine maximale Gesundheitsbedrohung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/vogler-klimawandel-ist-eine-maximale-gesundheitsbedrohung?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Website KLUG](https://www.klimawandel-gesundheit.de/klimawandel-und-gesundheit/?ref=uebergabe.de) (klimawandel-gesundheit.de) - [The Lancet Countdown](https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2822%2901540-9/fulltext?ref=uebergabe.de) (thelancet.com) - [Pressemeldung KLUG zum Lancet Countdown](https://www.klimawandel-gesundheit.de/fossile-energietraeger-bedrohen-gesundheit-und-leben-expertinnen-fordern-massive-beschleunigung-der-energiewende/?ref=uebergabe.de) (klimawnadel-gesundheit.de) - [Website Health for Future](https://healthforfuture.de/?ref=uebergabe.de) (healthforfuture.de) ### Berufseinmündung in der Pflege (Petra Krause) URL: https://www.uebergabe.de/ug102/ Last updated: 2026-06-13T11:43:13.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 12.11.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Berufseinmündung beginnt nicht am ersten Arbeitstag, sondern lange vor der Ausbildung. - Auszubildende sind keine Belastung, sondern zukünftige Kolleg:innen mit neuem Wissen. - Trainee-Programme mit Mentoring stärken Fachlichkeit, Rollenfindung und Bindung. - Praxisanleitung ist Normalität – keine Freistellung, sondern Kerntätigkeit. - Mut, Leichtigkeit und Selbstbewusstsein machen den Übergang in den Beruf leichter. Fast alle in der Pflege haben ihn durchlebt – diesen Moment, in dem aus „Ich bin noch in der Ausbildung" plötzlich „Ich habe jetzt die Verantwortung" wird. Und trotzdem spricht kaum jemand darüber. Der Übergang von der Pflegeausbildung in den Berufsalltag ist ein blinder Fleck, so offensichtlich, dass er gerne übersehen wird. Genau diesem Thema widmet sich diese Episode des Übergabe-Podcasts. Zu Gast war Petra Krause, die gleich zwei Perspektiven mitbringt: Sie ist Pflegedirektorin des Evangelischen Klinikums Bethel und des Krankenhauses Mara und leitet zugleich die dazugehörigen Gesundheitsschulen mit einer sehr großen Pflegeschule. Damit verbindet sie zwei Welten, die im Alltag oft erstaunlich weit auseinanderliegen: die Ausbildung und die Praxis. ## Warum der erste Arbeitstag nicht der Anfang ist Wer glaubt, die Berufseinmündung beginne mit dem ersten Dienst nach dem Examen, denkt zu kurz. Für Petra Krause startet der Prozess deutlich früher – im Grunde schon, bevor jemand überhaupt in die Ausbildung kommt. Es geht darum, junge Menschen früh als Personen mit eigenen Kompetenzen wahrzunehmen, statt sie als anonyme Masse zu behandeln. Denn genau das ist ein Grundproblem: Pflege wird häufig als Block gesehen, austauschbar zwischen Früh- und Spätdienst, egal in welchem Bereich. Was den Kern der Profession ausmacht – von der Beziehungsgestaltung bis zur Fachkompetenz –, müssen Pflegefachpersonen aber erst lernen, stabil und selbstbewusst zu vertreten. Erschwerend kommt hinzu, dass sich seit dem Pflegeberufegesetz von 2020 mit der generalistischen Ausbildung vieles verändert hat und die Anforderungen komplexer geworden sind. Das Gesundheitswesen befindet sich, so Krause, in einer Art Dauerkrise. Umso wichtiger sind achtsame, strukturierte Prozesse für den Moment, in dem meist junge Menschen in die Profession und in ihr berufliches Standing hineinwachsen. ## Schüler:in oder zukünftige Kollegin? Eine Frage der Haltung Ein Thema zieht sich durch das gesamte Gespräch: Werden Auszubildende als Belastung oder als wertvolle Ressource gesehen? Als Petra Krause 2015 die Schulen übernahm, hatte sie gehofft, dass sich gegenüber ihrer eigenen Ausbildungszeit vor über 35 Jahren grundlegend etwas getan habe. Ihre ernüchternde Bilanz: Da ist noch Luft nach oben. Generationen von Auszubildenden berichten von denselben Themen – fehlende Wertschätzung, lückenhafte Praxisanleitung, das Gefühl, nur eine Nummer zu sein. Dabei steckt schon in der Sprache eine Weichenstellung. Krause plädiert dafür, bewusst von Auszubildenden statt von „Schülerinnen" zu sprechen – und vor allem, Praxisanleitung nicht länger als „Freistellung" zu behandeln. Denn wer freigestellt wird, tut etwas Außergewöhnliches, fast Luxuriöses. Praxisanleitung sei aber eine ganz normale Tätigkeit, genauso selbstverständlich wie eine pflegerische Intervention bei Patient:innen. Hier sind besonders Entscheider:innen gefragt, im Wording konsequent zu sein und immer wieder zu intervenieren. > *„Sie sind einfach die, die nach drei oder vier Jahren genau das machen, was notwendig ist, um die Gesundheitsversorgung auf höchstem Niveau zu gewährleisten. Und wenn sie das noch nicht können, dann sind sie in der Rolle der Lernenden – und dann braucht es jemanden, der lehrt." — Petra Krause* Im Gespräch wird allerdings auch deutlich, wo die Reibung entsteht: in den unterschiedlichen Systemen und Perspektiven. Während Pflegepädagogik und Pflegemanagement längst verstanden haben, dass man Auszubildende halten und früh abholen muss, kippt die Wahrnehmung, sobald die Finanzierungslogik ins Spiel kommt – dann werden Auszubildende schnell wieder zur bloßen Personalressource. Genau in diesem Spannungsfeld müsse die Pflege eigene Konzepte entwickeln. ## Wenn Generationen aufeinandertreffen Ein zweites Phänomen verschärft die Lage: das Aufeinandertreffen verschiedener Generationen. Krause, selbst Babyboomerin, beschreibt offen die Reibung zwischen erfahrenen Kolleg:innen und einer neuen Generation, die sich klar abgrenzen kann – und das auch tut. Während früher der Dienstplan in der WG am Küchentisch gemacht wurde und man gemeinsam in den Urlaub fuhr, gilt heute oft: Bis 14 Uhr, dann ist gut. Statt dies als mangelnde Leistungsbereitschaft abzutun, plädiert Krause für eine andere Lesart. Es sei ein Gewinn, mit Menschen zu arbeiten, die für den Beruf brennen und sich trotzdem gesunde Grenzen setzen können. Pauschalurteile à la „Die sind ja gar nicht mehr leistungsfähig" führen schnell zu einer Emotionalisierung des Prozesses. Dass diese Veränderung berechtigt ist, zeigt sich auch in einem grundlegend gewandelten Blick auf Arbeit: Es geht nicht mehr darum, einen Job zu haben, um das eigene Leben zu finanzieren. Heute hat man ein Leben – und schaut, wie der Job dazu passt. Das treibt Veränderung schneller voran, als es in der Pflege bisher üblich war. ## Begleiten statt allein lassen: psychosoziale Unterstützung Der Berufseinstieg konfrontiert junge Pflegefachpersonen mit einer Wucht, auf die sie kaum vorbereitet sein können: höheres Arbeitspensum, ein rauerer Wind und die Diskrepanz zwischen Idealismus und Realität. Krause erinnert sich an ihren eigenen ersten Tag – an den Geruch auf der Station, an eine Wunde, bei deren Versorgung sie kollabierte und erst einmal in ein freies Bett gelegt wurde. Solche Erlebnisse müssen besprechbar sein, in Reflexionsrunden auf den Stationen. Besonders heikel ist der Umgang mit Tod und Sterben. Eine Auszubildende, so erzählt Krause, sei bei dünner Besetzung in ihrem ersten Einsatz mit einem sterbenden Menschen allein gelassen worden – im Nachhinein eine unglückliche Entscheidung. Daraus zieht sie eine klare Konsequenz: Ein Seminar zum Umgang mit Tod und Sterben gehört nicht erst ins dritte Ausbildungsjahr, sondern früh, weil junge Pflegende von Beginn an in solche Situationen geraten können. Dass viele Menschen mit psychischen Belastungen die Ausbildung frühzeitig abbrechen oder später dem Beruf den Rücken kehren, lange ausfallen oder erschöpft sind, ist kein Zufall. In Bethel setzt man deshalb auf enge, individualisierte Begleitung durch Kursleitungen und auf seelsorgerische Angebote – gerade auch als Antwort auf die Spuren, die die Corona-Jahre hinterlassen haben. Wer mit 18 in den Beruf startet, gerade von zu Hause ausgezogen ist und einen nicht immer vollen Kühlschrank hat, braucht eben auch Begleitung dabei, ins Leben und ins Selbstbewusstsein zu finden. > *„Seid selbstbewusst! Ihr seid diejenigen, die gebraucht werden – und das könnt ihr auch ruhig zeigen. Schließt euch zusammen, übt miteinander, achtet aufeinander und holt euch Hilfe." — Petra Krause* ## Berufspolitik gehört ins erste Lehrjahr Ein Punkt, der Petra Krause sichtlich bewegt: die schwache Beteiligung an der Interessenvertretung. Bei über 700 Auszubildenden aus fünf Schulen ließ sich zum Zeitpunkt der Aufnahme für die anstehende Wahl der Jugend- und Auszubildendenvertretung gerade eine einzige Person aufstellen. Woran das liegt, lässt sich nur vermuten – vielleicht das Gefühl, ohnehin nichts ändern zu können, vielleicht der Fokus aufs eigene Durchkommen, vielleicht schlicht Müdigkeit. Klar ist für Krause aber, wann über berufspolitische Themen gesprochen werden muss: nicht im dritten Ausbildungsjahr, wenn die Examensvorbereitung alle Kraft kostet, sondern früh. Wer kurz vor der Prüfung steht, hat andere Sorgen als Wahlkampf und Betriebsverfassungsgesetz. Wie wichtig dieser Einstieg ist, betont auch das Podcast-Team aus eigener Erfahrung: Eine Jugend- und Auszubildendenvertretung lebt davon, dass sie ihre Informationsaufgabe ernst nimmt und den Staffelstab rechtzeitig weitergibt. Bricht diese Kette einmal ab, ist sie schwer wieder aufzubauen. ## Das Trainee-Programm: besondere Einarbeitung mit Mentoring Konkret begegnet Bethel dem Berufseinstieg mit einem Trainee-Programm. Neue Kolleg:innen werden fachbereichsbezogen – etwa in der Psychiatrie, im Kinderzentrum oder im Aufbau für den Intensivbereich – in einer Gruppe zusammengeführt, auf wechselnden Stationen eingesetzt und von Mentor:innen begleitet. Begleitet werden sie zum Beispiel von Kolleg:innen aus der Pflegeentwicklung; perspektivisch sollen auch Praxisanleiter:innen und Führungskräfte diese Rolle übernehmen. Dazu kommen regelmäßige fachliche Inputs und Reflexionseinheiten, wöchentlich oder monatlich. Das Programm steht nicht nur Absolvent:innen der eigenen Schulen offen, sondern allen, die im EVKB oder in Mara arbeiten möchten – das Bewerbungsverfahren ist regulär. Der große Vorteil: Wer nach drei Monaten auf einer Station landet, die wirklich passt, kann das Programm verlassen und dort bleiben; wer mehr Orientierung braucht, bleibt länger im geschützten Rahmen. Bemerkenswert: Die Übernahme der eigenen Auszubildenden erfolgt ohne Probezeit – nach drei gemeinsamen Jahren kennt man sich. Und wer auf einer Akut- oder Intensivstation nicht aufgeht, findet in einem Träger mit Eingliederungs- und Altenhilfe genug andere Wege. Befristete Verträge hält Krause im Klinikkontext für ein Zeichen, dass etwas nicht verstanden wurde. Erste Rückmeldungen sind positiv: Die Trainees fühlen sich fachlich sicherer, und die Bindung gelingt. Es sind gerade nicht die Trainees, die das Haus früh wieder verlassen, sondern jene, die auf Station genau das erleben, was man eigentlich vermeiden möchte. Wie hoch der Stellenwert solcher Bindungsfragen ist, zeigt im Übrigen auch der [Studienbericht zur Berufseinmündung und zum Berufsverbleib in der Pflege in NRW](https://idw-online.de/de/news801054?ref=uebergabe.de). ## Lebenslanges Lernen statt fertigem Wissen Berufseinmündung ist kein einmaliger Sprung, sondern Teil einer größeren Strategie. Für Krause gehören dazu lebenslanges Lernen, ein gelebter Theorie-Praxis-Transfer und vor allem mehr Pflegewissenschaft in der Praxis. Ihr Bild: Warum trennen wir eigentlich fachliche Formate wie einen Journal Club strikt nach Examinierten und Auszubildenden? Vieles ließe sich gemeinsam besuchen – auf freiwilliger Basis und ohne dass jemand ausgeschlossen wird. Sie traut Auszubildenden viel zu und ist überzeugt, dass sich Potenzial schnell zeigt, wenn man Türen öffnet statt sie zu verschließen. Dass dabei akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen eine zentrale Rolle spielen, ist ihr wichtig – auch wenn sie offen einräumt, dass Bethel an dieser Stelle noch hinterherhinkt. Hochschulkooperationen bestehen, doch es könnte mehr sein. Wenn eine Organisation sich als lernende Berufsgruppe versteht, in der neue Impulse selbstverständlich aufgenommen werden, verändert das auch den Berufseinstieg: Auszubildende erleben dann nicht „Ich weiß zu wenig", sondern „Wir alle lernen weiter". Welche Hürden und welches Potenzial im [Einsatz akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen in der Praxis](https://www.uebergabe.de/content/files/de/pdf/presse/2015-05-29%5Fabschlussbericht.pdf) stecken, ist seit Jahren dokumentiert. Genau hier liegt für Krause der wunde Punkt: Der Drive ist da. Auszubildende lernen großartige Dinge und gehen mit dem Wunsch in die Praxis, etwas zu verändern. Zu oft trifft dieser Schwung jedoch auf ein „Bei uns war das aber früher anders". Wer 30 Jahre dieselbe Arbeit macht, fühlt sich von Neuem leicht infrage gestellt – und schon ist die Motivation der Berufseinsteiger:innen dahin. Was es braucht, sind Menschen, die mit Leichtigkeit und Normalität mit neuem Wissen umgehen, eine gute Fehlerkultur leben und nicht aufgeben. ## Mut und Leichtigkeit als Botschaft Am Ende fasst Petra Krause ihre Haltung in zwei Worten zusammen: Leichtigkeit und Mut. Zu viele Pflegende hätten Frust in sich hineingefressen und resigniert. Dabei lasse sich sehr wohl etwas verändern – durch neue Formate, durch durchdachte Konzepte, durch das Stärken junger Auszubildender und dadurch, die Profession dorthin zu bringen, wo sie hingehört. Das mag pathetisch klingen, kommt aber von Herzen. Und es ist möglich. ## Zum Weiterhören - [ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann)](https://www.uebergabe.de/ug168/) - [ÜG080 – Verbleib von akademisiert Pflegenden (Prof.in Dr.in Änne-Dörte Latteck, Christian Grebe & Rüdiger Hoßfeld)](https://www.uebergabe.de/ug080/) - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes - [Implikationen für die Berufseinmündung nach einer generalistischen Pflegeausbildung – eine mehrperspektivische Studie](https://econtent.hogrefe.com/doi/abs/10.1024/1012-5302/a000655?journalCode=pfl&ref=uebergabe.de) - [„Berufseinmündung und Berufsverbleib in der Pflege in NRW“ – Studienbericht veröffentlicht](https://idw-online.de/de/news801054?ref=uebergabe.de) - [Onboarding: mehr als „nur“ einstellen](https://www.researchgate.net/publication/329003255%5FOnboarding%5Fmehr%5Fals%5Fnur%5Feinstellen?ref=uebergabe.de) - [Traineeprogramme in der Pflege: Einarbeitung mit Konzept - Bewerberportal Ev. Klinikum Bethel - Ihr Krankenhaus in Bielefeld](https://karriere.evkb.de/berufe/pflege-fachpflege/traineeprogramme-in-der-pflege-einarbeitung-mit-konzept.html?ref=uebergabe.de) - [Berufseinmündung und Berufsverbleib in der Pflege in NRW ](https://www.mags.nrw/sites/default/files/asset/document/berufseinmuendung%5Fkurzbericht.pdf?ref=uebergabe.de) - [Einsatz akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen in der Praxis](https://www.uebergabe.de/content/files/de/pdf/presse/2015-05-29%5Fabschlussbericht.pdf) ### Wahlergebnis der Kammerwahl NRW und die Debatten der Woche URL: https://www.uebergabe.de/pu037/ Last updated: 2026-06-17T08:21:34.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 05.11.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Erste Kammerwahl in NRW ausgezählt: 22,1 % Beteiligung, Kammerkritiker:innen mit mindestens 24 Sitzen. - Uni Jena schreibt Pflegeprofessur ohne pflegewissenschaftliche Qualifikation aus – die DGP kritisiert das. - Neue Untergrenzen für drei Fachbereiche geplant, während Bayern deren Aussetzung fordert. Drei Themen stehen dieses Mal im Mittelpunkt: Das vorläufige Ergebnis der ersten Kammerwahl in Nordrhein-Westfalen liegt vor, eine Stellenausschreibung der Uni Jena wirft die Frage auf, wer eigentlich Pflegewissenschaft lehren darf, und in der Debatte um die Pflegepersonaluntergrenzen prallen gerade neue Pläne und alte Kritik aufeinander. ## Kammerwahl NRW: Wahlergebnis steht fest – Kammerkritiker:innen mit starkem Block Bis zum 31\. Oktober 2022 konnten rund 100.000 registrierte Pflegefachpersonen in Nordrhein-Westfalen erstmals ihre Kammerversammlung wählen. Der Wahlausschuss hat inzwischen alle Stimmen ausgezählt und das [vorläufige Wahlergebnis veröffentlicht](https://kammerwahl.pflegekammer-nrw.de/vorlaeufiges-wahlergebnis/?ref=uebergabe.de). Die Wahlbeteiligung lag bei 22,1 Prozent. Das klingt zunächst niedrig, relativiert sich aber etwas angesichts der Tatsache, dass es sich um die erste Wahl einer neu errichteten Körperschaft des öffentlichen Rechts handelt. Zu vergeben waren 60 Sitze in der Kammerversammlung, gewählt wurde in fünf Wahlbezirken – maßgeblich war dabei der Standort des angegebenen Arbeitgebers. Kandidieren ließ sich über Listen oder als Einzelperson mit eigener Liste. Erfolgreich schnitten vor allem die großen Player ab: Die Liste von ver.di kommt auf 16 der 60 Sitze, der DBfK stellt acht Vertreter:innen. Auch Listen wie „Pflege deine Zukunft" oder „Pflegekammer ohne Zwang" holten jeweils acht Sitze. Damit stellen die bekennenden Kammerkritiker:innen mindestens 24 der 60 Sitze. Klassische Fraktionen wie in der Landes- oder Bundespolitik lassen sich daraus zwar noch nicht ablesen, doch anhand der Wahlvideos ließ sich die Haltung vieler Kandidat:innen durchaus einordnen. Der größere Teil der gewählten Personen spricht sich für eine professionelle Zusammenarbeit in der Kammer aus – das ist zunächst eine gute Nachricht. Wie sich die Zusammenarbeit dann tatsächlich gestaltet, bleibt abzuwarten. Im Dezember 2022 sollte sich die Kammerversammlung zu ihrer konstituierenden Sitzung treffen. Eine [Übersicht der gewählten Personen](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2022/11/2022-11-04%5Fvorlaeufiges-wahlergebnis%5Fgewaehlte-personen%5Fweb.pdf) gibt es zum Nachlesen. ## Professur in Jena: Pflegewissenschaft lehren ohne Pflegewissenschaft? Pflegewissenschaft ist die Disziplin, die für die eigene Profession steht: Sie forscht, hinterfragt und betreibt Theoriebildung zur Pflege. Das klingt für viele zunächst trocken, ist aber die Basis dafür, dass sich Pflege überhaupt als eigenständige und unabhängige Profession bezeichnen kann. Eine eigene Wissenschaft ermöglicht es, sich von anderen Disziplinen – allen voran der Medizin – zu emanzipieren und abzugrenzen. Genau um diese Selbstständigkeit dreht sich die zweite Meldung. Das Universitätsklinikum Jena der Friedrich-Schiller-Universität hat eine [Professur ausgeschrieben](https://berufungsportal.uni-jena.de/?ref=uebergabe.de) – ihrem Wortlaut nach eine Professur für „Pflegewissenschaften mit dem Schwerpunkt Intensivmedizin". So weit, so erfreulich, denn an pflegewissenschaftlichen Professuren mangelt es bekanntlich. Beim genaueren Blick fällt jedoch auf: Als Qualifikation wird kein abgeschlossenes Studium der Pflegewissenschaft verlangt, sondern eine Vorqualifikation in den Gesundheitswissenschaften oder in der Humanmedizin. Die Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft hat sich daraufhin in einem [offenen Brief](https://dg-pflegewissenschaft.de/aktuelles/offener-brief-an-die-medizinische-fakultaet-der-friedrich-schiller-universitaet-jena-und-das-universitaetsklinikum-jena/?ref=uebergabe.de) an die Uni gewandt. Kritisiert wird zum einen die Mehrzahlformulierung „Pflegewissenschaften", die fälschlich impliziert, es handle sich um mehrere vereinte Wissenschaften. Zum anderen sei der Zusatz „mit Schwerpunkt Intensivmedizin" ein Widerspruch in sich, weil er Medizin und Pflege erneut vermischt und die Begriffe quasi synonym verwendet – obwohl beide eben unterschiedliche Disziplinen sind. An dieser sprachlichen Unschärfe lässt sich nachvollziehen, warum als Anforderung Humanmedizin oder Gesundheitswissenschaften genannt werden – beides ist aber kein Ersatz für eine pflegewissenschaftliche Qualifikation. Wer eine Pflegeprofessur ausschreibt, sollte sie auch entsprechend besetzen wollen. Die Pflege ist kein Topf, aus dem man sich nach Bedarf bedient. ## Untergrenzen: Neue Bereiche geplant – Bayern will aussteigen Die Pflegepersonaluntergrenzen sind ein Dauerbrenner – schon deshalb, weil sie in § 137i SGB V verankert sind und dort festgehalten ist, dass sie regelmäßig weiterentwickelt werden müssen. Das Bundesministerium für Gesundheit will sie nun für weitere sogenannte pflegesensitive Bereiche festlegen. Die Eckpunkte wurden verschiedenen Verbänden zur Stellungnahme vorgelegt – ein übliches Verfahren, bei dem Interessenvertretungen ihre Anmerkungen einbringen können. Konkret im Blick sind laut den [geplanten Regelungen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/untergrenzen-fuer-pflegepersonal-in-3-weiteren-bereichen-geplant?ref=uebergabe.de) die Urologie und der HNO-Bereich mit jeweils zehn Patient:innen pro Pflegefachperson in der Tagschicht und 22 in der Nacht sowie die Rheumatologie mit 13 im Tagdienst und 30 in der Nacht. Gelten sollte das Ganze – wie in den Vorjahren – ab dem 1\. Januar 2023\. Nach Angaben des Ministeriums wären damit rund 90 Prozent aller Krankenhausfälle von Untergrenzen erfasst. Was Untergrenzen allerdings nicht leisten, ist eine bedarfsgerechte Anhebung der Besetzung über eine echte Personalbemessung. Darauf verweist auch der Deutsche Pflegerat und betont das Instrument der PPR 2.0, das damals im Bundestag debattiert wurde. Untergrenzen können eben nicht alles regeln – sind aber das Instrument, das aktuell tatsächlich gilt. Umso bemerkenswerter ist der zeitgleiche Vorstoß aus Bayern: Gesundheitsminister Klaus Holetschek fordert gemeinsam mit der Bayerischen Krankenhausgesellschaft und der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände das [Aussetzen der Untergrenzen und der Sanktionen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/bayern-plant-abweichung-zu-pflegepersonaluntergrenzen?ref=uebergabe.de). Begründet wird das mit hohen Kosten und der Notwendigkeit, in Zeiten des Personalmangels Bürokratie abzubauen – die „Hand am Bett" sei wichtiger als die am Schreibtisch. Diese Argumentation hat einen Haken: Die Dokumentation rund um die Untergrenzen übernehmen in der Regel die Pflegedienstleitungen, nicht die Pflegefachpersonen am Bett. Es ist also fraglich, wen man hier wirklich entlasten würde. Holetschek verweist zudem auf den Bund, der sämtliche Dokumentations- und Prüfpflichten überprüfen solle – der Schwarze Peter wandert damit weiter. In Zeiten des Personalmangels ausgerechnet jenes Instrument zu schwächen, das die Beschäftigten entlastet, indem bei Unterbesetzung Betten gesperrt werden, wirkt widersprüchlich. Den Schutz der Mitarbeitenden gerade jetzt zu priorisieren, erscheint sinnvoller. ## Zum Weiterhören - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [ÜG082 – Institut für Pflegewissenschaft an der Uni Köln (Prof. Dr. Sascha Köpke)](https://www.uebergabe.de/ug082/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) --- ### Quellen - Kammerwahl NRW: - [Vorläufiges Wahlergebnis](https://kammerwahl.pflegekammer-nrw.de/vorlaeufiges-wahlergebnis/?ref=uebergabe.de) - [Gewählte Personen](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2022/11/2022-11-04%5Fvorlaeufiges-wahlergebnis%5Fgewaehlte-personen%5Fweb.pdf) - Professur in Jena: - [Stellenanzeige](https://berufungsportal.uni-jena.de/?ref=uebergabe.de) - [Statement DGP](https://dg-pflegewissenschaft.de/aktuelles/offener-brief-an-die-medizinische-fakultaet-der-friedrich-schiller-universitaet-jena-und-das-universitaetsklinikum-jena/?ref=uebergabe.de) - Personaluntergrenzen: - [Neue Bereiche für die Untergrenzen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/untergrenzen-fuer-pflegepersonal-in-3-weiteren-bereichen-geplant?ref=uebergabe.de) - [Bayern kritisiert Untergrenzen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/bayern-plant-abweichung-zu-pflegepersonaluntergrenzen?ref=uebergabe.de) ### Selbstbestimmtes Leben im Pflegeheim (Dr. Stephanie Stadelbacher & Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl) URL: https://www.uebergabe.de/ug101/ Last updated: 2026-06-13T12:39:16.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 29.10.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Selbstbestimmung und Würde im Pflegeheim sind ein aktiver Gestaltungsprozess. - Kleine Alltagsdetails wie Essenszeiten und Kleidung prägen echte Autonomie. - Pflegefachpersonen balancieren zwischen Fürsorge, Sicherheit und respektierter Selbstbestimmung. - Selbstbestimmung braucht das Zusammenspiel aller Beteiligten im Heim. - Caring Communities stellen Bewohner:innen in den Mittelpunkt. ## Selbstbestimmtes Leben im Pflegeheim: Zwischen Fürsorge und Autonomie Der Übergang ins Pflegeheim ist oft ein tiefer Einschnitt. In dieser sensiblen Lebensphase stehen nicht nur die medizinische Versorgung und Pflege im Vordergrund, sondern auch die Frage, wie Pflegebedürftige ihre Selbstbestimmung und Würde behalten können. Ein Forschungsprojekt hat dies aus soziologischer und ethischer Perspektive untersucht und zeigt auf, wie Selbstbestimmung und Würde in Pflegeeinrichtungen gefördert werden können. Die Ergebnisse geben Aufschluss darüber, wie Pflegefachpersonen und Bewohner:innen gleichermaßen Verantwortung und Gestaltungsspielräume teilen können. ### Pflegeheime als Zwitter-Institutionen: Versorgung und Zuhause vereint In Pflegeeinrichtungen treffen verschiedene Lebensbereiche aufeinander: Für die Bewohner:innen sind sie Lebensraum, für Pflegefachpersonen ein Arbeitsplatz. Dieser Spagat bringt Herausforderungen mit sich. Regelungen und Tagesabläufe, die für den effizienten Betrieb notwendig sind, stoßen oft auf den Wunsch nach Autonomie und persönlicher Gestaltung. Die Forscher:innen betonen die Bedeutung einer "kleinen Ethik des Alltags", in der Details wie Essenszeiten, die Auswahl der Kleidung und die Möglichkeit der sozialen Interaktion eine entscheidende Rolle spielen. Selbstbestimmung wird so zur täglichen Aufgabe — sowohl für die Pflegepersonen als auch für die Organisation als Ganzes. > "Die kleinen Dinge des Alltags machen den Unterschied — sie sind der Schlüssel zu wahrer Würde und Autonomie." - Dr. Stephanie Stadelbacher ### Pflegefachpersonen als Schlüsselakteur:innen für Würde und Selbstbestimmung Pflegefachpersonen spielen eine entscheidende Rolle, indem sie den Alltag der Bewohner:innen gestalten und gleichzeitig sicherstellen, dass deren Wünsche und Grenzen respektiert werden. Dabei stehen sie oft im Spannungsfeld zwischen Fürsorgeauftrag und Selbstbestimmung. Ihre Aufgabe ist es, einen Mittelweg zu finden, der den Bedürfnissen der Bewohner:innen gerecht wird, ohne dabei die organisatorischen Notwendigkeiten zu vernachlässigen. Eine besondere Herausforderung bleibt dabei, einen respektvollen Umgang in intimen Situationen wie der Körperpflege zu gewährleisten, da solche Momente oft von Scham geprägt sind. Hier zeigt sich, wie wichtig Empathie und eine professionelle Distanzierung für die Pflege sind. ### Selbstbestimmung als Aushandlungsprozess: Rechte und Grenzen im Pflegeheim Eine wesentliche Erkenntnis des Projekts ist, dass Selbstbestimmung stets im Kontext der Gemeinschaft ausgehandelt werden muss. Für die Bewohner:innen bedeutet das, dass ihre individuellen Wünsche oft an organisatorische Grenzen stoßen. Ein Beispiel sind die privaten Gegenstände im Zimmer — ob das Pflegeheim dies zulässt, hängt oft von Sicherheitsüberlegungen ab. Ein weiteres Beispiel betrifft Essenswünsche und -zeiten, die im Spannungsfeld zwischen individuellen Vorlieben und den Strukturen des Hauses stehen. Dieses Aushandeln ist nicht nur ein Prozess zwischen Bewohner:innen und Pflegefachpersonen, sondern betrifft die gesamte Organisation — bis hin zur Hauswirtschaft und den Angehörigen. ### Bedeutung der Organisation: Selbstbestimmung als gemeinschaftlicher Wert Selbstbestimmung ist nicht nur eine Frage individueller Wünsche, sondern bedarf auch struktureller Voraussetzungen. Das Forschungsprojekt hebt hervor, dass Selbstbestimmung und Würde in Pflegeeinrichtungen nur dann umfassend umgesetzt werden können, wenn alle Beteiligten — vom Pflegedienst bis zur Hauswirtschaft — dieselben Werte teilen. Viele Einrichtungen arbeiten bereits mit Konzepten wie Bewohnerbeiräten und ethischen Fallbesprechungen, die den Bewohner:innen eine Stimme geben und ihre Bedürfnisse in den organisatorischen Alltag einfließen lassen. Eine positive Organisationskultur, die Flexibilität und Respekt in den Mittelpunkt stellt, kann maßgeblich dazu beitragen, die Selbstbestimmung der Bewohner:innen zu stärken. > "Selbstbestimmung ist kein Selbstläufer, sondern braucht ein Zusammenspiel aller Beteiligten im Heim." - Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl ### Pflege als Balanceakt: Die Pflegefachperson zwischen Assistenz und Begrenzung Pflegefachpersonen sehen sich täglich damit konfrontiert, die Grenzen zwischen unterstützender Fürsorge und unzulässigem Eingriff zu erkennen und zu respektieren. Sie übernehmen eine Art Anwaltsrolle, indem sie die Anliegen der Bewohner:innen gegenüber der Organisation vertreten und für deren Rechte eintreten. Gleichzeitig ist es Teil ihrer Aufgabe, auch für Sicherheit zu sorgen und mögliche gesundheitliche Risiken zu minimieren. Dieser Balanceakt erfordert sowohl Fachwissen als auch ethische Sensibilität. Gerade bei Bewohner:innen mit demenziellen Veränderungen müssen Pflegefachpersonen oft schwierige Entscheidungen treffen, die im besten Interesse des Einzelnen und der Gemeinschaft stehen. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## Schlussfolgerung: Gemeinschaft und Autonomie als zentrale Themen Das Forschungsprojekt macht deutlich, dass Selbstbestimmung und Würde keine Selbstverständlichkeit, sondern vielmehr das Ergebnis eines aktiven Gestaltungsprozesses sind. Pflegeheime, die als caring communities fungieren, stellen ihre Bewohner:innen in den Mittelpunkt und ermöglichen ihnen ein hohes Maß an Autonomie — im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Um dies zu erreichen, bedarf es einer Offenheit für neue Konzepte und einer interdisziplinären Zusammenarbeit, die den Bewohner:innen wie auch den Pflegefachpersonen zugutekommt. #### Shownotes zur Folge - [Projekt SeLeP](https://pflegenetzwerk-deutschland.de/schwerpunkte/selbstbestimmtes-leben-im-pflegeheim-selep/die-gesamten-ergebnisse?ref=uebergabe.de) (pflegenetzwerk-deutschland.de) - [Abschlussbericht Projekt SeLeP](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/files/Downloads/pflegenetzwerk-deutschland-selep-ergebnisbericht.pdf) (pflegenetzwerk-deutschland.de) - [Schlögl-Flierl, Kerstin/Stadelbacher, Stephanie (2022): Die kleinen Dinge sind entscheidend. In: Altenpflege, 8/2022, Vincentz Network, Hannover, S. 18-21\. ](https://assets.uni-augsburg.de/media/filer%5Fpublic/66/b6/66b6165c-f39d-4939-a0af-019b01a8d4c9/ap%5F08%5F2022%5Fdie%5Fkleinen%5Fdinge%5Fsind%5Fentscheidend.pdf?ref=uebergabe.de)(uni-augsburg.de) - [Infos zum Projekt "Sterben zuhause im Heim (SiH) — Hospizkultur und Palliativkompetenz in der stationären Langzeitpflege"](https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philsoz/fakultat/soziologie-sozialkunde/forschung/ab/sterben-zuhause-im-heim-sih/?ref=uebergabe.de) (uni-augsburg.de/) - [Wohltätiger Zwang - Deutscher Ethikrat](https://www.ethikrat.org/themen/gesellschaft-und-recht/wohltaetiger-zwang/?cookieLevel=not-set&ref=uebergabe.de) (ethikrat.org) - [Kompetenzkommunikation und Wertschätzung in der Pflege (KoWeP)](https://www.hessip.de/projekte/aktuelle-projekte/kowep/?ref=uebergabe.de) (hessip.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG092 – Ethik in der Pflegepraxis (Dr.in Anna-Henrikje Seidlein & Lisa Graurock-Rosemeier)](https://www.uebergabe.de/ug092/) - [ÜG054 – Soziale Teilhabe in Altenpflegeheimen unter Covid-19 in S1-Leitlinie und Survey-Studie (Prof. Dr. Margareta Halek)](https://www.uebergabe.de/ug054/) - [ÜG013 – Ethik - (Prof. Dr. Martin Schnell)](https://www.uebergabe.de/ug013/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Lauterbachs Pläne für das Gesundheitswesen / Kammerwahl in NRW URL: https://www.uebergabe.de/pu036/ Last updated: 2026-06-17T09:53:47.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 22.10.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Lauterbach plant Milliardenhilfen, um Klinik- und Pflegeheimpleiten durch Energiekosten abzuwenden. - Tagesbehandlungen sollen ins DRG-System – mit dem Ziel, Nachtdienste zu reduzieren. - In NRW läuft die erste Wahl zur Pflegekammerversammlung. Im Herbst 2022 stand die Pflegepolitik ganz im Zeichen der Energiekrise – und zugleich kündigte der damalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach mehrere grundlegende Reformen an. Im Fokus stehen seine Pläne für das Gesundheitswesen und ein historischer Moment in Nordrhein-Westfalen: die erste Wahl zur Pflegekammerversammlung. Alle Angaben geben den Stand zum Zeitpunkt der Folge wieder. ## Energiekosten: Milliardenhilfen sollen Klinik- und Heimschließungen verhindern Die hohen Energie- und Heizkosten waren Ende 2022 das beherrschende Thema – auch im Gesundheitswesen. In der Regierungsbefragung musste sich Lauterbach zu drohenden Engpässen äußern. Die Botschaft: Werden die Kosten nicht aufgefangen, geraten Krankenhäuser und Pflegeheime unmittelbar unter Druck, im schlimmsten Fall drohen Schließungen. Das wäre eine unkontrollierte Entwicklung – Häuser könnten unabhängig vom tatsächlichen Versorgungsbedarf wegbrechen. Besonders betroffen wären kleinere Kliniken in ländlichen Regionen sowie Träger in öffentlicher Hand: Sie verfügen im Schnitt über ältere Gebäude, schlechtere Dämmung und weniger effiziente Heizanlagen als viele private Häuser. Die Forderung nach einer Krankenhausreform, um Ressourcen und Personal zu bündeln, war damals nicht neu – unter anderem brachte sie der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen, Janosch Dahmen, erneut ins Spiel. Das Strukturproblem allein dem Markt zu überlassen, gilt jedoch als riskant. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft bezifferte den Fehlbetrag der Kliniken für die folgenden zwei Jahre auf rund 15 Milliarden Euro, vor allem bei Energie und Heizung. Diese Summe einfach auszuzahlen, lehnte Lauterbach ab – mit dem Argument, niemand könne die künftigen Gas- und Strompreise seriös vorhersagen. Klar sei aber, dass die Häuser kurzfristig in eine massive Liquiditätsproblematik gerieten, die gelöst werden müsse. Wie genau er Klinikpleiten abwenden wollte, lässt sich in der damaligen [Berichterstattung zu seinen Plänen](https://www.tagesschau.de/inland/lauterbach-297.html?ref=uebergabe.de) nachvollziehen. Konkret nannte Lauterbach nach Beratungen über die Empfehlungen der Energie-Expertenkommission einen Hilfebedarf von rund 4 Milliarden Euro für Krankenhäuser und 650 Millionen Euro für die stationäre Pflege, zunächst befristet bis zum 31\. März 2023\. In welcher Form die Hilfen fließen sollten, war zu diesem Zeitpunkt noch offen – das lag beim Finanzministerium. Lauterbach verwies zudem auf ein strukturelles Problem: Öffentliche Häuser seien auf Investitionskosten der Länder angewiesen, und diese nicht einzubeziehen, wäre aus seiner Sicht ungerecht. Details zu den [geplanten Milliardenhilfen für Kliniken und Pflege](https://app.handelsblatt.com/politik/deutschland/inflation-lauterbach-plant-milliardenhilfen-fuer-kliniken-und-pflege/28755880.html?ref=uebergabe.de) waren damals Gegenstand der Verhandlungen. ## Reform der Fallpauschalen: Tagesbehandlungen sollen Nachtdienste reduzieren Parallel rückte ein zweites großes Vorhaben in den Fokus: die Reform des Fallpauschalensystems. Doch was sind Fallpauschalen überhaupt? Mit den sogenannten DRGs – das steht für „Diagnosis Related Groups" – werden stationäre Krankenhausleistungen abgerechnet. Eine genau definierte Erkrankung und ihre Behandlung, etwa ein Armbruch, werden dabei pauschal vergütet; die Höhe richtet sich nach Art und Schweregrad. Kalkuliert wird für eine mittlere Verweildauer, mit Zu- oder Abschlägen bei längerem oder kürzerem Aufenthalt. Ein bewusst stark vereinfachter Überblick – das Thema ist hochkomplex, eine [Einordnung zur Abrechnung stationärer Leistungen](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/abrechnung-krankenhausleistungen.html?ref=uebergabe.de) hilft beim Weiterlesen. Mit der Reform beschäftigte sich eine im Mai 2022 eingerichtete Regierungskommission, die im Koalitionsvertrag vereinbart worden war. Ihr Auftrag: die Krankenhausversorgung bedarfsgerechter und moderner zu gestalten. In dem 17-köpfigen Gremium aus Medizin, Rechtswissenschaft, Gesundheitsökonomie und Sozialmedizin ist die Pflegewissenschaft durch Professorin Dr. Martina Hasseler vertreten. Eine erste Empfehlung lag bereits zur Vergütung in Pädiatrie, Kinderchirurgie und Geburtshilfe vor. Neu hinzu kam die Empfehlung, künftig auch Tagesbehandlungen im Krankenhaus im DRG-System abzubilden. Hintergründe zur [Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/gesundheitswesen/krankenhausreform.html?ref=uebergabe.de) sind beim Ministerium dokumentiert. Lauterbachs Argument: In Deutschland würden zu viele Betten betrieben und zu viele Aufnahmen stationär versorgt, die sich bei gleicher Qualität auch ambulant erbringen ließen. Würden solche Behandlungen ohne Übernachtung durchgeführt, könnten Pflegekapazitäten freigesetzt werden. Konkret zielt das auf die Nachtdienste: Wenn weniger Patient:innen über Nacht im Haus bleiben müssen, fallen weniger Nachtschichten an. Das könnte den Beruf attraktiver machen, denn planbare Arbeitszeiten ohne medizinisch oft unnötige Nachtdienste sind für viele Pflegefachpersonen ein zentraler Wunsch – und mit weniger Übernachtungen sinkt auch das Risiko für Krankenhauskeime. Das gilt selbstverständlich nicht für alle: Ob eine Übernachtung medizinisch oder pflegerisch notwendig ist, hängt vom Einzelfall und vom Schweregrad ab. Als Beispiel nannte Lauterbach Krebspatient:innen, die für eine Chemotherapie kommen und teils als Tagesgäste versorgt werden könnten, sofern keine andere Indikation für einen Aufenthalt über Nacht spricht. Für Pflegefachpersonen ist der Ansatz doppelt relevant: Er greift unmittelbar in die Schichtplanung ein und verschiebt Versorgung in den ambulanten Bereich. ## Mehr Kompetenzen und Gesundheitskioske: Reaktionen der Berufsverbände Die Ankündigungen lösten lebhafte Debatten aus. Der DBfK forderte mehr Tempo und ein klares Signal an die Pflegenden, dass Lauterbach wirksame Lösungen ergreife, um die Profession zukunftsfest zu machen. Das lässt sich in der Mitteilung nachlesen, in der der [DBfK Tempo und konkrete Aussagen zur Pflege](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dbfk-fordert-tempo-und-konkrete-aussagen-zur-pflege?ref=uebergabe.de) verlangte. Neben der Verlagerung stationärer Leistungen in den ambulanten Bereich und einer engeren Verzahnung beider Sektoren begrüßte Lauterbach auch den Ausbau von Gesundheitskiosken. Solche niedrigschwelligen Anlaufstellen sollen Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf den Zugang zur Versorgung erleichtern und diese koordinieren. Aus pflegerischer Sicht ist entscheidend: In der Grundidee übernehmen Community Health Nurses diese Aufgabe – und dafür braucht es entsprechend aus- und weitergebildete Pflegefachpersonen sowie gesetzlich abgesicherte Kompetenzen, damit sie die notwendigen Tätigkeiten auch ausführen dürfen. In dieselbe Richtung argumentierte der Deutsche Pflegerat: Die Reformvorhaben müssten eine echte Vision für die Pflege transportieren, in der Pflegefachpersonen eine tragende Rolle einnehmen. Als drei zentrale Punkte nannte er den Abbau kleinteiliger bürokratischer Prozesse, mehr Kompetenzen für Pflegefachpersonen und eine Neuverteilung der Aufgaben zwischen den Gesundheitsberufen – und das möglichst zügig. Die Forderung, dass der [DPR mehr politischen Mut](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dpr-fordert-mehr-politischen-mut?ref=uebergabe.de) einfordert, fasst die Haltung des Verbands zusammen. ## Erste Kammerwahl in Nordrhein-Westfalen Ein Meilenstein für die Pflegefachpersonen in NRW: Ab dieser Woche konnten die berechtigten Mitglieder erstmals ihre Kammerversammlung wählen. Die Wahlunterlagen wurden verschickt und nach Regierungsbezirken aufgeteilt – gewählt wurde in den Bereichen Arnsberg, Detmold, Düsseldorf, Köln und Münster, mit Frist bis zum 31\. Oktober. Details zur [laufenden Wahl zur ersten Kammerversammlung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/wahlen-zur-ersten-kammerversammlung-laufen?ref=uebergabe.de) waren damals breit dokumentiert. In jedem Bezirk gibt es eine Wahlgruppe „interdisziplinäre Pflege" und eine Gruppe „Altenpflege". Innerhalb dieser Gruppen stehen verschiedene Listen sowie Einzelvorschläge zur Wahl – pro Person eine Stimme, egal ob für eine Liste oder eine Einzelperson. Auffällig: Der DBfK stellte in jedem Wahlbezirk eine Liste auf. Häufig traten zudem Listen zur Pflegebildung sowie Gewerkschaften an. Verdi war – wie zuvor in Rheinland-Pfalz – in jedem Wahlkreis vertreten und positionierte sich auf der kammerkritischen Seite; im Kreis Arnsberg kandidierte auch der Bochumer Bund. Insgesamt standen 55 Gruppenlisten sowie elf Einzellisten mit jeweils einer kandidierenden Person zur Wahl. Wahlberechtigt waren knapp 100.000 Mitglieder. Kritisch sahen Kammerskeptiker:innen, dass sich weniger als die Hälfte der berechtigten Pflegefachpersonen registriert hatte – wer das nicht tat, konnte nicht wählen. Mit dem Wahlergebnis wurde am 4\. November gerechnet, die erste konstituierende Sitzung war für den 16\. und 17\. Dezember vorgesehen. Wer sich über Listen und Ablauf informieren wollte, fand das auf der [Website zur Kammerwahl der Pflegekammer NRW](https://kammerwahl.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de). Trotz aller Debatten bleibt es ein historischer Moment für die Pflegefachpersonen in NRW. ## Zum Weiterhören - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) --- ## Quellen - [Lauterbach will Klinikpleiten abwenden](https://www.tagesschau.de/inland/lauterbach-297.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) - [Grünenpolitiker Dahmen mahnt Krankenhausreform an](https://www.inforadio.de/rubriken/interviews/2022/10/13/warum-gibt-es-weiterhin-personal--und-geldmangel-in-unseren-klin.html?ref=uebergabe.de) (inforadio.de) - [Lauterbach plant Milliardenhilfe für Kliniken und Pflege](https://app.handelsblatt.com/politik/deutschland/inflation-lauterbach-plant-milliardenhilfen-fuer-kliniken-und-pflege/28755880.html?ref=uebergabe.de) (handelsblatt.com) - [Abrechnungen stationärer Krankenhausleistungen](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/abrechnung-krankenhausleistungen.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/gesundheitswesen/krankenhausreform.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [DPR fordert mehr politischen Mut](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dpr-fordert-mehr-politischen-mut?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [DBfK fordert Tempo und konkrete Aussagen zur Pflege](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dbfk-fordert-tempo-und-konkrete-aussagen-zur-pflege?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Wahlen zur ersten Kammerversammlung laufen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/wahlen-zur-ersten-kammerversammlung-laufen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Website Pflegekammer NRW](https://kammerwahl.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nrw.de) ### Demenzfreundliche Krankenhäuser (Christina Manietta & Melanie Feige) URL: https://www.uebergabe.de/ug100/ Last updated: 2026-06-13T11:42:59.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 15.10.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Rund 40 % der über 65-Jährigen im Krankenhaus haben kognitive Einschränkungen. - Sechs Merkmale machen ein demenzfreundliches Krankenhaus aus – von Kontinuität bis Personenzentriertheit. - Wissen schafft Sicherheit und nimmt Stress aus der Versorgung. - Menschen mit Demenz und Angehörige müssen in Forschung und Versorgung gehört werden. - Vermeidbare Krankenhausaufenthalte beginnen schon vor der Aufnahme. Stell dir vor, du bist über 80, leicht verwirrt, vielleicht ängstlich – und plötzlich landest du nach einem Sturz in der Notaufnahme. Lauter fremde Gesichter, ständig wechselnde Räume, Geräte, Hektik. Genau diese Situation erleben in Deutschlands Krankenhäusern jeden Tag unzählige Menschen mit Demenz. Wie ein Krankenhaus aussehen müsste, das diese Patient:innen nicht überfordert, sondern auffängt, darüber haben wir im Übergabe-Podcast mit zwei Expertinnen gesprochen: mit [Christina Manietta vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen](https://www.dzne.de/forschung/forschungsbereiche/versorgungsforschung/forschungsgruppen/roes/gruppenmitglieder/christina-manietta/?ref=uebergabe.de) und mit [Melanie Feige vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf](https://www.uke.de/allgemein/mitarbeiterprofile/mitarbeiterprofilseite%5Fmelanie%5Ffeige.html?ref=uebergabe.de). ## Demenzfreundlich, demenzsensibel – worüber reden wir eigentlich? Die beiden Begriffe werden in Deutschland weitgehend synonym verwendet. International hat sich eher „demenzfreundlich“ (dementia-friendly) durchgesetzt – ein Konzept, das weit über das Krankenhaus hinausreicht und etwa auch demenzfreundliche Kommunen meint. Die Weltgesundheitsorganisation versteht darunter vor allem eine unterstützende Umgebung für Menschen mit Demenz und ihre Familien, die Stigmatisierung entgegenwirkt. Wichtig ist: Der Begriff ist nicht geschützt. Jedes Krankenhaus darf sich demenzfreundlich nennen – ganz unabhängig davon, was es tatsächlich umsetzt. Warum das Thema so drängt, hat viel mit dem demografischen Wandel zu tun. Demenz korreliert mit dem Alter, und die Bevölkerung wird älter – das merken Kliniken nicht nur an ihren Patient:innen, sondern auch am eigenen, älter werdenden Personal. Christina Manietta forscht im Projekt [DEMfriendlyHospital](https://www.dzne.de/forschung/studien/projekte-der-versorgungsforschung/demfriendlyhospital/?ref=uebergabe.de) in Kooperation mit der Universität Witten/Herdecke genau an der Frage, was ein solches Krankenhaus eigentlich auszeichnen sollte. ## Eine unterschätzte Größenordnung Wie viele Menschen das betrifft, zeigt eine [epidemiologische Studie der Robert-Bosch-Stiftung](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/publications/pdf/2020-07/demenz%5Fim%5Fallgemeinkrankenhaus%5Fergebnisse%5Feiner%5Fepidemiologischen%5Fstudie%5Fghost.pdf): Rund 40 Prozent der Patient:innen über 65 Jahre weisen im Krankenhaus eine kognitive Einschränkung auf, etwa 20 Prozent eine gesicherte Demenzdiagnose. Allein im UKE – einem Haus mit rund 1.730 Betten und 3.500 Pflegefachpersonen – sind es im Schnitt etwa 155 Patient:innen mit kognitiven Einschränkungen pro Monat. Und das ist nur die sichtbare Spitze. Denn ein großes Problem steckt schon in der Diagnostik. Viele Einschränkungen werden gar nicht erfasst oder erst im Verlauf des Aufenthalts bemerkt – etwa weil die Information bei einer Notfallaufnahme fehlt, keine Angehörigen dabei sind oder schlicht ein Screening fehlt. Auf einer Unfallchirurgie findet keine Differenzialdiagnostik statt; dort steht dann oft nur „Demenz, nicht näher bezeichnet“ in der Akte. Erschwerend kommt das Delir hinzu, das im Krankenhaus zusätzlich entstehen kann und mit einer Demenz eng verwoben ist. > *„Eine Demenz ist einfach nicht sexy. Beim Delir habe ich noch eine Behandlung, da kann ich handeln – und genau da kommen dann auch die Mediziner:innen zur Fortbildung." — Melanie Feige* ## Selten kommt jemand wegen der Demenz Fast nie ist die Demenz selbst der Grund für die Aufnahme. Meist sind es Sturzfolgen wie eine Oberschenkelhalsfraktur, eine Gehirnerschütterung, Infektionen wie Harnwegsinfekte oder Lungenentzündungen oder kardiologische Erkrankungen. Und in der Regel kommen die Betroffenen nicht geplant, sondern notfallmäßig über die Notaufnahme – also genau in der Situation, in der ihre besonderen Bedürfnisse am schwersten zu berücksichtigen sind. Was passiert, wenn ein Krankenhaus diese Bedürfnisse ignoriert, ist gut belegt: Menschen mit Demenz erleben häufiger Stigmatisierung, verlieren an Selbstständigkeit, stürzen häufiger, entwickeln häufiger ein Delir und haben eine höhere Sterblichkeit als gleichaltrige Patient:innen ohne Demenz. Ein zentraler Faktor dabei ist Angst: Ältere Menschen mit Demenz befinden sich oft im Alarmmodus, weil sie das Geschehen um sich herum nicht einordnen können. Die typische „Reise durch die Klinik“ – von der Notaufnahme in den OP, in den Aufwachraum, auf die Station – verstärkt dieses Verlorensein und fördert Delirien. ## Sechs Merkmale, die den Unterschied machen In ihrer [integrativen Literaturübersicht zu Merkmalen demenzfreundlicher Krankenhäuser](https://bmcgeriatr.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12877-022-03103-6?ref=uebergabe.de) hat das Projektteam sechs Charakteristika herausgearbeitet. Erstens: Kontinuität der Versorgung – gleiche Bezugspersonen, möglichst wenig Ortswechsel, Diagnostik nach Möglichkeit im Patientenzimmer und ein Informationsstand, den wirklich alle Beteiligten teilen. Zweitens: Personenzentriertheit, also eine Versorgung, die sich an der einzelnen Person und ihrer Biografie orientiert. Drittens: die Berücksichtigung der Demenz in allen Phänomenen – etwa angepasste Assessments bei der Schmerzerfassung oder eine bewusste Medikamentenauswahl mit Blick auf das Delirrisiko. Viertens: eine an die Bedürfnisse angepasste Umgebung. Fünftens: eine echte Willkommenskultur für Angehörige, die bei Menschen mit Demenz einen ganz besonderen Stellenwert haben. Und sechstens: Mitarbeitende mit Wissen und Expertise – getragen von einer funktionierenden multiprofessionellen Zusammenarbeit. Praktische Hinweise dazu liefert auch der [Praxisleitfaden für demenzsensible Krankenhäuser](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/publications/pdf/2019-11/praxisleitfaden%5Fdemenzsensible%5Fkrankenhaeuser.pdf). ## Wissen nimmt den Stress aus der Versorgung Studien zeigen, dass Pflegefachpersonen die Versorgung von Menschen mit Demenz oft als belastend erleben: starre Strukturen, Zeitdruck, Personalmangel, Lautstärke und Hektik – all das steht im Widerspruch zu dem, was diese Patient:innen brauchen, nämlich Individualität, Beziehungsaufbau und Ruhe. Melanie Feige beobachtet aber etwas Entscheidendes: Wer das Krankheitsbild versteht und auch die eigene Verfasstheit reflektiert, geht ganz anders in die Interaktion. Sie nennt es „Affektansteckung“ – sie wirkt in beide Richtungen. Wenn sie gestresst ins Zimmer kommt, gestaltet sich der gesamte Pflegeprozess schwieriger. > *„Wenn verstanden ist, dass ich nicht alles lösen kann – ich kann sie nicht überzeugen, dass ihre Mutter nicht mehr da ist, aber ich kann sie begleiten –, dann ist schon sehr viel gewonnen." — Melanie Feige* Wissen schafft also Sicherheit, und Sicherheit nimmt den Stress. Genau hier setzt das UKE seit 2011 mit seinen Demenzmentor:innen an. Über 70 Pflegefachpersonen wurden inzwischen qualifiziert; sie sind direkt auf ihren Stationen verankert und wirken als Multiplikator:innen. Sie haben im Blick, welche Beschäftigung möglich ist, achten auf Orientierung – etwa durch WC-Piktogramme – und beziehen Angehörige ein. Und sie ebnen Wege im Team: ein Hinweis an die Ärztin, ob die Untersuchung nicht später am Tag stattfinden könnte, oder die Anregung, einen Bedarf an Schmerzmitteln fest anzusetzen, statt vorschnell zu beruhigen. ## Kleine Hilfsmittel, große Wirkung Zwei Beispiele machen deutlich, wie wenig es manchmal braucht. Tast- und Fühlkissen geben Menschen mit Demenz etwas in die Hand – statt dass sie unbeabsichtigt nach Dingen greifen, die sie nicht greifen sollen. Und der „About-Me-Bogen“, eine Idee aus Großbritannien, hält auf wenigen Zeilen biografische Informationen fest: kein Kaffee am Morgen, das gewohnte Rasierwasser, vertraute Rituale. Für Angehörige – die oft selbst über 80 sind – ist das eine enorme Entlastung, und es erspart viele besorgte Anrufe. Solche Maßnahmen kosten kaum Zeit, schaffen aber Bindung und einen besseren Verlauf. Im Podcast entspann sich an dieser Stelle eine spannende Debatte: Sind solche Gesten nur ein „So-lala“, weil ohnehin das Personal fehlt? Klar wurde – nein. Eine Patientin bewusst, langsam und mit ihrem Namen anzusprechen, ihr mehrfach am Tag das Gefühl zu geben, willkommen zu sein, das ist keine Trivialität, sondern Kern guter Pflege. Das eigentliche Problem ist nicht die Maßnahme, sondern dass sie aus Zeitnot oft unterbleibt. Und weil das Patientenklientel sicher größer wird, lohnt sich die Frage, ob man sich nicht gezielt besser aufstellen sollte – auch, um effizienter zu arbeiten. ## Eine Station, ein Haus – oder das ganze System? Manche Häuser setzen auf einzelne demenzfreundliche Stationen, andere auf das gesamte Krankenhaus. Das Problem: Menschen mit Demenz finden sich quer durch alle Fachabteilungen, gerade in der Unfallchirurgie und der inneren Medizin. Eine einzelne Station kann nur wenige von ihnen aufnehmen. Geriatrien wären prädestiniert – doch ausgerechnet die meisten Universitätskliniken haben gar keine Geriatrie. Erschwerend kommen lange Wege und die Notwendigkeit hinzu, alle Fachdisziplinen vorzuhalten. Eine Idee, die Melanie Feige zumindest in größeren Häusern für denkbar hält: dass mehr Untersuchungen zum Patienten kommen statt umgekehrt. Genau deshalb plädieren beide Expertinnen dafür, größer zu denken. Demenzfreundlichkeit endet nicht an der Krankenhauspforte. Viele Aufenthalte ließen sich vermeiden – durch bessere ambulante Strukturen, durch Konzepte wie „Hospital at Home“ oder durch eine engere Verzahnung mit vor- und nachstationären Akteur:innen. Auch die familiale Pflege, die früh fragt, wie es nach der Entlassung weitergeht, ist hier ein wertvoller Baustein. Denn das Versorgungsproblem nach der Entlassung – fehlende Kurzzeitpflegeplätze, der „Drehtüreffekt“ – ist eines der drängendsten Themen überhaupt. ## Ein Thema für das ganze Team – und für die Chefetage Auffällig: In den Interviews mit professionellen Demenzexpert:innen stammten die meisten aus der Pflege, nicht aus der Medizin. Demenz im Krankenhaus wird oft als pflegerisches Thema behandelt, während Mediziner:innen ihre Routinen beibehalten – die Oberschenkelhalsfraktur wird behandelt, die Demenz ausgeklammert. Dabei brauchen Pflegefachpersonen ärztliche Unterstützung, etwa um eine Untersuchung zu verschieben oder die Schmerztherapie anzupassen. Dieser interdisziplinäre Blick gelingt am ehesten in geriatrischen Settings. Ein wichtiger Hebel: Die Entscheidung muss von ganz oben getragen werden. Wird das Thema nur „unten“ bespielt, entsteht Frust, weil Pflegefachpersonen zwar wissen, wie es besser ginge, aber keine Strukturen vorfinden. Rückenwind gibt die [Nationale Demenzstrategie](https://www.nationale-demenzstrategie.de/?ref=uebergabe.de), die auch Krankenhäuser ausdrücklich in die Pflicht nimmt. Eine echte Zertifizierung für demenzfreundliche Krankenhäuser gibt es in Deutschland allerdings noch nicht – das Uniklinikum Münster etwa hat sich nach DIN ISO zertifizieren lassen, was aber vor allem Prozesse betrifft. ## Forschung, die zuhört Das Projekt DEMfriendlyHospital, gestartet 2020, bringt verschiedene Perspektiven zusammen: zunächst die Literatur, dann Interviews mit professionellen Expert:innen – und schließlich, was besonders wertvoll ist, mit Menschen mit Demenz selbst und mit Angehörigen. Ziel ist eine Art Rahmenkonzept (Framework) für die Praxis. Dass man die Betroffenen direkt befragt, ist Teil einer partizipativen Forschung, die international zunehmend eingefordert wird – auch von Menschen mit Demenz selbst. Die Interviews sind methodisch anspruchsvoll und verlaufen sehr unterschiedlich – manchmal ausführlich, manchmal nur in einzelnen Worten. Doch fast immer geht es um dieselben Kerne: Beziehung, Menschlichkeit, Freundlichkeit, das Gefühl, als Mensch gesehen und nicht stigmatisiert zu werden. Und ein Eindruck zieht sich durch: Die Befragten freuen sich, dass sie überhaupt gefragt werden. > *„Alle, die ich bisher interviewt habe, haben sich gefreut, dass sie mal gefragt wurden – dass sie etwas teilen können und dass man sie hört." — Christina Manietta* Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Herbst 2022 lief die Datenerhebung noch. Schwieriger als gedacht gestaltete sich übrigens die Suche nach Angehörigen – schlicht, weil viele von ihnen maximal belastet sind und oft mehrere Pflegesituationen gleichzeitig stemmen. Genau diese Angehörigen sind es aber, die durch Beschwerden und Nachfragen den Druck auf Krankenhäuser erhöhen, etwas zu verändern. Wer sie und die Erkrankten ernst nimmt, versteht auch, warum bestimmtes Verhalten entsteht – und kann besser darauf reagieren. ## Zum Weiterhören - [ÜG131 – Demenz- und delirsensibles Krankenhaus (CrossOver mit Aufnahmegespräche)](https://www.uebergabe.de/ug131/) - [ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)](https://www.uebergabe.de/ug050/) - [ÜG103 – Dementia Care Mapping (Dr.in Iris Hochgraeber)](https://www.uebergabe.de/ug103/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [Infos zu Christina Manietta](https://www.dzne.de/forschung/forschungsbereiche/versorgungsforschung/forschungsgruppen/roes/gruppenmitglieder/christina-manietta/?ref=uebergabe.de) (dzne.de) - [Infos zu Melanie Feige](https://www.uke.de/allgemein/mitarbeiterprofile/mitarbeiterprofilseite%5Fmelanie%5Ffeige.html?ref=uebergabe.de) (uke.de) - [Projekt DEMfirendlyHospital](https://www.dzne.de/forschung/studien/projekte-der-versorgungsforschung/demfriendlyhospital/?ref=uebergabe.de) (dzne.de) - [Characteristics of dementia-friendly hospitals: an integrative review](https://bmcgeriatr.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12877-022-03103-6?ref=uebergabe.de) (biomedcentral.com) - [Leitfaden demenzsensibles Krankenhaus](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/publications/pdf/2019-11/praxisleitfaden%5Fdemenzsensible%5Fkrankenhaeuser.pdf) (bosch-stiftung.de) - [Demenz im Allgemein­ krankenhaus – Ergebnisse einer epidemiologischen Feldstudie](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/publications/pdf/2020-07/demenz%5Fim%5Fallgemeinkrankenhaus%5Fergebnisse%5Feiner%5Fepidemiologischen%5Fstudie%5Fghost.pdf) (bosch-stiftung.de) - [A systematic review of interventions to improve acute hospital care for people with dementia](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0197457221000859?via=ihub&ref=uebergabe.de) (sciencedirect.com) - [Blick­wech­sel De­menz](https://www.paritaet-nrw.org/themen/projekte/blickwechsel-demenz?ref=uebergabe.de) (Paritaet-nrw.org) - [Arbeitsgruppe Menschen mit demenziellen Einschränkungen im Krankenhaus](https://www.gesundheit-nds.de/netzwerke/demenz-im-krankenhaus/?ref=uebergabe.de) (Gesundheit-nds.de) - [Nationale Demenzstrategie](https://www.nationale-demenzstrategie.de/?ref=uebergabe.de) (nationale-demenzstrategie.de) ### Live vom Deutschen Pflegetag 2022 (Zweiter Tag) URL: https://www.uebergabe.de/pu035/ Last updated: 2026-06-13T23:24:30.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 09.10.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Claudia Moll will das Entlastungsbudget zusammenführen und stellt eine Kammer-Befragung zur Diskussion. - Das Projekt GAP coacht Einrichtungen zu familienfreundlichen Arbeitsbedingungen. - Ein dip-Projekt erforscht, wie Sprache Berufsstolz und Wertschätzung in der Pflege stärkt. - Christine Vogler fordert pflegefachliche Kompetenzerweiterung statt Übernahme ärztlicher Tätigkeiten. - Die Pflegekammer NRW geht in die Wahl und konstituiert sich im Dezember 2022. Diese Folge des PflegeUpdate entstand live auf dem Deutschen Pflegetag 2022 in Berlin – aufgezeichnet am zweiten Veranstaltungstag. Die Hosts haben am Messestand mehrere Gespräche geführt: mit der Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung, einem Projektteam zu Arbeitsbedingungen, einem Pflegeforscher, der Präsidentin des Deutschen Pflegerats und einem Mitglied des Errichtungsausschusses der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen. Wir fassen die wichtigsten Punkte zusammen – Stand Oktober 2022. ## Claudia Moll über ihre Rolle, das Entlastungsbudget und eine mögliche Kammer-Befragung Claudia Moll, gelernte Altenpflegerin und Fachkauffrau für Gerontopsychiatrie, ist Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung und zugleich Bundestagsabgeordnete. Ihre Aufgabe versteht sie als Schnittstelle zwischen Politik auf der einen und Pflegebedürftigen, Angehörigen sowie Pflegefachpersonen auf der anderen Seite. Wichtig ist ihr, dass diese drei Gruppen zusammen gedacht werden – und dass auch Menschen in der Eingliederungshilfe sowie jüngere Pflegebedürftige nicht aus dem Blick geraten, weil Pflege gesellschaftlich noch zu oft allein mit dem Alter verbunden wird. Als konkretes Vorhaben, an dem sie beteiligt war, nannte sie die im Koalitionsvertrag verankerte Zusammenführung des Entlastungsbudgets für pflegende Angehörige. Aus eigener Erfahrung mit pflegebedürftigen Eltern schilderte sie, wie unübersichtlich die einzelnen Leistungstöpfe – Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Tagespflege – seien. Viele Angehörige stellten aus Überforderung gar keinen Antrag. Ziel sei es, diese Leistungen (mit Ausnahme der Tagespflege) zu bündeln und die Inanspruchnahme zu vereinfachen. Für Pflegefachpersonen in der Beratung und in der ambulanten Versorgung ist das relevant, weil ein vereinfachtes Budget den Beratungsaufwand verändern und Angehörige spürbar entlasten könnte. Kontrovers wurde das Gespräch beim Thema Pflegekammer. Moll hatte eine bundesweite Befragung des Berufsstands ins Spiel gebracht, ob dieser eine eigene Vertretung wünscht. Die Hosts hielten dagegen: Ohne Erfahrung mit Selbstverwaltung könne eine Ablehnung dazu führen, dass weiterhin andere über die Pflege entscheiden – also genau das Gegenteil des Ziels einer starken Lobby. Moll betonte, sie sei nicht gegen Kammern, halte es aber für angemessen, die Betroffenen einzubeziehen, und verwies auf die aus ihrer Sicht gut funktionierende Kammer in Rheinland-Pfalz. Einig war man sich im Grundsätzlichen: Die Pflege braucht handlungsfähige Strukturen. Beim Blick in ihr [Thesenpapier „Gute Pflege. Machen!"](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/sites/778/2020/10/gute%5Fpflege%5Fmachen%5Fc%5Fmoll%5F2020.pdf) aus dem Jahr 2020 sprachen die Hosts an, dass darin die Akademisierung nicht vorkommt. Moll erklärte, sie sei keine Gegnerin der Akademisierung, sehe aber zunächst andere drängende Probleme – etwa den Mangel an Pflegepädagog:innen und zu wenige passende Studiengänge. Pflege funktioniere nur, wenn alle Qualifikationsebenen zusammenwirkten; die verschiedenen Gruppen dürften keinesfalls gegeneinander ausgespielt werden. ## Projekt GAP: Coaching für familienfreundliche Arbeitsbedingungen in Einrichtungen Im Auftrag der Pflegebevollmächtigten läuft das [Projekt „Gute Arbeitsbedingungen in der Pflege"](https://www.gap-pflege.de/?ref=uebergabe.de) (GAP), das die Vereinbarkeit von Pflege, Familie und Beruf in den Mittelpunkt stellt. Das Vorgehen: Ein Coach kommt in die Einrichtung und führt zunächst eine Bestandsaufnahme durch – über eine Mitarbeitendenbefragung, Gespräche mit Führungskräften, eine Vor-Ort-Begehung und strukturelle Auskünfte. Auf dieser Basis werden passende Maßnahmen ausgewählt, über einen Zeitraum umgesetzt und am Ende mit einer zweiten Befragung evaluiert. Als wiederkehrende Schwerpunkte nannte das Team die Arbeitszeit- und Dienstplangestaltung sowie – besonders häufig – die interne Kommunikation. Ein geschildertes Beispiel betraf die Übergabe: In einer Einrichtung fand sie nur von Fachkraft zu Fachkraft statt, während Pflegehilfs- und Betreuungskräfte ausgeschlossen blieben und Informationen verloren gingen. Gemeinsam wurde eine strukturierte Übergabe entwickelt, an der möglichst alle teilnehmen. Für Pflegefachpersonen ist der Ansatz interessant, weil er auf konkrete, in der Praxis spürbare Entlastung zielt – etwa verbindliche Dienstpläne und weniger gedankliche „Arbeit, die man mit nach Hause nimmt". Zum Zeitpunkt der Folge lief das Projekt noch bis Ende 2023, eine Anmeldung interessierter ambulanter und stationärer Einrichtungen war bis Frühjahr 2023 möglich. ## Sprache als Schlüssel: Wie ein dip-Projekt Berufsstolz und Wertschätzung stärken will Prof. Dr. Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung stellte das [Projekt zu Kompetenzkommunikation und Wertschätzung in der Pflege](https://pflegenetzwerk-deutschland.de/ueber-kommunikation-erfaehrt-man-wertschaetzung-in-seinem-beruf?ref=uebergabe.de) vor. Untersucht wird der Zusammenhang zwischen der Art, wie über Pflege gesprochen wird, dem Berufsstolz und der erlebten Wertschätzung. Eine Annahme – Pflegende beschrieben ihren Beruf vor allem über einzelne Tätigkeiten – bestätigte sich nicht: In Befragungen erzählten sie eher Fallgeschichten und Episoden. Genau daran lasse sich anknüpfen. Der Kern der Botschaft: Wer Außenstehenden den Beruf erklären will, sollte über gelingende Situationen und Pflegeergebnisse erzählen, statt einzelne Handgriffe aneinanderzureihen. Dabei helfe es, sich bewusst zu machen, mit wem man gerade spricht – mit einer Patientin, im Team oder etwa in einem Podcast – und das passende „Sprachregister" zu wählen. Aufschlussreich sind auch die Ergebnisse zu Stereotypen: Formulierungen, die Pflege rein altruistisch zeichnen, sowie der „Heldenmythos" der Corona-Zeit werden überwiegend als Abwertung empfunden, weil sie Selbstaufgabe nahelegen. Als aufwertend wurden hingegen Zuschreibungen wie „systemrelevant" oder „Kopf, Herz und Hand" wahrgenommen. Aus den Befunden entstehen Schulungsmodule, die – zusammen mit Vorarbeiten unter anderem von Angelika Zegelin (Uni Witten/Herdecke) – in die Pflegeschulen getragen werden sollen. Über 4.000 Pflegende und Lehrende beteiligten sich bereits. ## Christine Vogler: pflegefachliche Kompetenzen, Lauterbach und die Pflegekammer Christine Vogler, Präsidentin des [Deutschen Pflegerats](https://deutscher-pflegerat.de/fotos-und-vitae/?ref=uebergabe.de), ordnete im Gespräch ihre berufspolitische Rede ein. Auf die Aussage von Gesundheitsminister Karl Lauterbach, er stehe mit ihr in engem Kontakt, reagierte sie zurückhaltend: Es gehe nicht um persönlichen Kontakt, sondern um strukturierte Mitarbeit. Die Profession sei zum damaligen Zeitpunkt in den maßgeblichen Arbeitsgruppen und Expertengremien nicht verankert. Mit Mitteln des Bundesgesundheitsministeriums sollten ab 2023 Referent:innenstellen besetzt werden, um in diesen Gremien inhaltlich – und nicht als „Feigenblatt" – mitzuwirken. Beim Thema Kompetenzen stellte Vogler klar, dass es ihr nicht um die Übernahme ärztlicher Tätigkeiten gehe, sondern darum, pflegerische Prozesse eigenständig durchführen zu können – etwa bei Lagerung, Hilfsmittelversorgung, Wundversorgung oder der Begleitung chronisch erkrankter Menschen, inklusive der Befugnis, Entsprechendes zu verordnen und die Verantwortung dafür zu tragen. Wer Verantwortung trage, müsse sie auch übernehmen dürfen. Eine reelle Chance sah sie im geplanten allgemeinen Pflegeberufegesetz, das im Koalitionsvertrag angelegt ist. Auch zur Pflegekammer positionierte sie sich deutlich: Es gehe nicht primär darum, ob die Pflege eine Kammer wolle, sondern um die künftige Versorgungsqualität, für die sich der Berufsstand organisieren müsse. Vorstellbar sei ein Modell, bei dem künftige Ausbildungsjahrgänge automatisch Mitglied werden, während es für die übrigen freiwillig bleibe. Die Errichtung der Kammern in den Ländern sah sie als staatliche Aufgabe. ## Pflegekammer NRW: Vor der Wahl und der Konstituierung Zum Abschluss ging es um den aktuellen Stand in Nordrhein-Westfalen. Ein Mitglied des [Errichtungsausschusses der Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/errichtungsausschuss/?ref=uebergabe.de) beschrieb die geleistete Aufbauarbeit: eine Geschäftsstelle mit über 20 Mitarbeitenden, der Aufbau von Kommunikationsstrukturen sowie die Registrierung der Mitglieder. Knapp 100.000 wahlberechtigte Pflegefachpersonen seien erfasst – damit wäre es zum Zeitpunkt der Folge die größte Heilberufekammer Deutschlands. Der Fahrplan damals: Veröffentlichung der Wahlvorschläge ab dem 12\. Oktober 2022, anschließend Wahlkampf, Wahltag der Kammerversammlung am 31\. Oktober 2022 und Konstituierung am 16\. Dezember 2022 – mit der sich der Errichtungsausschuss gesetzlich auflöst. Als Wirkung einer Kammer wurde die Organisation nach innen (Identifikation mit dem eigenen Beruf, Vernetzung, berufspolitische Bildung) und die Vertretung nach außen (gemeinsam mit Gewerkschaften, Berufsverbänden und weiteren Akteuren) beschrieben. Begleitend dazu erscheint der Podcast „Pflegestärke" des Errichtungsausschusses. ## Zum Weiterhören - [PU034 – Live vom Deutschen Pflegetag 2022 (Erster Tag)](https://www.uebergabe.de/pu034/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [ÜG071 – Berufsstolz in der Pflege (German Quernheim)](https://www.uebergabe.de/ug071/) --- ## Quellen - [Claudia Moll](https://www.claudiamoll.de/?ref=uebergabe.de) - [Thesenpapier Gute Pflege. Machen!](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/sites/778/2020/10/gute%5Fpflege%5Fmachen%5Fc%5Fmoll%5F2020.pdf) - [Projekt Gute Arbeitsbedingungen in der Pflege (GAP)](https://www.gap-pflege.de/?ref=uebergabe.de) - [Prof. Dr. Michael Isfort](https://www.dip.de/personen/vorstand/prof-dr-michael-isfort/?ref=uebergabe.de) - [Projekt Kompetenzkommunikation udn Wertschätzung in der Pflege](https://pflegenetzwerk-deutschland.de/ueber-kommunikation-erfaehrt-man-wertschaetzung-in-seinem-beruf?ref=uebergabe.de) - [Website Deutscher Pflegerat](https://deutscher-pflegerat.de/fotos-und-vitae/?ref=uebergabe.de) - [Errichtungsaussschuss Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/errichtungsausschuss/?ref=uebergabe.de) ### Live vom Deutschen Pflegetag 2022 (Erster Tag) URL: https://www.uebergabe.de/pu034/ Last updated: 2026-06-17T08:20:53.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 07.10.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Lauterbachs Eröffnungsrede bleibt vage, Vogler kontert deutlich – der Pflegepreis geht an alle Pflegenden. - Andreas Westerfellhaus kritisiert die Bundespolitik scharf und fordert mehr politischen Druck der Pflege. - Der Bochumer Bund will als reine Pflege-Gewerkschaft mindestens 4.000 Euro und kürzere Arbeitszeiten. - Primärqualifizierende Pflegestudiengänge kämpfen mit fehlender Finanzierung und niedrigen Studierendenzahlen. - Magnet4Europe begleitet deutsche Krankenhäuser auf dem Weg zur Magnet-Zertifizierung. - Das Cluster „Zukunft der Pflege" testet und entwickelt Pflegetechnologien wie VR und Robotik. - Queersensible Pflege braucht Schulung, sichtbare Zeichen und passende Angebote. - Der neue Berufsgesundheits-Index der BGW bündelt Daten zur Gesundheit Pflegender. Diese Folge des PflegeUpdate ist eine Sonderausgabe – live aufgenommen beim [Deutschen Pflegetag 2022](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) in Berlin. Am ersten Tag entstanden mehrere Gespräche mit Standbetreibenden, Forschenden, Verbänden und einem ehemaligen Pflegebevollmächtigten. Die wichtigsten Eindrücke folgen im Überblick. Alle Einschätzungen geben den Stand vom Oktober 2022 wieder. ## Eröffnung: Lauterbachs vage Rede, Voglers Antwort und der Pflegepreis Die Eröffnungsveranstaltung war zweigeteilt. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sprach zwar Themen wie die Arbeitsbedingungen, die geplante Personalbemessung nach der PPR 2.0 und eine stärkere Ambulantisierung an – konkrete Maßnahmen blieb er dabei aber weitgehend schuldig. Positiv fiel auf, dass er die Akademisierung der Pflege ausdrücklich als Beitrag zur Professionalisierung bezeichnete und ankündigte, sie fördern zu wollen. Was genau passieren soll, ließ er offen. Christine Vogler nutzte ihre anschließende Rede, um sehr klar nachzulegen: Sie sprach über Selbstverwaltung, über Aufgabenübernahme und -trennung und legte den Finger in die pflegepolitische Wunde. Eindrücklich war auch ihre Geste, alle Personen des Deutschen Pflegerats gemeinsam auf die Bühne zu holen. Genau dazu passte die Botschaft des Deutschen Pflegepreises, der in diesem Jahr nicht an eine Einzelperson, sondern an alle professionell Pflegenden ging – als Anerkennung für ihre Leistung in den Pandemiejahren. ## Andreas Westerfellhaus rechnet mit der Bundespolitik ab Das erste Interview führte zu Andreas Westerfellhaus, der vor Claudia Moll Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung war. Seine Bewertung der Lauterbach-Rede fiel deutlich aus: Er empfand sie als inhaltslos und vermisste konkrete Ansagen. Die Bewertung der Arbeit seiner Nachfolgerin lehnte er bewusst ab – Kritik richte sich an den Minister, nicht an einzelne Personen. Sein zentraler Appell: Die Pflege dürfe nicht darauf warten, dass die Politik die Probleme von allein löse. Stattdessen brauche es politischen Druck auf allen Ebenen – bis hin zu den Direktkandidat:innen in den Wahlkreisen. Wichtig sei zudem, die Heilberufegesetze so auszugestalten, dass der Pflegeberuf und seine Selbstverwaltung gestärkt werden. Für Pflegefachpersonen heißt das: Mitsprache entsteht nicht von selbst, sondern muss organisiert eingefordert werden. ## Bochumer Bund: die Gewerkschaft nur für Pflegende Am Stand der jungen Berufsgewerkschaft gab es ein Gespräch mit einer Vertreterin des [Bochumer Bundes](https://www.bochumerbund.de/?ref=uebergabe.de), der 2020 gegründet wurde und sich als Gewerkschaft ausschließlich für Pflegende versteht. Zum Zeitpunkt der Folge zählte der Verband rund 2.500 Mitglieder. Die Abgrenzung zu ver.di zog man vor allem über die enge berufliche Fokussierung: Im Vorstand und in den Regionalleitungen seien ausschließlich Pflegende aktiv, die die Arbeitsrealität vor Ort kennen. Inhaltlich fordert der Bochumer Bund ein eigenes Tarifwerk mit einem Mindestlohn von 4.000 Euro – hergeleitet unter anderem aus einem Vergleich der Belastungen mit dem Ingenieurberuf – sowie deutlich kürzere Arbeitszeiten. Die größten Aufgaben damals: Strukturen und Landesgruppen aufbauen, in die Betriebe gehen, Kolleg:innen ansprechen und so die Mitgliederzahl erhöhen. Ergänzend wurden bereits eine Rechtsschutzversicherung sowie Rabatte etabliert, eine neue Satzung und Vorstandswahlen standen für November an. ## Primärqualifizierende Pflegestudiengänge stecken in den Kinderschuhen Mit [Prof. Dr. Johannes Gräske](https://www.ash-berlin.eu/hochschule/lehrende/professor-innen/prof-dr-johannes-graeske/?ref=uebergabe.de) von der Alice Salomon Hochschule Berlin, der dort einen primärqualifizierenden Studiengang leitet, ging es um den Stand der akademischen Pflegeausbildung. Sein Fazit: Die Primärqualifizierung steckt noch absolut in den Anfängen. Viele Hochschulen seien mit weniger als der Hälfte der Studienplätze belegt, einige Studiengänge gar nicht erst gestartet; gleichzeitig gebe es hohe Abbruchquoten. Als Hauptursache nannte Gräske fehlenden politischen Willen und ungelöste Finanzierungsfragen – etwa bei der Praxisanleitung – während Bund und Länder sich die Zuständigkeit gegenseitig zuschöben. Mit dem Bachelor sei in der primärqualifizierenden Variante zugleich die Berufszulassung verbunden. In der Praxis stoße die Akademisierung im Krankenhaus auf mehr Akzeptanz als in ambulanter Pflege und Altenhilfe, und es brauche noch viel Druck. Sein Wunsch bleibt eine breite hochschulische Ausbildung – die Hochschulrektorenkonferenz stehe dabei klar an der Seite der Pflegestudiengänge. ## Magnet-Krankenhäuser: Was Magnet4Europe für die Pflege bedeutet Mit [Dr. Johanna Feuchtinger](https://www.uniklinik-freiburg.de/pflegepraxiszentrum-freiburg/team/frau-dr-feuchtinger.html?ref=uebergabe.de) vom Universitätsklinikum Freiburg ging es um das Magnet-Konzept aus den USA, das exzellente Patient:innenversorgung und hohe Mitarbeitendenzufriedenheit verbindet. Die Zertifizierung erfolgt über die ANCC und stützt sich auf fünf Dimensionen mit insgesamt 120 Kriterien – darunter Themen wie Shared Governance, also die Mitbeteiligung Pflegender an Entscheidungen, die ihren Arbeitsalltag betreffen. Über die europäische Studie [Magnet4Europe](https://www.magnet4europe.eu/?ref=uebergabe.de) erhalten 60 Krankenhäuser in Europa – davon 20 in Deutschland – die Chance, von erfahrenen US-Einrichtungen begleitet zu werden und ihre Lücken systematisch zu schließen. Zum Zeitpunkt der Folge war noch kein deutsches Haus zertifiziert; entscheidend, so Feuchtinger, sei ohnehin nicht der „Schein" am Ende, sondern der Weg dorthin und die kontinuierliche Weiterentwicklung in Richtung eines stärker akademisierten Qualifikationsmix. ## Digitalisierung: vom Forschungscluster bis zum digitalen Assistenten ### Cluster „Zukunft der Pflege" Wie digital der Pflegetag inzwischen ist, zeigten das Programm und der Ausstellerbereich. Tiefer einsteigen ließ sich das Thema mit [Tobias Krick](https://www.socium.uni-bremen.de/ueber-das-socium/mitglieder/tobias-krick/?ref=uebergabe.de), der im [Cluster „Zukunft der Pflege"](https://www.cluster-zukunft-der-pflege.de/?ref=uebergabe.de) aktiv ist – einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbund. Dazu gehören die Pflegepraxiszentren (PPZ), in denen vorhandene Technologien in der Praxis getestet und evaluiert werden, sowie das Pflegeinnovationszentrum, in dem neue Lösungen entwickelt werden – etwa Virtual-Reality-Anwendungen für die Pflegeausbildung oder Ansätze aus der Robotik. Kricks nüchterne Einordnung zur Marktreife: Vieles sei vielversprechend, aber wissenschaftlich noch nicht als überzeugend belegt. Manches – etwa der am Pflegebett montierte Roboterarm – sei eher Grundlagenforschung und werde in dieser Form kaum bald im Alltag ankommen. Wichtig sei, Technologien nicht nur zu entwickeln, sondern auch ehrlich auf Nutzen und Qualität zu prüfen. ### Digitale Helfer für Stationsalltag und Angehörige Konkrete Produkte gab es ebenfalls zu sehen. Das Start-up [Cliniserve](https://www.cliniserve.de/?ref=uebergabe.de) stellte einen digitalen Assistenten vor, der Pflegefachpersonen durch die Schicht begleitet: Patient:innen können über ein Terminal oder per QR-Code auf dem eigenen Smartphone Anliegen melden – etwa Hilfe beim Toilettengang oder ein Problem mit der Infusion. Die Aufgaben laufen gebündelt auf einem Gerät auf und werden zugeordnet: pflegerelevante Aufgaben an die Pflege, Servicetätigkeiten an das Servicepersonal, eine Wunde an die Wundexpertin. Das soll Laufwege sparen, mehr Zeit für die eigentliche Pflege schaffen und die Zufriedenheit erhöhen. Kurz vorgestellt wurde außerdem [LifeBonus](https://www.lifebonus.health/?ref=uebergabe.de) – eine App, mit der Pflegende digital etwas für die eigene Gesundheitserhaltung tun können und die zugleich Pflegebedürftige und pflegende Angehörige unterstützen soll, die sich im System oft übersehen fühlen. ## Queersensible Pflege im Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg Ralf Schäfer, Einrichtungsleitung im [Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg](https://schoeneberg.immanuel.de/immanuel-seniorenzentrum-schoeneberg/?ref=uebergabe.de), berichtete über queersensible Pflege in der vollstationären Langzeitpflege. Die Einrichtung liegt mitten in Europas größter queerer Community und erhielt 2018 als bundesweit erste Pflegeeinrichtung das Qualitätssiegel „Lebensort Vielfalt". Worum es im Kern geht, formulierte Schäfer einfach: die besonderen Bedürfnis- und Versorgungslagen von LSBTIQ-Bewohnenden kennen und gezielt darauf eingehen. In der Praxis heißt das: fortlaufende Schulungen der Mitarbeitenden zu Themen wie HIV in der Pflege, Stigmatisierung und Diskriminierung, eine angepasste Pflegekonzeption und Kommunikation, sichtbare Zeichen wie kleine Symbole oder eine Regenbogenfahne sowie passende Freizeitangebote – etwa der gemeinsame Besuch des CSD. Das Thema zieht sich von der Stellenausschreibung über Vorstellungsgespräche bis ins Einarbeitungskonzept. Über regelmäßige Bewohnenden-Versammlungen bleibt die Einrichtung im Dialog. Schäfers Botschaft: Es muss nicht plakativ sein, aber erkennbar. ## Der Berufsgesundheits-Index der BGW Den Abschluss des Tages bildete das Gespräch mit Matthias Vollbracht über den neuen [Berufsgesundheits-Index](https://www.bgw-online.de/bgw-online-de/service/schulung-beratung/veranstaltungen/berufsgesundheits-index-fuer-die-alten-und-krankenpflege-impulsvortrag-und-talkrunde-72990?ref=uebergabe.de) für die Alten- und Krankenpflege, der von der BGW vorgestellt wurde und nach eigener Aussage in dieser Form einzigartig in Europa ist. Der Index soll nachvollziehbar machen, wie sich die Berufsgesundheit Pflegender über die Zeit entwickelt – und stützt sich dafür auf mehrere Quellen: Arbeitsunfähigkeitsdaten der Krankenkassen (WIdO), Zahlen zur Erwerbsminderungsrente der Deutschen Rentenversicherung, Daten der BGW zu Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten, Befragungsdaten aus dem Sozio-oekonomischen Panel sowie eine Analyse des Meinungsklimas in Leitmedien. Modelliert hat den Index das Beratungsinstitut DIW Econ. Auffällig: Zwischen 2017 und 2019 waren in mehreren Bereichen sogar Verbesserungen erkennbar, doch mit Beginn der Corona-Pandemie kam ein deutlicher Einbruch – etwa durch das stark gestiegene Infektionsgeschehen, weggebrochene Weiterbildungsmöglichkeiten und einen sprunghaften Anstieg der Verdachtsmeldungen auf Berufskrankheiten. Der Nutzen des Index liegt darin, Berufsgesundheit ganzheitlich zu betrachten – von Einkommensentwicklung und Dienstplansicherheit bis zur Frage, wie Gesundheit erhalten und wiederhergestellt werden kann –, statt nur einzelne Teilaspekte zu sehen. ## Zum Weiterhören - [PU035 – Live vom Deutschen Pflegetag 2022 (Zweiter Tag)](https://www.uebergabe.de/pu035/) - [ÜG026 – Interview mit Andreas Westerfellhaus](https://www.uebergabe.de/ug026/) - [ÜG167 – Vielfältige Pflege - Sexualität, Identität und professionelle Haltung](https://www.uebergabe.de/ug167/) --- ## Quellen - [Deutscher Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) - [LifeBonus](https://www.lifebonus.health/?ref=uebergabe.de) - [Bochumer Bund](https://www.bochumerbund.de/?ref=uebergabe.de) - [Dr. Johanna Feuchtinger](https://www.uniklinik-freiburg.de/pflegepraxiszentrum-freiburg/team/frau-dr-feuchtinger.html?ref=uebergabe.de) - [Magnet4Europe](https://www.magnet4europe.eu/?ref=uebergabe.de) - [Prof. Dr. Johannes Gräske](https://www.ash-berlin.eu/hochschule/lehrende/professor-innen/prof-dr-johannes-graeske/?ref=uebergabe.de) - [Tobias Krick](https://www.socium.uni-bremen.de/ueber-das-socium/mitglieder/tobias-krick/?ref=uebergabe.de) - [Cliniserve](https://www.cliniserve.de/?ref=uebergabe.de) - [Cluster "Zukunft der Pflege"](https://www.cluster-zukunft-der-pflege.de/?ref=uebergabe.de) - [Ralf Schäfer](https://www.spiegel.de/politik/deutschland/queere-pflege-erstes-lsbti-pflegeheim-mit-qualitaetssiegel-ausgezeichnet-a-1249181.html?ref=uebergabe.de) - [Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg](https://schoeneberg.immanuel.de/immanuel-seniorenzentrum-schoeneberg/?ref=uebergabe.de) - [Berufsgesundheitsindex](https://www.bgw-online.de/bgw-online-de/service/schulung-beratung/veranstaltungen/berufsgesundheits-index-fuer-die-alten-und-krankenpflege-impulsvortrag-und-talkrunde-72990?ref=uebergabe.de) ### Zurück aus der Sommerpause URL: https://www.uebergabe.de/pu033/ Last updated: 2026-06-17T08:20:00.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 24.09.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Stiftung Patientenschutz wirft Lauterbach Vernachlässigung der Altenpflege vor. - Drei Bundesländer fordern per Bundesratsinitiative einen Inflationsausgleich für Kliniken und Heime. - Das Krankenhauspflegeentlastungsgesetz bindet das Finanzministerium in die Personalbemessung ein. - Tarifverhandlungen für Entlastung laufen an Unikliniken in Frankfurt und Dresden. - Eine DIP-Studie aus NRW findet keine Belege für einen „Pflexit". Nach zwei Monaten Sommerpause holt das PflegeUpdate nach, was im Sommer 2022 wichtig war: Die zentralen pflegepolitischen Entwicklungen reichen von der wachsenden Kritik an Gesundheitsminister Karl Lauterbach über das neue Krankenhauspflegeentlastungsgesetz bis zu einer Studie aus der Pflegeforschung. Alle Angaben geben den Stand zur Veröffentlichung Ende September 2022 wieder. ## Stiftung Patientenschutz wirft Lauterbach Vernachlässigung der Altenpflege vor Im Sommer hat sich die Kritik an Gesundheitsminister Karl Lauterbach verschärft. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz machte darauf aufmerksam, dass die Altenpflege ihrer Ansicht nach benachteiligt werde. Begründet wird der Vorwurf vor allem damit, dass es für die Altenpflege keine verbindlich festgelegten Personalschlüssel gebe – anders als der Minister es für die Pflege im Krankenhaus voranbringe. Der Eindruck: Wenn sich politisch etwas für die Pflege bewege, stünden die Pflegefachpersonen im Krankenhaus im Fokus, nicht jene in der stationären Langzeitpflege. Die Einordnung dazu bietet die Meldung [„Lauterbach ignoriert die Altenpflege"](https://www.bibliomed-pflege.de/news/lauterbach-ignoriert-die-altenpflege?ref=uebergabe.de). Wichtig zur Einordnung ist das Rothgang-Gutachten, das eigens entwickelt wurde, um den Personalbedarf in der Altenpflege wissenschaftlich fundiert zu bemessen. Schon 2020 zeigte es einen deutlichen Mehrbedarf an Personal und schlug einen Qualifikationsmix vor: rund 40 Prozent Fachkräfte, etwa 30 Prozent Assistenzkräfte mit ein- oder zweijähriger Ausbildung sowie rund 30 Prozent Hilfskräfte ohne Assistenz- oder Helfer:innenausbildung. Demnach fehlen am ehesten Assistenzkräfte. 2021 wurden Stellen für genau diese Gruppe finanziert, eine weitere Ausbaustufe war für 2023 vorgesehen. Wie diese Personalbemessung im Detail funktioniert, ist in den [FAQ zur neuen Personalbemessung in der Altenpflege](https://www.pflegen-online.de/die-neue-personalbemessung-in-der-altenpflege-12-faqs?ref=uebergabe.de) aufbereitet. Einordnend lässt sich sagen: Vieles davon wurde angestoßen, bevor Lauterbach überhaupt Gesundheitsminister wurde – eigene Initiative kam von ihm zu diesem Thema bislang eher wenig. Zugleich gibt es fachliche Stimmen, die das Rothgang-Modell kritisch sehen und stärker auf Professionalisierung und einen höheren Anteil an Fachkräften setzen würden. Für Pflegefachpersonen ist relevant, dass die grundsätzliche Frage – mehr Assistenz oder mehr Fachlichkeit – die künftige Zusammensetzung der Teams prägen wird. ## Drei Bundesländer fordern Inflationsausgleich für Kliniken und Pflegeeinrichtungen Baden-Württemberg, Bayern und Schleswig-Holstein brachten im Sommer eine gemeinsame Bundesratsinitiative auf den Weg und forderten finanzielle Hilfen für Krankenhäuser, Reha- und Pflegeeinrichtungen. Im Mittelpunkt stehen die stark gestiegenen Energie- und Sachkosten, die auch vor stationären Einrichtungen nicht haltmachen. Die Länder schlugen einen Inflationsausgleich vor und warfen dem Bund vor, nicht schnell genug zu handeln, um diese Mehrkosten abzufedern. Die Details der Initiative finden sich in der Meldung [„3 Bundesländer bringen Bundesratsinitiative ein"](https://www.bibliomed-pflege.de/news/3-bundeslaender-bringen-bundesratsinitiative-ein?ref=uebergabe.de). Zum Zeitpunkt der Folge war offen, wie die Initiative ausgeht: Zunächst sollten die Ausschüsse des Bundesrats beraten, bevor sich das Plenum damit befasst. Für Einrichtungen ist die Frage existenziell, denn steigende Betriebskosten engen die finanziellen Spielräume ein – mit möglichen Folgen für Investitionen und Arbeitsbedingungen. ## Krankenhauspflegeentlastungsgesetz: Finanzministerium soll bei der Personalbemessung mitreden Beim Thema Personalbemessung im Krankenhaus tat sich im Sommer einiges. Mitte August legte das Gesundheitsministerium einen Referentenentwurf zur PPR 2.0 vor – das zugrunde liegende Eckpunktepapier war bereits in einer früheren Folge ausführlich besprochen worden. Vorgesehen war, dass bis zum 30\. November 2023 eine Rechtsverordnung kommt, damit die Umsetzung ab dem 1\. Januar 2024 starten kann. Vorbereitend war eine dreimonatige Erprobung der Vorgaben durch eine fachlich unabhängige wissenschaftliche Einrichtung geplant. Die Einordnung dazu liefert die Meldung [„Referentenentwurf zur PPR 2.0 liegt vor"](https://www.bibliomed-pflege.de/news/referentenentwurf-zur-ppr-20-liegt-vor?ref=uebergabe.de). Den nächsten Schritt markiert der Kabinettsentwurf zum Krankenhauspflegeentlastungsgesetz, das neben der Personalbemessung auch Budget- und Digitalisierungsfragen regelt. Schon im ersten Absatz der vorgeschlagenen Lösung fällt eine wichtige Formulierung auf: Vorgaben zur Personalbesetzung sollen „unter Berücksichtigung des Konzepts der PPR 2.0" festgelegt werden. Zugespitzt heißt das, dass die PPR 2.0 als Orientierung dient, aber nicht zwangsläufig vollständig übernommen wird – wie viel davon tatsächlich umgesetzt wird, bleibt im Text offen. Brisant ist zudem, dass das Gesundheitsministerium die Vorgaben nicht allein bestimmt, sondern im Einvernehmen mit dem Finanzministerium. Diese Beteiligung von Finanzminister Christian Lindner sorgte für Diskussionen, weil über den Personalbedarf damit auch unter Finanzgesichtspunkten entschieden wird. Diesen Punkt greift die Meldung [„Finanzminister soll über Pflegepersonal mitbestimmen"](https://www.bibliomed-pflege.de/news/finanzminister-soll-ueber-pflegepersonal-mitbestimmen?ref=uebergabe.de) auf. Im Entwurf wird auch der Zeitplan für ein wissenschaftlich fundiertes Bemessungsverfahren angepasst, das ursprünglich bis 2025 in Auftrag gegeben werden sollte; die Kosten dafür werden auf rund 200.000 Euro geschätzt. Für die spätere Personalbesetzung ab 2025 rechnet der Entwurf beispielhaft mit einem Mehrbedarf von etwa 5.000 Pflegefachpersonen – ein eher vorsichtiger Wert. Daraus ergäbe sich eine zusätzliche Belastung der Kostenträger von rund 325 Millionen Euro, kalkuliert mit etwa 65.000 Euro brutto pro Stelle und Jahr; auf Bund, Länder und Kommunen entfielen davon rund 8,1 Millionen Euro. Künftige Tarifsteigerungen sind darin noch nicht berücksichtigt. Den genauen Wortlaut enthält der [Referentenentwurf als PDF](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/K/khpfleg%5Frefe.pdf). Der Zeitplan war zum Stand der Folge so angelegt: 2023 erfassen zunächst ausgewählte Krankenhäuser den Bedarf, 2024 dann alle, ab 2025 soll der errechnete Personalbedarf gelten. Betroffen sind bettenführende Stationen der nicht-intensivmedizinischen, somatischen Versorgung von Erwachsenen und Kindern. Kritik kam unter anderem vom Bundesverband Pflegemanagement, dessen Vorstandsvorsitzender Peter Bechtel die Sorge äußerte, die Finanzierung von Pflegepersonal könne nicht verlässlich sichergestellt werden und am Ende zulasten der Beschäftigten gehen. Auch Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, kritisierte, dass die Pflegenden selbst nicht in die Entscheidungen eingebunden werden, und befürchtete, Verbesserungen könnten dem Argument Geldmangel zum Opfer fallen. ## Tarifverhandlungen für Entlastung: Frankfurt und Dresden ziehen nach Die Streiks an den Unikliniken in Nordrhein-Westfalen waren bereits vor der Sommerpause Thema – inzwischen gibt es auch andernorts Bewegung. An der Uniklinik Frankfurt verhandeln Klinikleitung und ver.di seit Juni über einen Tarifvertrag Entlastung, im Sommer ging das mit weiteren Streiks weiter. Ein Ergebnis gab es zum Stand der Folge allerdings noch nicht. Den Überblick dazu bietet die Meldung [„Weitere Uniklinika planen Entlastung für Pflegepersonal"](https://www.bibliomed-pflege.de/news/weitere-uniklinika-planen-entlastung-fuer-pflegepersonal?ref=uebergabe.de). Auch in Dresden gibt es entsprechende Bestrebungen. Konkret entschieden war noch nichts, ver.di teilte aber mit, dass sich der Klinikvorstand der Uniklinik Dresden einen solchen Tarifvertrag grundsätzlich vorstellen könne. Dass die Verhandlungen vielerorts zäh verlaufen, zeigt die Meldung [„ver.di und Klinikleitung weiterhin uneins"](https://www.bibliomed-pflege.de/news/verdi-und-klinikleitung-weiterhin-uneins?ref=uebergabe.de). Für dich am Bett ist das relevant, weil Entlastungstarifverträge erstmals verbindliche Konsequenzen für Unterbesetzung festschreiben sollen. ## DIP-Studie aus NRW: kein Beleg für einen „Pflexit" Zum Abschluss noch die Pflegeforschung: Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP) führte in Nordrhein-Westfalen eine Studie zu Berufseinmündung und Berufsverbleib in der Pflege durch. Erste Ergebnisse waren schon zur Jahresmitte bekannt geworden, nun lag der vollständige Studienbericht vor. Ein zentrales Ergebnis: Die Berufszufriedenheit der Pflegenden ist vergleichsweise hoch – jedenfalls deutlich höher als ihre Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen. Bemerkenswert ist außerdem, dass die Studie keine Anzeichen für einen sogenannten „Pflexit" oder eine besonders kurze Verweildauer im Beruf findet. Die Zahl der Pflegenden in NRW stieg sogar weiter an. Das relativiert das oft gezeichnete Bild eines massenhaften Berufsausstiegs – auch wenn die unbefriedigenden Arbeitsbedingungen damit nicht vom Tisch sind. Die Einordnung bietet die Meldung [„Pflexit nicht zu erkennen"](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflexit-nicht-zu-erkennen?ref=uebergabe.de), die Details liefert der [Studienbericht als PDF](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/data/pdf/Pressemitteilungen%5FInstitut/berufseinm-c3-bcndung%5Fstudienbericht.pdf). ## Zum Weiterhören - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) - [ÜG102 – Berufseinmündung in der Pflege (Petra Krause)](https://www.uebergabe.de/ug102/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) --- ## Quellen - [Finanzminister soll über Pflegepersonal mitbestimmen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/finanzminister-soll-ueber-pflegepersonal-mitbestimmen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - ["Lauterbach ignoriert Altenpflege"](https://www.bibliomed-pflege.de/news/lauterbach-ignoriert-die-altenpflege?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Die neue Personalbemessung in der Altenpflege](https://www.pflegen-online.de/die-neue-personalbemessung-in-der-altenpflege-12-faqs?ref=uebergabe.de) (pflegen-online.de) - [3 Bundesländer bringen Bundesratsinitiative ein](https://www.bibliomed-pflege.de/news/3-bundeslaender-bringen-bundesratsinitiative-ein?ref=uebergabe.de) (bibliomed.pflege.de) - [Referentenentwurf zur PPR 2.0 liegt vor](https://www.bibliomed-pflege.de/news/referentenentwurf-zur-ppr-20-liegt-vor?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Referentenentwurf PDF](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/K/khpfleg%5Frefe.pdf) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Weitere Uniklinika planen Entlastung für Pflegepersonal](https://www.bibliomed-pflege.de/news/weitere-uniklinika-planen-entlastung-fuer-pflegepersonal?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Verdi und Klinikleitung weiterhin uneins](https://www.bibliomed-pflege.de/news/verdi-und-klinikleitung-weiterhin-uneins?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Website Verdi Hessen](https://gesundheit-soziales-hessen.verdi.de/themen/tarifvertrag-entlastung?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [Webiste Verdi Tarifbereich Dresden](https://gesundheit-soziales-sat.verdi.de/tarifarbeit/universitaetsklinikum-dresden?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [Pflexit nicht zu erkennen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflexit-nicht-zu-erkennen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Studienbericht PDF](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/data/pdf/Pressemitteilungen%5FInstitut/berufseinm-c3-bcndung%5Fstudienbericht.pdf) (dip.de) ### Live vom Spotlight Pflege URL: https://www.uebergabe.de/ug099/ Last updated: 2026-06-17T08:51:43.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 17.09.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Veränderung fällt schwer, weil Routinen Sicherheit geben – Reden hilft. - Humor ist Selbstfürsorge und schafft Verbindung am Krankenbett. - Jonglieren wird zum Sinnbild für Selbstwirksamkeit und kleine Schritte. - Pflegewissenschaft und Akademisierung ziehen langsam in die Praxis ein. - Die Pflege muss ihre Stimme erheben und Wertschätzung einfordern. Sommerpause vorbei, Mikrofon eingepackt – und ab nach Wedel bei Hamburg. Dort hat die Übergabe-Crew einen ganzen Tag lang mitgehört, mitgefragt und mitgelacht: beim [Fachkongress Spotlight Pflege der Regiokliniken](https://www.sana.de/regiokliniken/gut-zu-wissen/veranstaltungen/spotlight-pflege?ref=uebergabe.de). Das Motto klang so kämpferisch wie hoffnungsvoll: „Ab in die Zukunft." Und genau darum drehte sich alles – um die Frage, wie Pflege ihre eigene Zukunft gestalten kann, statt sie nur über sich ergehen zu lassen. Zwischen Vorträgen, Workshops und einem ziemlich guten Buffet entstand ein Stimmungsbild der Pflege im Jahr 2022, das überraschend optimistisch ausfiel. ## Ein Kongress, der nicht nur Vorträge servieren will Spotlight Pflege gibt es seit 2018, in diesem großen Rahmen lief der Kongress zum dritten Mal. Die Idee dahinter ist simpel und doch ungewöhnlich: Pflege eine Bühne geben, pflegerische Themen diskutieren – und gemeinsam feiern. Das Programm war zweigeteilt. Vormittags gab es Impulsvorträge, nachmittags konnten sich die Teilnehmenden in Workshops ausprobieren. Immer wieder wurde betont, dass der Austausch mindestens genauso wichtig ist wie der Inhalt. Wer nur mit Input zugeschüttet wird, kann ihn nicht verarbeiten. Es braucht Raum zum Verdauen, zum Diskutieren – und der entsteht eben am besten bei gutem Kaffee und leckerem Essen. Verköstigung steht hier traditionell weit oben auf der Tagesordnung, und das ist nicht nur nettes Beiwerk, sondern Teil des Konzepts. Auffällig: Der Kongress richtet sich ausdrücklich auch an Auszubildende. Sie sollen die Bereiche, die ihnen im Alltag oft schwerfallen, in den Workshops spielerisch erleben dürfen. Genau diese Mischung aus Erfahrenen und Berufseinsteiger:innen, aus Geschäftsführung und Pflegefachpersonen am Bett, machte die Atmosphäre aus. ## Warum „Das haben wir schon immer so gemacht" so verlockend ist Ein roter Faden zog sich durch fast jeden Vortrag: die Veränderung. Eine Trainerin, die seit Jahren Coaching und Unternehmensberatung anbietet und viel mit Pflegeteams arbeitet, brachte auf den Punkt, warum uns Wandel so schwerfällt. Der berühmte Satz „Wir machen das schon immer so" sei kein Zeichen von Sturheit, sondern von Biologie. Routinen und Gewohnheiten geben uns Sicherheit und sparen Energie – früher, als Jäger:innen und Sammler:innen, mussten wir nur dann besonders aufpassen, wenn wir uns in neues Terrain bewegten. Genau deshalb klammern wir uns ans Gewohnte. > *„Routinen und Gewohnheiten geben uns Sicherheit, sparen Energie – und deswegen hängen wir so daran. Veränderung ist immer Anstrengung." — Trainerin und Beraterin beim Spotlight Pflege* Was hilft? Vor allem Kommunikation. Führungskräfte sollten informieren, informieren, informieren – und selbst wenn es gerade nichts Neues gibt, dürfen sie genau das sagen, damit nicht Gerüchte die Runde machen und alle verunsichern. In Teambesprechungen müsse Raum sein, Bedenken auszusprechen. Und auch für die Pflege selbst gilt: Wer überlastet oder unterbezahlt ist, sollte das nicht still ertragen, sondern einfordern, dass sich am System etwas ändert. Veränderung beginnt mit der Bereitschaft, überhaupt etwas verändern zu wollen – und mit der Einstellung, dass die Zukunft uns viel bringen kann, wenn wir alte Zöpfe abschneiden. ## Humor als Superkraft – und als Selbstschutz Wer glaubt, Humor sei in der Pflege nur ein nettes Extra, wurde an diesem Tag eines Besseren belehrt. Im Vortrag „Humor hilft pflegen" machte Lea Böttger von der Stiftung Humor hilft heilen deutlich, warum Humor eine echte Superkraft ist. Zum einen hilft er, in Kontakt zu treten und eine Verbindung zwischen Menschen herzustellen – und Pflege, so die schöne Formulierung, sei eine Art Kontaktsport. Zum anderen ermöglicht Humor eine gesunde Distanz: Er schützt davor, sich von belastenden Situationen erdrücken zu lassen, die sonst viel Kraft kosten und in Richtung Erschöpfung führen können. Wie aber baut man so eine Humorkultur im Team auf? Es ist eine bewusste Entscheidung, diese Haltung zu kultivieren, betonte Böttger. Teams können sich aktiv fragen, wo in einer Situation eigentlich die Komik steckt – ganz im Sinne von Karl Valentins Idee, dass jedes Ding drei Seiten hat: eine positive, eine negative und eine komische. Konkrete Werkzeuge gibt es viele: ein Humortagebuch führen, ein „Best of" lustiger Begebenheiten sammeln oder am Ende jeder Übergabe ein Ritual einbauen, bei dem man teilt, was den Tag schön oder skurril gemacht hat. > *„Selbstfürsorglichkeit ist die Voraussetzung für Fürsorglichkeit für andere. Nur wenn es mir gut geht, kann ich anderen die Hand reichen." — Lea Böttger, Stiftung Humor hilft heilen* Diesen Gedanken vertiefte auch die Wiener Kabarettistin Monika Herbstritt-Lappe, die den Kongress mit einem Programm über die Pflege eröffnete. Sie weiß, wovon sie spricht: Vor über zehn Jahren pflegte sie ihre Mutter, und daraus entstand die Idee, ein Kabarett über das Thema zu machen – weil man manches nur mit Humor bewältigen kann. Auf der Bühne übertreibt sie, zieht Absurditäten ins Lächerliche, und doch erkannten sich viele im Publikum wieder. Genau das ist ihr Anliegen: zu zeigen, in welche absurden Situationen man im Pflegealltag geraten kann – und dass das gemeinsame Lachen entlastet, ohne jemanden auszulachen. ## Drei Bälle, zwei Hände – und ganz viel Selbstwirksamkeit Der vielleicht überraschendste Programmpunkt: ein Workshop zum Jonglieren. Was hat das mit Pflege zu tun? Eine ganze Menge, wenn man Michael zuhört, der den Teilnehmenden das Jonglieren beibringt. Für ihn ist es ein wunderschönes Sinnbild für all die Dinge, bei denen die meisten Menschen sofort abwinken: zu schwer, kann ich nicht, traue ich mich nicht. Sein Trick: Man fängt eben nicht mit drei Bällen an, sondern mit einem. Schritt für Schritt. Und plötzlich, nach einer Dreiviertelstunde, kann die Hälfte der Gruppe dreimal werfen und dreimal fangen. > *„Die meisten glauben, man muss schnell und hektisch sein. Dabei geht es darum, sich Zeit zu lassen und ins Tun zu kommen – dann vergeht die Zeit wie im Flug." — Michael, Workshopleiter Jonglieren* Die Auszubildenden, die die Crew nach dem Workshop traf, hatten genau das verstanden. Celine etwa nahm mit, dass ein Rückschritt kein Problem ist und manche Dinge einfach mehr Übung brauchen. Andere erzählten, dass sie gelernt hätten, sich auf eine Sache zu konzentrieren und sich nicht ablenken zu lassen – eine Kompetenz, die sich direkt auf die Arbeit am Patientenbett übertragen lässt, wenn es zwischen Klingel und Notfall schnell gehen muss. Auch ein Trommel-Workshop und Übungen zur kontinuierlichen, konzentrierten Tätigkeit standen auf dem Plan. Das gemeinsame Ziel: das Gefühl von Selbstwirksamkeit erlebbar machen – „Ich kann das, oder ich weiß zumindest, worauf ich achten muss." ## Pflege als Ensemble: Was das Theater uns lehren kann Eine ganz eigene Perspektive brachte Christine Rothacker mit, Gründungsvorständin eines Fördervereins am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Ihr Vortrag „Regie führen auf beruflichen Bühnen" verglich das Pflegeteam mit einem Ensemble: Jede:r schlüpft in eine Rolle, alle spielen zusammen, und am Ende geht es darum, gemeinsam ein heilsames Erleben für Patient:innen zu schaffen. Vom Theater könne die Pflege zwei Kompetenzen lernen, die heute besonders wichtig sind: Authentizität – denn Patient:innen merken sofort, wenn etwas nicht stimmt – und den bewussten Rollenwechsel. Dieser Rollenwechsel ist mehr als eine schöne Metapher. Wer privat und beruflich verschiedene „Hüte" trägt, kann sich von einer belastenden Rolle distanzieren, bevor er sich in ihr verliert. Eng damit verbunden ist die Kompetenz der Regeneration: ganz bewusst zwischen beruflicher und privater Lebenszeit zu trennen und sich Zeit zum Kräftesammeln zu nehmen. Das hat nichts mit Faulheit zu tun, sondern ist die Fähigkeit des Umschaltens. Denn, so der zentrale Gedanke: Arbeitszeit ist Lebenszeit – und sie verdient es, zu sinnvoller und freudvoller Lebenszeit gestaltet zu werden. ## Pflegewissenschaft zieht ein – langsam, aber sicher Spotlight Pflege ist kein reines Wohlfühl-Event. Immer wieder ging es um harte Strukturfragen. Eine Pflegewissenschaftlerin, die seit Mai 2022 bei den Regiokliniken arbeitet und ihren Master an der HAW Hamburg gemacht hat, gab Einblick in die noch junge Abteilung für Pflegekontrolling und -entwicklung. Dort werden nicht nur klassische Personalkennzahlen erhoben – Vollkräfte im Verhältnis zur Patientenbelegung –, sondern auch international anerkannte pflegequalitätssensitive Kennzahlen wie Dekubitus- oder Sturzraten. Entscheidend sei dabei, die Zahlen nicht einfach hinzunehmen, sondern in Audits kritisch zu hinterfragen: Haben wir hier ein Qualitätsthema oder nicht? Und wie können wir es besser machen? Wichtig war ihr, dass diese Entwicklung nicht über die Köpfe der Kolleg:innen hinweg geschieht. Die Abteilung versteht sich nicht als Kontrollinstanz, sondern als Unterstützung – sie geht zurück ans Bett, fragt nach den Problemen vor Ort und versucht, sie mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu lösen. Genau hier liegt der Kern dessen, was Pflegeentwicklung leisten kann: Erfahrung und Empathie, die schon immer da waren, mit Evidenz zu untermauern und so der Pflege im interprofessionellen Austausch ein Sprachrohr zu geben. ## „Ich sehe die Pflege rosig" – die Sicht aus der Leitung Auch das Management kam zu Wort. Bereichsleiter Jens-Uwe Albrecht, der die Bereiche Intensivmedizin, Geburtshilfe und Pädiatrie verantwortet, beschrieb seine Aufgabe mit einem Bild: Er steckt für seine Teams ein Spielfeld ab, in dem sie sich frei bewegen dürfen – und sagt rechtzeitig Bescheid, wenn sie an die Grenzen kommen. Manche dieser Grenzen sind strukturell vorgegeben, etwa durch politische Anforderungen. Aber, so seine Haltung: Man kann immer wieder prüfen, ob sich der Zaun ein Stück weiter setzen lässt. Junge Führungskräfte begleitet er als Coach dabei, ein System so zu gestalten, dass auch die nächste Generation darin gut arbeiten kann. Geschäftsführung und Pflegedirektion betonten, dass sie die Akademisierung der Pflege ausdrücklich vorantreiben wollen – mit einem Pflegemanagement-Studiengang, eigenen Pädagog:innen für das Bildungszentrum und der Perspektive, in den nächsten Jahren mehr Pflegewissenschaftler:innen einzustellen. Eine feste Akademisierungsquote festzulegen, fanden sie schwierig; wichtiger sei der Weg „Stück für Stück auf dem Weg in die Moderne". Klar wurde aber auch die Reibung: Solange Pflege wie jeder andere Wirtschaftsbereich auf Profit getrimmt werde, könne es nicht funktionieren – ein Satz, der nachhallte. Und ein wunder Punkt blieb die abgeschaffte Pflegekammer in Schleswig-Holstein, deren Ende eine der Stimmen ausdrücklich für einen Fehler hielt. Trotz aller Herausforderungen war die Grundstimmung erstaunlich zuversichtlich. Eine Geschäftsführerin fasste es so zusammen, dass es nicht überraschend kommt, aber gut tut, es aus dieser Position zu hören: > *„Also, ich sehe die Pflege rosig. Es ist ein toller Beruf, der unheimlich viele Chancen und Entwicklung bietet." — Geschäftsführung der Regiokliniken* ## Was bleibt: Mut zur eigenen Bühne Am Ende des Tages stand eine klare Botschaft, die sich durch alle Gespräche zog: „Ab in die Zukunft" heißt, dass die Pflege sich der Zukunft öffnen muss – nicht, um das Heute zu vergessen, sondern um sich darauf vorzubereiten. Gute Traditionen dürfen mitkommen, aber der Status quo ist kein Naturgesetz. Ob beim Jonglieren, im Kabarett oder in der Auseinandersetzung mit Kennzahlen: Immer ging es darum, ins Tun zu kommen, die eigene Haltung zu reflektieren und die Stimme zu erheben. Denn, da waren sich viele einig: Von außen wird die Veränderung nicht kommen. Wenn die Pflege ihr Selbstbewusstsein entwickelt und ihren Platz in der Gesellschaft einfordert, kann sie ihre Zukunft selbst gestalten – Schritt für Schritt, mit einem Ball nach dem anderen. ## Zum Weiterhören - [ÜG090 – Heilen mit Humor (Prof.in Dr. Corinna Peifer & Andreas Bentrup)](https://www.uebergabe.de/ug090/) - [ÜG022 – Humor in der Pflege (M. Prehm)](https://www.uebergabe.de/ug022/) - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) --- #### Shownotes zur Folge - [Infos zur Veranstaltung](https://www.sana.de/regiokliniken/gut-zu-wissen/veranstaltungen/spotlight-pflege?ref=uebergabe.de) ### Der Tarifvertrag Entlastung / Pflegekammer in Berlin URL: https://www.uebergabe.de/pu032/ Last updated: 2026-06-13T22:07:07.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 30.07.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - NRW-Uniklinika einigen sich nach elf Wochen Streik auf Eckpunkte zum Tarifvertrag Entlastung. - Schichtgenaue Personalvorgaben und Belastungsausgleich gelten künftig auch über die Pflege hinaus. - Die CDU bereitet in Berlin einen Gesetzentwurf für eine Pflegekammer vor. Diese Folge des PflegeUpdates ist die letzte vor der Sommerpause – und blickt auf zwei Themen, die Pflegefachpersonen über den Sommer 2022 hinaus beschäftigen werden: den frisch verhandelten Tarifvertrag Entlastung an den nordrhein-westfälischen Uniklinika und die wiederbelebte Debatte um eine Pflegekammer in Berlin. ## Tarifvertrag Entlastung an den NRW-Uniklinika: Einigung nach elf Wochen Streik Elf Wochen Streik an den sechs Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen sind zu Ende gegangen – mit einem Ergebnis, das die Beschäftigten als Erfolg werten. Nach mehr als 25 Verhandlungstagen einigten sich ver.di und die Arbeitgeberseite auf Eckpunkte für den lange geforderten Tarifvertrag Entlastung. Die ver.di-Tarifkommission stimmte der Einigung am 19\. Juli 2022 mit großer Mehrheit zu. Der Vertrag sollte zum damaligen Stand 2023 in Kraft treten und zunächst eine Laufzeit von fünf Jahren haben. Wichtig zur Einordnung: In diesem Tarifvertrag geht es ausdrücklich nicht in erster Linie um mehr Geld, sondern um die Arbeitsbelastung – ein Missverständnis, das offenbar auch in der Öffentlichkeit verbreitet war. Kernstück sind festgelegte Personalvorgaben. Laut dem zwischen den Parteien vereinbarten [Eckpunktepapier](https://www.bibliomed-pflege.de/news/eckpunktepapier-fuer-tarifvertrag-entlastung-vereinbart?ref=uebergabe.de) wird für weite Teile der Pflege – einschließlich psychiatrischer Stationen und Notaufnahme – ein schichtgenaues Verhältnis von Beschäftigten zu Patient:innen festgelegt, orientiert an einem international anerkannten Schlüssel und individuell nach Bereichen abgestuft. ### Belastungspunkte und Freizeitausgleich Wird die festgelegte Quote in einer Schicht unterschritten, sammeln die Betroffenen Belastungspunkte. Das gilt auch für andere Belastungssituationen, etwa nach tätlichen Angriffen durch Patient:innen. Für je sieben gesammelte Punkte gibt es einen freien Tag als Ausgleich. Die Obergrenze steigt schrittweise: im ersten Jahr maximal elf Tage, im zweiten 14 und im dritten 18 Tage pro Person. Den Kliniken bleibt rund anderthalb Jahre Zeit, die nötigen Strukturen zur Dokumentation und Erfassung aufzubauen. Auch Auszubildende in der Pflege profitieren: Vereinbart wurden Mindeststandards für die Praxisanleitung, eine feste Zahl an Lehrkräften sowie freie Tage für Selbstlernzeiten. Werden diese unterschritten, erhalten auch sie einen Belastungsausgleich. Erstmals einbezogen sind zudem patientennahe Berufsgruppen über die Pflege hinaus – etwa Mitarbeitende in der Radiologie, in Betriebskitas oder Therapeut:innen. ### Was nicht durchgesetzt werden konnte Ein zentraler Knackpunkt blieb die Entlastung der übrigen Klinikbereiche. Für Ambulanzen, Technik- und Servicebereiche gelang keine schichtgenaue Belastungserfassung. Als Kompromiss wurde hier ein Stellenaufbau von 30 Vollzeitstellen pro Standort vereinbart; solange dieser nicht erfolgt ist, gibt es pauschale freie Tage. Wie wirksam das ausfällt, hängt stark vom einzelnen Standort ab: Während die 30 Stellen mancherorts eine spürbare Verbesserung bedeuten, decken sie an großen Standorten mit vielen betroffenen Beschäftigten nur einen Teil des Bedarfs. Zur Begleitung der Umsetzung wird je Standort eine paritätisch besetzte Kommission aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite gebildet. Sie soll den Einführungsprozess steuern und Ansprechpartnerin sein, wenn in der Praxis Klärungsbedarf entsteht. Für Beschäftigte heißt das: Mit dem Abschluss ist die Arbeit nicht beendet – die konkrete Anwendung der tariflichen Regelungen muss in den kommenden Jahren begleitet werden. Zusätzlich wurde festgehalten, dass der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes der Länder (TV-L) für die Uniklinika weiter gilt; künftige Veränderungen dort werden also automatisch übernommen. Formal sollte das Ergebnis am 5\. August 2022 in einer Urabstimmung der Beschäftigten bestätigt werden – nach dem Votum der Tarifkommission galt die Annahme als sehr wahrscheinlich. Bemerkenswert ist, wie schnell die Arbeitgeberseite das Ergebnis als Standortvorteil deutet: Der Verhandlungsführer der NRW-Uniklinika sprach davon, die Häuser würden zu Vorreitern bei den Arbeitsbedingungen. Aus Sicht der Streikenden hinterlässt das einen zwiespältigen Eindruck – schließlich war der Verhandlungsverlauf von harten Auseinandersetzungen geprägt, in einem Fall sogar von dem Versuch, mit einer einstweiligen Verfügung gegen den Streik vorzugehen. Die Erwartung der Beschäftigten lautet daher, dass sich diese betont positive Haltung auch in den späteren Nachverhandlungen wiederfinden möge. Details zum Ablauf und zur Bewertung finden sich in der [Pressedokumentation des Bündnisses Notruf NRW](https://notruf-entlastungnrw.de/presse/?ref=uebergabe.de). Für Pflegefachpersonen über NRW hinaus ist das Ergebnis relevant, weil es zeigt, dass sich verbindliche Entlastungsregelungen durchsetzen lassen – und weil an weiteren Universitätskliniken, etwa in Frankfurt und Dresden, bereits ähnliche Tarifverträge gefordert wurden. Ebenso wichtig ist die Erfahrung vieler Beschäftigter, durch eigenes Engagement und Organisation tatsächlich etwas bewegen zu können. ## Pflegekammer in Berlin: CDU kündigt Gesetzentwurf an Das zweite Thema führt nach Berlin: Dort arbeitete die CDU zum Zeitpunkt der Folge an einem Gesetzentwurf für eine Pflegekammer, der im August 2022 veröffentlicht werden sollte. Erste Inhalte waren bereits durchgesickert. Ein Schwerpunkt soll demnach auf der Weiterentwicklung der Pflegeausbildung liegen. Offen war außerdem die klassische Grundsatzfrage jeder Kammergründung – ob nur examinierte Pflegefachpersonen oder auch einjährig ausgebildete Pflegehelfer:innen Mitglieder werden sollen. Neu ist die Debatte nicht: Bereits 2015 hatte sich die CDU in Berlin für eine Pflegekammer starkgemacht; eine kleinere Befragung unter rund 1.200 Pflegefachpersonen ergab damals eine knappe Mehrheit dafür. Ein Gesetzentwurf müsste nun begründen, warum bestehende Organisationen und Verbände nicht ausreichen und es eine eigene Kammer braucht; anschließend wäre über ein Kammergesetz abzustimmen. Hintergründe zur Ankündigung liefert die Meldung, dass [die CDU einen Gesetzentwurf für eine Pflegekammer in Berlin vorlegen will](https://www.bibliomed-pflege.de/news/cdu-will-gesetzentwurf-fuer-pflegekammer-berlin-vorlegen?ref=uebergabe.de). Wie die Chancen stehen, war damals offen. SPD und Linke hatten sich eher zurückhaltend bis ablehnend positioniert. Aus den Reihen der Grünen wurde gegenüber Medien ein Dialogprozess zum Thema in Aussicht gestellt – grundsätzlich befürworten die Grünen eine Professionalisierung der Pflege und stehen auf Bundesebene einer Kammer offen gegenüber. Für Pflegefachpersonen in Berlin lohnt es sich daher, die weitere Entwicklung im Blick zu behalten: Ob aus dem angekündigten Entwurf eine tatsächliche Kammergründung wird, war zum Zeitpunkt der Folge noch nicht absehbar. ## Zum Weiterhören - [ÜG094 – Pflege streikt! (Paula Klaan)](https://www.uebergabe.de/ug094/) - [PU026 – Krankenhausreform / Streik an den Uniklinika / Studie „Ich pflege wieder, wenn…"](https://www.uebergabe.de/pu026/) - [PU039 – Versorgungsengpässe in der Pädiatrie / Auslaufen der Impfpflicht / Pflegekammer Berlin](https://www.uebergabe.de/pu039/) --- ## Quellen - [Pressemitteilung Notruf NRW](https://notruf-entlastungnrw.de/presse/?ref=uebergabe.de) (notruf-entlastungnrw.de) - [Eckpunktepapier für Tarifvertrag Entlastung vereinbart](https://www.bibliomed-pflege.de/news/eckpunktepapier-fuer-tarifvertrag-entlastung-vereinbart?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [CDU will Gesetzentwurf für Pflegekammer Berlin vorlegen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/cdu-will-gesetzentwurf-fuer-pflegekammer-berlin-vorlegen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Gesundheitsverbände fordern Aufhebung der Teilimpfpflicht](https://www.rnd.de/gesundheit/corona-teilimpflicht-in-der-pflege-gesundheitsverbaende-fuer-aufhebung-ZYYQ2WVQNVBARPJPU24T5WJZS4.html?ref=uebergabe.de) (rnd.de) ### Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme) URL: https://www.uebergabe.de/ug098/ Last updated: 2026-06-13T11:42:56.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 23.07.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Akademisierungsquote liegt bei rund 1,74 % – gefordert sind 10 bis 20 %. - Fehlende Ausbildungsvergütung bremst die primärqualifizierenden Studiengänge aus. - Akademisierung zielt auf bessere Versorgung, nicht auf Selbstzweck. - Deutschland verschenkt Potenzial bei Versorgungslücken und Sektorenübergängen. - Pflege braucht ein durchlässiges Bildungssystem von der Pflegehilfe bis zur Promotion. Drei Jahre sind seit dem ersten Gespräch über die Akademisierung der Pflege im Übergabe-Podcast vergangen – Grund genug, noch einmal genau hinzuschauen: Was hat sich getan, und was eben nicht? Zu Gast war erneut [Prof. Dr. Benjamin Kühme](https://www.hs-osnabrueck.de/prof-dr-benjamin-kuehme/?ref=uebergabe.de#c82468), Professor für Pflegewissenschaft an der Hochschule Osnabrück und Studiengangsleiter von Pflege dual. Seine Bilanz fällt zwiespältig aus: Es ist viel passiert – und gleichzeitig viel zu wenig. Vor allem aber wird im Gespräch deutlich, worum es bei der Akademisierung eigentlich geht. ## Akademisierung ist kein Selbstzweck Warum sollten wir überhaupt noch über die Akademisierung sprechen? Für Kühme ist die Antwort klar: Es geht nicht in erster Linie um das Prestige einer Disziplin, sondern um die Menschen, die versorgt werden müssen. Eine hochschulische Ausbildung soll dazu beitragen, die Gesundheits- und Pflegeversorgung in der Bevölkerung besser zu machen – so, wie es in vielen anderen Ländern längst selbstverständlich ist. > *„Akademisierung bedeutet aus meiner Sicht nach wie vor, dass es darum geht, eine bessere Gesundheits- und Pflegeversorgung in unserer Bevölkerung zu entwickeln und sicherzustellen." — Prof. Dr. Benjamin Kühme* Beißt sich das nicht mit dem Fachkräftemangel? Kühme winkt ab: Niemand wolle den Personalmangel kleinreden, im Gegenteil. Aber eine hochschulische Ausbildung sei selbst ein Argument für mehr Nachwuchs. Sie ziehe junge Menschen in den Beruf, die sonst in die Soziale Arbeit oder die Medizin abgewandert wären. Akademisierung und Personalgewinnung sind für ihn also keine Gegensätze, sondern hängen zusammen. ## Wenn die Zahlen für sich sprechen Mit dem Pflegeberufegesetz ist die hochschulische Primärqualifizierung – also die Ausbildung direkt an der Hochschule in enger Verzahnung mit der Praxis – regelhaft möglich geworden. Daneben existieren weiterhin duale und additive Studiengänge. Trotzdem bleiben die Zahlen ernüchternd: Eine Erhebung des Bundesinstituts für Berufsbildung kommt für die Jahrgänge 2021/2022 auf eine Akademisierungsquote von insgesamt rund 1,74 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs. Nur etwa 0,82 Prozent davon werden primärqualifiziert an der Hochschule ausgebildet. Demgegenüber steht die Forderung des Wissenschaftsrats aus dem Jahr 2012: zehn bis zwanzig Prozent eines Jahrgangs sollten akademisch qualifiziert werden. Die Lücke ist gewaltig. Zwar wurden zum Zeitpunkt der Aufnahme über 1.100 Studienplätze geschaffen – besetzt waren davon aber nur knapp 490\. Es klafft also ein deutlicher Abstand zwischen Angebot und Nachfrage. ## Das Geld macht den Unterschied Woran liegt das? Kühme hat eine klare Antwort: an der Finanzierung. Wer dual studiert, bekommt weiterhin eine Ausbildungsvergütung – die in der Pflege gar nicht schlecht ausfällt. In der Primärqualifizierung ist das strukturell nicht vorgesehen. Die Studierenden müssen sich anders finanzieren: über BAföG oder über Nebenjobs. Rund 40 Prozent von ihnen arbeiten laut Erhebung zusätzlich – und das bei 2.500 Stunden Praxis plus hohem Theorieanteil. > *„Es kann nicht sein, dass man junge Menschen, die mit hohem Praxis- und Theorieanteil studieren, auch noch in die Nebenerwerbstätigkeit zwingt, damit sie ihr Studium finanzieren können." — Prof. Dr. Benjamin Kühme* Dass es anders geht, zeigt die Hebammenausbildung: Dort wurde der Fehler korrigiert, die Studentinnen erhalten eine Ausbildungsvergütung. In der Pflege bleibt es ein Flickenteppich. Manche Träger zahlen eine Praktikumsvergütung, von gar nichts über 400 oder 500 Euro bis hin zu rund 1.000 Euro – je nach Bundesland und Einrichtung. Kühmes Rat an Studieninteressierte: Augen auf bei der Wahl des Kooperationspartners und ruhig konkret nachfragen, was an Vergütung gezahlt wird. Wer übrigens neugierig auf einen konkreten Studiengang ist, kann sich [Pflege dual an der Hochschule Osnabrück](https://www.hs-osnabrueck.de/studium/studienangebot/bachelor/pflege-bsc-dual/?ref=uebergabe.de) einmal genauer ansehen. ## Raus aus der Sackgasse: Durchlässigkeit als Schlüssel Lange galt der Pflegeberuf als Sackgasse – Fachweiterbildungen brachten irgendwann nicht mehr weiter. Das Bologna-System mit Bachelor und Master eröffnet hier eine Durchlässigkeit, die Arbeitgeber für ihre interne Personalentwicklung nutzen könnten. Mit Blick auf die [betriebswirtschaftliche Unterscheidung von externer und interner Personalwirtschaft](https://www.amazon.de/Personalwirtschaft-Klaus-Olfert/dp/3470543852?ref=uebergabe.de) erklärt Kühme: Wer von außen kaum noch Personal bekommt, muss seine Mitarbeitenden gezielt aufbauen und halten. Menschen bleiben, wenn sie Zukunftsperspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten sehen. Ein Beispiel: Bachelorabsolvent:innen lassen sich passgenau in Masterprogramme schicken, die zu den Bedarfen der Einrichtung passen – etwa im Bereich der [Advanced Practice Nursing](https://www.uebergabe.de/ug012/), die in Kliniken auch vor dem Hintergrund des Ärztemangels immer bedeutsamer wird. So lässt sich die eigene Organisation strategisch gestalten. ## Wenn das System die eigene Innovation ausbremst Doch genau hier hakt es. In der Folge zum [Pflegebudget mit Michael Simon](https://www.uebergabe.de/ug043/) wurde deutlich, dass refinanzierbares Personal auf Pflege am Bett mit Bachelorabschluss beschränkt ist – Masterabsolvent:innen finden keine Berücksichtigung. Kliniken, die innovativ vorangehen und akademisch qualifiziertes Personal binden wollen, werden vom System gehemmt. Für Kühme ein typisches Muster: Bei allem, was Pflegeregularien betrifft, rennt Deutschland hinterher und steuert erst dann nach, wenn der Handlungsdruck unerträglich groß wird. ## Hightech-Medizin, aber Versorgungsbrüche überall An dieser Stelle wird Kühme grundsätzlich. Deutschland habe ein medizinisch hochtechnisiertes Gesundheitssystem – alle zehn Kilometer ein CT. Das Geld der Gesundheitspolitik fließe seit Jahrzehnten vor allem in die Medizin. Pflegerisch aber stehe Deutschland im europäischen und internationalen Vergleich schlecht da, besonders an den Schnittstellen zwischen den Institutionen. > *„Was nützt mir alle zehn Kilometer ein CT, wenn die Person, die hineinkommen soll, gar nicht versorgt ist?" — Prof. Dr. Benjamin Kühme* In Skandinavien sei es selbstverständlich, dass Pflegende mit Bachelor- und Masterabschluss in genau diesen Versorgungslücken arbeiten – etwa im Bereich Community Health. Sie sichern Kontinuität dort, wo bei uns Brüche entstehen: bei der Entlassung aus dem Krankenhaus, im ambulanten Sektor, in der Langzeitpflege. Eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung rechnet für 2035 mit rund 11.000 unbesetzten Hausarztstellen – und kommt zu dem ernüchternden Schluss, dass auf die Pflege wegen ihres eigenen desolaten Zustands kaum gebaut werden könne, obwohl Pflegefachpersonen vieles könnten, ihnen die Kompetenzen aber nicht zugestanden werden. Die Praxisrealität, so Kühme, sei längst weiter: Pflegende übernähmen heilkundliche Aufgaben bereits – nur eben inoffiziell. ## Das Pferd von hinten aufgezäumt Ein heikles Thema ist der Zugang zur Pflegeausbildung. Deutschland ist nach Kühmes Kenntnis das einzige europäische Land, in dem keine Hochschulzugangsberechtigung Voraussetzung ist. Das sei eine Reaktion auf den Personalmangel – und auf die Frage, wohin sonst mit jungen Menschen ohne höheren Schulabschluss. Für ihn das Pferd von hinten aufgezäumt: Statt das Bildungssystem so zu gestalten, dass Interessierte höhere Abschlüsse erreichen, senkt man die Zugangsvoraussetzungen für den Beruf. Die Folgen erlebt er an den Pflegeschulen: Lernende, die in Theorie und Praxis an ihre Grenzen geraten, weil die Ausbildung hochkomplex ist und der Personaldruck in der Praxis hoch. Es gehe ihm dabei ausdrücklich nicht ums Stigmatisieren – schlechter Schulabschluss heißt nicht schlechte Pflege. Aber man dürfe die Augen nicht davor verschließen, dass manche überfordert werden. Seine Lösung: ein gestuftes, durchlässiges Bildungssystem – von der Pflegehilfe mit gekoppelter Allgemeinbildung über den Bachelor und Master bis hin zur Promotion, im Sinne des lebenslangen Lernens. ## DQR, Niveau 6 und die Frage nach dem Anspruch Mit Blick auf den [Deutschen Qualifikationsrahmen](https://www.dqr.de/dqr/de/home/home%5Fnode.html?ref=uebergabe.de) wird die Diskussion technisch, aber wichtig: Die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung weist kein explizites Niveau aus, ein großer Teil der Kompetenzen liegt auf Niveau 5, manches auf Niveau 4\. Kühme ist überzeugt: Die Komplexität der Pflegepraxis fordert eigentlich Niveau 6\. Bei der Fachweiterbildung sieht er ein zusätzliches Problem – sie ist oft nicht ins Bologna-System integriert und damit eine Sackgasse. International liegen Spezialisierungen häufig auf Masterniveau. Gemeinsam mit Kolleg:innen arbeitet er daran, hochschulische Module in Fachweiterbildungen zu integrieren, um berufserfahrene Pflegende abzuholen und Durchlässigkeit zu schaffen. ## Vollakademisierung – ein Blick nach Österreich Wäre die Vollakademisierung eine Lösung? Kühmes Antwort ist eindeutig: Ja, wir brauchen sie. Österreich hat sie 2017 eingeführt – wie viele europäische Länder, indem bewährte Pflegeschulen ins Hochschulsystem eingegliedert oder zu Pflegehilfe- und Assistenzeinrichtungen umgewidmet wurden. Dem Vorwurf, dort sei „nur das Schild ausgetauscht" worden, widerspricht er entschieden: Strenge Akkreditierungsverfahren stellten sicher, dass die Qualitätskriterien und das angestrebte Kompetenzniveau tatsächlich erreicht werden. Akkreditierung bedeutet dabei, dass unabhängige Gutachter:innen prüfen, ob ein Studiengang hält, was er verspricht – ein Verfahren, das es an deutschen Pflegeschulen in dieser Form bislang nicht gibt. Für Deutschland leitet Kühme daraus ab: eine hochschulische Pflegeausbildung kombiniert mit einer adäquaten Pflegeassistenzausbildung an Fachschulen – immer unter der Bedingung der Durchlässigkeit, damit der Weg ins Studium offen bleibt. ## Es bewegt sich etwas – wirklich Trotz aller Kritik will Kühme nicht jammern. Er beobachtet, dass die Ängste der Praxis gegenüber akademisch ausgebildeten Pflegenden abnehmen. Praxisanleiter:innen, Pflegedirektionen und Berufskolleg:innen geben zunehmend positives Feedback, Einrichtungen entwickeln Berufseinmündungskonzepte und Stellenprofile. Wichtig sei dabei, dass Pflegewissenschaft eine Praxiswissenschaft bleibt – ohne Praxisbezug verliert die Hochschule die Bodenhaftung. Wer akademisch ausgebildet wird, verlässt den Beruf nicht, sondern bleibt und übernimmt erweiterte Aufgaben. Genau dieser Nachwuchs fehlt übrigens auch im Wissenschaftsbetrieb selbst: Rund die Hälfte der ausgeschriebenen Professuren an Hochschulen für angewandte Wissenschaften konnte zuletzt nicht besetzt werden. Wege in die Forschung sichtbar zu machen, ist auch ein Anliegen der [Sektion Nachwuchs Pflegewissenschaft der DGP](https://dg-pflegewissenschaft.de/sektionen/pflege-und-gesellschaft/nachwuchs-pflegewissenschaft/?ref=uebergabe.de). ## Vom Jammern zum Gestalten Sein eindringlichstes Plädoyer richtet Kühme an die eigene Berufsgruppe: Pflege könne gut jammern und freue sich über Applaus – aber das Mitgestalten und Mitbestimmen gelinge noch zu selten. Genau das müsse der Nachwuchs lernen. Ein konkreter Hebel ist für ihn die Vorbehaltsaufgabe der Pflegeprozessplanung, die derzeit zu sehr vor sich hin dümpele. Richtig genutzt, könne sie Versorgungsbrüche in den Einrichtungen verringern und Patient:innen vor Schaden bewahren. Welche [Fragen und Konsequenzen mit den gesetzlich festgeschriebenen Vorbehaltsaufgaben](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/22-03-28%5Fpr-c3-a4sentation%5Ffragen%5Fund%5Fkonsequenzen%5Fder%5Fgesetzlich%5Ffestgeschirebenen%5Fvorbehaltsaufgaben.pdf) verbunden sind – etwa über die verschiedenen Handlungsfelder hinweg –, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt und braucht weitere Regelungen. Sein Fazit: Akademisierung ist kein Luxus, sondern eine Antwort auf den demografischen Wandel und auf die wachsende Komplexität der Versorgung. Damit die Forderung nach 10 bis 20 Prozent keine Worthülse bleibt, braucht es Geld, Strukturen und vor allem den Mut, Pflege endlich als gestaltende Kraft im Gesundheitswesen ernst zu nehmen. ## Zum Weiterhören - [ÜG002 – Akademisierung in der Pflege, Ausbildung & Professionalisierung](https://www.uebergabe.de/ug002/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice](https://www.uebergabe.de/ug012/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes zur Folge - [Infos zum Gast](https://www.hs-osnabrueck.de/prof-dr-benjamin-kuehme/?ref=uebergabe.de#c82468) - [Pflege Dual an der HS Osnabrück studieren](https://www.hs-osnabrueck.de/studium/studienangebot/bachelor/pflege-bsc-dual/?ref=uebergabe.de) - [Erste Sondererhebung des BIBB-Pflegepanels](https://www.bibb.de/de/157055.php?ref=uebergabe.de) - [Personalwirtschaft von Klaus Olfert](https://www.amazon.de/Personalwirtschaft-Klaus-Olfert/dp/3470543852?ref=uebergabe.de) - [Folge 43: Krankenhausfinanzierung mit Michael Simon](https://www.uebergabe.de/ug043/) - [Der Deutsche Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen](https://www.dqr.de/dqr/de/home/home%5Fnode.html?ref=uebergabe.de) - [DGP - Sektion Nachwuchs Pflegewissenschaft](https://dg-pflegewissenschaft.de/sektionen/pflege-und-gesellschaft/nachwuchs-pflegewissenschaft/?ref=uebergabe.de) - [Fragen & Konsequenzen der gesetzlich festgeschriebenen Vorbehaltsuafgaben - Prof. Dr. Dr. A. Büscher](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/22-03-28%5Fpr-c3-a4sentation%5Ffragen%5Fund%5Fkonsequenzen%5Fder%5Fgesetzlich%5Ffestgeschirebenen%5Fvorbehaltsaufgaben.pdf) ### Eckpunktepapier zur PPR 2.0 / Klimabewusstsein im Gesundheitswesen URL: https://www.uebergabe.de/pu031/ Last updated: 2026-06-13T23:24:31.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 16.07.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Ein Eckpunktepapier sieht die Einführung der PPR 2.0 in drei Stufen vor. - Verbände reagieren gemischt – besonders auf die Tarifvertrags-Ausnahme und den fehlenden Qualifikationsmix. - Bayern fordert im Bundesrat ein Förderprogramm für klimafreundlichere Krankenhäuser. In dieser Folge des PflegeUpdate vom Juli 2022 geht es um zwei Themen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide direkt in den Krankenhausalltag hineinwirken: ein neues Eckpunktepapier zur Einführung der PPR 2.0 und einen Vorstoß aus Bayern, den Klimaschutz im Gesundheitswesen voranzubringen. Wir ordnen für dich ein, was zum damaligen Zeitpunkt geplant war. ## Drei Stufen für die PPR 2.0: So sollte die Personalbemessung eingeführt werden Was sich schon in der vorherigen Folge angedeutet hatte, lag der Redaktion zum Zeitpunkt der Aufnahme als Dokument vor: ein Eckpunktepapier zur Einführung der Pflegepersonalregelung 2.0\. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte es der Ampelkoalition zukommen lassen. Darin wird beschrieben, wie eine Personalbemessung auf Grundlage der PPR 2.0 konkret umgesetzt werden soll – und zwar in drei aufeinander folgenden Stufen. Den Auftakt sollte ab dem 1\. Januar 2023 eine Erprobungsphase bilden. In diesem Pilotverfahren würde anhand ausgewählter, repräsentativ bestimmter Krankenhäuser getestet, ob das Instrument – inklusive der Kinder-PPR 2.0 – in der Praxis funktioniert. Einige Häuser sollten verpflichtend teilnehmen, weitere konnten sich freiwillig beteiligen. Pro Haus war eine Erprobung von mindestens drei Monaten vorgesehen. Ab dem 1\. Januar 2024 sollte dann die Einführungsphase starten, in der die PPR 2.0 und die Kinder-PPR 2.0 verpflichtend angewendet würden. Hier kommt eine wichtige Ausnahme ins Spiel: Krankenhäuser mit einem Tarifvertrag zur Entlastung des Pflegepersonals – wie er etwa in Mainz oder Berlin verhandelt wurde und um den auch in Nordrhein-Westfalen gestreikt wurde – sollten die PPR 2.0 nicht zwingend anwenden müssen. Die Annahme dahinter: Solche tariflichen Entlastungsregelungen führen in der Regel zu besseren Verhältniszahlen zwischen Pflegefachpersonen und Patient:innen. Den Abschluss sollte ab dem 1\. Januar 2025 die Konvergenzphase bilden. In der Einführungsphase würde je Haus die Differenz zwischen Soll- und Ist-Besetzung erhoben. Diese Daten sollten anschließend bundesweit zusammengeführt und zu einem einheitlichen Umsetzungsgrad verarbeitet werden. Über die schrittweise Anhebung dieses Umsetzungsgrades wollte man Anreize setzen, damit die Kliniken tatsächlich Personal aufbauen. Bei Unterschreitung der individuell festgelegten Vorgaben waren keine sofortigen harten Strafen vorgesehen, sondern zunächst ein Maßnahmenkatalog – greift dieser nicht, sollten Sanktionen folgen. ## Gemischte Reaktionen: Was Verbände am Eckpunktepapier loben und kritisieren Da das Dokument an verschiedene Stellen durchgesickert war, gab es bereits offizielle Stellungnahmen. Die Gewerkschaft ver.di bewertete das Papier ausdrücklich positiv und sprach von einem Erfolg, dass die PPR 2.0 nach Jahren endlich auf den Weg gebracht werde. ver.di hatte maßgeblich an der Entwicklung mitgewirkt und sah die eigenen Anliegen weitgehend berücksichtigt. Das Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler verband damit die Erwartung, dass eine konsequente Umsetzung sowohl die Arbeitsbedingungen in der Krankenhauspflege als auch die Versorgung verbessern werde. Die Einschätzung der Gewerkschaft kannst du in der [Pressemitteilung von ver.di](https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++fcbac1bc-fde2-11ec-b467-001a4a160129?ref=uebergabe.de) nachlesen. Deutlich kritischer fiel die Reaktion des AOK-Bundesverbands aus. Zwar wurde begrüßt, dass das Thema angegangen wird, doch die Vorrang-Regelung für tarifvertragliche Entlastungsvereinbarungen sah man skeptisch: Es bestehe die Gefahr, dass hauseigene Instrumente unter den Vorgaben der PPR 2.0 liegen könnten – also schlechter für das Personal ausfielen. Außerdem wurde bemängelt, dass der im Koalitionsvertrag angekündigte Qualifikationsmix in dem Papier nicht auftaucht. Eine Übersicht der unterschiedlichen Einschätzungen findest du in der [Zusammenstellung der Reaktionen auf Lauterbachs Drei-Stufen-Plan](https://www.bibliomed-pflege.de/news/gemischte-reaktionen-auf-lauterbachs-3-stufen-plan-zur-ppr-20?ref=uebergabe.de). Auch der GKV-Spitzenverband hielt die PPR 2.0 grundsätzlich nicht für das geeignete Instrument und betonte die Bedeutung eines Qualifikationsmixes, der auch akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen einbezieht. Die gesetzlichen Krankenkassen favorisierten stattdessen ein System, das auf digital erfassten Diagnosen und den daraus abgeleiteten Pflegemaßnahmen aufbaut – ein entsprechendes Entwicklungskonzept lag dem Bundesgesundheitsministerium nach Angaben des Verbands bereits seit einem halben Jahr vor. Mehr dazu steht im [Statement des GKV-Spitzenverbands](https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv%5Fspitzenverband/presse/pressemitteilungen%5Fund%5Fstatements/pressemitteilung%5F1464320.jsp?ref=uebergabe.de). Aus der pflegepolitischen Ecke meldeten sich ebenfalls prominente Stimmen. Die Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler, kritisierte, dass die Personaluntergrenzen im Papier gar nicht erwähnt werden, und forderte, dass der Deutsche Pflegerat in alle weiteren Umsetzungsschritte eingebunden wird. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft wiederum verlangte, mit der flächendeckenden Einführung der Pflegepersonalbemessung die als kleinteilig empfundenen Pflegepersonaluntergrenzen auszusetzen – eine Doppeldokumentation dort fortzuführen, wo nachweislich genug Pflegefachpersonen vorhanden seien, sei aus ihrer Sicht nicht sinnvoll. ## Bayern fordert im Bundesrat ein Förderprogramm für klimafreundliche Krankenhäuser Das zweite Thema rückt einen Aspekt in den Fokus, der im Gesundheitswesen lange wenig Beachtung fand: den Klimaschutz. Krankenhäuser verbrauchen rund um die Uhr Energie – für Strom, Wärme, Kälte und Druckluft. Entsprechend hoch ist ihr CO₂-Ausstoß, der nach den im Bundesrat genannten Zahlen etwa zweieinhalb Mal so hoch liegt wie bei einem vergleichbaren modernen Bürogebäude. Anlass für die Meldung war ein Vorstoß des bayerischen Gesundheitsministers Klaus Holetschek. Er machte im Bundesrat darauf aufmerksam, dass die Energiekosten in den Kliniken angesichts steigender Preise und der Inflation stark zunehmen – ein Problem, das gleichzeitig das Klima belastet und die Krankenhäuser finanziell unter Druck setzt. Holetschek forderte deshalb ein Förderprogramm von jährlich 500 Millionen Euro über drei Jahre und plädierte dafür, dass der Bundesrat den Bund zur Umsetzung auffordert. Allein in den bayerischen Kliniken bezifferte er das Einsparpotenzial auf rund eine Million Tonnen CO₂. Seine Argumentation lief darauf hinaus, dass Energieeffizienz zugleich Kosteneffizienz bedeute. Die vollständige Rede ist in der [Aufzeichnung aus dem Bundesrat](https://www.youtube.com/watch?v=0ry5m18MmLY&ref=uebergabe.de) zu sehen. Zum Zeitpunkt der Folge war noch offen, wie es mit der Initiative weitergeht. Festhalten lässt sich aber: Der Klimaschutz wird damit erstmals ausdrücklich auch als Thema des Gesundheitsbereichs benannt. Dass der unmittelbare Auslöser eher die steigenden Energiekosten waren, ändert nichts daran, dass Pflegefachpersonen die Folgen der Klimakrise im beruflichen Alltag zunehmend spüren werden – von Hitzewellen bis zu veränderten Versorgungsbedarfen. ## Zum Weiterhören - [PU030 – Grünes Licht für die PPR 2.0 / Qualifikationsmix mit akademisch Pflegenden](https://www.uebergabe.de/pu030/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) - [ÜG075 – Klima, Pflege und Gesundheit (Jessica Esser & David Vogel)](https://www.uebergabe.de/ug075/) --- ## Quellen - [ver.di begrüßt Eckpunkte zur Einführung bedarfsgerechter Personalvorgaben](https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++fcbac1bc-fde2-11ec-b467-001a4a160129?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [Reaktion auf Lauterbachs 3-Stufen-Plan zur PPR 2.0](https://www.bibliomed-pflege.de/news/gemischte-reaktionen-auf-lauterbachs-3-stufen-plan-zur-ppr-20?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [DKG zu den Eckpunkten zur Einführung der PPR 2.0](https://www.dkgev.de/index.php?id=130&tx%5Fnews%5Fpi1%5Bnews%5D=8867&tx%5Fnews%5Fpi1%5Bcontroller%5D=News&tx%5Fnews%5Fpi1%5Baction%5D=detail&cHash=0c5ccb6a301e62b0c5fe6d239d8061ef&ref=uebergabe.de) (dkgev.de) - [Statement des GKV-Spitzenverbands](https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv%5Fspitzenverband/presse/pressemitteilungen%5Fund%5Fstatements/pressemitteilung%5F1464320.jsp?ref=uebergabe.de) (gkv-spitzenverband.de) - [Eckpunkte: 3-Stufen-Modell für PPR 2.0](https://www.bda.de/presse/presseagentur/3060-eckpunkte-drei-stufen-modell-fuer-ppr-2-0.html?ref=uebergabe.de) (bda.de) - [Pressemitteilung - Holetschek stellt Klimainitiative vor ](https://www.stmgp.bayern.de/presse/holetschek-mehr-energieeffizienz-hilft-dem-klima-und-entlastet-unsere-kliniken-finanziell/?ref=uebergabe.de)(bayern.de) - [Rede im Bundesrat Klaus Holetschek](https://www.youtube.com/watch?v=0ry5m18MmLY&ref=uebergabe.de) (youtube.com) ### Pflegeentwicklung (Susanne Herzog) URL: https://www.uebergabe.de/ug097/ Last updated: 2026-06-13T11:42:54.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 09.07.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegeentwicklung bringt aktuelles Wissen in die Praxis – immer mit Blick auf die Patient:innen. - Die Aufgaben reichen von Fortbildung über Expertenstandards bis zur Hilfsmittelauswahl. - Erfolg hängt stark von der Haltung der Geschäftsführung und Pflegedirektion ab. - Praxis, Wissenschaft und Pädagogik gehören zusammen – „Better Together". - Pflegeentwicklung sollte fest verankert sein, nicht Privatsache eines Hauses. Stell dir vor, du befestigst ein neues Türschild an deinem Büro – „Pflegeentwicklung" – und der erste Kollege, der vorbeikommt, ein Chefarzt, hält an und stutzt: Klingt das nicht nach Entwicklungshilfe? Genau diese kleine Episode erzählt Susanne Herzog, als sie 2010 an einem großen Krankenhaus in Bielefeld ihre Stelle antritt. Sie hat darüber geschmunzelt – und genau dieser Moment bringt das Grundproblem auf den Punkt: Kaum jemand weiß so richtig, was Pflegeentwicklung eigentlich ist. In dieser Podcast-Folge nehmen wir dich mit hinter die Tür mit dem Schild und schauen uns an, was dort wirklich passiert. ## Wissen, das wirklich ankommt Susanne Herzog ist seit der Ausbildung 45 Jahre in der Pflege tätig – „noch Krankenschwester", wie sie sagt. Sie gehörte 1996 zu den allerersten Studierenden der Pflegewissenschaft an der [Universität Witten/Herdecke](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19697981/?ref=uebergabe.de) und arbeitete später in der Versorgungsforschung, unter anderem im bundesweiten Projekt „Schmerzfreies Krankenhaus" und am heutigen Deutschen Kinderschmerzzentrum in Datteln. Heute ist sie Pflegeentwicklerin – oder, wie es an manchen Häusern heißt, Pflegeexpertin. Für sie steckt im Begriff eigentlich ein Wort, das fehlt: weiter. Es geht um die *Weiterentwicklung* der professionellen Pflege. Die Pflegewissenschaft gibt es in Deutschland erst seit Anfang der 1990er-Jahre. In dieser kurzen Zeit ist viel neues Wissen entstanden – und es muss seinen Weg in die Praxis finden. Genau hier setzt Pflegeentwicklung an: aktuelle Erkenntnisse, Best-Practice-Wissen und – wo es sie schon gibt – belastbare Studienergebnisse so aufzubereiten, dass sie am Bett ankommen. Immer mit einem klaren Adressaten im Blick. > *„Es geht nicht um Eigenzweck. Es geht um den Patienten – und dass bei dem das neue Wissen, die neuen Kompetenzen auch ankommen müssen." — Susanne Herzog* ## Vom Türschild zur Stabsstelle: Wo Pflegeentwicklung andockt Am Patientenbett selbst findet Pflegeentwicklung in der Regel nicht statt – dafür bräuchte es deutlich mehr Köpfe. Susanne verweist auf das Universitätsspital Basel, das allein rund 50 Pflegeexpert:innen in der Praxisentwicklung beschäftigt. In Deutschland sieht das oft anders aus: An ihrem Haus stemmt sie vieles fast allein, auf einer 80-Prozent-Stelle. Pflegeentwicklung ist meist als Stabsstelle über den Stationen angesiedelt und arbeitet eng mit Pflegeexpert:innen zusammen, die direkt in der Versorgung tätig sind – etwa Pain Nurses, Schmerz- oder Wundexpert:innen oder Advanced Practice Nurses, idealerweise mit Masterabschluss. Die Verbindung zur Praxis hält Susanne vor allem über Bildung. Jeden Monat organisiert sie dreitägige Einarbeitungstage für neue Mitarbeitende – aus der Pflege, aber auch aus Hygiene oder Qualitätsmanagement. Seit 2019 gibt es zudem Trainee-Kurse für Menschen, die noch nicht wissen, wohin sie wollen: Über acht Monate lernen sie vier Stationen kennen, dazu kommen monatliche Reflexionsgespräche und Fortbildungstage. Susannes Lieblingsfrage dabei: Wie entscheidest du – und wie begründest du das? Dieses Begründen, sagt sie, habe sie in Witten verinnerlicht. ## Ein Baukasten voller Aufgaben Was Pflegeentwicklung konkret tut, lässt sich kaum auf eine Aufgabe reduzieren. Susanne hat sich jahrelang um die Einführung elektrischer Betten gekümmert – von der Erprobungsphase über die Auswahlkriterien bis zu Schulungen für den Umgang mit neuen Matratzen und Positionierungshilfen. Sie überarbeitet Verfahrensanweisungen, begleitet die Einführung der elektronischen Akte, ist Ansprechpartnerin in Netzwerken und wertet Dokumentationen aus. Angelika Zegelin und Sabine Bartholomeyczik haben es in einem Fachbeitrag treffend formuliert: Eigentlich bräuchte man für all diese Aufgaben eine ganze Abteilung. Drei Themen liegen Susanne besonders am Herzen: Schmerzmanagement, Dekubitusprophylaxe und Mobilitätsförderung – Felder, die eng zusammenhängen. Aus dem Projekt „Schmerzfreies Krankenhaus" weiß sie, dass Mobilisation und Lagerung zu den Hauptverursachern von Schmerzen gehören. Genau das sind Kernaufgaben der Pflege. Und genau hier zeigt sich, wie groß die Baustelle bleibt: Fast alle haben einen Kinästhetik-Kurs gemacht – doch der Transfer in den Alltag gelingt oft nicht. > *„Mobilitätsförderung ist echt immer noch eine ganz große Baustelle. An solchen kleinen Beispielen überlege ich mir dann am Schreibtisch: Wie kriegen wir das besser hin?" — Susanne Herzog* ## Was du als Pflegefachperson davon hast Bleibt die Frage, die sich jede stellt, die am Bett arbeitet: Was bringt mir das? Susanne nimmt als Beispiel die [Expertenstandards des DNQP](https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/?ref=uebergabe.de). Wer das eigene Berufsverständnis ernst nimmt – etwa im Sinne des ICN-Ethikkodex, der lebenslanges Lernen einfordert –, ist froh, dass es diese Standards gibt, statt genervt zu sein, dass jetzt auch noch dreimal täglich die Schmerzintensität erfasst werden soll. Beides gehört für sie zusammen: die Bereitschaft zur Fortbildung und das Wissen, das Pflegeentwicklung bereitstellt. Damit dieses Wissen überhaupt nutzbar wird, setzt das Haus inzwischen auf Online-Formate – die Expertenstandards laufen mittlerweile über dasselbe System wie die Pflichtfortbildungen, ergänzt um hauseigene Besonderheiten. Das ist eine bewusste Reaktion auf eine Realität, die Susanne deutlich benennt: Zu Präsenzveranstaltungen kommen kaum noch Leute. Viele sind erschöpft. Junge Kolleg:innen erzählen ihr, dass sie nach acht Diensttagen platt sind und keine Kraft für Zusatztermine haben. Digitale Formate sind hier eine echte Alternative. ## Eine Geschichte ohne gesetzlichen Auftrag Die Wurzeln reichen zurück in die Gründungszeit in Witten. Schon damals war die Pflegepraxis das erklärte Ziel – Persönlichkeiten wie Ruth Schröck betonten immer wieder, dass es nicht um theoretische Selbstbeschäftigung gehe, sondern um die Patient:innen. Von Anfang an gab es Kooperationen mit Kliniken und ambulanten Diensten, gemeinsame Projekte, Praxiseinsätze. Susanne erinnert sich an eine Pflegeanamnese in Lüdenscheid, bei der sie nicht stur die Tabelle abfragte, sondern ein Gespräch führte – und so herausfand, dass den Patienten nicht primär seine Verletzungen umtrieben, sondern das verschwundene Portemonnaie. Eine Lektion über das, was Pflege wirklich erfasst. Der entscheidende Unterschied zu anderen Bereichen: Anders als beim Qualitätsmanagement, das jedes Krankenhaus vorhalten muss, gibt es für Pflegeentwicklung keine gesetzliche Vorgabe. Sie entstand, weil engagierte Menschen die Notwendigkeit erkannten – nicht, weil die Politik es forderte. In der Schweiz, wo man später startete, heißt das längst „Praxisentwicklung" und ist vielerorts deutlich fester etabliert. In Deutschland leisten sich zwar immer mehr Kliniken eine Stabsstelle, doch wie sie ausgestaltet ist, hängt stark von der Haltung der Geschäftsführung und Pflegedirektion ab. > *„Es ist nicht systematisch eingeführt. Mein Wunsch wäre, dass die Einrichtung einer Stabsstelle Pflegeentwicklung keine Privatsache eines Krankenhauses ist." — Susanne Herzog* ## Akzeptanz, die man sich erarbeiten muss Wer in der Pflege etwas Neues macht, kennt die skeptischen Blicke. Schon während des Studiums hörte Susanne den Satz, Pflege sei eine Handlung und keine Wissenschaft. Interessanterweise waren es oft die Ärzt:innen, die nachfragten, was sie da studiere. In ihrer Rolle als Pflegeentwicklerin erlebte sie dann viel Wertschätzung, etwa wenn pflegerische Leitungen sie zu Teamsitzungen einluden, um Neuerungen zu erklären. Akzeptanz, das wird in der Folge deutlich, entsteht da, wo Praxis und Wissenschaft sich auf Augenhöhe begegnen – und nicht, wo Theorie von oben verordnet wird. Ein Schlüssel ist für Susanne die interprofessionelle Zusammenarbeit. Sie berichtet von einer Oberärztin der Neonatologie, die das Schmerzkonzept für Frühgeborene vorstellte und voller Anerkennung schilderte, wie viel die Pflegenden mit nicht-medikamentösen Maßnahmen erreichen – so viel, dass manche Kinder gar nicht mehr so früh intubiert werden müssen. Oder von einem Arzt, der sich über verstopfte Ernährungssonden ärgerte: Gemeinsam mit Ernährungsberatung und Hersteller entstanden binnen kurzer Zeit drei Lösungen, von Anleitungsordnern bis zu Fortbildungen. Pflegeentwicklung als Knotenpunkt im Netzwerk. ## Praxis, Wissenschaft und Pädagogik – Better Together Ein Begriff hat es Susanne besonders angetan: „Better Together". Sie hörte ihn in einem Vortrag von Rebecca Spirig von der Universität Basel, die ein Modell aus drei Säulen beschreibt – Management, Pflegeentwicklung und Pädagogik. Denn ein Expertenstandard wie der zum Schmerzmanagement ist eine dicke Schwarte; niemand arbeitet ihn nebenbei durch. Es braucht Menschen, die solches Wissen anwenderfreundlich aufbereiten. Gerade mit der generalistischen Pflegeausbildung und neuen Lernbedürfnissen jüngerer Generationen sieht Susanne hier großen Bedarf – auch wenn Pflegeentwicklung das nicht allein stemmen kann, sondern Konzepte und Ideen beisteuert. Dahinter steht ein größeres Bild, das sie „Gebäude der Pflege" nennt: ein systematischer Weg, der die frisch Examinierten ebenso abholt wie erfahrene Kolleg:innen, die sich spezialisieren oder studieren wollen. Bachelorabsolvent:innen verortet sie zunächst in der direkten Versorgung, wo sie Routine und Sicherheit gewinnen, bevor sie sich vertiefen. Dass Häuser dabei investieren müssen – in Studiengebühren, vor allem aber in passende Dienstpläne –, ist für sie selbstverständlich. Und genau diese Sichtbarkeit, so ihre Beobachtung, wird zunehmend zum Argument im Wettbewerb um Personal: Studierende achten darauf, ob ein Haus überhaupt Pflegeentwicklung anbietet. ## Woran sich Erfolg festmachen lässt Lässt sich Pflegeentwicklung eigentlich messen? Susanne nennt handfeste Beispiele: die komplette Umstellung auf elektrische Betten an zwei Standorten – ein Millionenprojekt, bei dem sie zu den treibenden Kräften gehörte. Oder die Einführung viskoelastischer Matratzen 2013, mit denen Dekubitusprophylaxe von der Aufnahme bis zur Entlassung betrieben wird. Dazu Positionierungshilfen, die gemeinsam mit den Teams getestet wurden – inklusive der Erkenntnis, dass die vom Hersteller empfohlene textilfreie Lagerung im Sommer schlicht zum Schwitzen führte. Bei auffälligen Fällen, etwa einem Dekubitus dritten oder vierten Grades, ist Pflegeentwicklung auch Ansprechpartnerin für den strukturierten Dialog mit dem [AQUA-Institut](https://www.aqua-institut.de/?ref=uebergabe.de). ## Wofür sich der Einsatz lohnt Zum Schluss wird Susanne grundsätzlich. Pflegeentwicklung sollte finanziell und strukturell so selbstverständlich zum Krankenhaus gehören wie das Qualitätsmanagement – und nicht je nach Wechsel in der Leitung wieder infrage stehen. Sie wünscht sich mehr interprofessionelle Zusammenarbeit, eine selbstständigere Pflege im Sinne von Vorbehaltsaufgaben und mehr Beratung, Information und Schulung als gelebte Praxis. Und sie richtet die Kritik ausdrücklich auch an die eigene Berufsgruppe: Es brauche mehr Lobbyist:innen, mehr Engagement, mehr Interesse daran, was Pflegeforschung und Pflegeentwicklung überhaupt leisten. Eine gemeinsame, klare Sprache der Pflege gehört für sie dazu – denn nur, wer einheitlich versprachlicht, kann auch überzeugend argumentieren. Was nach 45 Jahren bleibt, ist trotz aller Hürden Begeisterung. Susanne erinnert sich an einen Patienten, der ihr als junge Pflegende „Wunderhände" attestierte – und an die vielen Möglichkeiten, schon mit Präsenz, Zuwendung und nicht-medikamentösen Maßnahmen auf das Wohlbefinden einzuwirken. Genau das gibt sie heute weiter: dass Pflegende erstaunlich viel bewirken können. Und dass es ein toller Beruf ist – sogar an einem Freitagnachmittag. ## Zum Weiterhören - [ÜG072 – Praxisentwicklung in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug072/) - [ÜG061 – Mobilität und Bettlägerigkeit](https://www.uebergabe.de/ug061/) - [ÜG142 – Evidenzbasierte Praxisentwicklung](https://www.uebergabe.de/ug142/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes zur Folge - [Pflegeentwicklung im evangelischen Klinikum Bethel](https://evkb.de/patienten-besucher/pflege-therapie/pflege/pflege/?ref=uebergabe.de#collapse-2232) (evkb.de) - [Pflegeexpertinnen als Praxisentwicklerinnen: Ein Beispiel aus dem Universitätsspital Basel](https://www.unispital-basel.ch/fileadmin/unispitalbaselch/Direktionen/Med%5FDirektion/Pflege%5FMTT/Abteilungen/Projekte/Praxisentwicklung/Frei%5Fet%5Fal%5FPraxisentwicklung%5FPADUA%5F2012.pdf?ref=uebergabe.de) (unispital-basel.ch) - [ICN-Ethikkodex](https://www.dbfk.de/media/docs/download/Allgemein/ICN%5FCode-of-Ethics%5FDE%5FWEB.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Expertenstandards in der Pflege](https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/?ref=uebergabe.de) (dnqp.de) - [Aqua-Institut](https://www.aqua-institut.de/?ref=uebergabe.de) (aqua-institut.de) - [McCormack, B. u.a. (2009): Practice development: realising active learning for sustainable change. In: Contemp Nurse, 32(1-2):92-104](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19697981/?ref=uebergabe.de) (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov) ### Grünes Licht für die PPR 2.0 / Qualifikationsmix mit akademisch Pflegenden URL: https://www.uebergabe.de/pu030/ Last updated: 2026-06-13T22:07:03.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 02.07.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Lauterbach gibt der PPR 2.0 als Übergangsinstrument grünes Licht – Details bleiben offen. - Eckpunkte zur abteilungsspezifischen Umsetzung der PPR 2.0 sind vor der Sommerpause angekündigt. - Das Programm „360 Grad Qualifikationsmix" zeigt: Akademisch Pflegende lassen sich wirksam einbinden. In dieser kompakten Folge stehen zwei Themen im Mittelpunkt: ein lange erwartetes Signal aus dem Bundesgesundheitsministerium zur Personalbemessung im Krankenhaus und ein Modellprogramm, das zeigt, wie akademisch Pflegende sinnvoll in die Versorgung eingebunden werden können. Beides ist für dich relevant, wenn es um die Frage geht, wie viele Pflegefachpersonen mit welcher Qualifikation künftig am Bett arbeiten. ## Lauterbach gibt der PPR 2.0 grünes Licht Nach dem Regierungswechsel und monatelangen Spekulationen kam zum Zeitpunkt der Folge Bewegung in das Thema PPR 2.0 – eine aktualisierte Form der Pflegepersonalregelung, die viele aus früheren Krankenhauszeiten kennen und die in manchen Häusern bis heute zur Kalkulation der Personalkosten genutzt wird. Im Koalitionsvertrag hatte sich die Ampel vorgenommen, die PPR 2.0 kurzfristig als Übergangsinstrument zur verbindlichen Personalbemessung im Krankenhaus einzuführen. Danach blieb es zunächst lange still im Ministerium. Der Entwurf der PPR 2.0 ist ein Gemeinschaftsprojekt von ver.di, dem Deutschen Pflegerat und der Deutschen Krankenhausgesellschaft und wurde bereits Anfang 2020 vorgelegt. Die Krankenkassen lehnten ihn damals vehement ab, und auch Karl Lauterbach zeigte sich zunächst skeptisch – vor allem mit Blick auf den finanziellen Hebel: Bildet das Instrument den tatsächlichen Pflegebedarf realistisch ab, statt ihn wie bisher über die vergleichsweise pauschalen Pflegepersonaluntergrenzen zu bestimmen, entsteht ein zusätzlicher Bedarf an Pflegefachpersonen, der mehrere Milliarden Euro kosten dürfte. Wie genau das Instrument funktioniert, lässt sich gut nachvollziehen: Patient:innen werden täglich in vier Stufen der allgemeinen Pflege (A1 bis A4) und vier Stufen der speziellen Pflege (S1 bis S4) eingestuft. Zu den A-Leistungen zählen etwa Unterstützung bei Körperpflege, Mobilisation, Ernährung oder Ausscheidung, zu den S-Leistungen verstärkte Vitalzeichenkontrolle, Infusionstherapie oder spezielle Wundbehandlung. Hinzu kommen ein täglicher Grundwert pro Patient:in – im Normalfall 33 Minuten, bei Isolation deutlich mehr – sowie ein einheitlicher Fallwert, der Aufwände rund um Aufnahme und Entlassung berücksichtigt. Aus den so ermittelten Minutenwerten für die Tagschicht von 6 bis 22 Uhr lässt sich der rechnerische Stellenbedarf ableiten. Wer die genaue Einstufungslogik nachlesen möchte, findet sie im [Handout zur Einstufung nach der PPR 2.0](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/default/Mediapool/2%5FThemen/2.5.%5FPersonal%5Fund%5FWeiterbildung/2.5.0.%5FPPR%5F2.0/entwurf%5Fhandout%5Feinstufung%5Fppr2.0%5F200123.pdf). Am Rande der Gesundheitsministerkonferenz gab Lauterbach der Einführung schließlich grünes Licht, das BMG bestätigte dies am selben Tag. Offen blieb zum Zeitpunkt der Folge allerdings, wie und wann die PPR 2.0 konkret kommt; das Ministerium kündigte an, noch vor der Sommerpause Eckpunkte zur abteilungsspezifischen Umsetzung vorzulegen. DPR-Präsidentin Christine Vogler begrüßte den Schritt, forderte aber eine schrittweise Einführung – zunächst in den Kalkulationskrankenhäusern, dann bundesweit. Sie wies zugleich darauf hin, dass es neben der Erwachsenen-Version auch eine Kinder-PPR 2.0 sowie ein eigenes Instrument für die Intensivpflege gibt, da die PPR 2.0 zunächst nur für Normalstationen der Peripherie gilt. Für noch nicht erfasste Bereiche schlug sie vor, die Untergrenzen vorerst beizubehalten, um die „roten Linien" zum Schutz des Personals nicht zu unterschreiten. Mehr Hintergründe liefert der Bericht, dass das [Warten auf die PPR 2.0 ein Ende hat](https://www.kma-online.de/aktuelles/pflege/detail/das-warten-hat-ein-ende-die-ppr20-kommt-47912?ref=uebergabe.de). Wichtig für die Einordnung: Die PPR 2.0 ist als Übergangsinstrument gedacht. Parallel stand zum Zeitpunkt der Folge die Ausschreibung für ein wissenschaftlich valides Bemessungsinstrument aus, das ursprünglich 2025 starten sollte. Das zugehörige Konsenspapier lag bereits beim Ministerium – wer den Auftrag dafür erhält, war damals noch offen. ## Modellprogramm zeigt, wie der Qualifikationsmix mit akademisch Pflegenden funktioniert Die zweite Meldung knüpft direkt an ein Thema der vorherigen Folge an: Die HQGplus-Studie zur akademischen Pflegeausbildung in Deutschland hatte kritisiert, dass es zu wenige berufliche Perspektiven für akademisch Pflegende im klinischen Setting und besonders in der direkten Versorgung von Patient:innen gibt. Genau hier setzt das nun veröffentlichte Förderprogramm „360 Grad Qualifikationsmix in der Pflege" an, gefördert von der Robert Bosch Stiftung und durchgeführt vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP). Ziel war es, gangbare Wege für einen Qualifikationsmix in Deutschland zu beschreiben, der akademisch Pflegende systematisch einbindet und so zur Professionalisierung des Berufs beiträgt. Von 2019 bis Anfang 2022 entwickelten und erprobten sieben Projekteinrichtungen an acht Standorten neue Konzepte der erweiterten pflegerischen Versorgungspraxis. Beteiligt waren rund 50 Versorgungseinheiten in unterschiedlichen Settings – darunter ein Universitätsklinikum, eine psychiatrische Einrichtung, zwei Pflegeheime und ein ambulanter Pflegedienst. Das Fazit fällt positiv aus: Eine erweiterte pflegerische Versorgungspraxis mit Qualifikationsmix ist demnach machbar und effektiv – vorausgesetzt, sie wird nachhaltig implementiert. Dann zeigen sich laut den Autor:innen um Frank Weidner positive Wirkungen für Patient:innen und Pflegebedürftige ebenso wie für das Pflegeteam und die Organisation. Konkret übernehmen akademisch Pflegende in den Projekten vor allem die Etablierung einer evidenzbasierten, also wissenschaftlich fundierten Versorgung, planen und steuern komplexe Pflegeprozesse, beraten Patient:innen, Angehörige und Kolleg:innen und setzen Forschungs- und Entwicklungsprojekte um. Dabei unterscheiden sich die Rollen nach Qualifikationsniveau: Bachelor-Absolvent:innen waren eher als Pflegefachleitung im Einsatz und sorgten auf Stationen oder in Wohnbereichen für Qualifikationsverbesserungen und Innovation in der Praxis. Master-Absolvent:innen arbeiteten als Pflegeexpert:innen in einem speziellen Bereich, betreuten besonders komplexe Versorgungssituationen einer bestimmten Patientengruppe und trieben die Praxisentwicklung voran. Damit der Qualifikationsmix flächendeckend gelingt, hält das DIP nach eigenen Berechnungen mindestens 150.000 studierte Pflegende in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen für nötig. Die [vollständigen Ergebnisse des Abschlussberichts](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/publications/pdf/2022-06/abschlussbericht%5F360grad-20pflege%5Fqualifikationsmix.pdf) kannst du nachlesen, eine Einordnung bietet zudem der Beitrag dazu, dass [der Qualifikationsmix den Unterschied macht](https://www.springerpflege.de/versorgungsforschung/der-qualifikationsmix-macht-s/23186884?ref=uebergabe.de). ## Zum Weiterhören - [PU031 – Eckpunktepapier zur PPR 2.0 / Klimabewusstsein im Gesundheitswesen](https://www.uebergabe.de/pu031/) - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) - [ÜG080 – Verbleib von akademisiert Pflegenden (Prof.in Dr.in Änne-Dörte Latteck, Christian Grebe & Rüdiger Hoßfeld)](https://www.uebergabe.de/ug080/) --- ### Quellen - [PPR 2.0 kommt](https://www.kma-online.de/aktuelles/pflege/detail/das-warten-hat-ein-ende-die-ppr20-kommt-47912?ref=uebergabe.de) (kma.de) - [PPR 2.0 das Instrument](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/default/Mediapool/2%5FThemen/2.5.%5FPersonal%5Fund%5FWeiterbildung/2.5.0.%5FPPR%5F2.0/entwurf%5Fhandout%5Feinstufung%5Fppr2.0%5F200123.pdf) (dkgev.de) - [Robert Bosch Stiftung - 360Grad Qualifikationsmix](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/publications/pdf/2022-06/abschlussbericht%5F360grad-20pflege%5Fqualifikationsmix.pdf) (bosch-stiftung.de) - [Springer Pflege](https://www.springerpflege.de/versorgungsforschung/der-qualifikationsmix-macht-s/23186884?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) ### Digitalisierung in der Pflege (Stephanie Raudies & Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler) URL: https://www.uebergabe.de/ug096/ Last updated: 2026-06-13T11:42:52.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 25.06.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Digitalisierung ist keine technische, sondern eine soziale Innovation. - Pflege muss bei Entwicklung und Bewertung von Technik selbst mitreden. - Die Kernfrage lautet: Für wen und wozu digitalisieren wir? - Wahlfreiheit zwischen menschlicher und technischer Zuwendung muss erhalten bleiben. - Digitale Souveränität gelingt nur mit Bildung und gesellschaftlichem Diskurs. Pflege ist warm und menschlich, Digitalisierung ist kalt – so lautet ein hartnäckiges Vorurteil. Aber stimmt das überhaupt? Beim Übergabe-Podcast, live aufgezeichnet während der [Digitalen Woche in Osnabrück](https://digitalewoche-osnabrueck.de/?ref=uebergabe.de), haben sich zwei Menschen mit ganz unterschiedlichen Blickwinkeln genau dieser Frage gestellt: Stephanie Raudies, gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin, die heute in der Pflegeforschung arbeitet, und Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler, Pflegewissenschaftler am [Gesundheitscampus Osnabrück](https://www.hs-osnabrueck.de/gesundheitscampus/?ref=uebergabe.de) und selbst ehemals Pflegefachperson auf Intensivstationen. Ihr Fazit vorab: So einfach, wie das Vorurteil suggeriert, ist es nicht – und genau das macht das Thema so spannend. ## Was meinen wir überhaupt, wenn wir „Digitalisierung" sagen? Schon der Begriff selbst ist alles andere als eindeutig. Im engeren Sinne bedeutet Digitalisierung, Informationen und Wissen in Daten zu überführen, die sich digital verarbeiten lassen. Im weiteren Sinne aber meint sie etwas viel Grundsätzlicheres: Veränderung. Arbeitsprozesse verschieben sich, Situationen wandeln sich – und am Ende verändert sich sogar das Verständnis der Phänomene, mit denen Pflege täglich zu tun hat. Wie verstehen wir Fürsorge, wie Sorgearbeit, wenn ein Teil davon plötzlich digital gestützt übernommen werden kann? Diese Komplexität lässt erahnen, warum es so viel Raum zum Diskutieren gibt: Was ist eigentlich eine Qualitätsverbesserung, worin liegt der Nutzen – und vor allem: für wen? Dass Pflege schon immer mit Technik gearbeitet hat, geriet dabei fast in Vergessenheit. Der Blick in die Geschichte zeigt: Vom Fieberthermometer bis zur Infusionspumpe war Technologie immer Teil pflegerischen Handelns. Neu ist die Geschwindigkeit, mit der heute Hardware und Software in immer neuen Formaten in den Alltag drängen. ## Vom Zettel zur App: Wo Technik schon längst angekommen ist Besonders sichtbar wird die Entwicklung in der ambulanten Pflege. Wo Mitarbeitende früher mit einem Zettel losfuhren, auf dem Tour und Aufgaben standen, organisieren heute mobile Tourenbegleiter den Tag. Touren lassen sich KI-gestützt planen, Leistungsnachweise digital erfassen, Medikamente über intelligente Schränke per QR-Code sicher ausgeben. Auch in Krankenhäusern fahren Roboter durch die Gänge, holen Betten und Material, füllen Bestelllager auf – Aufgaben, die Pflegefachpersonen entlasten können, ohne sie aus der direkten Versorgung zu ziehen. Ein weiteres Feld ist die Fortbildung. Nach einem fordernden Schichtdienst noch stundenlang in einem Seminarraum zu sitzen, ist für viele kaum zu schaffen. E-Learning-Angebote wie der [Johanniter-Pflegecoach](https://johanniter-pflegecoach.de/?ref=uebergabe.de) lassen sich dagegen in den eigenen Alltag integrieren – dann, wenn die Kinder im Bett sind und etwas Ruhe einkehrt. Gleiches gilt für pflegende Angehörige, die sich digital schulen und befähigen lassen können. > *„Digitalisierung in der Pflege nimmt zum Glück immer mehr Fahrt auf – aber wir sollten sie nicht als pauschale Lösung oder Messias für alles sehen." — Stephanie Raudies* ## Die eigentliche Frage: Wem nützt das alles? Hier wird die Diskussion grundsätzlich. Denn der Nutzen liegt nicht einfach auf der Hand. Geht es darum, die Qualität von Pflege zu sichern? Den Zugang zu pflegerischen Leistungen zu verbessern? Pflegende zu entlasten? Oder schlicht darum, Kosten einzusparen und Personalmangel auszugleichen? Manfred Hülsken-Giesler warnt davor, Digitalisierung auf das letzte Argument zu verengen. Wer nur fragt, wie sich Personal ersetzen lässt, schöpft die Möglichkeiten nicht aus und beraubt sich der wichtigen Reflexion darüber, wohin sich Pflege eigentlich entwickeln soll. Spannend ist dabei eine selten gestellte Folgefrage: Was passiert mit der Zeit, die durch effizientere Touren oder digitale Tools frei wird? Wird sie genutzt, um im wirtschaftlichen Sinne „mehr zu produzieren" – oder kommt sie tatsächlich der Beziehung zwischen Pflegenden und Pflegebedürftigen zugute? Das ist keine technische, sondern eine Entscheidung, die Menschen treffen. Der scheinbare Sachzwang, der hier oft mitschwingt, ist in Wahrheit gestaltbar. Forschungsergebnisse zeigen ein ernüchterndes Muster: Es setzen sich vor allem jene Technologien durch, die das Controlling bedienen – also Planung, Steuerung und Abrechnung. Die klassische Pflegedokumentation etwa bedient bis heute überwiegend die Belange der Verwaltung, nicht die der Pflegearbeit selbst. Das ist nicht per se schlecht, wird aber problematisch, wenn Einrichtungssteuerung ausschließlich auf dieser Datenbasis erfolgt. ## Was sich nicht in Daten pressen lässt Damit verbunden ist eine tiefe fachliche Sorge. Pflege versucht seit Jahrzehnten, ihr Handeln in Taxonomien abzubilden – etwa über die [Pflegeinterventionsklassifikation NIC](https://www.hugendubel.de/de/buch%5Fgebunden/gloria%5Fm%5Fbulecheck-pflegeinterventionsklassifikation%5Fnic-41947881-produkt-details.html?ref=uebergabe.de) und verwandte Systeme. Doch genau dabei droht etwas verloren zu gehen: die Beziehungsarbeit, die Interaktion, das Zwischenmenschliche, das sich nicht restlos formalisieren lässt. Wer sein Handeln nur noch an dem ausrichtet, was digital erfassbar ist, riskiert Kollateralschäden. Denn die Tätigkeiten, die scheinbar „nebenher" laufen, sind oft die eigentlich wertvollen – und tauchen in keinem Katalog auf. Das Beispiel der vereinsamten 95-jährigen Dame, die zu Hause lebt und nur noch ihre Medikamentengabe erhält, macht es greifbar: Wenn jemand vorbeikommt, geht es längst nicht nur ums Abhaken einer Tablette. Es geht um Kontakt, um Zuwendung, um das Highlight des Tages. Eine digitale Lösung kann hier ergänzen – aber sie darf die persönliche Begegnung nicht ersetzen oder gar ausnutzen. ## Zwischen vier ethischen Prinzipien Genau an diesem Punkt wird es ethisch. In Medizin und Pflege gelten vier Leitprinzipien: Autonomie, Wohlbefinden, Nichtschaden und Gerechtigkeit. Das Problem: Sie können miteinander konkurrieren. Die Tochter sieht eine Situation vielleicht anders als der Hausarzt, die Physiotherapie, die Pflegende oder die betroffene Person selbst. Ethische Fragen lassen sich deshalb selten mit einem eindeutigen „gut" oder „schlecht" beantworten. Wie eindrücklich Technik wirken kann, zeigt der Dokumentarfilm [„Ich bin Alice"](https://www.youtube.com/watch?v=rSOALj29F-s&ref=uebergabe.de) der Universität Amsterdam, der einen kleinen Interaktionsroboter zu einsamen Menschen nach Hause bringt. Über den Verlauf des Films verändert sich das Gefühl der Zuschauenden ebenso wie das der Probandinnen – am Ende möchten manche den Roboter gar nicht mehr hergeben. Solche Beobachtungen werfen Fragen auf: Welche Stereotype reproduzieren wir, wenn wir Pflege als „warm" und Technik als „kalt" gegenüberstellen? Und welche Streichel- und Beziehungsmomente dürfen Maschinen übernehmen – und welche nicht? Ein dritter, brisanter Aspekt: die Gerechtigkeit. Es darf nicht passieren, dass technische Unterstützung allein deshalb nähergelegt wird, weil sie günstiger ist – während menschliche Zuwendung zum Privileg derer wird, die sie sich leisten können. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Bleibt eine echte Wahlfreiheit erhalten, ob jemand ein digitales Tool oder eine vergleichbare personelle Leistung in Anspruch nimmt? ## Akzeptanz ist keine Frage des Alters Ein verbreitetes Missverständnis lautet, ältere Menschen oder Pflegende seien grundsätzlich technikskeptisch. Akzeptanzstudien lösen das auf: Pflegefachpersonen sind nicht besonders kritisch – sie stellen schlicht die richtigen Fragen an eine Technologie. Bedient sie das, was tatsächlich zu tun ist? Wird sie so eingerichtet, dass sie handhabbar ist? Und werden die Nutzer:innen rechtzeitig einbezogen oder erst dann, wenn das Produkt längst fertig ist? Die Forschung zur Akzeptanz von Robotern, etwa im internationalen Vergleich in [Cosima Wagners Arbeit über Japan](https://www.nomos-shop.de/nomos/titel/robotopia-nipponica-id-86107/?ref=uebergabe.de), zeigt, wie stark der kulturelle Kontext mitspielt. In Deutschland bremsen wir uns dabei oft selbst aus – durch lückenhafte Datennetze und einen mitunter sehr strengen Datenschutz. Während der Corona-Pandemie wurde das schmerzhaft deutlich: Manche Pflegebedürftige sagten dringend nötige Einsätze aus Angst vor Ansteckung ab. Videotelefonie hätte hier Kontakt, Austausch und das Auffangen von Ängsten ermöglicht. In dünn besiedelten Regionen Skandinaviens sind Telemedizin und Telepflege längst Alltag – bei uns wird noch grundsätzlich diskutiert, ob wir sie überhaupt brauchen. ## Wer sitzt eigentlich am Tisch? Wenn über Digitalisierung in der Pflege entschieden wird, fehlt häufig eine entscheidende Stimme: die der Pflege selbst. Die öffentlichen Formate – ob Talkshow oder politische Runde – binden Pflegefachpersonen und Pflegewissenschaft kaum ein. Dabei braucht es einen Tisch mit vielen Expertisen: Pflege, Informatik, Technikentwicklung, Wissenschaft, Politik, Kommunen – und vor allem die Betroffenen. Hülsken-Giesler plädiert dafür, dass Pflege auf Augenhöhe ins „interdisziplinäre Konzert" der Technikentwicklung einsteigt: bei der Entwicklung, der Implementierung und der späteren Bewertung. Doch das erfordert Übung. Pflege müsse erst lernen, sich einzubringen und in Worte zu fassen, was gute Pflege ausmacht und was Technik dazu beitragen kann. Dafür braucht es Schon- und Lernräume in den Einrichtungen – Zeit und Ressourcen, die unter wirtschaftlichem Druck oft fehlen. > *„Wir sollten weniger fragen: Wer zahlt das, was verdient man daran? Und mehr fragen: Was gewinnen wir eigentlich durch diese Sorgearbeit?" — Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler* ## Eine Frage, die in der Grundschule beginnt Letztlich, da sind sich beide Gäste einig, ist Digitalisierung in der Pflege eine gesellschaftliche Aushandlung. Was ist uns Pflege wert? Wofür wollen wir künftig Geld ausgeben? Diese Fragen lassen sich nicht an die Technik delegieren. Der [Siebte Altersbericht](https://www.siebter-altenbericht.de/der-siebte-altenbericht/?ref=uebergabe.de) setzt stark auf das Bild der Sorgegemeinschaften – ein Konzept, das zu pervertieren droht, wenn Sorgearbeit unter der Hand wieder privatisiert und vermarktlicht wird. Spannend war die Idee, den Diskurs früh zu beginnen – nicht, um in der Grundschule über Roboter zu reden, sondern über Leben und Alter: Wie stellen wir uns das Leben mit Oma und Opa vor? Wie fühlt es sich an, wenn jemand ins Pflegeheim zieht? Wer früh eine Gesundheitskompetenz aufbaut und versteht, wie das Pflegesystem funktioniert, stellt später die richtigen Fragen – rechtzeitig, nicht erst, wenn es zu spät ist. ## Ein optimistischer Blick auf die nächsten zehn Jahre Trotz aller offenen Fragen blieben beide Gäste zuversichtlich – „naive Idealist:innen", wie sie sich selbst nannten. In zehn Jahren, so die Hoffnung, gehören Telepflege, Telemedizin und Telerehabilitation zum festen Alltag, fein auf individuelle Bedürfnisse abgestimmt. Vor allem aber soll die Pflege selbstbestimmt entscheiden, welche Technologien sie in ihre Arbeitsprozesse einbindet – Stichwort digitale Souveränität. Das gelingt nur, wenn das Thema Eingang in Aus-, Fort- und Weiterbildung findet. International gibt es seit 40 Jahren erstaunlich wenig Konsens darüber, welche Digitalkompetenzen für die Pflege relevant sind – hier muss dringend Dynamik rein. Und es braucht Pflegende, die sich aktiv an Forschung beteiligen: an Online-Befragungen, an Expert:innen-Interviews. Wer mitmacht, leistet einen wertvollen Beitrag, um Forschungsergebnisse und Technikentwicklung im Sinne der Pflege zu beeinflussen. Der Weg ist steinig, aber es ist ein Weg – und den lohnt es weiterzugehen. ## Zum Weiterhören - [ÜG006 – eHealth, Telecare & elektronische Pflegedokumentation - Cross-Production mit dem eHealth-Podcast](https://www.uebergabe.de/ug006/) - [ÜG016 – Demenz und Technologien (Dr. Jan Ehlers & Sven Kernebeck)](https://www.uebergabe.de/ug016/) - [ÜG001 – Digitalisierung, Update Pflegekammer, Pflegepersonalstärkungsgesetz (PpSG), Personaluntergrenzen](https://www.uebergabe.de/ug001/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes zur Folge - [Gesundheitscampus Osnabrück](https://www.hs-osnabrueck.de/gesundheitscampus/?ref=uebergabe.de) (hs-osnabrueck.de) - [Informationen zur Digitalen Woche Osnabrück](https://digitalewoche-osnabrueck.de/?ref=uebergabe.de) (digitalewoche-osnabrueck.de) - [Johanniter-Pflegecoach](https://johanniter-pflegecoach.de/?gclid=CjwKCAjw77WVBhBuEiwAJ-YoJE7%5FeurxkHZHHsAZVxYGtFLjpJZRfvrKlldnnGf6g4p51zpMmG-2MRoCCFkQAvD%5FBwE&ref=uebergabe.de) (johanniter-pflegecoach.de) - [Joanne M. Dochterman, Howard K. Butcher, Cheryl M. Wagner (2022) \[Hrsg.\]: Pflegeinterventionsklassifikation (NIC). 2., vollständig überarbeitete Aufl. Hogrefe Verlag](https://www.hugendubel.de/de/buch%5Fgebunden/gloria%5Fm%5Fbulecheck-pflegeinterventionsklassifikation%5Fnic-41947881-produkt-details.html?adcode=120R30F12M41D&gclid=CjwKCAjw77WVBhBuEiwAJ-YoJAwYqq8GNTFcB5BWBo9ALsBagedFOk9z-O1qbf5i31KfPHuwdCsdyBoCYBYQAvD%5FBwE&ref=uebergabe.de) (hugendubel.de) - [Shigemi Kamitsuru, T. Heather Herdman, Camila Lopes (2022) \[Hrsg.\]: NANDA-I-Pflegediagnosen: Definitionen und Klassifikation 2021-2023\. 3\. Auflage. Georg Thieme Verlag](https://www.hugendubel.de/de/buch%5Fkartoniert/nanda%5Fi%5Fpflegediagnosen%5Fdefinitionen%5Fund%5Fklassifikation%5F2021%5F2023-41952488-produkt-details.html?adCode=120R20D32S32H&gclid=CjwKCAjw77WVBhBuEiwAJ-YoJBk%5FzQSy7tuhIOKBS1oAfS6q5Ap0iYjajeFqyP6Ddyf8BUoM%5FQB8XRoCHSYQAvD%5FBwE&ref=uebergabe.de) (hugendubel.de) - [Cosima Wagner (2013): Robotopia Nipponica Recherchen zur Akzeptanz von Robotern in Japan. Tectum Verlag](https://www.nomos-shop.de/nomos/titel/robotopia-nipponica-id-86107/?ref=uebergabe.de) (nomos-shop.de) - [Filmtrailer "Ich bin Alice"](https://www.youtube.com/watch?v=rSOALj29F-s&ref=uebergabe.de) (youtube.com) - [Der Siebte Altenbericht](https://www.siebter-altenbericht.de/der-siebte-altenbericht/?ref=uebergabe.de) (siebter-altenbericht.de) ### HQGplus-Studie / Fehlende Intensivpflegekräfte / Streik-Update URL: https://www.uebergabe.de/pu029/ Last updated: 2026-06-17T19:52:34.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 18.06.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die HQGplus-Studie zeigt: Die Pflege-Akademisierung bleibt weit hinter den Empfehlungen zurück. - Auf Intensivstationen fehlen rund 23.000 Vollzeitstellen, um die Untergrenzen einzuhalten. - Das Gericht in Bonn erlaubt Verdi, den Streik am Uniklinikum fortzusetzen. Drei Themen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch alle das gleiche Grundproblem berühren: zu wenig Personal und zu wenig Perspektiven. Es geht um den Stand der Pflege-Akademisierung, um die Personallücke auf Intensivstationen und um ein Gerichtsurteil zum Pflegestreik aus Bonn. Die hier genannten Zahlen und Verfahren geben den Stand von Mitte 2022 wieder. ## HQGplus-Studie: Pflege-Akademisierung bleibt weit hinter den Empfehlungen zurück Die Forderung ist vielen geläufig: 10 bis 20 Prozent eines jeden Ausbildungsjahrgangs in den Gesundheitsberufen sollten akademisch qualifiziert sein, damit das Gesundheitswesen angemessen auf seine Bedarfe reagieren kann. Diese Empfehlung sprach der Wissenschaftsrat bereits [im Jahr 2012 aus](https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2411-12.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&v=4&ref=uebergabe.de). Schon damals war sie weit von der Realität entfernt – und die Frage war, ob sich rund zehn Jahre später etwas getan hat. Genau das hat die HQGplus-Studie untersucht, die „Studie zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitssystem". Sie ist ein Update der Empfehlungen von 2012 und wurde im Mai 2020 gestartet. Qualitativ und quantitativ wurden Daten zu den Qualifizierungswegen für die Hebammen-, Pflege- und Therapieberufe gesammelt und ausgewertet. Im Fokus standen dabei ausdrücklich die patientennahen Studiengänge – also jene, die darauf abzielen, dass die Absolvent:innen anschließend direkt am Menschen arbeiten. Ein Lichtblick: Das Angebot an Bachelor-Studiengängen mit patientennahem Qualifikationsziel und auch die Zahl der Studierenden haben sich weiterentwickelt. Beim Master sieht es dagegen mau aus – 2019 gab es deutschlandweit nur rund 20 entsprechende Masterstudiengänge. Noch deutlicher werden die Zahlen bei der Akademisierungsquote: Bezogen auf alle Studienformate waren 2019 nur 3,2 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs in der Pflege akademisiert. In den Hebammenwissenschaften lag der Wert mit 53,2 Prozent ungleich höher, was allerdings mit der inzwischen vorgeschriebenen akademischen Ausbildung zusammenhängt. Das Bundesinstitut für Berufsbildung kommt für die primärqualifizierenden Pflegestudiengänge – bei denen die Berufszulassung direkt mit dem Studium erworben wird – sogar nur auf eine Quote von 0,82 Prozent für 2020. Interessant ist auch, was nach dem Studium passiert. Von den Bachelor-Absolvent:innen der Jahrgänge 2017 bis 2019 nahmen die meisten direkt eine Tätigkeit in der Gesundheitsversorgung auf, rund ein Viertel entschied sich für ein weiteres Studium. Das oft gehörte Vorurteil, akademisch Pflegende wollten nur „weg vom Bett", greift damit zu kurz. Die Studie zeigt vielmehr: Spezifische Rollen und Aufgabenfelder für Bachelorabsolvent:innen sind kaum entwickelt, nur wenige Einrichtungen bieten überhaupt passende Stellenprofile an. Pflegewissenschaftlerin Christel Bienstein sieht hier die Politik in der Pflicht – solange Studiengänge nicht ausreichend finanziert und Praxiseinsätze nicht vergütet würden, bleibe Deutschland in dieser Hinsicht ein Entwicklungsland. Gleichzeitig brauche es Anreize für Arbeitgebende, entsprechende Stellenprofile und Vergütungsstrukturen zu schaffen. ## Intensivpflege: 23.000 Vollzeitstellen fehlen für die Mindestbesetzung Das zweite Thema untermauert mit Zahlen, was viele Pflegefachpersonen auf Intensivstationen seit Jahren erleben: Kolleg:innen fallen aus, sind krank oder kündigen – oft, weil sie kaum Perspektiven für sich und ihre Karriere sehen. Wo es geht, werden Betten gesperrt und Stationen zusammengelegt. Diese Bettensperrungen erfolgen meist, weil sonst die Pflegepersonaluntergrenzen im Intensivbereich nicht eingehalten werden können. Die liegen derzeit bei zwei Patient:innen pro Pflegefachperson im Tagdienst und drei im Nachtdienst. Dass der Betrieb dauerhaft an der Mindestbesetzung läuft, belegt nun eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung unter Leitung des Gesundheitsökonomen Michael Simon. Er hat die 2020 belegten Intensivbetten – im Schnitt etwa 21.000 von rund 28.000 möglichen – mit den besetzten Stellen für Intensivfachpersonal verglichen. Das Ergebnis: Um die rund 21.000 belegten Betten nach den Untergrenzen zu betreuen, bräuchte es etwa 51.000 Vollzeitstellen. Tatsächlich vorhanden sind aber nur rund 28.000\. Es klafft also eine Lücke von etwa 23.000 Vollzeitstellen – fast doppelt so viele, wie derzeit zur Verfügung stehen. Die [Untersuchung von Michael Simon](https://www.uebergabe.de/content/files/pdf/study%5F474%5Fsimon%5Fintensivpflege%5F.pdf) rechnet das im Detail vor. Anders gewendet: Mit dem aktuellen Personalstand dürften nach den Untergrenzen eigentlich nur rund 11.700 der 28.000 Intensivbetten genutzt werden – also müssten etwa 60 Prozent der Betten gesperrt sein. Da das offensichtlich nicht der Fall ist, lässt sich schließen, dass viele Stationen unterhalb der Untergrenze arbeiten. Und das ist nur die Mindestbesetzung: Wollte man den fachlichen Empfehlungen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) folgen, bräuchte es sogar rund 78.000 Vollzeitkräfte. Bemerkenswert ist die Schlussfolgerung der Untersuchung: Zwar hat Deutschland im internationalen Vergleich relativ viele Intensivbetten pro Einwohner:in. Michael Simon spricht sich aber gegen eine Reduktion der Kapazitäten aus. Da die Stationen offensichtlich ausgelastet und vielfach überlastet seien, sei von einem entsprechenden Versorgungsbedarf in der Bevölkerung auszugehen. Für Pflegefachpersonen heißt das vor allem: Die Zahlen geben dem Alltagsgefühl recht – und zeigen, dass dem Personalmangel mit kreativen Wegen begegnet werden muss, statt ihn weiter auszusitzen. ## Streik-Update: Gericht in Bonn erlaubt Fortsetzung des Pflegestreiks Beim Tarifstreit an den nordrhein-westfälischen Universitätskliniken hat sich etwas getan. Wer die Übergabe-Folge 94 oder die PflegeUpdate-Folgen 26 und 28 gehört hat, kennt den Hintergrund. Zum Zeitpunkt dieser Folge wurde bereits seit sieben Wochen gestreikt – und das Universitätsklinikum Bonn versuchte, die Streikmaßnahmen per einstweiliger Verfügung zu unterbinden. Das Klinikum argumentierte, der Arbeitskampf verstoße gegen die Friedenspflicht und sei wegen der fehlenden „Erstreikbarkeit" der Forderungen rechtswidrig. Außerdem brachte es ein in der Streikdebatte immer wiederkehrendes Argument vor: Der weitere Streik sei aus medizinischer Sicht im Interesse der Patient:innen nicht hinnehmbar. Das Gericht folgte dieser Sicht nicht und entschied, dass Verdi die Streikmaßnahmen weiterführen darf. Begründung: Die Tarifforderungen seien nicht bereits im geltenden Tarifvertrag enthalten, ein Verstoß gegen die Friedenspflicht liege daher nicht vor. Zudem gebe es Notdienstvereinbarungen, die von den Tarifparteien eingehalten würden. Die Einzelheiten der Entscheidung sind in der Meldung zur [gescheiterten einstweiligen Verfügung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/uniklinik-bonn-scheitert-mit-einstweiliger-verfuegung?ref=uebergabe.de) nachzulesen. Damit war die Sache aber noch nicht zwingend beendet: Das Universitätsklinikum prüfte zum damaligen Zeitpunkt, ob es Berufung einlegt. Verdi kritisierte das Vorgehen scharf – aus Sicht der Gewerkschaft umging das Klinikum die konstruktiven Verhandlungsgespräche und zog stattdessen vor Gericht. Für viele streikende Pflegefachpersonen war das Urteil ein wichtiges Signal, dass ihr Arbeitskampf rechtlich auf festem Boden steht. ## Zum Weiterhören - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) - [ÜG094 – Pflege streikt! (Paula Klaan)](https://www.uebergabe.de/ug094/) --- ## Quellen - [Akademisierung der Pflege kommt nicht voran](https://www.springerpflege.de/bildung/studium/akademisierung-kommt-nicht-voran/23139450?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [HQGplus-Studie Website Wissenschaftsrat](https://www.wissenschaftsrat.de/DE/Aufgabenfelder/Wissenschafts%5Fund%5FHochschulsystem/Medizin%5Fund%5FGesundheitsystem/Gesundheitsberufe/gesundheitsberufe%5Fnode.html?ref=uebergabe.de) (wissenschaftsrat.de) - [Empfehlung 2012](https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2411-12.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&v=4&ref=uebergabe.de) (wissenschaftsrat.de) - [HQGplus-Studie Pressemittelung](https://www.wissenschaftsrat.de/download/2022/pm%5F1322.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&v=7&ref=uebergabe.de) (wissenschaftsrat.de) - [HQGplus-Studie Ergebnisbericht](https://www.wissenschaftsrat.de/download/2022/9541-22.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&v=13&ref=uebergabe.de) (wissenschaftsrat.de) - [Lücke von bis zu 50.000 Pflegekräften auf Intensivstation](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Pflege?s=&p=1&n=1&nid=134726&ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) - [Pflegepersonaluntergrenzen Website Gesundheitsministerium ](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/pflege/pflegepersonaluntergrenzen.html?ref=uebergabe.de)(bundesgesundheitsministerium.de) - [Pflegenotstand auf Intensivstationen Untersuchung Simon](https://www.uebergabe.de/content/files/pdf/study%5F474%5Fsimon%5Fintensivpflege%5F.pdf) (boeckler.de) - [Uniklinik Bonn scheitert mit einstweiliger Verfügung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/uniklinik-bonn-scheitert-mit-einstweiliger-verfuegung?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) ### Empathie in der Pflege (Ludwig Thiry) URL: https://www.uebergabe.de/ug095/ Last updated: 2026-06-17T08:49:45.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 11.06.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - empCARE ist ein empathiebasiertes Entlastungskonzept für Pflege- und Gesundheitsberufe. - Emotionale Dissonanz zählt zu den Hauptursachen für Belastung in personenbezogenen Berufen. - Hinter herausforderndem Verhalten steckt immer ein Bedürfnis – auch bei dir selbst. - Das Training reduziert Burnout, Depressivität und Somatisierung. - Kernbotschaft: Nimm dich genauso wichtig wie deine Patient:innen. „Du musst das hier abkönnen, du musst wegstecken können – sonst bist du im Pflegeberuf falsch.“ Diesen Satz hast du vielleicht schon einmal gehört. Er klingt nach Härte, nach Professionalität, nach gesundem Selbstschutz. Doch genau dieser Satz steht für ein Problem, das viele Pflegefachpersonen tagtäglich erleben – und das langfristig krank machen kann. Über dieses Phänomen und einen erstaunlich anderen Umgang damit gibt Ludwig Thiry Auskunft. Er ist gelernter Krankenpfleger, hat Erwachsenenbildung studiert und arbeitet seit 2007 im Bildungszentrum der Uniklinik Köln in der Fort- und Weiterbildung. Zwischen 2015 und 2019 wirkte er an einem geförderten Projekt mit, aus dem ein bemerkenswertes Konzept hervorgegangen ist: [empCARE](http://www.empcare.de/?ref=uebergabe.de). ## Wenn Empathie zur Bürde wird Der Name verrät schon viel: „emp“ steht für Empathie, „CARE“ für Sorge beziehungsweise Pflege. empCARE ist ein empathiebasiertes Entlastungskonzept – entwickelt vor allem für Pflegende, geeignet aber für alle Gesundheits- und Sozialberufe. Bevor verständlich wird, wie Entlastung funktioniert, lohnt die Frage, was Empathie überhaupt ist. Im Konzept wird sie verstanden als das Verstehen und Mitfühlen der Gefühle einer anderen Person. Das hat zwei Seiten: eine kognitive Komponente, mit der man erkennt und benennt, welches Gefühl das Gegenüber hat, und eine affektive Komponente, bei der dieses Gefühl in einem mitschwingt. Entscheidend ist dabei ein Punkt, der oft übersehen wird: die sogenannte Selbst-andere-Differenzierung. Man ist sich bewusst, dass das gespürte Gefühl nicht das eigene ist, sondern zur anderen Person gehört. Fehlt diese Trennung, bleibt es bei reiner Gefühlsansteckung – und die ist eben nicht dasselbe wie Empathie. ## Ein kleines Gedankenexperiment Ein Beispiel: Spätdienst auf einer internistischen Station. Eine Kollegin fehlt, Ersatz gibt es wie so oft nicht, es muss richtig zugepackt werden. Zur Pflegegruppe gehört ein 27-jähriger Patient, der wegen einer schweren chronischen Darmerkrankung eine Darmresektion bekommen hat, danach eine Sepsis durchmachte und nun in schwachem Zustand auf die Anschlussheilbehandlung wartet. Er hat einen Stomabeutel. Und jetzt klingelt er zum vierten Mal innerhalb einer Stunde: Tee ins Bett verschüttet, der Stomabeutel ist abgeplatzt, Stuhl ist ins Bett geflossen. Was ist der allererste Gedanke? Bei den meisten schießt nicht „Wie kann ich helfen?“ durch den Kopf, sondern eher: „Och nee. Echt jetzt?“ Vielleicht auch „Warum immer ich?“. Dazu gesellen sich Gefühle wie Frust, Stress, Druck. Und trotzdem fällt nach außen wahrscheinlich etwas ganz anderes: „Ich kümmere mich sofort drum, kleinen Augenblick.“ Der Frust wird dem Patienten gegenüber nicht ausgelebt – weil das nicht zur Rollenerwartung an Pflegende passt. ## Emotionale Dissonanz – der unsichtbare Kraftakt Genau dieser Spagat hat einen Namen: emotionale Dissonanz. Reaktive Gefühle wie Frust oder Druck stehen neben der Verzweiflung des Patienten, die womöglich mitschwingt – und nach außen folgt eine beschwichtigende, „pseudoempathische“ Reaktion, wie es im Konzept heißt. Sätze wie „Ist nicht so schlimm, das wird schon wieder“ sind solche Beruhigungsformeln. Sie helfen, die Situation schnell zu glätten und sich wieder herauszuziehen. Das ist kein Versagen, sondern ein wichtiger Schutzmechanismus – schließlich lässt sich nicht auf jede emotional herausfordernde Situation einlassen. Das Problem entsteht, wenn dieser Kraftakt zum Dauerzustand wird. Pflegende sind oft so sozialisiert, ihre Gefühle zu beherrschen, dass sie diese irgendwann gar nicht mehr wahrnehmen – sie werden ins Unbewusste verdrängt. Die Arbeitssoziologie sieht in der emotionalen Dissonanz einen der Hauptgründe für Belastungserleben in Dienstleistungsberufen. Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Sommer 2022 hatte die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gerade eine Studie veröffentlicht, nach der in personenbezogenen Berufen – Pflege, Erziehung, Bildung – je nach Anforderungsprofil bis zu 59 Prozent der Beschäftigten hohe emotionale Anforderungen angeben. Die Empfehlung: dieses Phänomen in Arbeitsschutzmaßnahmen einbeziehen. Genau hier setzt empCARE an. > *„Empathie verstehen wir als Handwerkszeug, um die Situation eines Patienten oder einer Patientin besser zu verstehen, um dann zu guten Lösungen für pflegerische Probleme zu kommen.“ — Ludwig Thiry* ## Kein Defizit, das repariert werden muss Viele kommen mit einer falschen Erwartung ins Seminar: Hier soll wohl ein angebliches Empathie-Defizit behoben werden. Manche werden sogar von Vorgesetzten geschickt – nach dem Motto, sie seien „nicht empathisch genug“. Doch das ist ausdrücklich nicht der Ansatz. empCARE geht davon aus, dass Menschen in der Pflege eine hohe Empathiefähigkeit und -bereitschaft mitbringen. Es geht nicht darum, sie noch empathischer zu machen, sondern darum, das Repertoire im Umgang mit der eigenen Empathie zu erweitern – und vor allem die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wieder in die Interaktion zu integrieren. Das ist eine entscheidende Verschiebung. Statt sich von der Beziehung wegzubewegen, geht man stärker hinein. Beim jungen Patienten mit dem Stoma zeigt sich das: Er soll lernen, den Beutel selbst zu wechseln, ekelt sich aber davor und macht sich Sorgen um seine Zukunft – also verweigert er. Je mehr auf ihn eingeredet wird, desto mehr Widerstand entsteht. Wer dagegen versteht, welche Emotionen und Bedürfnisse hinter der Verweigerung stecken, findet tragfähige Lösungen. Empathie wird so zur Technik, nicht zur Selbstaufopferung. ## Hinter jedem Verhalten steckt ein Bedürfnis Im Training arbeitet empCARE mit dem Empathie-Pseudo-Empathie-Prozessmodell, das im Rahmen des Projekts von Viktoria Schönefeld an der Universität Duisburg-Essen detailliert beschrieben wurde. Jede empathische Episode beginnt mit einer Wahrnehmung. Blitzschnell und unbewusst entsteht ein erstes inneres Bild der Situation, begleitet von Emotionen – parallelen, die vom Gegenüber überspringen, und reaktiven, die in einem selbst entstehen. In Sekundenbruchteilen folgt die Bewertung: Ist die Situation angenehm oder unangenehm? Fühle ich mich ihr gewachsen? Daraus folgt die Entscheidung, sich einzulassen oder sich – pseudoempathisch – herauszuziehen. Der zentrale Gedanke: Hinter emotional herausforderndem Verhalten steckt immer ein Bedürfnis. Egal, ob jemand weint, schimpft oder aggressiv wird – und oft ist dieses Bedürfnis der Person selbst nicht bewusst. Ludwig Thiry erzählt von einer onkologischen Patientin, die das ganze Team mit ständiger Nörgelei zur Weißglut trieb: Das Essen zu kalt, das Bett nicht gewechselt, alles falsch. Irgendwann spiegelte er ihr behutsam, sie wirke richtig verbittert. Sie fing sofort an zu weinen – und es kam heraus, dass sie sich vor ihrem Tod noch mit ihrer Schwester aussöhnen wollte und nicht wusste, wie. Ein Gespräch von fünf Minuten, und das ganze Gemecker war ausgeräumt. Wichtig ist Thiry dabei: empCARE ist keine Psychotherapie-Ausbildung. Es geht nicht darum, tief in Menschen einzudringen. Im Vordergrund steht etwas anderes – nämlich die eigene Wahrnehmung zu schärfen: Was macht ein bestimmtes Verhalten mit mir? Welches Gefühl wird in mir wach, welches Bedürfnis steckt dahinter? In einer Fallbesprechung stellte sich etwa heraus, dass hinter dem schlechten Gefühl einer überforderten Nachtschicht-Kollegin das Bedürfnis nach Unterstützung im Team stand – und schon war man mitten im Thema Teamkultur. > *„Der eigentliche wichtige Anteil von empCARE ist nicht, die Kommunikation mit Patient:innen zu verbessern – das ist eine Nebenwirkung, die wir gern in Kauf nehmen. Es geht vor allem darum, dass die Pflegenden sich besser wahrnehmen und Wege finden, ihren Bedürfnissen nachzugehen.“ — Ludwig Thiry* ## Vom Forschungsprojekt zum Training Das Konzept ist kein Bauchgefühl, sondern wissenschaftlich evaluiert. Das Projekt lief von 2015 bis 2019 an den Unikliniken Köln und Bonn sowie bei einem Kölner Intensivpflegedienst, wissenschaftlich begleitet von der Universität Duisburg-Essen. Aus einer vier Tage langen Schulungsversion für Pflegeschulen wurde ein zweitägiges Intensivtraining für berufserfahrene Pflegefachpersonen, ergänzt um mindestens ein Coaching sechs bis acht Wochen später. In einem Folgeprojekt mit der Barmer, das zum Aufnahmezeitpunkt an der Uniklinik Köln lief, kamen Fallbesprechungen direkt auf den Stationen hinzu – mit dem Ziel, dass Teams sie eigenständig weiterführen. Die Evaluation umfasste rund 460 Pflegende, davon knapp 280 in der Trainingsgruppe, dazu eine Kontrollgruppe. Befragt wurde mehrfach – vor dem Training, unmittelbar danach und bis zu zwölf Monate später. Die Ergebnisse: ein besseres Verständnis empathischer Mechanismen, weniger Burnout-Erleben, geringere Depressivität und weniger Somatisierung, also weniger körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Rückenschmerzen. Spannend ist ein Detail: Herausfordernde Patient:innen werden nicht etwa als weniger herausfordernd erlebt. Verändert hat sich aber das Verhältnis zum Gefühl von Zeitdruck und zu den eigenen Ansprüchen – es normalisierte sich. Und genau das Kernziel wurde erreicht: eine verbesserte Wahrnehmung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Wer tiefer einsteigen möchte, findet die Ergebnisse im [Arbeitsbuch zum Konzept](https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-59472-8?ref=uebergabe.de), das das gesamte Training mit allen Einheiten beschreibt. ## Was eine Station braucht, damit es gelingt Für eine einzelne Pflegefachperson kann das Training schon viel bewegen. Doch Thiry rät, nicht am Tag danach euphorisch loszulegen, wenn das Team nicht mitzieht: Schütze dich davor, dich in einer womöglich rauen Teamkultur angreifbar zu machen, und achte zunächst auf dich selbst. Damit das Konzept nachhaltig wirkt, braucht es Rückhalt – idealerweise das Okay der Pflegedirektion und eine Teamleitung, die wirklich etwas verändern will. Krankenhäuser sind ohnehin verpflichtet, psychische Belastungen zu erfassen, und in der Pflege fallen diese Werte regelmäßig hoch aus. empCARE kann hier ein konkreter Ansatz sein. Wo ganze Teams geschult werden, verändert sich die Kultur spürbar. Eine schöne Rückmeldung lautete: „Wir reden noch nicht anders mit den Patient:innen, aber wir reden anders über sie.“ Fängt jemand in der Übergabe an zu lästern, kommt eher die Frage: Was steckt eigentlich dahinter, warum nervt uns dieser Mensch so? Geeignet ist das Training übrigens für nahezu alle Settings – von der somatischen Station über die Intensivstation und die Psychiatrie bis in die Langzeitpflege. Eine Grenze gibt es derzeit aber: Bei Menschen, die sich verbal nicht artikulieren können – etwa nach einem Schlaganfall oder bei demenziellen Erkrankungen – stößt das Konzept an Grenzen. Hier soll es künftig weiterentwickelt werden. ## Mehr Trainer:innen, mehr Reichweite Weil das Projekt öffentlich gefördert war, sind die Inhalte zugänglich – sowohl über das Buch als auch über Schulungsangebote. Zum Aufnahmezeitpunkt war das erste [Train-the-Trainer-Seminar](https://ukbmittendrin.de/training-und-coaching-fuer-pflegende-empcare-train-the-trainer/?ref=uebergabe.de) für Juni geplant, ursprünglich früher vorgesehen und durch die Pandemie verschoben. Dort werden künftige Trainer:innen ausgebildet, die das Training erst selbst erleben und dann in einem geschützten Rahmen das Moderieren üben. Für Selbstständige ist dabei auch interessant: Weil empCARE wissenschaftlich evaluiert ist, lässt es sich häufig über Präventionsmaßnahmen der Krankenkassen refinanzieren. Wer einen anschaulichen Einstieg in das Thema sucht, findet zudem eine frei zugängliche [Präsentation zu Empathie](https://www.uebergabe.de/content/files/details/bundestagung-2017.pdf). ## Die wichtigste Botschaft zum Schluss Manche Teilnehmende haben den Kontakt zu sich selbst so weit verloren, dass sie in Übungen kaum noch benennen können, was sie in einer Situation gefühlt haben – und das sind ausdrücklich nicht nur die Älteren. Genau dann wird es gefährlich für die eigene Psyche. Übrigens wirkt der Ansatz auch über den Beruf hinaus: Es gibt Erzählungen, in denen Teilnehmer:innen das Gelernte privat anwenden und damit ihre Beziehungen neu gestalten. Thiry spricht von einem emanzipatorischen Charakter. Seine Takeaway-Botschaft ist denkbar klar: > *„Schaut auf euch. Achtet auf euch und nehmt euch genauso wichtig wie eure Patientinnen und Patienten.“ — Ludwig Thiry* Vielleicht ist das der eigentliche Kern von empCARE: Empathie ist keine Einbahnstraße, an deren Ende man sich selbst verliert. Sie funktioniert nur dann auf Dauer, wenn auch die eigenen Gefühle und Bedürfnisse ernst genommen werden. Warum fühle ich mich gerade so, wie ich mich fühle? Diese Frage ist kein Luxus – sie ist Selbstschutz. Und sie ist die Voraussetzung dafür, gute Pflege leisten zu können, ohne daran zu zerbrechen. ## Zum Weiterhören - [ÜG165 – Moralischer Distress in der Intensivpflege](https://www.uebergabe.de/ug165/) - [ÜG090 – Heilen mit Humor](https://www.uebergabe.de/ug090/) - [ÜG126 – Safewards - ein Konzept für die psychiatrische Pflege](https://www.uebergabe.de/ug126/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [empCare Homepage](http://www.empcare.de/?ref=uebergabe.de) - [empCARE - das Buch zum Konzept](https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-59472-8?ref=uebergabe.de) - [empCARE | MEgA](https://gesundearbeit-mega.de/projekt/empcare?ref=uebergabe.de) - [Projekt empCARE: Sehenswert: Pflegepersonal entlasten - BMBF Zukunft der Wertschöpfung](https://www.zukunft-der-wertschoepfung.de/de/projekt-empcare-sehenswert-pflegepersonal-entlasten-2168.html?ref=uebergabe.de) - [Training und Coaching für Pflegende: empCARE – Train the Trainer – ukb mittendrin](https://ukbmittendrin.de/training-und-coaching-fuer-pflegende-empcare-train-the-trainer/?ref=uebergabe.de) - [„Wir lenken den Blick der Pflegenden auf sich selbst“ – Pflege Professionell](https://pflege-professionell.at/wir-lenken-den-blick-der-pflegenden-auf-sich-selbst?ref=uebergabe.de) - [Empathie Präsentation zu Empathie](https://www.uebergabe.de/content/files/details/bundestagung-2017.pdf) ### Streikupdate / Pflegebonus / Fachkräftemangel weltweit URL: https://www.uebergabe.de/pu028/ Last updated: 2026-06-17T08:18:35.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 04.06.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Streik an sechs NRW-Unikliniken läuft seit vier Wochen, Tarifverhandlungen wurden wieder aufgenommen. - Der Bundestag hat den Pflegebonus beschlossen – mit Kritik an Höhe und begrenztem Empfängerkreis. - Weltweit fehlen laut Lancet-Studie mindestens 43 Millionen Gesundheitsfachkräfte. Drei Themen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: der anhaltende Streik an den Unikliniken in Nordrhein-Westfalen, der frisch beschlossene Pflegebonus und ein Blick über den Tellerrand hinaus auf den weltweiten Fachkräftemangel im Gesundheitswesen. ## Streik an den sechs NRW-Unikliniken geht in Woche vier Eine große Übergabe-Folge hatte bereits ausführlich über den Streik der sechs Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen berichtet – Christian sprach dort gemeinsam mit Paula Klaan vom Universitätsklinikum Münster über die Hintergründe und die Forderung nach einem Tarifvertrag Entlastung. Wer die Details noch einmal nachhören möchte, findet sie [in dieser Folge](https://www.bibliomed-pflege.de/news/debatte-um-pflegestreik-nimmt-fahrt-auf?ref=uebergabe.de). Der Streik verdient weitere Aufmerksamkeit, weil er in den großen Medien zunächst kaum jene Beachtung bekam, die ihm zustünde. Zum Zeitpunkt dieser Folge Anfang Juni 2022 befinden sich die Streikenden bereits in Woche vier. Das gestellte Ultimatum war Anfang Mai zum Tag der Arbeit ausgelaufen, woraufhin die Kliniken in Aachen, Bochum, Bonn, Essen, Köln und Münster in den Ausstand traten. Seit Streikbeginn sichern sogenannte Notdienstvereinbarungen die Versorgung ab. Die Tarifverhandlungen mit der rund 200-köpfigen Tarifkommission begannen in Woche drei – wenige Tage später unterbrach die Arbeitgeberseite am 24\. Mai die Gespräche mit dem Argument, die Versorgung sei durch die Notdienstvereinbarungen nicht ausreichend gewährleistet. Wie sehr die [Debatte um den Pflegestreik Fahrt aufgenommen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/debatte-um-pflegestreik-nimmt-fahrt-auf?ref=uebergabe.de) hat, zeigte sich auch am internen Druck: In einem über soziale Medien verbreiteten Brief forderten andere Berufsgruppen, sich nicht weiter am Streik zu beteiligen, weil die sensible Versorgung an den Maximalversorgern nicht mehr von umliegenden Häusern aufgefangen werden könne. Den Streikenden ist diese Verantwortung bewusst – das wurde auch im Interview deutlich. Gleichzeitig sehen sie keine andere Möglichkeit, eine akute Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erreichen. Am Freitag, den 27\. Mai, nahmen beide Seiten die Gespräche wieder auf und einigten sich auf acht weitere Verhandlungstermine bis Mitte Juni. Die Gewerkschaft ver.di kam der Arbeitgeberseite dabei entgegen und erklärte sich bereit, zunächst auf weitere Bettenschließungen zu verzichten und den Kreis der zu versorgenden Patient:innen in den Notdienstvereinbarungen zu erhöhen. Wie die [Verhandlungen zum Tarifvertrag Entlastung fortgesetzt](https://nrw.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++1cc6a02c-dda7-11ec-983e-001a4a160100?ref=uebergabe.de) wurden, ist in den Mitteilungen der Gewerkschaft nachzulesen. Gerade in einem so sensiblen Bereich wie der Patient:innen-Versorgung an Maximalversorgern ist die Kompromissfindung entscheidend, um Akzeptanz für das übergeordnete Ziel zu erhalten. Davon halten sich die Streikenden aber nicht abbringen: Erst am Vortag dieser Aufnahme fand in Köln eine größere Aktion mit rund 1.500 Teilnehmenden statt – eine beachtliche Zahl, über die sogar die Tagesthemen berichteten. Bemerkenswert bleibt, dass über den [inzwischen über einen Monat andauernden Streik an den Unikliniken](https://nrw.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++cf116524-e0c6-11ec-b717-001a4a160100?ref=uebergabe.de) teilweise sogar internationale Medien intensiver berichteten als manche deutsche Nachrichtensendung. Hintergründe und aktuelle Aktionen bündelt zudem die Website [Notruf Entlastung NRW](https://notruf-entlastungnrw.de/?ref=uebergabe.de). ## Pflegebonus vom Bundestag beschlossen – mit deutlichen Lücken Lange war der Pflegebonus heiß diskutiert: von einigen Seiten gefordert, von anderen kritisiert, weil er nicht das richtige Mittel sei, um die hohe Belastung während der Corona-Pandemie zu kompensieren. Zum Zeitpunkt dieser Folge ist nun das Pflegebonusgesetz vom Bundestag verabschiedet worden, sodass der Corona-Bonus tatsächlich kommen kann. Insgesamt ist eine Milliarde Euro vorgesehen. Das Gesetz sollte damals Ende Juni 2022 in Kraft treten – sofort auf dem Konto landet das Geld also noch nicht, aber demnächst. Zur Einordnung der damals geplanten Beträge: Mitarbeitende in der Altenpflege konnten mit bis zu 550 Euro rechnen, Pflegefachpersonen im Krankenhaus mit rund 1.700 Euro und Beschäftigte in der Intensivpflege sogar mit bis zu 2.500 Euro. Hintergrund der Staffelung ist die Annahme, dass die Belastung im Krankenhaus höher ausfiel als in der Altenpflege – eine Einstufung, über die sich durchaus streiten lässt. Die Details der Regelung hatte die Bundesregierung im Zuge des [beschlossenen Bonus für Pflegekräfte](https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/bonus-fuer-die-pflege-2021574?ref=uebergabe.de) dargestellt. Wie schon bei früheren Diskussionen drehen sich die kritischen Stimmen um altbekannte Punkte. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft bezeichnete das Vorhaben als enttäuschend und vermisste echte Ambitionen, weil es bei einem einmaligen Bonus bleibe, statt nachhaltige Wege zur Verbesserung der Pflege einzuschlagen. Warum das Gesetz aus dieser Sicht [mehr Rückschritt als Fortschritt](https://www.springerpflege.de/politik/mehr-rueckschritt-als-fortschritt/22399656?fulltextView=true&ref=uebergabe.de) bedeutet, wurde in der Fachpresse ausführlich beleuchtet. Besonders relevant: Nicht alle Beschäftigten profitieren. Nur rund 837 Krankenhäuser galten als anspruchsberechtigt – bei insgesamt etwa 1.900 Krankenhäusern in Deutschland. Es kann also gut sein, dass Pflegefachpersonen leer ausgehen, obwohl sie subjektiv eine hohe Belastung durch die Pandemie erlebt haben. Rundum ein eher kleiner Wurf, von dem zu hoffen bleibt, dass bei möglichst vielen tatsächlich etwas ankommt. ## Lancet-Studie: weltweit fehlen mindestens 43 Millionen Gesundheitsfachkräfte Zum Abschluss lohnt ein Blick über die deutsche Grenze hinaus. Den Fachkräftemangel erleben Pflegende hierzulande am eigenen Leib – doch eine in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte Studie zeigt, dass die Lage anderswo nicht besser, mancherorts sogar deutlich schlechter ist. Untersucht wurde, wie Fachkräfte in Gesundheitsberufen weltweit verteilt sind und wo die größten Lücken klaffen. Das Ergebnis ist eine kaum begreifbare Dimension: Weltweit fehlen mindestens 43 Millionen Fachkräfte im gesamten Gesundheitssektor. Davon entfallen rund sechs Millionen auf Ärzt:innen und mehr als 30 Millionen auf Pflegefachpersonen und Hebammen. Besonders groß ist der Mangel laut Studie in den Subsahara-Staaten, in Südasien, Nordafrika und im Nahen Osten – europäische Länder tauchen unter den am stärksten betroffenen Regionen nicht auf. Genau hier liegt der für die Pflege in Deutschland entscheidende Zusammenhang. In Europa und besonders in Deutschland wird der Fachkräftemangel auch dadurch abgefedert, dass Pflegefachpersonen aus dem Ausland angeworben werden – häufig aus genau jenen Regionen, in denen die Lücken ohnehin am größten sind. Was hierzulande als Entlastung ankommt, verschärft den Mangel andernorts weiter. Die Studienautor:innen weisen ausdrücklich darauf hin, dass es gerade in der Verantwortung wohlhabender Länder liegt, Gesundheitspersonal nur verantwortungsbewusst aus dem Ausland anzuwerben, statt die Problematik lediglich von einem Land ins andere zu verschieben. Eine einfache Lösung gibt es nicht. Doch die Zahlen helfen, eine Aussage besser einzuordnen, die in der Politik oft locker dahingesagt wird: Fachkräfte ließen sich „einfach aus dem Ausland rekrutieren". Global betrachtet bleibt das eine Gratwanderung – und ein Argument mehr dafür, die Arbeitsbedingungen vor Ort so zu gestalten, dass Pflegefachpersonen im Beruf bleiben. ## Zum Weiterhören - [ÜG094 – Pflege streikt! (Paula Klaan)](https://www.uebergabe.de/ug094/) - [PU026 – Krankenhausreform / Streik an den Uniklinika / Studie "Ich pflege wieder, wenn…"](https://www.uebergabe.de/pu026/) - [ÜG046 – Rekrutierung aus dem Ausland (Thorsten Kiefer)](https://www.uebergabe.de/ug046/) --- ## Quellen - [Debatte um #Pflegestreik nimmt Fahrt auf](https://www.bibliomed-pflege.de/news/debatte-um-pflegestreik-nimmt-fahrt-auf?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Ein Monat Streiks in den Unikliniken](https://nrw.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++cf116524-e0c6-11ec-b717-001a4a160100?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [Tarifvertrag "Entlastung": Verhandlungen werden forgesetzt](https://nrw.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++1cc6a02c-dda7-11ec-983e-001a4a160100?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [DBfK enttäuscht von schwarz-grünem Sondierungspapier](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dbfk-enttaeuscht-von-schwarz-gruenem-sondierungspapier?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Website Notruf Entlastung](https://notruf-entlastungnrw.de/?ref=uebergabe.de) (notruf-entlastungnrw.de) - [Pflegebonusgesetz: Mehr Rückschritt als Fortschritt](https://www.springerpflege.de/politik/mehr-rueckschritt-als-fortschritt/22399656?utm%5Fmedium=email&utm%5Fsource=Update&utm%5Fcampaign=SCARE%5FNL%5FUPDATE%5FPFLEGE&utm%5Fcontent=Wenn%20Pflege%20krank%20macht%20-%20hohe%20Fehlzeiten%20in%20der%20Pflege&utm%5Fterm=2022-05-31&fulltextView=true&nl%5Fname=SCARE%5FNL%5FUPDATE%5FPFLEGE&nl%5Fdate=2022-05-31) (springerpflege.de) - [Bonus für Pflegekräfte beschlossen](https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/bonus-fuer-die-pflege-2021574?ref=uebergabe.de) (bundesregierung.de) - [Studie aus The Lancet](https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2822%2900532-3/fulltext?ref=uebergabe.de) (thelancet.com) ### Pflege streikt! (Paula Klaan) URL: https://www.uebergabe.de/ug094/ Last updated: 2026-06-13T12:58:20.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 28.05.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - An sechs NRW-Unikliniken streiken Beschäftigte für einen Tarifvertrag Entlastung. - Belastungspunkte und Freischichten sollen Unterbesetzung endlich Konsequenzen geben. - Der Prozess ist basisdemokratisch organisiert – von Forderungsinterviews bis Rat der 200. - 300.000 Fachkräfte würden bei besseren Bedingungen zurückkehren. - Berlin und Mainz zeigen: Entlastungstarifverträge wirken spürbar. Wenn an einem Tag bis zu 400 Menschen vor einem Klinikgebäude zusammenkommen, dann ist meistens etwas Großes im Gange. Im Frühjahr 2022 war das an gleich sechs Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen der Fall. Unter dem Namen [Notruf NRW](https://notruf-entlastungnrw.de/?ref=uebergabe.de) kämpften Tausende Beschäftigte für einen Tarifvertrag Entlastung. Eine von ihnen ist Paula Klaan – Gesundheits- und Krankenpflegerin, Pflege-Bachelor und seit 2020 im Beruf. In dieser Episode nimmt sie uns mit hinter die Streikposten und erklärt, wie aus dem alltäglichen Gefühl der Überlastung eine schlagkräftige Bewegung wurde. ## Vom Berufseinstieg direkt in die Berufspolitik Paulas Weg in den Beruf war alles andere als ruhig: Examen 2020, dann gleich mitten hinein in die Pandemie. Schon im dualen Studium an einer Hochschule in Rheine und in der praktischen Ausbildung am Uniklinikum Münster war sie berufspolitisch interessiert. Den entscheidenden Schub gab die erste Tarifrunde des öffentlichen Dienstes der Länder (TV-L), die sie mit mehreren Warnstreiktagen miterlebte. Aus theoretischem Interesse wurde plötzlich etwas sehr Konkretes – die Erkenntnis, dass man mit gemeinsamem Auftreten tatsächlich etwas bewegen kann. Dabei geht es ihr nicht in erster Linie ums Geld. Mehr Gehalt macht vielleicht kurzfristig zufrieden, sagt sie, doch das eigentliche Problem seien die Arbeitsbedingungen. Genau hier setzt ein Entlastungstarifvertrag an – und zwar schnell. Statt auf eine Gesetzesänderung in drei bis zehn Jahren zu warten, lassen sich damit kurzfristig spürbare Verbesserungen erkämpfen. Eine prägende Erfahrung aus dem Studium hat ihr Engagement zusätzlich befeuert: die Frage, wer im deutschen Gesundheitssystem eigentlich mitentscheidet. Im [Gemeinsamen Bundesausschuss](https://www.springerpflege.de/rahmenbedingungen/300000-fachkraefte-zusaetzlich/20365386?ref=uebergabe.de) – dem zentralen Gremium der Selbstverwaltung – sitzt niemand aus der Pflege mit Stimmrecht. > *„Wir sind die stärkste Berufsgruppe der ganzen Branche, und alles wird über unsere Köpfe hinweg entschieden. Und das bei der Expertise, die wir mitbringen." — Paula Klaan* ## Wie aus einzelnen Stationen eine Bewegung wird Der Impuls für Notruf NRW kam nicht von oben, sondern aus den Teams selbst. Im Zuge der TV-L-Verhandlungen hatten sich genügend Beschäftigte organisiert, sodass ver.di als Gewerkschaft das Signal sah: Hier ist das Engagement aus der Breite vorhanden, um den fordernden Weg zu einem Tarifvertrag Entlastung zu gehen. Aus den Gewerkschaftsmitgliedern der sechs Häuser wurde eine Tarifkommission gewählt – Beschäftigte aus der direkten Patient:innenversorgung, von der Normalstation über Intensiv- und Funktionsbereiche bis hin zum Service. Aus den ursprünglich 61 wurden später 75 Personen. Besonders spannend ist die basisdemokratische Struktur dahinter. In sogenannten Forderungsinterviews konnten möglichst viele Teammitglieder ihre ganz persönlichen Vorstellungen von guten Arbeitsbedingungen formulieren. Diese wurden in den Teams ausgewertet und zu Forderungskatalogen gebündelt, im April standortübergreifend in Oberhausen zusammengetragen und nach Fachbereichen sortiert. Damit keine Alleingänge entstehen, verpflichtete sich die Tarifkommission, immer den Rückkopplungsschritt zu den Beschäftigten zu suchen. Aus den Teams wurden Delegierte benannt, aus diesen wiederum ein „Rat der 200" gewählt, der direkt vor Ort bei den Verhandlungen dabei ist. Warum nur die Unikliniken? Weil sie als Vorreiter wirken. Entwicklungen, die dort beginnen, schwappen erfahrungsgemäß auf andere Häuser über – das war bei akademischen Qualifikationen für Leitungspositionen so und gilt auch für tarifliche Maßstäbe. Das Ziel: ein Flächentarifvertrag, der automatisch jedes Haus erfasst, das künftig Unikliniken-Status erreicht. ## Belastungspunkte statt Strafzahlungen Doch was wird konkret gefordert? Im Kern geht es um zwei Dinge: verbindliche Sollbesetzungen über Personalschlüssel für jeden Bereich – und Konsequenzen, wenn diese unterschritten werden. Für jede Unterbesetzung soll es Belastungspunkte geben, ab einer bestimmten Anzahl entsteht ein Ausgleich in Form zusätzlicher Freischichten. Auch besonders belastende Situationen sollen Punkte auslösen: etwa tätliche Übergriffe oder der Einsatz vieler Leiharbeitskräfte, weil Stammbeschäftigte dann zusätzliche Verantwortung übernehmen und zum „Stationsmanager" mutieren. Der entscheidende Unterschied zur bestehenden Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung: Dort führen Verstöße zu Strafzahlungen an die Krankenkassen – ein Mechanismus, von dem die Beschäftigten an der Basis nichts haben und der mancherorts einkalkuliert wird. Beim Tarifvertrag Entlastung sollen die Konsequenzen direkt bei denen ankommen, die die Belastung tragen. Wie dramatisch die Lage ist, machen ein paar Zahlen deutlich: Auf einer Station mit 28 gastroenterologischen und hepatologischen Patient:innen versorgen im Frühdienst drei Examinierte rund neun bis zehn Menschen, im Spät- und Nachtdienst sind es zu zweit jeweils 14\. International gelten Schlüssel von 1 zu 5 oder 1 zu 6 – und es ist evidenzbasiert belegt, dass ab einer Ratio von 1 zu 7 die Sterblichkeit der Patient:innen steigt. Bei der Erarbeitung der Forderungen orientierte sich die Gruppe zunehmend an solchen wissenschaftlichen Grundlagen und Leitlinien. > *„Wir gehen hier von Null auf TVE. Das ist erst mal ein Riesenfortschritt – aber der soll jetzt auch richtig gut sein. Es geht nicht darum, dass wir irgendwie das Aufkommen schaffen, sondern dass wir die Arbeit wirklich gut bewältigen können." — Paula Klaan* ## Streik mit Notdienst – und der seltsame Effekt der Entlastung Zum Zeitpunkt der Aufnahme befand sich die Bewegung in der dritten Streikwoche; der unbefristete Erzwingungsstreik hatte am 4\. Mai 2022 begonnen. Allein in Münster kamen täglich 350 bis 400 Menschen zusammen, real streikten rund 280 – die übrigen engagierten sich aus ihrem Frei oder gewährleisteten die Notversorgung. Auch diese Kolleg:innen verstand man als Streikbeteiligte, denn ohne sie könnten die anderen gar nicht am Streikposten stehen. In Münster waren inzwischen rund 1.300 Beschäftigte gewerkschaftlich organisiert – viermal so viele wie noch im Herbst zuvor. An allen sechs Standorten zusammen waren es etwa 4.000. Für jeden Standort wurde eine Notdienstvereinbarung mit der Arbeitgeberseite ausgehandelt, in Münster orientiert an der Feiertagsbesetzung, samt Bettenreduktion, Stationsschließungen und gedrosselten OP-Kapazitäten. Das Modell ist von der [Berliner Krankenhausbewegung](https://berliner-krankenhausbewegung.de/?ref=uebergabe.de) inspiriert. Dabei entstand eine fast absurde Situation: Unter den reduzierten Bedingungen erlebten manche Beschäftigte erstmals, wie ihr Arbeitsalltag mit einer angemessenen Besetzung aussehen könnte – angenehmer als im überlasteten Normalbetrieb. Das Motivieren der Kolleg:innen funktionierte vor allem über eines: reden, reden, reden. Sorgen ernst nehmen, Fragen beantworten, das gemeinsame, greifbare Ziel sichtbar machen. Und das Engagement blieb nicht passiv: Die Streikenden organisierten ihr Tagesprogramm selbst, von berufspolitischen Workshops über Thementage einzelner Bereiche bis zur Streik-Uni mit Podiumsdiskussion. Diese Form, Gewerkschaftsarbeit nicht als fertiges Programm zu konsumieren, sondern selbst zu gestalten, schweißte die Teams enger zusammen als jede klassische Teambuilding-Maßnahme. ## Nicht nur die Pflege: alle Berufsgruppen an Bord Bemerkenswert ist die Breite der Bewegung. Beteiligt waren nicht nur Pflegefachpersonen aus Normalstation, Intensiv, OP, Anästhesie, Funktionsbereichen und Case Management, sondern auch Kolleg:innen aus Service, Küche, Bäckerei, Sterilgutaufbereitung, Physiotherapie, dem Bodendienst und den Betriebskitas. Im Tarifvertrag Entlastung lassen sich nur die Gruppen verhandeln, die direkt am Hauptunternehmen beschäftigt sind – deshalb wurden Bereiche wie der Bodendienst in Münster gezielt im Rat der 200 abgesichert. Die Ärzt:innen können wegen ihrer eigenen tariflichen Verortung nicht mitverhandelt werden. Die gesammelten Stimmen aus diesen Bereichen sprechen eine deutliche Sprache: eine Servicekraft, die statt 30 bis 40 lieber maximal 20 Patient:innen versorgen möchte; eine Physiotherapeutin, die schwer betroffene, tracheotomierte Menschen allein mobilisieren muss; eine Auszubildende, die ohne ausreichende Praxisanleitung Verantwortung trägt, die sie gar nicht tragen darf; ein Bodendienstmitarbeiter, der entscheiden muss, auf welche Station er das lebenswichtige Blut zuerst bringt. Überlastung ist kein Pflegephänomen – sie zieht sich durch das ganze Krankenhaus. ## Politik, Kosten und die Macht der großen Zahl Der Streik kostete alle sechs Unikliniken zusammen rund fünf Millionen Euro pro Tag. Lange war die Bewegung schlicht ignoriert worden – das erste politische Signal kam im April vom damaligen NRW-Gesundheitsminister der CDU, der einen Tarifvertrag Entlastung in Aussicht stellte. Davor hatte die Bewegung ein 100-Tage-Ultimatum gestellt, Petitionen mit rund 12.000 Unterschriften übergeben und den Kontakt zu den demokratischen Parteien gesucht – günstig im Vorfeld der Landtagswahl. Dass aus dem zunächst kategorischen „Das geht nicht" doch ein juristischer Weg wurde, der den Klinikleitungen direkte Verhandlungen ermöglichte, zeigt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wie groß das Potenzial einer echten Entlastung ist, belegt eine [Studie der Hans-Böckler-Stiftung](https://www.boeckler.de/de/pressemitteilungen-2675-neue-studie-mindestens-300-000-zusatzliche-pflegekrafte-40798.htm?ref=uebergabe.de): Rund 300.000 Fachkräfte wären bereit, in den Beruf zurückzukehren oder ihre Arbeitszeit aufzustocken, wenn sich die Bedingungen verbessern. Allein in NRW fehlten damals etwa 20.000 Menschen. Eine Übergangsregelung – wie sie der [Tarifvertrag an der Charité](https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/charite%5Fund%5Fverdi%5Feinigen%5Fsich%5Fauf%5Ftarifvertrag%5Fzur%5Fentlastung%5Fder%5Fbeschaeftigten/?ref=uebergabe.de) kennt – soll den Arbeitgebern Zeit geben, das nötige Personal aufzubauen. ## Ein Vorbild, das wirkt Dass all das keine Wunschvorstellung bleibt, zeigt der Blick nach Mainz. Dort wird über digitale Dienst- und Bettenplanungsprogramme automatisiert erfasst, wenn die Sollbesetzung unterschritten wird. Es gibt Belastungspunkte, es gibt [Freischichten als Ausgleich für Mehrarbeit](https://www.bibliomed-pflege.de/news/39479-freizeitausgleich-im-fall-von-mehrarbeit?ref=uebergabe.de) – und die Kolleg:innen berichten von spürbaren Verbesserungen. Sogar die umliegenden Krankenhäuser begannen, ihre Bedingungen anzupassen. Für NRW war zum Zeitpunkt der Aufnahme das Ziel, einen wirksamen Tarifvertrag noch vor Ende des Jahres zu erreichen. Über die konkrete Tariffrage hinaus sieht Paula einen größeren Prozess. Sie wünscht sich, dass der intensive Austausch erhalten bleibt – und dass die gewonnene Zeit künftig auch dafür genutzt wird, aktuelles, evidenzbasiertes Wissen in die direkte Versorgung zu bringen. Für sie ist die Bewegung Teil eines Selbstverständnisses, das weit über Tarifverhandlungen hinausreicht, hin zu einer selbstbewussten Profession, die in der interdisziplinären Zusammenarbeit Verantwortung übernimmt. Dass dafür ein Zusammenspiel aus Berufsverband, Gewerkschaft und der sich gerade konstituierenden Pflegekammer NRW nötig ist, gehört für sie selbstverständlich dazu. > *„Das ist ein absoluter Prozess der Emanzipation, den wir da gerade begehen. Wir merken, was wir erreichen können, wenn wir uns zusammenschließen und stark machen – mehr von uns ist besser für alle." — Paula Klaan* Der Zuspruch reichte zum Zeitpunkt der Aufnahme von Christel Bienstein über den DBfK bis zu Carolin Kebekus, die ihre Sendung zur Verfügung stellte. Das Schlussplädoyer ist klar und einfach: Organisiert euch. Dann seid auch ihr eine starke Berufsgruppe. ## Zum Weiterhören - [ÜG085 – Der Tarifvertrag der Charité (Carla Eysel & Dana Lützkendorf)](https://www.uebergabe.de/ug085/) - [ÜG146 – Tarifbewegung an der Medizinischen Hochschule Hannover (Burkhard Sohn)](https://www.uebergabe.de/ug146/) - [ÜG064 – Gewerkschaften in der Pflege (Michael Quetting)](https://www.uebergabe.de/ug064/) --- #### Shownotes zur Folge - [Aufruf Schlaf- und Schichtarbeit](https://geton-training.de/schlaf-und-schichtarbeit%5Fc4c/?ref=uebergabe.de) [Homepage Notruf NRW ](https://notruf-entlastungnrw.de/?ref=uebergabe.de) - [Charité und ver.di einigen sich auf Tarifvertrag zur Entlastung der Beschäftigten](https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/charite%5Fund%5Fverdi%5Feinigen%5Fsich%5Fauf%5Ftarifvertrag%5Fzur%5Fentlastung%5Fder%5Fbeschaeftigten/?ref=uebergabe.de) - [Berliner Krankenhausbewegung](https://berliner-krankenhausbewegung.de/?ref=uebergabe.de) - [Studie: 300.000 Pflegefachkräfte durch Berufsrückkehr möglich | springerpflege.de](https://www.springerpflege.de/rahmenbedingungen/300000-fachkraefte-zusaetzlich/20365386?ref=uebergabe.de) - [Neue Studie: Mindestens 300.000 zusätzliche Pflegekräfte durch Wiedereinstieg in Beruf oder aufgestockte Arbeitszeit möglich - Hans-Böckler-Stiftung](https://www.boeckler.de/de/pressemitteilungen-2675-neue-studie-mindestens-300-000-zusatzliche-pflegekrafte-40798.htm?ref=uebergabe.de) - [Schluss mit Warnstreiks: Am Uniklinikum Aachen wird ab Mitte der Woche gestreikt](https://www.aachener-nachrichten.de/nrw-region/am-uniklinikum-aachen-wird-ab-mitte-der-woche-gestreikt%5Faid-68946201?ref=uebergabe.de) - [Verdi: 98 Prozent für unbefristeten Streik an Unikliniken - Nachrichten - WDR](https://www1.wdr.de/nachrichten/verdi-streik-unikliniken-100.html?ref=uebergabe.de) - [PpUG-Sanktions-Vereinbarung, InEK GmbH](https://www.g-drg.de/Pflegepersonaluntergrenzen%5F2021/PpUG-Sanktions-Vereinbarung?ref=uebergabe.de) - [Tarifvertrag Entlastung – Uniklinik Mainz - Freizeitausgleich im Fall von Mehrarbeit](https://www.bibliomed-pflege.de/news/39479-freizeitausgleich-im-fall-von-mehrarbeit?ref=uebergabe.de) ### Tag der Pflegenden 2022 / Stimmrecht im Gemeinsamen Bundesausschuss URL: https://www.uebergabe.de/pu027/ Last updated: 2026-06-13T23:24:34.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 21.05.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Zum Tag der Pflegenden 2022 fordern Verbände endlich konkrete politische Schritte statt bloßer Wertschätzung. - Lauterbach äußert sich erstmals zu PPR 2.0 und Entlastungstarifverträgen. - G-BA-Vorsitzender Hecken lehnt ein Stimmrecht der Pflege im Gremium ab. In dieser Folge des PflegeUpdates geht es um zwei sehr unterschiedliche Stimmungslagen: Zum einen blicken wir auf den Tag der Pflegenden am 12\. Mai 2022 und die Forderungen, die dort laut wurden. Zum anderen sorgte eine Äußerung des Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) für deutliche Kritik. Beide Themen kreisen letztlich um dieselbe Frage – wie viel Mitsprache hat die professionelle Pflege im deutschen Gesundheitssystem wirklich? ## Tag der Pflegenden 2022: Forderungen statt Applaus Der 12\. Mai ist traditionell ein Tag der Wertschätzung für professionell Pflegende – und zugleich ein Tag der Forderungen. Auch 2022 stand weniger der Dank im Vordergrund als der Appell an die Politik, den Berufsalltag endlich spürbar zu verbessern. Eine Übersicht über die zahlreichen Stellungnahmen findest du in der Zusammenstellung [vieler Forderungen rund um die Profession Pflege](https://www.bibliomed-pflege.de/news/viele-forderungen-um-die-profession-pflege-zu-retten?ref=uebergabe.de). Claudia Moll, die Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, sicherte zu, dass das Thema Pflege trotz des Kriegs in der Ukraine und der Corona-Pandemie nicht in den Hintergrund rücken werde und die Ziele des Koalitionsvertrags angegangen werden sollten. Diese Aussage stieß jedoch auf Kritik: Der Bundesverband Pflegemanagement empfand es als Affront, dass einerseits dringender Handlungsbedarf eingeräumt, andererseits aber bereits vorsorglich auf konkurrierende gesellschaftliche Herausforderungen verwiesen wurde. Der Kern des Vorwurfs: Wenn jetzt erst gehandelt werden soll, heißt das im Umkehrschluss, dass in den Jahren zuvor zu wenig passiert ist – und für die Pflege müsse man sich an allen 365 Tagen einsetzen, nicht nur am 12\. Mai. Auch der Deutsche Pflegerat (DPR) bewertete die bisherigen Bemühungen der Ampelkoalition zum Zeitpunkt der Folge als ernüchternd. Eindrucksvoll positionierte sich zudem die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz mit ihrer Kampagne „#512": In einem von zahlreichen Pflegefachpersonen unterzeichneten Brief an die Politik machten die Initiator:innen deutlich, dass die schwierige Lage der Pflege schon lange vor der Pandemie bekannt war. Die Botschaft „Es ist fünf nach zwölf" sollte unterstreichen, dass die in der Pandemie betonte Systemrelevanz bislang nicht zu echten Verbesserungen der Arbeitsbedingungen geführt hat. ## Lauterbachs Signale zu PPR 2.0 und Entlastungstarifverträgen Inhaltlich neu war eine Äußerung des damaligen Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach. Zur Frage, ob die PPR 2.0 – das überarbeitete Instrument zur Pflegepersonalbemessung im Krankenhaus – umgesetzt wird, hatte es lange Unklarheit gegeben. Anlässlich des Tags der Pflegenden meldete er sich nun zu Wort und betonte, die PPR 2.0 müsse „vom Ende her gedacht" werden. Damit meinte er, dass das Instrument nicht nur die Überlastung des Personals dokumentieren dürfe, sondern auch Konsequenzen nach sich ziehen müsse. Welche neuen Vorgaben der Minister anstrebte, lässt sich in der Meldung zu [Lauterbachs Plänen für mehr Pflegepersonal](https://www.bibliomed-pflege.de/news/lauterbach-will-neue-vorgaben-fuer-mehr-pflegepersonal?ref=uebergabe.de) nachlesen. Parallel zeigte sich Lauterbach offen für Entlastungstarifverträge als Weg, um Personalvorgaben in Krankenhäusern einzuhalten – ein Thema, das durch die Streiks an den Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen zusätzlich an Aktualität gewann. Seine grundsätzliche Sympathie für dieses Instrument hielt er dabei klar fest, wie die Berichterstattung zu [Lauterbachs Haltung zu Entlastungstarifverträgen](https://www.springerpflege.de/politik/lauterbach-hegt-sympathien-fuer-entlastungstarifvertraege/20420726?ref=uebergabe.de) zeigt. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft forderte den Minister auf, einen Gesetzentwurf zur PPR 2.0 noch vor der Sommerpause 2022 zur Abstimmung vorzulegen. Für dich als Pflegefachperson sind diese Signale relevant, weil sie unmittelbar die Personalausstattung am Bett betreffen. Ob aus den Ankündigungen tatsächlich verbindliche Regelungen werden, war zum Zeitpunkt der Folge allerdings offen – es blieb bei einem ersten Statement, dem konkrete Schritte erst noch folgen mussten. Der DPR forderte in diesem Zusammenhang auch eine Stärkung seiner eigenen Position: finanzielle und personelle Mittel, um in den Gremien des Gesundheitswesens überhaupt angemessen mitsprechen zu können – und ein echtes Mit- und Abstimmungsrecht dort, wo die Pflege von Entscheidungen betroffen ist. ## Stimmrecht im G-BA: Heckens „Zirkus Krone"-Vergleich sorgt für Eklat Damit sind wir beim zweiten Thema – und beim wohl größten Aufreger dieser Folge. Um die Tragweite zu verstehen, lohnt ein Blick auf das Gremium selbst: Der Gemeinsame Bundesausschuss ist das höchste Entscheidungsgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen. Er beschließt unter anderem über Behandlungsstrukturen, medizinische Leistungen und deren Vergütung – und das weitgehend unabhängig vom Bundesgesundheitsministerium. Wer hier mitentscheidet, kann viel für seine Berufsgruppe bewegen. Wie das Gremium aufgebaut ist, kannst du auf der [Website des G-BA](https://www.g-ba.de/?ref=uebergabe.de) nachvollziehen. Stimmberechtigt sind 13 Mitglieder: fünf Vertreter:innen der Leistungserbringer (Kassenärztliche Bundesvereinigung, Deutsche Krankenhausgesellschaft, Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung), fünf Vertreter:innen der Kostenträger (GKV-Spitzenverband) sowie drei unparteiische Mitglieder, darunter der Vorsitzende Josef Hecken. Die Pflege und die übrigen Gesundheitsfachberufe sind in diesem Kreis bislang nicht mit Stimmrecht vertreten. Der Koalitionsvertrag der Ampel hatte hier ausdrücklich eine Stärkung der Pflege vorgesehen: Der Deutsche Pflegerat solle als Stimme der Pflege im G-BA und in anderen Gremien gestärkt und finanziell unterstützt werden. Genau dazu positionierte sich Hecken auf dem Gesundheitskongress des Westens Anfang Mai 2022 ablehnend. Mit Blick auf eine stärkere Mitwirkung der Gesundheitsfachberufe warnte er sinngemäß davor, das Gremium dürfe nicht zu einem „Zirkus" werden, und sprach von der Gefahr einer „Schülermitverwaltung". Diese Wortwahl ließ sich kaum anders verstehen denn als Herabsetzung der Pflege- und Gesundheitsfachberufe. Bislang besteht für den DPR lediglich ein Mitberatungsrecht im Unterausschuss Qualitätssicherung – Beratungsrecht und Stimmrecht sind aber zwei grundlegend verschiedene Dinge. Den Hintergrund der Debatte beleuchtet auch der Beitrag, in dem der [G-BA in Erklärungsnot](https://www.bibliomed-pflege.de/news/g-ba-in-erklaerungsnot?ref=uebergabe.de) gerät. ### Deutliche Kritik aus den Pflegeverbänden Die Reaktionen fielen scharf aus. Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, wertete die Abgrenzung zwischen ärztlichen und nichtärztlichen Akteuren als eine Form der Diskriminierung und Herabsetzung. Sie erinnerte an den Auftrag aus dem Koalitionsvertrag und forderte, dass die Pflege sich einbringen und mitentscheiden können müsse. Die Argumente des DPR sind im Beitrag dazu zusammengefasst, wie der [DPR den Äußerungen des G-BA-Vorsitzenden widerspricht](https://www.springerpflege.de/politik/dpr-widerspricht-g-ba-vorsitzendem/20384294?ref=uebergabe.de). Auch die Pflegegewerkschaft Bochumer Bund meldete sich zum Tag der Pflegenden zu Wort: Die Pflegenden seien die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen, ihre Standpunkte müssten einfließen und nicht nur vorgetragen werden dürfen. Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, ging noch weiter und forderte eine komplette Umstrukturierung des G-BA, damit gesellschaftliche Interessen ebenso stark vertreten würden wie die bislang stark ökonomisch geprägten. Einen Überblick über die Verbandsforderungen bietet der Beitrag dazu, dass die [Pflege ein vollwertiges Mitspracherecht verdient](https://www.springerpflege.de/politik/pflege-verdient-volles-mitspracherecht/20387992?ref=uebergabe.de). ### Die Reaktion des G-BA Der G-BA bezog in einer Stellungnahme nach. Es gehe nicht darum, der Pflege die Mitsprache zu verweigern; vielmehr habe sich das Gesundheitssystem verändert und neue Akteur:innen hätten an Bedeutung gewonnen – ein Punkt, der mit Blick auf die jahrzehntelange Bedeutung der Pflege durchaus relativierbar ist. Diesen Beteiligten eine stärkere Stimme zu geben, sei ein Unterfangen, „über das es sich zu diskutieren lohnt" – eine bewusst vage Formulierung. Persönlich blieb Hecken beim Nein zu einem Stimmrecht der Pflegeberufe. Er begründete dies mit der Sorge, interessensgeleitete Entscheidungen könnten die bestehenden Konfliktlösungsmechanismen aushebeln und zu schwer kalkulierbaren finanzpolitischen Folgen führen. Der DPR hielt dem entgegen, dass die Pflege nicht aus Eigeninteresse, sondern mit ihrer fachlichen Kompetenz zum Wohl der Patient:innen und im Sinne der Gesellschaft entscheiden würde. Die Episode zeigt damit einmal mehr, mit welchen gewachsenen Machtstrukturen die professionelle Pflege ringt, wenn es um echte Mitbestimmung geht. ## Zum Weiterhören - [PU001 – Tag der Pflegenden 2021](https://www.uebergabe.de/pu001/) - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) --- ## Quellen - [Internationaler Tag der Pflegenden Viele Forderungen, um die Profeession Pflege zu retten](https://www.bibliomed-pflege.de/news/viele-forderungen-um-die-profession-pflege-zu-retten?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Lauterbach will neue Vorgaben für mehr Pflegepersonal](https://www.bibliomed-pflege.de/news/lauterbach-will-neue-vorgaben-fuer-mehr-pflegepersonal?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Lauterbach hegt Sympathein für Entlastungstarife](https://www.springerpflege.de/politik/lauterbach-hegt-sympathien-fuer-entlastungstarifvertraege/20420726?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [Kampagne #5nach12](https://www.pflegekammer-rlp.de/index.php/startseite.html?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-rlp.de) - [G-BA in Erklärungsnot](https://www.bibliomed-pflege.de/news/g-ba-in-erklaerungsnot?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Verbände fordern vollwertiges Mitspracherecht](https://www.springerpflege.de/politik/pflege-verdient-volles-mitspracherecht/20387992?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [DPR widerspricht Äußerungen des G-BA Vorsitzenden ](https://www.springerpflege.de/politik/dpr-widerspricht-g-ba-vorsitzendem/20384294?ref=uebergabe.de)(springerpflege.de) - [Stellungnahme Bochumer Bund zu den Äußerungen Heckens](https://www.bochumerbund.de/pressemeldungen/stimmrecht-im-g-ba-zeitgemaess/?ref=uebergabe.de) (bochumerbund.de) - [Website G-BA](https://www.g-ba.de/?ref=uebergabe.de) (g-ba.de) ### Krankenhausreform / Streik an den Uniklinika / Studie “Ich pflege wieder, wenn…” URL: https://www.uebergabe.de/pu026/ Last updated: 2026-06-13T22:06:49.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 21.05.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Lauterbach kündigt eine Krankenhausreform an und beruft eine Regierungskommission mit 16 Fachleuten. - An sechs NRW-Uniklinika wird nach abgelaufenem Ultimatum für einen Tarifvertrag Entlastung gestreikt. - Eine Studie zeigt, unter welchen Bedingungen ausgestiegene Pflegende zurückkehren würden. In dieser Folge ordnen wir drei Themen ein, die zum Zeitpunkt der Aufnahme im Mai 2022 die Pflege bewegt haben: die angekündigte Krankenhausreform, die Streiks an den nordrhein-westfälischen Uniklinika und eine neue Studie zur Rückkehr ausgestiegener Pflegender. Hier bekommst du den Überblick. ## Lauterbach kündigt Krankenhausreform an und beruft Regierungskommission Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat angekündigt, in der laufenden Legislaturperiode eine groß angelegte Krankenhausreform auf den Weg zu bringen. Schon 2023 sollten nach den damaligen Plänen einige der drängendsten strukturellen Probleme des Sektors angegangen werden. Neu ist das Vorhaben an sich nicht: Die letzte große Krankenhausreform wurde 2015 unter Hermann Gröhe verabschiedet, damals entstand aus der Arbeit einer Bund-Länder-Gruppe unter anderem das Krankenhausstrukturgesetz – das anschließend stark kritisiert und nachgebessert wurde. Die grundlegendste Veränderung war jedoch die Einführung der Fallpauschalen (DRGs) im Jahr 2003. In einer Pressekonferenz benannte Lauterbach die aus seiner Sicht prioritären Baustellen: eine bessere Notfallversorgung, der Abbau des Pflegemangels, stärkere Qualitätsanreize in der Vergütung sowie die Frage der Investitionsfinanzierung. Ein zentraler Punkt: Das Fallpauschalensystem unterscheidet bislang nicht zwischen Versorgungsstufen – für dieselbe Leistung wird unabhängig davon vergütet, ob sie in einem kleinen Haus oder einem Maximalversorger erbracht wird. Künftig soll die Finanzierung stärker danach differenzieren. Außerdem soll die Krankenhausplanung stärker in Richtung einer sektorenübergreifenden Versorgung weiterentwickelt werden – ein Ziel, das sich auch im Koalitionsvertrag findet. Anlass der Pressekonferenz war vor allem die Vorstellung der „Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung". Sie soll die Reform inhaltlich ausgestalten, indem sie Sachfragen beantwortet und Stellung bezieht. Auffällig: Fast alle berufenen Mitglieder tragen einen Professorentitel – ein Zeichen dafür, dass Lauterbach auf eine wissenschaftsbasierte Gesundheitspolitik setzt. Geleitet wird die Kommission von Tom Bschor. Für die Pflege besonders erfreulich: Mit der Pflegewissenschaftlerin Martina Hasseler ist auch die Pflegewissenschaft in dem Gremium vertreten. Wie die [Zusammensetzung des Expertengremiums](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/133802/Krankenhausreform-Lauterbach-stellt-Expertengremium-vor?ref=uebergabe.de) im Detail aussieht, wurde rund um die Vorstellung öffentlich. Kritik kam von Akteuren, die nicht in der Kommission sitzen. Die Krankenkassen sahen sich übergangen und verwiesen darauf, dass sie Beitragszahler:innen und Arbeitgeber:innen vertreten könnten. Auch die ärztliche Selbstverwaltung fühlte sich außen vor. Lauterbach verwies darauf, dass diese Verbände im Rahmen von Anhörungen eingebunden würden: Die Kommission erarbeitet zunächst Vorschläge, danach folgen Anhörungen und eine enge Abstimmung mit den Bundesländern. Bayerns damaliger Gesundheitsminister Klaus Holetschek pochte darauf, dass die Krankenhausplanung Sache der Länder sei und forderte deren enge Einbeziehung. Für dich als Pflegefachperson bleibt festzuhalten: Dass die Pflegewissenschaft überhaupt am Tisch sitzt, ist ein Fortschritt – angesichts der stets betonten Bedeutung der Pflege hätten es aber gut ein, zwei Plätze mehr sein dürfen. Welche Folgen die Reform tatsächlich für den Stationsalltag haben würde, war zum Zeitpunkt der Folge noch offen. ## Streiks an sechs NRW-Uniklinika nach abgelaufenem 100-Tage-Ultimatum An den Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen wurde gestreikt – ausgelöst durch ein abgelaufenes Ultimatum. Um das einzuordnen, lohnt der Blick zurück: Am 19\. Januar 2022 hatten Beschäftigte der sechs Uniklinika in Aachen, Bonn, Düsseldorf, Essen, Köln und Münster gemeinsam mit der Gewerkschaft ver.di die Landesregierung und den Arbeitgeberverband aufgefordert, sofort gegen den Personalnotstand vorzugehen. Sie setzten eine Frist von 100 Tagen, um einen [Tarifvertrag Entlastung zu vereinbaren](https://nrw.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++a3947d38-79e1-11ec-9ba9-001a4a160100?ref=uebergabe.de). Diese Frist endete am 1\. Mai – ohne Ergebnis. Worum es bei einem Tarifvertrag Entlastung geht, haben wir bereits ausführlich erklärt: Im Kern soll eine Mindestpersonalausstattung für alle Bereiche festgelegt werden. Wird sie unterschritten, soll es einen angemessenen Belastungsausgleich für die Beschäftigten geben. Nach Ablauf des Ultimatums konnten die ver.di-Mitglieder in einer Urabstimmung entscheiden, ob die bisherigen Warnstreiks ausgeweitet werden – im April hatte es bereits vereinzelte Aktionen gegeben. Das Ergebnis war eindeutig: Rund [98 Prozent stimmten für eine Ausweitung der Streiks](https://www.bibliomed-pflege.de/news/nahezu-volle-unterstuetzung-fuer-streiks-an-uniklinika?ref=uebergabe.de). Die Folgen für den Betrieb waren deutlich spürbar: verschobene Operationen, gesperrte Betten. In Münster waren zum Zeitpunkt der Aufnahme nur 12 der 40 Operationssäle in Betrieb, alle planbaren Eingriffe wurden verschoben, die Zahl der Normalstationsbetten sank von 1.020 auf 750\. In den Frühschichten beteiligten sich zeitweise rund 1.400 Beschäftigte, an einem Mittwoch über alle Schichten etwa 1.700\. Politisch unterstützte die SPD die Streiks – auch mit Blick auf die anstehende Landtagswahl in NRW. Der damalige NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) traf sich gemeinsam mit Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen mit den Verhandlungsführer:innen von ver.di. Stand der Aufnahme: Die Vorschläge des Landes wurden von ver.di geprüft. Dass an den Häusern [unbefristete Streiks drohten](https://www.bibliomed-pflege.de/news/unbefristete-streiks-drohen-ab-montag?ref=uebergabe.de), machte den Druck deutlich. Für die Pflege zeigt der Konflikt exemplarisch, wie sehr verbindliche Personalvorgaben mittlerweile zum zentralen Streitpunkt geworden sind. ## Studie „Ich pflege wieder, wenn…": Was Aussteiger:innen zurückholen würde Passend zum Thema Unzufriedenheit im Beruf erschien die Studie „Ich pflege wieder, wenn…", die der Frage nachgeht, unter welchen Bedingungen ehemalige Pflegende in ihren Beruf zurückkehren würden. Durchgeführt wurde sie von der Arbeitnehmerkammer Bremen und der Arbeitnehmerkammer des Saarlandes gemeinsam mit dem Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen. Befragt wurden rund 12.700 Personen, anschließend wurden mehrere Modellrechnungen erstellt. Die [Ergebnisse der Befragung](https://idw-online.de/de/news792929?ref=uebergabe.de) sind bemerkenswert: Rund 60 Prozent der ausgestiegenen Pflegenden könnten sich unter bestimmten Voraussetzungen eine Rückkehr vorstellen, etwa die Hälfte der noch Beschäftigten wäre bereit, die Arbeitszeit zu erhöhen. Im Best-Case-Szenario der Modellrechnung ließen sich so rechnerisch bis zu 660.000 Vollzeitstellen besetzen. Wichtig zur Einordnung: Es handelt sich um Modellrechnungen, die daran geknüpft sind, dass sich die Arbeitsbedingungen grundlegend ändern. Genau hier liegen die Bedingungen, die die Befragten nannten: spürbar bessere Arbeitsbedingungen mit mehr Zeit für gute Pflege, deutlich mehr Personal, eine angemessene Bezahlung und verlässliche Arbeitszeiten. Diese Punkte überraschen wenig – bemerkenswert ist aber, dass auch die Wertschätzung durch Vorgesetzte und eine vereinfachte Dokumentation als relevante Faktoren für den Wiedereinstieg genannt wurden. Die Studie verknüpft die Befunde mit einer politischen Forderung: Ein Hauptproblem wird in den Fallpauschalen gesehen, weshalb auf eine zügige Umsetzung der PPR 2.0 gedrängt wird. Damit wird ein weiteres großes Thema berührt: Die PPR 2.0 sollte eigentlich kommen, SPD, Grüne und FDP hatten sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt – zum Zeitpunkt der Folge zeichnete sich jedoch ab, dass das Instrument womöglich doch nicht oder nur eingeschränkt umgesetzt würde. Aus der Studie kam daher der Appell, die PPR 2.0 zumindest als Übergangslösung zu nutzen, statt sie ganz fallen zu lassen. Die drei Themen hängen enger zusammen, als es zunächst scheint: Eine Krankenhausreform, die die Belastung in den Kliniken senkt, könnte mittelfristig dazu beitragen, dass Pflegende im Beruf bleiben oder zurückkehren – und damit auch der Leidensdruck sinkt, der Streiks überhaupt erst nötig macht. Ob diese Hoffnung aufgeht, blieb zum Zeitpunkt der Folge offen. ## Zum Weiterhören - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) - [PU007 – Streik bei den Vivantes-Kliniken und der Charité](https://www.uebergabe.de/pu007/) - [PU032 – Der Tarifvertrag Entlastung / Pflegekammer in Berlin](https://www.uebergabe.de/pu032/) --- ## Quellen - [Krankenhausreform: Lauterbach stellt Expertengremium vor](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/133802/Krankenhausreform-Lauterbach-stellt-Expertengremium-vor?ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) - [Website Gesundheitsministerium zur Krankenhausreform](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/lauterbach-krankenhausreform-wird-schwerpunkt-der-naechsten-jahre.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Pressekonferenz: Lauterbach zur Krankenhausreform](https://www.youtube.com/watch?v=d--GG-AGooE&ref=uebergabe.de) (youtube.com) - [Krankenhausbeschäftigte stellen Ultimatum für Tarifvertrag Entlastung](https://nrw.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++a3947d38-79e1-11ec-9ba9-001a4a160100?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [Unbefristete Streiks drohen ab Montag](https://www.bibliomed-pflege.de/news/unbefristete-streiks-drohen-ab-montag?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Podcast-Empfehlung Klinik-Streiks WDR5](https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-tagesgespraech/audio-klinik-streiks-zustimmung-oder-kopfschuetteln-100.html?ref=uebergabe.de) (wdr.de) - [Nahezu volle Unterstützung für Streiks an Uniklinika](https://www.bibliomed-pflege.de/news/nahezu-volle-unterstuetzung-fuer-streiks-an-uniklinika?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Streik an Unikliniken in NRW geht weiter](https://www.n-tv.de/regionales/nordrhein-westfalen/Streik-an-Unikliniken-in-NRW-geht-weiter-article23311725.html?ref=uebergabe.de) (n-tv.de) - [Streiks an Unikliniken, Kitas und Ganztageseinrichtungen](https://www1.wdr.de/nachrichten/streiks-unikliniken-kitas-ganztagseinrichtungen-tarifvertrag100.html?ref=uebergabe.de) (wdr.de) - [Studie - Langfassung](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/Downloads/Politik/Rente%5FGesundheit%5FPflege/bundesweite%5Fstudie%5Fich%5Fpflege%5Fwieder%5Fwenn%5Flangfassung.pdf) (arbeitnehmerkammer.de) - [Studie - Kurzfassung](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/Downloads/Politik/Rente%5FGesundheit%5FPflege/bundesweite%5Fstudie%5Fich%5Fpflege%5Fwieder%5Fwenn%5Fkurzfassung.pdf) (arbeitnehmerkammer.de) - [Pressemitteilung Hans Böckler Stiftung](https://idw-online.de/de/news792929?ref=uebergabe.de) (idw-online.de) - [Studie berechnet: Ausgestiegene Pflegekräfte können Beschäftigungslücke schließen](https://www.rnd.de/politik/neue-studie-ausgestiegene-pflegekraefte-koennten-beschaeftigungsluecke-schliessen-HP3YS76SS5FD5GHIPTSCXJSJWM.html?ref=uebergabe.de) (rnd.de) ### Wir müssen reden! URL: https://www.uebergabe.de/ug093/ Last updated: 2026-06-13T12:58:20.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 14.05.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Ein Aktionstag im Jahr reicht nicht – Pflege braucht dauerhafte politische Sichtbarkeit. - Professionalisierung statt „Herzlichkeit" ist der Schlüssel zu attraktiven Pflegeberufen. - Statt Alten- und Krankenpflege zu trennen, braucht es sektorenübergreifendes Denken. - Der Fachkräftemangel zwingt zu neuen Versorgungsstrukturen und ethischen Fragen. - Die Mitsprache der Pflege im G-BA ist ein wichtiger Schritt zur Selbstbestimmung. Es gibt Folgen, da sitzen kluge Gäst:innen am Mikrofon und erklären die Welt der Pflege. Und dann gibt es Folgen, in denen die Übergabe-Crew einfach mal selbst loslegt. Eva, Maik und Christian haben sich genau am Tag der Pflege zusammengesetzt – ohne Gast, dafür mit jeder Menge Gedanken im Gepäck. Herausgekommen ist ein Gespräch, das zwischen Frust, Hoffnung und einem gesunden Maß Sarkasmus pendelt. Wir haben die wichtigsten Stränge für dich aufbereitet. ## Ein Tag im Jahr macht noch keine gute Pflegepolitik Der 12\. Mai, der internationale Tag der Pflege, ist für viele ein Anlass zum Feiern. Für andere ist er vor allem eines: ein Reizthema. Denn ein einzelner netter Tag im Jahr ändert wenig, wenn an den übrigen 364 Tagen wenig passiert. Der Vergleich mit dem Valentinstag liegt nahe – schöne Geste, aber kein echter struktureller Wandel. Hinzu kommt eine deutsche Eigenheit: Häufig wird der Tag mit pflegenden Angehörigen verwechselt, statt die professionell Pflegenden in den Mittelpunkt zu stellen. Genau diese Unschärfe macht es schwer, dem Berufsstand zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen. Besonders entzündete sich die Diskussion an einer Aussage zur Professionalisierung, die mit dem Hinweis verknüpft wurde, man dürfe die Menschlichkeit nicht vergessen. Für die Runde ist das genau das falsche Signal. Denn dahinter steckt ein altes Verständnis von Pflege als „Liebesdienst", bei dem zu viel Wissenschaft angeblich kalt und mechanisch macht. Dabei ist es genau umgekehrt: Fachliches Wissen und eine zugewandte, personenzentrierte Haltung sind keine Gegensätze, sondern bedingen einander. > *„Für mich zählt das komplett auf dieses Verständnis von Herzi, Herzi und bloß nicht zu viel Wissenschaft. Aber genau das ist doch der Plan." — Eva Maria Gruber* ## Spahn gegen Lauterbach: Wer macht Pflege sichtbar? Spannend wird es, wenn die drei zwei Gesundheitsminister gegenüberstellen. Rückblickend attestieren sie dem früheren Amtsinhaber, dass er die Belange der Pflege sichtbarer gemacht hat – nicht weil jede Entscheidung ideal war, sondern weil er Themen gesetzt und durchgebracht hat. Ein Beispiel sind die damals durchgesetzten Personaluntergrenzen: kein perfektes Instrument, aber immerhin der Versuch, ein Mindestmaß an Pflegepersonal festzuschreiben. Und das ganz ohne große Lobby der Pflegenden. Interessant ist die These, warum das funktionierte: Das Gesundheitssystem sei weniger von Wissenschaft als von Netzwerken und Beziehungen durchzogen. Wer dieses Spiel beherrscht, bekommt Dinge durch. Genau hier sehen die drei eine mögliche Schwäche eines Ministers mit ausgeprägtem wissenschaftlichem Anspruch: Wer mit Studien und Evidenz argumentiert, erntet vielleicht Applaus für die Erkenntnis – aber nicht automatisch politische Mehrheiten. Karl Lauterbach, der bereits einmal [in einem früheren Corona-Spezial zu Gast war](https://www.uebergabe.de/ug040/), wird viel Vertrauen aus der Wissenschaft entgegengebracht. Doch ob daraus konkrete Verbesserungen für die Pflege werden, blieb zum Zeitpunkt der Aufnahme offen. Ein Aspekt, der die Runde besonders beschäftigt: Wenn akademische Titel und politische Entscheidungen zusammenfallen, bekommen rein politische Beschlüsse manchmal einen wissenschaftlichen Anstrich – auch dann, wenn sie fachlich gar nicht begründet sind. Diese Vermischung erzeugt Reibung. Gleichzeitig bleibt das Fazit ehrlich offen: gemischte Gefühle gegenüber beiden Herren. ## Altenpflege oder Langzeitpflege? Eine Frage der Haltung Auch die Rolle der Pflegebevollmächtigten kommt zur Sprache. Dass eine Person aus der Altenpflege selbst eine solche Position bekleidet, wird grundsätzlich begrüßt – endlich jemand aus der Profession. Gleichzeitig irritiert, wenn in Interviews das Bild der Pflege auf Tätigkeiten wie Brote schmieren verengt wird. Damit wird ein Berufsbild transportiert, das der tatsächlichen Komplexität nicht gerecht wird. Der frühere Pflegebevollmächtigte, der auch schon [bei der Übergabe zu Gast war](https://www.uebergabe.de/ug026/), wurde in dieser Rolle übrigens als auffällig still wahrgenommen. Daraus entwickelt sich eine grundsätzliche Debatte: Warum spricht man überhaupt noch von „Altenpflege"? Aus Sicht der Runde wäre der Begriff der Langzeitpflege treffender. Denn Pflegebedürftigkeit kennt kein Alter – in stationären Einrichtungen leben auch Menschen Mitte 30 oder Anfang 50\. Der Begriff „Altenpflege" transportiert eine Attitüde, die es erschwert, akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen für diesen Bereich zu gewinnen. Die eigentliche Herausforderung ist die fachliche Qualifikation: Wer in der Langzeitpflege arbeitet, muss extrem fit in Krankenbeobachtung, in evidenzbasierter und in personenzentrierter Versorgung sein. > *„Dafür braucht man Wissen und nicht nur Erfahrung. Und ich finde es schade, dass der Kostenfaktor in der Altenpflege überwiegt – dass man die Qualifizierung gering hält, um Kosten zu drücken, statt in gute Versorgung zu investieren." — Maik* Die Sektorengrenzen zwischen Akut- und Langzeitpflege wirken dabei zunehmend künstlich. Viele Fragestellungen sind sektorenübergreifend, und auch die Anforderungen an die Qualifikation der Pflegefachpersonen unterscheiden sich kaum. Damit Übergänge zwischen den Versorgungsformen besser gelingen, müssen Pflegende über die eigenen Bereichsgrenzen hinausdenken. In der ambulanten Pflege zeigt sich das längst: Dort spielt das Alter der versorgten Person schlicht keine Rolle. ## Generalistik und das Pflegeberufegesetz Genau an diesem Punkt schließt das neue Pflegeberufegesetz und die generalistische Ausbildung an. Wie sich die Reform praktisch auswirkt, soll künftig noch genauer beleuchtet werden – ein Thema, das die [generalistische Pflegeausbildung auf den Prüfstand](https://www.uebergabe.de/ug168/) stellt und immer wieder für Diskussionsstoff sorgt. Kurios bleibt die Umsetzung im Detail: Während mancherorts vorhandene Abschlüsse umgewandelt werden können, ist das in Nordrhein-Westfalen zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht vorgesehen. Bestehende Berufsbezeichnungen behalten dort einfach ihre Gültigkeit. ## Kammerwahl in NRW – und ein Blick auf die Parteien Mit der anstehenden Landtagswahl in NRW rückte auch die Frage der [Pflegekammer](https://www.uebergabe.de/ug079/) in den Fokus. Die Positionen der Parteien fielen damals klar aus: Während die CDU sich zur Kammer bekannte und die FDP sie befürwortete, positionierte sich die SPD dagegen. Besonders auffällig: Dieselbe Partei kann sich je nach Bundesland völlig unterschiedlich verhalten – ein Hinweis darauf, dass es vielerorts an einem klaren pflegepolitischen Ziel fehlt. Im Kern steckt dahinter eine grundlegende Frage: Welches Ziel verfolgen die Bundesländer überhaupt im Bereich der Pflege? Wer es nicht für wichtig hält zu wissen, wie viele Pflegende es gibt und wie die Versorgung zukunftssicher gestaltet werden kann, kommt zwangsläufig zu anderen Schlüssen. Im Wahlkampf reduziert sich Pflege dann schnell auf griffige Slogans: mehr Personal, mehr Geld. Das ist nachvollziehbar und gut wählbar – aber es greift zu kurz, weil die eigentlichen strukturellen Fragen damit unbeantwortet bleiben. ## Mehr Personal? Der Mangel ist nur die halbe Wahrheit Der Fachkräftemangel betrifft längst nicht nur die Pflege, sondern auch Handwerk und viele andere Branchen – Folge der demografischen Entwicklung. Das führt zu einem unbequemen Gedanken: Jede Person, die in die Pflege geht, fehlt anderswo. Es entsteht nicht einfach mehr Personal, es wird umverteilt. Die Runde rechnet vor, dass es illusorisch ist, parallel zur steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen genügend qualifiziertes Personal in ausreichender Zahl zu gewinnen. Ein Pflegemangel wird auf absehbare Zeit bestehen bleiben. Daraus folgt ein interessanter Perspektivwechsel: Statt Strukturen für eine kurzfristige Spitze an Pflegebedarf aufzubauen, die später wieder schrumpft, braucht es einen echten Paradigmenwechsel. Eine Idee, die schon in früheren Folgen anklang: Pflegefachpersonen könnten durch vorausschauende Hausbesuche Krankenhausaufenthalte verhindern. So müsste die Klinik weniger Personal bündeln, der Personalschlüssel würde schlanker – und der Output an Versorgungsleistung trotzdem größer. > *„Ich glaube, das ist der Zeitpunkt, wo ein Paradigmenwechsel einsetzen muss. Die Strukturen, die wir jetzt haben, sind vielleicht gar nicht geeignet, um die Masse an Menschen mit Pflegebedarf zu versorgen." — Maik* ## Wenn Ressourcen knapp werden: die ethische Dimension Aus dem Thema Personal entwickelt sich eine unbequeme ethische Frage. Wenn immer mehr Menschen versorgt werden müssen und eine Intensivversorgung enorme Kosten verursacht, könnte irgendwann die Frage im Raum stehen, was sich ein System leisten kann und will. Die entscheidende Pointe: Diese ethische Frage ist längst Realität. Schon heute kommt es zu Mangelversorgung – wenn pflegebedürftige Menschen im ländlichen Raum keinen Pflegedienst finden, weil das Personal fehlt, dann trifft niemand bewusst eine Entscheidung. Das System selbst liefert die traurige Antwort. Auch das viel gelobte deutsche Gesundheitssystem unterliegt einer Ressourcenknappheit – Wartezeiten auf Facharzttermine und Operationen sind Alltag. Die Behauptung, hier sei alles jederzeit verfügbar, halten die drei für ein politisches Märchen. Spannender ist die Frage, woran sich „das beste Gesundheitssystem" eigentlich misst. Gute Erreichbarkeit, eine verlässliche Notfallversorgung, hohe Hygienestandards, moderne Diagnostik und eine gesicherte Finanzierung gehören dazu. Doch entscheidend ist auch die Frage der Gerechtigkeit: Längst nicht alle Menschen haben die gleichen Zugangsmöglichkeiten. Wer Präventionsangebote besonders bräuchte, wird oft am schlechtesten erreicht. Wer mehr über die [Ungleichheit im deutschen Gesundheitssystem](https://www.uebergabe.de/ug163/) erfahren möchte, findet dazu eigene Folgen. Passend dazu der Hinweis auf den [BMC-Kongress 2022 in Berlin](https://www.bmcev.de/event/bmc-kongress-2022/?ref=uebergabe.de), der zum Zeitpunkt der Aufnahme unmittelbar bevorstand. Dort standen Themen wie Gerechtigkeit, Klimawandel und Finanzierung im Gesundheitswesen auf der Agenda – digital oder vor Ort. ## Pflege im G-BA: ein hart erkämpfter Sitz am Tisch Eine konkrete, gute Nachricht gab es dann doch: Die Profession Pflege erhält Mitspracherecht im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), und auch im Gremium zur Krankenhausreform ist die Pflege vertreten. Allerdings stieß das nicht überall auf Begeisterung – aus dem G-BA selbst kam Kritik, dass eine Beteiligung der Pflege die Entscheidungen verwässern könne. Der Deutsche Pflegerat reagierte darauf mit einer deutlichen [Stellungnahme zum vollwertigen Einbezug der Profession Pflege](https://deutscher-pflegerat.de/2022/05/09/dpr-g-ba-sichert-durch-vollwertigen-einbezug-der-profession-pflege-die-versorgungssicherheit/?ref=uebergabe.de). Die Botschaft der Übergabe-Runde dazu ist klar und versöhnlich zugleich: Man würde gern verstehen, wo das eigentliche Problem liegt – und ist offen für ein Gespräch. ## Reden hilft – und du bist gefragt Zum Schluss wird das Gespräch persönlich. Die drei betonen, wie wichtig solche offenen Runden sind, in denen man nicht streng themenzentriert arbeitet, sondern auch mal Frust loswerden darf. Und sie richten einen Wunsch direkt an dich: Wenn du in der Praxis tolle Projekte am Laufen hast – einen besonders gestalteten Wohnbereich, ein gelungenes Verfahren bei Menschen mit Demenz und Delir oder eine spannende Abschlussarbeit – dann meldet euch. Genau diese Best-Practice-Beispiele zeigen, wie lebendig und vielfältig Pflege wirklich ist. Und sie machen Mut, statt sich im ewigen Kreislauf aus „zu wenig Personal, zu wenig Geld" zu drehen. ## Zum Weiterhören - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann)](https://www.uebergabe.de/ug168/) - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) --- #### Shownotes zur Folge - [BMC-Kongress 2022](https://www.bmcev.de/event/bmc-kongress-2022/?ref=uebergabe.de) (bmcev.de) - [DPR: G-BA sichert durch vollwertigen Einbezug der Profession Pflege die Versorgungssicherheit](https://deutscher-pflegerat.de/2022/05/09/dpr-g-ba-sichert-durch-vollwertigen-einbezug-der-profession-pflege-die-versorgungssicherheit/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerot.de) ### Ethik in der Pflegepraxis (Dr.in Anna-Henrikje Seidlein & Lisa Graurock-Rosemeier) URL: https://www.uebergabe.de/ug092/ Last updated: 2026-06-13T12:39:08.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 30.04.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Klinische Ethikberatung hilft dir, ethische Dilemmata strukturiert zu reflektieren und Entscheidungen zu treffen. - Ethikkomitees sind interdisziplinär und bieten keine fertigen Lösungen, sondern unterstützen gemeinsames Nachdenken. - Persönliche Moral und gesellschaftlich geteilte ethische Prinzipien sind zu unterscheiden. - Pflegekräfte sind zentral, sollten aber stärker in Ethikkomitees eingebunden werden. - Zeitmangel und Überlastung erschweren oft die Teilnahme Pflegender an Ethikberatungen. --- ## Klinische Ethikberatung: Bedeutung und Praxis in der Pflege Klinische Ethikberatung ist ein unverzichtbares Element in der modernen Pflegepraxis. Sie ermöglicht es, ethische Fragestellungen strukturiert zu reflektieren und fundierte Entscheidungen zu treffen. Besonders in komplexen Situationen, in denen moralische Dilemmata auftreten, hilft die Ethikberatung Pflegekräften, Ärzt:innen und anderen Berufsgruppen, tragfähige Lösungen zu finden. ### Ethik in der Pflegepraxis Pflegekräfte bringen ihre persönlichen Werte in ihre tägliche Arbeit ein, doch was passiert, wenn diese Werte in Konflikt mit komplexen ethischen Fragestellungen geraten? Klinische Ethikberatung unterstützt dabei, solche Dilemmata zu reflektieren und gemeinsam mit Ärzt:innen und anderen Fachkräften Lösungen zu finden, die alle Perspektiven berücksichtigen. Die Bedeutung von Ethikkomitees wächst, da sie helfen, fundierte und ethisch vertretbare Entscheidungen zu treffen, besonders bei schwierigen Themen wie der Fortführung oder Beendigung von Therapien. ### Die Bedeutung der Ethikkomitees Ethikkomitees sind interdisziplinäre Gremien, die in vielen Kliniken etabliert sind. Sie bestehen aus Pflegekräften, Ärzt:innen, Sozialarbeiter:innen und oft auch Jurist:innen, um ein breites Spektrum an Perspektiven zu berücksichtigen. Diese Komitees diskutieren ethische Probleme, die sich im klinischen Alltag ergeben, und bieten einen strukturierten Rahmen, um Entscheidungen zu treffen, die mit den moralischen und rechtlichen Vorgaben übereinstimmen. Besonders in der Pflege spielen ethische Fragen eine zentrale Rolle, da es häufig um Entscheidungen am Lebensende oder die Behandlungsfortführung geht. ### Ethik versus Moral Ein wichtiger Aspekt der klinischen Ethikberatung ist die Unterscheidung zwischen persönlicher Moral und gesellschaftlich geteilten ethischen Prinzipien. Während die persönliche Moral von individuellen Erfahrungen geprägt ist, stützt sich die Ethik auf allgemein akzeptierte Grundsätze, die in der Gesellschaft diskutiert werden. Die Ethikberatung hilft Pflegekräften, diese beiden Aspekte zu reflektieren und Entscheidungen zu treffen, die sowohl auf persönlichen Überzeugungen als auch auf ethischen Prinzipien basieren. ***Unser Podcast zu Ethik:*** [ÜG013 - Ethik - (Prof. Dr. M. W. Schnell) - ÜbergabeAllgemeine Shownotes Hilfe durch Zwang? Professionelle Sorgebeziehungen im Spannungsfeld von Wohl und Selbstbestimmung (ethikrat.org) Buch: Ethik im![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover.jpg)Übergabe — Medien für die Pflege: Podcasts, Videos & NewsletterChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/img_3195.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug013/) Podcast mit Prof. Dr. Schnell zu Ethik ### Die Rolle der Pflegekräfte in der Ethikberatung Pflegekräfte nehmen eine zentrale Rolle in der klinischen Ethikberatung ein. Sie stehen in direktem Kontakt mit den Patient:innen und kennen deren Bedürfnisse oft besser als andere Fachkräfte. Doch die Teilnahme an Ethikkomitees ist für viele Pflegekräfte eine Herausforderung, da Überlastung und Zeitmangel oft verhindern, dass sie sich aktiv in diese Diskussionen einbringen. Die zunehmende Akademisierung der Pflege könnte jedoch dazu beitragen, dass Pflegekräfte ihre Positionen in multiprofessionellen Teams besser vertreten und in ethische Diskussionen eingebunden werden. ### Ethische Fallberatung in der Praxis ## ***Ein typisches Beispiel für die Anwendung der Ethikberatung in der Pflegepraxis:** ****Ein Patient auf der Intensivstation befindet sich in einem kritischen Zustand, und die Angehörigen fordern, die Behandlung fortzusetzen, obwohl das Behandlungsteam dies für wenig sinnvoll hält.** In solchen Situationen bietet die klinische Ethikberatung einen Rahmen, in dem Pflegekräfte, Ärzt:innen und Ethiker:innen gemeinsam die Situation analysieren und eine Lösung finden, die für alle Beteiligten akzeptabel ist. ### Herausforderungen und Lösungen in der klinischen Ethikberatung Ein häufiges Problem in der klinischen Ethikberatung ist die Erwartung einer klaren Antwort. Ethikkomitees bieten keine fertigen Lösungen, sondern unterstützen den Prozess des gemeinsamen Nachdenkens. Besonders in der Pflege wird die Bedeutung der Ethik oft unterschätzt. Pflegekräfte sind häufig mit Situationen konfrontiert, in denen sie ethische Entscheidungen treffen müssen, sei es in der Pflege am Lebensende, im Umgang mit Angehörigen oder bei der Durchführung medizinischer Maßnahmen. Die klinische Ethikberatung bietet hier Unterstützung und hilft, gemeinsam mit anderen Berufsgruppen tragfähige Entscheidungen zu treffen. ### Fazit Klinische Ethikberatung ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Pflege und der Medizin. Sie hilft, ethische Dilemmata zu reflektieren und fundierte Entscheidungen zu treffen. Pflegekräfte spielen dabei eine zentrale Rolle und sollten stärker in Ethikkomitees eingebunden werden, um sicherzustellen, dass die Pflege nicht nur qualitativ hochwertig, sondern auch ethisch fundiert bleibt. --- ## Shownotes zur Folge - [Profil von Dr. rer. med. Anna - Henrikje Seidlein](http://www2.medizin.uni-greifswald.de/geschichte/index.php?id=531&ref=uebergabe.de) - [Leitungsteam Ethikkommitee mit Lisa Graurock-Rosemeier](https://www.uk-essen.de/kek/leitungsteam-mitglieder/?ref=uebergabe.de) - [Akademie für Ethik in der Medizin](https://www.aem-online.de/?ref=uebergabe.de) - [Ethikberatung: Gemeinsam zur Entscheidung](https://www.aerzteblatt.de/archiv/188208/Ethikberatung-Gemeinsam-zur-Entscheidung?ref=uebergabe.de) - [Trolley-Problem — Wikipedia](https://de.wikipedia.org/wiki/Trolley-Problem?ref=uebergabe.de) - [Klinisches Ethik-Komitee — Wikipedia](https://de.wikipedia.org/wiki/Klinisches%5FEthik-Komitee?ref=uebergabe.de) - [Buch von Philip Hübl](https://www.amazon.de/Die-aufgeregte-Gesellschaft-Polarisierung-verst%C3%A4rken/dp/3570103625?ref=uebergabe.de) - [Utilitarismus | bpb.de](https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/18385/utilitarismus/?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG013 – Ethik - (Prof. Dr. Martin Schnell)](https://www.uebergabe.de/ug013/) - [ÜG165 – Moralischer Distress in der Intensivpflege (Larissa Forster)](https://www.uebergabe.de/ug165/) - [ÜG139 – Palliativpflege](https://www.uebergabe.de/ug139/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### 35-Stunden-Woche bei der AWO-Augsburg / Pflegekammerdiskussion in BaWü / Barmer Pflegereport URL: https://www.uebergabe.de/pu025/ Last updated: 2026-06-17T19:52:34.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 23.04.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die AWO Augsburg führt mit Verdi schrittweise die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohn ein. - In Baden-Württemberg streiten die Parteien über Ausgestaltung und Pflichtmitgliedschaft einer Pflegekammer. - Laut Barmer Pflegereport fehlen bis 2030 rund 81.000 Pflegefach- und 100.000 Pflegehilfskräfte. Bayern, Baden-Württemberg und eine bundesweite Prognose stehen im Mittelpunkt: ein neuer Tarifabschluss, der die Arbeitszeit verkürzt, die festgefahrene Debatte rund um eine Pflegekammer und Zahlen, die den Personalbedarf bis 2030 greifbar machen. ## AWO Augsburg führt schrittweise die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohn ein Wenn es um bessere Arbeitsbedingungen geht, fällt schnell der Wunsch nach kürzerer Arbeitszeit bei gleichem Gehalt. Pflege ist eben kein Nine-to-five-Job, und 40 Stunden pro Woche im Dreischichtsystem bedeuten eine hohe körperliche Belastung. Genau hier setzt ein Tarifabschluss an, den die Gewerkschaft Verdi in Bayern mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Augsburg vereinbart hat. Kern der Einigung ist eine [schrittweise Reduktion auf 35 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich](https://augsburg.verdi.de/fachbereiche/gesundheit-soziale-dienste-wohlfahrt-und-kirchen/++co++1122c958-bb01-11ec-b682-001a4a160100?ref=uebergabe.de). Die Umsetzung erfolgt in zwei Etappen: Zum 1\. September 2022 sank – Stand der Folge – die Arbeitszeit zunächst um zwei Stunden, ein Jahr später, im September 2023, sollte dann vollständig auf 35 Stunden reduziert werden. Bereits Beschäftigte konnten alternativ zur Arbeitszeitverkürzung auch eine Lohnerhöhung wählen. Für neu Eingestellte gilt dagegen direkt die neue Regelung mit der 35-Stunden-Woche. Der [erste Haustarif dieser Art in der Pflege](https://www.sueddeutsche.de/bayern/verdi-tarifabschluss-pflegekraefte-arbeiterwohlfahrt-augsburg-35-stunden-woche-1.5565612?ref=uebergabe.de) betraf rund 1.000 Mitarbeitende und sollte später auf weitere Berufsgruppen der AWO ausgeweitet werden, etwa auf das pädagogische Personal in Kitas. Auch wenn die AWO Augsburg ein vergleichsweise kleiner Arbeitgeber ist, verbanden die Beteiligten mit dem Abschluss eine Signalwirkung: Andere Träger könnten dem Beispiel folgen. Für dich als Pflegefachperson ist das relevant, weil hier ein konkreter Hebel gegen Arbeitsbelastung erprobt wird – nicht als Forderung, sondern als unterschriebener Tarifvertrag. ## Baden-Württemberg streitet über die Ausgestaltung der Pflegekammer Das zweite Thema dreht sich um die Pflegekammer – diesmal in einem bislang selten behandelten Bundesland: Baden-Württemberg. Beim ersten pflegepolitischen Talk des Landespflegerats zeigte sich, dass die Parteien zwar grundsätzlich keine grundlegende Ablehnung formulieren, sich bei der konkreten Ausgestaltung aber uneinig sind. [Vor allem die Frage nach dem weiteren Vorgehen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegekammer-geteilte-meinung-zum-weiteren-prozedere?ref=uebergabe.de) sorgte für unterschiedliche Positionen. Zum Hintergrund: Regiert wird das Land von Grünen und CDU. Bereits 2018 hatte eine repräsentative Befragung ergeben, dass sich 68 Prozent der Befragten für die Errichtung einer Pflegekammer aussprachen – ein recht deutliches Ergebnis. Das Land wollte daraufhin die Voraussetzungen schaffen, doch dann passierte zunächst wenig. Die Corona-Pandemie verschob Anhörungen und andere Schritte immer wieder, und es wurde kritisiert, dass Pflegende in dieser Phase kaum Möglichkeiten hatten, sich über eine Kammer zu informieren. Beim pflegepolitischen Talk rückte das Thema wieder in den Vordergrund. Die Sprecherin der Grünen, Petra Krebs, kündigte an, die Pflegekammer zeitnah erneut auf die politische Agenda zu setzen, und sieht in ihr eine mögliche Lösung zur Verbesserung der Pflegesituation. Der Koalitionspartner CDU sprach sich für eine Pflichtmitgliedschaft aus, weil eine freiwillige Mitgliedschaft als nicht tragfähig gilt – verbunden mit der Zuversicht, dass der Mehrwert einer Kammer langfristig auch von Skeptiker:innen anerkannt werde. Anders positionierten sich SPD und FDP. Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Florian Wahl, sieht die Selbstverwaltung zwar als gutes Mittel zur politischen Beteiligung, hält eine Vollbefragung aller Pflegenden aber für nötig, damit eine Kammer ausreichend legitimiert sei. Auch die FDP, vertreten durch ihren gesundheitspolitischen Sprecher Jochen Haußmann, lehnt eine Pflichtmitgliedschaft ab und plädiert für eine Vollbefragung – mit dem Argument, die Pflegenden seien nicht ausreichend informiert, um abschließend zu entscheiden. Beide stellen damit indirekt die [bereits erfolgte Befragung aus dem Jahr 2018](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/gesundheit-pflege/pflege/pflegekammer-in-baden-wuerttemberg/?ref=uebergabe.de) infrage. Genau das hinterlässt einen schalen Beigeschmack: Eine repräsentative Umfrage soll plötzlich nicht genügen. Der Landespflegerat möchte deshalb keine weitere Zeit verlieren und mit der Errichtung beginnen. Die Vorsitzende brachte die Kritik sinngemäß auf den Punkt: Repräsentative Befragungen reichten an jeder anderen Stelle des politischen Systems aus – nur bei der Pflege nicht. Für dich heißt das: Ob und wie eine Kammer in Baden-Württemberg kommt, blieb zum Zeitpunkt der Folge offen und stark vom weiteren politischen Aushandlungsprozess abhängig. ## Barmer Pflegereport: Bis 2030 fehlen 81.000 Pflegefach- und 100.000 Pflegehilfskräfte Zum Abschluss steht der Barmer Pflegereport 2021 im Fokus. Der Report erscheint jeweils im Dezember und wird von Professor Heinz Rothgang vom SOCIUM, dem Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen, verantwortet. Er bildet die Entwicklung der Pflegebedürftigkeit ab – und damit auch, wie viele Pflegefachpersonen künftig gebraucht werden. Gerade diese Zahlen helfen, Bedarf und Dringlichkeit zu begründen. Der Report vergleicht den damaligen Ist-Zustand mit einer Prognose für das Jahr 2030\. Der größte Teil der Pflegebedürftigen wird weiterhin zu Hause versorgt, meist durch Angehörige, und das wird laut Prognose auch 2030 so bleiben. Gleichzeitig steigt aber die Zahl jener Menschen, die in Heimen versorgt werden müssen – nach den [Berechnungen des Reports um rund 26 Prozent](https://www.barmer.de/presse/infothek/studien-und-reporte/pflegereport/pflegereport-2021-1059412?ref=uebergabe.de#Finanzielle%5Fberforderung%5FPflegebedrftiger%5Fvermeiden) und damit auf mehr als eine Million Menschen. Besonders die Pflegebedürftigen in der stationären und ambulanten Langzeitpflege sind auf professionell Pflegende angewiesen. Den Reportergebnissen zufolge fehlen dafür bis 2030 etwa 81.000 Pflegefachkräfte und zusätzlich rund 100.000 Pflegehilfskräfte. Wichtig zur Einordnung: Diese Zahlen beziehen sich allein auf die Langzeitpflege – die Krankenhauspflege wird im Report gar nicht erfasst. Die Lücke dürfte also insgesamt noch größer ausfallen. Der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Christoph Straub, wertete die Ergebnisse als eindeutiges Signal an die Politik, zügig gegenzusteuern. Andernfalls bleibe die Pflege eine Großbaustelle mit schwachem Fundament. Im damaligen Koalitionsvertrag der Bundesregierung sah er einige richtungsweisende Vorhaben, die nun aber auch umgesetzt werden müssten. Für dich ist der Report vor allem ein belastbarer Anhaltspunkt dafür, wie sich der Personalmangel in der Langzeitpflege bis 2030 entwickeln könnte. ## Zum Weiterhören - [ÜG085 – Der Tarifvertrag der Charité (Carla Eysel & Dana Lützkendorf)](https://www.uebergabe.de/ug085/) - [ÜG129 – Kammergründung in Baden-Württemberg (Anne-Katrin Gerhardts)](https://www.uebergabe.de/ug129/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) --- ## Quellen - [Die 35-Stunden-Woche in der Pflege kommt](https://augsburg.verdi.de/fachbereiche/gesundheit-soziale-dienste-wohlfahrt-und-kirchen/++co++1122c958-bb01-11ec-b682-001a4a160100?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [Erster Haustarif über 35-Stunden-Woche in der Pflege](https://www.sueddeutsche.de/bayern/verdi-tarifabschluss-pflegekraefte-arbeiterwohlfahrt-augsburg-35-stunden-woche-1.5565612?ref=uebergabe.de) (sueddeutsche.de) - [Pflegekammer: Geteilte Meinung zum weiteren Prozedere](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegekammer-geteilte-meinung-zum-weiteren-prozedere?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Ministerium für Gesundheit Baden-Württemberg: Ja zur Pflegekammer](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/meldung/pid/die-pflegekraefte-haben-entschieden-ja-zu-einer-pflegekammer-in-baden-wuerttemberg/?ref=uebergabe.de) (baden-wuerttemberg.de) - [Ministerium für Gesundheit Baden-Württemberg: Einführung der Pflegekammer verschoben](https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/gesundheit-pflege/pflege/pflegekammer-in-baden-wuerttemberg/?ref=uebergabe.de) (baden-wuerttemberg.de) - [Barmer-Pflegereport 2021 - Zahl Pflegebedürftiger steigt stärker als angenommen](https://www.barmer.de/presse/infothek/studien-und-reporte/pflegereport/pflegereport-2021-1059412?ref=uebergabe.de#Finanzielle%5Fberforderung%5FPflegebedrftiger%5Fvermeiden) (barmer.de) ### Recovery - ein Konzept der psychiatrischen Pflege (Florian Schumacher, Marie Gröninger & Simon Stiehl) URL: https://www.uebergabe.de/ug091/ Last updated: 2026-06-17T08:48:43.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 16.04.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Recovery beschreibt Genesung als individuellen Wachstumsprozess, nicht nur als Symptomreduktion. - Das CHIME-Modell bündelt Verbundenheit, Hoffnung, Identität, Sinn und Empowerment. - Genesungsbegleiter:innen bringen Erfahrungswissen auf Augenhöhe in die Versorgung ein. - Recovery Colleges bieten niederschwellige Bildung – die Finanzierung bleibt aber ungelöst. - Recovery wirkt zwischen Klinik und Alltag und stärkt die intersektorale Zusammenarbeit. Stell dir vor, du sitzt nach einer schweren psychischen Krise wieder am Steuer deines eigenen Lebens – nicht, weil dir jemand vorschreibt, wohin die Reise geht, sondern weil du selbst entscheidest. Genau dieses Bild steht im Zentrum von Recovery, einem Konzept, das die psychiatrische Versorgung in den vergangenen Jahrzehnten leise, aber tiefgreifend verändert hat. Marie Gröninger, Florian Schumacher und Simon Stiehl sprechen darüber, was Recovery bedeutet, warum Erfahrungswissen unbezahlbar ist – und wie sie in Osnabrück ein eigenes Recovery College aufbauen. ## Wenn Genesung mehr ist als das Verschwinden von Symptomen Recovery lässt sich nicht auf eine einzelne Person oder ein einzelnes Datum zurückführen. Als Bewegung formierte sich der Ansatz vor allem zwischen den 1980er- und 1990er-Jahren im angloamerikanischen Raum – als Gegenentwurf zu einer Psychiatrie, die Menschen oft auf ihre Diagnose reduzierte. Namen wie Patricia Deegan oder Ron Coleman stehen für diese Pionierarbeit, die in Teilen auch antipsychiatrische Züge trug und einen Wendepunkt hin zu einer menschenwürdigeren Versorgung markierte. Verwandt sind Konzepte wie die Salutogenese oder die Resilienzforschung, die Gesundheit nicht als starren Zustand, sondern als Kontinuum verstehen – mit krisenhaften Tälern und stabileren Phasen. Fachlich unterscheidet man dabei zwischen zwei Perspektiven. Clinical Recovery, eher neuropsychiatrisch geprägt, fragt nach Symptomreduktion und der Rückkehr in Schule, Beruf oder Studium. Personal Recovery dagegen rückt den Menschen in den Mittelpunkt: Es geht um einen individuellen Wachstums- und Entwicklungsprozess, wie ihn William Anthony schon Anfang der 1990er-Jahre in seiner viel zitierten Arbeit zur [Genesung von psychischer Erkrankung](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2010/01/recovery%5Ffrom%5Fmental%5Fillness%5Fanthony%5F1993.pdf) beschrieben hat. Recovery ist demnach kein Endpunkt, sondern eine Reise – mit Höhen und Tiefen, die nie ganz abgeschlossen ist. > *„Recovery heißt für mich, dass Genesung möglich ist und dass Hoffnung da ist. Ich gehe meinen persönlichen Weg – und heute weiß ich, was alles möglich ist." — Florian Schumacher* ## CHIME und fünf Phasen: ein Kompass, kein Fahrplan Damit Recovery greifbar wird, helfen zwei Orientierungsrahmen. Der erste ist das CHIME-Modell, das eine Forschungsgruppe um Mary Leamy 2011 aus einer breiten Literaturübersicht herausgearbeitet hat. CHIME steht für Connectedness (Verbundenheit), Hope and Optimism (Hoffnung und Zuversicht), Identity (Identität), Meaning of Life (Sinn im Leben) und Empowerment (Selbstwirksamkeit und Ermächtigung). Diese fünf Bausteine lassen sich auch in der Bezugspflege nutzen – etwa, wenn man gemeinsam überlegt, welcher Aspekt einer Person in ihrer aktuellen Situation am meisten weiterhelfen könnte. Erste Erhebungen zur recovery-orientierten Anwendung in der psychiatrischen Pflege gibt es bereits. Der zweite Rahmen stammt von der australischen Forscherin Retta Andresen, die fünf Phasen des Recovery-Wegs beschreibt: von Rückzug, Isolation und Hoffnungslosigkeit über Ermutigung und Vorbereitung bis zum Aufbau und schließlich zum Growth, dem Weiterentwicklungsprozess. Wichtig ist allen Beteiligten dabei eines: Es gibt keine Schablone. Niemandem lässt sich vorlegen, dass nach einer depressiven Episode oder einer Psychose genau dieser eine Weg zu gehen sei. Jede Person konzipiert ihren Weg selbst – im Austausch mit anderen, aber eigenverantwortlich. Zentral bleibt die Hoffnung; ohne sie, so betont Patricia Deegan, ist Recovery nicht möglich. ## Aus Büchern gelernt – oder aus dem eigenen Leben Wer Recovery verstehen will, kommt an den sogenannten Peers nicht vorbei. Ein Peer ist ein:e Expert:in aus Erfahrung: ein Mensch, der selbst eine Krise oder Erkrankung durchlebt hat und dieses Wissen weitergibt. In Deutschland werden solche Begleiter:innen über die einjährige Ausbildung EX-IN qualifiziert und arbeiten als Genesungsbegleiter:innen. Florian hat diesen Weg selbst genommen: mit 18 an einer Schizophrenie erkrankt, mehrfach in der Klinik, zwei abgebrochene Ausbildungen, zwölf Jahre in einer Werkstatt – und heute Genesungsbegleiter, der seine Erfahrung als echte Expertise einbringt. Wie wichtig diese Einbindung ist, beschreibt auch die [Stellungnahme der Deutschen Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege zum Peer Involvement](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/downloads/Stellungnahmen%5F2%5FDialog/dfpp%5Fsn%5Fpeer%5Finvolvement.pdf). Was Peers leisten, lässt sich kaum in eine Skala pressen. Florian nennt es die „tägliche Augenhöhe": Da ist jemand gegenüber, der aus eigener Krisenerfahrung weiß, wie sich dieser Moment anfühlt. Eine hundertprozentige Augenhöhe sei dabei eine Illusion, sagt er offen – aber das gemeinsame Wir-Wissen schafft ein Vertrauen, das professionelle Beziehungen oft nicht herstellen können. Genau deshalb plädieren alle drei dafür, in der psychiatrischen Pflege mehr Peers einzustellen und das sogenannte Peer Involvement zu fördern. > *„Ein Kollege hat in der Ausbildung immer gesagt: Die Professionellen haben das aus Büchern gelernt – wir haben das in uns. Und davon kann man so viel lernen." — Florian Schumacher* ## Das Recovery College: Bildung statt Behandlung Hier setzt das Recovery College an. Es ist ausdrücklich keine Klinik und kein Ersatz für professionelle therapeutische Versorgung, sondern ein Bildungsort: Menschen mit psychischer Erfahrung, Angehörige, Professionelle und einfach Interessierte besuchen gemeinsam Kurse rund um psychisches Wohlbefinden und Gesundheit. Statt „Patient:in" spricht man von der nutzenden Person, die selbst entscheidet, welche Kurse sie wie oft besucht. Themen reichen von Hoffnung und Identität über den Umgang mit dem Stimmenhören – etwa im Geist der Hearing-Voices-Bewegung – bis zu autobiografischem Schreiben oder zehn Schritten für die psychische Gesundheit. In Osnabrück entstand das [Recovery College](https://weitblicker.org/osnabrueck/projects/recovery/?ref=uebergabe.de) aus einem Zusammenspiel von Wissenschaft und Praxis. Simon lernte das Konzept 2019 während eines Auslandssemesters an einer universitären Klinik in Bern kennen, schrieb sein wissenschaftliches Praxisprojekt darüber und brachte über ein Trialog-Treffen die richtigen Menschen zusammen. Der Trialog – ein Selbsthilfeformat, bei dem sich Psychiatrieerfahrene, Angehörige und Professionelle auf gleicher Ebene austauschen – wurde so zur Geburtsstunde des Projekts. Mit im Boot: der [Verein Weitblick Osnabrück](https://weitblicker.org/osnabrueck?ref=uebergabe.de), eine Studierendeninitiative, die über Fundraiser wie WG-Konzerte oder Pub-Quizze Projekte unterstützt und maßgeblich beim Aufbau hilft. Bewusst hält sich das College unabhängig von einer Klinik im Hintergrund – damit niemand vorgibt, wie es zu laufen hat. > *„Uns ist wichtig, dass wir unabhängig sind, dass wir niemanden im Hintergrund haben – keine Klinik, die sagt: So müsst ihr das machen, und so zahlen wir euch das Geld." — Marie Gröninger* Bemerkenswert ist, wer von diesem Ansatz profitiert: Es sind häufig jüngere Menschen, die diese Stigmatisierung durchbrechen wollen und täglich an sich arbeiten – während ältere Betroffene sich teils mit ihrer Situation arrangiert haben. Aber das College steht grundsätzlich allen offen, auch Menschen ganz ohne Psychiatrieerfahrung. Denn vom Recovery-Gedanken, da sind sich die drei einig, kann am Ende jede:r etwas mitnehmen. ## Geld, das eigentlich niemand zahlen will So überzeugend das Konzept ist – an der Finanzierung hängt es. Recovery wurde anfangs belächelt, manche Kliniken erkannten das Potenzial lange nicht. Heute taucht der Begriff in zahlreichen Leitbildern auf, wird aber gelegentlich eher als modisches Etikett getragen. Die zentrale Krux: Man braucht die Krankenkassen für eine Refinanzierung, will Recovery aber nicht zu einer verschreibungspflichtigen Leistung machen. Niemand soll nach dem Klinikaufenthalt „zehnmal den Kurs Hoffnung" verordnet bekommen. Das College in Osnabrück bietet seine Kurse deshalb kostenlos auf Spendenbasis an und nutzt günstig die Räume eines Kulturorts. England zeigt, wie es gehen kann: Über das ImROC-Projekt erhalten Kommunen vom National Health Service Pauschalen, aus denen Recovery Colleges finanziert werden. In Deutschland sehen die Beteiligten erste Ansätze etwa im Bundesteilhabegesetz und diskutieren Modelle zwischen den Sozialgesetzbüchern V, IX und XI. Klar ist: Es braucht flexiblere Übergänge und politischen Willen. Auch die [S3-Leitlinie zu psychosozialen Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen](https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/038-020.html?ref=uebergabe.de) sowie ein [Positionspapier der Friedrich-Ebert-Stiftung](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Ffiles/dachverband/dateien/Positionen/fes%5Fhandlungsbedarfe%5Fzur%5Freform%5Fder%5Fpsychosozialen%5Fversorgung.pdf) stützen den Ansatz. Hinzu kommt die [Empfehlung der WHO von 2019](https://www.uebergabe.de/content/files/iris/bitstream/handle/10665/329602/9789241516747-eng.pdf) zu recovery-orientierten Praktiken. ## Wirksamkeit, die sich der schnellen Messung entzieht Eng mit der Finanzierung verknüpft ist die Frage nach der Evidenz. Recovery als hochindividueller Prozess lässt sich nur schwer in Zahlen fassen – ein präventiver Effekt ist plausibel, aber noch nicht eindeutig belegt. Forschung gibt es trotzdem: Das internationale RECOLLECT-Kollektiv untersucht die Wirkung von Recovery-College-Strukturen, und Arbeiten wie die von [Lieberman und Kolleg:innen zu Wissenschaft und Recovery bei Schizophrenie](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18451003/?ref=uebergabe.de) beleuchten die klinische Seite. Für den Hoffnungsaspekt existieren sogar klinische Messinstrumente wie die [Miller Hope Scale](https://www.uebergabe.de/content/files/Courses/PSY409/Downloads/miller-20hope-20scale.pdf), die man vor und nach einer Begleitphase einsetzen kann. Doch Simon mahnt zur Differenzierung: Selbst wenn Symptome nachlassen oder rezidivierende Phasen seltener werden, sagt das noch nicht alles über den persönlichen Wachstumsprozess aus. Entscheidend ist auch, ob jemand Frühwarnzeichen selbst erkennt und gelernt hat, gut mit der eigenen Erkrankung umzugehen. Beides gehört zusammen – die psychopathologische Veränderung und die Persönlichkeitsentwicklung. ## Zwischen Nähe und Abgrenzung – und an wessen Grenzen? So wertvoll die Nähe der Peer-Begleitung ist, sie hat ihre Grenzen. Eine akute Psychose mit imperativen Stimmen ersetzt kein Kurs. Begegnet jemand im College einer schweren Krise, geht es darum, einen Zugang zu schaffen und die Person behutsam zur professionellen Hilfe zu bewegen – ohne sie zu verletzen. Florian beschreibt offen, wie sehr eine Geschichte ihn an die eigene Erkrankung erinnern und runterziehen kann. Genau deshalb sind kollegiale Beratung, Supervision und Psychohygiene feste Elemente des Konzepts: in moderierten, anonymisierten Runden reflektieren, was kritische Momente mit einem machen. Abgrenzung, sagt Florian, sei für ihn ein ganz großes Thema – auch das gehört zur Selbstfürsorge. ## Brücken zwischen Klinik und Alltag Recovery entfaltet sein Potenzial besonders an der Schnittstelle zwischen Sektoren. Wer aus der Klinik entlassen wird, wartet oft Wochen auf einen ambulanten Therapieplatz – und gerade in dieser kriseligen Lücke kann das College Halt geben. In der pflegerischen Beratung und im Entlassungsmanagement lassen sich passende Kursangebote gezielt mitdenken, etwa über einen pflegerischen Überleitungsbrief. So wird die Selbsthilfe nicht zur Parallelwelt, sondern zum Teil der Versorgung. Der Appell der drei richtet sich an alle kliniknahen Berufe: Schau in die Leitlinien, binde Recovery-Kernaspekte ein – und lebe den Ansatz auch institutionell, getragen von Führungskräften. Zum Zeitpunkt der Aufnahme im April 2022 stand der Start des ersten Semesters unmittelbar bevor, die erste Förderrunde sicherte den Beginn. Bundesweit waren damals bereits an die zehn Recovery Colleges in Betrieb oder im Aufbau. Die wichtigste Botschaft aber blieb persönlich: Genesung ist möglich, sie braucht Geduld und kleine Schritte – und manchmal nur jemanden, der dir die Hoffnung zurückgibt, dass es überhaupt geht. ## Zum Weiterhören - [ÜG047 – Psychiatrische Pflege (Interview mit Prof. Dr. Michael Löhr)](https://www.uebergabe.de/ug047/) - [ÜG126 – Safewards - ein Konzept für die psychiatrische Pflege (Prof. Dr. Michael Schulz)](https://www.uebergabe.de/ug126/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - Stiehl, S. (2022): Recovery-College: Hochschule für psychische Gesundheit. In: Psych Pflege heute. Thieme Verlag. Jg. 28\. Heft 1\. S. 18 – 24\. DOI: 10.1055/a-1638-3722 - [Verein Weitblick Osnabrück](https://weitblicker.org/osnabrueck?ref=uebergabe.de) (weitblicker.org) - [Recovery College Osnabrück](https://weitblicker.org/osnabrueck/projects/recovery/?ref=uebergabe.de) (weitblicker.org) - [Deegan, P. E. (1988). Recovery: The lived experience of rehabilitation. *Psychosocial Rehabilitation Journal, 11*(4), 11–19](https://psycnet.apa.org/doiLanding?doi=10.1037%2Fh0099565&ref=uebergabe.de) (psychnet.org) - [Stellungnahme der Deutschen Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege (DFPP) zum Thema "Peer Involvement" 2018](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/downloads/Stellungnahmen%5F2%5FDialog/dfpp%5Fsn%5Fpeer%5Finvolvement.pdf) (psychiatriedialog.de) - [CHIME Acronym von Leamy et al. (2012)](https://www.researchgate.net/publication/224912394%5FRecovery%5Fgrows%5Fup?ref=uebergabe.de) (researchgate.net) - [WHO (2019): Recovery practices for mental health and well-being](https://www.uebergabe.de/content/files/iris/bitstream/handle/10665/329602/9789241516747-eng.pdf) (who.int) - [K. S. Jacob (2015): Recovery Model of Mental Illness: A Complementary Approach to Psychiatric Care. In: Indian J Psychol Med. 37(2):117-119](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4418239/?ref=uebergabe.de) (ncbi.gov) - [Positionspapier der Friedrich-Ebert-Stiftung](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Ffiles/dachverband/dateien/Positionen/fes%5Fhandlungsbedarfe%5Fzur%5Freform%5Fder%5Fpsychosozialen%5Fversorgung.pdf) (dvgp.org) - [S3-Leitlinie: Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen](https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/038-020.html?ref=uebergabe.de) (awmf.org) - [Bundesteilhabegesetz](https://www.bmas.de/DE/Soziales/Teilhabe-und-Inklusion/Rehabilitation-und-Teilhabe/bundesteilhabegesetz.html?ref=uebergabe.de) (bmas.de) - [ImROC Projekt in England](https://imroc.org/about-us/our-team/?ref=uebergabe.de) (imroc.org) - [Joanie Thériault, Marie-Michèle Lord, Catherine Briand, Myra Piat, Sara Meddings (2020): Recovery Colleges After a Decade of Research: A Literature Review. In: Psychiatric Services, 71(9):928-940 ](ttps://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32460684/)(pubmed.gov) - [Miller Hope Scale](https://www.uebergabe.de/content/files/Courses/PSY409/Downloads/miller-20hope-20scale.pdf) (vulms.edu.pk) - [J. A. Lieberman, R. E. Drake, L. I. Sederer, A. Belger, R. Keefe, D. Perkins, S. Stroup (2008): Science and recovery in schizophrenia. In: Psychiatric Services 59(5):487-96](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18451003/?ref=uebergabe.de) (pubmed.gov) - [W.A. Antony (1993): Recovery from Mental Illness: The Guiding Vision of the Mental Health Service System in the 1990s. In: Psychosocial Rehabilitation Journal, 16(4), 11–23](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2010/01/recovery%5Ffrom%5Fmental%5Fillness%5Fanthony%5F1993.pdf) (recoverydevon.co.uk) ### Moll fordert Vollbefragung / Positionspapier des Bündnis "Gemeinsam Pflege" URL: https://www.uebergabe.de/pu024/ Last updated: 2026-06-17T08:17:27.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 09.04.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegebevollmächtigte Moll kündigt eine bundesweite Befragung der Pflegenden zur Pflegekammer an. - Verbände kritisieren die Vollbefragung als möglichen Rückschritt und fordern klare politische Rückendeckung. - Das Bündnis „Gemeinsam Pflege" stellt sechs Forderungen zur Stärkung der Akademisierung. Zwei berufspolitische Debatten standen zum Zeitpunkt der Aufnahme im April 2022 besonders im Fokus: die angekündigte Befragung der Pflegenden zur Pflegekammer und das erste Positionspapier des noch jungen Bündnisses „Gemeinsam Pflege" zur Akademisierung. ## Moll will Pflegende per Vollbefragung über die Pflegekammer entscheiden lassen Claudia Moll, damals Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, hatte angekündigt, eine bundesweite Befragung der professionell Pflegenden zur Pflegekammer voranzubringen. Ziel ist es herauszufinden, wie die Selbstverwaltung der Pflege künftig aussehen soll – ein Vorhaben, das auch im Koalitionsvertrag der Ampelparteien angelegt war. In einem Interview mit einer Pflegefachzeitschrift machte Moll deutlich, dass der Wunsch nach mehr Beteiligung aus ihrer Sicht von den Pflegenden selbst kommen müsse. Sie sieht es zugleich als Aufgabe des Gesundheitsministeriums und der Regierungsfraktionen, die Details zu klären und eine solche Befragung überhaupt zu ermöglichen. Zur Einordnung: Eine Pflegekammer ist die bekannteste Form der beruflichen Selbstverwaltung. Berufskammern sind Körperschaften des öffentlichen Rechts und nehmen stellvertretend für den Staat Aufgaben zum Wohl der Bevölkerung wahr. Im Fall der Pflege geht es darum, eine fachlich fundierte, an pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen orientierte Versorgung sicherzustellen und gleichzeitig die beruflichen Belange der Pflegefachpersonen zu fördern. Ein häufig genanntes Vorbild ist die Ärztekammer – mit der Erwartung, dass eine eigene Kammer die pflegerische Expertise in Gesellschaft und Politik sichtbarer und wertgeschätzter macht. Moll betont, dass eine Kammer nur erfolgreich sein könne, wenn die Mehrheit der Pflegenden sie befürwortet. Deshalb hält sie eine Vollbefragung für das richtige Instrument und fordert eine entscheidungsoffene, neutrale Information vorab, damit sich die Pflegenden ohne Beeinflussung positionieren können – auch im Wissen darüber, dass eine Kammer Beiträge kosten würde. Die genauen Details zu ihren Plänen lassen sich in der [Ankündigung einer zeitnahen bundesweiten Befragung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/moll-kuendigt-zeitnahe-bundesweite-befragung-zur-pflegekammer-an?ref=uebergabe.de) nachlesen. Kritisch ist anzumerken, dass die Debatte stark verhärtet ist. Gerade Gegner:innen einer Kammer vertreten ihre Argumente sehr medienwirksam, was eine wirklich neutrale Informationslage erschwert. Molls eher ambivalent klingende Aussagen lassen eine klare eigene Positionierung vermissen – obwohl die Pflegenden am Ende eigenverantwortlich für oder gegen eine Selbstverwaltung stimmen sollen. ## Verbände kritisieren die Vollbefragung als Rückschritt Auch aus Wissenschaft und Verbänden kam Gegenwind. Prof. Dr. Martina Hasseler von der Ostfalia Hochschule warnte, dass Befragungen – wie sie etwa in Schleswig-Holstein oder Niedersachsen liefen – durchaus destruktive Wirkungen entfalten können. Wer die Pflegeberufe stärken wolle, brauche nach ihrer Auffassung vor allem eine eindeutige Rückendeckung durch die Politik. Der Bundesverband Pflegemanagement sieht eine bundesweite Vollbefragung ebenfalls skeptisch: Große Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen hätten sich bereits für eine Kammer entschieden, eine erneute Befragung käme deshalb einem Rückschritt gleich. Der Verband fordert stattdessen ein klares Bekenntnis der Bundesregierung und plädiert dafür, zeitnah eine Pflegekammer auf Bundesebene einzuführen – aus Sicht des Verbands schneller und kostengünstiger, um die notwendigen Reformen in der Pflege endlich anzustoßen. Der Vorstandsvorsitzende Peter Bechtel schlug vor, gemeinsam mit bundesweiten Vertretungen der Pflege – etwa dem Deutschen Pflegerat und seinen Mitgliedsverbänden – ins Gespräch zu kommen und eine Kammergründung zu vereinbaren. Eine Grundlage für eine bundesweite Befragung sieht er ohnehin nicht, da Kammergesetze Landesrecht sind. Genau dieser Punkt bleibt offen: Moll äußerte sich weder zur gesetzlichen Grundlage noch zur Finanzierung oder zum konkreten zeitlichen und organisatorischen Ablauf einer Befragung. Hinzu kommt, dass viele Bundesländer bereits Stimmungsbilder eingeholt haben – und dass besonders die als Vollbefragung angelegten Verfahren schwer durchzuführen waren und an Aussagekraft verloren, wie das Beispiel Hessen zeigt. In einigen Ländern gibt es zudem bereits landesrechtliche Entscheidungen für oder gegen eine Kammer. Wie und wann die angekündigte Befragung tatsächlich umgesetzt wird, war zum Zeitpunkt der Folge also noch völlig offen. ## „Gemeinsam Pflege": Sechs Forderungen für eine stärkere Akademisierung Das zweite Thema knüpft an ein Gespräch aus einer früheren Folge an: Damals stellte Linda Hack das neue Bündnis „Gemeinsam Pflege" vor. Es handelt sich um ein Netzwerk, in dem sich unter anderem die Arbeitsgruppe Junge Pflege im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) Südost und Aktive der ver.di-Jugend Bayern zusammengeschlossen haben – eine bemerkenswerte Form der Zusammenarbeit, denn Berufsverband und Gewerkschaft agieren sonst nicht unbedingt gemeinsam. Das angekündigte Positionspapier ist nun erschienen. Unter dem Titel „Starke Pflege braucht starke Akademisierung" formuliert das Bündnis sechs Forderungen. Als Anlass nennt es ausdrücklich die rückwärtsgewandte Entwicklung, die sich an der Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät in Vallendar gezeigt hat. Akademisierung sei für die gesamte Berufsgruppe wichtig, weil Grundlagenforschung sowie die Entwicklung von Methoden und Instrumenten vor allem an Hochschulen und Universitäten stattfinde und damit direkten Einfluss auf das pflegerische Handeln habe. Die vollständigen Forderungen finden sich im [veröffentlichten Positionspapier zur Akademisierung](https://gemeinsam-pflege.blogspot.com/2022/04/positionspapier-akademisierung-netzwerk.html?ref=uebergabe.de). Im Zentrum steht die Stärkung des primärqualifizierenden Studiums. Die finanzielle Belastung der Studierenden soll reduziert werden, indem sie orientiert am TVöD vergütet werden. Zudem soll – analog zur Ausbildung – ein verpflichtender Praxisanleitungsanteil von zehn Prozent eingeführt werden, damit auch im Studium eine gute praktische Begleitung sichergestellt ist. Ein weiterer Punkt betrifft die Karriereperspektiven akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen: Krankenhäuser und Pflegeheime sollen mehr passende Stellen schaffen, und Tätigkeit wie Kompetenz sollen tariflich angemessen abgebildet werden – was aktuell vielerorts nicht der Fall ist. Wichtig ist dem Bündnis dabei, dass andere Qualifizierungswege wie die Fachweiterbildung dadurch nicht abgewertet werden. Die übrigen Forderungen zielen auf strukturelle Veränderungen: die Förderung pflegewissenschaftlicher Fakultäten, um das theoretische Fundament auszubauen, sowie neue gesetzliche Grundlagen, damit im Studium erworbene Fähigkeiten – etwa heilkundliche Tätigkeiten – in der Praxis auch tatsächlich umgesetzt werden dürfen. Für dich als Pflegefachperson sind diese Punkte relevant, weil sie genau die Schnittstellen berühren, an denen Ausbildung, Vergütung und konkrete Handlungsspielräume im Berufsalltag zusammenkommen. ## Zum Weiterhören - [PU021 – Aktion "Gemeinsam Pflege" / Auszahlung des Pflegebonus](https://www.uebergabe.de/pu021/) - [ÜG069 – Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [ÜG045 – Blickpunkt Niedersachsen: Evaluation der Pflegekammer](https://www.uebergabe.de/ug045/) --- ## Quellen - [Moll kündigt zeitnah bundesweite Befragung zur Pflegekammer an](https://www.bibliomed-pflege.de/news/moll-kuendigt-zeitnahe-bundesweite-befragung-zur-pflegekammer-an?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Diskussion um Pflegekammer zur Pflegekammer nimmt an Fahrt auf](https://www.altenpflege-online.net/artikel/2022%5F04/2022%5F04%5F06%5Fdiskussion%5Fum%5Fbefragung%5Fzur%5Fpflegekammer%5Fnimmt%5Fan%5Ffahrt%5Fauf?ref=uebergabe.de) (altenpflege-online.net) - [Pflegeberufekammer - was ist das überhaupt?](https://www.dbfk.de/de/themen/Pflegekammer.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Positionspapier Akademisierung - Netzwerk Gemeinsam Pflege](https://gemeinsam-pflege.blogspot.com/2022/04/positionspapier-akademisierung-netzwerk.html?ref=uebergabe.de) (gemeinsam-pflege.blogspot.com) ### Neues zur Corona-Pandemie / Promotion an der Uni Trier URL: https://www.uebergabe.de/pu023/ Last updated: 2026-06-17T19:52:33.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 02.04.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - In Mecklenburg-Vorpommern sollen Auszubildende und Studierende kurzfristig in den Kliniken aushelfen. - Bundesweit steigen die Corona-Personalausfälle, besonders auf den Allgemeinstationen. - Neue Zahlen zeigen: Krankenhauspersonal ist mehrheitlich geimpft – die Uni Trier startet zudem ein Promotionsprogramm Pflegewissenschaft. In dieser Folge des PflegeUpdates geht es um zwei sehr unterschiedliche Entwicklungen: Zum einen verschärft sich im Frühjahr 2022 die Personallage in den Krankenhäusern durch die Corona-Pandemie – mit drastischen Folgen bis hin zum Einsatz von Auszubildenden. Zum anderen gibt es endlich wieder gute Nachrichten für die akademische Pflege. Wir fassen den damaligen Stand für dich zusammen. ## Mecklenburg-Vorpommern zieht Auszubildende und Studierende in die Kliniken Die Lage in den Krankenhäusern spitzte sich zum Zeitpunkt der Folge spürbar zu. In Mecklenburg-Vorpommern reagierte die Landesregierung mit einer ungewöhnlichen Maßnahme: Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) gab bekannt, dass Pflegeauszubildende und Studierende in den kommenden Wochen in den Kliniken aushelfen sollen. Auszubildende ab dem zweiten Ausbildungsjahr sollten ab April für bis zu vier Wochen vom Unterricht befreit werden, um auf den Stationen mitzuarbeiten. Auch Medizinstudierende waren eingeplant, der Semesterstart wurde dafür um vier Wochen verschoben. Die Universitätsmedizin in Greifswald und Rostock richtete eigens Jobbörsen ein, um die Studierenden zu rekrutieren und zu koordinieren. Hintergrund war die hohe Inzidenz – nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern bundesweit. Das Coronavirus machte vor dem Klinikpersonal keinen Halt: Zum Zeitpunkt der Folge fielen in dem Bundesland bis zu 30 Prozent der Beschäftigten aus, weil sie selbst erkrankt oder in Quarantäne waren. Für dich als Pflegefachperson ist dieser Schritt zwiespältig. Einerseits brauchen Ausnahmesituationen oft auch außergewöhnliche Maßnahmen. Andererseits stehen Auszubildende eben mitten in ihrer Ausbildung – mit einem schulischen Unterricht, der ihnen rechtlich zusteht und der nicht ohne Weiteres ausfallen sollte. Der vorübergehende Verzicht auf Theorieblöcke zugunsten von Stationsarbeit verschiebt diese Balance deutlich und wirft Fragen zur Ausbildungsqualität auf. ## Personalausfälle bundesweit – Allgemeinstationen stärker betroffen als die Intensivpflege Die Situation in Mecklenburg-Vorpommern war dabei kein Einzelfall. Nach Angaben des Deutschen Krankenhausinstituts traten die Personalausfälle am häufigsten beim Pflegepersonal auf – auch deshalb, weil es die größte Beschäftigtengruppe im Gesundheitswesen ist. Auffällig war eine Verschiebung: Inzwischen war vor allem das Personal auf den Normalstationen betroffen, während die Ausfälle in der Intensivpflege etwas geringer ausfielen. Rund die Hälfte der Kliniken meldete bundesweit Personalausfälle von bis zu 20 Prozent – deutlich mehr, als für diese Jahreszeit üblich gewesen wäre. Eine Einordnung der [Umfrage zu den hohen Personalausfällen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/hohe-personalausfaelle-in-der-pflege?ref=uebergabe.de) findest du in der verlinkten Meldung. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, sah angesichts der Lage dringenden Entlastungsbedarf, damit die Versorgung aufrechterhalten werden kann. Sein Vorschlag: Bürokratie abbauen und unnötige Dokumentation reduzieren, weil diese in der akuten Krise kaum noch zu leisten sei. Die Zahlen verdeutlichen die Dynamik: Drei Viertel der Kliniken konnten ihre Betten auf den Allgemeinstationen zum damaligen Zeitpunkt nicht vollumfänglich belegen – 24 Prozentpunkte mehr als zu Jahresbeginn. Damit verlagerte sich der Fokus, der lange auf der Auslastung der Intensivstationen lag, zunehmend auf die Allgemeinstationen. ## Neue Zahlen zur Impfquote: Krankenhauspersonal ist mehrheitlich geimpft Lange hielt sich in der öffentlichen Debatte die Annahme, viele Pflegende lehnten die Corona-Impfung ab. Mit dem Greifen der einrichtungsbezogenen Impfpflicht – seit Mitte März 2022 in Kraft – ließ sich das nun belastbarer beurteilen. Eine Blitzumfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft unter 361 Krankenhäusern mit mehr als 50 Betten zeigte: Im Durchschnitt waren nur rund sechs Prozent der Beschäftigten weder geimpft noch genesen. Die [Auswertung, wonach 94 Prozent der Krankenhausbeschäftigten geimpft oder genesen sind](https://www.bibliomed-pflege.de/news/94-der-krankenhausbeschaeftigten-vollstaendig-geimpft-oder-genesen?ref=uebergabe.de), fasst die Ergebnisse zusammen. Erfasst wurden dabei diejenigen, die an die Gesundheitsämter gemeldet werden mussten – also Personen ohne Impf- oder Genesenennachweis. Bei den Pflegenden lag der Anteil der Ungeimpften im Schnitt bei sieben Prozent, im Intensivpflegedienst bei vier Prozent und im ärztlichen Dienst bei drei Prozent. Spannend ist ein weiterer Befund: Die Impfbereitschaft des Personals spiegelte die der Gesamtbevölkerung in der jeweiligen Region wider. Wo die Impfquote in der Bevölkerung hoch war, fielen auch die Meldungen ungeimpfter Beschäftigter an die Gesundheitsämter geringer aus. Vor diesem Hintergrund sprachen sich zum Zeitpunkt der Folge mehrere Akteur:innen aus dem Gesundheitswesen für eine allgemeine Impfpflicht aus – darunter die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die damit eine Überlastung des Gesundheitssystems im kommenden Herbst verhindern wollte. Ob und wie eine solche allgemeine Impfpflicht kommt, war damals politisch noch offen. ## Promotion in Pflegewissenschaft: Die Uni Trier füllt eine Lücke Zum Abschluss eine erfreulichere Nachricht: Die Universität Trier kündigte an, voraussichtlich ab Herbst 2022 ein Promotionsprogramm in der Pflegewissenschaft anzubieten. Das hat besondere Bedeutung, denn rund ein Jahr zuvor war die Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar bekannt geworden – der bis dahin einzigen rein pflegewissenschaftlichen Fakultät und einem zentralen Ort für pflegewissenschaftliche Promotionen. Die Uni Trier will diese Lücke nun schließen und hat nach eigenen Angaben über Jahre auf diesen Schritt hingearbeitet. Details findest du in der [Pressemitteilung der Universität Trier](https://www.uni-trier.de/universitaet/news/beitrag?tx%5Fnews%5Fpi1%5Baction%5D=detail&tx%5Fnews%5Fpi1%5Bcontroller%5D=News&tx%5Fnews%5Fpi1%5Bnews%5D=22732&cHash=91766eba01e124a922dc1f2ab5acc4bd&ref=uebergabe.de). Kurz zur Einordnung: Mit einer Promotion wird der akademische Grad eines Doktors oder einer Doktorin verliehen. Sie weist nach, dass man sich nach dem Studium – in der Regel nach Bachelor und Master – vertiefend mit einem wissenschaftlichen Themengebiet auseinandergesetzt hat. Dazu schreibt man eine Dissertation und verteidigt sie anschließend mündlich. Promovieren kann man allerdings nicht überall: Es braucht eine Universität oder gleichgestellte Hochschule mit Promotionsrecht sowie eine betreuende Person, meist eine Professorin oder ein Professor mit Expertise im jeweiligen Themenfeld. Für die Pflege gibt es verschiedene Wege. Neben Graden wie dem Dr. rer. medic. oder dem Dr. rer. cur. ist international vor allem der PhD anerkannt, den man in Deutschland seit 2013 an der Universität Witten/Herdecke erwerben kann. Der nächste Qualifikationsschritt wäre dann die Habilitation, um an Universitäten zu lehren. Die Uni Trier bietet bereits einen primärqualifizierenden Bachelorstudiengang sowie seit 2021 einen Master für interprofessionelle Gesundheitsversorgung mit den Schwerpunkten Advanced Nursing Practice sowie Gesundheitsförderung und Intervention an. Ergänzend baut die Hochschule ein Nursing Graduate Center auf, in dem hochschulübergreifende Forschungsvorhaben umgesetzt werden sollen. Laufende Projekte beschäftigten sich damals etwa mit der wissenschaftlichen Erfassung von Stresssymptomen bei Intensivpflegefachpersonen und mit der Bedeutung körperlicher Aktivität bei Brustkrebspatient:innen. Genau an solchen Beispielen wird die gesellschaftliche Relevanz pflegewissenschaftlicher Forschung sichtbar. Der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Clemens Hoch und Ministerpräsidentin Malu Dreyer betonten die Bedeutung eines starken wissenschaftlichen Nachwuchses in der Pflege – gerade mit Blick auf den demografischen Wandel und den Pflegepersonalmangel. In ländlich geprägten Regionen wie Rheinland-Pfalz braucht es neue Versorgungsstrukturen und Ideen, um die Versorgung der Bevölkerung langfristig zu sichern. ## Zum Weiterhören - [ÜG069 – Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [ÜG062 – Corona-Impfung im Fokus der Pflege (Prof. Dr. Dr. Sabine Wicker)](https://www.uebergabe.de/ug062/) - [PU020 – Umsetzung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht / Tarifvertrag in der Altenpflege](https://www.uebergabe.de/pu020/) --- ## Quellen - [Personalmangel durch Corona: Studis und Azubis sollen bei Pflege einspringen](https://www.rheinpfalz.de/lokal/pfalz-ticker%5Fartikel,-personalmangel-durch-corona-studis-und-azubis-sollen-bei-pflege-einspringen-%5Farid,5334802.html?ref=uebergabe.de) (rheinlandpfalz.de) - [Azubis und Studenten sollen in Kliniken helfen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/azubis-und-studenten-sollen-in-kliniken-helfen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Corona in Kliniken: Azubis und Studierende sollen einspringen](https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Corona-in-Kliniken-Azubis-und-Studierende-sollen-einspringen,corona10432.html?ref=uebergabe.de) (ndr.de) - [Hohe Personalausfälle in der Pflege](https://www.bibliomed-pflege.de/news/hohe-personalausfaelle-in-der-pflege?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Krankenhausbeschäftigte: 94% vollständig geimpft oder genesen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/94-der-krankenhausbeschaeftigten-vollstaendig-geimpft-oder-genesen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Universität Trier öffnet Pflege-Studiengang](https://www.uni-trier.de/universitaet/verwaltung/stabsstelle-praesident/kommunikation-marketing/medien-der-universitaet/pressemitteilungen/einzelansicht?tx%5Fnews%5Fpi1%5Baction%5D=detail&tx%5Fnews%5Fpi1%5Bcontroller%5D=News&tx%5Fnews%5Fpi1%5Bnews%5D=22008&cHash=d6e7f307d80b3a2adbae98c5a2cbcb25&ref=uebergabe.de) (uni-trier.de) - [Universität bietet Promotion in der Pflegewissenschaft an](https://www.uni-trier.de/universitaet/news/beitrag?tx%5Fnews%5Fpi1%5Baction%5D=detail&tx%5Fnews%5Fpi1%5Bcontroller%5D=News&tx%5Fnews%5Fpi1%5Bnews%5D=22732&cHash=91766eba01e124a922dc1f2ab5acc4bd&ref=uebergabe.de) (uni-trier.de) ### Heilen mit Humor (Prof.in Dr. Corinna Peifer & Andreas Bentrup) URL: https://www.uebergabe.de/ug090/ Last updated: 2026-06-13T21:14:52.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 26.03.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Humor ist ein professionelles Kommunikationswerkzeug, kein dekoratives Beiwerk in der Pflege. - Humor verdrängt keine negativen Gefühle, sondern gibt ihnen erst Raum. - Positive Gefühle fördern Wohlbefinden und können Stressmarker spürbar senken. - Humorstile unterscheiden sich: sozialer Humor stärkt, aggressiver Humor verletzt und vergiftet Teams. - Humor ist trainierbar und schützt deine Handlungsfähigkeit unter Druck. --- Humor wird im Gesundheitswesen oft wie ein nettes Extra behandelt: schön, wenn er auftaucht, aber nicht wirklich relevant für Versorgung, Teamarbeit oder Patient:innenerleben. Die Episode zeichnet ein anderes Bild. Humor ist kein dekoratives Beiwerk, sondern ein professionelles Werkzeug der Kommunikation. Er beeinflusst, wie Beziehungen entstehen, wie Stress verarbeitet wird und wie Menschen in belastenden Situationen handlungsfähig bleiben. Genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick darauf, was Humor in Pflege und Klinik tatsächlich leisten kann. ## Humor ist eine Haltung, kein Dauerlachen Im Gespräch wird Humor als „Fluss“ beschrieben: nicht als Pflicht zum Lachen, sondern als Beweglichkeit im Kontakt. Damit rückt Humor näher an Begriffe wie Sympathie, Nähe und Resonanz. Humor kann bedeuten, dass ein Gespräch leichter wird, dass eine angespannte Situation sich öffnet oder dass ein Moment von Hilflosigkeit in einen Moment von Orientierung kippt. Besonders in der Pflege, wo Gespräche oft unter Zeitdruck und in emotional aufgeladenen Kontexten stattfinden, ist diese Beweglichkeit eine Kernkompetenz. Wichtig ist dabei eine klare Abgrenzung: Humor zielt nicht darauf, negative Gefühle wegzudrücken. Traurigkeit, Angst oder Wut können angemessen und notwendig sein, gerade bei Krankheit, Verlust oder Überforderung. Professioneller Humor beginnt häufig damit, diese Gefühle zu akzeptieren und ihnen Raum zu geben. Erst dann kann Leichtigkeit entstehen, ohne dass die Realität verleugnet wird. ## Positive Gefühle wirken auch bei Krankheit Die wissenschaftliche Perspektive ordnet Humor in die positive Psychologie ein. Positive Gefühle sind nicht bloß „gute Laune“, sondern ein Bestandteil von Wohlbefinden und damit ein relevanter Gesundheitsfaktor. Entscheidend ist die Balance: Menschen brauchen nicht nur weniger negative Gefühle, sondern auch ausreichend positive. Und diese positiven Gefühle können parallel zu Belastung existieren. Jemand kann krank sein, Angst empfinden oder trauern und dennoch in einzelnen Momenten Erleichterung spüren. In der Episode wird außerdem auf körpernahe Effekte hingewiesen: Positiver Affekt kann mit niedrigeren Stressmarkern, reduzierter Herzfrequenz oder sinkendem Blutdruck einhergehen. Das ersetzt keine Medizin, kann aber als Ergänzung wirken, weil Körper und Psyche nicht getrennt funktionieren. Humor ist damit nicht „Therapie statt Behandlung“, sondern „Beziehung und Regulation neben Behandlung“. > **„Weinen ist wie Lachen, nur feuchter.“** > **\- Andreas Bentrup** ## Beziehungspflege als Versorgungsfaktor Humor entfaltet seine Wirkung besonders in Beziehungen. Wenn Pflegefachpersonen mit Patient:innen so kommunizieren, dass Sympathie entstehen kann, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Patient:innen Empfehlungen annehmen, sich an Therapieplänen beteiligen oder Fragen stellen, statt sich zurückzuziehen. Humor kann hier eine Brücke sein, weil er Distanz reduziert, ohne Grenzen zu überschreiten. Gleichzeitig wirkt Humor ins Team hinein: Eine Station, auf der Kolleg:innen miteinander lachen können, ist nicht automatisch konfliktfrei. Ein alltagsnaher Unterschied wird im Gespräch deutlich: Ein Witz kann im Team als Ventil funktionieren, während er in Anwesenheit von Zugehörigen verletzend oder respektlos wirkt. Humor ist damit immer kontextgebunden. Wer Humor professionell nutzt, muss nicht nur „witzig“ sein, sondern situationssensibel, respektvoll und bereit, Grenzen anzuerkennen. ## Humorstile: hilfreich, riskant, schädlich Die Episode greift eine in der Forschung verbreitete Einteilung auf: Sozialer Humor stärkt Beziehungen, selbstaufwertender Humor hilft, sich selbst zu stabilisieren, ohne andere abzuwerten. Dem gegenüber stehen aggressiver Humor, der auf Kosten anderer geht, und selbstabwertender Humor, der die eigene Person dauerhaft klein macht. Für die Pflegepraxis ist diese Unterscheidung zentral. Aggressiver Humor kann Patient:innen beschämen oder Teamkultur vergiften. Selbstabwertender Humor kann kurzfristig Spannung abbauen, langfristig aber Selbstwert und Belastbarkeit untergraben. Eng damit verbunden ist die Abgrenzung von Sarkasmus und Zynismus. Zynismus kann als analytische Perspektive verstanden werden, die Missstände sichtbar macht und auf Veränderung zielt, wie man es aus Kabarett und politischer Satire kennt. Sarkasmus wird im Gespräch eher als Bitterkeit beschrieben, die weniger verarbeitet als entlädt. Wenn in Teams vor allem Sarkasmus dominiert, ist das ein Hinweis darauf, dass Erschöpfung, Frustration oder fehlende Anerkennung längst nicht mehr gut aufgefangen werden. ## Humor ist trainierbar: „Freude pflegen“ Besonders greifbar wird das im Projekt „Freude pflegen“. Dort wird Humortraining systematisch in die Pflegeausbildung integriert: sechs Module über drei Jahre. Begleitet wird das mit validierten Fragebögen, die verschiedene Facetten erfassen, etwa spielerische Einstellung, Humor im Alltag und Humor als Stressstrategie. Der Befund ist bemerkenswert: In einer Vergleichsgruppe ohne Training sank Humor im Verlauf, während er in der Trainingsgruppe stabil blieb. Gleichzeitig zeigte sich ein positiver Zusammenhang mit Arbeitsfreude und Flow-Erleben, also dem Gefühl, bei der Arbeit aufzugehen. [Unterrichtskonzept „Freude pflegen“ in der Pflegeausbildung zeigt Wirkung - Humor Hilft HeilenStiftung Humor Hilft Heilen evaluiert mit Universität Lübeck und der Alexianer-Misericordia GmbH Curriculum in Pflegeschulen Ein innovatives Unterrichtskonzept zum Stressmanagement und zur Anhebung der Arbeitsmotivation für Pflegeauszubildende wird derzeit in einer Langzeitstudie der Stiftung Humor Hilft Heilen gGmbH, der Universität Lübeck und der Alexianer-Misericordia GmbH wissenschaftlich untersucht. Seit Mitte 2019 wird das Unterrichtskonzept „Freude pflegen“ \[…\]![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/cropped-cropped-2020-07-01_HHH-Logo-neu-270x270.png)Humor Hilft HeilenVerena Breitbach![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/HHH-Foto.jpg)](https://www.humorhilftheilen.de/pressemitteilung/unterrichtskonzept-freude-pflegen-in-der-pflegeausbildung-zeigt-wirkung/?ref=uebergabe.de) Damit wird Humor zu etwas Messbarem. Nicht im Sinne von „Wie viele Witze erzählt jemand?“, sondern als Bündel von Fähigkeiten: wahrnehmen, bewerten, reagieren, regulieren. Humor wird zur Ressource, die unter Druck nicht automatisch verschwindet, wenn sie gepflegt und bewusst eingeübt wird. ## Was im Training konkret passiert Die Trainings setzen auf Erleben, Reflexion und Transfer. Eine Übung ist das Kompliment als Ich-Botschaft. Es wirkt schlicht, trainiert aber mehrere Kompetenzen gleichzeitig: Ressourcenorientierung, klare Sprache, aktives Zuhören und die Fähigkeit, Kontakt bewusst zu gestalten. Weitere Inhalte sind Ich-Botschaften, konstruktive Kritik, Teamübungen und eine positive Fehlerkultur. Gerade Fehlerkultur ist im Gesundheitswesen kein „Soft Skill“, sondern Patient:innensicherheit. Wer Fehler transparent ansprechen kann, ermöglicht Lernen, verhindert Wiederholungen und schafft Vertrauen im Team. Hinzu kommen Elemente von Achtsamkeit, Resilienz und Stressmanagement. Die Grundidee ist pragmatisch: Pflegefachpersonen sollen nicht dazu gebracht werden, negative Gefühle zu verdrängen. Vielmehr geht es darum, Gefühle wahrzunehmen, angemessen zu kommunizieren und dadurch wieder in Bewegung zu kommen. Humor wird so zur Psychohygiene, nicht zur Maske. ## Klinikclown: professionelle Nähe mit klaren Grenzen Der Blick in die Klinikclownerie schärft die Perspektive darauf, wie fein Humor dosiert werden muss. Klinikclowns arbeiten nicht gegen Traurigkeit, Angst oder Wut, sondern mit Respekt vor diesen Zuständen. Oft beginnt die Intervention mit Validierung: Das Gefühl wird gesehen, nicht wegerklärt. Erst danach kann sich eine Verwandlung in Richtung Leichtigkeit ergeben. Die rote Nase ist dabei weniger „Kostüm“ als Signal: Sie markiert eine Rolle, macht ungewöhnliche Handlungen verständlicher und schafft klare Orientierung im Raum. Gleichzeitig bleibt Humor risikobehaftet. Er kann missverstanden werden, er kann bei Außenstehenden Irritation auslösen, und er verlangt hohe Aufmerksamkeit für die Umgebung. Professioneller Humor bedeutet deshalb auch Transparenz und Nacharbeit: Wer irritiert wurde, braucht Erklärung, sonst bleibt ein Vertrauensschaden. Genau an dieser Stelle zeigt sich die Nähe zur Pflege: Auch hier zählt nicht nur die Handlung, sondern die Beziehung, in der sie stattfindet. ## Perspektivwechsel als zentrale Kompetenz Ein wiederkehrendes Motiv der Episode ist der Perspektivwechsel. Ein Witz funktioniert über einen Twist: Erwartungen werden gebrochen, und die Überraschung schafft Entlastung. Übertragen auf Krankheit und Pflege bedeutet das: Viele Situationen sind ungewollte Twists, die Menschen aus der Komfortzone reißen. Humor kann helfen, Distanz zu gewinnen, ohne zu verleugnen. Diese Distanz ist nicht Kälte, sondern Spielraum. Sie ermöglicht die Frage: Was kann ich jetzt beeinflussen, und was muss ich akzeptieren? Für Pflegefachpersonen ist diese Fähigkeit hoch relevant, weil sie täglich mit Endlichkeit, Scheitern, Konflikten und Vergeblichkeit konfrontiert sind. Humor ist dann nicht Ablenkung, sondern eine Art geistiger Muskel: Er ermöglicht, ernst zu bleiben und dennoch nicht zu erstarren. Das ist auch Arbeitsschutz, weil es die Handlungsfähigkeit im Beruf stabilisiert. ## Ein Einstieg, der morgen beginnt Humor muss nicht groß inszeniert werden. Ein wertschätzender Satz pro Schicht, eine Ich-Botschaft statt stiller Kränkung, eine kurze Frage, die Patient:innen in ihre Ressourcen holt: Was gibt dir Kraft? Und im Team eine Haltung, die Fehler besprechbar macht, bevor sie zur Schuldfrage werden. So verstanden ist Humor keine Show, sondern eine Kulturtechnik. Gerade weil Pflege ernst ist, braucht sie Methoden, die Leichtigkeit ermöglichen, ohne die Realität zu beschönigen. Er schützt die Würde aller. #### Shownotes zur Folge - [Informationen zu Prof.in Dr.in Corinna Peifer](https://www.ipsy1.uni-luebeck.de/mitarbeitende/prof-peifer/?ref=uebergabe.de) (uni-luebeck.de) - [Informationen zu Andreas Bentrup](http://andreasbentrup.de/?ref=uebergabe.de) (andreasbentrup.de) - [Stiftung Humor hilft heilen](https://www.humorhilftheilen.de/?ref=uebergabe.de) (humorhilftheilen.de) - [„Ich bin ein Gefühlsteiler“](https://taz.de/Klinikclown-ueber-seine-Arbeit/!5761268/?ref=uebergabe.de) (taz.de) - [Klinikclownvisiten](https://www.humorhilftheilen.de/clowns-im-einsatz/?ref=uebergabe.de) (humorhilftheilen.de) - [Humor im Klinikbetrieb - Fortbildung mit Dr Clown](https://youtu.be/4XIkFoCKBIU?ref=uebergabe.de) (YouTube.com) - [Informationen zu Michael Christensen](http://www.humorcare.com/humorcare-ev/mitglieder/michael-christensen.php?ref=uebergabe.de) (humorale.com) - [Wie kommt der Clown ins Krankenhaus?](https://www.rotenasen.de/stories/detail/interview-mit-michael-christensen/?ref=uebergabe.de) (rotenasen.de) - [Gesundheit! Institute von Patch Adams](https://www.patchadams.org/patch-adams/?ref=uebergabe.de) (patchadams.org) - [Podcast zu Humor in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug022/) (uebergabe.de) - [Bartzik M, Bentrup A, Hill S, Bley M, von Hirschhausen E, Krause G, Ahaus P, Dahl-Dichmann A and Peifer C (2021) Care for Joy: Evaluation of a Humor Intervention and Its Effects on Stress, Flow Experience, Work Enjoyment, and Meaningfulness of Work. **Front. Public Health* 9:667821\. doi: 10.3389/fpubh.2021.667821](https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpubh.2021.667821/full?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG022 – Humor in der Pflege (M. Prehm)](https://www.uebergabe.de/ug022/) - [ÜG095 – Empathie in der Pflege (Ludwig Thiry)](https://www.uebergabe.de/ug095/) - [ÜG071 – Berufsstolz in der Pflege (German Quernheim)](https://www.uebergabe.de/ug071/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Expertenrat Pflegewissenschaft des DPR / Protestaktion am UKE / Hilfe für die Ukraine URL: https://www.uebergabe.de/pu022/ Last updated: 2026-06-13T23:24:37.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 19.03.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der DPR gründet einen eigenen Expert:innenrat Pflege- und Hebammenwissenschaft zur Pandemie. - Pflegende am UKE protestieren gegen Überlastung – Überlastungsanzeigen stiegen 2021 deutlich. - Pflegeorganisationen starten Petition und Vermittlung für Betroffene aus der Ukraine. In dieser Folge des PflegeUpdates geht es um drei kompaktere Meldungen: einen neu gegründeten Expert:innenrat des Deutschen Pflegerats, eine Protestaktion von Pflegefachpersonen am Hamburger Universitätsklinikum und Hilfsaktionen der Pflege im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine. Wir ordnen für dich ein, was zum Zeitpunkt der Folge (Stand: März 2022) jeweils bekannt war. ## Deutscher Pflegerat gründet eigenen Expert:innenrat Pflege- und Hebammenwissenschaft Im Dezember 2021 hatte die damals neue Bundesregierung unter Olaf Scholz einen [Expertenrat zur Covid-19-Pandemie](https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/expertenrat-covid-19-1991526?ref=uebergabe.de) einberufen. In dem 19-köpfigen Gremium saßen neben dem Leiter des Robert Koch-Instituts namhafte Virolog:innen und Immunolog:innen sowie Fachleute aus Bereichen wie Bioinformatik, Gesundheitskommunikation und Physik. Pflegewissenschaftliche Expertise war darin nach Darstellung der Hosts praktisch nicht vertreten – und das, obwohl die Pflege die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen stellt. Schon damals gab es darüber breite Kritik aus Pflegeverbänden und Fachöffentlichkeit. Weil die Einbeziehung pflegerischer Perspektiven auf Bundesebene nicht erfolgte, hat der Deutsche Pflegerat zum Zeitpunkt der Folge selbst gehandelt. DPR-Präsidentin Christine Vogler teilte mit, dass sich Pflege- und Hebammenwissenschaftler:innen aus dem ganzen Land zu einem eigenen Gremium zusammenschließen. Der [Expert:innenrat Pflegewissenschaft, Hebammenwissenschaft und Pandemie](https://deutscher-pflegerat.de/2022/03/11/deutscher-pflegerat-beruft-expertinnenrat-pflegewissenschaft-hebammenwissenschaft-und-pandemie-ein/?ref=uebergabe.de) soll das Fachwissen dieser beiden Professionen bündeln, vorhandene Forschungsergebnisse sichtbar machen und daraus Stellungnahmen, Handlungsempfehlungen und Hintergrundinformationen entwickeln, die in politische Entscheidungen einfließen können. Für Pflegefachpersonen ist das relevant, weil viele Versorgungsbereiche – etwa die ambulante und stationäre Langzeitpflege – stark von pflegerischer Arbeit abhängen und gerade die besonders zu schützenden, vulnerablen Gruppen häufig pflegebedürftig sind. Themen wie Impfbereitschaft, psychosoziale Folgen der Pandemie oder die Versorgung pflegebedürftiger Menschen lassen sich ohne pflegewissenschaftliche Sicht kaum vollständig beurteilen. Wie wertvoll solche Arbeit sein kann, zeigt die S1-Leitlinie zur häuslichen Versorgung, sozialen Teilhabe und Lebensqualität von Menschen mit Pflegebedürftigkeit unter Pandemiebedingungen, an der mehrere der nun berufenen Wissenschaftler:innen mitgearbeitet haben. Dem Gremium gehören 14 Professor:innen und Forschende der Pflege- und Hebammenwissenschaft an, von denen viele bereits zu den Auswirkungen der Pandemie publiziert haben. Als Sprecher wurde Prof. Dr. Thomas Fischer aus Dresden benannt; zu den Mitgliedern zählen unter anderem Dr. Martin Dichter aus Köln mit berufspolitischem Schwerpunkt und Prof.in Elsbernd aus Esslingen mit Arbeiten zur Krisenbewältigung. Eine erste Veröffentlichung des Rats war zum Zeitpunkt der Folge für Mai 2022 angekündigt. Offen blieb damit, ob es dem Gremium gelingt, sich in der Pandemiebewältigung tatsächlich Gehör zu verschaffen und pflegerisches Wissen sichtbarer zu machen. ## Pflegefachpersonen protestieren am UKE gegen anhaltende Überlastung Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) steht mit Blick auf die Arbeitsbelastung der Pflege seit Längerem in der Kritik. Bereits im Vorjahr hatten vor allem Mitarbeitende der zentralen Notaufnahme und der Intensivstation einen Brandbrief an die Klinikleitung gerichtet und unter anderem gefordert, dass auf der Intensivstation eine 1:2-Betreuung das Maximum sein soll. Am 4\. März 2022 folgte eine [Kundgebung vor dem UKE](https://www.mopo.de/hamburg/stuhlgang-bis-zu-den-schultern-pflegekraefte-protestieren-vor-dem-uke/?ref=uebergabe.de), bei der Pflegefachpersonen erneut auf ihre akute Belastung aufmerksam machten. Unterstützt wurden sie vom [Hamburger Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus](https://www.pflegenotstand-hamburg.de/?ref=uebergabe.de), der Gewerkschaft ver.di sowie vom gesundheitspolitischen Sprecher der Linksfraktion in Hamburg, Deniz Celik. Konkrete Zahlen lieferte eine Kleine Anfrage der Linken an den rot-grünen Senat: Nach deren Angaben wurden 2021 von Intensivpflegenden des UKE 161 Überlastungsanzeigen gestellt – gegenüber 74 im Jahr 2020\. In der Notaufnahme seien in den Monaten Januar und Februar 2022 sogar doppelt so viele Überlastungsanzeigen geschrieben worden wie im gesamten Vorjahr, was auf eine akute Verschärfung hindeutet. Die Linke forderte den Senat auf, sich für eine Verbesserung der Lage einzusetzen. Eine Sprecherin des UKE verwies nach Darstellung der Hosts darauf, dass es seit Längerem intensive Gespräche mit den Betroffenen gebe und täglich Abstimmungen zwischen Ärzteschaft und Pflegepersonal stattfänden, in denen die Belegung an die jeweilige Situation angepasst werde. Für Pflegefachpersonen unterstreicht der Fall, wie wichtig es bleibt, Missstände sichtbar zu machen und Überlastungsanzeigen konsequent zu schreiben. Mehr zum Hintergrund liest du im Bericht über das [überlastete Pflegepersonal, das auf die Straße geht](https://www.bibliomed-pflege.de/news/ueberlastetes-pflegepersonal-geht-auf-die-strasse?ref=uebergabe.de). ## Pflegeorganisationen starten Petition und Vermittlungshilfe für die Ukraine Der Krieg in der Ukraine hat unmittelbar mit Gesundheit und Pflege zu tun – Gesundheit als hohes Gut ist eng mit Frieden verbunden. Zum Zeitpunkt der Folge wurde berichtet, dass nach Angaben der ukrainischen Vize-Ministerpräsidentin rund 400 Patient:innen und Mitarbeitende in einem Krankenhaus in Mariupol festgehalten worden seien. Solche Vorfälle berühren auch die Genfer Konvention, nach der medizinische Einrichtungen nicht angegriffen werden dürfen. Als Reaktion haben sich der International Council of Nurses, die European Federation of Nurses Associations und das European Forum of National Nursing and Midwifery Associations zusammengeschlossen. Gemeinsam verurteilen sie den Krieg scharf und weisen auf den humanitären Hilfebedarf der Bevölkerung hin. Ein zentrales Anliegen ist, dass Pflegende in der Ukraine ihre Arbeit weiterhin angemessen ausüben können. Die [Petition unter dem Hashtag #NursesForPeace](https://www.gopetition.com/petitions/nursesforpeace.html?ref=uebergabe.de) kann unterzeichnet werden und ist mit einer Spendenaktion verbunden; die beteiligten Organisationen vertreten zusammen rund 28 Millionen Pflegende weltweit. Parallel dazu gibt es eine Initiative von Christine Vogler gemeinsam mit den Unternehmensberatern Sascha Platen und Björn Zeyen (HealthAge). Unter dem Hashtag [#Health4Ukraine](https://www.health-h.de/health4ukraine?ref=uebergabe.de) sollen schnell und unkompliziert erkrankte Kinder sowie pflegebedürftige Menschen aus der Ukraine an Einrichtungen vermittelt werden, die bereit sind, sie temporär aufzunehmen. Dazu gehören auch Spezialtransporte für mobilitätseingeschränkte Personen, Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen. Die Aktion wird vom Deutschen Pflegerat unterstützt; Einrichtungen mit freien Plätzen – etwa in Pflegeheimen – können sich melden. Wie sich Pflegende konkret einbringen, fasst auch der Beitrag über [Pflegende, die Pflegenden helfen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegende-helfen-pflegenden?ref=uebergabe.de), zusammen. ## Zum Weiterhören - [ÜG077 – Häusliche Versorgung in der Covid-19-Pandemie (Prof. Dr. Thomas Fischer)](https://www.uebergabe.de/ug077/) - [ÜG054 – Soziale Teilhabe in Altenpflegeheimen unter Covid-19 in S1-Leitlinie und Survey-Studie (Prof. Dr. Margareta Halek)](https://www.uebergabe.de/ug054/) - [ÜG086 – Pflege in Krisengebieten (Cordula Häffner & Magdalena Wörle)](https://www.uebergabe.de/ug086/) --- ## Quellen - [Deutscher Pflegerat beruft Expert\*innenrat Pflegewissenschaft / Hebammenwissenschaft und Pandemie ein](https://deutscher-pflegerat.de/2022/03/11/deutscher-pflegerat-beruft-expertinnenrat-pflegewissenschaft-hebammenwissenschaft-und-pandemie-ein/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Expertengremium zur Covid-19-Pandemie einberufen](https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/expertenrat-covid-19-1991526?ref=uebergabe.de) (bundesregierung.de) - [S1 Leitlinie](https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/184-002LG.html?ref=uebergabe.de) (awmf.de) - [Überlastete Pflegepersonal geht auf die Straße](https://www.bibliomed-pflege.de/news/ueberlastetes-pflegepersonal-geht-auf-die-strasse?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Website Hamburger Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus](https://www.pflegenotstand-hamburg.de/?ref=uebergabe.de) (pflegenotstand-hamburg.de) - [Protest vor dem UKE](https://www.mopo.de/hamburg/stuhlgang-bis-zu-den-schultern-pflegekraefte-protestieren-vor-dem-uke/?ref=uebergabe.de) (mopo.de) - [Petition #Nursesforpeace](https://www.gopetition.com/petitions/nursesforpeace.html?ref=uebergabe.de) (gopetition.com) - [Website #health4ukraine](https://www.health-h.de/health4ukraine?ref=uebergabe.de) (health-h.de) - [Pflegende helfen Pflegenden](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegende-helfen-pflegenden?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) ### Finanzierung in der Generalistik URL: https://www.uebergabe.de/ug089/ Last updated: 2026-06-13T11:42:24.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 12.03.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Generalistik schafft eine breite Grundausbildung mit späterer Spezialisierung. - Die Finanzierung läuft über milliardenschwere Ausbildungsfonds der Länder. - Pflegestudierende ohne Vergütung sind ein zentrales Manko der Reform. - 10 % Praxisanleitung sind erstmals refinanziert und festgeschrieben. - Theorie und Praxis müssen enger als je zuvor zusammenarbeiten. Die generalistische Pflegeausbildung ist seit 2020 Realität – und sie spaltet die Berufsgruppe bis heute. Während die einen sie als überfällige Modernisierung feiern, fürchten andere den Verlust spezialisierten Wissens. Doch eine Frage gerät in dieser hitzigen Debatte oft ins Hintertreffen: Wie wird das Ganze eigentlich bezahlt? Genau darüber haben wir mit Tobias Bach gesprochen, Schulleiter der [Schulen für Pflegeberufe Herford-Lippe](https://www.pflegeschulen-hl.de/?ref=uebergabe.de), die mit vier Standorten und 650 Ausbildungsplätzen einiges an Erfahrung mit der Reform gesammelt haben. Herausgekommen ist ein ehrlicher Blick auf ein System, das fachlich überzeugt – und finanziell beeindruckend kompliziert ist. ## Ein Beruf, viele Wege: Was die Generalistik wirklich meint Vereinfacht gesagt ersetzt die generalistische Ausbildung die drei früheren Wege – Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sowie Altenpflege – durch eine gemeinsame, grundständige Ausbildung. Wer sie absolviert, ist anschließend befähigt, in allen Settings pflegerischer Arbeit und mit allen Altersgruppen zu arbeiten. Die Spezialisierung kommt erst danach, im Rahmen einer Einarbeitung oder einer Fachweiterbildung. Tobias Bach zieht dafür gern den Vergleich zum Medizinstudium: erst die breite Grundlage, dann die Facharztausbildung. Wichtig ist ihm dabei eine Klarstellung: Es geht nicht darum, Inhalte aus drei alten Ausbildungen in eine neue zusammenzuquetschen. Vielmehr soll eine grundlegende Ausbildung entstehen, die ein breites Spektrum an Settings und Altersgruppen abdeckt. Genau deshalb spricht man von „generalistisch". Hintergründe zur Geschichte der Pflegeberufsgesetze hat übrigens schon Christine Vogler im [Übergabe-Podcast zur generalistischen Ausbildung](https://www.uebergabe.de/ug017/) ausführlich beleuchtet. ## Warum eine neue Reform überhaupt nötig war Die Berufsgesetze sind der tatsächlichen Entwicklung im Bildungsbereich über Jahre hinterhergelaufen. Schon lange war bekannt, dass sich die Kompetenzen der drei alten Ausbildungen stark überschnitten – legte man die Lehrpläne übereinander, gab es ein hohes Maß an Übereinstimmung. Gleichzeitig sind die Anforderungen an den Pflegeberuf massiv gestiegen: der demografische Wandel, kulturelle Veränderungen durch Migration, die Zunahme chronischer und psychischer Erkrankungen sowie der Multimorbidität. Patient:innen sind heute Expert:innen ihrer eigenen Erkrankung – das verlangt eine ganz andere Rolle der beruflich Pflegenden. Hinzu kommt ein Punkt, der gern vergessen wird: EU-Recht. Eine Richtlinie zur Anerkennung von Berufsqualifikationen machte es nötig, eine EU-weit anerkennbare Pflegeausbildung zu schaffen. Genau das war mit den drei spezialisierten deutschen Ausbildungen nicht durchgängig gegeben. Eine spezialisierte Kinderkrankenpflege-Ausbildung etwa gab es nur in wenigen EU-Ländern – die berufliche Mobilität war damit Glückssache. Erst die Generalistik hat sie vollständig hergestellt. Wer die [Eckpunkte des Pflegeberufegesetzes](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/pflegeberufegesetz.html?ref=uebergabe.de) nachlesen möchte, findet sie kompakt aufbereitet. > *„Die Reform der Berufsgesetze ist der tatsächlichen Entwicklung im Bildungsbereich an vielen Stellen immer hinterhergelaufen." — Tobias Bach* ## Zwischen Hauptschulabschluss und Abitur: die Sache mit den Zugängen Wenn alles komplexer wird, müssten dann nicht auch die Zugangsvoraussetzungen angepasst werden? Bislang reicht ein mittlerer Schulabschluss – streng genommen sogar ein Hauptschulabschluss nach Klasse 10\. In der Praxis erleben die Schulen eine wachsende Heterogenität der Lerngruppen: Die Bildungsvoraussetzungen reichen vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur, und die Anforderungen der neuen Ausbildung sind hoch. Tobias Bach plädiert dafür, genauer hinzuschauen, statt vorschnell zu urteilen. Die vorliegenden Zahlen zeigen nämlich nicht, dass es ausgerechnet die Auszubildenden mit Hauptschulabschluss sind, die regelhaft die Probezeit oder Prüfungen nicht bestehen – Abbrüche treffen alle Schulabschlüsse. Entscheidend sei die Frage nach dem Warum: Vielleicht passt die Vorstellung vom Beruf nicht zur Realität, vielleicht klaffen Theorie und Praxis auseinander. Seine Idee: durchlässigere Bildungsangebote, etwa ein Start über die Pflegefachassistenz mit anschließenden Verkürzungsmöglichkeiten. So bleibt der Zugang offen, ohne junge Menschen in ein Frusterleben zu schicken. ## Das vergessene Studium In der medialen Debatte steht oft die Kinderkrankenpflege im Fokus – das Pflegestudium fällt dagegen unter den Tisch. Dabei hat es durch das Gesetz eine deutliche Aufwertung erfahren: Es ist als eigener Weg mit eigenem Kompetenzprofil definiert worden und schafft eine gute Ausgangsbasis, um europaweit auf Augenhöhe zu agieren und Pflege als Profession sichtbarer zu machen. Doch es gibt ein Manko, das Tobias Bach besonders umtreibt: In manchen Bundesländern – Nordrhein-Westfalen erlebt er hautnah – haben Pflegestudierende den klassischen Studierendenstatus und erhalten während des Studiums keine Vergütung. Im Vergleich zur gut bezahlten Ausbildung ist das ein echter Attraktivitätsnachteil. Wer eine Hochschulzugangsberechtigung hat, entscheidet sich im Zweifel gegen das Studium – oder bestenfalls für eine Ausbildung mit anschließendem Studium. > *„Warum bekomme ich für meinen Praktikumsanteil vielleicht 300 Euro, und jemand in der Ausbildung bekommt 1.100 Euro im Monat für eine ähnliche Tätigkeit? Da gilt es genauer hinzuschauen." — Tobias Bach* Das Problem ist hausgemacht: Pflegestudierende müssen ihre vorgeschriebenen Praxisstunden ableisten und können – anders als andere Studierende – kaum nebenbei arbeiten. Die Refinanzierungslogiken beider Bildungswege sind grundverschieden. Während die dreijährige Ausbildung über Kranken- und Pflegekassen sowie Landeszuschüsse finanziert wird, hängt die Vergütung im Studium oft an den Praxiseinrichtungen. Tobias Bach sieht hier einen handwerklichen Fehler: Hätte man die Finanzierungslogiken aufeinander abgestimmt oder Studierende anteilig über die Ausbildungsfonds refinanziert, ließe sich das Problem lösen. ## Wenn alles auf links gedreht wird: der Kraftakt an den Schulen Für die Pflegeschulen war die Reform ein Eingriff in nahezu alle Bereiche – und das bei knapper Frist: Viele Dokumente lagen erst rund sechs Monate vor dem Start vor, parallel zur Covid-19-Pandemie. Die Curricula wurden konsequent kompetenzorientiert umgestellt: Statt Fächern und Faktenwissen stehen heute berufliche Situationen im Mittelpunkt, aus denen sich fallbasierte Lernsituationen ableiten. Hinzu kamen neue Stundenpläne, Sequenzplanungen als Anlage der Arbeitsverträge, umgestellte Bewerbungsverfahren, Ausbildungsnachweise, Beurteilungsinstrumente und Prüfungsformate – und nicht zuletzt die neue Finanzierungslogik. Tobias Bach beschreibt es treffend: In der Schule wurde alles einmal auf Konformität mit dem neuen Gesetz überprüft. Ohne professionelles Change- und Projektmanagement, das die Reihenfolge der Neuerungen steuert, wäre das kaum zu bewältigen gewesen. Die genauen Vorgaben finden sich in der [Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ausbildungs-und-pruefungsverordnung-pflegeberufe.html?ref=uebergabe.de). ## Das große Rätsel: Wie die Ausbildung wirklich bezahlt wird Kommen wir zum Herzstück – und gleichzeitig zum kompliziertesten Teil. Das Innovative an der neuen Finanzierung: Erstmals wurde systematisch gefragt, was theoretische und praktische Ausbildung eigentlich kosten. Gutachten haben Personal-, Raum-, Neben- und Materialkosten kalkuliert. Auf dieser Basis legt die [Pflegeberufe-Ausbildungsfinanzierungsverordnung](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/guv-19-lp/pflegeberufe-ausbildungsfinanzierungsverordnung.html?ref=uebergabe.de) fest, welche Bereiche über Ausbildungsbudgets refinanziert werden. Vereinfacht gibt es drei Töpfe: einen für die theoretische Ausbildung (die Pflegeschulen), einen für die praktische Ausbildung und einen für die Ausbildungsvergütung. Gespeist werden diese über Ausbildungsfonds auf Landesebene. In NRW verwaltet etwa die Bezirksregierung Münster ein Volumen, das sich allein 2022 auf rund 1,2 Milliarden Euro belief. Das Geld stammt aus Beiträgen der Krankenhäuser (über 50 Prozent), der Pflegeeinrichtungen, der Pflegeversicherung und aus Landesmitteln. Damit verbunden ist auch das Pflegebudget, über das im Krankenhaus die Personalkosten refinanziert werden. Hier gilt für das zweite und dritte Ausbildungsjahr ein kalkulatorischer Wertschöpfungsanteil: 9,5 Auszubildende werden rechnerisch einer examinierten Pflegefachperson gleichgesetzt. In der Langzeit- und ambulanten Pflege liegt dieser Faktor bei 1 zu 14 – unter anderem, weil die Refinanzierung dort über Zuschläge auf den Rechnungen der Pflegebedürftigen läuft. > *„Wir wissen jetzt hundertprozentig transparent, wie viel Budget eine Pflegeschule für Ausbildung zur Verfügung hat – das ist ein sehr spannender Moment." — Tobias Bach* Konkret bedeutet das in NRW: rund 7.700 Euro pro besetztem Ausbildungsplatz und Jahr für die schulische Ausbildung, rund 8.400 Euro für den praktischen Träger. Aus diesem Schulbudget müssen allerdings nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Bücher, Fahrtkosten, nebenamtliche Dozent:innen, Verwaltung, Leitung und Controlling bezahlt werden. Wer tiefer in die Mechanik der [Krankenhausfinanzierung](https://www.uebergabe.de/ug043/) einsteigen will, findet dazu eine eigene Episode. ## Der Haken beim Lehrer:innen-Schüler:innen-Verhältnis Ein wunder Punkt: In NRW liegt das Verhältnis bei 1 zu 25, während das Pflegeberufegesetz von 1 zu 20 spricht und Fachverbände eher 1 zu 15 für sinnvoll halten. Das Tückische daran: Die Pauschale von 7.700 Euro bezieht sich auf das schlechtere Verhältnis von 1 zu 25\. Andere Bundesländer setzen Anreize – höhere Budgets für bessere Betreuungsquoten, für masterqualifizierte Lehrkräfte oder hohe Belegungszahlen. Wer also qualitativ besser ausbildet als gesetzlich gefordert, bekommt in NRW unter Umständen trotzdem weniger Geld. Gleichzeitig entstehen rund um die Reform neue Stellenprofile: Koordinationsstellen für Praxiseinsätze, Stabsstellen für Praxisanleitung, ausgebaute Controlling-Abteilungen und ein engmaschiges Monitoring der Ausbildungsplätze. ## Praxisanleitung: 10 Prozent als guter Anfang Neu und refinanziert ist die verpflichtende Praxisanleitung: Mindestens 10 Prozent der praktischen Einsatzzeit müssen Auszubildende durch eine pädagogisch weitergebildete Pflegefachperson begleitet werden. Refinanziert sind dabei nicht nur die Anleitungszeit selbst, sondern auch Qualifizierung, Fachliteratur und die jährlich vorgeschriebenen 24 Stunden Fortbildung der Anleitenden. Für die Einrichtungen heißt das: Sie bekommen Geld – müssen es aber organisieren und gegenüber den Aufsichtsbehörden nachweisen. Aus pädagogischer Sicht hält Tobias Bach 10 Prozent nicht für auskömmlich und wünscht sich perspektivisch mehr. Trotzdem ist es ein großer Fortschritt, dass die Praxisanleitung nun in allen Settings mit definiertem Umfang festgeschrieben ist. Das größte Qualitätspotenzial liegt für ihn darin, von der reinen Verrichtungsorientierung – „ich zeige mal eben eine Subkutaninjektion" – wegzukommen und über echte Kompetenzanbahnung mit praktischen Curricula nachzudenken. Wo das gelingt, berichten Einrichtungen von spürbaren Verbesserungen, und Auszubildende schätzen feste Ansprechpersonen für die Praxisanleitung sehr. ## Gewinner, Verlierer und der Blick auf 2025 Die Sorge war groß: Verliert die Altenpflege ihren Nachwuchs ans Krankenhaus? Geht spezialisiertes pädiatrisches Wissen verloren? Tobias Bach kann eine massive Abwanderung aus Langzeit- und ambulanter Pflege nicht bestätigen. Das eigentliche Problem sei der allgemeine Bewerber:innen-Rückgang über alle Bereiche hinweg – nicht eine „Flucht" zwischen den Settings. Auch die Psychiatrie sieht er nicht als Verliererin: Über zusätzliche Einsatzwochen und die Möglichkeit, selbst Träger der praktischen Ausbildung zu sein, kann sie gezielt eigenen Nachwuchs gewinnen. Bis 2025 soll evaluiert werden, ob die Wahlmöglichkeit zwischen Generalistik und den verbliebenen Abschlüssen Altenpflege sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflege erhalten bleibt. Tobias Bach rechnet nicht mit einem Worst-Case-Szenario – sein Wunsch wäre, ab 2025 vollständig generalistisch auszubilden und sich dann rein fachlich über Spezialisierungskonzepte zu verständigen. Einer vollständigen Akademisierung steht er offen gegenüber, hält sie aber angesichts der Refinanzierungslogik kurzfristig für unrealistisch. Sein realistisches Etappenziel: eine Akademisierungsquote von 10, idealerweise 20 Prozent. ## Die unbequeme Schlussfrage Warum ist das System so kompliziert? Weil die Finanzierung vor allem die bestehenden Logiken zusammenfasst, statt sie radikal zu vereinfachen. Ein gemeinsames, steuerfinanziertes System wäre einfacher – aber dafür müsste die Gesellschaft bereit sein, jährlich Milliardenbeträge in professionelle Pflege zu investieren. Tobias Bach sagt klar: Pflegebildung ist kein Bereich, an dem gespart werden darf. Wer den medizinischen Fortschritt feiert und Menschen länger leben lässt, muss auch die Versorgung dieser längeren Lebensphase mitdenken – sonst bleibt am Ende eine gefährliche Lücke. Spätestens in zehn Jahren, so seine Prognose, ist es zu spät, jetzt die Weichen zu stellen. ## Zum Weiterhören - [ÜG017 – Generalistische Ausbildung](https://www.uebergabe.de/ug017/) - [ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand](https://www.uebergabe.de/ug168/) - [ÜG043 – Krankenhausfinanzierung](https://www.uebergabe.de/ug043/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [Schule für Pflegeberufe Herford-Lippe](https://www.pflegeschulen-hl.de/?ref=uebergabe.de) (pflegeschulen-hl.de) - [Informationen zu Tobias Bach](https://www.pflegeschulen-hl.de/contactperson/tobias-bach/?ref=uebergabe.de) (pflegeschulen-hl.de) - [Übersicht zum Pflegeberufegesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/pflegeberufegesetz.html?ref=uebergabe.de) (bumdesgesundheitsministerium.de) - [Pflegeberufegesetz im Wortlaut](https://www.gesetze-im-internet.de/pflbg/?ref=uebergabe.de) (gesetze-im-internet.de) - [Podcast mit Christine Vogler](https://www.uebergabe.de/ug017/) (uebergabe.de) - [Finanzierung der Ausbildung](https://www.pflegeausbildung.net/fuer-ausbilder-und-pflegeschulen/finanzierung.html?ref=uebergabe.de) (pflegeausbildung.net) - [Die Praxisanleitung in der Pflegeausbildung](https://www.pflegeausbildung.net/fuer-ausbilder-und-pflegeschulen/ausbildungsplan-und-praxisanleitung.html?ref=uebergabe.de) (pflegeausbildung.net) - [Pflegeberufe-Ausbildungsfinanzierungsverordnung (PflAFinV)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/guv-19-lp/pflegeberufe-ausbildungsfinanzierungsverordnung.html?ref=uebergabe.de) (bumdesgesundheitsministerium.de) - [Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe (PflAPrV)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ausbildungs-und-pruefungsverordnung-pflegeberufe.html?ref=uebergabe.de) (bumdesgesundheitsministerium.de) - [Übersicht zur Pflegeausbildung beim DBfK](https://www.dbfk.de/de/themen/Bildung.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) ### Die Aufnahme in Bildern ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/7-img_4611.jpg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/10-img_4621.jpg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/18-img_4631.jpg) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/2024/04/19-img_4633.jpg) ### Aktion "Gemeinsam Pflege" / Auszahlung des Pflegebonus URL: https://www.uebergabe.de/pu021/ Last updated: 2026-06-13T23:24:38.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 05.03.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Junge Aktive von DBfK und ver.di starten mit der Aktion „Gemeinsam Pflege" einen offenen Brief. - Ziel ist es, Spaltungen bei Kammer und Akademisierung zu überwinden und gemeinsame Positionen zu finden. - Lauterbach legt Eckpunkte für den Pflegebonus vor – bis zu 550 Euro in der Altenpflege. In dieser Folge stellen wir dir zwei Themen vor: ein berufspolitisches Kooperationsprojekt junger Pflegender und den Stand beim viel diskutierten Pflegebonus. Beide Meldungen geben den Stand Anfang März 2022 wieder – die Reform- und Auszahlungspläne sind also als damaliger Diskussionsstand zu lesen. ## Aktion „Gemeinsam Pflege": Junge Aktive von DBfK und ver.di rücken zusammen Junge Pflegende, die sich im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) und bei der Gewerkschaft ver.di organisieren, haben gemeinsam die Aktion „Gemeinsam Pflege" gestartet. Den Auftakt bildete ein [offener Brief an die Pflegelandschaft](https://gemeinsam-pflege.blogspot.com/2022/02/offener-brief-dbfk-verdi-aktive.html?ref=uebergabe.de), der zum Zeitpunkt der Folge bereits rund 1.200 Aufrufe und über 50 Unterschriften aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Pflege gesammelt hatte. Der Brief lässt sich weiterhin unterzeichnen. Inhaltlich appellieren die Beteiligten der AG Junge Pflege und der ver.di-Jugend daran, die Spaltungen innerhalb der Berufsgruppe zu überwinden. Gemeint sind vor allem die teils sehr polarisierten Debatten um die Pflegekammer und um die Akademisierung – also Themen, bei denen sich die großen Organisationen in den vergangenen Jahren oft unversöhnlich gegenüberstanden. Die jungen Aktiven wollen stattdessen gemeinsame Ziele in den Vordergrund stellen, statt sich an den Differenzen abzuarbeiten. Bemerkenswert ist schon die Entstehungsgeschichte: Der Kontakt entstand über eine Diskussion zur Pflegeberufekammer in den sozialen Medien. Statt sich dort weiter zu reiben, verabredeten sich einzelne Aktive im Sommer 2021 zu einem direkten Online-Austausch – und blieben in Kontakt. Der offene Brief ist das erste sichtbare Ergebnis dieser Zusammenarbeit. Geplant waren zum Zeitpunkt der Folge ein Resümee zu den ersten Reaktionen sowie ein erstes Positionspapier, dem weitere zu einzelnen Streitthemen folgen sollten. Für dich ist diese Meldung vor allem deshalb relevant, weil hier zwei Organisationen mit teils gegensätzlichen berufspolitischen Linien einen neuen Weg der Zusammenarbeit ausprobieren – getragen von Pflegenden am Beginn ihres Berufslebens. Die Aktiven verstehen ihr Projekt ausdrücklich als offenes Angebot: Über eine offene Chat-Gruppe sind alle eingeladen, sich einzubringen, unabhängig von der Mitgliedschaft in DBfK oder ver.di. Ziel ist eine möglichst breite, konstruktive Debatte, in der auch jene zu Wort kommen, die von den jeweiligen Themen direkt betroffen sind. Als Wunsch formulierten die jungen Aktiven, dass die Verbände die Rolle des Nachwuchses stärker anerkennen und die Kooperation der „Erwachsenenverbände" unterstützen. ## Pflegebonus: Lauterbach legt Eckpunkte zur Auszahlung vor Der zweite Schwerpunkt der Folge: Bewegung beim Pflegebonus. Die zu Beginn der Legislaturperiode angekündigte Milliarde Euro hatte zunächst auf sich warten lassen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach sprach sich nun für eine zügige Auszahlung aus und stellte einen entsprechenden Plan vor. Vorgesehen war, dass Pflegefachpersonen in Krankenhäusern und in der Langzeitpflege profitieren sollen – jeweils die Hälfte der Mittel für die Kliniken und die Hälfte für die Langzeitpflege. Details zur Umsetzung lassen sich beim Branchendienst [rund um die rasche Auszahlung des Corona-Bonus](https://www.kma-online.de/aktuelles/pflege/detail/auszahlung-corona-bonus-2022-fuer-pflegekraefte-47153?ref=uebergabe.de) nachlesen. Laut dem damaligen Eckpunktepapier waren in der Altenpflege bis zu 550 Euro für Vollzeitbeschäftigte vorgesehen. Die [geplanten Prämien von bis zu 550 Euro](https://www.tagesschau.de/inland/pflegebonus-corona-eckpunkte-101.html?ref=uebergabe.de) sollten ab dem 30\. Juni 2022 möglich sein, die Auszahlung war bis spätestens 31\. Dezember 2022 vorgesehen. Anspruch in der Altenpflege sollten Beschäftigte haben, die zwischen dem 1\. November 2020 und dem 30\. Juni 2022 mindestens drei Monate tätig waren und am Stichtag 30\. Juni 2022 noch beschäftigt waren. In den Krankenhäusern war der Zugang enger gefasst: Den Bonus sollten nur Kliniken erhalten, die mehr als zehn Covid-Fälle mit künstlicher Beatmung behandelt hatten – also Häuser mit entsprechender Intensivversorgung. Welche Beschäftigten dort konkret in welcher Höhe profitieren, sollten Klinikleitungen und Beschäftigtenvertretungen gemeinsam festlegen, im Grundsatz für Pflegefachpersonen, die unmittelbar an Patient:innen tätig sind. Diese Anbindung an Covid-bezogene Kriterien kennst du bereits von vorangegangenen Bonusrunden. ### Kritik der Verbände: Ungleichbehandlung und zu wenig Nachhaltigkeit An den Plänen gab es deutliche Kritik. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft begrüßte zwar grundsätzlich, dass der Bund Mittel bereitstellt, warnte aber vor unterschiedlichen Prämienhöhen für Pflegende auf Intensiv- und Normalstationen, weil dies zu einer Ungleichbehandlung führen könne. Sie empfahl den Trägern, mit den Mitarbeitervertretungen einheitliche Regeln zu vereinbaren, und betonte, dass eine Prämienzahlung keinen Ersatz für eine nachhaltige Förderung der Pflege darstelle. Die Bayerische Krankenhausgesellschaft kritisierte als unfair, dass – anders als in der Altenpflege – im Krankenhausbereich nur Beschäftigte ausgewählter Kliniken profitieren sollten. Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband bemängelte, dass der Bonus für die Altenpflege zu niedrig angesetzt sei: Weil dort viele Beschäftigte in Teilzeit arbeiten, fällt ihre Prämie anteilig geringer aus als die genannten 550 Euro. Eine ausführliche Einordnung, warum aus Verbandssicht [Lauterbachs Pläne zum Pflegebonus nicht ausreichen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/lauterbachs-plaene-zum-pflegebonus-reichen-nicht?ref=uebergabe.de), fasst die fachpflegerische Berichterstattung zusammen. Über alle Differenzen hinweg bestand weitgehend Einigkeit darin, dass Einmalzahlungen die strukturellen Probleme nicht lösen. Auch der Minister verwies darauf, dass die Situation der Pflegenden insgesamt verbessert werden müsse – etwa durch neue Personalbemessungssysteme und bessere Arbeitsbedingungen. Für dich heißt das: Der Bonus war damals ein kurzfristiges Signal der Anerkennung, ersetzte aber keine dauerhafte Reform. ## Zum Weiterhören - [PU024 – Moll fordert Vollbefragung / Positionspapier des Bündnis "Gemeinsam Pflege"](https://www.uebergabe.de/pu024/) - [PU028 – Streikupdate / Pflegebonus / Fachkräftemangel weltweit](https://www.uebergabe.de/pu028/) - [ÜG064 – Gewerkschaften in der Pflege (Michael Quetting)](https://www.uebergabe.de/ug064/) --- ## Quellen - [Gemeinsam Pflege Website](https://gemeinsam-pflege.blogspot.com/2022/02/offener-brief-dbfk-verdi-aktive.html?ref=uebergabe.de) (gemeinsam-pflege.blogspot.com) - [Gemeinsam etwas erreichen - Offener Brief für eine bessere Pflege](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2022/2757527743.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Bis zu 550 Euro Bonus für Altenpflegekräfte](https://www.tagesschau.de/inland/pflegebonus-corona-eckpunkte-101.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) - [Rasche Auszahlung des Corona-Bonus für Pflegekräfte](https://www.kma-online.de/aktuelles/pflege/detail/auszahlung-corona-bonus-2022-fuer-pflegekraefte-47153?ref=uebergabe.de) (kma-online.de) - [Lauterbachs Pläne zum Pflegebonus reichen nicht](https://www.bibliomed-pflege.de/news/lauterbachs-plaene-zum-pflegebonus-reichen-nicht?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Bis zu 550 Euro Prämie für Altenpflegepersonal](https://www.bibliomed-pflege.de/news/bis-zu-550-euro-praemie-fuer-altenpflegepersonal?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) ### Masterplan Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner) URL: https://www.uebergabe.de/ug088/ Last updated: 2026-06-13T11:42:21.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 26.02.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegeforschung in Deutschland ist chronisch unterfinanziert – es fehlt der politische Wille. - Das überkommene Bild der selbstlosen Pflege blockiert echte Professionalisierung. - Selbstsorge statt Selbstlosigkeit ist der erste Schritt aus der Krise. - Primärqualifizierende Studiengänge brauchen dringend eine tragfähige Finanzierung. - Ein Masterplan sollte von Expertise statt von Interessen geleitet werden. Seit über zwei Jahrzehnten reden wir über den Pflegenotstand – und kommen kaum vom Fleck. Warum eigentlich? Im Gespräch mit dem Übergabe-Podcast zeichnet Prof. Dr. Frank Weidner ein Bild, das unbequem ist: Solange wir Pflege als einfache, selbstlose Tätigkeit denken, drehen wir uns im Kreis. Sein Plädoyer: Es braucht einen echten Masterplan – getragen von Forschung, Erkenntnissen und einem neuen Selbstverständnis der Berufsgruppe. ## Ein Institut, das sich jeden Euro selbst verdienen muss Frank Weidner ist gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger und seit rund 25 Jahren in der Pflegewissenschaft tätig. Er leitet das [Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung](https://www.dip.de/aktuelles/?ref=uebergabe.de) (DIP) in Köln, das er Ende der 1990er-Jahre gemeinsam mit Michael Isfort aufgebaut hat. Die Idee dahinter: zwei drängende Lücken schließen, nämlich Pflegeforschung voranzutreiben und den wissenschaftlichen Nachwuchs zu qualifizieren. Beides ist bis heute aktuell. In rund 22 Jahren hat das DIP [über 150 Projekte](https://www.dip.de/projekte-dip-institut/?ref=uebergabe.de) umgesetzt und dabei etwa 18 Millionen Euro bewegt. Klingt nach viel – ist im Wissenschaftsbetrieb aber ein Beiboot. Der entscheidende Punkt: Das Institut wird weder vom Bund noch von einem Land institutionell gefördert. Es lebt fast ausschließlich von eingeworbenen Drittmitteln. Für Forschung ist das ungewöhnlich, denn üblicherweise fließen für gesellschaftlich relevante Bereiche öffentliche Mittel. In der Pflegeforschung ist das nur minimal entwickelt – und genau das wirft ein bezeichnendes Licht auf den Stellenwert, den die Pflege in Deutschland hat. Dass das DIP sich selbst über Wasser halten muss, ist für Weidner kein selbst gewählter Weg in die Unabhängigkeit, sondern schlicht Mangelverwaltung. Eine staatliche Grundförderung – ob vom Land oder vom Bund – wäre für ihn das Normale, nicht die Ausnahme. ## Das Pflegethermometer und der Blindflug ohne Daten Eine zentrale Aufgabe des Instituts ist die Berichterstattung über die Pflege. Mit dem Pflegethermometer, das maßgeblich von Michael Isfort verantwortet wird, liefert das DIP regelmäßig belastbare Grundlagendaten: offene Stellen, Beschäftigtenzahlen, Teilzeitquoten. Die Ursprungsidee entstand, als Weidner feststellte, dass selbst grundlegende Zahlen – etwa zu Auszubildenden in der Pflege – extrem unsicher waren, je nachdem, wo man hinschaute. Inzwischen erstellt das DIP für mehrere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern eine detaillierte Landesberichterstattung. Solche Daten sind für Weidner die Grundvoraussetzung jeder sinnvollen Politik. Wer keine Datengrundlage hat, navigiert nicht – er irrt herum. Aus guten Zahlen folgt zwar nicht automatisch gute Politik, doch ohne sie ist man buchstäblich im Blindflug unterwegs. ## Bilder aus dem letzten Jahrtausend Warum stockt die Entwicklung trotzdem? Weidner führt das auf den fehlenden politischen Willen zurück – und der speist sich aus tief verwurzelten Vorstellungen davon, was Pflege eigentlich ist. In Politik und Gesellschaft, manchmal sogar in der Berufsgruppe selbst, dominiere die Annahme, Pflege sei eine relativ einfache Tätigkeit, die man irgendwie hinbekomme. Forschung? Akademisches Personal in der Versorgung? Wofür? Besonders fatal ist für ihn ein bestimmtes Erklärungsmodell, das er aus Studien zur Professionalisierung und Deprofessionalisierung der Pflege ableitet: Das Bild der „guten Krankenschwester“, die sich aufopfert, ihre eigenen Interessen zurückstellt und gerade dadurch besonders gut pflegt. Dieses Muster sei in der Gesellschaft erstaunlich stabil – und werde von vielen, die in den Beruf gehen, auch verinnerlicht. > *„Dieses Bild der Pflege als eine verhältnismäßig einfache Tätigkeit, die im Wesentlichen davon lebt, dass die Menschen dort selbstlos sind – das ist Gift für die Pflege." — Prof. Dr. Frank Weidner* Der Applaus von den Balkonen während der Corona-Pandemie passt für ihn genau in dieses Schema: Aus der Ferne wird Beifall gespendet. Fragt man dagegen Eltern, ob die eigene Tochter in die Pflege gehen soll, taucht die andere Seite auf – ein harter Job, in dem sich die Leute aufreiben. Und während das System eigentlich längst in die Knie hätte gehen müssen, legte die Berufsgruppe in der Pandemie noch eine Schippe drauf. Die Folge sieht Weidner nicht in einer plakativen Kündigungswelle, sondern in einer schleichenden Abwanderung „mit den Füßen“ über die kommenden Jahre. ## Selbstsorge statt Selbstlosigkeit Wie kommt man da heraus? Weidner geht es ausdrücklich nicht um egoistische Pflegefachpersonen. Empathie und Mitgefühl bleiben für ihn ein hoher Wert – gerade in der Versorgung schwerkranker und sterbender Menschen. Das Fatale sei aber die Verknüpfung von Mitgefühl mit der Idee, je mehr man sich selbst zurücknehme, desto besser pflege man. Genau diese Gleichung müsse fallen. > *„Die Voraussetzung, fürsorglich zu sein, ist die Fähigkeit zur Selbstsorge – und nicht die Fähigkeit zur Selbstlosigkeit." — Prof. Dr. Frank Weidner* Konkret heißt das: vernünftige Arbeitsbedingungen einfordern, eine auskömmliche Bezahlung, klare Grenzen beim Einspringen. Wer sich dauerhaft verausgabt, ist in drei bis fünf Jahren raus. Wer für gute Bedingungen sorgt, kann sich vorstellen, auch in 15 oder 20 Jahren noch dabei zu sein. Erst auf diesem Fundament folgen für Weidner die weiteren Schritte der Professionalisierung: Begründungs- und Handlungskompetenz, wissenschaftliche Fundierung der Versorgungspraxis – so selbstverständlich, wie es in Medizin, Psychologie und Sozialer Arbeit längst ist. ## Warum es einen Masterplan braucht – und keine neue Hauruck-Aktion Schon 2017 hatte das DIP die Idee eines [Masterplans für die Pflege](https://www.springerpflege.de/politik/masterplan-fuer-die-pflege-/19997662?ref=uebergabe.de) ins Spiel gebracht. Zum Start der damals neuen Bundesregierung erinnerte Weidner erneut daran, dass [die Pflege in Deutschland jetzt einen Masterplan braucht](https://idw-online.de/de/news777929?ref=uebergabe.de). Wichtig ist ihm die Klarstellung: Das DIP legt keinen fertigen Plan in die Schublade, sondern schlägt vor, einen solchen Masterplan überhaupt erst aufzusetzen – mit politischem Nachdruck. Der entscheidende Unterschied zur Konzertierten Aktion Pflege: Weg vom Aushandeln zwischen Interessenverbänden, hin zu einem Gremium, das maßgeblich von Erkenntnissen statt von Interessen geleitet wird. Wissenschaft, Erfahrung aus der Praxis, angrenzende Disziplinen wie Medizin und auch juristische Expertise gehören für ihn an den Tisch. Die Konzertierte Aktion habe durchaus gute Ideen hervorgebracht, ende aber typischerweise beim kleinsten gemeinsamen Nenner. Genau das bringe die Pflege nicht voran. Wer mehr über die inhaltlichen Stufen wissen möchte: Das DIP hat dazu einen [Vier-Stufen-Masterplan vorgelegt](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dip-legt-4-stufen-masterplan-fuer-pflege-vor?ref=uebergabe.de). Weidner kritisiert die deutsche Herangehensweise an Pflegeprobleme als „auf die lange Bank schieben und dann übers Knie brechen“ – Paradebeispiel seien die später wieder verworfenen Pflegenoten in der stationären Versorgung. Stattdessen plädiert er für kontinuierliche, verstetigte Strukturen, wie er sie etwa in der Fachkräfte- und Qualifizierungsinitiative in Rheinland-Pfalz erlebt: dauerhaftes Branchenmonitoring, regelmäßiges Zusammenwirken der Akteure, ein eingespielter Beirat statt einer einmaligen Kraftanstrengung. ## Akademisierung im Rückwärtsgang Besonders alarmierend ist für Weidner die aktuelle Entwicklung der Pflegewissenschaft. Nach Jahrzehnten des langsamen Aufbaus drohe jetzt ein Rückschritt. Das Pflegeberufegesetz mit der bundesweit einheitlichen primärqualifizierenden Hochschulausbildung sei ein ermutigendes Signal gewesen. Doch weil die Finanzierung für Hochschulen, Praxiseinrichtungen und Studierende fehle, würden diese Studiengänge kaum nachgefragt. Gleichzeitig liefen erfolgreiche ausbildungsintegrierte Modelle aus, weil das Gesetz die Primärqualifizierung zum Normmodell erklärt habe – ohne für deren Finanzierung zu sorgen. > *„Wir haben eh keinen hohen Grad an Institutionalisierung von Wissenschaft, kaum messbar akademisches Personal in der Versorgung – und dann bricht dieses zarte Pflänzchen auch noch weg." — Prof. Dr. Frank Weidner* Der Knackpunkt ist die fehlende Vergütung im Studium und der ausbleibende „Return on Investment“. Wer vier Jahre studiert und dafür kein Geld erhält, dürfte später eine bessere Bezahlung und echte Aufstiegschancen in der Versorgung erwarten. Doch genau das ist bisher kaum abgebildet. Für Weidner wäre der realistische Einstieg, die Empfehlung des Wissenschaftsrats von 2012 umzusetzen: 10 bis 20 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs akademisch zu qualifizieren – also etwa 30.000 Studienplätze für die Pflege, um den Rückstand aufzuholen. Neue Handlungsfelder wie Community Health Nursing zeigen, dass es gehen kann, scheitern aber bislang an zu geringer Nachfrage, weil schlicht die Basis an Bachelor-Qualifizierten fehlt. Auf die Frage, warum Pflege in Deutschland nicht konsequent an die Hochschule gehört, räumt Weidner ein, dass seine 20-Prozent-Empfehlung eine bewusste „Weichspülerei“ sei. Zu Ende gedacht müsse man fragen: Aus welchem Grund sollte man Patient:innen eine wissenschaftlich qualifizierte Pflegefachperson vorenthalten? Doch er erinnert an 2013, als die EU zwölf Jahre Allgemeinbildung als Zugangsvoraussetzung vorgab – und nahezu alle Akteure von Parteien über Wohlfahrtsverbände bis zu den Arbeitgebern reflexartig nach Brüssel fuhren, um zu warnen, in Deutschland breche dann alles zusammen. Diese Angst vor dem Kollaps sei tief verwurzelt und wirke bis heute. ## Organisiert euch – aber wer entscheidet eigentlich? Eng damit verbunden ist für Weidner das Thema Selbstverwaltung. Dass Pflegekammern in Schleswig-Holstein und Niedersachsen wieder zurückgefahren wurden – in Schleswig-Holstein sprachen sich über 90 Prozent der Befragten dagegen aus – erklärt er erneut mit den überkommenen Bildern: Man verspricht sich keine grundlegende Änderung und verlässt sich lieber auf sich selbst. In Vergleichsstudien mit Australien zeige sich ein ganz anderes Bild: Dort gehört das sich Organisieren selbstverständlich zum professionellen Verständnis dazu. In Deutschland fehle es an Solidarität innerhalb der Berufsgruppe. Würden sich die rund 1,7 Millionen Pflegenden organisieren, wäre das nach Weidner ein Automatismus für politische Mitgestaltung – schließlich ist es die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen. Der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn habe wiederholt und unter Applaus dazu aufgefordert, sich endlich zu organisieren. In der Sache, so Weidner, habe er recht gehabt – auch wenn es Salz in die Wunde sei, wenn das ausgerechnet ein Gesundheitsminister sagen müsse. Die Errichtung einer Kammer wäre für ihn ohnehin eine politische Entscheidung der Länder, die nicht von Befragungen abhängen sollte. ## Vallendar, Privatisierung und die öffentliche Verantwortung Persönlich getroffen hat Weidner die angekündigte Schließung der ersten und bislang einzigen pflegewissenschaftlichen Fakultät in Vallendar, die er als Gründungsdekan aufgebaut hatte. Er stellt klar: Die Fakultät verschwindet nicht über Nacht, laufende Studien- und Promotionsprozesse werden abgeschlossen, neue Studierende aber nicht mehr aufgenommen. Pflegewissenschaft soll es in der Region Koblenz weiter geben, der Lehramtsstudiengang an die Universität Koblenz wandern. Der eigentliche Skandal sei für ihn jedoch ein anderer: dass es an keiner staatlichen Universität in Deutschland eine eigene Fakultät für Pflegewissenschaft gibt. Daraus zieht er einen grundsätzlichen Schluss: Forschung sei in Deutschland in erster Linie eine öffentliche Aufgabe – gerade in gesellschaftlich relevanten Bereichen wie der Gesundheits- und Daseinsvorsorge. Auf private Geldgeber zu schimpfen, greife zu kurz; der Fingerzeig gehe an die öffentliche Hand. Zum Abschluss öffnet Weidner noch ein größeres Fass: die Privatisierung im Gesundheitswesen. Aus Krankenhäusern und stationären Altenhilfeeinrichtungen flössen Summen in Milliardenhöhe an Stakeholder ab – Geld, das Patient:innen, Pflegebedürftigen und Pflegenden fehle. Den Zug hält er für noch nicht abgefahren. Gefragt sei eine politische Grundüberzeugung, die solche gewinnorientierten Auswüchse eindämmt und Gesundheit und Pflege wieder klar als öffentliches Interesse begreift. Genau dort beginnt für ihn auch der Masterplan – mit der Frage, welches Bild von Pflege wir in Zukunft eigentlich zeichnen wollen. ## Zum Weiterhören - [ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)](https://www.uebergabe.de/ug145/) - [ÜG069 – Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [ÜG031 – Pflegewissenschaft, Personalbemessung, Untergrenzen & Demenzsensible Krankenhäuser (Prof. Dr. Michael Isfort)](https://www.uebergabe.de/ug031/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung](https://www.dip.de/aktuelles/?ref=uebergabe.de) (dip.de) - [Landesberichterstattung Gesundheitsberufe NRW 2019 und Regionalkonferenzen Fachkräftesicherung in den Gesundheitsberufen in NRW 2021](https://www.dip.de/projekte-dip-institut/projekt-details/?tx%5Fttnews%5BbackPid%5D=56&tx%5Fttnews%5Btt%5Fnews%5D=308&cHash=4fb06981631b58fabd1b8f091548bbaa&ref=uebergabe.de) (dip.de) - [Übersicht aller Projekte des DIP](https://www.dip.de/projekte-dip-institut/?ref=uebergabe.de) (dip.de) - [Masterplan für die Pflege](https://www.springerpflege.de/politik/masterplan-fuer-die-pflege-/19997662?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [Die Pflege in Deutschland braucht jetzt einen Masterplan!](https://idw-online.de/de/news777929?ref=uebergabe.de) (idw-online.de) - [DIP fordert von Bundesregierung Masterplan Pflege](https://www.haeusliche-pflege.net/artikel/2021/10%5F2021/dip-fordert-von-bundesregierung-masterplan-pflege?ref=uebergabe.de) (häusliche-Pflege.net) - [DIP legt 4-Stufen-Masterplan für Pflege vor](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dip-legt-4-stufen-masterplan-fuer-pflege-vor?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) ### Umsetzung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht / Tarifvertrag in der Altenpflege URL: https://www.uebergabe.de/pu020/ Last updated: 2026-06-17T19:13:04.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 19.02.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Verfassungsgericht sieht keine durchgreifenden Bedenken gegen die einrichtungsbezogene Impfpflicht. - Bund und Länder streiten über die Umsetzung – Bayern will den Vollzug aussetzen. - Ab September 2022 sollen Pflegeeinrichtungen tariflich entlohnen, Mindestlöhne steigen schrittweise. In dieser Folge geht es um zwei Themen, die beide damit zu tun haben, ob Pflegefachpersonen in ihrem Beruf bleiben wollen: die konkrete Umsetzung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht und die geplante Tarifbindung in der Altenpflege. Beide Themen waren zum Zeitpunkt der Folge (Mitte Februar 2022) in voller Bewegung – im Folgenden eine Einordnung des damaligen Stands. ## Verfassungsgericht weist Eilanträge gegen die Impfpflicht zurück Bevor es um die Umsetzung geht, zunächst zur rechtlichen Lage: Seit Bekanntgabe des Gesetzes im Dezember 2021 lagen beim Bundesverfassungsgericht 74 Verfassungsbeschwerden von rund 300 Beschäftigten aus dem Gesundheitswesen vor. Häufigstes Argument war das Recht auf körperliche Unversehrtheit. In einem Eilbeschluss entschied das Gericht jedoch, dass gegen die einrichtungsbezogene Impfpflicht keine durchgreifenden verfassungsrechtlichen Bedenken bestehen. Die Richter:innen wogen dabei das gemeinschaftliche Infektionsrisiko gegen die Immunisierungspflicht Einzelner ab. Die Einzelheiten finden sich in der [Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts](https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2022/bvg22-012.html?ref=uebergabe.de). ## Der Stufenplan zur Umsetzung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht Zur konkreten Umsetzung hat sich die Gesundheitsministerkonferenz der Länder Anfang der Woche auf ein gestuftes Verfahren verständigt, das Bundesgesundheitsministerium veröffentlichte dazu eine Handreichung. Stichtag ist der 15\. März 2022\. Bis dahin müssen Beschäftigte in den betroffenen Einrichtungen einen Impf- oder Genesenennachweis vorlegen. Betroffen sind neben Kliniken und Pflegeeinrichtungen auch Arztpraxen, Geburtshäuser, Reha-Einrichtungen, Rettungsdienste sowie Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Als vollständig gilt zum damaligen Zeitpunkt ein Nachweis über zwei Impfungen. Liegt kein oder kein vollständiger Nachweis vor, werden die Daten der betroffenen Personen ans Gesundheitsamt gemeldet. Dort können dann auch mögliche Gründe gegen eine Impfung vorgebracht werden. Unterschieden wird zwischen patientennahen und patientenfernen Tätigkeiten, anschließend folgt eine Einzelfallprüfung: Das Gesundheitsamt wägt ab, wie risikobehaftet die jeweilige Position ist – und was passiert, wenn die Person nicht mehr in diesem Bereich arbeitet. Genau hier liegt die Krux: Eine Pflegefachperson auf einer Intensivstation arbeitet in einem sehr sensiblen Bereich, doch wenn die Personalsituation ohnehin angespannt ist, wird die Abwägung für das Amt schwierig. Wie das gestufte Verfahren aufgebaut ist, hat die [Gesundheitsministerkonferenz im Detail erläutert](https://www.bibliomed-pflege.de/news/gmk-spricht-sich-fuer-gestuftes-verfahren-aus?ref=uebergabe.de). Das eigentliche Problem: Das Gesetz liefert die Grundlage, aber keine konkreten Kriterien für die Einzelfallentscheidungen. Ämter, Kommunen und Landratsämter müssen jeden Fall einzeln auslegen und interpretieren. Stellt das Gesundheitsamt eine Gefährdung fest, sind zunächst Maßnahmen wie tägliche Tests, Arbeit im Vollschutz oder eine Versetzung in einen weniger risikobehafteten Bereich denkbar. In Härtefällen kann das Amt ein Tätigkeitsverbot aussprechen oder ein Bußgeldverfahren einleiten. Bis eine Entscheidung getroffen ist, dürfen die betroffenen Personen jedoch weiterarbeiten. Und auch eine Kündigung ist arbeitsrechtlich nicht ohne Weiteres möglich: Vorher müssen eine Weiterbeschäftigung geprüft und die Person abgemahnt werden. ## Söder, die Union und der Streit um den Vollzug Während sich die Umsetzung konkretisiert, wird sie auf Länderebene heftig diskutiert. Besonders prominent positioniert sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder: Er will den Vollzug der Impfpflicht zunächst aussetzen. Seine Begründung – sonst fehle Pflegepersonal, und die Impfpflicht sei kein wirksames Mittel gegen die damalige Omikron-Welle. Pikant daran: Söder war im November 2021 noch ein ausdrücklicher Befürworter, ebenso stimmten im Dezember fast alle Unionsabgeordneten – darunter Friedrich Merz – für das Gesetz. Beim Bund-Länder-Treffen betonte Bayern allerdings, generell hinter dem Gesetz zu stehen; es brauche aber praxistaugliche und bundeseinheitliche Vollzugsregeln. Wie Söder sein Zögern [öffentlich verteidigt](https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bayerns-ministerpraesident-markus-soeder-verteidigt-zoegern-bei-einrichtungsbezogener-impfpflicht-a-7bcd3464-aa94-41ed-804c-99fe764e0595?ref=uebergabe.de), sorgte für deutlichen Gegenwind. Der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Tino Sorge, hält die Impfpflicht in dieser Form für nicht umsetzbar und bezweifelt, dass die offenen Fragen bis März geklärt werden. Aus der Bundesregierung kam scharfe Kritik: Justizminister Marco Buschmann verwies darauf, dass in einem Rechtsstaat Gesetze gelten, an die man sich halten müsse. SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich warf Söder vor, ein Gesetz mitbeschlossen zu haben, das er nun nicht umsetzen wolle – das gefährde das Vertrauen in demokratische Grundsätze. Auch aus der Pflege kam Widerspruch: Der Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz bezeichnete Söders Verhalten als populistisch. Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK), sieht darin vor allem ein Verschleiern des langjährigen Personalmangels: Dass jede einzelne Kündigung zu Versorgungsengpässen führe, sei ein politisches Versäumnis – und nicht der Impfbereitschaft einzelner Pflegender anzulasten. Die neue Pflegebevollmächtigte Claudia Moll äußerte die Sorge, dass sich die Menschen von der Politik veräppelt fühlen könnten. Diese unterschiedlichen Reaktionen aus Politik und Pflege fasst ein Beitrag über den [Zickzackkurs der Politik](https://www.bibliomed-pflege.de/news/zickzackkurs-der-politik-sorgt-fuer-unverstaendnis-in-der-pflege?ref=uebergabe.de) zusammen. ### Wie die Länder unterschiedlich reagieren Bayern ist das prominenteste, aber nicht das einzige Beispiel. Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) kritisiert die fehlende Einigung von Bund und Ländern, will die Aufgabe nicht auf die Gesundheitsämter abwälzen und die Beschäftigten nicht vor den Kopf stoßen. Auch Sachsen-Anhalt bemängelt offene Fragen und nennt die Handreichung des Ministeriums zwar sachdienlich, aber unverbindlich; zudem wird auf die veränderte Lage durch Omikron verwiesen – bei Beschluss des Gesetzes herrschte noch die Delta-Welle. Tendenziell zeigen sich die unionsgeführten Länder skeptischer, während SPD-geführte Länder optimistischer auftreten. Niedersachsens Sozialministerin Daniela Behrens räumt zwar ein, dass die Umsetzung eine Kraftanstrengung sei, das sei aber schon im Dezember klar gewesen. Rheinland-Pfalz unter Malu Dreyer will die Impfpflicht umsetzen und droht bei fehlenden Nachweisen mit einem Bußgeld von 500 Euro. Einen Überblick über den anhaltenden Streit liefert das [Deutsche Ärzteblatt](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/131877/Einrichtungsbezogene-Impfpflicht-sorgt-weiter-fuer-Aerger?ref=uebergabe.de). ### Zahlen, Personalausfälle und ein neuer Impfstoff Begleitet wird die Debatte von weiteren Meldungen. Die Bundesagentur für Arbeit registrierte im Dezember und Januar rund 25.000 arbeitssuchende Beschäftigte aus dem Gesundheits- und Sozialsektor, davon etwa [12.000 aus der Pflege](https://www.bibliomed-pflege.de/news/12000-pflegende-melden-sich-arbeitssuchend?ref=uebergabe.de) – deutlich mehr als üblich. Die meisten sind allerdings noch in ihrem Job und haben lediglich drohende Arbeitslosigkeit angezeigt. Welche Motive dahinterstehen, wurde nicht erhoben – ein Zusammenhang mit den Aufrufen aus der Impfgegnerszene lässt sich also weder belegen noch ausschließen. Deutlich zugenommen haben dagegen Personalausfälle durch Corona-Infektionen. In Münster musste sogar der Katastrophenschutz in die pflegerische Versorgung einbezogen werden, weil sich mehr als 120 Mitarbeitende aus verschiedenen Pflegeheimen gleichzeitig in Isolation befanden – ein Beispiel, das die [Folgen der Pandemie für die Versorgung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/katastrophenschutz-unterstuetzt-bei-pflege-in-heimen?ref=uebergabe.de) sichtbar macht. Genau solche Ausfälle ließen sich durch guten Impfschutz potenziell verringern. Für Skeptiker:innen interessant: Ende Februar sollte der Totimpfstoff Novavax verfügbar werden, der zunächst priorisiert an Beschäftigte aus Pflege- und Gesundheitsberufen verimpft werden sollte. Wie diese [Priorisierung geplant war](https://www.bibliomed-pflege.de/news/novavax-impfungen-prioritaer-fuer-pflegepersonal-vorgesehen?ref=uebergabe.de), ließ sich damals bereits nachlesen. ## Tarifbindung und steigende Mindestlöhne in der Altenpflege Das zweite Thema führt weg von der Pandemie – knüpft aber an die Frage an, warum Pflegefachpersonen ihrem Beruf treu bleiben oder ihn verlassen. Im Rahmen der Pflegereform wurde beschlossen, dass ab dem 1\. September 2022 nur noch Pflegeeinrichtungen mit den Kassen abrechnen dürfen, die tariflich entlohnen. Das Bundesgesundheits- und das Bundesarbeitsministerium genehmigten dazu eine vom GKV-Spitzenverband vorgelegte Richtlinie zur tariflichen Entlohnung in der Altenpflege. Den Einrichtungen stehen dabei drei Wege offen: Sie können selbst einen Tarifvertrag abschließen, ihre Mitarbeitenden nach einem regional anwendbaren Tarifvertrag entlohnen oder mindestens in Höhe des Durchschnitts aller regionalen Tariflöhne bezahlen. Bis zum 28\. Februar 2022 mussten sich die Einrichtungen entscheiden, welchen Weg sie gehen. Parallel sollen auch die Mindestlöhne in der Altenpflege steigen, wie die zuständige Pflegekommission angekündigt hat. Nach einer ersten Erhöhung zum 1\. April war eine weitere Steigerung zum 1\. September geplant – mit weiteren Schritten bis Ende 2023\. Vorgesehen war damals, die Löhne für Hilfskräfte von 12 auf 14,15 Euro, für qualifizierte Hilfskräfte auf 15,25 Euro und für Pflegefachkräfte von 15 auf 18,25 Euro anzuheben. Die Details zu diesen Stufen hat ein Beitrag über den [steigenden Pflegemindestlohn](https://oeffentlicher-dienst-news.de/pflegemindestlohn-altenpflege-pflegehilfskraefte-ungelernte-pflegekraefte/?ref=uebergabe.de) aufbereitet. Zusätzlich empfahl die Pflegekommission mehr Urlaub: Vollzeitkräfte sollten 2022 über den gesetzlichen Anspruch hinaus sieben zusätzliche Urlaubstage erhalten, für 2023 und 2024 jeweils neun. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil kündigte zum damaligen Zeitpunkt an, die Regelung per Verordnung zum 1\. Mai umsetzen zu wollen. ## Zum Weiterhören - [PU019 – Diskussionen um die einrichtungsbezogene Impfpflicht](https://www.uebergabe.de/pu019/) - [PU002 – Pflegereform](https://www.uebergabe.de/pu002/) - [ÜG062 – Corona-Impfung im Fokus der Pflege (Prof. Dr. Dr. Sabine Wicker)](https://www.uebergabe.de/ug062/) --- ## Quellen - [Handreichung zur Umsetzung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/C/Coronavirus/FAQs%5Fzu%5F20a%5FIfSG.pdf?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [GMK spricht sich für gestuftes Verfahren aus](https://www.bibliomed-pflege.de/news/gmk-spricht-sich-fuer-gestuftes-verfahren-aus?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Pressemitteilung Bundesverfassungegericht](https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2022/bvg22-012.html?ref=uebergabe.de) (bundesverfassungsgericht.de) - [Streit wegen Impfpflicht - Söder attakiert Bundesregierung](https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bayerns-ministerpraesident-markus-soeder-verteidigt-zoegern-bei-einrichtungsbezogener-impfpflicht-a-7bcd3464-aa94-41ed-804c-99fe764e0595?ref=uebergabe.de) (spiegel.de) - [Die Union auf Abwegen](https://www.deutschlandfunk.de/die-union-und-die-einrichtungsbezogene-corona-impfpflicht-100.html?ref=uebergabe.de) (deutschlandfunk.de) - [Zickzackkurs der Politik sorgt für Unverständnis in der Pflege](https://www.bibliomed-pflege.de/news/zickzackkurs-der-politik-sorgt-fuer-unverstaendnis-in-der-pflege?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Bayern will einrichtungsbezogene Impfpflicht vorerst aussetzen](https://www.br.de/nachrichten/bayern/bayern-will-einrichtungsbezogene-corona-impfpflicht-vorerst-aussetzen,Swk780T?ref=uebergabe.de) (br.de) - [Teil-Impfpflicht "kaum umsetzbar"?](https://www.tagesschau.de/inland/union-impfpflicht-105.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) - [Einrichtungsbezogene Impfpflicht sorgt weiter für Ärger](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/131877/Einrichtungsbezogene-Impfpflicht-sorgt-weiter-fuer-Aerger?ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) - [Teil-Impfpflicht: Skepsis nicht nur in Bayern](https://www.br.de/nachrichten/bayern/teil-impfpflicht-skepsis-nicht-nur-in-bayern,Sx3HqXP?ref=uebergabe.de) (br.de) - [RLP: Corona-Impfpflicht in Kliniken](https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/einrichtungsbezogene-impfpflicht-in-rlp-100.html?ref=uebergabe.de) (swr.de) - [Novavax Impfungen prioritär für Pflegekräfte vorgesehen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/novavax-impfungen-prioritaer-fuer-pflegepersonal-vorgesehen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Katastrophenschutz unterstützt bei Pflege in Heimen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/katastrophenschutz-unterstuetzt-bei-pflege-in-heimen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [12.000 Pflegende melden sich arbeitssuchend](https://www.bibliomed-pflege.de/news/12000-pflegende-melden-sich-arbeitssuchend?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Heil rechnet mit zeitnaher Empfehlung für höhere Löhne](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Pflege?s=&p=1&n=1&nid=131319&ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) - [Pflegemindestlohn steigt ab 1\. September 2022](https://oeffentlicher-dienst-news.de/pflegemindestlohn-altenpflege-pflegehilfskraefte-ungelernte-pflegekraefte/?ref=uebergabe.de) (oeffentlicher-dienst-news.de) - [Weiterer Schritt zu Tariflöhnen in der Pflege vereinbart](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Pflege?s=&p=1&n=1&nid=131345&ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) - [Weitere Mindestlohnerhöhung für Altenpflegekräfte ab September](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Pflege?s=&p=1&n=1&nid=131637&ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) ### Hebammenwissenschaft (Prof.in Dr.in Claudia Hellmers) URL: https://www.uebergabe.de/ug087/ Last updated: 2026-06-13T11:42:18.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 12.02.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Hebammen haben mit der Vollakademisierung ein neues, breiteres Kompetenzprofil bekommen. - Vorbehaltene Tätigkeiten und Hinzuziehungspflicht sichern den autonomen Berufsbereich. - Gute Geburtshilfe braucht mehr als Überleben: Choice, Continuity und Control zählen. - Arbeitsbedingungen entscheiden über Hebammenmangel – nicht allein die Ausbildungszahlen. - Steigende Sectio-Raten sind Folge von Medikalisierung, Forensik und verlernten Skills. Über Pflege sprechen wir im Übergabe-Podcast oft. Diesmal geht der Blick einmal über den Tellerrand – zu einem Gesundheitsberuf, der gerade einen historischen Umbruch erlebt: den Hebammen. Zu Gast war [Prof.in Dr.in Claudia Hellmers von der Hochschule Osnabrück](https://www.hs-osnabrueck.de/prof-dr-claudia-hellmers/?ref=uebergabe.de), die seit 2009 Professorin für Hebammenwissenschaft ist und gleich zwei Studiengänge mitverantwortet. Was dabei herauskam, ist auch für Pflegefachpersonen erstaunlich vertraut – und an einigen Stellen ein echter Augenöffner. ## Eine junge Disziplin findet ihre eigene Stimme Hebammenwissenschaft ist in Deutschland noch jung. Der erste hebammenwissenschaftliche Studiengang wurde 2008 in Osnabrück eröffnet – damit ist die Disziplin der Pflegewissenschaft etwa 30 Jahre hinterher. Ihr Ziel beschreibt Claudia Hellmers als Dreiklang aus Forschung, Lehre und Praxis: Es geht darum, einen eigenständigen Wissenskorpus aufzubauen, internationale Konzepte für Deutschland nutzbar zu machen und die Versorgung von Schwangeren, Gebärenden und Familien zu verbessern. Vieles stammt aus Bezugswissenschaften – vor allem aus der Medizin und den Sozialwissenschaften, ein Stück weit auch aus der Pflegewissenschaft. Genau hier liegen die Schnittstellen zur Pflege: Lebensweltorientierung, Familienorientierung, didaktische Modelle. In der Fachdidaktik sieht sich die Hebammenwissenschaft sogar als Lernende – sie greift auf etablierte pflegedidaktische Konzepte zurück. Auch in der Doktorand:innen-Ausbildung gibt es in Osnabrück enge Kooperationen zwischen Pflege- und Hebammenwissenschaft. > *„Es geht uns nicht um die bessere Hebamme. Es geht darum, dass Hebammen ein anderes Kompetenzprofil brauchen – und das kriegen wir über eine Hochschulbildung besser hin als in einer klassischen Berufsfachschulausbildung." — Prof.in Dr.in Claudia Hellmers* ## Der autonome Bereich: vorbehalten und hart erkämpft Anders als die Pflege haben Hebammen schon lange einen klar abgegrenzten, autonomen Tätigkeitsbereich – verankert im [Hebammengesetz](https://www.gesetze-im-internet.de/hebg%5F2020/?ref=uebergabe.de). Dazu gehört die sogenannte Hinzuziehungspflicht: Jede Ärztin und jeder Arzt ist verpflichtet, zu einer Geburt eine Hebamme hinzuzuziehen und darf eine normale Geburt nicht allein leiten. Umgekehrt darf eine Hebamme eine physiologische Geburt eigenständig begleiten, die Schwangerenvorsorge übernehmen und das Wochenbett überwachen. Historisch war das nicht selbstverständlich. Mit der Institutionalisierung der Hebammenausbildung und dem Einzug in die klinische Geburtshilfe verlor der Beruf einen Teil seiner früheren Eigenständigkeit – die Medizin setzte sich darüber, klassischer Frauenberuf, jahrhundertelang nicht an den Universitäten zugelassen. Bis heute werden viele dieser gesetzlich verbrieften Rechte in den hierarchisch geprägten Klinikstrukturen nicht voll gelebt, weil die Weisungsbefugnis oft bei der ärztlichen Leitung liegt. Dass die Hinzuziehungspflicht überhaupt erhalten blieb, ist auch ein Verdienst einer bemerkenswert geschlossenen Berufsgruppe. Die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft und ein starker Berufsverband – allen voran der [Deutsche HebammenVerband](https://www.hebammenverband.de/startseite/?ref=uebergabe.de) – haben sich intensiv in die Gesetzgebung eingebracht. Über 90 Prozent der rund 24.000 Hebammen sind im Verband organisiert. Das schafft politisches Gewicht, von dem die Pflege bisweilen nur träumen kann. ## Warum gleich alle studieren? Die Vollakademisierung war innerhalb des Berufs durchaus umstritten – ähnlich wie in der Pflege. Eine der größten Sorgen: Entstehen zwei Klassen von Hebammen? Bekommen die mit Bachelor die besseren Stellen, die höhere Bezahlung, die spannenderen Aufgaben? Claudia Hellmers lenkt den Blick auf das Kompetenzprofil. Wer eine Schwangere autonom betreuen, eine Geburt eigenständig leiten und das Wochenbett überwachen soll, braucht genau dieses Rüstzeug – eine Aufteilung in „darf nur ein bisschen davon" funktioniert nicht. Dazu kommen die wissenschaftlichen Kompetenzen: Wer kein vorgesetztes Qualitätsmanagement hat, muss selbst recherchieren, Leitlinien beurteilen und entscheiden können, was sich für den Praxistransfer eignet. Hinzu kamen die internationale Anschlussfähigkeit – rundherum gibt es längst Bachelorabschlüsse – und das Argument, Frauen nicht länger in einer Bildungssackgasse zu halten. Bemerkenswert ist eine Beobachtung, die auch Pflegende kennen: Die Frage, ob man jemandem mit Realschulabschluss den Zugang verbaut, wird ausgerechnet bei den klassischen Frauenberufen gestellt – bei Medizin, Jura oder im Cockpit dagegen nie. Über Wege wie die 3-plus-3-Regelung oder die Z-Prüfung bleibt das System durchlässig. Entscheidend ist, dass am Ende das Kompetenzprofil erreicht wird. > *„Wer einen bestimmten Beruf wirklich machen will, ist auch in der Lage, den entsprechenden Abschluss zu erreichen. Da darf man niemanden ausschließen – man muss Wege aufzeigen." — Prof.in Dr.in Claudia Hellmers* ## Praxisanleitung: ein Steckenpferd mit Realitätssinn Wie in der Pflege sieht das Gesetz nun einen festen Anteil von 25 Prozent Praxisanleitung vor – mit Übergangsregelungen bis 2030\. In Niedersachsen startet man zum Zeitpunkt der Aufnahme bei 15 Prozent und steigert schrittweise. Für Hellmers ist gute Praxisanleitung ein zentrales Instrument, gerade weil die quantitativen Praxisstunden reduziert wurden und es dafür eine qualitative Verdichtung braucht. Gleichzeitig betont sie: Die Praxis muss hinterherkommen, sonst sind am Ende alle frustriert. Pragmatismus statt Maximalforderung. ## Hebammenmangel: zu wenige Köpfe oder zu schlechte Bedingungen? Die Versorgungslage ist schwer zu fassen – es fehlt schlicht eine belastbare Datenbasis, weil Hebammen in Deutschland nicht flächendeckend registriert sind. [Gutachten des IGES-Instituts](https://www.iges.com/kunden/gesundheit/forschungsergebnisse/2020/hebammen/index%5Fger.html?ref=uebergabe.de) zeigen aber einen Mangel, besonders in der ländlichen Wochenbettbetreuung, und eine Zentralisierung der Geburtsstationen – kleine Abteilungen schließen, weil sie sich über die Anreizsysteme nicht refinanzieren. Spannend ist Hellmers' Befund: Wo es noch funktioniert, liegt das oft daran, dass Hebammen über ihre Kräfte arbeiten – mehr Frauen annehmen, weite Wege fahren. Und eine Bachelorarbeit aus Osnabrück zeigte, dass die anfangs hohe Identifikation von Auszubildenden mit „ihrem" Haus im Laufe der Ausbildung rapide sinkt. Hauptgrund: mangelnde Integration ins Team und fehlende Möglichkeit, originäre Hebammenarbeit zu leben. Mit anderen Worten: Man bildet den Nachwuchs aus – und verliert ihn an die Strukturen. > *„Wir können unglaublich viele Frauen ausbilden. Wenn die wegen schlechter Arbeitsbedingungen in andere Berufe abwandern, nützt uns die Quantität nichts." — Prof.in Dr.in Claudia Hellmers* Personaluntergrenzen wie in der Pflege gibt es bislang nicht – nur Orientierungswerte und Empfehlungen. Ermutigend fand die Runde den damals frisch in Kraft getretenen Tarifvertrag der Charité, der erstmals eine Mindestbesetzung für Entbindungsräume festschreibt. Genau solche Schritte, so der Tenor, brauche es bottom-up – und dafür sei letztlich die gewerkschaftliche Ebene zuständig, nicht die wissenschaftliche oder berufspolitische. ## Hebammengeleiteter Kreissaal und Geburtshaus Ein Modell, das den autonomen Bereich konsequent umsetzt, ist der hebammengeleitete Kreißsaal – auch er hat seinen Forschungsursprung in Osnabrück, unter anderem durch Friederike zu Sayn-Wittgenstein in Kooperation mit Beate Schücking und Petra Kolip. Low-Risk-Frauen werden hier von Hebammen primär versorgt, eine ärztliche Verlegung ist bei Bedarf sofort möglich, oft sogar ohne Raumwechsel. Studien zeigen ein sehr gutes Outcome – trotzdem haben sich die Modelle bisher nur an wenigen Standorten etabliert, weil sie eine andere Verantwortungsübernahme und passende Rahmenbedingungen voraussetzen. Bei freiberuflichen Hebammen und Geburtshäusern drücken hohe Haftpflichtprämien. Viele haben die außerklinische Geburtshilfe aufgegeben, weil sich das schlicht nicht mehr trägt – mit der Folge, dass die Wahlfreiheit der Frauen schrumpft. Abgerechnet wird über die Hebammengebührenverordnung, die zwischen Berufsverband und Krankenkassen ausgehandelt wird. ## Was Frauen wirklich brauchen Rund 98 Prozent der Geburten finden in Deutschland in der Klinik statt, nur etwa zwei Prozent außerklinisch – eine seit Jahren stabile Zahl. Wer sich für die außerklinische Geburt entscheidet, sucht häufig Selbstbestimmung, eine vertraute Hebamme und eine geschützte Atmosphäre. Wer in die Klinik geht, verbindet damit ein Sicherheitsgefühl durch medizinische Ausstattung und angeschlossene Kinderklinik. Hellmers' zentrale Frage: Bietet ein medizinisches System eigentlich das, was Frauen brauchen? Für das subjektive Sicherheitsempfinden zählen drei Faktoren – Choice, Continuity und Control. Eine Hebamme, die zuhört und respektvoll betreut. Eine kontinuierliche Begleitung, idealerweise von der Schwangerschaft bis ins Wochenbett. Und das Gefühl, nicht über den eigenen Kopf hinweg entscheiden zu lassen. Gerade diese Kontinuität ist im fragmentierten deutschen System selten – ein Plädoyer auch für Modelle wie [Caseload Midwifery aus Australien und Neuseeland](https://www.egms.de/static/de/meetings/dghwi2016/16dghwi05.shtml?ref=uebergabe.de), das allerdings die schwierige Frage der Dauerbereitschaft mit sich bringt. ## Sectio, Technik und das verlernte Handwerk Die Kaiserschnittrate stieg in Deutschland von rund 15 Prozent in den 1990ern auf über 30 Prozent und stagniert seither. Die Gründe sind vielfältig: Medikalisierung, forensischer Druck, steigendes Alter der Gebärenden – und vor allem der Status nach Sectio als eine der Hauptindikationen. Der vielzitierte „Wunschkaiserschnitt" spielt dagegen, so Hellmers' eigene Forschung, nur eine sehr kleine Rolle. Eng damit verknüpft ist die Technisierung. Wenn spontane Becken-Endlagengeburten oder das Hören kindlicher Herztöne mit dem Pinard-Hörrohr kaum noch praktiziert werden, entsteht Unsicherheit – und im Zweifel wird interveniert. Hier liegt eine große Hoffnung der Akademisierung: Routinen zu hinterfragen, evidenzbasiert zu entscheiden und Hebammenwissen als „Handwerkszeug" zu erhalten. Die [Leitlinie zur Betreuung der vaginalen Geburt am Termin](https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/015-083.html?ref=uebergabe.de) hat etwa die Auskultation und eine möglichst durchgehende Eins-zu-eins-Betreuung wieder verankert. Ergänzend dazu existiert der [Expertinnenstandard zur Förderung der physiologischen Geburt](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/Hebammenforschung/geburt%5Fauszug.pdf). Anders als in der Pflege ist seine Anwendung freiwillig – und weil die Geburtshilfe stark leitlinienorientiert arbeitet, hat er es schwerer, sich flächendeckend durchzusetzen. ## Wo sich Pflege und Hebammen begegnen Die meisten Berührungspunkte liegen in der stationären Versorgung – auf Wochenbettstationen und bei Schwangeren. Während Pflegende dort früher streng getrennt nach Mutter und Kind arbeiteten, setzt sich zunehmend die integrative Wochenbettbetreuung durch, oft durch Hebammen. Eine spannende Konsequenz der Akademisierung: Praxisanleitung im Wochenbett darf nur durch Hebammen erfolgen – Häuser müssen sich also entsprechend aufstellen. Ein Gedanke, der durch die ganze Episode trägt: Es wird zwischen den Gesundheitsberufen noch viel zu wenig zusammen gedacht. Vielleicht ist diese Folge ein kleiner Schritt, die eigene Bubble zu erweitern. ## Zum Weiterhören - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice](https://www.uebergabe.de/ug012/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [Prof. Dr. Claudia Hellmers | Hochschule Osnabrück](https://www.hs-osnabrueck.de/prof-dr-claudia-hellmers/?ref=uebergabe.de) (hs-osnabrueck.de) - [Deutscher HebammenVerband e.V.](https://www.hebammenverband.de/startseite/?ref=uebergabe.de) (Deutscher Hebammenverband e.V.) - [Hebammengesetz](https://www.gesetze-im-internet.de/hebg%5F2020/?ref=uebergabe.de) (gesetze-im-internet.de) - [Hebammenarbeit](https://www.unsere-hebammen.de/fakten-infos/hebammenarbeit/?ref=uebergabe.de) (unsere-hebammen.de) - [Wann die Hebamme ärztlichem Vorgehen widersprechen muss](https://www.thieme.de/de/hebammenarbeit/wann-hebamme-aerztlichem-vorgehen-widersprechen-muss-114433.htm?ref=uebergabe.de) (Thieme) - [Gutachten zeigt aktuelle Situation der stationären Hebammenversorgung](https://www.iges.com/kunden/gesundheit/forschungsergebnisse/2020/hebammen/index%5Fger.html?ref=uebergabe.de) (IGES Institut GmbH) - [Leitlinie Die vaginale Geburt am Termin](https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/015-083.html?ref=uebergabe.de) (awmf.org) - [Caseload Midwifery – Erfahrungen australischer Expertinnen zur Implementierung eines Betreuungsmodells im Hebammenwesen](https://www.egms.de/static/de/meetings/dghwi2016/16dghwi05.shtml?ref=uebergabe.de)(egms.de) - [Expertenstandard Förderung der physiologischen Geburt](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/Hebammenforschung/geburt%5Fauszug.pdf) (hebammenforschung.de) ### Diskussionen um die einrichtungsbezogene Impfpflicht URL: https://www.uebergabe.de/pu019/ Last updated: 2026-06-13T21:15:29.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 05.02.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Christine Vogler wird Pflegemanagerin des Jahres 2021. - Gesundheitsämter sehen sich mit der Kontrolle der Impfpflicht ab 16\. März überfordert. - DKG und bpa fordern klare Fristen und eine allgemeine Impfpflicht. - Lauterbach und der DBfK streiten über die Ursachen von Impfskepsis in der Pflege. - Eine gefälschte Stellenanzeigen-Kampagne inszeniert einen drohenden Pflegenotstand. Diese Folge des PflegeUpdate drehte sich Anfang Februar 2022 fast komplett um ein Thema, das damals die Branche bewegte: die einrichtungsbezogene Impfpflicht im Gesundheitswesen. Davor gab es aber noch eine erfreuliche Nachricht. Wir fassen für dich zusammen, worum es ging, welche Konfliktlinien sich auftaten und warum eine ungewöhnliche Anzeigen-Kampagne für Aufsehen sorgte. ## Christine Vogler ist Pflegemanagerin des Jahres Zum Auftakt gab es einen Glückwunsch: Christine Vogler wurde als Pflegemanagerin des Jahres ausgezeichnet. Der Preis wird vom Bundesverband Pflegemanagement gemeinsam mit Springer Pflege vergeben und würdigt herausragendes Engagement für die Pflege. Vogler setzt sich seit Jahrzehnten für Pflegefachpersonen ein, besonders im Bereich der Pflegebildung, und ist seit 2021 Präsidentin des Deutschen Pflegerats. Sie ist in den allgemeinen Medien zunehmend präsent – etwa mit Einordnungen in Nachrichtensendungen und Talkshows. Der Verband hob hervor, dass sie das Thema Pflege wirkungsvoll in der Politik platziert und mit ihrer Person sichtbar vertritt. Die Auszeichnung ist damit auch ein Signal, dass pflegepolitische Stimmen Gehör finden. Mehr zur [Auszeichnung der Pflegemanagerin des Jahres](https://www.springerpflege.de/pflegemanagement/pflegemanagerinnen-ausgezeichnet/20082338?ref=uebergabe.de) findest du in den Shownotes. ## Einrichtungsbezogene Impfpflicht ab 16\. März – Gesundheitsämter sehen sich überfordert Zum Zeitpunkt der Folge stand fest: Ab dem 16\. März 2022 sollte die einrichtungsbezogene Impfpflicht für Beschäftigte in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen gelten. Die Begründung der Bundesregierung: Patient:innen sowie Bewohner:innen in Heimen gehören zu den besonders gefährdeten Gruppen, und gerade dem Personal in Gesundheitsfachberufen kommt wegen des oft engen, körpernahen Kontakts eine besondere Verantwortung zu. Bis zum Stichtag sollten die Beschäftigten ihrem Arbeitgeber einen Impfnachweis vorlegen – ähnlich wie zuvor beim Nachweis der Masern-Impfung. Gesundheitsminister Karl Lauterbach machte im Bundestag deutlich, dass es aus seiner Sicht nicht hinnehmbar sei, wenn in Einrichtungen Menschen gefährdet würden, weil dort ungeimpftes Personal arbeite. In den Tagen vor der Folge zeigte sich allerdings, dass die konkrete Umsetzung viele Fragen aufwarf. Das Gesetz sieht vor, dass die Gesundheitsämter den Impfstatus erfassen und überprüfen. Diese waren jedoch vielerorts durch die Pandemiebewältigung ohnehin chronisch überlastet. Das Bundesgesundheitsministerium räumte daraufhin ein, dass eine konsequente Durchsetzung schwierig werden könnte. Wie der [Bericht über die überforderten Gesundheitsämter](https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-impfpflicht-gesundheitsministerium-laesst-ungeimpfte-pfleger-zunaechst-weiterarbeiten-a-7444d7b1-cb7e-4159-8b47-0bfbdcf6c8f5?ref=uebergabe.de) zeigt, sollten Betroffene zunächst weiterarbeiten dürfen, bis das jeweils zuständige Gesundheitsamt im Einzelfall über ein Tätigkeits- oder Betretungsverbot entscheidet. Für dich als Pflegefachperson bedeutete das vor allem Unsicherheit: Wann würde geprüft, wie lange dürften Kolleg:innen ohne Nachweis bleiben, und wie viel zusätzlicher Aufwand entsteht? Damals ging man davon aus, dass bei rund fünf bis zehn Prozent der Beschäftigten kein eindeutiger Nachweis vorliegen würde – ein erheblicher Prüfaufwand für die Ämter. ## DKG und bpa fordern klare Fristen und eine allgemeine Impfpflicht Eine Blitzumfrage des Deutschen Krankenhausinstituts von Ende Januar 2022 zeigte, dass die Impfquote unter Beschäftigten im Gesundheitswesen deutlich über dem Bevölkerungsdurchschnitt lag. Befragt wurden 246 Krankenhäuser; im Schnitt waren 90 Prozent der Beschäftigten in patientennahen Bereichen mindestens zweimal geimpft, in der Pflege sogar 95 Prozent. Die Details der [Blitzumfrage zur Impfquote im Krankenhaus](https://www.springerpflege.de/sars-cov-2/blitzumfrage-dkg/20062082?ref=uebergabe.de) hat die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) veröffentlicht. Trotz der hohen Quote übte die DKG Kritik an der einrichtungsbezogenen Impfpflicht: Fast die Hälfte der Krankenhäuser mit hoher Impfquote rechnete mit personellen Einschränkungen. Die DKG forderte Rechtsklarheit, eine einheitliche Umsetzung und parallel eine Debatte über eine allgemeine Impfpflicht. Der damalige DKG-Vorsitzende Dr. Gerald Gaß verwies darauf, dass es zunehmend schwer zu begründen sei, warum erneut nur die Beschäftigten im Gesundheitswesen in die Pflicht genommen würden. Als ersten Schritt regte die DKG an, die Fristen anzupassen. Auch der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) unterstützte diese Linie und verlangte binnen weniger Wochen eine politische Entscheidung zur allgemeinen Impfpflicht. Das [klare Signal des bpa für eine Impfpflicht](https://www.springerpflege.de/sars-cov-2/bpa-impfpflicht/20031570?ref=uebergabe.de) begründete der Verband damit, dass der Schutz pflegebedürftiger Menschen ins Leere laufe, wenn Bewohner:innen, Besucher:innen und die übrige Bevölkerung ungeimpft bleiben dürften. ## Lauterbach und der DBfK streiten über die Ursachen von Impfskepsis Über die reine Umsetzung hinaus wurde grundsätzlich diskutiert, ob die einrichtungsbezogene Impfpflicht der richtige Weg sei – und was mit Pflegefachpersonen geschehen würde, die sich nicht impfen lassen. Drohte ein dauerhafter Berufsausstieg oder nur ein temporäres Tätigkeitsverbot? Diese Fragen ließen sich zum damaligen Zeitpunkt nicht abschließend beantworten. Lauterbach bezog in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung klar Position: Er könne die Motive ungeimpfter Pflegefachpersonen nicht nachvollziehen und sehe es als nicht hinnehmbar an, wenn medizinisches Personal wissenschaftliche Erkenntnisse infrage stelle. Er nahm dabei in Kauf, dass Beschäftigte ihre Einrichtungen verlassen oder dem Beruf den Rücken kehren könnten, und äußerte die Ansicht, dass radikale Impfgegner:innen ohnehin nicht für den Beruf geeignet seien. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) widersprach deutlich. Präsidentin Christel Bienstein verortete die Ursache dafür, dass sich nicht alle Pflegenden freiwillig impfen lassen, in einer jahrelang verfehlten Pflegepolitik. Diese habe mangelnde Qualifikation hingenommen und so aktiv zu einer Deprofessionalisierung beigetragen. Sich nun über fehlendes wissenschaftliches Verständnis zu beschweren, gleichzeitig aber Akademisierung und Professionalisierung der Pflege nicht zu fördern, sei aus ihrer Sicht widersprüchlich. Damit brachte der DBfK ein neues Argument in die Debatte: Impfskepsis könne auch Folge eines fehlenden wissenschaftlichen Verständnisses sein – und dieses sei ein strukturelles Problem. ## Gefälschte Stellenanzeigen sollen Pflegenotstand vortäuschen Parallel verstärkte eine ungewöhnliche Kampagne die Sorge vor einem drohenden Personalverlust. Im Bautzener Anzeiger und weiteren Zeitungen erschienen seitenweise Stellengesuche vermeintlich ungeimpfter Pflegefachpersonen und anderer Beschäftigter aus dem Gesundheitswesen, die wegen der Impfpflicht angeblich einen neuen Job suchten. Der Journalist Andreas Rausch vom RBB ging dem nach und versuchte, die Menschen hinter den Anzeigen zu erreichen. Das Ergebnis: Die meisten Telefonnummern waren gar nicht vergeben, und die wenigen erreichbaren Personen wollten nicht sprechen. Rausch geht davon aus, dass das Anzeigenformat gezielt und abgesprochen genutzt wurde, um den Eindruck zu erwecken, Pflegende würden bald in großer Zahl ihren Beruf aufgeben und das Gesundheitssystem zusammenbrechen lassen. Verabredet würden solche Aktionen unter anderem in Messenger-Gruppen – mit dem Ziel, Politik und Öffentlichkeit zu beeinflussen und ein Kippen der Impfpflicht zu erreichen. Wir empfehlen dir das nur rund fünfminütige [Interview mit Andreas Rausch beim Deutschlandfunk](https://www.deutschlandfunk.de/hintergruende-einer-jobanzeigen-kampagne-interview-mit-andreas-rausch-dlf-48e0b530-100.html?ref=uebergabe.de), in dem er seine Recherche detaillierter schildert. Das Beispiel zeigt, wie gezielt versucht wurde, mit einem inszenierten Notstand Stimmung gegen die Impfpflicht zu machen. ## Zum Weiterhören - [PU020 – Umsetzung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht / Tarifvertrag in der Altenpflege](https://www.uebergabe.de/pu020/) - [PU004 – Impfpflicht für Gesundheitspersonal / Ausbildungsmodule zur Heilkundeübertragung](https://www.uebergabe.de/pu004/) - [ÜG062 – Corona-Impfung im Fokus der Pflege (Prof. Dr. Dr. Sabine Wicker)](https://www.uebergabe.de/ug062/) --- ## Quellen - [Pflegemanagerinnen ausgezeichnet](https://www.springerpflege.de/pflegemanagement/pflegemanagerinnen-ausgezeichnet/20082338?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [Einrichtungsbezogene Impfpflicht](https://www.zusammengegencorona.de/impfen/gesundheits-und-pflegeberufe-impfen/einrichtungsbezogene-impfpflicht/?ref=uebergabe.de) (zusammengegencorona.de) - [Statement von Karl Lauterbach im Bundestag](https://www.youtube.com/watch?v=biSLL-obe6Q&t=59s&ref=uebergabe.de) (youtube.com) - [Gesundheitsämter sehen sich mit Kontrolle der Pflege-Impfpflicht überfordert](https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-impfpflicht-gesundheitsministerium-laesst-ungeimpfte-pfleger-zunaechst-weiterarbeiten-a-7444d7b1-cb7e-4159-8b47-0bfbdcf6c8f5?ref=uebergabe.de) (spiegel.de) - [Umfrage: 95% der Pflegepersonen im Krankenhaus geimpft](https://www.springerpflege.de/sars-cov-2/blitzumfrage-dkg/20062082?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [bpa fordert klares Signal für Impfpflicht](https://www.springerpflege.de/sars-cov-2/bpa-impfpflicht/20031570?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [Erst Applaus, dann Ohrfeige? Pressemittelung des DBfK](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2022/Erst-Applaus-dann-Ohrfeige.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Empfehlung: Interview mit Andreas Rausch](https://www.deutschlandfunk.de/hintergruende-einer-jobanzeigen-kampagne-interview-mit-andreas-rausch-dlf-48e0b530-100.html?ref=uebergabe.de) (deutschlandfunk.de) ### Pflege in Krisengebieten (Cordula Häffner & Magdalena Wörle) URL: https://www.uebergabe.de/ug086/ Last updated: 2026-06-13T11:42:15.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 29.01.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Ärzte ohne Grenzen arbeitet in rund 80 Ländern – 90 % der Mitarbeitenden sind lokale Kräfte. - Pflegefachpersonen übernehmen im Einsatz oft große Verantwortung für ganze Abteilungen. - Neutralität und Unabhängigkeit durch Spendenfinanzierung sind zentrale Prinzipien. - Einsätze fordern psychisch stark – Debriefing und psychosoziale Begleitung gehören dazu. - Im Ausland erleben Pflegende oft mehr Kompetenzen und mehr Flexibilität als in Deutschland. Pflege findet nicht nur am Krankenbett in deutschen Kliniken statt. Manchmal spielt sie sich in mobilen Kliniken auf Dörfern ab, in einem OP mitten im Kriegsgebiet oder in Flüchtlingscamps am Rande Europas. In dieser Episode wagen wir den Blick über den Tellerrand – und zwar weit darüber hinaus. Zu Gast sind zwei Pflegefachpersonen, die für [Ärzte ohne Grenzen](https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/stellenangebote/medizinische-berufe?ref=uebergabe.de) im Ausland tätig sind: Cordula Häffner und Magdalena Wörle. Ihre Erfahrungen liegen Welten auseinander – und doch teilen sie dieselbe Überzeugung. ## Zwei Lebenswege, ein Ziel Magdalena ist zum Zeitpunkt der Aufnahme 29 Jahre alt und arbeitet in einer Münchner Klinik im OP. Nach ihrer Ausbildung spezialisierte sie sich auf den Operationsbereich – ein Feld, in dem sie sich nach eigenen Worten sofort zu Hause fühlte. Cordula ist 59 und seit sechs Jahren komplett für die Organisation im Einsatz, von Projekt zu Projekt. Sie hat erst spät den Schritt gewagt: Lange Jahre arbeitete sie als Study Nurse in einer Spezialabteilung für Lungenkrebsforschung in Heidelberg, kümmerte sich um drei Kinder. Erst als diese erwachsen waren, erfüllte sie sich einen Traum, den sie schon als Teenager hatte – und gab dafür ihren unbefristeten Vertrag auf. Beide Wege zeigen: Es braucht keinen einheitlichen Lebenslauf, um in der humanitären Hilfe anzukommen. Was es braucht, ist eine abgeschlossene Berufsausbildung, mehrjährige Berufserfahrung und die Bereitschaft, große Verantwortung zu tragen. Denn im Einsatz steht man oft allein für einen ganzen Bereich gerade – manchmal mit Hunderten Mitarbeitenden, die koordiniert werden wollen. ## Was steckt hinter dem Namen Ärzte ohne Grenzen? Der Name führt leicht in die Irre. Es sind längst nicht nur Mediziner:innen, die unter diesem Dach arbeiten. Rund 60 Prozent der Mitarbeitenden gehören zwar zum medizinischen Personal – darunter viele Pflegefachpersonen, Laborfachkräfte und vereinzelt auch Physiotherapeut:innen. Doch ohne Logistiker:innen, Verwaltungsangestellte und Finanzleute würde keine Organisation funktionieren. Gegründet wurde sie vor 50 Jahren von Ärzten und Journalisten infolge der Biafra-Krise – daher auch dieser Name, der die Pflege bis heute nicht recht abbildet, obwohl sie zahlenmäßig stark vertreten ist. Die Organisation ist eine medizinische Notfallorganisation, die bei Naturkatastrophen, kriegerischen Konflikten und Epidemien aktiv wird. Sie ist in rund 80 Ländern tätig – schwerpunktmäßig in Afrika, Asien und im Nahen Osten, aber auch in Südamerika und Europa. Manche Projekte laufen schon über 20 Jahre, weil Gesundheitssysteme komplett zerstört sind. Bemerkenswert: Nur etwa zehn Prozent der Mitarbeitenden reisen aus dem Ausland an, 90 Prozent sind lokale Kräfte. So bleibt Wissen im Land, und die Menschen vor Ort kommen in Lohn und Brot. Mehr über die Geschichte und die Prinzipien findest du im Rückblick auf [50 Jahre humanitäre Hilfe](https://www.aerztezeitung.de/Panorama/50-Jahre-Aerzte-ohne-Grenzen-Helfen-wo-es-am-noetigsten-ist-425472.html?ref=uebergabe.de). ## Helfen und Zeugnis ablegen Eine zweite Säule neben der medizinischen Nothilfe ist die sogenannte Témoignage – das Zeugnis über das, was man sieht. Dabei versucht die Organisation, neutral zu bleiben, auch wenn das in Konfliktgebieten herausfordernd ist. Finanziert wird die Arbeit zu 97 Prozent aus privaten Spenden. Das ist kein Zufall, sondern Programm: Es gibt kein Geld von der Europäischen Union, keines von Pharmafirmen. Genau diese Unabhängigkeit war für Cordula ein zentraler Grund, sich gerade hier zu bewerben. Sie ermöglicht freie Entscheidungen darüber, wo geholfen wird – ohne Verpflichtung gegenüber Geldgebern. ## Vom Anruf bis zum Abflug Wie kommt man also in ein Projekt? Nach der Bewerbung über die Webseite folgen ein Telefonat, ein Interview – zum Zeitpunkt der Aufnahme wegen Corona online – und die Aufnahme in einen Pool. Dann wird ein passendes Projekt gesucht. Wie schnell das geht, hängt von der Berufsgruppe, den Sprachkenntnissen und der gewünschten Spezialisierung ab. Wer wie Cordula auch Französisch spricht, hat eine größere Auswahl. Wer sich wie Magdalena gezielt für den OP bewirbt, wartet unter Umständen länger, weil nicht jedes Projekt operiert. Bei akuten Katastrophen geht es deutlich schneller. Für bestimmte Szenarien – etwa einen Choleraausbruch oder einen OP-Einsatz – hält die Organisation fertig gepackte und verzollte Kits bereit, die innerhalb von 48 Stunden vor Ort sein können. Es gibt sogar feste Verträge für Mitarbeitende, die binnen zwei Tagen abrufbereit sein müssen. ## Magdalenas erster Einsatz: Afghanistan Magdalenas einziger Einsatz bislang führte sie nach Afghanistan, in die Provinz Helmand, in eines der größten Projekte mit rund 300 Betten. Sie leitete den OP-Bereich und arbeitete dort als einzige internationale Kraft mit überwiegend männlichen, lokalen Kolleg:innen zusammen. Ein Kriegsgebiet, eine fremde Religion, eine völlig andere Kultur – das war zunächst ein Schock. Doch ihre Erfahrungen waren überraschend positiv: gastfreundliche Menschen, ein Team, das gemeinsam anpackt, eine Koordinatorin, die stets über die Sicherheitslage informierte. Der Alltag war streng reglementiert. Morgens fuhr die Gruppe gemeinsam ins Krankenhaus, abends wieder zurück in den abgeschlossenen Wohnbereich, den sogenannten Compound. Allein nach draußen ging niemand. Über ein halbes Jahr sah Magdalena im Wesentlichen zwei Orte – und doch wäre sie gern länger geblieben. > *„Solchen Menschen muss man die Hand geben – und wenn das keiner macht, sind sie hoffnungslos. Wir können ja immer wieder heim. Diese Menschen können nirgendwo hingehen." — Magdalena Wörle* ## Cordulas Projekte: zwischen Studie und mobiler Klinik Cordula startete in Haiti, wo sie in einem Krankenhaus für Schwerstverbrennungsopfer eine Studie implementierte – sprachlich und fachlich auf sich allein gestellt. Danach ging sie in die Zentralafrikanische Republik, um mobile Kliniken zu betreiben: in kleinen Teams hinaus zu den Dörfern und in Flüchtlingscamps, um einfachste medizinische Hilfe anzubieten. Genau diese Vielseitigkeit hat sie überzeugt, dabeizubleiben. Sie war außerdem auf Lesbos, in Athen und in Libyen im Einsatz. Über ähnliche Erfahrungen berichtet auch ein Beitrag mit dem treffenden Titel [zwei Monate voller Adrenalin](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/30267-zwei-monate-voller-adrenalin?ref=uebergabe.de). Die Unterbringung ist dabei höchst unterschiedlich: vom Steinhaus mit Bad und Dusche bis zum Zelt, vom Plumpsklo im Freien mit Kopflampe bis zur Anlage mit kleiner Sportmöglichkeit. In manchen Projekten gab es ab 22 Uhr keinen Strom mehr, kein fließendes Wasser, einen Koch am offenen Feuer. Wer in einem Land nahe des Äquators arbeitet, steht früh auf und ist abends schlicht K.o. – ein großes Abendprogramm braucht es da nicht. ## Sicherheit, Neutralität und das Vertrauen der Angehörigen Die Frage nach der Gefahr begleitet jeden Einsatz. Beide betonen, dass die Organisation viel für die Sicherheit tut – durch Neutralität, Unparteilichkeit und die Bereitschaft, Menschen aller Konfliktparteien zu behandeln. In den meisten Fällen ist die Hilfe ausdrücklich erwünscht, weil das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist. Doch es gibt Grenzen: Projekte werden geschlossen, wenn Personal entführt wird oder zu Schaden kommt, und auch Krankenhäuser werden längst nicht mehr verschont. Für die Familien daheim ist das oft schwerer auszuhalten als für die Einsatzkräfte selbst. Cordula relativiert: Absolute Sicherheit sei ohnehin eine Illusion. Vor jedem Einsatz steht ein Briefing, während des Einsatzes ist rund um die Uhr psychologische Unterstützung erreichbar, und nach der Rückkehr gibt es ein Debriefing sowie eine Peergroup ehemaliger Einsatzkräfte. Denn psychische Belastungen können auch erst Wochen später kommen. Magdalena erinnert sich an ein Erlebnis, das sie nie vergessen wird: ein etwa 13-jähriges Mädchen, das sich mit Kerosin übergossen und angezündet hatte – ein verzweifelter Schritt, der dort tragischerweise kein Einzelfall ist. Cordula wiederum berichtet von der Ohnmacht, wenn Mittel und Material fehlen: ein gesundes Neugeborenes mit offener Bauchdecke, das man hierzulande mit einem kleinen Eingriff retten könnte, dort aber nicht. > *„Am schlimmsten war für mich immer, so limitiert zu sein. Du weißt, dass das bei uns einfach zu lösen wäre – und kannst trotzdem nicht helfen." — Cordula Häffner* ## Was bleibt, wenn man zurückkommt Die Rückkehr nach Deutschland ist eine eigene Herausforderung. Schon im Briefing wird davor gewarnt, ungerecht zu werden – gegenüber Freund:innen, Kindern oder dem eigenen Umfeld. Denn der Kontrast ist enorm: In vielen Ländern wird nichts weggeworfen, während hierzulande Lebensmittel im Müll landen. Die hohe Kindersterblichkeit erklärt auch, warum Familien in ärmeren Ländern oft so groß sind. Wer fünf oder sechs Kinder bekommt, tut das nicht aus Kalkül, sondern weil ein Teil der Kinder die Bedingungen schlicht nicht überlebt – und weil die Generationen füreinander sorgen, wo es keine Rente gibt. Eine Lektüreempfehlung aus dem Gespräch: das Buch „Factfulness" von Hans Rosling, das zeigt, wie sehr uns Daten in die Irre führen können. Bei aller Schwere ist es für beide kein Verzicht. Im Gegenteil. > *„Ich tue mir gar nichts an – ich empfinde das als Geschenk, dass ich das machen darf. Wir sind keine Menschen, die sich nur aufopfern. Man bekommt unheimlich viel zurück." — Cordula Häffner* ## Ein anderer Blick auf den eigenen Beruf Die Einsätze verändern auch den Blick auf die Pflege in Deutschland. Magdalena fiel nach ihrer Rückkehr auf, wie wenig flexibel das System ist: Für alles braucht es ein Gerät, ein Instrument, einen Gegenstand – und vieles wird geöffnet und weggeworfen, ohne kurz nachzudenken, ob es überhaupt gebraucht wird. In den Projekten lernt man dagegen, mit den eigenen Sinnen zu arbeiten, weil Röntgen- oder Ultraschallgerät schlicht fehlen. Auch beim Thema Kompetenzen lohnt der internationale Vergleich. Im Austausch mit Kolleg:innen aus den Niederlanden, Kanada oder den USA erlebte Cordula, dass Pflegefachpersonen dort deutlich mehr dürfen als in Deutschland, wo vieles strikt der Ärzteschaft vorbehalten ist. Eine andere Wertigkeit, mehr Verantwortung – und vielleicht auch eine bessere Anerkennung. Die Akademisierung und Professionalisierung in Deutschland sehen beide grundsätzlich positiv, wünschen sich aber, dass Praxisbezug und erweiterte Kompetenzen Hand in Hand gehen. Wer sich für eine Mitarbeit interessiert, findet bei der [Organisation](https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/spenden/retten-sie-mit-ihrer-spende-leben?pc=A%5FA-Brand%5Faerzte-ohne-grenzen-exact&pk=%C3%A4rzte%20ohne%20grenzen&ref=uebergabe.de) laufend offene Stellen – denn Nachwuchs wird immer gesucht. Hintergründe zu Arbeitsbedingungen und Verträgen liefert auch ein Beitrag über [Pflegende bei Ärzte ohne Grenzen](https://www.verdi.de/themen/geld-tarif/++co++56ff954e-291d-11ec-a25e-001a4a160129?ref=uebergabe.de). Die Bezahlung liegt im Vergleich zu anderen humanitären Organisationen eher am unteren Rand, dafür gibt es einen regulären deutschen Arbeitsvertrag, volle Sozial- und Krankenversicherung sowie ein Tagesgeld vor Ort. Wer wirklich getragen wird von der Idee, anderen die Hand zu reichen, dem geht es um etwas anderes als ums Gehalt. Offen bleiben für fremde Kulturen, nicht vorschnell urteilen – das ist die Botschaft, die beide am Ende mitgeben. Und der Mut, einfach mal über den Tellerrand zu schauen. ## Zum Weiterhören - [ÜG173 – Erwartungen und Realität internationaler Pflegefachpersonen](https://www.uebergabe.de/ug173/) - [ÜG046 – Rekrutierung aus dem Ausland](https://www.uebergabe.de/ug046/) - [ÜG120 – Pflege in Österreich](https://www.uebergabe.de/ug120/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [Homepage Ärzte ohne Grenzehn ](https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/spenden/retten-sie-mit-ihrer-spende-leben?pc=A%5FA-Brand%5Faerzte-ohne-grenzen-exact&pk=%C3%A4rzte%20ohne%20grenzen&gclid=Cj0KCQiAxc6PBhCEARIsAH8Hff03jfSfvQzqbhKJ2OhLm2KgtmQdvV7U4SEs782J65j3Qb-flAhBqFYaAmsSEALw%5FwcB&ref=uebergabe.de)(aerzte-ohne-grenzen.de) - [Krankenschwester und Krankenpfleger bei Ärzte ohne Grenzen](https://www.verdi.de/themen/geld-tarif/++co++56ff954e-291d-11ec-a25e-001a4a160129?ref=uebergabe.de) [ ](https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/spenden/retten-sie-mit-ihrer-spende-leben?pc=A%5FA-Brand%5Faerzte-ohne-grenzen-exact&pk=%C3%A4rzte%20ohne%20grenzen&gclid=Cj0KCQiAxc6PBhCEARIsAH8Hff03jfSfvQzqbhKJ2OhLm2KgtmQdvV7U4SEs782J65j3Qb-flAhBqFYaAmsSEALw%5FwcB&ref=uebergabe.de)(aerzte-ohne-grenzen.de) - [Medizinische Berufe bei Ärzte ohne Grenzen](https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/stellenangebote/medizinische-berufe?ref=uebergabe.de) (aerzte-ohne-grenzen.de) - [Zwei Monate voller Adrenalin](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/30267-zwei-monate-voller-adrenalin?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Blogs von Ärzte ohne Grenzen / Pflegepersona](https://blogs.msf.org/de/blogs/professions/pflegepersonal?ref=uebergabe.de)l (aerzte-ohne-grenzen.de) - [50 Jahre Ärzte ohne Grenzen: Helfen, wo es am nötigsten ist](https://www.aerztezeitung.de/Panorama/50-Jahre-Aerzte-ohne-Grenzen-Helfen-wo-es-am-noetigsten-ist-425472.html?ref=uebergabe.de) (aerztezeitung.de) ### Neue Pflegebevollmächtigte / Ausweitung der Höchstarbeitszeit in Niedersachsen URL: https://www.uebergabe.de/pu018/ Last updated: 2026-06-13T21:15:30.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 22.01.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Claudia Moll wird neue Pflegebevollmächtigte – erstmals ohne Staatssekretärs-Rang. - Niedersachsen erlaubt befristet bis zu 60 Wochenstunden in der Pflege. - Verbände kritisieren beide Entscheidungen deutlich. In dieser Folge des PflegeUpdates vom Januar 2022 geht es um zwei Entwicklungen, die für Pflegefachpersonen relevant sind: die Ernennung einer neuen Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung und eine befristete Ausweitung der Höchstarbeitszeit in Niedersachsen während der Omikron-Welle. ## Claudia Moll wird neue Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung Mit dem Regierungswechsel und der Ernennung von Karl Lauterbach zum Bundesgesundheitsminister wurde auch das Amt der oder des Pflegebevollmächtigten neu vergeben. Andreas Westerfellhaus, der dieses Amt unter Jens Spahn vier Jahre lang innehatte, gehört der CDU an – mit dem Wechsel zu einer SPD-geführten Regierung war ein Wechsel zu erwarten. Am 12\. Januar 2022 ernannte das Bundeskabinett Claudia Moll zur Bevollmächtigten der Bundesregierung für Pflege. Sie ist damit die erste Frau in diesem Amt. Moll war zum Zeitpunkt der Folge seit vier Jahren Bundestagsabgeordnete der SPD und als Direktkandidatin der Städteregion Aachen gewählt. Vor ihrer politischen Laufbahn arbeitete sie rund 30 Jahre als Altenpflegerin und absolvierte eine Weiterbildung im Bereich Gerontopsychiatrie. Sie bringt damit ausgeprägte Praxiserfahrung aus der Langzeitversorgung mit und ist unter anderem im Sozialverband Deutschland und in der Gewerkschaft Verdi aktiv. Zur Einordnung: Das Amt der oder des Pflegebevollmächtigten wurde 2014 unter dem damaligen Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe geschaffen und zunächst von Karl-Josef Laumann besetzt, danach von Andreas Westerfellhaus. Die Person vertritt die Interessen der Pflegebedürftigen, ist Ansprechpartnerin für alle Pflegenden und wird bei Gesetzgebungs- und Verordnungsverfahren von Ministerien und Behörden einbezogen. Sie arbeitet dabei unabhängig und wird von einem multiprofessionellen Team unterstützt. ### Schwerpunkt Langzeitpflege – wenig zur Professionalisierung Bei ihrer Amtseinführung benannte Moll als Grundpfeiler ihrer Pflegeagenda mehr Wertschätzung, die sich auch auf dem Gehaltszettel niederschlagen soll, sowie mehr Mitsprache der Pflegenden. Ausführlicher legt sie ihre Ziele in ihrem [Thesenpapier „Gute Pflege – Machen" aus dem Herbst 2020](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/sites/778/2020/10/gute%5Fpflege%5Fmachen%5Fc%5Fmoll%5F2020.pdf) dar. Ihr Fokus liegt deutlich auf der Langzeit- und Altenpflege – jenem Bereich, in dem sie selbst tätig war. Konkret will Moll die rund 13.000 zusätzlichen Stellen aus der vorangegangenen Wahlperiode weiterführen, dabei aber die Hürden bei Antragstellung und Nachweispflichten für Pflegeheime senken. Um mehr junge Menschen für den Beruf zu gewinnen, spricht sie sich für einen Pflegefreiwilligendienst aus. Bis genügend Personal vorhanden ist, schlägt sie vor, die vorhandenen Pflegefachpersonen durch mehr Pflegehilfskräfte und – in der Langzeitpflege – durch mehr Betreuungskräfte zu entlasten. Betreuungskräfte könnten aus ihrer Sicht zusätzliche Befugnisse erhalten, etwa beim Anreichen von Essen oder bei Toilettengängen. Die Fachkraftquote von 50 Prozent in der Altenpflege hält sie unter den derzeitigen Bedingungen für kaum erfüllbar und fordert übergangsweise mehr Flexibilität. Weitere Punkte sind ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag für die Branche, eine stärkere Selbstverwaltung der Pflege bei der Frage vorbehaltener Tätigkeiten sowie der Ausbau quartiersorientierter Angebote. Auffällig ist, dass [in ihren Zielen die akademische Pflege und Aspekte der Professionalisierung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/das-will-die-neue-pflegebevollmaechtigte-fuer-die-pflege-erreichen?ref=uebergabe.de) kaum vorkommen; auch Community Health Nursing wird nicht genannt. ### Kritik: Amt ohne Staatssekretärs-Rang Eine wesentliche Änderung sorgt für Diskussionen: Bislang war das Amt der oder des Pflegebevollmächtigten auf dem Rang einer Staatssekretärin oder eines Staatssekretärs angesiedelt. Bei Claudia Moll ist das nicht mehr der Fall – Karl Lauterbach hat eine entsprechende Position in seinem Ministerium nicht vorgesehen. Viele Beobachter:innen finden das schwer nachvollziehbar, gerade weil die Pflege vor dem Hintergrund der Pandemie öffentlich so stark priorisiert wurde. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) [kritisierte den Schritt](https://www.tagesspiegel.de/politik/bevollmaechtigte-herabgestuft-bayerns-gesundheitsminister-kritisiert-lauterbachs-pflegekurs/27975762.html?ref=uebergabe.de) und plädierte sogar dafür, das Amt aus dem Bundeskanzleramt heraus wahrzunehmen, um ein stärkeres Signal zu setzen. Christine Vogler vom Deutschen Pflegerat sieht die Funktion durch die Herabstufung an Inhalt und Bedeutung verlieren. Markus Mai, damaliger Präsident der Pflegekammer Rheinland-Pfalz, äußerte zudem Bedenken, ob Moll die Aufgabe in Doppelfunktion als Bevollmächtigte und Bundestagsabgeordnete den großen Herausforderungen der Pflege ausreichend gerecht werden kann. Zum Zeitpunkt der Folge war das genaue Organigramm des Ministeriums noch nicht veröffentlicht. ## Niedersachsen erhöht die Höchstarbeitszeit auf bis zu 60 Stunden Das zweite Thema steht im Zeichen der Corona-Pandemie. Angesichts der damaligen Omikron-Welle und der angespannten Personallage hat die niedersächsische Landesregierung beschlossen, bestimmte Arbeitsschutzregelungen vorübergehend zu lockern. In Pflegeheimen, in Not- und Rettungsdiensten sowie in Testzentren durfte demnach wöchentlich bis zu 60 Stunden gearbeitet werden – statt der bisherigen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche. Auch andere als systemrelevant eingestufte Bereiche, etwa die Energie- und Wasserversorgung, waren betroffen. Wichtig zur Einordnung: Die [durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 48 Stunden](https://www.bibliomed-pflege.de/news/niedersachsen-erhoeht-arbeitszeiten?ref=uebergabe.de) durfte trotzdem nicht überschritten werden. Wer in einer Woche bis zu 60 Stunden arbeitete, musste die Mehrarbeit also an anderer Stelle ausgleichen. Die Regelung galt ab dem 12\. Januar 2022 und war zunächst bis zum 10\. April 2022 befristet. Sozialministerin Daniela Behrens (SPD) betonte, man wolle auf die schwierige Situation vorbereitet sein und die kritische Infrastruktur funktionsfähig halten – sie hoffe aber, dass die Ausweitung nur wenig genutzt werden müsse. Die Kritik fiel deutlich aus. Der zuständige Verdi-Fachbereichsleiter für Gesundheit und soziale Dienste argumentierte, in der aktuellen Lage müsse man Pflegefachpersonen entlasten statt zusätzlich belasten; gefordert seien bedarfsgerechte Personalvorgaben, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne. Auch der DBfK Nordwest, der für Niedersachsen zuständig ist, sah in der [Untergrabung der Arbeitsschutzmaßnahmen einen Teufelskreis](https://www.kma-online.de/aktuelles/pflege/detail/kritik-an-laengeren-arbeitszeiten-in-der-pflege-46941?ref=uebergabe.de) und forderte eine bedarfsorientierte gesetzliche Personalbemessung. Der Marburger Bund machte ebenfalls deutlich, dass sich Personalmangel nicht beheben lässt, indem die verbliebenen Beschäftigten über die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit hinaus arbeiten. Für dich als Pflegefachperson zeigt die Meldung ein bekanntes Spannungsfeld: Kurzfristige Lockerungen sollen die Versorgung sichern, setzen aber genau dort an, wo die Belastung ohnehin hoch ist. Wie häufig die erweiterte Arbeitszeit tatsächlich genutzt wurde, war zum Zeitpunkt der Folge noch offen – die Lage galt als ausgesprochen dynamisch. ## Zum Weiterhören - [PU024 – Moll fordert Vollbefragung / Positionspapier des Bündnis "Gemeinsam Pflege"](https://www.uebergabe.de/pu024/) - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) - [ÜG162 – Flexible Arbeitszeiten in der Langzeitpflege (Lena-Marie Wirth & Helmut Wallrafen)](https://www.uebergabe.de/ug162/) --- ## Quellen - [Das will die neue Pflegebevollmächtigte für die Pflege erreichen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/das-will-die-neue-pflegebevollmaechtigte-fuer-die-pflege-erreichen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Gute Pflege - Machen. Ein Thesenpapier zur Verbesserung der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/sites/778/2020/10/gute%5Fpflege%5Fmachen%5Fc%5Fmoll%5F2020.pdf) (claudiamoll.de) - [Bayerns Gesundheitsminister kritisiert Lauterbachs Pflegekurs](https://www.tagesspiegel.de/politik/bevollmaechtigte-herabgestuft-bayerns-gesundheitsminister-kritisiert-lauterbachs-pflegekurs/27975762.html?ref=uebergabe.de) (tagesspiegel.de) - [Website Pflegebevollmächtigte](https://www.pflegebevollmaechtigte.de/?ref=uebergabe.de) (pflegebevollmächtigte.de) - [Video aus dem Bundestag - Rede zur Wertschätzung der Pflege](https://www.youtube.com/watch?v=JBQZd-w0R8c&ref=uebergabe.de) (youtube.com) - [Niedersachsen erhöht Arbeitszeiten](https://www.bibliomed-pflege.de/news/niedersachsen-erhoeht-arbeitszeiten?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Verdi kritisiert längere Arbeitszeiten in der Pflege](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Pflege?s=&p=1&n=1&nid=130827&ref=uebergabe.de) (arzteblatt.de) - [Niedersachsen - Kritik an längeren Arbeitszeiten in der Pflege](https://www.kma-online.de/aktuelles/pflege/detail/kritik-an-laengeren-arbeitszeiten-in-der-pflege-46941?ref=uebergabe.de) (kma-online.de) ### Der Tarifvertrag der Charité (Carla Eysel & Dana Lützkendorf) URL: https://www.uebergabe.de/ug085/ Last updated: 2026-06-17T19:52:54.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 15.01.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Charité-Tarifvertrag legt verbindliche Personalschlüssel für Pflege und Gesundheitsfachberufe fest. - Nicht eingehaltene Ratios erzeugen Entlastungspunkte (CHAPS) für alle Beteiligten. - Die Schlüssel beruhen auf Erfahrungswerten der Teams plus internationaler Evidenz. - Transparenz und ein Controlling-Dashboard sollen Belastung in Echtzeit sichtbar machen. - Vier Wochen Streik wirkten als Katalysator für eine tiefgreifende Veränderung. Am 1\. Januar 2022 ist an der Charité ein Tarifvertrag in Kraft getreten, der weit über das hinausgeht, was man üblicherweise mit Tarifverhandlungen verbindet. Es geht nicht nur um Geld, sondern um die Frage, wie viele Menschen zur richtigen Zeit am Bett stehen müssen, damit Pflege gut gelingt. Wir haben mit zwei Frauen gesprochen, die diesen Weg von zwei Seiten gestaltet haben: Carla Eysel, seit November 2020 Vorständin für Personal und Pflege, und Dana Lützkendorf, Intensivpflegende, Vorsitzende des Gesamtpersonalrats und seit über zehn Jahren bei Verdi aktiv. Was zunächst wie ein Gegensatz wirkt, entpuppt sich als gemeinsames Anliegen – mit unterschiedlichem Blickwinkel. ## Eine Stelle, die es vorher nicht gab Dass die Pflege überhaupt einen eigenen Sitz im Vorstand bekommt, ist an der Charité neu. Die Position „Personal und Pflege“ wurde erst mit Carla Eysel geschaffen – ein bewusstes Signal, der größten Berufsgruppe im Haus Sichtbarkeit zu geben. Spannend dabei: Eysel kommt selbst nicht aus der Pflege. Für viele Pflegefachpersonen wirkt das zunächst befremdlich. Sie selbst sieht darin auch eine Chance, mit einer gewissen Neutralität auf die Themen zu schauen. Verdi und der Personalrat hatten lange darum gerungen, dass die Interessen der Pflegenden im Vorstand überhaupt vertreten werden – die Verankerung im Hochschulmedizingesetz war dafür ein wichtiger Hebel. An der Charité arbeiten rund 18.500 Menschen, davon etwa 4.800 in den Gesundheitsfachberufen. Genau diese Breite ist ein Kern des neuen Tarifvertrags: Er richtet sich ausdrücklich nicht nur an examinierte Pflegefachpersonen, sondern bezieht weitere Berufsgruppen mit ein. Denn beim Vorgängermodell hatten sich viele Kolleg:innen abgehängt gefühlt, weil sie im Vertragstext schlicht nicht vorkamen. ## Zehn Jahre Anlauf bis zum Durchbruch Die Vorgeschichte reicht weit zurück. Schon 2011 verließen Berlin und die Charité den Arbeitgeberverband, und es brauchte harte Auseinandersetzungen, um wieder auf hundert Prozent des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst angeglichen zu werden. Den Beschäftigten war damals klar: Wenn die Entgelte steigen, wird irgendwo gespart – und gespart wurde vor allem beim Pflegepersonal, weil es den größten Kostenblock ausmacht. 2015 schloss die Charité dann den bundesweit ersten Tarifvertrag dieser Art ab, den Tarifvertrag Gesundheitsschutz. Ein Meilenstein – aber mit Schwächen. Die Formulierungen waren wenig verbindlich, und ob die vereinbarten Personalzahlen wirklich an den Stationen ankamen, ließ sich kaum kontrollieren. Die Frustration auf den Stationen war groß. Aus genau diesen Erfahrungen wuchs der Anspruch, diesmal verbindliche und überprüfbare Regelungen zu schaffen. In den Jahren danach folgten 13 weitere Häuser dem Charité-Modell – von Jena über Mainz bis Schleswig-Holstein –, und jeder neue Vertrag wurde ein Stück besser. Diese Entwicklung war die Vorlage für die jüngste Tarifbewegung, deren [Einigung auf einen Tarifvertrag zur Entlastung der Beschäftigten](https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/charite%5Fund%5Fverdi%5Feinigen%5Fsich%5Fauf%5Ftarifvertrag%5Fzur%5Fentlastung%5Fder%5Fbeschaeftigten/?ref=uebergabe.de) im Dezember 2021 verkündet wurde. ## Wie viele Pflegende braucht eine Station wirklich? Im Zentrum steht die Nurse-to-Patient-Ratio – also das Verhältnis von Pflegenden zu Patient:innen. International ist diese Kennzahl längst etabliert und Grundlage großer Studien, in Deutschland hatte sie bis dahin kaum Fuß gefasst. Die gesetzlichen Pflegepersonaluntergrenzen genießen unter den Kolleg:innen wenig Anerkennung, und die Frage, welche Bezugsgröße man stattdessen nimmt, war einer der größten Knackpunkte der Verhandlung. Bemerkenswert ist der Weg, wie die Schlüssel zustande kamen. Verdi startete einen breiten Organisierungsprozess: Es gab Einzelgespräche mit Kolleg:innen, die Stationen organisierten sich, und fachgleiche Bereiche – etwa die onkologischen oder chirurgischen Stationen verschiedener Standorte – setzten sich zusammen, um gemeinsam Forderungen zu entwickeln. Im Rahmen der gemeinsamen Berliner Krankenhausbewegung mit Vivantes entstand so ein großes Expertengremium, das seine Ratios diskutierte. Diese Werte fielen nicht aus dem Bauch heraus, sondern beruhten auf Erfahrung und Wissen – ergänzt durch den Blick in Länder wie Australien und die USA. > *„Das waren keine Bauchentscheidungen, keine emotional getragenen Entscheidungen, sondern Ratios, die auf Erfahrung und Kenntnissen beruhend für sich vereinbart wurden." — Dana Lützkendorf* Konkret heißt das zum Beispiel: 1 zu 1,8 im Früh- und Spätdienst auf der Intensivstation, 2,2 in der Nacht; 1 zu 3 auf der Intermediate Care; 1 zu 3 auf der Stroke Unit, nachts 1 zu 5\. Gemessen wird an drei Zeitpunkten pro Tag – mittags um zwölf, abends um 18 Uhr und um Mitternacht –, jeweils bezogen auf die Personen, die zu diesem Zeitpunkt im Dienst stehen. Bewusst gibt es also nicht nur eine einzige Mitternachtsstatistik. Allen Beteiligten war klar: Eine solche Kennzahl bildet nie hundertprozentig das echte Leben ab. Sie ist eine untere Haltelinie, realitätsnah und gut fundiert – und Aufgabe der Führungskräfte ist es, im Alltag gegenzusteuern und nachzujustieren, wo es nötig ist. Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, wie sich Personalbemessung und Patient-to-Nurse-Ratio wissenschaftlich fundieren lassen, findet dazu reichlich Stoff. ## Examinierte zählen – entlastet werden alle Eine wichtige Klarstellung: In die Ratio werden ausschließlich examinierte Pflegefachpersonen eingerechnet. Das war den Beschäftigten ein zentrales Anliegen. Auszubildende und Studierende zählen ebenfalls nicht hinein. Trotzdem profitieren auch andere Berufsgruppen vom Entlastungssystem – denn die Folgen einer Unterbesetzung treffen ja auch Gesundheits- und Krankenpflegehelfer:innen, Atmungstherapeut:innen oder Servicekräfte, die mit auf der Station arbeiten. Hierfür hat die Charité die sogenannten CHAPS eingeführt – Charité-Entlastungspunkte. Wird die vereinbarte Besetzung in einer Schicht unterschritten, entsteht eine „unterbesetzte Schicht“. Fünf solcher Schichten ergeben einen Punkt, und dieser geht an jede Person, die in dem Dienst gearbeitet hat – über alle Berufsgruppen hinweg. Punkte entstehen außerdem durch den Einsatz von Leiharbeitskräften und durch Gewalterfahrungen. Diese [verbindliche Mindestpersonalbemessung](https://www.bibliomedmanager.de/news/einigung-bei-charite-und-verdi?ref=uebergabe.de) war für beide Seiten der entscheidende Unterschied zum alten Vertrag. ## Entlastung statt Belohnung Beim Lesen drängt sich die Frage auf, ob das Punktesystem nicht ein eingebautes Eingeständnis ist, dass es ohnehin nicht klappt – eine Art vorweggenommene Entschädigung. Beide Gesprächspartnerinnen widersprechen klar. Die Punkte sind gedeckelt: Im ersten Jahr lassen sich daraus maximal fünf Freischichten gewinnen. Vorrangig sollen sie in Freizeit eingelöst werden, sie können aber auch in einem Sabbatical-Konto angespart oder – wer das möchte – in einen steuerfreien Erholungszuschuss umgewandelt werden. > *„Ich glaube, dass Lebenszeit schon ein wichtiges Gut ist, manchmal wichtiger als Geld." — Carla Eysel* Zur Entlastung gehört auch die psychosoziale Betreuung, die während der Pandemie auf den Intensivstationen aufgebaut wurde. Psycholog:innen sind direkt vor Ort, übernehmen schwierige Patientengespräche und sind ansprechbar, wenn Kolleg:innen an ihre Grenzen kommen – ganz niederschwellig, manchmal einfach bei einer Tasse Kaffee im Aufenthaltsraum. Mit Inkrafttreten des Tarifvertrags wurden alle Stellen in diesem Bereich besetzt und das Angebot ausgeweitet. ## Transparenz in Echtzeit als nächstes großes Ziel Damit Belastung überhaupt sichtbar wird, braucht es verlässliche Daten. Zum Zeitpunkt der Aufnahme – zwölf Tage nach Inkrafttreten – wusste die Charité erst rund sechs Wochen nach Monatsabschluss, ob die Ratios eingehalten wurden, weil Dienste nachgetragen werden müssen. Das soll sich ändern: Ein schlankes Controlling-Dashboard soll künftig in Echtzeit zeigen, welche Qualifikationen zu welchem Zeitpunkt bei welcher Bettenbelegung im Einsatz waren. Grundlage sind die Stammdaten aus dem Abrechnungssystem, weil diese am wenigsten verfälschbar sind. Auch die Beschäftigten sollen – datenschutzkonform – in die Dienstpläne schauen können. Eysels Erfahrung aus dem Personalcontrolling: Am Anfang heißt es oft „das kann gar nicht sein“ – bis Vertrauen in die Datenlage entsteht. Dieses Vertrauen will man durch konsequente Transparenz und viel Kommunikation aufbauen. Denn es gibt Stolperfallen: Springt etwa eine Kraft im sogenannten Stabilitätsdienst von einem anderen Standort ein, kennen die Kolleg:innen vor Ort deren Qualifikation womöglich gar nicht. Solche Stabilitätsdienste übrigens lässt die Charité bewusst von eigenen Mitarbeitenden zu vergleichbaren Konditionen wie Leiharbeit leisten – lieber das eigene Team honorieren als Dritte bezahlen. ## Mehr als Schlüssel: Personalentwicklung und Skillmix Der Tarifvertrag hört nicht bei der Personalbemessung auf. Er enthält Qualifizierungsangebote – etwa für medizinische Fachangestellte, die sich im OP-Bereich weiterentwickeln können, oder Ausbildungen zu Atmungstherapeut:innen und Kardiotechniker:innen. Führungskräfte sollen anhand gemeinsam abgestimmter Grundsätze geschult werden, um in dem Spannungsfeld der Erwartungen souverän agieren zu können. Und es geht um Arbeitszeitmodelle, die näher an den Lebenswirklichkeiten der Menschen liegen. Parallel zum Tarifvertrag arbeitet die Charité im Rahmen ihrer Strategie 2030 daran, die Gesundheitsfachberufe neu zu denken: Aufgaben sauber beschreiben, Kompetenzen zuordnen, Schnittstellen zu den ärztlichen Kolleg:innen klären. Inspiration liefert dabei das Magnet-Konzept, an dem sich das Deutsche Herzzentrum Berlin orientiert. Eysel betont, dass man ein US-Modell nicht eins zu eins übertragen könne – Gedanken wie klare Kompetenzbeschreibungen, Qualitätsmessung über Kennzahlen und wertschätzende Führung aber sehr wohl adaptieren wolle. Die Personalbemessung für Helfer- und Assistenzberufe – gedeckelt auf zehn Prozent, damit examinierte Kräfte nicht verdrängt werden – steht auf der Agenda der kommenden Jahre. Wie eng diese Fragen mit der Akademisierung und neuen Kompetenzlogiken zusammenhängen, ist eine Diskussion, die in Deutschland gerade erst beginnt, während andere Länder bereits weiter sind. ## Warum es den Streik brauchte Vier Wochen wurde gestreikt – und natürlich beurteilen Arbeitgeberin und Gewerkschaft das unterschiedlich. Für Verdi ist der Streik nie das primäre Ziel, sondern das letzte Mittel, wenn darunter keine Lösung möglich ist. Hier waren die Forderungen bewusst „krass“, getragen von selbstbewussten, gut organisierten Beschäftigten, die zugleich professionell genug waren, Kompromisse einzugehen. Aus Sicht des Vorstands wirkte der Streik wie ein Katalysator, der Positionen einander annähert. Wichtig war dabei, etwas zu vereinbaren, das auch erreichbar ist – denn ein Vertrag, dessen Ziele jeden Tag verfehlt werden, würde nur frustrieren. Deshalb gibt es drei Ausbaustufen: Gelingt die Rekrutierung oder kehren Teilzeitkräfte zu mehr Stunden zurück, lässt sich die nächste Stufe früher ziehen. Wie viel Bewegung Tarifauseinandersetzungen in der Pflege auslösen können und welche Rolle der Arbeitskampf dabei spielt, zeigt sich auch an anderen Häusern. Über die Charité hinaus hatte der Streik ein erklärtes Ziel: politische Aufmerksamkeit. Denn die Pflege werde, so der Eindruck, vor Wahlen gern hochgelobt – und dann passiere oft jahrelang nichts. Auch die ärztlichen Kolleg:innen unterstützten die Bewegung in weiten Teilen, weil gute Patientenversorgung Zeit braucht. Beim nächsten Mal, so das selbstkritische Fazit, wolle man die Ärzteschaft noch früher einbinden. Den vollständigen Wortlaut der [Einigung zwischen Charité und Verdi](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/129237/Charite-und-Verdi-einigen-sich-auf-Tarifvertrag?ref=uebergabe.de) haben verschiedene Fachmedien dokumentiert. ## Eine Blaupause für andere Häuser Vergleichbare Regelungen gibt es inzwischen bei Vivantes, in Mainz oder am UKSH – teils als Tarifverträge, teils als schuldrechtliche Vereinbarungen. Der Unterschied: Schuldrechtliche Vereinbarungen wirken kollektiv und sind für die einzelne Person nicht individuell einklagbar. In Nordrhein-Westfalen machten sich zum Zeitpunkt der Aufnahme mehrere Unikliniken nach dem Charité-Vorbild auf den Weg. Die Charité-Variante gilt dabei als besonders umfänglich, weil sie nicht nur eine Berufsgruppe und nicht nur die bettenführenden Stationen erfasst, sondern auch Funktionsbereiche wie OP, Notaufnahme und Radiologie sowie die Personalentwicklung mitdenkt. Eine gemeinsame Kommission Entlastung – mit erstem Termin Anfang Februar 2022 – beobachtet fortlaufend, wo es hakt, und entwickelt Regelungen für weitere Bereiche wie Dialyse oder Herzkatheterlabor. Nach einem Dreivierteljahr wollten beide Seiten gemeinsam auf die Messpunkte schauen und prüfen, ob alles praktikabel ist. Die Hoffnung: dass stabile, verlässliche Arbeitsbedingungen Zulauf bringen, Teilzeitkräfte zu mehr Stunden motivieren, Leiharbeitende in feste Teams holen – und dass Auszubildende bleiben, weil eine gesicherte Praxisanleitung im Vertrag verankert ist. Und vielleicht das Wichtigste: dass andere Häuser den Mut finden, ihre eigenen Arbeitsbedingungen zu überdenken. ## Zum Weiterhören - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) - [ÜG094 – Pflege streikt! (Paula Klaan)](https://www.uebergabe.de/ug094/) - [ÜG146 – Tarifbewegung an der Medizinischen Hochschule Hannover (Burkhard Sohn)](https://www.uebergabe.de/ug146/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [Tarifvertrag Gesundheitsfachberufe Charité (TV Gesundheitsfachberufe) vom 15.12.2021](https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/charite%5Fund%5Fverdi%5Feinigen%5Fsich%5Fauf%5Ftarifvertrag%5Fzur%5Fentlastung%5Fder%5Fbeschaeftigten/?ref=uebergabe.de) (charite.de) - [Mehr Personal, mehr Freizeit](https://www.verdi.de/themen/geld-tarif/++co++56ff954e-291d-11ec-a25e-001a4a160129?ref=uebergabe.de) (ver.di) - [Tarifabschluss – Charité und Verdi einigen sich auf Mindestpersonalbemessung](https://www.bibliomedmanager.de/news/einigung-bei-charite-und-verdi?ref=uebergabe.de) (BibliomedManager – Fachwissen für Entscheider im Krankenhaus) - [Charité und Verdi einigen sich auf Tarifvertrag](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/129237/Charite-und-Verdi-einigen-sich-auf-Tarifvertrag?ref=uebergabe.de) (Deutsches Ärzteblatt) - [Durchbruch bei Verhandlungen zur Entlastung von Pflegekräftenemitteilung](https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/charite%5Fund%5Fverdi%5Feinigen%5Fsich%5Fauf%5Feckpunkte/?ref=uebergabe.de) (Charité) #### Weitere Shownotes #### In eigener Sache - [Übergabe - bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) ### Stipendien für das Pflegestudium in Bayern / Neues zur Corona-Lage URL: https://www.uebergabe.de/pu017/ Last updated: 2026-06-13T21:15:30.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 08.01.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Bayern bringt ein Stipendienprogramm für primärqualifizierende Pflegestudiengänge auf den Weg. - Lauterbach will den Corona-Pflegebonus auf besonders belastetes Personal begrenzen. - RKI-Erhebung zeigt höhere Impfquoten bei Bewohner:innen als bei Beschäftigten in der Langzeitpflege. In der ersten Folge des neuen Jahres ging es um drei Themen, die Pflegefachpersonen ganz unterschiedlich betreffen: ein neues Förderinstrument für das Pflegestudium in Bayern, die weiter ungeklärte Umsetzung des Corona-Pflegebonus und frische Zahlen des Robert Koch-Instituts zur Impfsituation in der Langzeitpflege. Wir fassen den damaligen Stand für dich zusammen. ## Bayern plant Stipendien für primärqualifizierende Pflegestudiengänge Die akademische Pflegeausbildung in Deutschland kämpft mit rückläufigen Studierendenzahlen. Besonders die noch recht neuen primärqualifizierenden Studiengänge sind betroffen. Spätestens mit der Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der Hochschule in Vallendar im Jahr 2021 wurde sichtbar, dass es zunehmend schwieriger wird, Menschen für einen akademischen Weg in der Pflege zu gewinnen. Ein zentrales Problem: Die im Studium zu leistenden Praxisstunden werden in der Regel nicht vergütet. Viele entscheiden sich deshalb für die klassische Ausbildung, die finanziell abgesichert ist. Genau an dieser Stelle setzt Bayern an. Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek hatte zum Zeitpunkt der Folge auf den Haushaltsentwurf für 2022 verwiesen, in dem Mittel zur Förderung der Akademisierung in der Pflege vorgesehen waren. Mit einem Stipendienprogramm sollen Menschen, die sich für ein primärqualifizierendes Studium entscheiden, finanziell unterstützt werden – mit dem Ziel, das Pflegestudium attraktiver zu machen. Details findest du in der [Ankündigung des bayerischen Gesundheitsministeriums](https://www.bayern.de/holetschek-bayern-bringt-stipendienprogramm-fuer-das-pflegestudium-auf-den-weg-haushaltsentwurf-fuer-2022-enthaelt-mittel-zur-foerderung-der-akademisierung-von-pflegeberufen/?ref=uebergabe.de). Ein entsprechender Entwurf lag damals dem Bayerischen Landtag vor. Wie das Programm konkret ausgestaltet wird und ob es die erhoffte Wirkung entfaltet, war zum Zeitpunkt der Folge noch offen. Für dich ist die Entwicklung interessant, weil sie zeigt, dass die Finanzierung der praktischen Ausbildungsphasen als zentrales Hindernis für die Akademisierung erkannt wird – ein Thema, das auch bundesweit immer wieder auf der Agenda steht. ## Lauterbach will den Corona-Pflegebonus auf besonders belastetes Personal begrenzen Bundeskanzler Olaf Scholz hatte bei der Vorstellung des Koalitionsvertrags angekündigt, eine Milliarde Euro als steuerfreien Bonus für Pflegefachpersonen bereitzustellen, um die Belastungen der Pandemie auszugleichen. Lange blieb unklar, wie die Auszahlung konkret aussehen sollte. Zum Zeitpunkt der Folge äußerte sich Gesundheitsminister Karl Lauterbach dahingehend, dass der Bonus nur an besonders belastetes Pflegepersonal gehen solle – mit der Begründung, dass die Summe so für die Betroffenen spürbarer ausfalle, weil sie nicht auf zu viele Personen aufgeteilt werde. Die Einzelheiten waren ohnehin von 2021 auf 2022 verschoben worden. Genau diese Eingrenzung sorgte für Diskussionen. Offen blieb, wie sich „besonders belastet" überhaupt definieren und von „nicht besonders belastet" abgrenzen lässt. In den sozialen Medien stieß das Vorhaben auf deutliche Kritik. Bemerkenswert ist auch ein zeitlicher Widerspruch: Bayerns Gesundheitsminister Holetschek hatte zuvor eine steuerliche Entlastung speziell für Intensivpflegende ins Spiel gebracht – Lauterbach hatte einen solchen Ansatz damals noch kritisiert, weil eine Bevorzugung einzelner Gruppen die Berufsgruppe spalten könne und Pflegende in Altenheimen oder auf anderen Stationen ebenfalls stark belastet seien. Die Hintergründe zu Lauterbachs Position liest du in der Berichterstattung über die [geplante Begrenzung des Pflegebonus](https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/corona-pandemie-lauterbach-pflegebonus-101.html?ref=uebergabe.de). Der Deutsche Pflegerat lehnte das Konzept einmaliger Bonuszahlungen grundsätzlich ab und machte deutlich, dass die Profession sich nicht mit symbolischen Zahlungen abspeisen lassen wolle. Als Alternative forderten Christine Vogler und der Verband einen Steuerfreibetrag von 18.000 Euro für Pflegende sowie deutlich höhere Zuschläge für Arbeit zu ungünstigen Zeiten. Die ausführliche Position findest du in der [Stellungnahme des Deutschen Pflegerats](https://deutscher-pflegerat.de/2022/01/06/brotkrumen-zur-besaenftigung-bonuszahlungen-allein-sind-der-falsche-weg/?ref=uebergabe.de). Eine Einordnung des Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. Das Amt war zuvor von Andreas Westerfellhaus bekleidet worden; nach dem Regierungswechsel war noch offen, wer die Aufgabe künftig übernimmt und ob die Position überhaupt neu besetzt wird. Auf der [Seite des Pflegebevollmächtigten](https://www.pflegebevollmaechtigter.de/?ref=uebergabe.de) wurde lediglich auf eine baldige Ernennung durch das Kabinett verwiesen. ## RKI-Erhebung: Höhere Impfquoten bei Bewohner:innen als bei Beschäftigten Das Robert Koch-Institut veröffentlichte Mitte Dezember 2021 einen Bericht zum Monitoring von Covid-19 und der Impfsituation in Langzeitpflegeeinrichtungen. Grundlage war eine Erhebung aus dem Oktober 2021, an der sich 1.003 vollstationäre Einrichtungen freiwillig beteiligten. Die Zahlen sind deshalb interessant, weil bis dahin kaum belastbare Daten zur Impfbereitschaft von Pflegefachpersonen vorlagen. Bei den Bewohner:innen waren demnach 89,3 Prozent vollständig geimpft, der Anteil der Geimpften oder Genesenen lag bei rund 90 Prozent. Geboostert waren im Oktober 48,7 Prozent. Bei den Beschäftigten zeigte sich ein etwas anderes Bild: 82 Prozent galten als vollständig geimpft oder genesen, die reine Impfquote lag bei rund 81 Prozent. Geboostert waren zu diesem Zeitpunkt erst 23,4 Prozent der Beschäftigten. In beiden Gruppen gab es einzelne Einrichtungen mit Quoten unter 80 oder sogar unter 50 Prozent – das waren jedoch wenige Ausnahmen. Wichtig für die Einordnung sind die Grenzen der Erhebung: Die Teilnahme war freiwillig, und die beteiligten Einrichtungen deckten nur etwa 8,9 Prozent aller Langzeitpflegeeinrichtungen ab. Die Ergebnisse sind damit nicht repräsentativ, und Einrichtungen, die nicht teilgenommen haben, könnten das Bild verzerren. Da die Daten aus dem Oktober 2021 stammen, dürften sich besonders die Booster-Quoten bis zum Jahreswechsel deutlich verändert haben. Dennoch liefert der Bericht – anders als viele Vermutungen zuvor – erstmals konkrete Anhaltspunkte und macht sichtbar, dass die Impfquote unter den Beschäftigten im Schnitt unter der der Bewohner:innen lag. Detaillierte Tabellen dazu finden sich im Originalbericht des RKI. ## Zum Weiterhören - [ÜG069 – Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) - [ÜG062 – Corona-Impfung im Fokus der Pflege (Prof. Dr. Dr. Sabine Wicker)](https://www.uebergabe.de/ug062/) --- ## Quellen - [Holetschek: Bayern bringt Stipendienprogramm für das Pflegestudium auf den Weg](https://www.bayern.de/holetschek-bayern-bringt-stipendienprogramm-fuer-das-pflegestudium-auf-den-weg-haushaltsentwurf-fuer-2022-enthaelt-mittel-zur-foerderung-der-akademisierung-von-pflegeberufen/?ref=uebergabe.de) (bayern.de) - [Bayern will Stipendien für Pflegestudierende aufsetzen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/bayern-will-stipendien-fuer-pflegestudierende-aufsetzen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Monitoring von COVID-19 und der Impfsituation in Langzeitpflegeeinrichtungen](https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/ImpfungenAZ/COVID-19/Monitoring%5FCOVID-19%5FLangzeitpflegeeinrichtungen.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&ref=uebergabe.de) (rki.de) - [Niedrigere Impfquote von Beschäftigten als von Bewohnern](https://www.bibliomed-pflege.de/news/niedrigere-impfquote-von-beschaeftigten-als-von-bewohnern?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Lauterbach will Pflegebonus begrenzen](https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/corona-pandemie-lauterbach-pflegebonus-101.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) - [Homepage - Der Bevollmächtigte der Bundesregierung für die Pflege](https://www.pflegebevollmaechtigter.de/?ref=uebergabe.de) (pflegebevollmächtigter.de) - [Homepage DPR - Brotkrumen zur Besänftigung? Bonuszahlungen alleine sind der falsche Weg](https://deutscher-pflegerat.de/2022/01/06/brotkrumen-zur-besaenftigung-bonuszahlungen-allein-sind-der-falsche-weg/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [DPR hält Lauterbachs Plan für den falschen Weg](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dpr-haelt-lauterbachs-plan-fuer-den-falschen-weg?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) ### Jahresabschluss URL: https://www.uebergabe.de/ug084/ Last updated: 2026-06-17T19:31:37.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 19.12.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - 2021 erschienen 24 Übergabe- und 16 Pflege-Update-Folgen. - Mit dem Pflege-Update startete ein zweites, aktuelles Format. - Lieblingsthemen: Berufsstolz, School Nursing, Rassismus und Gewerkschaften. - Für 2022 geplant: Ethik, Controlling und die Belastung Pflegender. - Mit dieser Folge erreicht das Team insgesamt 100 Episoden. ## Drei Jahre Übergabe – und kein Ende der Themen Es gibt diese Momente, in denen man kurz innehält und merkt: Da ist tatsächlich etwas gewachsen. Genau so fühlte sich die Jahresabschlussfolge 2021 des Übergabe-Podcasts an. Drei Jahre nach dem Start saß das Team zusammen – wenn auch jede:r am eigenen Schreibtisch und nicht, wie scherzhaft angemerkt, gemeinsam mit Glühwein bei Santa – und ließ ein Pflege-Jahr Revue passieren, das vieles war, nur nicht langweilig. Die nüchterne Bilanz klingt schon beeindruckend: 24 Übergabe-Folgen und 16 Episoden des Pflege-Updates sind 2021 erschienen. Praktisch jede zweite Woche eine ausführliche Folge, dazu der regelmäßige Nachrichtenüberblick. Wer mitzählt, landet bei einem Meilenstein: Mit dieser Episode standen insgesamt 100 veröffentlichte Folgen zu Buche. Eine kleine Pointe der Geschichte, denn ganz am Anfang stand die Prognose im Raum, dass dem Projekt nach rund 50 Folgen die Themen ausgehen würden. Spoiler: Sie gingen nicht aus. Im Gegenteil. ## Wenn Pflege selbstbewusst wird: die Lieblingsfolgen des Jahres Eine Lieblingsfolge aus Dutzenden zu küren, ist undankbar – und doch wurde gewählt. Hoch im Kurs stand die Episode zum [Berufsstolz in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug071/). Sie eröffnete einen anderen Blickwinkel auf die eigene Profession und blieb deshalb besonders hängen. Berufsstolz ist mehr als ein Gefühl: Er hängt eng damit zusammen, wie selbstbewusst eine Berufsgruppe auftritt – und wie viel Einfluss sie sich damit erarbeitet. Genau dieser Gedanke zog sich wie ein roter Faden durch das Jahr. Inhaltlich und emotional besonders gewichtig war die große Gemeinschaftsfolge zur [Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der Hochschule Vallendar](https://www.uebergabe.de/ug069/). In kürzester Zeit sammelte das Team über zwanzig Stimmen aus der Pflegewissenschaft ein – per E-Mail-Aufruf, per Sprachnachricht, in unzähligen kleinen Bausteinen. Das Ergebnis war ein eindringliches Plädoyer dafür, wie wichtig pflegewissenschaftliche Strukturen in Deutschland sind. Für ein ehrenamtliches Team eine logistische Mammutaufgabe – und genau deshalb eine der wichtigsten Folgen überhaupt. Viel Begeisterung löste auch die Episode zur [Schulgesundheitspflege und School Nursing mit Andreas Kocks](https://www.uebergabe.de/ug074/) aus. Spannend daran: Andreas Kocks stand seit der allerersten Stunde auf der Wunschliste und kam erst nach über 70 Folgen tatsächlich dran. Das Warten lohnte sich. Die Aufnahme galt als eine der schönsten des Jahres, weil sie zeigte, wie viel präventives Potenzial in diesem Berufsbild steckt – Gesundheitsförderung direkt dort, wo Kinder und Jugendliche ihren Alltag verbringen. > *„Ich habe die Folge gehört und wollte am liebsten sofort selbst School Nurse sein. Man hat sich so bildlich vorgestellt, was die Aufgaben sind und was man da bewegen kann." — Clara* Dass ein deutsches Pilotprojekt zur Schulgesundheitspflege in dieser Zeit eingestampft wurde, machte das Thema umso dringlicher. Genau hier wird sichtbar, was der Podcast leisten will: Berufsbilder und Konzepte sichtbar machen, die in der öffentlichen Debatte zu kurz kommen. Auf den Favoritenlisten standen außerdem die Folge zu [Rassismus in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug083/) und die Episode zur Pflege im Spannungsfeld der Corona-Krise. Themen, bei denen Spaß und Ernst dicht beieinanderliegen – und die zeigen, dass Pflegekommunikation auch unbequeme Fragen aushalten muss. ## Die entlarvende Kraft eines guten Gesprächs Eine Folge nahm im Rückblick eine Sonderrolle ein: das Gespräch über [Gewerkschaften in der Pflege mit Michael Quetting](https://www.uebergabe.de/ug064/). Sie ging dem Team spürbar nahe – und galt zugleich als eine der besten des Jahres. Der Grund: Es war eines der ersten Male, dass bewusst eine Gegenstimme zu den eigenen Positionen eingeladen wurde. Schon zuvor hatte man sich mit der [Evaluation der Pflegekammer Niedersachsen mit Kai Boeddinghaus](https://www.uebergabe.de/ug045/) aus dem eigenen Meinungskosmos herausgewagt. > *„Am Ende gingen die Argumente aus, und es lief nur noch auf ein ‚Ich will das nicht' hinaus. Da merkst du: Wir wollen eigentlich alle das Gleiche – glauben aber an völlig unterschiedliche Wege dorthin. Und genau darüber muss man reden." — Christian* Die Kammerdebatte zog sich ohnehin durch das ganze Jahr. Was in Niedersachsen begann und sich über Social Media verfolgen ließ, setzte sich in Nordrhein-Westfalen fort – ein Muster, das viele frustriert. Klar war: Dieses Thema wird das Team auch im neuen Jahr beschäftigen, sowohl im großen Format als auch im [Update rund um die Pflegekammer NRW](https://www.uebergabe.de/ug079/). ## Ein zweites Baby: das Pflege-Update Die vielleicht größte Veränderung des Jahres war eine Geburt – im übertragenen Sinn. Anfang 2021 begannen die Planungen für ein zweites Format, am 5\. Juni ging die erste Folge des Pflege-Updates online. Caro und Clara stiegen über einen kleinen Bewerbungsprozess ins Team ein und liefern seitdem im Zwei-Wochen-Takt den aktuellen Nachrichtenüberblick aus Pflege und Gesundheit. Der anfängliche Lampenfieber-Schweiß wich schnell der Routine und der Freude am Aufbereiten komplexer Themen. Genau das ist der Kern guter Wissenschaftskommunikation: Hintergründe so weit zu durchdringen, dass man sie verständlich erklären kann, statt sie nur anzureißen. Rückmeldungen zeigten, dass das Update besonders gern in Ausbildung und Pflegestudium genutzt wird – kompakte 20 Minuten, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Eine sinnvolle Ergänzung zu den anderthalbstündigen Tiefenbohrungen, die man eben nicht nebenbei hört, sondern bei denen man auch mal auf Pause drückt und nachdenkt. Mit der Ausgliederung der tagesaktuellen Themen ins Update veränderte sich auch die große Übergabe: Sie sucht ihre Schwerpunkte seither bewusster und thematischer. Ein gemeinsames Highlight beider Teams war der Auftritt beim Deutschen Pflegetag in Berlin – aufwendig, durchgeschnitten bis in die Nacht, aber als Erlebnis unvergessen. Dass die Hörer:innenzahlen stetig stiegen und sich die Downloads im Jahresverlauf auf eine hohe fünfstellige Größenordnung bewegten, bestätigte: Der Bedarf an fundierter, niveauvoller Pflegekommunikation ist da. ## Personen, denen man früher nur aus Studien kannte Ein wiederkehrendes Glücksgefühl: Wenn bekannte Köpfe der Pflegelandschaft eine Anfrage annehmen, weil sie den Podcast kennen und schätzen. Menschen, deren Studien und Projektberichte man im Studium gelesen hat, sitzen plötzlich am anderen Ende der Leitung. Besonders der Austausch mit Frau Meyer über die Zwischenbilanz nach der ersten Corona-Krise blieb in Erinnerung – nicht nur wegen des Themas, sondern weil sie betonte, dass Pflege selbstbewusster werden muss, um mehr Einfluss zu gewinnen. > *„Was unsere Gäst:innen leisten, ist Wahnsinn. Sie planen die Folge mit, arbeiten sich durch die Technik und gehen diesen Weg mit uns – dafür ein riesiges Dankeschön." — Eva* Genau dieser Respekt vor der investierten Zeit – von Gästen, aber auch von Familien und Freund:innen, die das Ehrenamt mittragen – schwang im gesamten Rückblick mit. Der Podcast versteht sich nicht als Bühne für Personenkult, sondern als Raum für Themen. Eingeladen sind ausdrücklich auch jene, die nicht professoral betitelt sind: Die Folge zu Klima, Pflege und Gesundheit mit David und Jessica zeigte, wie viel Engagement Menschen in ihrer Freizeit einbringen – und verdiente sich damit Wertschätzung über die Sendung hinaus. ## Was 2022 auf der Agenda steht Der Blick nach vorn fiel ideenreich aus. Ganz oben auf der Wunschliste: das Thema Ethik in der Pflege. Wer in einer Ethikkommission mitwirkt oder aus pflegerischer Sicht darüber berichten kann, ist eingeladen, sich zu melden. Eng damit verknüpft ist die Frage, welchen Einfluss Pflegefachpersonen auf ethische Entscheidungen tatsächlich haben. Ein weiterer Schwerpunkt soll die wirtschaftliche Seite werden: Pflege und Controlling. In einem Dickicht aus Pflegepersonaluntergrenzen, der PPR 2.0 und dem Pflegebudget wird betriebswirtschaftliches Verständnis für die Profession immer wichtiger. Auch die Vorbehaltsaufgaben stehen auf der Liste – ein Thema, das die rechtliche und fachliche Eigenständigkeit der Pflege berührt und sich gut in den Diskurs um Akademisierung einfügt. Und natürlich Corona. Trotz aller Müdigkeit gegenüber dem Dauerthema wollte das Team es nicht aus den Augen verlieren – aber mit anderem Fokus. Statt über Inzidenzen zu sprechen, ging es um die Belastung Pflegender, um Compassion Fatigue, um Trauer, Sterben und Tod in der Pandemie. Themen, über die kaum jemand spricht, die aber den Stationsalltag prägen. Ein Anliegen war auch ein Gespräch über Wissenschaftskommunikation mit einer prominenten Vertreterin des Faches, um zu verstehen, was besser werden muss, damit Berufsgruppen wie die Pflege erreicht werden – etwa bei der Frage der Impfquote unter Pflegefachpersonen. Hinzu kamen offene Anfragen, eine bereits aufgenommene, aber noch nicht freigegebene Folge und der Wunsch nach einer weiteren Live-Aufnahme mit eingebundenen Hörer:innen-Fragen. Mit dem Wechsel an der Spitze des Bundesgesundheitsministeriums – Karl Lauterbach übernahm gerade das Amt – dürfte es jedenfalls nicht an Stoff mangeln; eine erste Einordnung bot bereits die [Pflege-Update-Folge mit Christine Vogler zum neuen Gesundheitsminister](https://www.uebergabe.de/pu016/). ## Feedback erwünscht – und ein Dank zum Schluss Eine klare Bitte richtete das Team an die Hörer:innen: mehr Feedback, gern konstruktiv und ehrlich, auch kritisch – solange es auf den Inhalten der Folgen beruht. Wer ein spannendes Thema hat, eine Bachelor- oder Facharbeit zu einer relevanten Frage geschrieben hat oder Ideen zur Weiterentwicklung des Formats mitbringt, darf sich melden. Transparent blieb auch der Umgang mit Einnahmen: Ein Großteil der Werbeerlöse floss nach der Hochwasserkatastrophe in Hilfsprojekte, der Rest deckt Fahrtkosten und Porto. Am Ende stand das, was diesen Rückblick trägt: Dankbarkeit. Für ein Team, das im dritten Jahr unermüdlich Output liefert. Für Gäst:innen, die ihre Zeit schenken. Für Angehörige, die das Ehrenamt mittragen. Und für alle, die zuhören – ob aus der Pflege oder, wie ein besonders treuer Hörer, aus einem ganz anderen Berufsfeld. Wissenschaftskommunikation lebt von dieser Neugier über Fachgrenzen hinweg. ## Zum Weiterhören - [ÜG105 – Jahresabschluss 2022](https://www.uebergabe.de/ug105/) - [ÜG025 – Jahresrückblick](https://www.uebergabe.de/ug025/) - [ÜG144 – Die Zukunft der Übergabe](https://www.uebergabe.de/ug144/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Wir danken folgenden Gäst\*innen für Ihre Unterstützung im Jahr 2021 - [Dr. Angelika Zegelin (ÜG061 - Mobilität und Bettlägerigkeit)](https://www.uebergabe.de/ug061/) - [Prof. Dr. Dr. Sabine Wicker (ÜG062 - Corona-Impfung im Fokus der Pflege)](https://www.uebergabe.de/ug062/) - [Johannes Technau (ÜG063 - Buurtzorg als Organisationsmodell der ambulanten Pflege)](https://www.uebergabe.de/ug063/) - [Michael Quetting (ÜG064 - Gewerkschaften in der Pflege)](https://www.uebergabe.de/ug064/) - [Prof. Dr. Gabriele Meyer (ÜG065 - Zwischenbilanz nach der ersten Corona-Krise 2020)](https://www.uebergabe.de/ug065/) - [Dr. Julia Söhngen (ÜG066 - Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation)](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [Prof. Dr. André Fringer (ÜG066 - Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation)](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [Dr. Frauke Hartung (ÜG066 - Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation)](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [Bianca Flachenecker (ÜG067 - Pflege in den Medien - Fach- und Massenmedien)](https://www.uebergabe.de/ug067/) - [David Gutensohn (ÜG067 - Pflege in den Medien - Fach- und Massenmedien)](https://www.uebergabe.de/ug067/) - [Franziska Böhler (ÜG068 - Pflege in den Medien - Social Media)](https://www.uebergabe.de/ug068/) - [Ugur Cetinkaya (ÜG068 - Pflege in den Medien - Social Media)](https://www.uebergabe.de/ug068/) - [Prof. Dr. Katrin Balzer (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. Sabine Bartholomeyczik (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Christel Bienstein (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. Thomas Boggatz (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. Michael Bossle (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. Roland Brühe (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. Inge Eberl (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. Christine Fiedler (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. Thomas Fischer (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV](https://www.uebergabe.de/ug069/) und [ÜG077 - Häusliche Versorgung in der Covid-19-Pandemie)](https://www.uebergabe.de/ug077/) - [Prof. Dr. rer. cur. Andreas Fraunhofer (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. Margareta Halek (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Dr. Bernhard Holle (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Christiane Knecht (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. phil. Sascha Köpke (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV](https://www.uebergabe.de/ug069/) und [ÜG082 - Institut für Pflegewissenschaft an der Uni Köln](https://www.uebergabe.de/ug082/)) - [Kathrin Kürsten (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. rer. medic. Michael Löhr (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Dr. Markus Mai (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Dr. Anja Katharina Peters (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. Martina Roes (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Susanne Sachs (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. rer. medic. habil. Michael Schulz (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. Stefanie Seeling (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Prof. Dr. Tanja Segmüller (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Diakonin Prof. Dr. rer. medic. Doris Tacke (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) und [ÜG081 - Pflege von Menschen mit Behinderung im Krankenhaus)](https://www.uebergabe.de/ug081/) - [Dr. h. c. Franz Wagner (ÜG069 - Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV)](https://www.uebergabe.de/ug069/) - [Dr. German Quernheim (ÜG071 - Berufsstolz in der Pflege)](https://www.uebergabe.de/ug071/) - [Prof. Rebecca Palm (ÜG072 - Praxisentwicklung in der Pflege)](https://www.uebergabe.de/ug072/) - [Sibylle Reick (ÜG072 - Praxisentwicklung in der Pflege)](https://www.uebergabe.de/ug072/) - [Nicole Parwolowski (ÜG073 - Expertenstandard Mobilität im Akutkrankenhaus)](https://www.uebergabe.de/ug073/) - [Andreas Kocks (ÜG074 - Schulgesundheitspflege / School Nursing)](https://www.uebergabe.de/ug074/) - [Jessica Esser (ÜG075 - Klima, Pflege und Gesundheit)](https://www.uebergabe.de/ug075/) - [David Vogel (ÜG075 - Klima, Pflege und Gesundheit)](https://www.uebergabe.de/ug075/) - [Matthias Menne (ÜG076 - Zeitarbeit in der Pflege)](https://www.uebergabe.de/ug076/) - [Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione (ÜG078 - Sexismus in Gesundheitsberufen)](https://www.uebergabe.de/ug078/) - [Sandra Postel (ÜG079 - Pflegekammer NRW)](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [Prof. Dr. Änne-Dörrte Latteck (ÜG080 - Verbleib von akademisiert Pflegenden)](https://www.uebergabe.de/ug080/) - [Christian Grebe (ÜG080 - Verbleib von akademisiert Pflegenden)](https://www.uebergabe.de/ug080/) - [Rüdiger Hoßfeld (ÜG080 - Verbleib von akademisiert Pflegenden)](https://www.uebergabe.de/ug080/) - [Prof. Dr. Miriam Tariba Richter (ÜG083 - Rassismus in der Pflege)](https://www.uebergabe.de/ug083/) - [Christine Vogler (PU016 – Alles auf Anfang mit einem neuen Gesundheitsminister)](https://www.uebergabe.de/pu016/) ‼️ Und all denjenigen, die uns in weiterer, wertvoller Form unterstützt haben! ### Alles auf Anfang mit einem neuen Gesundheitsminister URL: https://www.uebergabe.de/pu016/ Last updated: 2026-06-17T19:52:32.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 11.12.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Karl Lauterbach wird neuer Bundesgesundheitsminister der Ampel-Koalition. - Der Koalitionsvertrag gilt dem Deutschen Pflegerat als Meilenstein für die Profession Pflege. - Bei Pflegefinanzierung und Selbstverwaltung bleiben zentrale Fragen offen. Die Wochen vor dieser Folge waren politisch dicht: Olaf Scholz wurde zum Bundeskanzler gewählt, das Kabinett der neuen Ampel-Koalition steht – und mit Karl Lauterbach übernimmt ein vielfach erwarteter Name das Bundesgesundheitsministerium. Wir ordnen ein, was zum damaligen Zeitpunkt feststand und was der Koalitionsvertrag für die Profession Pflege bedeutet. ## Karl Lauterbach übernimmt das Bundesgesundheitsministerium Wenige Tage vor der Aufnahme dieser Folge wurde bekannt, dass Karl Lauterbach neuer Bundesgesundheitsminister wird. Bei der Vorstellung des Kabinetts machte Olaf Scholz deutlich, dass sich viele Menschen genau diese Besetzung gewünscht hätten – jemanden „vom Fach". Lauterbach selbst benannte als erste Schwerpunkte die Bewältigung der Corona-Pandemie, das Impfen und ein robusteres Gesundheitssystem ohne Leistungskürzungen. Auch auf künftige Pandemien wolle man besser vorbereitet sein. Zur Person: Lauterbach ist Mediziner, hat an der Harvard School of Public Health Abschlüsse in Public Health sowie in Health Policy and Management erworben und war Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie an der Universität zu Köln. Seit 2005 sitzt er für die SPD im Bundestag. Für Pflegefachpersonen ist relevant, dass die [Besetzung des Ministeriums](https://www.bibliomed-pflege.de/news/neuer-gesundheitsminister-heisst-karl-lauterbach?ref=uebergabe.de) in der Pandemie unter hohem Druck stand – die Themen Personalmangel, Personalbemessung und Arbeitsbedingungen drohten dabei in den Hintergrund zu rücken. Lauterbach hatte sich zwar mehrfach für höhere Löhne in der Pflege ausgesprochen, eine konkrete [Agenda für die Pflege blieb zum Zeitpunkt der Folge aber unvollendet](https://www.aerztezeitung.de/Politik/Karl-Lauterbach-und-die-unvollendete-Pflegeagenda-425156.html?ref=uebergabe.de). Wie stark er die für die Pflege wichtigen Punkte des Koalitionsvertrags angeht, war damals offen. ## Der Koalitionsvertrag als „Meilenstein" – die Einordnung des Deutschen Pflegerats Um die pflegerische Perspektive einzufangen, hat die Übergabe-Redaktion mit Christine Vogler gesprochen, der Präsidentin des Deutschen Pflegerats. Der Verband hatte den Koalitionsvertrag kurz nach seiner Veröffentlichung [als Meilenstein für die Profession Pflege bezeichnet](https://deutscher-pflegerat.de/2021/11/25/fuer-die-profession-pflege-ist-der-koalitionsvertrag-ein-meilenstein/?ref=uebergabe.de). Die Begründung: In früheren Koalitionsverträgen kam Pflege deutlich seltener vor; nun finden sich nach Zählung des Verbands über 60 einschlägige Einträge – und das mit einer inhaltlichen Tiefe, die zuvor undenkbar gewesen sei. Wichtig sei dabei, dass eine Verankerung im Koalitionsvertrag die Wahrscheinlichkeit einer Umsetzung deutlich erhöht. ### Einheitliche Pflegefachassistenzausbildung und gestärkte Akademisierung Ein Kernpunkt ist die bundesweit einheitliche Pflegefachassistenzausbildung. Bislang existieren in Deutschland mehr Varianten von Assistenz- und Helfer:innenausbildungen als Bundesländer – mit Ausbildungsdauern zwischen rund einem Jahr und 23 Monaten. Eine bundeseinheitliche Regelung soll diese Zersplitterung beenden, die Durchlässigkeit in weiterführende Bildungsgänge sichern und damit auch den Qualifikationsmix in der Praxis klarer machen. Eng damit verbunden ist die Akademisierung. Der Deutsche Pflegerat sah hier dringenden Handlungsbedarf: Die grundständige akademische Pflegeausbildung müsse refinanziert werden – zumindest die Praxiseinsätze der Studierenden. Andernfalls drohe der Pflege-Bachelor mangels Studierender auszusterben. Gemeinsam mit Verbänden wie dem DBfK, der Dekanekonferenz Pflegewissenschaft und der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft wollte der Pflegerat darauf drängen, dass die Hochschulen kurzfristig verlässliche Finanzierungssignale erhalten. ### Community Health Nursing und heilkundliche Tätigkeiten Neu im Koalitionsvertrag verankert ist das Konzept des Community Health Nursing. Damit verbunden ist die Möglichkeit, dass Pflegefachpersonen erweiterte, heilkundliche Aufgaben übernehmen und entsprechende Leistungen eigenständig abrechnen. Aus Sicht des Pflegerats berührt das ein lange tabuisiertes Thema: dass Pflege- und Therapieberufe selbstständig heilkundlich tätig sein dürfen – etwa bei Entscheidungen über Heil- und Pflegemittel oder im Verlauf des Pflegeprozesses von der Schmerzversorgung bis zur Mobilisation. Die Module zur Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten waren zum Zeitpunkt der Folge gerade veröffentlicht worden. Vogler bewertete dies als große Chance, betonte aber, dass es bis zur tatsächlichen Umsetzung in der Berufsausübung ein langer Weg bleibe. ### Offene Baustelle: die Finanzierung der pflegerischen Versorgung Bei aller positiven Einordnung benannte der Pflegerat auch eine zentrale Lücke: die grundsätzliche Neuordnung der Finanzierung. Wo und wie pflegerische Leistung im Sozialgesetzbuch (insbesondere SGB V, XI und IX) vergütet wird, werde im Koalitionsvertrag weitgehend ausgespart. Eine langjährige Forderung – die Einführung einer steuerfinanzierten Pflegebürgerversicherung – tauche nicht auf. Der Verband vermutete hier eine bewusste Zurückhaltung der FDP. Gleichzeitig kündigte der Koalitionsvertrag an, die Eigenanteile in der stationären Langzeitpflege zu begrenzen und planbarer zu machen – was nach Einschätzung des Pflegerats ohne Eingriff ins bestehende Finanzierungssystem kaum gelingen könne. ### Mehr Mitsprache: Deutscher Pflegerat und der G-BA Besondere Aufmerksamkeit erhielt die angekündigte stärkere Rolle des Deutschen Pflegerats, einschließlich eines Sitzes im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) und einer finanziellen Unterstützung. Vogler ordnete dies als historisches Signal ein: Erstmals werde anerkannt, dass die Pflege auf Bundesebene eine eigene, mit Mitteln ausgestattete Vertretung brauche. Wie genau diese Mitsprache ausgestaltet wird – beratend oder stimmberechtigt – war damals noch offen. Parallel sah der Koalitionsvertrag eine Reform des G-BA vor, durch die sowohl die Pflege als auch die Patient:innenvertretung mehr Gewicht erhalten sollen. ### Kritik an der geplanten Befragung zur Selbstverwaltung Deutliche Kritik äußerte der Pflegerat an dem Vorhaben, die Pflegenden zur Form ihrer Selbstverwaltung – etwa über Kammern – befragen zu wollen. Vogler argumentierte, Gesundheitsversorgung gehöre wie Bildung und Wohnen zu den Bereichen, für die der Staat verlässliche Strukturen schaffen müsse. Es gehe nicht darum, ob die Pflege sich selbst verwalten wolle, sondern darum, dass der Gesetzgeber die nötigen Rahmenbedingungen und Gesetze bereitstelle – gerade für heilberufliche Tätigkeiten. Die Verantwortung über eine Befragung zurück an die Pflegenden zu geben, während andere Berufsgruppen ihre Strukturen längst besäßen, sah der Verband als schief an. Für die laufende Arbeit hob Vogler die zügige Umsetzung von Personalbemessungsinstrumenten hervor – die PPR 2.0 als Übergangslösung im Krankenhaus sowie ein Instrument für die Langzeitpflege. Hier liefen bereits Abstimmungen mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft, ver.di und weiteren Beteiligten. Ziel sei es, Pflegequalität endlich als messbaren Maßstab zur Sicherung der Versorgung zu etablieren. Auch Aufträge aus dem Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG) liefen weiter und sollten vom Ministerium übernommen werden. Offen blieb zum Zeitpunkt der Folge unter anderem, ob das Amt der oder des Pflegebevollmächtigten neu besetzt wird. ## Zum Weiterhören - [PU015 – Koalitionsvertrag der zukünftigen Bundesregierung](https://www.uebergabe.de/pu015/) - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) --- ## Quellen - [Karl Lauterbach als Gesundheitsminister: Er muss loslassen können](https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mehr-wirtschaft/karl-lauterbach-als-gesundheitsminister-er-muss-loslassen-koennen-17670282.html?ref=uebergabe.de) (faz.net) - [Homepage von Prof. Dr. Karl Lauterbach](https://www.bibliomed-pflege.de/news/neuer-gesundheitsminister-heisst-karl-lauterbach?ref=uebergabe.de) (karlauterbach.de) - [Bundeskabinett - Neuer Gesundheitsminister heißt Karl Lauterbach](https://www.bibliomed-pflege.de/news/neuer-gesundheitsminister-heisst-karl-lauterbach?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Lauterbach fordert höhere Löhne in der Pflege](https://www.report-k.de/lauterbach-fordert-hoehere-loehne-in-der-pflege/?ref=uebergabe.de) (report-k.de) - [Für die Profession Pflege ist der Koalitionsvertrag ein Meilenstein](https://deutscher-pflegerat.de/2021/11/25/fuer-die-profession-pflege-ist-der-koalitionsvertrag-ein-meilenstein/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Karl Lauterbach und die unvollendete Pflegeagenda](https://www.aerztezeitung.de/Politik/Karl-Lauterbach-und-die-unvollendete-Pflegeagenda-425156.html?ref=uebergabe.de) (aerztezeitung.de) ### Rassismus in der Pflege (Prof.in Dr.in Miriam Tariba Richter) URL: https://www.uebergabe.de/ug083/ Last updated: 2026-06-17T19:31:36.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 04.12.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Rassismus beruht auf Machtgefällen – nicht nur auf Hautfarbe oder Kultur. - Schwarze Menschen erhalten Studien zufolge messbar weniger Schmerzmittel. - Sowohl Pflegebedürftige als auch Pflegende erleben Rassismus. - Sensibilisierung und Verbündetenschaft sind entscheidende Hebel. - Antidiskriminierung gehört fest ins Pflege-Curriculum. Rassismus in der Pflege – ein Thema, über das lange geschwiegen wurde, obwohl es Menschen täglich betrifft. In dieser Episode des Übergabe-Podcasts spricht [Prof.in Dr.in Miriam Tariba Richter](https://www.haw-hamburg.de/hochschule/beschaeftigte/detail/person/person/show/miriam-richter/172/?ref=uebergabe.de), Professorin für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Gender und Migration, darüber, wie Rassismus im pflegerischen Alltag wirkt – bei Patient:innen wie bei Pflegefachpersonen. Sie selbst kam über den Ungleichheitsdiskurs zum Thema, aber auch über eigene Erfahrungen. Es ist ein Gespräch, das viele Schichten freilegt: von Definitionen über Begrifflichkeiten bis zu konkreten Handlungsstrategien. ## Was Rassismus im Kern ausmacht Rassismus lässt sich, so Richter, als eine Praxis des Wahrnehmens, Deutens und Handelns beschreiben, die Menschen vor allem nach ihrem Erscheinungsbild beurteilt und diesem eine besondere Bedeutung zuschreibt. Dahinter stecken sogenannte Othering-Prozesse: Es wird zwischen dem „Eigenen" und dem „Fremden" unterschieden – und das Eigene wird systematisch aufgewertet (intelligenter, zivilisierter, verlässlicher), das Fremde abgewertet. Markiert wird dabei über Herkunft, Hautfarbe oder Kleidung. Theoretisch unterscheidet man den biologischen vom kulturellen Rassismus. Der biologische Rassismus baut auf einer Rassenideologie auf, die es biologisch gar nicht gibt – ein körperliches Merkmal wird genutzt, um soziale Unterschiede zu begründen und Machtverhältnisse zu legitimieren, wie es im Kolonialismus und im Nationalsozialismus geschah. Der kulturelle Rassismus ersetzt das Merkmal „Rasse" durch „Kultur": Statt einer anderen Rasse wird nun die andere Kultur abgewertet. Besonders deutlich zeigt sich das im antimuslimischen Rassismus. Ein zentraler Punkt: Rassismus ist immer an ein Machtgefälle gekoppelt. Diskriminierung in anderen Kontexten gibt es zwar überall, aber Rassismus dient dazu, Macht auszuüben und Ressourcen zu sichern. Deshalb, so Richter, ist „Rassismus gegen weiße Menschen" in unserem gesellschaftlichen Kontext nicht zu denken – ähnlich wie beim Feminismus, wo das Mann-Sein weltweit der privilegierte Zustand bleibt. Weiß-Sein ist global gesehen ein privilegierter Status mit mehr Handlungsmöglichkeiten und weniger Diskriminierungserfahrungen. ## Der Rassismus, den wir nicht bemerken Neben dem expliziten Rassismus, den Menschen offen begründen, gibt es den impliziten Rassismus – Bilder und Vorurteile, die über Jahrhunderte gewachsen sind und gar nicht hinterfragt werden. Genau hier liegt für die Pflege ein großes Feld: unhinterfragte Vorstellungen davon, wem Kompetenz zugeschrieben wird. Der Ansatz der Critical-Whiteness-Forschung setzt hier an. Er lädt dazu ein, die eigenen Privilegien und Deprivilegien zu reflektieren – und die Verantwortung zu erkennen, die mit Privilegien einhergeht. > *„Wenn ich zusammengezählt habe, wie oft ich angesprochen worden bin, ob ich nicht putzen gehen möchte – das ist ein Ausdruck davon, was mir als Person zugestanden wird. Wird mir zugestanden, dass ich intelligent sein darf, dass ich Professorin bin? Oder werde ich aufgrund meiner Hautfarbe nur in eine bestimmte Richtung gesteckt?" — Prof.in Dr.in Miriam Tariba Richter* Dass das Thema überhaupt breiter diskutiert wird, hat einen traurigen Anlass: den Tod von George Floyd. Doch Rassismus ist kein neues Phänomen. Entscheidend war diesmal, dass sich auch viele weiße Menschen solidarisiert haben. Genau diese Verbündetenschaft macht deutlich, dass es eben nicht „nur" das Problem einer betroffenen Gruppe ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Rechtlich ist die Lage in Deutschland klar: Grundgesetz und das [Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz](https://www.uebergabe.de/content/files/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/AGG/agg%5Fgleichbehandlungsgesetz.pdf) verbieten Diskriminierung – auch Institutionen tragen Verantwortung, das faktisch umzusetzen. ## Schwarz, weiß, BIPOC – worauf es bei Begriffen ankommt In der Anti-Rassismus-Debatte herrscht oft Unsicherheit über die richtigen Begriffe. Richter ordnet ein: „Schwarz" und „weiß" beschreiben weniger Hautfarbe als eine soziale Position – der Begriff stammt aus der Black-Power-Bewegung und ist eine selbstbewusste, aktivistische Selbstbezeichnung. „People of Color" (PoC) bezeichnet alle rassistisch markierten Menschen, unabhängig von Aufenthaltsstatus oder Geburtsort. Die Erweiterung „BIPoC" hebt das Schwarz-Sein noch einmal als eigene Kategorie hervor. Warum „farbig" im Deutschen problematisch ist, „People of Color" aber nicht, hat mit unterschiedlichen Entstehungsgeschichten zu tun. „Farbig" wurde in Deutschland häufig als abgrenzender, diskriminierender Begriff verwendet. Entscheidend bleibt für Richter immer die Selbstbezeichnung: Wie wollen Menschen selbst benannt werden? Niemand sollte anderen eine Bezeichnung überstülpen – das gilt im Kontext von Herkunft und Hautfarbe ebenso wie beim Thema Gender. ## Warum Rassismus ausgerechnet die Pflege betrifft Pflegebedürftige Menschen sind in einer besonders verletzlichen Lage: krank, manchmal existenziell bedroht, mit Schmerzen. Wer in dieser Situation zusätzlich Diskriminierung erfährt – länger warten muss, unzureichend behandelt wird, sich mit Stereotypen auseinandersetzen muss –, dessen Lage verschlechtert sich weiter. Die Migrationsforschung belegt das gut über das Konzept des Minority Stress: Wer ständig Abwertung, Anfeindung oder Übergriffe erlebt, trägt eine chronische Stressbelastung mit körperlichen und psychischen Folgen. In Institutionen bleibt Rassismus oft verdeckt, weil Einrichtungen dazu neigen, Probleme nach innen zu vertuschen – ähnlich wie es aus anderen Institutionen bekannt ist. Ein Schlüsselbeleg ist eine viel zitierte [US-Studie zur Schmerzbehandlung](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4843483/pdf/pnas.201516047.pdf?ref=uebergabe.de): Schwarze Menschen erhielten settingübergreifend rund zehn Prozent weniger Schmerzmittel, und in 47 Prozent der Fälle wurden ihre Schmerzen falsch – nämlich unterschätzt. Besonders aufschlussreich ist die Begründung: Die befragten Behandelnden gaben biologisch-rassistische Vorurteile an, etwa die Annahme, Schwarze Menschen hätten weniger sensible Nervenenden oder eine dickere Haut. Beides ist biologisch nicht haltbar. In Deutschland kennt man verwandte Stereotype rund um das sogenannte Mittelmeer-Syndrom, das Schmerzäußerungen pauschal abwertet. > *„Für die Folgen ist es eigentlich egal, ob Rassismus implizit oder explizit ist – für diejenigen, die davon betroffen sind. Wo es nicht egal ist: Wenn wir uns fragen, was wir dagegen tun können, braucht implizit andere Handlungsstrategien als explizit." — Prof.in Dr.in Miriam Tariba Richter* Bemerkenswert ist, wie wenig Forschung es im pflegerischen Kontext gibt. Eine 2021 von der Antidiskriminierungsstelle veröffentlichte [Überblicksarbeit zu Diskriminierungsrisiken im Gesundheitswesen](https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/aktuelles/DE/2021/20210726%5FDiskrisiken%5FGesundheitswesen.html?ref=uebergabe.de) weist genau darauf hin: Die meisten Studien arbeiten mit dem sehr breiten Merkmal „Migrationshintergrund", das sich nicht eindeutig auf rassistische Markierungen zurückführen lässt. Erfahrungsberichte und ganze Bücher gibt es zuhauf – belastbare Studien kaum. ## Wenn Pflegefachpersonen selbst betroffen sind Rassismus trifft nicht nur Patient:innen, sondern zunehmend auch Pflegefachpersonen – durch Patient:innen und durch Kolleg:innen. Richter berichtet von einer Praxisprüfung, bei der eine türkischstämmige Praxisanleiterin von einer Patientin massiv mit kulturellem Rassismus konfrontiert wurde. Ihre Studierenden erzählen, dass sie aufgrund von Herkunft, Hautfarbe oder Aussehen für inkompetent gehalten, beleidigt oder mit Tätigkeiten beauftragt werden, die weißen Pflegenden nicht zugemutet würden – und das teils, ohne den Missbrauch überhaupt zu erkennen. Genau das macht impliziten Rassismus so tückisch: Er kommt nicht immer „mit der Keule", sondern in kleinen Gesten, Blicken und Bemerkungen. Für Betroffene – besonders im jungen Alter – ist es oft ein langer Prozess, bis sie erkennen: Damit bin nicht ich gemeint, sondern meine Hautfarbe. Spuren hinterlässt das trotzdem. ## Was hilft: von der Selbstreflexion bis zur Struktur Handlungsstrategien setzen auf mehreren Ebenen an. Auf der interaktionalen Ebene ist Reflexion zentral: Warum behandle ich diese Person anders? Das im Team offen anzusprechen, deckt verborgene Muster auf. Auf institutioneller Ebene braucht es offene Strukturen – Beschwerdemanagement, Anlaufstellen, mancherorts bereits eigene Beauftragte gegen Rassismus, an die sich sowohl Patient:innen als auch Mitarbeitende wenden können. Das verschiebt das Problem weg von der einzelnen Interaktion hin zu einer Aufgabe der gesamten Einrichtung. Und schließlich braucht es die strukturelle Ebene der Gesetze – nicht überall ist die Rechtslage schon zufriedenstellend. Ein wirksamer Hebel ist die Sensibilisierung – am besten möglichst früh, schon in Kinderbüchern und Kitas, wo Vielfalt selbstverständlich abgebildet wird. Spannend ist die Debatte um verpflichtende Trainings: Einerseits sollen möglichst viele Menschen sensibilisiert werden, andererseits ist es nur bedingt wirksam, Menschen zur Sensibilität zu zwingen. Richters Hochschule integriert Diversity-Fragen sogar in Einstellungsverfahren – und merkt an den Antworten deutlich, wer sich reflexiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Für die Pflegeausbildung plant sie Sensibilisierungskurse vor dem ersten Praxiseinsatz: Studierende sollen empowert werden, Grenzen zu ziehen, und diejenigen, die nicht betroffen sind, sollen lernen, als Verbündete einzugreifen statt wegzusehen. ## Intersektionalität: Wenn sich Diskriminierungen verschränken Menschen vereinen viele Merkmale in sich – Alter, Geschlecht, Herkunft, sexuelle Orientierung, Hautfarbe. Intersektionalität beschreibt, wie diese Dimensionen miteinander verwoben sind und sich gegenseitig verstärken oder abschwächen können. Bei einer intersektionalen Diskriminierung greifen mehrere Gründe so ineinander, dass sie nicht mehr trennbar sind: Eine Schwarze muslimische Frau, die einen Job nicht bekommt, weiß oft nicht, ob es an Hautfarbe, Kopftuch oder Geschlecht liegt. Für Handlungsstrategien heißt das: Es braucht Verbündetenschaft über die einzelnen Kategorien hinweg, weil es letztlich um die Verbesserung der Lebenswelt aller Menschen geht. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani hat dafür ein eindrückliches Bild geprägt: Solange die Benachteiligten am Katzentisch sitzen, bleibt alles ruhig. Dürfen sie mit am Tisch Platz nehmen, ist das ein Fortschritt. Doch sobald sie anfangen, die Speisekarte mitzubestimmen, kippt die Stimmung – weil es im Kern um Machtfragen geht: Wer bestimmt die Norm, was „deutsch" ist, wer wie auszusehen oder zu glauben hat? Genau an diesem Punkt steht die Gesellschaft vielerorts. > *„Eine Frau stand heulend vor mir und hat um Rat gebeten, was sie besser machen könne, damit andere sie nicht diskriminieren. Ihr dann zu sagen: Das liegt nicht an dir, du hast nichts falsch gemacht – das fand ich sehr eindrücklich." — Prof.in Dr.in Miriam Tariba Richter* Bei aller offenen Wunde gibt es auch Hoffnung: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Missstände benannt werden dürfen und in der sich die Erwartungshaltung verschiebt – Rassismus wird zunehmend nicht mehr als Normalität hingenommen. Das hilft der einzelnen Pflegefachperson im konkreten Moment der Anfeindung nicht. Aber es sensibilisiert, es bewegt etwas – vielleicht nicht für die Betroffenen selbst, aber für die nächste Generation. Antidiskriminierung gehört, so Richters Fazit, fest ins Curriculum von Ausbildung und Studium – damit Pflegefachpersonen weder diskriminieren noch sich diskriminieren lassen. ## Zum Weiterhören - [ÜG123 – Gesundheitsförderung in Lebenswelten von Trans\* Menschen (Prof:In Dr:In Miriam Tariba Richter, Ray Trautwein)](https://www.uebergabe.de/ug123/) - [ÜG134 – Diversität in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug134/) - [ÜG180 – Teilhabe von Pflegekräften mit Migrationsgeschichte (Yasemin Bekyol & Theresa Wagner)](https://www.uebergabe.de/ug180/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Informationen zur Gästin - [Informationen zu Prof.in Dr.in Miriam Tariba Richter](https://www.haw-hamburg.de/hochschule/beschaeftigte/detail/person/person/show/miriam-richter/172/?ref=uebergabe.de) (haw-hamburg.de) ### Shownotes zur Folge - [Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG)](https://www.uebergabe.de/content/files/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/AGG/agg%5Fgleichbehandlungsgesetz.pdf) (antidiskriminierungsstelle.de) - [Rassismus und Diskriminierung - Deutscher Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/Kongress/news/pflege-und-rassismus.html?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegetag.de) - [Hoffman, K., Trawalter, S., Axt, J.R., Oliver, M.N. (2016): Racial bias in pain assessment and treatment recommendations, and false beliefs about biological differences between blacks and whites. In: PNAS, 113 (16), pp. 4296–4301](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4843483/pdf/pnas.201516047.pdf?ref=uebergabe.de) (nih.gov) - [Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten](https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/was-weisse-menschen-nicht-ueber-rassismus-hoeren-wollen-aber-wissen-sollten/978-3-446-26425-0/?ref=uebergabe.de) (hanser-literaturverlage.de) - [Diskriminierungsrisiken im Gesundheitswesen, Studie zu Wissensstand und Forschungsbedarf für die Antidiskriminierungsforschung](https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/aktuelles/DE/2021/20210726%5FDiskrisiken%5FGesundheitswesen.html?ref=uebergabe.de) (antidiskriminierungsstelle.de) - [Reni Eddo-Lodge, Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche](https://www.klett-cotta.de/buch/Tropen-Sachbuch/Warum%5Fich%5Fnicht%5Flaenger%5Fmit%5FWeissen%5Fueber%5FHautfarbe%5Fspreche/101167?ref=uebergabe.de) (klett-cotta.de) - [Tupoka Ogette, exit RACISM](https://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/exit-racism2016-12-05-22-25-07-detail?ref=uebergabe.de) (unrast-verlag.de) - [Carolin Emcke: Gegen den Hass](https://www.fischerverlage.de/buch/gegen%5Fden%5Fhass/9783103972313?ref=uebergabe.de) (fischerverlage.de) ### Koalitionsvertrag der zukünftigen Bundesregierung URL: https://www.uebergabe.de/pu015/ Last updated: 2026-06-17T19:52:31.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 27.11.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Ein Pflegebonus von einer Milliarde Euro und eine einrichtungsbezogene Impfpflicht waren geplant. - Die PPR 2.0 soll als Übergangsinstrument für die Personalbemessung im Krankenhaus dienen. - Community Health Nurses und mehr heilkundliche Tätigkeiten sollen die Pflege aufwerten. - Eine bundesweite Befragung soll über die Selbstverwaltung entscheiden, der Pflegerat soll in den G-BA. - Das Gesundheitsministerium geht an die SPD – die Personalie blieb zunächst offen. Es war eine Woche der großen Ankündigungen: Am Mittwoch stellten SPD, Grüne und FDP ihren Koalitionsvertrag vor – die Grundlage für die kommende Bundesregierung unter dem designierten Kanzler Olaf Scholz. Wir haben uns angesehen, was für Pflegefachpersonen darin steckt. Den vollständigen Text findest du im [veröffentlichten Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien](https://www.spd.de/koalitionsvertrag2021/?ref=uebergabe.de); das Thema Gesundheit und Pflege füllt darin rund sieben Seiten. Wichtig vorweg: Alles, was wir hier zusammenfassen, ist der damals geplante Stand von Ende November 2021 – also Absichtserklärungen, noch keine beschlossenen Gesetze. ## Pflegebonus über eine Milliarde Euro und eine einrichtungsbezogene Impfpflicht Den Auftakt der Pressekonferenz machte nicht der Koalitionsvertrag selbst, sondern die Corona-Lage. Die Infektionszahlen erreichten zum Zeitpunkt der Folge neue Rekorde, und die Intensivstationen kamen mancherorts an ihre Belastungsgrenzen. Olaf Scholz kündigte deshalb gleich zu Beginn der [Vorstellung des Koalitionsvertrags](https://www.youtube.com/watch?v=s8kunieSK%5FU&t=5167s&ref=uebergabe.de) einen Pflegebonus an: Für besonders geforderte Pflegefachpersonen in Krankenhäusern und Pflegeheimen sollte zunächst eine Milliarde Euro bereitgestellt werden. Parallel dazu war eine einrichtungsbezogene Impfpflicht im Gespräch – also eine Impfpflicht für Beschäftigte in Krankenhäusern, Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten. Wie damals berichtet wurde, hatte das Bundesgesundheitsministerium dazu bereits einen [Entwurf zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes](https://www.spiegel.de/politik/deutschland/coronavirus-gesundheitsministerium-legt-entwurf-fuer-pflege-impfpflicht-vor-a-1f0ab532-9ba2-4627-aca5-4ca41befc061?ref=uebergabe.de) vorgelegt. Geplant war damals ein Inkrafttreten zum 1\. Januar: Beschäftigte sollten ihren Impfstatus offenlegen und eine fehlende Impfung bis Ende März nachholen können. Ob und wie das umgesetzt würde, war zu diesem Zeitpunkt noch offen. ## PPR 2.0 als Übergangsinstrument für die Personalbemessung Über die Pandemie hinaus enthält der Vertrag viele Punkte, die direkt an die Versorgung anknüpfen. Statt sich nur auf die bestehenden Pflegepersonaluntergrenzen zu stützen, die lediglich ein Mindestmaß sichern, plante die Koalition, im klinischen Bereich das Pflegepersonalbemessungsinstrument [PPR 2.0](https://www.dkgev.de/themen/personal-weiterbildung/ppr-20/?ref=uebergabe.de) einzuführen. Es sollte als Übergangslösung dienen, bis ein wissenschaftlich fundiertes Instrument entwickelt ist. Auf die PPR 2.0 hatten sich zuvor bereits die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die Gewerkschaft ver.di und der Deutsche Pflegerat als geeignetes Instrument verständigt. Das Prinzip kennen viele noch aus der ursprünglichen PPR: Patient:innen werden täglich in Grund- und Spezialpflegestufen eingeteilt, denen jeweils Minutenwerte zugeordnet sind. Zusammen mit Grund- und Fallwerten ergibt sich daraus ein Zeitwert pro Patient:in – und in der Summe der rechnerische Pflegepersonalbedarf eines Hauses. Attraktiver werden sollte die Arbeit zudem durch bessere Rahmenbedingungen: flexible Springerpools, familienfreundlichere Arbeitszeiten und finanzielle Verbesserungen. So sollte der Gehaltsunterschied zwischen Alten- und Krankenpflege angeglichen und reguläre Zuschläge von Steuern befreit werden. ## Neue Rollen: Community Health Nurses und mehr heilkundliche Tätigkeiten Besonders bemerkenswert sind die Punkte, die das Berufsbild selbst erweitern. Die Koalition wollte die Rolle der Community Health Nurse etablieren – eine Antwort auf die Versorgungslücken einer alternden und sozial ungleichen Gesellschaft. Damit lassen sich vor allem ambulante Angebote stärken, und es entsteht ein spannendes Tätigkeitsfeld für professionell Pflegende. Ergänzend dazu sollten Pflegefachpersonen mehr heilkundliche Tätigkeiten ausüben dürfen – verankert in einem allgemeinen Heilberufegesetz. Damit griff der Vertrag eine lange erhobene Forderung auf. Welche konkreten Tätigkeiten gemeint sind, blieb zum Zeitpunkt der Folge allerdings offen. ## Selbstverwaltung der Pflege: Befragung und ein Sitz im G-BA Ein zentraler und politisch heikler Punkt ist die Frage der Selbstverwaltung. Die berufliche Pflege hat bislang kein bundesweit legitimiertes Organ, das verbindlich für sie spricht – ein bekanntes Problem, das auch auf dem Deutschen Pflegetag thematisiert wurde. Nach dem jahrelangen Hin und Her um Landespflegekammern plante die Koalition eine bundesweite Befragung der Pflegefachpersonen. Diese sollten selbst entscheiden, welche Form der Selbstverwaltung sie sich wünschen – etwa eine Kammer als Körperschaft des öffentlichen Rechts oder eine andere Struktur. Bis dahin sollte der Deutsche Pflegerat einen Sitz im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) erhalten – und zwar ausdrücklich mit fester Finanzierung, damit er diese Aufgabe auch tatsächlich wahrnehmen kann. Genau hieran hatte es der Pflege bislang oft gefehlt: an Mitteln für eine wirksame politische Einflussnahme. Im Deutschen Pflegerat sind 15 pflegerische Berufsverbände sowie der Deutsche Hebammenverband organisiert; gemeinsam vertreten sie die Interessen der beruflich Pflegenden. Spannend wird, wie die Befragung ausgestaltet wird und welche Akteure dabei ihre Interessen einbringen. ## Pflegebildung: bundeseinheitliche Hilfsausbildung und Vergütung im Studium Auch bei der Ausbildung sind Änderungen vorgesehen. Aktuell existieren in der Pflege mehr Assistenz- und Helfer:innenausbildungen, als es Bundesländer gibt – ein unübersichtliches Feld, das Tätigkeiten und Verantwortlichkeiten schwer organisierbar macht. Deshalb sollte eine bundeseinheitliche Hilfsausbildung für Pflegeberufe und Hebammen eingeführt werden. Das erleichtert auch den angestrebten Skill-Grade-Mix in den Teams. Zudem wollte die Koalition die akademische Pflegeausbildung stärken. Bislang erhalten Studierende in primärqualifizierenden Pflegestudiengängen – anders als Auszubildende – keine Vergütung. Das sollte sich ändern, damit die Entscheidung für ein Pflegestudium nicht länger an der fehlenden Finanzierung scheitert. ## Digitalisierung, Bürokratieabbau und Prävention Im Bereich Digitalisierung kündigte die Koalition verstärkte Anstrengungen an – etwa um die Dokumentation zu entlasten und soziale Teilhabe zu fördern. Telemedizinische Leistungen sollten regelhaft nutzbar werden, und elektronische Patientenakte sowie E-Rezept sollten zügig eingeführt werden. Begleitend war ein Bürokratieabbau-Paket geplant, um Prozesse der Gesundheitsversorgung zu vereinfachen. Die Prävention kam dagegen vergleichsweise kurz weg. Das Präventionsgesetz sollte weiterentwickelt und Krankenkassen sowie weitere Akteure bei der Gesundheitsförderung unterstützt werden. Die Kassen sollten weniger Beitragsmittel für Werbung ausgeben dürfen – mit der Idee, die frei werdenden Mittel der Prävention zugutekommen zu lassen. Eine umfassende bundesweite Präventionsstrategie war damit allerdings nicht verbunden. ## Ambulant vor stationär: Hybrid-DRGs und gestrichenes Werbeverbot Nicht nur die stationäre, auch die ambulante Versorgung sollte gestärkt werden. Die Koalition erkannte an, dass viele Leistungen stationär erbracht werden, obwohl das medizinisch nicht zwingend nötig wäre. Dafür waren sogenannte Hybrid-DRGs vorgesehen: Sie verbinden die Fallpauschalen des Krankenhauses mit dem Vergütungskatalog der ambulant tätigen Ärzt:innen. So sollte etwa bei Operationen die ambulante der stationären Vergütung gleichgesetzt werden – damit die Entscheidung künftig stärker nach medizinischem Bedarf und nicht nach Kostendruck fällt. Ergänzend sollten unterversorgte Regionen gestärkt werden, etwa durch erleichterte Gründung kommunaler Versorgungszentren mit Zweigpraxen. Über die engere Pflege hinaus sorgte ein gesellschaftspolitischer Punkt für viel Diskussion: Der Paragraf 219a des Strafgesetzbuchs – das sogenannte Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche – sollte gestrichen werden. Ärzt:innen könnten dann öffentlich über Schwangerschaftsabbrüche informieren, ohne strafrechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Das sollte das Selbstbestimmungsrecht von Frauen stärken. ## Die offene Personalie: Gesundheitsministerium geht an die SPD Mindestens so gespannt wie auf die Inhalte waren damals viele auf die Personalien. Lange war spekuliert worden, das Gesundheitsministerium könnte an die FDP gehen – im Gespräch war etwa Michael Theurer. Mit dem Koalitionsvertrag stand dann fest: Das Ressort geht an die SPD. Wer genau Minister:in wird, ließ Olaf Scholz auf der Pressekonferenz allerdings offen; die Bekanntgabe der SPD-Posten war erst für den 4\. Dezember angekündigt. Als mögliche Kandidat:innen wurden zum Zeitpunkt der Folge Karl Lauterbach sowie die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping gehandelt. Für die Pflege relevant sind zudem zwei weitere Ressorts: Das Bildungsministerium – wichtig auch für die Pflegeausbildung – ging an Bettina Stark-Watzinger (FDP), und das Arbeitsministerium sollte aller Voraussicht nach bei Hubertus Heil (SPD) bleiben. ## Deutschlands beliebteste Pflegeprofis stehen fest Zum Schluss noch eine erfreuliche Nachricht abseits der Politik: Bei der Abstimmung zu [Deutschlands beliebtesten Pflegeprofis](https://www.deutschlands-pflegeprofis.de/?ref=uebergabe.de) haben sich bundesweit rund 60.000 Menschen beteiligt. Platz drei ging an das Pflegeteam der internistischen Intensivstation des Krankenhauses Martha-Maria in Halle-Dölau, das in der Pandemie Außergewöhnliches geleistet hat. Platz zwei belegte eine seit 45 Jahren tätige Pflegefachperson vom Universitätsklinikum Münster. Den ersten Platz holte das Pflegeteam der Kinderonkologie am Universitätsklinikum Jena, das bereits 2017 den Bundessieg errungen hatte. Herzlichen Glückwunsch an alle Ausgezeichneten – und an alle, die gerade in der Pandemie so viel leisten. ## Zum Weiterhören - [PU013 – Koalitionsverhandlungen / Aktualisierung des ICN-Ethikkodex](https://www.uebergabe.de/pu013/) - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) --- ## Quellen - [Koalitionsvertrag](https://www.spd.de/koalitionsvertrag2021/?ref=uebergabe.de) (spd.de) - [Pressekonferenz](https://www.youtube.com/watch?v=s8kunieSK%5FU&t=5167s&ref=uebergabe.de) (YouTube.com) - [Pflegerelevante Inhalte im Koalitionsvertrag](https://www.bibliomed-pflege.de/news/das-will-die-neue-regierung-fuer-die-profession-pflege-tun?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [PPR 2.0](https://www.dkgev.de/themen/personal-weiterbildung/ppr-20/?ref=uebergabe.de) (dkgev.de) - [Hybrid DRGs](https://www.tk.de/presse/themen/medizinische-versorgung/hybrid-drg-projekt-thueringen-2106050?ref=uebergabe.de) (tk.de) - [Impfpflicht für Pflegende](https://www.spiegel.de/politik/deutschland/coronavirus-gesundheitsministerium-legt-entwurf-fuer-pflege-impfpflicht-vor-a-1f0ab532-9ba2-4627-aca5-4ca41befc061?ref=uebergabe.de) (spiegel.de) - [Deutschlands Pflegeprofis](https://www.deutschlands-pflegeprofis.de/?ref=uebergabe.de) (deutschlands-pflegeprofis.de) ### Institut für Pflegewissenschaft an der Uni Köln (Prof. Dr. Sascha Köpke) URL: https://www.uebergabe.de/ug082/ Last updated: 2026-06-17T19:31:35.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 20.11.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Köln hat ein neues Institut für Pflegewissenschaft mit klinischem Forschungsschwerpunkt. - Living Lab und Linking Pins sollen Wissenschaft und Pflegepraxis enger verzahnen. - Advanced Nursing Practice heißt Verschiebung von Tätigkeiten – nicht Wegnehmen. - Gewalt und Schlaf sind unterschätzte, hochrelevante Pflegethemen. - Köpke fordert pflegewissenschaftliche Institute an jeder medizinischen Fakultät. Manchmal braucht es einen Blick über die Grenze, um zu verstehen, was zu Hause noch fehlt. Bei Prof. Dr. Sascha Köpke war dieser Blick ein Jahr in Glasgow – und das ist inzwischen rund 24 Jahre her. Was er dort erlebte, prägt ihn bis heute und treibt ihn an, in Köln etwas aufzubauen, das es in Deutschland noch viel zu selten gibt: ein [Institut für Pflegewissenschaft](https://pflegewissenschaft.uni-koeln.de/?ref=uebergabe.de) an einer medizinischen Fakultät, das klinische Pflegeforschung betreibt und Pflegende akademisch ausbildet. In dieser Episode nimmt er uns mit auf seinen Weg, erzählt von spannenden Projekten und macht klar, warum er trotz aller Hürden „semi-optimistisch" in die Zukunft schaut. ## Ein Erweckungserlebnis zwischen Pflegeplanung und Autonomie Köpke ist gelernter Krankenpfleger, hat in Hamburg Gesundheitswissenschaften studiert, in der Intensivpflege gearbeitet, an einem Institut für Multiple Sklerose am UKE promoviert und war acht Jahre Professor in Lübeck, bevor er Anfang 2020 nach Köln wechselte. Doch wenn er von prägenden Momenten erzählt, landet er fast immer wieder in Schottland. Dort erlebte er eine Intensivstation, die im Kern von Pflegenden getragen wurde. Es gab ein gelebtes Primary Nursing, eine Pflegeplanung, die nicht als „Folterinstrument" auf dem Papier existierte, sondern tatsächlich die Versorgung steuerte. Die Kommunikation mit Angehörigen lief über die Bezugspflegenden. Es gab Clinical Nurse Specialists und Advanced Practice Nurses, mit denen man fachlich auf Augenhöhe diskutieren konnte. Und – für ihn besonders bemerkenswert – freiheitseinschränkende Maßnahmen waren kaum ein Thema, während sie in Deutschland damals zum Alltag gehörten. > *„Mein pflegewissenschaftliches Erweckungserlebnis war zu sehen, dass Pflegeplanung wirklich funktioniert – wissens- und wissenschaftsbasiert, geplant und in eigener Verantwortung." — Sascha Köpke* Diese Autonomie bedeutete für ihn aber auch Verpflichtung: Wer mit Patient:innen und Angehörigen kommuniziert, muss auf dem aktuellen Stand sein. Eine schmerzhafte Lektion blieb hängen – ein Angehöriger konfrontierte ihn später damit, dass seine beruhigenden Worte der Realität nicht standgehalten hatten. Solche Erfahrungen zeigen, wie eng fachliche Kompetenz und Verantwortung zusammenhängen. Bemerkenswert findet Köpke bis heute: Vieles, wovon er damals beeindruckt war, ist in Deutschland noch immer Zukunftsmusik. ## Wie aus einem Studiengang ein Institut wurde In Köln existierte bereits ein dualer Pflegestudiengang, als Köpke kam – ein Institut für Pflegewissenschaft jedoch nicht. Genau das machte er zur Bedingung seiner Berufung. Anders als an vielen anderen Standorten musste er dafür keine zähen Überzeugungskämpfe führen: Die Forderung wurde von Anfang an wohlwollend aufgenommen, und der Gedanke, ein Institut zu etablieren, schien von Beginn der Studiengangsplanung an mitgedacht. Heute ruht das Institut auf drei Säulen: Lehre als Uni-Institut, eine ganze Reihe an Projekten der klinischen Pflegeforschung – und der Versuch, Wissenschaft und Praxis tatsächlich zusammenzubringen. Genau dieser Brückenschlag ist Köpkes Herzensthema. Denn ein pflegewissenschaftliches Institut an einer medizinischen Fakultät ist in Deutschland noch immer die Ausnahme, auch wenn zum Zeitpunkt der Aufnahme weitere Standorte nachzogen. ## Forschung, die in der Praxis ankommt: das Living Lab Ein zentraler Baustein ist der Living-Lab-Ansatz, wie er vor allem aus Maastricht bekannt ist. Die Idee: Menschen aus der Praxis sind institutionalisiert an der Uni, Menschen aus der Uni gehen in die Praxis. Sogenannte Linking Pins – „Verbindungsnadeln" – sollen den Transfer zwischen Wissenschaft und Versorgung organisieren. In Köln ist dieser Ansatz zunächst im Kontext der stationären Langzeitpflege und der Versorgung von Menschen mit Demenz angedacht; der Start war für das Folgejahr geplant. Spannend wird die Übertragung auf den Akutbereich. Köpke sieht die größte Barriere für die Umsetzung pflegerischer Interventionen im Krankenhaus oft dort, wo ärztliche Visiten oder Hierarchien ein Projekt mit einem Satz vom Tisch fegen. Gleichzeitig erlebt er an der Uniklinik viele interessierte ärztliche Kolleg:innen. In der Langzeitpflege wiederum lässt sich manches leichter verstetigen, weil dort die pflegerische Perspektive das Setting dominiert. Beide Welten haben also ihre eigenen Voraussetzungen – und beide brauchen Strukturen, die den Transfer dauerhaft ermöglichen. ## Advanced Nursing Practice: Hand in Hand statt Wegnehmen Beim Thema erweiterte Pflegepraxis wird Köpke konkret. Geplant ist ein Masterstudiengang [Advanced Nursing Practice](https://www.uebergabe.de/ug012/) mit drei gefragten Ausgestaltungen: onkologische Pflege, die Pflege von Menschen mit kognitiven Einschränkungen und die Pädiatrie – ein Feld, das wegen der Vorgaben für spezialisierte Bereiche dringend akademisch qualifizierte Pflegende braucht. Besonders viel verspricht er sich von Projekten, in denen Pflegeexpert:innen mit Hausärzt:innen zusammenarbeiten und Hausbesuche bei chronisch erkrankten Menschen übernehmen. Über ein gutes Assessment, gemeinsame Fallbesprechungen und eine personenzentrierte Versorgung lassen sich Bedarfe erkennen, die bei kurzen Arztkontakten schlicht unsichtbar bleiben. Ein zentrales Ziel: weniger unnötige Krankenhauseinweisungen. Köpke betont, dass es dabei nicht um einen Verdrängungswettbewerb mit der Ärzteschaft geht. > *„Es ist ja kein Wegnehmen, sondern eine Verschiebung von Tätigkeiten, die am Ende notwendig sind, um Menschen zu helfen." — Sascha Köpke* Pragmatisch plädiert er dafür, mit Delegation anzufangen, bevor man über Substitution spricht – einfach, um „einen Fuß in die Tür" zu bekommen, ohne das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren. Erste Bachelorabsolvent:innen haben in der Uniklinik bereits Stellen angetreten, zunächst in bescheidenem Rahmen, etwa zu Beratungskonzepten vor der Entlassung nach Stammzelltransplantation. Die Pflegedirektion unterstützt das ausdrücklich, weil es darum geht, das im Studium erworbene Wissen tatsächlich in der direkten Versorgung wirksam werden zu lassen – und die Menschen in der Praxis zu halten. ## Gewalt in der Pflege – aus zwei Richtungen gedacht Ein Forschungsschwerpunkt ist das Thema Gewalt. Mit dem Projekt [PEKo](https://pflegewissenschaft.uni-koeln.de/forschung/aktuelle-projekte/peko-20?ref=uebergabe.de) wurde gemeinsam mit Einrichtungen ein partizipatives Konzept zur Gewaltprävention in der stationären Altenpflege entwickelt; ein Anschlussprojekt nimmt nun die ambulante Pflege und das Krankenhaus in den Blick. Der Kern: erst gemeinsam definieren, was Gewalt in der eigenen Einrichtung überhaupt bedeutet, und dann Wege finden, sie zu erkennen und zu reduzieren. Spannend ist Köpkes Perspektivwechsel. In Fachkreisen wird viel über Gewalt gegen Pflegende berichtet – völlig zu Recht, denn Beschimpfungen, Übergriffe und Belastung sind allgegenwärtig und auf Dauer kaum wegzustecken. Doch Pflegende sind ebenso oft selbst Ausübende: Vernachlässigung, verbale Gewalt oder freiheitseinschränkende Maßnahmen gehören dazu. Köpke beschreibt eindrücklich, wie ein einst missglückter 90-Minuten-Workshop ihn lehrte, dass es nicht um moralische Anklage geht, sondern darum, das eigene Handeln zu reflektieren. Wer versteht, warum eine Maßnahme problematisch ist, verändert auch sein Verhalten – genau wie bei den freiheitseinschränkenden Maßnahmen, bei denen in den letzten Jahren viel erreicht wurde. ## Das unterschätzte Phänomen Schlaf Ein Thema, das Köpke „völlig unterschätzt" findet, ist Schlaf. Ausgangspunkt war ein Cochrane Review, das zeigte, wie wenig belastbares Wissen es gibt. Daraus entstand das Projekt MoNoPol-Sleep zur Förderung des Schlafs in der stationären Altenpflege. Befragungen bestätigten auch für Deutschland, was international längst bekannt ist: Gerade Menschen mit Demenz schlafen oft nur unterbrochen – und es gibt erstaunlich wenig Angebote, das zu verbessern. Dabei sind die Hebel oft erschreckend banal: Warum muss der Essenswagen quietschen? Warum geht nachts der große Lichtschalter an, der das ganze Zimmer flutet? Und warum wird die eine Bewohnerin alle zwei, die andere alle drei Stunden kontrolliert – mit dem Ergebnis, dass jemand faktisch stündlich das Zimmer betritt? Hinter vielem steckt der Reflex, lieber einmal mehr nachzuschauen, kombiniert mit dem Glauben, ständig intervenieren zu müssen. Wer sich tiefer mit der Bedeutung von Schlaf beschäftigen möchte, dem sei das Buch [Why We Sleep](https://www.amazon.de/Why-We-Sleep-Science-Dreams/dp/0141983760/ref=sr%5F1%5F1?ref=uebergabe.de) von Matthew Walker empfohlen. Köpke jedenfalls will das Thema auch ins Akutkrankenhaus tragen – eine entsprechende Erhebung läuft bereits. ## Evidenzbasiert oder evidenzinformiert? Ein Reizthema Sichtlich ärgert sich Köpke über eine Änderung im neuen [ICN-Ethikkodex für Pflegefachpersonen](https://www.rechtsdepesche.de/icn-ethikkodex-2021-neu/?ref=uebergabe.de): Dort wurde „evidenzbasiert" durch „evidenzinformiert" ersetzt. Für ihn ein Missverständnis dessen, was evidenzbasierte Praxis eigentlich meint. Denn evidenzbasiert heißt eben nicht ausschließlich randomisiert-kontrollierte Studien, sondern das Zusammenspiel aus externer Evidenz, professioneller Expertise und den Wünschen der Patient:innen. > *„Wer ‚evidenzbasiert' durch ‚evidenzinformiert' ersetzt, hat leider nicht verstanden, was mit evidenzbasiert gemeint ist." — Sascha Köpke* Besonders absurd findet er, dass diese Änderung international gilt und sich auf eine eher dünne Quelle stützt. Dahinter steckt für ihn der wiederkehrende Reflex, sich als Pflege von anderen Disziplinen abgrenzen zu wollen – nach dem Motto, man mache ja „mehr als nur quantitative Studien". Wer sich in die Debatte einlesen möchte, findet im vieldiskutierten Beitrag von Woodbury und Kuhnke die Gegenüberstellung beider Begriffe. ## Ein Blick nach vorn – semi-optimistisch Köpkes Wunschliste ist klar: An jeder medizinischen Fakultät sollte es ein pflegewissenschaftliches Institut und mindestens einen Bachelor- und einen Masterstudiengang geben. Auf lange Sicht braucht es ein pflegewissenschaftliches Promotionsprogramm, um den dringend benötigten akademischen Nachwuchs aufzubauen – an dem es in Deutschland fehlt. > *„Ich bin der festen Überzeugung, dass es an jeder medizinischen Fakultät ein pflegewissenschaftliches Institut und mindestens einen Bachelor- und einen Masterstudiengang geben sollte." — Sascha Köpke* Was ihn bremst, sind weniger die Kolleg:innen vor Ort – an der Uniklinik Köln erlebt er Wertschätzung – als die strukturellen Bedingungen: ein medizin- und krankenhauszentriertes System, die anhaltende Zurückhaltung gegenüber der Akademisierung der Pflege und die Sorge, dass gut ausgebildete, reflektierte Menschen die Pflege verlassen, bevor eine Kultur entstehen kann. Sein eindringlicher Appell: Wenn es nicht gelingt, mehr akademisch qualifizierte Pflegende auszubilden und sie in der direkten, personenzentrierten Versorgung zu halten, wird es schwierig. Und doch bleibt Köpke „semi-optimistisch". Bei den freiheitseinschränkenden Maßnahmen wurde viel erreicht – warum also nicht auch bei Gewaltprävention, Schlaf oder erweiterter Pflegepraxis? Sein größter Wunsch zum Abschluss: dass Konzepte der erweiterten Pflegepraxis flächendeckend in klinischen Bereichen etabliert sind und es Pflegende gibt, die als klinische Expert:innen ihre Kompetenz selbstständig ausüben. Damit Deutschland endlich dort ankommt, wo Schottland schon vor zwanzig Jahren war. ## Zum Weiterhören - [ÜG149 – Pflegeforschung im akutklinischen Setting (ProfIn. DrIn. Gabriele Meyer, Prof. Dr. Sascha Köpke, Prof. Dr. Martin Müller)](https://www.uebergabe.de/ug149/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) - [ÜG055 – Living Lab (Prof. Dr. Jan Hamers, Dr. Silke Metzelthin & Ramona Backhaus, PhD)](https://www.uebergabe.de/ug055/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Infos & Projekte des Instituts - [Pflegewissenschaft: Studiengang](https://pflegewissenschaft.uni-koeln.de/studiengang?ref=uebergabe.de) (pflegewissenschaft.uni-koeln.de) - [Pflegewissenschaft: PraWiDem](https://pflegewissenschaft.uni-koeln.de/forschung/aktuelle-projekte/prawidem?ref=uebergabe.de) (pflegewissenschaft.uni-koeln.de) - [Pflegewissenschaft: PEKo 2.0](https://pflegewissenschaft.uni-koeln.de/forschung/aktuelle-projekte/peko-20?ref=uebergabe.de) (pflegewissenschaft.uni-koeln.de) - [Pflegewissenschaft: MoNoPol-Sleep](https://pflegewissenschaft.uni-koeln.de/forschung/aktuelle-projekte/monopol-sleep?ref=uebergabe.de) (pflegewissenschaft.uni-koeln.de) - [Pflegewissenschaft: HandinHand](https://pflegewissenschaft.uni-koeln.de/forschung/aktuelle-projekte/handinhand?ref=uebergabe.de) (pflegewissenschaft.uni-koeln.de) - [Pflegewissenschaft: Pflegewissenschaft](https://pflegewissenschaft.uni-koeln.de/?ref=uebergabe.de) (pflegewissenschaft.uni-koeln.de) - [Why We Sleep: The New Science of Sleep and Dreams : Walker, Matthew: Amazon.de: Bücher](https://www.amazon.de/Why-We-Sleep-Science-Dreams/dp/0141983760/ref=sr%5F1%5F1?adgrpid=71107216236&gclid=CjwKCAiAs92MBhAXEiwAXTi25-2pG4VF%5F9UFlfmxnRd17GJ35p6Ojl5jBwVp93jGDC7l%5FDa-BGvYtxoC2eoQAvD%5FBwE&hvadid=352765068388&hvdev=c&hvlocphy=9044106&hvnetw=g&hvqmt=e&hvrand=5617388651841659925&hvtargid=kwd-314399750827&hydadcr=4587%5F1718773&keywords=why+we+sleep&qid=1637393972&sr=8-1&ref=uebergabe.de) (amazon.de) #### Ethikkodex des ICN - [Der ICN-Ethikkodex für Pflegefachpersonen 🇩🇪🇨🇭🇦🇹 Überarbeitung 2021 – mit Untertiteln auf Deutsch](https://www.youtube.com/watch?v=kWUNVuaxPFQ&ref=uebergabe.de) (YouTube.com) - [Der ICN-Ethikkodex 2021 – was ist neu? | Rechtsdepesche](https://www.rechtsdepesche.de/icn-ethikkodex-2021-neu/?ref=uebergabe.de) (Rechtsdepesche.de) - [Wertekompass für die Pflege – ICN-Ethikkodex für professionell Pflegende aktualisiert](https://www.bibliomed-pflege.de/news/icn-ethikkodex-fuer-professionell-pflegende-aktualisiert?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de - [ICN-Ethikkodex für professionell Pflegende aktualisiert | DBfK veröffentlicht deutsche Fassung des Kodex – DBfK](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2021/ICN-Ethikkodex-fuer-professionell-Pflegende-aktualisiert.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Woodbury GM, Juhnke JL (2014): Evidence-based Practice vs. Evidence-informed Practice: What’s the Difference? Wound Cara Canada, Vol. 12, Number 1, Spring 2014](https://www.uebergabe.de/content/files/docman/public/wound-care-canada-magazine/2014-vol-12-no-1/510-wcc-spring-2014-v12n1-research-101/file.pdf) (woundscanada.ca) #### Weitere Shownotes #### In eigener Sache - [Übergabe - bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) ### Corona-Pandemie und Pflegende / Schulgesundheitspflege in Brandenburg URL: https://www.uebergabe.de/pu014/ Last updated: 2026-06-13T21:15:33.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 13.11.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Krankenhausgesellschaft fordert wegen Corona das Aussetzen der Pflegepersonaluntergrenzen. - Blitzumfrage: 86 Prozent der Intensivstationen können wegen Personalmangels nicht voll arbeiten. - Brandenburg stoppt zum Jahresende sein Modellprojekt zur Schulgesundheitspflege. In dieser Folge des PflegeUpdates dreht sich alles um zwei Schwerpunkte: die Lage im Gesundheitswesen in der vierten Corona-Welle – von den Pflegepersonaluntergrenzen über den Personalmangel auf Intensivstationen bis zur Debatte um eine Impfpflicht – und das überraschende Aus für ein Vorreiterprojekt zur Schulgesundheitspflege in Brandenburg. Wir ordnen für dich ein, was zum Zeitpunkt der Folge im November 2021 diskutiert wurde. ## Corona-Pandemie und die Folgen für Pflegefachpersonen ### Krankenhausgesellschaft fordert Aussetzen der Personaluntergrenzen Mit steigenden Infektionszahlen flammte 2021 eine Debatte wieder auf, die seit Beginn der Pandemie immer wieder geführt wurde: die um die Pflegepersonaluntergrenzen. Die Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft (BWKG) forderte damals, diese Untergrenzen wegen der steigenden Corona-Zahlen erneut auszusetzen – insbesondere für die Intensivpflege. Im Kern ging es dabei ums Geld: Die BWKG wollte, dass die Strafzahlungen für Häuser entfallen, die die Vorgaben unterschreiten. Aus ihrer Sicht ließen sich so gemischte Teams bilden, um bei einem Anstieg der Fallzahlen möglichst viele Patient:innen zu betreuen. Außerdem verwies sie darauf, dass die im März 2020 von Jens Spahn zugesagte Kompensation der wirtschaftlichen Folgen nicht erfüllt worden sei, und verlangte finanzielle Hilfen vom Land im selben Umfang wie 2020\. Die Argumentation und die Reaktionen darauf hat die Fachpresse damals zusammengefasst, etwa in der Meldung, dass [Kliniken das Aussetzen der Personaluntergrenzen fordern](https://www.bibliomed-pflege.de/news/kliniken-fordern-aussetzen-der-personaluntergrenzen-in-der-pflege?ref=uebergabe.de). Für dich als Pflegefachperson ist die Kehrseite entscheidend: Werden die Untergrenzen ausgesetzt, kann eine Pflegefachperson am Ende mehr Patient:innen versorgen müssen als vorgesehen – ohne dass die Klinik Strafzahlungen befürchten muss. Die Gewerkschaft ver.di sah die Probleme dadurch auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen, weil eine höhere Arbeitsverdichtung droht. Aus gewerkschaftlicher Sicht sollen die Untergrenzen gerade eine gefährliche Versorgung verhindern und kommen damit letztlich dem Personal selbst zugute. ### Blitzumfrage: 86 Prozent der Intensivstationen arbeiten nicht voll Wie angespannt die Personallage auf den Intensivstationen war, zeigte eine Blitzumfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft und des Deutschen Krankenhausinstituts. Befragt wurden bundesweit 233 Krankenhäuser. Das Ergebnis: 72 Prozent der Häuser hatten weniger Intensivpersonal zur Verfügung als noch Ende 2020, und 86 Prozent der Intensivstationen konnten ihre Kapazitäten nicht vollumfänglich betreiben – vor allem, weil Pflegefachpersonen fehlten. Die Details dazu lieferte die Auswertung, dass [Intensivpflegepersonal in 86 Prozent der Kliniken fehlt](https://www.bibliomed-pflege.de/news/intensivpflegepersonal-fehlt-in-86-der-kliniken?ref=uebergabe.de). Der gestiegene Mangel wurde vor allem auf Kündigungen, Arbeitszeitverkürzungen und interne Stellenwechsel weg von der Intensivstation zurückgeführt – als Ursache gilt die Belastung durch die Pandemie. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, appellierte an Krankenhäuser und Politik, den Pflegeberuf gemeinsam attraktiver zu machen, vor allem über bessere Arbeitsbedingungen und bessere Gehälter. Wichtig für die Einordnung der Forderung nach gemischten Teams: Intensivpflegende sind hochqualifizierte Beschäftigte mit besonders aufwendiger Ausbildung und lassen sich nicht kurzfristig durch angelernte Kolleg:innen ersetzen. Spezialisiertes Wissen unter hohem Druck anzuwenden, setzt erfahrenes Intensivpersonal voraus – ein Engpass, der sich kaum anderweitig kompensieren lässt. ### Impfpflicht für Pflegefachpersonen: viele Stimmen, kein Konsens Die vermehrten Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen und die zu diesem Zeitpunkt breite Verfügbarkeit von Impfstoff brachten die Debatte um eine Impfpflicht für Pflege- und Gesundheitspersonal neu in Schwung. Die Positionen lagen weit auseinander, wie der damalige Überblick über die [Diskussion um eine Impfpflicht für Pflegepersonal](https://www.bibliomed-pflege.de/news/diskussion-um-impfpflicht-fuer-pflegepersonal?ref=uebergabe.de) zeigte. Der damalige Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, lehnte eine Impfpflicht ab. Er befürchtete eine Verweigerungshaltung – etwa, dass sich Beschäftigte krankschreiben lassen – und setzte stattdessen auf Aufklärung und Eigenverantwortung. Gleichzeitig zeigte er wenig Toleranz gegenüber Beschäftigten im Pflegebereich, die sich trotz allem nicht impfen lassen und damit die Gesundheit der Patient:innen gefährden. Der Deutsche Hausärzteverband sah das anders und vertrat die Linie, dass im Pflegeheim nicht arbeiten sollte, wer nicht geimpft ist. Auch der Virologe Alexander Kekulé sprach sich für eine Impfpflicht in Pflege- und Heilberufen aus, weil sich die Hoffnung auf eine ausreichende Quote bei freiwilliger Impfung nicht bestätigt habe; ersatzweise forderte er tägliche PCR-Tests und eine FFP2-Maskenpflicht für nicht geimpfte Beschäftigte. Christine Vogler argumentierte am 3\. November im „heute journal" zurückhaltender: Es fehle an validen Zahlen, und die Daten würden zu undifferenziert dargestellt – schließlich arbeiteten in Heimen und Kliniken viele Berufsgruppen, nicht nur Pflegefachpersonen. Statt nach anderthalb Jahren Dauerbelastung nach Schuldigen zu suchen, müsse man genau hinschauen, wie Infektionswege und Impfdurchbrüche entstehen. Mit dieser Haltung positionierte sie sich gegen die Empfehlung des Deutschen Ethikrats, der in seiner am 11\. November aktualisierten Stellungnahme eine [Prüfung einer Impfpflicht für Mitarbeitende in besonderer beruflicher Verantwortung](https://www.ethikrat.org/mitteilungen/mitteilungen/2021/ethikrat-empfiehlt-pruefung-einer-impfpflicht-gegen-covid-19-fuer-mitarbeitende-in-besonderer-beruflicher-verantwortung/?ref=uebergabe.de) empfahl. ## Brandenburg stoppt sein Modellprojekt zur Schulgesundheitspflege Der zweite Schwerpunkt der Folge führt in ein vergleichsweise junges pflegerisches Feld: die Schulgesundheitspflege. International ist es vielerorts selbstverständlich, dass sogenannte School Nurses Gesundheitsförderung und Versorgung im Setting Schule übernehmen. In Deutschland beschränkte sich die schulische Gesundheitsversorgung lange auf Zahnuntersuchungen oder Impfungen – feste pflegerische Ansprechpersonen gab es kaum. Dabei ist der Zusammenhang zwischen gesundem Aufwachsen und Bildungserfolg vielfach belegt. Brandenburg gehörte hier zu den Vorreitern. Anfang 2017 startete dort gemeinsam mit Hessen ein Modellprojekt an ausgewählten Grund- und weiterführenden Schulen. Die Trägerschaft übernahm die AWO aus Potsdam; insgesamt waren 18 Schulgesundheitsfachkräfte an 27 Modellschulen tätig. Vorbereitet wurde das Projekt mit einer Machbarkeitsstudie 2015 und einem eigenen Curriculum zur Qualifizierung von Pflegefachpersonen; die wissenschaftliche Begleitung lag beim Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft an der Charité. Den Bedarf belegte die Begleitforschung deutlich: In Brandenburg waren rund 15 Prozent der Schulpflichtigen von Übergewicht oder chronischen Erkrankungen betroffen, 20 bis 30 Prozent litten unter Schlafstörungen. Lehrkräften und Eltern fiel der Umgang besonders mit psychischen Erkrankungen und Medien schwer. Die wissenschaftliche Aufarbeitung ist im [Working Paper zur Evaluation des Modellprojekts](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/microsites/m%5Fcc01/igpw/Publikationen/Working-Paper/wp%5F18-03.pdf) dokumentiert, weitere Einblicke bietet die Seite der [AWO zur Schulgesundheitspflege](https://schulgesundheitsfachkraft.de/?ref=uebergabe.de). Die Schulgesundheitspflegenden entwickelten zielgruppenspezifische Angebote, arbeiteten in Gesundheitsprojekten, berieten konkret und schätzten akute Gesundheitsprobleme ein, um sie bei Bedarf weiterzuleiten. Das Projekt wurde von Lehrkräften, Eltern und Schüler:innen gleichermaßen positiv bewertet; die Fachkräfte galten als Sorge- und Vermittlungsinstanz. Entwicklungsbedarf sah die Evaluation vor allem bei der Betreuung chronisch kranker Kinder. Umso überraschender kam die Nachricht im Haushaltsentwurf des Landes für 2022: Das Projekt sollte zum Jahresende auslaufen. Der CDU-Fraktionschef Jan Redmann nannte vor allem finanzielle Gründe – jede Schule habe grundsätzlich Anspruch auf eine Schulgesundheitsfachkraft, und die dafür nötigen rund 28 Millionen Euro seien nicht machbar. Diese Rechnung hielt die AWO für irreführend: Ihr ging es zunächst nur um den Erhalt der bestehenden 18 Stellen an den 27 Modellschulen, wofür nach ihrer Kalkulation rund 800.000 Euro ausgereicht hätten. Die Hintergründe zum [Ende des Modellprojekts Schulgesundheitspflege](https://idw-online.de/de/news778700?ref=uebergabe.de) wurden damals breit dokumentiert. Kritik kam auch vom DBfK Nordost, der die Entscheidung in einem offenen Brief als großen Fehler mit negativen Folgen für die Schüler:innen bezeichnete und ein fatales Signal an andere Bundesländer sah. Der Verband forderte, Schulgesundheitspflegende flächendeckend einzuführen und zu finanzieren. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft wertete das Aus als vertane Chance – gerade für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes. Sie verwies darauf, dass es im Projekt zu weniger Unfällen, Rettungswageneinsätzen und geringeren Behandlungskosten kam; für betroffene Kinder bedeutete die Betreuung bessere Glukoseeinstellungen, weniger Notfallsituationen und damit weniger Fehlzeiten. Diese Position untermauerte die Fachgesellschaft mit ihrer Forderung nach dem [Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften auch in Deutschland](https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/presse/mediziner-fordern-einsatz-von-schulgesundheitsfachkraeften-auch-in-deutschland?ref=uebergabe.de). Begleitend startete ein Bündnis eine [Petition zum Erhalt der Schulgesundheitsfachkräfte](https://www.openpetition.de/petition/online/schulgesundheitsfachkraefte-an-brandenburger-schulen-erhalten-und-verstetigen?fbclid=IwAR2ZzL314NpK6nZeoVAZapkEfiMn4F73fiaqzyBcnj%5FPGSvY-o859bCGFro&ref=uebergabe.de). ## Zum Weiterhören - [ÜG074 – Schulgesundheitspflege / School Nursing (Andreas Kocks)](https://www.uebergabe.de/ug074/) - [ÜG042 – CORONA SPEZIAL #9: Lage auf Intensivstationen (Carsten Hermes)](https://www.uebergabe.de/ug042/) - [PU004 – Impfpflicht für Gesundheitspersonal / Ausbildungsmodule zur Heilkundeübertragung](https://www.uebergabe.de/pu004/) --- ## Quellen - [Forderungen BGW](https://www.bibliomed-pflege.de/news/kliniken-fordern-aussetzen-der-personaluntergrenzen-in-der-pflege?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Blitzumfrage](https://www.bibliomed-pflege.de/news/intensivpflegepersonal-fehlt-in-86-der-kliniken?ref=uebergabe.de)(bibliomed-pflege.de) - [Meinungen zur Impfpflicht](https://www.bibliomed-pflege.de/news/diskussion-um-impfpflicht-fuer-pflegepersonal?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Statement Ethikrat](https://www.ethikrat.org/mitteilungen/mitteilungen/2021/ethikrat-empfiehlt-pruefung-einer-impfpflicht-gegen-covid-19-fuer-mitarbeitende-in-besonderer-beruflicher-verantwortung/?ref=uebergabe.de) (Ethikrat.org) - [Interview Vogler](https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-vogler-pflege-interview-100.html?ref=uebergabe.de) (zdf.de) - [Modellprojekt Schulgesundheitspflege](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/microsites/m%5Fcc01/igpw/Publikationen/Working-Paper/wp%5F18-03.pdf) (Charite.de) - [AWO Schulgesundheitspflege](https://schulgesundheitsfachkraft.de/?ref=uebergabe.de) (schulgesundheitsfachkraft.de) - [Ende des Modellprojekts SGP](https://idw-online.de/de/news778700?ref=uebergabe.de) (idw-online.de) - [Statement Diabetesgesellschaft](https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/presse/mediziner-fordern-einsatz-von-schulgesundheitsfachkraeften-auch-in-deutschland?ref=uebergabe.de) (deutsche-diabetes-gesellschaft.de) - [Statement DBfK Nordost](https://www.dbfk.de/de/ueber-uns/region-nordost/index.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Petition Schulgesundheitspflege](https://www.openpetition.de/petition/online/schulgesundheitsfachkraefte-an-brandenburger-schulen-erhalten-und-verstetigen?fbclid=IwAR2ZzL314NpK6nZeoVAZapkEfiMn4F73fiaqzyBcnj%5FPGSvY-o859bCGFro&ref=uebergabe.de) (openpetition.de) ### Koalitionsverhandlungen / Aktualisierung des ICN-Ethikkodex URL: https://www.uebergabe.de/pu013/ Last updated: 2026-06-17T08:16:02.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 30.10.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Sondierungspapier der Ampel lässt zentrale Pflegethemen weitgehend offen. - Eine eigene Arbeitsgruppe verhandelt Gesundheit und Pflege bis November 2021. - Der ICN-Ethikkodex wurde 2021 überarbeitet und deutlich erweitert. Diese Folge des PflegeUpdates blickt auf die laufende Regierungsbildung nach der Bundestagswahl 2021 – und darauf, was sie für Pflege und Gesundheit bedeuten könnte. Hinzu kommt die überarbeitete Fassung des ICN-Ethikkodex für professionell Pflegende. Vorab eine kleine Korrektur zu Folge 9: Bei der [Petition rund um die Pflegeberufekammer in NRW](https://www.change.org/p/karl-josef-laumann-pflegeberufekammer-nrw-abwahl-durch-urabstimmung-vollbefragung?ref=uebergabe.de) bezog sich die Darstellung auf einen älteren Zwischenstand – den jeweils aktuellen Stand kannst du jederzeit selbst nachverfolgen. ## Sondierungspapier der Ampel: Pflegethemen bleiben vage Seit der Bundestagswahl im September 2021 drehte sich politisch alles um die Frage, wie die Positionen von SPD, Grünen und FDP zusammenpassen. Zum Zeitpunkt dieser Folge lag das [Sondierungspapier seit Mitte Oktober vor](https://www.uebergabe.de/content/files/downloads/27710038/2/sondierungspapier%5Fwiwo.pdf) – also jenes Grundlagenpapier, mit dem die drei Parteien vor den eigentlichen Koalitionsverhandlungen ausloteten, wo Schnittmengen bestehen. Das Papier ist insgesamt eher oberflächlich gehalten, lässt aber einige Kompromisslinien erkennen. So war damals bereits klar, dass die von SPD und Grünen angestrebte Bürgerversicherung – also die Zusammenführung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung – in den kommenden vier Jahren nicht kommen sollte. Das gilt als Zugeständnis an die FDP, die eine Abschaffung des dualen Systems im Wahlkampf klar abgelehnt hatte. Auch das System der Fallpauschalen (DRGs) sollte erhalten bleiben, in der Versorgung von Kindern und in Notfallsituationen aber angepasst werden. Für die Pflege blieb das Papier dünn: Genannt wurden eine stärkere Ausrichtung des Gesundheitssystems auf Prävention und sektorenübergreifende Versorgung sowie – mit Blick auf die pflegerische Versorgung – die Anwerbung von Personal aus dem Ausland und eine einheitliche Personalbemessung. Konkrete Maßnahmen, an denen sich politische Vorhaben festmachen lassen, fehlten zu diesem Zeitpunkt weitgehend. ## Arbeitsgruppe Gesundheit: Wer über die Pflegepolitik verhandelt Mit dem Beginn der eigentlichen Koalitionsverhandlungen am 21\. Oktober 2021 ging es ins Detail. Verhandelt wurde in 22 Arbeitsgruppen, von denen sich eine ausschließlich mit Gesundheit und Pflege befasste. Die Arbeitsgruppen sollten bis zum 10\. November ihre Ergebnisse vorlegen – die Grundlage für den späteren Koalitionsvertrag. Wer in diesen Runden sitzt, prägt mit, welche Schwerpunkte die Gesundheitspolitik der kommenden Jahre setzt. Jede Partei entsandte vier Personen in die [Arbeitsgruppe Gesundheit](https://www.aerztezeitung.de/Politik/Gesundheit-und-Pflege-Wer-fuer-SPD-und-Gruene-verhandelt-423826.html?ref=uebergabe.de). Für die SPD waren das Katja Pähle, Ronja Endres, die niedersächsische Sozial- und Gesundheitsministerin Daniela Behrens sowie der Arzt und Gesundheitsökonom Karl Lauterbach. Für die Grünen verhandelten die gesundheitspolitische Sprecherin Maria Klein-Schmeink, der Arzt Janosch Dahmen, der baden-württembergische Sozial- und Gesundheitsminister Manne Lucha – selbst ausgebildeter Krankenpfleger – sowie Cordula Schulz-Asche. Auf [Seiten der FDP](https://www.pharmazeutische-zeitung.de/wer-verhandelt-gesundheit-128759/seite/3/?ref=uebergabe.de) saßen die gesundheitspolitische Sprecherin Christine Aschenberg-Dugnus, der schleswig-holsteinische Gesundheitsminister Heiner Garg, der Arzt und Infektiologe Andrew Ullmann sowie die Bundestagsabgeordnete Nicole Westig mit am Tisch. Spannend ist dabei die fachliche Bandbreite: Mit Manne Lucha und Cordula Schulz-Asche bringen zwei Verhandelnde einen pflegerischen Hintergrund mit – ein Detail, das für die Berücksichtigung pflegerischer Perspektiven durchaus von Bedeutung sein kann. ## Forderungen der Pflegeverbände an die künftige Koalition Begleitet wurden die Verhandlungen von Organisationen, die ihre Anliegen im Koalitionsvertrag verankert sehen wollten. Bundespflegekammer und Deutscher Pflegerat legten dazu eigene Positionen vor. Sie kritisierten, dass die im Sondierungspapier genannten Maßnahmen unzureichend seien, und forderten klare Festlegungen zu Selbstverwaltung, Heilkundeübertragung, Akademisierung, Personalausstattung und Vergütung. Die [Forderungen der Bundespflegekammer](https://bundespflegekammer.de/position-anzeigen/forderungen-der-bundespflegekammer-anlaesslich-der-koalitionsverhandlungen.html?ref=uebergabe.de) und die [Positionen des Deutschen Pflegerats](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2021/10/2021-09%5Fdpr%5Fforderungen%5Fkoalitionsverhandlungen.pdf) lassen sich im Detail nachlesen. Auch von der Basis kam Druck: Engagierte Pflegende von DBfK, Walk of Care und Bochumer Bund versammelten sich zu einer Kundgebung vor dem Willy-Brandt-Haus, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Und über die Fachöffentlichkeit hinaus meldete sich das Magazin Stern mit einem [offenen Brief an die künftige Koalition](https://www.bibliomed-pflege.de/news/stern-appell-geben-sie-der-pflege-ihre-wuerde-wieder?ref=uebergabe.de), der die Profitorientierung im Gesundheitssystem kritisierte und die Pflege als zentrale gesellschaftliche Aufgabe einordnete. ## Überarbeiteter ICN-Ethikkodex: erweitert und neu strukturiert Weg von der Tagespolitik, hin zu einem für die Profession grundlegenden Thema: In dieser Woche wurde eine aktualisierte Fassung des ICN-Ethikkodex für professionell Pflegende vorgestellt. Der Kodex existiert bereits seit 1953 und wurde seither mehrfach überarbeitet – passend dazu, dass sich eine Profession, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und der pflegewissenschaftliche, politische und ethische Kenntnisstand stetig weiterentwickeln. Der Ethikkodex ist eine Erklärung der ethischen Werte, Verantwortlichkeiten und beruflichen Rechenschaftspflichten von professionell Pflegenden und Pflegelernenden. Wichtig: Angehörige oder ehrenamtlich Tätige ohne Ausbildung oder Studium fallen ausdrücklich nicht darunter. Es handelt sich auch nicht um einen Verhaltenskodex mit konkreten Handlungsanweisungen, sondern um einen Rahmen für ethische Pflegepraxis. Auffällig ist der Umfang: Aus den früheren neun Seiten sind rund 36 geworden. Neu aufgenommen wurden unter anderem die Themen globale Gesundheit und der Umgang mit sozialen Medien. ### Die vier Themenkomplexe im Überblick Der erste Komplex – „Pflegefachpersonen und Menschen mit Pflegebedarf" – behandelt die Verantwortung gegenüber den zu pflegenden Menschen: Menschenrechte sowie religiöse und spirituelle Überzeugungen achten und aktiv schützen, die Privatsphäre wahren und verantwortungsvoll mit vertraulichen Informationen umgehen. Der zweite Komplex, „Pflegefachpersonen und die Praxis", rückt die pflegerische Tätigkeit in den Mittelpunkt: lebenslanges Lernen und das Aktuellhalten der eigenen Kompetenzen, die Weitergabe von Wissen an Pflegelernende sowie die aktive Sorge um die Patient:innensicherheit. Der dritte Komplex, „Pflegefachpersonen und der Beruf", hat teils politischere Züge: Pflegende sollen sich über ihre Berufsorganisationen für gute Arbeitsbedingungen einsetzen, eine führende Rolle bei der Festlegung und Umsetzung von Standards übernehmen und sich an Erstellung, Verbreitung und Anwendung von Pflegeforschung beteiligen. Der vierte und neu hinzugekommene Komplex widmet sich der globalen Gesundheit – mit Schwerpunkt auf den Menschenrechten, dem Zugang aller Menschen zur Gesundheitsversorgung und dem Einsatz für den Schutz der natürlichen Umwelt und damit auch dem Klimaschutz. Quer durch alle Komplexe ziehen sich wiederkehrende Leitgedanken wie Sicherheit und respektvoller Umgang – jeweils bezogen auf das Oberthema. Für dich als Pflegefachperson lohnt der Blick in die neue Fassung: Sie macht sichtbar, wie breit das ethische Selbstverständnis der Profession inzwischen gefasst ist – von der direkten Versorgung über den Beruf bis hin zu globaler Gesundheit und Klimaschutz. ## Zum Weiterhören - [ÜG092 – Ethik in der Pflegepraxis (Dr.in Anna-Henrikje Seidlein & Lisa Graurock-Rosemeier)](https://www.uebergabe.de/ug092/) - [ÜG116 – International Council of Nurses (Dr. Karen Bjøro)](https://www.uebergabe.de/ug116/) - [PU015 – Koalitionsvertrag der zukünftigen Bundesregierung](https://www.uebergabe.de/pu015/) --- ## Quellen - [Petition Pflegeberufekammer NRW](https://www.change.org/p/karl-josef-laumann-pflegeberufekammer-nrw-abwahl-durch-urabstimmung-vollbefragung?ref=uebergabe.de) (change.org) - [ICN Kodex](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2021/ICN-Ethikkodex-fuer-professionell-Pflegende-aktualisiert.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Sondierungspapier](https://www.uebergabe.de/content/files/downloads/27710038/2/sondierungspapier%5Fwiwo.pdf) (wiwo.de) - [Koalitionsverhandlungen](https://www.aerztezeitung.de/Politik/Gesundheit-und-Pflege-Wer-fuer-SPD-und-Gruene-verhandelt-423826.html?ref=uebergabe.de) (aerztezeitung.de) - [Verhandlungspartner](https://www.pharmazeutische-zeitung.de/wer-verhandelt-gesundheit-128759/seite/3/?ref=uebergabe.de) (pharmazeutische-zeitung.de) - [Stern](https://www.bibliomed-pflege.de/news/stern-appell-geben-sie-der-pflege-ihre-wuerde-wieder?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Forderungen Bundespflegekammer](https://bundespflegekammer.de/position-anzeigen/forderungen-der-bundespflegekammer-anlaesslich-der-koalitionsverhandlungen.html?ref=uebergabe.de) (bundespflegekammer.de) - [Forderungen Deutscher Pflegerat](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2021/10/2021-09%5Fdpr%5Fforderungen%5Fkoalitionsverhandlungen.pdf) (deutscher-pflegerat.de) ### Pflege von Menschen mit Behinderung im Krankenhaus (Prof.In Dr.In Doris Tacke) URL: https://www.uebergabe.de/ug081/ Last updated: 2026-06-17T19:52:52.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 23.10.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Menschen mit Behinderung werden im Krankenhaus oft als „Störfaktor" behandelt und unterversorgt. - Angst ist das zentrale Phänomen – Vertrauen und vertraute Bezugspersonen sind der Schlüssel. - Vorab-Hausbesuche und klinische Pflegeexpert:innen reduzieren Fixierungen und Abbrüche. - Das DRG-System bildet den höheren Betreuungsaufwand nicht ab. - Es braucht APNs für Menschen mit Behinderung – und ein System, das sich anpasst. Stell dir vor, du fühlst dich krank, hast Schmerzen und weißt nicht, was mit dir los ist. Du suchst einen Ort, der dir Sicherheit gibt – und landest in einem Krankenhaus, das dir genau das Gegenteil bietet: fremde Menschen, unverständliche Abläufe, Untersuchungen, die du nicht einordnen kannst. Für viele Menschen mit Behinderung ist das bittere Realität. In einer Folge des Übergabe-Podcasts spricht Prof'in Dr'in Doris Tacke, Pflegewissenschaftlerin an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld, über ein Thema, das bislang erstaunlich wenig Beachtung findet: die Pflege von Menschen mit Behinderung im Akutkrankenhaus. ## Ein blinder Fleck mit historischen Wurzeln Dass die Pflege von Menschen mit Behinderung in Deutschland kaum erforscht ist, hat Gründe. Die vorhandene Forschung ist vor allem in der Pädagogik verankert – lange stand die Förderung im Vordergrund, nicht die gesundheitliche Versorgung. Hinzu kommt eine erschütternde historische Dimension: Während des Nationalsozialismus wurden Menschen mit Behinderung als Objekte missbraucht und in großer Zahl ermordet. Nach dieser Zeit gab es schlicht nur noch wenige ältere Menschen mit Behinderung. Erst in den letzten Jahrzehnten erreicht diese Personengruppe ein höheres Lebensalter – und damit treten altersbedingte Veränderungen, chronische Erkrankungen und Pflegebedarf neu in den Vordergrund. Über die Landesgrenzen hinweg zeigt sich, dass es auch anders geht. In Großbritannien existiert seit den 1990er-Jahren der [Mental Capacity Act](https://www.mencap.org.uk/advice-and-support/mental-capacity-act?ref=uebergabe.de) – eine verbindliche Gesetzgebung, deren Kern lautet: Menschen mit Behinderung sollen in Entscheidungen über ihre Gesundheitsversorgung einbezogen werden. Dafür wird alles genutzt, was zur Verfügung steht – leichte Sprache, unterstützte Kommunikation –, bis die professionellen Akteur:innen und Angehörigen sicher sein können, dass der Mensch verstanden hat. So etwas gibt es hierzulande bislang nicht. ## Wer ist eigentlich „behindert"? Definitionen von Behinderung gibt es viele. Rechtlich gelten Menschen als behindert, wenn körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen sie daran hindern, gleichberechtigt an der Gesellschaft teilzuhaben. Doch genau an diesem Punkt setzt ein wichtiges Umdenken an. Die International Classification of Functioning (ICF), die auch der WHO zugrunde liegt, betrachtet Behinderung nicht länger defizitorientiert, sondern ressourcenorientiert – ausgerichtet an Körperstrukturen, Aktivitäten und an den Möglichkeiten der Teilhabe. Die zentrale Botschaft dahinter ist klar: Menschen sind nicht per se behindert – es ist die Gesellschaft, die Behinderung herbeiführt. Die Pädagogin Barbara Fornefeld spricht von „komplexer Behinderung" und meint damit nicht etwa, dass der Mensch komplex sei, sondern dass die Komplexität unserer Lebenswelt das eigentliche Problem darstellt. Eine Welt, die für Menschen ohne Beeinträchtigung gemacht ist, behindert all jene, die nicht in dieses Raster passen. Verändert man die Umgebung, verschwindet die Behinderung – auch wenn die Beeinträchtigung bleibt. > *„Menschen mit Behinderung sind nicht per se behindert. Sondern die Gesellschaft ist es, die diese Behinderung herbeiführt. Und das ist ja auch dieser Grundgedanke der Inklusion." — Prof'in Dr'in Doris Tacke* Inklusion geht für Tacke aber noch weiter: Menschen mit Behinderung haben Fähigkeiten, die andere nicht haben. Sie machen auf Themen aufmerksam, die längst abgespalten wurden – und gerade im Krankenhaus wird das eindrücklich deutlich. ## Warum gerade das Akutkrankenhaus? An die Akutversorgung denkt man bei Menschen mit Behinderung zuletzt – eher an Langzeitpflege, Heime oder betreute Wohngemeinschaften. Doch genau hier liegt ein Problem. Schon im Vorfeld scheitert vieles: In Arztpraxen sind Ärzt:innen und medizinische Fachangestellte oft nicht auf diese Menschen eingestellt. Manche waren jahrzehntelang nicht beim Zahnarzt, lassen sich nicht ans Ohr fassen, öffnen den Mund nicht. Schon Blutdruckmessen oder eine Blutentnahme kann zur Herausforderung werden, neurologische Tests sind kaum durchführbar, weil Aufforderungen nicht verstanden werden. Kommt es dann zur Einweisung ins Krankenhaus, beginnt das nächste Dilemma. In den Wohneinrichtungen arbeiten überwiegend pädagogische Mitarbeitende – Heilerziehungspflegende haben einen vergleichsweise geringen Pflegeanteil in ihrer Ausbildung, professionell Pflegende sind dort viel zu selten im Einsatz. Dabei könnten Themen wie Kontinenzförderung, Mobilitätserhalt, Sturzprophylaxe oder ein einfacher Verbandswechsel vor Ort begleitet werden – und manche Blasenentzündung oder Pneumonie ließe sich behandeln, ohne dass es überhaupt zu einer Krankenhauseinweisung kommt. ## Wenn das System keinen Platz hat Im Krankenhaus angekommen, werden Menschen mit Behinderung erst einmal wie alle anderen durch das System geschleust – und dann schnell als „Störer" wahrgenommen. Sie werden in Fachabteilungen aufgenommen, in denen es keine spezifische Kompetenz für sie gibt. Sie werden nicht zu Untersuchungen begleitet, sondern dorthin transportiert und „abgestellt", begegnen erneut fremden Menschen, die sich nicht anders zu helfen wissen, als zu fixieren. Manche Untersuchungen, die Menschen ohne Behinderung selbstverständlich zuteilwürden, unterbleiben schlicht. Es findet eine reale Unterversorgung statt. Verschärft wird das durch die Finanzierung: Das DRG-System bildet den erhöhten Betreuungsaufwand nicht ab. Verlängerte Aufenthaltszeiten, die entstehen, weil Untersuchungen nicht durchführbar sind oder nicht gut vorbereitet wurden, lassen sich nicht refinanzieren. Damit werden diese Patient:innen zum Kostenfaktor – und nicht selten erst gar nicht aufgenommen. Auch in der Pflegeausbildung bleibt das Thema ein Randphänomen. Selbst nach dem Pflegeberufegesetz war die Versorgung von Menschen mit Behinderung lange ein Wahlthema, nicht prüfungsrelevant. In Großbritannien, Irland und Wales gibt es dagegen eigene, meist interdisziplinär angelegte Studiengänge – die Disability Studies –, die sich gezielt dem Gesundheitsbereich widmen. ## Das zentrale Phänomen heißt Angst Was erleben Menschen mit Behinderung im Krankenhaus? Tacke benennt es klar: Angst. Wer schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht hat, kommt besonders belastet – denn diese Erlebnisse werden nie aufgearbeitet. Sobald eine Wiederaufnahme ansteht, ist die alte Angst sofort wieder präsent. Eine Probandin im Projekt brachte es auf den Punkt: Das Krankenhaus sei gefährlich, weil sie dort nicht beschützt werde. > *„Krankenhaus ist gefährlich. Die Personen, die Professionellen, denen sie dort begegnet, sind angstauslösend – und sie gerät in Situationen, die sie selbst als gefährlich einstuft, weil sie nicht beschützt wird." — Prof'in Dr'in Doris Tacke* Dazu kommen weitere Hürden: Menschen, die laufen können, werden allein zu Untersuchungen geschickt – „die Treppe runter, dann rechts" –, obwohl sie Schilder oft nicht lesen und „rechts" und „links" nicht zuordnen können. Sie irren orientierungslos durch die Klinik. Auch das Schmerzmanagement bleibt häufig unzureichend: Eine Selbsteinschätzung wird gar nicht erst versucht, und für die Fremdeinschätzung fehlen oft die passenden Instrumente. Dabei gibt es sie längst und sie sind gut getestet – das [Disability Distress Assessment Tool (DisDAT)](https://www.uebergabe.de/content/files/obj/Bilder%5Fund%5FDokumente/Klink%5Finklusiv/disdat%5Fzur%5Fverhaltenseinschaetzung.pdf) etwa, das im Projekt ins Deutsche übersetzt wurde. Auch der [Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege](https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/?ref=uebergabe.de) berücksichtigt diese Personengruppe inzwischen zumindest in Teilen. ## Routinen sind keine Nebensache Der vertraute Rahmen gibt Menschen mit Behinderung Sicherheit. Ein Patient im Projekt musste nach dem Frühstück unbedingt die Zeitung lesen – wanderte sie ins Dienstzimmer, geriet er in eine Krise. Ein anderer wurde an einem Donnerstag plötzlich unruhig, weil donnerstags doch immer „die Melanie" zum Einkaufen kommt – und niemand ihr Bescheid gesagt hatte. Mittagsruhe, Spaziergänge, der eigene Löffel, ein roter statt eines weißen Tellers: Solche scheinbaren Kleinigkeiten sind essenziell. Werden diese Ankerpunkte in den Klinikalltag übertragen, kann Sicherheit entstehen. Das aber bedeutet, dass sich der Klinikalltag an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten muss – nicht umgekehrt. ## Ein Modell, das Vertrauen ins Zentrum rückt Genau hier setzte das Modellprojekt an. Sein Ziel: Angst und Unsicherheit reduzieren, Kommunikation ermöglichen, Schmerzen ernst nehmen, Patient:innen einbeziehen, geplante Untersuchungen ermöglichen – und dabei auf Gewalt und freiheitsentziehende Maßnahmen verzichten. Der Impuls stammte erneut aus Großbritannien: Patient:innen mit geplantem Aufenthalt werden vorab zu Hause besucht, ihre Gewohnheiten, Bedürfnisse und Routinen werden erfasst und in den Klinikbereich übertragen. Durchgeführt wurde das von klinischen Pflegeexpert:innen mit Bachelorabschluss und viel Erfahrung in der Betreuung von Menschen mit Behinderung. Sie begrüßten die Patient:innen schon im Eingangsbereich – teils im selben Pullover wie beim Hausbesuch, um Wiedererkennen zu ermöglichen –, brachten sie direkt in ihren eigenen Bereich, halfen beim Auspacken, stellten Fotos und Lieblingstiere auf. Erst wenn dieser sichere Raum stand und die Station erkundet war, wurden Untersuchungen zugelassen – möglichst im eigenen Zimmer, und wenn nicht, dann immer in Begleitung. Die Expert:innen waren autorisiert, Prozesse zu gestalten, Termine zu verschieben, volle Wartezimmer zu vermeiden, Pausen einzufordern oder Untersuchungen bei drohender Überforderung abzubrechen. Die Zahlen sprechen für sich: 22 Personen waren einbezogen, 109 Untersuchungen und Behandlungen wurden geplant – 100 konnten wie vorgesehen durchgeführt werden. Nur in neun Fällen kam es zum Abbruch. Der Schlüssel war das Vertrauen, untrennbar verbunden mit Verlässlichkeit. Ging Vertrauen einmal verloren, konnte es Stunden oder Tage dauern, es zurückzugewinnen – etwa durch gemeinsame Spaziergänge, einen Kaffee oder ein „Wellness-Programm" mit Haarewaschen, Baden und Schminken für eine Patientin, die vor einer OP lange nüchtern warten musste. > *„Das Vertrauen steht sehr im Zentrum des Ganzen – erst recht dann, wenn nicht alle Maßnahmen zu erklären sind." — Prof'in Dr'in Doris Tacke* Für die Hosts war das ein starkes Bild: Hier zeigt sich der Kern der Pflege – Beziehungsarbeit. Genau die hochkomplexe Aufgabe, Menschen Sicherheit zu vermitteln, würde im Krankenhaus auch vielen anderen Patient:innen guttun. ## Angehörige als Expert:innen – und ein heikles Beispiel Angehörige können den Patienten „lesen" – sie deuten Verhalten oft besser als jede Fachperson. Im Projekt wurden sie deshalb von Anfang an als Expert:innen einbezogen, statt gegen sie zu arbeiten. Wichtig ist eine offene Absprache: Welche Aufgaben übernehmen sie? In medizinische Prozesse eingreifen oder eine Untersuchung stoppen dürfen aber nur die autorisierten Fachpersonen. Übrigens war zum Zeitpunkt der Aufnahme über den damaligen Bundesbehindertenbeauftragten Jürgen Dusel eine Gesetzesänderung erreicht worden, die den [Verdienstausfall begleitender Angehöriger](https://www.lebenshilfe.de/informieren/senioren/menschen-mit-behinderung-im-krankenhaus?ref=uebergabe.de#neuigkeiten-zur-assistenz-im-krankenhaus) refinanziert – ein Schritt in die richtige Richtung. Wie wichtig pflegerische Kompetenz vor Ort ist, zeigt ein Beispiel, das fassungslos macht: Eine Patientin trug seit Monaten unter ihrer Kleidung einen Taucheranzug – weil sie in der Werkstatt mit ihren Ausscheidungen schmierte und sich die pädagogischen Mitarbeitenden nicht anders zu helfen wussten. In der Klinik stellte sich heraus: Sie litt an einem nicht erkannten Pilz und unter Juckreiz. Nach der Behandlung war der Taucheranzug überflüssig. Solche eingeschliffenen Verhaltensweisen entstehen dort, wo pflegerische Expertise und Ursachensuche fehlen – ein Plädoyer dafür, professionell Pflegende stärker in den Einrichtungen einzusetzen. ## Fixierung, Aggression und die Macht der Haltung Ein eigenes Kapitel sind freiheitsentziehende Maßnahmen. Pflegende, die übergriffiges Verhalten oder Aggression erlebt haben, haben oft berechtigte Ängste. Entscheidend ist die Suche nach den Ursachen: Was löst bei diesem Menschen Aggression aus, und wie lässt sich die Situation vermeiden? Eindrücklich war ein Patient, der in Fünf-Punkt-Fixierung angekündigt wurde. Das gesamte Team war angespannt – bis eine junge Pflegende, die nichts von den Vorinformationen wusste, fröhlich das Zimmer betrat, Kontakt aufnahm und ihm den rechten Arm löste. Er begrüßte sie per Handschlag und zeigte sich als offener, freundlicher Mensch. Die eigene Haltung, so wird klar, prägt die Begegnung enorm. > *„Bevor ich zu einem Menschen mit Behinderung ins Zimmer gehe, atme ich erst dreimal tief durch – meinen eigenen Stress darf ich nicht in die Betreuung tragen." — sinngemäß nach Prof'in Dr'in Doris Tacke* ## Was es braucht: APNs und ein flexibles System Für Tacke ist der Weg klar: Große Kliniken brauchen Advanced Practice Nurses für den Bereich Menschen mit Behinderung – nicht fachbereichsgebunden, sondern quer zu den Abteilungen. Sie holen Informationen aus dem Alltag der Patient:innen, bauen Vertrauen auf und lassen sie in Stresssituationen nicht allein. Eine Masterqualifikation wäre dafür nötig, wie bei anderen APNs auch. Solange es in Deutschland keinen eigenen Studiengang gibt, ließe sich das als Schwerpunkt innerhalb bestehender APN-Studiengänge mitqualifizieren – die Alternative wäre ein Studium im Ausland. Am Ende steht ein Satz, der weit über das Krankenhaus hinausreicht: Bislang passen sich die Menschen an das System an. Es muss genau umgekehrt sein. Das System muss sich an den Menschen anpassen. ## Zum Weiterhören - [ÜG132 – Pflege von Menschen mit geistiger Behinderung](https://www.uebergabe.de/ug132/) - [ÜG100 – Demenzfreundliche Krankenhäuser](https://www.uebergabe.de/ug100/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice](https://www.uebergabe.de/ug012/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes zur Folge - [Projekt “Prästationäre Besuche zur barrierearmen und bedürfnisorientierten Versorgung lern- und körperbehinderter Patienten”](https://www.fh-diakonie.de/.cms/forschung/klinik%5Finklusiv/506?ref=uebergabe.de) (fh-diakonie.de) - [Prof’in Dr. Doris Tacke, Prof. Dr. Hermann-Thomas Steffen, Stephan Nadolny MSc (2019). Abschlussbericht zum Modellprojekt: Patient(inn)en mit Komplexer Behinderung im Krankenhaus (Laufzeit: April 2016 – März 2019) ](https://www.uebergabe.de/content/files/obj/Bilder%5Fund%5FDokumente/Klink%5Finklusiv/fh-d%5Fklinikinklusiv%5Fabschlussbericht%5F2019.pdf) (fh-diakonie.de) - [UN-Behindertenrechtskonvention](https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/das-institut/monitoring-stelle-un-brk/die-un-brk?ref=uebergabe.de) (institut-fuer-menschenrechte.de) - [The Mental Capacity Act](https://www.mencap.org.uk/advice-and-support/mental-capacity-act?ref=uebergabe.de) (mencap.org.uk) - [Centre for Disability Studies](https://disability-studies.leeds.ac.uk/?ref=uebergabe.de) - [Lohnfortzahlung und Verdienstausfall aufgrund der Betreuung von erwachsenen Menschen mit Behinderung](https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwiCl6jqrdzzAhUuhv0HHRwVCLEQFnoECAkQAQ&url=https%3A%2F%2Fwww.lebenshilfe.de%2Ffileadmin%2FRedaktion%2FPDF%2F2%5FInformieren%2FBVLH%5F20200402%5FRegelungen%5FVerdienstausfall%5FCorona.pdf&usg=AOvVaw1YsgvDWGUGUbHtS9-YpP0d) (lebenshilfe.de) - [Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege ](https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/?ref=uebergabe.de)(dnqp.de) - [Das Disability Distress Assessment Tool – Übersetzte Version](https://www.uebergabe.de/content/files/obj/Bilder%5Fund%5FDokumente/Klink%5Finklusiv/disdat%5Fzur%5Fverhaltenseinschaetzung.pdf) (fh-diakonie.de) - [Aufnahmeassessment \_NHS\_Klinik Inklusiv\_ Homepage](https://www.uebergabe.de/content/files/obj/Bilder%5Fund%5FDokumente/Klink%5Finklusiv/aufnahmeassessment%5F%5Fnhs%5Fklinik%5Finklusiv%5F%5Fhomepage.docx.pdf) (fh-diakonie.de) - [Tacke, D., Steffen, H.-Th., Möhle, C., Doer, K., Nadolny, S., Ott-Ordelheide, P. (2021). In der Balance bleiben – ein inklusives Pflegemodell. Pflege Zeitschrift, 6, 74, S. 26-30](https://www.springerpflege.de/in-der-balance-bleiben-ein-inklusives-pflegemodell/19166416?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - Steffen H-T, Tacke D, Brinkmann C, Doer K, Nadolny S (2018). Klinik Inklusiv – Ein Projekt zur Förderung einer bedürfnisorientierten, stationären Versorgung von Menschen mit einer komplexen Behinderung. Pflegewissenschaft, 3/4, S. 112-115 - Tacke, D.; Steffen, H.T.;Doer, K.; Nadolny, S. (2019) Klinik Inklusiv. Förderung patientenorientierter Versorgung von Menschen mit Komplexer Behinderung im Krankenhaus. Blätter der Wohlfahrtspflege, 5, S. 192 – 195 - [Menschen mit Behinderung im Krankenhaus](https://www.lebenshilfe.de/informieren/senioren/menschen-mit-behinderung-im-krankenhaus?ref=uebergabe.de#neuigkeiten-zur-assistenz-im-krankenhaus) (lebenshilfe.de) - [Neuregelung zur Assistenz im Krankenhaus](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Redaktion/PDF/2%5FInformieren/neuregelung%5Fzur%5Fassistenz%5Fim%5Fkrankenhaus%5F%5F%5Fgesetzesbegruendung.pdf) (lebenshilfe.de) - [Liste von Gesichtspunkten für Abstimmung und Absprachen zur Verbesserung der Kooperation zwischen Diensten und Einrichtungen der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung einerseits und Krankenhäusern andererseits](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Redaktion/PDF/2%5FInformieren/2%5F6%5F2%5F2016-11-01-kfv-arbeitshilfe-m-checkliste-f-bessere-krankenhausversorgung.pdf) (lebenshilfe.de) - [Menschen mit Behinderung im Krankenhaus. Hinweise zum Krankenhausaufenthalt insbesondere von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2018/11/digab%5Fmenschen%5Fmit%5Fbehinderung%5Fkrankenhaus.pdf) (digab.de) - [Pflege für behinderte Menschen - Leistungen, Voraussetzungen und nützliche Links](https://www.meine-pflegekasse.de/wegweiser/gut-zu-wissen/menschen-mit-behinderung/?ref=uebergabe.de) (meine-pflegekasse.de) ### SPEZIAL Live vom Deutschen Pflegetag (Tag 2) URL: https://www.uebergabe.de/pu012/ Last updated: 2026-06-13T21:15:35.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 15.10.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Führung in der Pflege heißt Rahmen setzen statt selbst am Bett zu stehen. - Rassismus in der Pflege betrifft Patient:innen wie Pflegende – und die ganze Gesellschaft. - Das Projekt COSTA bringt Community Health Nursing nach Hamburg-Veddel. - Ein Projekt des Pflegebevollmächtigten erprobt Instrumente für bessere Arbeitsbedingungen. - Nach dem Charité-Streik bleibt die Frage nach verlässlicher Personalbemessung. Diese Folge des PflegeUpdates ist eine Sonderausgabe: Aufgenommen wurde sie live am zweiten Tag des [Deutschen Pflegetags](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) 2021\. Statt einzelner Nachrichten geht es diesmal um die Themen, die auf dem Kongress die Vorträge und Gespräche bestimmt haben – von Führung über Rassismus bis zum Charité-Streik. Wir haben sie für dich nach Themen sortiert. ## Führung in der Pflege: Rahmen setzen statt selbst am Bett stehen Im Mittelpunkt eines Vortrags von Sabrina Rosius, Geschäftsführerin beim [Bundesverband Pflegemanagement](https://www.bv-pflegemanagement.de/?ref=uebergabe.de) und langjährige Stationsleitung einer Intensivstation, stand die Frage, was Führung gerade in Krisenzeiten leisten muss. Ihr klares Statement: Wer führt, kann nicht gleichzeitig Patient:innen versorgen. Aufgabe einer Stationsleitung sei es, die Rahmenbedingungen zu schaffen und zu evaluieren, damit gut gepflegt werden kann – nicht, selbst im Nacht- oder Wochenenddienst einzuspringen, weil sonst das Gehalt nicht reicht. Für die Pandemie beschrieb sie, wie wichtig es war, dass die Führung handlungsfähig blieb und Sicherheit vermittelte, statt mitzujammern. Geholfen habe, sich die zentralen „Säulen" der Station bewusst zu machen: die fachliche Expertise zum Krankheitsbild, eine verlässliche Dienstplanung sowie die Schnittstellen zu Pflegedirektion, ärztlichem Dienst, Therapie und anderen Bereichen. In dieser Zeit seien Hierarchien flacher geworden und die Identifikation mit dem Beruf gewachsen. Bemerkenswert war ihre Einordnung der heute oft beklagten Erschöpfung: Diese hänge ihrer Erfahrung nach weniger an gehäuften Überstunden als an wegfallenden privaten und sozialen Entlastungen nach der akuten Pandemiephase. Für Pflegefachpersonen relevant ist auch ihr Plädoyer für das mittlere Management: Attraktiv werde diese Ebene erst, wenn der Gestaltungsspielraum sichtbar wird – bei Material, Dienstplan, Vergütung und Teamklima – und nicht der Dienstplan nebenbei erledigt werden muss. Führung brauche ein klares Kompetenzprofil, das sich aus Erfahrung und Qualifikation speisen könne; die größte Fachexpertise müsse die Leitung dabei nicht selbst mitbringen. ## Rassismus in der Pflege: ein Thema, das alle angeht Prof.in Miriam Tariba Richter von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg ordnete in ihrem Vortrag ein, was Rassismus im pflegerischen Alltag bedeutet. Sie unterschied dabei mehrere Ebenen: strukturellen Rassismus, der etwa über Gesetze gesundheitliche Leistungen unterschiedlich zugänglich macht, institutionellen Rassismus in Einrichtungen sowie interpersonellen Rassismus – etwa wenn Pflegende aufgrund ihrer Hautfarbe abgelehnt werden oder selbst diskriminierende Erfahrungen machen. Ihr zentraler Punkt: Rassismus betrifft nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern die ganze Gesellschaft. In Anlehnung an die Autorin Kübra Gümüşay argumentierte sie, dass Veränderung nur gelingt, wenn sich nicht jede Gruppe allein für ihr Anliegen starkmacht, sondern Verbündete gemeinsam an Ausgrenzungsmechanismen arbeiten. Konkret brauche es in Einrichtungen verlässliche Anlaufstrukturen – Beschwerdemanagement, Beratungs- und Unterstützungsangebote – sowie Menschen, die Betroffene schützen und deren Erfahrungen anerkennen, ohne sie zu hinterfragen. Für die Pflege ist das hochaktuell: Mit der politisch forcierten Anwerbung von Pflegefachpersonen aus dem Ausland wird die Branche vielfältiger. Tariba Richter betonte, dass es dafür mehr braucht als sprachliche und fachliche Vorbereitung – nämlich eine Sensibilisierung auf beiden Seiten: bei den ankommenden Personen ebenso wie in der aufnehmenden Praxis. ## Community Health Nursing: das Projekt COSTA in Hamburg-Veddel Ergänzend zu einem Vortrag von Prof. Frank Weidner und Lea Mewis zum Bedarf an Community Health Nursing in Deutschland stellte Lukas Weithaus das Projekt COSTA im Hamburger Stadtteil Veddel vor. Der Stadtteil ist geprägt von geringen Einkommen, hoher Krankheitslast und einer dünnen Versorgungsstruktur – und stark migrantisch geprägt. Viele Menschen wissen nicht, welche Leistungen ihnen zustehen; manche pflegen Angehörige jahrelang, ohne von Ansprüchen gegenüber der Pflegekasse zu wissen. Nach einer Bedarfserhebung entwickelte das Team ein Versorgungskonzept mit drei Aufgabenfeldern: dem Management chronischer Erkrankungen samt Koordination und Beratung, der pflegerischen Begleitung der Menschen ambulant wie stationär sowie Prävention und Gesundheitsförderung mit Bevölkerungsbezug. Zum Zeitpunkt der Folge bestand das Projektteam aus drei Personen, die wissenschaftliche Begleitung war im Aufbau und eine randomisiert-kontrollierte Studie damals geplant. Die Vision: eine verstetigte CHN-Einheit, in der unterschiedliche Qualifikationsniveaus – darunter Master-Absolvent:innen – zusammenarbeiten und Versorgungslücken im Stadtteil schließen. ## Gute Arbeitsbedingungen in der Langzeitpflege Annemarie Fajardo, Vizepräsidentin des [Deutschen Pflegerats](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de), berichtete über ein Pilotprojekt des damaligen Pflegebevollmächtigten Andreas Westerfellhaus zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Auslöser waren Rückmeldungen von Menschen, die den Beruf verlassen hatten und bei besseren Bedingungen zurückkehren würden. Übergeordnetes Ziel war es, Pflegefachpersonen über mehr Arbeitszufriedenheit im Beruf zu halten – ein Faktor, den jede Person individuell definiert. Im Projekt wurden 25 voll-, teilstationäre und ambulante Einrichtungen in allen Bundesländern beraten, entlang der Handlungsfelder Arbeitsort, Arbeitszeit und Arbeitsorganisation. Ein praktisches Beispiel: ein Leitfaden zur Arbeitsorganisation, der Einrichtungen erstmals dazu brachte, ihre Dienst- und Einsatzplanung bewusst zu reflektieren. Wichtig war Fajardo, dass Verantwortung nicht allein bei der Leitung liegt, sondern Teams, Schicht- oder Tourleitungen mitgestalten – ein Schritt weg von starren Hierarchien. Zum Zeitpunkt der Folge war ein Nachfolgeprojekt bis 2023 geplant, das rund 750 Einrichtungen erreichen sollte. Fajardo skizzierte zwei Linien: die Weiterentwicklung der Instrumente und Führungskompetenzen sowie eine mögliche Übertragung auf das komplexere klinische Setting. Ihr Anliegen, das du als Pflegefachperson mitnehmen kannst: Selbstorganisation und Managementkompetenzen sollten stärker schon in Ausbildung und Studium verankert werden, damit Einrichtungen sich nach punktueller Beratung selbst weiterhelfen können. Wer Interesse an einem Austausch hat, findet die [Kontaktmöglichkeiten von Annemarie Fajardo](https://www.annemarie-fajardo.de/kontakt?ref=uebergabe.de) online. ## Virtual und Augmented Reality in der Pflegeausbildung Ein weiteres Gespräch drehte sich um immersive Technologien in der Aus- und Weiterbildung – vertreten durch das [Projekt „stell dir vor"](https://www.stelldirvor.jetzt/?ref=uebergabe.de). Die Grundidee: Pflege ist praktisch, aber für Weiterbildung bleibt im Alltag kaum Zeit. Mit Virtual-Reality-Brillen und Augmented Reality lassen sich Situationen sicher nachbauen – inklusive Stress und gleichzeitig ablaufender Aufgaben. So können Lernende Fehler machen, ohne dass reale Konsequenzen für Patient:innen entstehen, und Handlungsroutinen aufbauen, die sie auch in unerwarteten Lagen ruhiger handeln lassen. Genannt wurde das Beispiel einer Blutzuckermessung, die sich in 46 Einzelschritten virtuell durchlaufen lässt. Klare Grenzen sieht das Projekt beim haptischen Feedback – etwa beim Setzen einer Nadel – und versteht VR-Lernen ausdrücklich als Ergänzung, nicht als Ersatz für persönliche Interaktion und Präsenzanteile. Als Hürden für die Verbreitung im Gesundheitswesen wurden die teils schwache digitale Infrastruktur, fehlende Aufklärung und die ungeklärte Finanzierung benannt. Zum Zeitpunkt der Folge sah die Vertreterin den Durchbruch zunächst im privaten Bereich; flächendeckende Standards lägen noch in weiterer Ferne. ## Nach dem Charité-Streik: Tarifeinigung und die Frage der Personalbemessung Weil das PflegeUpdate auch live vom Pflegetag ein Nachrichtenformat bleibt, kam der damals frisch beigelegte Streik an der Charité und bei Vivantes zur Sprache. Judith Hepe, Pflegedirektorin der Charité, bewertete es als positiv, dass die Pflege wehrhafter werde. Während des Streiks habe ein gemeinsames Streikteam aus Pflegeleitungen und gewerkschaftlichen Koordinator:innen dafür gesorgt, dass keine Patient:innen gefährdet wurden. Das Streikmotiv – verlässliche Personaluntergrenzen – könne sie nachvollziehen. Zugleich verwies sie auf die Schwierigkeit, in einem auf drei Jahre angelegten Tarifvertrag belastbar viel neues Personal zuzusagen. Langfristig hält sie reine Bettenschlüssel für ungeeignet und plädierte für ein Instrument, das den tatsächlichen Pflegeaufwand qualitativ erfasst. Mit Blick auf die Rolle der Pflege grenzte sie Gewerkschaften und eine Bundespflegekammer voneinander ab: Beide hätten unterschiedliche Aufgaben, wobei die fachliche Ausrichtung eher bei einer Kammer liege. An der Charité setze man zudem gezielt auf Empowerment und Rhetorik-Trainings, damit Pflegende ihre Positionen sachlich vertreten können – sowie auf einen Qualifikationsmix bis hin zu Bachelor-Absolvent:innen mit erweitertem Tätigkeitsprofil. Eine zweite Perspektive lieferte Tiana Schulz, Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer neurologisch-neurochirurgischen Intensivstation und Studentin der klinischen Pflege an der Akkon-Hochschule Berlin. Sie schilderte, dass im Team beide Haltungen zum Streik vertreten waren. Die Forderungen unterstütze sie grundsätzlich, sehe das Mittel Streik allein aber nicht als idealen Weg. Sie wünscht sich, dass die Pflege breiter auftritt – über Berufsverbände, junge Pflege und vor allem eine Pflegekammer in Berlin und auf Bundesebene. Vielen Kolleg:innen sei oft nicht klar, welche Wege es neben dem Streik gibt. ## Junge Pflegekongress: Auszubildende stärken Lina Gürtler und Johannes Wünsche von der Jungen Pflege Nordost des DBfK berichteten vom Jungen Pflegekongress, der wegen der pandemischen Lage komplett digital stattfand. Das Programm war diesmal rund um Corona aufgebaut: selbstorganisiertes Lernen, ein Webinar zur Motivation im Homeoffice, ein Erfahrungsbericht eines an COVID-19 erkrankten Pflegenden sowie Input der BGW zur Anerkennung als Berufskrankheit. Weil durch den Wechsel von Präsenz auf digital Ausbildungsinhalte wie die Wundbeobachtung verloren gegangen seien, holten die Organisator:innen dafür eigens einen Experten dazu. Der Kongress richtet sich vor allem an Auszubildende und will Kompetenzen vermitteln, die im Unterricht oft zu kurz kommen, und früh Kontakt zu berufspolitisch Engagierten herstellen. Die Botschaft an junge Pflegende: Es ist leicht, sich einzubringen – etwa über die Arbeitsgruppen des DBfK – und es lohnt sich, sich in Berufsverband oder Gewerkschaft zu organisieren. Einzelne Personen werden die Pflege nicht retten; Veränderung gelingt nur gemeinsam. ## Zum Weiterhören - [ÜG083 – Rassismus in der Pflege (Prof.in Dr.in Miriam Tariba Richter)](https://www.uebergabe.de/ug083/) - [ÜG085 – Der Tarifvertrag der Charité (Carla Eysel & Dana Lützkendorf)](https://www.uebergabe.de/ug085/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) --- ## Quellen - [Deutscher Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegetag.de) - [Deutscher Pflegerat ](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de)(deutscher-pflegerat.de) - [Bundesverband Pflegemanagement ](https://www.bv-pflegemanagement.de/?ref=uebergabe.de)(bv-pflegemanagement.de) - [Projekt des Pflegebevollmächtigten zu Arbeitsbedingungen in der Pflege](https://www.pflegebevollmaechtigter.de/details/projekt-des-pflegebevollm%C3%A4chtigten-zu-arbeitsbedingungen-in-der-pflege-gestartet.html?ref=uebergabe.de) (pflegebevollmaechtigter.de) - [Kontaktdaten Annemarie Fajardo](https://www.annemarie-fajardo.de/kontakt?ref=uebergabe.de) (annemarie-fajardo.de) - [Kontaktdaten von Sabrina Roßius](https://de.linkedin.com/in/sabrina-ro%C3%9Fius-6b02a198?ref=uebergabe.de) (linkedin.com) - [Arbeitszeitmodell von Sabrina Roßius](https://www.alexianer-verbund.de/werte/innovatives-arbeitszeitmodell?ref=uebergabe.de) (alexianer-verbund.de) - [Kontaktdaten von Prof. Dr. Miriam Richter](https://www.haw-hamburg.de/pflege-und-management/unser-department/departmentsrat/?ref=uebergabe.de) (haw-hamburg.de) - [Projekt "Stell dir vor"](https://www.stelldirvor.jetzt/?ref=uebergabe.de) (stelldirvor.jetzt) - [Projekt "Community Health Nursing in der Stadt"](https://www.haw-hamburg.de/forschung/projekte-a-z/forschungsprojekte-%20detail/project/project/show/costa/?ref=uebergabe.de) (haw-hamburg.de) ### SPEZIAL Live vom Deutschen Pflegetag (Tag 1) URL: https://www.uebergabe.de/pu011/ Last updated: 2026-06-13T21:15:36.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 14.10.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Spahn zieht Bilanz, Vogler fordert bessere Bezahlung, verlässliche Personalausstattung und die PPR 2.0. - Spahn setzt auf Personalmix und sieht Akademisierung nur als einen Baustein. - Westerfellhaus und Wagner: Pflege braucht eine legitimierte Stimme und verbindliche Personalbemessung. - Eine Auszubildende kritisiert die generalistische Ausbildung als überfrachtet und unausgewogen. - Deutscher Pflegepreis 2021 für Walk of Care und Tobias Schlegel. - Bienstein warnt vor Privatisierung und fordert eine Strukturreform der Krankenhäuser. Diese Folge des PflegeUpdates ist eine Spezialausgabe: Das Team des Übergabe-Podcasts war zu Gast und hat den ersten Tag des [Deutschen Pflegetags 2021](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) in Berlin begleitet. Wir fassen für dich zusammen, welche Themen die Veranstaltung am 13\. Oktober 2021 prägten – von der Eröffnungsbilanz bis zum Deutschen Pflegepreis. Bedenke dabei: Vieles spiegelt den damaligen Stand kurz nach der Bundestagswahl wider, als die Regierungsbildung noch offen war. ## Eröffnung: Spahn zieht Bilanz, Vogler stellt Forderungen Den Auftakt bildete die Eröffnungsveranstaltung, die von Annemarie Fajardo, der Vizepräsidentin des [Deutschen Pflegerats](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de), moderiert wurde. Als Gast kam der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kurzfristig persönlich vor Ort und ließ seine Legislaturperiode Revue passieren. Der Rückblick fiel ambivalent aus: Spahn verwies auf zahlreiche Gesetze und Verordnungen, während im Publikum spürbar war, dass viele dieser Maßnahmen in der Praxis bei den Pflegefachpersonen bislang nicht angekommen seien. In ihrer berufspolitischen Rede formulierte die neue Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler, deutliche Forderungen – viele davon greifen wir im Podcast immer wieder auf. Genannt wurden eine bessere Bezahlung (die Marke von 4.000 Euro fiel), eine verlässlichere Personalausstattung und Kritik daran, dass die Personalbemessung nach der PPR 2.0 zum damaligen Zeitpunkt nicht einmal als Übergangsinstrument eingeführt worden war. Vogler machte deutlich, dass es noch Jahre dauern könne, bis politische Maßnahmen tatsächlich in der Versorgung am Bett spürbar werden – ein häufiger Grund für Unmut im Berufsfeld. Beide betonten ein wiederkehrendes Problem: Der Politik fehle oft ein klarer Ansprechpartner, der für die beruflich Pflegenden spricht. Als Höhepunkt empfanden die Hosts die Ehrung jener Menschen, die sich seit Jahren für die Errichtung von Pflegekammern in den Bundesländern einsetzen. Bewegend war außerdem eine Schweigeminute für die Kolleg:innen, die im Verlauf der Pandemie an Covid-19 erkrankt und verstorben sind. ## Spahn zu Personalmix und Akademisierung Im Anschluss an seinen Auftritt gab Spahn auf dem Weg aus dem Saal noch ein kurzes Statement. Auf die Frage nach einer besseren Gestaltung der Kompetenzbereiche betonte er den richtigen Personalmix: Eine hundertprozentige Pflegefachkraftquote in Pflegeheimen mache den Beruf aus seiner Sicht nicht attraktiver. Stattdessen brauche es ein Zusammenspiel aus Pflegefachpersonen, Assistenz- und Betreuungskräften sowie Heilmittelerbringer:innen – im Krankenhaus ebenso wie in der Altenpflege. Auch die Akademisierung ordnete Spahn als einen von mehreren Bausteinen ein. Sie eröffne Entwicklungsperspektiven und stärke die Pflegewissenschaft, sei aber aus seiner Sicht nicht für jede Pflegeperson der richtige Weg. Wichtiger sei ihm, dass Vertrauen in die Verlässlichkeit von Entscheidungen entstehe – etwa, dass geschaffene Stellen dauerhaft besetzt würden und mehr Kolleg:innen hinzukämen. ## Wer spricht für die Pflege? Westerfellhaus und Wagner zur kommenden Legislaturperiode Ein zentrales Thema des Tages war die offene Frage, wie sich die künftige Regierung zusammensetzt und welche pflegepolitischen Schwerpunkte zu erwarten sind. Der damalige Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, signalisierte, dass er seine Arbeit gern fortsetzen würde. Als zentrale Punkte nannte er veränderte Rahmenbedingungen: mehr Berufsautonomie, eigenständiges Arbeiten, klar beschriebene Karrierewege und eine bessere Unterstützung in Ausbildung und Studium. Er verwies auf wiederkehrende Befragungsergebnisse, wonach viele ehemals Pflegende unter besseren Bedingungen in den Beruf zurückkehren würden. Westerfellhaus griff zudem Spahns Hinweis auf den fehlenden Ansprechpartner auf. Aus seiner Erfahrung sei stets die Frage offen geblieben, wer in Deutschland legitimiert für die Pflege spreche – Kranken- und Pflegekassen, Gewerkschaften, Arbeitgeber und Wohlfahrtsverbände beanspruchten dies für sich, nicht aber die Berufsgruppe selbst. Sein Fazit: Es brauche beides, eine starke Interessenvertretung in der Regierung und legitimierte Stimmen wie Pflegekammern. Franz Wagner, langjähriger Geschäftsführer des DBfK und früherer Präsident des Deutschen Pflegerats, betrachtete die Lage von der anderen Seite. Er hielt der Politik vor, frühere Warnungen zur demografischen Entwicklung verschlafen zu haben, und forderte eine verbindliche Personalbemessung mit definierter Linie – nicht im Sinne von Untergrenzen, sondern als Maßstab für eine vernünftige Versorgung, die innerhalb weniger Jahre eingehalten werden müsse. Mit Blick auf den Fachkräftemangel mahnte er, der Beruf müsse über bessere Rahmenbedingungen, mehr Autonomie, mehr Stellen und bessere Bezahlung attraktiver werden, um Menschen zu gewinnen und im Beruf zu halten. ## Generalistische Ausbildung in der Praxis: Eindrücke aus dem ersten Jahrgang Neben der Berufspolitik kamen auch Besucher:innen zu Wort. Besonders aufschlussreich war das Gespräch mit Antonia, einer Auszubildenden aus Berlin, die zum ersten Jahrgang der [generalistischen Pflegeausbildung](https://www.bv-pflegemanagement.de/?ref=uebergabe.de) gehört und im April 2020 begonnen hat – unter Pandemiebedingungen. Sie schilderte, dass Schulen und Einrichtungen mit dem neuen Modell teils überfordert seien und dass drei zuvor jeweils dreijährige Ausbildungsberufe nun in drei Jahren gebündelt würden. Kritisch sah sie vor allem die Gewichtung der Einsätze: Mit nur wenigen Wochen Pädiatrie lerne man diesen Bereich kaum kennen, was die Entscheidung für die Kinderkrankenpflege erschwere. Auch beobachtete sie, dass das ursprüngliche Ziel der Generalistik – mehr Durchlässigkeit zwischen den Versorgungsbereichen – in ihrem Umfeld eher umgekehrt wirke: Statt Auszubildende aus dem Krankenhaus in die Langzeitpflege zu ziehen, entschieden sich viele zusätzlich für das Krankenhaus. Ihr wichtigster Wunsch für die Zukunft war eindeutig: mehr Personal, damit Pflegende nicht die Arbeit mehrerer Menschen übernehmen müssen. ## Deutscher Pflegepreis 2021: Walk of Care und Tobias Schlegel ausgezeichnet Am Abend wurde der Deutsche Pflegepreis in mehreren Kategorien verliehen. Der Innovationspreis ging an die AWO Karlsruhe für ein Projekt der Quartierspflege, ein Nachwuchspreis würdigte ein Projekt zum Thema „Kommunikation statt Kontrolle". In der Kategorie Vielfalt und Respekt wurde ein Berliner Pflegezentrum für diversitätssensible Pflege im Alter ausgezeichnet, als „Freund der Pflege" wurde der Moderator, Autor und Notfallsanitäter Tobias Schlegel geehrt. Der Hauptpreis des Deutschen Pflegerats ging an die Aktionsgruppe Walk of Care, die 2016 als Berliner Pflegestammtisch begann und seither am 12\. Mai jährlich für bessere Bedingungen demonstriert. Im Gespräch beschrieben die Aktiven die Auszeichnung als große Wertschätzung – betonten aber auch, dass aus der Politik bislang kaum Rückmeldung auf ihre fünf Forderungen gekommen sei, die sie weiterhin in die laufenden Koalitionsverhandlungen einbringen wollten. Tobias Schlegel gab der Pflege vor allem zwei Dinge mit auf den Weg: mehr Selbstbewusstsein und Organisation. Es brauche ein gemeinsames Auftreten statt Neiddebatten – ähnlich wie es Walk of Care vormache – sowie eine stärkere gewerkschaftliche Organisation, um politischen Einfluss zu gewinnen. Gleichzeitig kritisierte er, dass strukturelle Missstände so gravierend seien, dass bereits Auszubildende protestieren müssten. Über seinen Einsatz in der Seenotrettung berichtete er außerdem, dass dort dringend Pflegefachpersonen für die medizinische Versorgung an Bord gebraucht würden. ## Christel Bienstein über Privatisierung und Krankenhausstrukturen Zum Abschluss des Tages zog Christel Bienstein, Präsidentin des DBfK und Mitglied im Deutschen Pflegerat, ein positives Fazit zum Auftakt – und hoffte, dass sich künftig mehr Menschen in der Pflege organisieren. Mit Blick auf die Pandemie betonte sie, dass der Personalmangel das eigentliche Nadelöhr der Versorgung sei und auch von Intensivmediziner:innen und Immunolog:innen als zentrales Problem benannt werde. Aus der zurückliegenden Legislaturperiode wertete sie das gesetzlich verankerte wissenschaftliche Personalbemessungsinstrument – die Arbeiten von Heinz Rothgang – als Fortschritt, kritisierte aber strategische Fehler wie das Anwerben unqualifizierter Kräfte für die Altenpflege. Pflegefachpersonen müssten stärker steuernde Aufgaben übernehmen und von berufsfremden Tätigkeiten entlastet werden, um Personal sinnvoll im multiprofessionellen Team einzusetzen. Deutlich positionierte sich Bienstein gegen die zunehmende Privatisierung im Gesundheitswesen: Bei rund der Hälfte der Kliniken und vieler Pflegeeinrichtungen in privater Trägerschaft drohe ein zu großer Einfluss renditeorientierter Investoren. Gesundheit gehöre wie Bildung zu den staatlichen Aufgaben. Zugleich sprach sie sich für eine Strukturreform aus – weg von vielen kleinen Krankenhäusern hin zu einer besseren Bündelung – sowie für einen Zusammenschluss der Sozialgesetzbücher. ## Zum Weiterhören - [ÜG011 – Walk of Care, MDK Reformgesetz (Interview A. Fajardo), Care-Card, Pflege-Gewerkschaft](https://www.uebergabe.de/ug011/) - [ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann)](https://www.uebergabe.de/ug168/) - [ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein? – Live vom Deutschen Pflegetag 2024](https://www.uebergabe.de/ug150/) --- ## Quellen - [Deutscher Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegetag.de) - [Deutscher Pflegerat ](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de)(deutscher-pflegerat.de) - [Bundesverband Pflegemanagement ](https://www.bv-pflegemanagement.de/?ref=uebergabe.de)(bv-pflegemanagement.de) - [Deutscher Pflegetag: Verbände fordern Reform der Pflege](https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-931395.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) ### Neues aus der Pflegekammer NRW / Deutscher Pflegetag 2021 URL: https://www.uebergabe.de/pu010/ Last updated: 2026-06-17T08:15:22.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 09.10.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Demonstrationen pro und contra Pflegekammer prägen die Debatte in NRW. - Die SPD-Fraktion fordert per Eilantrag ein Moratorium und eine erneute Befragung. - Der Deutsche Pflegetag 2021 findet als Hybridveranstaltung statt. Zwei Themen prägten im Herbst 2021 die Pflege: die hitziger werdende Auseinandersetzung um die im Aufbau befindliche Pflegekammer in Nordrhein-Westfalen und der bevorstehende Deutsche Pflegetag. Wichtig vorab: Beim ersten Thema verlässt die Darstellung teils die rein neutrale Berichterstattung und ordnet die Entwicklungen auch wertend ein – die Faktenlage bleibt davon getrennt. ## Pflegekammer NRW: Demonstrationen pro und contra Die Pflegekammer in Nordrhein-Westfalen befand sich zu diesem Zeitpunkt in der Errichtungs- und Aufbauphase. Genau in dieser Phase nahm die öffentliche Debatte spürbar an Fahrt auf – vor allem über soziale Medien, aber auch auf der Straße. Anfang Oktober 2021 standen sich gleich zwei Kundgebungen gegenüber. Am 2\. Oktober organisierte das Pflegebündnis Ruhrgebiet einen Protestmarsch in Herne. Nach Veranstalterangaben demonstrierten dort rund 400 bis 500 Personen gegen die Errichtung der Kammer und richteten sich lautstark gegen das, was sie als „Zwangsverkammerung" und „Zwangsgebühren" bezeichneten. Aus dem Umfeld der Organisatorinnen war zuvor im August eine [Petition gegen die Zwangsmitgliedschaft in der Pflegekammer NRW](https://www.openpetition.de/petition/online/keine-zwangsmitgliedschaft-in-der-pflegekammer-nrw?ref=uebergabe.de) gestartet worden, die zum damaligen Stand etwa 2.000 Unterstützer:innen zählte. Gefordert wurde eine erneute Vollbefragung aller Pflegefachpersonen in NRW. Bereits am 29\. September hatten sich auf der Gegenseite Befürworter:innen vor dem Düsseldorfer Landtag versammelt – anlässlich einer Sitzung des Ausschusses für Arbeit, Gesundheit und Soziales. Ludger Risse als Vorstandsmitglied des Errichtungsausschusses betonte dabei das Ziel, mit der Kammer bessere Rahmenbedingungen, einen konkreteren Personalschlüssel und mehr Mitsprache in den entscheidenden Gremien zu erreichen. Hervorgehoben wurde zudem, dass sich jedes Kammermitglied zur Wahl stellen und so direkt an der Kammerarbeit mitwirken kann. Die [Kundgebung für die Pflegekammer in NRW](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegende-demonstrieren-fuer-pflegekammer-in-nrw?ref=uebergabe.de) machte deutlich, dass die Errichtung trotz politischer Beschlüsse weiter umkämpft ist. ## SPD-Fraktion fordert Eilantrag und Moratorium Für die brisanteste Entwicklung sorgte die SPD-Fraktion im Landtag NRW. Sie positionierte sich am 4\. Oktober 2021 per Pressemitteilung – und stellte den Errichtungsprozess infrage. Bemerkenswert daran: Auf Bundesebene und in anderen Ländern trat die SPD damals für die Selbstverwaltung und für Pflegekammern ein, in NRW schlug sie nun einen anderen Kurs ein. Konkret reichte die Fraktion einen Eilantrag ein, mit dem ein Aufschub der Errichtung – ein Moratorium – sowie eine erneute Befragung aller Pflegefachpersonen erwirkt werden sollten. Kritisiert wurde insbesondere das Befragungssample von 1.500 Pflegefachpersonen, gemessen an geschätzt rund 170.000 bis 200.000 Pflegenden in NRW. Ob der Eilantrag formal angenommen würde, war zu diesem Zeitpunkt noch offen; im Raum standen auch mögliche Formfehler. Aus fachlicher Sicht lässt sich das Argument der zu kleinen Stichprobe einordnen: In keinem Bundesland hat es bislang eine echte Vollbefragung gegeben, weil schlicht nicht bekannt ist, wie viele Pflegende es gibt und wo sie arbeiten. Genau diese Information liefert erst eine Kammer mit ihrem Mitgliederregister – in Niedersachsen war eine Vollbefragung deshalb überhaupt nur möglich, weil die Kammer ihre Mitglieder kannte. Stichprobenerhebungen mit anschließender Hochrechnung sind in der empirischen Forschung übliche Praxis, vergleichbar mit den Sonntagsfragen vor Wahlen. Dass jemand persönlich nicht befragt wurde, macht ein methodisch sauberes Verfahren nicht automatisch fehlerhaft. ## Lautstärke, Professionalisierung und die Rolle der Verbände Ein wiederkehrender Punkt in der Debatte ist die Wahrnehmung: Einige Hundert sehr sichtbare und in sozialen Medien sehr aktive Gegner:innen können den Eindruck erzeugen, eine breite Mehrheit lehne die Kammer ab – obwohl es sich gemessen an der Gesamtzahl der Pflegenden um einen kleinen Anteil handelt. An den Demonstrationen beteiligten sich teils auch Menschen aus anderen Bundesländern, etwa aus Niedersachsen, die von der NRW-Kammer gar nicht betroffen sind. Damit verbunden ist die Frage nach der Professionalisierung des Berufs. Inszenierungen wie die der „Horrorschwester" stehen im Widerspruch zu dem Anspruch, den Beruf nach vorne zu bringen, höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen. Der Kern des Arguments: Wer dauerhaft mehr Anerkennung und Mitsprache einfordert, müsse auch bereit sein, über eine Selbstverwaltung Verantwortung zu übernehmen. Auch die Rolle von Gewerkschaften wie ver.di wird kritisch beleuchtet. Eine Kammer und eine Gewerkschaft haben unterschiedliche Aufgaben: Tarif- und Lohnfragen gehören zu den Gewerkschaften, während eine Kammer als Körperschaft des öffentlichen Rechts ein gesetzlich legitimiertes Mitspracherecht in politischen Gremien hat – ein Recht, das ein Verein oder eine Gewerkschaft so nicht beanspruchen kann. Festzuhalten bleibt: Die Debatte ist stark emotionalisiert, und ein erheblicher Teil der Pflegefachpersonen befindet sich zwischen den lauten Lagern und ist noch unentschieden. Gute Information und Kommunikation seitens der Kammer sind deshalb entscheidend – ein Punkt, an dem es in anderen Ländern wie Niedersachsen und Schleswig-Holstein zuvor gehapert hatte. ## Deutscher Pflegetag 2021 als Hybridveranstaltung Das zweite Thema war der Ausblick auf den Deutschen Pflegetag, der am 13\. und 14\. Oktober 2021 stattfand. Den [Kongress für Pflege in Deutschland](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) gibt es seit 2014; er ist die einzige nationale Veranstaltung, die von Pflegenden für Pflegende organisiert wird. Die Schirmherrschaft lag damals beim Bundesgesundheitsminister, auch der Pflegebevollmächtigte war zur Eröffnung angekündigt. Pandemiebedingt fand der Pflegetag 2021 als Hybridveranstaltung statt – mit Präsenz- und Online-Tickets. Für Auszubildende und Studierende gab es den rein digitalen und kostenfreien Junge Pflege Kongress, organisiert vom DBfK Nordost und am 14\. Oktober terminiert. Ebenfalls kostenfrei online gestreamt wurde das BGW-Forum Altenpflege am 13\. Oktober – besonders relevant für alle, die in der Langzeit- und Altenpflege arbeiten. ## Zum Weiterhören - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [PU009 – Ein Jahr Errichtungsausschuss der Pflegekammer NRW / Neue Pflegepersonaluntergrenzen](https://www.uebergabe.de/pu009/) - [ÜG064 – Gewerkschaften in der Pflege (Michael Quetting)](https://www.uebergabe.de/ug064/) --- ## Quellen - [Petition gegen die Etablierung der Pflegeberufekammer in NRW Abwahl durch Urabstimmung/Vollbefragung – Kammergegner Nordrhein-Westfalen](https://nrw.kammergegner.de/petition-gegen-die-etablierung-der-pflegeberufekammer-in-nrw-abwahl-durch-urabstimmung-vollbefragung/?ref=uebergabe.de) (nrw.kammergegner.de) - [Keine Zwangsmitgliedschaft in der Pflegekammer NRW](https://www.openpetition.de/petition/online/keine-zwangsmitgliedschaft-in-der-pflegekammer-nrw?ref=uebergabe.de) (openpetition.de) - [Pflege protestiert gegen Verkammerungspflicht: Landesweit erster Protestmarsch der Pflegekräfte gegen die Errichtung einer NRW Pflegekammer](https://www.lokalkompass.de/herne/c-politik/landesweit-erster-protestmarsch-der-pflegekraefte-gegen-die-errichtung-einer-nrw-pflegekammer%5Fa1637950?fbclid=IwAR21hkpykxZBbyhvFxoskMIvrkmMGyp8aTicN8001Snukm6gbCR60a6bssk&ref=uebergabe.de#gallery=null) (Lokalkompass.de) - [Steve Klabusterbeere on Twitter](https://twitter.com/SteveKlabuster/status/1444365787364564996?s=20&ref=uebergabe.de) (twitter.com) - [Pflegepolitik – Pflegende demonstrieren für Pflegekammer in NRW](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegende-demonstrieren-fuer-pflegekammer-in-nrw?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Moratorium für die Pflegekammer NRW muss jetzt kommen – für eine Urabstimmung aller Pflegekräfte in NRW – SPD Fraktion NRW](https://www.spd-fraktion-nrw.de/aktuelles/pressemeldung/moratorium-fuer-die-pflegekammer-nrw-muss-jetzt-kommen-fuer-eine-urabstimmung-aller-pflegekraefte-in-nrw/?ref=uebergabe.de) (SPD Fraktion NRW) - [Der Kongress für Pflege in Deutschland](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegetag.de) ### Verbleib von akademisiert Pflegenden (Prof.In Dr.In Änne-Dörte Latteck, Christian Grebe & Rüdiger Hoßfeld) URL: https://www.uebergabe.de/ug080/ Last updated: 2026-06-17T08:45:48.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 02.10.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - 78 % der Pflege-Absolvent:innen arbeiten klientennah – das Vorurteil vom Bürojob bröckelt. - Mehr als die Hälfte landet im Krankenhaus, kaum jemand in der Langzeitpflege. - Höhere Vergütung gibt es fast nur bei zusätzlichen, besonderen Aufgaben. - Überzeugte Führungskräfte sind der Schlüssel für gelingende Berufseinmündung. - Der Wirksamkeitsnachweis für bessere Versorgung fehlt in Deutschland noch. Akademisch Pflegende? Die machen doch eh Karriere im Büro, leiten Stationen oder verschwinden in der Wissenschaft – am Bett sieht man sie kaum. So lautet ein Vorurteil, das die Diskussion um die Akademisierung der Pflege seit Jahren begleitet. Aber stimmt das überhaupt? Genau dieser Frage ist ein großes Forschungsprojekt aus Nordrhein-Westfalen nachgegangen: die VAMOS-Studie. Drei Menschen, die ganz nah dran waren, kommen dazu zu Wort – und die Ergebnisse sind erfreulich eindeutig. ## Ein dynamisches Akronym für eine große Frage VAMOS steht für „Verbleibstudie der Absolventinnen und Absolventen der Modellstudiengänge in Nordrhein-Westfalen“. Eine zweijährige Untersuchung von 2017 bis 2019, die der Frage nachging: Wo bleiben eigentlich die Menschen, die einen Pflegestudiengang abgeschlossen haben? Was machen sie, wie zufrieden sind sie – und kommen die Konzepte der Hochschulen überhaupt im Arbeitsmarkt an? Die Dimensionen sind beachtlich: sieben Hochschulen, drei Forschungsinstitute, fünf Gesundheitsfachberufe und insgesamt zwölf Studiengänge waren beteiligt. Untersucht wurden rund 1.100 Absolvent:innen – neben der Pflege auch Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Hebammenkunde. Der Fokus liegt hier auf der Pflege, aus der knapp 600 Absolvent:innen stammten. Wer tiefer einsteigen möchte, findet im [ausführlichen VAMOS-Abschlussbericht](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/hochschule/Praesidium/Stabsstellen/Qualitaet%5FStudium%5FLehre/vamos%5Fabschlussbericht%5Fhsg%5Fendversion%5F%5Fpublikation%5F.pdf) alle Details. Hinter dem Projekt stand mehr als reine Neugier. Modellstudiengänge basieren auf einer Klausel im Berufsgesetz, die seit 2003 erlaubt, Studiengänge zu erproben – allerdings befristet und unter der Bedingung, dass sie evaluiert werden. Die VAMOS-Studie sollte also auch gegenüber dem Gesetzgeber belegen: Funktioniert diese Akademisierung wirklich? Greifen die Hochschulen die Bedarfe der Praxis auf? Und – das war eine der politischen Hypothesen – verschwinden die Absolvent:innen am Ende doch aus der Versorgung? ## Wie man Tausende Ehemalige wieder einfängt Die fünf Pflegestudiengänge gab es an der Hochschule für Gesundheit in Bochum, der Katholischen Hochschule NRW in Köln, der Praxishochschule in Rheine, der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf und der Fachhochschule Bielefeld. Befragt wurde online – und das funktionierte erstaunlich gut. In der Pflege lag der Rücklauf bei 41 Prozent, in den Therapieberufen sogar etwas höher. Zum Vergleich: Bei Absolvent:innenbefragungen rechnet man oft nur mit rund einem Drittel. > *„Auch diejenigen, deren Abschluss schon vier Jahre zurücklag, haben wir noch zu einem sehr großen Anteil erreicht. Das ist eigentlich schon eine Besonderheit.“ — Christian Grebe* Wichtig: Die Altersverteilung im Rücklauf unterschied sich nicht signifikant von der Grundgesamtheit. Im Schnitt waren die Befragten in der Pflege 27 Jahre alt – also vergleichsweise jung. Kein Wunder, denn diese Studiengänge richten sich an Menschen, die nach dem Abitur direkt ins Erststudium starten, nicht an Berufserfahrene mit abgeschlossener Ausbildung. Ergänzt wurde der quantitative Teil durch nachgelagerte telefonische Interviews, die den Zahlen mehr Tiefe verliehen. ## Kompetenzen sichtbar machen – mit einem eigenen Werkzeug Spannend wird es bei der Frage, wie man so etwas Abstraktes wie Kompetenzen überhaupt erfassen kann. Das Team entwickelte dafür eigens ein Instrument: die [Health Professionals Competence Scales](https://hepcos.com/cms/?ref=uebergabe.de). Die einzelnen Items gehen immer von einer konkreten berufspraktischen Situation aus – und die Befragten schätzen ein, wie sicher sie sich darin fühlen. Sieben Kompetenzdimensionen wurden aus den gemeinsamen Qualifizierungszielen der Studiengänge abgeleitet, etwa Prozesssteuerung, Beratung, Schulen und Anleiten oder interprofessionelle Zusammenarbeit. Das Instrument wurde nach einer ähnlichen Methodik wie große Bildungsvergleichsstudien validiert. Damit die Ergebnisse möglichst unabhängig blieben, wurde die Arbeitgeberperspektive bewusst ausgelagert – an das Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen und das Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Begleitet wurde das Projekt zusätzlich von einem Fachbeirat mit Berufsverbänden wie dem DBfK und dem Pflegerat NRW, aber auch mit Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaft und Krankenkasse. ## Die zentrale Überraschung: Sie bleiben am Menschen Nun zum Herzstück. Wo arbeiten die Pflege-Absolvent:innen tatsächlich? Mehr als die Hälfte hat ihre Haupterwerbstätigkeit im Akutkrankenhaus. An zweiter Stelle folgt mit rund zehn Prozent die ambulante und stationäre Psychiatrie. Langzeitpflege – ambulant wie stationär – sowie Forschung und Wissenschaft machen jeweils nur etwa fünf Prozent aus. Das Feld ist breit gestreut, von Reha-Einrichtungen über Hospize bis hin zu Sanitätshäusern, aber die deutliche Tendenz zeigt klar Richtung Krankenhaus. Und nun das Entscheidende: Stolze 78 Prozent der Pflege-Absolvent:innen arbeiten in einem klientennahen Tätigkeitsprofil. Das Team unterschied dabei feiner zwischen Tätigkeiten, die sich praktisch nicht von der Arbeit fachschulisch ausgebildeter Pflegefachpersonen unterscheiden, und solchen mit besonderen Aufgabenbereichen – etwa einem stärkeren Schwerpunkt auf Beratung, Schulung, Prozesssteuerung oder interprofessioneller Zusammenarbeit. Tätigkeiten außerhalb der klassischen Settings sowie wissenschaftliche oder administrative Profile machen jeweils nur einen kleinen Teil aus. Das ist eine echte Erfolgsgeschichte – und sie räumt mit dem Gerücht auf, akademisch Pflegende seien für die direkte Versorgung verloren. Interessant ist aber eine Verschiebung über die Zeit: Je länger der Abschluss zurücklag, desto seltener wurde die rein „deckungsgleiche“ klientennahe Tätigkeit. Wer nach Jahren noch am Menschen arbeitet, tut das dann meist mit erweiterten Aufgaben. Rund zwölf Prozent der Befragten hatten zum Befragungszeitpunkt bereits ein weiteres Studium abgeschlossen, viele davon einen Master, und auch klinische Fachweiterbildungen sowie Beratungs- und Leitungsqualifikationen waren gefragt. ## Wenn das Team fragt: „Meinst du, du bist was Besseres?“ So positiv die Tätigkeitsprofile sind – ganz reibungslos verläuft die Berufseinmündung nicht. Bei rund zehn Prozent der Pflege-Absolvent:innen gab es Schwierigkeiten beim Einstieg. Ein Grund: Kolleg:innen, die der hochschulischen Qualifizierung eher skeptisch gegenüberstanden. Während Vorgesetzte die akademische Ausbildung mehrheitlich positiv wahrnehmen, sieht das im unmittelbaren Team und bei anderen Berufsgruppen oft anders aus. Den Unterschied in der Qualifikation nahmen aus Sicht der Befragten nur 29 Prozent der Kolleg:innen überhaupt bewusst wahr. Die Interviews zeichnen ein farbiges Bild: Manche Teammitglieder suchen gezielt fachlichen Rat oder bitten um Recherchen, andere lehnen das ab. Entscheidend ist offenbar die Infrastruktur. Dort, wo Absolvent:innen klare Aufgabenbeschreibungen und feste Zeitfenster für ihre besonderen Rollen haben, funktioniert es. Wo sie alles selbst aushandeln müssen, verpufft das Potenzial. > *„Ich muss mir als Arbeitgeber schon überlegen, was ich mit diesen Leuten will, und dafür ein Konzept haben. Sonst hat das eine Unverbindlichkeit, die weder für die Absolvent:innen attraktiv ist noch in der Praxis trägt.“ — Christian Grebe* Und hier kommen die Hochschulen ins Spiel. Sie produzieren eben nicht ins Universum hinein, sondern müssen im Dialog mit den Arbeitgebern klären, was die Praxis braucht – und gleichzeitig erklären, wofür diese Studiengänge da sind und wofür nicht. Denn hochschulische Pflegequalifizierung ist im Feld noch erklärungsbedürftig. Wie eng diese Frage mit dem Selbstverständnis der Profession zusammenhängt, beleuchtet auch die Episode [„Kann der auch waschen?“ – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/). > *„Wir haben mitunter einige Führungskräfte überrollt mit der Idee, dass die hochschulische Pflegeausbildung viele Probleme beseitigen könnte. Deshalb ist der Dialog mit der Praxis ganz essenziell.“ — Prof.in Dr.in Änne-Dörte Latteck* ## Was am Ende auf dem Gehaltszettel steht Beim Thema Vergütung wird es ernüchternd. Im Mittel verdienten die Pflege-Absolvent:innen 17,30 Euro pro Stunde – das liegt deutlich unter 3.000 Euro brutto im Monat. Der Stundenlohn steigt zwar mit der Berufserfahrung und hängt stark vom Einsatzort ab, doch ein akademischer Abschluss allein macht sich kaum bemerkbar. Aus Arbeitgebersicht bestätigt sich das: Nur etwa zwei Prozent zahlen generell höhere Gehälter an Absolvent:innen. Aber rund die Hälfte vergütet besser, wenn besondere, zusätzliche Aufgaben übernommen werden. Auch die exklusiv für den Podcast nachgerechnete Auswertung zeigt: Wer klientennah mit besonderen Aufgaben arbeitet, verdient rund 1,50 Euro pro Stunde mehr als jemand in einer Tätigkeit, die sich nicht von der dreijährig qualifizierter Kolleg:innen unterscheidet. Der Spielraum für höhere Löhne entsteht vor allem in der Kombination aus tarifgebundener Beschäftigung und echten Aufgabenerweiterungen. ## Was die Arbeitgeber sagen Die Arbeitgeberbefragung war Neuland – entsprechend klein und speziell ist die Stichprobe: 56 Arbeitgeber aus der Pflege, davon 41 Krankenhäuser. Große Kliniken sind also stark überrepräsentiert, das muss man bei der Einordnung im Kopf behalten. Trotzdem liefert sie wertvolle Hinweise. Bemerkenswert: Die Sorge, akademisch Pflegende würden nur eingestellt, weil sonst keine Fachkräfte zu bekommen sind, bestätigt sich nicht. Im Vordergrund stehen ganz andere Gründe. Neun von zehn Arbeitgebern wollen wissenschaftliche Kompetenz ins Haus holen, um eine evidenzbasierte Praxis zu fördern und die Versorgungsqualität zu steigern. Auch berufspolitische Motive spielen mit, etwa die Aufwertung der Pflege im Unternehmen. Leitungskompetenz nannten dagegen nur 15 Prozent – ein Zeichen für eine differenziertere Wahrnehmung. Bei der Erkennbarkeit der Kompetenzen im Berufsalltag fallen die Werte sehr hoch aus: Zwischen 85 und 97 Prozent der Arbeitgeber stimmen zu, dass sie die sieben Kompetenzdimensionen erkennen. Die größten Stärken sehen sie bei Wissenschaftlichkeit, Prozesssteuerung und Qualitätsentwicklung sowie bei Beratung und Anleitung. Bei der Durchführung klientenbezogener Maßnahmen werden am häufigsten keine Unterschiede berichtet – aber auch hier fällt niemand ab. ## Eine Erfolgsgeschichte – mit offener Flanke Das Fazit der Verantwortlichen ist klar: Die Modellstudiengänge sind ein Erfolg. Die Absolvent:innen sind gut auf die Versorgung vorbereitet, arbeiten klientennah, erleben sich als handlungssicher und werden von Arbeitgebern als kompetent eingeschätzt. Es gibt eine gute Passung zwischen Studiengangskonzepten und Arbeitsmarkt. Aus dieser Modellphase heraus konnte die hochschulische Pflegeausbildung im neuen Berufsgesetz verankert werden. Doch eine entscheidende Frage bleibt offen: Verbessert sich durch akademisch Pflegende auch die Patient:innenversorgung? Diesen Outcome-Nachweis konnte VAMOS nicht liefern – schlicht, weil der Durchdringungsgrad mit hochschulisch Qualifizierten in Deutschland viel zu niedrig ist. International gibt es klare Daten, dass ein höherer Anteil akademisch ausgebildeter Pflegender Mortalität und Komplikationen senkt. Doch kritische Stimmen verlangen den Beweis für Deutschland – und der lässt sich erst erbringen, wenn deutlich mehr Absolvent:innen im Feld sind. Was hilft beim Ankommen? Zeitfenster für wissenschaftsbasierte Aufgaben, Vorbilder, Trainee- und Mentor:innenprogramme – und vor allem Führungskräfte, die hinter der hochschulischen Ausbildung stehen. Konkrete Orientierung bieten auch die [Handlungsempfehlungen von Pflegerat und Pflegewissenschaft](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2020/02/2015-04-17-dgp-papier%5Ffinal.pdf) sowie der [Leitfaden zum Einsatz akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen](https://www.uebergabe.de/content/files/de/pdf/presse/2015-05-29%5Fabschlussbericht.pdf). Auffällig ist, wo die Absolvent:innen kaum landen: in der stationären und ambulanten Langzeitpflege. Dabei passen ihre Stärken in Prozesssteuerung, Evaluation und Beratung gerade dorthin oft besser als ins Krankenhaus. Hier sind Image und Vergütung gefragt. Mehr zu diesem unterschätzten Feld erfährst du in der Episode [Akademisch Pflegende in der Langzeitpflege](https://www.uebergabe.de/ug125/). > *„Wir können die Vergleichsebene zwischen klassisch und hochschulisch Ausgebildeten getrost weglassen. Der Beruf braucht beide Zugangswege – beides hat seine Berechtigung.“ — Prof.in Dr.in Änne-Dörte Latteck* Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft der Studie: Es geht nicht darum, wer was besser kann. Die Versorgung ist hochkomplex, und sie braucht unterschiedliche Qualifikationen nebeneinander. Wenn die VAMOS-Daten dazu beitragen, alte Gräben zuzuschütten und stattdessen die jeweiligen Stärken klug einzusetzen, dann haben sie schon viel erreicht. ## Zum Weiterhören - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) - [ÜG102 – Berufseinmündung in der Pflege (Petra Krause)](https://www.uebergabe.de/ug102/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes zur Folge - [Abschlussbericht Verbleibstudie der Absolventinnen und Absolventen der Modellstudiengänge in Nordrhein-Westfalen (VAMOS)](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/hochschule/Praesidium/Stabsstellen/Qualitaet%5FStudium%5FLehre/vamos%5Fabschlussbericht%5Fhsg%5Fendversion%5F%5Fpublikation%5F.pdf) (hs-gesundheit.de) - [Tannen, A., Feuchtinger, J., Strohbücker, B., Kocks, A. (2017): Survey zur Einbindung von Pflegefachpersonen mit Hochschulabschlüssen an deutschen Universitätskliniken – Stand 2015\. In: Z. Evid. Fortbild. Qual. Gesundh. wesen (ZEFQ) 120 (2017) 39–46](https://zefq-journal.com/article/S1865-9217%2816%2930241-0/pdf?ref=uebergabe.de) (zefq-journal.com) - [Bergjan, M., Tannen, A.; Mai, T., Feuchtinger, J., Luboeinski, J., Bauer, J., Fischer, U., Kocks, A. (2021): Einbindung von Pflegefachpersonen mit Hochschulabschlüssen an deutschen Universitätskliniken: ein Follow-up-Survey. In: Z. Evid. Fortbild. Qual. Gesundh. wesen (ZEFQ) 163 (2021) 47–56](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1865921721000659?ref=uebergabe.de) (sciencedirect.com) - [Einsatz akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen in der Praxis. VPU NRW AG](https://www.uebergabe.de/content/files/de/pdf/presse/2015-05-29%5Fabschlussbericht.pdf) (vpuonline.de) - [Arbeitsfelder akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen. DPR & DGP](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2020/02/2015-04-17-dgp-papier%5Ffinal.pdf) (deutscher-pflegerat.de) - [Baumann, A.-L. u. Kugler, C. (2019): Berufsperspektiven von Absolventinnen und Absolventen grundständig qualifizierender Pflegestudiengänge − Ergebnisse einer bundesweiten Verbleibstudie. In: Pflege (2018), 32, pp. 7-16](https://econtent.hogrefe.com/doi/full/10.1024/1012-5302/a000651?ref=uebergabe.de) (hogrefe.com) - [Grebe, C., Schürmann, M., & Latteck, Ä.-D. (2021). *Die Health Professionals Competence Scales (HePCoS) zur Kompetenzerfassung in den Gesundheitsfachberufen. Technical Report*. Fachhochschule Bielefeld](https://www.researchgate.net/publication/349039050%5FDie%5FHealth%5FProfessionals%5FCompetence%5FScales%5FHePCoS%5Fzur%5FKompetenzerfassung%5Fin%5Fden%5FGesundheitsfachberufen%5FTechnical%5FReport?channel=doi&linkId=601c675445851589398065d3&showFulltext=true&ref=uebergabe.de) (researchgate.net) - [Health Professionals Competence Scales](https://hepcos.com/cms/?ref=uebergabe.de) (hepcos.com) ### Ein Jahr Errichtungsausschuss der Pflegekammer NRW / Neue Pflegepersonaluntergrenzen URL: https://www.uebergabe.de/pu009/ Last updated: 2026-06-13T21:15:39.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 25.09.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Errichtungsausschuss der Pflegekammer NRW bereitet die Kammerwahl im März 2022 vor. - Der Mitgliedsbeitrag soll bei maximal 5 Euro monatlich liegen, frühestens ab September 2022. - Ab Januar 2022 gelten in vier weiteren Fachbereichen Pflegepersonaluntergrenzen. In dieser Update-Folge geht es um zwei Themen, die zum Zeitpunkt der Folge im September 2021 viel diskutiert wurden: den Aufbau der Pflegekammer in Nordrhein-Westfalen und die neu festgelegten Pflegepersonaluntergrenzen für das Jahr 2022. ## Ein Jahr Errichtungsausschuss der Pflegekammer NRW Den Errichtungsausschuss der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen gibt es zum Zeitpunkt der Folge seit rund einem Jahr. Seine Aufgabe ist es, die Kammer aufzubauen. Im ersten Jahr hat er unter anderem die Voraussetzungen für eine Kammerwahl geschaffen, über die Anliegen der Kammer informiert und die Registrierung der Pflegefachpersonen in NRW organisiert. Aktuell läuft diese Registrierung der Mitglieder. Jede Pflegefachperson in Nordrhein-Westfalen kann sich freiwillig registrieren lassen, primär läuft die Erfassung aber über die Arbeitgeber:innen. Sobald der organisatorische Rahmen steht, soll im März 2022 die Wahl der ersten Kammerversammlung stattfinden. Aufstellen lassen kann sich dafür jede Person, die sich als Mitglied registriert hat – ein Punkt, der vor allem für Pflegefachpersonen interessant ist, die über eine Kandidatur nachdenken. Auch die Politik meldete sich damals zu Wort: Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann rief beruflich Pflegende dazu auf, sich zu registrieren. Er machte deutlich, dass eine Wahl oder eine Kandidatur die Möglichkeit zur Mitbestimmung eröffne, mehr Qualität entstehen lassen könne und dass beruflich Pflegende diese Chance nutzen sollten, um sich politisch Gehör zu verschaffen. ### Der geplante Mitgliedsbeitrag Ein heiß diskutierter Streitpunkt ist der Mitgliedsbeitrag – ein Argument, das Kammergegner:innen häufig anführen. Der Errichtungsausschuss versuchte, dieser Debatte etwas Druck zu nehmen: Der monatliche Beitrag der registrierten Pflegefachpersonen soll bei maximal fünf Euro liegen und frühestens ab September 2022 erstmals fällig werden. Wichtig zur Einordnung: Das war zum Zeitpunkt der Folge noch nicht beschlossen, sondern lediglich eine Empfehlung des Errichtungsausschusses. Den endgültigen Beschluss muss die später gewählte Kammerversammlung fassen. Zusätzlich empfahl der Ausschuss, Teilzeitarbeitende bei der Beitragssatzung gesondert zu betrachten, Härtefallregelungen vorzusehen und eine Lösung für Doppelmitgliedschaften zu finden – etwa für Personen, die in Rheinland-Pfalz arbeiten, wo es bereits eine Pflegekammer gibt, und in NRW wohnen. ### Wer Mitglied der Kammer sein darf Viel diskutiert wurde außerdem die Frage, wer überhaupt Mitglied sein darf. ver.di und die Linke forderten, dass auch Assistenzpersonen in der Pflegekammer vertreten sein sollen. Dem stellte sich der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) Nordwest entgegen: In der Kammer würden keine Assistenz- und Hilfspersonen als Pflichtmitglieder geführt. Die Kammer sei vielmehr die Vertretung der Pflegefachpersonen mit abgeschlossener dreijähriger Ausbildung und der Erlaubnis zum Führen der geschützten Berufsbezeichnung. Der Verband begründet das damit, dass die Assistenz- und Hilfeausbildungen aktuell nicht einheitlich geregelt sind, während die Ausbildung der Pflegefachpersonen bundeseinheitlich geregelt ist und dem Titelschutz unterliegt. Hinzu kommt: Eine Pflichtmitgliedschaft von Hilfs- und Assistenzpersonen in der Pflegekammer NRW ist auch aus rechtlichen Gründen nicht möglich. Der DBfK weist zudem darauf hin, dass gerade eine Kammer für klare berufliche Rollen sorgen kann – etwa über die Festlegung einer Berufsordnung, einer ihrer Kernaufgaben. Mehr dazu findest du in der Einordnung, dass [die Pflegekammer nur für Pflegefachpersonen](https://www.springerpflege.de/politik/pflegekammer-nur-fuer-fachpersonen/19681736?ref=uebergabe.de) gedacht ist. ## Neue Pflegepersonaluntergrenzen ab 2022 Das zweite Thema dreht sich um die Pflegepersonaluntergrenzen. Diese werden vom Bundesgesundheitsministerium festgesetzt und gelten bislang in einigen pflegesensitiven Fachbereichen. In der Praxis – etwa auf Intensivstationen – ist spürbar, dass stärker auf die Personalbesetzung geschaut und teils auch Betten gesperrt werden, wenn die Vorgaben nicht erfüllt werden können. Bei den Untergrenzen geht es nicht in erster Linie um die Entlastung der Pflegefachpersonen – das ist allenfalls ein Nebeneffekt. Hintergrund ist der Schutz der Patient:innen vor den Folgen einer personellen Unterbesetzung, etwa vor Komplikationen oder Pflegefehlern. Die Untergrenzen sind allerdings nicht wissenschaftlich entwickelt und spiegeln nicht den tatsächlichen Bedarf für eine gute, professionelle Versorgung wider. Sie markieren nur ein Mindestmaß. Ein umfassendes Personalbemessungsinstrument soll im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums erst bis 2024 entstehen. Die Untergrenzenverordnung wurde überhaupt nur deshalb vom Ministerium festgesetzt, weil sich die Selbstverwaltung aus Krankenkassen und Krankenhäusern nicht auf die Werte einigen konnte – so war es auch dieses Mal. Festgelegt wurden vier weitere Bereiche, in denen ab Januar 2022 Untergrenzen gelten. Sie sind abteilungsspezifisch und unterscheiden zwischen Tag- und Nachtschicht. Betroffen sind die Orthopädie, die Gynäkologie und die Pädiatrie; die Werte orientieren sich an Daten des InEK, das die Daten zu den Untergrenzen sammelt und auswertet. Konkret bedeutet das für die Gynäkologie: höchstens acht Patientinnen pro Pflegefachperson im Tagdienst und 18 in der Nacht. In der speziellen Pädiatrie soll eine Pflegefachperson tagsüber nicht mehr als sechs und nachts nicht mehr als 14 Kinder betreuen. In der Neonatologie liegen die Grenzen enger: ein Schlüssel von 1 zu 3,5 Kindern am Tag und 1 zu 5 in der Nacht. Zur Einordnung: Die Untergrenzen galten in vielen Bereichen bereits, wurden 2019 wegen der Corona-Pandemie ausgesetzt und 2021 wieder in Kraft gesetzt. ## Zum Weiterhören - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) - [PU010 – Neues aus der Pflegekammer NRW / Deutscher Pflegetag 2021](https://www.uebergabe.de/pu010/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) --- ## Quellen - [Ein Jahr Errichtungsausschuss der Pflegekammer NRW: Mit großen Schritten zur Wahl der Kammerversammlung](https://www.pflegekammer-nrw.de/2021/09/21/ein-jahr-errichtungsausschuss-der-pflegekammer-nrw-mit-grossen-schritten-zur-wahl-der-kammerversammlung/?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nrw.de) - [Die Pflegekammer ist nur für Pflegefachpersonen](https://www.springerpflege.de/politik/pflegekammer-nur-fuer-fachpersonen/19681736?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [Ministerium will weitere Untergrenzen für Pflegepersonal…](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Pflege?s=&p=1&n=1&nid=127501&ref=uebergabe.de) (Deutsches Ärzteblatt) - [Pflegepersonaluntergrenzen im Krankenhaus](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/personaluntergrenzen.html?ref=uebergabe.de) (Bundesgesundheitsministerium) ### Pflegekammer NRW (Sandra Postel) URL: https://www.uebergabe.de/ug079/ Last updated: 2026-06-13T00:05:22.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 18.09.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Pflegekammer ist eine Körperschaft öffentlichen Rechts mit hoheitlichen Aufgaben. - Sie organisiert den Berufsstand selbst – Verbände und Gewerkschaften bleiben weiter wichtig. - In NRW werden 200.000 bis 250.000 Pflegefachpersonen Pflichtmitglieder. - Anschubfinanzierung und gute Kommunikation sollen Fehler aus Niedersachsen vermeiden. - Geringe Wahlbeteiligung bleibt die größte Herausforderung der Kammerbewegung. Pflegekammer – kaum ein Begriff sorgt in der Pflege für so viel Diskussion, Hoffnung und manchmal auch handfesten Streit. Während in Niedersachsen und Schleswig-Holstein die Kammern wieder abgewickelt wurden, baut Nordrhein-Westfalen zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade eine der größten Pflegekammern Deutschlands auf. Wir haben mit Sandra Postel gesprochen, die als Vorsitzende des [Errichtungsausschusses der Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de) mittendrin steckt – und vorher schon als Vizepräsidentin in Rheinland-Pfalz reichlich Erfahrung gesammelt hat. Was eine Kammer eigentlich ist, warum Pflege sich selbst organisieren sollte und wo die größten Stolpersteine liegen, erfährst du hier. ## Eine Frau, zwei Kammern: Leben als Grenzgängerin Sandra Postel ist Pflegefachperson mit Examen aus den 1990er-Jahren, hat anschließend studiert und arbeitet im Bereich Bildung und Personalentwicklung für Kliniken und Altenheime in mehreren Bundesländern. Weil Kammerrecht Ländersache ist, ergibt sich eine kuriose Situation: In Rheinland-Pfalz entscheidet der Arbeitsort über die Pflichtmitgliedschaft, in Nordrhein-Westfalen auch der Wohnort. Postel ist damit Pflichtmitglied in gleich zwei Pflegekammern – eine echte Grenzgängerin. Als sich die Kammer in NRW konstituierte, folgte sie dem Ruf nach Nordrhein-Westfalen, gab alle Ämter in Rheinland-Pfalz ab und wurde in den Errichtungsausschuss berufen. Dessen Mitglieder wählten sie zur Vorsitzenden. Doppelrollen sind nicht ihr Ding, betont sie – Rollenklarheit ist ihr wichtig. ## Warum eine Kammer mehr ist als ein Verband Die Idee der Pflegekammer ist alt: Schon seit den 1990er-Jahren wird sie diskutiert. Eine entscheidende Weichenstellung brachte ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2003 – damals ging es um die Generalistik. Die Klarstellung: Pflege ist kein Hilfs- oder Assistenzberuf, sondern ein Heilberuf. Und Heilberufe dürfen sich in Deutschland grundsätzlich selbst organisieren. Genau hier liegt der Kern. Eine Kammer ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und kann deshalb hoheitliche Aufgaben übertragen bekommen – etwa Berufsnormen aufstellen, eine Berufsordnung erlassen oder Qualifikationsanforderungen definieren. Das kann weder ein Berufsverband wie der DBfK noch eine Gewerkschaft leisten. Postel betont aber: Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Zusammenspiel. Kammern brauchen die fachliche Vorarbeit der Verbände, und Gewerkschaften brauchen die von der Kammer gesetzten Normen, um über Vergütung gut verhandeln zu können. > *„Kein Staat würde hoheitliche Aufgaben übertragen, nur weil es nett ist für die Berufsgruppe. Dahinter steht immer die Idee, eine Versorgungssicherheit herzustellen – und zu verstehen, dass die nur mit der Expertise der Berufsgruppe selber geleistet werden kann." — Sandra Postel* Dahinter steckt also ein Bekenntnis der Politik: Pflege ist so komplex und anspruchsvoll, dass sie sich selbst organisieren darf – wie es bei Ärzt:innen oder Apotheker:innen längst üblich ist. Ein gutes Beispiel ist die Fachweiterbildung. In Ländern ohne Kammer legt das Ministerium fest, welche Qualifikationen es braucht. Postel fragt: Kann ein Ministerium das wirklich besser als ein demokratisch organisierter Berufsstand, der selbst weiß, was er können muss? ## Vom Gesetz zum Errichtungsausschuss: So entsteht eine Kammer Der Weg zur Kammer ist ein politischer Prozess. In NRW brachte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann das Heilberufsgesetz in den Landtag ein. Nach längerer Debatte wurde es im Juni 2020 beschlossen – mit einem aus Postels Sicht stabilen Ergebnis: Neben der Regierungskoalition stimmten auch die Grünen dafür, dagegen waren SPD und AfD. Im September 2020 konstituierte sich der Errichtungsausschuss: 38 Kolleg:innen, 19 Mitglieder und 19 Stellvertretende, aus allen Bereichen der Pflege – Pflegewissenschaft, Pädagogik, Management, aber vor allem aus der direkten Versorgung von Patient:innen und Bewohner:innen. Etwa die Hälfte kommt aus der Versorgung älterer Menschen, es sind mehr Frauen als Männer. Vier Arbeitsgruppen kümmern sich um die zentralen Aufgaben: [Mitgliederregistrierung](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/126762/Nordrhein-Westfalen-Pflegekammer-ruft-zur-Registrierung-auf?ref=uebergabe.de), Aufbau der Geschäftsstelle sowie Vorbereitung von Wahl und konstituierender Kammerversammlung. Bis Ende März 2022 muss alles stehen – ein sportlicher Zeitplan. NRW ist ein riesiges Land: rund 12.500 Arbeitgeber, geschätzt 200.000 bis 250.000 Pflegefachpersonen. Genaue Zahlen kennt bislang niemand. Selbst Forschungseinrichtungen können den Fachkräftebestand nur sehr gut schätzen. Für Postel ist das einer der größten Mehrwerte: Eine Kammer liefert endlich Echtzeitdaten – wo Fachkräfte fehlen, wie die Altersstruktur aussieht. Die Geschäftsstelle wuchs zum Aufnahmezeitpunkt bereits auf zehn Mitarbeitende. Weil von null gestartet wird, entsteht nebenbei eine der digitalsten Behörden überhaupt – anders wäre der Zeitplan kaum zu halten. ## Wer Mitglied wird – und warum auch im Ruhestand Die [Meldeordnung](https://recht.nrw.de/lmi/owa/br%5Fvbl%5Fdetail%5Ftext?anw%5Fnr=7&vd%5Fid=19369&ver=8&val=19369&sg=0&menu=0&vd%5Fback=N&ref=uebergabe.de) regelt genau, wer dazugehört: Alle dreijährig examinierten Pflegefachpersonen mit Wohnort in NRW – ob mit alter Berufsbezeichnung wie Krankenschwester oder Altenpfleger:in oder mit den neuen Titeln Pflegefachfrau und Pflegefachmann. Dabei müssen zahlreiche rechtliche Vorgaben eingehalten werden, vom [Verwaltungsverfahrensgesetz](https://www.gesetze-im-internet.de/vwvfg/?ref=uebergabe.de) bis zum Datenschutz. Eine Besonderheit gegenüber Rheinland-Pfalz: In NRW bleibt man grundsätzlich Mitglied, auch wenn man gerade nicht im Beruf arbeitet – man wird dann inaktiv geschaltet, ähnlich wie Ärzt:innen ihre Kammermitgliedschaft mit der Approbation nicht abgeben. Postel hat damit zunächst gehadert, sieht inzwischen aber den Vorteil: Wer etwa in einer Krise reaktiviert werden möchte, steht damit unter dem Schutz – aber auch unter der Aufsicht – der Kammer. Wichtig ist ihr: Eine Zwangsrekrutierung über die Kammer wird es nicht geben. Schon in der Diskussion um die Verpflichtung von Ärzt:innen in NRW habe es zu Recht einen Aufschrei gegeben. Die Kammer würde sich datenschutzrechtlich nicht instrumentalisieren lassen. Was Rheinland-Pfalz dagegen sinnvoll gemacht habe: inaktiven Mitgliedern Infomaterial schicken und sie einladen, in den Beruf zurückzukehren. ## Verbeamtung oder Profession? Ein lehrreiches Gedankenexperiment Im Gespräch entspinnt sich eine spannende Grundsatzfrage: Wenn der Staat die Gesundheitsversorgung auch in Krisen sicherstellen muss – müsste Pflege dann nicht in den Staatsdienst, vergleichbar mit Lehrkräften und Polizei? Postel findet die Weichenstellung legitim: Staatsdienst oder Profession wie bei Ärzt:innen und Apotheker:innen. Der aktuelle Zustand jedenfalls könne so nicht weitergehen. Ihre Pointe richtet sich an die Kritiker:innen der Kammer: Wer die Verkammerung der Pflege ablehne, müsse konsequent sein. Entweder man traut der Pflege hoheitliche Aufgaben zu – oder man nimmt sie in den Staatsdienst. Beides nicht zu wollen, sei unredlich. Das eigentliche Problem liege tiefer: Pflege werde stark politisiert, die Berufsgruppe selbst aber oft ausgeklammert. Immer dann, wenn es um die Übertragung von Rechten und Verantwortung gehe, entstünden Widerstände – häufig, weil es um Machtverlust gehe. > *„Pflege scheint doch irgendwie so wichtig zu sein, dass man keine Macht abgeben möchte. Und gleichzeitig geht nach innen etwas: Die Berufsgruppe schreckt zurück und fragt sich, was die Übernahme weiterer Verantwortung eigentlich für sie persönlich bedeutet." — Sandra Postel* ## Berufsordnung: Wie Pflege ihre Verantwortung sichtbar macht Ein Dauerthema im Gespräch: Während sich eine OP klar einer Verantwortung zuordnen lässt, ist die Fürsorgearbeit der Pflege schwerer zu fassen. Genau hier setzt eine Berufsordnung an. Sie klärt das ethische Berufsverständnis und den Verantwortungsbereich – etwa, dass man bei beobachtetem Fehlverhalten oder Gewalt handeln muss. In Rheinland-Pfalz habe gerade dieser Punkt für Aufruhr gesorgt. Auf dieser Grundlage lassen sich dann die spannenden „Scopes of Practice" erarbeiten – also klar definierte Handlungsfelder. Genau das ist das Neue: Eine Kammer ist demokratisch legitimiert und kann aus der Vorarbeit der Verbände eine verbindliche Norm machen. Und diese Verbindlichkeit wird zur Verhandlungsgrundlage, wenn pflegerische Leistungen refinanziert und vergütet werden sollen. ## Kammer und Gewerkschaft: Gegner oder Partner? Bei der ersten Kammerwahl in Rheinland-Pfalz beteiligten sich erschreckend wenige Pflegefachpersonen. Nominell verloren alle Listen Stimmen, prozentual stark zulegen konnte die Gewerkschaft ver.di. Für Postel ein Beleg, dass Kammer und Gewerkschaft zusammenarbeiten müssen. Sie verweist dabei auf ein Gespräch im Übergabe-Podcast mit [Michael Quetting zum Thema Gewerkschaften in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug064/), in dem dieser einen konstruktiven Dialog statt Bashing angekündigt hatte. Wie ernst man die Stimmen nehmen muss? In der Demokratie zähle das Wahlergebnis – und die nackten Zahlen lassen sich nicht wegdiskutieren. Gleichzeitig warnt Postel davor, die Kammer über die Finanzierung auszuhöhlen. Forderungen nach „beitragsfreien" Kammern hält sie für riskant, weil ohne wirtschaftliche Autonomie keine schlagkräftige Interessenvertretung möglich sei. ## Was NRW aus Niedersachsen gelernt hat Der Wendepunkt in Niedersachsen waren die Beitragsbescheide, die mangels Vorfinanzierung schlecht kommuniziert werden konnten – und auf die im Land kein echtes politisches Bekenntnis zur Kammer folgte. Diese Fehler will NRW vermeiden. Die Kammer wird ernst genommen, der Draht zu Ministerium und Politik ist eng, und es gibt eine Anschubfinanzierung von fünf Millionen Euro für den Aufbau der Verwaltung. Postels Linie für die Beitragsfrage: möglichst unabhängig bleiben bei der Interessenvertretung und beim Ehrenamt – aber für rein gesellschaftliche Aufgaben wie das Berufsregister eine längerfristige Anschubfinanzierung des Landes einfordern. Das würde den aus den Mitgliedern zu finanzierenden Haushalt deutlich reduzieren. Ob Einheits- oder gestaffelter Beitrag, entscheidet später die gewählte Kammerversammlung – Postel persönlich tendiert zum gerechteren Staffelbeitrag. Charmant findet sie das Modell der Uniklinik Mainz, wo der Kammerbeitrag im Tarifvertrag verankert ist: Das Mitglied bekommt das Geld und zahlt die Kammer davon – Transparenz bleibt also erhalten. ## Reden statt schimpfen: die Kammerdialoge Um den Austausch mit den künftigen Mitgliedern zu suchen, hat der Errichtungsausschuss alle fünf Wochen einen Kammerdialog ins Leben gerufen – bewusst auch gemeinsam mit Skeptiker:innen organisiert. Die häufigsten Themen: Beitragshöhe und Pflichtmitgliedschaft. Harte, sachliche Auseinandersetzungen findet Postel gut. Beschimpfungen oder Vergleiche mit dem Nationalsozialismus, wie sie ihr in sozialen Medien begegnen, hingegen nicht. ## Die größte Hürde: eine Berufsgruppe in Bewegung bringen Am Ende dreht sich vieles um eine Frage: Warum ist die Berufsgruppe so schwer zu mobilisieren? Anstrengende Dienste, Erschöpfung, ein historisch gewachsenes Zögern, Verantwortung sichtbar zu übernehmen – und ein Gender Gap, der Pflege als „weiblichen" Beruf lange klein gehalten hat. Eine Kammer, so die Hoffnung, kann hier die Plattform bilden, auf der sich der Beruf selbstbewusst aufstellt und auf Augenhöhe mitgestaltet. Auf ihre drei Wünsche für die Zukunft angesprochen, nennt Postel: eine hohe Registrierungsquote, eine starke Wahlbeteiligung und ein offenes Ohr der Politik für eine faire Anschubfinanzierung. Ob sie selbst als Präsidentin kandidiert, lässt sie offen – das entscheide sie mit Familie und Community, und ob die Kolleg:innen sie wollen, sei deren gutes Recht. Die Registrierung auf der Kammerseite war zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits möglich. Wer mehr über den Aufbau und die [laufende Registrierung in NRW](https://www.altenpflege-online.net/artikel/2021%5F08/2021%5F08%5F27%5Fpflegekammer%5Fnrw%5Fregistrierung%5Flaeuft%5Fauf%5Fhochtouren?ref=uebergabe.de) wissen will oder sich für die Hintergründe der [Pflegekammer auf Landesebene](https://www.mags.nrw/pflegekammer?ref=uebergabe.de) interessiert, findet dort weitere Informationen. ## Zum Weiterhören - [ÜG064 – Gewerkschaften in der Pflege (Michael Quetting)](https://www.uebergabe.de/ug064/) - [ÜG045 – Blickpunkt Niedersachen: Evaluation der Pflegekammer (Interview mit Kai Boeddinghaus und Dr. Martin Dichter)](https://www.uebergabe.de/ug045/) - [ÜG127 – Pflegekammer Baden-Württemberg (Peter Koch)](https://www.uebergabe.de/ug127/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Information zur Gästin - [Sandra Postel - Twitteraccount](https://twitter.com/sandra%5Fpostel?lang=de&ref=uebergabe.de) (twitter.com) ### Shownotes zur Folge - [Errichtungsausschuss Pflegekammer NRW](https://www.pflegekammer-nrw.de/?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nrw.de) - [Pflegekammer NRW](https://www.mags.nrw/pflegekammer?ref=uebergabe.de) (mags.nrw) - [Meldeordnung des Errichtungsausschusses der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen](https://recht.nrw.de/lmi/owa/br%5Fvbl%5Fdetail%5Ftext?anw%5Fnr=7&vd%5Fid=19369&ver=8&val=19369&sg=0&menu=0&vd%5Fback=N&ref=uebergabe.de) (recht.nrw.de) - [Verwaltungsverfahrensgesetz](https://www.gesetze-im-internet.de/vwvfg/?ref=uebergabe.de) (gesetze-im-internet.de) - [Darum brauchen wir Pflegekammern](https://www.dbfk.de/de/themen/Pflegekammer.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Nordrhein-West­falen: Pflegekammer ruft zur Registrierung auf](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/126762/Nordrhein-Westfalen-Pflegekammer-ruft-zur-Registrierung-auf?ref=uebergabe.de) (Ärzteblatt.de) - [Pflegekammer NRW: Registrierung läuft auf Hochtouren](https://www.altenpflege-online.net/artikel/2021%5F08/2021%5F08%5F27%5Fpflegekammer%5Fnrw%5Fregistrierung%5Flaeuft%5Fauf%5Fhochtouren?ref=uebergabe.de) (Altenpflege-online.net) ### Parteiencheck zur Bundestagswahl URL: https://www.uebergabe.de/pu008/ Last updated: 2026-06-17T19:52:29.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 11.09.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Verdi ruft an Charité und Vivantes zum unbefristeten Streik auf. - Die Parteien setzen bei Pflege auf sehr unterschiedliche Finanzierungs- und Versorgungsmodelle. - Bürgerversicherung, Personalbemessung und Pflegekammer trennen die Wahlprogramme deutlich. Zu Beginn dieser Folge steht ein kurzes Update zum laufenden Arbeitskampf an den Berliner Kliniken – danach folgt der große Schwerpunkt: Wenige Tage vor der Bundestagswahl am 26\. September 2021 geht es darum, was die demokratischen Parteien für die Pflege geplant hatten. Bitte beachte: Alle hier genannten Vorhaben geben den Stand zum Zeitpunkt der Folge wieder – also die Wahlprogramme für die Wahl 2021. ## Update: Unbefristeter Streik an Charité und Vivantes Die vorherige Folge berichtete ausführlich über den Arbeitskampf an Charité und Vivantes – inzwischen hat sich die Lage zugespitzt. Die Gewerkschaft Verdi teilte nach einer Urabstimmung mit, dass ab dem 9\. September ein unbefristeter Streik beginnen sollte. Tatsächlich legten die Beschäftigten beider Klinikkonzerne dann ihre Arbeit nieder. Lediglich die Mitarbeitenden in Reinigung und Speiseversorgung streikten zeitlich befristet. Die Vivantes-Geschäftsführung ging davon aus, dass wegen des Streiks rund 850 Betten nicht belegt werden könnten; zahlreiche planbare Behandlungen mussten bereits im Vorfeld verschoben werden. Während die Tarifverhandlungen laut Verdi weiterlaufen sollten, kündigte Vivantes an, die Gespräche während des Streiks zu unterbrechen – eine Ansage, die bei Verdi wenig ernst genommen wurde. Strittig blieb vor allem die Frage der Patient:innensicherheit. Verdi betonte, dass keine Menschenleben gefährdet würden und die Versorgung gewährleistet bleibe. Die Vivantes-Geschäftsführung hielt dagegen, der unbefristete Streik gefährde akut Menschenleben. Wer die Hintergründe und auch die grundsätzliche Frage, ob Streiks im Pflegeberuf vertretbar sind, vertiefen möchte, findet dazu mehr in der [Berichterstattung zum Streikbeginn](https://www.stern.de/gesundheit/pflegekraefte-von-charit%C3%A9-und-vivantes-ab-montag-im-streik-30675478.html?ref=uebergabe.de) und in der vorangegangenen Folge. ## Parteiencheck zur Bundestagswahl: Was die Pflege betrifft Durch die Pandemie hatte die Pflege deutlich mehr politische Aufmerksamkeit bekommen – der Personalmangel wurde zum Wahlkampfthema. Die Wahlprogramme der demokratischen Parteien lassen sich neutral zusammenfassen, was sie für die Pflege, die zu Pflegenden und das Gesundheitswesen vorhatten. ## CDU/CSU: Digitalisierung und Erhalt des dualen Krankenversicherungssystems Als damals größte Fraktion hatten Union-geführte Regierungen das Pflegegeschehen entscheidend mitgeprägt – etwa mit der Konzertierten Aktion Pflege und dem Pflegepersonal-Stärkungsgesetz. Der Pflege widmete die Union rund zweieinhalb von 132 Seiten ihres Programms. Ein Schwerpunkt lag auf der Digitalisierung: 500 Millionen Euro sollten in Robotik und digitale Anwendungen fließen, etwa Smart-Home-Technologien zur Entlastung des Personals; die E-Health-Strategie inklusive elektronischer Patient:innenakte sollte bis 2030 weiter ausgebaut werden. Eine Bürgerversicherung lehnte die Union ab – gesetzliche und private Krankenversicherung sollten nebeneinander bestehen bleiben. Um steigenden Beiträgen entgegenzuwirken, sollte unter anderem der [Pflegevorsorgefonds](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegevorsorgefonds.html?ref=uebergabe.de) bis 2050 verlängert werden, der die pflegerische Versorgung der geburtenstarken Jahrgänge ab Mitte der 2030er-Jahre absichern soll. In der Langzeitpflege setzte die Union auf selbstbestimmte Versorgung im Alltag, wohnortnahe Angebote, neue Wohnformen und mehr Kurzzeitpflege sowie auf den Erhalt der Trägervielfalt. Bei den Arbeitsbedingungen blieb das Programm eher unkonkret: Genannt wurden verlässlichere Arbeitszeiten und die Hoffnung auf Entlastung durch Digitalisierung. Pflegepersonal sollte verstärkt aus dem Ausland gewonnen und eine Willkommenskultur etabliert werden. Die Pflegeausbildung sollte vollständig vom Schulgeld befreit, die Pflegeassistenzausbildung vergütet werden. Die Union unterstützte zudem eine Bundespflegekammer. ## SPD: Bürgerversicherung und gedeckelter Eigenanteil Auch die SPD war an der Sozial- und Gesundheitspolitik beteiligt; Pflege tauchte in mehreren Kapiteln ihres „Zukunftsprogramms“ auf. Anders als die Union setzte sie auf eine Bürgerversicherung, in die alle Einkommensgruppen einzahlen. Für Pflegebedürftige sollte der zu zahlende Eigenanteil begrenzt werden – besonders für kleine und mittlere Einkommen –, die Leistungen der Pflegeversicherung sollten unbegrenzt sein. Der häuslichen Pflege durch Angehörige maß die SPD einen hohen Stellenwert bei. Ein neues Familienpflegezeitgesetz sollte Familienpflegezeit und Pflegezeit zusammenführen und pflegenden Angehörigen 15 Monate Lohnersatz ermöglichen, aufteilbar auf mehrere Personen. Ausdrücklich sollten auch Männer stärker für Pflegeaufgaben gewonnen werden. Zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen schlug die SPD allgemeinverbindliche Branchentarifverträge, eine einheitliche Personalbemessung und flexible Arbeitszeiten vor. Geteilte Dienste sollten zugunsten von Springerpools abgeschafft, Beruf und Privatleben besser vereinbar werden. Hinzu kamen mehr Weiterbildung, die Übernahme heilkundlicher Tätigkeiten, mehr Durchlässigkeit zwischen Berufen sowie die Förderung von Pflegestudiengängen – mit dem Hinweis, dass akademisch Qualifizierte in der Praxis bleiben sollten. Bei Digitalisierung und der Integration internationaler Pflegefachpersonen gab es Überschneidungen mit der Union. ## Bündnis 90/Die Grünen: Doppelte Pflegegarantie und 35-Stunden-Woche Die Grünen widmeten der Pflege fast 15 von rund 250 Seiten – mit vielen Überschneidungen zu SPD und Linken. Krankenhäuser sollten nach gesellschaftlichem Auftrag finanziert werden, ein neues Finanzierungssystem sollte Personalmangel verhindern und das Patient:innenwohl sichern. Wie die SPD sprachen sich die Grünen für eine solidarische Bürgerversicherung aus. Das vollständige [Wahlprogramm der Grünen](https://www.uebergabe.de/content/files/uploads/documents/wahlprogramm-die-gruenen-bundestagswahl-2021%5Fbarrierefrei.pdf) steht zum Nachlesen bereit. In der Langzeitpflege wollten die Grünen die ambulante Versorgung und die Quartierspflege stärken. Eine „Pflegezeit Plus“ sollte bis zu drei Monate Freistellung für die Pflege von Angehörigen, Nachbar:innen oder Freund:innen ermöglichen, im Anschluss sollte eine Reduzierung auf 20 Wochenstunden finanziell abgefedert werden. Zentral war die „doppelte Pflegegarantie“: ein festgeschriebener, gedeckelter Eigenanteil, während die Pflegeversicherung alle darüber hinausgehenden pflegerischen Kosten übernehmen sollte – ambulant wie stationär. Bei den Arbeitsbedingungen formulierten die Grünen drei Säulen: mehr Lohn, mehr Personal, mehr Zeit. Vorgesehen waren ein verpflichtendes Personalbemessungsinstrument, bedarfsgerechte Arbeitszeitmodelle, weniger Ausnahmen im Arbeitszeitgesetz und tarifliche Bezahlung. Selbstverwaltung und Mitsprache sollten gestärkt werden, etwa über eine Bundespflegekammer und mehr Gewicht im Gemeinsamen Bundesausschuss. Pflegewissenschaft und Pflegepädagogik sollten gefördert werden. Heraus stach die Forderung nach einer 35-Stunden-Woche bei vollem Lohn. ## Die Linke: Systemwechsel mit Pflegevollversicherung und 100.000 Stellen Die Linke nutzte rund sieben Seiten und forderte einen grundlegenden Systemwechsel: ein Ende der Privatisierung, gemeinwohlorientierte Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen unter öffentlicher und demokratischer Kontrolle sowie die Abschaffung der Fallpauschalen. Gewinne mit pflegerischen Leistungen sollten künftig untersagt sein. Vorgesehen war eine solidarische Gesundheitsvollversicherung ohne Beitragsbemessungsgrenze. Eine ausführliche Einordnung bot die [Analyse zum Programm der Linken](https://www.rechtsdepesche.de/die-linke-parteiprogramm-pflege/?ref=uebergabe.de), das vollständige [Wahlprogramm](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/download/wahlen2021/Wahlprogramm/die%5Flinke%5Fwahlprogramm%5Fzur%5Fbundestagswahl%5F2021.pdf) steht zum Nachlesen bereit. In der Langzeitpflege strebte die Linke eine Pflegevollversicherung an, die alle pflegerischen Leistungen ohne Eigenanteile abdeckt – eine Verweigerung von Pflege aus finanziellen Gründen sollte es nicht mehr geben. Patient:innenrechte wurden groß geschrieben, inklusive Stimmrecht von Patientenvertreter:innen in Gremien der Selbstverwaltung. Pflegende Angehörige sollten entlastet werden, unter anderem durch eine sechswöchige, voll bezahlte Freistellung bei erstmaligem Pflegebedarf. Als einzige Partei nannte die Linke konkrete Zahlen: 100.000 zusätzliche Pflegekräfte in Krankenhäusern und Pflegeheimen sowie 500 Euro mehr auf das Grundgehalt. Finanziert werden sollte das unter anderem über einen Pflegepersonalfonds, der gezielt die Rückkehr ehemaliger Pflegefachpersonen fördern sollte. Hinzu kamen allgemeinverbindliche Flächentarifverträge mindestens auf dem Niveau des öffentlichen Dienstes – auch für private und kirchliche Träger – und eine gesetzliche Personalbemessung. Pflegekammern lehnte die Linke ab. ## FDP: Eigenverantwortung und Drei-Säulen-Modell Die FDP befasste sich auf zwei von 64 Seiten mit der Pflege; viele Punkte ähnelten denen der Union. Eine Bürgerversicherung lehnte sie ab und wollte das duale System erhalten, dabei aber den Wechsel zwischen privater und gesetzlicher Versicherung erleichtern. Das Gesundheitswesen sollte durch digitale Vernetzung effizienter und durch robotische Assistenzsysteme erleichtert werden. Für die Pflegeversicherung sah die FDP ein Drei-Säulen-Modell mit privaten und betrieblichen Zusatzversorgungen vor – also mehr Eigenverantwortung. Eine vertiefte Einordnung lieferte die [Analyse zum FDP-Programm](https://www.rechtsdepesche.de/fdp-parteiprogramm-pflege/?ref=uebergabe.de). In der Langzeitpflege galt der Leitsatz „ambulant vor stationär“; gestärkt werden sollten Kurzzeitpflege, Beratungsstellen für Menschen mit Demenz und demenzfreundliche Quartiere. Eine Aussage zu den Eigenanteilen Pflegebedürftiger fehlte. Bei den Arbeitsbedingungen setzte die FDP vor allem auf Bildung, die Förderung von Pflegestudiengängen und die digitale Transformation – von der elektronischen Patient:innenakte über automatische Medikamentenausgabe bis zu robotischen Lagerungshilfen. Zudem sprach sie sich für eine bedarfsgerechte Personalbemessung wie die PPR 2.0 aus und wollte damit die Pflegepersonaluntergrenzen ablösen. ## Fazit: viele Gemeinsamkeiten, klare Trennlinien Alle Parteien waren sich einig, dass in der Pflege erheblicher Handlungsbedarf besteht. Bei Digitalisierung und der Stärkung der Versorgung auf dem Land gab es breite Überschneidungen. Deutliche Trennlinien zeigten sich dagegen bei der Bürgerversicherung, bei der Frage der Akademisierung und bei der Selbstverwaltung über Pflegekammern. Manche Programme blieben dabei konkreter und nannten Umsetzungswege, andere hielten sich vager. Wenn du dir selbst ein Bild machen willst, lohnt ein Blick in die verlinkten Wahlprogramme – ergänzend gab es damals den Pflege-O-Mat des DBfK, der sich angelehnt an den Wahl-O-Mat speziell auf pflegepolitische Standpunkte konzentrierte. ## Zum Weiterhören - [PU007 – Streik bei den Vivantes-Kliniken und der Charité](https://www.uebergabe.de/pu007/) - [ÜG063 – Buurtzorg als Organisationsmodell der ambulanten Pflege (Johannes Technau)](https://www.uebergabe.de/ug063/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) --- ## Update Streik bei Vivantes & Charité - [Pflegekräfte von Charité und Vivantes starten dreitägigen Streik](https://www.stern.de/gesundheit/pflegekraefte-von-charit%C3%A9-und-vivantes-ab-montag-im-streik-30675478.html?ref=uebergabe.de) (stern.de) - [Tarifvertrag Entlastung](https://gesundheit-soziales-bawue.verdi.de/themen/tarifvertrag-entlastung?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [Charité und Vivantes vertiefen Kooperation - Pressemitteilung der Charité](https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/charite%5Fund%5Fvivantes%5Fvertiefen%5Fkooperation/?ref=uebergabe.de) (charite.de) - [Berliner Krankenhausbewegung](https://berliner-krankenhausbewegung.de/?ref=uebergabe.de) (berliner-krankenhausbewegung.de) - [Berliner Bündnis Gesundheit statt Profite](https://gesundheitohneprofite.noblogs.org/aufruf/?ref=uebergabe.de) (gesundheitohneprofite.noblogs.org) - [Gericht untersagt Streik an Charité und Vivantes-Kliniken](https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/krankenhaeuser-in-berlin-gericht-untersagt-streik-an-charite-und-vivantes-kliniken-17497509.html?ref=uebergabe.de) (faz.net) - [Warnstreik an Berliner Krankenhäusern geht weiter](https://www.morgenpost.de/berlin/article233116259/vivantes-berlin-krankenhaus-streik-gericht.html?ref=uebergabe.de) (morgenpost.de) - [Keine Untersagung Vivantes-Streik](https://www.berlin.de/gerichte/arbeitsgericht/presse/pressemitteilungen/2021/pressemitteilung.1119297.php?ref=uebergabe.de) (berlin.de) - [Berlins Pflegekräfte setzen Ultimatum – und Rot-Rot-Grün macht drei Monate nichts](https://www.tagesspiegel.de/politik/streik-an-charite-und-vivantes-kliniken-berlins-pflegekraefte-setzen-ultimatum-und-rot-rot-gruen-macht-drei-monate-nichts/27545344.html?ref=uebergabe.de) (Tagesspiegel.de) ## Bundestagswahl - [Bundestagswahl 2021 – DBfK](https://www.dbfk.de/de/themen/Bundestagswahl-2021.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Wahlprogramme: Was die Parteien in der Pflege vorhaben](https://www.spiegel.de/politik/deutschland/wahlprogramme-was-die-parteien-in-der-pflege-vorhaben-a-de4b6349-acb5-4437-8bdd-1601fc693c1e?ref=uebergabe.de) (spiegel.de) - [Was die Parteien in der Pflege wollen](https://www.tagesschau.de/inland/btw21/programmvergleich-pflege-101.html?ref=uebergabe.de) (Tagesschau.de) - [Pflegevorsorgefonds](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegevorsorgefonds.html?ref=uebergabe.de) (Bundesgesundheitsministerium.de) - [CDU/CSU will „modernes Deutschland“ – moderne Pflege in Sicht?](https://www.rechtsdepesche.de/cdu-csu-moderne-pflege-in-sicht/?ref=uebergabe.de) (Rechtsdepesche.de) - [SPD: Bezahlbare Pflege durch Bürgerversicherung!?](https://www.rechtsdepesche.de/spd-parteiprogramm-pflege/?ref=uebergabe.de) (Rechtsdepesche.de) - [PflegeZeit Plus – für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf](https://www.gruene-bundestag.de/themen/zeitpolitik/pflegezeit-plus-damit-mehr-menschen-pflege-und-beruf-vereinbaren-koennen?ref=uebergabe.de) (grüne-bundestag.de) - [Gute Pflege darf niemanden arm machen](https://www.gruene-bundestag.de/themen/pflege/doppelte-pflegegarantie-plaedoyer-fuer-ein-neues-denken?ref=uebergabe.de) grüne-bundestag.de) - [FDP: Große Baustellen in Gesundheit und Pflege?!](https://www.rechtsdepesche.de/fdp-parteiprogramm-pflege/?ref=uebergabe.de) (Rechtsdepesche.de) - [DIE LINKE: Solidarisch gegen den Pflegenotstand!?](https://www.rechtsdepesche.de/die-linke-parteiprogramm-pflege/?ref=uebergabe.de) (Rechtsdepesche.de) ## Wahlprogramme - [Wahlprogramm der Grünen ](https://www.uebergabe.de/content/files/uploads/documents/wahlprogramm-die-gruenen-bundestagswahl-2021%5Fbarrierefrei.pdf)(gruene.de) - [Wahlprogramm von Die Linke](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/download/wahlen2021/Wahlprogramm/die%5Flinke%5Fwahlprogramm%5Fzur%5Fbundestagswahl%5F2021.pdf) (die-linke.de) - [Wahlprogramm der SPD](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dokumente/Beschluesse/Programm/spd-zukunftsprogramm.pdf) (spd.de) - [Wahlprogramm der FDP](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/2021-08/fdp%5Fbtw2021%5Fwahlprogramm%5F1.pdf) (fdp.de) - [Wahlprogramm der CDU/CSU ](https://online.fliphtml5.com/kxyi/eyjg/?ref=uebergabe.de)(online.fliphtml5.com) ### Sexismus in Gesundheitsberufen (Prof.in Dr.in Sabine Oertelt-Prigione) URL: https://www.uebergabe.de/ug078/ Last updated: 2026-06-17T19:52:51.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 04.09.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Sexuelle Belästigung ist kein Begehrensproblem, sondern Ausdruck von Macht. - Hierarchien und körperliche Nähe machen Gesundheitsberufe besonders anfällig. - Bei Pflegefachpersonen gehen Übergriffe häufig von Patient:innen aus. - Klare Grenzen zu setzen schützt einen selbst und die Kolleg:innen danach. - Transparente Beratungswege und eine offene Teamkultur sind entscheidend. Ein anzügliches Zuzwinkern, ein „Witz", der keiner ist, eine Hand, die wie zufällig zu nah kommt – und dann die Frage, die im Kopf kreist: War das jetzt schon Belästigung? Oder stelle ich mich nur an? Wer in einem Gesundheitsberuf arbeitet, kennt diese Grauzone. In einer Folge des Übergabe-Podcasts hat sich das Team mit Prof.in Dr.in Sabine Oertelt-Prigione über Sexismus und sexuelle Belästigung in Gesundheitsberufen unterhalten. Sie ist Professorin für geschlechtersensible Medizin an der Universität Bielefeld und an der Radboud-Universität in den Niederlanden und beschäftigt sich seit rund zehn Jahren mit der Prävention von Belästigung und Diskriminierung im medizinischen Umfeld. Was dabei herauskommt, ist unbequem – aber wichtig. ## Wenn Grenzen zum Beruf gehören Bevor es um Zahlen und Strategien geht, lohnt sich ein Blick auf die Begriffe. Sexuelle Belästigung umfasst alle Handlungen, die als sexualisiert wahrgenommen werden, die im Rahmen einer Grenzüberschreitung passieren und die eine betroffene Person nicht möchte. Entscheidend ist dabei die subjektive Wahrnehmung der Betroffenen – und der Umstand, dass solche Handlungen nicht nur zwei Personen betreffen, sondern auf ein ganzes Team oder eine ganze Organisation ausstrahlen können. Sexismus ist die breitere Kategorie: Hier wird aufgrund stereotyper Geschlechtervorstellungen diskriminiert, vor allem dann, wenn jemand nicht einem erwarteten Geschlechterbild entspricht. Diese Definitionen decken sich im Kern mit dem, was auch das [Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz](https://www.gesetze-im-internet.de/agg/?ref=uebergabe.de) beschreibt. Warum ist das gerade im Gesundheitswesen so relevant? Weil hier Grenzen verschwimmen, die anderswo selbstverständlich gelten. Um ihre Arbeit überhaupt ausüben zu können, müssen Pflegefachpersonen, Ärztinnen und Ärzte Menschen bitten, sich auszuziehen, fragen intime Details ab, berühren Körper. Das ist etwas grundlegend anderes als der Dienst am Postschalter. Kommt dann noch die ausgeprägte Hierarchie zwischen und innerhalb der Berufsgruppen hinzu, entsteht ein Risikofeld. Beim Sexismus, so Oertelt-Prigione, spielt jedes hierarchische Umfeld eine ähnliche Rolle – bei der sexuellen Belästigung erhöht jedoch genau dieses ständige „Grenzüberschreiten zur Arbeit" das Risiko zusätzlich. ## Warum „Frauenberuf" ein Problem ist Dass Pflege noch immer als weiblicher Beruf wahrgenommen wird, ist nicht nur ein Imagethema. Wer den Begriff „Pflegekraft" oder „Nurse" in eine Suchmaschine eingibt, landet schnell bei Bildern, die ein stereotypes, oft offen sexistisches Bild zeichnen: die aufopferungsvolle Frau, die das alles ja aus Berufung macht. Dieses Bild nimmt der Profession ihre Anerkennung – und liefert gleich die fatale Logik mit: Wer sich aufopfert, muss nicht angemessen bezahlt werden und soll Übergriffe eben hinnehmen. > *„Es ist nicht die Tatsache, dass Care-Arbeit per se weiblich stereotypisiert ist, sondern es sind die Konsequenzen, die daraus entstehen, die dann definitiv sexistisch sind." — Prof.in Dr.in Sabine Oertelt-Prigione* Wer tiefer in die Frage einsteigen möchte, woher dieses Bild kommt und wie es die Pflege bis heute prägt, findet im Podcast eine eigene Auseinandersetzung mit dem Thema. Im Gespräch wird deutlich: Die Verharmlosung von Care-Arbeit als „Herzensangelegenheit" ist kein harmloses Kompliment, sondern die Wurzel struktureller Abwertung. ## Was die Zahlen wirklich zeigen Wie häufig kommt es zu Übergriffen? Die Spanne in der Forschung reicht von fünf bis fünfundneunzig Prozent – je nachdem, wie und wen man fragt. Genau hier setzte die [an der Charité durchgeführte Studie Watch Protect Prevent](https://frauenbeauftragte.charite.de/projekte/watch%5Fprotect%5Fprevent/?ref=uebergabe.de) an. Statt direkt zu fragen „Haben Sie sexuelle Belästigung erlebt?" – eine Frage, bei der viele aus Unsicherheit kein Kreuzchen setzen – wurden die Teilnehmenden gebeten, eine ganze Reihe konkreter Handlungen anzukreuzen: von obszönen Bemerkungen über zugeschickte Bilder bis hin zur sexuellen Nötigung. Erst danach folgte die Bewertung, ob das Erlebte als belästigend oder bedrohlich empfunden wurde. Das Ergebnis: Rund 75 Prozent der befragten Ärztinnen und etwa 65 Prozent der Ärzte hatten irgendeine Form von Belästigung erlebt. Sexuelle Belästigung ist also ausdrücklich kein reines Frauenthema – auch Männer sind in relevantem Ausmaß betroffen. Bei Frauen waren die körperlichen Formen häufiger, bei Männern die kontaktlosen. Wichtig: Die Daten der Pflegefachpersonen konnten im quantitativen Teil nicht repräsentativ ausgewertet werden, weil sich nur rund zehn Prozent beteiligten. Gründe dafür waren die rein internetbasierte Befragung, ein zeitgleicher Tarifstreik und die berechtigte Skepsis, ob solche Umfragen überhaupt etwas verändern. Im qualitativen Teil mit Interviews zeigte sich jedoch ein klares Muster bei den Täter:innen-Profilen: Bei Ärztinnen und Ärzten gingen Übergriffe am häufigsten von Kolleg:innen aus, bei Pflegefachpersonen am häufigsten von Patient:innen – und gerade die körperliche Belästigung traf sie deutlich häufiger. ## Drei Ebenen der Grenzüberschreitung Um sich verständigen zu können, hilft eine Unterscheidung. Nicht-körperliche Formen setzen keinen Kontakt voraus: anzügliche Bemerkungen, zugeschickte Bilder, Anstarren, das ungefragte Erzählen sexueller Fantasien. Körperliche Formen reichen vom „zufälligen" Anrempeln in Situationen, in denen genug Platz wäre, über das Streifen an Brust oder Po bis hin zu Übergriffen. Eine dritte Ebene ist das sogenannte Quid pro quo – die Nötigung, bei der Vorteile im Tausch gegen sexuelles Entgegenkommen versprochen werden. Hier wird das Machtgefälle besonders unverhüllt ausgespielt. Und genau das ist der Kern: Sexuelle Belästigung ist kein Problem unkontrollierbaren Begehrens. > *„Sexuelle Belästigung ist prinzipiell ein Machtproblem. Es geht darum, professionelle Konflikte auf einer nicht professionellen Ebene auszuspielen, wo sich die Menschen nicht mehr wehren können." — Prof.in Dr.in Sabine Oertelt-Prigione* Auch wenn ein Übergriff von Patient:innen ausgeht, steckt dahinter oft der Versuch, in einer Situation des Ausgeliefertseins Macht zurückzugewinnen – nach dem Muster: Du bist hier, um mich zu bedienen, und ich zeige dir, wer das Sagen hat. Besonders heikel wird es bei kognitiv eingeschränkten Patient:innen, etwa in der Demenzversorgung. Hier treffen professionelle Pflicht, persönliche Grenzen und ethische Fragen aufeinander, ohne dass es eine fertige Patentlösung gäbe. Erschwerend kommt hinzu, dass die eigene Grenze nicht statisch ist: In der Langzeitpflege, wo man Monate mit denselben Menschen verbringt, kann sie sich anders verschieben als bei einem kurzen Klinikaufenthalt – mit Folgen für Motivation und Burnout-Risiko. ## Klare Kante statt Schweigen Was also tun, wenn es passiert? Den wichtigsten Schritt beschreibt Oertelt-Prigione als bewusstes Zurückgehen in die professionelle Rolle: einen Schritt zurücktreten und klar sagen, dass dieses Verhalten nicht in Ordnung ist. „Ich bin hier in meiner professionellen Rolle, ich mache meine Arbeit gerne und respektvoll – aber das toleriere ich nicht." Dabei dürfen auch Konsequenzen benannt werden: die Handlung unterbrechen, eine Kollegin oder einen Kollegen dazuholen, im Zweifel die Leitung informieren. Das Tückische an Übergriffen ist, dass viele Menschen im Moment selbst erstarren – und erst hinterher merken, dass sie sich anders hätten verhalten wollen. Genau das lässt sich üben. Die wirksamsten Fortbildungen erzählen nicht eine halbe Stunde lang von Theorie, sondern lassen Situationen durchspielen, sodass man eine Reaktion abrufen kann, wenn es ernst wird. Und auf die typische Retourkutsche – „Du verstehst wohl keinen Spaß" oder „Hast du heute schlechte Laune?" – gibt es eine entlastende Erkenntnis: > *„Von einer Sache muss man sich freimachen: Der muss mich jetzt auch nicht sympathisch finden. Es war inakzeptabel, und ich musste es nicht akzeptieren." — Prof.in Dr.in Sabine Oertelt-Prigione* Sich abzugrenzen ist nicht nur Schutz, sondern auch Ermächtigung – die eigene Grenze sichtbar zu machen, verschiebt das Machtverhältnis. Und es wirkt über den Moment hinaus: Wer reagiert, schützt oft auch die nächste Person, die sonst dieselbe Erfahrung gemacht hätte. Im Podcast wird auch deutlich, dass Belästigung selten aus dem Nichts kommt. Meist ist sie ein Eskalationsmechanismus – ein schrittweises Ausloten von Grenzen. Wer früh klarmacht, wo Schluss ist, kann verhindern, dass es überhaupt erst zu schwereren Vorfällen kommt. ## Das Team als Schutzschild Auffällig in den Interviews: Bei Pflegefachpersonen spielte das Team eine viel stärkere, unterstützende Rolle als bei den Ärztinnen und Ärzten, wo Belästigung eher individuell verhandelt wurde. Man passt aufeinander auf, geht bei schwierigen Patient:innen zu zweit ins Zimmer oder schickt nicht ausgerechnet die jüngste Auszubildende. Risikomomente sind dabei klar benennbar – die Körperpflege, die Notaufnahme am Wochenende, die Psychiatrie. Genau deshalb ist es so wirkungsvoll, im Team über solche Situationen zu sprechen und gemeinsam Abläufe zu entwickeln, bevor etwas passiert. ## Was Einrichtungen schuldig bleiben Auf organisatorischer Ebene fängt alles damit an, dass das Thema überhaupt ansprechbar ist. Viele Einrichtungen folgen noch der Logik: Was nicht benannt wird, existiert nicht. Notwendig wären stattdessen ein Verhaltenskodex, ein transparenter Verfahrensweg und das Wissen darüber, an wen man sich wenden kann – und was dann passiert. Ein zentraler Punkt: Vielen Betroffenen ist nicht bewusst, dass ein erstes Beratungsgespräch, etwa bei einer Vertrauensperson, beim Personalrat oder bei einer Gleichstellungsbeauftragten, noch gar nichts in Gang setzt. Sie behalten die Kontrolle darüber, ob überhaupt weitere Schritte folgen. Allein dieses Wissen könnte viele Konflikte früh und niedrigschwellig klären. Gleichzeitig bremst der Personalmangel: Wer im Dauerstress nur noch funktioniert, hat weder Zeit noch Kopf, sich mit belastenden Erfahrungen auseinanderzusetzen. Prekäre Arbeitsbedingungen verschärfen Abhängigkeiten und Hierarchien – und damit das Risiko. Die wirksamsten Präventionsansätze sind übrigens sogenannte Bystander-Interventionen: einzugreifen, wenn man sieht, dass jemand anderem etwas angetan wird. Ein blinder Fleck bleibt am Ende des Gesprächs: Belästigung, die von Pflegenden oder Ärzt:innen gegenüber Patient:innen ausgeht, ist noch stärker tabuisiert und kaum erforscht – ethisch wie rechtlich hochkomplex. Eine Forschungslücke, die darauf wartet, geschlossen zu werden. ## Zum Weiterhören - [ÜG020 – Feminismus & Pflege](https://www.uebergabe.de/ug020/) - [ÜG167 – Vielfältige Pflege - Sexualität, Identität und professionelle Haltung](https://www.uebergabe.de/ug167/) - [ÜG083 – Rassismus in der Pflege (Prof.in Dr.in Miriam Tariba Richter)](https://www.uebergabe.de/ug083/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Information zur Gästin - [Twitter-Profil Prof.in Dr.in med Sabine Oertelt-Prigione](https://twitter.com/smoertelt?ref%5Fsrc=twsrc%5Egoogle%7Ctwcamp%5Eserp%7Ctwgr%5Eauthor&ref=uebergabe.de) (twitter.com) ### Shownotes zur Folge - [Oertelt-Prigione, S. u. Jenner, S. C. (2017): Prävention sexueller Belästigung, Study der Hans-Böckler-Stiftung, No. 369, ISBN 978-3-86593-279-2 ](https://www.uebergabe.de/content/files/pdf/p%5Fstudy%5Fhbs%5F369.pdf)[](javascript:), Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf (boeckler.de) - [Jenner S, Djermester P, Prügl J, Kurmeyer C, Oertelt-Prigion S (2019): Prevalence of Sexual Harassment in Academic Medicine. In: JAMA Intern Med. 179(1):108-111](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6583418/?report=reader&ref=uebergabe.de) (nih.gov) - [Prügl, J. (2019): Formen, Inzidenz und Ursachen von sexueller Belästigung im klinischen Umfeld – Ergebnisse einer Querschnittstudie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin](https://www.uebergabe.de/content/files/bitstream/handle/fub188/24037/diss%5Fj.pruegl.pdf) (fu-berlin.de) - [Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG)](https://www.gesetze-im-internet.de/agg/?ref=uebergabe.de) (gesetze-im-internet.de) - [Watch Protect Prevent (WPP)](https://frauenbeauftragte.charite.de/projekte/watch%5Fprotect%5Fprevent/?ref=uebergabe.de) (charite.de) ### Streik bei den Vivantes-Kliniken und der Charité URL: https://www.uebergabe.de/pu007/ Last updated: 2026-06-17T17:51:57.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 28.08.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Verdi rief die Beschäftigten von Charité und Vivantes nach Ablauf eines 100-Tage-Ultimatums zum dreitägigen Streik auf. - Im Zentrum standen ein Tarifvertrag Entlastung und der „TVÖD für alle" – auch für Tochterunternehmen. - Ein Gericht untersagte den Streik zunächst, ließ ihn dann aber weiterlaufen; Vivantes lehnte die Forderungen als wirtschaftlich nicht tragbar ab. In dieser Folge des PflegeUpdate ging es um ein Thema, das im August 2021 für viel Aufsehen sorgte: den dreitägigen Warnstreik der Beschäftigten an den Berliner Kliniken Charité und Vivantes. Wir fassen für dich zusammen, wie es dazu kam, worum gestritten wurde, wie ein Gericht in das Geschehen eingriff – und wir ordnen die Grundsatzfrage ein, ob Streik in der Pflege überhaupt vertretbar ist. Bitte beachte: Alle Zahlen, Verfahren und Ankündigungen geben den damaligen Stand wieder. ## Wie es zum Streik an Charité und Vivantes kam Die Gewerkschaft Verdi hatte die Beschäftigten der Charité und von Vivantes zu einem dreitägigen Streik aufgerufen. Auslöser war das Ablaufen eines sogenannten 100-Tage-Ultimatums. Hintergrund: Beschäftigte von Vivantes, seinen Tochterunternehmen und der Charité hatten eine Petition gestartet und diese am 12\. Mai mit 8.379 Unterschriften an Vertreter:innen des Berliner Senats übergeben. Gefordert wurden ein Tarifvertrag Entlastung sowie der TVöD für alle. An die Übergabe war ein Ultimatum von 100 Tagen geknüpft – der Zeitraum, in dem die Politik die Forderungen umsetzen sollte. Als diese Frist verstrich, ohne dass sich aus Sicht der Beschäftigten Wesentliches bewegte, reagierte die unter dem Namen Berliner Krankenhausbewegung organisierte Initiative mit dem Arbeitskampf. Der [dreitägige Streik begann an allen Standorten](https://www.stern.de/gesundheit/pflegekraefte-von-charit%C3%A9-und-vivantes-ab-montag-im-streik-30675478.html?ref=uebergabe.de) und betraf nicht nur Pflegefachpersonen, sondern auch weitere Versorgungsbereiche der Krankenhäuser. ## Tarifvertrag Entlastung und „TVÖD für alle": die beiden Forderungen Der [Tarifvertrag Entlastung](https://gesundheit-soziales-bawue.verdi.de/themen/tarifvertrag-entlastung?ref=uebergabe.de) ist eine seit Längerem von Verdi verfolgte Idee. Im Kern geht es darum, den Personalmangel über tariflich festgelegte Mindestbesetzungen pro Station und Schicht zu bekämpfen und so die Arbeitsbedingungen zu verbessern. In knapp 20 Kliniken bundesweit waren bis dahin entsprechende Tarifverträge oder personelle Entlastungen erkämpft worden – etwa an der Unimedizin Mainz, der Uniklinik Jena oder den Unikliniken Schleswig-Holstein. Das Prinzip: Teams stellen schichtgenaue Forderungen auf, wie viele Beschäftigte vor Ort sein müssen, und verhandeln diese mit der Klinikleitung. Wird die vereinbarte Besetzung unterschritten, erhalten die in Unterbesetzung Arbeitenden einen Belastungsausgleich – in Geld oder Freizeit. In Jena gab es damals zum Beispiel nach sechs Diensten in Unterbesetzung einen zusätzlichen freien Tag. Verdi kritisierte zudem, dass der gemeinsam mit Deutscher Krankenhausgesellschaft und Deutschem Pflegerat entwickelte Vorschlag eines Personalbemessungsinstruments, die PPR 2.0, vom Gesundheitsministerium nicht akzeptiert werde. Ein neues, wissenschaftlich fundiertes Instrument sollte erst bis 2025 entstehen – so lange wollte die Gewerkschaft nicht warten. Auch die Pflegepersonaluntergrenzen hielt Verdi für ungeeignet. Die zweite Forderung, der „TVöD für alle", zielte auf die Beschäftigten der Vivantes-Tochterunternehmen. Diese wurden nach Angaben der [Berliner Krankenhausbewegung](https://berliner-krankenhausbewegung.de/?ref=uebergabe.de) deutlich schlechter bezahlt als Kolleg:innen mit Altverträgen oder an anderen städtischen Häusern. Genannt wurden Beispiele wie eine Reinigungskraft, die nach vier Jahren rund 783 Euro brutto weniger pro Monat erhielt, oder eine physiotherapeutische Fachkraft mit nach sechs Jahren etwa 791 Euro weniger. ## Gerichtliches Hin und Her um den Warnstreik Geplant war, dass der Streik am Montag, dem 23\. August, um 6 Uhr an allen Standorten beginnt und am Dienstag in fast allen Vivantes-Kliniken sowie an den Charité-Standorten mindestens je eine Station betroffen wäre. Doch es kam anders: Am Montagabend erwirkte Vivantes vor dem Arbeitsgericht Berlin eine einstweilige Verfügung, die den [Warnstreik zunächst untersagte](https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/krankenhaeuser-in-berlin-gericht-untersagt-streik-an-charite-und-vivantes-kliniken-17497509.html?ref=uebergabe.de). Vivantes berief sich auf eine bestehende Friedenspflicht und argumentierte, die Notfallversorgung sei nicht gewährleistet. Aus Sicht der Streikenden war das besonders absurd, weil sich die Geschäftsführung zuvor geweigert habe, eine Notdienstvereinbarung zu unterzeichnen. Eine solche Vereinbarung ist bei Streiks im Krankenhaus eigentlich Standard: Sie regelt eine Mindestbesetzung, das Sperren einzelner Betten oder Stationen und das Aussetzen planbarer Aufnahmen, während der Notfallbetrieb weiterläuft und Patient:innen nicht gefährdet werden. Auch die Berliner Politik war alarmiert – Franziska Giffey etwa kritisierte das Vorgehen der Vivantes-Spitze. Am Dienstag entschied das Arbeitsgericht dann, dass der [Warnstreik weitergehen darf](https://www.morgenpost.de/berlin/article233116259/vivantes-berlin-krankenhaus-streik-gericht.html?ref=uebergabe.de). Verdi legte eine Erklärung vor, wonach die Patient:innenversorgung über den gesamten Streikzeitraum sichergestellt sei; ein Verstoß gegen die Friedenspflicht ließ sich laut [Mitteilung des Gerichts](https://www.berlin.de/gerichte/arbeitsgericht/presse/pressemitteilungen/2021/pressemitteilung.1119297.php?ref=uebergabe.de) nicht feststellen. Rund 200 Beschäftigte demonstrierten daraufhin vor dem Roten Rathaus. Aus Sicht der Streikenden hatte die kurzfristige Untersagung den Arbeitskampf eher gestärkt: Die Motivation in den Teams sei spürbar gestiegen, und es hätten sich Beschäftigte angeschlossen, die ursprünglich gar nicht streiken wollten. Betont wurde dabei, dass es nicht um den Streik an sich gehe, sondern darum, den Arbeitgeber überhaupt an den Verhandlungstisch zu bringen – ein Ziel, dem man sich am Ende der Streiktage durch angebotene Gesprächstermine zumindest angenähert habe. ## Die Position von Vivantes Auch der Klinikkonzern selbst kam in der Folge zu Wort. Vivantes hielt einen [Tarifvertrag Entlastung für den falschen Weg](https://www.kma-online.de/aktuelles/klinik-news/detail/vivantes-haelt-tarifvertrag-entlastung-fuer-falschen-weg-a-45515?ref=uebergabe.de): Weil bundesweit zu wenig Fachpersonal verfügbar sei, würden verbindliche Mindestbesetzungen dazu führen, dass weniger Patient:innen behandelt werden könnten. Das hätte nach Konzernangaben einen Abbau von 360 bis 750 Betten zur Folge – womit Vivantes seinem Versorgungsauftrag für das Land Berlin nicht mehr nachkommen könne. Den „TVöD für alle" lehnte das Unternehmen mit Verweis auf zusätzliche Kosten von rund 35 Millionen Euro pro Jahr ab; dauerhaft drohe so ein Subventionsbetrieb. Zugleich betonte die Geschäftsführung, sich für zeitgemäße Vergütungsbedingungen in den Tochterunternehmen einzusetzen, was angesichts der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aber schwierig sei. Als Mitglied des Kommunalen Arbeitgeberverbandes dürfe Vivantes zudem keine eigenständigen Verhandlungen über einen Tarifvertrag Entlastung führen – die Forderung gehe daher rechtlich ins Leere. Vergleiche mit Unikliniken wie Jena oder Kiel wies das Unternehmen wegen abweichender rechtlicher Bedingungen zurück. ## Darf man in der Pflege überhaupt streiken? Ein Streik in der Pflege wirft regelmäßig die Frage auf, ob man dabei nicht die eigenen Patient:innen vernachlässigt. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) verweist mit Blick auf den International Council of Nurses darauf, dass es zur Pflicht von Pflegefachpersonen gehöre, auf die eigene Gesundheit zu achten und sich für sichere, sozial gerechte Arbeitsbedingungen einzusetzen – und hält einen Streik vor diesem Hintergrund für gerechtfertigt. Wer sich für die [rechtlichen Grundlagen des Streikrechts](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/31191-duerfen-alle-pflegekraefte-streiken?ref=uebergabe.de) interessiert, findet dazu weiterführende Einordnungen. Es gibt aber auch Gegenargumente. In der Pandemie, in der viele Menschen ihren Arbeitsplatz verloren, halten manche einen Streik für unangemessen, weil Pflegefachpersonen vergleichsweise sichere Stellen hätten; besser solle man bis zu regulären Tarifverhandlungen warten. Häufig wird zudem ins Feld geführt, dass planbare Eingriffe und Untersuchungen ausfallen, die für einzelne Patient:innen große Bedeutung haben. Auf der anderen Seite argumentieren die Streikenden, dass gerade die Pandemie zeige, wie wichtig systemrelevante Berufe sind – und dass eine [angemessene Versorgung schon im Alltag kaum noch gewährleistet](https://www.heise.de/tp/features/Warum-Pflegekraefte-auch-fuer-ihre-Patienten-streiken-6171382.html?ref=uebergabe.de) sei. Aus dieser Sicht ist es gefährlicher, die Lage so zu belassen, als für bessere Bedingungen einzutreten. Rechtlich ist die Lage klar: Nach Artikel 9 Absatz 3 Grundgesetz besteht ein Streikrecht. Arbeitskämpfe dürfen von Gewerkschaften ausgerufen werden, nicht von einzelnen Beschäftigten oder Gruppen – streiken dürfen aber auch Nicht-Mitglieder. Solange die Patient:innenversorgung nicht gefährdet ist, ist ein Streik zulässig, so wie es auch das Arbeitsgericht Berlin in diesem Fall entschieden hat. Wie das Ganze ethisch-moralisch zu bewerten ist, bleibt dagegen umstritten – und genau darüber lohnt sich der Austausch in der Community. ## Zum Weiterhören - [ÜG085 – Der Tarifvertrag der Charité (Carla Eysel & Dana Lützkendorf)](https://www.uebergabe.de/ug085/) - [ÜG064 – Gewerkschaften in der Pflege (Michael Quetting)](https://www.uebergabe.de/ug064/) - [ÜG094 – Pflege streikt! (Paula Klaan)](https://www.uebergabe.de/ug094/) --- ## Quellen - [Pflegekräfte von Charité und Vivantes starten dreitägigen Streik](https://www.stern.de/gesundheit/pflegekraefte-von-charit%C3%A9-und-vivantes-ab-montag-im-streik-30675478.html?ref=uebergabe.de) (stern.de) - [Tarifvertrag Entlastung](https://gesundheit-soziales-bawue.verdi.de/themen/tarifvertrag-entlastung?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [Charité und Vivantes vertiefen Kooperation - Pressemitteilung der Charité](https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/charite%5Fund%5Fvivantes%5Fvertiefen%5Fkooperation/?ref=uebergabe.de) (charite.de) - [Berliner Krankenhausbewegung](https://berliner-krankenhausbewegung.de/?ref=uebergabe.de) (berliner-krankenhausbewegung.de) - [Berliner Bündnis Gesundheit statt Profite](https://gesundheitohneprofite.noblogs.org/aufruf/?ref=uebergabe.de) (gesundheitohneprofite.noblogs.org) - [Gericht untersagt Streik an Charité und Vivantes-Kliniken](https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/krankenhaeuser-in-berlin-gericht-untersagt-streik-an-charite-und-vivantes-kliniken-17497509.html?ref=uebergabe.de) (faz.net) - [Warnstreik an Berliner Krankenhäusern geht weiter](https://www.morgenpost.de/berlin/article233116259/vivantes-berlin-krankenhaus-streik-gericht.html?ref=uebergabe.de) (morgenpost.de) - [Keine Untersagung Vivantes-Streik](https://www.berlin.de/gerichte/arbeitsgericht/presse/pressemitteilungen/2021/pressemitteilung.1119297.php?ref=uebergabe.de) (berlin.de) - [Berlins Pflegekräfte setzen Ultimatum – und Rot-Rot-Grün macht drei Monate nichts](https://www.tagesspiegel.de/politik/streik-an-charite-und-vivantes-kliniken-berlins-pflegekraefte-setzen-ultimatum-und-rot-rot-gruen-macht-drei-monate-nichts/27545344.html?ref=uebergabe.de) (tagesspiegel.de) - [Vivantes-Chef spricht zu Pflegekräften – „Gesundheitswesen braucht Komplettreform“](https://www.tagesspiegel.de/berlin/gericht-untersagt-streik-in-berlins-klinikkette-vivantes-chef-spricht-zu-pflegekraeften-gesundheitswesen-braucht-komplettreform/27539020.html?ref=uebergabe.de) (tagesspiegel.de) - [Pflegekräfte an Berliner Kliniken streiken](https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/streik-in-berlin-pflegekraefte-an-charite-und-vivantes-legen-arbeit-nieder-a-bd17ef6f-1171-47b3-a912-646921fce5d1?ref=uebergabe.de) (spiegel.de) - [TV-Entlastung und „TVöD für alle“ für Vivantes nicht tragbar](https://www.vivantes.de/unternehmen/presse/pressemitteilungen/presse-detail/news/tv-entlastung-und-tvoed-fuer-alle-fuer-vivantes-nicht-tragbar?ref=uebergabe.de) (vivantes.de) - [Vivantes hält „Tarifvertrag Entlastung“ für falschen Weg](https://www.kma-online.de/aktuelles/klinik-news/detail/vivantes-haelt-tarifvertrag-entlastung-fuer-falschen-weg-a-45515?ref=uebergabe.de) (kma-online.de) - [Sind Warnstreiks in einer Pandemie vertretbar?](https://www.hr-inforadio.de/programm/das-thema/pro-und-contra-sind-warnstreiks-in-einer-pandemie-vertretbar,pro-contra-warnstreik-100.html?ref=uebergabe.de) (hr-inforadio.de) - [Dürfen alle Pflegekräfte streiken?](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/31191-duerfen-alle-pflegekraefte-streiken?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Warum Pflegekräfte auch für ihre Patienten streiken](https://www.heise.de/tp/features/Warum-Pflegekraefte-auch-fuer-ihre-Patienten-streiken-6171382.html?wt%5Fmc=rss.red.tp.tp.atom.beitrag.beitrag&ref=uebergabe.de) (heise.de) - [Vivantes-Mitarbeiter dürfen Streik fortsetzen](https://www.rbb24.de/wirtschaft/beitrag/2021/08/vivantes-charite-streik-verdi-amtsgericht-entscheidung-arbeitsbedingungen.html?ref=uebergabe.de) (rbb24.de) ### generalistische Pflegefachassistenzausbildung NRW / Corona-Pandemie in Pflegeheimen URL: https://www.uebergabe.de/pu006/ Last updated: 2026-06-13T21:15:40.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 14.08.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - NRW bündelt die Assistenzausbildungen zur generalistischen einjährigen Pflegefachassistenzausbildung mit Vergütung. - Land fördert künftig 1.700 statt rund 600 Assistenz-Ausbildungsplätze. - RKI rät Pflegeheimen zu Personalaufbau, Booster-Planung und technischen Maßnahmen vor der vierten Welle. In dieser Folge des PflegeUpdates haben sich die Hosts zwei kompakte Themen vorgenommen: die neu geordnete Assistenzausbildung in Nordrhein-Westfalen und die Frage, wie gut Pflegeheime auf eine mögliche vierte Welle der Corona-Pandemie vorbereitet sind. Beide Meldungen ordnen wir hier für dich ein – Stand ist der August 2021. ## NRW führt die generalistische Pflegefachassistenzausbildung ein Nordrhein-Westfalen hat seine Assistenzausbildung in der Pflege neu aufgestellt. Die bisherigen Ausbildungen in der Altenpflegehilfe sowie in der Gesundheits- und Krankenpflegeassistenz gibt es in dieser Form nicht mehr. An ihre Stelle tritt eine einheitliche, generalistische Pflegefachassistenzausbildung. Damit zieht das Land die Logik der seit 2020 geltenden dreijährigen generalistischen Pflegeausbildung auch auf der Assistenzebene nach. Die Details und Rahmenbedingungen hat das Land in seiner [Übersicht zur Pflegefachassistenzausbildung](https://www.mags.nrw/pflegeberufereform-pflegeassistenzausbildung?ref=uebergabe.de) zusammengefasst. Ganz neu ist die Regelung formal nicht: Die zugrunde liegende Ausbildungs- und Prüfungsverordnung war bereits zum 1\. Januar 2021 in Kraft getreten. Bis zum 30\. Juni 2021 galt jedoch eine Übergangsphase, in der noch nach den alten Ausbildungswegen ausgebildet werden konnte. Mit dem Ablauf dieser Frist ist die generalistische Pflegefachassistenzausbildung in NRW zum Zeitpunkt der Folge der einzig verbliebene Assistenzweg – das ist der Grund, warum das Thema gerade jetzt aufgegriffen wurde. Begleitet wurde die Umstellung von einer Debatte um den Begriff selbst. Vor allem in den sozialen Medien wurde der Bestandteil „Fach" kritisiert: Es handle sich doch um einen Hilfsberuf, weshalb die Bezeichnung „Fachassistenz" als unpassend empfunden wurde. Andere Stimmen sahen darin schlicht eine sprachliche Angleichung an die neue dreijährige Ausbildung. Wie die Diskussion einzuordnen ist, beleuchtet unter anderem ein [Bericht über den neuen Einstieg in den Pflegeberuf in NRW](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegefachassistenzausbildung?ref=uebergabe.de). Das erklärte Ziel hinter der Reform ist es, mehr Menschen für die Pflege zu gewinnen. Nach Darstellung von Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann soll möglichst vielen Interessierten der Einstieg in eine staatlich anerkannte, einjährige Ausbildung ermöglicht werden. Sichtbar wird das vor allem an der Förderung: Statt der zuvor rund 600 landesgeförderten Plätze stellt NRW nun 1.700 geförderte Ausbildungsplätze bereit. Hinzu kommt, dass die Auszubildenden eine Ausbildungsvergütung erhalten sollen – etwas, das gerade in der früheren Altenpflegehilfe-Ausbildung nicht selbstverständlich war. Die Hintergründe und Aussagen des Ministeriums finden sich in der [Pressemitteilung des Landes zu den neuen Bildungswegen](https://www.land.nrw/de/pressemitteilung/minister-laumann-pflegefachassistenzausbildung-eroeffnet-neue-bildungswege-die?ref=uebergabe.de). Für Pflegefachpersonen ist die Neuordnung in zweierlei Hinsicht relevant: Sie betrifft die Zusammensetzung der Teams, in denen künftig generalistisch ausgebildete Assistenzkräfte mitarbeiten, und sie macht den Einstieg in die Pflege – etwa über die spätere Verkürzung einer dreijährigen Ausbildung – durchlässiger. Da die Assistenzausbildung Ländersache ist, bleibt zum Zeitpunkt der Folge offen, in welchem Tempo andere Bundesländer ähnliche Wege gehen. ## RKI rät Pflegeheimen zu Vorbereitungen auf die vierte Welle Das zweite Thema der Folge dreht sich um die Corona-Pandemie und die Frage, wie gut die stationäre Langzeitpflege auf einen erneuten Anstieg der Infektionszahlen vorbereitet ist. Zum Zeitpunkt der Aufnahme zeichnete sich ab, dass das damals angestrebte Ziel, bis zum Herbst mindestens 80 Prozent der Bevölkerung vollständig zu impfen, voraussichtlich nicht erreicht würde. Die Impfkampagne verlangsamte sich, während die Zahl der Corona-Patient:innen auf den Stationen langsam wieder stieg. Wie ernst die Lage für Pflegeheime ist, zeigt ein Blick zurück: Bis zum Frühjahr 2021 starben allein in der stationären Langzeitpflege rund 29.000 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 – eine Dimension, die eine Chronik unter dem Titel [eines kollektiven Kontrollverlusts in Alten- und Pflegeheimen](https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/corona-mindestens-29-000-tote-in-alten-und-pflegeheimen-17229522.html?ref=uebergabe.de) nachzeichnet. Auch der zum Zeitpunkt der Folge erreichte Stand von mindestens 80 Prozent vollständig geimpften über 60-Jährigen bedeutete laut Robert Koch-Institut keine Entwarnung. Gerade in dieser Altersgruppe gibt es Menschen, die aufgrund ihres Alters oder von Vorerkrankungen keinen ausreichenden Impfschutz aufbauen können – sogenannte Impfdurchbrüche. Sie sind besonders darauf angewiesen, dass das Umfeld geimpft und damit weniger infektiös ist. Zusammen mit den neuen Virusvarianten ergeben sich daraus die Szenarien, vor denen das RKI warnt. Auf dieser Grundlage hat das RKI Modellrechnungen und konkrete Empfehlungen veröffentlicht, die wir für dich verlinkt haben: Der Hinweis, dass das [RKI zu Vorbereitungen in Pflegeheimen rät](https://www.bibliomed-pflege.de/news/rki-raet-zu-vorbereitungen-in-pflegeheimen?ref=uebergabe.de), lässt sich auf drei Säulen zusammenfassen. ### Personal, Booster und Technik als drei Säulen Erstens empfiehlt das RKI, die Personalressourcen gezielt aufzubauen. Hygienemaßnahmen, Beratung und individuelle Lösungen zur Kontaktvermeidung lassen sich nur mit ausreichend geschultem Fachpersonal umsetzen. Eine konkrete Vorgabe, wie eine solche personelle Reserve organisiert werden soll, gibt das Papier nicht – hier sind die Einrichtungen selbst gefordert. Für viele Pflegefachpersonen dürfte diese Empfehlung wenig überraschend sein, war der Personalmangel doch schon vor der Pandemie ein Dauerthema. Dass er nun offiziell als zentrale Voraussetzung für den Infektionsschutz benannt wird, ist dennoch ein wichtiges Signal. Zweitens sollen die Einrichtungen gemeinsam mit den zuständigen Ärzt:innen und Behörden frühzeitig mögliche Drittimpfungen, sogenannte Booster, planen und strukturell organisieren. Diese sollten vorrätig sein, um insbesondere gegen neue Virusvarianten zu schützen. Eine gut organisierte Impfstrategie für die Heime forderte zu diesem Zeitpunkt auch der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (BPA). Drittens rät das RKI deutlich zu technischen Maßnahmen – etwa zum Einsatz von CO₂-Messgeräten und leistungsfähigen Luftfilteranlagen, um die Aerosolbelastung in Innenräumen zu senken. Ergänzend zeigen die Modellrechnungen, wie sich Krankenhauseinweisungen und die Auslastung der Intensivkapazitäten je nach erreichter Impfquote entwickeln könnten: Bei einer Quote von unter 85 Prozent bis zum Herbst fielen die Szenarien deutlich ungünstiger aus. Für die Praxis bleibt zum Zeitpunkt der Folge vieles offen: Wie die Einrichtungen die Empfehlungen konkret umsetzen und ob sie dabei ausreichend unterstützt werden, war noch nicht absehbar. In der Folge klang an, dass viele Pflegende dem mit nachvollziehbarer Skepsis begegneten – aus Sorge, am Ende erneut ohne ausreichende Unterstützung dazustehen. ## Zum Weiterhören - [ÜG054 – Soziale Teilhabe in Altenpflegeheimen unter Covid-19 in S1-Leitlinie und Survey-Studie](https://www.uebergabe.de/ug054/) - [ÜG044 – CORONA SPEZIAL #10: Isolation im Heim](https://www.uebergabe.de/ug044/) - [ÜG017 – Generalistische Ausbildung](https://www.uebergabe.de/ug017/) --- ## Quellen - [Vorbereitung auf den Herbst/Winter 2021/22](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Downloads/vorbereitung-herbst-winter.pdf) (rki.de) - [Vierte Welle der COVID-19-Pandemie – RKI rät zu Vorbereitungen in Pflegeheimen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/rki-raet-zu-vorbereitungen-in-pflegeheimen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Corona-Pandemie: Akte Altenheim – Chronik eines kollektiven Kontrollverlusts](https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/corona-mindestens-29-000-tote-in-alten-und-pflegeheimen-17229522.html?ref=uebergabe.de) (faz.net) - [Pflegefachassistenzausbildung](https://www.mags.nrw/pflegeberufereform-pflegeassistenzausbildung?ref=uebergabe.de) (mags.nrw) - [Neue Bildungswege in der Pflege | Das Landesportal Wir in NRW](https://www.land.nrw/de/pressemitteilung/minister-laumann-pflegefachassistenzausbildung-eroeffnet-neue-bildungswege-die?ref=uebergabe.de) (land.nrw) - [Pflegefachassistenzausbildung – Neuer Einstieg in den Pflegeberuf in NRW](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegefachassistenzausbildung?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) ### Mehr Wertschätzung durch die Pandemie / Kammerwahl in RLP URL: https://www.uebergabe.de/pu005/ Last updated: 2026-06-17T08:13:55.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 31.07.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegefachpersonen erreichen beim Berufsansehen Platz 1 – möglicherweise als Pandemie-Effekt. - Der Personalzuwachs in der Altenpflege halbierte sich 2020, während Kliniken zulegten. - Bei der Kammerwahl in Rheinland-Pfalz lag die Wahlbeteiligung bei nur 16 Prozent. Zwei Entwicklungen stehen im Mittelpunkt dieser kurzen Sommerfolge, die enger zusammenhängen, als es zunächst scheint: neue Zahlen zur Attraktivität und Arbeitsmarktsituation der Pflegeberufe – und das Ergebnis der Kammerwahl in Rheinland-Pfalz. Beides berührt die Frage, wie gut die Pflege ihre eigene Lage erfassen und vertreten kann. ## Pflege beim Berufsansehen auf Platz 1 – Pandemie als Treiber Das Jobportal Stepstone hat das Ansehen verschiedener Berufsgruppen ausgewertet. Grundlage waren neben der Nachfrage nach Stellen auf der eigenen Webseite auch eine Befragung von rund 2.000 Beschäftigten. Das Ergebnis: Pflegefachpersonen landen beim höchsten Ansehen auf Platz 1, dicht gefolgt von den ärztlichen Kolleg:innen auf Platz 2\. Vier von zehn Befragten könnten sich sogar vorstellen, selbst in die Pflege zu wechseln. Die Auswertung dokumentiert diese [steigende Wertschätzung für Pflegende](https://www.bibliomed-pflege.de/news/steigende-wertschaetzung-fuer-pflegende?ref=uebergabe.de) im Detail. Auffällig ist: An Ansehen gewonnen haben vor allem die Professionen, die nah an den Menschen arbeiten und als systemrelevant gelten – also etwa auch Erzieher:innen oder Beschäftigte im Einzelhandel. Ob dieser Effekt von Dauer ist oder vor allem damit zusammenhängt, dass diese Berufe in der Pandemie verstärkt in den Medien und der öffentlichen Debatte standen, lässt sich zum Zeitpunkt der Folge noch nicht sagen. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Nachwuchs: Nach einem Bericht des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, das beim Bundesfamilienministerium angesiedelt ist, begannen 2020 rund 57.000 Menschen eine Pflegeausbildung – knapp 1.000 mehr als im Jahr vor der Pandemie. Ob das am gestiegenen Image, am Status eines systemrelevanten Berufs oder an der neuen generalistischen Ausbildung liegt, weist der Bericht allerdings nicht aus. Auch die Abbruchquoten sind nicht erfasst – und gerade die wären entscheidend, weil sich die Attraktivität letztlich an den realen Arbeitsbedingungen messen lassen muss. Belastbare Zahlen zu Ausbildungsabbrüchen gibt es zu diesem Zeitpunkt nur in Form einzelner Berichte. ## Personalzuwachs in der Altenpflege halbiert sich – Kliniken legen zu Wie sich diese Arbeitsbedingungen niederschlagen, zeigt eine Anfrage der Linken im Bundestag. Demnach hat sich der Beschäftigungszuwachs in der Altenpflege – also die Zahl der Menschen, die sich neu für eine Arbeit in diesem Bereich entscheiden – im Jahr 2020 spürbar abgeschwächt: Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sank er von 3,1 auf 1,6 Prozent und damit nahezu auf die Hälfte. Die [stockenden Personalzuwächse in der Altenpflege](https://www.springerpflege.de/personalzuwaechse-in-der-altenpflege/19377596?ref=uebergabe.de) wertete die Linken-Politikerin Pia Zimmermann gegenüber der dpa als alarmierendes Signal, da die bisherigen Zuwächse kaum etwas an der Lage verändert hätten. Sie verwies auf Zahlen des GKV-Spitzenverbands, nach denen das 2019 gestartete Programm für 13.000 zusätzliche Stellen bis dahin nur zu etwa 3.000 Vollzeitstellen geführt habe. Im Krankenhaussektor verlief die Entwicklung umgekehrt: Hier stieg der Beschäftigungszuwachs von 2,6 auf 3,2 Prozent. Ein Grund dafür könnte die Sogwirkung des Pflegebudgets sein – seit 2020 wird im Krankenhaus, anders als in der Altenpflege, jede neue Stelle für Pflegefachpersonen refinanziert. Das begünstigt einen Ausbau des Pflegediensts in den Kliniken, und laut Krankenhaus Rating Report 2021 wechseln auch Altenpflegekräfte verstärkt dorthin. Welche Rolle die Finanzierung bei dieser Abwanderung spielt, beschreibt der [Bericht zum Pflegebudget](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegebudget-forciert-abwanderung-aus-der-altenpflege?ref=uebergabe.de) genauer. Für die Altenpflege bedeutet das: Beim Ansehen mag sie ganz oben stehen, bei der Finanzierung und den daraus folgenden Arbeitsbedingungen hat sie weiter erheblichen Nachholbedarf. ## Kammerwahl in Rheinland-Pfalz: Nur 16 Prozent gaben ihre Stimme ab Das zweite Thema: Die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz hat ihre Vertreterversammlung neu gewählt – das höchste Organ der Kammer, vergleichbar mit einem Pflege-Parlament, in dem die Mitglieder an der Selbstverwaltung mitwirken. Wer dort hinein möchte, kann eine Kandidat:innenliste bilden, sofern sich weitere 150 wahlberechtigte Mitglieder finden, die diese unterstützen. Gewählt wird alle fünf Jahre per Brief- oder Onlinewahl. 17 Listen verschiedener Pflegeverbände und Vereinigungen traten an und warben um die Stimmen der rund 37.000 wahlberechtigten Pflegefachpersonen. Die Wahlbeteiligung blieb mit nur 16 Prozent jedoch gering. Das geht aus der [Bekanntgabe der Pflegekammer](https://www.bibliomed-pflege.de/news/nur-16-wahlbeteiligung-bei-kammerwahl?ref=uebergabe.de) hervor. Stärkste Kraft wurden die Pflegefachpersonen der Gewerkschaft ver.di, die auf zwei regionalen Listen zusammen 25,6 Prozent der abgegebenen Stimmen erhielten und damit 21 der 81 Sitze in der Vertreterversammlung besetzen. Weitere Berichte ordnen den [Ablauf und die geringe Beteiligung der Wahl](https://www.springerpflege.de/pflegekammer/kammerversammlung-gewaehlt/19382818?ref=uebergabe.de) ein. Das Ergebnis wurde von den großen Pflegeverbänden unterschiedlich bewertet. Der ver.di-Pflegebeauftragte für Rheinland-Pfalz und das Saarland, Michael Quetting, sah darin eine Chance zur Erneuerung der Kammerpolitik; die geringe Wahlbeteiligung und den Stimmverlust der Liste des amtierenden Präsidenten Markus Mai deutete er als Ausdruck von Misstrauen und Desinteresse – zugleich bot er eine sachliche Zusammenarbeit an. Christine Vogler, Vorsitzende des Deutschen Pflegerats, würdigte dagegen die Aufbauarbeit der bisherigen Vertreterversammlung und betonte, dass gerade die Pandemie gezeigt habe, wie wichtig eine starke pflegerische Selbstverwaltung und die Einbindung der Pflege in öffentlichen Gesundheitsdienst und Katastrophenschutz seien. Weitere Hintergründe liefert die Einordnung des [Deutschen Pflegerats zum Wahlergebnis](https://deutscher-pflegerat.de/2021/07/22/17-listen-16-wahlbeteiligung-pflegende-in-rheinland-pfalz-haben-die-neue-kammerversammlung-gewaehlt/?ref=uebergabe.de). ## Warum beide Themen zusammenhängen In pflegepolitischen Debatten geht es viel um Zahlen, Daten und Fakten zur Arbeitsmarktsituation. Diese stammen jedoch meist dezentral von einzelnen Instituten oder aus Studien. Belastbare, flächendeckende Zahlen zur Lage der Pflege – und damit zum Personalmangel – verschaffen argumentatives Gewicht. Genau das zu leisten, ist eine zentrale Aufgabe von Pflegeberufekammern: alle Pflegefachpersonen zu erfassen und auch deren Abwanderung aus dem Beruf sichtbar zu machen. Damit schließt sich der Kreis zwischen den beiden Themen. ## Zum Weiterhören - [PU041 – Pflegekammern in Deutschland / Streik in Großbritannien](https://www.uebergabe.de/pu041/) - [ÜG064 – Gewerkschaften in der Pflege (Michael Quetting)](https://www.uebergabe.de/ug064/) - [ÜG041 – CORONA SPEZIAL #8: Gehalt von Pflege und die Rolle der Kammern in der Krise (Dr. Markus Mai)](https://www.uebergabe.de/ug041/) --- ## Quellen - [Jobmarkt – Steigende Wertschätzung für Pflegende](https://www.bibliomed-pflege.de/news/steigende-wertschaetzung-fuer-pflegende?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Jobboom 2021: Systemrelevante Berufe bei StepStone gefragt wie nie, Wertschätzung steigt](https://www.presseportal.de/pm/38447/4973152?ref=uebergabe.de) (presseportal.de) - [Mehr Auszubildende in der Pflege – trotz Corona](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Pflege?s=&p=1&n=1&nid=125193&ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) - [Delle bei Beschäftigungszulauf in der Altenpflege](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Pflege?s=&p=1&n=1&nid=125706&ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) - [Personalzuwächse in der Altenpflege geraten kräftig ins Stocken](https://www.springerpflege.de/personalzuwaechse-in-der-altenpflege/19377596?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [Krankenhaus Rating Report – Pflegebudget forciert Abwanderung aus der Altenpflege](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegebudget-forciert-abwanderung-aus-der-altenpflege?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Pflegekammer Rheinland-Pfalz – Nur 16 % Wahlbeteiligung bei Kammerwahl](https://www.bibliomed-pflege.de/news/nur-16-wahlbeteiligung-bei-kammerwahl?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Rheinland-Pfalz: Kammerwahl endet mit geringer Beteiligung](https://www.springerpflege.de/pflegekammer/kammerversammlung-gewaehlt/19382818?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [Bekanntgabe des vorläufigen Wahlergebnisses zur Vertreterversammlung der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz](https://www.pflegekammer-rlp.de/files/pflegekammer/images/Wahlordnung/Bekanntgabe%5FWahlergebnis%5Fvorl%C3%A4ufig.pdf?ref=uebergabe.de) (pflegemagazin-rlp.de) - [17 Listen – 16 % Wahlbeteiligung – Pflegende in Rheinland-Pfalz haben die neue Kammerversammlung gewählt!](https://deutscher-pflegerat.de/2021/07/22/17-listen-16-wahlbeteiligung-pflegende-in-rheinland-pfalz-haben-die-neue-kammerversammlung-gewaehlt/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Misstrauen und Desinteresse führten zu geringer Wahlbeteiligung](https://rps.verdi.de/branchen-und-berufe/gesundheit-soziales/pflege-auf-stand/++co++7c61975e-e9fa-11eb-bb1e-001a4a160100?ref=uebergabe.de) (rps.verdi.de) ### Häusliche Versorgung in der Covid-19-Pandemie (Prof. Dr. Thomas Fischer) URL: https://www.uebergabe.de/ug077/ Last updated: 2026-06-17T19:31:32.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 24.07.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die S1-Leitlinie denkt Infektionsschutz, Lebensqualität und soziale Teilhabe zu Hause zusammen. - Ambulante Pflege wird strukturell unterschätzt – ihr Potenzial bleibt ungenutzt. - Pandemie- und Kontinuitätspläne sind Vorsorge, nicht Nebenbei-Arbeit. - Gesundheitszentren und Community Health Nursing könnten die häusliche Versorgung neu denken. - Eine Living Guideline lässt sich schneller an neue Erkenntnisse anpassen. Wenn über Pflege in der Corona-Pandemie gesprochen wurde, ging es fast immer um zwei Orte: die Intensivstation und das Pflegeheim. Doch der größte Teil pflegerischer Versorgung findet woanders statt – in Küchen, Schlafzimmern und Wohnzimmern, dort, wo Menschen ihr Leben führen. Genau dieser Ort drohte in den Krisenmonaten unsichtbar zu werden. Prof. Dr. Fischer, Professor für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Altenpflege an der Evangelischen Hochschule Dresden, hat das nicht hingenommen. Im Übergabe-Podcast erzählt er, wie aus dieser Lücke eine eigene Leitlinie für die ambulante Pflege wurde – und warum sie weit über die Pandemie hinaus relevant bleibt. ## Wie eine Leitlinie für die eigenen vier Wände entstand Als die Pandemie 2020 begann, gab es für stationäre Pflegeeinrichtungen schnell Empfehlungen. Für die ambulante Pflege dagegen ließ sich kaum etwas „aus der Tasche ziehen". Fischer schlug der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft, der Trägerin der Leitlinie, deshalb vor, parallel zur Heim-Leitlinie auch eine für die Versorgung zu Hause zu erarbeiten. Den Anstoß lieferte sein Forschungsschwerpunkt Community Health Nursing: Wer sich intensiv mit der Rolle von Pflegefachpersonen in der Primärversorgung beschäftigt, dem fällt schnell auf, wie selbstverständlich die ambulante Versorgung in Deutschland mitgedacht – und dann doch nicht richtig durchdacht – wird. Gemeinsam mit einer Kollegin koordinierte Fischer die Arbeit, holte Mitstreiter:innen aus Pflege, Medizin und Gerontologie an einen Tisch. Heraus kam die [S1-Leitlinie zur häuslichen Versorgung, sozialen Teilhabe und Lebensqualität](https://www.bibliomed-pflege.de/news/s1-leitlinie-zur-sozialen-teilhabe-veroeffentlicht?ref=uebergabe.de) bei Pflegebedürftigkeit im Kontext ambulanter Pflege unter Pandemiebedingungen – als sogenannte Living Guideline. ## Der blinde Fleck im Gesundheitssystem Warum rutscht die ambulante Pflege so leicht aus dem Blick? Ein Grund während der Pandemie war nachvollziehbar: In Heimen können sich Infektionen sehr schnell auf sehr viele besonders gefährdete Menschen auswirken – aus Public-Health-Sicht ein größeres Risiko. Doch Fischer sieht ein tieferes, strukturelles Problem. In Deutschland denken wir Primärversorgung von der Arztpraxis her, nicht als Netzwerk. Während etwa der englische District Nursing Service mit seinen gut ausgebauten Stützpunkten als erste, tragende Stufe des Gesundheitswesens verstanden wird, verschwimmt bei uns der professionelle Beitrag der Pflege mit der familialen Pflege. Hinzu kommt ein enges Korsett aus Sozialleistungsregelungen. Das Ergebnis: Pflegefachpersonen leisten in der ambulanten Pflege deutlich weniger, als sie könnten – nicht aus Unvermögen, sondern weil das System es nicht vorsieht. Dass es auch anders geht, weiß Fischer aus eigener Erfahrung. In den 90er-Jahren arbeitete er in einem Pflegedienst der Aids-Hilfe in München. Dank Spezialverträgen für Aids-Pflegedienste konnten Klient:innen selbst schwerstkrank in ihren Familien bleiben – Versorgung aus einer Hand, die heute so nicht mehr finanzierbar ist. > *„Mir will nicht in den Kopf, weshalb das in den 90er-Jahren möglich war und weshalb wir es im Jahr 2021 nicht schaffen wollen, solche Versorgungsstrukturen wieder aufzubauen." — Prof. Dr. Thomas Fischer* Wer die Möglichkeiten der professionellen Pflege im häuslichen Bereich besser nutzen würde, ist Fischer überzeugt, der könnte vielen Menschen mit Versorgungsbedarf ein besseres Leben ermöglichen – und das Gesundheitssystem wäre an mancher Stelle besser durch die Krise gekommen. Wie schnell die ambulante Pflege ins Wanken geriet, hatten die Hosts übrigens schon früh erfahren: In der Corona-Folge mit [Thorsten Jürs aus der ambulanten Pflege](https://www.uebergabe.de/ug036/) war zu hören, dass Dienste plötzlich Personal freistellen mussten, weil ihnen reihenweise die Klient:innen wegbrachen. ## Mehr als Verrichtung: Lebensqualität und soziale Teilhabe Die Leitlinie fragt bewusst nicht nur „Wie funktioniert Infektionsschutz zu Hause?" – was bei Menschen daheim ohnehin alles andere als banal ist. Sie nimmt auch die Folgen der Kontaktbeschränkungen in den Blick. Denn Pflegebedürftige und ihre Angehörigen haben häufig schon im Normalfall reduzierte soziale Kontakte. Die Sorge war, dass ausgerechnet diejenigen, denen es ohnehin schwerfällt, durch die Pandemie noch weiter ins Abseits geraten. Lebensqualität versteht Fischer dabei nicht als ärztliche Diagnose, sondern als gelungene Anpassung an Erkrankung und Einschränkung – etwas zutiefst Individuelles. Es geht um die Frage, ob ein Mensch sagen kann: Mein Leben ist gut, trotz der Probleme, die ich habe. Soziale Teilhabe wiederum bedeutet, sich mit den Menschen verbunden zu fühlen, die einem wichtig sind, und als Mensch gesehen zu werden – nicht nur als Patient:in oder Pflegebedürftige:r. Wichtig ist Fischer ein Perspektivwechsel: Teilhabe entsteht nicht nur, wenn jemand nach draußen geht, sondern auch, wenn das Leben von draußen ins Zuhause hineinkommt. Ob das Aufgabe der Pflege ist? Sozialrechtlich – im engen Sinne – nein. Pflegewissenschaftlich aber ein klares Ja. Pflege soll ein gutes Leben trotz gesundheitlicher Einschränkungen ermöglichen, bis hin zur letzten Lebensphase, in der Pflegefachpersonen Angehörige anleiten, wie Nähe und Kontakt auch dann noch gelingen, wenn jemand kaum mehr spricht. Genau diese Verbindung von Lebensqualität und Versorgung steht auch im Zentrum der Schwester-Leitlinie für Altenpflegeheime. ## Zwischen Berufsethos und Abrechnungsziffer Was tun Pflegefachpersonen, wenn eine Familie eigentlich eine Viertelstunde Zuhören bräuchte – die nächste Tour aber wartet? Sie bleiben meist trotzdem. Das System verlässt sich genau darauf. Würden Pflegende nur noch das tun, was finanziert ist, stünde die häusliche Versorgung still. Diese Lücke zwischen professionellem Anspruch und dem, was bezahlt und möglich ist, beschreibt Fischer als täglichen Spagat – einen, der auf Dauer kaum auszuhalten ist und Menschen aus dem Beruf treibt oder ins innere Rückzugsgefecht. In der Pandemie wuchs dieser Druck weiter. Information, Anleitung und Beratung wurden plötzlich überlebenswichtig: Wie funktioniert die hygienische Händedesinfektion zu Hause? Wie geht man mit einem Menschen mit Demenz um, der eine Maske nicht versteht? Manche Dienste verbrachten Stunden damit, Impftermine für ihre Klient:innen zu organisieren. All das geschieht nebenbei, ohne Abrechnungsziffer – und macht zugleich sichtbar, welcher Schatz in der häuslichen Versorgung steckt. > *„Was für eine große Chance für unser Gesundheitssystem, dass Fachleute in das Zuhause besonders verletzlicher Menschen gehen, dort unmittelbar beraten und sie sicher durch die Pandemie geleiten können." — Prof. Dr. Thomas Fischer* ## Was die Pandemie im Wohnzimmer veränderte Für Pflegebedürftige und Angehörige beschreibt Fischer mehrere Phasen. Zuerst die große Angst: Familien sagten Pflegedienste ab, aus Sorge, die Infektion könnte ins Haus getragen werden – ein Effekt, der aus früheren Epidemien in Kanada und Hongkong längst bekannt war. Dann die Erkenntnis, dass die Krise kein Sprint, sondern ein Dauerlauf ist. Tagespflege, Freiwilligendienste und Entlastungsangebote brachen weg, ebenso die oft osteuropäischen Haushaltshilfen, die in vielen Familien weit mehr leisten als den Haushalt. Mit massiv ausgedünnten Ressourcen mussten Familien Normalität und Teilhabe irgendwie aufrechterhalten – jede für sich, jede neu erfunden. Den Begriff Familie versteht Fischer dabei weit: auch Freundeskreise, die zusammenhalten. Wie sehr pflegende Angehörige unter Druck gerieten und sich selbst sozial isolierten, um einen Schutzring zu bilden, lässt sich kaum unterschätzen. ## Vorsorgen statt improvisieren Was kann ein ambulanter Dienst konkret tun? Fischer unterscheidet mehrere Ebenen: Infektionsschutz mit Information und Anleitung, das Aufrechterhalten der ganz normalen körpernahen Pflege – Mund- und Nasenpflege, Mobilitätsförderung –, das Nachgehen von Infektionsverdachten und die Koordination mit Hausärzt:innen und anderen Akteuren. Genau dieser Koordinations- und Beratungsaufwand ist in Krisenzeiten höher und wird in der Regel nicht vergütet. Organisatorisch empfiehlt die Leitlinie zwei Dinge: einen Pandemieplan und – als zentrale Lehre – einen Kontinuitätsplan. Was passiert, wenn Personal ausfällt? Welche Leistungen lassen sich verschieben, welche haben höchste Priorität? Wie arbeitet man mit Nachbardiensten zusammen, tauscht Personal aus, bildet feste Teams, die sich nicht begegnen, damit ein Krankheitsfall nicht gleich den ganzen Dienst lahmlegt? Vieles davon war im Sommer 2021 erst durch die Pandemie überhaupt möglich geworden. Wichtig ist Fischer: Solche Pläne sind kein Nebenbei-Produkt. Ein kleiner Dienst mit zehn Beschäftigten kann das nicht allein leisten – hier sieht er den öffentlichen Gesundheitsdienst in der Pflicht, der dafür allerdings selbst pflegerische Expertise bräuchte. Eng damit verbunden ist die Frage, wie ein Mensch im Fall einer Covid-Erkrankung versorgt werden möchte – Stichwort Advanced Care Planning. Im Idealfall, so Fischer, setzen sich Hausärzt:in, Pflegedienst und Familie in einer interprofessionellen Fallkonferenz zusammen und stimmen ab, was bei einer Verschlechterung gilt. Das erinnert an die Verlaufskurvenarbeit des Trajektmodells nach Corbin und Strauss – und genau solche Gespräche werden in der Pflegeversicherung bislang nicht vergütet. ## Zu Gast im Leben anderer Menschen Anders als im Krankenhaus oder Heim kommen Pflegefachpersonen in der ambulanten Pflege als Gäste in ein fremdes Zuhause. Sie können nichts anordnen – sie müssen überzeugen, Vertrauen aufbauen, Interessen aushandeln, oft mit mehreren Angehörigen zugleich. In der Pandemie wurde das zur Gratwanderung: Lehnten Familien Schutzmaßnahmen ab, geriet der Selbstschutz der Beschäftigten in Konflikt mit dem Selbstbestimmungsrecht im eigenen Zuhause – im Extremfall bis zur Kündigung des Pflegevertrags. Gerade in den engen „Bubbles" während des Lockdowns waren die Pflegenden für viele zugleich der wichtigste Draht nach draußen. ## Vom Pflegedienst zum Gesundheitszentrum? Müsste man dafür eine Pandemie haben? Nein, sagt Fischer – das meiste gilt ohnehin. Sein Blick reicht deshalb über die Krise hinaus: Er stellt sich die ambulante Versorgung als kommunal verankertes Netz mit festen Bezugspersonen vor, das nicht primär nach Marktlogik funktioniert. Kleine Einzelpflegedienste hält er fürs Gesundheitswesen für keine gute Perspektive; integrierte Strukturen wie Gesundheitszentren, gewachsene Vertrauensbeziehungen und eine echte Mitsprache der Bürger:innen wären sein Ideal. Dieser Gedanke schließt direkt an die Folge zu [Community Health Nursing](https://www.uebergabe.de/ug066/) an – ambulant heißt schließlich, zu den Menschen hinzugehen. Damit verknüpft ist eine größere Debatte: der gesellschaftliche Auftrag der Pflege. Pflege ist ein erwartbarer Bestandteil fast jeder Biografie – sei es, weil wir selbst versorgt werden, sei es, weil wir andere versorgen. Dass dieses Bewusstsein fehlt, hängt für Fischer auch an der Sprache: Während das Englische zwischen Nursing und Care unterscheidet, verschwimmt bei uns alles unter dem einen Wort „Pflege". Den professionellen Auftrag – Leben trotz gesundheitlicher Einschränkung, Prävention – könne aber niemand anders erfüllen als diese Berufsgruppe. Dafür müsse die Pflege ihn aber selbst stärker einfordern, ähnlich wie es der Berufsverband DBfK und andere immer wieder versuchen. ## Eine Leitlinie, die mitwächst Eine bekannte Schwäche von Leitlinien ist, dass ihre Entwicklungszyklen oft Jahre dauern – und sie damit der Realität hinterherlaufen. Genau hier setzt das „Living" der Living Guideline an: Einzelne Empfehlungen, etwa zur persönlichen Schutzausrüstung, lassen sich aktualisieren, ohne das gesamte Verfahren neu zu durchlaufen. Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Sommer 2021 war eine grundlegende Überarbeitung gerade im Gange; perspektivisch, so die Idee, soll daraus eine Art Krisenvorsorge-Leitlinie für die ambulante Pflege werden – von der Pandemie bis zum längeren Stromausfall im Stadtteil, der für Pflegebedürftige zu Hause zur echten Bedrohung werden kann. Wer mehr darüber wissen will, wie Leitlinien überhaupt aufgebaut sind und welche Evidenzstufen es gibt, findet die Grundlagen in einer eigenen Übergabe-Folge. Bleibt die Frage, die Maik am Ende stellte: Würde man in der nächsten Pandemie über dasselbe sprechen? Fischer gibt sich vorsichtig optimistisch. Viele Kernpunkte seien identifiziert – der Umbau des öffentlichen Gesundheitsdienstes, mehr Pflegeexpertise, eine stärkere Aufgabenübertragung an Pflegefachpersonen. Wenn jetzt angepackt wird, könnte die häusliche Versorgung beim nächsten Mal besser dastehen. Eine Erkenntnis sollte uns dabei nicht wieder verloren gehen: dass gute Vorsorge Zeit, Köpfe und Geld braucht – und nicht „nebenbei" zu haben ist. Tipps zur ambulanten Praxis und zum Stabilisieren häuslicher Pflegearrangements lassen sich übrigens auch im Fachbeitrag zum [Stabilisieren häuslicher Pflegearrangements](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/42206-haeusliche-pflegearrangements-stabilisieren?ref=uebergabe.de) nachlesen. Du willst dranbleiben und keine Episode verpassen? Dann folge der [Übergabe auf Instagram](https://www.instagram.com/uebergabe%5Fpodcast/?ref=uebergabe.de) oder höre in den Pausen einfach das [Pflege-Update](https://itunes.apple.com/de/podcast/%C3%BCbergabe-der-podcast/id1446078578?mt=2&ref=uebergabe.de). ## Zum Weiterhören - [ÜG036 – CORONA SPEZIAL #4: Lage in der ambulanten Pflege (T. Jürs)](https://www.uebergabe.de/ug036/) - [ÜG054 – Soziale Teilhabe in Altenpflegeheimen unter Covid-19 in S1-Leitlinie und Survey-Studie (Prof. Dr. Margareta Halek)](https://www.uebergabe.de/ug054/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Informationen Zum Gast - [Twitter-Profil Prof. Dr. Thomas Fischer](https://www.instagram.com/mennfield/?ref=uebergabe.de) (twitter.com) - [Studiengang: "Pflege - Schwerpunkt: Community Health Nursing (CHN)/ Advanced Nursing Practice (ANP)](https://www.ehs-dresden.de/studium/studiengaenge-bewerbung/pflege/pflege-schwerpunkt-community-health-nursing-chnadvanced-nursing-practice-anp-master-berufsbegleitend/eckdaten-des-studiengangs/?ref=uebergabe.de) (ehs-dresden.de) #### Shownotes zur Folge - [S1 Lei](https://www.gesetze-im-internet.de/a%5Fg/?ref=uebergabe.de)[tlinie „Häusliche Versorgung, soziale Teilhabe und Lebensqualität bei Menschen mit Pflegebedürftigkeit im Kontext ambulanter Pflege unter den Bedingungen der COVID19-Pandemie“ ](https://www.awmf.org/uploads/tx%5Fszleitlinien/184-002LGl%5FS1%5FHaeusliche-Versorgung-soziale-Teilhabe-Lebensqualitaet-bei-Menschen-mit-Pflegebedarf-COVID19-Pandemie%5F2021-04%5F1%5F01.pdf?ref=uebergabe.de)(awmf.org) - [Nutzer:innenversion der Leitlinie zur ambulanten Pflege unter Bedingungen der Pandemie erschienen – Was können Pflegebedürftige und ihre Angehörigen von ambulanten Pflegediensten erwarten? ](https://dg-pflegewissenschaft.de/leitlinien-2/?ref=uebergabe.de)(dg-pflegewissenschaft.de) - [S1-Leitlinie zur sozialen Teilhabe veröffentlicht ](https://www.bibliomed-pflege.de/news/s1-leitlinie-zur-sozialen-teilhabe-veroeffentlicht?ref=uebergabe.de)(bibliomed-pflege.de) - [Häusliche Pflegearrangements stabilisieren](https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/42206-haeusliche-pflegearrangements-stabilisieren?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - Coors, M., Jox, R., in der Schmitten, J. \[Hrsg.\] (2015): Advance Care Planning. Von der Patientenverfügung zur gesundheitlichen Vorausplanung. Kohlhammer #### Weitere Shownotes #### In eigener Sache - [Übergabe Mitglied werden](https://uebergabe.de/podcast/abo?ref=uebergabe.de) - [Übergabe bei Instagram](https://www.instagram.com/uebergabe%5Fpodcast/?ref=uebergabe.de) - [Pflegeupdate hören](https://itunes.apple.com/de/podcast/%C3%BCbergabe-der-podcast/id1446078578?mt=2&ref=uebergabe.de) ### Impfpflicht für Gesundheitspersonal / Ausbildungsmodule zur Heilkundeübertragung URL: https://www.uebergabe.de/pu004/ Last updated: 2026-06-13T21:15:42.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 17.07.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Frankreich und Griechenland führen 2021 eine Impfpflicht fürs Gesundheitspersonal ein, Deutschland nicht. - Der Deutsche Ethikrat hält eine berufsbezogene Impfpflicht angesichts hoher Impfquoten für nicht nötig. - Bund und BIBB veröffentlichen erste Ausbildungsmodule zur Übertragung von Heilkunde auf Pflegefachpersonen. In dieser Folge des PflegeUpdates vom 17\. Juli 2021 dreht sich alles um zwei Themen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: die europaweite Debatte um eine Impfpflicht für das Gesundheits- und Pflegepersonal und die neu veröffentlichten Ausbildungsmodule zur Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten auf Pflegefachpersonen. Beide Themen geben wir hier in der Einordnung des damaligen Stands wieder. ## Impfpflicht für Gesundheitspersonal: Frankreich und Griechenland ziehen nach Zum Zeitpunkt der Folge fielen die Impfquoten, während die Fallzahlen wieder stiegen – ein Spannungsfeld, das in mehreren europäischen Ländern eine Debatte über eine verpflichtende Corona-Impfung auslöste. In Italien galt eine solche Impfpflicht für das Gesundheitspersonal bereits seit Ende März 2021\. Im Juli folgten Frankreich und Griechenland. In Frankreich kündigte Präsident Emmanuel Macron an, dass sich alle Mitarbeitenden in Krankenhäusern sowie Alten- und Pflegeheimen bis zum 15\. September 2021 impfen lassen müssten – andernfalls dürften sie nicht weiterarbeiten und würden auch nicht mehr bezahlt. Über dieses [konsequente Vorgehen der französischen Regierung](https://www.tagesschau.de/ausland/europa/frankreich-pflichtimpfung-101.html?ref=uebergabe.de) wurde damals breit berichtet. Griechenland wählte einen ähnlich klaren Kurs: Dort sollte die Impfpflicht ab Mitte August für Beschäftigte in Altenheimen und ab dem 1\. September für alle Mitarbeitenden im Gesundheitsbereich gelten, wobei Beschäftigten ohne Impfung die Suspendierung drohte. Auch die [griechische Regierung erhöhte damals den Druck auf Impfskeptiker:innen](https://www.tagesschau.de/ausland/europa/griechenland-regierung-druck-impfskeptiker-101.html?ref=uebergabe.de). Für viele Pflegefachpersonen stellte sich die Frage, ob ein solches Modell auch in Deutschland kommen würde. Hier wurde eine generelle Impfpflicht zum damaligen Zeitpunkt eher skeptisch gesehen: Die Bundesregierung schloss eine Impfpflicht in dieser Woche zunächst aus. Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Weltärztebundes, hielt dagegen und nannte es gegenüber dem Deutschlandfunk verantwortungslos, wenn medizinisches Personal eine Impfung ablehne; das Nein der Politik zu einer Impfpflicht bewertete er als falsch. Einen [Überblick über die Debatte im Gesundheitswesen](https://www.dw.com/de/corona-pandemie-impfpflicht-im-gesundheitswesen/a-58246532?ref=uebergabe.de) bot damals auch die Berichterstattung über die verschiedenen europäischen Ansätze. Eine andere Position vertrat Alena Buyx, die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. Sie hielt eine berufsbezogene Impfpflicht zu diesem Zeitpunkt für nicht notwendig. Ihre Begründung: Für die meisten vulnerablen Gruppen gebe es andere Schutzmöglichkeiten, und die Impfraten in den sensiblen Berufsgruppen seien in Deutschland deutlich höher als etwa in Frankreich. Der Ethikrat habe eine allgemeine Impfpflicht ausgeschlossen und allenfalls unter sehr eng begrenzten Umständen über berufsbezogene Lösungen nachgedacht – Umstände, die aus ihrer Sicht damals jedoch nicht zutrafen. Diese [Einschätzung der Ethikratsvorsitzenden](https://www.tagesschau.de/inland/impfpflicht-debatte-101.html?ref=uebergabe.de) stützte sich auf vergleichsweise hohe Impfquoten. Untermauert wurde das von Daten des Robert Koch-Instituts. Die Studie COVIMO (COVID-19-Impfquoten-Monitoring in Deutschland) kam zu dem Ergebnis, dass beim medizinischen Personal bereits gut 83 Prozent mindestens einmal und knapp 64 Prozent vollständig geimpft waren. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft ging zudem davon aus, dass rund 90 Prozent der Beschäftigten in Kliniken bereits geimpft seien. Für dich als Pflegefachperson war damit zum damaligen Stand absehbar, dass eine flächendeckende Impfpflicht in Deutschland zunächst nicht zur Debatte stand – auch wenn die Diskussion in den Folgemonaten weiterging. ## Erste Ausbildungsmodule zur Heilkundeübertragung sind veröffentlicht Das zweite Thema betrifft die Erweiterung der pflegerischen Kompetenzen ganz unmittelbar. Am 1\. Juli 2021 gaben das Bundesministerium für Gesundheit und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bekannt, dass die Ausbildungsmodule zur Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten auf Pflegefachpersonen veröffentlicht wurden. Entwickelt wurden sie vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Die [offizielle Mitteilung des Gesundheitsministeriums](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2021/3-quartal/pflegeausbildung-ausbildungsmodule.html?ref=uebergabe.de) ordnete die Module in die laufende Reform der Pflegeausbildung ein. ### Was Heilkundeübertragung überhaupt bedeutet Grundlage ist eine Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) nach § 63 Absatz 3c des Fünften Sozialgesetzbuchs. Darin sind ärztliche Tätigkeiten aufgelistet, die innerhalb von Modellvorhaben an qualifizierte Pflegefachpersonen übertragen werden können. Diese Tätigkeiten beziehen sich auf bestimmte Diagnosen – Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2, chronische Wunden, Demenz (hier ausdrücklich ohne die Palliativversorgung) sowie den Verdacht auf eine Hypertonie (der Schwangerschaftshypertonus ist ausgeschlossen). Hinzu kommen einzelne aufgeführte Maßnahmen wie das Blutabnehmen, das Legen und Überwachen bestimmter Sonden und Katheter, die Verordnung gewisser Medizinprodukte oder die Schmerztherapie. Welche Tätigkeiten dazu zählen, regelt der G-BA in seiner [Richtlinie zur Heilkundeübertragung](https://www.g-ba.de/themen/qualitaetssicherung/weitere-bereiche/weitere-bereiche-heilkundeuebertragung/?ref=uebergabe.de). Wichtig ist die Einschränkung: Die Übertragung dieser Tätigkeiten gilt ausdrücklich nur im Rahmen von Modellvorhaben. Gesetzliche Krankenversicherung und Leistungserbringer entwickeln solche Vorhaben gemeinsam und regeln darin vertraglich, welche Aufgaben übernommen und welche Verantwortlichkeiten getragen werden. Innerhalb dieses Rahmens können entsprechend qualifizierte Pflegefachpersonen als eigenständige Leistungserbringer auftreten und die übertragenen Tätigkeiten selbstständig durchführen – inklusive der fachlichen, wirtschaftlichen und rechtlichen Verantwortung. ### Sechs Module sind genehmigt – drei weitere sollen folgen Neu ist, dass die Bundesregierung zunächst sechs Module genehmigt hat. Es gibt ein standardisiertes Grundmodul und darauf aufbauend fünf Wahlmodule zu den Themen Wundheilung, Diabetes, Hypertonie, Schmerzen und Demenz – also genau die Diagnosen, die auch in der G-BA-Richtlinie verankert sind. Künftig sollen es acht Wahlmodule werden; die drei noch fehlenden sollten inhaltlich nachgereicht werden. Die erweiterten Kompetenzen können sowohl an Pflegeschulen als auch an Hochschulen gelehrt werden und gehen über die Inhalte der generalistischen Pflegeausbildung deutlich hinaus. Die Module sind über das BIBB einsehbar; die [Module für den Erwerb erweiterter heilkundlicher Kompetenzen](https://www.bibb.de/de/139520.php?ref=uebergabe.de) stehen Interessierten online zur Verfügung. Damit wurde ein Baustein nachgeliefert, der lange gefehlt hatte. Die 2019 gestartete Ausbildungsoffensive Pflege sah zeitnahe Modellvorhaben zur Übertragung ärztlicher Tätigkeiten vor. Auch das Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG) verpflichtete die Krankenkassenverbände, solche Modellvorhaben einzurichten – mindestens eines pro Bundesland. Was diese Entwicklung für die Pflegebildung bedeutet, fasst auch der Beitrag zu den [neuen Modulen für die Pflegeausbildung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/uebertragung-von-heilkunde-auf-pflegefachpersonen?ref=uebergabe.de) zusammen. ### Delegation, Substitution und die Frage der Verantwortung In der Diskussion lohnt sich eine klare Abgrenzung zweier Begriffe. Bei der Delegation übernimmt die Pflegefachperson eine ärztlich veranlasste Aufgabe und führt sie stellvertretend aus – das ist bereits gängige Praxis, etwa beim Blutabnehmen oder beim Verabreichen intravenöser Arzneimittel auf ärztliche Anordnung. Bei der Substitution dagegen wird eine heilkundliche Tätigkeit selbstständig und ohne ärztliche Veranlassung von einer entsprechend qualifizierten Pflegefachperson durchgeführt. Im Rahmen eines Modellvorhabens könnte das bedeuten, dass eine Pflegefachperson einen Menschen mit bereits ärztlich diagnostiziertem Diabetes eigenständig betreut, Lebensstiländerungen begleitet und die Medikation mit oralen Antidiabetika oder Insulin steuert. Die Diagnosestellung selbst bleibt dabei ausgeschlossen. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, verwies in der Anhörung zum Gesetz darauf, dass die Delegation ärztlicher Tätigkeiten längst üblich sei, mahnte bei einer Substitution aber an, klar zu regeln, wer am Ende die Verantwortung trägt. Genau das hält die G-BA-Richtlinie fest: Die qualifizierten Pflegefachpersonen übernehmen die fachliche, wirtschaftliche und rechtliche Verantwortung für die ihnen übertragenen Aufgaben. Wie sich diese erweiterten Aufgaben in eine gute interprofessionelle Zusammenarbeit einbetten lassen, war ebenfalls Teil der [fachpolitischen Debatte um die Kompetenzerweiterung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/wagner-plaediert-fuer-interprofessionelle-zusammenarbeit?ref=uebergabe.de). Begleitet wurde das Thema von Forderungen aus der Berufsgruppe selbst. In einer öffentlichen Anhörung des parlamentarischen Begleitgremiums zur COVID-19-Pandemie verlangte der Deutsche Pflegerat (DPR) am 8\. Juli eine stärkere Einbeziehung der Profession Pflege. Christine Vogler betonte, dass die Gesundheitsversorgung ohne die Pflege nicht funktioniere und die Bewältigung der Pandemie auch eine Erweiterung pflegerischer Kompetenzen samt Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten brauche – als Beispiele nannte sie Community Health Nurses und pflegerische Gesundheitsexpert:innen in Kitas und Schulen. Diese [Position des Deutschen Pflegerats](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dpr-fordert-krisenbewaeltigung-nur-noch-mit-profession-pflege?ref=uebergabe.de) machte deutlich, wie eng die Module mit einer grundsätzlichen Aufwertung des Berufs verknüpft sind. Für dich heißt das: Mehr Verantwortung ist seit Langem eine Forderung der Pflege – aber sie muss von den Pflegefachpersonen auch gewollt sein. Ob die Heilkundeübertragung der richtige Weg ist, den Beruf aufzuwerten, oder ob stattdessen die originär pflegerischen Tätigkeiten stärker in den Vordergrund rücken sollten, blieb zum Zeitpunkt der Folge eine offene und durchaus kontrovers diskutierte Frage. ## Zum Weiterhören - [ÜG164 – Übertragung von arztentlastenden Tätigkeiten](https://www.uebergabe.de/ug164/) - [ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug145/) - [ÜG062 – Corona-Impfung im Fokus der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug062/) --- ## Quellen - [Corona-Pandemie: Impfpflicht im Gesundheitswesen | DW | 12.07.2021](https://www.dw.com/de/corona-pandemie-impfpflicht-im-gesundheitswesen/a-58246532?ref=uebergabe.de) (dw.com) - [„Wir haben viel bessere Impfraten“](https://www.zdf.de/nachrichten/zdf-morgenmagazin/wir-haben-viel-bessere-impfraten-ethikrat-corona-impfmoral-100.html?ref=uebergabe.de) (zdf.de) - [Ethikratsvorsitzende: Berufsbezogene Impfpflicht nicht nötig](https://www.tagesschau.de/inland/impfpflicht-debatte-101.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) - [Frankreich führt Impfpflicht für Gesundheitspersonal ein](https://www.tagesschau.de/ausland/europa/frankreich-pflichtimpfung-101.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) - [Die griechische Regierung macht Druck auf Impfskeptiker](https://www.tagesschau.de/ausland/europa/griechenland-regierung-druck-impfskeptiker-101.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) - [Heilkundeübertragung: Modellvorhaben zur Übertragung ärztlicher Tätigkeiten an ausgebildete Pflegekräfte – Gemeinsamer Bundesausschuss](https://www.g-ba.de/themen/qualitaetssicherung/weitere-bereiche/weitere-bereiche-heilkundeuebertragung/?ref=uebergabe.de) (g-ba.de) - [Ausbildungsoffensive Pflege ](https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/aeltere-menschen/berufsfeld-pflege/ausbildungsoffensive-pflege/ausbildungsoffensive-pflege--132444?ref=uebergabe.de)(bmfsfj.de) - [Neue Module für die Pflegeausbildung – Übertragung von Heilkunde auf Pflegefachpersonen](https://www.bibliomed-pflege.de/news/uebertragung-von-heilkunde-auf-pflegefachpersonen?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Kompetenzerweiterungen für Pflegefachpersonen – Wagner plädiert für interprofessionelle Zusammenarbeit](https://www.bibliomed-pflege.de/news/wagner-plaediert-fuer-interprofessionelle-zusammenarbeit?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Substitution & Delegation](https://qualifikationsmix-pflege.de/kooperation/substitution-delegation?ref=uebergabe.de) (qualifikationsmix-pflege.de) - [Standardisierte Module zum Erwerb erweiterter Kompetenzen zur Ausübung heilkundlicher Aufgaben](https://www.bibb.de/dokumente/pdf/2021-07-01%5FPflegeausbildung%5FModule%5Ferweiterte%5FKompetenzen%5Fgenehmigte%5FVorabfassung.pdf?ref=uebergabe.de) (bibb.de) - [Pflegeausbildung – Module für den Erwerb erweiterter heilkundlicher Kompetenzen sind online](https://www.bibb.de/de/139520.php?ref=uebergabe.de) (bibb.de) - [COVID-19 Impfquoten-Monitoring in Deutschland (COVIMO)](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Projekte%5FRKI/COVIMO%5FReports/covimo%5Fstudie%5Fbericht%5F5.pdf) - [Ausbildungsmodule für heilkundliche Tätigkeiten von Pflegefachpersonen…](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/125232/Ausbildungsmodule-fuer-heilkundliche-Taetigkeiten-von-Pflegefachpersonen-genehmigt?ref=uebergabe.de)(aerzteblatt.de) - [Pflegeausbildung: Ausbildungsmodule zur Übertragung von Heilkunde auf Pflegefachpersonen veröffentlicht](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2021/3-quartal/pflegeausbildung-ausbildungsmodule.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Umgang mit künftigen Pandemien – DPR fordert Krisenbewältigung nur noch mit Profession Pflege](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dpr-fordert-krisenbewaeltigung-nur-noch-mit-profession-pflege?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) ### Zeitarbeit in der Pflege (Matthias Menne) URL: https://www.uebergabe.de/ug076/ Last updated: 2026-06-17T08:44:44.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 10.07.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Zeitarbeit beruht auf einer Dreiecksbeziehung und ist streng durchs Arbeitnehmerüberlassungsgesetz reguliert. - Rund 2 Prozent aller Pflegefachpersonen arbeiteten Ende 2019 in der Zeitarbeit. - Die meisten wechseln aus Unzufriedenheit mit der Festanstellung, nicht aus Eigennutz. - Statt Verbot fordert der Gast klare Qualitätsregeln, Einarbeitungspflichten und Lohnobergrenzen. - Zeitarbeit ist ein Flexibilisierungsinstrument – kein Werkzeug zur Qualitätssteigerung. Kaum ein Thema sorgt in der Pflege so zuverlässig für hochgezogene Augenbrauen wie die Zeitarbeit. Die einen sehen darin eine Rettungsleine in Zeiten des Personalmangels, die anderen einen Brandbeschleuniger für ein ohnehin schon brennendes System. Zu Gast im Übergabe-Podcast war diesmal jemand, der beide Welten kennt: Matthias Menne, gelernter Altenpfleger, studierter Pflegewissenschaftler und heute Geschäftsführer eines auf Pflege spezialisierten Zeitarbeitsunternehmens in Nordrhein-Westfalen mit rund 600 Beschäftigten. Das Gespräch war streckenweise streitlustig – und genau deshalb so erhellend. ## Leiharbeit, Zeitarbeit, Personalleasing – was denn nun? Bevor es ans Eingemachte geht, lohnt ein Blick auf die Begriffe. Im Volksmund kursieren Zeitarbeit, Leiharbeit, Personalleasing oder Personaldienstleistung munter durcheinander. Juristisch korrekt handelt es sich um Arbeitnehmerüberlassung, denn gehandelt wird nach dem [Arbeitnehmerüberlassungsgesetz](https://www.gesetze-im-internet.de/a%5Fg/?ref=uebergabe.de). Der entscheidende Unterschied zur klassischen Festanstellung ist die sogenannte Dreiecksbeziehung: Arbeitgeber ist nicht die Einrichtung, in der tatsächlich gearbeitet wird, sondern die Zeitarbeitsfirma. Sie schließt einen Arbeitsvertrag – im besten Fall tarifgebunden – und überlässt die Fachkraft dann an den Einsatzort, wo diese am Bett steht. Dieses Konstrukt ist alles andere als ein rechtsfreier Raum. Zeitarbeitsunternehmen werden regelmäßig von der zuständigen Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit geprüft – anfangs jährlich, später in größeren Abständen. Geprüft wird, ob Mitarbeitende pünktlich entlohnt werden, ob Überstundenkonten korrekt geführt, das Arbeitszeitgesetz eingehalten und Urlaubsansprüche richtig gesetzt werden. Man könnte sagen: Was für Pflegeheime die Heimaufsicht ist, ist für die Zeitarbeit diese Kontrollinstanz. ## Warum Menschen ihre Festanstellung aufgeben Spannend wird es bei der Frage, warum sich Pflegefachpersonen überhaupt für die Zeitarbeit entscheiden. Menne nennt mehrere Gründe: mehr Mitsprache beim Dienstplan, deutlich weniger Überstunden, die Freiheit, nicht dauerhaft an einen Arbeitsplatz gebunden zu sein, eine flexiblere Urlaubsplanung – und nicht zuletzt eine bessere Bezahlung samt Zusatzleistungen. Gerade für junge Berufseinsteiger:innen kann das Durchwandern verschiedener Einsatzorte auch zur Orientierung beitragen. Doch der eigentliche Kern liegt tiefer. Die wenigsten gehen in die Zeitarbeit, um sich einen Vorteil zu verschaffen – sie gehen, weil sie in der Festanstellung im Gesamtpaket unzufrieden sind. Genau hier setzte Menne einen Gedanken, der das ganze Gespräch durchzog. > *„Wir reden darüber, dass Menschen ihre Festanstellung aufgeben, um in der Zeitarbeit zu arbeiten – in einer Branche, in der wir keine Arbeitslosigkeit, sondern einen Mitarbeitermangel haben. Diese Frage sollte aggressiv machen." — Matthias Menne* Mit anderen Worten: Nicht über die Zeitarbeit müsse man diskutieren, sondern über das System, das so viele Pflegende in die Flucht treibt. Laut den von Menne genannten Zahlen der [Statistik zu Zeitarbeitnehmenden in der Pflege](https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1091074/umfrage/zeitarbeitnehmer-bei-krankenpflegekraeften-in-deutschland/?ref=uebergabe.de) arbeiteten Ende 2019 etwa zwei Prozent aller Pflegefachpersonen in der Zeitarbeit – ein vergleichsweise kleiner Anteil, über den oft ein viel größeres Tier gemacht wird, als es eigentlich ist. ## Wenn die Qualifikation auf der Strecke bleibt Ein häufiges Gegenargument: In kurzen Einsätzen lässt sich das eigene Qualifikationsniveau gar nicht voll ausspielen. Wer nur wenige Wochen auf einer Intensivstation ist, kennt weder die Wege im Haus noch alle Abläufe und kann bestimmte Aufgaben schlicht nicht übernehmen. Co-Host Eva brachte diese Sorge aus Sicht der Festangestellten auf den Punkt – und Menne widersprach gar nicht grundsätzlich. Im Gegenteil: Für ihn ist es ein klares No-Go, wenn jemand in die Zeitarbeit wechselt, um Verantwortung loszuwerden. Sitzt eine Fachkraft bei ihm am Tisch und erklärt, sie wolle künftig nichts mehr mit Pflegeplanung oder der strukturierten Informationssammlung zu tun haben, argumentiert er dagegen. Sein Standpunkt: Sein Qualifikationsniveau über Bord zu werfen, ist nicht Sinn und Zweck der Zeitarbeit. Wie ernst er das meint, zeigte er an der Geschichte einer Mitarbeiterin, die massiv unter dem Verantwortungsdruck litt. Statt sie nur kurzfristig zu entlasten, führte das Unternehmen sie über rund anderthalb Jahre behutsam zurück – zeitweise als Pflegehilfskraft, begleitet von Beratung, später wieder in voller Fachverantwortung. > *„Es ist eine Arbeitgeberverantwortung, solche Probleme bei den eigenen Mitarbeitenden zu erkennen und im Sinne der Personalentwicklung damit umzugehen." — Matthias Menne* ## Flexibilität ist nicht gleich Wunschdienstplan Ein weiteres hartnäckiges Bild: Zeitarbeitende suchten sich ihre Dienste einfach selbst aus und ließen die Stammbelegschaft mit den ungeliebten Schichten zurück. Auch hier wird Menne deutlich. Wer als frisch examinierte Fachkraft keine Feiertage, keine Wochenenden und keine Nachtdienste machen wolle, sei schlicht im falschen Beruf. Flexibilität bedeute eben nicht, dass sich jemand den Dienstplan selbst schreibt. Was Zeitarbeit aus seiner Sicht wirklich besser könne, sei das Eingehen auf Lebenssituationen. Sein Beispiel: Eine alleinerziehende Mutter, die nur Frühdienste und jedes zweite Wochenende arbeiten konnte, wurde von einer Einrichtung als Bewerberin abgelehnt – und dann über sein Unternehmen genau dort über Monate eingesetzt. Dass eine Einrichtung dieselbe Person fest nicht einstellt, aber über die Zeitarbeit gerne nimmt, sagt viel über die strukturellen Probleme aus. Auch die [gewerkschaftliche Perspektive auf Leiharbeit](https://gesundheit-soziales.verdi.de/themen/leiharbeit?ref=uebergabe.de) verweist auf solche Spannungen zwischen Stamm- und Leihbelegschaft. Kritisch wird Menne dort, wo manche Anbieter mit fragwürdigen Versprechen werben – etwa mitten in der Pandemie damit, dass man nicht auf einer Covid-Station arbeiten müsse, ohne dass medizinische Gründe vorlägen. Das löse, sagt er, auch bei ihm als Pflegefachmann Widerstand aus: Eine Pandemie gehöre nun einmal zum Job. ## Warum Einrichtungen überhaupt zur Zeitarbeit greifen Zeitarbeit ist für Einrichtungen grundsätzlich teurer als eine Festanstellung – allerdings, so Menne, nicht in dem Maße, wie oft angenommen. Denn die Einrichtung bezahlt ausschließlich produktive Stunden: keine Urlaubs- und Krankheitsstunden, keine Lohnnebenkosten, kein Onboarding, kein Recruiting, keine Lohnabrechnung, keine Verwaltung. Meldet sich eine Person morgens krank, hat das Unternehmen die Ausfallstunden auf der Payroll – die Einrichtung null Euro auf der Rechnung. Dazu kommt der strategische Aspekt: Einrichtungen halten sich mit einem gewissen Anteil flexibel, um auf schwankende Belegung reagieren zu können. Und nicht zuletzt gibt es Häuser, die schlicht schlecht geführt sind, kaum Personal finden und erst recht keines halten – sie sind oft die Dauerkund:innen der Zeitarbeit. Dass die Mitarbeitenden dann häufig ohne Einarbeitung dastehen, hält Menne weder für die Schuld der Zeitarbeit noch der Person selbst. Sein Unternehmen vereinbart vertraglich kostenlose Einarbeitungstage – nur löst die Einrichtung diese Zusagen oft nicht ein und drückt der neuen Kraft stattdessen einen Laufzettel in die Hand. ## Equal Pay, 18 Monate und drei Monate Pause Damit nicht der Eindruck entsteht, hier ließe sich ungebremst Geld verdienen, lohnt ein Blick auf die Regeln. Nach neun Monaten im selben Einsatz greift Equal Pay: Das Unternehmen muss prüfen, ob die Person in der Einrichtung mehr verdienen würde, und gegebenenfalls ausgleichen. Nach maximal 18 Monaten Überlassungsdauer ist Schluss – es sei denn, die Einrichtung übernimmt fest. Will weder Mitarbeiter:in noch Einrichtung das, endet der Einsatz, und nach drei Monaten Pause beginnt das Spiel von vorn. Menne räumte offen ein, dass manche Kund:innen lieber den Einsatz abbrechen und eine neue Person anfordern, als beim Equal-Pay-Vergleich die Karten offenzulegen. ## Das geplante Verbot in Berlin Ein zentraler Aufhänger der Episode war die damalige Debatte um ein Verbot der Zeitarbeit in der Pflege. Die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci hatte sich – mit Verweis auf steigende Kosten und Qualitätsbedenken – dafür ausgesprochen. Über eine entsprechende [Bundesratsinitiative aus Berlin](https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/berlin-will-zeitarbeit-in-der-pflege-verbieten-16457544.html?ref=uebergabe.de) sowie eine geplante [Lohnbegrenzung für Pflege-Leiharbeitende](https://www.tagesspiegel.de/politik/reaktion-auf-drohendes-verbot-lohnbegrenzung-fuer-pflege-leiharbeiter-in-berlin/25462514.html?ref=uebergabe.de) wurde damals breit diskutiert; der genaue Wortlaut findet sich im [Antrag des Landes Berlin](https://www.uebergabe.de/content/files/SharedDocs/drucksachen/2020/0101-0200/103-20.pdf). Menne hält ein pauschales Verbot für den falschen Weg – schon weil die verfassungsmäßig garantierte freie Berufswahl im Weg stehe. Vor allem aber widerspricht er der Vorstellung, Zeitarbeit sei selbst das Symptom einer kranken Pflege. > *„Wir müssen in einem flexiblen System – und das Gesundheitswesen ist ein flexibles System – auch flexible Arbeitsmodelle haben. Zeitarbeit kann ein solches Modell sein, wenn sie vernünftig, fachlich und vor allem reguliert umgesetzt wird." — Matthias Menne* Symptom sei nicht die Zeitarbeit an sich, sondern die Zahl der Menschen, die freiwillig aus den Einrichtungen flüchten. Die Diskussion über ein Verbot findet Menne dennoch wertvoll – weil sie zwingt, Probleme auf allen Seiten der Dreiecksbeziehung offen auf den Tisch zu legen. ## Regulieren statt verbieten Statt eines Verbots fordert Menne klare Spielregeln: eine Qualitätsregelung, nach der Zeitarbeitsfirmen bis in die oberste Führungsebene Pflegeexpertise nachweisen müssen – so wie in einem ambulanten Pflegedienst auch kein Bankkaufmann den Dienstplan schreibt. Dazu verpflichtende, nachweisbare Einarbeitungskonzepte für beide Seiten, Preis- und Lohnobergrenzen gegen das Auseinanderdriften der Verdienste sowie eine eigene tarifliche Regulierung für den Pflegebereich – weg von der Gleichbehandlung mit Lager- und Industriearbeit. Besonders kritisch sieht er den wachsenden Wildwuchs an eigenen Flexi-Pools und Servicegesellschaften großer Trägerschaften. Dort werde mit denselben Versprechen geworben wie in der Zeitarbeit – nur völlig ohne gesetzliche Regulierung. Kleine Träger mit zwei Häusern könnten sich solche Pools ohnehin nicht leisten, was die Ungleichheit eher vergrößere. Sein Credo: Krankenhäuser sollen Krankenpflege machen, Altenheime Altenpflege – und spezialisierte Anbieter flexible Personallösungen, streng reguliert. Klar ist für Menne aber auch: Zeitarbeit ist kein Instrument, um die Qualität der Pflege in Deutschland nach vorn zu bringen. Sie sei ein quantitatives Werkzeug zum Nachjustieren – nicht mehr und nicht weniger. Seine Prognose fällt nüchtern aus: Ohne Eingreifen drehe sich die aktuell ungesunde Spirale aus immer höheren Löhnen, Willkommensprämien und Dienstwagen weiter nach oben. Sein Wunsch dagegen ist Demut auf allen Seiten – und ein gut reguliertes Flexibilisierungsinstrument, das dem System nützt, statt es zu beschädigen. ## Zum Weiterhören - [ÜG162 – Flexible Arbeitszeiten in der Langzeitpflege (Lena-Marie Wirth & Helmut Wallrafen)](https://www.uebergabe.de/ug162/) - [ÜG137 – 4-Tage-Woche in der Pflege (Henrik van Gellekom)](https://www.uebergabe.de/ug137/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Informationen Zum Gast - [Instagram Profil von Matthias Menne](https://www.instagram.com/mennfield/?ref=uebergabe.de) (Instagram.com) - [Pflegestufe Rot - Applaus reicht nicht aus!](https://www.youtube.com/watch?v=unGx2JLUIU0&feature=youtu.be&ref=uebergabe.de) (youtu.be) - [PflegeKLUB – Die gepflegte Runde auf CLUBHOUSE](https://pflegeklub.net/?ref=uebergabe.de) (pflegeklub.net) - [Instagram Profil vom PflegeKLUB](https://www.instagram.com/pflegeklub/?ref=uebergabe.de) (Instagram.com) ### Shownotes zur Folge - [Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG)](https://www.gesetze-im-internet.de/a%5Fg/?ref=uebergabe.de) (gesetze-im-internet.de) - [Leiharbeit in der Pflege](https://gesundheit-soziales.verdi.de/themen/leiharbeit?ref=uebergabe.de) (gesundheit-soziales.verdi.de) - [Kommt das Verbot der Leiharbeit in der Pflege? Und warum jetzt? – Expertenforum Arbeitsrecht (#EFAR)](https://efarbeitsrecht.net/kommt-das-verbot-der-leiharbeit-in-der-pflege-und-warum-jetzt/?ref=uebergabe.de) (efarbeitsrecht.net) - [Flexibilisierung und Leiharbeit in der Pflege](https://www.boeckler.de/pdf/p%5Farbp%5F215.pdf?ref=uebergabe.de) (boeckler.de) - [Leih- und Zeitarbeit in der Intensivpflege](https://link.springer.com/article/10.1007/s00063-020-00753-5?error=cookies%5Fnot%5Fsupported&code=a4bf1bfc-3d89-4af0-96c8-13620540f747&ref=uebergabe.de) (link.springer.com) - [Zeitarbeitnehmer bei Krankenpflegekräften in Deutschland 2019 | Statista](https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1091074/umfrage/zeitarbeitnehmer-bei-krankenpflegekraeften-in-deutschland/?ref=uebergabe.de) (de.statista.com) - [Wie steht es mit der Berliner Initiative "Verbot von Leiharbeit in der Pflege"?](https://www.iq-z.de/2020/11/13/wie-steht-es-mit-der-berliner-initiative-verbot-von-leiharbeit-in-der-pflege/?ref=uebergabe.de) (iq-z.de) - [Lohnbegrenzung für Pflege-Leiharbeiter in Berlin](https://www.tagesspiegel.de/politik/reaktion-auf-drohendes-verbot-lohnbegrenzung-fuer-pflege-leiharbeiter-in-berlin/25462514.html?ref=uebergabe.de) (tagesspiegel.de) - [AWO fordert Verbot von Leiharbeit in der Pflege](https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2020/09/awo-brandenburg-verbot-leiharbeit-pflege-altenpflege-.html?ref=uebergabe.de) (rbb24.de) - [Bundesratsinitiative: Berlin will Zeitarbeit in der Pflege verbieten](https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/berlin-will-zeitarbeit-in-der-pflege-verbieten-16457544.html?ref=uebergabe.de) (faz.net) - [Antrag des Landes Berlin: Entschließung des Bundesrates - Die Situation in allen Bereichen der Pflege spürbar verbessern - Kein Ersatz von festangestellten Pflegekräften durch Leiharbeitskräfte](https://www.uebergabe.de/content/files/SharedDocs/drucksachen/2020/0101-0200/103-20.pdf) (bundesrat.de) - [Für Visionärinnen und Visionäre in der Pflegepraxis und Pflegeforschung](https://www.uni-wh.de/studium/studiengaenge/pflegewissenschaft-msc/?ref=uebergabe.de) (uni-wh.de) - [Für Pionierinnen und Pioniere in lokaler Gesundheits- und Primärversorgung ](https://www.uni-wh.de/studium/studiengaenge/community-health-nursing-m-sc/?ref=uebergabe.de)(uni-wh.de) ### Forderungen des DPR / Neue Studien zum Personalmangel / ausländische Pflegekräfte in der häuslichen Versorgung URL: https://www.uebergabe.de/pu003/ Last updated: 2026-06-13T21:15:42.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 03.07.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Deutsche Pflegerat stellt sieben Forderungen an die kommende Bundesregierung. - Neue Studien zeigen stark steigenden Bedarf an Pflegefachpersonen und eine wachsende Personallücke. - Das Bundesarbeitsgericht spricht ausländischen Betreuungskräften Mindestlohn auch für Bereitschaftszeiten zu. In dieser Folge des PflegeUpdates haben wir das Format verändert: Statt eines großen Schwerpunkts blicken wir auf drei eigenständige Meldungen. Es geht um die Forderungen des Deutschen Pflegerats vor der Bundestagswahl, um neue Studien zum Personalmangel und um ein Grundsatzurteil zur Bezahlung ausländischer Betreuungskräfte. Alle Angaben beziehen sich auf den Stand Anfang Juli 2021. ## Sieben Forderungen des Deutschen Pflegerats an die kommende Bundesregierung Passend zur Bundestagswahl, die damals für September 2021 anstand, hat der Deutsche Pflegerat (DPR) Forderungen an die nächste Bundesregierung gestellt. Der DPR vertritt als Bundesarbeitsgemeinschaft und Dachverband seit 1998 die maßgeblichen Berufsverbände des Pflege- und Hebammenwesens in Deutschland. Seine damalige Präsidentin Christine Vogler zog in der Bilanz eine ernüchternde Linie: Die Legislaturperiode sei mit hohem Engagement gestartet, die pflegepolitischen Ergebnisse fielen jedoch enttäuschend aus. Konkret kritisierte der DPR, dass die zentralen Ziele nicht erreicht wurden – weder spürbar höhere Löhne noch bessere Arbeitsbedingungen, und auch keine ausreichende Erhöhung der Ausbildungskapazitäten. Damit blieben aus Sicht des Verbands die Vorhaben der [Konzertierten Aktion Pflege](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/konzertierte-aktion-pflege.html?ref=uebergabe.de) unerfüllt. In diesem Bündnis hatten die zuständigen Bundesministerien 2019 vereinbart, mehr Personal zu gewinnen, die Bezahlung etwa über flächendeckende Tarifverträge und Mindestlöhne zu verbessern, den Ost-West-Unterschied anzugleichen und den Beruf durch die Übertragung heilkundlicher Aufgaben sowie moderne Technik attraktiver zu machen. Einiges davon floss zwar in die kurz zuvor beschlossene Pflegereform ein – deren Umsetzung blieb aber umstritten. Die [sieben Forderungen des DPR](https://www.bibliomed-pflege.de/news/7-forderungen-des-dpr-an-die-naechste-bundesregierung?ref=uebergabe.de) setzen genau hier an. Gefordert wurden: eine gestärkte berufliche Selbstverwaltung auf Bundes- und Landesebene, also die Etablierung von Pflegeberufekammern, bei denen es zuletzt durch landespolitische Widerstände Rückschritte gegeben hatte; die feste, stimmberechtigte Einbindung der Pflege in die Entscheidungsgremien des Gesundheitssystems, etwa im Gemeinsamen Bundesausschuss; die tatsächliche Umsetzung der Personalbemessung im Krankenhaus über die PPR 2.0; eine zeitnahe Personalbemessung in der Langzeitpflege, die in der Pflegereform auf dem – ebenfalls kritisch diskutierten – Gutachten von Heinz Rothgang beruht; neue Kompetenzen und mehr Autonomie für die Gesundheitsberufe; ein massiver Ausbau der Pflegestudienplätze; sowie Einstiegslöhne von 4.000 Euro für Pflegefachpersonen in allen Arbeitsbereichen. Für dich als Pflegefachperson sind diese Punkte wenig überraschend – sie decken sich weitgehend mit den Forderungen, die rund um den Internationalen Tag der Pflegenden formuliert wurden. Gerade die Wiederholung zeigt aber, wie hartnäckig die Probleme sind. Beim Thema Pflegestudienplätze wurde besonders deutlich, wie dünn das hochschulische Angebot ist: Nach der Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät in Vallendar fehlen Menschen, die sich zusätzlich akademisch qualifizieren wollen, schlicht die Möglichkeiten. ## Neue Studien: stark steigender Bedarf und wachsende Personallücke Zur zweiten Meldung passt der Befund nahtlos: Mehrere aktuelle Auswertungen lieferten neue Zahlen zur Personalsituation. Der [DEKRA-Arbeitsmarkt-Report 2021](https://www.dekra-akademie.de/media/dekra-arbeitsmarkt-report-2021.pdf?ref=uebergabe.de) untersuchte rund 12.000 Stellenangebote und schaute, in welchen Bereichen Pflegepersonal besonders gefragt ist, welche Qualifikationen verlangt werden und was Arbeitgeber:innen zu investieren bereit sind. Das Ergebnis war erwartbar, aber dennoch alarmierend: Die Nachfrage nach Pflegefachpersonen ist deutlich gestiegen. Im Ranking der untersuchten Berufsgruppen rückten die Altenpflegefachpersonen auf Platz zwei und die Gesundheits- und Krankenpfleger:innen auf Platz drei vor. Der Sprung ist erheblich – im Vorjahr lagen dieselben Gruppen noch auf den Plätzen sieben und 13. Wie ernst die Lage perspektivisch ist, zeigt eine Meta-Analyse, die das Brandenburger Sozialministerium damals vorstellte. Demnach [gehen Brandenburg bis 2030 die Pflegenden aus](https://www.springerpflege.de/altenpflege/brandenburg-gehen-die-pflegenden-aus/19282214?ref=uebergabe.de): Rund 44.000 Pflegefachpersonen sollten bis dahin allein in diesem Bundesland in Rente gehen. Dem standen im Vorjahr nur etwa 1.300 Personen gegenüber, die in Brandenburg eine Pflegeausbildung begonnen hatten – und in dieser Zahl sind die Abbrüche während der Ausbildung noch nicht einmal berücksichtigt. Eine Personallücke dieser Größenordnung lässt sich innerhalb von zehn Jahren kaum aus eigener Kraft schließen. ## Bundesarbeitsgericht: Mindestlohn für ausländische Betreuungskräfte – auch in Bereitschaftszeiten Wenn es darum geht, solche Engpässe zu überbrücken, fällt schnell der Blick auf angeworbenes Personal aus dem Ausland. Daran knüpft die dritte Meldung an – mit einem wegweisenden Fall: Das Bundesarbeitsgericht entschied am 24\. Juni 2021 in Erfurt, dass ausländischen Pflege- und Betreuungskräften der gesetzliche Mindestlohn zusteht. Entscheidend ist, dass dies [nicht nur für die aktive Arbeitszeit, sondern auch für Bereitschaftszeiten gilt](https://www.tagesschau.de/inland/bag-zu-mindestlohn-auslaendische-pflege-101.html?ref=uebergabe.de). Gerade in der sogenannten 24-Stunden-Betreuung ist das zentral, weil Betreuungskräfte tagsüber unterstützen, nachts aber häufig dauerhaft abrufbereit sein müssen. Hintergrund war die Klage einer bulgarischen Sozialassistentin, die über eine bulgarische Vermittlungsfirma angestellt und 2015 nach Deutschland vermittelt worden war. Nach eigenen Angaben war sie an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr für eine 90-jährige Person zuständig – im Vertrag standen jedoch nur 30 Wochenstunden bei rund 950 Euro Nettolohn. Wie hoch die Nachzahlung der Vermittlungsfirma ausfallen muss, sollte erneut das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg klären. Das Urteil gilt als Grundsatzentscheidung. Entsprechend deutlich fielen die Reaktionen aus. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz mit ihrem Vorstand Eugen Brysch erwartete erhebliche Probleme in der häuslichen Versorgung und warf der Politik vor, die bestehenden Dumpinglöhne lange gekannt zu haben. Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, sprach gegenüber der Funke Mediengruppe von dramatischen Folgen für die häusliche Pflege. Klar ist: Für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen kann das Urteil hohe zusätzliche Kosten bedeuten. Genauso wichtig ist aber die andere Seite. Der Bundesverband der Betreuungsdienste und das Deutsche Institut für Menschenrechte beklagen teils rechtlich nicht haltbare Arbeitsbedingungen: Die überwiegend weiblichen Betreuungskräfte verdienen wenig, sind rund um die Uhr eingebunden, haben teils keinen Urlaubsanspruch und kaum Privatsphäre. Die ver.di-Vorständin Sylvia Bühler ordnete das Urteil als Bestätigung der [Kritik am Modell der 24-Stunden-Pflege](https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++759b76cc-d4f3-11eb-aa0a-001a4a16012a?ref=uebergabe.de) ein und verwies darauf, dass viele Familien überhaupt nur deshalb auf solche Arrangements angewiesen seien, weil das offizielle Versorgungssystem keine ausreichende Unterstützung biete. Damit wird deutlich, worauf die ambulante Versorgung in vielen Fällen aufbaut – und welche strukturelle Lücke das Urteil sichtbar macht. ## Zum Weiterhören - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) - [ÜG046 – Rekrutierung aus dem Ausland (Thorsten Kiefer)](https://www.uebergabe.de/ug046/) --- ## Quellen - [Konzertierte Aktion Pflege: Erster Bericht vorgelegt](https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/konzertierte-aktion-pflege-erster-bericht-vorgelegt-162346?ref=uebergabe.de) (bmfsfj.de) - [Konzertierte Aktion Pflege | Deutsche Krankenhausgesellschaft e. V.](https://www.dkgev.de/themen/personal-weiterbildung/konzertierte-aktion-pflege/?ref=uebergabe.de) (dkgev.de) - [Homepage des DPR](https://deutscher-pflegerat.de/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Bilanz zur Pflegepolitik – 7 Forderungen des DPR an die nächste Bundesregierung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/7-forderungen-des-dpr-an-die-naechste-bundesregierung?ref=uebergabe.de)(bibliomed-pflege.de) - [Ziele nicht erreicht – DPR bekräftigt Forderungen an Politik ](https://www.springerpflege.de/politik/pflegerat/-dpr-bekraeftigt-forderungen-/19289834?ref=uebergabe.de)(springerpflege.de) - [Letzte Sitzungswoche des Bundestages. Deutscher Pflegerat zieht Bilanz der Regierungspolitik](https://deutscher-pflegerat.de/2021/06/23/letzte-sitzungswoche-des-bundestages-deutscher-pflegerat-zieht-bilanz-der-regierungspolitik/?ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Bundesarbeitsgericht: Mindestlohn für ausländische Pflegekräfte](https://www.tagesschau.de/inland/bag-zu-mindestlohn-auslaendische-pflege-101.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) - [24-Stunden-Betreuung – Ausländischen Pflegenden steht Mindestlohn zu](https://www.bibliomed-pflege.de/news/auslaendischen-pflegenden-steht-mindestlohn-zu?ref=uebergabe.de)(bibliomed-pflege.de) - [Ausländische Pflegekräfte können jetzt auf Mindestlohn pochen](https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/auslaendische-pflegekraefte-koennen-jetzt-auf-mindestlohn-pochen,SbGKtCc?ref=uebergabe.de) (br.de) - [Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts: ver.di sieht Kritik am Modell der „24-Stunden-Pflege“ bestätigt](https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++759b76cc-d4f3-11eb-aa0a-001a4a16012a?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [Arbeitsmarkt-Report 2021](https://www.dekra-akademie.de/media/dekra-arbeitsmarkt-report-2021.pdf?ref=uebergabe.de) (dekra-akademie.de) - [Brandenburg gehen die Pflegenden aus](https://www.springerpflege.de/altenpflege/brandenburg-gehen-die-pflegenden-aus/19282214?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [Ergebnisse der Konzertierten Aktion Pflege](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/konzertierte-aktion-pflege.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Bundesarbeitsgericht: Mindestlohn für ausländische Pflegekräfte](https://www.tagesschau.de/inland/bag-zu-mindestlohn-auslaendische-pflege-101.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) ### Klima, Pflege und Gesundheit (Jessica Esser & David Vogel) URL: https://www.uebergabe.de/ug075/ Last updated: 2026-06-17T19:52:50.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 26.06.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Klimawandel ist auch eine Gesundheitskrise – Pflege ist direkt betroffen. - Hitze führt zu Exsikkose, Delir, längeren Liegezeiten und mehr Fehlern im Team. - Der Gesundheitssektor verursacht rund 4,4 % der Emissionen in Industrieländern. - Pflegefachpersonen haben durch Zahl und Vertrauen großen Einfluss. - Klimaschutz bringt Co-Benefits: gesündere Menschen, bessere Luft, mehr Sinn. Heiße Sommernächte, in denen es nicht mehr abkühlt. Ältere Menschen, die zu Hause vergessen zu trinken. Pflegeteams, die in 30 Grad warmen Zimmern Fehler machen, obwohl die Arbeit eigentlich weniger ist als sonst. Klingt das nach Zukunftsmusik? Ist es nicht. In dieser Folge des Übergabe-Podcasts sprechen Jessica Esser und David Vogel von [Health for Future](https://healthforfuture.de/?ref=uebergabe.de) darüber, warum der Klimawandel längst im Pflegealltag angekommen ist – und warum ausgerechnet die Pflege eine Schlüsselrolle dabei spielen kann, gegenzusteuern. ## Wenn aus Klimaschutz plötzlich Pflege wird Lange galt das Thema Klima als Sache der Schüler:innen, der Wissenschaft, der Politik – aber doch nicht der Pflege. Selbst Jessica, die sich seit ihrer Kindheit für Nachhaltigkeit interessiert, hat lange gezweifelt, ob ihr Beruf überhaupt etwas damit zu tun hat. Erst über die Planetary Health Academy fiel ihr der Groschen, wie eng Gesundheit und Klima zusammenhängen. David wiederum stieß über seine Bachelorarbeit zu hitzeassoziierten Gesundheitsproblemen in der ambulanten Pflege auf das Thema – und damit auf Health for Future. Health for Future ist kein Verein, sondern eine Aktionsplattform aus Gesundheitsberufen und Teil des großen For-Future-Bündnisses. Gegründet wurde die Bewegung im September 2019 von [KLUG](https://www.klimawandel-gesundheit.de/?ref=uebergabe.de), der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit. Zum Zeitpunkt der Aufnahme zählte das Netzwerk über 3.000 Aktive aus allen Gesundheitsberufen und mehr als 55 Ortsgruppen – stark wachsend. Mitmachen kann jede:r, ganz ohne Mitgliedsbeitrag. Das Spannende: Obwohl die Pflege die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen ist, war sie zunächst kaum vertreten. Deshalb gründete sich innerhalb von Health for Future eine eigene AG Pflege – mit dem klaren Ziel, mehr Pflegefachpersonen zu erreichen und für das Thema zu begeistern. > *„Es ist nicht nur eine Klimakrise, sondern auch eine Gesundheitskrise, was leider oftmals ein bisschen vergessen wird." — Jessica Esser* ## Drei Wege, auf denen das Klima krank macht Der Klimawandel wirkt auf die Gesundheit, weil wir Menschen vom Zustand des Planeten abhängig sind. Grob lassen sich die Folgen in drei Bereiche einteilen. Da sind zunächst die direkten Auswirkungen – etwa durch Extremwetter wie Brände oder Fluten, die Menschen unmittelbar treffen. Hinzu kommen indirekte Folgen: Infektions- und durch Vektoren übertragene Krankheiten breiten sich aus, Allergien nehmen durch längere und intensivere Pollenzeiten zu, Luftverschmutzung belastet die Atemwege. Und schließlich gibt es die gesellschaftlichen Folgen – Wasserknappheit, Missernten und in der Folge Migrationsbewegungen, die das Gesundheitssystem zusätzlich belasten werden. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Wetter und Klima: Das Wetter schwankt kurzfristig, das Klima entwickelt sich über lange Zeiträume. Ein kalter Winter widerlegt die Erderwärmung also nicht – im Gegenteil. Durch die Verschiebung und Intensivierung der Jetstreams werden Extreme in beide Richtungen wahrscheinlicher: heißere Sommer und phasenweise auch kältere, ungewöhnliche Witterung. Schon das renommierte Fachmagazin Lancet bezeichnete den Klimawandel als größte Bedrohung für die globale Gesundheit im 21\. Jahrhundert – Zahlen und Studien dazu liefert der [Lancet Countdown](https://www.lancetcountdown.org/?ref=uebergabe.de) regelmäßig. ## Hitze auf Station: längere Liegezeiten, mehr Fehler Wie konkret sich das anfühlt, beschreibt Jessica aus eigener Erfahrung. Im Sommer kamen vermehrt ältere Patient:innen, die exsikkiert – also stark dehydriert – und im Delir waren, weil sie schlicht vergessen hatten zu trinken. Besonders bei Menschen mit Demenz eine ernste Gefahr. Auf einer orthopädischen Station ohne Klimaanlage, mit Zimmern zur Südseite und Patient:innen, die mit Gips ans Bett gebunden waren, verlängerten sich die Liegezeiten spürbar – nicht weil die Menschen kränker waren, sondern weil die Genesung in der Hitze schlicht nicht erholsam war. Und auch das Personal blieb nicht verschont: In der Hitze passierten mehr Fehler, die Konzentration ließ nach, selbst das eigene Trinken geriet in Vergessenheit. Damit wird klar: Hitze ist kein Randthema, sondern ein handfester Faktor für Versorgungsqualität, Patient:innensicherheit und Kosten. Wie groß die Dimension sein kann, zeigt der Hitzesommer 2003, der in Europa zu einer Übersterblichkeit von rund 70.000 Todesfällen führte – betroffen waren vor allem alte, pflegebedürftige und chronisch kranke Menschen. Das [Bundesgesundheitsblatt schätzte hitzebedingte Todesfälle in Deutschland](https://www.uebergabe.de/content/files/bitstream/handle/176904/6799/anderheiden2019%5Farticle%5Fsch-c3-a4tzunghitzebedingtertodesf-c3-a4.pdf) ausführlich. ## Verschlossene Türen: das Problem der ambulanten Versorgung Besonders verletzlich ist die ambulante Pflege. Wer allein zu Hause lebt, in einer schlecht isolierten Wohnung, ohne klimatisierte Räume, ist der Hitze anders ausgesetzt als jemand im gut ausgestatteten Krankenhaus. Hinter verschlossenen Türen werden kritische Zustände oft viel später bemerkt. David schlägt deshalb vor, in Hitzeperioden zusätzliche Sicherheitsbesuche einzuplanen. Im Podcast-Gespräch wird die berechtigte Sorge laut, dass die Wechselwirkung aus demografischem und klimatischem Wandel zu einer Unterversorgung gerade im ambulanten Bereich führen könnte – während gleichzeitig der Pflegenotstand drängt. Die beiden Gäste machen deutlich: Das eine gegen das andere auszuspielen, hilft nicht weiter. Im Idealfall werden beide Themen zusammen gedacht. Wer das Gesundheitssystem ohnehin umbaut, kann es gleich nachhaltiger gestalten – für Patient:innen und Beschäftigte. ## Verzicht? Nein – Co-Benefits! Eine zentrale Botschaft der Folge: Klimaschutz ist nicht gleichbedeutend mit Verzicht und erhobenem Zeigefinger. Im Gegenteil, viele Maßnahmen bringen direkte Gewinne – sogenannte Co-Benefits. Die Planetary Health Diet etwa, von Gesundheits- und Ernährungswissenschaftler:innen entwickelt, ist gleichzeitig gesünder für den Menschen und schonender für den Planeten: mehr Gemüse, weniger rotes Fleisch. Mehr Bewegung, etwa durchs Radfahren, schützt das Klima und die Gesundheit. Bessere Luftqualität bedeutet weniger Lungenerkrankungen. Jessica bringt es auf den Punkt: Selbst im schlimmsten Fall hätte man am Ende eine gesündere Gesellschaft geschaffen. Statt Menschen mit Schuldvorwürfen abzuschrecken, plädiert sie dafür, Wege aufzuzeigen, wie Veränderung gelingt. Ein eindrückliches Beispiel: eine 65-jährige Patientin, die nach ihrem Klinikaufenthalt zurückkam, um sich für die Gespräche zu bedanken – sie hatte über den „Veggie-Day" der Klinik neue Rezeptideen entdeckt und kochte jetzt mit Freude mehr Gemüse. > *„Selbst wenn der schlimmste Fall eintritt, haben wir im schlimmsten Fall eine gesündere Gesellschaft geschaffen – das ist nicht das schlechteste Outcome." — Jessica Esser* ## Warum Pflege politischer werden sollte Pflegefachpersonen haben zwei starke Argumente auf ihrer Seite: ihre schiere Zahl und das hohe Vertrauen in der Gesellschaft – in Umfragen landen Pflegende regelmäßig auf den vordersten Plätzen. Wenn diese Gruppe gemeinsam an einem Strang zieht, kann sie viel bewegen. Genau deshalb wirbt David dafür, dass die Pflege politischer und sichtbarer wird – etwa über eine starke berufspolitische Vertretung, die ihre Sichtweise nach außen trägt. Er kennt die Realität nach einem langen Dienst, in dem für berufspolitisches Engagement schlicht keine Kraft mehr bleibt. Aber seine Überzeugung ist klar: Wenn nicht die Pflege selbst sich einbringt, wer dann? Wege dafür müssten bereits in Aus-, Fort- und Weiterbildung aufgezeigt werden. Jessica ergänzt mit Hannah Arendt: Neue Anfänge entstehen, wenn Menschen anfangen, zusammenzuarbeiten. In Gesprächen mit Politiker:innen hat sie erlebt, dass viele den Zusammenhang von Gesundheit und Klima noch gar nicht verstanden hatten – genau hier lässt sich ansetzen. ## Der blinde Fleck: Das Gesundheitssystem stößt selbst CO₂ aus Ein Aspekt, der häufig übersehen wird: Der Gesundheitssektor ist nicht nur Betroffener, sondern auch Mitverursacher. In den Industrieländern verursacht er rund 4,4 Prozent der Emissionen – mehr als der weltweite Flug- oder Schiffsverkehr. Daraus erwächst eine besondere Verantwortung, sich selbst an die Nase zu fassen. Die Umstellung ist aufwendig, weil etwa Lieferketten – von Medikamenten bis zu Verbrauchsmaterialien – durchleuchtet werden müssen. Trotzdem gibt es Leuchttürme: Das Krankenhaus Havelhöhe hat sich vorgenommen, bis 2030 klimaneutral zu werden und ein [Zero-Emission-Hospital](https://www.havelhoehe.de/health-for-future-havelhoehe.html?ref=uebergabe.de) zu werden. Über das Projekt [KLIK – Klimamanager für Kliniken](https://www.klik-krankenhaus.de/startseite?ref=uebergabe.de) können Häuser Beschäftigte zu Klimamanager:innen weiterbilden, die im Klinikalltag nach Verbesserungspotenzialen suchen. Und Initiativen wie [Klimafreundlich Pflegen](https://klimafreundlich-pflegen.de/?ref=uebergabe.de) tragen das Thema in die Langzeitpflege. > *„Wir Pflegende haben die beste Bühne, die man sich vorstellen kann – wir verbringen sehr viel Zeit mit Menschen, die uns zuhören." — Jessica Esser* ## Was du konkret tun kannst Die gute Nachricht: Engagement beginnt klein. Manchmal reicht es schon, am Arbeitsplatz nachzufragen – etwa nach dem Energieversorger des Pflegedienstes oder nach fahrradfreundlichen Touren in der ambulanten Pflege. Ortsgruppen suchen den Kontakt zu Kliniken, schulen im Gespräch mit Abgeordneten und entwickeln Mini-Schulungen für Mitarbeitende oder arbeiten mit der Küche an einer pflanzenbetonteren Ernährung zusammen. , und sowohl der ICN als auch der DBfK haben Positionen und Arbeitsgruppen zum Thema. Und manchmal hilft schon das Allereinfachste: über die Klimakrise zu sprechen. Denn noch ist das Thema vielerorts mit Hoffnungslosigkeit besetzt. Wer Schönes und Machbares aufzeigt, durchbricht dieses Tabu. Engagement, so Jessica, schenkt obendrein etwas zurück, das in der Pflege oft zu kurz kommt: das Gefühl von Sinnhaftigkeit – im Sinne der Salutogenese ein wichtiger Baustein für die eigene Gesundheit. Wer Lust hat, findet über die Website von Health for Future die nächste Ortsgruppe und kann die AG Pflege direkt kontaktieren. ## Zum Weiterhören - [ÜG141 – Hitzeschutz als Gesundheitsschutz (Ulrike Krol & Jana Luntz)](https://www.uebergabe.de/ug141/) - [ÜG187 – Nachhaltigkeit in der Pflegeausbildung (Sarah Fliesgen & Luka Eulberg)](https://www.uebergabe.de/ug187/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [Health For Future | Gesundheit braucht Klimaschutz](https://healthforfuture.de/?ref=uebergabe.de) (healthforfuture.de) - [KLUG](https://www.klimawandel-gesundheit.de/?ref=uebergabe.de) (klimawandel-gesundheit.de) - [Gesundheit braucht Klimaschutz!](https://gesundheit-braucht-klimaschutz.de/?ref=uebergabe.de) (gesundheit-braucht-klimaschutz.de) - [Klimawandel und Bildung](http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Bildungsmodule-Aerzte/de/index.html?ref=uebergabe.de) (klinikum.uni-muenchen.de) - [An der Heiden, M. et al. (2019): Schätzung hitzebedingter Todesfälle in Deutschland zwischen 2001 und 2015\. Bundesgesundheitsblatt 2019 · 62:571—579](https://www.uebergabe.de/content/files/bitstream/handle/176904/6799/anderheiden2019%5Farticle%5Fsch-c3-a4tzunghitzebedingtertodesf-c3-a4.pdf) (edoc.rki.de) - [Lancet Countdown](https://www.lancetcountdown.org/?ref=uebergabe.de) (lancetcountdown.org) - [Planetary Health Diet: Speiseplan für eine gesunde und nachhaltige Ernährung](https://www.bzfe.de/nachhaltiger-konsum/lagern-kochen-essen-teilen/planetary-health-diet/?ref=uebergabe.de)(bzfe.de) - [Nurses Climate Challenge Europe | NCC Europe](https://eur.nursesclimatechallenge.org/?ref=uebergabe.de) (eur.nursesclimatechallenge.org) - [Das Thema Klimawandel und seine Bedeutung im Gesundheitssektor: Entwicklung, Akteure, MeilensteineClimate change and its significance in the healthcare community: history, landmarks, and major players](https://link.springer.com/epdf/10.1007/s00103-019-02935-9?shared%5Faccess%5Ftoken=CsYFLHLonZmZYM4BIXsSBfe4RwlQNchNByi7wbcMAY6YB9TV4fcDkN58qOvHnIAbUhdUFZQLHS7JYaSkN7QR7yKjAKNSQScnfrD45xD8Yydlx4CST%5F0eIZDM3fM2UpFSAk57rgwTAF7tGyvO6g4hDA%3D%3D&error=cookies%5Fnot%5Fsupported&code=022c1d83-aa03-4277-9e10-9ba1d425a880&ref=uebergabe.de) (link.springer.com) - [ICN appelliert an Verantwortung für Klima, Umwelt und Ressourcen — DBfK](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2019/ICN-appelliert-an-Verantwortung-fuer-Klima-Umwelt-und-Ressourcen.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [KLIK — Klimamanager für Kliniken ](https://www.klik-krankenhaus.de/startseite?ref=uebergabe.de)(klik-krankenhaus.de) - [Klimafreundlich Pflegen — Gemeinsam für eine gesunde Welt](https://klimafreundlich-pflegen.de/?ref=uebergabe.de) (klimafreundlich-pflegen.de) - [Klimavisite Podcast Download \~ Audio Podcast von Health for Future Hamburg](https://www.podcast.de/podcast/830341/klimavisite?ref=uebergabe.de) (podcast.de) - [Health for Future Havelhöhe — Krankenhaus Havelhöhe](https://www.havelhoehe.de/health-for-future-havelhoehe.html?ref=uebergabe.de) (havelhoehe.de) ### Pflegereform URL: https://www.uebergabe.de/pu002/ Last updated: 2026-06-17T19:52:28.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 19.06.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Bundestag beschloss im Juni 2021 die Pflegereform als Teil des GVWG. - Pflegeeinrichtungen müssen ab September 2022 nach Tarif oder in Tarifhöhe zahlen. - Gestufte Zuschläge senken ab 2022 den Eigenanteil Pflegebedürftiger. - Kritiker:innen halten die Reform für zu kurz gegriffen. Ein einziges großes Thema bestimmte die Pflegepolitik im Frühsommer 2021: die sogenannte Pflegereform. Worum es geht, ist der damalige Beschluss des Bundestags, welche Punkte für die Altenpflege wirklich neu sind – und warum die Reform schon vor ihrer Verabschiedung heftig kritisiert wurde. Alle Zahlen und Termine beziehen sich auf den Stand im Juni 2021. ## Bundestag beschließt das GVWG – die Pflegereform ist nur ein Teil Am 2\. Juni 2021 billigte das Bundeskabinett den Gesetzentwurf, am 11\. Juni nahm der Bundestag ihn mit den Stimmen der Koalition aus CDU/CSU und SPD an. Wichtig zur Einordnung: Was umgangssprachlich „Pflegereform" heißt, ist eigentlich nur ein Baustein eines deutlich größeren Gesetzes – des [Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetzes (GVWG)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz.html?ref=uebergabe.de). Daneben regelt das Gesetz unter anderem die Finanzierung regionaler Hospiz- und Palliativnetzwerke sowie Modellvorhaben der Universitätsmedizin. Der pflegerische Teil zielte vor allem auf die Langzeit- und Altenpflege – nicht auf die Pflege im Krankenhaus. Das erklärte Ziel: eine bessere, tariflich abgesicherte Bezahlung für Pflegefachpersonen, um den Beruf attraktiver zu machen. Gleichzeitig sollten Pflegebedürftige nicht zusätzlich belastet, sondern bei den Eigenanteilen entlastet werden. Damit reagierte die Politik auf ein bekanntes Dilemma: Bessere Löhne führen über die Finanzierungslogik der Pflegeversicherung schnell zu höheren Eigenanteilen – und spielen so Beschäftigte und Pflegebedürftige gegeneinander aus. Genau das sollte das GVWG vermeiden. ## Tariftreueregelung: Pflegeeinrichtungen müssen ab September 2022 nach Tarif zahlen Das Herzstück der Reform ist die Tariftreueregelung. Bis dahin galten in der Altenpflege im Wesentlichen gesetzliche Pflegemindestlöhne – ab Juli 2021 lag der Mindestlohn für Pflegefachpersonen bei rund 2.600 Euro brutto im Monat. Das ist weit entfernt von dem in der Branche geforderten Einstiegsgehalt von 4.000 Euro. Über diese Forderung und den Wunsch nach einem flächendeckenden Tarifvertrag ging es bereits in der Folge zum Tag der Pflegenden. Der ursprünglich angestrebte allgemeinverbindliche Flächentarifvertrag war zuvor gescheitert – unter anderem an den kirchlichen Arbeitgebern Caritas und Diakonie. Das GVWG geht deshalb einen zweiten Weg: Ab September 2022 sollen Pflegeeinrichtungen nur dann weiter mit der Pflegeversicherung abrechnen dürfen, wenn sie ihre Pflege- und Betreuungskräfte nach Tarif, nach einer kirchlichen Arbeitsrechtsregelung oder mindestens in entsprechender Tarifhöhe bezahlen. Weil die meisten Einrichtungen wirtschaftlich auf die Abrechnung mit der Pflegeversicherung angewiesen sind, wirkt das wie eine faktische Verpflichtung. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil betonte in der Debatte, dass Pflegefachpersonen keinen Mindestlohn, sondern ordentliche Tariflöhne bräuchten – und dass der erhöhte Pflegemindestlohn samt der überfälligen Ost-West-Angleichung nur ein erster Schritt gewesen sei. Die Hintergründe dieser [Erhöhung des Pflegemindestlohns](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2020/neuer-pflegemindestlohn.html?ref=uebergabe.de) hatte das Ministerium zuvor veröffentlicht. Nach Angaben des Ministeriums würden rund 500.000 Beschäftigte profitieren, die bis dahin nicht nach Tarif bezahlt wurden – mit einem Plus von bis zu 300 Euro im Monat. Dabei gilt es zu bedenken: Viele Beschäftigte in der Altenpflege arbeiten in Teilzeit. Für sie fällt der monatliche Zuwachs entsprechend geringer aus. ## Geringere Eigenanteile für Pflegebedürftige ab 2022 Damit die bessere Bezahlung nicht voll auf die Pflegebedürftigen durchschlägt, sieht das Gesetz gestufte Zuschläge vor, die ab Januar 2022 den Eigenanteil senken sollen. Wichtig ist die Abgrenzung: Es geht ausschließlich um den Eigenanteil an den reinen Pflegekosten – Unterkunft und Verpflegung bleiben außen vor. Der Zuschlag steigt mit der Verweildauer im Heim: im ersten Jahr um fünf Prozent, im dritten Jahr bereits um 45 Prozent, ab dem vierten Jahr sind Entlastungen von bis zu 700 Euro möglich. Davon profitieren vor allem Menschen mit langer Verweildauer, etwa Menschen mit Demenz. Der Haken: Eine Betreuungsdauer von vier Jahren erreicht weniger als die Hälfte der Pflegeheimbewohner:innen. Eine kritische Bewertung dazu lieferte unter anderem die [Deutsche Stiftung Patientenschutz](https://www.stiftung-patientenschutz.de/2021/06/Pflegereform-entpuppt-sich-als-Nachteil-f%C3%BCr-alle-Pflegebed%C3%BCrftigen?ref=uebergabe.de). ## Bundeseinheitliche Personalbemessung nach dem Rothgang-Verfahren Ein weiterer Baustein ist ein bundeseinheitliches Personalbemessungsverfahren, das die Einstellung zusätzlicher Beschäftigter ermöglichen soll. Es wurde unter der Leitung von Professor Heinz Rothgang an der Universität Bremen entwickelt. Pflegeheime konnten es bereits seit Anfang 2021 nutzen, um zusätzliche Pflegehilfskräfte einzustellen; das Verfahren berechnet den Personalbedarf individuell anhand der Bewohner:innenstruktur. Ab dem 1\. Juli 2023 sollen daraus bundeseinheitliche Personalanhaltszahlen vorgegeben werden. Die zugrunde liegenden Berechnungen sind allerdings nicht unkritisch zu sehen. Das Verfahren empfiehlt vor allem mehr Pflegehilfskräfte, weil es stark auf körpernahe Tätigkeiten abstellt. Zeitintensive, anspruchsvollere Tätigkeiten von Pflegefachpersonen wurden im erhobenen Ist-Zustand teils gar nicht abgebildet – schlicht, weil sie unter den realen Bedingungen oft nicht durchgeführt werden und deshalb auch nicht erfasst werden konnten. Wie sich diese Logik in den ab 2023 geltenden Anhaltszahlen niederschlägt, blieb damals offen. ## Mehr Entscheidungsbefugnisse in der ambulanten Pflege Positiv hervorzuheben ist ein Punkt, der die Profession stärkt: Pflegefachpersonen sollen künftig mehr Entscheidungsbefugnisse erhalten. Gerade in der ambulanten Versorgung bremsen fehlende Kompetenzen Abläufe und eine gute Versorgung oft aus. Nach der Reform sollen Pflegefachpersonen bestimmte Hilfsmittel wie Verbandmaterial oder Toilettenstühle verordnen und eigenständige Entscheidungen in der häuslichen Pflege treffen können. Das ist ein Schritt in Richtung mehr Verantwortung und besserer interdisziplinärer Zusammenarbeit. ## Finanzierung: Bundeszuschuss und höherer Beitrag für Kinderlose Die große Frage bei jeder Reform ist die Finanzierung. Festgelegt wurde, dass die Bezahlung nach Tarif vollständig refinanziert wird. Für nicht tarifgebundene Einrichtungen ist die Refinanzierung bis zu zehn Prozent über dem Durchschnitt der regional geltenden Tariflöhne gedeckt. Zusätzlich verpflichtete sich der Bund, ab 2022 jährlich eine Milliarde Euro an die Pflegeversicherung zu zahlen. In der ambulanten Pflege steigen die Sachleistungsbeträge um fünf Prozent. Besonders kontrovers diskutiert wurde die Anhebung des Pflegebeitrags für Kinderlose ab 23 Jahren um 0,1 Prozentpunkte, was der Pflegeversicherung jährlich rund 400 Millionen Euro zusätzlich bringen sollte. Die FDP-Bundestagsabgeordnete Nicole Westig kritisierte vor allem die hohen Bundeszuschüsse: Sie befürchtete, dass damit Lasten auf künftige Generationen verschoben würden. Wie das beschlossene Gesetz im parlamentarischen Verfahren zustande kam, dokumentiert auch der Bericht über das [grüne Licht für das kontroverse GVWG](https://www.kma-online.de/aktuelles/politik/detail/gruenes-licht-fuer-kontroverses-gvwg-a-45756?ref=uebergabe.de). ## Kritik: „Pflegereförmchen" und Sorge vor Lohndumping Auch über die Finanzierung hinaus gab es deutliche Kritik. Cordula Schulz-Asche von den Grünen warf der Reform vor, deutlich zu kurz zu greifen, und sprach von einem „Pflegereförmchen". Ihr Hauptargument: Wo heute unter Tarif gezahlt werde, könne über Haustarife und Schlupflöcher weiter unter Tarif gezahlt werden. Notwendig wäre als Voraussetzung für einen Versorgungsvertrag das Niveau eines repräsentativen Flächentarifvertrags gewesen. Hinzu komme die veraltete Logik der Pflegeversicherung, bei der jede Verbesserung den Eigenanteil treibt und mehr Menschen in die Sozialhilfe drängt – ein Problem, das der vorliegende Vorschlag nicht löse. Auf der anderen Seite stand der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (BPA), der die Reform als „schwarzen Tag für die Pflege und die Tarifautonomie" bezeichnete und den Unternehmen die wirtschaftliche Luft genommen sah. Diese Haltung ist stark von wirtschaftlichen Interessen geprägt, denn viele private Anbieter zahlten bis dahin nicht nach Tarif – wobei die Branche insgesamt sehr undurchsichtig ist und schwer zu sagen bleibt, wer tatsächlich wie viel zahlt. Das Fazit fällt zwiespältig aus: Die Pflegereform ist Teil der Konzertierten Aktion Pflege und ein Schritt in die richtige Richtung – besonders dort, wo die Not in der Altenpflege am größten ist. Für eine umfassende Aufwertung des Berufs greifen die Gehaltssteigerungen aber zu kurz, und der Name „Pflegereform" ist für das Erreichte fast zu groß gegriffen. Umso wichtiger ist es, dass du diese Prozesse begleitest und verstehst – auch, um sie fundiert kritisieren zu können. ## Zum Weiterhören - [PU001 – Tag der Pflegenden 2021](https://www.uebergabe.de/pu001/) - [ÜG028 – Die neue Pflegereform & Nursing Now](https://www.uebergabe.de/ug028/) - [ÜG014 – Strukturen der ambulanten Pflege & Langzeitpflege](https://www.uebergabe.de/ug014/) --- ## Quellen - [Pflegereform – Eine Reform, die diesen Namen nicht verdient](https://www.deutschlandfunk.de/pflegereform-eine-reform-die-diesen-namen-nicht-verdient.720.de.html?dram:article%5Fid=498233&ref=uebergabe.de) (Deutschlandfunk) - [Stückwerk, weit unter den Erwartungen, laute Kritik, das grenzt an Betrug. Eine eindeutige Bewertung dessen, was als „Pflegereform“ durch das Parlament bugsiert wird – Aktuelle Sozialpolitik](https://aktuelle-sozialpolitik.de/2021/06/09/heftige-kritik-an-der-pflegerefom/?ref=uebergabe.de) (aktuelle-sozialpolitik.de) - [bpa – Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V.: „Eine Entscheidung gegen jede Vernunft und gegen mittelständische Unternehmen“](https://www.bpa.de/Aktuelles.112.0.html?&no%5Fcache=1&tx%5Fttnews%5Btt%5Fnews%5D=8480&cHash=d21e13eae8fd5157bb3a18a9c5f00e3b&ref=uebergabe.de) (bpa.de) - [Pressemeldungen – Deutsche Stiftung Patientenschutz](https://www.stiftung-patientenschutz.de/2021/06/Pflegereform-entpuppt-sich-als-Nachteil-f%C3%BCr-alle-Pflegebed%C3%BCrftigen?ref=uebergabe.de) (stiftung-patientenschutz.de) - [Deutscher Bundestag – Mediathek](https://www.bundestag.de/mediathek?videoid=7526771&ref=uebergabe.de) (bundestag.de) - [Deutscher Bundestag – Mediathek](https://www.bundestag.de/mediathek?videoid=7526771&ref=uebergabe.de#url=L21lZGlhdGhla292ZXJsYXk/dmlkZW9pZD03NTI2Nzcx&mod=mediathek) (Deutscher Bundestag) - [GVWG: Bundeskabinett beschließt Pflegereform mit Tariftreueregelung](https://www.kma-online.de/aktuelles/politik/detail/bundeskabinett-beschliesst-pflegereform-mit-tariftreueregelung-a-45679?ref=uebergabe.de) (kma-online.de) - [Bundestag beschließt Pflegereform mit Tarifbindung](https://www.zeit.de/zustimmung?url=https%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2Fpolitik%2Fausland%2F2021-06%2Fpflegereform-bundestag-beschluss-pflegekraefte-tariflohn-kinderlose-beitrag-pflegeversicherung&ref=uebergabe.de) [(zeit.de)](https://www.bibliomed-pflege.de/news/politik-fehlt-vision-fuer-die-zukunft-der-profession-pflege?ref=uebergabe.de) - [Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz.html?ref=uebergabe.de)(bundesgesundheitsministerium.de) - [Bundestag: Grünes Licht für kontroverses GVWG](https://www.kma-online.de/aktuelles/politik/detail/gruenes-licht-fuer-kontroverses-gvwg-a-45756?ref=uebergabe.de) (kma-online.de) - [Pflegereform – Verdi schickt Brandbrief an Bundestagsabgeordnete](https://www.bibliomed-pflege.de/news/verdi-schickt-brandbrief-an-bundestagsabgeordnete?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [„Applaus reicht nicht“: Bundestag beschließt Pflegereform mit Pflicht zu Zahlung von Tariflöhnen – WELT](https://www.welt.de/politik/deutschland/article231763219/Applaus-reicht-nicht-Bundestag-beschliesst-Pflegereform-mit-Pflicht-zu-Zahlung-von-Tarifloehnen.html?ref=uebergabe.de) (welt.de) - [Bundestag beschließt Pflegereform](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/124591/Bundestag-beschliesst-Pflegereform?ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) - [Bundestag: Epidemische Lage, Pflegereform, Lieferketten](https://www.zdf.de/nachrichten/politik/bundestag-gesetze-lieferketten-pflege-epidemische-lage-tabaksteuer-100.html?ref=uebergabe.de) (zdf.de) - [Bundestag beschließt Pflegereform – „Einladung zum Lohndumping“](https://www.bibliomed-pflege.de/news/einladung-zum-lohndumping?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Kirchliche Wohlfahrtsverbände – Caritas und Diakonie fordern „deutliches Zeichen“ für Pflegende](https://www.bibliomed-pflege.de/news/caritas-und-diakonie-fordern-deutliches-zeichen-fuer-pflegende?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Neuer Pflegemindestlohn](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2020/neuer-pflegemindestlohn.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) ### Schulgesundheitspflege / School Nursing (Andreas Kocks) URL: https://www.uebergabe.de/ug074/ Last updated: 2026-06-17T19:31:30.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 12.06.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - School Nursing bringt eine vertraute Pflegefachperson direkt in den Schulalltag. - Chronisch kranke Kinder brauchen Unterstützung zwischen Versorgung und Wunsch nach Normalität. - International ist Schulgesundheitspflege etabliert – Deutschland startet erst mit Modellprojekten. - Die Rolle verlangt breite Qualifikation, Vertrauen und hohe Eigenständigkeit. - Es braucht mutige Eltern, Schulen und politischen Willen zur Umsetzung. Stell dir vor, an deiner alten Schule hätte es einen Raum gegeben, fast wie eine kleine Praxis: eine Liege, eine Sitzecke, ein Kühlschrank – und eine Pflegefachperson, der du einfach alles erzählen konntest. Bauchschmerzen, ein aufgeschürftes Knie, Streit zu Hause, Fragen zur Verhütung. In vielen Ländern ist genau das selbstverständlich. In Deutschland ist es eine Leerstelle. Andreas Kocks, Pflegewissenschaftler an der Uniklinik Bonn, beschäftigt sich seit über einem Jahrzehnt mit dem Thema School Nursing. Im Podcast erzählt er, warum ihn die Schulgesundheitspflege bis heute nicht loslässt – und warum sie für die Pflege eine der spannendsten Rollen überhaupt sein könnte. ## Vom Zufall zur Leidenschaft Der Einstieg ins Thema war für Andreas Kocks ein glücklicher Zufall. Über die eigene Familie stieß er auf eine Dokumentation: Lehrkräfte reisten nach Skandinavien, um sich die erfolgreichen PISA-Schulen anzusehen – und in einer dieser Schulen arbeitete ganz selbstverständlich eine Krankenschwester. Er nahm die Idee mit an das Institut für Pflegewissenschaft in Witten/Herdecke. Christel Bienstein gab ihm den entscheidenden Schubs: Er solle herausfinden, was diese Berufsgruppe eigentlich tut – und warum es sie hierzulande nicht gibt. Aus dieser Frage wurden Hospitationen in skandinavischen und US-amerikanischen Schulen, Interviews mit chronisch kranken Kindern und ein Forschungsfeld, das ihn seither begleitet. Besonders prägend war eine Anekdote: Kocks schrieb an den schwedischen Berufsverband, um vor Ort zu hospitieren. Die Präsidentin antwortete freundlich – und fragte zurück, warum er denn so weit reisen wolle. Als er einer deutschen Kollegin später erklärte, dass es School Nursing in Deutschland schlicht nicht gibt, bekam er eine Mail mit nur einem Satz zurück: Wie kann das sein? Genau diese Verwunderung treibt ihn an. ## Was sich hinter dem Begriff verbirgt Ganz knapp gesagt ist eine Schulgesundheitspflegende eine Pflegefachperson, die in der Schule für alle Gesundheits- und Krankheitsfragen zuständig ist – mit klarem Fokus auf das Kind. Sie ist nicht für die Lehrenden oder das übrige Personal da, sondern für die Schüler:innen. Dahinter verbirgt sich ein riesiges Spielfeld: Verletzungen und akute Erkrankungen während der Schulzeit, die Begleitung chronisch kranker Kinder, psychosoziale Themen bis hin zu Essstörungen oder Gewalt- und Missbrauchserfahrungen. Internationale Vorbilder gibt es viele – etwa in den USA. In Skandinavien ist das Modell seit dem letzten Jahrhundert etabliert. Der große Vorteil gegenüber etwa dem schulpsychologischen Dienst: Der Zugang ist extrem niederschwellig. Es entsteht eine Vertrauensbeziehung, die sich oft ganz beiläufig auf dem Flur oder in der Pause aufbaut. Schulgesundheitspflegende, die Kocks begleitet hat, nannten ihm die Pause sogar als wichtigsten Ort ihrer Arbeit. Genau diese Vertrauensbasis ist der Schlüssel zum Erfolg – sie ist die Brücke, über die auch heikle Themen ihren Weg finden. > *„Wenn du Kinder fragst, wem sie in der Schule am meisten vertrauen, dann steht die School Nurse ganz oben." — Andreas Kocks* ## Zwischen maximaler Versorgung und dem Wunsch, normal zu sein Ein zentrales Thema sind chronisch kranke Kinder. Je nach Definition und Studienlage gelten zwischen zehn und dreißig Prozent der Kinder in Deutschland als chronisch krank. In seinen Interviews stieß Kocks immer wieder auf dieselbe Ambivalenz: Auf der einen Seite ein hoher Versorgungsbedarf, der in den Alltag integriert werden muss – auf der anderen Seite das große Bedürfnis, bloß nicht aufzufallen, bloß nicht anders zu sein. Ein Kind mit Diabetes erzählte ihm, dass es seinen Blutzucker heimlich auf der Schultoilette gemessen hat, weil es keinen sicheren Raum dafür gab. Solche Geschichten zeigen, wie viel eine vertraute Ansprechperson bewirken kann. Hier wird Schulgesundheitspflege zum Anwalt des Kindes: Sie kann mit den Lehrkräften sprechen, der Klasse eine Erkrankung erklären, gemeinsam mit dem Kind aushandeln, wie viel es preisgeben möchte – und so das Umfeld so gestalten, dass die Krankheit nicht ständig im Vordergrund steht. Wer mehr über die Welt von Familien mit chronisch kranken Kindern erfahren möchte, findet im Gespräch über [Geschwister chronisch kranker Kinder](https://www.uebergabe.de/ug051/) viele Anknüpfungspunkte. > *„Jedes Kind, bei dem wir es schaffen, dass es einen Tag mehr in die Schule geht, weil die Krankheit gut versorgt ist, ist ein gewonnener Tag." — Andreas Kocks* ## Warum Lehrkräfte hier oft allein dastehen In deutschen Schulen läuft Gesundheitsversorgung bislang über Umwege. Lehrkräfte dürfen rechtlich kaum etwas – sie dürfen ein Kind ohne Zustimmung der Eltern nicht untersuchen oder behandeln. Aus Unsicherheit und Sorge vor Haftung wird im Zweifel der Notarztwagen gerufen oder das Kind nach Hause geschickt. Die Unfallkassen gehen davon aus, dass ein Großteil dieser Einsätze unnötig ist. Kocks betont aber ausdrücklich, dass er den Lehrkräften keinen Vorwurf macht: Sie lernen Krankheitsbilder schlicht nicht und tun, was sie können. Eine School Nurse verändert diese Logik. Wird es komplex, kann die Lehrkraft sagen: Wir holen die Schulgesundheitspflegende dazu. In Skandinavien erlebte Kocks, wie eine einzige Fachperson nebenbei unzählige kleine Einschätzungen traf – mal genügt ein Pflaster, mal braucht es wirklich ärztliche Hilfe. Eine Schulgesundheitspflegende, die er kennenlernte, hatte für die Lehrkräfte sogar einen Ordner zusammengestellt: kompakt erklärt, welche Erkrankungen in welcher Klasse sitzen, was zu tun ist und wann man sie rufen soll. ## Vom Pflaster bis zur Verhütung – ein erstaunlich breites Feld Die Bandbreite der Themen ist gewaltig. Da geht es um Unfallverhütung und Erstversorgung, um Reihenuntersuchungen ähnlich den deutschen U-Untersuchungen, um Gesundheitsförderung und Prävention. Es geht aber auch um Aufklärung, Sexualität und Verhütung – Themen, die Jugendliche zwischen 16 und 18 weder mit den Eltern noch mit der Lehrkraft besprechen mögen. Kocks erzählt von einer Situation in Schweden, in der Jugendliche locker und mit viel Humor in den Sprechstundenraum kamen, sich Kondome mitnahmen und ganz nebenbei eine Beratung erhielten. Ein Kontrast zu den oft peinlichen Aufklärungsstunden im Klassenzimmer. Eng damit verbunden ist das Stichwort Health Literacy, also Gesundheitskompetenz. Die Schule ist der Ort, an dem über viele Jahre hinweg fast alle Kinder strukturiert erreichbar sind – eine ideale Möglichkeit, sie zu befähigen, später selbst Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen. Dabei geht es nicht darum, Gesundheit ins Klassenzimmer zu „drücken", sondern darum, beste Bildungserfolge überhaupt erst zu ermöglichen. Wichtig ist Kocks die innere Haltung: Eine Schulgesundheitspflegende muss diskursfähig sein und andere Meinungen aushalten – etwa beim Thema Impfen oder bei Eltern, die auf alternative Heilmethoden setzen. Sie darf informieren und Diskussionen anstoßen, ohne zu bevormunden. ## Eine Profession, die viel können muss Wer glaubt, das sei „nur" Wärmflasche und Tee, irrt. International setzt School Nursing eine grundständige pflegerische Ausbildung voraus, meist sogar einen Bachelor- oder Masterabschluss. In den deutschen Modellprojekten erhielten erfahrene Pflegefachpersonen aus Intensivstationen und Ambulanzen eine Weiterbildung im Umfang von rund 600 bis 700 Stunden. Kocks plädiert klar für eine hochschulische Qualifikation: Die Fachpersonen arbeiten in der Regel allein an einer Schule, müssen Arbeitsdiagnosen stellen, Evidenz recherchieren und übersetzen, Projekte managen und die lokalen Bedarfe ihrer Schule erkennen. Denn eine Schule in einem wohlhabenden Viertel hat völlig andere Themen als eine in einem von Armut und Migration geprägten Stadtteil. Wie wertvoll solche Qualifikationen sind, zeigt das verwandte Feld der [Community Health Nursing](https://www.uebergabe.de/ug066/). Genau diese Selbstständigkeit macht die Rolle für viele attraktiv. Kocks sieht darin auch eine Chance, Menschen zurück in den Beruf zu holen – jene „schweigende Pflegecommunity", die unter den üblichen Arbeitsbedingungen nicht mehr arbeiten möchte. Eine Pflegefachperson, die eigenverantwortlich, autonom und nah am Menschen arbeitet, könnte hier endlich ausschöpfen, was Pflege ausmacht. ## Vertrauen, Schweigepflicht und sensible Daten Die Schulgesundheitspflegende unterliegt der Schweigepflicht – das ist ein wesentlicher Unterschied zu anderen Rollen in der Schule und zugleich die Grundlage des Vertrauens. Doch genau hier liegen auch sensible Fragen. Was, wenn ein Kind von Gewalterfahrungen erzählt? Was, wenn beiläufig sehr private Familiendetails offengelegt werden? Kocks beschreibt, dass solche Grenzsituationen ein gemeinsames Ringen aller Beteiligten erfordern und dass Berufserfahrung Gold wert ist. Auch der Umgang mit den Daten – etwa, wenn beim Wechsel vom Kindergarten in die Schule eine umfassende Akte mitwandert – verlangt höchste Sensibilität. Diese Daten sind ein hohes schützenswertes Gut. ## Bildungssystem oder Gesundheitswesen – und wer zahlt? Eine der spannendsten Debatten dreht sich um die Verortung. Kocks selbst tendiert dazu, die Schulgesundheitspflege in der Gesundheitsversorgung einzuordnen, sieht aber große Schnittmengen zum Bildungssystem. International ist die Rolle häufig klar dem Bildungssystem zugeordnet. Beim Geld dürfte am Ende eine Mischfinanzierung herauslaufen – und Kocks weist darauf hin, dass die Krankenkassen händeringend nach Möglichkeiten suchen, Geld für Gesundheitsförderung sinnvoll auszugeben. Gemessen an den enormen Ausgaben für die Akutversorgung wären die Kosten überschaubar. Schwierig bleibt der Wirksamkeitsnachweis: Gerade bei Prävention sind die Effekte langfristig und komplex – „aber wenn man sieht, was dort auflaufen und wie die Kinder reagieren, schreit einen die Evidenz förmlich an", so sein Eindruck. ## Deutschland tastet sich heran In Deutschland liefen zu diesem Zeitpunkt bereits Modellprojekte. An rund 38 Schulen wurde erprobt, ob das Modell hierher passt, wissenschaftlich begleitet unter anderem durch die Charité. Wer tiefer einsteigen will, findet im [Curriculum zur Weiterbildung](https://www.uebergabe.de/content/files/das-curriculum.pdf) sowie in den ausführlichen [Abschlussberichten der Modellprojekte](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/microsites/m%5Fcc01/igpw/Publikationen/Working-Paper/wp%5F18-02%5Falt.pdf) konkrete Ergebnisse. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass sich die Gesundheitskompetenz von Kindern steigern lässt – ein vielversprechender Anfang. Was es jetzt braucht, ist für Kocks vor allem Mut: Eltern, die das einfordern, Schulen, die mitziehen, und Pflegende, die Lust auf diese Rolle haben. Eine spannende internationale Perspektive auf dasselbe Thema bietet übrigens das Gespräch über [School Nursing in Wien](https://www.uebergabe.de/ug176/). > *„Eigentlich kann man den Pflegenden in Deutschland nur Mut machen. Wir haben gute internationale Beispiele – jetzt braucht es Mut zur Gestaltung." — Andreas Kocks* Am Ende bleibt das Bild einer Profession, die berührt – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Pflege ohne Berührung funktioniert nicht, und gerade die Arbeit mit Kindern lebt von Zuwendung, Zuhören und Beziehung. Schulgesundheitspflege könnte zeigen, was Pflege jenseits von Krankenhaus und klassischer Versorgung alles kann – und nebenbei die vielleicht schönste Werbung für den Beruf sein, über viele Jahre, mitten in der Phase, in der junge Menschen herausfinden, wer sie sein wollen. ## Zum Weiterhören - [ÜG176 – School Nursing in Wien (Franziska Rumpf & Karin Klenk)](https://www.uebergabe.de/ug176/) - [ÜG051 – Geschwister von chronisch kranken Kindern und Jugendlichen (Prof. Dr. Christiane Knecht)](https://www.uebergabe.de/ug051/) - [ÜG170 – Sprechstundenschwester in der DDR: Der vergessene Pflegeberuf (Dagmar Möbius)](https://www.uebergabe.de/ug170/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [Netzwerk Schulgesundheitspflege im DBfK](https://www.dbfk.de/de/themen/Schulgesundheitspflege.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) #### Eine Auswahl an nationalen Modellprojekten - [Modellprojekt Schulgesundheitspflege Hessen](https://hage.de/aktivitaeten/modellprojekt-schulgesundheitsfachkraefte/?ref=uebergabe.de) (hage.de) - [Modellprojekt Schulgesundheitspflege AWO Bezirksverband Potsdam](https://schulgesundheitsfachkraft.de/?ref=uebergabe.de) (schulgesundheitsfachkraft.de) - [Modellprojekt Gesundheitsfachkräfte an Schulen in Bremen](https://www.gesundheitsamt.bremen.de/gesundheitsfachkraefte%5Fan%5Fschulen%5Fgefas-22434?ref=uebergabe.de) (Gesundheitsamt-bremen.de) #### School Nursing international - National Association of School Nurses USA [https://www.nasn.org](https://www.nasn.org/?ref=uebergabe.de) - School nurse | Health Careers NHS [https://www.healthcareers.nhs.uk/explore-roles/public-health/roles-public-health/school-nurse](https://www.healthcareers.nhs.uk/explore-roles/public-health/roles-public-health/school-nurse?ref=uebergabe.de) #### Veröffentlichungen - [The Journal of School Nursing: SAGE Journals](https://journals.sagepub.com/home/jsn?ref=uebergabe.de) (sage pub.com) - [Alexandra Heeser (2021): ZUHÖREN, BERATEN, VORSORGEN- Schulgesundheitspflege, Schwester/Pfleger (2) p 22 - 25](https://www.dbfk.de/media/docs/Bundesverband/Schulgesundheitspflege-SP-02-2021.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [DBfK (2018): Positionspapier Schulgesundheitspflege](https://www.dbfk.de/media/docs/download/DBfK-Positionen/Positionspapier-Schulgesundheitspflege.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [DBfK (2014): “Schulgesundheitspflege in Deutschland”](https://www.dbfk.de/media/docs/download/Allgemein/Schulgesundheitspflege%5F2014-12-11.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [CURRICULUM zur Weiterbildung für examinierte Gesundheits- und Kinder-/Krankenpflegekräfte zu Schulgesundheitsfachkräften](https://www.uebergabe.de/content/files/das-curriculum.pdf) (schulgesundheitsfachekraft.de) - [Schulgesundheitspflege (SPLASH II): Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft - Charité – Universitätsmedizin Berlin](https://igpw.charite.de/forschung/health%5Feducation/schulgesundheitspflege%5Fsplash%5Fii/?ref=uebergabe.de) (charite.de) - [Abschlussbericht Schulgesundheitspflege an allgemeinbildenden Schulen: Teil I Analyse der Ausgangslage](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/microsites/m%5Fcc01/igpw/Publikationen/Working-Paper/wp%5F18-02%5Falt.pdf) (igpw.de) - [Abschlussbericht Schulgesundheitspflege an allgemeinbildenden Schulen:Implementierungsbegleitung und Wirkungsanalyse](https://www.uebergabe.de/content/files/bitstream/handle/fub188/24149/2018%5Ftannen%5Fet-al.pdf) (fu-berlin.de) ### Tag der Pflegenden 2021 URL: https://www.uebergabe.de/pu001/ Last updated: 2026-06-17T19:12:57.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 05.06.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Bundesweite Aktionen am Tag der Pflegenden bündeln drei Kernforderungen der Profession. - 4.000 Euro Einstiegsgehalt bleiben auch mit der geplanten Pflegereform unerreicht. - Bessere Personalschlüssel und Arbeitsbedingungen gelten als wichtiger als reine Gehaltssteigerungen. - Pflegekammern und ein G-BA-Stimmrecht sollen die politische Mitsprache stärken. Zum Auftakt des PflegeUpdate steht der Internationale Tag der Pflegenden im Mittelpunkt, der am 12\. Mai 2021 begangen wurde. Rund um diesen Tag wurde es vielerorts laut – auf der Straße und im Netz. Die wichtigsten Aktionen lassen sich einordnen, ebenso die drei Forderungen, die sich dabei herauskristallisiert haben: mehr Gehalt, bessere Arbeitsbedingungen und mehr politische Mitsprache. ## Tag der Pflegenden 2021: Demonstrationen und digitale Aktionen bundesweit Korrekt heißt der 12\. Mai „Internationaler Tag der professionell Pflegenden" – die Übersetzung des International Nurses Day, der gelegentlich fälschlich als „Tag der Pflege" bezeichnet wird. Ausgerufen wurde er vom International Council of Nurses (ICN), 2021 unter dem Motto „Nurses: A Voice to Lead – A Vision for Future Healthcare". Damit sollte sichtbar werden, welche Innovationen in der Pflege möglich sind und wie Pflegefachpersonen das Gesundheitswesen mitgestalten können. Hintergründe dazu liefert die [Kampagnenseite des ICN](https://www.icnvoicetolead.com/?ref=uebergabe.de). In Berlin organisierten die Veranstalter:innen des [Walk of Care](https://walkofcare.org/?ref=uebergabe.de) gemeinsam mit der Bundespflegekammer, der Jungen Pflege im DBfK und verschiedenen Jugendorganisationen von Parteien dezentrale Aktionen und einen Demonstrationszug unter dem Motto „Der Pflege geht die Luft aus". Gefordert wurden bessere Bezahlung, mehr Personal und mehr politische Mitsprache. In Münster kamen beim „Münster Cares" rund 1.000 Pflegende zusammen und forderten unter anderem die 35-Stunden-Woche, Dienstplansicherheit und ein Einstiegsgehalt von 4.000 Euro brutto. In beiden Städten war die Botschaft ähnlich: Die Pflege stehe so prekär da wie nie, und nach der Corona-Pandemie drohe eine vollständige Überlastung des Systems, wenn sich nichts ändere. Einen Überblick über die [Protestaktionen](https://www.springerpflege.de/tag-der-pflegenden/protestaktion/19153914?ref=uebergabe.de) lieferte unter anderem die Fachpresse. Neben den Aktionen auf der Straße gab es digitale Beiträge. In einem [Video der Jungen Pflege im DBfK](https://www.youtube.com/watch?v=o2mxc4Wjl-8&ref=uebergabe.de) forderten 40 junge Pflegende ein Stimmrecht im Gemeinsamen Bundesausschuss, die verbindliche Einführung von Personalbemessungsinstrumenten, regelmäßige Fort- und Weiterbildungen, die Etablierung von Pflegeberufekammern und ein Einstiegsgehalt von mindestens 4.000 Euro. Im Video der Initiative „Pflegestufe Rot" verlasen bekannte Gesichter aus der Pflege Statements echter Pflegefachpersonen – mit Wünschen nach Respekt, Wertschätzung, sicheren Dienstplänen, weniger Dokumentation und vor allem mehr Zeit für die Patient:innen. Unterstützt wurden die Aussagen von Prof. Christel Bienstein. Auch ver.di setzte ein Zeichen und stellte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ein 100-Tage-Ultimatum für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen – andernfalls drohe man mit Streik. ## 4.000 Euro Einstiegsgehalt: Forderung, Tarifstreit und Pflegereform Die Forderung nach besserer Bezahlung ist seit Jahren präsent, wurde 2021 aber konkreter. Die Zahl von 4.000 Euro Einstiegsgehalt nannten zunehmend verschiedene Verbände als angemessen. So forderten auch der Deutsche Pflegerat sowie die Bundespflegekammer gemeinsam mit dem Pflegebündnis Mittelbaden in einem [offenen Brief an Jens Spahn](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegebuendnis-fordert-gesetzliches-mindestgehalt-von-4000-euro?ref=uebergabe.de) ein gesetzliches Mindestgehalt in dieser Höhe. Warum gerade 4.000 Euro? Eine Begründung liefern Untersuchungen der Duisburger Soziologin Ute Klammer, die Berufe mit etablierten Verfahren der Arbeitsbewertung verglichen hat. Hintergrund ist der Grundsatz „gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit" – und die Frage, was eigentlich gleichwertig ist. Klammer kommt zu dem Ergebnis, dass eine faire Bezahlung von Pflegefachpersonen (Hilfsberufe ausgenommen) auf dem Niveau von Ingenieur:innen anzusiedeln wäre: Die Ausbildung ist zwar kürzer als ein Studium, dafür tragen Pflegende phasenweise sehr hohe Verantwortung für Menschen – ein Faktor, der hierzulande oft geringer gewichtet wird als Verantwortung für Maschinen. Addiert man alle Kriterien, liegen beide Berufe etwa gleichauf. Ingenieur:innen starten im Schnitt mit rund 51.000 Euro im Jahr – also etwas mehr als 4.000 Euro brutto im Monat. Diese Logik greift unter anderem die [Rechtsdepesche](https://www.rechtsdepesche.de/fairer-lohn-in-der-pflege-was-dann/?ref=uebergabe.de) auf. Pflegende verdienen in Deutschland nicht überall gleich – es gibt deutliche Ost-West-Unterschiede und große Spannen je nach Arbeitgeber, wie ein [Lohnvergleich](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegende-im-westen-verdienen-besser?ref=uebergabe.de) zeigte. Besonders niedrig liegen die Gehälter oft in der Altenpflege. Hier hatten sich ver.di und die Bundesvereinigung der Arbeitgeber in der Pflegebranche im Februar 2021 auf einen Tarifvorschlag geeinigt, der ab übernächstem Jahr einen Mindestlohn von 3.180 Euro für Pflegefachpersonen vorsah. Die kirchlichen Träger Caritas und Diakonie lehnten ihn jedoch ab – Voraussetzung wäre ihre Zustimmung gewesen, um den Tarif auf die gesamte Branche mit rund 1,1 Millionen Beschäftigten auszuweiten. Auch private Arbeitgeberverbände wie der bpa argumentierten, der Vorschlag bilde nur eine Minderheit ab. Kurz vor Erscheinen dieser Folge tat sich politisch viel: Das Kabinett stimmte am 2\. Juni 2021 den Plänen Spahns für eine [Pflegereform](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/20202021/pflegereform.html?ref=uebergabe.de) zu. Vorgesehen war damals eine Tariftreuepflicht für Altenpflegeeinrichtungen ab September 2022: Leistungen der Pflegeversicherung sollten sie nur noch abrechnen können, wenn sie nach Tarif bezahlen – entweder über einen eigenen Tarifvertrag oder orientiert am regionalen Niveau. Etwa die Hälfte der Altenpflegefachpersonen, die zum damaligen Zeitpunkt nicht nach Tarif vergütet wurden, hätten dadurch bis zu 300 Euro mehr im Monat erhalten können, mit besonderer Wirkung in Ostdeutschland. Finanziert werden sollte das vor allem über einen Bundeszuschuss an die Pflegekassen sowie über die kontrovers diskutierte Anhebung des Beitrags für Kinderlose um 0,1 Prozentpunkte auf 0,35 Prozent. Für 2025 war eine Evaluation vorgesehen. Schon damals zeichnete sich ab: Das geforderte Einstiegsgehalt von 4.000 Euro lässt sich damit nicht erreichen – zumal zwei Drittel der Altenpflegefachpersonen in Teilzeit arbeiten. Über das Gesetz sollte zum Zeitpunkt der Folge noch im Juni im Bundestag abgestimmt werden. ## Bessere Arbeitsbedingungen: Personalschlüssel und 35-Stunden-Woche Höhere Gehälter allein lösen weder den Personalmangel noch eine bessere Versorgung aus. Für viele Pflegende sind gute Arbeitsbedingungen sogar wichtiger als das Gehalt. Darauf deutet eine Erhebung der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein hin, für die 1.893 Personen befragt wurden. Ergebnis: Die Arbeitsbedingungen werden am stärksten als belastend empfunden – und das bereits vor der Pandemie. Die häufig geringe Personalbesetzung führt zu ständigem Einspringen und wenig Erholung, was emotional wie gesundheitlich belastet. Eine zentrale Forderung der Teilnehmenden war daher ein besserer Personalschlüssel – aus ihrer Sicht sogar dringlicher als eine bessere Bezahlung. Ein viel diskutiertes Modell ist die 35-Stunden-Woche. Die Hoffnung dahinter: Eine kürzere Arbeitszeit könnte Kündigungen reduzieren und durch bessere Erholungsphasen auch krankheitsbedingte Ausfälle senken. 2021 forderte unter anderem die Grünen-Politikerin Annalena Baerbock eine [35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich](https://www.youtube.com/watch?v=kpOQBWxQrFE&feature=youtu.be&ref=uebergabe.de) für die Pflege – ein Zeichen dafür, dass das Thema auch in der Politik ankommt. ## Politische Mitsprache: Pflegekammern und Stimmrecht im G-BA Um Gehalt und Arbeitsbedingungen durchzusetzen, braucht es politische Mitsprache. Pflegekammern können hier ein Instrument sein: Über die Registrierung der Berufsangehörigen entstehen belastbare Zahlen, die als Argumentationsgrundlage dienen, und Kammern sind als Vertretung der Berufsgruppe an der Gesetzgebung beteiligt. Zum Zeitpunkt der Folge gab es Kammern in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. In Schleswig-Holstein hatten sich allerdings im März 91 Prozent der befragten Mitglieder gegen die Fortführung ausgesprochen; der Landtag brachte daraufhin – getragen von CDU, FDP, Grünen und AfD – ein Gesetz zur Auflösung der Kammer noch im selben Jahr auf den Weg. In anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen liefen dagegen Errichtungsverfahren. Kammern sind aber nicht das einzige Instrument. Der damalige Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, betonte auf dem pflegepolitischen Kongress des DBfK, wie wichtig die Vertretung von Pflegefachpersonen in politischen Gremien sei. Ein zentrales Beispiel ist der [Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA)](https://www.g-ba.de/ueber-den-gba/wer-wir-sind/?ref=uebergabe.de), das höchste Gremium der Selbstverwaltung, das über die gesundheitliche Versorgung entscheidet. Dort verhandeln und stimmen bislang nur Kostenträger und Leistungserbringer – die größte Berufsgruppe des Gesundheitswesens, die Pflege, darf beratend mitwirken, hat aber kein Stimmrecht. Ein [Stimmrecht für die Pflege](https://www.pflegemagazin-rlp.de/ein-stimmrecht-fuer-die-pflege?ref=uebergabe.de) wird immer wieder gefordert, auch aus der Politik – so etwa von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann bereits 2017\. Konkrete Vorhaben, die ein solches Stimmrecht in Aussicht stellten, gab es zum Zeitpunkt der Folge jedoch nicht. Klar wurde am Tag der Pflegenden 2021: Die drei Forderungen lassen sich nicht isoliert betrachten. Mehr Gehalt, bessere Arbeitsbedingungen und politische Mitsprache greifen ineinander – und solltest du sie zusammen denken. ## Zum Weiterhören - [PU002 – Pflegereform](https://www.uebergabe.de/pu002/) - [ÜG003 – Special: Pflegekammer (Dr. M. Dichter)](https://www.uebergabe.de/ug003/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) --- ## Quellen - [Internationaler Tag der Pflegenden – Politik fehlt Vision für die Zukunft der Profession Pflege](https://www.bibliomed-pflege.de/news/politik-fehlt-vision-fuer-die-zukunft-der-profession-pflege?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Offener Brief an Bundesgesundheitsminister Spahn – Pflegebündnis fordert gesetzliches Mindestgehalt von 4.000 Euro ](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegebuendnis-fordert-gesetzliches-mindestgehalt-von-4000-euro?ref=uebergabe.de)(bibliomed-pflege.de) - [Protestaktion: „Der Pflege geht die Luft aus“](https://www.springerpflege.de/tag-der-pflegenden/protestaktion/19153914?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [Junge Pflege im DBfK: Veränderungen haben wir selbst in der Hand!](https://www.youtube.com/watch?v=o2mxc4Wjl-8&ref=uebergabe.de) (youtube.com) - [Rote Karte für den Bundesgesundheitsminister](https://www.verdi.de/themen/gesundheit/++co++95adb952-b199-11eb-8e52-001a4a160129?ref=uebergabe.de) (verdi.de) - [ICN – ICN Voice to Lead-Landing Page](https://www.icnvoicetolead.com/?ref=uebergabe.de) (icnvoicetolead.com) - [Bundespflegekammer – Bundespflegekammer](https://bundespflegekammer.de/startseite.html?ref=uebergabe.de) (bundespflegekammer.de) - [Walk of Care ](https://walkofcare.org/?ref=uebergabe.de)walkofcare.org) - [„Fairer Lohn in der Pflege? Was dann?“ | Rechtsdepesche](https://www.rechtsdepesche.de/fairer-lohn-in-der-pflege-was-dann/?ref=uebergabe.de) (rechtsdepesche.de) - [„Ihr verkauft euch unter Wert“? Welches Einstiegsgehalt Franz Wagner für Pfleger fordert](https://www.stern.de/gesundheit/franz-wagner---pflegende-sind-ein-stueck-weit-erpressbar--30522512.html?ref=uebergabe.de) (stern.de) - [Berufsverbleib und Wiedereinstieg von Pflegefachpersonen in Schleswig-Holstein](https://pflegeberufekammer-sh.de/wp-content/uploads/2021/05/21-05-12-Auszug%5FStudie%5FBerufsverbleib%5F-Wiedereinstieg%5FPflegefachpersonen.pdf?ref=uebergabe.de) (pflegeberufekammer-sh.de) - [Befragung zur Arbeitszufriedenheit im Rahmen des Projektes *beruflicher Wiedereinstieg von Pflegefachpersonen in Schleswig-Holstein* angesiedelt bei der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein](https://pflegeberufekammer-sh.de/wp-content/uploads/2021/05/210510-Berufsverbleib-und-Wiedereinstieg-von-Pflegefachpersonen-in-Schleswig-Holstein%5FAbschlussbericht-HWG-LU-Maerz-2021-final.pdf?ref=uebergabe.de) (pflegeberufekammer-sh.de) - [Altenpflege – Tarifvertrag für Altenpflegepersonal sorgt für Streit](https://www.bibliomed-pflege.de/news/tarifvertrag-fuer-altenpflegepersonal-sorgt-fuer-streit?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Thema Pflege](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Pflege?s=Caritas&p=1&n=1&nid=121523&ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) - [Lohnvergleich in der Pflegebranche – Pflegende im Westen verdienen besser](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegende-im-westen-verdienen-besser?ref=uebergabe.de)(bibliomed-pflege.de) - [Baerbock will 35-Stunden-Woche in der Pflege](https://www.rnd.de/politik/baerbock-will-35-stunden-woche-in-der-pflege-D4UQ7XMEJWYCFHUJEZNLTCLODY.html?ref=uebergabe.de) (rnd.de) - [Wer wir sind – Gemeinsamer Bundesausschuss](https://www.g-ba.de/ueber-den-gba/wer-wir-sind/?ref=uebergabe.de) (g-ba.de) - [Ein Stimmrecht für die Pflege](https://www.pflegemagazin-rlp.de/ein-stimmrecht-fuer-die-pflege?ref=uebergabe.de) (pflegemagazin-rlp.de) - [Forderung: Mehr Geld für Pflege und Erziehung | Frau TV | WDR](https://www.youtube.com/watch?v=kpOQBWxQrFE&feature=youtu.be&ref=uebergabe.de) (youtu.be) - [Regierung einigt sich auf bessere Löhne für Pflegekräfte](https://www.zeit.de/zustimmung?url=https%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2Fpolitik%2Fdeutschland%2F2021-05%2Fdeutschland-pflegereform-mindestlohn-tarif-gesetzesentwurf&ref=uebergabe.de) (zeit.de) - [Pflegereform – Altenpflege wird besser bezahlt und der Beruf attraktiver](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/20202021/pflegereform.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) ### Expertenstandard Mobilität im Akutkrankenhaus (Nicole Parwolowski) URL: https://www.uebergabe.de/ug073/ Last updated: 2026-06-13T00:05:16.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 29.05.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Mobilität steht als Querschnittsthema über fast allen Expertenstandards in der Pflege. - Ein eigenes Assessment verband Mobilitäts- und Dekubituseinschätzung und ersetzte die Braden-Skala. - Schulungen, Stationsleitung und Management entscheiden über gelebte Standards. - Interprofessionelle Zusammenarbeit ist Kernstück – und gleichzeitig größte Hürde. - Dokumentation ist Ausdruck von Professionalität, nicht nur Bürokratie. Expertenstandards kennt fast jede Pflegefachperson – aber wie steht es um ihre Umsetzung im Akutkrankenhaus? Während Pflegeheime und ambulante Dienste gesetzlich verpflichtet sind, ihnen zu folgen, werden sie in Kliniken oft eher stiefmütterlich behandelt. Genau hier setzt die Erfahrung von Nicole Parwolowski an. Als Pflegewissenschaftlerin und Kinästhetiktrainerin hat sie in einem Klinikverbund mit mehreren Häusern den Expertenstandard zur Förderung der Mobilität in die Praxis gebracht – und dabei sogar ein eigenes Einschätzungsinstrument entwickelt. In dieser Episode des Übergabe-Podcasts erzählt sie, was dabei funktioniert hat, woran es hakte und warum sich der Aufwand trotzdem lohnt. ## Warum Mobilität die heimliche Königsdisziplin ist Bevor wir ins Detail gehen, lohnt ein Blick auf das große Ganze. Mobilität ist kein Thema unter vielen, sondern eines, das über fast allen anderen steht. Wer sich das einmal bewusst macht, versteht schnell, warum der Standard so viel Hebelwirkung hat: Bei der Dekubitusprophylaxe lautet die zentrale Empfehlung, Bewegung zu fördern. Bei der [Sturzprophylaxe](https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/?ref=uebergabe.de) gilt: Wer in seiner Mobilität eingeschränkt ist, hat ein höheres Sturzrisiko. Auch Thrombose, Pneumonie und Obstipation hängen unmittelbar mit Bewegung zusammen. Mobilität wirkt also wie eine Klammer über zahlreiche pflegerische Themenfelder. Genau diese Erkenntnis war für das Projektteam der Ausgangspunkt: Wenn man Mobilität ernsthaft in den Fokus rückt, lassen sich gleich mehrere Standards miteinander verknüpfen. Die ursprüngliche Idee war sogar, ein multidimensionales Instrument zu entwerfen, das möglichst viele Bereiche abdeckt – ein ambitioniertes Ziel, das in dieser Reinform nicht ganz aufging, aber den Weg vorgab. > *„Mobilität steht eigentlich als Spitze über den meisten Standards. Egal ob Dekubitus, Sturz, Pneumonie oder Obstipation – immer wieder rückt das Thema Mobilität in den Vordergrund." — Nicole Parwolowski* ## Vom Buchband zur Betriebsanleitung: die rechtliche Lage Ein häufiges Missverständnis betrifft die Verbindlichkeit. Für Pflegeheime und ambulante Dienste sind die Expertenstandards nach [§ 113a SGB XI](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F11/%5F%5F113a.html?ref=uebergabe.de) verpflichtend. Krankenhäuser arbeiten dagegen auf Grundlage des SGB V – und dort steht nicht ausdrücklich, dass Expertenstandards anzuwenden sind. Sehr wohl aber, dass Pflege nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen erfolgen muss. Und genau dort liegt der Knackpunkt: Die Standards bündeln das aktuelle Wissen in einem übersichtlichen Werk, das sich wie eine Betriebsanleitung in das eigene Qualitätsmanagement übertragen lässt. Deshalb greifen die meisten Kliniken freiwillig darauf zurück. Diese Logik passt auch zur generalistischen Pflegeausbildung, in deren Rahmenlehrplänen evidenzbasiertes Arbeiten großgeschrieben wird. Wer junge Pflegende ausbildet, sollte das, was in der Schule vermittelt wird, auch in der Praxis vorleben. Für den Klinikverbund mit seiner großen Pflegeschule war das ein zusätzlicher Antrieb, den Standard einzuführen – und Pflege als eigenständige Profession sichtbar zu machen, die selbst etwas bewirkt. ## Wenn die Zeit fehlt: die Realität auf den Stationen So überzeugend die Theorie ist – im Alltag stößt sie an Grenzen. Viele Standards lassen sich im Krankenhaus gut umsetzen, etwa Dekubitus-, Sturz- oder Schmerzmanagement. Andere sind deutlich schwieriger, allen voran die Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz. Gerade im Akutbereich, etwa wenn jemand nach einer Oberschenkelhalsfraktur chirurgisch versorgt wird und gleichzeitig eine Demenz hat, fehlt oft schlicht die Zeit, sich hinzusetzen und eine Biografie zu erarbeiten. Der wiederkehrende Engpass heißt Zeit – und Haltung. Routinen, die über Jahre eingeschliffen sind, werden selten hinterfragt. Mitarbeitende ziehen Abläufe so durch, wie sie einmal festgelegt wurden, manchmal ohne zu prüfen, ob das Wissen noch aktuell ist. Auszubildende erleben diesen Bruch besonders deutlich: In der Schule lernen sie es so, auf Station wird es anders gelebt. Und kommt es zu Lücken in der Dokumentation, fällt die Begründung fast immer gleich aus – es war keine Zeit. ## Ohne Rückendeckung läuft nichts Ein Faktor entscheidet maßgeblich darüber, ob ein Standard gelebt wird oder im Ordner verstaubt: die Haltung der Führung. Im beschriebenen Projekt kam der Anstoß von der Gesamtpflegedienstleitung selbst – niemand musste überzeugt werden. Mindestens ebenso wichtig sind aber die Stationsleitungen. Tragen sie das Thema mit, schauen sie in die Dokumentation und leben sie es vor, ist auch das Team motivierter. Bleibt die Leitung passiv, versickert die beste Idee. Damit Standards nicht von oben verordnet wirken, wurde das Team früh eingebunden. Statt einfach eine fertige Braden-Skala vorzulegen, fragte das Projektteam: Bringt euch dieses Instrument überhaupt etwas – oder empfindet ihr es als Last? Diese Beteiligung schuf Motivation. Und sie förderte das, was eigentlich jede Veränderung braucht: ein Umdenken in den Köpfen, weg vom „Ich arbeite so wie immer". ## Ein eigenes Assessment für Mobilität und Dekubitus Der spannendste Teil des Projekts war die Entwicklung eines eigenen Einschätzungsinstruments. Der [Expertenstandard zur Förderung der Mobilität](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2020/12/expertenstandard--e2-80-9eerhaltung-und-fo-cc-88rderung-der-mobilita-cc-88t-in-der-pflege-e2-80-9c-aktualisierung-2020.pdf) gibt nämlich bewusst kein konkretes Assessment vor – er verlangt nur, dass die Mobilität eingeschätzt wird. Wie, bleibt der Einrichtung überlassen. Viele Pflegende empfanden die bisher genutzte Braden-Skala als reinen bürokratischen Mehraufwand. Also entstand die Idee, Mobilitäts- und Dekubituseinschätzung in einem einzigen, doppelseitigen Dokument zu verbinden und die Braden-Skala abzuschaffen. Entwickelt wurde das Instrument in einer festen Projektgruppe – mit Stationsleitung, Pflegedienstleitungen, der Physiotherapie-Leitung, dem Chefarzt der Geriatrie, dem Entlassmanagement und Nicole Parwolowski selbst. Nach umfangreicher Literaturrecherche – unter anderem mit Blick auf bestehende Tests – stellte das Team fest, dass die entscheidenden Kernkriterien fehlten. Vieles übernahm man daher aus dem neuen Begutachtungsassessment (NBA), das bereits brauchbare Kriterien zur Mobilitätseinschätzung liefert: der Positionswechsel im Bett, das Kopfwärtsbewegen, die Sitzbalance und Rumpfkontrolle, Gehen im Zimmer oder auf dem Flur über oder unter 50 Meter, Treppensteigen. Der eigentliche Clou aber liegt in einer zusätzlichen Dimension: Neben dem, was jemand aktuell kann, erfasst das Instrument auch, was die Person vorher konnte. Denn beim Aufnahmegespräch weiß niemand, ob ein liegender Patient gerade akut geschwächt ist, seit zwei Wochen liegt oder seit Jahren bettlägerig ist. Genau dieser Verlauf entscheidet darüber, welches Ziel realistisch ist. Ein Mensch, der seit 15 Jahren im Rollstuhl sitzt, lässt sich kaum zum Laufen bringen – jemand nach einem akuten Ereignis dagegen oft schon. Ein Punkte-Score macht den Verlauf sichtbar: Hat sich die Mobilität bis zur Entlassung verbessert oder verschlechtert? > *„Es ist wichtig zu wissen, was konnte der Patient früher, was kann er jetzt und wo kann ich ihn wieder hinbekommen. Das ist der entscheidende Punkt." — Nicole Parwolowski* ## Die Geriatrie als Pilotstation – aus gutem Grund Dass die geriatrische Station als Pilotbereich gewählt wurde, war kein Zufall. Der Expertenstandard fordert bestimmte Grundlagen, und hier waren sie längst vorhanden: ein gelebtes Mobilitätskonzept auf Basis der Kinästhetik mit regelmäßigen Grund- und Aufbaukursen, eine mobilitätsfördernde Umgebung mit Handläufen, gutem Licht, einem gemeinsamen Essraum und barrierearmen Sanitärbereichen. Hinzu kamen geriatrische Frühbesprechungen, wöchentliche Teamrunden, die Arbeit mit dem Barthel-Index und viele Pflegende mit geriatrischer Fachweiterbildung. Diese bestehende Infrastruktur ersparte aufwendige Umbauten. Genau das macht den Akutbereich so viel schwieriger: Auf einer Chirurgie, wo die Verweildauer kurz ist und feste interprofessionelle Besprechungen fehlen, lässt sich das Konzept nicht eins zu eins übertragen. Das Assessment selbst kann man dort zwar nutzen, doch der entscheidende Rahmen – das gemeinsame, fokussierte Betrachten der Mobilität – müsste erst geschaffen werden. Deshalb wurde das Instrument zunächst in der Geriatrie, in einer Tagespflege und in angeschlossenen Pflegeheimen eingeführt, im Akutbereich dagegen noch nicht. ## Interprofessionell denken statt nebeneinander her arbeiten Ein zentrales Anliegen des Projekts war die Zusammenarbeit über Berufsgruppen hinweg. Das Dokument sollte nicht nur von der Pflege, sondern auch von Ärzt:innen und Therapeut:innen genutzt und in den Besprechungen aktiv eingebunden werden. Hintergrund ist eine Beobachtung, die viele kennen: Bei der Physiotherapeutin steht der Patient plötzlich auf und kann erstaunlich viel – kommt die Pflegefachperson ins Zimmer, liegt er wieder im Bett und „kann das heute nicht". Solche Unterschiede lassen sich nur klären, wenn alle ihre Wahrnehmungen zusammentragen. Hier zeigt sich auch die zentrale Rolle der Pflege bei der Mobilitätsförderung. Sie geschieht nicht nur in geplanten Übungseinheiten, sondern in den vielen kleinen Handlungen des Alltags: beim Waschen, beim Anziehen, beim Gang zum Tisch. Wichtig ist, dass diese Übungen alltagstauglich bleiben und auch zu Hause umsetzbar sind. Deshalb müssen Angehörige unbedingt mit ins Boot – denn allzu oft nehmen sie aus Fürsorge alles ab und verhindern damit genau die Bewegung, die helfen würde. Ein eigener Flyer sollte dieses Missverständnis auflösen. > *„Wenn die Physiotherapie sagt, bei mir kann der das, und die Pflege sagt, bei mir nicht, dann hat man eine Grundlage, um gemeinsam mit dem Patienten zu sprechen, warum es da und dort nicht funktioniert." — Nicole Parwolowski* ## Schulung als Herzstück – und die Sache mit der Dokumentation Im Rahmen ihrer Masterarbeit hat Nicole Parwolowski 131 Patientenakten ausgewertet, um zu prüfen, wie das Instrument tatsächlich angewendet wird. Das Ergebnis: Die aktuelle Mobilitätseinschätzung war in den allermeisten Fällen ausgefüllt – bei der Formulierung von Zielen und Maßnahmen hakte es dagegen häufiger. Ein wesentlicher Grund war, dass das Assessment während der Schulungen noch nicht final ausgereift war. Diese Schulungen dauerten fast sechs Stunden und waren entsprechend aufwendig zu organisieren. Daraus zieht Nicole Parwolowski einen klaren Schluss für künftige Durchläufe: Schulungen sollten interprofessionell stattfinden, mit konkreten Patientenfällen und praktischen Übungen – auch für Ärzt:innen. Spannend war, dass selbst in Medizin und Physiotherapie das Thema Kinästhetik bis dahin wenig fokussiert betrachtet wurde. Ein gemeinsames Verständnis davon, was „mobil sein" überhaupt bedeutet, ist die Grundlage für alles Weitere. Ein zweites Learning betrifft die Dokumentation. Fehlende Handzeichen oder Daten lagen selten am Instrument selbst, sondern an einer gewissen Schludrigkeit, die sich schnell einschleicht. Dabei ist Dokumentation weit mehr als Bürokratie: Sie sichert rechtlich ab, ermöglicht Reflexion und ist Ausdruck von professionellem Selbstverständnis. Was nicht dokumentiert ist, gilt als nicht gemacht – so einfach und so folgenreich ist das. ## Ein Standard im Wartestand – und trotzdem ein Gewinn Bemerkenswert ist, dass das Projekt zu einem Zeitpunkt umgesetzt wurde, als der Expertenstandard Mobilität noch in der Entwurfsfassung steckte. Nach der [modellhaften Implementierung durch Rothgang und Görres](https://www.uebergabe.de/content/files/lib/download.pdf) war er nie scharfgeschaltet worden – erst der [aktualisierte Entwurf](https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/?ref=uebergabe.de) brachte das Thema zurück auf die Agenda. Warum also überhaupt damit arbeiten? Weil das Projektteam überzeugt war, wie zentral und gleichzeitig komplex das Thema ist – und weil ein Standard nicht starr eins zu eins umgesetzt werden muss, sondern an die eigene Einrichtung angepasst werden darf. Die harten Zahlen lieferten zwar keine spektakuläre Senkung der Dekubitus- und Sturzraten – sie stiegen aber auch nicht. Der eigentliche Gewinn liegt woanders: Durch Mikroschulungen direkt auf den Stationen, in kleinen Gruppen mit fachspezifischem Fokus, rückte das Thema Expertenstandard wieder ins Bewusstsein der Pflegenden. Genau das ist oft schon der entscheidende erste Schritt. Eingebettet ist das Ganze übrigens in das [Pflegeberufegesetz](http://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger%5FBGBl&jumpTo=bgbl117s2581.pdf&ref=uebergabe.de), das evidenzbasiertes Arbeiten fest verankert. Die zentrale Botschaft der Episode ist deshalb ermutigend: Expertenstandards lassen sich auch im Krankenhaus umsetzen – nicht nur die Klassiker, sondern auch zeitintensivere wie Mobilität, die am Ende in viele Richtungen wirken. Man muss sich von der Struktur eines Standards nicht abschrecken lassen, sondern einen Punkt herausgreifen und einfach anfangen. Denn selbst wenn die Umsetzung nicht zu hundert Prozent gelingt, sondern nur zur Hälfte: Das sind immer noch fünfzig Prozent mehr als vorher. ## Zum Weiterhören - [ÜG061 – Mobilität und Bettlägerigkeit (Dr. Angelika Zegelin)](https://www.uebergabe.de/ug061/) - [ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)](https://www.uebergabe.de/ug050/) - [ÜG019 – Expertenstandards in der Pflege (Prof. Dr. Dr. A. Büscher)](https://www.uebergabe.de/ug019/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes zur Folge - [Expertenstandards nach § 113a SGB XI - Ziel, Hintergrund und Entwicklungsstand](https://www.gs-qsa-pflege.de/unsere-aktuellen-projekte/?ref=uebergabe.de#Expertenstandards%20nach%20%C2%A7%20113a%20SGB%20XI) (gs-qsa-pflege.de) - [Aktualisierter Entwurf des Expertenstandards nach § 113a SGB XI „Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege“ mit Kommentierungen und Literaturstudie](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2020/12/expertenstandard--e2-80-9eerhaltung-und-fo-cc-88rderung-der-mobilita-cc-88t-in-der-pflege-e2-80-9c-aktualisierung-2020.pdf) (gs-qsa-pflege.de) - [Hinweise Expertenstandard "Erhaltung und Förderung der Mobilität" ](https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/?ref=uebergabe.de)(dnqp.de) - [Expertenstandard "Sturzprophylaxe in der Pflege"](https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/?ref=uebergabe.de) (dnqp.de) - [§ 113a SGB XI Expertenstandards zur Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität in der Pflege](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F11/%5F%5F113a.html?ref=uebergabe.de) (gesetze-im-internet.de) - [Pflegeberufegesetz](http://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger%5FBGBl&jumpTo=bgbl117s2581.pdf&ref=uebergabe.de) (bgbl.de) - [Abschlussbericht Modellhafte Implementierung des Expertenstandard-Entwurfs "Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege" (ExMo)](https://www.uebergabe.de/content/files/lib/download.pdf) (socium.uni-bremen.de) ### Praxisentwicklung in der Pflege (Prof.in Rebecca Palm & Sibylle Reick) URL: https://www.uebergabe.de/ug072/ Last updated: 2026-06-13T21:14:55.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 15.05.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Praxisentwicklung ist ein theoretisch fundiertes, personenzentriertes und evidenzbasiertes Veränderungskonzept. - Veränderung kommt aus dem Team selbst – begleitet durch Facilitators statt verordnet. - Eine gute Teamkultur ist zentrales Ziel und zugleich Motor besserer Pflegequalität. - In Deutschland fehlen noch Strukturen, Publikationen und Ausbildungswege. - Kontextfaktoren wie Ökonomie und Führung entscheiden über den Erfolg. Praxisentwicklung – ein Begriff, mit dem in der Pflege fast jede:r etwas verbindet, aber kaum jemand dasselbe. Genau hier setzt diese Podcast-Folge an: Prof.in Rebecca Palm und Sibylle Reick von der Universität Witten/Herdecke räumen mit Missverständnissen auf und zeigen, warum hinter dem Wort ein ausgereiftes, theoretisch fundiertes Konzept steckt – und warum Deutschland in diesem Feld noch viel Luft nach oben hat. Wenn du dich fragst, wie sich Pflegeteams von innen heraus weiterentwickeln können, ohne dass jemand von oben herab Themen verordnet, dann lies unbedingt weiter. ## Ein Konzept mit Geschichte – und einem klaren Kern Rebecca Palm hat an der Universität Witten/Herdecke seit etwa einem Jahr die [Professur für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Praxisentwicklung](https://www.uni-wh.de/gesundheit/department-fuer-pflegewissenschaft/lehrstuehle-professuren-und-privatdozenten/professur-fuer-pflegewissenschaft-schwerpunkt-praxisentwicklung/?ref=uebergabe.de) inne. Sibylle Reick, von Hause aus Kinderkrankenschwester, arbeitet seit 2002 im Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf in der Pflege- und Praxisentwicklung und ist seit gut einem Jahr zusätzlich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität tätig. Beide eint die Überzeugung, dass Praxisentwicklung in Deutschland noch immer ein Pionierthema ist. Dabei ist das Konzept gar nicht neu: Entwickelt wurde es in den 1990er-Jahren von Brendan McCormack und Kolleg:innen in England und über die Jahre kontinuierlich ausgebaut. In vielen Ländern des Commonwealth, aber auch in der Schweiz, wird Praxisentwicklung heute systematisch umgesetzt und intensiv beforscht. In Deutschland kam es – auch wegen der dünnen deutschsprachigen Literaturlage – nie zu einer systematischen Implementierung. Das erklärt, warum hierzulande so viele unterschiedliche Vorstellungen davon kursieren. Im Kern beschreibt Praxisentwicklung einen personenzentrierten und evidenzbasierten Veränderungsprozess in Gesundheitseinrichtungen. Sie arbeitet stark auf der Mikroebene – also direkt bei den Pflegenden – will aber zugleich die gesamte Kultur einer Einrichtung verändern. Dabei hat sie immer zwei Adressaten gleichzeitig im Blick: die Patient:innen und die Pflegenden selbst. ## Warum Praxisentwicklung eine „komplexe Intervention" ist Praxisentwicklung erfüllt die Merkmale einer komplexen Intervention – also einer Maßnahme, die aus verschiedenen Bestandteilen besteht, an mehreren Organisationsebenen ansetzt und unterschiedliche Personengruppen einbezieht. Sie lässt sich eben nicht „einfach mal umsetzen". Wer sich für die methodischen Grundlagen solcher Interventionen interessiert, findet in der [CReDECI-2-Leitlinie zur Entwicklung und Evaluation komplexer Interventionen](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25935741/?ref=uebergabe.de) einen guten Einstieg. Ursprünglich hieß das Konzept übrigens Pflegeentwicklung – schließlich stammt es aus der Pflege. Inzwischen spricht man von Praxisentwicklung, weil sie sich interdisziplinär verstanden wissen will. Da Pflegende in den meisten Einrichtungen die größte Berufsgruppe stellen, sind sie häufig Hauptakteur:innen, doch andere Professionen sind ausdrücklich nicht ausgenommen. Sibylle Reick macht im Gespräch einen feinen Unterschied: Während bei der Praxisentwicklung die Person – Patient:in, Bewohner:in, Klient:in – immer im Mittelpunkt steht, kann Pflegeentwicklung auch Prozesse umfassen, die nicht direkt auf die Versorgung abzielen. ## Veränderung, die aus dem Team kommt Das Spannendste an der Praxisentwicklung ist ihr emanzipatorischer Ansatz. Die Idee ist gerade nicht, dass jemand mit einem fertigen Thema ins Team marschiert und ein Projekt aufdrückt. Stattdessen begleiten sogenannte Facilitators – Praxisbegleiter:innen – das Team und lassen ihm den Raum, die Veränderung aus sich selbst heraus zu bestimmen. Das Team entwickelt sich aus eigener Kraft, die begleitende Person unterstützt diesen Prozess lediglich. > *„Praxisentwicklung ist keine Funktion und keine Rolle, sondern ein Konzept, das verschiedene Funktionen anwenden können – Pflegedirektor:innen genauso wie Wohnbereichsleitungen oder APNs." — Prof.in Rebecca Palm* Wie aber gelingt dieser Spirit konkret? Das Konzept stellt definierte Methoden bereit, ohne sie linear vorzuschreiben. Man spricht von einer „Practice Development Journey" – einer Reise, die oft keinen klar definierten Start- und Endpunkt hat. Zwei Schlüsselelemente ziehen sich durch: die Befähigung zur Selbst- und Teamreflexion sowie Methoden des aktiven Lernens. Welches Feedback bekomme ich von Patient:innen, welches von Kolleg:innen? Aus solchen Rückmeldungen entwickelt das Team eine gemeinsame Vision: Wo wollen wir eigentlich hin – und wie kommen wir dorthin? Wer beim Stichwort Reflexion an partizipative Forschung und Aktionsforschung denkt, liegt richtig. Genau diese Forschungsmethodologien sind der Praxisentwicklung inhärent. Ohne Partizipation funktioniert das Konzept schlicht nicht. Theoretisch fundiert ist es in der kritischen Theorie und der sogenannten Realist Methodology. ## Akutpflege, Altenpflege und ein blinder Fleck im System Grundsätzlich eignet sich Praxisentwicklung für alle Settings. Wegen ihrer engen Verbindung zur Personenzentrierung spielt sie international gerade in der Altenpflege und in der Arbeit mit Menschen mit Demenz eine große Rolle – Brendan McCormack selbst kommt aus diesem Feld. In Deutschland verhält es sich fast umgekehrt: Hier ist Praxisentwicklung eher in der Akutversorgung etabliert, in Krankenhäusern mit Stabs- oder Assistenzstellen und teils ganzen Abteilungen. Ein strukturelles Problem zeigt sich in der Langzeitpflege: Anders als im Krankenhaus sind dort selten mehrere Berufsgruppen dauerhaft vor Ort. Therapeut:innen kommen von außen, die Medizin betritt das Haus nur punktuell. Wenn die Pflege weitgehend auf sich allein gestellt ist, kocht sie schnell ihren eigenen Brei. Dabei spielen Berufsgruppen wie die Soziale Arbeit eine wichtige Rolle und sollten in solche Prozesse einbezogen werden – auch wenn das im deutschen Versorgungssystem organisatorisch herausfordernd ist. Beide Gästinnen teilen die Sorge, dass die stationäre Langzeitpflege als Berufsfeld für akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen zu wenig Attraktivität entfaltet – nicht zuletzt aus monetären Gründen. Genau dem will das Department in Witten/Herdecke entgegenwirken, indem es die Langzeitpflege gezielt adressiert und künftig auch im [Masterstudiengang Pflegewissenschaft den Schwerpunkt Praxisentwicklung](https://www.uni-wh.de/studium/studiengaenge/pflegewissenschaft-msc/?ref=uebergabe.de) anbietet. ## Wer macht das eigentlich? Von Stabsstellen bis zur APN Im Florence-Nightingale-Krankenhaus arbeitet Sibylle Reick aus einer Stabsstelle heraus – sie kommt sozusagen von außen ins Team, auch wenn man sie dort seit fast zwei Jahrzehnten kennt. Ideale Praxisentwickler:innen sind aber auch die Pflegeexpert:innen und APNs, weil sie unmittelbar in der Pflegepraxis und Teil der Teams sind. Und ein oft übersehener Punkt: Auch Führungspersonen sollten die Methoden der Praxisentwicklung beherrschen, um ihre Teams weiterentwickeln zu können. Im Klinikalltag laufen die Impulse selten so „lehrbuchmäßig" wie das Konzept es vorsieht. Häufig kommen Aufträge von der Pflegedirektion und aus der Pflegestrategie – die Themen werden also eher vorgegeben als rein aus dem Team geboren. Wichtig ist dabei, dass Praxisentwicklung immer mit der Unternehmensstrategie vereinbar bleibt. Das übergeordnete Thema steht damit oft fest, aber wie ein Team es konkret ausgestaltet, sollte aus dem Team selbst kommen. Ein anschauliches Beispiel ist die Arbeit mit Multiplikator:innen zu Prophylaxen für bewegungseingeschränkte Patient:innen – etwa zur Dekubitus- oder Sturzprophylaxe. Entscheidend ist das Lernen vor Ort: Ein neuer Patientenlifter, in der idealen Schulungssituation erprobt, landet sonst schnell in der Abstellkammer, weil niemand gelernt hat, ihn im echten Pflegealltag einzusetzen. Genau hier setzt die begleitende Reflexion an. ## Beziehungsqualität als Schlüssel Warum funktioniert dieselbe Lösung in Klinik A anders als in Klinik B? Die Antwort liegt im Kontext. Entscheidend sind Faktoren wie Teamzusammensetzung, Beziehungen und Kommunikationskultur. Die Pflegeprobleme ähneln sich oft – die Art und Weise, wie ein Team mit ihnen umgeht, unterscheidet sich stark. Deshalb steht am Anfang einer Praxisentwicklungsreise häufig die Frage, was ein Begriff wie Personenzentrierung für die einzelnen Teammitglieder eigentlich bedeutet und worauf man sich gemeinsam einigen kann. Ein zentrales Ziel ist deshalb die Verbesserung der Beziehungsqualität im Team – nicht in erster Linie das Senken einer Kennzahl wie der Dekubitusinzidenz, die eher das Qualitätsmanagement interessiert. Wer gut mit Kolleg:innen auskommt, bewältigt auch schwierige Situationen besser. Wertschätzung wird so zum Motor für Veränderung. Diese Kulturarbeit bringt auch Reibung mit sich. Als das Florence-Nightingale-Krankenhaus die Bezugspflege einführen wollte, zeigte sich: Niemand sagt Nein zu mehr Personenzentrierung – doch Bezugspflege schafft Transparenz über die Qualität der einzelnen Pflegenden, und das weckt Ängste. Bemerkenswert ist die dortige Auslegung: Grundsätzlich soll jede examinierte Pflegefachperson die Rolle der Bezugspflegenden übernehmen können, sofern sie Kontinuität im Pflegeprozess leisten kann – bewusst ohne starre Hierarchien über den Skill-Grade-Mix. ## Wenn der Kontext zur Bremse wird Hier wird es politisch. Praxisentwicklung braucht vor allem eines: Zeit. Wer mit Minimalbesetzung nur das Schiff vor dem Sinken bewahrt, hat kaum Raum dafür. Dass sich das Konzept in der Schweiz besser durchsetzen konnte, hängt – so eine Vermutung im Gespräch – auch mit den dortigen Rahmenbedingungen zusammen. > *„Praxisentwicklung ist kein politisches Instrument. Wir bekommen dadurch nicht mehr Personal. Aber es ist ein Instrument, um mit dem, was wir haben, besser umzugehen und Ressourcen besser auszunutzen." — Prof.in Rebecca Palm* Dabei gehört zum Kontext mehr als nur Personal und Material: Sibylle Reick betont die weichen Faktoren – Kultur, Rollenklarheit, Führung, Macht und Autorität. Vieles davon ist historisch gewachsen, muss aber nicht so bleiben. Genau hier liegt das Reizvolle: Praxisentwicklung kann durchaus ein Hebel sein, um tradierte Strukturen und Hierarchien aufzubrechen – vorausgesetzt, eine Vision und eine Kultur verankern sich, die das wollen. Und sind erst einmal Prozesse angestoßen, entfalten sie eine Signalwirkung. Einrichtungen, die Praxisentwicklung konsequent leben, ähneln dem Gedanken der Magnetkrankenhäuser und spüren den Personalmangel womöglich weniger stark. Die Hoffnung: dass davon eine Sogwirkung auf junge Menschen und auf die Politik ausgeht und zur Emanzipation der Pflege beiträgt. ## Forschung, die fragt: Was wirkt bei wem – und warum? Die Forschung zur Praxisentwicklung hat ihre größten Überschneidungen mit der Implementierungsforschung, etwa über das PARIHS-Framework, das auf Alison Kitson, Gill Harvey und Brendan McCormack zurückgeht und drei Bausteine umfasst: Evidenz, Kontext und Facilitation. In neueren Modellfassungen wird die Facilitation als verbindendes Element zwischen Evidenz und Kontext dargestellt. Statt nur zu fragen, ob Intervention A besser wirkt als Intervention B, lautet die klassische Forschungsfrage der Praxisentwicklung: Was funktioniert bei wem und unter welchen Umständen? Gearbeitet wird nicht summativ, sondern formativ – also in Zyklen. Wer tiefer einsteigen möchte, findet in dem Scoping Review von [Palm und Hochmuth zur Realist Methodology in der Pflege](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32590248/?ref=uebergabe.de) reichlich Material. Gerade die Kombination aus Wirksamkeitsstudien und Praxisbegleitung birgt großes Potenzial – denn häufig scheitern gute Interventionen nicht an sich selbst, sondern an der Implementierung. ## Wo du Praxisentwicklung lernen kannst Die Kompetenzen fallen nicht vom Himmel. Einzelne Hochschulen verankern Praxisentwicklung bereits im Bachelor, etwa die Hochschule Deggendorf. Die Universität Witten/Herdecke bietet das genannte Wahlmodul im Master an. Weiterbildungen gibt es vor allem im Ausland – etwa über das Netzwerk für Praxisentwicklung der Universität Basel sowie ein englischsprachiges europäisches Programm in den Niederlanden. International vernetzt ist das Feld über das International Practice Development Collaborative (IPDC) und das Open-Access-Journal „International Journal of Practice Development". In Deutschland existiert immerhin das Netzwerk Pflegewissenschaft und Praxisentwicklung. Und wenn dich das Konzept gepackt hat – wo fängst du an? Der Rat der beiden ist klar: erst lesen, dann lernen, idealerweise in einem geschützten Rahmen ausprobieren. Denn Praxisentwicklung ist kein rein theoretisches Studium. > *„Praxisentwicklung kann man nur in der Praxis machen. Man muss das, was man theoretisch lernt, direkt anwenden." — Sibylle Reick* Anschließend gilt es, den eigenen Arbeitgeber zu überzeugen. Und wenn das nicht gelingt? Dann, so der pragmatische Tipp aus der Folge mit einem Augenzwinkern, lohnt vielleicht ein Arbeitgeberwechsel – hin zu einem Ort, der Pflege wirklich bewegen will. ## Zum Weiterhören - [ÜG142 – Evidenzbasierte Praxisentwicklung (Nina Kolbe)](https://www.uebergabe.de/ug142/) - [ÜG097 – Pflegeentwicklung (Susanne Herzog)](https://www.uebergabe.de/ug097/) - [ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)](https://www.uebergabe.de/ug050/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Zum Gast - [Kontakt Prof.in Rebecca Palm](https://www.uni-wh.de/detailseiten/kontakte/rebecca-palm-2654/f0/?ref=uebergabe.de) (uni-wh.de) - [Kontakt Sibylle Reick](https://www.florence-nightingale-krankenhaus.de/de/leistungsspektrum/pflege/team/pflegeentwicklung.html?ref=uebergabe.de) (florence-nightingale-krankenhaus.de) #### Shownotes - [International Practice Development Collaborative (IPDC)](https://www.fons.org/library/journal-about-ipdc?ref=uebergabe.de) (fons.org) - [International Practice Development Journal (IPDJ)](https://www.fons.org/library/journal-about-ipdj?ref=uebergabe.de) (fons.org) - [Basisseminar Praxisentwicklung (PD Foundation School)](https://www.unispital-basel.ch/ueber-uns/ressorts/pflege-mtt/ueber-uns/abteilungen/praxisentwicklung-pflege/veranstaltungen-informationen/basisseminar-pe-pd-school/?ref=uebergabe.de) (unispital-basel.ch) - [Praxisentwicklung Klinikum Neumarkt](https://pflege.klinikum-neumarkt.de/956-Entwicklung-der-Pflegepraxis.html?ref=uebergabe.de) (pflege.klinikum-neumarkt.de) - [Pflegeentwicklung Florence-Nightingale-Krankenhaus](https://www.florence-nightingale-krankenhaus.de/de/leistungsspektrum/pflege/fuer-pflegefachpersonen/pflegeentwicklung.html?type=0%25252525252527A%252525253D0%27A%3D0&ref=uebergabe.de) (florence-nightingale-krankenhaus.de) - [Professur für Pflegewissenschaft – Schwerpunkt Praxisentwicklung ](https://www.uni-wh.de/gesundheit/department-fuer-pflegewissenschaft/lehrstuehle-professuren-und-privatdozenten/professur-fuer-pflegewissenschaft-schwerpunkt-praxisentwicklung/?ref=uebergabe.de)(uni-wh.de) - [M.Sc. Schwerpunkt Praxisentwicklung](https://www.uni-wh.de/studium/studiengaenge/pflegewissenschaft-msc/?ref=uebergabe.de) (uni-wh.de) - [Netzwerk Pflegewissenschaft und Praxisentwicklung im VPU e.V.](https://www.vpuonline.de/Netzwerk-Pflegewissenschaft-und-Praxisentwicklung/?ref=uebergabe.de) (vpuonline.de) - [Manley, K., Wilson, V, Oye C. (2021) International Practice Development in Health and Social Care, 2nd Edition. Wiley-Blackwell](https://www.wiley.com/en-mr/International+Practice+Development+in+Health+and+Social+Care%2C+2nd+Edition-p-9781119698357?ref=uebergabe.de) (wiley.com) - [Dewing, J., McCormack, B. und Titchen, A. Practice Development Workbook for Nursing, Health and Social Care Teams. John Wiley & Sons ](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/book/10.1002/9781119180395?ref=uebergabe.de)(wiley.com) - McCormack et al. (2013) Practice Development in Nursing and Healthcare. John Wiley & Sons - [Möhler, Köpke, Meyer (2015) Criteria for Reporting the Development and Evaluation of Complex Interventions in healthcare: revised guideline (CReDECI 2). In Trial, 16, 204](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25935741/?ref=uebergabe.de) (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov) - [Palm, Hochmuth (2020) What works, for whom and under what circumstances? Using realist methodology to evaluate complex interventions in nursing: A scoping review. In International Journal of Nursing Studies. Volume 109](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32590248/?ref=uebergabe.de) (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov) #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ### Berufsstolz in der Pflege (German Quernheim) URL: https://www.uebergabe.de/ug071/ Last updated: 2026-06-13T12:38:58.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 01.05.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Berufsstolz steigert Motivation und Pflegequalität trotz schwieriger Arbeitsbedingungen. - Er hat kognitive (Fachwissen, Standards) und emotionale (Selbstwirksamkeit) Komponenten. - Fehlende Anerkennung, Personalmangel und Überlastung schwächen deinen Berufsstolz. - Akademisierung und Berufsverbände bzw. Pflegekammern stärken die berufliche Identität. - Bessere Arbeitsbedingungen und positives Feedback fördern Stolz und Selbstbewusstsein. --- ## Berufsstolz in der Pflege: Bedeutung, Herausforderungen und Strategien zur Stärkung Berufsstolz beschreibt das Gefühl beruflicher Selbstachtung und den bewussten Stolz auf die eigenen Leistungen. Besonders in der Pflege ist der Berufsstolz von zentraler Bedeutung, da Pflegekräfte oft mit schwierigen Arbeitsbedingungen, geringer gesellschaftlicher Anerkennung und hoher Belastung konfrontiert sind. Ein gestärkter Berufsstolz in der Pflege ist jedoch essenziell, um die Motivation der Pflegenden zu steigern, qualitativ hochwertige Arbeit zu leisten und den wachsenden Anforderungen der modernen Pflege gerecht zu werden. ### Definition und Bedeutung von Berufsstolz in der Pflege Der Berufsstolz in der Pflege umfasst sowohl kognitive als auch emotionale Komponenten. Auf der kognitiven Ebene bedeutet Berufsstolz, sich des eigenen pflegerischen Wissens und der professionellen Standards bewusst zu sein, nach denen gehandelt wird — beispielsweise dem ICN-Kodex. Pflegende übernehmen Verantwortung für ihre Patient:innen und orientieren sich dabei an professionellen Vorgaben. Auf emotionaler Ebene zeigt sich Berufsstolz in der Selbstwirksamkeit: dem Gefühl, dass die eigene Arbeit einen positiven Unterschied macht. Pflegekräfte empfinden besonders dann Berufsstolz, wenn sie sehen, dass ihre Pflege individuell auf die Bedürfnisse der Patient:innen abgestimmt ist und zu positiven Gesundheitsergebnissen führt. Dies spiegelt sich oft in verbesserten Gesundheitszuständen oder der Zufriedenheit von Bewohner:innen in Pflegeeinrichtungen wider. ### Herausforderungen für den Berufsstolz in der Pflege Trotz seiner Bedeutung gibt es zahlreiche Herausforderungen, die den Berufsstolz in der Pflege schwächen. Ein Hauptfaktor ist die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung. In Ländern wie Deutschland wird der Pflegeberuf oft nicht auf Augenhöhe mit anderen Gesundheitsberufen gesehen. Während Ärzt:innen häufig im Vordergrund stehen, bleiben die Leistungen der Pflegekräfte im Hintergrund. Dazu kommen schwierige Arbeitsbedingungen wie Personalmangel, Überlastung und unzureichende Bezahlung, die den Beruf für viele unattraktiv machen. Diese Faktoren führen zu einem geringeren Selbstwertgefühl und können zu einem „Jammerkreislauf” führen, in dem Pflegekräfte sich gegenseitig in ihrer negativen Wahrnehmung bestärken. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Berufsstolz versus Pflegestolz Es ist wichtig, zwischen Berufsstolz und Pflegestolz zu unterscheiden. Berufsstolz bezieht sich auf die berufliche Identität und professionelle Standards von Pflegekräften. Pflegestolz hingegen kann auch von Laien empfunden werden, etwa von Personen, die stolz darauf sind, Angehörige zu pflegen. Berufsstolz ist kollektiver und wird durch Berufsverbände und Pflegekammern gestärkt, während Pflegestolz eher individuell ist. ### Die Rolle der Akademisierung und Berufsverbände Die Akademisierung spielt eine wichtige Rolle bei der Stärkung des Berufsstolzes. Pflegekräfte mit einer akademischen Ausbildung entwickeln ein tieferes Berufsidentitätsgefühl und verfügen über ein besseres Verständnis der theoretischen und praktischen Grundlagen ihres Berufs. Dieses Wissen stärkt ihr Selbstbewusstsein und ihren Berufsstolz. Auch Berufsverbände und Pflegekammern tragen entscheidend zur Förderung des Berufsstolzes bei. In Ländern wie Norwegen, wo nahezu 100 % der Pflegekräfte in Pflegekammern organisiert sind, ist der Berufsstolz deutlich ausgeprägter. Die Mitgliedschaft in solchen Organisationen fördert das Gemeinschaftsgefühl und ermöglicht es Pflegekräften, ihre Interessen kollektiv zu vertreten. ### Strategien zur Stärkung des Berufsstolzes Es gibt verschiedene Ansätze, um den Berufsstolz in der Pflege zu stärken. Ein zentraler Punkt ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Länder, in denen Pflegekräfte faire Löhne erhalten und nicht überlastet werden, verzeichnen einen höheren Berufsstolz. Ein weiterer Faktor ist die Unterstützung durch das Management und Praxisanleiter:innen. Diese können durch positives Feedback und Vorbildfunktion dazu beitragen, dass Pflegekräfte ihren Beruf mit Stolz ausüben. Ein offener Umgang mit Fehlern, wie er beispielsweise in Japan praktiziert wird, stärkt das Selbstwertgefühl der Pflegekräfte und fördert den Berufsstolz. ### Fazit Berufsstolz in der Pflege ist ein entscheidender Faktor für die Motivation und die Qualität der Arbeit von Pflegekräften. Angesichts der herausfordernden Arbeitsbedingungen und der oft geringen gesellschaftlichen Anerkennung ist es unerlässlich, den Berufsstolz in der Pflege durch bessere Ausbildung, Berufsverbände und ein unterstützendes Arbeitsumfeld zu stärken. Nur so können Pflegekräfte ihre wichtige Rolle im Gesundheitssystem mit Stolz und Selbstbewusstsein ausfüllen. --- ## Zum Gast - [Homepage von German Quernheim](https://www.german-quernheim.de/?ref=uebergabe.de) ## Shownotes - [Elevator Pitch Expertise Pflege Selbstdarstellung](https://youtu.be/LijT3VzecuM?ref=uebergabe.de) (YouTube.com) - [Quernheim G & Zegelin A (2020). Berufsstolz in der Pflege. Das Mutmachbuch. Hogrefe: Bern](https://www.hogrefe.com/de/shop/berufsstolz-in-der-pflege-92176.html?ref=uebergabe.de#:~:text=%E2%80%9EBerufsstolz%20in%20der%20Pflege%E2%80%9C%20ist,Beruf%20erhalten%20und%20wiederbeleben%20k%C3%B6nnen.) (Hogrefe.com) - [Bernice Buresh, Suzanne Gordon: Der Pflege eine Stimme geben. Was Pflegende wie öffentlich kommunizieren müssen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2006](https://www.hogrefe.com/de/shop/der-pflege-eine-stimme-geben-62124.html?ref=uebergabe.de) (Hogrefe.com) - [Professionalisierung der Pflege — vom Hilfsberuf zur evidenzbasierten Heilkunde?](https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0029-1235140?device=mobile&innerWidth=412&offsetWidth=412&ref=uebergabe.de) (Thieme-connect.com) - [Angelika Abt-Zegelin, Martin W. Schnell (Hrsg.): Sprache und Pflege. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2005\. 2., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. 158 Seiten](https://www.amazon.de/Sprache-Pflege-Angelika-Abt-Zegelin/dp/3456841418?ref=uebergabe.de) (Amazon.de) - [Schiff, Sonja (2020). Magische Momente in der Altenpflege - Plädoyer für eine empathische gefühlsbetonte Altenpflege. Springer-Verlag Berlin Heidelberg](https://www.springer.com/de/book/9783662598610?ref=uebergabe.de) (springer.com) - [Rogalski H, Dreier A, Hoffmann W, Oppermann R F (2012). Zukunftschance Pflege—von der Professionalisierung zur Restrukturierung des Aufgabenfeldes. Pflege 25 (1), 11-21.](https://econtent.hogrefe.com/doi/abs/10.1024/1012-5302/a000166?ref=uebergabe.de) (Hogrefe.com) - [Pflegeberufegesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/pflegeberufegesetz.html?ref=uebergabe.de) (Bundesgesundheitsministerium.de) - [Kälbe K, Pundt J, (2016). Pflege und Pflegebildung im Wandel—der Pflegeberuf zwischen generalistischer Ausbildung und Akademisierung. In: Jacobs K., Kuhlmey A., Greß S., Klauber K., Schwinger A. Pflege-Report](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/Dokumente/Publikationen%5FProdukte/Buchreihen/Pflegereport/2016/Kapitel%20mit%20Deckblatt/wido%5Fpr2016%5Fkap03.pdf) (wido.de) - [Pflegeprozessplanung als Vorbehaltstätigkeit](https://www.springerpflege.de/pflegeprozessplanung-als-vorbehaltstaetigkeit/18167130?ref=uebergabe.de) (springerpfpflege.de) - [Ciesinger, K.-G., Fischbach, A., Klatt, R. & Neuendorff, H. (Hrsg)(2011). Berufe im Schatten. Berlin: Lit Verlag.](https://www.lit-verlag.de/isbn/978-3-643-11300-9?ref=uebergabe.de) (Lit-verlag.de) - [Fuchs-Frohnhofer, P., Isfort, M., Wappenschmidt-Krommus, E., Duisberg, M., Neuhaus, A., Rottländer, R., Brauckmann, A. & Bessin, C. (Hrsg.) (2012). PflegeWert: Wertschätzung erkennen — fördern — erleben. Köln: Kuratorium Deutsche Altershilfe.](https://www.amazon.de/PflegeWert-ProAlter-PraxisWissen-Kuratorium-Altershilfe/dp/3862165698?ref=uebergabe.de) (Amazon.de) - [Scharfenberg, E. & Teglas, I. (2019). Pflege ist stark!: Gelebte Ideen und Zukunftsimpulse. Hannover: Vincentz.](https://www.mabuse-verlag.de/vincentz-network-gmbh-c/mabuse-buchversand/pflege-ist-stark-pflegepraxis%5Fpid%5F137%5F23509.html?ref=uebergabe.de) (mabuse-verlag.de) - [Berufsstolz ist lernbar](https://pflege-professionell.at/berufsstolz-ist-lernbar?ref=uebergabe.de) (pflege-professionell.at) - [Bullshit Jobs: Vom wahren Sinn der Arbeit](https://www.amazon.de/Bullshit-Jobs-wahren-Sinn-Arbeit/dp/360898108X?ref=uebergabe.de) (amazon.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) - [ÜG002 – Akademisierung in der Pflege, Ausbildung & Professionalisierung - (Prof. Dr. B. Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug002/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Auf´n Schnack - Neuigkeiten bei der Übergabe URL: https://www.uebergabe.de/ug070/ Last updated: 2026-06-17T19:31:29.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 24.04.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Übergabe startet ein kurzes Pflege-News-Format mit Clara und Caroline. - Aktuelle Pflegethemen sollen niedrigschwellig und hintergründig aufbereitet werden. - Neu auf der Website: ein Eventkalender und ein Jobboard für akademisch Pflegende. - Informiert sein stärkt das berufliche Selbstverständnis und die eigene Stimme. Es gibt Tage, an denen ein Podcast-Team einfach mal die Tür aufmacht und dich in die eigene Werkstatt schauen lässt. Genau das passiert in dieser Folge: Statt eines klassischen Fachinterviews wird „auf'n Schnack" geplaudert – locker, ehrlich und mit einer großen Neuigkeit im Gepäck. Die Übergabe hat Nachwuchs bekommen. Und zwar gleich zweifachen. ## Zwei neue Stimmen am Tisch Neben den bekannten Stimmen von Eva, Christian und Alex sitzen in dieser Runde zwei neue Gesichter – beziehungsweise zwei neue Stimmen: Clara und Caroline. Beide kommen aus dem Rhein-Main-Gebiet, sind also eine kleine hessische Verstärkung in einem Team, das sonst viel in Nordrhein-Westfalen unterwegs ist. Sie bringen nicht nur ihre Brillen als Erkennungszeichen mit, sondern vor allem jede Menge fachliche Tiefe. Caroline ist Gesundheits- und Krankenpflegerin, arbeitet auf einer gynäkologischen und gefäßchirurgischen Station und steckt zum Zeitpunkt der Aufnahme mitten in ihrer Bachelorarbeit. Ihr Thema ist alles andere als bequem: Sie beschäftigt sich mit sexueller Belästigung von Pflegefachfrauen und weiblichen Pflegeauszubildenden – ein Bereich, der im pflegerischen Alltag viel zu selten zur Sprache kommt. Über einen Online-Fragebogen hat sie erschütternde Geschichten gesammelt und macht sich daran, das Thema zu entabuisieren. Clara wiederum arbeitet auf einer interdisziplinären Intensivstation und schreibt ihre Bachelorarbeit über Therapiezieländerungen auf Intensivstationen: Warum kommt es dazu, welche Einflussfaktoren spielen eine Rolle, und wie gehen Pflegende und Ärzt:innen interprofessionell damit um? Auch sie forscht qualitativ und hat gerade ihr erstes Fokusgruppen-Interview durchgeführt. Beide kennen sich seit der Ausbildung, haben gemeinsam studiert – und hatten Lust, dieses eingespielte Gespann nun in ein neues Projekt zu überführen. ## Warum es ein eigenes News-Format braucht Hinter dem ganzen Schnack steckt ein konkretes Anliegen. Die großen Übergabe-Folgen werden oft Wochen im Voraus produziert. Das hat einen entscheidenden Haken: Aktuelle Geschehnisse lassen sich so kaum abbilden. Was bei der Aufnahme noch brandheiß ist, kann beim Erscheinen längst Schnee von gestern sein. Genau diese Lücke soll das neue Format schließen – und es trägt den Namen „Übergabe – das Pflegeupdate". Die Idee ist nicht völlig neu. Wer in die allererste Folge des Podcasts hineinhört, merkt schnell: Eigentlich war die Übergabe von Beginn an als News-Sendung gedacht. Doch das hat über Dutzende Folgen hinweg nie so richtig funktioniert, weil die langen, tiefgehenden Gespräche immer mehr Raum eingenommen haben. Jetzt soll beides nebeneinander existieren: die ausführliche Folge zum Eintauchen und das kompakte Update zum Dranbleiben. Der Reiz eines kurzen Formats liegt in seiner Schnelligkeit und Flexibilität. Wenn irgendwo eine Hochschulfakultät geschlossen werden soll oder eine Tarifeinigung ansteht, lässt sich darüber innerhalb von ein, zwei Tagen berichten – ohne dass daraus gleich eine anderthalbstündige Episode werden muss. Und das Beste: Themen sind nie abschließend erzählt. Man kann sie zwei Wochen später wieder aufgreifen, weiterverfolgen und begleiten. Genau das gelingt mit dem großen, sperrigen Format kaum. ## Informiert sein, ohne sich abzuhetzen Caroline bringt auf den Punkt, warum so ein Format echten Mehrwert hat. Wer Vollzeit auf Station arbeitet, im ständigen Wechsel zwischen Früh-, Spät- und Nachtdiensten, hat abends oft schlicht nicht mehr die Energie, sich durch Newsletter oder Fachzeitschriften zu kämpfen. Sich zu informieren ist dann schnell mit einer Hürde verbunden – man muss aktiv werden, etwas abonnieren, sich kümmern. Ein kurzer Podcast nimmt genau diese Hürde. > *„Ich glaube, viele Leute würden sich gerne mehr informieren – aber dadurch, dass das mit so einem Aktivismus verbunden ist, ist es einfach erschwert. Ein kleiner Podcast, den man sich auf dem Weg von der Arbeit nach Hause anhört, das ist einfach etwas anderes." — Caroline* Die niedrige Einstiegshürde ist auch für Clara der entscheidende Punkt. Ein Podcast lässt sich nebenbei hören – beim Kochen, auf dem Heimweg, statt abends durch Social Media zu scrollen. Zehn bis fünfzehn Minuten, die man sich gönnt, und schon ist man wieder auf dem Laufenden. Dabei geht es nicht nur ums reine Faktenwissen. Wer mitreden kann, entwickelt ein anderes Verhältnis zum eigenen Beruf. > *„Es macht total viel mit dem beruflichen Selbstverständnis, wenn man sich zu aktuellen Dingen äußern kann. In der Ausbildung und im Pflegestudium habe ich gelernt, wie wertvoll es ist, aktuell informiert zu sein und mitreden zu können." — Clara* ## Hintergründe statt plakativer Zahlen Ein Anspruch zieht sich durch das ganze Gespräch: Das Update soll nicht nur Schlagzeilen wiederholen, sondern dahinterschauen. Als Beispiel dient die viel zitierte Zahl von 9.000 Pflegenden, die den Beruf angeblich verlassen hätten. Klingt dramatisch – ist aber bei genauerem Hinsehen eine sehr vage Angabe, die nur einen kurzen Zeitraum beschreibt. Genau hier will das Format ansetzen: nachfragen, einordnen, den Populismus aus solchen Zahlen herausnehmen. Auch andere Themen stehen schon auf der gedanklichen Liste, etwa die damaligen Tarifverhandlungen rund um die Caritas. Welche Themen es ins Update schaffen, soll sich auch an dem orientieren, was die Pflege-Community gerade bewegt – ob auf Twitter oder Instagram. Das Team setzt dabei bewusst auf den Austausch mit den Hörer:innen: Wer aus seinem Netzwerk wichtige Neuigkeiten beisteuern kann, ist ausdrücklich eingeladen, das zu teilen. Dass solche aktuellen Pflegethemen mit Sorgfalt behandelt werden, hat die Übergabe zuvor schon bewiesen. Die [Folge zur drohenden Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät in Vallendar](https://www.uebergabe.de/ug069/) löste einen Aufruf an zahlreiche Hochschulstandorte aus – mit großer Resonanz. Wenn dir der Schnack also zu kurz war, lohnt es sich, dort hineinzuhören. ## Engagement, das in der Ausbildung beginnt Warum gerade Clara und Caroline für dieses Format brennen, hat auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Beide sind seit ihrem ersten Ausbildungsjahr im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) aktiv, sind gemeinsam zu Veranstaltungen gefahren und haben den Austausch mit Pflegenden aus ganz Deutschland als prägend erlebt. Daraus ist eine Überzeugung gewachsen, die das neue Format wie kaum etwas anderes trägt: Verändern kann nur, wer Bescheid weiß. Wer nicht weiß, was gerade passiert, kann sich schwer eine fundierte Meinung bilden. Genau deshalb wollen die beiden die Hörenden daran teilhaben lassen, sich Wissen anzueignen – Themen detailliert darstellen, aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und so eine Grundlage schaffen, auf der man wirklich eigene Schlüsse ziehen kann. Für Caroline ist das Projekt zugleich eine schöne Herausforderung: etwas Neues machen, das man vorher noch nicht gemacht hat, Themen kreativ aufbereiten und so verständlich gestalten, dass andere etwas davon haben. Wie die Übergabe Pflege in der Öffentlichkeit sichtbar macht und dabei zwischen Fach- und Massenmedien navigiert, beleuchtet die [Folge über Pflege in den Medien](https://www.uebergabe.de/ug067/) – eine gute Ergänzung, wenn dich die Frage interessiert, wie pflegerische Themen erzählt werden. ## Was sich hinter den Kulissen tut Parallel zum neuen Format laufen viele Vorbereitungen: Wie wird das Update konzipiert, wie sieht das Cover aus, wie präsentiert man sich nach außen? Auch die Website soll Veränderungen bekommen, vielleicht ein paar neue Farben. Wichtig ist dem Team dabei vor allem eines: Die Qualität soll nicht leiden. Die Übergabe hat sich über die Jahre zu einem ernstzunehmenden Format entwickelt, und genau dieses Vertrauen will sie auch in das neue, kürzere Angebot übertragen. Geplant ist das Pflegeupdate mit einer Länge von rund zehn bis fünfzehn Minuten, das alle zwei Wochen erscheint – jeweils im Wechsel zur großen Übergabe-Folge. Wie viel Raum ein Thema einnimmt, hängt vom Geschehen ab: Mal füllt ein einziges Thema die Zeit, mal lassen sich zwei Neuigkeiten unterbringen. Und auch im neuen Format soll es Platz für Gäste geben, die zu aktuellen Entwicklungen ein Statement abgeben. Über die Pläne für die Zukunft der Übergabe und wie sich das Projekt insgesamt weiterentwickelt, kannst du in der [Folge zur Zukunft der Übergabe](https://www.uebergabe.de/ug144/) noch tiefer eintauchen. ## Eventkalender und Jobboard: zwei neue Anlaufstellen Neben dem News-Format gibt es noch zwei weitere Neuerungen, die das Angebot rund um Pflege und Gesundheit ergänzen. Zum einen entsteht ein Eventkalender: Veranstaltungen rund um Pflege und Gesundheit sollen auf der Website an einem Ort gesammelt werden. Wer selbst etwas veranstaltet, kann sein Event dort eintragen. Zum anderen gibt es ein Jobboard, das sich gezielt an akademisch Pflegende richtet. Wer auf der Suche ist, kann dort stöbern – und wer eine passende Stelle zu vergeben hat, kann sie kostenfrei einreichen. Beide Funktionen sind ein Versuch, der Community echten Mehrwert zu bieten, und das Team freut sich ausdrücklich über Feedback dazu. ## Ein Dank, der mehr ist als eine Floskel Zum Schluss bleibt der Blick auf diejenigen, die das alles möglich machen. Eine Spende einer hörenden Person namens Maxi hilft konkret bei der Ausgestaltung des neuen Formats – denn neue Geräte, Reisen und laufende Kosten wollen gestemmt werden. Doch noch wichtiger als die finanzielle Unterstützung ist für das Team etwas anderes: dass Menschen überhaupt zuhören. Die Hörer:innenzahlen steigen stetig, von einem Deckeneffekt keine Spur – und genau das macht Mut, Neues zu wagen. Die Zwillinge, wie das Team das Pflegeupdate liebevoll nennt, sollen nun laufen lernen und groß werden. Geplanter Start ist der Mai – kurz, knackig und immer am Puls der aktuellen Pflegethemen. Wenn du also Lust hast, regelmäßig informiert zu sein, ohne dich durch Newsletter zu kämpfen, dann darfst du dich freuen: Es kommt etwas Neues. Und jetzt weißt du sogar schon, was. ## Zum Weiterhören - [ÜG144 – Die Zukunft der Übergabe (Eva Maria Gruber & Christian Köbke)](https://www.uebergabe.de/ug144/) - [ÜG067 – Pflege in den Medien - Fach- und Massenmedien (Bianca Flachenecker & David Gutensohn)](https://www.uebergabe.de/ug067/) - [ÜG069 – Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV](https://www.uebergabe.de/ug069/) ### Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV URL: https://www.uebergabe.de/ug069/ Last updated: 2026-06-23T20:46:00.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 20.04.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die PTHV Vallendar schließt Deutschlands einzige pflegewissenschaftliche Fakultät. - Rund 60 Promovierende stehen plötzlich ohne sichere Perspektive da. - Auslöser ist vor allem der Rückzug der finanziellen Unterstützung. - Die Community kritisiert das Signal: Pflege braucht Wissenschaft. - Gefordert wird mehr staatliches Engagement statt Abhängigkeit von Investoren. Es klang zunächst wie ein schlechter Aprilscherz – und war doch bittere Realität: Kurz vor Ostern 2021 wurde bekannt, dass die [Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar ihre pflegewissenschaftliche Fakultät stilllegt](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pthv-schliesst-fakultaet-pflegewissenschaften?ref=uebergabe.de). Damit verschwindet die einzige eigenständige universitäre Fakultät für Pflegewissenschaft in Deutschland. Für viele in der Pflege fühlte sich diese Nachricht an wie ein Schlag aus heiterem Himmel. Wir haben zahlreiche Vertreter:innen der Pflegewissenschaft gebeten, ihre Sicht zu schildern – und ein Stimmungsbild eingefangen, das von Bestürzung über Wut bis zu trotziger Entschlossenheit reicht. ## Ein Paukenschlag mit verheerendem Timing Die Form der Mitteilung sorgte für besonderen Unmut. Über eine Pressemitteilung erfuhren viele Beteiligte überhaupt erst von der Entscheidung – darunter selbst Mitarbeitende der Hochschule, die zwei Tage zuvor noch ganz normal ihre Lehrveranstaltungen für das kommende Semester angekündigt bekamen. Mitten in einer Pandemie, in der das Wort „systemrelevant" für die Pflege fast täglich fällt, traf die Stilllegung auf völliges Unverständnis. Mehrere Verbände meldeten sich umgehend zu Wort: In den Tagen darauf [kritisierten Fachverbände die Schließung scharf](https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/gesundheit-vallendar-verbaende-kritisieren-schliessung-von-pflege-fakultaet-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-210407-99-113908?ref=uebergabe.de). Besonders schwer wiegt das Argument, mit dem die Entscheidung begründet wurde: Die Studierendenzahlen seien gesunken, und die Akademisierung der Pflege habe sich nicht so entwickelt wie erhofft. Genau diese Lesart treibt vielen die Sorgenfalten ins Gesicht. Denn wer einer ganzen Disziplin das Scheitern bescheinigt, schafft damit eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. > *„Nur weil ich etwas wirtschaftlich nicht mehr finanzieren will oder kann, heißt das nicht automatisch, dass die Akademisierung gescheitert ist. Wenn, dann muss man ehrlich sagen: Wir wollen oder können es nicht mehr finanzieren – aber bitte nicht mit der Begründung, die Akademisierung wäre gescheitert." — Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz* ## Wer trägt Vallendar – und wer hat sich zurückgezogen? Um die Tragweite zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Besitzverhältnisse. Trägerin der Hochschule ist der Orden der Pallottiner, der die Einrichtung ursprünglich vor allem für die Theologie betrieb. Erst 2006 kam die Pflegewissenschaft hinzu – maßgeblich angeschoben durch die Waldbreitbacher Franziskanerinnen und die Marienhaus GmbH, die als Gesellschafter finanzielle Mittel und damit eine ganze Forschungs- und Qualifizierungsinfrastruktur nach Vallendar brachten. Der Gründungsdekan Frank Weidner baute die Fakultät auf. Mit dem Rückzug der Marienhaus GmbH änderte sich die Lage grundlegend. Die Pallottiner blieben als Orden allein zurück – und können oder wollen die kostenintensive pflegewissenschaftliche Fakultät offenbar nicht weiter tragen. Im Raum stand zum Zeitpunkt der Aufnahme eine Finanzierungslücke von rund 1,5 Millionen Euro. Statt der Pflegewissenschaft sollen künftig humanwissenschaftliche Studiengänge wie Psychologie, Psychotherapie und Soziale Arbeit ausgebaut werden – wirtschaftlich attraktivere Fächer. Mehrere Gesprächspartner:innen mahnten allerdings, jetzt nicht einseitig auf den Orden zu schimpfen. Der eigentliche Kern des Problems liege tiefer: Es fehle ein klares Bekenntnis der öffentlichen Hand. ## Mehr als nur ein Standort Vallendar war kein Hochschulstandort wie jeder andere. Hier wurde grundständig im Lehramt ausgebildet, hier gab es einen Masterstudiengang Pflegewissenschaft, ein Promotionskolleg und sogar die Möglichkeit zur Habilitation. Genau diese Durchlässigkeit ist entscheidend: Fachhochschulen und Hochschulen für angewandte Wissenschaften besitzen kein eigenes Promotionsrecht. Sie sind darauf angewiesen, ihre Absolvent:innen an Universitäten weiterzureichen. Fällt Vallendar weg, fällt ein zentraler Baustein für die akademische Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses weg. Dazu kommt das innovative Profil: Der relativ junge Masterstudiengang Community Health Nursing bedient genau das Tätigkeitsfeld, das das Gesundheitswesen dringend braucht – akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen, die in der Primärversorgung wirken. International längst etabliert, in Deutschland noch ein zartes Pflänzchen. Wenn ein solcher Standort verschwindet, schrumpft die ohnehin überschaubare Auswahl an patientennahen Masterprogrammen weiter. > *„Wir brauchen mehr pflegewissenschaftliche Fakultäten und Promotionskollegs in Deutschland – nicht weniger. Was hier verloren geht, lässt sich nicht einfach an einer anderen Universität auffangen." — Roland Brühe, Sprecher des Alumni-Netzwerks der PTHV* ## Rund 60 Promovierende im Ungewissen Hinter der strukturellen Debatte stehen konkrete Lebensgeschichten. Rund 60 Menschen befanden sich zum Zeitpunkt der Schließung mitten in ihrer Promotion – in ganz unterschiedlichen Stadien. Wer kurz vor dem Abschluss steht, blickt der Sache vergleichsweise gelassen entgegen. Wer aber noch zwei oder mehr Jahre vor sich hat, steht vor einem echten Dilemma. Denn eine Promotion lässt sich nicht ohne Weiteres an einen anderen Standort übertragen: Es braucht eine betreuende Person, einen passenden Lehrstuhl, an dem die Arbeit auch verteidigt werden kann – und nicht selten ein thematisches Umfeld, das es anderswo schlicht nicht gibt. Besonders schwierig wird es etwa bei Themen aus der psychiatrischen Pflege. Noch dramatischer ist die Lage derjenigen, die zum 1\. April ihre Promotion erst beginnen wollten. Zwölf Personen hatten eine Zusage für das Sommersemester erhalten, einzelne hatten ihre Arbeitsstelle reduziert, Lehraufträge gekündigt oder unbezahlten Urlaub beantragt. Manche nahmen sogar Kredite auf. Wenige Tage vor dem geplanten Start kam die Absage. Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin schilderte uns die emotionale Wucht dieser Erfahrung. > *„Ich fühle mich an manchen Stellen als Mensch betrogen, denn wir waren dort willkommen. Und es geht eben nicht nur um uns zwölf, die jetzt eine Zusage hatten – es betrifft die ganze Profession." — Susanne Sachs, wissenschaftliche Mitarbeiterin* Die laufenden Veranstaltungen liefen zum Aufnahmezeitpunkt online weiter – als wäre nichts. Eine surreale Situation, in der allen Beteiligten klar war, dass das „Normalprogramm" eigentlich nur noch eine Hülle ist. Auf offizielle, belastbare Informationen, wie viel Zeit zum Abschluss der Arbeiten bleibt, warteten viele vergeblich. ## Das umstrittene Argument vom „Scheitern" Mehrere Stimmen betonten, dass die Pflegewissenschaft in Deutschland überhaupt erst rund 30 Jahre alt ist. Sie hat einen mühsamen Weg hinter sich, oft auf Sonderfinanzierungswegen aufgebaut, immer wieder von außen infrage gestellt. Eine Grafik aus dem Alumni-Kreis zeigte zudem: Die Studierendenzahlen waren stabil; lediglich bei den examinierten Pflegefachpersonen gab es pandemiebedingt einen Einbruch – wenig verwunderlich, wenn man sich mitten in einer Krise nicht für ein zusätzliches Studium entscheidet. Genau deshalb empfanden viele die Begründung als Hohn gegenüber der geleisteten Arbeit. Welche Bedeutung der akademisch ausgebildeten Pflege wirklich zukommt, hat unsere [Episode darüber, was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/), ausführlich beleuchtet. Internationale Studien zeigen seit Jahren: Eine höhere akademische Pflegequalifikation verbessert nachweislich die Versorgungsqualität, senkt Komplikationen und kann im Extremfall Leben retten. In Disziplinen wie der Medizin würde niemand ernsthaft fragen, ob ärztliches Handeln evidenzbasiert sein muss – in der Pflege ist das hierzulande leider noch immer eine Diskussion. ## Wenn Bildung am Geldbeutel privater Träger hängt Ein roter Faden zog sich durch fast alle Statements: die Abhängigkeit der Pflegewissenschaft von privaten Trägern und Investoren. Witten/Herdecke, Vallendar – viele der prägenden Standorte sind privat finanziert. Das macht sie verletzlich. Wer zahlt, will mitbestimmen; wenn die Ökonomie nicht mehr stimmt oder sich Interessen verschieben, gerät schnell eine ganze Disziplin ins Wanken. Forschungsinstitute wie das [Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Witten](https://www.dzne.de/forschung/forschungsbereiche/versorgungsforschung/forschungsgruppen/roes/forschungsschwerpunkte/?ref=uebergabe.de), das von Bund und Ländern grundfinanziert wird, machten den Unterschied deutlich: Stabile öffentliche Finanzierung schafft Freiheit in Lehre und Forschung. Die Konsequenz, die viele zogen: Pflege und Pflegewissenschaft dürfen keine Ware sein, deren Existenz vom Wohlwollen einzelner Förderer abhängt. Eine gute Bildung in der Pflege ist kein Discount-Angebot und schon gar kein Luxus, sondern das Fundament einer humanen, qualitativ hochwertigen Versorgung. Bildung in der Pflege, so der Tenor, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – und damit auch eine staatliche. ## Politik in der Pflicht Vallendar liegt in Rheinland-Pfalz – und dort fiel die Schließung in eine politisch heikle Phase. Nach der Landtagswahl befand sich die Regierung zum Aufnahmezeitpunkt im Übergang, Koalitionsverhandlungen liefen, ein neuer Landtag war noch nicht voll arbeitsfähig. Entsprechend zurückhaltend reagierte die Landespolitik, was die Übernahme der Finanzierung anging. Aus dem Umfeld der Pflegekammer wurde berichtet, dass man mit Abgeordneten verschiedener Parteien im Gespräch sei und einen offenen Brief an die Landespolitik gerichtet habe. Erstaunlich fanden viele, dass selbst Personen aus der Hochschulpolitik nach eigener Aussage von den Vorgängen überrascht wurden. Die Forderung war klar: Wenn ein privater Träger eine wichtige Disziplin aus finanziellen Gründen aufgibt, muss die öffentliche Hand Alternativen schaffen – etwa pflegewissenschaftliche Lehrstühle an staatlichen Universitäten und Universitätskliniken. Diskutiert wurde unter anderem ein Institut für Pflegewissenschaft an einer Universitätsklinik. Dass solche universitären Verankerungen funktionieren, zeigt etwa das [Institut für Pflegewissenschaft an der Universität zu Köln](https://www.uebergabe.de/ug082/). ## Was jetzt geschieht – und was möglich bleibt Trotz aller Bestürzung blieb der Tenor nicht resigniert. Studierende, Alumni und Fachgesellschaften brachten das Thema mit öffentlichen Aktionen auf die Straße und in die regionale Presse. Unter dem Hashtag [#PflegebrauchtWissenschaft](https://youtu.be/66%5FCVDabL%5F0?ref=uebergabe.de) formierte sich Solidarität. Die [Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft](https://dg-pflegewissenschaft.de/ueber-uns/dgp-vorstand/?ref=uebergabe.de) – damals frisch unter dem Vorsitz von Inge Eberl – kündigte an, sich als Motor, Vermittlerin und Vernetzerin einzubringen. Gemeinsam mit dem Deutschen Pflegerat hatte sie bereits zuvor in einem [gemeinsamen Statement auf die prekäre Lage der Pflegestudiengänge](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2021/03/gemeinsames-statement-dgp-und-dpr%5Fprim-c3-a4rqualifizierende-pflegestudieng-c3-a4nge%5F2021-03-30.pdf) hingewiesen. Konkret ging es um zwei Stoßrichtungen: zum einen darum, die laufenden Promotionen abzusichern – etwa über Verbundpromotionen mit anderen Hochschulen oder die Aufnahme an anderen Universitäten. Zum anderen darum, ein deutliches Zeichen zu setzen, dass Pflegewissenschaft systemrelevant ist und bleibt. Auch [die Pflegekammern](https://www.monitor-pflege.de/news/wie-geht-pflegekammer?ref=uebergabe.de) wollten Druck auf die Politik aufrechterhalten. Was Pflegende selbst tun können? Sich an Wahlkreisabgeordnete wenden, die eigenen Netzwerke nutzen, Social Media bespielen – und immer wieder deutlich machen, dass eine zukunftsfähige Pflege ohne Wissenschaft nicht funktioniert. Ob die Entscheidung noch rückgängig gemacht werden kann, blieb zum Aufnahmezeitpunkt offen – die meisten Stimmen waren eher pessimistisch. Klar ist: Die Stilllegung wirft die akademische Nachwuchsgewinnung in einer Phase zurück, in der Deutschland im internationalen Vergleich ohnehin viel zu wenige akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen hat. Wie es genau weitergeht, werden wir weiter begleiten. ## Zum Weiterhören - [ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet](https://www.uebergabe.de/ug186/) - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) - [ÜG082 – Institut für Pflegewissenschaft an der Uni Köln (Prof. Dr. Sascha Köpke)](https://www.uebergabe.de/ug082/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes Shownotes - [PTHV schließt Fakultät Pflegewissenschaft ](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pthv-schliesst-fakultaet-pflegewissenschaften?ref=uebergabe.de)(bibliomed-pflege.de) - [Verbände kritisieren Schließung von Pflege-Fakultät](https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/gesundheit-vallendar-verbaende-kritisieren-schliessung-von-pflege-fakultaet-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-210407-99-113908?ref=uebergabe.de) (sueddeutsche.de) - [Gemeinsames Statement der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft und des Deutschen Pflegerat zur Situation der primärqualifizierenden Pflegestudiengänge an den deutschen Hochschulen](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2021/03/gemeinsames-statement-dgp-und-dpr%5Fprim-c3-a4rqualifizierende-pflegestudieng-c3-a4nge%5F2021-03-30.pdf) (deutscher-pflegerat.de) - [Rückschlag für Entwicklung der Pflegeberufe: PTH Vallendar will Fakultät Pflegewissenschaft schließen](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2021/PTH-Vallendar-will-Fakultaet-Pflegewissenschaft-schliessen.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Offener Brief der Pflegekammer Rheinland-Pfalz](https://www.pflegekammer-rlp.de/index.php/news-lesen-130/offener-brief-land-muss-seiner-finanziellen-verantwortung-nachkommen.html?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-rlp.de) - [Studierende demonstrierten gegen Aus für Pflege-Fakultät in Vallendar](https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/koblenz/pflegewissenschaftliche-fakultaet-vallendar-schliesst-100.html?ref=uebergabe.de) (swr.de) - [#PflegebrauchtWissenschaft ](https://youtu.be/66%5FCVDabL%5F0?ref=uebergabe.de)(YouTube.com) #### Wir möchten uns bei folgenden Personen bedanken, die als Gäst\*innen an der Folge teilgenommen haben oder uns in anderer Form bei der Umsetzung unterstützt haben: - Prof. Dr. Katrin Balzer, Professur Evidenzbasierte Pflege, Leitung Sektion für Forschung und Lehre in der Pflege, Universität zu Lübeck - Prof. Dr. Sabine Bartholomeyczik, Fakultät für Gesundheit, Department für Pflegewissenschaft, Universität Witten/Herdecke - Prof. Christel Bienstein, Präsidentin, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) - Prof. Dr. Thomas Boggatz, Professor für Pflegewissenschaft, Brandenburgische Technische Universität Senftenberg - Prof. Dr. Michael Bossle MScN, Professor für Pflegepädagogik, THD - Technische Hochschule Deggendorf - Prof. Dr. Roland Brühe, Professor für Pflegepädagogik, Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen - Prof. Dr. Inge Eberl, Professorin für Pflegewissenschaft, Fakultät für Soziale Arbeit, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt und Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V. - Prof. Dr. Christine Fiedler, Professorin für Pflegewissenschaft, SRH Wilhelm Löhe Hochschule - Prof. Dr. Thomas Fischer, Professor für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Altenpflege, Evangelische Hochschule Dresden (ehs) - Prof. Dr. rer. cur. Andreas Fraunhofer M.A., Professor für angewandte Pflegewissenschaft, Hochschule München - Prof. Dr. Margareta Halek, Leitung Department für Pflegewissenschaft, Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke - Dr. Bernhard Holle, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE), Witten - Prof. Christiane Knecht, PhD, Professur für Pflegewissenschaft, Fachbereich Gesundheit - Münster School of Health (MSH), FH Münster - Andreas Kocks, Pflegewissenschaftler (BScN, MScN), Stab. Pflegewissenschaft, Universitätsklinikum Bonn - Prof. Dr. phil. Sascha Köpke, Institut für Pflegewissenschaft, Universität zu Köln - Kathrin Kürsten, M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen - Prof. Dr. rer. medic. Michael Löhr, Psychiatrische Pflege, LWL-Klinikum Gütersloh Stabsgruppe für Klinikentwicklung und Forschung Abteilung für Krankenhäuser und Gesundheitswesen, LWL-PsychiatrieVerbund Westfalen - Dr. Markus Mai, Präsident der Pflegekammer Rheinland-Pfalz - Dr. Anja Katharina Peters, Hochschule Neubrandenburg - Prof Dr Martina Roes, Fakultät für Gesundheit (Department für Pflegewissenschaft), Universität Witten / Herdecke - Susanne Sachs, M.Sc. Pflegewissenschaft, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V., Köln - Prof. Dr. rer. medic. habil. Michael Schulz, Honorarprofessor an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld, Mitarbeiter des Krankenhausdezernates beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe - Prof. Dr. Stefanie Seeling, Professur Pflegewissenschaft, Hochschule Osnabrück - Prof. Dr. Tanja Segmüller, Professorin für Alterswissenschaften, Department of Community Health, Hochschule für Gesundheit Bochum - Diakonin Prof. Dr. rer. medic. Doris Tacke, Professur Pflegewissenschaft, Fachhochschule der Diakonie Bielefeld - Dr. h. c. Franz Wagner, Präsident Deutscher Pflegerat e.V. Quellenhinweise zu den Fotos - Katrin Balzer ([https://www.epuap.org/katrin-balzer/](https://www.epuap.org/katrin-balzer/?ref=uebergabe.de)), - Sabine Bartholomeyczik ([https://wertekonzepte-akademie.org/sabine-bartholomeyczik/](https://wertekonzepte-akademie.org/sabine-bartholomeyczik/?ref=uebergabe.de)), - Christel Bienstein ([https://www.dbfk.de/de/ueber-uns/bundesverband/Bundesvorstand.php](https://www.dbfk.de/de/ueber-uns/bundesverband/Bundesvorstand.php?ref=uebergabe.de)), - Thomas Boggatz ([https://www.b-tu.de/fg-pflegewissenschaft/team/prof-dr-thomas-boggatz](https://www.b-tu.de/fg-pflegewissenschaft/team/prof-dr-thomas-boggatz?ref=uebergabe.de)), - Michael Bossle (Foto: Melanie Flemme), - Roland Brühe ([https://www.katho-nrw.de/koeln/studium-lehre/lehrende/hauptamtlich-lehrende-im-fachbereich-gesundheitswesen/bruehe-roland-prof-dr/](https://www.katho-nrw.de/koeln/studium-lehre/lehrende/hauptamtlich-lehrende-im-fachbereich-gesundheitswesen/bruehe-roland-prof-dr/?ref=uebergabe.de)), - Inge Eberl ([https://dg-pflegewissenschaft.de/ueber-uns/dgp-vorstand/](https://dg-pflegewissenschaft.de/ueber-uns/dgp-vorstand/?ref=uebergabe.de)), - Christine Fiedler ([https://www.wlh-fuerth.de/hochschule/departments-und-professuren/b-gesundheits-wissenschaften-und-pflegewissenschaft/pflegewissenschaften/](https://www.wlh-fuerth.de/hochschule/departments-und-professuren/b-gesundheits-wissenschaften-und-pflegewissenschaft/pflegewissenschaften/?ref=uebergabe.de)), - Thomas Fischer ([https://www.ehs-dresden.de/index.php?id=606&username=Thomas.Fischer](https://www.ehs-dresden.de/index.php?id=606&username=Thomas.Fischer&ref=uebergabe.de)), - Prof. Dr. Andreas Fraunhofer ([https://kbo-iak.de/presse/dr-rer-cur-andreas-fraunhofer-ma-uebernimmt-teilzeit-professur-an-der-hochschule-fuer-angewandte-wissenschaften-muenchen](https://kbo-iak.de/presse/dr-rer-cur-andreas-fraunhofer-ma-uebernimmt-teilzeit-professur-an-der-hochschule-fuer-angewandte-wissenschaften-muenchen?ref=uebergabe.de)), - Margareta Halek ([https://www.uni-wh.de/detailseiten/kontakte/margareta-halek-2400/f0/](https://www.uni-wh.de/detailseiten/kontakte/margareta-halek-2400/f0/?ref=uebergabe.de)), - Bernhard Holle ([https://www.dzne.de/forschung/forschungsbereiche/versorgungsforschung/forschungsgruppen/holle/forschungsschwerpunkte/](https://www.dzne.de/forschung/forschungsbereiche/versorgungsforschung/forschungsgruppen/holle/forschungsschwerpunkte/?ref=uebergabe.de)), - Christiane Knecht (eigenes Bild), - Andreas Kocks ([https://www.xing.com/profile/Andreas\_Kocks/cv](https://www.xing.com/profile/Andreas%5FKocks/cv?ref=uebergabe.de)), - Sascha Köpke ([https://medfak.uni-koeln.de/studium-lehre/studiengaenge/bachelor-of-science-klinische-pflege/ansprechpersonen](https://medfak.uni-koeln.de/studium-lehre/studiengaenge/bachelor-of-science-klinische-pflege/ansprechpersonen?ref=uebergabe.de)), - Kathrin Kürsten (eigenes Bild), - Michael Löhr ([http://zentrum-psychische-gesundheit-wohlbefinden.de/interview-zu-psychiatrischer-pflege-in-der-corona-krise/michael-loehr/](http://zentrum-psychische-gesundheit-wohlbefinden.de/interview-zu-psychiatrischer-pflege-in-der-corona-krise/michael-loehr/?ref=uebergabe.de)), - Markus Mai ([https://www.monitor-pflege.de/news/wie-geht-pflegekammer](https://www.monitor-pflege.de/news/wie-geht-pflegekammer?ref=uebergabe.de)), - Anja Katharina Peters ([https://www.xing.com/profile/AnjaKatharina\_Peters](https://www.xing.com/profile/AnjaKatharina%5FPeters?ref=uebergabe.de)), - Martina Roes ([https://www.dzne.de/forschung/forschungsbereiche/versorgungsforschung/forschungsgruppen/roes/forschungsschwerpunkte/](https://www.dzne.de/forschung/forschungsbereiche/versorgungsforschung/forschungsgruppen/roes/forschungsschwerpunkte/?ref=uebergabe.de)), - Susanne Sachs ([https://www.dip.de/personen/wissenschaftliche-mitarbeiterinnen-und-mitarbeiter/susanne-sachs/](https://www.dip.de/personen/wissenschaftliche-mitarbeiterinnen-und-mitarbeiter/susanne-sachs/?ref=uebergabe.de)), - Michael Schulz ([https://www.bethel.de/presse/presse-detail/artikel/fh-der-diakonie-studiengang-psychische-gesundheitpsychiatrische-pflege.html](https://www.bethel.de/presse/presse-detail/artikel/fh-der-diakonie-studiengang-psychische-gesundheitpsychiatrische-pflege.html?ref=uebergabe.de)), - Stefanie Seeling ([https://www.xing.com/profile/Stefanie\_Seeling/cv](https://www.xing.com/profile/Stefanie%5FSeeling/cv?ref=uebergabe.de)), Tanja Segmüller ([https://www.hs-gesundheit.de/profile/prof-dr-tanja-segmueller](https://www.hs-gesundheit.de/profile/prof-dr-tanja-segmueller?ref=uebergabe.de)), - Doris Tacke ([https://www.fh-diakonie.de/.cms/fhdd/diakonin\_professorin\_dr\_rer\_medic\_doris\_tacke/207](https://www.fh-diakonie.de/.cms/fhdd/diakonin%5Fprofessorin%5Fdr%5Frer%5Fmedic%5Fdoris%5Ftacke/207?ref=uebergabe.de)), - Franz Wagner ([https://deutscher-pflegerat.de/verband/struktur/](https://deutscher-pflegerat.de/verband/struktur/?ref=uebergabe.de)) ### Pflege in den Medien - Social Media (Franziska Böhler & Ugur Cetinkaya) URL: https://www.uebergabe.de/ug068/ Last updated: 2026-06-13T21:14:57.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 17.04.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Social Media macht Pflege sichtbar, ersetzt aber keine politische Vertretung. - Man wird so wahrgenommen, wie man sich präsentiert – das gilt auch beruflich. - Hate Speech gehört für reichweitenstarke Accounts zum Alltag. - Wer sich über die eigene Bubble definiert, riskiert die psychische Gesundheit. - Echte Veränderung braucht institutionalisierte Strukturen, nicht nur Klicks. Spätestens seit der Pandemie ist Pflege in den Schlagzeilen angekommen. Plötzlich landen Pflegende auf Magazin-Covern, große Verlage starten Kampagnen, und in den sozialen Medien wächst eine ganze Szene heran. Aber war das schon immer so? Und vor allem: Was passiert da eigentlich, wenn Pflege auf Instagram, Facebook und Co. sichtbar wird? Darüber haben wir mit zwei Menschen gesprochen, die das Thema kennen wie kaum jemand sonst: [Franziska Böhler, die du als „The Fabulous Franzi" kennst](https://www.instagram.com/thefabulousfranzi/?ref=uebergabe.de), und [Ugur Cetinkaya, der als „Pflegemanager" unterwegs ist](https://www.instagram.com/pflegemanager/?ref=uebergabe.de). ## Vom Katzenfoto zur Bewegung Beide haben nicht mit einem ausgeklügelten Masterplan begonnen. Franzi, die 13 Jahre auf einer anästhesiologischen Intensivstation gearbeitet hat und inzwischen in einem medizinischen Versorgungszentrum für ambulante Narkosen tätig ist, hatte zunächst ein ganz normales Profil – ein Foto vom Garten, eins von der Katze. Dann lud sie irgendwann ein Bild im Kasack hoch, schrieb sich den Frust von der Seele, und der Beitrag ging durch die Decke. So wuchs nach und nach die Idee, sich auf das Thema Pflege zu spezialisieren. Heute folgen ihr rund 244.000 Menschen, und sie hat mit [ihrem Buch „I'm a Nurse"](https://www.amazon.de/Im-Nurse-Warum-meinen-Krankenschwester/dp/3453605608?ref=uebergabe.de) ihre Reichweite auch in gedruckter Form gebündelt. Ugur, der ein Pflegeheim mit angeschlossenem ambulanten Pflegedienst und Tagespflege im oberbayerischen Ruhpolding leitet und nebenbei an der PMU Salzburg an seiner PhD-Thesis arbeitet, kam 2017 dazu. Ein Bekannter hatte ihm gesagt, dass es im Pflegemanagement praktisch niemanden gebe, der offensiv auf Social Media aktiv sei. Damals gab es nur eine Handvoll Accounts in dieser Nische – neben Franzi und Ugur etwa [der satirische Account Pflegetube](https://www.instagram.com/pflegetube/?ref=uebergabe.de). Beide haben also miterlebt, wie sich aus einer Spielwiese für Beauty- und Mode-Content eine vielfältige Landschaft gesellschaftskritischer und politischer Profile entwickelt hat. ## Warum hinter „mal eben posten" ein Vollzeitjob steckt Wer denkt, ein paar Storys seien schnell gemacht, irrt gewaltig. Beide beschreiben ihren Aufwand mit zwei Worten: 24/7\. Franzi taktet ihren Tag durch – von der morgendlichen Kaffeetasse bis zur abendlichen Serie ist jede Story geplant und durchdacht. Bei Ugur läuft es spontaner und tagesformabhängig, stark orientiert an aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Aber auch er hat Social Media komplett in seinen Arbeitsalltag integriert, weil es für sein Pflegeheim einen echten Mehrwert bringt – bis hin zur Gewinnung neuer Mitarbeitender. Spannend ist die Frage, ob es den Followern um die Person oder ums Thema geht. Die Antwort: beides – und das soll auch so sein. Bei Franzi folgen etwa zur Hälfte Menschen, die beruflich gar nichts mit Pflege zu tun haben, sondern als Angehörige oder Patient:innen einen Bezug haben. Dass man als Person sichtbar ist, ist dabei kein Zufall, sondern Mechanik des Algorithmus: Ein reiner Spruch geht unter, ein Mensch im Kasack mit klinischem Hintergrund kommt an. Beide sind sich einig – Social Media ist zu großen Teilen schlicht Marketing. Und genau deshalb funktioniert es nur, wenn man auch private, alltägliche Schnipsel zulässt: das Putzen der Wohnung, das Jonglieren von Teilzeit, zwei Kindern und Beruf. Diese Identifikationsmomente sind es, die Menschen halten. ## Wenn aus Reichweite ein Anwalt wird Mit der Sichtbarkeit kommt die Schattenseite. Franzi beschäftigt seit der ersten Corona-Welle einen Anwalt; mehrere Strafanzeigen wegen Beleidigung und Morddrohung laufen. Ugur wird wegen seines Migrationshintergrunds regelmäßig angegangen. Beide haben gelernt, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist – und dass man Trollerei nicht zu nah an sich heranlassen darf. Wie man damit umgeht, ist individuell: Franzi löscht und diskutiert nicht mehr, Ugur löscht inzwischen gar nichts mehr und macht sich öffentlich darüber lustig. Wer tiefer einsteigen möchte, findet im [Podcast von Katharina Nocun zu Hass und Gewalt im Netz](https://www.denkangebot.org/allgemein/da002-hass-und-gewalt-im-netz/?ref=uebergabe.de) viele Hintergründe zu diesem Phänomen. > *„Würde ich mich da reinsteigern, würde ich schon längst Antidepressiva schlucken. Das muss man abprallen lassen, sonst tut man der eigenen psychischen Gesundheit nicht gut." — Franziska Böhler* Beide betonen einen Punkt, der weit über Social Media hinausreicht: Menschen schreiben online Dinge, die sie einem Gegenüber im echten Leben niemals sagen würden. Und sie übertragen Bruchstücke – ein Prozent dessen, was jemand preisgibt – auf die gesamte Person. So entsteht der Trugschluss, man würde sich kennen. Ugur, der seine Auszubildenden konsequent duzt, erlebt das täglich: Follower fühlen sich, als wären sie mit ihm in der Kinderstube aufgewachsen. ## Das selbstgemachte Imageproblem der Pflege Wie nimmt die Pflege sich selbst in den sozialen Medien wahr? Hier wird Franzi deutlich. Sie ist erschrocken über die Streitkultur in vielen Facebook-Gruppen – über die Art, wie sich Berufsgruppen in vermeintlichen Hierarchiekämpfen gegeneinander aufreiben. Ihr größter Wunsch dabei: dass kein berufsfremder Mensch mitliest. > *„Man wird so wahrgenommen, wie man sich präsentiert. Und das tun wir richtig, richtig schlecht." — Franziska Böhler* Ein Paradebeispiel für misslungene Außenwirkung ist für beide die Jerusalema-Challenge, bei der Klinikpersonal tanzend in Videos auftrat. Während auf der einen Seite Personalmangel und Überlastung beklagt wurden, wurde auf der anderen Seite auf dem Hubschrauberlandeplatz getanzt. Für Außenstehende ein Widerspruch, der völliges Unverständnis auslöste – und der zeigt, wie wichtig es ist, in der Öffentlichkeitsarbeit Botschaft und Zeitpunkt zusammenzudenken. Ugur erhielt für seine Kritik daran fast tausend Kommentare, die meisten davon negativ; sein Arbeitgeber bekam sogar Beschwerdebriefe. Satire dagegen kann gelingen, wenn eine Botschaft dahintersteckt – aber pauschalen Aktionismus sehen beide kritisch. ## Multiplikator oder Macher? Die Grenze der Klicks Hier liegt vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Episode. Reichweitenstarke Accounts können auf Themen aufmerksam machen – mehr aber zunächst nicht. Ugur bringt es auf den Punkt: Politik wird nicht in den sozialen Medien gemacht, sondern im Parlament. Und am Verhandlungstisch sitzen dann nicht Franzi oder er, sondern Lobbyverbände wie der BPA oder die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Die [Petition „Pflege braucht Würde"](https://www.stern.de/gesundheit/pflegepetition/?ref=uebergabe.de) sammelte rund 250.000 Unterschriften – mediale Aufmerksamkeit, ja, aber kaum gesetzgeberischer Hebel. Über die Frage, ob solche Kampagnen zwischen [Journalismus und Aktivismus stehen](https://www.deutschlandfunk.de/petition-des-magazins-stern-gratwanderung-zwischen.2907.de.html?dram:article%5Fid=492297&ref=uebergabe.de), wurde damals durchaus gestritten. Der Begriff, auf den sich alle einigen können, ist „Multiplikator". Franzi hat einen ganzen Ordner mit Nachrichten von Menschen, die wegen ihr eine Ausbildung begonnen haben. Ugur schätzt, dass Dutzende Studierende über seinen Account ihren Weg in ein Pflegestudium gefunden haben – viele davon mit Hauptschulhintergrund. Genau hier liegt die Stärke: Vorbild sein, sensibilisieren, Gedankenanstöße geben. Veränderung der Rahmenbedingungen aber, so der Konsens, gelingt nur über legitimierte Strukturen – Berufsverbände, Kammern. Solange die Pflege keine starke institutionelle Stimme hat, hört im Radio eben Frank Ulrich Montgomery für die Ärzteschaft, aber kaum jemand für die Pflege. Ein interessantes Detail am Rande: Viele große Pflege-Accounts arbeiten für Zeitarbeitsfirmen – nicht für tarifgebundene Träger, die selbst die Versorgungsverträge halten. Wer sich öffentlich kritisch äußert, braucht einen Arbeitgeber, der mitzieht. Franzi kann nur so frei agieren, weil sie einen reflektierten Chef hinter sich weiß. Genau diese Spannung zwischen Sichtbarkeit und Abhängigkeit erklärt, warum echte inhaltliche Tiefe auf den Plattformen selten ist. Komplexe Themen wie die Zusammensetzung eines Pflegesatzes oder Expertenstandards bringen kaum Reichweite – Vereinfachung dagegen schon. ## Geld, Glanz und die Gefahr der Bubble Verdient man als Influencerin viel Geld? Franzi macht Werbung – aber bewusst nicht für Firmen mit direktem Pflegebezug. Für sie ist es schlicht die Vergütung für eine 24/7-Tätigkeit. Ihren Job in der Klinik würde sie dafür nie aufgeben. Ugur dagegen verdient mit Social Media keinen Cent und will das auch nicht: Als Führungskraft, die Tarifbindungen einfordert, ließe sich Sponsoring nicht mit seiner Rolle vereinbaren. Für ihn ist der Account ein Teil seiner Managementarbeit und seines Selbstverständnisses als Vorbild. Den vielleicht wertvollsten Rat geben beide zum Schluss – gerade an alle, die selbst überlegen, in die Sichtbarkeit zu gehen: > *„Man muss aufpassen, dass man sich nicht über diese Plattform definiert. Ich bin wichtig mit Internet und ich bin wichtig ohne Internet. Wer sich über die Bubble definiert, kann nur daran kaputtgehen." — Ugur Cetinkaya* Ugur spricht offen über seine eigenen Fehler: Vier Jahre lang habe er sich in Online-Beef verstrickt, Menschen öffentlich angegangen. Heute bereut er das zutiefst – nicht aus Angst, sondern weil es der Pflege schadet und Menschen verletzen kann. Seine Frau habe ihn auf den Boden zurückgeholt. Sein Appell: Konflikte hinter den Kulissen klären, Liebe statt Hass verbreiten. Wer Vorbild sein will, kann nicht gleichzeitig andere bloßstellen. ## Pflege gehört in die Medien – aber sie muss raus aus der Blase Am Ende bleibt ein zwiespältiges, aber ehrliches Bild. Pflege ist im Mainstream der Medien angekommen, das sieht zumindest Ugur so klar. Social Media kann inspirieren, Nachwuchs gewinnen und Themen setzen – das leisten Menschen wie Franzi und Ugur jeden Tag. Gleichzeitig bleibt es eine Bubble, und jede Bubble hat irgendwann ein Ende. Die eigentliche Arbeit – an Arbeitsbedingungen, an Strukturen, an einer starken Vertretung – passiert woanders. Vielleicht ist genau das die Lektion: Sich von den sozialen Medien berieseln und inspirieren lassen, ist wunderbar. Aber manchmal lohnt es sich, nachzufragen, genauer hinzuschauen und in den echten Austausch zu gehen. ## Zum Weiterhören - [ÜG067 – Pflege in den Medien - Fach- und Massenmedien (Bianca Flachenecker & David Gutensohn)](https://www.uebergabe.de/ug067/) - [ÜG121 – Social Media Nurse (Stefan Schwark)](https://www.uebergabe.de/ug121/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Zu den Gäst\*innen - [Franziska Böhler auf Instagram](https://www.instagram.com/thefabulousfranzi/?ref=uebergabe.de) (instagram.com) - [Ugur Cetinkaya auf Instagram](https://www.instagram.com/pflegemanager/?ref=uebergabe.de) (instagram.com) #### Shownotes - [I'm a Nurse: Warum ich meinen Beruf als Krankenschwester liebe – trotz allem](https://www.amazon.de/Im-Nurse-Warum-meinen-Krankenschwester/dp/3453605608?ref=uebergabe.de) (amazon.de) - [Petition Pflege braucht Würde ](https://www.stern.de/gesundheit/pflegepetition/?ref=uebergabe.de)(stern.de) - [Gratwanderung zwischen Journalismus und Aktivismus](https://www.deutschlandfunk.de/petition-des-magazins-stern-gratwanderung-zwischen.2907.de.html?dram:article%5Fid=492297&ref=uebergabe.de) (deutschlandfunk.de) - [Denamusik auf Instagram](https://www.caritas.de/fuerprofis/fachthemen/gesundheit/der-tarifvertrag-in-der-altenpflege-komm?ref=uebergabe.de) (instagram.com) - [Pflegetube auf Instagram](https://www.instagram.com/pflegetube/?ref=uebergabe.de) (instagram.com) - [Hass und Gewalt im Netz - ein Podcast von und mit Katharina Nocun ](https://www.denkangebot.org/allgemein/da002-hass-und-gewalt-im-netz/?ref=uebergabe.de)(Denkangebot.de) #### Weitere Shownotes #### In eigener Sache - [Übergabe Mitglied werden](https://uebergabe.de/podcast/abo?ref=uebergabe.de) - [Übergabe bei Instagram](https://www.instagram.com/uebergabe%5Fpodcast/?ref=uebergabe.de) - [Pflegeupdate hören](https://itunes.apple.com/de/podcast/%C3%BCbergabe-der-podcast/id1446078578?mt=2&ref=uebergabe.de) ### Pflege in den Medien - Fach- und Massenmedien (Bianca Flachenecker & David Gutensohn) URL: https://www.uebergabe.de/ug067/ Last updated: 2026-06-13T00:05:08.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 10.04.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Fachmedien liefern Nutzwert, Publikumsmedien erreichen die breite Masse. - Echte Objektivität gibt es nicht – Subjektivität beginnt bei der Auswahl. - Journalismus ist kein Aktivismus, auch wenn die Grenzen verschwimmen. - Personal Branding und unabhängige Information müssen klar getrennt werden. - Die Pandemie rückte Pflege ins Rampenlicht – die Frage ist, was danach bleibt. Pflege ist in den letzten Jahren in den Medien sichtbarer geworden als je zuvor – auf Titelseiten, in Reportagen, in Podcasts und vor allem auf Instagram. Aber wie genau entsteht dieses Bild eigentlich? Wer entscheidet, welche Geschichte erzählt wird, welches Gesicht aufs Cover kommt und ob am Ende ein nüchterner Fachbeitrag oder ein emotionaler Appell daraus wird? Genau darum ging es in dieser Episode mit Bianca Flachenecker, Chefredakteurin des Fachmagazins [Health & Care Management](https://www.hcm-magazin.de/?ref=uebergabe.de), und David Gutensohn, der als [Redakteur bei Zeit Online](https://www.zeit.de/autoren/G/David%5FGutensohn/index?utm%5Freferrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F&ref=uebergabe.de) über Arbeit und Sozialpolitik schreibt. Zwei sehr unterschiedliche Perspektiven – und gerade deshalb so spannend. ## Zwei Welten, ein Thema Auf den ersten Blick könnten die beiden Häuser kaum verschiedener sein. Health & Care Management richtet sich an Entscheider:innen in Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Hier geht es um Managementthemen, Organisationsfragen, Gesundheitspolitik, Digitalisierung, Forschung und Rechtsprechung – also um all das, was Verantwortliche für ihren Einrichtungsalltag brauchen. Der Anspruch eines Fachmediums ist ein anderer als der eines breiten Publikumsmediums: Es soll konkreten Nutzwert liefern, praxisorientiert sein und im besten Fall einen Leitfaden für reale Probleme bieten – etwa, wenn eine Einrichtung gerade vor dem Fachkräftemangel steht und nach guten Beispielen sucht. Bei Zeit Online wiederum richtet sich die Berichterstattung an ein deutlich größeres, breiteres Publikum. Hier wird die Pflege in den großen gesellschaftlichen und politischen Kontext eingebettet – neben Themen wie dem Arbeitsmarkt oder der Sozialpolitik. David betonte, dass er seine Themen frei wählen kann, gemeinsam mit der Redaktion, ohne dass ein Text Klicks oder Abos bringen müsse. Reichweite ist wichtig, aber nie der eigentliche Antrieb. Man dürfe Texte nicht schreiben, nur um Reichweite zu erzielen – aber das große Ganze auch nicht aus den Augen verlieren. ## Wie ein Thema überhaupt in die Redaktion kommt Interessant ist, wie ähnlich der Weg zu einer Geschichte in beiden Häusern verläuft. Es gibt Redaktionskonferenzen, in denen Themen gepitcht und diskutiert werden – während der Pandemie eben aus dem Homeoffice. Manchmal schlagen Kolleg:innen spontan ein Thema vor, manchmal kommt der Impuls von außen: durch eine Leserin, durch einen Post in den sozialen Medien, durch ein Gespräch im Privaten. David erzählte, dass viele seiner Geschichten entstanden sind, wenn er bei seiner Familie war und gehört hat, was die Menschen dort gerade beschäftigt. Themen, sagte er, seien eigentlich immer da – er müsse morgens nie überlegen, worüber er schreiben könnte. Und dann entscheidet die Form: Wird es eine Reportage, für die man Menschen tagelang begleitet? Ein schnelles Interview am selben Tag? Ein Kommentar, eine Analyse, ein Nachbericht von einem Kongress? Jedes Format – ob Print, Podcast, Social Media oder Fernsehbeitrag – hat eigene Stärken und Grenzen. Im Fernsehen geht es viel um Bilder, ein Podcast erlaubt es, deutlich tiefer einzutauchen, ein Social-Media-Post zwingt zur Verkürzung. Diese Vielfalt macht den Alltag spannend, fordert aber auch ständig neue Entscheidungen. ## Objektiv? Ja. Aber nie ganz. Ein zentraler Punkt des Gesprächs war die Frage nach Objektivität – und die ist komplizierter, als sie klingt. Beide waren sich einig: So nah und neutral wie möglich am Thema zu bleiben, ist das Ziel. Gleichzeitig fließt immer auch die eigene Person mit ein. Schon die Auswahl der Expert:innen, der Protagonist:innen, der Stimmen, die zu Wort kommen, ist eine subjektive Entscheidung. David, der selbst in einem Haushalt von Pflegefachpersonen aufgewachsen ist, weiß, dass seine Sozialisation auf seine Arbeit einwirkt. > *„Diese wahre Objektivität im Journalismus gibt es meiner Meinung nach nicht, weil immer auch die Subjektivität eine Rolle spielt – schon die Auswahl, wen ich frage und wen ich zu Wort kommen lasse." — David Gutensohn* Der wichtigste Hebel, um trotzdem fair zu bleiben, heißt Transparenz und Ausgewogenheit. Wer über streikende Pflegefachpersonen schreibt, muss auch mit dem Arbeitgeber sprechen. Wer eine Reportage über pflegende Angehörige macht, hört genauso die zuständigen Stellen an. David schilderte das am Beispiel einer Recherche über eine Pflegekraft, die [trotz jahrelanger Arbeit auf der Intensivstation abgeschoben werden sollte](https://www.zeit.de/arbeit/2020-12/farah-demir-ausweisung-corona-intensivstation-hannover?ref=uebergabe.de) – auch hier galt es, sich mit Personalrat, Behörden und allen Beteiligten auseinanderzusetzen, statt sich auf eine Seite zu schlagen. ## Zwischen Berichten und Bewegen Besonders kontrovers wurde es bei der Frage, wo Journalismus aufhört und Aktivismus beginnt. Auslöser war ein konkretes Beispiel: die [Pflegepetition des Magazins Stern](https://www.stern.de/gesundheit/pflegepetition/?ref=uebergabe.de), die Menschen aufs Cover setzte und sich an den Bundestag richtete. Eine Aktion, die hoch umstritten ist und die auch der [Deutschlandfunk als Gratwanderung zwischen Journalismus und Aktivismus](https://www.deutschlandfunk.de/petition-des-magazins-stern-gratwanderung-zwischen.2907.de.html?dram:article%5Fid=492297&ref=uebergabe.de) beschrieben hat. David vertrat hier eine klare Haltung: Es sei nicht die Aufgabe von Journalist:innen, Petitionen zu starten oder politisch Einfluss zu nehmen. Das müssten politische Akteure, Gewerkschaften und auch eine Pflegekammer mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit leisten. Die Aufgabe von Medien sei es, ein Thema zu behandeln, alle Seiten darzustellen und am Ende die Leser:innen sowie die politischen Entscheider:innen selbst entscheiden zu lassen. > *„Es ist nicht meine Aufgabe, mich auf eine Seite zu schlagen. Journalismus ist kein Aktivismus – ich stelle dar, wer dafür und wer dagegen ist, und lasse die Leser:innen entscheiden." — David Gutensohn* In der Runde wurde aber auch die Gegenposition stark gemacht: Wenn so häufig die desolaten Zustände geschildert werden – warum dann nicht konsequent denjenigen die Fragen stellen, die in Entscheidungsgewalt sind? Warum wird etwa beim Thema Personalmangel selten kritisch nachgehakt, weshalb Einrichtungen nicht mehr Menschen einstellen oder weshalb es keinen flächendeckenden Tarifvertrag gibt? Die Kritik richtete sich weniger gegen eine bestimmte Person als gegen die Oberflächlichkeit vieler Berichte: Es werde sich empört, aber nicht zu Ende gedacht. Genau hier zeigt sich die Spannung zwischen einem Bericht, der ein Problem sichtbar macht, und einem, der Verantwortlichkeiten aufdeckt. ## Personal Branding und die Frage nach den echten Stimmen Ein großer Teil der heutigen Pflege-Sichtbarkeit findet auf Instagram statt – und das schon vor Corona. Dort berichten Pflegefachpersonen aus ihrem Alltag, machen ihren Beruf nahbar und verschaffen sich eine eigene Stimme. Das ist grundsätzlich positiv und kann auch eine Bereicherung sein, solange transparent bleibt, welche Interessen dahinterstehen. Denn ein Instagram-Account, eine Facebook-Gruppe oder eine Initiative ist eben keine unabhängige Quelle, sondern verfolgt ein Ziel – und das müssen Konsument:innen mitdenken. Bianca, selbst aktiv auf Instagram, sieht hier eine wachsende Verantwortung der Medien. Es brauche die Fähigkeit, zu unterscheiden, was wirklich neutrale Berichterstattung ist und was Selbstdarstellung. Bekannte Namen wie Franziska Böhler, Alexander Jorde oder Nina Böhmer tauchen immer wieder auch in den großen Medien auf – und genau das löste eine spannende Diskussion aus: Warum landet eine bekannte Influencerin auf dem Cover, während Menschen, die maßgeblich zur Professionalisierung der Pflege beigetragen haben – etwa Christel Bienstein, Klaus Wingenfeld oder Andreas Büscher – seltener im Rampenlicht stehen? Bekanntheit und Wiedererkennungswert erzeugen Reichweite, das ist nachvollziehbar – aber es verzerrt auch, wer als Stimme der Pflege wahrgenommen wird. > *„Wir müssen klar trennen: Wo bekomme ich objektive Informationen über die Pflege – und wo geht es um Personal Branding? Genau da tragen Medien eine große Verantwortung." — Bianca Flachenecker* ## Meinung darf sein – aber transparent Heißt das, Journalismus müsse meinungsfrei sein? Im Gegenteil. Beide betonten, dass Meinung und Journalismus sich nicht ausschließen – im Kommentar etwa gehört sie sogar dazu. David formulierte es so: Wenn er persönlich die Pflegekammer für richtig hält, kann er einen Kommentar darüber schreiben. Entscheidend ist, dass diese Meinung klar als solche gekennzeichnet wird und nicht als allgemeingültige Wahrheit erscheint. Sie muss hinterfragbar bleiben und in ein objektives Setting eingebettet sein. Dass manche Redaktionen ihre Tagesthemen-Kommentare inzwischen deutlicher als persönliche Meinung kennzeichnen, sah die Runde als guten Weg – weil offenbar nicht alle Leser:innen automatisch zwischen Bericht und Kommentar unterscheiden. Wichtig war beiden auch das Gegenteil: sich nicht vereinnahmen zu lassen. Da jede Berufsgruppe und jeder Interessenverband ein Interesse daran hat, in den Medien stattzufinden, gilt es umso mehr, alle Seiten zu hören. Beim Thema Tarifvertrag etwa gehört es dazu, sowohl mit Gewerkschaften als auch mit Arbeitgebern zu sprechen – und beim umstrittenen Veto der [Caritas gegen einen flächendeckenden Tarifvertrag in der Altenpflege](https://www.zeit.de/arbeit/2021-03/caritas-peter-neher-praesident-altenpflege-tarifvertrag?ref=uebergabe.de) sowohl Befürworter:innen als auch Kritiker:innen. ## Mehr als Empörung: die emotionale Seite Auffällig ist, dass über die Pflege oft emotionaler berichtet wird als über andere Themen. Eine interviewte Pflegefachperson hatte einmal erzählt, dass Journalist:innen sie immer wieder nach den emotional belastenden Erlebnissen fragen – und dass dieses Bild der „traurigen, aufopferungsvollen" Pflege der Profession eher schadet, als ihr zu helfen. Das Narrativ von der „Berufung" steht im Widerspruch zum Anspruch, Pflege als professionellen Beruf darzustellen. Gleichzeitig wollten beide das Emotionale nicht kleinreden. Eine gute Reportage lebt von Nähe, von Menschen, die man begleiten und beobachten kann. Studien zeigen, dass Bilder und Geschichten hängen bleiben und Menschen überhaupt erst dazu bringen, einen Text zu lesen. Die Kunst liegt in der Mischung: emotionale Berichterstattung und Realität aufzeigen – aber genauso politische Aufrufe, Analysen, Kommentare und Interviews einbauen, die das Ganze auch vom Hintergrund her beleuchten. ## Der Pandemie-Effekt und was danach kommt Ohne die Corona-Pandemie hätte dieses Gespräch wohl ganz anders ausgesehen. Das Interesse an Gesundheits- und Pflegethemen war zum Zeitpunkt der Aufnahme im April 2021 riesig – auf der Frage „Kann man journalistisch fast froh über so eine Krise sein?" lag eine gewisse Makabrität, aber für jemanden, der sich mit Gesundheitspolitik beschäftigt, war die Zeit fachlich extrem ergiebig. Das Informationsbedürfnis war enorm, die Resonanz auf Social Media, per E-Mail und in den Kommentaren wuchs spürbar. Immer wieder erreichten die beiden Nachrichten mit der Bitte: Bleibt dran, berichtet auch nach der Pandemie über unsere Situation – nicht nur jetzt in der großen Krise. Beide waren überzeugt, dass die Pandemie nachhaltig etwas verändert. Mit Blick auf die anstehenden Landtags- und Bundestagswahlen sowie auf den demografischen Wandel gingen sie davon aus, dass kein Koalitionsvertrag mehr verhandelt wird, ohne dass über die Pflege gesprochen wird. Das Thema, da waren sie sich einig, bleibt – auch jenseits des „großen Events" der Pandemie. Und genau das wünschten sich die Hörer:innen am dringendsten: eine kontinuierliche, fundierte und kritische Berichterstattung, die nicht nur in der Krise auf die Pflege schaut. Wer tiefer in die täglichen Einordnungen großer Nachrichtenlagen eintauchen möchte, findet das übrigens auch im täglichen Nachrichtenpodcast [„Was jetzt?" von Zeit Online](https://www.zeit.de/serie/was-jetzt?ref=uebergabe.de). ## Zum Weiterhören - [ÜG068 – Pflege in den Medien - Social Media (Franziska Böhler & Ugur Cetinkaya)](https://www.uebergabe.de/ug068/) - [ÜG163 – Ungleichheit im deutschen Gesundheitssystem (Bianca Flachenecker)](https://www.uebergabe.de/ug163/) - [ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug181/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Zu den Gäst\*innen - [Bianca Flachenecker ](https://www.hcm-magazin.de/mitarbeiter/158/10680?ref=uebergabe.de)(hcm-magazin.de) - [Autorenprofil David Gutensohn](https://www.zeit.de/autoren/G/David%5FGutensohn/index?utm%5Freferrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F&ref=uebergabe.de) (zeit.de) - [Health & Care Management Magazin](https://www.hcm-magazin.de/?ref=uebergabe.de) (hcm-magazin.de) - [Podcastserie Zeit Online "Was jetzt?"](https://www.zeit.de/serie/was-jetzt?ref=uebergabe.de) (zeit.de) ### Shownotes - [Statement Caritas gegen Tarifverträge](https://www.caritas.de/fuerprofis/fachthemen/gesundheit/der-tarifvertrag-in-der-altenpflege-komm?ref=uebergabe.de) (caritas.de) - ["Es hilft uns nicht weiter, wenn wir dem Tarifvertrag nachtrauern" - Caritaspräsident Peter Neher im Interview](https://www.zeit.de/arbeit/2021-03/caritas-peter-neher-praesident-altenpflege-tarifvertrag?ref=uebergabe.de) (zeit.de) - [Das Veto der Caritas und seine Folgen](https://www.deutschlandfunk.de/pflegetarifvertrag-das-veto-der-caritas-und-seine-folgen.886.de.html?dram:article%5Fid=493844&ref=uebergabe.de) (deutschlandfunk.de) - [Pflegepetition vom STERN](https://www.stern.de/gesundheit/pflegepetition/?ref=uebergabe.de) (stern.de) - [Petition des Magazins „Stern": Gratwanderung zwischen Journalismus und Aktivismus](https://www.deutschlandfunk.de/petition-des-magazins-stern-gratwanderung-zwischen.2907.de.html?dram:article%5Fid=492297&ref=uebergabe.de) (deutschlandfunk.de) - [Pflegekraft soll abgeschoben werden](https://www.zeit.de/arbeit/2020-12/farah-demir-ausweisung-corona-intensivstation-hannover?ref=uebergabe.de) (zeit.de) - [Pflege in den Medien: "Professionalität verkauft sich nicht gut" - Interview mit Shirin Kreße](https://www.hcm-magazin.de/index.cfm?p=1&documents.id=409996&cid=10739&ref=uebergabe.de) (hcm-magazin.de) ### Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation URL: https://www.uebergabe.de/ug066/ Last updated: 2026-06-17T19:31:27.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 03.04.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Community Health Nursing bringt Pflege gemeindenah und interprofessionell in die Versorgung. - Drei deutsche Hochschulen entwickelten den Masterstudiengang mit Robert-Bosch-Stiftung und DBfK. - Das erste Double Degree der Pflege verbindet Witten/Herdecke mit der ZHAW. - Viele wichtige Versorgungsaufgaben liegen brach, weil keine Profession sie übernimmt. Stell dir vor, in deinem Dorf oder Stadtviertel gibt es eine Anlaufstelle für alle Fragen rund um Gesundheit – jemanden, der vorbeikommt, wenn Eltern mit einem Frühchen nach Hause entlassen werden, der pflegende Angehörige berät, Versorgungswege koordiniert und früh hinschaut, bevor aus kleinen Problemen große werden. Genau dieses Bild steckt hinter dem Konzept Community Health Nursing. In dieser Episode des Übergabe-Podcasts sprechen Franziska und Christian mit drei Gästen, die das Thema von ganz unterschiedlichen Seiten kennen: Julia Söhngen, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Witten/Herdecke, Frau Hartung von der DRK-Schwesternschaft Bonn und André Fringer von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Drei Perspektiven – Studium, Praxis und internationale Kooperation – die zusammen ein erstaunlich vollständiges Bild ergeben. ## Ein internationales Konzept kommt in Deutschland an Community Health Nursing ist kein neuer Geistesblitz, sondern in vielen Ländern längst gelebte Realität. In Finnland heißen die Fachpersonen Public Health Nurses, in Großbritannien und Kanada gibt es eigene Ausprägungen – das Konzept wird also stark länderspezifisch interpretiert. Was die Länder eint, sind die Gründe, warum sie sich überhaupt damit beschäftigen: Fachkräftemangel, eine alternde Bevölkerung, immer mehr chronische Erkrankungen und ein Gesundheitswesen, das vor wachsenden Aufgaben steht. Genau diese Ausgangslage trifft auch auf Deutschland zu. Hierzulande haben die Robert-Bosch-Stiftung und der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe das Thema über Jahre vorangetrieben. Zuerst klärte eine Machbarkeitsstudie, was Community Health Nursing eigentlich ist. Danach folgte die Ausschreibung für die Entwicklung eines Masterstudiengangs. Zwölf Hochschulen bewarben sich, drei erhielten den Zuschlag: die Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar, die Katholische Stiftungshochschule München und die [Universität Witten/Herdecke mit ihrem Studiengang Community Health Nursing](https://www.uni-wh.de/studium/studiengaenge/community-health-nursing-m-sc/?ref=uebergabe.de). Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Frühjahr 2021 war das Curriculum gerade fertig – und der zuständige Lehrstuhl wurde von „familienorientierte und gemeindenahe Pflege" in „Community Health Nursing" umbenannt. ## Zurück zu den Wurzeln – nur mit viel mehr Wissen Wer schon länger in der Pflege ist, dem kommt vieles bekannt vor. Früher gab es die Gemeindeschwestern, oft Ordens- oder Rotkreuz-Schwestern, die im Ort eine zentrale Rolle spielten. Mit der Einführung der Pflegeversicherung und der ambulanten Pflegedienste wurden sie nach und nach abgeschafft. Die Versorgung schrumpfte auf das, was SGB V und SGB XI hergeben – und das ist erschreckend wenig gemessen an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen. > *„Eigentlich machen wir drei Schritte zurück. Der Unterschied zu den damaligen Gemeindeschwestern ist nur, dass die Kolleg:innen heute ganz anders darauf vorbereitet werden und mit viel mehr Wissen ihre Aufgaben übernehmen." — Frau Hartung, DRK-Schwesternschaft Bonn* Für die DRK-Schwesternschaft war früh klar: Theorie und Praxis müssen sich gemeinsam weiterentwickeln. Das größte Risiko bestünde sonst darin, hochmotivierte Absolvent:innen in eine Praxis zurückzuschicken, die sich überhaupt nicht mit verändert hat. Deshalb suchten die Verantwortlichen schnell den Kontakt zur Universität Witten/Herdecke. Das Ziel: Community Health Nurses sollen am Ende auf ein Arbeitsfeld treffen, in dem sie ihr Wissen auch wirklich einsetzen können. ## Aufgaben, die niemand übernimmt Besonders eindrücklich wird das Konzept, wenn man auf die Lücken in der heutigen Versorgung schaut. Es gibt eine ganze Reihe von Tätigkeiten, die schlicht brachliegen, weil sich keine Profession dafür zuständig fühlt. Dazu gehören die frühe Förderung der eigenen Gesundheitskompetenz, lange bevor Menschen in Arztpraxen landen, sowie die Schulung und Begleitung pflegender Angehöriger, die bislang nur sporadisch stattfindet. Auch die Erhebung von Befunden und gängigen Assessments im häuslichen Bereich passiert kaum – erst dann, wenn ein ambulanter Pflegedienst eingeschaltet wird. Und die Koordinierung von Versorgungsprozessen, die im Krankenhaus Case Manager übernehmen, fällt im ambulanten Bereich durchs Raster. Wichtig ist den Gästen dabei eine klare Abgrenzung: Es geht ausdrücklich nicht darum, Ärzt:innen zu ersetzen oder pflegerische Tätigkeiten einfach mengenmäßig auszuweiten. Es geht darum, vorhandene Ressourcen klug einzusetzen, Schnittmengen sinnvoll zu füllen und ein neues Aufgabenfeld zu erschließen: Alltagsunterstützung in jeder Lebenslage, von der Geburt bis zur palliativen Lebensphase, mit Beratung, Anleitung zum Selbstmanagement und der Begleitung von Menschen, damit sie so lange wie möglich gut zu Hause leben können. ## Was die Corona-Pandemie schonungslos offengelegt hat Wie sehr diese Lücken im Ernstfall schmerzen, zeigte sich für die DRK-Schwesternschaft mit dem Corona-Hotspot Heinsberg direkt vor der Haustür. Innerhalb kurzer Zeit waren ganze Gemeinden in Quarantäne, Arztpraxen geschlossen, Krankenhäuser überfordert – und niemand wusste so recht, wer die Bevölkerung versorgen sollte. Am Ende half eine mobile Arztpraxis aus, in der Rotkreuz-Schwestern eng mit Hausärzt:innen zusammenarbeiteten. Die Situation machte deutlich: Hätte es Community Health Nurses gegeben, die weiterführende Aufgaben eigenverantwortlich übernehmen können, wäre man in der ohnehin dünn besiedelten, ärztlich unterversorgten Region deutlich handlungsfähiger gewesen. Weil Pflegende in Deutschland keine Vorbehaltsaufgaben haben, blieben die Möglichkeiten stark begrenzt. ## Pflege als Dialogbrücke zwischen Mensch und Gemeinde André Fringer bringt den Blick aus der Schweiz ein – und der lohnt sich. Dort gibt es zwar (noch) keine Community Health Nurses, dafür aber seit über zehn Jahren eine kräftige Entwicklung hin zu Advanced Practice Nursing. Pflegende mit Masterabschluss übernehmen Pionierrollen, etwa in ambulanten Diensten oder gemeinsam mit Hausärzt:innen in der Praxis. Trotzdem fehlt auch dort ein klarer pflegerischer Fokus auf die Gemeinde – und genau hier liegt für ihn die Schlüsselrolle der Community Health Nurse. > *„Wer übersetzt die Sprache der Pflege auf ein gemeindepolitisches Niveau – und umgekehrt? Wer bildet die Dialogbrücke zwischen den Disziplinen, der vertrauten Gemeinde und den Betroffenen? Genau die brauchen wir." — André Fringer, ZHAW* Fringer spricht von „Gesundheitssystem-Veränderungsadvokat:innen" – also von Pflegenden, die aktiv für die Anliegen der Menschen eintreten und Versorgung gestalten, statt nur zu reagieren. Dabei betont er, dass es nicht die eine Lösung gibt: Jede Gemeinde ist anders aufgestellt, hat andere Ressourcen und braucht andere Antworten. Die Kompetenz, mit den vorhandenen Möglichkeiten auf konkrete Notwendigkeiten zu reagieren, ist deshalb das Herzstück der neuen Rolle. Wer tiefer in die Verzahnung von Pflege und ärztlicher Versorgung eintauchen möchte, findet in unserer Folge über [Advanced Practice Nurses in der hausärztlichen Praxis](https://www.uebergabe.de/ug113/) spannende Anknüpfungspunkte. ## Wer studieren darf – und worauf es im Studium ankommt Um in Witten/Herdecke Community Health Nursing zu studieren, braucht es eine abgeschlossene Pflege- oder Hebammenausbildung sowie einen Bachelor in Pflegewissenschaft oder einem verwandten Bereich wie Soziale Arbeit, Public Health oder Pflegepädagogik. Das Studium fokussiert sich auf drei Bereiche: die primäre Gesundheitsversorgung, die Versorgung chronisch kranker Menschen und die gemeindeorientierte Versorgung – immer mit Blick auf die gesamte Lebensspanne. Ein zentrales Merkmal ist die Interprofessionalität. Die Studierenden lernen, ihre fachliche Einschätzung zu vertreten, Assessments durchzuführen, körperliche Basisuntersuchungen vorzunehmen und ihre Erkenntnisse im interprofessionellen Team einzubringen. Besonders bemerkenswert: An der Fakultät für Gesundheit gibt es gemeinsame Lehrveranstaltungen mit Medizinstudierenden. Anhand konkreter Fälle – etwa internistischer Notfälle – reflektieren beide Gruppen gemeinsam ihre Rollen. So werden angehende Mediziner:innen schon im Studium mit Community Health Nurses sozialisiert und nicht erst nach dem Examen. Damit das Konzept in der Fläche ankommt, braucht es laut Frau Hartung allerdings auch ein Umdenken in der Praxis selbst. Pflegefachpersonen arbeiten heute oft hervorragend in ihren Sektoren – vollstationär, teilstationär, ambulant, betreutes Wohnen – schauen aber selten über den eigenen Bereich hinaus. Und auch die Bevölkerung muss erst lernen, dass Pflege weit mehr kann als grundpflegerische und behandlungspflegerische Versorgung. ## Warum musste erst eine Stiftung kommen? Christian bringt im Gespräch eine unbequeme Frage auf den Punkt: Eigentlich wäre es Aufgabe von Kommunen, Ländern und Bund, die Bevölkerung so zu versorgen, wie es Community Health Nursing vorsieht. Stattdessen brauchte es eine Universität, einen Praxispartner und eine Stiftung, um das Konzept anzustoßen. Die früher eingeführten Pflegestützpunkte waren gut gedacht, wurden aber bei den Landkreisen angesiedelt – und dorthin wenden sich die Menschen im Zweifel eben nicht. Sie fragen in ihrer vertrauten Gemeinde nach, oft bei Kirchengemeinden oder beim Roten Kreuz. Die Gäste sehen es dennoch optimistisch: Der entscheidende Impuls kam aus der Berufsgruppe selbst, getragen vom Berufsverband, und ohne die Förderung der Robert-Bosch-Stiftung wäre man wohl nicht so weit gekommen. Julia Söhngen zieht eine schöne Parallele zur Einführung der Pflegewissenschaft – auch das war ein Prozess, der mutige Menschen brauchte. Die erste Folge zum Thema mit Wilfried Schnepp liegt übrigens schon einige Zeit zurück; wer die Grundlagen nachhören möchte, findet sie in der Episode zu [DVG und Community Health Nursing](https://www.uebergabe.de/ug023/). ## Ein Double Degree, das es in der Pflege noch nie gab Das vielleicht spannendste Ergebnis der Kooperation: ein Double-Degree-Programm zwischen der Universität Witten/Herdecke und der [ZHAW mit ihrem Masterstudiengang Pflege](https://www.zhaw.ch/de/gesundheit/studium/masterstudium/master-pflege/?ref=uebergabe.de). Die Idee entstand – fast schon legendär – bei einer gemeinsamen Wanderung auf dem Säntis. Konkret heißt das: Studierende durchlaufen beide Programme, deren Inhalte gegenseitig anerkannt werden, und schließen am Ende mit zwei Masterabschlüssen ab – Community Health Nursing und Advanced Practice Nursing. > *„Das ist kein Titel sammeln in der Pflege, ganz im Gegenteil. Es ist eine Ergänzung zu etwas, was wir in der Schweiz so nicht haben – und ein großes Geschenk für uns." — André Fringer, ZHAW* Im Kern geht es nicht um die beiden Abschlüsse, sondern um den Kompetenzgewinn und den Dialog über Ländergrenzen hinweg. Studierende lernen die unterschiedlichen Gesundheitssysteme kennen, sammeln Auslandserfahrung in der Praxis und werden sich der eigenen Rolle bewusster, gerade weil sie sie mit der eines anderen Landes vergleichen können. Fringer beobachtet im deutschsprachigen Raum eine gewisse Fragmentierung der akademischen Pflegeentwicklung – genau diese Lücke soll der Austausch schließen. Für die Pflege im deutschsprachigen Raum ist es das erste Programm dieser Art und damit ein echter Meilenstein. ## Pioniergeist gesucht Am Ende des Gesprächs bleibt vor allem eines hängen: die Begeisterung der Gäste für ein Berufsfeld im Aufbruch. Community Health Nursing ist kein fertiges Produkt, sondern ein Prozess, der mutige Menschen braucht, die Pflege gemeindenah neu denken wollen. > *„Die Entwicklungen, die in der Pflege noch bevorstehen, sind wahnsinnig spannend. Ein Teil davon sein zu dürfen, das finde ich großartig." — Julia Söhngen, Universität Witten/Herdecke* Wer einen Eindruck bekommen möchte, wie das in der Praxis aussehen kann, findet im Projekt [Community Health Nurse auf der Veddel](http://poliklinik1.org/community-health-nurse-auf-der-veddel?ref=uebergabe.de) ein konkretes Beispiel. Und wer mit dem Gedanken spielt, selbst Pionier:in zu werden, wirft am besten einen Blick in den [Infoflyer der beteiligten Hochschulen](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/documents/2021-02/info-flyer-chn-hochschulen-02-2021.pdf). Klar wird in dieser Folge vor allem eines: Pflege bietet weit mehr Karriere- und Gestaltungsmöglichkeiten, als viele vermuten – man muss sie nur ergreifen. ## Zum Weiterhören - [ÜG023 – DVG & Community Health Nursing (Prof. Dr. W. Schnepp & J. Sauskat)](https://www.uebergabe.de/ug023/) - [ÜG113 – Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri)](https://www.uebergabe.de/ug113/) - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes - [Community Health Nursing](https://www.dbfk.de/de/themen/Community-Health-Nursing.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Finnlands Steilvorlage: Kompetenzen in der Primärversorgung](https://www.dbfk.de/media/docs/Bundesverband/CHN-Veroeffentlichung/Gesundheitssystem-Skandinavien-Marks.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Community Health Nursing – Eine Chance für bessere Gesundheitsversorgung in den Kommunen](https://www.dbfk.de/media/docs/Bundesverband/CHN-Veroeffentlichung/chn%5Fkurzbroschuere%5F2019-07.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Community Health Nursing in Germany](https://www.dbfk.de/media/docs/Bundesverband/CHN-Veroeffentlichung/CHN-Flyer-Eng.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Community Health Nursing in Deutschland - Konzeptionelle Ansatzpunkte für Berufsbild und Curriculum](https://www.dbfk.de/media/docs/Bundesverband/CHN-Veroeffentlichung/Broschuere-Community-Health-Nursing-09-2019.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Community Health Nurse auf der Veddel](http://poliklinik1.org/community-health-nurse-auf-der-veddel?ref=uebergabe.de) (poliklinik1.org) #### Shownotes zu den Studiengängen - [Infoflyer CHN Hochschulen](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/documents/2021-02/info-flyer-chn-hochschulen-02-2021.pdf) (bosch-stiftung.de) - [Community Health Nursing (M.Sc.) an der Universität Witten/Herdecke](https://www.uni-wh.de/studium/studiengaenge/community-health-nursing-m-sc/?ref=uebergabe.de) (uni-wh.de) - [Pflege (M.Sc.) an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)](https://www.zhaw.ch/de/gesundheit/studium/masterstudium/master-pflege/?ref=uebergabe.de) (zhaw.ch) - [Pressemitteilung: "Studiengang Community Health Nursing" in Kooperation mit DRK-Schwesternschaft Bonn e.V.](https://www.uni-wh.de/detailseiten/news/neuer-studiengang-community-health-nursing-kooperation-zwischen-universitaet-wittenherdecke-und-drk/?ref=uebergabe.de) (uni-wh.de) - [Pressemitteilung Double Degree: "Neuer Doppelabschluss für Pflegende und Hebammen"](https://www.uni-wh.de/detailseiten/news/neuer-doppelabschluss-fuer-pflegende-und-hebammen-8663/?ref=uebergabe.de) (uni-wh.de) - [Double Degree Programm mit der Universität Witten/Herdecke](https://www.zhaw.ch/de/gesundheit/studium/masterstudium/double-degree-programm-mit-der-universitaet-witten/herdecke-uw/h/?ref=uebergabe.de) (zhaw.ch) - [Online-Infoveranstaltung zum Masterstudium Community Health Nursing am 12.04.2021](https://www.uni-wh.de/studium/uwh-live-erleben/infoveranstaltung-community-health-nursing/?ref=uebergabe.de) (uni-wh.de) - [Gesonderte Online-Infoveranstaltung zum Double Degree-Abkommen zwischen der UWH und der ZHAW (Schweiz) am 21.04.2021](https://www.uni-wh.de/studium/uwh-live-erleben/infoveranstaltung-community-health-nursing/?ref=uebergabe.de) (uni-wh.de) #### Weitere Shownotes #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ### Zwischenbilanz nach der ersten Corona-Krise 2020 (Prof. Dr. Gabriele Meyer) URL: https://www.uebergabe.de/ug065/ Last updated: 2026-06-17T19:31:26.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 27.03.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der öffentliche Gesundheitsdienst muss zur eigenständigen Säule der Versorgung werden. - Pflegefachpersonen können mehr leisten, als das System ihnen zugesteht. - Strukturierte Pflegeforschung wurde in der Pandemie sträflich vernachlässigt. - Pflege braucht eine machtvolle Vertretung und muss proaktiver auftreten. - Akademische Pflege gehört an die klinische Praxis – auch in die Patientenversorgung. Im Frühjahr 2021, irgendwo zwischen zweiter und dritter Corona-Welle, lohnt sich ein Blick zurück: Was hat die erste Pandemiephase eigentlich für die Pflege bedeutet – und was haben wir daraus gelernt? Genau diese Frage stand im Mittelpunkt eines Gesprächs mit [Prof. Dr. Gabriele Meyer](https://www.medizin.uni-halle.de/portraets/prof-dr-gabriele-meyer?ref=uebergabe.de), Direktorin des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft in Halle. Sie war an einem viel beachteten Richtungspapier beteiligt, das eine erste Zwischenbilanz der Corona-Krise zog. Im Folgenden nehmen wir dich mit durch die zentralen Gedanken dieser Episode – von verpassten Forschungschancen über den öffentlichen Gesundheitsdienst bis zu der unbequemen Frage, warum sich die Pflege eigentlich so wenig zutraut. ## Von der Krankenschwester zur Professorin Gabriele Meyers Weg in die Pflegewissenschaft war lang und keineswegs vorgezeichnet. Dreizehn Jahre arbeitete sie in der stationären und ambulanten Pflege, bevor sie 1992 ein Lehramtsstudium in Hamburg begann – schlicht, weil es zu jener Zeit noch keine pflegewissenschaftlichen Studiengänge gab. Über Stationen in Bremen und Witten/Herdecke übernahm sie 2013 die Leitung des [Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft](https://www.medizin.uni-halle.de/einrichtungen/institute/gesundheits-und-pflegewissenschaft?ref=uebergabe.de) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen bei den Pflegefragen des höheren Lebensalters: Versorgung von Menschen mit Demenz, Mobilität, Gelenkkontrakturen und nicht zuletzt freiheitsentziehende Maßnahmen. Mit Sascha Köpke entwickelte sie über Jahre hinweg komplexe Interventionen, die in der Praxis verankert werden sollten – mündend etwa in das [Implementierungsprojekt IMPRINT](https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/imprint-implementierung-einer-komplexen-intervention-zur-vermeidung-von-4285.php?ref=uebergabe.de). Neben ihrer Professur ist sie Mitglied im [Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen](https://www.svr-gesundheit.de/ratsmitglieder/gabriele-meyer/?ref=uebergabe.de), ist Präsidentin der European Academy of Nursing Science, ist im [Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin](https://www.ebm-netzwerk.de/de?ref=uebergabe.de) aktiv und gibt unter anderem die Fachzeitschrift [Pflege](https://www.hogrefe.com/ch/zeitschrift/pflege?ref=uebergabe.de) mit heraus. ## Ein Papier, das den Finger in die Wunde legt Das [Richtungspapier zur Zwischenbilanz der ersten Corona-Welle](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/files/user%5Fupload/vv%5Frichtungspapier-corona.pdf) entstand auf Einladung der Barmer in Kooperation mit der Robert-Bosch-Stiftung und Bertelsmann. Neben Gabriele Meyer als Vertreterin der Pflegewissenschaft waren unter anderem Ferdinand Gerlach (Goethe-Universität Frankfurt), Reinhard Busse (TU Berlin) und Boris Augurzky (RWI Essen) beteiligt. Ihr Verantwortungsbereich: die Folgen der Pandemie für die Pflege und die Pflegebedürftigen. Wichtig ist ihr die ehrliche Einordnung der Methode. Es handelt sich nicht um ein systematisches Review, sondern um ein Politikberatungspapier – ein Diskussionspapier, das Diskurse anstoßen und bei Entscheidungsträger:innen strukturiertes Nachdenken auslösen soll. Expert:innen mit gutem Überblick über Praxis und Wissenschaft tragen ihre Einschätzungen zusammen, kommentieren und diskutieren sie. Das Ziel: jenen, die das deutsche Gesundheitssystem für unverbesserlich gut halten, die offensichtlichen Baustellen vor Augen führen. Veränderungsresistenz, so die klare Botschaft, ist keine angemessene Haltung. ## Der öffentliche Gesundheitsdienst – die vergessene Säule Kaum etwas hat die erste Welle so deutlich offengelegt wie den Zustand des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Stichwort Zettelwirtschaft: Anmeldebögen im Kaufhaus, Restaurantbesuche ohne App, eine wenig effektive Corona-Warn-App. Über Jahre vernachlässigt, geriet der ÖGD gerade bei Kontaktverfolgung, Quarantäneanordnung und Tests an seine Grenzen. Das Richtungspapier schlägt vor, ihn zukünftig als eigenständige Säule der Gesundheitsversorgung zu stärken, personell besser auszustatten und seine wissenschaftliche Fundierung im Sinne eines Evidence-Based Public Health auszubauen. Spannend wird es dort, wo Gabriele Meyer über das Papier hinausdenkt. Denn die Diskussion um den ÖGD bleibt stark medizinzentriert. Warum eigentlich, fragt sie, sollten nicht auch Pflegefachpersonen mit erweiterten Kompetenzen Rollen im öffentlichen Gesundheitsdienst übernehmen? Aufsuchende, beratende Tätigkeiten oder sogar Pandemiemanagement – all das könne von qualifizierten Pflegenden wirkungsvoll geleistet werden und gleichzeitig attraktive berufliche Perspektiven eröffnen. Auch über den Föderalismus denkt sie differenzierter als viele: Er sei nicht nur Hemmschuh, sondern könne durchaus attraktive regionale Modelle hervorbringen – wenn man sie als solche erkennt, ausrollt und wissenschaftlich begleitet evaluiert. ## Heilkunde übertragen – und endlich auch umsetzen Ein roter Faden des Gesprächs ist die Frage, was Pflegende dürfen sollten. In Deutschland, so Meyer, denken wir traditionell sehr standesbezogen und heften Kompetenzen an Berufe statt an Bedarfe. Dabei existiert die gesetzliche Möglichkeit zur Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten seit 2008, die entsprechende [Richtlinie des G-BA](https://www.g-ba.de/themen/qualitaetssicherung/weitere-bereiche/weitere-bereiche-heilkundeuebertragung/?ref=uebergabe.de) seit 2013\. Umgesetzt wird sie kaum – während unter pandemischen Bedingungen Heilkunde plötzlich „ohne Not" auf Pflegende übertragen wurde, allerdings auf Pflegende ohne erweiterte Ausbildung. Genau hier setzt Meyer einen Pflock ein: Für eine sichere Heilkundeübertragung brauche es ein Studium an einem angemessenen Ausbildungsort. In Halle startete bereits 2016 ein entsprechender Studiengang mit den Schwerpunkten Diabetes Typ 2 und chronische Wundversorgung. Doch die Praxis bleibt zäh: Auch heilkundig ausgebildete Pflegefachpersonen dürfen keine Eingangsdiagnosen stellen und – mangels eines Verordnungskatalogs – keine Rezepte ausstellen. Was in anderen Ländern längst Standard ist und regelmäßig evaluiert wird, harrt hierzulande noch der Umsetzung. ## Ambulant statt zentral: Warum die Teststrategie funktionierte Im internationalen Vergleich vertritt das Papier die These, dass es in Deutschland gut gelungen sei, Menschen möglichst ambulant zu testen und zu behandeln. Drive-ins, temporäre Testzentren, mobile Teams – diese dezentrale Strategie habe das Infektionsgeschehen positiv beeinflusst. Vergleichsdaten für die Situation der Pflege auf europäischer Ebene fehlen allerdings schlicht, ein bedauerlicher blinder Fleck. Bei den Ländervergleichen mahnt Meyer ohnehin zur Vorsicht: Confounder wie Sozialstruktur, Personalmix, kulturelle Faktoren oder die Kriterien für einen Umzug ins Pflegeheim lassen sich kaum sauber herausrechnen. > *„Einer der größten Fehler der Kommunikation ist, dass keine Bezugsgrößen genannt werden. Es werden Todesfälle kommuniziert, ohne die Grundgesamtheit zu nennen – das ist natürlich sehr verängstigend für viele Menschen." — Prof. Dr. Gabriele Meyer* Gerade beim vielzitierten „schwedischen Weg" bleibt sie nüchtern: Eine echte Bilanz lässt sich erst ziehen, wenn das Pandemiegeschehen kontrolliert ist. Ländervergleiche hätten durchaus ihre Berechtigung – problematisch werde es erst, wenn ihre Interpretation in den Medien sich verselbstständige und zu Missinformation führe. ## Ein Vakuum in den Heimen Mit der Aussetzung der Qualitätsprüfungen durch MDK und Heimaufsicht entstand in den Einrichtungen ein folgenreiches Vakuum. Wo keine Kontrolle und keine soziale Aufmerksamkeit von Besucher:innen mehr hineinwirken, wächst der Raum für Verdacht, Spekulation und Unterstellung – bis hin zu juristischen Auseinandersetzungen um Vernachlässigung oder Freiheitsentzug. Aus ihrer eigenen Interviewstudie weiß Meyer, dass sich viele Einrichtungen schlicht alleingelassen fühlten. Als Gegenmodell lobt sie ausdrücklich die Beratungshotline, die der MDK in Sachsen-Anhalt früh einrichtete: ein Angebot, das Pflegende mit ihren Fragen nicht im Stich ließ, sondern gemeinsam tragfähige Lösungen erarbeitete – etwa beim heiklen Thema ruhigstellende Medikamente bei Menschen mit Demenz. Transparenz, so ihr Fazit, ist immer ein Garant für Qualitätssicherung und schützt vor pauschalem Verdacht. ## Lernen aus der Praxis: Vernetzung statt Einsamkeit Ein Best-Practice-Beispiel hat es ins Richtungspapier geschafft: eine Koordinierungsstelle aus der universitären Allgemeinmedizin in Heidelberg, die Pflegeheime, Haus- und Fachärzt:innen vernetzte, Besuchspläne abstimmte und bei Patientenverfügungen sowie Palliativversorgung beriet. Solche Netzwerke entstehen jedoch nicht aus dem Nichts – sie funktionieren nur, wenn bereits verlässliche Strukturen bestehen, die sich im Pandemiefall schnell aktivieren lassen. Meyer wünscht sich, dass solche Modelle systematisch in einer Art Pandemie-Katalog zusammengetragen und gewürdigt werden. Auch die [S1-Leitlinie zur sozialen Teilhabe in Pflegeheimen unter Pandemiebedingungen](https://www.uebergabe.de/ug054/), an der Margareta Halek und die Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft maßgeblich beteiligt waren, gehört in diese Reihe. Sie müsse dringend besser wissenschaftlich fundiert weiterentwickelt werden – denn der Bedarf an Konzepten für Teilhabe und Lebensqualität bleibt akut, solange Heimtüren verschlossen bleiben. ## „Pflegefachpersonen können mehr, als das System ihnen zutraut" Dieser Satz aus dem Papier wurde im Gespräch zur Steilvorlage. Dahinter steckt die Botschaft, dass die Pflege ihr Potenzial bisher nicht ausschöpft – obwohl die Pandemie eindrucksvoll zeigte, wie schnell und flexibel Pflegende auf massive Veränderungen reagieren können. In einem offenen Brief an den damaligen Bundesgesundheitsminister forderten zwölf führende Pflegeorganisationen die nachhaltige Weiterentwicklung der Pflege: den Einbezug in die kommunale Versorgung, die Substitution ärztlicher Tätigkeiten und vor allem die Förderung der Pflegewissenschaft samt regelhafter pflegewissenschaftlicher Professuren an medizinischen Fakultäten. Dass der [Anteil akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen in der klinischen Praxis](https://www.uebergabe.de/content/files/de/pdf/presse/2015-05-29%5Fabschlussbericht.pdf) verschwindend gering ist, hält Meyer für absurd – gerade an Universitätskliniken, die eigentlich „Tempel der Innovation" sein sollten. Sie plädiert für Professuren, die in der klinischen Pflege verankert sind und auch Patientenversorgung umfassen: Warum sollte eine Professur für Palliativpflege nicht zugleich am Bett, im Hospiz oder in der Klinik tätig sein? Pflegende dürften nicht länger bloß als Study Nurses gedacht werden, sondern als Forschende, die eigene Projekte initiieren. Doch Meyer dreht den Spieß auch um: Es genüge nicht, darauf zu warten, dass andere die Pflege „an die Hand nehmen". Diese eindimensionale Logik des Zugestehens müsse aufgebrochen werden. > *„Eine Kollegin aus Israel sagte kürzlich: Wenn da kein Stuhl für uns am Tisch ist, dann nehmen wir uns einen und stellen ihn dazu. So proaktiv müssen wir auftreten – nicht aus Narzissmus, sondern weil wir eine Kenntnis haben, die sich anderen Professionen schlicht nicht erschließt." — Prof. Dr. Gabriele Meyer* ## Erschöpfung, Berufsflucht und die großen Stellschrauben Die psychische Belastung Pflegender und die Furcht vor massiver Berufsflucht sind keine deutschen Sonderprobleme, sondern werden weltweit diskutiert – und keineswegs erst seit der Pandemie. Die Reparaturmaßnahmen finden sich in der konzertierten Aktion Pflege: Aufwertung des Berufs, Erweiterung der Kompetenzen, Verantwortungsübernahme. Eine zentrale Stellschraube sieht Meyer jedoch im Krankenhaussektor selbst. Deutschland hat – im europäischen Vergleich – viele Pflegefachpersonen, aber eben auch außergewöhnlich viele stationäre Fälle und belegte Betten. Die Anreize zur ständigen Fallausweitung müssten durch eine Krankenhausstrukturreform durchbrochen werden, um die „Hamsterräder" zu stoppen und echte Freiräume zu schaffen. Realistisch bleibt sie beim Zeithorizont: Bis strukturelle Umbauten spürbare Entlastung bringen, dürfte rund eine Dekade vergehen. Bis dahin gilt es, die akuten Bedarfe zu decken – etwa durch einen anderen Staff-Mix aus Pflegeassistenz, dreijährig ausgebildeten und akademisch qualifizierten Pflegenden. Voraussetzung dafür: dass innerhalb der Profession akzeptiert wird, dass nicht alle dasselbe tun – ein Punkt, der derzeit oft unter dem Anspruch „Wir sind alle gleich" verschwindet. ## Die bittere Lehre: Pflege war unsichtbar Die ehrlichste und vielleicht ernüchterndste Bilanz zieht Gabriele Meyer mit Blick auf die Pflegeforschung. Während für Universitätskliniken dreistellige Millionenbeträge an Forschungsförderung bereitgestellt wurden, blieb für die Pflege strukturierte Förderung aus. Das Ergebnis: vereinzelte Surveys und kleine Interviewstudien statt systematischer Ansätze. Pflege und Pflegewissenschaft saßen weder in Beratungsgremien noch in Forschungspanels – für sie ein Zeichen eines „kollektiven Neglekts". > *„Die Präsidentin des International Council of Nurses sagte: Never bring nurses in such a position again. Weltweit sind viele Pflegende an Covid-19 gestorben. Wir müssen dafür eintreten, dass die Bedingungen beim nächsten Mal andere sind – ausreichend Schutzkleidung, echte Sicherheit für die Pflege." — Prof. Dr. Gabriele Meyer* Immerhin: Die Aufmerksamkeit, die die Pflege in der Pandemie erfahren hat, öffnet ein Zeitfenster für Veränderung – das es zu nutzen gilt. Konkret wünscht sich Meyer eine machtvolle Vertretung der Berufsgruppe. Die Pflegeanbieter würden es nicht für die Pflege richten; es brauche Pflegekammern, die registrieren, vertreten und Weiterbildung verbindlich regeln. Das Nein aus Niedersachsen hält sie für ein schlechtes Signal, blickt aber gespannt auf die damals laufende Entwicklung in Nordrhein-Westfalen. Und sie skizziert ein ganzes Bündel künftiger Forschungsfragen: rekonstruktive Studien dazu, was Bewohner:innen und Pflegende in den Heimen tatsächlich erlebt haben, bis hin zu sauberen Todesursachenanalysen. Nur so lasse sich aus der Krise echtes Wissen für künftige Pandemien gewinnen – und der Praxis Sicherheit im Handeln zurückgeben. ## Zum Weiterhören - [ÜG149 – Pflegeforschung im akutklinischen Setting (ProfIn. DrIn. Gabriele Meyer, Prof. Dr. Sascha Köpke, Prof. Dr. Martin Müller)](https://www.uebergabe.de/ug149/) - [ÜG054 – Soziale Teilhabe in Altenpflegeheimen unter Covid-19 in S1-Leitlinie und Survey-Studie (Prof. Dr. Margareta Halek)](https://www.uebergabe.de/ug054/) - [ÜG055 – Living Lab (Prof. Dr. Jan Hamers, Dr. Silke Metzelthin & Ramona Backhaus, PhD)](https://www.uebergabe.de/ug055/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes - [Portrait Prof. Dr. Gabriele Meyer](https://www.medizin.uni-halle.de/portraets/prof-dr-gabriele-meyer?ref=uebergabe.de) (medizin.uni-halle.de) - [Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft](https://www.medizin.uni-halle.de/einrichtungen/institute/gesundheits-und-pflegewissenschaft?ref=uebergabe.de) (medizin.uni-halle.de) - [Zwischenbilanz nach der ersten Welle der Corona-Krise 2020 - Richtungspapier zu mittel- und langfristigen Lehren](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/files/user%5Fupload/vv%5Frichtungspapier-corona.pdf) (bertelsmann-stiftung.de) - [Sachverständigenrat](https://www.svr-gesundheit.de/ratsmitglieder/gabriele-meyer/?ref=uebergabe.de) (svr-gesundheit.de) - [European Academy of Nursing Science](https://european-academy-of-nursing-science.com/?ref=uebergabe.de) (european-academy-of-nursing-science.com) - [Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen](https://www.journals.elsevier.com/zeitschrift-fur-evidenz-fortbildung-und-qualitat-im-gesundheitswesen?ref=uebergabe.de) (journals.elsevier.com) - [Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V.](https://www.ebm-netzwerk.de/de?ref=uebergabe.de) (ebm-netzwerk.de) - [Pflege - Die wissenschaftliche Zeitschrift für Pflegeberufe](https://www.hogrefe.com/ch/zeitschrift/pflege?ref=uebergabe.de) (hogrefe.com) - [IMPRINT: Implementierung einer komplexen Intervention zur Vermeidung von freiheitseinschränkenden Maßnahmen in Alten- und Pflegeheimen](https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/imprint-implementierung-einer-komplexen-intervention-zur-vermeidung-von-4285.php?ref=uebergabe.de) (gesundheitsforschung-bmbf.de) - [Heilkundeübertragung: Modellvorhaben zur Übertragung ärztlicher Tätigkeiten an ausgebildete Pflegekräfte](https://www.g-ba.de/themen/qualitaetssicherung/weitere-bereiche/weitere-bereiche-heilkundeuebertragung/?ref=uebergabe.de) (g-ba.de) - [Einsatz akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen in der Praxis](https://www.uebergabe.de/content/files/de/pdf/presse/2015-05-29%5Fabschlussbericht.pdf) (vpuonline.de) ### Gewerkschaften in der Pflege (Michael Quetting) URL: https://www.uebergabe.de/ug064/ Last updated: 2026-06-13T21:14:58.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 13.03.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Geschichte der Pflege ist eng mit der Gewerkschafts- und Frauenbewegung verwoben. - Macht entsteht durch Mitglieder – der Organisationsgrad in der Pflege ist niedrig. - Streiks in der Pflege sind möglich, aber schwer zu organisieren. - Tarifverträge zur Entlastung sind seltene, hart erkämpfte Erfolge. - Gewerkschaft und Pflegekammer schließen sich nicht aus – der Ton aber trennt. Wenn du in der Pflege arbeitest, kennst du das Gefühl: zu wenig Zeit, zu wenig Personal, zu wenig Anerkennung. Aber warum ist das eigentlich so – und warum verändert sich so wenig daran? In einer Folge des Übergabe-Podcasts war [Michael Quetting, Pflegebeauftragter im Südwesten](https://gesundheit-soziales.verdi.de/themen/mehr-personal/++co++7617e20c-7186-11e9-98ae-525400423e78?ref=uebergabe.de), zu Gast. Er ist gelernter Krankenpfleger, war Stationsleiter, medizinischer Prozessmanager und arbeitet seit 2008 als Gewerkschaftssekretär. Im Gespräch erzählt er, wie eng die Geschichte der Pflege mit der Gewerkschaftsbewegung verwoben ist – und warum Verbesserungen am Ende immer eine Machtfrage sind. ## Von der Berufung zum Beruf: eine verschlungene Geschichte Um zu verstehen, warum die Pflege bei Löhnen und Arbeitszeiten lange hinter anderen Branchen herhinkte, lohnt ein Blick zurück. Anfang des letzten Jahrhunderts war Pflege kein moderner Beruf, sondern Liebesdienst. Die Mutterhausschwesternschaften vertraten ein „unberufliches“ Konzept: Man pflegte aus Berufung, nicht für Geld. Erst nach und nach bildeten sich freie Schwesternschaften, in denen Lohn bezahlt wurde – auch wenn das Leitbild des Dienens prägend blieb. 1928 entstand eine Schwesternschaft im Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter, eine Vorläuferin der späteren Gewerkschaft ÖTV. 1949 wurde der Bund Freier Schwestern gegründet – eine spannende, widersprüchliche Mischung aus Schwesternschaft und Gewerkschaft. Dieser Prozess fiel zusammen mit einer erwachenden Frauenbewegung und einem neuen Lebensentwurf der Frauen. Bemerkenswert: In den Bezirken der ÖTV war eine Kollegin gleichzeitig für die Schwesternschaft, für die Frauenarbeit und oft auch für die Bildungsarbeit zuständig. Allein diese bundesweite Vernetzung war damals ein Novum. Quetting betont, dass diese Entwicklung nicht geradlinig verlief. Erst 1968 durften überhaupt Männer dem Bund beitreten. Trotzdem wurden in dieser Phase wichtige Weichen gestellt: 1956 gelang mit der [Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände](https://www.vka.de/?ref=uebergabe.de) erstmals eine Arbeitszeitverkürzung in der Krankenpflege auf 54 Stunden. 1960 folgte ein Tarifvertrag für das dritte Ausbildungsjahr, und mit dem Krankenpflegegesetz 1965 wurde ein großer Schritt Richtung Professionalisierung getan. > *„Es ist eben nicht nur eine Geschichte der Gewerkschaften, sondern es ist eben auch eine Geschichte der Pflege.“ — Michael Quetting* Diese Verzahnung von Berufs-, Gewerkschafts- und Frauengeschichte erklärt vieles, was bis heute nachwirkt. Wer mehr über den feministischen Blick auf den Beruf erfahren möchte, findet in der Episode [Feminismus & Pflege](https://www.uebergabe.de/ug020/) spannende Anknüpfungspunkte. ## Warum der Vergleich mit der Industrie hinkt In der Industrie – etwa im Bergbau oder bei der IG Metall – verliefen Lohnkämpfe, Arbeitszeitverkürzungen und der Aufbau sozialer Rechte deutlich rasanter. Quetting nennt zwei Gründe. Erstens das kirchlich-christliche Erbe: Wer aus „Berufung“ dient, wer von Gott gerufen wurde, der ordnet sich willig einer strengen Hierarchie unter und schaltet seinen eigenen Kopf eher aus. Zweitens die Frauenfrage. Pflege galt als etwas, das „jede Frau“ könne, wenn sie nur lieb sei – ein Bild, das nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch viele Pflegende selbst verinnerlichten. Dazu kommt ein praktisches Problem: Ein Streik im Krankenhaus oder im Altenheim ist viel schwerer zu organisieren als in der Fabrik. Wenn im Bergbau der Gewerkschaftssekretär pfiff, gingen 60.000 Beschäftigte raus. In der Pflege kannst du die Patient:innen nicht einfach liegen lassen. Lange galt der Streik im Krankenhaus deshalb als Tabu – die Durchsetzung von Forderungen war auf die Solidarität anderer Kolleg:innen angewiesen. ## Care-Arbeit: das verkannte gesellschaftliche Thema Ein Strang des Gesprächs dreht sich um die Frage, warum die Pflege im Feminismus-Diskurs nicht stärker im Zentrum steht. Schließlich vereint sie vieles auf einen Schlag: ein Beruf, in dem überwiegend Frauen arbeiten, für vergleichsweise wenig Geld, viele Stunden – und an der Spitze sitzt häufig ein Mann. Quetting verweist auf die Debatte um Care-Arbeit, die in den vergangenen Jahren spürbar an Fahrt gewonnen hat, etwa über Care-Demonstrationen oder Aktionen am Internationalen Frauentag. > *„Wenn man die Care-Arbeit in der Summe sieht, ist das Ausdruck einer unverschämten Unterdrückung der Frau: Man wälzt das Problem der Versorgung einfach auf ein Geschlecht ab und bezahlt nicht dafür.“ — Michael Quetting* Das Problem werde, so Quetting, nicht gelöst, sondern verschoben – etwa indem ein großer Teil der häuslichen Versorgung alter Menschen von Pflegenden aus Osteuropa unter teils prekären Bedingungen getragen wird. ## Wie ver.di entstand – und wie eine Gewerkschaft funktioniert 2001 fusionierten fünf Einzelgewerkschaften – darunter die ÖTV und die Deutsche Angestelltengewerkschaft (DAG) – zu ver.di. Beide hatten zuvor Pflegende organisiert. Heute ist ver.di ein bunter Zusammenschluss mit rund zwei Millionen Mitgliedern, gegliedert in Fachbereiche. Die Pflege gehört zum Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen mit damals etwa 400.000 Mitgliedern. Wer die Wurzeln dieser Bewegung nachvollziehen will, findet bei der [Geschichte der Gewerkschaften](https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/?ref=uebergabe.de) und beim [Deutschen Gewerkschaftsbund](https://www.dgb.de/?ref=uebergabe.de) reichlich Material. Wichtig zu verstehen: ver.di ist eine Einheitsgewerkschaft, unabhängig von Arbeitgebern, Staat, Parteien und Religionsgemeinschaften. Sie organisiert nicht nur einen Beruf, sondern viele – vom Rettungsdienst bis zur Ärzteschaft. Und sie lebt vom Ehrenamt: Auf allen Ebenen entscheiden die Mitglieder mit. ## „Alles ist eine Machtfrage“ Auf die Frage, warum man überhaupt eintreten sollte, wird Quetting deutlich. Es gehe nicht darum, mit den besseren Argumenten zu überzeugen, sondern darum, sich durchzusetzen – und Macht bemisst sich daran, wie viele Mitglieder man in die Waagschale wirft. > *„Wenn du dich durchsetzen willst, musst du Macht ausüben. Und Macht macht sich unter anderem daran fest, wie viele Mitglieder du in die Waagschale wirfst.“ — Michael Quetting* Genau hier liegt das Problem: Der Organisationsgrad in der Pflege ist niedrig. In Rheinland-Pfalz und im Saarland zählte ver.di damals etwa 10.000 Pflegende – ein Organisationsgrad von rund 20 Prozent. In Krankenhäusern lässt sich dieser Wert erreichen, teils sogar deutlich übersteigen; in einem Haus, in dem Quetting selbst Sprecher war, lag er bei 80 Prozent. In der Altenpflege dagegen liegt er Studien zufolge bei nur etwa zehn Prozent. Mitglied wird man übrigens unkompliziert online – aber Quetting wünscht sich, dass Kolleg:innen direkt im Betrieb angesprochen werden. Das ist in der Pflege schwer: Kommunikation über Altenheime, ambulante Dienste und Schichten hinweg ist eine echte Herausforderung. Ein wichtiges Werkzeug bleibt dabei der Betriebsrat. Das [Betriebsverfassungsgesetz](https://www.gesetze-im-internet.de/betrvg/?ref=uebergabe.de) sieht ihn in Betrieben mit mehr als fünf Beschäftigten ausdrücklich vor – trotzdem fehlt er in vielen Pflegeeinrichtungen. Wer sich engagieren will, braucht Mut, denn nicht jede:r traut sich, den Kopf herauszustrecken. ## Streik in der Pflege – möglich, aber hart erkämpft Dass Pflege streiken kann, gilt heute als bewiesen – das war nicht immer so. Quetting beschreibt eine eigens entwickelte Streikstrategie für Krankenhäuser über Betten- und Stationsschließungen. 2017 streikte im Saarland das erste katholische Krankenhaus Deutschlands überhaupt – ein Tabubruch, an dessen Vorbereitung er anderthalb Jahre arbeitete. Gewonnen wurde der Tarifvertrag zwar nicht, aber bewiesen war: Man wird hinterher nicht erschossen. Konkrete Erfolge gibt es bei den sogenannten Entlastungstarifverträgen. Vorbild war die Charité, der Saarländische Kämpfe folgten. An der Uniklinik des Saarlandes wurden tariflich verbindliche Sollzahlen für das Personal je Schicht festgelegt – keine bloßen Untergrenzen, die ausgesetzt werden können. Arbeiten Teams trotzdem unterbesetzt, gibt es dafür freie Tage als Ausgleich. Bundesweit zählte ver.di damals 17 Häuser mit solchen oder ähnlichen Regelungen. Wie ein solcher Tarifvertrag im Detail funktioniert, beleuchtet die Episode [Der Tarifvertrag der Charité](https://www.uebergabe.de/ug085/), und wie Arbeitskämpfe aus Sicht der Streikenden erlebt werden, zeigt die Folge [Pflege streikt!](https://www.uebergabe.de/ug094/). ## Das System dahinter: Markt, wo kein Markt hingehört Warum ändert sich trotz aller Aktionen so wenig? Quetting bringt den Begriff Neoliberalismus ins Spiel. Wer als Exportnation auf dem Weltmarkt vorne sein will, senkt die sogenannten Lohnnebenkosten – und fährt die Daseinsvorsorge zurück. Mit der Einführung der DRGs und marktorientierter Steuerung wurde aus Gesundheit und Pflege ein Wettbewerbsfeld. Aus den „Halbgöttern in Weiß“ wurden Beschäftigte, die nicht mehr die Prozesse steuern – das übernimmt der Ökonom. Besonders kritisch sieht er Renditen, die mit Geldern aus den Sozialversicherungen erwirtschaftet und an Aktionäre ausgeschüttet werden. Quetting plädiert hier für ein Gewinnverbot. Und er macht an einem Beispiel deutlich, wie selbstverständlich Arbeitsschutz ignoriert wird: Bei einer Prüfung des Dienstplans einer Intensivstation fanden sich binnen zwei Monaten fast 300 Verstöße – Bußgelder, die im Krankenhaus aber praktisch nie eingetrieben werden. > *„Das System ist darauf ausgebaut, dass ich wenig Personal habe und prekäre Arbeitsverhältnisse schaffe. Wenn ich das nicht will, müssen wir das System ändern.“ — Michael Quetting* Was würde schnell helfen? Quetting nennt zwei Schrauben: eine deutlich bessere Bezahlung und endlich Arbeitsbedingungen, unter denen man richtig pflegen kann. Sein Mindestanspruch klingt fast bescheiden – dass die Arbeitszeit- und Arbeitsschutzgesetze, die für alle gelten, eben auch für Pflegende gelten. Den Stress, abends nach Hause zu gehen und zu wissen, dass man nicht so pflegen konnte, wie es richtig wäre, hält er für eines der schlimmsten Probleme des Berufs. ## Gewerkschaft und Pflegekammer: ein Streit über den Ton Den intensivsten Schlagabtausch der Folge liefert das Verhältnis von ver.di zur Pflegekammer. Die Beschlusslage der Gewerkschaft ist klar: Sie spricht sich gegen die Einrichtung von Pflegekammern aus – arbeitet dort, wo sie existieren, aber konstruktiv mit. Quetting kandidiert selbst, sein Motto: „ver.di räumt die Kammer auf.“ Er kritisiert vor allem fehlende Transparenz und eine Berufsordnung, die den Druck auf die Beschäftigten erhöhe, während Arbeitgeber außen vor blieben. Außerdem stört ihn die Pflichtmitgliedschaft – das Prinzip der Freiwilligkeit ist ihm wichtig. Die Übergabe-Crew hält dagegen: Warum schließt das eine das andere aus? Eine Kammer übernimmt Aufgaben – Berufsordnung, Fortbildungsregelung, fachlich-qualitative Arbeit –, die weder Politik noch Arbeitgeberverbände wie der [Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste](https://www.bpa.de/?ref=uebergabe.de) oder der [Arbeitgeberverband Pflege](https://arbeitgeberverband-pflege.de/?ref=uebergabe.de) noch die Gewerkschaft bislang erledigt haben. Tarif und Gehalt bleiben dagegen Sache der Gewerkschaft. Die beiden Instrumente müssten sich also ergänzen, nicht bekämpfen. Am Ende findet man zueinander: Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um die Art und Weise. Quetting respektiert die Hoffnung vieler Pflegender auf Aufwertung und Selbstbestimmung – fürchtet aber, dass diese Hoffnung enttäuscht wird. Sein Appell: das gemeinsame Ziel in den Blick nehmen, die Berufsgruppe nicht spalten und die starke Organisation ver.di als Werkzeug nutzen. Wer tiefer in die Kammerdebatte einsteigen will, findet in der Episode [Gehalt der Pflege und die Rolle der Kammern](https://www.uebergabe.de/ug041/) mit dem Präsidenten der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz eine weitere Perspektive. ## Zum Weiterhören - [ÜG094 – Pflege streikt! (Paula Klaan)](https://www.uebergabe.de/ug094/) - [ÜG085 – Der Tarifvertrag der Charité (Carla Eysel & Dana Lützkendorf)](https://www.uebergabe.de/ug085/) - [ÜG020 – Feminismus & Pflege](https://www.uebergabe.de/ug020/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes - [Pflegebeauftragter im Südwesten, Michael Quetting](https://gesundheit-soziales.verdi.de/themen/mehr-personal/++co++7617e20c-7186-11e9-98ae-525400423e78?ref=uebergabe.de) (gesundheit-soziales.verdi.de) - [KTQ](https://www.ktq.de/?ref=uebergabe.de) (ktq.de) - [Geschichte der Gewerkschaften](https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/?ref=uebergabe.de) (gewerkschaftsgeschichte.de) - [Gründung „Bund freier Schwestern“ in der ÖTV](https://fh-muenster.de/gesundheit/forschung/pflege-zeitzeichen/pflegeHaupt.php?ID=271&ref=uebergabe.de) (fh-muenster.de) - [Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände](https://www.vka.de/?ref=uebergabe.de) (vka.de) - [Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr ](https://de.wikipedia.org/wiki/Gewerkschaft%5F%C3%96ffentliche%5FDienste,%5FTransport%5Fund%5FVerkehr?ref=uebergabe.de)(wikipedia.org) - [Deutscher Gewerkschaftsbund](https://www.dgb.de/?ref=uebergabe.de) (dgb.de) - [Feminismus in der Pflege](https://uebergabe.de/podcast/ug019?ref=uebergabe.de) (uebergabe.de) - [Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V.](https://www.bpa.de/?ref=uebergabe.de) (bpa.de) - [Arbeitgeberverband Pflege e.V.](https://arbeitgeberverband-pflege.de/?ref=uebergabe.de) (arbeitgeberverband-pflege.de) - [Betriebsverfassungsgesetz](https://www.gesetze-im-internet.de/betrvg/?ref=uebergabe.de) (Gesetze-im-internet.de) - [Podcast-Apps ](https://lagedernation.org/apps/?ref=uebergabe.de)(lagedernation.org) - [Pflege-Examenstrainer 3.0 ](https://theorie-pruefung.eu/pflege-examenstrainer/?ref=uebergabe.de)(theorie-pruefung.eu) #### Weitere Shownotes #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ### Buurtzorg als Organisationsmodell der ambulanten Pflege (Johannes Technau) URL: https://www.uebergabe.de/ug063/ Last updated: 2026-06-17T08:43:02.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 27.02.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Buurtzorg trennt die wirtschaftliche von der pflegefachlichen Verantwortung. - Selbstorganisierte Teams entscheiden gemeinsam mit Patient:innen über die Pflege. - Pflege als Hilfe zur Selbsthilfe spart in den Niederlanden rund 30 % der Stunden. - Das deutsche Vergütungssystem bremst die Umsetzung bislang aus. - Qualität statt Quantität – das Personalproblem folgt dem Qualitätsproblem. Stell dir vor, du fährst morgens zu deiner ersten Patientin – und niemand schreibt dir vor, wie viele Minuten du dort verbringen darfst. Gemeinsam mit ihr entscheidest du, was heute wirklich wichtig ist. Klingt utopisch? In den Niederlanden ist genau das längst Alltag. Und auch in Deutschland gibt es ein Unternehmen, das diesen Weg geht. Im Übergabe-Podcast haben Eva und Christian Johannes Technau getroffen, Geschäftsführer von Buurtzorg Deutschland, und mit ihm über ein Pflegemodell gesprochen, das vieles auf den Kopf stellt, was aus der ambulanten Versorgung bekannt ist. ## Nachbarschaftspflege, die aus Unzufriedenheit geboren wurde Buurtzorg ist das niederländische Wort für Quartiers- oder Nachbarschaftspflege. „Buurt" steht für die Nachbarschaft, „zorg" für die Pflege. Gegründet wurde das Unternehmen [2007 in den Niederlanden](https://www.buurtzorg.com/?ref=uebergabe.de) von Jos de Block und einer Handvoll Mitstreiter:innen. Die Ausgangslage war damals gar nicht so weit von der deutschen entfernt: Auch in den Niederlanden hatte sich aus einer ursprünglich kirchlich-kommunalen Gemeindepflege ein privatisiertes, durchökonomisiertes System entwickelt – mit Produktkatalogen, Callcentern und maximaler Effizienzsteigerung. Das Ergebnis war eine breite Unzufriedenheit, bei Patient:innen, Angehörigen und Pflegenden gleichermaßen. Jos de Block, selbst Pfleger, wollte dem etwas entgegensetzen. Seine Idee: Nicht fragen, wie sich mit Pflege möglichst viel Geld verdienen lässt, sondern was Patient:innen und Pflegefachpersonen tatsächlich brauchen. Aus dieser Haltung wuchs ein Unternehmen, das Jahr für Jahr rund tausend Pflegekräfte aufnahm – und innerhalb von zehn Jahren auf 10.000 anstieg. Zum Zeitpunkt der Aufnahme waren es bereits 15.000\. Das Spannende daran: Buurtzorg blieb kein nettes Nischenprojekt, sondern veränderte das gesamte niederländische Pflegesystem. Heute arbeiten dort fast alle ambulanten Dienste nach ähnlichen Prinzipien. Ein [Überblick über das Buurtzorg-Modell](https://pflege-dschungel.de/buurtzorg/?ref=uebergabe.de) zeigt schnell, wie tief dieser Wandel reicht. ## Wenn Pflege und Wirtschaftlichkeit zwei Paar Schuhe sind Das Herzstück des Modells lässt sich auf einen Satz bringen: Die wirtschaftliche Verantwortung wird von der pflegerischen Verantwortung entkoppelt. In einem klassischen Dienst ist die Pflegedienstleitung häufig beides zugleich – fachlich verantwortlich und dafür zuständig, dass die Touren wirtschaftlich geplant werden. Daraus entstehen jene Vorgaben, die alle kennen: maximal 15 Minuten bei Frau Müller, dann noch eben zehn Minuten Medikamente stellen. Genau diese ökonomische Einflussgröße nimmt Buurtzorg aus der Tour heraus. Was zählt, ist die fachliche Einschätzung der Person, die täglich vor Ort ist. > *„Die Pflegekraft, die jeden Tag beim Patienten ist, ist doch diejenige, die am besten weiß, was für den Patienten gut ist – und die jeden Tag aufs Neue aushandeln kann, was heute wichtig ist." — Johannes Technau* Dieses Vertrauen ist kein Selbstzweck. Es ist das Vehikel für eine andere Art der Pflege. Den Teams wird weitgehende Freiheit gelassen, sich selbst zu organisieren – ein Ansatz, der sowohl in der New-Work-Bubble als auch in der Pflegeszene auf großes Interesse stößt. Gleichzeitig betont Technau, dass auch Buurtzorg marktwirtschaftlichen Erfordernissen unterliegt: Mieten, Autos und Gehälter müssen finanziert werden. Der Träger ist gemeinnützig, es geht nicht um Gewinn, aber die schwarze Null muss am Ende stehen. Die Aufgabe des kleinen Backoffice ist es deshalb, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit bei den Patient:innen überhaupt Zeit verbracht werden darf. ## Hilfe zur Selbsthilfe – und warum das Gesetz längst auf unserer Seite ist Der inhaltliche Kern steht erstaunlicherweise bereits im deutschen Gesetz. Im [zweiten Paragrafen des SGB XI](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F11/%5F%5F2.html?ref=uebergabe.de) ist festgehalten, dass alle Pflegeleistungen darauf auszurichten sind, die Autonomie und Selbstständigkeit der pflegebedürftigen Menschen zu stärken oder zu erhalten. Nichts anderes verfolgt Buurtzorg: Pflege wird nicht um der Pflege willen geleistet, sondern als Hilfe zur Selbsthilfe verstanden. Die Menschen sollen wieder in die Lage versetzt werden, ihren Alltag selbst zu gestalten. Genau hier liegt aus Technaus Sicht der Konstruktionsfehler des deutschen Systems: Belohnt wird, wer möglichst lange möglichst viele Leistungen erbringt – nicht, wer Menschen wieder in die Selbstständigkeit entlässt. > *„In Deutschland kann man die Entscheidung fällen: Ich halte mich ans Gesetz und verdiene kein Geld – oder ich halte mich ans Geld und nicht ans Gesetz." — Johannes Technau* Ein zentrales Werkzeug für diese ganzheitliche Sichtweise ist das [Omaha System](http://www.omahasystem.org/?ref=uebergabe.de) als Dokumentations- und Planungsgrundlage. Statt einzelne Verrichtungen abzuhaken, geht es darum, soziale wie medizinische Bedarfe in den Blick zu nehmen. Und genauso wichtig: das Nahumfeld. Buurtzorg geht davon aus, dass Familie und enge Freunde der erste und wichtigste Anknüpfungspunkt für den Alltag sind. Dafür braucht es eine Pflegefachperson, die nahbar ist, ansprechbar bleibt und sich auch dafür interessiert, wie es in der vergangenen Woche lief – statt rein-, raus- und wieder weg zu sein. ## Minutenpflege – aber neu gedacht Vergütet wird bei Buurtzorg nach Zeit. Das klingt zunächst nach der vielgescholtenen „Minutenpflege", die in der Presse oft für hart getaktete, lieblose Versorgung steht. Tatsächlich ist das Gegenteil gemeint. Eine Zeitvergütung ist transparenter und planbarer als das Multiplizieren von Punktwerten – und vor allem unterstützt sie den Aushandlungsprozess zwischen Pflegefachperson und Patient:in. Christian schildert aus einem Forschungsprojekt zur Personalbemessung ein anschauliches Beispiel: Eine pflegebedürftige Frau hatte sich bereits selbst geduscht, als die Pflegekraft eintraf – also fuhr man für sie zum Markt, weil sie nachmittags Besuch erwartete. Diese Freiheit eröffnet die Zeitvergütung. In den Niederlanden ist die Logik dabei deutlich einfacher als hierzulande: Die Pflegekraft plant gemeinsam mit der Klientin oder dem Klienten, vergütet wird die tatsächlich verbrachte Zeit zu einem festen Stundensatz – ohne aufwendige Verordnungsprozesse. Dadurch entsteht weniger Bürokratie, weniger Betrugsmöglichkeit und ein erstaunlich schlanker Verwaltungsapparat: 15.000 Pflegende, aber nur rund 50 Personen in der Verwaltung. Und der vielleicht überraschendste Effekt: Studien belegen, dass durch diesen Ansatz rund 30 Prozent der Stunden pro Patient:in eingespart werden. ## Das Verständnis muss erst wieder herauswachsen Wie aber gelingt es, Pflegende für diese Art zu arbeiten zu gewinnen? Schließlich wurden viele über Jahre genau in das verrichtungsbezogene Denken hineinsozialisiert. Technau formuliert es zugespitzt: Pflegefachpersonen seien nicht in den Beruf gegangen, um Kataloge abzuarbeiten – das sei ihnen über zwei Jahrzehnte regelrecht antrainiert worden. Bei Buurtzorg entscheiden die Teams selbst, mit wem sie zusammenarbeiten. Ein klassisches Auswahlverfahren gibt es nicht. Stattdessen begleiten Coaches die Teams, geben Schulungen und unterstützen dabei, Pflege wieder anders zu denken. Drei bis sechs Monate dauert dieser Wandel im Schnitt – und er gelingt jüngeren Kolleg:innen oft schneller, weil bei ihnen der Idealismus noch nicht ausgebrannt ist. Spannend ist die Debatte um die Akademisierung, die im Gespräch aufkommt. In den Niederlanden sind rund 40 Prozent der dort arbeitenden Pflegenden auf Bachelor-Niveau ausgebildet. Christian, selbst gelernter Altenpfleger und später Studierender, beschreibt, wie sehr das Studium seinen Blick verändert hat – plötzlich stellte er Dinge infrage, die er zuvor als selbstverständlichen Alltag hingenommen hatte. Doch die ernüchternde Realität: Mit den Sätzen, die die Pflegekasse zahlt, lässt sich kaum eine angemessene Vergütung für studierte Pflegefachpersonen finanzieren. ## Qualität zuerst – das Personalproblem folgt Die Debatte schwenkt unweigerlich zur großen Politik. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war das Förderprogramm für tausende zusätzliche [Stellen für Pflegehilfskräfte](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/versorgungsverbesserungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) ein viel diskutiertes Thema. Für Technau und seine Gesprächspartner:innen greift das jedoch zu kurz: Mehr Assistenzkräfte verändern nicht das Pflegeverständnis, sie tragen lediglich das bestehende System weiter. Die eigentliche Stellschraube liege woanders. > *„Das Quantitätsproblem ist eine Folge des Qualitätsproblems. Die Qualität müssen wir anfassen, dann funktioniert auch die andere Seite wieder." — Johannes Technau* Wenn Pflegende das Gefühl haben, ihre fachliche Einschätzung zähle nichts und über ihre Arbeitszeiten werde Sonntagabend kurz vor dem Tatort per Telefonanruf entschieden, dann ist die Konsequenz nachvollziehbar: Viele suchen sich Arbeitsplätze, an denen sie besser verdienen und mehr Mitspracherecht haben. Genau diese Diskrepanz will Buurtzorg auflösen. Und auch in der Frage der Selbstvertretung wird Technau deutlich – mit Blick auf die mancherorts zögerliche Haltung gegenüber Pflegekammern mahnt er, dass die Pflege ihre Strukturen selbst gestalten müsse, sonst entschieden weiterhin andere über sie. ## Reden ist Pflege – die unterschätzte Kraft des Smalltalks Dass selbst zwischen Deutschland und den Niederlanden kulturelle Unterschiede überraschend stark wirken, zeigt Technau an einem alltäglichen Beispiel: dem Smalltalk. Niederländische Pflegende reden während ihrer Touren viel mehr über Familie, Wochenende und Urlaub – und erfahren dadurch fast nebenbei, wie es um ihre Patient:innen und deren Angehörige wirklich steht. In Deutschland muss man sich dieses Wissen oft mühsam erarbeiten, mancherorts mithilfe standardisierter Fragebögen, die im schlechtesten Fall alte Wunden wieder aufreißen. > *„Die Pflegekräfte sind nicht zum Kaffeetrinken da – aber Kaffeetrinken hat ja nicht den Wert, Kaffee zu trinken, sondern den Wert, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und herauszufinden, wo eigentlich der Schmerz liegt." — Johannes Technau* Diese Lebenswelt-Perspektive ist kein Luxus, sondern fachliche Voraussetzung. Wer merkt, dass ein Mensch isoliert ist oder unter einer Depression leidet, kann gezielt gegensteuern, das soziale Umfeld aktivieren und so überhaupt erst die Grundlage für Selbstständigkeit schaffen. Das lässt sich in keinem Verrichtungskatalog abbilden und nicht vom Schreibtisch aus planen – es entsteht nur dort, wo Pflegende Zeit und Vertrauen haben. ## Ein Modell, das das System zum Nachdenken bringt Zum Zeitpunkt der Aufnahme bestand Buurtzorg Deutschland aus rund zehn Teams mit etwa 80 bis 100 Pflegenden, verteilt über mehrere Bundesländer. Finanziert wird der Großteil über die klassischen Kostenträger nach SGB V und SGB XI, das verbleibende Defizit über private Investoren. Die größte Hürde bleibt das deutsche Vergütungs- und Verwaltungssystem mit seinen föderalen Eigenheiten. Dass einzelne Kassen Ausnahmen zulassen können, ohne sie sofort für alle gelten lassen zu müssen, wurde über ein Modellprojekt möglich gemacht. Dessen wissenschaftliche Begleitung übernahmen die Hochschule Osnabrück und die FH Münster, finanziert vom GKV-Spitzenverband. Die [Evaluation dieses Modellprojekts](https://www.hs-osnabrueck.de/nachrichten/2020/02/nachbarschaftshilfe-buurtzorg-ein-ausweg-aus-dem-pflegenotstand/?ref=uebergabe.de) sollte Ende 2022 abgeschlossen sein und untersucht sowohl die Arbeitszufriedenheit der Pflegenden als auch die Pflegequalität in den Haushalten – im Vergleich zu herkömmlichen Diensten. Ob Buurtzorg das deutsche System verändern wird, lässt Technau offen. Aber eines hat das Modell aus seiner Sicht bereits erreicht: Es bringt alle Beteiligten dazu, noch einmal grundsätzlich darüber nachzudenken, wie sich Pflege organisieren lässt – und welchen Wert eine Gesellschaft den Schwächsten beimisst. Bewegt man sich, wie er betont, im Rahmen des Gesetzes, dann bleibt am Ende vor allem eine Frage: Schaffen wir es, eine menschenfreundliche Pflege auch verlässlich zu finanzieren? ## Zum Weiterhören - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG014 – Strukturen der ambulanten Pflege & Langzeitpflege - (K. Schulz-Asche)](https://www.uebergabe.de/ug014/) - [ÜG148 – Wundmanagement in der ambulanten Pflege](https://www.uebergabe.de/ug148/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes - [Buurtzorg Netherlands](https://www.buurtzorg.com/?ref=uebergabe.de) (www.buurtzorg.com) - [Buurtzorg-Modell im Überblick](https://pflege-dschungel.de/buurtzorg/?ref=uebergabe.de) (pflege-dschungel.de) - [Omaha Classification System](http://www.omahasystem.org/?ref=uebergabe.de) (www.omahasystem.org) - [Gesetz zur Selbstbestimmung - SGB XI § 2 ](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F11/%5F%5F2.html?ref=uebergabe.de)(www.gesetze-im-internet.de) - [20.000 zusätzliche Stellen für Pflegehilfskräfte in der Altenpflege - Gesundheitsversorgungs- und Pflegeverbesserungsgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/versorgungsverbesserungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) (GPVG) (www.bundesgesundheitsministerium.de) - [Wem helfen die Hilfskräfte? – Anhörung zum Entwurf des Gesundheitsversorgungs- und Pflegeverbesserungsgesetzes](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Wem-helfen-die-Hilfskraefte-Anhoerung-zum-Entwurf-des-Gesundheitsversorgungs-und-Pflegeverbesserungsgesetzes.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Evaluation eines Modellprojekts zur Umsetzung des niederländischen buurtzorg-Modells in ](https://www.hs-osnabrueck.de/nachrichten/2020/02/nachbarschaftshilfe-buurtzorg-ein-ausweg-aus-dem-pflegenotstand/?ref=uebergabe.de)[Deutschland ](https://gkv-spitzenverband.de/pflegeversicherung/forschung/modellprojekte/pflege%5Flaufende%5Fprojekte%5F8/buurtzorg.jsp?ref=uebergabe.de)(www.gkv-spitzenverband.de) - [App Examenstrainer fürAuszubildende in der Pflege](https://theorie-pruefung.eu/pflege-examenstrainer/?ref=uebergabe.de) (www.theorie-pruefung.eu) ### Corona-Impfung im Fokus der Pflege (Prof. Dr. Sabine Wicker) URL: https://www.uebergabe.de/ug062/ Last updated: 2026-06-17T19:43:32.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 13.02.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Corona-Impfstoffe durchliefen alle Sicherheitsphasen – nur parallel statt nacheinander. - Pflegefachpersonen sind Vorbild und Multiplikator für die Impfentscheidung der Bevölkerung. - mRNA- und Vektorimpfstoffe verändern das menschliche Erbgut nicht. - Die Impfstoffe verhindern sicher schwere Verläufe und Todesfälle. - Ohne hohe Impfquoten und globale Solidarität endet die Pandemie nicht. Anfang 2021, mitten in der Pandemie: Endlich gibt es Impfstoffe gegen das Coronavirus – und damit jede Menge Fragen. Wie kann ein Impfstoff so schnell entwickelt werden? Was steckt eigentlich in den verschiedenen Präparaten? Und welche Rolle spielen ausgerechnet Pflegefachpersonen dabei, ob diese Pandemie zu Ende geht? Über all das hat das Übergabe-Team mit Prof. Dr. Sabine Wicker gesprochen. Sie ist Fachärztin für Arbeitsmedizin, leitet den betriebsärztlichen Dienst am Universitätsklinikum Frankfurt und ist stellvertretende Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut. Eine bessere Gesprächspartnerin lässt sich für dieses Thema kaum finden. ## Wer entscheidet eigentlich, gegen was wir uns impfen? Die STIKO ist eine ehrenamtliche Kommission mit zwölf bis achtzehn Mitgliedern aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen – Kinderheilkunde, Gynäkologie, Mikrobiologie, Epidemiologie, Allgemeinmedizin und eben Arbeitsmedizin. Berufen wird man vom Bundesministerium für Gesundheit, jeweils für drei Jahre. Sabine Wicker ist seit 2011 dabei. Ihre Aufgabe: auf Grundlage wissenschaftlicher Daten Empfehlungen für die Bevölkerung auszusprechen. Dazu sichtet die Kommission Studien, führt Meta-Analysen durch und unterscheidet zwischen Standardimpfungen, Indikations-, Reise-, Auffrischungs- und beruflich indizierten Impfungen. Für die Corona-Impfung hat die STIKO bereits im Frühsommer 2020 eine eigene Arbeitsgruppe gebildet. Seitdem tauscht sich das Gremium in regelmäßigen Videokonferenzen aus und arbeitet sich durch Zulassungsdaten, die jeweils mehrere tausend Seiten umfassen. Unterstützt wird die ehrenamtliche Arbeit von einer Geschäftsstelle am Robert-Koch-Institut. Wichtig zu wissen: Die Kommission hat keinen direkten Kontakt zu den Pharmaherstellern, sondern bewertet ausschließlich die vorliegenden Studiendaten – etwa die im New England Journal of Medicine und im Lancet veröffentlichten Zulassungsstudien sowie die Daten von Paul-Ehrlich-Institut und Europäischer Arzneimittelagentur (EMA). ## Warum die Pflege im Zentrum steht Dass Pflegefachpersonen bei der Impfung eine herausgehobene Rolle spielen, hat gleich mehrere Gründe. Zum einen haben sie ein erhöhtes, arbeitsbedingtes Infektionsrisiko. Im Januar 2021 hatte das Robert-Koch-Institut eindrucksvolle Zahlen veröffentlicht: Täglich infizierten sich damals mehr als 1.000 Beschäftigte im Gesundheitswesen mit SARS-CoV-2 – über 30.000 in nur einem Monat. Im Verlauf der Pandemie waren in Deutschland bis dahin knapp 200 Todesfälle beim medizinischen Personal zu verzeichnen, und aus Portugal kamen Meldungen, dass sich [rund 70 Prozent des Spital-Personals bereits infiziert hätten](https://www.nau.ch/news/europa/coronavirus-70-prozent-des-spital-personals-in-portugal-infiziert-65862787?ref=uebergabe.de). Zum anderen sind Pflegefachpersonen Vorbild und Multiplikator. Studien zeigen klar: Die Impfentscheidung der Bevölkerung hängt stark vom Rat der betreuenden Ärzt:innen und Pflegefachpersonen ab. > *„Ich sage immer: Wenn man für sich selbst keine Impfindikation sieht, dann wird man das vermutlich auch nicht den betreuten Patienten* empfehlen.“ — Prof. Dr. Sabine Wicker Wicker betont aber auch eine wichtige Unterscheidung, die in den Statistiken oft untergeht: Nicht jede Infektion beim medizinischen Personal ist berufsbedingt. Pflegefachpersonen stecken sich in einer Pandemie genauso im Privatleben an wie alle anderen. Für die Frage der Übertragbarkeit am Arbeitsplatz spielt die Herkunft der Infektion allerdings keine Rolle – wer infektiös ist, ist infektiös. Besonders tückisch: Etwa 20 Prozent der Infizierten zeigen gar keine Symptome, und die höchste Ansteckungsfähigkeit besteht kurz bevor überhaupt Beschwerden auftreten. ## Der unterschätzte Risikobereich: die gemeinsame Pause Im direkten Kontakt mit Patient:innen und Bewohner:innen wird konsequent auf Infektionsschutz geachtet – Mund-Nasen-Schutz auf beiden Seiten bietet, sofern medizinisch möglich, ein hohes Schutzniveau. Zum kritischen Punkt werden eher die gemeinsamen Pausen: Wer zusammen isst, trinkt und sich austauscht, legt die Maske ab. Genau dort passieren viele Übertragungen. Das gemeinsame Mittagessen oder der Kaffee in der Runde fällt damit weg – ein Verlust an sozialem Miteinander, der den Arbeitsalltag spürbar härter macht. Wird eine Pflegefachperson positiv getestet, läuft ein klar strukturierter Prozess an: Zuerst wird die infizierte Person informiert und stellt ihre Tätigkeit ein. Dann werden gemeinsam die Kontakte der vergangenen zwei Tage vor Symptombeginn ermittelt und nach den RKI-Kategorien eingeordnet. Trugen alle Beteiligten einen Mund-Nasen-Schutz, handelt es sich um einen Kategorie-3-Kontakt – dann wird nur bei Symptomen getestet. Ein enger Kontakt ohne Schutz (Kategorie 1) ist dagegen quarantänepflichtig. Parallel erfolgt die Meldung an das Gesundheitsamt, das Isolation und Quarantäne anordnet. ## In Rekordzeit – und trotzdem gründlich Wie kann ein Impfstoff in nur einem Jahr entstehen, wenn das sonst fünf, zehn oder fünfzehn Jahre dauert? Wicker erklärt den üblichen Ablauf: Nach der Analyse des Virus und Versuchen in Zellkultur und Tiermodell folgen die Studien am Menschen. In Phase 1 geht es mit wenigen Proband:innen um Verträglichkeit, Sicherheit und Dosierung. Phase 2 weitet das auf einige hundert Personen aus. In Phase 3 schließlich nehmen mehrere zehntausend Menschen teil – bei BioNTech waren es über 40.000\. Die Hälfte erhielt den Impfstoff, die andere ein Placebo, danach wurde verglichen, wie viele sich in jeder Gruppe ansteckten. Daraus ergibt sich die Wirksamkeit. Der entscheidende Unterschied bei den Corona-Impfstoffen: Mit enormem finanziellen und personellen Aufwand ließ man die Phasen parallel laufen, statt sie nacheinander abzuarbeiten. Übersprungen wurde dabei nichts. > *„Es wurden aber alle Phasen, alle Sicherheitsphasen, alle Studien gemacht – weil manche nichts anderes mehr gemacht haben, als nur noch daran* zu arbeiten.“ — Prof. Dr. Sabine Wicker Eine berechtigte Frage aus dem Podcast: Wie funktioniert eine Phase-3-Studie überhaupt, wenn man die Teilnehmenden ja nicht absichtlich dem Virus aussetzt? Solche bewussten Ansteckungen – sogenannte [Challenge-Studien](https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/fact-sheet/details/news/kontrollierte-infektion-in-challenge-studien-bei-covid-19-einsatz-und-ethik/?ref=uebergabe.de) – sind bei einer potenziell tödlich verlaufenden Erkrankung mit möglichen Langzeitfolgen ethisch heikel. Stattdessen leben die Proband:innen ihren Alltag normal weiter, und über ausreichend große, randomisierte Gruppen lässt sich die Wirksamkeit zuverlässig berechnen. Wer in den Studien das Placebo erhalten hatte, wurde übrigens nachträglich geimpft – alles andere wäre unfair gewesen. ## mRNA, Vektor und Co. – was die Impfstoffe unterscheidet Zum Zeitpunkt der Aufnahme waren in Deutschland drei Impfstoffe zugelassen: die beiden mRNA-Impfstoffe Comirnaty von BioNTech und das Präparat von Moderna sowie der Vektorimpfstoff von AstraZeneca. Der Impfstoff von Johnson & Johnson stand kurz vor der Zulassung. Bei den **mRNA-Impfstoffen** enthält die Boten-RNA die genetische Information für das sogenannte Spike-Protein – also jenen Teil des Virus, mit dem es in die Zellen eindringt. Der Körper stellt dieses Eiweiß selbst her, das Immunsystem erkennt es und bildet Antikörper. Ein zentraler Punkt, der viele Menschen beschäftigt: Eine Integration ins menschliche Erbgut findet nicht statt. Die DNA liegt im Zellkern, die Ribosomen arbeiten außerhalb, und die mRNA hat eine völlig andere Struktur. Die Impf-RNA ist zudem so fragil, dass sie binnen weniger Tage wieder abgebaut wird. Die **Vektorimpfstoffe** – etwa von AstraZeneca, Johnson & Johnson oder das russische Präparat Sputnik V – nutzen harmlose, in der Regel nicht krankmachende Viren als Transporter. Diese werden gentechnisch so verändert, dass sie die Bauanleitung für das Spike-Protein mitbringen. Der Mechanismus dahinter ähnelt dem der mRNA-Impfstoffe. Darüber hinaus gibt es weltweit fast 250 Impfstoffprojekte, darunter inaktivierte Impfstoffe (etwa die chinesischen Präparate von Sinovac und Sinopharm) sowie proteinbasierte Totimpfstoffe – beide zum Aufnahmezeitpunkt in Deutschland noch nicht zugelassen. ## Was die Impfung kann – und was noch offen war Eine der spannendsten Fragen: Verhindern die Impfstoffe nur schwere Verläufe oder auch die Weitergabe des Virus? Wicker war hier ehrlich. Gesichert sei zum damaligen Zeitpunkt, dass die zugelassenen Impfstoffe schwere Erkrankungen und Todesfälle verhindern. Ob Geimpfte das Virus noch weitergeben können, ließ sich mit den vorliegenden Daten noch nicht abschließend beantworten – auch wenn es Hinweise auf eine verringerte Übertragbarkeit gab. Biologisch hielt sie eine relevante Weitergabe ohne eigene Erkrankung ohnehin für wenig plausibel. Gerade für die Impfung von Pflegefachpersonen ist diese Frage zentral: Es geht nicht nur um den eigenen Schutz, sondern auch um den der betreuten Menschen. Auch zur Dauer des Impfschutzes gab es damals noch keine endgültigen Daten – Wicker hielt eine regelmäßige Auffrischung ähnlich wie bei der Grippeimpfung für wahrscheinlich. Mit Sorge blickte sie auf die Virusvarianten aus Großbritannien und Südafrika und plädierte deshalb klar gegen halb-immunisierte Bevölkerungsteile, die das Entstehen weiterer Mutationen begünstigen könnten. ## Nebenwirkungen, Langzeitschäden und die SafeVac-App Wer „Langzeitschäden" befürchtet, denkt oft an Folgen, die erst nach Jahren auftreten. Wicker stellte klar: Langzeitwirkungen von Impfstoffen zeigen sich in der Regel wenige Wochen nach der Impfung – genau darauf ist das Nachbeobachtungsintervall ausgelegt. Die häufigsten Reaktionen sind lokale Beschwerden wie Schmerzen, Schwellung und Rötung an der Einstichstelle, dazu Kopfschmerzen, Glieder- und Muskelschmerzen sowie Fieber, vor allem nach der zweiten mRNA-Dosis. Meist klingt das innerhalb von ein bis zwei Tagen wieder ab. > *„Ich impfe ja nicht wegen den Nebenwirkungen, sondern ich impfe wegen den* Wirkungen der Impfung.“ — Prof. Dr. Sabine Wicker Echte Gegenanzeigen sind selten – etwa eine relevante Allergie gegen Impfstoffbestandteile. Für Schwangere und immunsupprimierte Menschen fehlten damals belastbare Daten, eine Impfung war aber im Einzelfall bei strenger Indikationsstellung möglich. Überwacht wird die Sicherheit engmaschig vom Paul-Ehrlich-Institut, das wöchentlich Daten zu gemeldeten Impfreaktionen veröffentlicht. Wer dabei mithelfen möchte, kann die [kostenlose SafeVac-2.0-App des Paul-Ehrlich-Instituts](https://www.pei.de/DE/newsroom/hp-meldungen/2020/201222-safevac-app-smartphone-befragung-vertraeglichkeit-covid-19-impfstoffe.html?ref=uebergabe.de) nutzen: Sie erinnert nach der Impfung in immer größeren Abständen daran, mögliche Symptome einzutragen, und liefert so wertvolle Daten in Echtzeit. ## Warum man sich den Impfstoff (noch) nicht aussuchen konnte Anfang 2021 herrschte erheblicher Impfstoffmangel – nicht nur in Deutschland. Manche Länder in Afrika hatten zu diesem Zeitpunkt erst 25 Dosen für das gesamte Land erhalten. Eine freie Wahl des Präparats war daher noch nicht möglich. Sowohl die Weltgesundheitsorganisation als auch die STIKO betonten, dass alle zugelassenen Impfstoffe geeignet sind, schwere Verläufe und Todesfälle zu reduzieren. Einen direkten Head-to-Head-Vergleich der Präparate unter identischen Bedingungen gab es nicht – die Studien stammten aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlicher Infektionslast. Auch die viel diskutierte Frage der [Priorisierung](https://www.uebergabe.de/content/files/uploads/tx%5Fleopublication/2020%5Fpositionspapier%5Fcovid-19-impfstoff%5Ffinal.pdf) sprach Wicker an. STIKO, Deutscher Ethikrat und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hatten dazu gemeinsam ein Positionspapier veröffentlicht. Sinngemäß heißt es darin: Solidarisch handelnde Personen stellen ihren eigenen Impfanspruch zugunsten derjenigen zurück, die ein höheres Risiko tragen. Das Impfziel sei eindeutig – schwere und tödliche Verläufe zu vermeiden und das Personal an vorderster Front zu schützen. ## Herdenimmunität – ein weiter Weg Wann ist eine Herdenimmunität erreicht? Auch hier blieb Wicker realistisch: Vermutlich brauche es eine Immunität von mindestens 70, womöglich bis zu 90 Prozent der Bevölkerung – stark abhängig davon, wie sich die Varianten entwickeln und wie lange der Schutz anhält. Angesichts von Impfquoten im niedrigen einstelligen Prozentbereich war das Ziel damals noch in weiter Ferne. Zum Abschluss richtete Wicker einen klaren Appell an die Pflege – und machte ihren Respekt deutlich: Pflegefachpersonen hätten den engsten und längsten Kontakt zu den Patient:innen und in den vergangenen Monaten Außergewöhnliches geleistet. Auf ihrer Covid-Intensivstation in Frankfurt hätten sich über 95 Prozent der Pflegefachpersonen impfen lassen. Ihre Lehre aus der Krise: Es brauche eine schnelle, ehrliche und wissenschaftlich fundierte Kommunikation, um Fehlinformationen den Boden zu entziehen. Und vor allem den Blick fürs große Ganze – psychische Folgen, vernachlässigte andere Erkrankungen, Kinder ohne Zugang zu Bildung. Diese Pandemie, so ihr Fazit, ende erst, wenn sie überall endet – global und solidarisch gedacht. ## Zum Weiterhören - [ÜG053 – Das Corona-Virus im Kontext der Pflege (Prof. Dr. Christian Drosten)](https://www.uebergabe.de/ug053/) - [ÜG057 – Verschwörungstheorien (Katharina Nocun & Dr. Karl Hepfer)](https://www.uebergabe.de/ug057/) - [ÜG048 – Gesundheitskompetenz der Bevölkerung während der COVID-19 Pandemie (Interview mit Dr. Orkan Okan)](https://www.uebergabe.de/ug048/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes - [Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts](https://www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/STIKO/stiko%5Fnode.html;jsessionid=132451E7D89ECEE9F966BB2743028751.internet072?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Stufenplan der STIKO zur Priorisierung der COVID-19-Impfung](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/Infekt/Impfen/ImpfungenAZ/COVID-19/stufenplan.pdf) (www.rki.de) - [Nationale Impfstrategie COVID-19: Überblick](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/Infekt/Impfen/ImpfungenAZ/COVID-19/impfstrategie%5Fcovid19%5Fueberblick.pdf) (www.rki.de) - [Beschluss der STIKO zur 1\. Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/02%5F21.pdf) (www.rki.de) - [Impfstoffverteilung](https://www.zusammengegencorona.de/infos-zum-impfen/informationen-fuer-fachleute/impfstoffverteilung/?ref=uebergabe.de#faqitem=931c87a2-7ade-5658-86f1-8643df38b888) (www.zusammengegencorona.de) - [Aktuelle Impfqoute des BMG](https://impfdashboard.de/?ref=uebergabe.de) (www.impfdashboard.de) - [Informationen über die Impfstoffe vom BMBF](https://www.bmbf.de/de/das-sollten-sie-ueber-impfstoffe-wissen-12724.html?ref=uebergabe.de) (www.bmbf.de) - [Faktenboxen zur mRNA-Schutzimpfung gegen COVID-19](https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/ImpfungenAZ/COVID-19/Faktenbox.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Entwicklung eines vektorbasierten Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 durch das Deutschen Zentrum für Infektionsforschung](https://www.dzif.de/de/entwicklung-eines-impfstoffs-gegen-sars-cov-2?ref=uebergabe.de) (www.dzif.de) - [Informationen zu COVID-19-Impfstoffen der WHO](https://www.euro.who.int/de/health-topics/health-emergencies/coronavirus-covid-19/covid-19-vaccines-and-vaccination/information-on-covid-19-vaccines?ref=uebergabe.de) (www.euro.who.int) - [Sa­fe­Vac 2.0 – Smart­pho­ne-App zur Er­he­bung der Ver­träg­lich­keit von CO­VID-19-Impf­stof­fen des Paul-Ehrlich-Instituts](https://www.pei.de/DE/newsroom/hp-meldungen/2020/201222-safevac-app-smartphone-befragung-vertraeglichkeit-covid-19-impfstoffe.html?ref=uebergabe.de) (www.pei.de) - [Kontrollierte Infektion in Challenge-Studien bei COVID-19 – Einsatz und Ethik](https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/fact-sheet/details/news/kontrollierte-infektion-in-challenge-studien-bei-covid-19-einsatz-und-ethik/?ref=uebergabe.de) (www.sciencemediacenter.de) - [Positionspapier der gemeinsamen Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der Ständigen Impfkommission, des Deutschen Ethikrates und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ](https://www.uebergabe.de/content/files/uploads/tx%5Fleopublication/2020%5Fpositionspapier%5Fcovid-19-impfstoff%5Ffinal.pdf) (www.leopoldina.org) - [Besondere Regeln für Geimpfte?Ad-Hoc-Empfehlung des Deutschen Ethikrates](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Publikationen/Ad-hoc-Empfehlungen/deutsch/ad-hoc-empfehlung-besondere-regeln-fuer-geimpfte.pdf) (www.ethikrat.org) - [Coronavirus: 70 Prozent des Spital-Personals in Portugal infiziert](https://www.nau.ch/news/europa/coronavirus-70-prozent-des-spital-personals-in-portugal-infiziert-65862787?ref=uebergabe.de) (www.nau.ch) ### Mobilität und Bettlägerigkeit (Dr. Angelika Zegelin) URL: https://www.uebergabe.de/ug061/ Last updated: 2026-06-17T08:42:06.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 30.01.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Bettlägerigkeit ist kein Schicksal, sondern ein vermeid- und umkehrbarer Prozess. - Schon wenige Tage im Bett verursachen Muskelschwund und Kreislaufprobleme. - Krankenhausaufenthalte und Personalmangel begünstigen schleichende Immobilität. - Das Drei-Schritte-Programm fördert Mobilität bei jedem Transfer. - Pflegekräfte sind entscheidend für Mobilitätsförderung und Lebensqualität. ## Mobilität und Bettlägerigkeit: Ein zentraler Aspekt der Pflege Mobilität spielt eine Schlüsselrolle in der Pflege, und die Verhinderung von Bettlägerigkeit zählt zu den wichtigsten Aufgaben von Pflegefachkräften. Häufig wird Bettlägerigkeit als unvermeidbare Folge des Alters oder schwerer Krankheiten gesehen. Dabei übersehen viele, dass es sich um einen vermeidbaren Prozess handelt, der durch gezielte Maßnahmen verhindert oder sogar umgekehrt werden kann. Was Bettlägerigkeit bedeutet, welche Herausforderungen damit verbunden sind und welche Strategien zur Förderung der Mobilität Pflegekräften zur Verfügung stehen – darum geht es im Folgenden. ### Was ist Bettlägerigkeit? Bettlägerigkeit beschreibt verschiedene Stadien der Immobilität. Manche Patient:innen können sich noch eingeschränkt bewegen, verbringen aber die meiste Zeit im Bett oder im Rollstuhl. Andere sind vollständig bettlägerig und verlassen das Bett nur selten oder gar nicht mehr. Laut Pflegewissenschaftlerin Angelika Zegelin ist der Prozess des „Bettlägerigwerdens” oft schleichend und beginnt nach einem Krankenhausaufenthalt oder einem Sturz. Der Verlust der Mobilität führt zu zunehmender Abhängigkeit von Pflegekräften und einer Einschränkung des Bewegungsspielraums. Dieser Prozess hat nicht nur körperliche, sondern auch psychische und soziale Folgen. ### Folgen der Bettlägerigkeit Der Verlust der Mobilität hat weitreichende Konsequenzen. Betroffene sind zunehmend von Pflegekräften abhängig, was ihre Selbstbestimmung und Lebensqualität massiv einschränkt. Bettlägerigkeit kann zu einem Gefühl des „Festgenageltseins” führen, das sowohl die körperliche als auch die psychische Gesundheit negativ beeinflusst. Körperliche Folgen wie eine Verschlechterung des Kreislaufs, Muskelschwund und ein schwächeres Immunsystem stellen nur einige der Risiken dar. Studien zeigen, dass bereits wenige Tage im Bett messbare Veränderungen im Körper hervorrufen können. ### Bettlägerigkeit und Krankenhausaufenthalte Ein Krankenhausaufenthalt kann den Beginn der Bettlägerigkeit markieren, insbesondere bei älteren Patient:innen. Zegelin betont, dass die Mobilisierung von Patient:innen in vielen Krankenhäusern vernachlässigt wird. Patient:innen liegen oft zu lange im Bett, was zu einem schnellen Muskelabbau führt. Die erste Mobilisation nach einer Operation oder einem längeren Aufenthalt ist entscheidend, doch häufig fehlt es an Zeit und Personal, um sie gut zu begleiten. ### Mobilitätsförderung in der Langzeitpflege Auch in der Langzeitpflege gibt es Herausforderungen bei der Mobilitätsförderung. Viele Bewohner:innen verbringen zu viel Zeit im Rollstuhl und verlieren dadurch ihre Fähigkeit zur selbstständigen Bewegung. Zegelin beschreibt diesen Zustand als „Ortsfixierung”, bei dem die Betroffenen nicht mehr in der Lage sind, sich ohne Hilfe fortzubewegen. Der Personalmangel und das fehlende Wissen über Bewegungsförderung tragen dazu bei, dass die Mobilität von Bewohner:innen häufig nicht ausreichend gefördert wird. ### Strategien zur Förderung der Mobilität Angelika Zegelin hat in ihren Projekten erfolgreiche Strategien zur Mobilitätsförderung entwickelt, darunter das Drei-Schritte-Programm. Dabei werden Patient:innen bei jedem Transfer ermutigt, drei Schritte zu gehen, um ihre Mobilität schrittweise zu verbessern. Diese Methode ist einfach umsetzbar, erfordert aber die Unterstützung des gesamten Pflegeteams. Eine weitere erfolgreiche Strategie ist die Biografieorientierung, bei der die individuellen Vorlieben der Bewohner:innen in die Bewegungsförderung integriert werden. ### Hoffnungsspaziergang: Ein innovatives Mobilitätsprogramm Ein weiteres Projekt ist der Hoffnungsspaziergang, bei dem Patient:innen durch das Krankenhaus geführt werden und an verschiedenen Stationen ermutigende Botschaften lesen können. Diese Kombination aus Mobilisierung und emotionaler Unterstützung hat sich als sehr erfolgreich erwiesen und wird auch in einigen Altenheimen durchgeführt. ### Fazit Mobilität ist ein zentraler Faktor für die Lebensqualität von Patient:innen und Bewohner:innen in der Pflege. Bettlägerigkeit ist kein unvermeidliches Schicksal, sondern ein Prozess, der durch gezielte Mobilitätsförderung aufgehalten oder sogar rückgängig gemacht werden kann. Pflegefachkräfte spielen dabei eine entscheidende Rolle. Projekte wie das Drei-Schritte-Programm und der Hoffnungsspaziergang zeigen: Kleine Maßnahmen können große Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Betroffenen haben. --- ## Shownotes zur Folge - [Zegelin, Angelika (2013). Festgenagelt sein. Der Prozess des Bettlägerigwerdens. 2., erw. Auflage, Bern: Verlag Hans Huber](https://www.hogrefe.com/de/shop/festgenagelt-sein-71123.html?ref=uebergabe.de) (hogrefe.com) - [Zegelin, A. (2013). "Bettlägerig werden" - Der Prozess des Bettlägerigwerdens durch allmähliche Ortsfixierung. Pflege, 18, 281-288](https://econtent.hogrefe.com/doi/abs/10.1024/1012-5302.18.5.281?ref=uebergabe.de) (econtent.hogrefe.com) - [Dossier Mobilitätsförderung aus Die Schwester Der Pfleger (2016-2018)](https://www.bibliomed-pflege.de/fileadmin/user%5Fupload/alle-Portale/Dokumente/Dossiers/Dossier%5FBewegung.pdf?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Expertenstandard nach § 113a SGB XI "Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege", Aktualisierung 2020](https://www.gs-qsa-pflege.de/dokumente-zum-download/?ref=uebergabe.de) (gs-qsa-pflege.de) - [Stulier, N. (2014). Ausgewählte Qualitätskriterien des Erfassungsbogens Mobilität (EBoMo). Pflegewissenschaft, 3(17), 144-155](https://www.pflege-wissenschaft.info/hpsmedia/ausgabe.php?zs%5Fid=258&monat=03&jahr=2014&ref=uebergabe.de) (pflege-wissenshaft.info) - [Erfassungsbogen Mobilität ("EBoMo")](https://www.uebergabe.de/content/files/statics/bilder/thieme/final/de/bilder/tw%5Fpflege/ebomo.pdf) (thieme.de) - [Artikel zu Klinik-/Hoffnungsspaziergängen](http://www.stiftung-pflege.info/stiftung/?page%5Fid=1828&ref=uebergabe.de) (Stiftung-pflege.info) ## Zum Weiterhören - [ÜG073 – Expertenstandard Mobilität im Akutkrankenhaus (Nicole Parwolowski)](https://www.uebergabe.de/ug073/) - [ÜG019 – Expertenstandards in der Pflege (Prof. Dr. Dr. A. Büscher)](https://www.uebergabe.de/ug019/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Jahresauftakt (Live-Aufnahme) URL: https://www.uebergabe.de/ug060/ Last updated: 2026-06-17T19:52:48.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 16.01.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Viele Corona-Themen aus dem Frühjahr 2020 sind ein Jahr später noch immer ungelöst. - Wissenschaft muss ihr Wissen verständlich und adressatengerecht vermitteln. - Pflege gilt als wichtig – verändert hat sich für die Praxis kaum etwas. - Negativität in sozialen Medien kann dem Pflegeberuf schaden. - Die Übergabe ist unabhängig und gehört keiner Institution an. Eine runde Zahl, eine volle Runde und ein Jahr, das niemand so kommen sah: Zum Jahresauftakt 2021 setzte sich das Übergabe-Team noch einmal live ans Mikrofon – um zurückzuschauen auf ein Pflege- und Pandemiejahr, das alles auf den Kopf gestellt hat, und um nach vorn zu blicken. Herausgekommen ist ein Gespräch über Wissenschaftskommunikation, die Belastung von Pflegefachpersonen, die fehlende Lobby der Pflege und die ganz grundsätzliche Frage: Reden wir unseren eigenen Beruf eigentlich zu schlecht? Dazwischen klingelte sogar das Telefon. ## Ein Jahr, das im Flug verging – und doch in den Knochen steckt Wer das Jahr 2020 mit der Erwartung begann, dass eine schöne, runde Zahl auch ein schönes Jahr bedeuten müsste, wurde gründlich eines Besseren belehrt. Im Rückblick wirkt vieles, was vor der Pandemie selbstverständlich war, plötzlich fremd: Menschentrauben in Filmen, Konzerte, das gedankenlose Nahbeisammensein. Wenn beim Zahnarztbesuch plötzlich vier oder fünf Leute auf engem Raum stehen, meldet sich ein leichtes Panikgefühl – und genau das beschreibt die neue Realität, an der inzwischen alles andere gemessen wird. Gleichzeitig verging das Jahr für viele wie im Flug. Gerade weil so wenig „passierte" – kein Reisen, kaum Begegnungen, viel Homeoffice –, verschwammen die Tage ineinander. Und doch steckt die Belastung tief in den Knochen. Die Mischung aus Stillstand und Daueranspannung ist eines der prägenden Gefühle dieses Pflegejahres, das in der Episode immer wieder durchscheint. ## Wie aus ein paar Folgen ein Förderprojekt wurde Bemerkenswert ist, wie viel das kleine Team trotz aller Umstände produziert hat: Mit Folge 60 nach zwei Jahren liegt der Schnitt bei rund 30 Episoden pro Jahr. Ein großer Teil davon entstand spontan – die Corona-Spezialfolgen überschlugen sich im Frühjahr förmlich. Da wurde aus Platzmangel auch mal vor dem Router sitzend aufgenommen, weil das Ladekabel zu kurz war. Und plötzlich sagten Gesprächspartner:innen zu, die eigentlich Wichtigeres zu tun hatten – etwa der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister [Karl-Josef Laumann](https://www.uebergabe.de/ug037/) oder der Gesundheitsökonom Karl Lauterbach. Aus der anfänglichen Frage, ob man überhaupt „auf den Corona-Zug aufspringen" sollte, wurde innerhalb weniger Monate ein Schwerpunkt – und schließlich sogar eine Förderung durch die Robert-Bosch-Stiftung im Bereich Wissenschaftskommunikation. Der Antrag entstand im Sommer 2020 spontan, der Zuschlag öffnete neue Perspektiven. Ein Beispiel dafür ist die [Folge über Verschwörungstheorien](https://www.uebergabe.de/ug057/) – ein Thema, das das Team ohne die Pandemie womöglich nie für sich entdeckt hätte und das zum ersten Mal bewusst über den klassischen Pflegekosmos hinausging. Besonders kurios verlief die Entstehung der [Episode mit dem Virologen Christian Drosten](https://www.uebergabe.de/ug053/): Die Anfrage lief bereits im März – ursprünglich, um zu klären, wie man sich in Langzeitpflegeeinrichtungen vor dem Virus schützen kann. Bis zur tatsächlichen Aufnahme verging fast das gesamte Jahr, in dem das Thema längst durch alle Settings gelaufen war. Trotzdem gelang am Ende ein lehrreiches Gespräch über ein Feld, das für viele Menschen vorher kaum greifbar war. ## Wenn sich nichts ändert: alte Folgen, neue Aktualität Eigentlich sollte ein Jahresrückblick zeigen, wie weit man gekommen ist. Doch ausgerechnet bei den Corona-Folgen aus dem Frühjahr fällt etwas Unbequemes auf: Sie sind aktueller denn je. Die Debatten über die [Lage auf den Intensivstationen](https://www.uebergabe.de/ug042/), über Schutz und Besuchsregelungen in der stationären Langzeitpflege – all das wiederholt sich zum Jahreswechsel fast wortgleich. Erfahrungen aus dem Ausland, die längst niedergeschrieben und verfügbar sind, werden kaum aufgegriffen. > *„Die Themen, die wir im März, April besprochen haben, gerade in der stationären Langzeitversorgung, die sind jetzt noch immer aktuell oder aktueller denn je, weil einfach nichts passiert ist." — Mike* Woran liegt das? Eine Erklärung: Selbst wenn Wissenschaft und Praxis gemeinsam tragfähige Konzepte erarbeiten, dauert es oft Jahre, bis diese in der Breite ankommen. In einer Pandemie fällt diese Trägheit besonders schmerzhaft auf – weil hier Menschenleben davon abhängen. Es geht eben nicht darum, ein Assessment einzuführen, sondern darum, Menschen vor Infektionen zu schützen. Dass die Diskussion über geschlossene Heime sich ein Jahr nach dem ersten Lockdown nahezu unverändert wiederholt, ist für das Team schwer auszuhalten. ## Wissen schaffen oder Wissen verständlich machen? Aus dieser Beobachtung entwickelte sich in der Episode eine echte Grundsatzdebatte: Wozu ist Wissenschaft eigentlich da? Wer in der Forschung arbeitet, kennt das Gefühl, viel zu schreiben und zu publizieren – und doch das Gefühl zu haben, dass es genau dort, wo es ankommen müsste, in der Praxis, niemanden erreicht. Ist es Aufgabe der Wissenschaft selbst, ihre Erkenntnisse verständlich zu übersetzen? Oder schafft sie nur Wissen, und andere müssen es zugänglich machen? Interessant ist der Generationenkontrast: Der 2020 verstorbene Pflegewissenschaftler Wilfried Schnepp vertrat die Haltung, dass Wissenschaft Wissen schaffe und es Aufgabe anderer sei, dieses zugänglich zu machen. Das Team sieht das anders – vielleicht, weil die Pflegewissenschaft eine Praxisdisziplin ist, die ein genuines Interesse daran hat, dass ihre Erkenntnisse auch umgesetzt werden. Klar ist: Die Parameter, an denen wissenschaftliche Qualität gemessen wird, passen oft nicht zu dem, was der Praxis tatsächlich nützt. Eine Veröffentlichung in einem renommierten Journal bringt einer Pflegefachperson am Bett im Zweifel wenig. Und gerade hier liegt eine Stärke des Mediums Podcast: Wenn Fachleute über ihre eigenen Themen sprechen, werden komplexe Inhalte plötzlich greifbar – vom neuen Begutachtungsinstrument bis zur Personalbemessung. Niemand wird gezwungen, sich verständlich auszudrücken, aber das Gespräch lädt ganz selbstverständlich dazu ein. Genau dort sieht das Team eine Lücke, die es füllen will – auch bei unangenehmen Themen und im offenen Diskurs verschiedener Perspektiven. ## „Pflege ist toll" – aber bitte kostenlos Ein zweites großes Thema des Abends: die gesellschaftliche Wahrnehmung der Pflege. Auf der einen Seite war Pflege selten so präsent in den Medien wie 2020\. In Talkshows und Nachrichten taucht ständig die Botschaft auf, wie wichtig und unverzichtbar Pflegefachpersonen seien. Auf der anderen Seite bleibt am Ende des Tages für die Pflege wenig übrig – wenn es ums Geld geht, wandern die Mittel oft in andere Berufsgruppen, wie etwa Diskussionen um Corona-Prämien oder die Vergütung von Impfungen zeigen. > *„Pflege ist toll, Pflege ist wichtig. Aber sobald ich mehr dafür bezahlen muss, möchte ich damit auch nichts mehr am Hut haben. So ähnlich ist das mittlerweile mit Pflege." — Mike* Dahinter steckt für das Team eine Frage der Interessenvertretung: Wer spricht eigentlich für die Pflege? Solange Pflegende selbst nicht klar benennen, welchen Wert ihre Arbeit hat, kann die Gesellschaft sie auch nicht „retten". Genannt wird das Beispiel der Pflegekammern, die – siehe Niedersachsen – mancherorts wieder zur Disposition standen, ausgerechnet in einer Pandemie. Gleichzeitig betont das Team: Veränderung muss auch aus dem Beruf selbst kommen. Es geht nicht nur um Bezahlung, sondern um Arbeitsbedingungen und Anerkennung – und um eine Berufsgruppe, die selbstbewusst auftritt. ## Ein Anruf aus Essen: Reden wir Pflege zu schlecht? Mitten in dieser Debatte klingelte tatsächlich das Telefon – ein Hörer, auf Twitter als „Pflege42" unterwegs, wählte sich live ein. Sein Impuls: Statt immer nur Probleme zu wälzen, lohnt sich auch der Blick auf das, was funktioniert. Zum Beispiel die Pflegekammer in Rheinland-Pfalz, die es schon länger gibt. Was darf sie beeinflussen, was kann sie verändern? Ein Themenvorschlag, der prompt notiert wurde – samt der Idee, dort einmal nachzufragen. Daran knüpfte eine kontroverse, aber faire Diskussion an. Auf der einen Seite die Sorge, dass in den sozialen Medien fast ausschließlich Negatives zu lesen ist – von Pflegenden, aber auch von Menschen aus Wissenschaft, Politik und Pädagogik. Wer den Beruf attraktiv machen und mehr Menschen gewinnen will, sendet mit endlosem Draufhauen womöglich genau das falsche Signal. Wer ständig hört, wie schlecht alles läuft, fragt sich irgendwann, warum er überhaupt in die Pflege gehen sollte. > *„Wenn die Kritik da ist, dann muss die auch in die Welt getragen werden – es geht oft genug um Gesundheit und manchmal um das Überleben von Patient:innen." — Hörer „Pflege42"* Auf der anderen Seite das Gegenargument des Anrufers: Wer sich auskennt, muss benennen dürfen, was schiefläuft – sonst verschwindet das Problem nicht. Versöhnlich trafen sich beide Seiten in der Mitte: Kritik ist wichtig und gehört in die Öffentlichkeit. Aber sie wirkt mehr, wenn auf das „Das läuft schlecht" auch ein „Und so könnten wir es besser machen" folgt. Reine Empörung ohne Lösungsvorschlag und ohne Bereitschaft, sich zu engagieren, schadet der Pflege womöglich mehr, als sie ihr nützt. ## Spahns Sofortprogramm: ein Versprechen und seine Lücken Auch das vielzitierte Sofortprogramm Pflege kam zur Sprache – jene 13.000 zusätzlichen Stellen, die der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angekündigt hatte. Der Anrufer schilderte aus eigener Erinnerung, wie ihm beim Tag der offenen Tür im Ministerium versichert wurde, die Stellen könnten ab Januar „sofort" besetzt werden. Dass dafür Satzungsvorschriften, Durchführungsverantwortung und organisierende Stellen nötig sind, blieb dabei außen vor. Tatsächlich wurden anfangs nur wenige hundert der angekündigten Stellen besetzt. Fairerweise gehörte zur Einordnung: Es ging um die Finanzierung der Stellen – das Geld stellte der Bund bereit, das Personal mussten die Einrichtungen selbst gewinnen. Doch genau hier liegt der wunde Punkt. Finanzierung allein verändert keine schlechten Arbeitsbedingungen. Ob eine Stelle bezahlt wird oder nicht, nützt wenig, wenn der Arbeitsplatz unattraktiv bleibt. Es müssen viele Schrauben gleichzeitig bewegt werden – sonst bleibt es bei Symbolpolitik, die sich gut in Schlagzeilen macht, aber in der Praxis nichts ändert. ## Belastung, die kaum jemand sieht Hinter all den Strukturdebatten stehen Menschen. In der Episode berichtet das Team von Bekannten, die auf Corona-Stationen arbeiten: Dienstpläne, die freitags noch nicht feststehen, Stationen, die kurzfristig besetzt werden – und Pflegefachpersonen, die kurz nach der Ausbildung bereits Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigen, weil sie schon Dutzende verstorbene Patient:innen versorgt haben. Wie sehr diese ethisch und körperlich extreme Situation den Einzelnen zusetzt, hat die breite Öffentlichkeit kaum im Blick. Dass die Praxis gerade jetzt so hart ist, erklärt für das Team auch, warum sich so viele Luft machen müssen. ## Was 2021 ansteht – und eine wichtige Klarstellung Trotz aller Schwere geht das Team mit einem prall gefüllten Rucksack ins neue Jahr. Geplant sind unter anderem eine Auseinandersetzung mit dem Thema Pflege in den Medien – mit Akteur:innen aus sozialen wie aus Printmedien und der Frage, welche Verantwortung Öffentlichkeit mit sich bringt. Dazu kommen die Corona-Impfung für Pflegende und die Frage, ob diese sich wirklich seltener impfen lassen wollen oder schlicht kein Impfstoff bereitsteht. Auch die hochschulische Pflegeausbildung steht auf der Agenda: Welche Wege eröffnen Bachelorstudiengänge, und wie werden Studierende von Hochschulen unterstützt? Hinzu kommen klassische pflegefachliche Themen wie Professionalisierung, Mobilisation und der Stellenwert von Bewegung. Zum Schluss räumte das Team mit einem hartnäckigen Gerücht auf: Die Übergabe ist kein Podcast des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe – auch wenn einzelne Teammitglieder dort Mitglied sind. Es fließt kein Geld in die eine oder andere Richtung, und der Podcast versteht sich nicht als Sprachrohr irgendeiner Institution. Wo eine Folge gefördert wird, etwa durch die Robert-Bosch-Stiftung, wird das transparent ausgewiesen. Finanziert wird das Projekt vor allem durch die Hörer:innen selbst – und genau diese Unabhängigkeit erlaubt es, Dinge auch mal frei „blöd zu finden". Und falls du beim nächsten Mal selbst anrufen willst: Trau dich – Call-in-Folgen soll es ruhig öfter geben. ## Zum Weiterhören - [ÜG053 – Das Corona-Virus im Kontext der Pflege (Prof. Dr. Christian Drosten)](https://www.uebergabe.de/ug053/) - [ÜG057 – Verschwörungstheorien (Katharina Nocun & Dr. Karl Hepfer)](https://www.uebergabe.de/ug057/) - [ÜG042 – CORONA SPEZIAL #9: Lage auf Intensivstationen (Interview mit Carsten Hermes)](https://www.uebergabe.de/ug042/) --- #### Zum Pflegemanagement-Forum *Hörer\_innen unseres Podcasts erhalten 15 % Rabatt auf die Tickets. Gutscheincode: *DRG-2021-UG* (*[*https://drg-forum.de/anmeldung/*](https://drg-forum.de/anmeldung/?ref=uebergabe.de)*)* #### Weitere Shownotes #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ### Pflegende Angehörige in der COVID-19-Krise (Simon Eggert) URL: https://www.uebergabe.de/ug058/ Last updated: 2026-06-13T21:14:59.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 28.11.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - 4,5 bis 5 Millionen pflegende Angehörige sind eine tragende Säule der Versorgung. - Ein Drittel berichtete in der ersten Welle von einer verschlechterten Pflegesituation. - Angehörige von Menschen mit Demenz waren durchgängig stärker belastet. - Wegbrechende Nachbarschaftshilfe traf die häusliche Pflege besonders hart. - Vereinbarkeit von Beruf und Pflege wurde für 45 Prozent schwieriger. Sie waschen, betten um, kochen, begleiten zu Arztterminen, hören zu, organisieren den Alltag – und das oft über Jahre, manchmal über Jahrzehnte. Pflegende Angehörige sind die stille Mehrheit in der Versorgung pflegebedürftiger Menschen in Deutschland. Als im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie das Land erreichte, geriet ausgerechnet diese riesige Gruppe lange aus dem Blick. Genau hier setzt eine gemeinsame Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) und der Charité an. Simon Eggert, der am ZQP den Bereich Analyse und Kommunikation leitet, war zu Gast im Übergabe-Podcast und hat erzählt, was die erste Welle mit der häuslichen Pflege gemacht hat. ## Wer hinter dem „größten Pflegedienst der Nation" steckt Bevor es um Zahlen geht, lohnt sich ein Blick darauf, von wem wir eigentlich sprechen. Pflegende Angehörige sind Menschen aus dem näheren Umfeld einer pflegebedürftigen Person, die diese über einen längeren Zeitraum regelmäßig körperlich pflegen, hauswirtschaftlich versorgen oder psychosozial unterstützen – ohne dafür in einem Arbeitsverhältnis zu stehen. Das Spektrum ist riesig: Es reicht von Kindern und Jugendlichen, die Verantwortung übernehmen, weil ein Elternteil schwer chronisch erkrankt ist, über Eltern, die ein Kind mit Behinderung pflegen, bis zu hochaltrigen Ehepaaren, bei denen eine:r die andere Person versorgt. Am häufigsten kümmern sich in Deutschland aber die 40- bis 70-Jährigen um ein oder sogar zwei pflegebedürftige Elternteile. Nach Zahlen unter anderem des RKI und des DZA geht man von etwa viereinhalb bis fünf Millionen pflegenden Angehörigen aus. Damit, so Eggert, seien sie eine zentrale Säule der Versorgung und ein unverzichtbarer Partner für die Gesundheitsprofessionen. Das gern bemühte Bild vom „größten Pflegedienst der Nation" ist deshalb so griffig, weil es diese Dimension sichtbar macht. Es birgt aber auch eine Gefahr: Es setzt professionelle ambulante Pflege und die Arbeit von Angehörigen gleich – und blendet aus, wie unterschiedlich beide Welten sind. > *„Man kann mit Fug und Recht sagen, dass pflegende Angehörige eine zentrale Säule in der Versorgung pflegebedürftiger Menschen in diesem Land sind – ein unglaublich wichtiger Partner für die Gesundheitsprofessionen." — Simon Eggert* Das ZQP selbst ist eine gemeinnützige, operative Stiftung. Sie fördert keine Projekte, sondern setzt sie selbst um – mit zwei Schwerpunkten: Forschung und Theorie-Praxis-Transfer. Wer in der Pflege arbeitet, kennt vielleicht die kostenlosen Online-Angebote der Stiftung, etwa die [Datenbank zur Pflegeforschung in Deutschland](https://www.zqp.de/datenbank-pflegeforschung-in-deutschland/?ref=uebergabe.de) mit über tausend Einträgen oder die Übersicht zu [pflegerischen Leitlinien und Standards](https://www.zqp.de/pflege-leitlinien-standards/?ref=uebergabe.de). Der Blick richtet sich dabei vor allem auf die häuslich-ambulante Pflegewelt – immerhin werden rund drei Viertel der etwa vier Millionen pflegebedürftigen Menschen im Sinne des SGB XI dort versorgt. ## Belastung ist nicht das ganze Bild Wer über pflegende Angehörige spricht, landet schnell beim Thema Überlastung. Eggert legt Wert darauf, hier differenziert zu bleiben. Pflege im familiären Kontext werde von vielen durchaus als bedeutsam und bereichernd erlebt – und gleichzeitig als belastend. Diese Ambivalenz gehört zusammen. Tatsächlich geben laut Deutschem Alterssurvey rund ein Drittel der pflegenden Angehörigen an, sich stark oder sehr stark belastet zu fühlen. Besonders gefährdet für gesundheitliche Probleme, sowohl körperliche als auch psychische, sind bestimmte Gruppen, etwa Frauen. Wie belastend eine Situation erlebt wird, hängt von vielen Faktoren ab: von Art, Umfang und Dauer der Pflege, aber auch von der eigenen Persönlichkeit, der Motivation, der Beziehung zur pflegebedürftigen Person und den verfügbaren Ressourcen. Wie lang solche Verläufe sein können, zeigt ein Forschungsprojekt, das Eggert mit Kolleg:innen der Charité umgesetzt hat: In Interviews mit Angehörigen von Hundertjährigen tauchten Pflegeverläufe von teils über 20 Jahren auf. Wichtig sei auch: Viele Angehörige übernehmen die Aufgabe gern und möchten ihre Nahestehenden so lange wie möglich zu Hause versorgen. Andere wiederum fühlen sich gedrängt, weil das professionelle Angebot aus ihrer Sicht nicht ihren Vorstellungen entspricht. ## Warum gerade diese Gruppe in der Pandemie zählt Im März 2020 wurde plötzlich greifbar, in welcher Gefahrenlage sich Europa befand – und sofort stellten sich Fragen für die häusliche Pflege. Pflegende Angehörige gehören teils selbst zur Risikogruppe oder fürchteten, ihre pflegebedürftigen Nahestehenden anzustecken. Zugleich drohte das Unterstützungssystem ins Wanken zu geraten: Was passiert, wenn in ambulanten Diensten viele Beschäftigte ausfallen? Wer übernimmt, wenn Leistungen zurückgefahren werden müssen? Wie real diese Sorge war, zeigt die Erfahrung aus der ambulanten Pflege: Ein Pflegedienstleiter berichtete an anderer Stelle, dass er kurz davorstand, Mitarbeitende in Kurzarbeit zu schicken, weil viele Klient:innen ihre Versorgung absagten – mehr dazu in unserer [Episode zur Lage in der ambulanten Pflege](https://www.uebergabe.de/ug036/). Denn pflegebedürftig wird niemand von heute auf morgen weniger. Fällt die professionelle oder informelle Unterstützung weg, landet die Aufgabe bei den Angehörigen. Die [Studie zu pflegenden Angehörigen in der COVID-19-Krise](https://www.zqp.de/corona-pflegende-angehoerige/?ref=uebergabe.de) war als erster Ad-hoc-Einblick gedacht – keine umfassende Gesamtschau, sondern eine erste Annäherung mit klar benannten Grenzen. Befragt wurden bundesweit rund tausend Menschen, die sich im familiären Kontext um ältere pflegebedürftige Personen kümmern. Gezogen wurde die Stichprobe aus einem Online-Panel, das allerdings offline – telefonisch – rekrutiert worden war. Eine bekannte Einschränkung bleibt dennoch: Wer nicht online ist, fällt heraus. Und gerade bei den über 70-Jährigen sinkt der Anteil der Internetnutzer:innen deutlich. ## Drei Felder, in denen es ruckelte Die Auswertung verdichtet sich auf drei Herausforderungsfelder. Ein Befund zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die gesamte Studie: Angehörige von Menschen mit Demenz machten in nahezu allen Bereichen stärker negative Erfahrungen als andere. **Erstens die Pflege- und Unterstützungssituation selbst.** Rund ein Drittel aller Befragten berichtete von einer Verschlechterung – bei Angehörigen von Menschen mit Demenz waren es 41 Prozent. Deutlich wurde auch ein Rückgang bei der Nutzung von Unterstützungsangeboten: Tagespflege, Hausarzt, andere Gesundheitsdienstleister, sogar die Fußpflege. Bei den ambulanten Pflegediensten fiel die Abnahme seltener aus, aber spürbar – ein Fünftel derjenigen, die vor der Krise einen Dienst eingebunden hatten, berichtete von weniger Unterstützung. Ob die Angehörigen selbst reduzierten oder die Dienste, lässt sich aus den Daten nicht ablesen. Mindestens ebenso einschneidend war das Wegbrechen informeller Hilfe – durch Nachbar:innen, Freund:innen oder andere Familienmitglieder. Gerade die spontane Unterstützung aus der Nachbarschaft, ein wichtiges zweites Standbein der häuslichen Versorgung, nahm bei vielen stark ab. Der Gesetzgeber reagierte: Über den [Entlastungsbetrag nach § 150 SGB XI](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F11/%5F%5F150.html?ref=uebergabe.de) konnten Menschen mit Pflegegrad 1 zum damaligen Zeitpunkt auch Nachbarschaftshilfe finanzieren, und die Pflegekassen waren angehalten, das unbürokratisch zu handhaben. Ob ein finanzieller Anreiz aber Hilfe zurückbringt, die aus Infektionsangst zurückgefahren wurde, blieb offen. Auch die Frage, wie gut sich Schutzmaßnahmen im Pflegealltag umsetzen ließen, untersuchte die Studie. 82 Prozent gaben an, Kontakte außerhalb des eigenen Haushalts gut vermeiden zu können – ein ermutigender, aber als Selbstauskunft mit Vorsicht zu lesender Wert. Auffällig: Für 40 Prozent war es zum Befragungszeitpunkt schwierig, bei der Körperpflege einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Die Gründe blieben offen – fehlende Masken, Unsicherheit, eine Brille, eine chronische Erkrankung oder fehlende Akzeptanz, etwa bei Demenz. ## Wenn Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit wachsen **Das zweite Feld betrifft die psychosoziale Belastung** – und das sind keineswegs „weiche" Faktoren. Quer durch die Einzelfragen berichteten zwischen 20 und 30 Prozent der Pflegenden von Verschlechterungen. Gefühle von Hilflosigkeit nahmen bei 39 Prozent zu, Verzweiflung bei 32 Prozent, Konflikte mit der pflegebedürftigen Person bei 30 Prozent, Wut und Ärger bei annähernd 30 Prozent. Schöne Momente mit der pflegebedürftigen Person nahmen bei 23 Prozent ab. Und auch hier zeigte sich der Demenz-Effekt deutlich. Eggert ordnet diese Zahlen als Alarmsignal ein. Denn wenn Wut, Ärger und Verzweiflung steigen, wächst das Konfliktpotenzial – und damit auch das Risiko für Aggression und Gewalt, von der sowohl Angehörige als auch Pflegebedürftige betroffen sein können. Verlässliche Prävalenzzahlen zu Gewalt in der Pflege gibt es schon jenseits von Corona kaum, in der Pandemie erst recht nicht. Hinweise aber gibt es. Das ZQP hat dieses Thema mit Angeboten wie [dem Portal zur Gewaltprävention in der Pflege](https://www.pflege-gewalt.de/?ref=uebergabe.de) aufgegriffen, das regionale Beratungs- und Telefonangebote bündelt, und hat zur [Aggression und Gewalt in der informellen Pflege](https://www.zqp.de/informelle-pflege-gewalt/?ref=uebergabe.de) geforscht. > *„Wenn Hilflosigkeit, Verzweiflung, Wut und Ärger zunehmen, deutet das darauf hin, dass das Konfliktpotenzial in der Pflegesituation selbst wächst. Das sollte man sehr deutlich zur Kenntnis nehmen." — Simon Eggert* Wichtig ist die Einordnung: Pflegende Angehörige sind keine Marsmenschen, sondern Teil der Gesamtbevölkerung. Viele Belastungen der Pandemie wirkten bei ihnen genauso wie bei allen anderen – die Pflegesituation kam oft nur als zusätzliche Problemstellung obendrauf. ## Beruf, Pflege, Homeschooling – alles im selben Wohnzimmer **Das dritte Feld ist die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege.** In Deutschland gibt es rund zweieinhalb Millionen erwerbstätige pflegende Angehörige unter 65 – Tendenz steigend. Für 45 Prozent von ihnen hat Corona die Vereinbarkeit zum Befragungszeitpunkt noch schwieriger gemacht. Ein aufschlussreicher Befund: Vom Homeoffice profitierten vor allem Familialpflegende mit Abitur oder Hochschulabschluss überdurchschnittlich. Für viele Menschen in Produktion, Dienstleistung oder Gesundheitsberufen war flexibles Arbeiten von zu Hause schlicht keine Option. Immerhin: Rund 64 Prozent fühlten sich von ihren Arbeitgebenden recht gut unterstützt – ein Hoffnungsschimmer, gerade weil bei der Vereinbarkeit in vielen Unternehmen sonst erheblicher Handlungsbedarf besteht. Vielleicht, so Eggert, schaffen manche Betriebe durch die Pandemie dauerhaft mehr Flexibilität. Doch auch hier galt: Bei Demenz war die Situation häufiger schwieriger geworden. Wie eng Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Pflege ineinandergreifen, wurde im Frühjahr 2020 vielen Menschen schlagartig bewusst. Wer gleichzeitig arbeitet, Kinder im Homeschooling begleitet und eine pflegebedürftige Person versorgt, jongliert mehrere Rollen in Wohnräumen, die dafür nie gedacht waren. Und es macht einen Unterschied, ob sich zwei Elternteile diese Aufgaben teilen oder ob eine alleinerziehende Person Erziehung und Angehörigenpflege allein stemmt. > *„Es ist erschütternd, dass über viele Wochen über die Situation pflegender Angehöriger so wenig gesprochen wurde – angesichts der Tatsache, wie viele Menschen diese Aufgabe übernehmen." — Simon Eggert* ## Was aus den Ergebnissen folgt Eine zentrale Lehre zieht Eggert aus der Studie: Unterstützungsangebote müssen aufrechterhalten werden – und Menschen müssen motiviert werden, sie zu nutzen. Was bei Kita und Schule breit diskutiert wurde, gilt für pflegende Angehörige genauso. Fallen Tagespflege oder ambulante Hilfe weg, hat das direkte Folgen für die Versorgungsqualität der pflegebedürftigen Person. Wichtig sei deshalb, Vertrauen zu schaffen, dass die Nutzung dieser Angebote richtig und meist gut möglich ist – und parallel auf andere Wege zu setzen, wo physischer Kontakt schwierig ist: telefonische und digitale Beratung, Krisentelefone, Telefonseelsorge. Diese Angebote müssen bekannt und gut ausgestattet sein. Wie Sicherheit auch unter Pandemiebedingungen gelingen kann, hat das ZQP übrigens in einer Untersuchung zur [Sicherheitskultur in der ambulanten Pflege](https://www.zqp.de/sicherheitskultur-ambulante-pflege/?ref=uebergabe.de) betrachtet. Ob sich die Befunde eins zu eins auf die zweite Welle übertragen lassen, ließ Eggert bewusst offen. Manches dürfte routinierter, vertrauter geworden sein; gleichzeitig machte sich eine spürbare Pandemiemüdigkeit breit, und der Blick auf einen dunklen Winter und ein eingeschränktes Weihnachtsfest könnte manche Einschätzung noch negativer ausfallen lassen. Sicher ist: Das Thema verdient mehr Aufmerksamkeit, als es lange bekam. ## Zum Weiterhören - [ÜG030 – Mindestlöhne, PPR 2.0 & Pflegende Angehörige (Prof. Dr. T. Segmüller)](https://www.uebergabe.de/ug030/) - [ÜG077 – Häusliche Versorgung in der Covid-19-Pandemie (Prof. Dr. Thomas Fischer)](https://www.uebergabe.de/ug077/) - [ÜG036 – CORONA SPEZIAL #4: Lage in der ambulanten Pflege (T. Jürs)](https://www.uebergabe.de/ug036/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Zur PACE-Studie - [Untersuchung der **P**sychosozialen **A**uswirkungen der **C**orona-Pandemi**E**](https://t.co/L3UiMg8Q0F?amp=1&ref=uebergabe.de) #### Shownotes - [Gewaltprävention in der Pflege | Ein Angebot des ZQP](https://www.pflege-gewalt.de/?ref=uebergabe.de) (Gewalt in der Pflege) - [Deutscher Alterssurvey (DEAS): Die zweite Lebenshälfte](https://www.dza.de/forschung/deas.html?ref=uebergabe.de) (dza.de) - [Pflegeforschung in Deutschland | Stiftung ZQP](https://www.zqp.de/datenbank-pflegeforschung-in-deutschland/?ref=uebergabe.de) (Stiftung ZQP) - [Pflegerische Prävention und Rehabilitation | Stiftung ZQP](https://www.zqp.de/pflegerische-praevention-rehabilitation/?ref=uebergabe.de) (Stiftung ZQP) - [Pflegerische Leitlinien und Standards | Stiftung ZQP](https://www.zqp.de/pflege-leitlinien-standards/?ref=uebergabe.de) (Stiftung ZQP) - [Pflegende Angehörige in der COVID-19-Krise | Stiftung ZQP](https://www.zqp.de/corona-pflegende-angehoerige/?ref=uebergabe.de) (Stiftung ZQP) - [Caregiving adult children’s perceptions of challenges relating to the end of life of their centenarian parents](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/scs.12921?ref=uebergabe.de) (onlinelibrary.wiley.com) - [Aggression und Gewalt in der informellen Pflege - 2018 | Stiftung ZQP](https://www.zqp.de/informelle-pflege-gewalt/?ref=uebergabe.de) (Stiftung ZQP) - [Sicherheitskultur in der ambulanten Pflege - 2020 | Stiftung ZQP](https://www.zqp.de/sicherheitskultur-ambulante-pflege/?ref=uebergabe.de) (Stiftung ZQP) - [Empfehlungen des GKV-Spitzenverbandes zum Einsatz des Entlastungsbetrages für Pflegebedürftige des Pflegegrades 1 zur Überwindung von infolge der durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachten Versorgungsengpässen in der häuslichen Pflege nach § 150 Abs. 5b Satz 3 SGB XI vom 29.05.2020 in der Fassung vom 05.10.2020](https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/pflegeversicherung/richtlinien%5F%5Fvereinbarungen%5F%5Fformulare/20201005%5FPflege%5FCorona%5FEmpfehlungen%5F150Abs5b%5FSGBXI.pdf?ref=uebergabe.de) (GKV-SPitzenverband) - [Sozialgesetzbuch (SGB) - Elftes Buch (XI) - Soziale Pflegeversicherung (Artikel 1 des Gesetzes vom 26\. Mai 1994, BGBl. I S. 1014) § 150 Sicherstellung der pflegerischen Versorgung, Kostenerstattung für Pflegeeinrichtungen und Pflegebedürftige](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F11/%5F%5F150.html?ref=uebergabe.de) (Gesetze im Internet) - [Gesetz für ein Zukunftsprogramm Krankenhäuser (Krankenhauszukunftsgesetz - KHZG) - Drucksache 528/20](https://www.uebergabe.de/content/files/SharedDocs/drucksachen/2020/0501-0600/528-20.pdf) (Bundesrat.de) #### Weitere Shownotes #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ### Verschwörungstheorien (Katharina Nocun & Dr. Karl Hepfer) URL: https://www.uebergabe.de/ug057/ Last updated: 2026-06-13T21:15:00.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 14.11.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Verschwörungsmythen sind keine wissenschaftlichen Theorien, sondern immunisieren sich gegen jede Kritik. - Kontrollverlust und Krisen machen Menschen quer durch alle Schichten anfällig. - Algorithmen sozialer Netzwerke beschleunigen Radikalisierung erheblich. - Im Gesundheitsbereich kann der Glaube an Verschwörungen lebensgefährlich werden. - Im Gespräch helfen Ruhe, echte Fragen und das Ernstnehmen der Person. Es ist der 2\. November 2020\. Der sogenannte Lockdown-Light ist gerade in Kraft getreten, und während die meisten Menschen die Maßnahmen mittragen, gibt es eine Gruppe, die der Pandemie schlicht keinen Glauben schenkt. Genau hier setzt diese Episode an: Was sind eigentlich Verschwörungstheorien, warum verfangen sie gerade in Krisenzeiten – und welche Folgen hat das für die Gesundheitsversorgung? Zu Gast sind die Politikwissenschaftlerin, Autorin und Podcasterin Katharina Nocun sowie der Philosoph und Privatdozent Dr. Karl Hepfer. Beide haben Bücher über das Thema geschrieben und nähern sich ihm aus ganz unterschiedlichen Richtungen. ## Warum „Theorie" das falsche Wort ist Schon der Begriff selbst ist heikel. Eine Theorie im wissenschaftlichen Sinn ist ein Modell, das die Wirklichkeit vereinfacht, aus aufeinander bezogenen Sätzen besteht und uns hilft, Dinge zu erklären. Entscheidend ist dabei: Eine seriöse Theorie ist überprüfbar. Wird sie durch Belege widerlegt, passt eine Wissenschaftlerin sie an oder zieht sie zurück. Genau das passiert bei Verschwörungserzählungen nicht. Wer an eine große Wissenschafts- oder Medienverschwörung glaubt, erklärt Kritiker:innen kurzerhand selbst zu Agent:innen der vermeintlichen Verschwörung. Katharina Nocun, die gemeinsam mit Pia Lamberty das Buch [Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen](https://www.luebbe.de/quadriga/buecher/gesellschaft/fake-facts/id%5F7818123?ref=uebergabe.de) geschrieben hat, plädiert deshalb für andere Begriffe: Verschwörungsmythen, Verschwörungserzählungen, Verschwörungsideologien. Damit will sie den Glauben an Geheimpläne nicht durch das Etikett „Theorie" aufwerten. > *„Wenn man jemandem nachweist, dass seine Theorie falsch ist, wird ein seriöser Wissenschaftler sie anpassen oder zurückziehen. Bei Verschwörungsgläubigen ist die Bereitschaft zum wissenschaftlichen Diskurs irgendwann einfach nicht mehr gegeben." — Katharina Nocun* Karl Hepfer, Autor des Bandes [Verschwörungstheorien – Eine philosophische Kritik der Unvernunft](https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3102-9/verschwoerungstheorien/?ref=uebergabe.de), sieht das differenzierter. Er argumentiert, dass viele dieser Erzählungen mit genau denselben Methoden arbeiten wie echte Theorien – mit beeindruckenden Fußnotenapparaten und dem Versprechen, Neugier zu stillen und Angst vor dem Unbekannten zu reduzieren. Wer sie ernst nimmt und Punkt für Punkt prüft, könne genau zeigen, wo die Argumentation aus dem Ruder läuft. Nocun hält dagegen: Allein die Zahl der Fußnoten sage nichts über die Wissenschaftlichkeit einer Arbeit aus. Eine YouTube-Recherche mit der Methodik einer Universität gleichzusetzen, sei schlicht problematisch. ## Wahr, falsch – oder irgendwo dazwischen Spannend wird es bei der Frage nach der Wahrheit. Absolut richtig und absolut falsch gibt es laut Hepfer nur in Disziplinen, die nichts mit Erfahrung zu tun haben – etwa Mathematik oder Logik. Bei allem, womit wir uns die Erfahrungswelt erschließen, bewegen wir uns auf einer Skala von sehr unplausibel bis gut bestätigt. Genau diese Grauzone nutzen Menschen aus, die mit alternativen Deutungen um die Ecke kommen. Erschwerend kommt hinzu, dass wir uns immer stärker in virtuellen Räumen bewegen. Informationen, die wir über das Netz beziehen, können wir kaum noch an der eigenen Erfahrung überprüfen. Unser einziges Kriterium ist dann oft nur noch, ob das Gehörte zu dem passt, was wir ohnehin schon glauben. Ein gefährlicher Mechanismus – besonders in Kombination mit selektiv ausgewählten, durchaus seriösen Quellen, mit denen sich fast jede Sicht pseudowissenschaftlich untermauern lässt. Wichtig ist Nocun dabei eine Klarstellung: Verschwörungsmythen sind keineswegs immer der Glaube unterdrückter Minderheiten. Im Nationalsozialismus glaubten mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland an eine angebliche jüdische Weltverschwörung. Und nicht jede Verschwörung ist erfunden – Watergate, der Dieselskandal oder der Cum-Ex-Betrug zeigen, dass es echte Komplotte gibt. Der Unterschied liegt im Vorgehen: Belegbare Verschwörungen werden durch Untersuchungsausschüsse, Journalismus und Forschung aufgeklärt. Bei der Verschwörungsideologie hingegen steht das Ergebnis schon vorher fest. ## Kontrollverlust als Einfallstor Wer ist eigentlich anfällig? Mit dem gängigen Bild der „Covidioten" oder der vermeintlich psychisch Kranken räumt Nocun gründlich auf. Studien zeigen, dass der Anteil psychischer Erkrankungen unter Verschwörungsgläubigen nicht höher ist als in der Restbevölkerung. Auch das Klischee, es handle sich nur um die „Dummen", hält keiner Prüfung stand. Der entscheidende Faktor ist ein anderes Gefühl: Kontrollverlust. Wer das Gefühl hat, sein Leben nicht steuern zu können – sei es durch prekäre Arbeit, eine Trennung oder eine schwere Krankheit –, neigt eher dazu, Muster zu sehen, wo keine sind. Verschwörungsnarrative geben dann eine Art inneres Geländer: Die Welt ist zwar nicht rosarot, aber wenigstens kein Chaos. Es gibt einen Plan, und es gibt klare Schuldige. Wer die [Verbreitung solcher Einstellungen in der Bevölkerung](https://www.fes.de/forum-berlin/gegen-rechtsextremismus/mitte-studie?ref=uebergabe.de) verstehen will, kommt an diesem psychologischen Kern nicht vorbei. > *„Gerade Krisen sind immer wieder Punkte, bei denen Aussteiger später berichten: Das war der Moment, wo sie mich gekriegt haben. Ich würde davor warnen zu sagen: Mir kann so etwas nie passieren." — Katharina Nocun* Dazu kommt unser intuitiver Drang, große Ereignisse mit großen Ursachen zu erklären. Dass eine weltweite Pandemie durch eine winzige, zufällige Mutation ausgelöst wurde, ist schwer auszuhalten. Eine angebliche Biowaffe aus dem Labor fühlt sich für viele „passender" an. Und nicht zuletzt schmeichelt der Glaube an einen Geheimplan: Man fühlt sich als Teil einer auserwählten Gruppe, die „aufgewacht" ist, während alle anderen schlafen. ## Wenn der Algorithmus zum Brandbeschleuniger wird Hat das Internet uns anfälliger gemacht? Hepfer ist vorsichtig: Vermutlich ist die Zahl der Gläubigen gar nicht so stark gewachsen, eher hat sich der thematische Fokus verschoben. Trotzdem verändert die Art, wie wir mit der Welt in Kontakt kommen, alles. Wer die Realität fast nur noch durch das Browserfenster erlebt, öffnet alternativen Interpretationen Tür und Tor. Nocun, die sich intensiv mit Digitalisierung und Algorithmenkontrolle beschäftigt, macht es konkret. Empfehlungsalgorithmen großer Plattformen wurden darauf optimiert, die Verweildauer zu maximieren – und ausgerechnet etwas extremere Inhalte halten Nutzer:innen offenbar besonders gut bei der Stange. Wer ein harmloses Video schaut, bekommt Schritt für Schritt radikalere Vorschläge. Im Bereich Joggen ist das egal, im politischen Kontext kann es zur Radikalisierung beitragen. Auch eine Änderung, die Gruppen stärker bewarb, hat verschwörungsideologischen Communities einen Wachstumsschub verschafft. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt der Podcast [Rabbit Hole der New York Times](https://www.nytimes.com/column/rabbit-hole?ref=uebergabe.de): Er erzählt die Geschichte eines ursprünglich eher links eingestellten Mannes, der sich über YouTube binnen weniger Monate so weit radikalisierte, dass er bei Holocaustleugnern landete. Wer sich tiefer einlesen möchte, findet auch beim [Deutschen Ärzteblatt fundierte Hinweise dazu, was gegen den Irrglauben hilft](https://www.aerzteblatt.de/archiv/214357/Verschwoerungstheorien-Was-gegen-den-Irrglauben-hilft?ref=uebergabe.de). ## Warum auch Pflegefachpersonen betroffen sind Der Glaube an Verschwörungen zieht sich quer durch die Gesellschaft – durch alle Alters- und Einkommensgruppen, durch Ost und West. Auch das Medizinstudium schützt nicht davor: Es gibt Ärzt:innen, die als Corona-Leugner auftreten. Nocun rät zur Einordnung: Wer in einer Diskussion mit „der Arzt auf YouTube hat aber gesagt …" konfrontiert wird, sollte sich vergegenwärtigen, wie viele Hunderttausend Menschen im Gesundheitswesen arbeiten – ein verschwindend kleiner Anteil davon ist verschwörungsgläubig. Und doch ist die Pflege ein besonders sensibler Fall. Wer völlig überlastet und unterbezahlt arbeitet, das Gefühl von Sinnlosigkeit und mangelnder Wertschätzung kennt und das eigene System schon im Normalbetrieb an der Belastungsgrenze erlebt, ist ein Stück weit gefährdeter. Hier verbindet sich Kontrollverlust mit berechtigtem Frust über Strukturen, die sich seit Jahren kaum bewegen. In diesem Zusammenhang fällt im Gespräch die Empfehlung von David Graebers Buch [Bullshit Jobs](https://www.amazon.de/Bullshit-Jobs-wahren-Sinn-Arbeit/dp/360898108X?ref=uebergabe.de), das aufzeigt, wie ausgerechnet die systemrelevanten Tätigkeiten oft nur knapp über der Armutsgrenze entlohnt werden. Hepfer ergänzt einen eigenen Blick: Manche der Proteste speisten sich auch aus älteren, durchaus berechtigten Anliegen zum Zustand der Gesellschaft – etwa zu Verteilungsfragen oder ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. Nocun widerspricht entschieden, eine Bewegung müsse man an dem messen, was ihre offiziellen Vertreter:innen sagen und wen sie auf die Bühne holen. Wenn dort einschlägige Akteure aus der Impfgegner- und Reichsbürgerszene auftreten, mache man sich mit deren Aussagen gemein. Statt den Status quo zurückzuwünschen, forderten manche dieser Gruppen sogar eine grundlegende Abschaffung des Grundgesetzes – und arbeiteten mit einem harten Freund-Feind-Schema, das mit rationalem demokratischem Diskurs wenig zu tun habe. ## Wenn Misstrauen lebensgefährlich wird Am dringlichsten wird das Thema im Gesundheitsbereich. Wer das Vertrauen in medizinischen Fortschritt und Wissenschaft grundsätzlich verliert, lehnt im Ernstfall womöglich eine erfolgversprechende Krebstherapie ab und setzt stattdessen auf Wunderheiler. Im medizinischen Kontext, so Nocuns eindringliche Mahnung, kann der Glaube an Verschwörungserzählungen tödlich werden. > *„Die Frage, ob wir einen guten Weg finden, mit dieser Pandemie zu leben, hängt auch davon ab, wie viele Menschen sich impfen lassen wollen. Und die Quote derer, die das ablehnen, ist in den letzten Monaten gestiegen. Das macht mir große Sorgen." — Katharina Nocun* ## Was im Gespräch wirklich hilft Wie also reagieren, wenn die Kollegin auf der Intensivstation plötzlich erzählt, das mit Corona sei doch alles gemauschelt? Zunächst die nüchterne Erwartung: Kein Gespräch wird damit enden, dass das Gegenüber sofort einsieht, falsch gelegen zu haben. Sinnvoll ist die Frage „Woher hast du das? Warum glaubst du das?", um einzuschätzen, wie verfestigt der Glaube ist. Bei jemandem, der nur etwas aufgeschnappt hat, wirken freundliche Faktenchecks noch hervorragend. Bei stärker Radikalisierten gilt: Es ist ein Marathon, kein Sprint. Statt zu belehren oder gar herabzusetzen, hilft Offenheit – und der ehrliche Hinweis, dass man sich Sorgen macht, weil einem die Person wichtig ist. Oft lohnt es sich, gar nicht über die Erzählung selbst zu sprechen, sondern nach dem dahinterliegenden Gefühl zu fragen. Pauschalisierungen wie „die Medien" oder „die Politiker" sollte man durch konkrete Nachfragen aufbrechen: Welche Zeitung? Welche Partei? So lassen sich nach und nach kleine Risse in ein geschlossenes Weltbild schlagen. Und wenn andere zuhören, ist Widerspruch ohnehin wichtig – als Signal, dass rassistische oder antisemitische Aussagen nicht unwidersprochen bleiben. Hepfer steuert zwei einfache Prüffragen bei. Erstens: „Was würde für dich als Widerlegung gelten?" Kommt darauf nichts, lohnt die weitere Auseinandersetzung kaum. Zweitens ein Warnsignal – Misstrauen gegenüber jeder Idee, die zu viel auf einmal erklärt. Wenn sich plötzlich alle Ereignisse auf wundersame Weise einem einzigen Prinzip fügen, sollte man einen großen Bogen machen. Besonders entlarvend ist das Muster, mit dem sich Verschwörungserzählungen gegen jede Kritik immunisieren: Selbst die Abwesenheit von Beweisen wird zum Beweis erklärt – sie zeige ja nur, wie mächtig die Verschwörer seien. ## Zum Weiterhören - [ÜG048 – Gesundheitskompetenz der Bevölkerung während der COVID-19 Pandemie (Interview mit Dr. Orkan Okan)](https://www.uebergabe.de/ug048/) - [ÜG062 – Corona-Impfung im Fokus der Pflege (Prof. Dr. Dr. Sabine Wicker)](https://www.uebergabe.de/ug062/) - [ÜG053 – Das Corona-Virus im Kontext der Pflege (Prof. Dr. Christian Drosten)](https://www.uebergabe.de/ug053/) Wer noch tiefer eintauchen möchte, dem sei auch Katharina Nocuns eigener Podcast [Denkangebot](https://www.denkangebot.org/?ref=uebergabe.de) ans Herz gelegt – eine wöchentliche Dosis Politik, die zum Mitdenken einlädt. 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Informationen zu den Gästen - [kattascha.de - Politik in der vernetzten Welt](https://kattascha.de/?ref=uebergabe.de) (Kattaschas Blog) - [Fake Facts - Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen](https://www.luebbe.de/quadriga/buecher/gesellschaft/fake-facts/id%5F7818123?ref=uebergabe.de) (luebbe.de) - [Denkangebot Podcast – Deine Dosis Politik](https://www.denkangebot.org/?ref=uebergabe.de) (denkangebot.org) - [PD Dr. Karl Hepfer](https://www.uni-erfurt.de/philosophische-fakultaet/seminare-professuren/philosophie/praktische-philosophie/pd-dr-karl-hepfer?ref=uebergabe.de) (uni-erfurt.de) - [Verschwörungstheorien - Eine philosophische Kritik der Unvernunft](https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3102-9/verschwoerungstheorien/?ref=uebergabe.de) (transcript Verlag) #### Weiterführende Informationen - [Gefangen in der Filterblase!: So entlarvt man Verschwörungstheorien](https://www.br.de/sogehtmedien/stimmt-das/wilde-theorien/index.html?ref=uebergabe.de) (br.de) - [Philosophischer Kommentar - Verschwörungstheorien säen eine Kultur des Misstrauens](https://www.deutschlandfunkkultur.de/philosophischer-kommentar-verschwoerungstheorien-saeen-eine.2162.de.html?dram:article%5Fid=485521&ref=uebergabe.de) (Deutschlandfunk Kultur) - [Verschwörungstheorien: Symptom für eine tiefe Krise](https://www.tagesschau.de/faktenfinder/hintergrund/verschwoerungstheorien-109.html?ref=uebergabe.de) (tagesschau.de) - [Was du über Verschwörungstheorien wissen solltest - quarks.de](https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/was-du-ueber-verschwoerungstheorien-wissen-solltest/?ref=uebergabe.de) (quarks.de) - [Warum glauben Menschen Verschwörungstheorien? Interview mit der Sozialpsychologin Pia Lamberty - BMBF](https://www.bmbf.de/de/media-podcast-39526.html?ref=uebergabe.de) (bmbf.de) - [Verschwörungstheorien auf der Spur - BMBF](https://www.bmbf.de/de/verschwoerungstheorien-auf-der-spur-12999.html?ref=uebergabe.de) (Bundesministerium für Bildung und Forschung - BMBF) - [Verschwörungstheorien: Was gegen den Irrglauben hilft](https://www.aerzteblatt.de/archiv/214357/Verschwoerungstheorien-Was-gegen-den-Irrglauben-hilft?ref=uebergabe.de) (Deutsches Ärzteblatt) - [Verschwörungstheorien - DER SPIEGEL](https://www.spiegel.de/thema/verschwoerungstheorien/?ref=uebergabe.de) (spiegel.de) - [So erkennt man Verschwörungstheorien](https://ec.europa.eu/info/live-work-travel-eu/health/coronavirus-response/fighting-disinformation/identifying-conspiracy-theories%5Fde?ref=uebergabe.de) (EU-Kommission - European Commission) - [Warum Verschwörungstheoretiker nicht einfach nur Spinner sind](https://www.tagesspiegel.de/kultur/ideologien-in-der-coronakrise-warum-verschwoerungstheoretiker-nicht-einfach-nur-spinner-sind/25844136.html?ref=uebergabe.de) (tagesspiegel.de) - [Warum Corona-Verschwörungsgläubige keine Rücksicht verdienen](https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/halt-mal-den-rand-onkel-warum-corona-verschwoerungsglaeubige-keine-ruecksicht-verdienen/25816652.html?ref=uebergabe.de) (tagesspiegel.de) - [Mitte-Studie 2019](https://www.fes.de/forum-berlin/gegen-rechtsextremismus/mitte-studie?ref=uebergabe.de) (fes.de) - [Resolving the Puzzle of Conspiracy Worldview and Political Activism: Belief in Secret Plots Decreases Normative but Increases Nonnormative Political Engagement](https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/1948550619896491?ref=uebergabe.de) (journals.sagepub.com) - [Bullshit Jobs: Vom wahren Sinn der Arbeit](https://www.amazon.de/Bullshit-Jobs-wahren-Sinn-Arbeit/dp/360898108X?ref=uebergabe.de) (amazon.de) - [Rabbit Hole Podcast](https://www.nytimes.com/column/rabbit-hole?ref=uebergabe.de) (nytimes.com) #### Weitere Shownotes #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ### Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon) URL: https://www.uebergabe.de/ug056/ Last updated: 2026-06-13T00:05:03.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 31.10.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Patient-to-Nurse Ratio ist leicht zu berechnen, aber schwer zu deuten. - Deutschlands hohe Bettendichte erzeugt günstige Betten mit gravierenden Nebenwirkungen. - In der Langzeitpflege fehlt vor allem hoch qualifiziertes statt mehr Personal. - Starre Personalgrenzen können die Akademisierung eher bremsen als fördern. - Gute Führung entscheidet maßgeblich über Zufriedenheit und Versorgungsqualität. Wie viele Patient:innen darf eine Pflegefachperson gleichzeitig versorgen, damit gute Pflege noch möglich ist? Genau um diese Frage dreht sich die sogenannte Patient-to-Nurse Ratio. Sie klingt nach einer simplen Rechnung – doch hinter ihr verbirgt sich eine erstaunlich komplexe Debatte über Gesundheitspolitik, Ökonomie und die Zukunft des Pflegeberufs. Im Übergabe-Podcast war dazu Prof. Dr. Michael Simon zu Gast, der am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Basel forscht und gleichzeitig den Bereich universitäre Forschung Pflege der Inselgruppe in Bern leitet. (Nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls bekannten Michael Simon aus Hannover – die beiden werden gerne mal vertauscht.) ## Eine Zahl, die mehr verschweigt, als sie verrät Beginnen wir mit dem Begriff selbst. Die Patient-to-Nurse Ratio – so die fachlich korrekte Reihenfolge – beschreibt das Verhältnis von Pflegepersonal zu Patient:innen. Häufig wird sie synonym mit „Personalausstattung" verwendet, und das ist nicht grundsätzlich falsch. Aber es ist eine Vereinfachung. Denn die eigentliche Frage, die Pflegende und Öffentlichkeit umtreibt, lautet: Bleibt überhaupt genug Zeit für eine Versorgung, die diesen Namen verdient? Die Ratio ist dafür ein nützlicher Indikator – aber sie drückt längst nicht alles aus. Was sie bedeutet, hängt stark vom Setting ab. Im Krankenhaus schwankt sie deutlich stärker als in der Langzeitpflege, und in jedem Versorgungsbereich stellen sich andere Probleme. Während sich im Schweizer Spital diplomiertes Personal grundsätzlich rekrutieren lässt, sieht es im Langzeitbereich anders aus. Starre Vorgaben helfen dann nur begrenzt – denn wer kein passend qualifiziertes Personal findet, muss die Menschen trotzdem versorgen. > *„Die Berechnung ist relativ schlicht. Die große Herausforderung ist die Frage: Was drückt diese Zahl eigentlich aus – und was hat man davon?" — Prof. Dr. Michael Simon* ## Wenn die Besetzung Achterbahn fährt Wie unruhig die Personalausstattung in der Realität ist, zeigt eine Studie, die Simons Team am Inselspital durchgeführt hat. Über drei Jahre hinweg wurde im Halbstunden-Takt analysiert, wie stark die [Patient-to-Nurse Ratio über Stationen und Schichten hinweg schwankt](https://www.jmir.org/2020/4/e15554/?ref=uebergabe.de). Das Ergebnis ist aufschlussreich: Natürlich sieht es im Nachtdienst anders aus als im Früh- oder Spätdienst. Spannender sind die „Extremausstattungen" – definiert als Abweichung um mehr als 50 Prozent vom langjährigen Median. Ein Beispiel: Liegt der Frühdienst-Median bei vier Patient:innen pro Pflegefachperson, gilt weniger als zwei als Über- und mehr als sechs als Unterausstattung. In manchen Kliniken war bis zu einem Drittel der Schichten so „extrem" besetzt. Und das, obwohl die Inselgruppe vermutlich noch vergleichsweise gut dasteht. Die zentrale Erkenntnis: Schon das bloße Köpfezählen gelingt kaum konstant. Ob die jeweiligen Patient:innen einen höheren oder niedrigeren Pflegebedarf haben, ist dann fast schon eine sekundäre Frage – wichtig, aber nicht das Hauptproblem. Die eigentliche Baustelle liegt im operativen Alltag: Wie schafft man es überhaupt, in jeder einzelnen Schicht genügend Personal vorzuhalten? ## Das „Aldi-Bett" und seine Nebenwirkungen Warum gerät gerade Deutschland bei diesem Thema so unter Druck? Simon verweist auf einen strukturellen Befund, den auch der Gesundheitsökonom Reinhard Busse herausgearbeitet hat: die enorme Bettendichte. Deutschland verfügte zum Zeitpunkt der Aufnahme über rund 30.000 Intensivbetten – die Schweiz unter regulären Bedingungen über etwa 800, bei rund einem Zehntel der Einwohnerzahl. Umgerechnet müsste die Schweiz also nur einen Bruchteil dessen vorhalten, was Deutschland bereitstellt. Diese Diskrepanz hat handfeste Folgen für die Personalausstattung. Wer viele Betten betreiben will, muss sie auch personell bestücken – und das verschärft jedes Rekrutierungsproblem. Simon bringt es auf ein griffiges Bild: Deutschland habe gewissermaßen das „Aldi-Bett" erfunden – ein für sich genommen sehr günstiges Krankenhausbett, allerdings mit allen negativen Nebeneffekten, die ein solcher Spar-Ansatz mit sich bringt. Im Hintergrund steht eine ökonomische Logik: Krankenhäuser sind in Deutschland ein wirtschaftlicher Motor, und Personal ist der teuerste Posten. Wer spart, spart zuerst dort – und versucht zugleich, möglichst viele Betten auszulasten. Die Folge ist ein System, das sich selbst unter Kostendruck setzt. Hinzu kommt die politische Realität: Versuch einmal als Lokalpolitiker:in, ein Landkrankenhaus zu schließen. Ressourcen werden vorgehalten, die kaum finanzierbar sind – und am Ende stellt sich immer die unbequeme Frage, wer die Rechnung bezahlen soll. ## Warum starre Grenzen ein zweischneidiges Schwert sind Naheliegend wäre der Ruf nach klaren gesetzlichen Untergrenzen. Doch Simon ist da skeptisch – und das aus einem überraschenden Grund. Starre Vorgaben begrenzen die Möglichkeit der Einrichtungen, sich in der Qualifikation flexibel an den Bedarf anzupassen. Wer etwa erweiterte Pflegerollen wie Advanced Practice Nursing aufbauen will, dem helfen zu einfache, starre Personalvorgaben nicht – sie verhindern solche Entwicklungen eher. Dazu kommt ein praktisches Problem: Eine Untergrenze wird schnell zur Obergrenze. Wer eine Marke definiert, setzt einen starken Anreiz, sich genau daran zu orientieren. Und da Spitäler sehr unterschiedlich aufgestellt sind, liegt eine pauschale Grenze fast zwangsläufig bei einem Teil der Häuser schlicht falsch – mal zu niedrig, mal zu hoch. Die Erfahrungen mit der deutschen Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung lassen sich genau unter diesem Blickwinkel betrachten. > *„Wenn man kein Personal hat oder es nicht in der gewünschten Qualifikation rekrutieren kann, muss man die Leute trotzdem versorgen. Deshalb bin ich kein großer Freund von zu starren Regeln." — Prof. Dr. Michael Simon* ## Langzeitpflege: komplexer als ihr Ruf Interessanterweise ist die Langzeitpflege bei der Bedarfsbeschreibung sogar besser aufgestellt als das Krankenhaus. Sowohl stationäre als auch ambulante Langzeitpflege können in der Schweiz national beschreiben, welche pflegerische Ausgangslage ihre Bewohner:innen und Klient:innen mitbringen – etwas, das für Spitäler so gar nicht möglich ist. Das eigentliche Problem liegt auf der anderen Seite: bei der Bereitstellung des Personals. Gut ausgebildete, erfahrene Pflegefachpersonen zu rekrutieren und zu halten, fällt schwer, weil das Krankenhaus traditionell als attraktiveres Setting gilt. Hier wird auch ein hartnäckiges Vorurteil sichtbar. In der öffentlichen Wahrnehmung wird Pflege älterer Menschen oft auf Waschen, Händchenhalten und funktionale Tätigkeiten reduziert. Tatsächlich aber leben in den Einrichtungen zunehmend hochkomplexe, multimorbide Menschen, deren Versorgung anspruchsvolles pflegerisches Wissen erfordert. Die Idee, all das ließe sich vorrangig mit Hilfskräften abdecken, greift zu kurz – denn auch sie brauchen jemanden, der fachlich fundierte Entscheidungen trifft und die Richtung vorgibt. Die größte Baustelle ist deshalb nicht „mehr Personal", sondern qualifiziertes Personal. ## Intercare: Wie Expertise Krankenhausaufenthalte verhindert Wie groß der Hebel sein kann, zeigt das vom Schweizer Nationalfonds geförderte [Projekt Intercare zur Vermeidung von Hospitalisierungen](https://intercare.nursing.unibas.ch/?ref=uebergabe.de). Dabei wird eine speziell weiterqualifizierte „Intercare Nurse" eingeführt, die Versorgungssituationen besser einschätzen und managen kann – mit Schwerpunkten auf Assessment, interprofessioneller Zusammenarbeit, Kommunikation mit der Hausärzt:in und vorausschauender Planung am Lebensende. Die Zahlen sind eindrücklich: In der Schweiz lassen sich rund 40 Prozent der Hospitalisierungen aus dem Pflegeheim als vermeidbar einstufen – das entspricht etwa 100 Millionen Franken pro Jahr. Weitet man den Blick auf den ambulanten Bereich aus, kommt man auf [über eine Milliarde Franken an vermeidbaren Krankenhausaufenthalten](https://link.springer.com/article/10.1007/s00038-019-01294-1?ref=uebergabe.de) jährlich. Geld, mit dem sich, so Simon, sehr viele zusätzlich qualifizierte Pflegefachpersonen finanzieren ließen. Für Geriater:innen und die Hausarztmedizin ist diese Entwicklung längst naheliegend – bei Gesundheitspolitik und Versicherungen brauche die Erkenntnis nur noch etwas länger. > *„Es geht da nicht um mehr Personal, sondern um höher qualifiziertes Personal. Die Pflegenden mit zusätzlichen Fähigkeiten machen den Unterschied." — Prof. Dr. Michael Simon* ## Zufriedene Teams, bessere Versorgung – und die Rolle der Führung Personalausstattung interessiert die Forschung aus zwei Richtungen: Was macht sie mit Patient:innen – und was mit Pflegenden? Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ist die zweite Frage zentral. Methodisch ist das Feld allerdings tückisch. Viele Studien befragen Pflegende gleichzeitig zur Personalausstattung und zu ihrem eigenen Befinden – ein Problem, das in der Forschung als „Common Method Variance" bekannt ist. Dass es einen Zusammenhang gibt, steht außer Frage; ihn sauber nachzuweisen, ist die eigentliche Kunst. Entscheidend ist dabei die Nachhaltigkeit. Zu hohe Taktung macht Menschen langfristig unzufrieden und krank. Hilfreich sind dabei Erkenntnisse aus der Stressforschung, etwa zum Verhältnis von Anstrengung und Anerkennung. Studien aus Schweizer Spitälern zeigen außerdem, dass [starre Dienstpläne mit emotionaler Erschöpfung zusammenhängen](https://linkinghub.elsevier.com/retrieve/pii/S0020748918300762?ref=uebergabe.de) – Autonomie und Mitgestaltung wirken dagegen schützend. Das Problem: Zu viele Organisationen behandeln Pflegende noch immer wie eine „nachwachsende Ressource", die sich von selbst erneuert. Eine Haltung, die sich angesichts der Demografie nicht mehr halten lässt. Ein Faktor, der in der Debatte oft zu kurz kommt, ist Führung. Ob Mitarbeitende zufrieden sind, hängt maßgeblich davon ab, ob die Leitung einen guten Job macht – und das als zentralen Teil ihrer Aufgabe begreift. Gute Führungspersonen sind in der Pflege rar und werden überall mit Kusshand genommen. Wer Pflegefachpersonen nicht mehr rekrutieren kann, sollte sich also fragen, was im eigenen Haus schiefläuft – denn der „Markt", der so gern beschworen wird, gilt auch für Arbeitgeber. ## Kaliforniens strenge Quoten – ein Modell für uns? Oft werden gesetzlich festgelegte Mindestquoten wie in Kalifornien als Vorbild genannt. Doch bei näherer Betrachtung sind sie ein scharfes Schwert. Die kalifornischen Minimum-Ratios werden rund um die Uhr gedacht – eine konstante Besetzung von beispielsweise eins zu fünf, 24 Stunden an sieben Tagen. [Die Evidenzlage zu Personalausstattung und Patient:innen-Outcomes](https://linkinghub.elsevier.com/retrieve/pii/S0020748916300049?ref=uebergabe.de) ist zwar belastbar, aber gerade bei solchen starren Quoten widersprüchlich: Manche Studien sehen Vorteile für die Patientensicherheit, andere blicken kritischer auf die Nebeneffekte. Und man muss eine Quote auch besetzen können. Hinzu kommt ein systemischer Punkt: Die USA schließen einen großen Teil der Bevölkerung von der Versorgung schlicht aus. Ein Modell, das für einen Teil der Menschen hochattraktiv ist, andere aber links liegen lässt, taugt nur bedingt als Blaupause. Simon stellt stattdessen eine reizvolle Gedankenübung in den Raum: Was würde mit der Patient-to-Nurse Ratio in Deutschland passieren, wenn man jedes zweite Bett schließen und das Personal beibehalten würde? Eine Perspektive, die das Verhältnis von Struktur und Personalausstattung schlagartig neu beleuchtet. ## Zwischen Ungeduld und langem Atem Zum Schluss prallten im Gespräch zwei Haltungen aufeinander – und das ganz produktiv. Auf der einen Seite die Ungeduld: Wissen über Delir, über Qualifikationseffekte, über vermeidbare Krankenhausaufenthalte liegt längst vor, wird aber zu selten umgesetzt. Und das geht auf Kosten der Menschen, die Hilfe brauchen. Auf der anderen Seite die Einordnung: Gesundheitssysteme verändern sich in politischen Prozessen, die Zeit brauchen, von Machtverhältnissen geprägt sind und sich nie eins zu eins aus wissenschaftlicher Erkenntnis ableiten lassen. Simons Plädoyer ist dabei kein Aufruf zur Resignation – im Gegenteil. Er will das Narrativ durchbrechen, die Verhältnisse seien eben so und ließen sich nicht ändern. Wer so startet, hat schon verloren. Die Entwicklung der Pflege über die letzten 20 Jahre – Akademisierung, neue Berufsbilder, professionelles Selbstverständnis – ist beachtlich, auch wenn Rückschläge wie die Diskussionen um einzelne Pflegekammern frustrieren. Sein Rat an die nächste Generation klingt deshalb fast paradox: Bleibt ungeduldig – und verliert zugleich die mittel- und langfristige Perspektive nicht aus den Augen. Denn die Möglichkeiten, die sich heute in der Pflege bieten, sind nahezu grenzenlos. Es ist nur die Frage, wie sie genutzt werden. ## Zum Weiterhören - [ÜG183 – Personalbemessung in der Pflege (Martin Pohlmann & Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug183/) - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) - [ÜG043 – Krankenhausfinanzierung (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug043/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Überblick Staffing Policies - [Van den Heede, K., Cornelis, J., Bouckaert, N., Bruyneel, L., Van de Voorde, C., & Sermeus, W. (2020). Safe nurse staffing policies for hospitals in England, Ireland, California, Victoria and Queensland: a discussion paper. Health Policy. doi:10.1016/j.healthpol.2020.08.003](https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0168851020302037?ref=uebergabe.de) (sciencedirect.com) ### Unerwünschte Ereignisse - [Dolci, E., Schärer, B., Grossmann, N., Musy, S., Zúñiga, F., Bachnick, S., & Simon, M. (2020). Automated Fall Detection Algorithm With Global Trigger Tool, Incident Reports, Manual Chart Review, and Patient-Reported Falls: Algorithm Development and Validation With a Retrospective Diagnostic Accuracy Study. Journal of Medical Internet Research.](https://preprints.jmir.org/preprint/19516?ref=uebergabe.de) (preprints.jmir.org) - [Grossmann, N., Gratwohl, F., Musy, S. N., Nielen, N. M., Donzé, J., & Simon, M. (2019). Describing adverse events in medical inpatients using the Global Trigger Tool. Swiss Medical Weekly, 149, w20149\. doi:10.4414/smw.2019.20149](https://smw.ch/article/doi/smw.2019.20149?ref=uebergabe.de) (smw.ch) ### Patient-to-nurse-ratio - [Musy, S. N., Endrich, O., Leichtle, A. B., Griffiths, P., Nakas, C. T., & Simon, M. (2020). Longitudinal Study of the Variation in Patient Turnover and Patient-to-Nurse Ratio: Descriptive Analysis of a Swiss University Hospital. Journal of Medical Internet Research, 22(4), e15554\. doi:10.2196/15554](https://www.jmir.org/2020/4/e15554/?ref=uebergabe.de) (jmir.org) - [Griffiths, P., Ball, J., Drennan, J., Dall’Ora, C., Jones, J., Maruotti, A., … Simon, M. (2016). Nurse staffing and patient outcomes: Strengths and limitations of the evidence to inform policy and practice. A review and discussion paper based on evidence reviewed for the National Institute for Health and Care Excellence Safe Staffing guideline development. International Journal of Nursing Studies, 63, 213–225\. doi:10.1016/j.ijnurstu.2016.03.012](https://linkinghub.elsevier.com/retrieve/pii/S0020748916300049?ref=uebergabe.de) (linkinghub.elsevier.com) - [Dhaini, S. R., Simon, M., Ausserhofer, D., Abed Al Ahad, M., Elbejjani, M., Dumit, N., & Abu-Saad Huijer, H. (2020). Trends and variability of implicit rationing of care across time and shifts in an acute care hospital: A longitudinal study. Journal of Nursing Management. doi:10.1111/jonm.13035](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/jonm.13035?ref=uebergabe.de) (onlinelibrary.wiley.com) ### Skill & Grademix - [Interview mit Prof. Dr. Michael Simon über die Frage wie qualifizierte Pflege hilft Kosten zu sparen | News | Pflegewissenschaft – Nursing Science (INS)](https://nursing.unibas.ch/de/aktuell/news/news/interview-mit-prof-dr-michael-simon-ueber-die-frage-wie-qualifizierte-pflege-hilft-kosten-zu-sparen/?ref=uebergabe.de)(nursing.unibas.ch) - [Muench, U., Simon, M., Guerbaai, R.-A., De Pietro, C., Zeller, A., Kressig, R. W., … INTERCARE Research Group. (2019). Preventable hospitalizations from ambulatory care sensitive conditions in nursing homes: evidence from Switzerland. International Journal of Public Health, 64(9), 1273–1281\. doi:10.1007/s00038-019-01294-1](https://link.springer.com/article/10.1007/s00038-019-01294-1?error=cookies%5Fnot%5Fsupported&code=692c917c-0812-4fc1-909e-649b8452f412&ref=uebergabe.de) (link.springer.com) - [SZúñiga, F., De Geest, S., Guerbaai, R. A., Basinska, K., Nicca, D., Kressig, R. W., … Simon, M. (2019). Strengthening geriatric expertise in swiss nursing homes: INTERCARE implementation study protocol. Journal of the American Geriatrics Society, 67(10), 2145–2150\. doi:10.1111/jgs.16074](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/jgs.16074?ref=uebergabe.de) (onlinelibrary.wiley.com) - [Intercare – Pflegegeleitete Versorgungsmodelle](https://intercare.nursing.unibas.ch/?ref=uebergabe.de) (intercare.nursing.unibas.ch) ### Arbeitszeitorganisation - [Dhaini, S. R., Denhaerynck, K., Bachnick, S., Schwendimann, R., Schubert, M., De Geest, S., Simon, M. Match RN study group. (2018). Work schedule flexibility is associated with emotional exhaustion among registered nurses in Swiss hospitals: A cross-sectional study. International Journal of Nursing Studies, 82, 99–105\. doi:10.1016/j.ijnurstu.2018.03.019](https://linkinghub.elsevier.com/retrieve/pii/S0020748918300762?ref=uebergabe.de) (linkinghub.elsevier.com) - [Dall’Ora, C., Griffiths, P., Ball, J., Simon, M., & Aiken, L. H. (2015). Association of 12 h shifts and nurses’ job satisfaction, burnout and intention to leave: findings from a cross-sectional study of 12 European countries. BMJ Open, 5(9), e008331\. doi:10.1136/bmjopen-2015-008331](https://bmjopen.bmj.com/content/5/9/e008331?ref=uebergabe.de) (bmjopen.bmj.com) - [Griffiths, P., Dall’Ora, C., Simon, M., Ball, J., Lindqvist, R., Rafferty, A.-M., … RN4CAST Consortium. (2014). Nurses’ shift length and overtime working in 12 European countries: the association with perceived quality of care and patient safety. Medical Care, 52(11), 975–981\. doi:10.1097/MLR.0000000000000233](https://journals.lww.com/lww-medicalcare/Fulltext/2014/11000/Nurses%5F%5FShift%5FLength%5Fand%5FOvertime%5FWorking%5Fin%5F12.7.aspx?ref=uebergabe.de) (journals.lww.com) ### Living Lab (Prof. Dr. Jan Hamers, Dr. Silke Metzelthin & Ramona Backhaus, PhD) URL: https://www.uebergabe.de/ug055/ Last updated: 2026-06-13T21:15:01.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 17.10.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Living Lab in Maastricht verzahnt Forschung, Ausbildung und Pflegepraxis strukturell. - Linking Pins verbinden Universität und Einrichtungen mit dualen Arbeitsplätzen. - Reale Praxisprobleme sind immer der Ausgangspunkt der Forschung. - Eine starre Fachkraftquote lässt sich wissenschaftlich kaum begründen. - Vertrauen und Beziehungsarbeit sind die wahre Basis des Erfolgs. Wie kommt wissenschaftliches Wissen eigentlich ans Pflegebett? Und wie finden umgekehrt die echten Probleme aus dem Pflegealltag ihren Weg in die Forschung? In Deutschland ist dieser Weg oft lang, holprig und voller Abzweigungen. In den Niederlanden gibt es dafür seit über zwei Jahrzehnten eine erstaunlich elegante Antwort: das Living Lab. In dieser Episode haben wir mit Prof. Dr. Jan Hamers, Dr. Silke Metzelthin und Ramona Backhaus von der Universität Maastricht gesprochen – und einen Blick über die Grenze geworfen, der überraschend viel mit unserem eigenen System zu tun hat. ## Ein Blick ins niederländische Pflegesystem Bevor wir ins eigentliche Thema eingestiegen sind, lohnt sich der Vergleich. Viele in Deutschland gehen davon aus, dass in den Niederlanden fast alle Pflegenden einen Bachelorabschluss haben. Das stimmt so nicht. Auch dort gibt es ein vielfältig gegliedertes Ausbildungssystem: bachelorausgebildete Pflegende, Pflegende mit Berufsschulabschluss, sogenannte Versorgende und verschiedene Hilfskräfte. Gerade in der Altenpflege hat der Großteil des Personals einen Abschluss als Versorgende – vergleichbar mit der klassischen deutschen Altenpflegekraft, allerdings nach vierjähriger Ausbildung an einer Berufsschule. Pflegewissenschaftler:innen gibt es zwar, sie bilden aber eine Minderheit. Spannend ist vor allem die Struktur der Versorgung. Die klassischen Altenheime hat man in den Niederlanden weitgehend abgeschafft – allein das Alter ist kein Grund mehr für einen Heimplatz. Nur noch rund fünf bis sieben Prozent der älteren Menschen leben tatsächlich stationär, der Rest wird ambulant versorgt. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Bezirkspflegenden, die in kleinen Teams arbeiten, eigenständig den Bedarf ermitteln und stark auf Prävention setzen – ein Modell, das an Community Health Nursing erinnert und das einige unserer Hörer:innen vielleicht vom [Organisationsmodell Buurtzorg](https://www.uebergabe.de/ug063/) kennen. Finanziert wird das Ganze überwiegend solidarisch über Sozialabgaben, die stationäre Langzeitpflege ist zu rund 80 bis 90 Prozent staatlich organisiert. ## Was ein Reallabor in der Pflege überhaupt ist Damit sind wir beim Herzstück der Episode. „Living Lab" klingt erst einmal abstrakt – im Deutschen würde man „Reallabor" sagen. Konkret meint es aber nicht mehr und nicht weniger als eine strukturelle, dauerhafte Zusammenarbeit zwischen Pflegepraxis, Forschung und Ausbildung. Das Ziel ist klar umrissen: durch wissenschaftliche Forschung die Lebensqualität älterer Menschen, die Pflegequalität und die Qualität der Arbeit von Pflegefachpersonen verbessern. > *„Das Living Lab ist eigentlich nicht mehr und nicht weniger als eine strukturelle Zusammenarbeit zwischen der Praxis, der Forschung und der Ausbildung." — Prof. Dr. Jan Hamers* Zum Netzwerk gehören die Universität, eine Fachhochschule, mehrere Berufsschulen und – zum Zeitpunkt der Aufnahme – sieben große Altenpflegeanbieter. Zusammen versorgen diese rund 30.000 Menschen und beschäftigen etwa 15.000 Mitarbeitende. Zwei Prinzipien tragen die ganze Konstruktion. Erstens arbeitet man multidisziplinär an konkreten Problemen aus der Praxis – mit Pflegenden, Wissenschaftler:innen, Ärzt:innen, Physio- und Ergotherapeut:innen. Zweitens gibt es duale Arbeitsplätze: Promovierte Mitarbeitende der Universität arbeiten einen Tag pro Woche direkt bei den Pflegeanbietern. Diese Brückenbauer:innen nennen sich Linking Pins. Inzwischen gibt es das Prinzip auch andersherum – als Praxis-Linking-Pins, bei denen jemand aus einer Einrichtung freigestellt wird, um an Forschungsprojekten mitzuwirken. Wer tiefer einsteigen möchte: Das Konzept ist in einem [wissenschaftlichen Artikel zum Living Lab Ageing and Long-Term Care](https://link.springer.com/article/10.1007/s12603-019-1288-5?ref=uebergabe.de) ausführlich beschrieben. ## Die Geschichte einer Idee, die niemand geplant hat Das Living Lab ist nicht am Reißbrett entstanden. 1998 begann alles ganz klein: Ein Pflegeheimdirektor, der nebenbei an der Universität Maastricht Pflegewissenschaft studierte, kam mit Jan Hamers ins Gespräch. Niemand sprach damals von einem „Living Lab" – man machte einfach gemeinsame, konkrete Projekte. Dann meldeten sich andere Heime, weil sie von den Erfolgen gehört hatten. Aus einem Linking Pin wurden mehrere, die Fachhochschule kam dazu, schließlich die Berufsschulen. Über 23 Jahre wuchs daraus die heutige Struktur. Ein Detail ist den Gästen besonders wichtig: Die Partner wurden nie aktiv angeworben. Sie riefen selbst an, weil sie den Mehrwert sahen. Das sagt viel über das Commitment aller Beteiligten aus. Bekannt wurde die Arbeit nicht zuerst über große Publikationen, sondern über Mundpropaganda – Direktor:innen reden miteinander, Pflegefachpersonen reden miteinander. ## Das erste Projekt: freiheitsentziehende Maßnahmen Wie ein solches Projekt abläuft, lässt sich am eindrücklichsten am allerersten Vorhaben zeigen. In einer multidisziplinären Arbeitsgruppe eines Pflegeheims kam ein Problem auf den Tisch: Ergo- und Physiotherapeut:innen fanden, dass die Pflegenden Menschen „nicht gut genug" fixierten. Statt das einfach hinzunehmen, startete man eine Prävalenzstudie – und erschrak. Bei jedem zweiten älteren Menschen wurden freiheitsentziehende Maßnahmen eingesetzt, jeder Dritte wurde mit Bauchgurten fixiert. Als das Team mit den Daten konfrontiert wurde, glaubte es zunächst, sie stammten aus einem anderen Haus. Tatsächlich waren es ihre eigenen Zahlen. Das wurde zum Startpunkt einer langen Forschungslinie zur Reduzierung und Prävention freiheitsentziehender Maßnahmen – inklusive der Bettgitter, die viele damals gar nicht als solche Maßnahme wahrnahmen. Der Widerstand war anfangs enorm, weil Pflegende und Ärzt:innen in ihrer Ausbildung gelernt hatten, dass Fixieren Schutz bedeute, etwa vor Stürzen. Verändert hat sich das nicht über Nacht, sondern über rund 15 Jahre intensiver Zusammenarbeit. Ein kreatives Experiment, bei dem sich Pflegefachpersonen selbst 24 Stunden fixieren ließen, sorgte für mediale Aufmerksamkeit und für ein echtes Umdenken. Am Ende änderte sich sogar die Gesetzgebung – auf Basis dieser Forschung. > *„Ich hoffte, dass sich später junge Leute in Ausbildung fragen: Menschen fixieren, macht ihr das? Und jetzt sind wir da." — Prof. Dr. Jan Hamers* Übrigens ist das kein rein niederländisches Phänomen: In Deutschland haben Sascha Köpke und Gabriele Meyer zum selben Thema wichtige Arbeit geleistet. Das zeigt, was Jan Hamers immer wieder betont: Das Gras auf dem Nachbarhügel ist nicht grüner. Die Probleme ähneln sich von Land zu Land – und genau deshalb lohnt sich der internationale Austausch. ## Vertrauen statt Urteil – die Arbeit der Linking Pins Was muss eine Einrichtung mitbringen, um Teil des Living Labs zu werden? Kein bestimmtes Qualitätslevel, betonen die Gäste – sondern eine Haltung. Offenheit für Innovation, die Bereitschaft, sich zu verändern, und das Commitment, auch dann zu handeln, wenn Forschungsergebnisse einmal unbequem sind. Wer bei der Universität anruft, hat diese Haltung in der Regel ohnehin schon. Wie heikel der Praxistransfer bleibt, kennen wir aus Deutschland nur zu gut: Akademisch qualifizierte Pflegende werden im Heim nicht automatisch mit offenen Armen empfangen. Schnell entsteht die Sorge, „die von der Uni" wolle bewerten, ob man gut genug arbeite. Genau deshalb ist die Rolle der Linking Pins so zentral – und sie besteht vor allem aus Beziehungsarbeit. > *„Man muss sich einfach sehen lassen und vor Ort sein. Die Leute müssen dein Gesicht kennen." — Dr. Silke Metzelthin* Silke Metzelthin hat als Linking Pin etwa 15 Pflegeheime betreut, ist zu Teambesprechungen gegangen, hat viel Kaffee getrunken und Geduld bewiesen. Anfangs melden sich immer dieselben Personen, irgendwann kommen auch die Kritischeren. Die Aufgabe ist dabei vielseitig: Einerseits führt sie konkrete wissenschaftliche Projekte durch und bringt aktuelle Erkenntnisse ein – etwa für ein Schulungsprogramm zur Förderung der Selbstständigkeit in der ambulanten Pflege, das in eine [randomisierte kontrollierte Studie zum Reablement-Programm „Stay Active at Home"](https://link.springer.com/article/10.1186/s12877-018-0968-z?ref=uebergabe.de) mündete. Andererseits berät sie das Management strategisch und schafft Plattformen, auf denen sich Mitarbeitende verschiedener Einrichtungen austauschen – und zwar nicht nur Pflegende, sondern auch Verwaltungs- und Kommunikationspersonal oder der Heimbeirat. ## Drei Forschungslinien – und eine Pandemie Inhaltlich arbeitet das Living Lab entlang von drei Schwerpunkten. Der erste betrifft die direkte Pflege: Wie lassen sich Angehörige besser einbeziehen, wie kann man Selbstständigkeit fördern, wie mit Menschen mit Demenz besser kommunizieren? Der zweite dreht sich um Personal- und Innovationsmanagement – etwa um die Frage, wie man Pflegequalität misst und die Daten zur Verbesserung nutzt. Der dritte widmet sich radikalen Veränderungen wie neuen Wohnformen, etwa Pflege-Bauernhöfen, oder neuen Finanzierungsmodellen in der ambulanten Pflege. An letzterem arbeitet das Team gerade, unter anderem mit Methoden wie einer [maschinell gestützten Case-Mix-Klassifikation auf Basis standardisierter Pflegedaten](https://link.springer.com/article/10.1007/s10198-020-01213-9?ref=uebergabe.de). Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Herbst 2020 prägte natürlich die Corona-Pandemie den Alltag. Bewusst hat das Living Lab seit März vieles pausiert, um die Praxis nicht zusätzlich zu belasten. Stattdessen entstanden neue, aktuelle Projekte – etwa ein Auftrag des Ministeriums, die schrittweise Wiederöffnung der Heime nach den Besuchsverboten zu begleiten und deren Auswirkungen zu beobachten. Wie schwer diese Phase für Bewohner:innen war, beleuchten wir auch in unserer Episode zur [sozialen Teilhabe in Altenpflegeheimen unter Covid-19](https://www.uebergabe.de/ug054/). ## Wer das bezahlt – und warum die Unabhängigkeit zählt Die Finanzierung folgt einem klaren Prinzip. Die Basis tragen die Partner selbst: Die Einrichtungen finanzieren den Tag, an dem „ihr" Linking Pin bei ihnen arbeitet, die Universität stellt Koordination, Infrastruktur und Supervision. Die eigentlichen Projekte werden über Drittmittel finanziert – über nationale Förderagenturen oder EU-Programme wie Horizon 2020\. Seit einigen Jahren gibt es zusätzlich eine Kofinanzierung durch das Ministerium. Entscheidend ist dabei: Das Geld kommt ohne inhaltliche Vorgaben. Die Partner entscheiden gemeinsam und unabhängig, wofür sie es einsetzen. Und der Aufwand lohnt sich auch wirtschaftlich. Eine Studie, die anders gar nicht möglich wäre, kostet schnell mehrere tausend Euro – während die Finanzierung eines Linking Pins dagegen vergleichsweise gering ausfällt. Das Modell ist inzwischen sogar exportierbar: In Leeds entstand mit dem Projekt [NICHE Leeds](https://medicinehealth.leeds.ac.uk/directory%5Frecord/1033/niche-leeds?ref=uebergabe.de) eine Kopie nach Maastrichter Vorbild, die bereits große Forschungsgelder einwerben konnte. ## Die schwierige Frage nach der richtigen Personalbemessung Zum Abschluss ging es um ein Thema, das auch hierzulande heiß diskutiert wird: Personaleinsatz und Pflegequalität. Ramona Backhaus forscht seit 2012 dazu und hat gemeinsam mit Kolleg:innen rund 180 internationale Studien ausgewertet, nachzulesen unter anderem in einem [Übersichtsartikel zum Personaleinsatz in Pflegeheimen](https://link.springer.com/article/10.1007/s12603-018-1027-3?ref=uebergabe.de). Ihr Fazit ist ernüchternd – und befreiend zugleich. > *„Es gibt keine gute Begründung, auf Basis der bestehenden Datenlage zu sagen: Wir sollten strikte Fachkraftquoten einführen." — Ramona Backhaus, PhD* Die Studien stammen häufig aus den USA mit ganz anderen Systemen, nutzen Datenbanken, die nicht für Forschung gedacht waren, und unterstellen oft einen linearen Zusammenhang – mehr Personal gleich bessere Pflege. So einfach ist es aber nicht. Hinzu kommt: Pflegequalität wird meist sehr klinisch gemessen, an Stürzen oder Dekubitus, während Lebensqualität kaum erfasst wird. In den Niederlanden hat diese Forschung dazu geführt, dass das Ministerium auf eine starre Fachkraftquote in der stationären Altenpflege verzichtet. Statt eines Rezepts plädieren die Gäste dafür, auf Ebene jedes einzelnen Hauses zu schauen, welche Bewohnerpopulation vorliegt – und mit dem Personalmix zu experimentieren. Auch der quantitative Ansatz, wie ihn etwa die Rothgang-Studie in Deutschland verfolgt, stößt für sie an Grenzen, weil Pflege keine Fließbandarbeit ist. Wer dieses Spannungsfeld vertiefen möchte, findet in unserer Episode zur [Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio](https://www.uebergabe.de/ug056/) weitere Perspektiven. Am Ende bleibt eine versöhnliche Botschaft – gerade für alle, die sich in Deutschland manchmal allein mit ihren Baustellen fühlen: Die Unterschiede zwischen den Ländern sind kleiner, als wir oft glauben. Klassenkämpfe zwischen Berufsgruppen, Streit über den Gegenstandsbereich der Pflege, mühsame Beziehungsarbeit beim Praxistransfer – das alles kennen die Niederländer:innen genauso. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Episode: Wir können voneinander lernen, wenn wir die Grenzen im Kopf ein Stück weit streichen. Jan Hamers' großer Wunsch für die Zukunft passt da perfekt – er würde das Living Lab gern über die nahe Grenze hinaus ausweiten, mit Pflegeheimen aus Deutschland oder Belgien. ## Zum Weiterhören - [ÜG063 – Buurtzorg als Organisationsmodell der ambulanten Pflege (Johannes Technau)](https://www.uebergabe.de/ug063/) - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) - [ÜG054 – Soziale Teilhabe in Altenpflegeheimen unter Covid-19 in S1-Leitlinie und Survey-Studie (Prof. Dr. Margareta Halek)](https://www.uebergabe.de/ug054/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [Englischsprachige Webseite Living Lab Ageing and Long-Term Care (inkl. Film)](https://www.academischewerkplaatsouderenzorg.nl/living-lab-ageing-long-term-care?ref=uebergabe.de) (academischewerkplaatsouderenzorg.nl) - [Wissenschaftlicher Artikel Living Lab Ageing and Long-Term Care](https://link.springer.com/article/10.1007/s12603-019-1288-5?ref=uebergabe.de) (link.springer.com) - [Englischsprache Webseite NICHE Leeds](https://medicinehealth.leeds.ac.uk/directory%5Frecord/1033/niche-leeds?ref=uebergabe.de) (medicinehealth.leeds.ac.uk) - [Dissertation Exbelt (Intervention zur Prävention freiheitsentziehender Maßnahmen in Pflegeheimen)](https://www.academischewerkplaatsouderenzorg.nl/sites/intranet.mumc.maastrichtuniversity.nl/files/awo/public%5Fresearch/public%5Fresearch%5Fprogramme-exbelt-proefschrift%5Fgulpers.pdf?ref=uebergabe.de) (academischewerkplaatsouderenzorg.nl) - [Übersichtsartikel Interventionen zur Prävention freiheitsentziehender Maßnahmen](https://econtent.hogrefe.com/doi/10.1024/1012-5302/a000242?ref=uebergabe.de) (Hogrefe.com) - [Wissenschaftlicher Artikel über ‘involuntary treatment’](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/jgs.13946?ref=uebergabe.de) (Wiley.com) - [Wissenschaftlicher Artikel Personaleinsatz in Pflegeheimen](https://link.springer.com/article/10.1007/s12603-018-1027-3?ref=uebergabe.de) (link.springer.com) - [*‘Doing with …’* rather than *‘doing for …’* older adults: rationale and content of the *‘Stay Active at Home’* programme](https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/0269215517698733?ref=uebergabe.de) (sage pub.com) - [Experiences of home‐care workers with the ‘Stay Active at Home’ programme targeting reablement of community‐living older adults: An exploratory study](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/hsc.12863?ref=uebergabe.de) (Wiley.com) - [Effects, costs and feasibility of the ‘Stay Active at Home’ Reablement training programme for home care professionals: study protocol of a cluster randomised controlled trial](https://link.springer.com/article/10.1186/s12877-018-0968-z?ref=uebergabe.de) (link.springer.com) - [Which client characteristics predict home‐care needs? Results of a survey study among Dutch home‐care nurses](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/hsc.12611?ref=uebergabe.de) (Wiley.com) - [A systematic review of case-mix models for home health care payment: Making sense of variation](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0168851019303069?ref=uebergabe.de) (sciencedirect.com) - [Using machine learning to assess the predictive potential of standardized nursing data for home healthcare case-mix classification](https://link.springer.com/article/10.1007/s10198-020-01213-9?ref=uebergabe.de) (link.springer.com) - [Wissenschaftlicher Artikel Besuchsregelung in Pflegeheimen in Zeiten von COVID-19](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1525861020305260?ref=uebergabe.de) (sciencedirect.com) #### Weitere Shownotes #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ### Soziale Teilhabe in Altenpflegeheimen unter Covid-19 in S1-Leitlinie und Survey-Studie (Prof. Dr. Margareta Halek) URL: https://www.uebergabe.de/ug054/ Last updated: 2026-06-17T08:40:41.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 03.10.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Lockdowns schützten Bewohner:innen, gefährdeten aber massiv ihre soziale Teilhabe und Lebensqualität. - Eine S1-Leitlinie bündelt Handlungsempfehlungen für Einrichtungen unter Pandemiebedingungen. - Mitbestimmung von Bewohner:innen war im Krisenmodus kaum vorgesehen. - Eine Survey-Studie sammelte Praxisideen – mit ernüchterndem Rücklauf. - Pflege braucht Pandemiepläne, die jederzeit aus der Schublade gezogen werden können. Als im Frühjahr 2020 die Türen der Altenpflegeheime zufielen, ging es um Leben und Tod – und gleichzeitig um eine Frage, die zunächst kaum jemand stellte: Was wird eigentlich aus dem Leben der Menschen, die dort wohnen? Genau darum dreht sich diese Podcast-Folge mit Prof. Dr. Margareta Halek von der Universität Witten/Herdecke. Sie hat die inhaltliche Koordination einer S1-Leitlinie übernommen, die soziale Teilhabe und Lebensqualität in der stationären Altenhilfe unter Pandemiebedingungen in den Blick nimmt. Das Thema ist so groß „wie alles, was ein gutes Leben ausmacht" – und stand im Lockdown plötzlich auf dem Spiel. ## Was soziale Teilhabe wirklich bedeutet Der Begriff der sozialen Teilhabe stammt ursprünglich aus der Behindertenrechtskonvention. Es geht darum, aktiv mitgestalten zu können und Teil des politischen, sozialen und kulturellen Lebens zu sein. Übertragen auf das Pflegeheim heißt das: an Aktivitäten teilnehmen, mitbestimmen können, was mit einem geschieht, Rollen übernehmen, sich ausdrücken. Kurz – das Leben auch wirklich leben zu dürfen. Eng damit verknüpft ist die Lebensqualität: ein Leben, das sich nicht an minimalen Anforderungen orientiert, sondern in dem Menschen sich wohlfühlen und ihre Ziele erreichen können. Genau diese Vorstellung geriet im Frühjahr 2020 in einen scharfen Widerspruch zu den Schutzmaßnahmen. Plötzlich standen Verbote im Raum – und das ausgerechnet für eine Gruppe, die ohnehin auf die Hilfe anderer angewiesen ist und sich oft nicht selbst Gehör verschaffen kann. > *„Wir alle, die Gesunden da draußen, wir können noch unsere Ausnahmen und Wege finden. Was machen die Menschen im Altenheim, die so sehr auf die Hilfe anderer angewiesen sind?" — Prof. Dr. Margareta Halek* ## Beruhigung am Anfang, Dilemma im Verlauf Halek macht keinen Hehl daraus, dass sie die erste Reaktion – erst einmal alles dichtzumachen – damals nachvollziehbar fand. Die Bilder aus Italien waren erschütternd, und das Bedürfnis, die Schwächsten zu schützen, war groß. Rückblickend hält sie den Moment der ersten Abschottung sogar für richtig. Das eigentliche Versäumnis lag woanders: Man hätte viel schneller darüber nachdenken müssen, welche Folgen eine andauernde Isolation hat. Denn niemand rechnete damit, dass aus Wochen Monate werden würden. Damit verbunden ist eine der heikelsten Fragen der Pandemie: die Mitbestimmung. In einer Einrichtung lebt niemand für sich allein. Wenn eine Person beschließt, das Risiko eines Außenkontakts einzugehen, betrifft das sofort alle Mitbewohner:innen – auch jene, die ängstlicher sind oder diese Entscheidung gar nicht mehr bewusst treffen können. Doch dahinter steckt ein viel grundsätzlicheres Problem, das Halek deutlich benennt: Wie gut funktioniert Mitbestimmung in Pflegeeinrichtungen eigentlich schon in Zeiten ohne Krise? Wie viel Gewicht haben Heimbeiräte, und wie werden die Stimmen der Schwächsten, etwa bettlägeriger Menschen, überhaupt gehört? Wer in der Krise plötzlich neue Beteiligungsprozesse entwickeln will, hat es schwer, wenn er sie vorher nie wirklich aufgebaut hat. ## Drinnen, draußen, dazwischen – die Widersprüche des Lockdowns Besonders eindrücklich ist im Gespräch die Schilderung der ganzen Indifferenz der damaligen Regelungen. Die einen durften nicht raus, die anderen nicht rein – und Pflegefachpersonen pendelten Tag für Tag zwischen Einrichtung und Außenwelt. Mancherorts wurden sie sogar zum Feindbild: Erzählt wird von Pflegenden, die nicht mehr im örtlichen Supermarkt einkaufen durften, weil sie als „Keimschleuder" galten. Andere zogen freiwillig in ihre Einrichtungen ein, um Kontakte zu minimieren. Halek verweist auf ein französisches Modell, bei dem Pflegende rund um die Uhr in den Häusern blieben – mit dem Ergebnis, dass dort retrospektiv keine Infektionen auftraten, während andere Einrichtungen hohe Raten verzeichneten. Eine wissenschaftliche Begleitung solcher Abschottungen gab es in Deutschland kaum. Während die [Einordnung des Coronavirus durch die Pflegebrille](https://www.uebergabe.de/ug053/) früh ein Thema war, blickten andere Länder schneller auf die Folgen für die Heime: In den Niederlanden begleitete man Modelleinrichtungen bei der Lockerung der Besuchsregelungen und konnte zeigen, dass diese zu keinem erhöhten Infektionsanstieg führte – woraufhin man die Lockerung umsetzte. Eine vergleichbare Studie aus Deutschland war Halek nicht bekannt. > *„Es zeigt, dass wir dafür eigentlich bis heute nicht wirklich eine sinnhafte Lösung haben, wenn wir wieder in der Situation wären." — Prof. Dr. Margareta Halek* ## Eine Leitlinie als Werkzeugkasten, nicht als Rezept Die [Arbeit an Leitlinien hatte die Übergabe schon mit Erika Sirsch und Daniela Holle besprochen](https://www.uebergabe.de/ug029/) – und genau diese beiden Kolleginnen waren auch hier zentral beteiligt. Daniela Holle übernahm die organisatorische, Margareta Halek die inhaltliche Koordination. In der Steuerungsgruppe saßen unter anderem Sascha Köpke, Gabriele Meyer, Katrin Balzer vom Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin, Anja Bieber und Martin Dichter sowie ein Vertreter der Trägerseite aus der Praxis. Doch was ist eine S1-Leitlinie überhaupt? Leitlinien werden in Stufen eingeteilt, und eine S3-Leitlinie steht für den höchsten wissenschaftlichen Grad mit strenger Literatursuche, Bewertung und Konsensusverfahren. Eine S1-Leitlinie entsteht, wenn es schnell gehen muss oder schlicht wenig Evidenz vorhanden ist. Wichtig zu wissen: S1-Leitlinien sind frei einsehbar – man muss sie nicht kaufen. Sie haben Empfehlungscharakter und basieren stark auf der Einschätzung von Expert:innen, weil die Datenlage dünn ist. Genau das war hier der Fall: Die Recherche förderte vor allem Editorials und Meinungsbeiträge zutage, kaum belastbare Forschung. Geplant war die Leitlinie ursprünglich für drei Wochen – am Ende dauerte es deutlich länger, und sie erschien im August 2020. Die Leitlinie richtet sich – wie bei AWMF-Leitlinien üblich – multiprofessionell an die stationäre Altenhilfe: an leitende Mitarbeitende, an Pflegefachpersonen, aber auch an Hauswirtschaft und Haustechnik. Ihr Ziel ist nicht, fertige Rezepte zu liefern, sondern Wissen so zu bündeln, dass Verantwortliche handlungsfähig bleiben und ihre Entscheidungen gut begründen können. ## Drei Themen, die ineinandergreifen Inhaltlich kreist die Leitlinie um fünf Schlüsselfragen, die sich zu drei großen, eng verwobenen Themenfeldern verdichten lassen. Das erste betrifft den direkten Schutz der Bewohner:innen – wie schützt man vor einer Infektion, wie geht man mit Verdachtsfällen und mit Infizierten um, und das stets unter der Maßgabe, soziale Teilhabe und Lebensqualität nicht aus dem Blick zu verlieren. Das zweite Feld ist die Kommunikation: Wie macht man neue Maßnahmen transparent, wie fängt man verunsicherte oder gar panische Angehörige wertschätzend ein, die sich oft auch als Kontrollinstanz verstehen? Das dritte Feld nimmt die Mitarbeitenden in den Blick – wie lässt sich die Balance halten zwischen der Forderung, sich noch intensiver um die Bewohner:innen zu kümmern, und der Tatsache, dass das Personal selbst betroffen, ängstlich, manchmal krank ist? Auf einer Empfehlungsebene, die viel mit dem Thema personenzentrierter Beziehungsgestaltung gemeinsam hat, geht es weniger um simple Hygieneregeln als um das Überdenken ganzer Konzepte: Wie ermöglicht man soziale Aktivität, wenn jemand isoliert werden muss? Wie informiert man Menschen mit Demenz, die ihren Wohnbereich nicht verlassen dürfen? ## Lesen, reflektieren, Pandemiepläne schärfen Haleks Tipp für Pflegedienst- und Einrichtungsleitungen ist erfrischend pragmatisch: lesen – und das eigene Handeln der vergangenen Monate dagegen abgleichen. Was lief gut, was wurde vergessen, woran wurde gar nicht gedacht? Sie räumt selbstkritisch ein, dass die Leitlinie für die akute erste Welle zu spät kam, gewissermaßen fünf Minuten nach zwölf. Umso wichtiger sei sie als Reflexionsinstrument und als Vorbereitung: Wie sieht der eigene Pandemieplan tatsächlich aus? Lässt er sich aus der Schublade ziehen? Welche Werkzeuge fehlen noch? Wer klare „Wenn-dann"-Anweisungen sucht, wird nicht fündig – und das ist Absicht. Statt fertiger Lösungen bestärkt die Leitlinie die Verantwortlichen darin, mit Verstand und in Kooperation individuelle Wege zu entwickeln, im Rahmen dessen, was rechtlich möglich ist. Aus der konsultierten Praxis, unter anderem der Heimmitwirkung und dem BIVA Pflegeschutzbund, kam überwiegend positive Resonanz. Diskutiert wurde vor allem die Verantwortung der Einrichtungsleitung: Sie soll Gestaltungsmacht übernehmen – und dort, wo Grenzen erreicht sind, sie nach oben zum Träger weitergeben, statt den Druck nach unten auf Bewohner:innen oder Mitarbeitende abzuwälzen. ## Die Survey-Studie: Praxiswissen sammeln – und ein ernüchternder Rücklauf Parallel entstand das vom Land NRW geförderte Projekt „Möglichkeiten der sozialen Teilhabe in Pflegeeinrichtungen trotz Covid-19". Die Idee war bestechend einfach: Die Einrichtungen handelten ja längst, oft mit klugen Ideen. Warum diese guten Beispiele nicht einsammeln, wissenschaftlich filtern und in die Praxis zurückspiegeln? Gemeinsam mit Sven Meister und seinem Team vom Fraunhofer-Institut in Dortmund entstand die Plattform [gemeinschaft-gestalten.de](http://www.gemeinschaft-gestalten.de/?ref=uebergabe.de), das Herzstück war ein Online-Survey mit offenen Fragen an rund 14.000 Einrichtungen. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus: Von etwa 400 Klicks blieben rund 140 auswertbare Datensätze. Im Gespräch werden mögliche Gründe abgewogen – die enorme Belastung im Pandemiealltag, die Flut paralleler Befragungen anderer Forschungsgruppen, der Aufwand offener Antworten und die Frage, ob die E-Mails an den Leitungen hängen blieben, statt die Pflegenden zu erreichen. Zum Vergleich: Eine breiter angelegte, stärker strukturierte Befragung des Bremer Teams um Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann erreichte rund zehn Prozent Rücklauf. > *„Praxis, etwas gefiltert durch die Wissenschaft, zurück in die Praxis – das war wirklich der erste Impuls." — Prof. Dr. Margareta Halek* Inhaltlich zeigte sich: Die meisten genannten Maßnahmen sind „die üblichen Verdächtigen" rund um Besuche, Berührung und Körperkontakt, den Erhalt der Bewegungsfähigkeit oder Einzelbetreuung – Dinge, die eigentlich zum pflegerischen Grundwissen gehören, nur unter veränderten Rahmenbedingungen. Eine echte Covid-Neuheit war hingegen die Videotelefonie, die in der Kontaktsperre zum Mittel der Wahl wurde und am häufigsten genannt wurde. ## Lebendige Leitlinie, offener Dialog Die S1-Leitlinie ist als „Living Guideline" konzipiert: Sie bildet nur einen Ausschnitt weniger Monate ab und soll aktualisiert werden – perspektivisch womöglich auf S2-Niveau. Genau deshalb wünscht sich Halek echte Resonanz aus der Praxis. Welche Themen fehlen? Was hat sich als problematischer erwiesen als gedacht? Auf der Projektplattform können Pflegefachpersonen die zusammengetragenen Themen kommentieren, eigene Erfahrungen teilen und Praxisbeispiele beisteuern. Diskutiert wird sogar, ob die Inhalte künftig stärker visualisiert oder über soziale Netzwerke verbreitet werden sollten – ein Punkt, bei dem die Übergabe-Hosts und Halek durchaus selbstkritisch über Reichweite und Qualität nachdenken. Am Ende steht ein Plädoyer, das über die Pandemie hinausweist: Niederschwellige Beiträge aus der Praxis können helfen, wissenschaftliche Erkenntnisse zu generieren, die im Wiederholungsfall vielen Menschen nützen. Und die vielleicht wichtigste Hausaufgabe liegt nicht bei der Politik, sondern bei den Einrichtungen selbst – rückblickend ehrlich zu bewerten, was funktioniert hat, und Pandemiepläne so aufzustellen, dass sie beim nächsten Mal griffbereit sind. ## Zum Weiterhören - [ÜG029 – Leitlinien in der Pflege (Prof. Dr. E. Sirsch & Prof. Dr. D. Holle)](https://www.uebergabe.de/ug029/) - [ÜG044 – CORONA SPEZIAL #10: Isolation im Heim (Interview mit Prof. Dr. Markus Zimmermann)](https://www.uebergabe.de/ug044/) - [ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)](https://www.uebergabe.de/ug050/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes zur Folge - [S1-Leitlinie: Soziale Teilhabe und Lebensqualität in der stationären Altenhilfe unter den Bedingungen der COVID-19-Pandemie](https://www.awmf.org/uploads/tx%5Fszleitlinien/184-001l%5FS1%5FSoz%5FTeilhabe%5FLebensqualitaet%5Fstat%5FAltenhilfe%5FCovid-19%5F2020-08%5F1.pdf?ref=uebergabe.de) (awmf.org) - [Prävention und Management von COVID-19 in Alten- und Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Alten%5FPflegeeinrichtung%5FEmpfehlung.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&ref=uebergabe.de) (rki.de) - Dehi Aroogh M, Mohammadi Shahboulaghi F.: Social Participation of Older Adults: A Concept Analysis. *Int J Community Based Nurs Midwifery*. 2020;8(1):55-72\. doi:10.30476/IJCBNM.2019.82222.1055 - [Allowing Visitors Back in the Nursing Home During the COVID-19 Crisis: A Dutch National Study Into First Experiences and Impact on Well-Being](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1525861020305260?ref=uebergabe.de) (science direct.com) - [Website zum Survey-Projekt](http://www.gemeinschaft-gestalten.de/?ref=uebergabe.de) (Gemeinschaft-gestalten.de) ### Das Corona-Virus im Kontext der Pflege (Prof. Dr. Christian Drosten) URL: https://www.uebergabe.de/ug053/ Last updated: 2026-06-13T21:15:02.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 24.09.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Coronavirus stammt vermutlich aus Fledermäusen und tauchte Ende 2019 in Wuhan auf. - Pflegende sind besonders bei Erstkontakt und Intubation gefährdet. - FFP2-Masken, gute Raumluft und regelmäßige Tests schützen das Personal. - Impfstoffe entstanden durch neue Vektor- und RNA-Technologien rekordverdächtig schnell. - Jede:r Einzelne beeinflusst durch sein Verhalten den Verlauf der Pandemie. Im Herbst 2020 war kaum ein Name so präsent wie der von Christian Drosten. Der Leiter des Instituts für Virologie an der Charité begleitete die Pandemie von Beginn an wissenschaftlich – und wurde durch [den NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update"](https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html?ref=uebergabe.de) einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Für seine Arbeit wurde er später sogar [mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet](https://www.tagesschau.de/inland/verdienstkreuz-drosten-101.html?ref=uebergabe.de). In der Übergabe nahm er sich Zeit, das Thema Corona einmal konsequent aus dem Blickwinkel der Pflege zu betrachten. Hier kommen die wichtigsten Erkenntnisse für dich. ## Von der Fledermaus auf den Wildmarkt Virologisch ist das Virus keine völlige Überraschung. Es gehört zur Spezies der SARS-ähnlichen Coronaviren, deren natürliches Reservoir bestimmte Fledermausarten – vor allem die Rhinolophus-Fledermäuse – sind. Diese Tiere kommen über den gesamten europäisch-asiatischen Raum verteilt vor, in einigen Regionen Chinas gibt es sogar Zuchten. Bekannt ist: Viele Viren aus Wild- und Nutztieren springen gelegentlich auf den Menschen über, ohne sich dann weiterzuverbreiten. Bei diesem Virus war das offensichtlich anders. Drosten verortet den Beginn auf einen Wildmarkt mitten in Wuhan, Zentralchina. Anhand der Evolutionsgeschwindigkeit des Virus-Stammbaums lässt sich der erste Mensch-zu-Mensch-Übergang ungefähr auf den Spätherbst 2019 datieren. Anfang Dezember tauchte der erste beschriebene Fall auf, Mitte Dezember kam es zum Ausbruch. Wie ein möglicher Zwischenwirt aussah, ist bis heute nicht abschließend geklärt – [Untersuchungen zu natürlichen Insertionen im Spike-Protein](https://www.uebergabe.de/content/files/content/10.1101/2020.03.02.974139v3.full.pdf) liefern hier Hinweise. Beim ersten SARS-Virus 2002/2003 waren es Schleichkatzen und Marderhunde, die man in China als exotische Nahrungsmittel handelt. ## Wie das Virus nach Deutschland kam Deutschland hatte das Virus früher im Land, als viele denken: Bereits Ende Januar 2020 gab es nachweisbare Fälle rund um den Münchner Autozulieferer Webasto. Eine eingereiste Person hatte das Virus in einen Fortbildungsturnus eingeschleppt und mehrere Mitarbeitende infiziert. Diese erste Kette wurde durch konsequente Kontaktnachverfolgung gestoppt. Ende Februar dann der zweite Anlauf: massenhafter Eintrag über Reiserückkehrende, vor allem aus Italien und Österreich mit ihren explosiven Superspreading-Ereignissen. Der vergleichsweise frühe und milde Lockdown drückte die Inzidenz in Deutschland sehr stark – mit deutlich weniger Todesfällen und überlasteten Intensivstationen als etwa in Italien, Frankreich oder England. Über den Sommer 2020 schwoll die Inzidenz wieder an, zunächst getragen von Rückreisenden, dann zunehmend durch Infektionen, die im Inland entstanden. Genau dieser Trend kippte zum Zeitpunkt der Aufnahme – die ansteigende Flanke dessen, was man rückblickend „zweite Welle" nennen würde. ## Warum Pflegende ein besonderes Risiko tragen Pflegefachpersonen gehören nicht automatisch zur Hauptrisikogruppe für schwere Verläufe – das sind eher ältere Menschen, Personen mit kardiovaskulären Vorschädigungen oder hohem Body-Mass-Index. Beim Risiko, sich anzustecken, sieht es anders aus. Drosten beschreibt zwei besonders kritische Phasen, in denen Pflegende mit Patient:innen in Kontakt kommen. Die erste ist die frühe Infektionsphase, in der ein Mensch mit Symptomen in die Ambulanz oder Rettungsstelle kommt. Genau hier hat man inzwischen gelernt: Die Tage um den Symptombeginn herum – und sogar zwei bis drei Tage davor – sind die infektiöseste Zeit. Die zweite Risikosituation sind invasive Eingriffe an den Atemwegen, allen voran die Erstintubation auf der Intensivstation, wenn noch keine Filter angeschlossen sind und man direkten Zugang zu den tiefen Atemwegen hat. Besonders heikel: Eine Pflegefachperson, die sich frisch infiziert hat, weiß in den ersten Tagen noch gar nichts davon und kommt weiter zur Arbeit. Genau in diesem Zeitfenster kann sie selbst zur Quelle eines Ausbruchs werden. Superspreading braucht laut Drosten zwei Zutaten: eine soziale Situation mit vielen engen Kontakten und ungünstige Umweltbedingungen – etwa geschlossene, schlecht gelüftete Räume. [Forschung zu Superspreading](https://www.nature.com/articles/nature04153?ref=uebergabe.de) zeigt, dass es nicht den einen „typischen" Superspreader gibt. > *„Es ist nicht so, dass man sagen kann: Ein Superspreader sieht so aus. Es braucht eine soziale Situation, in der übertragen werden kann – und ungünstige Umweltbedingungen, die das begünstigen." — Christian Drosten* ## Welcher Schutz wirklich zählt Die spektakulären Bilder aus China – Pflegende und Ärzt:innen komplett vermummt in Schutzanzügen und mit Spezialbrillen – prägen bis heute unsere Vorstellung. Für den Alltag in deutschen Kliniken ist das laut Drosten meist übertrieben. Entscheidend ist der Schutz der Atemwege. In normalen Bereichen mit Patientenkontakt reicht in der Regel der medizinische Mund-Nasen-Schutz, der auch die anderen schützt, indem er ausgeatmete Tröpfchen abfängt. In engen Kontaktbereichen – etwa bei Intubationen, in Testzentren oder Rettungsstellen – gilt dagegen die Empfehlung zur FFP2-Maske, die durch ihren Metallbügel dicht abschließt und sehr effizient vor Infektion schützt. Beim Intubieren kommt zusätzlich der Augenschutz dazu. Hautübertragung oder das Auge spielen nach aktuellem Wissensstand keine Hauptrolle – Sonderkittel wie bei der MRSA-Isolierung sind in der normalen Pflege nicht nötig. Viel wichtiger sind die Rahmenbedingungen: Krankenhäuser verfügen oft über gute Raumlufttechnik, die das Aerosolproblem entschärft. Bauliche und organisatorische Lösungen – etwa eine Plexiglasscheibe an der Anmeldung oder Spezialstationen, auf denen alle Infizierten gebündelt versorgt werden – können das Risiko zusätzlich senken. Dass Masken auf Bevölkerungsebene wirken, legt übrigens auch [die Auswertung der Maskenpflicht in Jena](https://www.uebergabe.de/content/files/presse/03%5Fwiwi%5Fcorona%5Fmasken%5Fpaper%5Fzusammenfassung.pdf) nahe. ## Testen, testen, testen – aber klug Weil das infektiöseste Fenster vor dem Symptombeginn liegt, lässt sich Übertragung nicht allein über das Erkennen von Symptomen verhindern. Große Kliniken gehen deshalb dazu über, ihr Personal regelmäßig – teils wöchentlich – zu testen. Damit das bezahlbar bleibt, hilft die Pool-Testung: Mehrere Abstriche werden gemeinsam untersucht. Ist der Pool negativ, sind alle negativ; nur bei einem positiven Pool muss einzeln nachgetestet werden. Der kleine Verlust an Empfindlichkeit fällt für die klinische Erkennung nicht ins Gewicht. Drosten setzte zum Zeitpunkt der Aufnahme große Hoffnungen auf Antigen-Schnelltests, die in fünf bis fünfzehn Minuten ein Ergebnis vor Ort liefern. Sie sind weniger empfindlich als die PCR, schlagen aber gerade bei hochinfektiösen Personen zuverlässig an – ideal für Nacht- und Notfalldienst oder als Eingangstest für Besucher:innen in Pflegeeinrichtungen. Spannend ist dabei die Verbindung zur Viruslast: Aus dem Labor lässt sich zunehmend ablesen, ab welchem Messwert jemand als hochinfektiös gilt. [Die Analyse der Viruslast nach Patientenalter](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/microsites/m%5Fcc05/virologie-ccm/dateien%5Fupload/Weitere%5FDateien/analysis-of-sars-cov-2-viral-load-by-patient-age-v2.pdf) liefert dazu wichtige Daten. Für Pflegende gibt es eine wichtige Sonderregelung: Der Begriff „Quarantäne" trifft es nicht ganz, eher geht es um Isolation und Wiederfreigabe nach Viruslast. Wer positiv getestet ist, aber milde Symptome hat und unter eine bestimmte Viruslast fällt, kann unter Auflagen weiterarbeiten – schlicht, weil der Personalmangel in der Pandemie sonst kaum zu bewältigen ist. ## Impfstoffe in Rekordzeit – wie geht das? Dass innerhalb eines Jahres mehrere Impfstoffe in die entscheidende Studienphase kamen, hätte vor wenigen Jahren niemand für möglich gehalten. Möglich machten es drei Entwicklungen: neue Adjuvantien für klassische Totimpfstoffe, vektorbasierte Vakzine (etwa auf Basis von Adenoviren oder des MVA-Pockenimpfstoffs) und die völlig neuen RNA-Vakzine, die dem Körper die Bauanleitung für das Impfantigen direkt mitgeben. Forschung, die schon nach SARS und unter dem Eindruck von MERS und Ebola begonnen hatte, zahlte sich nun aus. Drosten betonte dabei zwei Dinge. Erstens: Keine Impfung wirkt zu 100 Prozent – entscheidend ist, ob sie vor schweren Verläufen schützt. Zweitens: Bei der Zulassung geht es nicht nur um Wirksamkeit, sondern auch um seltene Nebenwirkungen, die sich erst in großen Studien zeigen. Für die Pflege war seine Einschätzung eindeutig: Pflegefachpersonen und direkt klinisch tätige Ärzt:innen sollten als Erste geimpft werden – noch vor den Hochrisikopatient:innen, weil die Krankenhäuser laufen müssen. Wie diese Priorisierung später umgesetzt wurde, beleuchtet auch unsere [Episode zur Corona-Impfung im Fokus der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug062/). Bei Medikamenten gab es zum Aufnahmezeitpunkt erste Fortschritte, etwa mit Remdesivir, das man eher für schwere Verläufe als zur Prophylaxe einsetzte. ## „Wir alle sind die Welle" Was bedeutet eigentlich „zweite Welle"? Drosten machte deutlich, dass der Begriff streng genommen erst im Rückblick definiert werden kann. Innerhalb einer Epidemie gibt es Inzidenzbewegungen, die mal stärker, mal schwächer werden. Viel wichtiger als das Etikett sei die Bewertung – und die Einsicht, dass jede:r Einzelne den Verlauf mitbestimmt. > *„Wir sind der Stau, die Autofahrer – da ist nicht irgendwo der Stau, sondern ich bin selbst Teil davon. Wenn ich das weiß, kann ich vorher reagieren und einen Umweg fahren." — Christian Drosten* Statt eines erneuten Total-Lockdowns rechnete Drosten für den Winter eher mit einem Bündel gezielter Maßnahmen zur Reduktion von Massen- und engen Kontakten. Den harten Lockdown im Frühjahr verteidigte er ausdrücklich – nach dem Prinzip „The Hammer and the Dance": Erst einmal kräftig draufhauen, wenn man nichts über das Virus weiß, um danach mit mehr Wissen flexibler steuern zu können. Diese damals harte Bremsung sei der Grund, warum man im Herbst die Schulen wieder öffnen konnte. > *„So eine Betrachtung im Nachhinein ist vollkommen falsch. Man musste damals jede einzelne Maßnahme so machen, weil man nichts wusste. Es war damals richtig – und jetzt wissen wir mehr." — Christian Drosten* Interessant: Durch die Kontaktbeschränkungen fielen über die Südhalbkugel die Influenza-Saison und viele andere durch die Luft übertragene Erkältungskrankheiten weitgehend aus. Ob die intensiven Hygienemaßnahmen langfristig anfälliger für andere Infektionen machen, ließ sich mangels Daten nicht beantworten. Auch die Rolle der Kinder bei der Verbreitung blieb umstritten – [eine Haushaltsstudie aus Bnei Brak in Israel](https://www.uebergabe.de/content/files/content/10.1101/2020.06.03.20121145v1.full.pdf) lieferte erste Anhaltspunkte. ## Wissenschaft erklären, statt sich produzieren Ein Anliegen lag Drosten besonders am Herzen: gute Wissenschaftskommunikation. Politische Talkshows hielt er für ungeeignet – zu kurze Aufmerksamkeitsspannen, zu viel Streit. Sachliche Vermittlung gehöre in Printjournalismus, Radio und Podcasts. Entscheidend sei, dass Wissenschaftler:innen ihre Erkenntnisse ins Allgemeinverständliche übersetzen, ohne sie zu verzerren – und dass die Bevölkerung Grundprinzipien versteht, um zwei bis vier Monate vorauszudenken, statt nur bis morgen. > *„Wissenschaftler sollten die Wissenschaft in die Öffentlichkeit bringen – und nicht das eigene Gesicht." — Christian Drosten* Er regte sogar an, dass Förderorganisationen den Kommunikationsaspekt stärker honorieren könnten. Wer das Interview von Drosten zur Selbstverantwortung jeder und jedes Einzelnen nachlesen möchte, findet es im [Tagesspiegel-Interview „Wir alle sind die Welle"](https://www.tagesspiegel.de/wissen/christian-drosten-im-interview-wir-alle-sind-die-welle/26205276.html?ref=uebergabe.de). Sein Fazit für die Pflege: Allen, die mitdenken – und dazu gehören insbesondere die Pflegeberufe – traut er zu, durch ihr eigenes Verhalten den Unterschied zu machen. ## Zum Weiterhören - [ÜG065 – Zwischenbilanz nach der ersten Corona-Krise 2020 (Prof. Dr. Gabriele Meyer)](https://www.uebergabe.de/ug065/) - [ÜG054 – Soziale Teilhabe in Altenpflegeheimen unter Covid-19 in S1-Leitlinie und Survey-Studie (Prof. Dr. Margareta Halek)](https://www.uebergabe.de/ug054/) - [ÜG048 – Gesundheitskompetenz der Bevölkerung während der COVID-19 Pandemie (Interview mit Dr. Orkan Okan)](https://www.uebergabe.de/ug048/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Informationen zum Gast - [Der NDR-Info-Podcast "Das Coronavirus-Update](https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html?ref=uebergabe.de) (ndr.de) - [Grimme Online Awards für Drosten-Podcast und STRG\_F](https://www.ndr.de/nachrichten/info/Grimme-Online-Awards-fuer-Drosten-Podcast-und-STRGF,grimmeonlineaward102.html?ref=uebergabe.de) (ndr.de) - [Bundesverdienstkreuz für Virologen Drosten](https://www.tagesschau.de/inland/verdienstkreuz-drosten-101.html?ref=uebergabe.de) (Tagesschau.de) #### Shownotes zur Folge - [Review Article: The Fraction of Influenza Virus Infections That Are Asymptomatic: A Systematic Review and Meta-analysis - PubMed](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26133025/?ref=uebergabe.de) (punned.gov) - [Respiratory Infections during SARS Outbreak, Hong Kong, 2003](https://wwwnc.cdc.gov/eid/article/11/11/05-0729%5Farticle?ref=uebergabe.de) (Emerging Infectious Diseases journal) - [Prevalence of COVID-19 in children in Baden-Württemberg](https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/pressestelle/Kinderstudie/Prevalence%5Fof%5FCOVID-19%5Fin%5FBaWu%5F%5F.pdf?ref=uebergabe.de) (Klinikum.uni-heidelberg.de) - [Global, regional, and national estimates of the population at increased risk of severe COVID-19 due to underlying health conditions in 2020: a modelling study](https://www.thelancet.com/journals/langlo/article/PIIS2214-109X%2820%2930264-3/fulltext?ref=uebergabe.de) (the lancet.com) - [The role of children in the spread of COVID-19: Using household data from Bnei Brak, Israel, to estimate the relative susceptibility and infectivity of children](https://www.uebergabe.de/content/files/content/10.1101/2020.06.03.20121145v1.full.pdf) (medrxiv.org) - [Maskenpflicht und ihre Wirkung auf die Corona-Pandemie: Was die Welt von Jena lernen kann](https://www.uebergabe.de/content/files/presse/03%5Fwiwi%5Fcorona%5Fmasken%5Fpaper%5Fzusammenfassung.pdf) (uni-mainz.de) - [Virologen-Vergleich](https://www.youtube.com/watch?v=u439pm8uYSk&ref=uebergabe.de) (YouTube.com) - [Remdesivir for the Treatment of Covid-19 — Preliminary Report](https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2007764?ref=uebergabe.de) (nejm.org) - [Superspreading and the effect of individual variation on disease emergence](https://www.nature.com/articles/nature04153?ref=uebergabe.de) (nature.com) - [Das gemeinsame Interesse von Gesundheit und Wirtschaft: Eine Szenarienrechnung zur Eindämmung der Corona- Pandemie](https://www.uebergabe.de/content/files/DocDL/sd-2020-digital-06-ifo-helmholtz-wirtschaft-gesundheit-corona%5F1.pdf) (ifo.de) - [SARS-CoV-2 was already spreading in France in late December 2019](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0924857920301643?ref=uebergabe.de) (sciencedirect.com) - [Spike mutation pipeline reveals the emergence of a more transmissible form of SARS-CoV-2](https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2020.04.29.069054v2.full.pdf?ref=uebergabe.de) (biorxiv.org) - [A novel bat coronavirus reveals natural insertions at the S1/S2 cleavage site of the Spike protein and a possible recombinant origin of HCoV-19](https://www.uebergabe.de/content/files/content/10.1101/2020.03.02.974139v3.full.pdf) (biorxiv.org) - [An analysis of SARS-CoV-2 viral load by patient age](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/microsites/m%5Fcc05/virologie-ccm/dateien%5Fupload/Weitere%5FDateien/analysis-of-sars-cov-2-viral-load-by-patient-age-v2.pdf) (virologie-ccm.charite.de) - [Rapid development of an inactivated vaccine for SARS-CoV-2](https://www.uebergabe.de/content/files/content/10.1101/2020.04.17.046375v1.full.pdf) (biorxiv.org) - [Shedding of infectious virus in hospitalized patients with coronavirus disease-2019 (COVID-19): duration and key determinants](https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.06.08.20125310v1?ref=uebergabe.de) (medrxiv.org) - [„Wir alle sind die Welle“](https://www.tagesspiegel.de/wissen/christian-drosten-im-interview-wir-alle-sind-die-welle/26205276.html?ref=uebergabe.de) (Tagesspiegel.de) #### Weitere Shownotes #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ### Sprachkompetenz in der Pflege (Vivienne Thomas) URL: https://www.uebergabe.de/ug052/ Last updated: 2026-06-17T21:48:57.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 12.09.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Sprachkompetenz wird bei der Anerkennung internationaler Pflegender oft nur als Formalie behandelt. - Die Anforderungen sind je nach Bundesland unterschiedlich und meist zu niedrig angesetzt. - Die GQMG fordert bundeseinheitlich C1-Niveau und geprüfte Fachsprache. - Mangelnde Sprache belastet Patient:innen, einheimische und zugewanderte Teams gleichermaßen. - Deskilling entwertet die Qualifikation zugewanderter Pflegefachpersonen. Ein Sprachzertifikat in der Hand zu halten und trotzdem am Telefon zu scheitern, eine Übergabe nicht zu verstehen oder die leisen Zwischentöne einer pflegebedürftigen Person zu überhören – das ist Alltag in deutschen Pflegeeinrichtungen. In Folge 52 des Übergabe-Podcasts hat sich Vivienne Thomas, Sprecherin der Arbeitsgruppe Pflege und Qualität der [Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung](https://www.gqmg.de/?ref=uebergabe.de) (GQMG), genau dieses Thema vorgenommen. Hauptamtlich forscht und lehrt sie an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg, wo Lehrkräfte für Gesundheits- und Pflegeberufe ausgebildet werden. Ihre These ist deutlich: Sprachkompetenz in der Pflege wird viel zu oft als Formalie abgehakt – mit Folgen für alle Beteiligten. ## Wenn Sprache zur Checkliste wird Rund 15 Prozent der Pflegefachpersonen in Deutschland kamen zum Zeitpunkt der Aufnahme im Jahr 2020 aus dem Ausland – Minijobber:innen noch gar nicht mitgezählt. Allein in jenem Jahr kamen über 8.000 Pflegekräfte neu ins Land, um hier zu arbeiten und ihren Beruf anerkennen zu lassen. Zum Vergleich: 2012 waren es noch unter 1.000 pro Jahr. Auch die Herkunftsländer haben sich verschoben – nach einem Boom philippinischer Fachkräfte 2013/2014 wandern inzwischen vor allem Menschen aus Osteuropa, allen voran Rumänien, zu. Vivienne Thomas betont ausdrücklich: Fachkräfterekrutierung aus dem Ausland kann eine sinnvolle Antwort auf den Fachkräftemangel sein. Das Problem liegt nicht im Ankommen, sondern darin, dass der Prozess nicht zu Ende gedacht wird. Die sprachliche Eignung erscheint im Anerkennungsverfahren wie ein Bullet Point zum Abhaken – „dieses und jenes Niveau bitte erreichen, Häkchen, fertig". Was dahintersteht, ob also tatsächlich kompetent kommuniziert werden kann, gerät dabei aus dem Blick. > *„Es geht ja nicht darum, irgendwo im Büro zu sitzen und mit der Kollegin ein Gespräch hinzubekommen, sondern wir haben es mit pflegebedürftigen Menschen zu tun, die darauf keine Rücksicht nehmen können." — Vivienne Thomas* ## Mehr als Vokabeln: Was Sprachkompetenz wirklich bedeutet Sprachkompetenz meint längst nicht nur das, was am Schreibtisch oder im Flurgespräch funktioniert. Sie umfasst gesprochene und geschriebene Sprache, das Verfassen von Berichten genauso wie das Telefonat – Letzteres oft eine besonders hohe Hürde, weil Mimik fehlt und regionale Akzente das Verstehen erschweren. Vor allem aber geht es um die Fähigkeit, Sprache professionell einzusetzen: Beziehungen zu gestalten und zwischen den Zeilen zu lesen. Denn pflegebedürftige Menschen drücken sich nicht immer geradeheraus aus. Auf die Frage „Wie geht es Ihnen?" folgt manchmal ein knappes „Muss ja" – und genau diese Stimmung gilt es aufzufassen. Hinzu kommen Menschen mit Aphasie und Wortfindungsstörungen, Menschen mit Demenz oder psychiatrischen Erkrankungen, die in Metaphern sprechen. Pflege ist ein komplexer Beruf in vielen Settings, und niemand dieser Menschen kann auf eine sprachliche Schonhaltung Rücksicht nehmen. ## B1, B2, C1 – ein Blick auf die Niveaustufen Die Einstufung erfolgt nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen in sechs Stufen von A1 bis C2\. Zum Aufnahmezeitpunkt forderten die Bundesländer entweder B1 oder B2 – ein [Überblick über die einzelnen Sprachniveaus](https://www.europaeischer-referenzrahmen.de/sprachniveau.php?ref=uebergabe.de) macht die Unterschiede greifbar. Auf B1-Niveau lassen sich Hauptpunkte eines Gesprächs in klarer Standardsprache verstehen – aber eben nur sehr einfach, zu vertrauten Themen, ohne Fachsprache. B2 geht etwas weiter, ermöglicht das Erfassen von Hauptinhalten und den Einstieg in Fachdiskussionen. Eine Berufssprache wird damit aber noch lange nicht abgedeckt. Die GQMG fordert deshalb C1 für die Pflege. Auf diesem Niveau lassen sich anspruchsvolle, längere Texte verstehen – mündlich wie schriftlich, auf der gesamten beruflichen Ebene und inklusive impliziter Bedeutungen. Wer fragt, ob das nicht zu hoch gegriffen sei, dem hält Vivienne Thomas eine einfache Gegenfrage entgegen: Welches Niveau braucht es, um ruhigen Gewissens an pflegebedürftigen Menschen arbeiten zu können? Nicht „Was ist machbar?", sondern „Was ist nötig?" müsse die Leitfrage sein. ## Jedes Bundesland kocht sein eigenes Süppchen Besonders kritisch sieht die Arbeitsgruppe, dass die Regelung nicht auf Bundesebene, sondern bei den Ländern liegt. Das öffnet die Tür für eine Art Tourismus: Wer schnell einsteigen möchte, geht in ein Bundesland mit B1-Anforderung, sammelt dort ein paar Monate Erfahrung und bewirbt sich anschließend in einem Bundesland, in dem man unter B2-Voraussetzung nicht durchgekommen wäre. Dass dieses B2-Niveau nicht ausreicht, hat die Fachpublizistik bereits aufgegriffen – etwa der Beitrag mit dem Titel [„Sprach-Level B2 reicht nicht"](https://www.pflegen-online.de/auslaendische-pflegekraefte-sprach-level-b2-reicht-nicht?ref=uebergabe.de). Hinzu kommt: Sprachschulen unterliegen keinem einheitlichen Vorgehen. Jede:r kann in Deutschland eine Sprachschule eröffnen, jede:r kann testen – und die Testenden sind in der Regel keine Pflegefachpersonen. Eine spezifische Berufssprache wird nicht abgefragt. Überspitzt gesagt reicht es mancherorts, den Weg zum nächsten Bahnhof zu beschreiben. Wie verlockend der Markt funktioniert, zeigt eine Online-Anzeige, die Vivienne Thomas im Zuge ihrer Recherche immer wieder begegnete: in vier Wochen von null auf B2, für 200 Euro. Den zugewanderten Fachkräften kann man daraus keinen Vorwurf machen – sie halten sich an die Vorgaben. Die Vorgaben sind das Problem. ## Was Ärzt:innen längst leisten müssen Ein Blick auf die Ärzteschaft macht das Missverhältnis sichtbar. Im ärztlichen Sprachtest muss ein:e Kolleg:in einen Patientenfall geschildert und ein Bericht darüber verfasst werden – ähnlich einer Übergabe. Die Durchfallquoten lagen damals bei rund 50 Prozent in Bayern und etwa 25 Prozent in Sachsen-Anhalt. Hohe Werte, ja, aber sie zeigen vor allem: Der Anspruch ist hoch. In der Pflege gibt es ein vergleichbares Verfahren schlicht nicht. International ist man teils weiter – die USA setzen über den TOEFL ein deutlich höheres Sprachniveau an. Dass Deutschland im internationalen Wettbewerb mit niedrigen Hürden punkten will, sei zwar nachvollziehbar, aber zu kurz gedacht, so der Tenor im Podcast. > *„Zertifikate halten nicht das, was sie versprechen. In der Praxis zeigt sich, dass es nicht ausreicht." — Vivienne Thomas* ## Deskilling: Wenn Qualifikation entwertet wird Ein besonders eindrücklicher Teil des Gesprächs dreht sich um das, was in der Forschung als Deskilling und sogar Reskilling beschrieben wird. Viele zugewanderte Pflegefachpersonen bringen ein abgeschlossenes Studium mit – in zahlreichen Ländern ist die akademische Ausbildung der Normalfall. In der deutschen Pflegepraxis am Bett wird dieses Wissen jedoch häufig als zu theoretisch und praxisfern abgetan. Statt die mitgebrachten Kompetenzen zu nutzen, wird die zugewanderte Person „zurechtgebogen", teils sogar infantilisiert und wie eine Schülerin behandelt. Die Studie von Pütz und Kolleg:innen zur [betrieblichen Integration von Pflegefachkräften aus dem Ausland](https://www.uebergabe.de/content/files/pdf/p%5Fstudy%5Fhbs%5F416.pdf) dokumentiert solche Erfahrungen eindrücklich. Diese Dynamik schadet allen. Einheimische Teams empfinden die Situation oft als zusätzliche Last und sogar als Hohn – manche gehen heimlich Anweisungen hinterher, um zu kontrollieren, ob alles verstanden wurde, ohne die Kolleg:innen zu verunsichern. Zugewanderte Fachkräfte erleben Frust und Degradierung, ziehen sich in eigene Gruppen zurück, was die Integration weiter erschwert. Und die pflegebedürftigen Menschen? Studien zeigen, dass Zufriedenheit und sogar die Gesamtbewertung von Krankenhäusern sinken, wenn die Sprachkompetenz nicht trägt. Eine vermeintliche Lösung, die auf dem Papier Köpfe auf dem Dienstplan liefert, entpuppt sich als Pseudolösung. ## Zwei Welten treffen aufeinander Hinter der Sprache steckt oft ein ganz anderes Pflegeverständnis. In vielen Ländern Süd- und Osteuropas übernehmen Angehörige selbstverständlich körperbezogene Tätigkeiten, oder es gibt klar getrenntes Service- und Fachpersonal. Wer das gewohnt ist, steht der deutschen, stark verrichtungsbezogenen Praxis zunächst fremd gegenüber. Solche Unterschiede lassen sich vorab kaum erklären – sie fallen erst in der Realität auf. Statt diesen Prozess kritisch zu hinterfragen, wird die Reibung schnell kulturalisierend etikettiert („typisch …"). Dabei ist Sprachdiversität eigentlich eine Ressource. Mehrsprachige Teams können enorm helfen, etwa wenn eine pflegebedürftige Person nur eine bestimmte Sprache spricht. Doch zusätzlich braucht es eine tragfähige deutsche Sprachkompetenz – für Berichte, Übergaben und die Verständigung im Team. ## Forderungen für eine echte Lösung Die GQMG hat ihre Position in einem Papier gebündelt. Im Kern fordert sie ein bundeseinheitliches, höheres Sprachniveau auf C1, die verpflichtende Prüfung von Fachtermini und Tests, die von Pflegefachpersonen durchgeführt werden – etwa von hauptamtlichen Praxisanleiter:innen oder perspektivisch von Pflegekammern, mit denen man bereits im Gespräch ist. Sprachschulen sollen zertifiziert und akkreditiert sein, das Prüfverfahren standardisiert. Wichtig ist Vivienne Thomas dabei: Das geforderte C1-Niveau ist ein Ist-Stand, kein Endpunkt. Zugewanderte Fachkräfte sollen sich weiterentwickeln können, nicht von Tag X an vollwertig eingesetzt und dann sich selbst überlassen werden. Arbeitgeber stehen in der Pflicht, Integrations- und Sprachkonzepte bereitzustellen, regionale Besonderheiten und unterschiedliche Pflegesettings zu berücksichtigen. Auch Wissen über das deutsche Gesundheitssystem, über Hilfsmittelversorgung, Rechte und Pflichten gehört dazu – damit Beratungsgespräche überhaupt möglich werden. Und schließlich braucht es Mittel für praxisnahe Forschung, besonders zu den Auswirkungen mangelnder Sprachkompetenz auf pflegebedürftige Menschen. > *„Wir machen das nicht, um jemandem Steine in den Weg zu legen. Wir fragen, welches Sprachniveau es braucht, damit man ruhigen Gewissens arbeiten kann." — Vivienne Thomas* Eine kurzfristige Versuchung bleibt: Pflegehilfskräfte unterliegen keiner Zertifikatspflicht, und Vorschläge, das Hilfspersonal aufzustocken, könnten die eigentliche Frage erneut umgehen. Doch das Fazit der Folge ist eindeutig: Quantität vor Qualität rächt sich. Sprache ist in der Pflege kein Beiwerk, sondern die Grundlage für Sicherheit, Beziehung und gute Versorgung. Pflege ist eben kein Auto fahren – einmal Führerschein, und dann läuft es von allein. Es braucht ein durchdachtes System, das die Stärken internationaler Pflegefachpersonen nutzt, statt sie zu entwerten. ## Zum Weiterhören - [ÜG173 – Erwartungen und Realität internationaler Pflegefachpersonen (Debora Aust)](https://www.uebergabe.de/ug173/) - [ÜG159 – Standardisierte Fachsprache in der Pflege (Aldair Mateus)](https://www.uebergabe.de/ug159/) - [ÜG046 – Rekrutierung aus dem Ausland (Thorsten Kiefer)](https://www.uebergabe.de/ug046/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes zur Folge - [Homepage der Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung e.V. ](https://www.gqmg.de/?ref=uebergabe.de) (www.gqmg.de) - [Link zur Arbeitsgruppe “Pflege und Qualität” der GQMG (Personen, die Interesse an einer Mitarbeit in der AG haben, können sich hier gerne melden) ](https://www.gqmg.de/gqmg%5Fleistung/ag%5Fpflege%5Fund%5Fqualitaet.html?ref=uebergabe.de)(www.gqmg.de) - [Positionspapier “Sprachkompetenz von ausländischen Pflegefachpersonen - eine Schlüsselqualifikation”](https://www.gqmg.de/Dokumente/positionspapiere/GQMG%5FPositionspapier%5Fsprachkompetenz%5Fin%5Fder%5Fpflege%5FAuflage%5F2%5Fwebversion.pdf?ref=uebergabe.de) (www.gqmg.de) - Lux, V.; Thomas, V. (2020): Sprachkompetenz in der Pflege - "Es reicht nicht aus, einfache Worte zu verstehen". Die Schwester Der Pfleger 01/2020, 48-52\. Bibliomed-Verlag. Melsungen. - [Kohrs, J. (2020): Ausländische Pflegekräfte: Sprach-Level B2 reicht nicht!](https://www.pflegen-online.de/auslaendische-pflegekraefte-sprach-level-b2-reicht-nicht?ref=uebergabe.de) (www.pflegen-online.de) - [Bundesministerium für Bildung und Forschung (2020): Bericht zum Anerkennungsgesetz 2019\. ](https://www.bmbf.de/upload%5Ffilestore/pub/Bericht%5Fzum%5FAnerkennungsgesetz%5F2019.pdf?ref=uebergabe.de) (www.bmbf.de) - [Die Abstufungen des Sprachniveaus sind hier einzusehen: Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen (2020): Sprachniveau.](https://www.europaeischer-referenzrahmen.de/sprachniveau.php?ref=uebergabe.de) (www.europaeischer-referenzrahmen.de) - [Pütz, R. / Kontos, M. / Larsen, C. / Rand, S. / Rukonen-Engler, M. (2019): Betriebliche Integration von Pflegefachkräften aus dem Ausland, Studie der Hans-Böckler-Stiftung.](https://www.uebergabe.de/content/files/pdf/p%5Fstudy%5Fhbs%5F416.pdf) (www.boeckler.de) - Germack, H.D. / McHugh, M.D. / Sloane, D.M. / Aiken, L.H. (2017) U.S. Hospital Employment of Foreign-Educated Nurses and Patient Experience: A Cross-Sectional Study J Nurs Regul. 2017 October; 8(3): 26–35\. doi:10.1016/S2155-8256(17)30158-8 - Lincke, H./ Nienhaus, A./ Schablon, A./ Ulosoy, N./ Wirth,T. (2018): Psychosoziale Belastungen und Beanspruchungen in der Altenpflege: Vergleich zwischen Pflegekräften mit und ohne Migrationshintergrund. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie. Springer Verlag: Berlin. 1-9. - Mazurenko, O. / Menachemi, N. (2016): Use of foreign-educated nurses and patient satisfaction in U.S. hospitals, in: Health Care Manage Rev, 2016, 41(4), 306-315. - Moyce, S. / Lash, R. / de Leon Siantz, ML. (2016): Migration Experiences of Foreign Educated Nurses: A Systematic Review of the Literature. In: J Transcult Nurs. 27 (2), 181-188\. doi: 10.1177/1043659615569538 . - Viken, B. / Solum, E.M. / Lyberg, A. (2018) Foreign educated nurses' work experiences and patient safety - A systematic review of qualitative studies. In: Nursing Open. 17 (4), 455-468\. doi: 10.1002/nop2.146, [](javascript:) eCollection. - [Zentrale Servicestelle Berufsanerkennung](https://www.anerkennung-in-deutschland.de/html/de/pro/zsba.php?ref=uebergabe.de) (www.anerkennung-in-deutschland.de) - Kontakte: GQMG (info@gqmg.de), Vivienne Thomas (viviennethomas@outlook.de) ### Geschwister von chronisch kranken Kindern und Jugendlichen (Prof. Dr. Christiane Knecht) URL: https://www.uebergabe.de/ug051/ Last updated: 2026-06-13T00:04:58.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 29.08.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Chronische Krankheit betrifft die ganze Familie – auch die gesunden Geschwister. - Der Begriff „Schattenkind" wird den proaktiven Bewältigungsstrategien der Kinder nicht gerecht. - Kinder balancieren ständig zwischen Familienwelt und sozialer Welt. - Pflege kann durch Aufklärung, Anerkennung und gute Begleitung entscheidend unterstützen. - Die Kinderperspektive selbst zu erforschen, war lange eine offene Forschungslücke. Wenn wir an Pflege denken, denken wir meist an Settings: ambulant oder stationär, Akutpflege oder Langzeitpflege, eine Patientin, ein Patient. Doch was passiert mit den Menschen, die rund um eine erkrankte Person leben – und dabei selbst kaum in den Blick geraten? Ein besonders übersehenes Feld sind die gesunden Geschwister von chronisch kranken Kindern und Jugendlichen. [Prof. Dr. Christiane Knecht](https://www.evh-bochum.de/persoenliche-homepage-prof-dr-christiane-knecht.html?ref=uebergabe.de) hat genau diese Perspektive zum Thema ihrer Forschung gemacht – und bringt dafür neben wissenschaftlicher Expertise auch eine sehr persönliche Erfahrung mit: Sie ist selbst Schwester einer chronisch kranken Schwester. ## Krankheit ist immer eine Familienangelegenheit Eine chronische Erkrankung, eine Behinderung oder eine Beeinträchtigung trifft nie nur eine einzelne Person – sie verändert das gesamte Familiensystem. Routinen verschieben sich, Rollen werden neu verteilt, der Alltag wird um die Krankheit herum organisiert. Und mittendrin: die Geschwisterkinder. Genau deshalb ist das Thema auch ein pflegewissenschaftliches. Denn wer Familien professionell begleitet, muss verstehen, wie diese Systeme funktionieren – und welche Rolle die gesunden Geschwister darin spielen. Spannend ist dabei der Zeitpunkt: Ob ein Kind bereits in eine Familie hineingeboren wird, in der ein Geschwisterkind krank ist, oder ob die Erkrankung später als biografische Zäsur eintritt, macht für die grundsätzliche Geschwistersituation weniger Unterschied, als man denken könnte. Entscheidend ist vielmehr, wie sich die Geschwisterbeziehung selbst verändert. Eine „normale" Geschwisterbeziehung lebt von Ambivalenz – von Solidarität und Rivalität zugleich, vom Zusammenhalten und Sich-Fetzen. Sobald aber das Bewusstsein über die Erkrankung da ist, kippt dieses Gleichgewicht: Das Kräfte- und Kompetenzverhältnis verschiebt sich, Rivalität weicht oft Fürsorge. ## Warum „Schattenkind" das falsche Wort ist In Medien und Öffentlichkeit werden Geschwister chronisch kranker Kinder gern als „Schattenkinder" bezeichnet – als Kinder, die weniger Aufmerksamkeit, weniger Zuwendung bekommen und im Schatten der Krankheit stehen. Doch dieses Bild greift zu kurz und ist sogar stigmatisierend. Denn die Kinder selbst nehmen sich überhaupt nicht so wahr. > *„Die Kinder würden sich niemals als Schattenkinder labeln. Der Begriff zeichnet das Bild eines reaktiven Verhaltens – tatsächlich aber handeln die Kinder hochgradig proaktiv." — Prof. Dr. Christiane Knecht* Statt passiv im Hintergrund zu verharren, entwickeln die Geschwister eine ganze Fülle an Bewältigungsstrategien. Sie helfen, unterstützen und entlasten – sowohl das erkrankte Geschwisterkind als auch die Eltern, oft besonders die Mutter. Sie übernehmen fürsprechende Funktionen, sind Spielkamerad:innen, verteidigen das Geschwisterkind nach außen, wenn es gemobbt oder stigmatisiert wird, und sie stellen aktiv Normalität her. Gleichzeitig sorgen sie dafür, dass sie sich selbst als Kind weiterentwickeln können: Sie holen sich Anerkennung außerhalb der Familie, werden zur besten Pianistin oder zum stärksten Innenverteidiger, und sie schaffen sich Schutzräume – einen Ort, eine Zeit, ein Tagebuch –, in die sie sich zurückziehen können. ## Leben in zwei Welten Das zentrale Ergebnis von Knechts Forschung lässt sich auf eine Formel bringen: Es geht den Kindern darum, sich selbstverständlich in zwei Welten zu bewegen. Auf der einen Seite steht die Familienwelt, auf der anderen die soziale Welt aus Schule, Freizeit und Freundschaften. Diese beiden Welten sind durch die Erkrankung nicht automatisch anschlussfähig – ihre Normen und Verhaltensweisen passen nicht immer zusammen und stoßen aneinander, etwa in Situationen der Stigmatisierung. Solange die Balance gelingt, können die Kinder weitgehend unbeeinflusst aufwachsen. Schwierig wird es immer dann, wenn die Anforderungen in beiden Welten gleichzeitig steigen. Knecht erzählt von einer jungen Frau kurz vor dem Mathe-Abitur, deren Schwester mit schwerem Morbus Crohn auf der Intensivstation lag. Beide Welten forderten alles – und das Mädchen entschied sich zunächst gegen das Abitur und für die Schwester. Erst weil ein Schuldirektor ihr Spielraum verschaffte, konnte sie beides vereinbaren. Genau an solchen Nahtstellen, so Knecht, wird es „kippelig" – und genau hier wäre professionelle Unterstützung am wichtigsten. Bemerkenswert ist, wie die Kinder mit dieser Mehrdeutigkeit umgehen. Manche entwickeln eine ausgeprägte Ambiguitätstoleranz – die Fähigkeit, das Sowohl-als-auch ihrer Situation auszuhalten. Sie beschreiben sich selbst als geduldig, gut im Deeskalieren, fähig, schwierige Lagen zu managen. Diese Fähigkeit ist allerdings nicht bei allen Kindern gleich stark ausgeprägt: Jüngere Kinder verfügen seltener darüber als ältere, die etwa mit Stigmatisierung deutlich souveräner umgehen. Eine Frage des Alters – und damit ein klarer Anknüpfungspunkt für professionelle Begleitung. ## Notfall vor Routine – wie viel Pflege Geschwister wirklich übernehmen Die Geschwister gehören zur Gruppe der pflegenden Kinder, einem Forschungsfeld, das vor allem durch die Arbeiten von Sabine Metzing, Knechts Doktormutter, geprägt wurde. Eine internationale Auseinandersetzung mit dem Begriff der [„young carers" im deutschsprachigen Raum](https://content.sciendo.com/view/journals/ijhp/6/1/article-p19.xml?language=en&ref=uebergabe.de) zeigt, wie unterschiedlich diese Kinder leben. Wichtig ist die Familienkonstellation: Während ein Kind, das ein erkranktes Elternteil pflegt, oft enorm belastet ist, sieht die Lage bei Geschwistern meist anders aus. Hier gibt es in der Regel zwei gesunde Eltern, die die Hauptpflegeverantwortung tragen und ihre gesunden Kinder bewusst vor Routineaufgaben schützen. Das bedeutet aber nicht, dass die Geschwister außen vor sind. Knecht beschreibt das Prinzip „Notfall vor Routine": In akuten Krisensituationen springen die Kinder selbstverständlich ein – sie sind in der Lage, einen komplexen Krampfanfall zu managen oder andere anspruchsvolle Aufgaben zu übernehmen. Weil sie aber nicht dauerhaft in die Routine eingebunden sind und durch die Eltern entlastet werden, erleben sie ihr Engagement als frei gewählt. Dieses Wissen ist für die Pflege zentral. ## Die Kinderperspektive ernst nehmen Lange Zeit wurde über Geschwister vor allem aus zweiter Hand geforscht – aus der sogenannten Proxy-Sicht, also über Befragungen der Eltern. Das Problem: Selbstberichte der Kinder fallen deutlich positiver aus als die besorgten Einschätzungen Erwachsener. Und der Blick richtete sich meist auf eine spezifische Erkrankung, statt auf die prägenden Erfahrungen der gesunden Geschwister selbst. Erst mit der UN-Kinderrechtskonvention in den 1990er-Jahren setzte sich die Idee durch, Kinder als Akteur:innen und Expert:innen ihrer eigenen Lebenswirklichkeit zu verstehen. Wie sehr diesen Kindern eine eigene Stimme fehlt, zeigt eine erwachsene Interviewpartnerin, die Knecht berichtete, dass sie zum ersten Mal überhaupt zu ihrer eigenen Perspektive befragt werde. In ihrer [im Springer Verlag erschienenen Studie](https://www.springer.com/de/book/9783658209957?ref=uebergabe.de), entstanden im Rahmen des [Forschungskollegs FamiLe](https://www.hs-osnabrueck.de/forschungskolleg-famile/?ref=uebergabe.de), hat Knecht diese Lücke geschlossen. Methodisch bedeutet das, die Asymmetrie zwischen Erwachsenen und Kindern bewusst zu reduzieren: auf Augenhöhe gehen, die Kinder Ort und Zeit wählen lassen, offene Fragen stellen und vor allem genau zuhören. Wie ernst die Kinder diesen Prozess nehmen, illustriert eine viereinhalbjährige Interviewpartnerin, die einen kleinen Kindertisch mit Saft und Keksen vorbereitet hatte und unbedingt wollte, dass ihre selbst unterschriebene Einverständniserklärung in ihr Schatzkästchen kommt. Ein anderes Mädchen organisierte ihren eigenen Interviewort auf einem Hinterhof und schickte ihre Freund:innen mit einer Handbewegung weg. Eine spannende Frage für die Zukunft: Könnte man Kinder künftig sogar partizipativ in die Datenanalyse einbeziehen und sie eigene Lösungen entwickeln lassen? Für Knecht ist genau das der Weg nach vorn. ## Was professionelle Pflege leisten kann Es gibt bereits Unterstützungsangebote für Geschwisterkinder, etwa über eine [durchsuchbare Datenbank regionaler Angebote](https://www.stiftung-familienbande.de/angebots-suche.html?ref=uebergabe.de) oder Konzepte wie die [Geschwisterbücherei](https://geschwisterbuecherei.de/index.php?ref=uebergabe.de) und die Arbeit von Marlies Winkelheide zu den [Sichtweisen von Geschwistern](https://path2in.uni-bremen.de/2020/03/23/marlies-winkelheide-sichtweise-von-geschwistern/?ref=uebergabe.de). Viele dieser Angebote haben jedoch einen stark erlebnispädagogischen Charakter – Kanufahren, Gruppentreffen, gemeinsames Spielen. Das ist wertvoll, reicht aber nicht. Denn es geht auch darum, mit den Kindern über ihre besondere Situation zu sprechen und sie im Gesamtkontext der Familie zu verstehen. Hier sieht Knecht eine zentrale Rolle der ambulanten Kinderkrankenpflege: Sie könnte Familien direkt vor Ort begleiten – mit ehrlicher, altersgerechter Aufklärung über die Erkrankung, über diagnostische und therapeutische Maßnahmen. Es geht darum, kein „Kopfkino" entstehen zu lassen, etwa wenn ein Kind vor der verschlossenen Intensivstationstür allein wartet. Und es geht um die richtige Balance: einbeziehen, ohne zu überfordern. > *„Ein Kinderarzt hat mir gesagt: Zuerst befrage ich den kleinen Patienten, danach die Geschwister – und erst dann spreche ich mit den Eltern. So eine Priorität hört man selten." — Prof. Dr. Christiane Knecht* Auch im Krankenhaus gilt: Die gesunden Geschwister sollten konsequent mit einbezogen werden. Und ein Punkt liegt Knecht besonders am Herzen – die Kinder nicht als „Schattenkinder" zu labeln, sondern ihre Leistung anzuerkennen und sie ernst zu nehmen. Genau diese Anerkennung ist es, wonach die Kinder sich sehnen. ## Schule als zweiter Lebensort Weil die Schule der zentrale Lebenskontext der Kinder ist, schlägt das Thema auch dort auf. Lehrkräfte können verstehen lernen, warum ein Kind müde ist, sich schlecht konzentriert oder fehlt – etwa nach einer nächtlichen Krisensituation zu Hause. Was dagegen nicht passieren darf: dass ein Geschwisterkind verpflichtet wird, sich in der Schule um das kranke Geschwisterkind zu kümmern. Soziale Inklusion, so Knechts Plädoyer, muss auch für die gesunden Geschwister gedacht werden. Hier könnten School Nurses künftig eine wichtige Rolle spielen – als Ansprechpersonen, mit denen sich Kinder über genau solche Situationen austauschen können. Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Sommer 2020 war das Konzept der Schulgesundheitspflege in Deutschland allerdings noch nicht flächendeckend umgesetzt, sondern existierte vor allem in einzelnen Modellprogrammen. Am Ende bleibt eine klare Botschaft: Geschwister chronisch kranker Kinder sind keine passiven Opfer ihrer Lebensumstände. Sie sind aktive Gestalter:innen ihres Alltags, die mit erstaunlicher Kompetenz zwischen zwei Welten balancieren. Was sie brauchen, ist nicht Mitleid, sondern Anerkennung – und Profis, die genau hinschauen. ## Zum Weiterhören - [ÜG074 – Schulgesundheitspflege / School Nursing (Andreas Kocks)](https://www.uebergabe.de/ug074/) - [ÜG176 – School Nursing in Wien (Franziska Rumpf & Karin Klenk)](https://www.uebergabe.de/ug176/) - [ÜG166 – Junge Langzeitpflege (Mirjam Schneider-Jung & Anja Woltery)](https://www.uebergabe.de/ug166/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Shownotes zur Folge - [Homepage Prof. Dr. Christiane Knecht ](https://www.evh-bochum.de/persoenliche-homepage-prof-dr-christiane-knecht.html?ref=uebergabe.de)(www.evh-bochum.de) - [Knecht, C. (2018): Geschwister von chronisch kranken Kindern und Jugendlichen. Erleben und Bewältigungshandeln. Springer Verlag. Wiesbaden](https://www.springer.com/de/book/9783658209957?ref=uebergabe.de) (www.springer.com) - Christiane Knecht, Die Geschwisterbeziehung in Familien mit einem Kind mit chronischer Erkrankung. Die Perspektive der gesunden Geschwister. In: K. H. Brisch (Hrsg.), Bindung und Geschwister. Vorbilder, Rivalen, Verbündete, S. 141-163\. (erscheint Anfang September) - [Frech, M., Nagl-Cupal, M., Leu, A., Schulze, G. C., Spittel, A. M. & Kaiser, S. (2019): Who are »young carers«? Analysis of the use of the term in German speaking countries and development of a definition. *International Journal of Health Professions,* (6) 1, S. 19–31](https://content.sciendo.com/view/journals/ijhp/6/1/article-p19.xml?language=en&ref=uebergabe.de) (www.content.sciendo.com) - [KiGGS – Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland](https://www.kiggs-studie.de/deutsch/home.html?ref=uebergabe.de) (www.kiggs-studie.de) - [Marlies Winkelheide – Sichtweisen von Geschwistern](https://path2in.uni-bremen.de/2020/03/23/marlies-winkelheide-sichtweise-von-geschwistern/?ref=uebergabe.de) (www.path2in.uni-bremen.de) - [Beispieldatenbank für Unterstützungsabgebote für Geschwisterkinder](https://www.stiftung-familienbande.de/angebots-suche.html?ref=uebergabe.de) (www.stiftung-familienbande.de) - [Geschwisterbücherei - Konzept der Arbeit mit Geschwistern](https://geschwisterbuecherei.de/index.php?ref=uebergabe.de) (www.geschwisterbuecherei.de) - [Schulgesundheitspflege - Was ist das eigentlich?](https://www.dbfk.de/de/themen/Schulgesundheitspflege.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - Metzing, S. (2007): Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige. Erleben und Gestalten familialer Pflege. Huber Verlag - [Forschungskolleg FamiLe](https://www.hs-osnabrueck.de/forschungskolleg-famile/?ref=uebergabe.de) (www.hs-osnabrueck.de) ### Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes) URL: https://www.uebergabe.de/ug050/ Last updated: 2026-06-17T19:31:23.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 16.08.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Beziehungsgestaltung ist kein Beiwerk, sondern Kern pflegerischer Versorgung bei Demenz. - Der Expertenstandard ist keine Handlungsanleitung, sondern beschreibt ein Qualitätsniveau. - Man kann nicht nicht in Beziehung treten – jede Situation zählt. - Implementierung gelingt über kleine Alltagsmomente und das Commitment der Leitung. - Augenkontakt ist der einfachste erste Schritt zu echter Beziehung. Stell dir vor, jemand ruft nach dir. Du rufst aus der anderen Ecke des Raums zurück: „Ja, ich komme gleich!" Für die meisten Menschen ist das ein völlig normaler Moment. Für einen Menschen mit Demenz aber kann genau diese flüchtige Antwort ins Leere laufen – weil sie sich nicht mit dem eigenen Rufen verbinden lässt. Genau an dieser Stelle setzt der Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz an. In dieser Podcast-Folge sprechen wir mit Prof. Dr. Martina Roes, die als wissenschaftliche Leiterin maßgeblich an seiner Entwicklung beteiligt war. Sie erklärt, warum Beziehung kein nettes Extra ist, sondern zum Kern guter Pflege gehört. ## Pflegeforschung mit bundesweiter Sonderstellung Martina Roes forscht am [Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen](https://www.dzne.de/?ref=uebergabe.de) (DZNE), das seit 2009 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung getragen wird. Das DZNE verteilt sich über zehn Standorte in der Bundesrepublik und beschäftigt sich mit Grundlagen-, klinischer, Populations- und Versorgungsforschung. Der [Standort in Witten](https://www.dzne.de/ueber-uns/standorte/witten?ref=uebergabe.de) hat dabei einen klaren Fokus: die pflegerische Versorgungsforschung rund um Menschen mit Demenz. Das Besondere daran ist die Grundfinanzierung durch den Bund – damit ist es bundesweit das einzige Pflegeforschungszentrum, das nicht ausschließlich von Drittmitteln abhängt. Warum überhaupt ein Pflegethema? Für Roes ist die Antwort grundlegend: Demenz ist zuallererst eine Frage der Fürsorge – und wer über Fürsorge spricht, ist mitten in der Pflege. Auffällig ist allerdings, dass Menschen mit Demenz in der Pflegeforschung oft nur als Untergruppe der „Pflegebedürftigen" mitlaufen, gewissermaßen als Nebeneffekt. Dabei wäre gerade die pflegerische Beobachtung ein wichtiger Hebel: Pflegefachpersonen erkennen Symptome früh, leiten diese Hinweise aber häufig nicht systematisch weiter. ## Wie viele Menschen sind eigentlich betroffen? Belastbare Zahlen sind schwieriger zu ermitteln, als man denkt. Anders als bei einer Fraktur gibt es kein eindeutiges Symptom, das Demenz zweifelsfrei anzeigt. Stattdessen handelt es sich um eine Kombination von Anzeichen, und die meisten Schätzungen stützen sich auf die Altersstruktur sowie auf Diagnosedaten. Grob lässt sich sagen: Etwa zehn Prozent der über 65-Jährigen entwickeln eine Demenz, rund zwei Drittel davon sind Frauen. Bei den über 80-Jährigen kann der Anteil bis auf 40 Prozent steigen – ein Grund, warum gerade die Hochaltrigen stärker in den Blick rücken müssen. Wer sich tiefer in die [Häufigkeit von Demenzerkrankungen](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/alz/pdf/factsheets/infoblatt1%5Fhaeufigkeit%5Fdemenzerkrankungen%5Fdalzg.pdf) einlesen möchte, findet entsprechende Übersichten. Ein heikler Punkt ist die Diagnosequalität. In einer Prävalenzerhebung an mehreren Universitätskliniken zeigte sich, dass der höchste Anteil auf die unspezifische Demenz (Code F03) entfällt. Dahinter steckt ein strukturelles Problem: Im Krankenhaus fehlt häufig der Auftrag und die Vergütung, sich intensiv mit einer Demenzdiagnose auseinanderzusetzen. Gleichzeitig fehlt manchmal der Hinweis an die nachversorgende Stelle, eine gesicherte Diagnostik anzustoßen. So entsteht ein Ping-Pong-System zwischen Krankenhaus und Hausarztpraxis – und am Ende landet eine Verdachtsdiagnose in der Statistik, ohne dass sie sauber abgeklärt wurde. ## Was Menschen mit Demenz von anderen unterscheidet Roes macht an einem anschaulichen Beispiel deutlich, warum das Demenzspezifische so oft übersehen wird. Stell dir einen Menschen mit Demenz vor, der nach einem Sturz operiert wurde und nun Physiotherapie bekommt. Das übliche Programm zielt auf Funktionalität – etwa darauf, wieder mit dem Rollator gehen zu können. Doch was nützt das, wenn die Person nicht mehr nachvollziehen kann, dass sie auch die Bremse bedienen oder Handlungsfolgen vorausdenken muss? Genau hier liegt der Unterschied: Es reicht nicht, eine Technik zu erklären und zu erwarten, dass sie eins zu eins umgesetzt wird. Wird die Demenzgruppe in Studien einfach mit allen anderen über einen Kamm geschoren, wundert man sich am Ende über ausbleibende Erfolge. > *„Es ist eigentlich vollkommen egal, ob ich jetzt eine Demenz oder eine andere Erkrankung habe – es ist grundsätzlich erst mal ein Thema der Fürsorge. Und insofern bin ich dann auch genau bei der Pflege." — Prof. Dr. Martina Roes* Für Angehörige gibt es immerhin gut ausgebaute Strukturen. Die [Deutsche Alzheimer-Gesellschaft](https://www.deutsche-alzheimer.de/angehoerige.html?ref=uebergabe.de) bietet Beratung und Selbsthilfegruppen – teils auch für Menschen mit Demenz selbst, die ja nach einer Alzheimer-Diagnose im Schnitt noch viele Jahre selbstständig leben können. Hinzu kommen Demenznetzwerke als zentrale Anlaufstellen, Pflegestützpunkte und in einigen Bundesländern Patientenberatungsstellen. ## Wozu ein Expertenstandard gut ist Bevor es inhaltlich tiefer geht, lohnt ein Blick auf das Prinzip. Ein Expertenstandard beschreibt ein Qualitätsniveau – also das Ergebnis, das man erreichen möchte. Roes betont einen Punkt mit Nachdruck: Ein Expertenstandard ist *keine* Handlungsanleitung. Wer behauptet, er habe nach der Lektüre nichts ändern müssen, hat das Konzept vermutlich missverstanden. Jedes Kriterium will daraufhin durchdacht werden, was es für die eigene Einrichtung bedeutet. Strukturell folgt der Standard dem [Qualitätsmodell nach Donabedian](https://de.wikipedia.org/wiki/Qualit%C3%A4tsmodell%5Fnach%5FDonabedian?ref=uebergabe.de) aus den späten 1960er-Jahren: Strukturen (etwa Rahmenbedingungen und Qualifikationen) wirken auf Prozesse, und diese wiederum auf Ergebnisse. Qualität ist dabei der Grad der Übereinstimmung zwischen dem, was vorher formuliert wurde, und dem, was tatsächlich erbracht wird. Das Schöne an dieser Logik: Niemand muss von null auf hundert springen. Wer bislang kein Konzept zur Einbindung von Angehörigen hatte, kann sich Schritt für Schritt steigern. Überprüft wird das Ganze über ein Audit – in der stationären Langzeitpflege und im Krankenhaus ohnehin etabliert. Die Standardaussage formuliert das Ziel klar: Jeder pflegebedürftige Mensch mit Demenz erhält Angebote zur Beziehungsgestaltung, die das Gefühl fördern, gehört, verstanden und angenommen zu werden sowie mit anderen verbunden zu sein. Bewusst gewählt sind die Worte „erhalten und fördern" – anders als bei der Dekubitusprophylaxe geht es hier nicht um Vermeidung, sondern um das Bewahren und Stärken von etwas Vorhandenem. ## Warum gerade Beziehungsgestaltung? Federführend für den Inhalt war Martina Roes, die qualitätsmethodische Leitung lag beim [DNQP](https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/?ref=uebergabe.de#c4624162) rund um Prof. Dr. Martin Moers von der Hochschule Osnabrück. Statt einen einzelnen problematischen Aspekt herauszugreifen oder die Demenz wie einen Sonderfall in bestehende Standards einzuschreiben, wollte das Team eine positive Botschaft setzen. Anknüpfend an das Konzept der Personenzentrierung nach Tom Kitwood wurde die Beziehungsgestaltung zum Vehikel, um Personenzentrierung konkret zu machen – und Kommunikation und Interaktion zum Mittel, um Beziehung zu gestalten. Das theoretische Fundament liefert dabei auch Paul Watzlawick. So wie man laut seiner Axiome nicht *nicht* kommunizieren kann, kann man, übertragen auf Kitwood, auch nicht *nicht* in Beziehung treten. Beziehung lebt von Reziprozität – ich brauche ein Gegenüber, das mich sieht, hört und auf mich reagiert. Genau diese wechselseitige Bestätigung gibt einem Menschen mit Demenz das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Identität. Fehlt sie, kann meine Reaktion sogar das auslösen, was ich eigentlich verhindern will: Agitiertheit. Wer die [Reziprozität als Grundprinzip](https://de.wikipedia.org/wiki/Reziprozit%C3%A4t%5F%28Soziologie%29?ref=uebergabe.de) nicht versteht, wendet ein Kommunikationsmodell an, das in diesem Kontext schlicht nicht funktioniert. > *„Das Wie ist viel wichtiger als das Was. Es geht nicht darum, ob jemand weiß, dass das ein Löffel heißt – sondern darum, dass er sich erinnert: Mit diesem Löffel kann ich rühren." — Prof. Dr. Martina Roes* Beziehung läuft eben nicht nur über Worte. Über Körpergedächtnis und basale Responsivität bleibt Kommunikation möglich, selbst wenn die Sprache verloren geht. Und manchmal erkennt eine Mutter ihre Tochter nicht mehr, begrüßt sie aber als „ihren Sohn" – ein bindungssuchendes Verhalten, das für die Angehörigen schmerzhaft ist, für die betroffene Person aber ein wichtiges positives Gefühl bedeutet. ## Drei Enttäuschungen aus der Literatur Die Literaturrecherche förderte zunächst Ernüchterndes zutage. Erstens: Die Pflege beschäftigt sich – national wie international – kaum mit Beziehungsgestaltung, schon gar nicht bei Menschen mit Demenz. Andere Disziplinen wie Psychologie, Soziologie, Ergo- und Kunsttherapie hingegen sehr intensiv. Zweitens bestätigten die Studien die Trennung von Pflege und Betreuung: Je niedriger die Qualifikation, desto höher der Beziehungsanteil – eine ungünstige Logik. Drittens fanden sich kaum Studien zur Beziehungsgestaltung in Alltagssituationen wie der Körperpflege, dafür viele zu geplanten Aktivitäten. Inhaltlich ließen sich die Befunde in vier Themen ordnen: Lebenswelt und digitale Technik, künstlerisch geprägte Interventionen (Musik, Tanz, Theater, Galeriebesuche), lebewesen-nachempfundene Angebote wie Tiere, Puppen oder Social Robots sowie sensorische Stimulation mit Snoezelen und Kinästhetik. Gerade die Kinästhetik arbeitet explizit mit dem Körper und macht die basale Responsivität nutzbar. ## Vom Standard in die Praxis: kleine Momente statt großer Umsturz Wie setzt man so einen Standard um? Anders als bei anderen Standards gibt es kein Assessment-Tool, das man einfach auswählt. Roes ist überzeugt: Diesen Standard kann man nicht klassisch „implementieren" – man braucht ein umgekehrtes Modell, das auf der Mikroebene beginnt. Entscheidend ist nicht das große Kick-off-Meeting, sondern dass die Leitung sich committet und Beziehungsgestaltung in Fallbesprechungen, Übergaben, Teamsitzungen und Mitarbeitergesprächen immer wieder zum Thema macht. Das ist ausdrücklich kein Top-down-Diktat, sondern ein dezentraler Prozess: Die Umsetzung gelingt nur durch die Mitarbeitenden in jeder einzelnen Situation. Konkret heißt das: Statt alles auf einmal zu verändern, schaut man sich an, welche Situationen im eigenen Setting prägnant sind. Funktioniert Musik bei der Körperpflege gut, probiert man es aus – und prüft, ob sie auch beim Essen passt oder nicht. So wächst die Komplexität Schritt für Schritt, ganz nah an der einzelnen Person. > *„Man kann den Expertenstandard Beziehungsgestaltung so nicht klassisch umsetzen. Ich brauche ein umgekehrtes Modell – und das fängt bei mir an." — Prof. Dr. Martina Roes* Wichtig ist dabei ein anderes Verständnis von Ergebnissen. Anders als beim Dekubitus oder Sturz sind die „Outcomes" hier nicht linear: Was heute klappt, kann morgen nicht funktionieren – und was bei einer Kollegin gelingt, gelingt mir vielleicht nicht, weil die Bindung eine andere ist. Diese Botschaft entlastet Pflegende davon, immer dasselbe Ergebnis zu erwarten. Gemessen wird deshalb über einen Fragekatalog und Beobachtung: Beteiligt sich die Person an Gesprächen, zieht sie sich zurück, sucht sie immer denselben Platz? ## Demenz im Krankenhaus, in der Pandemie und auf der politischen Agenda Im Krankenhaus zeigten sich – etwas überraschend – kaum andere Probleme als in der Langzeit- oder häuslichen Pflege: Schnelligkeit, Desorientierung im System und vor allem die Frage nach Haltung und Einstellung. Viele Häuser arbeiten mit Demenzbegleitern, deren optimaler Einsatz aber noch nicht gefunden ist. Auch die Erlöslogik und die Verweildauer setzen Grenzen. Spannend war die Beobachtung während der Corona-Pandemie: Einrichtungen, die ein echtes Grundverständnis von Personenzentrierung hatten, trafen andere Entscheidungen – sie hielten Beziehung aufrecht, sahen Angehörige nicht als Gäste, sondern als Teil des Bewohnerlebens, und verbannten Menschen nicht in ihre Zimmer. Eine kleine Befragung deutete an, dass Einrichtungen, die mit dem Expertenstandard arbeiteten, weniger Probleme hatten, Beziehung trotz Kontaktbeschränkungen zu gestalten. Es ist gelungen, den Expertenstandard mehrfach in der zum 1\. Juli 2020 veröffentlichten Nationalen Demenzstrategie zu verankern. Bedauerlich findet Roes allerdings, dass dafür lediglich eine Fachtagung geplant war – ein Zeichen, dass in den Ministerien noch nicht recht angekommen ist, dass Implementierung Geld kostet. Während in Ländern wie den USA Implementierungsforschung eigens gefördert wird, gilt sie hierzulande oft als wenig attraktiv, weil der Neuheitsgrad fehlt. Dabei zeigt die Qualitätsdebatte längst, dass guter Wissensstand allein keine guten Ergebnisse garantiert. ## Der einfachste erste Schritt Zum Schluss die Frage, die alles auf den Punkt bringt: Wenn Pflegende nur eine einzige Sache umsetzen könnten – welche wäre das? Roes antwortet ohne Zögern: Augenkontakt. Denn darüber vergewissere ich mich, dass mein Gegenüber im selben Moment bei mir ist – die Voraussetzung dafür, überhaupt in Beziehung treten zu können. Wo das nicht geht, kann auch das Handauflegen eine basale Antwort auslösen. Es ist ein verblüffend einfacher Anfang für etwas, das so komplex ist: einander wirklich zu begegnen. ## Zum Weiterhören - [ÜG103 – Dementia Care Mapping (Dr.in Iris Hochgraeber)](https://www.uebergabe.de/ug103/) - [ÜG100 – Demenzfreundliche Krankenhäuser (Christina Manietta & Melanie Feige)](https://www.uebergabe.de/ug100/) - [ÜG019 – Expertenstandards in der Pflege (Prof. Dr. Dr. A. Büscher)](https://www.uebergabe.de/ug019/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [Die Gästin: Prof. Dr. Martina Roes](https://www.dzne.de/forschung/forschungsbereiche/versorgungsforschung/forschungsgruppen/roes/curriculum-vitae?ref=uebergabe.de) (dzne.de) - [Das DZNE](https://www.dzne.de/?ref=uebergabe.de) (dzne.de) - [Das DZNE am Standort Witten](https://www.dzne.de/ueber-uns/standorte/witten?ref=uebergabe.de) (dzne.de) - [Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz](https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/?ref=uebergabe.de#c4624162) (dnqp.de) - [Die Häufigkeit von Demenzerkrankungen](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/alz/pdf/factsheets/infoblatt1%5Fhaeufigkeit%5Fdemenzerkrankungen%5Fdalzg.pdf) (deutsche-alzheimer.de) - [Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen](https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-gm/kode-suche/htmlgm2021/block-f00-f09.htm?ref=uebergabe.de) (dimdi.de) - [Informationen für Angehörige von Menschen mit Demenz](https://www.deutsche-alzheimer.de/angehoerige.html?ref=uebergabe.de) (deutsche-azheimer.de) - [Pflegekassen können regionale Netzwerke für pflegebedürftige Menschen fördern](https://demenznetzwerke.de/pflegekassen-koennen-regionale-netzwerke-fuer-pflegebeduerftige-menschen-foerdern/?ref=uebergabe.de) (demenznetzwerke.de) - [Qualitätsmodell nach Donabedian](https://de.wikipedia.org/wiki/Qualit%C3%A4tsmodell%5Fnach%5FDonabedian?ref=uebergabe.de) (wikipedia.de) - [Persönlichkeitspsychologie: Die personzentrierte Pflege nach Tom Kitwood](http://dzd.blog.uni-wh.de/index.html%3Fp=10379.html?ref=uebergabe.de) (dzd.blog.uni-wh.de) - [Die Axiome von Paul Watzlawick](https://www.paulwatzlawick.de/axiome.html?ref=uebergabe.de) (paulwatzlawick.de) - [Reziprozität (Soziologie)](https://de.wikipedia.org/wiki/Reziprozit%C3%A4t%5F%28Soziologie%29?ref=uebergabe.de) (wikipedia.de) ### Transformationale Führung & Pflegewissenschaft in der Praxis (Interview mit Sabine Brase & Rebekka Stetzenbach) URL: https://www.uebergabe.de/ug049/ Last updated: 2026-06-13T00:04:57.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 01.08.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Transformationale Führung wirkt besonders stark in Veränderungs- und Krisensituationen. - Sie motiviert über Vision, Vorbild, Wertschätzung und intellektuelle Anregung. - Eine Pflegeentwicklungsstrategie bindet alle Qualifikationsstufen ein. - Pflegewissenschaft am Bett verbessert Versorgung und stärkt Autonomie. - Theorie-Praxis-Transfer gelingt über Coaching, Multiplikator:innen und Evidenzbasierung. Die Welt verändert sich schneller, als viele Organisationen mithalten können – und das Gesundheitswesen ist davon besonders betroffen. Politische Reformen, neue Patient:innengruppen, Fachkräftemangel: Wer Pflegeteams durch diese Dauerbewegung führen will, braucht mehr als ein Organigramm und klare Ansagen. In dieser Episode sprechen wir mit zwei Frauen aus dem Klinikum Darmstadt, die genau das vorleben: Pflegedirektorin Sabine Brase über transformationale Führung und Pflegewissenschaftlerin Rebekka Stetzenbach darüber, wie Wissenschaft tatsächlich am Krankenbett ankommt. ## Warum alte Führungsrezepte ausgedient haben Viele Führungsmodelle, die heute noch gelehrt und angewendet werden, stammen aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Sie sind, wie Sabine Brase es ausdrückt, schlicht in die Jahre gekommen. Denn die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend gewandelt. Beschrieben wird das oft mit dem Begriff der [VUCA-Welt](http://www.transformationale-fuehrung.com/Transformationale-Fuehrung-Definition.html?ref=uebergabe.de): volatil, unsicher, komplex und ambivalent. Wirtschafts- und Finanzkrisen, der Klimawandel, das weltweite Bevölkerungswachstum und die Überalterung setzen Unternehmen und Krankenhäuser gleichermaßen unter Druck, ständig innovativ zu sein. Dazu kommt ein Generationswechsel. Jüngere Beschäftigte – Stichwort Generation Y und Z – wollen anders geführt werden als noch vor 30 oder 40 Jahren. Und das ist keine Geschmacksfrage, sondern eine Überlebensfrage für Arbeitgeber. Die Zahlen, die Sabine nennt, sind eindrücklich: Drei Viertel der Führungskräfte sehen selbst die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in der Führungskultur. Jede:r Fünfte hat in den vergangenen zwölf Monaten schon einmal wegen der direkten Führungskraft ans Kündigen gedacht. Und der volkswirtschaftliche Schaden durch schlechte Führung wird auf über 100 Milliarden Euro jährlich beziffert. > *„So, wie wir vor 30, 40 Jahren selbst geführt wurden, ist nicht mehr up to date – und damit auch nicht mehr modern und nicht mehr wirksam." — Sabine Brase* Die Folgen für Mitarbeitende sind gravierend. Undurchschaubare, nicht nachvollziehbare Veränderungen lösen Angst und Hilflosigkeit aus. Beschäftigte reagieren mit Stress, Überforderung, Zynismus oder aktivem Widerstand. Besonders tückisch ist dabei die sogenannte innere Kündigung – ein passiver Widerstand, den Führungskräfte überhaupt erst einmal erkennen müssen, um gegensteuern zu können. ## Was transformationale Führung im Kern bedeutet Genau hier setzt das Konzept der transformationalen Führung an. Es gilt in der [Führungsforschung](https://www.uebergabe.de/content/files/download/transformationale-fuehrung-forschung-praxis.pdf) als besonders wirksam in Krisen- und Veränderungssituationen. Das Besondere: Führungskräfte sprechen ihre Mitarbeitenden auf einer emotionalen Ebene an, begeistern sie für gemeinsame Ziele und geben dadurch Sinn und Orientierung. Sie zeigen, wofür sich der Einsatz lohnt und warum Veränderung notwendig ist. In dynamischen, unsicheren Situationen entfaltet dieser Ansatz eine deutlich stärkere Wirkung als in stabilen Umgebungen – je höher die Dynamik, desto effektiver wird transformationale Führung wahrgenommen. Das Modell ruht auf vier Komponenten. Die **idealisierte Einflussnahme** beschreibt, wie vorbildlich und glaubwürdig sich eine Führungskraft verhält – sie orientiert sich an moralischen Grundprinzipien und stellt eigene Interessen zurück. Das wird oft mit Charisma gleichgesetzt. Die **inspirierende Motivierung** meint das Vermitteln einer attraktiven Vision, eines Bildes von der Zukunft, das der alltäglichen Arbeit Bedeutung gibt. Die **intellektuelle Stimulierung** regt dazu an, altbewährte Lösungen zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. Und die **individualisierte Berücksichtigung** betrachtet jede:n Mitarbeitende:n als Individuum mit eigenen Bedürfnissen – die Führungsperson wird zur Mentorin, die gezielt fördert und Aufgaben so delegiert, dass Menschen daran wachsen. Dass das nicht nur gut klingt, sondern messbar wirkt, ist empirisch gut belegt. Studien zeigen: Leistung und Zufriedenheit der Mitarbeitenden steigen, ebenso die Bereitschaft, sich über den eigenen Arbeitsvertrag hinaus zu engagieren. Auch der Zusammenhalt in den Teams, die Innovationsfähigkeit und sogar die finanzielle Performance der Organisation profitieren. Eine zentrale Erklärung dafür ist die wertevermittelnde Wirkung: Je stärker transformational geführt wird, desto eher übernehmen Mitarbeitende die Werte ihrer Führungsperson und internalisieren sie – das schafft intrinsische Motivation und emotionale Bindung. Wer tiefer einsteigen möchte, findet auch in der Literatur zur [Anwendbarkeit in Pflegeeinrichtungen](https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-11470-1%5F6?ref=uebergabe.de) konkrete Anknüpfungspunkte. ## Vom Konzept zur Station: Wie Führung trainiert wird Lässt sich transformationale Führung lernen? Sabine Brase ist überzeugt: ja. Zwar fällt es offenen, kontaktfreudigen, risikobereiten Menschen tendenziell leichter, aber jede:r kann sich diesen Stil aneignen. Entscheidend ist, dass Führungsverhalten nicht im stillen Kämmerlein, sondern in der direkten Interaktion mit den Geführten trainiert wird. Trainings, die nah am Arbeitsplatz stattfinden und die Mitarbeitenden einbeziehen, sind am wirksamsten. In der Praxis funktioniert das über aufeinander aufbauende Workshops: ein Basisworkshop, in dem Führungsverständnis reflektiert und ein individueller Entwicklungsplan erstellt wird, ein Aufbau-Workshop nach rund drei Monaten und ein Follow-up nach sechs bis zwölf Monaten mit 360-Grad-Feedback. Der Erfolg lässt sich messen – an sinkenden Fehlzeiten und Fluktuationsraten, an Leistungssteigerungen und an der Zunahme von Verbesserungsvorschlägen. Damit das gelingt, braucht es allerdings die richtigen Rahmenbedingungen. Neben dem persönlichen Wollen und Können muss der Stil sozial erlaubt sein – ein Dürfen und Sollen – und die Organisation muss ihn ermöglichen. Konkret heißt das: Die Geschäftsführung muss das Commitment an oberster Stelle geben. Ohne diese kulturelle Erlaubnis und ohne ausreichende Ressourcen bleibt der schönste Führungsstil Theorie. ## Eine Pflegeentwicklungsstrategie, die alle mitnimmt Wie das Ganze in einem großen Klinikum aussieht, macht Sabine Brase am Beispiel ihrer Pflegeentwicklungsstrategie deutlich. Am Anfang stand eine Unternehmensdiagnostik, die Erkenntnisse über Werte, Strukturen und Entwicklungspotenziale lieferte. Daraus wurde eine gemeinsame Vision entwickelt – nicht von oben verordnet, sondern gemeinsam mit Multiplikator:innen aus den Pflegeteams, die Ergebnisse wieder in ihre Teams zurücktrugen und für Transparenz sorgten. Die Strategie setzte bewusst auf Durchlässigkeit. Akademisierung und Generalistik flossen ebenso ein wie konkrete Entwicklungswege für Pflegehelfer:innen, die sich bislang nicht gesehen fühlten. Das Credo: Weiterbildung und lebensbegleitendes Lernen für alle Qualifikationsstufen. Diese Offensive führte schließlich dazu, dass das Klinikum als erstes Krankenhaus in Hessen akademisches Lehrkrankenhaus für Medizin und Pflege gleichermaßen wurde – mit patientennahen Studiengängen wie Pflege, Pflegemanagement und Pflegepädagogik im Fokus. > *„Gute Pflege braucht Ressourcen und vor allem gute Vorgesetzte. Wo viele Schnittstellen sind, gibt es auch mal Verständigungsprobleme – aber genau da ist es Leitungsaufgabe, die Brücke zu schlagen." — Sabine Brase* Wichtig war dabei das Zusammenspiel der Berufsgruppen. Die ärztliche Seite, die Therapie, der Sozialdienst – alle wurden eingebunden, weil das gemeinsame Ziel die bessere Patient:innenversorgung ist. Genau dieses Verständnis von gelingender [interdisziplinärer Zusammenarbeit](https://www.uebergabe.de/ug171/) zeigt, wie komplex Pflege wirklich ist – und wie wenig sie sich auf eine reine Funktion reduzieren lässt. ## Pflegewissenschaft, die am Bett ankommt Wie aus Strategie konkrete Praxis wird, zeigt der zweite Teil der Episode mit Rebekka Stetzenbach. Sie hat 2012 ihr Examen gemacht, berufsbegleitend studiert und ihren Master in Pflegewissenschaft abgeschlossen. Seit 2019 ist sie die erste Pflegewissenschaftlerin im Klinikum Darmstadt – eine Stabsstelle in der Pflegedirektion mit lateraler Führung. Das bedeutet: Bei fachlichen Themen hat sie Mitsprache- und Weisungsbefugnis, während organisatorische Fragen über die Pflegedienstleitungen laufen. Spannend ist die Aufteilung ihrer Stelle: 50 Prozent konzeptionelle Arbeit, 50 Prozent klinische Tätigkeit. Sie ist also nicht nur am Schreibtisch, sondern regelmäßig auf den Stationen – im Schichtdienst, bei Übergaben, bei Visiten, im Bedside-Coaching. Tritt ein Phänomen vor allem nachts auf, arbeitet sie im Nachtdienst mit; zeigt es sich über alle Schichten, ist sie regulär dabei. Diese Nähe zur Praxis ist der Schlüssel zur Akzeptanz. > *„Ich stelle mich immer ganz normal vor und arbeite ganz normal mit. So erlangt man die Akzeptanz der Pflegenden – das braucht Zeit, bis alte Routinen aufgebrochen sind." — Rebekka Stetzenbach* ### Vom Expertenstandard zur Handlung Ihre Aufgaben gliedern sich grob in drei Bereiche: die Implementierung von Pflegewissenschaft als Theorie-Praxis-Transfer, die Sicherstellung der Versorgung entlang des Pflegeprozesses nach dem Prinzip des Evidence-based Nursing sowie die Pflege- und Qualitätsentwicklung. Ein zentrales Instrument ist der monatliche Arbeitskreis evidenzbasierte Pflegepraxis, in den Mitarbeitende reale Probleme einbringen. Die Teilnahme ist freiwillig und wird als Arbeitszeit angerechnet. Wie ein konkreter Theorie-Praxis-Transfer abläuft, zeigt das Beispiel Dekubitus. Am Anfang steht eine Ist-Analyse: Welche Stationen, welche Patient:innengruppen sind besonders betroffen? Bei Femur- und Schenkelhalsfrakturen etwa zeigte sich eine Häufung von Fersendekubitus – hier lässt sich schon bei der Aufnahme präventiv ansetzen. Dann folgen Literaturrecherche und kritische Bewertung des Expertenstandards, anschließend Schulungen in Teamsitzungen, das Gewinnen von Multiplikator:innen und schließlich die Begleitung direkt am Ort des Geschehens. Orientierung bietet dabei ein Modell aus der Implementierungswissenschaft, in dem die Pflegewissenschaftlerin die Rolle einer Befähigerin einnimmt: pragmatisch, geduldig, empathisch und engagiert. Die Zusammenarbeit reicht weit über die Pflege hinaus – von der Geschäftsführung über Medizin und Therapie bis hin zum Sozial-, Transport- und Reinigungsdienst. Mit der therapeutischen Berufsgruppe entstand etwa ein gemeinsames Mobilisationskonzept für die Intensivstationen. Und auch wenn die Stelle noch jung ist, lassen sich erste Erfolge zeigen: die Zertifizierung nach dem Werdenfelser Weg im Umgang mit freiheitsentziehenden Maßnahmen, der Status als akademisches Lehrkrankenhaus sowie die Implementierung von Pflegevisiten und Praxisbegleitung. Dass Pflegewissenschaft dabei nicht nur Qualität, sondern über vermiedene Spätfolgen auch Kosten spart, ist ein wichtiges Argument im ökonomisch getriebenen Krankenhausalltag. > *„Für die Pflegewissenschaft ist es aktuell eine Riesenchance: Die Krankenhäuser öffnen sich diesem Bereich – diese Chance sollte man wahrnehmen." — Rebekka Stetzenbach* Beide Gespräche zeigen, wie eng Führung, Kultur und Wissenschaft zusammenhängen. Transformationale Führung schafft den Boden, auf dem evidenzbasierte Praxis wachsen kann – und Pflegewissenschaft am Bett macht sichtbar, was gute Führung bewirkt. Wer das Thema [gesundheitsförderliche Führung](https://link.springer.com/article/10.1007/s41906-018-0673-8?ref=uebergabe.de) ernst nimmt, denkt beide Seiten zusammen: die Menschen, die führen, und das Wissen, das sie weitertragen. ## Zum Weiterhören - [ÜG142 – Evidenzbasierte Praxisentwicklung (Nina Kolbe)](https://www.uebergabe.de/ug142/) - [ÜG097 – Pflegeentwicklung (Susanne Herzog)](https://www.uebergabe.de/ug097/) - [ÜG072 – Praxisentwicklung in der Pflege (Prof.in Rebecca Palm & Sibylle Reick)](https://www.uebergabe.de/ug072/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Transformationale Führung - [Transformationale Führung - Forschungsstand und Umsetzung in der Praxis](https://www.uebergabe.de/content/files/download/transformationale-fuehrung-forschung-praxis.pdf) (management-innovation.com) - [Transformationale und Transaktionale Führung](http://www.transformationale-fuehrung.com/Transformationale-Fuehrung-Definition.html?ref=uebergabe.de) (transformationale-fuehrung.com) - [Gesundheitsförderliche Führung](https://link.springer.com/article/10.1007/s41906-018-0673-8?ref=uebergabe.de) (link.springer.com) - [Anwendbarkeit der transformationalen Führung in Pflegeeinrichtungen](https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-11470-1%5F6?ref=uebergabe.de) (link.springer.com) ### Weiterführende Literatur - Behrens, Johann / Langer, Gero (Hrsg.) (2016): Evidence-based Nursing and Caring. Methoden und Ethik der Pflegepraxis und Versorgungsforschung. Bern: Hogrefe Verlag (4\. Aufl.). - Benner, Patricia (Hrsg.) (2017): Stufen zur Pflegekompetenz: From Novice to Expert. Bern: Verlag Hans Huber (3\. Aufl.). - Grote, Sven (Hrsg.) (2012): Die Zukunft der Führung. Berlin / Heidelberg: Springer-Verlag. - Heering, Christian (Hrsg.) (2012): Das Pflegevisiten-Buch. Bern: Verlag Hans Huber (3\. Aufl.). - McCormack, Brendan / Manley, Kim / Garbett, Rob (Hrsg.) (2009): Praxisentwicklung in der Pflege. Bern: Verlag Hans Huber. - Panka, Christiane (2014): Qualitätssicherung, Pflegebegleitung und Pflegevisite. In: Kämmer, Karla (Hrsg.): Managementbibliothek. Hannover: Schlütersche Verlagsgesellschaft. - Polit, Denise F. / Beck, Cheryl Tatano / Hungler, Bernadette P. (Hrsg.) (2004): Lehrbuch Pflegeforschung. Methodik, Beurteilung und Anwendung. Bern: Verlag Hans Huber. - Scharmer, Claus Otto (Hrsg.) (2011): Theorie U: von der Zukunft her führen. Heidelberg: Carl-Auer-Verlag (2\. Aufl.). - Scharmer, Claus Otto (Hrsg.) (2019): Essentials der Theorie U: Grundprinzipien und Anwendungen. Heidelberg: Carl-Auer-Verlag (2\. Aufl.). ### Gesundheitskompetenz der Bevölkerung während der COVID-19 Pandemie (Interview mit Dr. Orkan Okan) URL: https://www.uebergabe.de/ug048/ Last updated: 2026-06-13T21:15:03.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 18.07.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Gesundheitskompetenz heißt: Infos finden, verstehen, bewerten und im Alltag anwenden. - Sie ist relational – persönliche Fähigkeiten und Systeme müssen zusammenpassen. - In der Corona-Studie hatten 49 % Schwierigkeiten im Umgang mit Infos. - Die Infoflut verunsicherte viele – besonders Frauen mit Kindern im Haushalt. - Pflegefachpersonen sind zentral für die Stärkung von Gesundheitskompetenz. Plötzlich war es überall: das Coronavirus. Und mit ihm eine Welle aus Meldungen, Empfehlungen, Halbwahrheiten und Verschwörungserzählungen, die noch schneller um die Welt raste als das Virus selbst. Genau in dieser Situation rückte ein Begriff in den Mittelpunkt, der lange eher abstrakt geklungen hatte: Gesundheitskompetenz. Im Übergabe-Podcast hat Dr. Orkan Okan vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld erklärt, was sich dahinter verbirgt – und was eine bundesweite Studie über den Umgang der Bevölkerung mit der Corona-Informationsflut herausgefunden hat. Diese Folge entstand als Auftakt einer kleinen Reihe, die im Auftrag der Robert Bosch Stiftung produziert wurde. ## Mehr als nur „die richtige Milch trinken" Was genau bedeutet eigentlich [Gesundheitskompetenz beziehungsweise Health Literacy](https://www.leitbegriffe.bzga.de/alphabetisches-verzeichnis/health-literacy-gesundheitskompetenz/?ref=uebergabe.de)? Okan beschreibt es zunächst ganz pragmatisch: Es geht um die Fähigkeit, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, sie zu verstehen, zu bewerten und im Alltag anzuwenden – ob für Prävention, Gesundheitsförderung oder die Versorgung im Krankheitsfall. Wer gesundheitskompetent ist, kann Risiken besser einschätzen, Handlungsoptionen abwägen und informierte Entscheidungen für sich und für andere treffen, etwa für die eigene Familie. Gesundheitskompetenz ist damit ein aktives, handlungsorientiertes Konzept – kein passives Hinnehmen. Doch die einfache Definition greift zu kurz. Denn Gesundheitskompetenz hängt nicht allein am einzelnen Menschen. Okan betont, dass das Konzept relational gedacht werden muss: Es braucht eine Passung zwischen den eigenen Fähigkeiten und den Rahmenbedingungen, in denen wir handeln. Ein Krankenhaus, eine Arztpraxis, eine Schule oder eine Internetseite – sie alle entscheiden mit, wie gut wir gesundheitliche Informationen nutzen können. > *„Wir sprechen hier immer von einer Medaille, die zwei Seiten hat – und nur ganzheitlich ergibt sie Sinn." — Dr. Orkan Okan* Damit verschiebt sich der Blick: weg von der reinen Verhaltensprävention, bei der die Verantwortung allein beim Individuum liegt, hin zur Verhältnisprävention. Wer in der Schule etwas über Gesundheit lernen will, braucht Lehrkräfte und Strukturen, die das mittragen. Und ohne politische Maßnahmen – nicht nur in Form von Gesetzen wie dem [Präventionsgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/praeventionsgesetz.html?ref=uebergabe.de), sondern auch durch Geld, Infrastruktur und Ausbildung – lässt sich Gesundheitskompetenz gesellschaftlich kaum stärken. ## Wie lernt man, gesund zu entscheiden? Gesundheitskompetenz fällt nicht vom Himmel – sie muss gefördert werden. Wie das aussieht, hängt stark davon ab, welches Verständnis man zugrunde legt. Versteht man darunter vor allem Lesen, Schreiben, Rechnen und Verstehen im Gesundheitskontext, lässt sie sich über genau diese Grundkompetenzen stärken, damit Patient:innen etwa Therapieanweisungen oder die Einnahme von Medikamenten besser verstehen. Legt man dagegen den Schwerpunkt auf das Finden, Verstehen, Bewerten und Anwenden von Informationen, braucht es ganz andere Ansätze – und hier ist die Forschung vergleichsweise jung. Am IZGK entwickelt Okans Team genau solche Fördermaßnahmen, etwa für Schulkinder und Lehrkräfte. Ein Anknüpfungspunkt ist der [Medienkompetenzrahmen NRW](https://medienkompetenzrahmen.nrw/medienkompetenzrahmen-nrw/?ref=uebergabe.de), der in der Schule verpflichtend eingesetzt wird und viele Schnittstellen zur Gesundheitskompetenz bietet. Darin lassen sich Übungen verankern – etwa zum Erkennen richtiger und falscher Corona-Informationen oder zur Bewertung von Quellen. Gerade weil immer mehr Menschen chronisch erkranken, sei es wichtig, schon Kinder früh mit diesem Rüstzeug auszustatten, damit sie zu gesundheitskompetenten Erwachsenen heranwachsen. Spannend ist die Frage, ob Gesundheitskompetenz von Bildung und Einkommen abhängt. Hier ist die Studienlage gemischt: Manche Untersuchungen sehen einen klaren Zusammenhang, andere zeigen, dass auch Menschen mit hohem Bildungsabschluss eine geringe Gesundheitskompetenz haben können. Klar ist für Okan, dass im digitalen Zeitalter die Informations- und Medienkompetenz immer wichtiger wird – schließlich zieht das Internet bis in die Hosentasche. ## Wenn Informationen schneller sind als das Virus Genau dieser Punkt wurde in der Pandemie zur zentralen Herausforderung. Informationen zu finden ist heute einfach – ein paar Klicks genügen. Viel schwieriger ist es, sie zu verstehen und vor allem auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Warum schenken manche Menschen Verschwörungserzählungen und Fake News Glauben, während andere sie sofort als Falschinformation entlarven? Welche Einstellungen, Haltungen und Lebenslagen spielen dabei eine Rolle? Für Okan sind das hochaktuelle Forschungsfragen – zumal wir heute nicht mehr nur Empfänger:innen von Informationen sind, sondern selbst ständig welche produzieren und weiterleiten. Dass Jugendliche besonders intensiv online unterwegs sind, zeigen wiederkehrende Untersuchungen wie die [JIM-Studie](https://www.mpfs.de/studien/?tab=tab-18-1&ref=uebergabe.de) und die [KIM-Studie](https://www.mpfs.de/studien/?tab=tab-18-2&ref=uebergabe.de) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest. Wie diese Generation Gesundheitsinformationen versteht und bewertet, hat das Team auch in einer eigenen [Erhebung zur digitalen Gesundheitskompetenz von Jugendlichen](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/digks%5Fergebnisbroschuere%5Fdoppel.pdf) untersucht. ## Eine Studie unter Hochdruck Als das Virus die Welt erfasste, war für die Forschenden schnell klar: Ihr Thema passt perfekt auf die Gegenwart. Prävention, Infektionsschutz, das Verstehen behördlicher Empfehlungen, der Schutz vulnerabler Gruppen, die Entlastung der Versorgungssysteme – und nicht zuletzt die psychische Gesundheit unter Dauerstress: All das hat mit Gesundheitskompetenz zu tun. Interessant dabei: Gesundheitskompetenz wurde bislang vor allem im Zusammenhang mit nicht übertragbaren Krankheiten diskutiert, bei denen man über Jahre hinweg Kompetenzen aufbauen kann. Bei einer übertragbaren Krankheit wie COVID-19 blieb dafür schlicht keine Zeit. Gemeinsam mit Kolleg:innen rund um Ulrich Bauer, Doris Schaeffer, Klaus Hurrelmann, Torsten Michael Bollweg sowie Partner:innen der Hertie School in Berlin und dem Institut für Demoskopie Allensbach entwickelte das Team einen Fragebogen. 22 Fragen erfassten, wie einfach oder schwierig es Menschen fällt, Corona-Informationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und anzuwenden – ergänzt um Fragen zur Informationsflut und soziodemografische Angaben. Gefördert wurde die Erhebung über den HLCA-Verbund („Health Literacy in Childhood and Adolescence") vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Bemerkenswert ist das Tempo: Von der Idee bis zur fertigen Erhebung vergingen nur gut zwei Wochen – mit intensiver Arbeit vieler Beteiligter, parallel laufenden Ethikanträgen und einer schnell aufgesetzten Online-Plattform. Möglich war das nur, weil das Team auf einen bereits validierten Fragebogen aufsetzen konnte, der über Jahre entwickelt und international erprobt worden war. Die Fragen mussten lediglich von allgemeinen auf Corona-bezogene Gesundheitsinformationen angepasst werden. ## Was ein Ethikvotum mit Verantwortung zu tun hat Im Gespräch erklärt das Übergabe-Team auch, worum es bei einem Ethikantrag eigentlich geht: Forschende reflektieren ihr Vorhaben daraufhin, ob sie Studienteilnehmende belasten oder gar vulnerable Personengruppen einbeziehen – etwa Menschen mit Demenz oder Kinder. Solche Anträge prüft eine [Ethik-Kommission wie die der Universität Bielefeld](https://www.uni-bielefeld.de/uni/einrichtungen-organisation/zentrale-organisation/kommissionen/ethik/?ref=uebergabe.de). Wichtig ist dabei: Ziel ist nicht, Forschung mit vulnerablen Gruppen zu verhindern – das wäre selbst unethisch –, sondern sicherzustellen, dass sie sorgfältig und verantwortungsvoll geschieht. Wer tiefer einsteigen möchte, findet dazu auch [vertiefende Literatur zur Forschungsethik](https://www.hogrefe.de/shop/forschungsethik-88768.html?ref=uebergabe.de). ## Repräsentativ, aber mit Grenzen Die Studie war eine repräsentative Querschnittserhebung – das heißt, von einer relativ kleinen Stichprobe lässt sich auf eine größere Gruppe schließen, weil Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildung oder Einkommen die Zusammensetzung der Gesamtbevölkerung widerspiegeln. Von über 4.500 angesprochenen Personen flossen am Ende 1.037 auswertbare Fragebögen in die Analyse ein, repräsentativ für Internetnutzer:innen in Deutschland ab 16 Jahren. Eine Rücklaufquote von rund 25 Prozent – durchaus solide. Okan benennt aber auch ehrlich die Grenzen. Der Fragebogen beruht auf Selbstauskunft: Gefragt wird, wie schwer oder leicht jemand etwas empfindet – nicht objektiv getestet, ob er oder sie es tatsächlich kann. Hinzu kommt, dass eine reine Online-Stichprobe Menschen ausschließt, die nicht im Internet unterwegs sind. Und schließlich spielt soziale Erwünschtheit eine Rolle: Manche antworten so, wie es von ihnen erwartet wird. Ein Teil der Datensätze wurde deshalb wegen auffälliger Antwortmuster ausgeschlossen. ## Die überraschend guten – und doch verunsicherten – Ergebnisse Das vielleicht wichtigste Ergebnis: Im Vergleich zur allgemeinen Gesundheitskompetenz schnitten die Befragten beim Thema Corona besser ab. Während frühere Studien zeigten, dass rund 55 Prozent Schwierigkeiten im Umgang mit allgemeinen Gesundheitsinformationen haben, lag dieser Anteil bei den Corona-Informationen bei 49 Prozent. Der Grund liegt nach Okans Einschätzung in der Kommunikation: Die Empfehlungen – Hände waschen, Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz tragen – waren einfach, alltagsrelevant und überall präsent. > *„Während Gesundheitskompetenz vor dem Coronavirus oft sehr abstrakt war, zeigt uns die jetzige Krise den praktischen Mehrwert." — Dr. Orkan Okan* Gleichzeitig fühlten sich viele Menschen durch die schiere Flut an Informationen verunsichert – obwohl sie sich gut informiert fühlten. Auffällig: Das Vertrauen in Medieninformationen war eher gering, und vielen fiel es schwer, den Wahrheitsgehalt von Meldungen zu überprüfen. Während sich bei der Gesundheitskompetenz selbst keine Unterschiede nach Geschlecht, Bildung oder Einkommen zeigten, war die Verunsicherung durch die Informationsflut bei Frauen größer als bei Männern – und nochmals größer, wenn Kinder unter 18 Jahren im Haushalt lebten. Wichtig ist die zeitliche Einordnung: Die Erhebung fand zum Zeitpunkt der Aufnahme ganz zu Beginn der Pandemie statt, als das Thema noch alles dominierte. Wie sich die Lage zwischen den Infektionswellen veränderte, müsste eine weitere Erhebung zeigen. Begleitende Daten wie das [COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO)](https://projekte.uni-erfurt.de/cosmo2020/cosmo-analysis.html?ref=uebergabe.de) machen deutlich, wie stark sich Einschätzungen und Verhalten über die Zeit verschoben. ## Infodemie: Wenn auch richtige Informationen überfordern Ein zentraler Begriff der Pandemie ist die „Infodemie" – die Flut aus richtigen und falschen Informationen. Gesundheitskompetenz ist für Okan genau das Konzept, das hier weiterhilft: ein Informationskompetenz-Ansatz, der speziell auf Gesundheit ausgerichtet ist. Denn selbst die beste Information nützt wenig, wenn die Dauerbeschallung überfordert. Die Konsequenz: Es reicht nicht, einzelne Menschen zu stärken. Mindestens ebenso wichtig ist, dass Behörden, Medien und Politik zielgruppengerecht, einfach und alltagsnah kommunizieren. Stimmt diese „organisationale" Seite, gleicht sie sogar manche Schwäche bei der persönlichen Gesundheitskompetenz aus. ## Warum die Pflege hier eine Schlüsselrolle spielt Für die Pflege ist das Thema hochrelevant. Pflegefachpersonen sind oft am dichtesten an den Patient:innen, kommunizieren viel, vermitteln, ermöglichen Teilhabe und Entscheidungsfindung. In vielen Ländern – etwa in Großbritannien, den USA, Kanada oder Australien – gehört die Pflegewissenschaft zu den treibenden Kräften der Gesundheitskompetenzforschung. > *„Zukünftige Pandemiestrategien und Strategien der öffentlichen Gesundheit müssen zentral auf Pflege, Pflegeforschung und Pflegewissenschaft bauen." — Dr. Orkan Okan* Die Konsequenz für die Praxis: Ist die Gesundheitskompetenz der Pflegefachpersonen hoch, profitiert die gesamte Bevölkerung – durch bessere Beratung, Aufklärung und Begleitung. Genau deshalb sollte das Thema fest in die Curricula der Gesundheitsberufe gehören, an Hochschulen ebenso wie in den Betrieben. Denn viele Patient:innen verlassen sich darauf, dass die Fachperson die richtigen Informationen vermittelt und ihren Alltag erleichtert. ## Zum Weiterhören - [ÜG057 – Verschwörungstheorien (Katharina Nocun & Dr. Karl Hepfer)](https://www.uebergabe.de/ug057/) - [ÜG053 – Das Corona-Virus im Kontext der Pflege (Prof. Dr. Christian Drosten)](https://www.uebergabe.de/ug053/) - [ÜG058 – Pflegende Angehörige in der COVID-19-Krise (Simon Eggert)](https://www.uebergabe.de/ug058/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Informationen zum Gast und zur Studie - [Informationen zu Dr. Orkan Okan](https://www.uni-bielefeld.de/%28de%29/zpi/team/orkan%5Fokan.html?ref=uebergabe.de) (uni-bielefeld.de) - [Gesundheitskompetenz der Bevölkerung im Umgang mit der Coronavirus-Pandemie](https://www.uni-bielefeld.de/erziehungswissenschaft/izgk/downloads/Ergebnisbericht%5FGK%5FCorona%5FIZGK%5F2020.pdf?ref=uebergabe.de) (uni-bielefeld.de) #### Gesundheitskompetenz - [Health Literacy / Gesundheitskompetenz](https://www.leitbegriffe.bzga.de/alphabetisches-verzeichnis/health-literacy-gesundheitskompetenz/?ref=uebergabe.de) (bzga.de) - [Gesundheitskompetenz (Health Literacy)](https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GesundAZ/Content/G/GesKompetenz/GesKompetenz.html?ref=uebergabe.de) (rki.de) - [Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz und der Beitrag der Pflege](https://www.dbfk.de/media/docs/vortraege/2-DBfK-Gesundheitskompetenz-Ewers-FGP.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Interdisziplinäres Zentrum für Gesund­heits­kompetenzforschung (IZGK)](https://www.uni-bielefeld.de/erziehungswissenschaft/izgk/?ref=uebergabe.de) (uni-bielefeld.de) - [HLCA - Health Literacy in Childhood and Adolescence](http://www.hlca-consortium.de/?ref=uebergabe.de) (hlca-consortium.de) - [Digitale Gesundheitskompetenz von Jugendlichen](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/digks%5Fergebnisbroschuere%5Fdoppel.pdf) (hs-fulda.de) - [Basisuntersuchungen zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen](https://www.mpfs.de/startseite/?ref=uebergabe.de) (mpfs.de) - [JIM-Studie](https://www.mpfs.de/studien/?tab=tab-18-1&ref=uebergabe.de) (mpfs.de) - [KIM-Studie](https://www.mpfs.de/studien/?tab=tab-18-2&ref=uebergabe.de) (mpfs.de) #### Weitere Shownotes zur Folge - [Das Präventionsgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/praeventionsgesetz.html?ref=uebergabe.de) (Bundesgesundheitsministerium.de) - [Medienkompetenzrahmen NRW](https://medienkompetenzrahmen.nrw/medienkompetenzrahmen-nrw/?ref=uebergabe.de) (medienkompetenzrahmen.nrw) - [Ethik-Kommission der Uni-Bielefeld](https://www.uni-bielefeld.de/uni/einrichtungen-organisation/zentrale-organisation/kommissionen/ethik/?ref=uebergabe.de) (uni-bielefeld.de) - [Forschungsethik (Buchempfehlung)](https://www.hogrefe.de/shop/forschungsethik-88768.html?ref=uebergabe.de) (hogrefe.de) - [COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO)](https://projekte.uni-erfurt.de/cosmo2020/cosmo-analysis.html?ref=uebergabe.de) (uni-erfurt.de) #### Hinweise auf Veranstaltungen - [ANP-Tagung 2020: ANP Konkret: Clinical Leadership – Praxis und Perspektiven](https://www.florence-nightingale-krankenhaus.de/de/leistungsspektrum/pflege/fuer-pflegefachpersonen/advanced-nursing-practice-anp/anp-fachtagung-2020.html?ref=uebergabe.de) - Wann: 07\. Mai 2021 - Wo: Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf-Kaiserswerth - [Deutscher Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) - Wann: 11-12\. November 2020 - Wo: STATION Berlin ### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ### Psychiatrische Pflege (Interview mit Prof. Dr. Michael Löhr) URL: https://www.uebergabe.de/ug047/ Last updated: 2026-06-12T23:51:50.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 04.07.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - In der psychiatrischen Pflege ist Kommunikation das zentrale Arbeitsmittel. - Akademisierung lohnt sich nur, wenn sie die Versorgung verbessert. - Der Recovery-Ansatz rückt den individuellen Genesungsweg in den Fokus. - Suizidalität ist keine Diagnose – Beziehung schlägt jedes Risikoinstrument. - Psychiatrische Pflege gehört überall dorthin, wo Menschen psychisch leiden. Wenn du an Pflege denkst, hast du vielleicht Bilder von Spritzen, Verbänden und Medikamentenwagen im Kopf. In der psychiatrischen Pflege sieht der Alltag anders aus: Hier ist das wichtigste Werkzeug die Sprache. Wie das konkret aussieht, warum Psychiatrie ganz anders tickt als die Somatik und weshalb Akademisierung kein Selbstzweck ist, hat uns Prof. Dr. Michael Löhr erklärt. Er arbeitet seit über 20 Jahren in der Psychiatrie – in unterschiedlichsten Funktionen, von der Basis über die Stationsleitung bis zur Forschung. Seit Herbst 2018 verbindet er als Professor und Klinik-Mitarbeiter am LWL-Klinikum Gütersloh genau das, was sonst oft getrennt bleibt: Wissenschaft, Lehre und Versorgungspraxis. ## Die Mutter aller Pflege Löhr beginnt gern mit einer Grundsatzfrage: Was ist eigentlich Pflege? Seine Antwort: Pflege kümmert sich um die Auswirkungen einer Erkrankung auf den Alltag. In der Psychiatrie heißt das, gemeinsam mit den Betroffenen herauszufinden, wie sie mit ihren Ressourcen und Problemen leben können – wenn das Einkaufen zur Hürde wird, wenn Stimmen belasten, wenn Ängste den Tag bestimmen. Das Handwerkszeug dafür ist nicht der Apparat, sondern das Gespräch. > *„Ich behaupte ein bisschen ketzerisch, dass die psychiatrische Pflege die Mutter aller Pflege ist – weil es in jeder Form der Pflege um Kommunikation geht." — Prof. Dr. Michael Löhr* Dabei eint alle Berufsgruppen in der Psychiatrie dasselbe Hauptarbeitsmittel: die Beziehung. Pflegefachpersonen führen Psychoedukationsgruppen, begleiten Expositionstrainings bei Angststörungen, unterstützen bei Suchtdruck oder arbeiten in Ambulanzen mit Zusatzqualifikationen etwa als Familientherapeut:innen. Kommunikationsmodelle von Schulz von Thun bis Carl Rogers gehören genauso zum Rüstzeug wie das Wissen über therapeutische Prozesse. Und weil es immer um Beziehung geht, gehört für Löhr ein großer Teil des Arbeitsalltags der Selbstreflexion und Supervision: Wer Menschen in seelischen Krisen helfen will, muss wissen, wo er selbst steht. ## Vom Verwahren zum Genesen Dass psychisch kranke Menschen heute in freundlich gestalteten Stationen gesunden können, ist eine erstaunlich junge Errungenschaft. Die Geschichte des Fachs reicht zurück bis zur Zeit der Französischen Revolution, als der Psychiater [Philippe Pinel die Menschen buchstäblich aus den Betten holte](https://de.wikipedia.org/wiki/Philippe%5FPinel?ref=uebergabe.de) und einen anderen gesellschaftlichen Blick auf seelische Erkrankungen einforderte. Schon damals spielte Pflege eine zentrale Rolle. In Gütersloh prägte später der Psychiater Hermann Simon die Arbeitstherapie – ein früher Beleg dafür, dass Aktivität und Teilhabe heilsam sein können. Lange jedoch wurden Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen gemeinsam in großen Anstalten verwahrt – mit Verweildauern von zehn bis dreißig Jahren. Erst die Psychiatrie-Enquete brachte in Deutschland in den 1980er-Jahren den Umbruch: Große Häuser mit teils über 1.200 Patient:innen wurden aufgelöst, Menschen zurück in die Gemeinden integriert, Versorgungsstrukturen aufgebaut. Auch die erste Spezialausbildung für die psychiatrische Pflege entstand in diesem Zuge. Die internationale Pionierarbeit reicht noch weiter zurück: [Effie J. Taylor](https://en.wikipedia.org/wiki/Effie%5FJ.%5FTaylor?ref=uebergabe.de), später Präsidentin des International Council of Nurses, gehört zu den prägenden Figuren der frühen psychiatrischen Pflege. ## Wenn Normalität eine Frage des Standpunkts ist Trotz aller Fortschritte bleibt das Stigma. Über einen Beinbruch spricht man unbefangen, über vier Tage in der Klinik wegen einer seelischen Krise eher nicht. Löhr macht das an einem schönen Bild fest: Beim Intelligenzquotienten liegt die Norm bei 100, und die meisten von uns hätten eine Abweichung gern Richtung Genialität – aber niemand wünscht sich die andere Richtung. Was eine Gesellschaft als „normal" definiert, hat viel mit Wahrnehmung von außen, mit Raum und mit Zeit zu tun. Wer in manchen Kulturen Stimmen hört, wird Medizinmann oder Medizinfrau; bei uns gilt er als krank. Verstärkt wird das Stigma durch die Medien: Wenn im Tatort der Mörder regelmäßig eine psychiatrische Diagnose hat oder einzelne Tragödien ganze Berufsgruppen unter Generalverdacht stellen, wirkt das alles andere als entstigmatisierend. Dass Forschung dem etwas entgegensetzen kann, zeigen die [umfangreichen Arbeiten zu Stigmatisierung von M. C. Angermeyer](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/?term=Angermeyer+MC%5BAuthor%5D&ref=uebergabe.de). Und doch: Die Suizidzahlen haben sich in zwanzig Jahren kaum verbessert. Auch deshalb betont Löhr, wie wichtig es ist, dass über seelische Erkrankungen überhaupt gesprochen wird. Selbst der Begriff der Trauer, sagt er, sei in einer auf Glück getrimmten Gesellschaft fast verschwunden – normale Prozesse drohen als abnormal zu gelten. ## Akademisierung – aber bitte nah am Bett Beim Thema Studium wird Löhr deutlich. Der deutsche Weg der Akademisierung sei lange schief gelaufen: Zuerst akademisierte man das Management, dann die Pädagogik – und mit jedem Schritt vergrößerte sich die Distanz zum Patienten, während das Gehalt stieg. Karriere fand vertikal statt, weg von der Versorgung, wo man die qualifizierten Menschen eigentlich braucht. Genau dieser fehlende Bezug zur Praxis ist für ihn der „Missing Link". Der englische Pflegeforscher Len Bowers nennt das treffend das „Bad Game of Nursing" – das schmutzige Spiel, in dem Pflegende täglich verantwortungsvolle Entscheidungen treffen, sich aber gern hinter anderen Berufsgruppen verstecken, damit jemand anderes unterschreibt. > *„Wenn sich die Versorgung der Patientinnen und Patienten durch die Akademisierung nicht verbessern würde, dann sollten wir es lassen." — Prof. Dr. Michael Löhr* Studieren soll für Löhr nicht automatisch mehr Geld bedeuten, sondern mehr Verantwortung – und genau daran sollte sich auch die Vergütung orientieren. Akademisierung sei kein Selbstzweck, sondern ein Weg, Kompetenzen für reflektierte Entscheidungen und neue Verantwortungsprofile direkt in die Versorgung zu bringen. Deshalb braucht es horizontale Karrieremodelle und praxisnahe Studiengänge. Genau in diese Richtung zielen die von ihm mitaufgebauten Programme wie der [Masterstudiengang Community Mental Health in Bielefeld](https://www.fh-diakonie.de/.cms/studiengang/community%5Fmental%5Fhealth%5Fmaster%5Fstudium/452?ref=uebergabe.de): Sie qualifizieren für die Versorgung, nicht von ihr weg. ## Warum die Psychiatrie anders rechnet Auch finanziell tickt die Psychiatrie eigen. Historisch finanzierte sie sich über das gefüllte Bett, heute über tagesbezogene Entgelte im PEPP-System. Anders als in der Somatik mit ihren klaren OP- und Heilungsverläufen lassen sich psychiatrische Verläufe kaum antizipieren: Mal geht es besser, mal schlechter, und Rückfälle – etwa in der Suchtbehandlung – gehören zum Krankheitsbild. Ein Mensch, der nach kurzer Zeit zurückkommt, weil er Vertrauen gefasst hat, ist kein Zeichen schlechter Behandlung, sondern oft das Gegenteil. Eine zentrale Baustelle: Personalbemessung und Vergütung hängen nicht zusammen. Die alte PsychPV stammt noch aus Enquete-Zeiten und ist rund 30 Jahre alt; die zum Zeitpunkt der Aufnahme über den Gemeinsamen Bundesausschuss erarbeitete [Richtlinie zur Personalausstattung in Psychiatrie und Psychosomatik](https://www.g-ba.de/themen/qualitaetssicherung/vorgaben-zur-qualitaetssicherung/vorgaben-personalausstattung-psychiatrie-psychosomatik/?ref=uebergabe.de) definiert vor allem Untergrenzen, die monatlich für alle Berufsgruppen nachgewiesen werden müssen – ein enormer Verwaltungsaufwand, der mit der Abrechnung nicht deckungsgleich ist. Löhr, der das Verfahren lange begleitet hat, hofft, dass der G-BA in den Folgejahren etwas vorlegt, das gute Versorgung sichert statt nur Mindestgrenzen zu kontrollieren. ## Recovery: vom Behandeln zum Aushandeln Einen der modernsten Ansätze sieht Löhr im Recovery-Konzept, das ursprünglich aus der Nutzerbewegung stammt. Es unterscheidet die symptombezogene Genesung von der persönlichen Recovery – also dem individuellen Weg zu einem sinnerfüllten Leben, gerade bei langfristigen Verläufen. Vorbild ist die Selbsthilfe in der Suchtarbeit, die Erfahrungswissen seit Jahrzehnten einbindet. Heute arbeiten über den EX-IN-Ansatz Genesungsbegleiter:innen mit eigener Psychiatrieerfahrung in Kliniken und geben anderen Hoffnung und Zuversicht. Dahinter steht eine Haltung, die Löhr mit chronischen Erkrankungen vergleicht: Wer seit 40 Jahren mit Diabetes lebt, weiß oft besser über sein Management Bescheid als seine Behandler. Eine eindrückliche Geschichte aus seiner Praxis: Ein Patient setzte seine Medikamente heimlich ab, weil sie ihn müde machten – und betrieb in der Klinik „Pillencounting" über der Toilette, weil er sich nicht traute, es dem Arzt zu sagen. Erst als man ihn ernst nahm und mit ihm aushandelte, kam er ein Jahr ohne Medikamente zurecht. > *„Wir sollten viel mehr im Aushandlungsprozess sein als im Behandlungsprozess – allein der Begriff Behandlung ist ja sehr paternalistisch." — Prof. Dr. Michael Löhr* ## Suizidalität: in der Beziehung bleiben Ein Schwerpunkt von Löhr ist die Suizidalität – und er räumt mit einem Missverständnis auf: Es gibt keine Diagnose „Suizidalität", kein Medikament dagegen und keine Intervention, die hundertprozentig schützt. Risikoinstrumente wie die NGASR schätzen die statistische Basissuizidalität ein, etwa anhand von Faktoren wie Alter, Geschlecht oder früheren Versuchen. Verfahren wie der SSF-2 helfen im Dialog, das akute Risiko zu erfassen. Wichtig sei: Diese Instrumente sind keine Garantie, sondern dienen dem Beziehungsaufbau und dazu, das Thema überhaupt ansprechbar zu machen. Entscheidend ist für Löhr, Menschen die Möglichkeit zu geben, über ihre Gedanken zu sprechen – ohne dass Pflegende mit einem Beziehungsabbruch reagieren. Eine bewährte Methode: gemeinsam zu sortieren, was fürs Leben und was für den Tod spricht. Häufig erkennen Betroffene dabei selbst, wie viel fürs Leben spricht. Und wenn es ernst wird, gilt es, Verantwortung zu zeigen und nicht allein zu lassen – auch wenn das bedeutet, den sozialpsychiatrischen Dienst zu rufen. Wie ernst die Lage gesellschaftlich ist, zeigt eine Zahl: In Deutschland sterben jährlich rund 10.000 Menschen durch Suizid – ein Vielfaches der Verkehrstoten –, während kaum öffentliche Prävention stattfindet. Wer tiefer einsteigen will, findet zu diesem Thema sowohl den Dokumentarfilm [The Bridge](http://www.thebridge-themovie.com/?ref=uebergabe.de) als auch eine fachliche Auseinandersetzung mit der [strukturierten Einschätzung des Suizidrisikos](https://www.uebergabe.de/content/files/527-download/pdf/abderhalden.pdf). Die [amtliche Suizidstatistik](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/suizide.html?ref=uebergabe.de) ordnet die Dimension ein. ## Psychiatrische Pflege gehört überallhin Löhrs Leitsatz: Psychiatrische Pflege gehört dorthin, wo Menschen psychische Probleme haben – und das ist längst nicht nur die Klinik. Sie findet sich in Institutsambulanzen, in der ambulanten psychiatrischen Pflege, in Home-Treatment-Teams und in der stationsäquivalenten Behandlung (StäB) zu Hause. Doch die Versorgung ist regional sehr ungleich: Ob Soziotherapie oder ambulante Dienste verfügbar sind, hängt oft schlicht von der Postleitzahl ab. Weil die Hürden hoch und die Finanzierung schlecht sind, wagen wenige den Schritt aus der sicheren Klinik in die Selbstständigkeit. Eine deutliche finanzielle Stärkung dieser Angebote wäre für Löhr der Schlüssel zu einer flächendeckenden Versorgung. Besonders am Herzen liegt ihm die Verzahnung von Psychiatrie und Somatik – etwa bei Menschen mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus. In einem Projekt begleitete ein gerontopsychiatrisch erfahrener Pfleger ein somatisches Haus, schulte die Kolleg:innen und half, ein „Nachtcafé" für unruhige Patient:innen einzurichten. Das Ergebnis: weniger Stürze, weniger Delir, entspanntere Teams und mehr Zuwendung – so überzeugend, dass das Projekt aus der Projekt- in die Regelfinanzierung überführt wurde. Voneinander lernen, betont Löhr, täte beiden Seiten gut. ## Auf Augenhöhe – auch in der Corona-Zeit Die enge, teambezogene Zusammenarbeit ist für Löhr ein Markenzeichen der Psychiatrie. Hier zählt weniger die Hierarchie als die Frage, wer welche Kompetenz hat und was am sinnvollsten beiträgt. Zur Zeit der Aufnahme – mitten in der ersten Corona-Welle – mahnte er zugleich zur Wachsamkeit: Infektionsschutzmaßnahmen dürfen nicht dazu führen, dass Patientenrechte ausgehöhlt werden. Gerade Menschen am Rand der Gesellschaft, die ohnehin zu wenig Ansprache bekommen, treffen Isolation und Rückzug besonders hart. Pflegende sieht er hier als Advokat:innen ihrer Patient:innen – verpflichtet, humanitär zu handeln und Persönlichkeitsrechte zu wahren. Am Ende bleibt eine Botschaft, die Löhr mit sichtbarem Stolz formuliert: In der Psychiatrie hat Pflege noch den Luxus der Zeit fürs Gespräch – mit Patient:innen wie mit Angehörigen. Genau das gelte es zu verteidigen. Wer sich übrigens fragt, wie wütend Menschen mit dem System hadern können, dem empfiehlt Löhr augenzwinkernd ein historisches Fundstück: [Nikel Pallat von Ton Steine Scherben, der in den 70ern im NDR-Studio einen Tisch zertrümmerte](https://youtu.be/H3AxGp5k-Qo?ref=uebergabe.de) – ein Bild dafür, wie eng Gesellschaft, Norm und Psyche zusammenhängen. ## Zum Weiterhören - [ÜG091 – Recovery - ein Konzept der psychiatrischen Pflege (Florian Schumacher, Marie Gröninger & Simon Stiehl)](https://www.uebergabe.de/ug091/) - [ÜG126 – Safewards - ein Konzept für die psychiatrische Pflege (Prof. Dr. Michael Schulz)](https://www.uebergabe.de/ug126/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ****Psychiatrische Pflege** - [Prof. Dr. rer. medic. Michael Löhr](https://www.fh-diakonie.de/.cms/die%5Ffachhochschule%5Fder%5Fdiakonie/professor%5Fdr%5Fmichael%5Floehr/350?ref=uebergabe.de) (fh-diakonie.de) - [Studium Master Community Mental Health studieren in Bielefeld](https://www.fh-diakonie.de/.cms/studiengang/community%5Fmental%5Fhealth%5Fmaster%5Fstudium/452?ref=uebergabe.de) (fh-diakonie.de) - [Stigmatisierung: Publikationsliste von M. C. Angermeyer](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/?term=Angermeyer+MC%5BAuthor%5D&ref=uebergabe.de) (PubMed) - [Nikel Pallat: Der zerstörte Tisch](https://youtu.be/H3AxGp5k-Qo?ref=uebergabe.de) (YouTube) - [Personalausstattung Psychiatrie und Psychosomatik-Richtlinie: Veröffentlichung des Servicedokuments gemäß § 16 Absatz 5 - Gemeinsamer Bundesausschuss](https://www.g-ba.de/beschluesse/4332/?ref=uebergabe.de) (g-ba.de) - [Mindestvorgaben für Psychiatriepersonal](https://www.bundestag.de/presse/hib/700996-700996?ref=uebergabe.de) (Deutscher Bundestag) - [Psych-Entgeltsystem - PEPP](https://www.gkv-spitzenverband.de/krankenversicherung/krankenhaeuser/psychiatrie/pepp%5Fentgeltsystem%5F2020/pepp%5F2.jsp?ref=uebergabe.de) (gkv-spitzenverband.de) - [Was ist Soziotherapie?](https://www.dvgp.org/themen-engagement/soziotherapie/was-ist-soziotherapie.html?ref=uebergabe.de) (dvgp.org) - [Soziotherapie](https://www.kbv.de/html/soziotherapie.php?ref=uebergabe.de) (kbv.de) - [Psychisch-Kranken-Gesetz (PsychKG)](https://www.bundesanzeiger-verlag.de/betreuung/wiki/Psychisch-Kranken-Gesetz?ref=uebergabe.de) (bundesanzeiger-verlag.de) - [Personalausstattung in Psychiatrie und Psychosomatik](https://www.g-ba.de/themen/qualitaetssicherung/vorgaben-zur-qualitaetssicherung/vorgaben-personalausstattung-psychiatrie-psychosomatik/?ref=uebergabe.de) (g-ba.de) - [DBT - Dachverband-DBT](https://www.dachverband-dbt.de/index.php/dbt?ref=uebergabe.de) (dachverband-dbt.de) ****Historie** - [Philippe Pinel](https://de.wikipedia.org/wiki/Philippe%5FPinel?ref=uebergabe.de) (wikipedia.org) - [Effie J. Taylor](https://en.wikipedia.org/wiki/Effie%5FJ.%5FTaylor?ref=uebergabe.de) (wikipedia.org) - [40 Jahre Psychiatrie-Enquete: von heute aus gesehen - Die Forderungen sind noch nicht erfüllt](https://www.dgvt.de/aktuelles/details/?tx%5Fttnews%5Btt%5Fnews%5D=3950&cHash=300a32736a4ce3cfc507840d1924cb05&ref=uebergabe.de) (dgvt.de) ****Suizid** - [Suizide](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/suizide.html?ref=uebergabe.de) (Statistisches Bundesamt) - [Nurses\`Global Assessment of Suicide Risk – Skala (NGASR): Die Interrater - Reliabilität eines Instrumentes zur systematisierten pflegerischen Einschätzung der Suizidalität.](https://www.researchgate.net/publication/265637038%5FNursesGlobal%5FAssessment%5Fof%5FSuicide%5FRisk%5F-%5FSkala%5FNGASR%5FDie%5FInterrater%5F-%20%5FReliabilitat%5Feines%5FInstrumentes%5Fzur%5Fsystematisierten%5Fpflegerischen%5FEinschatzung%5Fder%5FSuizidalitat?ref=uebergabe.de) (researchgate.net) - [The Bridge - Der Film](http://www.thebridge-themovie.com/?ref=uebergabe.de) (thebridge-themovie.com) - [The Bridge (2006) - IMDb](https://www.imdb.com/title/tt0799954/?ref=uebergabe.de) (IMDb) - [Strukturierte Einschätzung des Suizidrisikos: Instrumente und praktische Erfahrungen](https://www.uebergabe.de/content/files/527-download/pdf/abderhalden.pdf) (lwl.org) ### Rekrutierung aus dem Ausland (Thorsten Kiefer) URL: https://www.uebergabe.de/ug046/ Last updated: 2026-06-12T23:51:50.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 20.06.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die DEFA rekrutiert nicht selbst, sondern übernimmt für Einrichtungen die Verwaltungsverfahren. - Anwerbung muss nach internationalen Standards fair und arbeitgeberfinanziert ablaufen. - Pflegefachkräfte aus Philippinen, Mexiko und Brasilien haben oft ein vierjähriges Studium. - Aus Ländern mit Fachkräftemangel darf laut WHO-Liste nicht angeworben werden. - Integration und Erwartungsmanagement entscheiden über den langfristigen Erfolg. Pflege aus dem Ausland – kaum ein Thema löst in der Branche so gemischte Gefühle aus. Die einen sehen darin einen unverzichtbaren Beitrag gegen den Fachkräftemangel, die anderen befürchten Lohndumping, kulturelle Reibungen oder das Auslagern eines selbstgemachten Problems. Wir haben einmal genau hingeschaut, wie Anwerbung aus dem Ausland eigentlich abläuft – und mit wem die ganze Bürokratie dahinter zusammenhängt. Zu Gast war Thorsten Kiefer, Geschäftsführer der [Deutschen Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe](https://www.defa-agentur.de/?ref=uebergabe.de), kurz DEFA, die zum Zeitpunkt der Aufnahme im Sommer 2020 gerade einmal ein gutes halbes Jahr existierte. ## Eine Agentur, die selbst gar nicht anwirbt Die erste Überraschung kommt gleich zu Beginn: Die DEFA rekrutiert selbst niemanden. Das klingt zunächst paradox für eine „Fachkräfteagentur", ergibt aber Sinn, wenn man ihre Rolle versteht. Sie unterstützt die private Auslandsanwerbung – also Krankenhäuser, Kliniken, Pflegeeinrichtungen und die von ihnen beauftragten Vermittlungsagenturen. Konkret nimmt sie ihnen den bürokratischen Berg ab, der mit Einreise und Berufsanerkennung von Pflegefachpersonen verbunden ist. Entstanden ist die Agentur als Ergebnis der Konzertierten Aktion Pflege. Aus der Praxis kamen zwei wiederkehrende Hilferufe: Zum einen die schiere Komplexität der Verwaltungsverfahren, zum anderen der Wunsch, dokumentieren zu können, dass Anwerbung sozial verantwortungsvoll und mit einer gewissen Qualität abläuft. Genau an diesen beiden Punkten setzt die DEFA an. Das Verfahren selbst führen weiterhin die zuständigen Behörden – die Anerkennung ist in Deutschland schließlich Ländersache, und damit sitzen viele unterschiedliche Stellen mit teils sehr unterschiedlichen Handhabungen mit am Tisch. > *„Unsere Aufgabe ist es, den Einrichtungen und Agenturen die Verwaltungsarbeit abzunehmen, damit sie sich auf das Wesentliche konzentrieren können – nämlich die Fachkräfte zu gewinnen. Um die Formalien kümmern wir uns." — Thorsten Kiefer* Idealerweise kommt die DEFA so früh wie möglich ins Spiel. Schon während die angeworbenen Pflegefachpersonen in ihren Herkunftsländern im Sprachkurs sitzen, laufen im Hintergrund die Anträge: Berufsanerkennung, Arbeitsmarktzulassung über die Bundesagentur für Arbeit, Visum. Wichtig dabei: Es handelt sich um personenbezogene Anträge. Erst wenn eine konkrete Person angeworben ist und eine Vollmacht erteilt hat, übernimmt die Agentur den Verwaltungsprozess, um genau diesen Menschen nach Deutschland zu bringen. ## Faire Anwerbung ist kein Nice-to-have Ein zentrales Anliegen der DEFA sind klare Spielregeln. Auch wenn sie keine Aufsichtsbehörde ist, fühlt sie sich den internationalen Standards für faire Fachkräfteanwerbung verpflichtet – und verpflichtet auch alle Vertragspartner darauf. Wer sich nicht daran hält, mit dem arbeitet sie schlicht nicht zusammen. Was bedeutet das konkret? Die Kosten der Anwerbung trägt grundsätzlich der Arbeitgeber – es darf nicht sein, dass Menschen im Herkunftsland erst ihr gesamtes Erspartes zusammenkratzen müssen, um nach Deutschland zu kommen. Arbeitgeber dürfen Einreise- und Aufenthaltspapiere nicht einbehalten. Und am Flughafen darf nicht plötzlich ein anderer Arbeitsvertrag auf dem Tisch liegen als der, auf den sich die Person verlassen hat. Klingt selbstverständlich – ist es international aber leider nicht überall. > *„Wer sich an diese Spielregeln nicht hält, mit dem arbeiten wir auch nicht zusammen. Das ist für uns ein ganz wichtiger Aspekt." — Thorsten Kiefer* Die Personen, die bei der DEFA arbeiten, bringen vor allem Verwaltungs- und rechtliche Erfahrung mit – schließlich ist die Vorbereitung der Anträge eine sehr papierlastige Angelegenheit. Fachliches Pflege-Know-how holt sich die Agentur dort hinzu, wo es um die inhaltlichen Details der Qualifikationen geht. Den Großteil der Verfahren standardisiert sie so weit wie möglich, sodass nicht für jeden einzelnen Antrag die Pflegewissenschaft befragt werden muss. ## Studierte Pflege aus den Philippinen, Mexiko und Brasilien Im Fokus stehen vor allem drei Länder: die Philippinen, Mexiko und Brasilien. Und hier räumt Kiefer mit einem verbreiteten Missverständnis auf. Die Mehrheit der angeworbenen Pflegefachpersonen hat dort ein vierjähriges Studium absolviert – also eine grundsätzlich hervorragende Ausbildung, oft sogar mit akademischem Abschluss. Die Unterschiede zur deutschen Ausbildung liegen weniger im Niveau als in den Schwerpunkten: Der Bereich der Grundpflege etwa ist nicht überall so präsent wie hierzulande, und auch bei Themen wie der Geriatrie gibt es Abweichungen. Diese Unterschiede müssen ausgeglichen werden, um die volle Anerkennung als Pflegefachperson in Deutschland zu erhalten – entweder über eine Anpassungsqualifizierung oder über das Ablegen einer Kenntnisprüfung. Je nach Fall dauert dieser Schritt noch einmal drei bis neun Monate. In Einzelfällen kann es sogar zu einer Direktanerkennung kommen, wenn jemand die formalen Lücken durch Berufserfahrung und zusätzliche Qualifikationen bereits geschlossen hat. Mindestens ebenso wichtig wie das fachliche Profil ist das, was Kiefer „Erwartungsmanagement auf beiden Seiten" nennt. Es macht einen Unterschied, ob eine studierte Pflegefachperson auf einer deutschen Intensivstation oder in einem Pflegeheim eingesetzt wird. Dass Altenpflege in Deutschland eine qualifizierte Tätigkeit ist, ist im Ausland nicht immer selbstverständlich – und genau darüber muss man sprechen, bevor jemand einreist, damit beide Seiten mit der richtigen Erwartungshaltung starten. ## Wo nicht angeworben werden darf Ein Vorwurf, der bei der Auslandsanwerbung immer mitschwingt: Reißen wir damit nicht ein Loch in die Gesundheitssysteme anderer Länder? Kiefer differenziert hier sorgfältig. Es gibt eine [Liste der Weltgesundheitsorganisation mit Ländern](https://www.nhsemployers.org/your-workforce/recruit/employer-led-recruitment/international-recruitment/uk-code-of-practice-for-international-recruitment/list-of-developing-countries?ref=uebergabe.de), in denen es zu wenig Pflegefachpersonen gibt – aus diesen darf nicht angeworben werden. In Deutschland ist das über die [Verordnung über die Beschäftigung von Ausländerinnen und Ausländern](https://www.gesetze-im-internet.de/beschv%5F2013/BJNR149910013.html?ref=uebergabe.de) rechtlich verankert, weitgehend deckungsgleich mit der WHO-Liste. Auf den Philippinen etwa gebe es einen deutlichen Überhang an ausgebildeten Pflegefachpersonen, von denen viele gar nicht im Gesundheitswesen arbeiten, sondern in Bars, Hotels oder Callcentern. Nur ein kleiner Teil derjenigen, die das Land verlassen, geht nach Deutschland. Zusätzlich legt die DEFA Wert darauf, möglichst nicht direkt aus Kliniken, sondern aus den Hochschulen anzuwerben – um die Versorgung vor Ort nicht systematisch zu schwächen. Punktuelle Wechsel seien unproblematisch, ein dauerhaftes gezieltes Abwerben aus Krankenhäusern dagegen sei ein sehr sensibles Thema. ## Sprache, Kultur und das Onboarding danach Eine fachlich exzellente Ausbildung reicht nicht aus, wenn die Verständigung hakt. In Deutschland ist die Berufszulassung an ein Sprachniveau von mindestens B2 nach dem [Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen](https://www.europaeischer-referenzrahmen.de/?ref=uebergabe.de) geknüpft. Doch damit ist es nicht getan: Auch nach der Einreise braucht es weitere Sprachschulung, damit die neuen Kolleg:innen wirklich in den Sprachfluss kommen – und mit Dialekten zurechtkommen, die in keiner Sprachschule unterrichtet werden. Gerade deshalb funktioniert Anwerbung am besten in Gruppen von 15 bis 20 Personen: So lassen sich Anpassungsmaßnahme und Sprachschulung in Klassenstärke organisieren. Hinzu kommt ein ganzer Strauß an Integrationsmaßnahmen – von der Begleitung zur Meldebehörde bis zur Vorbereitung der bestehenden Stationsteams auf die neuen Kolleg:innen. Integration ist eben keine Einbahnstraße. Den konzeptionellen Rahmen dafür liefert das [Deutsche Kompetenzzentrum für internationale Fachkräfte in den Gesundheits- und Pflegeberufen](https://dkf-kda.de/?ref=uebergabe.de) in Trägerschaft des [Kuratoriums Deutsche Altershilfe](https://kda.de/?ref=uebergabe.de). > *„Man muss die Menschen auf die Rahmenbedingungen hier vorbereiten, damit das nachher passt und Arbeitgeber und Arbeitnehmer möglichst lange Freude miteinander haben." — Thorsten Kiefer* Dass sich dieser Aufwand lohnt, hat einen handfesten Grund: Die Anwerbung einer einzelnen Pflegefachperson verursacht hohe Kosten. Allein bis zur Einreise fallen je nach Profil zwischen 8.000 und 15.000 Euro an – Sprachausbildung im Herkunftsland, Flug, Unterhalt während der Anpassungsmaßnahme und die Maßnahme selbst noch nicht eingerechnet. Unterm Strich landet man schnell im fünfstelligen Bereich. Kein Arbeitgeber gibt dieses Geld leichtfertig aus, ohne in eine gute Integration zu investieren. ## Hilft das überhaupt der Pflegequalität? Wir haben nachgehakt, ob der Einsatz internationaler Pflegefachpersonen der Versorgungsqualität wirklich zuträglich ist. Belastbare Studien aus Deutschland gibt es dazu kaum – wohl aber Hinweise aus dem Ausland. Forschungsarbeiten unter Beteiligung der Pflegewissenschaftlerin Linda Aiken etwa deuten für England darauf hin, dass Sprachbarrieren zu Missverständnissen und sinkender Zufriedenheit führen können. Kiefer ordnet das ein: In England und den USA gibt es Stationen mit 60 bis 70 Prozent internationalem Personal – davon ist Deutschland weit entfernt. Hier sorge das vergleichsweise hohe Sprachniveau bei der Berufszulassung für eine andere Ausgangslage, und parallel zur Anwerbung gebe es viele Anstrengungen, den Pflegeberuf auch im Inland attraktiver zu machen. Anwerbung und eigene Ausbildung seien kein Widerspruch, sondern liefen vielerorts parallel. Gerade größere Einrichtungen bilden aus und werben zusätzlich an, weil die Ausbildungsplätze allein den kurzfristigen Bedarf nicht decken. Das [Fachkräfteeinwanderungsgesetz](https://www.bmas.de/DE/Presse/Meldungen/2018/fachkraefteeinwanderungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) eröffnet den Pflegefachpersonen übrigens die Möglichkeit, direkt mit der eigenen Einreise auch den Familiennachzug zu regeln. Ob jemand allein kommt und die Familie im Herkunftsland unterstützt oder die Angehörigen mitbringt, bleibt eine freie persönliche Entscheidung – die mutmaßlich auch beeinflusst, wie lange jemand in Deutschland bleibt. ## Erste Zahlen und ein Blick über die Pflege hinaus Wie viel bewegt die Agentur tatsächlich? Zum Zeitpunkt der Aufnahme hatte die DEFA Verträge zur Verfahrensbegleitung für knapp über 1.000 Pflegefachpersonen geschlossen, mehrere tausend weitere Anfragen waren in Bearbeitung – passend zu Berichten über das große Interesse an der neuen [Fachkräfteagentur](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/109699/Zahlreiche-Anfragen-an-Fachkraefteagentur-fuer-Gesundheits-und-Pflegeberufe?ref=uebergabe.de). Die ersten Verfahren waren damals noch nicht abgeschlossen; die ersten Einreisen wurden für die folgenden Monate erwartet. Eine feste Obergrenze gibt es nicht – die Agentur unterstützt so viele Verfahren, wie ihre Kapazitäten zulassen. Und über die Pflege hinaus? Anfragen gibt es auch für Ärzt:innen, Hebammen und Physiotherapeut:innen. Vorerst konzentriert sich die DEFA aber bewusst auf die Pflege – man könne nicht alle Professionen und alle Länder gleichzeitig abdecken. Besonders bei Hebammen sieht Kiefer einen prekären Engpass, der manche Einrichtungen sogar um den Weiterbetrieb ihrer Kreißsäle bangen lässt. Bleibt ein nüchternes Fazit: Auslandsanwerbung ist weder Allheilmittel noch Tabu. Eine Agentur, die faire Standards einfordert und den Behörden-Dschungel lichtet, kann immerhin dafür sorgen, dass der Prozess für alle Beteiligten transparenter und verlässlicher wird – für die Einrichtungen ebenso wie für die Menschen, die ihre Heimat verlassen, um hier zu pflegen. ## Zum Weiterhören - [ÜG173 – Erwartungen und Realität internationaler Pflegefachpersonen (Debora Aust)](https://www.uebergabe.de/ug173/) - [ÜG151 – Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland - Berliner Beratungsstelle BBeFaP (Debora Aust)](https://www.uebergabe.de/ug151/) - [ÜG138 – Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland (Sebastian WInter & Alexis Padilla Gomez)](https://www.uebergabe.de/ug138/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Rekrutierung Pflegender aus dem Ausland - [Deutsche Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe](https://www.defa-agentur.de/?ref=uebergabe.de) (defa-agentur.de) - [Zahlreiche Anfragen an Fachkräfteagentur für Gesundheits- und...](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/109699/Zahlreiche-Anfragen-an-Fachkraefteagentur-fuer-Gesundheits-und-Pflegeberufe?ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) - [What is IRIS? | International Recruitment Integrity System](https://iris.iom.int/what-iris?ref=uebergabe.de) (iris.iom.int) - [IRIS Standard | International Recruitment Integrity System](https://iris.iom.int/iris-standard?ref=uebergabe.de) (iris.iom.int) - [Deutsches Kompetenzzentrum für internationale Fachkräfte in den Gesundheits- und Pflegeberufen (DKF) unter Trägerschaft des Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA)](https://dkf-kda.de/?ref=uebergabe.de) (dkf-kda.de) - [Kuratorium Deutsche Altershilfe](https://kda.de/?ref=uebergabe.de) (kda.de) - [Migration of Health Workers](https://www.who.int/hrh/migration/14075%5FMigrationofHealth%5FWorkers.pdf?ref=uebergabe.de) (who.int) - [The WHO Global CODE of Practice on the International Recruitment of Health Personnel](https://www.who.int/hrh/migration/code/code%5Fen.pdf?ua=1&ref=uebergabe.de) (who.int) - [Developing countries - recruitment](https://www.nhsemployers.org/your-workforce/recruit/employer-led-recruitment/international-recruitment/uk-code-of-practice-for-international-recruitment/list-of-developing-countries?ref=uebergabe.de) (nhsemployers.org) - [BeschV - Verordnung über die Beschäftigung von Ausländerinnen und Ausländern](https://www.gesetze-im-internet.de/beschv%5F2013/BJNR149910013.html?ref=uebergabe.de) (gesetze-im-internet.de) - [Verordnung zur Änderung der Beschäftigungsverordnung und der Aufenthaltsverordnung](https://www.bmas.de/DE/Service/Gesetze/mantelvo-zur-aenderung-der-beschv-und-der-aufenthv.html?ref=uebergabe.de) (bmas.de) - [Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz](https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/gesetzgebungsverfahren/DE/fachkraefteeinwanderungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) (bmi.bund.de) - [BMAS - Fachkräfteeinwanderungsgesetz](https://www.bmas.de/DE/Presse/Meldungen/2018/fachkraefteeinwanderungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) (bmas.de) - [Fragen und Antworten rund um das Fachkräfteeinwanderungsgesetz](https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/faqs/DE/themen/migration/fachkraefteeinwanderung/faqs-fachkraefteeinwanderungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) (bmi.bund.de) - [Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen (GER) für Sprachen](https://www.europaeischer-referenzrahmen.de/?ref=uebergabe.de) (europaeischer-referenzrahmen.de) ### Blickpunkt Niedersachen: Evaluation der Pflegekammer (Interview mit Kai Boeddinghaus und Dr. Martin Dichter) URL: https://www.uebergabe.de/ug045/ Last updated: 2026-06-13T21:15:04.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 06.06.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Eine Befragung soll über die Zukunft der Pflegekammer Niedersachsen entscheiden. - Die suggestive Frage 11 zur beitragsfreien Kammer gilt als methodisch fragwürdig. - Kai Boeddinghaus lehnt Kammerzwang ab, Martin Dichter fordert die Pflichtmitgliedschaft. - Beide kritisieren die Evaluation als zu früh und schädlich für den Beruf. - Statt Spaltung braucht die Pflege gemeinsame Kommunikation und Selbstverwaltung. ## Ein Bundesland als Versuchslabor Selten lässt sich an einem einzigen Bundesland so gut studieren, wie verfahren eine pflegepolitische Debatte werden kann, wie aktuell in Niedersachsen. Dort sind zum Zeitpunkt dieser Aufnahme im Frühsommer 2020 alle Pflegefachpersonen, die Mitglied der Pflegekammer sind, aufgerufen, einen umfangreichen Fragenkatalog auszufüllen. Am Ende dieses Fragebogens steht die entscheidende Frage: Soll es die Pflegekammer Niedersachsen überhaupt weiter geben? Das Besondere daran: Das Ergebnis dieser Befragung soll für die Landesregierung bindend sein. Genau das macht den Vorgang so brisant – und so umstritten. Denn während andere Heilberufekammern in Niedersachsen, etwa die Ärzte- oder die Apothekerkammer, niemand zur Disposition stellt, muss sich die Pflegekammer einer Evaluation unterziehen, die von Anfang an im Koalitionsvertrag festgeschrieben wurde. Für diese Episode haben wir uns zwei Gäste eingeladen, die unterschiedlicher kaum positioniert sein könnten – und sich am Ende doch überraschend nahekommen: Kai Boeddinghaus, Geschäftsführer des Bundesverbandes für Freie Kammern, und Dr. Martin Dichter, Pflegewissenschaftler und damals Vorsitzender des [DBfK Nordwest, der einen Stopp der Mitgliederbefragung fordert](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dbfk-nordwest-fordert-stopp-der-mitgliederbefragung?ref=uebergabe.de). ## Wie die Politik in die Befragung schlitterte Der Hintergrund ist politisch. In der vorigen Legislaturperiode hatte eine rot-grüne Regierung die Pflegekammer auf den Weg gebracht. Nach der Landtagswahl regierten dann SPD und CDU gemeinsam – zwei Partner, die sich beim Thema Pflegekammer alles andere als einig waren. Weil man sich nicht einigen konnte, schrieb man die Evaluation in den Koalitionsvertrag. Eine Formel, hinter der sich beide Seiten versammeln konnten, ohne sich festzulegen. Das Resultat: Die Pflegekammer Niedersachsen war von Beginn an nicht im Heilberufekammergesetz verankert und nie mit einer angemessenen Anschubfinanzierung ausgestattet. Sie startete also strukturell ungleich gegenüber den etablierten Kammern. Dazu kamen handwerkliche Fehler – etwa bei den Beitragsbescheiden und beim Zeitpunkt der ersten Beitragserhebung. Dass dabei Vertrauen verloren ging, ist für beide Gäste unstrittig. Strittig ist alles andere. > *„Aber noch größere Vorwürfe sind an die Ministerien zu richten, die diese Anfänger:innen völlig alleingelassen und in jedes offene Messer haben laufen lassen." — Kai Boeddinghaus* ## Frage 11 – eine Frage, an der sich alles entzündet Im Zentrum der Kritik steht eine einzige Frage. Sie lautet sinngemäß: Wünschst du dir für die Zukunft eine beitragsfreie Pflegekammer in Niedersachsen? Antwortmöglichkeiten: Ja, Nein, keine Angabe. Beide Gäste sind sich einig, dass diese Formulierung methodisch nicht haltbar ist. Sie ist suggestiv, weil sie nur eine einzige Variante zur Abstimmung stellt – die beitragsfreie Kammer. Wer eine starke, unabhängige Kammer mit Pflichtbeitrag will, findet sich darin nicht wieder. Wer gar keine Kammer will, ebenso wenig. Verschärft wird das Dilemma durch eine Aussage der damaligen Gesundheitsministerin Carola Reimann, ein Nein zur beitragsfreien Kammer werde als grundsätzliches Nein zur Kammer gewertet. Damit kann selbst ein überzeugter Befürworter nicht einfach Nein ankreuzen, ohne sein eigentliches Anliegen zu verraten. Martin Dichter bringt es auf den Punkt: Ein seriöses pflegewissenschaftliches Institut hätte sich geweigert, eine solche Frage in einen Fragebogen aufzunehmen. Die Logik dahinter ist simpel. > *„Am Ende ist das Garbage in, Garbage out. Wenn ich eine Frage stelle, die methodisch schlecht ist, dann bekomme ich auch keine validen Ergebnisse." — Dr. Martin Dichter* Hinzu kommt der praktische Stolperstein: Der Zugangscode für die Online-Befragung funktioniert nur einmal. Wer den umfangreichen Fragebogen mit rund 38 Fragen abbricht – sei es, weil das Kind vom Hocker gefallen ist oder schlicht die Geduld fehlt –, verliert die Möglichkeit zur Stimmabgabe. Dass dies die Rücklaufquote drücken könnte, liegt auf der Hand. Wer die [Hintergründe zur Befragung der Pflegekräfte über ihre Kammer](https://www.springerpflege.de/pflegekammer/umfrage-pflegekammer-niesersachsen/18049218?ref=uebergabe.de) nachlesen möchte, erkennt schnell: Das Setting ist von vornherein darauf angelegt, am Ende Gewinner:innen und Verlierer:innen zu produzieren – statt eine echte Klärung herbeizuführen. ## Zwei Lager, ein Streitpunkt: das kleine Wort „Zwang" So einig sich beide bei der Kritik an der Befragung sind, so klar trennen sie sich in der Grundsatzfrage. Kai Boeddinghaus’ Verband stammt ursprünglich aus dem wirtschaftlichen Bereich – aus dem Widerstand gegen die Pflichtmitgliedschaft in der Industrie- und Handelskammer. Sein zentrales Anliegen ist nicht die Abschaffung von Kammern, sondern die Abschaffung des Kammerzwangs. Sein Lieblingssatz, den er seit dem ersten Tag wiederholt: Man möge endlich das Gleichheitszeichen zwischen Kammer und Kammerzwang streichen. > *„Eine Kammer ohne Zwang hat im Hinblick auf Öffentlichkeitsarbeit und Interessenvertretung größere Freiheiten als eine Kammer mit Zwang. Das ist der gravierende Unterschied." — Kai Boeddinghaus* Sein Argument: Die Unabhängigkeit einer Kammer entstehe nicht über die Beitragsfinanzierung. Niemand käme schließlich auf die Idee, dem Landesrechnungshof seine Unabhängigkeit abzusprechen, nur weil dieser sein Geld vom Land bekommt. Als Vorbild verweist er auf den bayerischen „Feldversuch" – eine Kammer auf Basis freiwilliger Mitgliedschaft mit staatlicher Finanzierung. Sein Verband zitiert dazu gern den Präsidenten der Schweizer Handelskammer: Die freiwillige Mitgliedschaft sei das Fundament der Glaubwürdigkeit. Martin Dichter widerspricht entschieden. Aus seiner Sicht lassen sich die Aufgaben einer Heilberufekammer – Berufsordnung, Weiterbildungsordnung, Berufsgerichtsbarkeit – nur mit einer Pflichtmitgliedschaft erfüllen. Eine Berufsordnung gelte schließlich für alle, die den Beruf ausüben, nicht nur für freiwillige Mitglieder. Mit welchem Recht, fragt er, sollte eine Kammer Regeln für Nichtmitglieder festlegen, wenn diese gar nicht beteiligt waren? Solange das gesetzliche Aufgabenprofil der Pflegekammer dem anderer Heilberufekammern gleiche, führe kein Weg an der Pflichtmitgliedschaft vorbei. ## Der falsche Griff in den Werkzeugkasten Boeddinghaus argumentiert mit einem Bild, das hängen bleibt: Wer einen Nagel in die Wand schlagen will, dürfe nicht den Schraubenzieher aus der Kiste holen, nur weil der schicker aussieht. Mit Gewalt bekomme man den Nagel auch damit nicht in die Wand. Übertragen heißt das: Den Pflegenden sei jahrelang versprochen worden, die Kammer werde ihre Interessenvertretung. Genau das aber könne und dürfe eine Kammer rechtlich nicht sein – Interessenvertretung im klassischen Sinn ist Sache von Gewerkschaften und Berufsverbänden. Hier liegt für ihn das eigentliche Grundproblem der gesamten Debatte. Wenn man Pflegefachpersonen fragt, ob sie eine Verbesserung ihrer miserablen Situation wollen, schreien alle „Ja". Wenn man ihnen eine „Interessenvertretung" verspricht, sagen sie erst recht „Ja" – weil sie sich seit jeher schlecht vertreten fühlen. Am Ende aber stehe eine Organisation, die sie selbst bezahlen sollen und die als eine Art Qualitätsaufsicht auch Pflichten gegenüber ihnen formuliert. Wer das nicht von Anfang an ehrlich kommuniziert, erzeuge zwangsläufig Enttäuschung. Eine ehrliche, breite Information vorab sei die Voraussetzung für jede sinnvolle Abstimmung – und genau die habe gefehlt. ## Qualität, Berufsstolz und ein verbreiteter Irrtum Martin Dichter setzt einen anderen Akzent. Für ihn geht es bei der Kammer nicht um Gehalt oder Arbeitsbedingungen – dafür seien Gewerkschaften und Berufsverbände da –, sondern um die Qualität der pflegerischen Versorgung und um die Selbstverwaltung des Berufs. Pflege sei ein hochprofessioneller Beruf, der enorm viel Wissen erfordere. Genau deshalb solle sich die Berufsgruppe selbst Standards setzen: über eine Berufsordnung, über definierte Qualifikationen in Fort- und Weiterbildung. Dass sich Pflegende noch immer vor allem über „Herz und Hand" und die Nähe zum Menschen definierten, hält er für altbacken. Diese Haltung speist sich aus einer Entwicklung, die der Beruf gerade durchläuft: Mit der generalistischen Ausbildung und mit primärqualifizierenden Studiengängen verändert sich auch das Selbstverständnis vieler, die in die Pflege gehen. Wie sehr berufliche Selbstverwaltung Pflegende beschäftigt, zeigen Befragungen aus verschiedenen Bundesländern – von der [Akzeptanzstudie zur Pflegekammer im Land Berlin](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Daten/Forschung/5%5FProjekte/Kammer-Studie/abschlussbericht%5Fstudie%5Fzur%5Fakzeptanz%5Feiner%5Fpflegekammer%5Fim%5Fland%5Fberlin.pdf) bis zu repräsentativen Erhebungen in Nordrhein-Westfalen. Bemerkenswert ist dabei der Befund einer [Untersuchung zur Interessenvertretung in der Pflege von Wolfgang Schroeder](https://www.springer.com/de/book/9783658194062?ref=uebergabe.de): In Berlin gaben über 60 Prozent der Befragten an, gar nicht zu wissen, worum es bei der Kammer überhaupt geht. Genau diese Wissenslücke ist Teil des Problems. ## Eine Streikkultur, die es so nicht gibt Spannend wird es, wenn beide auf einen Vergleich kommen, der in der Pflege immer wieder gezogen wird: zur Ärzteschaft. Warum funktioniert dort die emotionale Bindung an Kammer und Berufsstand scheinbar reibungsloser? Boeddinghaus verweist auf einen handfesten Unterschied – die Streikfähigkeit. Lokführer:innen, Pilot:innen oder Lotsenbrüderschaften könnten höchst effizient Druck aufbauen, weil ohne sie nichts mehr läuft. In der Pflege sei eine solche Strategie kaum durchsetzbar, weil niemand riskieren will, dass Patient:innen Schaden nehmen. Dazu kommt der finanzielle Aspekt, den beide unverblümt benennen: In der Pflege werde schlecht bezahlt. Wer jeden Euro dreimal umdrehen muss, für den ist auch ein vermeintlich kleiner Pflichtbeitrag eine echte Hürde. Die Arroganz, mit der mancherorts behauptet werde, das sei doch „nur eine Packung Zigaretten weniger am Tag", stößt Boeddinghaus sauer auf. Wer die Organisationsgrade in Gewerkschaften und Verbänden so niedrig halte und gleichzeitig schlecht bezahle, dürfe sich über mangelnde Selbstorganisation nicht wundern. ## Worin sie sich einig sind Bei allem Streit – an einem Punkt treffen sich beide unmissverständlich: Die Befragung in ihrer jetzigen Form schadet dem Beruf. Sie heizt Konflikte an, statt sie zu lösen, sie produziert vorhersehbar Gewinner:innen und Verlierer:innen, und sie wird die Diskussion nicht beenden. Egal, wie das Votum ausfällt: Ruhe kehrt danach nicht ein. Boeddinghaus erinnert an die schwärzeste Seite des Kammerwesens – Intransparenz, überhöhte Beiträge, Funktionär:innen, die sich anmaßen, im Namen der gesamten Berufsgruppe zu sprechen. Dichter wiederum sieht in der ganzen Debatte vor allem eines: ein Symptom der berufspolitischen Schwäche der Pflege. > *„Wenn wir uns nicht gemeinsam auf bestimmte Positionen verständigen können, dann sind wir am Ende an uns selbst gescheitert." — Dr. Martin Dichter* Beide plädieren deshalb dafür, das Lagerdenken zu überwinden. Leute wie Martin Dichter und Kai Boeddinghaus, so der gemeinsame Tenor, sollten aufhören, sich in den sozialen Medien anzugiften, und stattdessen miteinander reden. Es brauche Formate, in denen man sich an einen Tisch setzt und ehrlich fragt: Wenn es so nicht geht – was geht dann? Statt eines Tribunals zwischen Befürworter:innen und Gegner:innen ein gemeinsamer Ausgangspunkt. Auch Boeddinghaus, erklärter Fan der Selbstverwaltung, betont, dass Kammern bei aller Kritik Orte von Vielfalt und Kreativität sein können – wenn sie nicht über Zwang funktionieren müssen. ## Ein Blick nach vorn Wie es ausgeht, wagt keiner der beiden sicher zu prognostizieren. Dichter hält es für wahrscheinlich, dass sich eine Mehrheit für die beitragsfreie Kammer ausspricht – und damit für ein Modell, das der DBfK gerade nicht für souverän und unabhängig hält. Boeddinghaus rechnet eher mit Frust und Ablehnung, sobald die ersten Beiträge fällig würden. Beide sehen die Gefahr, dass am Ende eine stiefmütterlich nebenherlaufende Kammer entsteht – und damit genau das, was niemand wollte. Dass die niedersächsische Diskussion auch auf andere Bundesländer wie Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen oder Hamburg ausstrahlt, dessen sind sich beide bewusst. Wie die [Hamburger Koalition den Weg zu einer eigenen Befragung ebnet](https://www.aerztezeitung.de/Nachrichten/Pflegeberufekammer-Hamburger-Koalition-ebnet-Weg-zur-Befragung-410076.html?ref=uebergabe.de), zeigt: Das Thema bleibt bundesweit in Bewegung. Was als Lehre bleibt, formuliert Dichter selbstkritisch: Es lohnt sich, berufspolitische Themen früh und breit mit Pflegenden zu diskutieren – und dabei nicht müde zu werden. Wer mehr über Boeddinghaus’ Entscheidung wissen will, findet seinen [öffentlichen Ausstieg aus dem Beirat zur Evaluation](https://www.youtube.com/watch?v=YZaiTz3gej0&ref=uebergabe.de) dokumentiert. Und für alle, die wissen wollen, wie es nach der Stimmabgabe weitergeht: Auch die Frage, wer am Ende über den [Fortbestand der Kammer entscheidet](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegende-entscheiden-ueber-fortbestand-der-kammer?ref=uebergabe.de), ist Teil einer Debatte, die so schnell kein Ende findet. ## Zum Weiterhören - [ÜG003 – Special: Pflegekammer - (Dr. M. Dichter)](https://www.uebergabe.de/ug003/) - [ÜG039 – Pflegekammer, Situation und Befragung in Niedersachen (Nora Wehrstedt)](https://www.uebergabe.de/ug039/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Informationen zur Vollbefragung in Niedersachsen - [Interessenvertretung in der Altenpflege - Zwischen Staatszentrierung und Selbstorganisation | Wolfgang Schroeder | Springer](https://www.springer.com/de/book/9783658194062?ref=uebergabe.de) (springer.com) - [Pflegeberufekammer? Hamburger Koalition ebnet Weg zur Befragung](https://www.aerztezeitung.de/Nachrichten/Pflegeberufekammer-Hamburger-Koalition-ebnet-Weg-zur-Befragung-410076.html?ref=uebergabe.de) (AerzteZeitung.de) - [Offener Brief des bffk](https://www.bffk.de/files/20-06-03%5F%5F-%5F%5Foffener%5Fbrief%5Fan%5Fdr.%5Freimann.pdf?ref=uebergabe.de) (bffk.de) - [„Interessenvertretung der Pflege“ - Im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen](https://www.mags.nrw/sites/default/files/asset/document/nrw-pflegekammer%5Fergebnisbericht.pdf?ref=uebergabe.de) (mags.nrw) - [Evaluationsstudie „Pflegekammer Niedersachsen“](https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwi5zbaz9-rpAhXRi6QKHVuKBcAQFjAAegQIBRAB&url=https%3A%2F%2Fwww.ms.niedersachsen.de%2Fdownload%2F76196%2FEvaluationsstudie%5FPflegekammer%5FNiedersachsen%5F-%5FTabellarische%5FUebersichten.pdf&usg=AOvVaw0D19DKrTmfngSXNYPMmHke) (infratest dimap) - [Studie zur Akzeptanz einer Pflegekammer im Land Berlin](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Daten/Forschung/5%5FProjekte/Kammer-Studie/abschlussbericht%5Fstudie%5Fzur%5Fakzeptanz%5Feiner%5Fpflegekammer%5Fim%5Fland%5Fberlin.pdf) (ash-berlin.eu) - [Ausstieg aus dem Beirat zur Evaluation der Pflegekammer Niedersachsen](https://www.youtube.com/watch?v=YZaiTz3gej0&feature=youtu.be&fbclid=IwAR0bF51h-2x5%5Fm2SKbNtq8hioZbRVVuVB2XtOsFC1jkhJk2ihmN8-kwWaDI&ref=uebergabe.de) (YouTube) - [Pflegekammer Niedersachsen - Pflegende entscheiden über Fortbestand der Kammer](https://www.bibliomed-pflege.de/news/pflegende-entscheiden-ueber-fortbestand-der-kammer?ref=uebergabe.de) (Online-Portal für professionell Pflegende) - [Pflegekammer Niedersachsen - DBfK Nordwest fordert Stopp der Mitgliederbefragung](https://www.bibliomed-pflege.de/news/dbfk-nordwest-fordert-stopp-der-mitgliederbefragung?ref=uebergabe.de) (Online-Portal für professionell Pflegende) - [Befragung zur Pflegekammer Niedersachsen in der vorliegenden Fassung ist Verschwendung von Steuergeldern - DBfK](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Befragung-zur-Pflegekammer-Niedersachsen-in-der-vorliegenden-Fassung-ist-Verschwendung-von-Steuergeldern.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Befragung zur Pflegekammer Niedersachsen in der vorliegenden Fassung ist Verschwendung von Steuergeldern](https://www.dbfk.de/media/docs/regionalverbaende/rvnw/PM%5FEvaluation-Pflegekammer-Niedersachsen.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Niedersachsen – Pflegekräfte entscheiden über Kammer](https://www.springerpflege.de/pflegekammer/umfrage-pflegekammer-niesersachsen/18049218?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [ÜG003 - Special: Pflegekammer - (Dr. M. Dichter) | Übergabe](https://www.uebergabe.de/ug003/) (Übergabe) - [ÜG039 - Pflegekammer, Situation und Befragung in Niedersachen (Nora Wehrstedt, stellvertretende Präsidentin Pflegekammer Niedersachsen) | Übergabe](https://www.uebergabe.de/ug039/) (Übergabe) ### CORONA SPEZIAL #10: Isolation im Heim (Interview mit Prof. Dr. Markus Zimmermann) URL: https://www.uebergabe.de/ug044/ Last updated: 2026-06-17T08:38:07.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 23.05.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Kontaktsperren können bei Bewohner:innen größeren Schaden anrichten als das Virus selbst. - Handlungsempfehlungen zeigen, wie Besuche trotz Infektionsschutz wieder möglich werden. - 50–70 % der Heimbewohner:innen sind kognitiv eingeschränkt und leiden besonders unter Isolation. - Fehlende Pandemiepläne und ein Digital Divide verschärften die Lage in der Langzeitpflege. - Die Pflegewissenschaft braucht schnellere Wege von der Forschung in die Praxis. Stell dir vor, du lebst seit Jahren in einem Pflegeheim. Es ist dein Zuhause. Jeden Tag kommt deine Tochter vorbei, hilft beim Essen, hält deine Hand. Und dann, von heute auf morgen, ist die Tür verschlossen. Niemand erklärt dir warum – oder du kannst es nicht mehr verstehen, weil deine Erinnerung dich im Stich lässt. Genau diese Situation war im Frühjahr 2020 Alltag in unzähligen Einrichtungen. In Folge 44 des Übergabe-Podcasts spricht das Team mit Prof. Dr. Markus Zimmermann von der Hochschule für Gesundheit (HSG) in Bochum über eine Frage, die damals viele schlaflose Nächte bereitete: Wie schützt man die verletzlichsten Menschen vor dem Virus, ohne sie von der Welt abzuschneiden? ## Als die Türen sich schlossen In Nordrhein-Westfalen trat am 22\. März 2020 die erste Corona-Schutzverordnung in Kraft. Sie legte fest, dass Besuche in Pflegeheimen und Einrichtungen der Eingliederungshilfe nicht mehr möglich sein sollten. Die Absicht dahinter war nachvollziehbar: In der Langzeitpflege leben überwiegend hochaltrige, multimorbide Menschen – die gefährdetste Gruppe überhaupt. Gerät das Virus erst einmal in ein solches Haus, wird es oft erst spät bemerkt, und dann droht ein echter Notstand. Die Sterblichkeitszahlen in betroffenen Kreisen zeigten das damals auf dramatische Weise. Doch sehr schnell wurde deutlich, dass dieses pauschale Besuchsverbot enorme Verwerfungen mit sich brachte. Während Pflegefachpersonen weiterhin täglich ins Haus kamen und gingen – und damit ohnehin ein gewisses Infektionsrisiko trugen –, blieben ausgerechnet die engsten Bezugspersonen außen vor. Für viele Bewohner:innen, gerade jene mit kognitiven Einschränkungen, war das schlicht nicht zu begreifen. Die Folge: Unruhe, Enttäuschung, Verzweiflung. Selbst im Gesundheitsministerium reifte die Erkenntnis, dass sich dieser Zustand nicht über Monate aufrechterhalten ließ. > *„Wir reden hier von einer Gruppe, die vielleicht noch ein ganzes Jahr, vielleicht aber auch zwei Jahre zu schützen ist. Und die jetzt tatsächlich komplett zu isolieren, das wäre schon ein sehr fragwürdiges Unterfangen." — Prof. Dr. Markus Zimmermann* Aus dieser Not heraus vergab das Ministerium einen Auftrag an die Wissenschaft. Zimmermann wurde gebeten, ein interdisziplinäres Team zusammenzustellen, das nach Wegen suchte, die Besuchsverbote in praktikable Besuchsregelungen zu überführen. So entstand das Papier [Schutz vor Infektion und vor sozialer Isolation](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/Aktuelles%5FPresse/News-PDF/20200502erstellung%5Fvon%5Fhandlungsempfehlungen.pdf), das im April 2020 erschien – getragen von Pflegewissenschaft, Recht, Infektiologie und der gelebten Praxis. ## Wenn die Kontaktsperre selbst zum Risiko wird Ein zentraler Gedanke der Handlungsempfehlungen ist auf den ersten Blick verstörend: Die Kontaktsperre kann größeren Schaden anrichten als die Infektion selbst. Was zunächst paradox klingt, wird verständlich, wenn man sich die Realität in den Häusern vor Augen führt. Zwischen 50 und 70 Prozent der Bewohner:innen in Langzeitpflegeeinrichtungen sind kognitiv eingeschränkt – milder, mittlerer oder sehr starker Natur. Bricht für diese Menschen das vertraute tägliche Gegenüber plötzlich weg, kann das Angstzustände, Depression und Apathie auslösen. Hinzu kommt die Gefahr eines Delirs: Maskierte Gesichter, veränderte Abläufe, fehlende vertraute Bezüge – all das bietet Nährboden für eine akute Verwirrtheit, die gerade bei Menschen mit Demenz oft gar nicht erkannt wird. Soziale Isolation ist also keine harmlose Nebenwirkung des Infektionsschutzes, sondern selbst eine ernstzunehmende Gefährdungslage. Damit wird die ganze Diskussion zu einer ethischen Abwägung. Darf man all diese Kollateralschäden in Kauf nehmen, um das Infektionsrisiko zu minimieren? Zimmermann beschreibt offen, wie sehr ihn diese Verantwortung umtrieb – die Vorstellung, eine Öffnung zu empfehlen und dann mitverantwortlich zu sein, wenn in einem Haus die Erkrankung ausbricht. Hilfreich sei in solchen Momenten gerade die interdisziplinäre Zusammensetzung des Teams gewesen. > *„Wenn man sich die Regeln des Infektionsschutzes nochmal klar vor Augen führt, dann ist der Grat auch ganz gut zu begehen. Der Grat hat dann auf einmal auch Handläufe, sodass man sich nicht mehr ganz so unsicher fühlt." — Prof. Dr. Markus Zimmermann* ## Vier Bausteine für mehr Nähe trotz Distanz Die Handlungsempfehlungen gliedern sich in mehrere Bereiche. Zuerst geht es um die Anforderungen des Infektionsschutzes in der Langzeitpflege – mit täglichem Personalscreening, obligatorischem Mund-Nasen-Schutz und im Infektionsfall den weitergehenden Schutzmaßnahmen, wie sie auch das Robert Koch-Institut empfiehlt. Erst auf dieser Grundlage lassen sich Besuche überhaupt denken. Konkret unterscheidet das Papier zwischen Begegnungen in abgrenzbaren Bereichen oder im Freien und Besuchen direkt in den Wohnbereichen. Für mobile Bewohner:innen kommen etwa Besuchscontainer infrage, wie sie in den Niederlanden und der Schweiz auf den Markt kamen, oder auch Zelte und Gartenlauben – Orte mit wenig Kontakt zum Gesamthaus. Für bettlägerige Menschen oder Personen, die nicht verstehen, wohin sie gehen sollen, braucht es Lösungen direkt im Zimmer, dann eben mit intensiveren Schutzvorkehrungen. Entscheidend ist in beiden Fällen: Besuche müssen organisiert werden. Kein freies Kommen und Gehen wie im Normalbetrieb, sondern Terminplanung, Vorbereitung, eine Art Gesundheitsscreening und im Zweifel eine Begleitung durch die Einrichtung. Ein dritter Baustein widmet sich der Eingliederungshilfe, wo neben den sozialen Kontakten auch die Tagesstruktur durch Schule oder Werkstatt wegbrach. Ein vierter Abschnitt streift die häusliche Pflege. Und schließlich ein heikler Punkt: Auch das Thema Patientenverfügung sollte mit Blick auf die Corona-Situation neu durchdacht werden. Dass viele dieser Vorschläge später in die [angepasste Corona-Schutzverordnung in NRW](https://www.mags.nrw/pressemitteilung/aufhebung-des-generellen-besuchsverbots-einrichtungen-der-pflege-und-der-eingliede?ref=uebergabe.de) einflossen, wertet Zimmermann als Erfolg. ## Keine Schablone, sondern Spielraum Eine berechtigte Sorge im Gespräch: Erzeugen solche Empfehlungen nicht zusätzlichen Druck auf ohnehin dünn besetzte Teams? Wenn die halbe Belegschaft krank oder in Quarantäne ist, lässt sich der Steuerungs- und Planungsaufwand kaum stemmen. Zimmermann betont deshalb, dass es sich ausdrücklich um Empfehlungen handelt, nicht um Richtlinien. Vorgeschlagen wurden etwa wöchentliche Besuche – doch wie diese organisiert werden, hängt von der Situation vor Ort ab und kann sich von Woche zu Woche ändern. Während der Arbeit erreichten ihn fast täglich E-Mails und Anrufe – die einen warnten eindringlich davor, überhaupt jemanden ins Haus zu lassen, die anderen flehten geradezu darum, weil ihre Bewohner:innen ohne Kontakt „am Rad drehten". Dieses Widersprüchliche spiegelt die ganze Komplexität wider. Dass im Team zwei Praktiker:innen aus der Versorgung saßen, half, realistisch zu bleiben: Gut vorbereitete Häuser mit besserem Personalschlüssel können anders agieren als Einrichtungen im akuten Krankheitsfall. ## Der Digital Divide trifft die Schwächsten Ein Aspekt, der in der Krise besonders schmerzhaft sichtbar wurde, ist der sogenannte Digital Divide – die digitale Kluft. Während jüngere Menschen Videotelefonie selbstverständlich nutzen, fehlt vielen älteren Bewohner:innen schlicht das Gerät, die Bedienkompetenz oder beides. Zimmermann erinnert sich an seine eigene Mutter, die mehrere Jahre in Pflegeheimen lebte und bei der schon das Einstellen der Fernbedienung zur Herausforderung wurde. Fehlende Technikbeherrschung verstärkt die Isolation zusätzlich. Dabei zeigt der Blick über die Grenzen, wie viel möglich wäre: In Norwegen ist WLAN in Pflegeeinrichtungen seit Jahren Standard, in den USA ließen sich Bewohner:innen ihren Speiseplan über Sprachassistenten vorlesen. In NRW wurde die WLAN-Pflicht erst wenige Jahre zuvor eingeführt. Der Digital Divide betrifft längst nicht nur Patient:innen, sondern auch die Pflegefachpersonen und die digitale Infrastruktur insgesamt. In der Pflegeausbildung und im Studium kommt das Thema bis heute zu kurz – selbst im Rahmencurriculum der generalistischen Pflegeausbildung sei der Bereich Digitalisierung erstaunlich dünn ausgefallen. > *„Das Ziel muss ja sein, über Digitalisierung Prozesse zu vereinfachen. Es soll ja eher weniger werden – aber das passt manchmal nicht so ganz in diese Themen, die man sonst so hat." — Prof. Dr. Markus Zimmermann* ## Selbstbestimmung versus Schutz Besonders intensiv wird über das Recht auf Selbstbestimmung diskutiert. Darf man Menschen pauschal isolieren, ohne sie überhaupt zu fragen? Es gibt schließlich auch Bewohner:innen, die sagen: Ich bin über neunzig, das hier ist mein letztes Zuhause, ich möchte leben – und das Risiko in Kauf nehmen. So viel Freiheit, argumentiert das Team, müsse man Menschen zugestehen. Doch die Gegenposition steht sofort im Raum: In einer Gemeinschaftseinrichtung ist diese Entscheidung eben keine rein individuelle. Wer sich asymptomatisch infiziert, gefährdet die Nachbarin und den Nachbarn. Damit wird der Infektionsschutz zur kollektiven Aufgabe – und die Verantwortung verteilt sich auf alle, gerade auf jene Generationen, die nicht zur Risikogruppe gehören. Zimmermann verweist auf Länder in Asien, in denen seit der ersten SARS-Welle das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes bei eigener Erkrankung selbstverständlich ist – ein Ausdruck gelebter Verantwortung für das Gegenüber. Wichtig sei auch festzuhalten, dass die Öffnung der Heime keine bloße „Lockerung" war, sondern eine Korrektur von Maßnahmen, die anfangs aus Ratlosigkeit und Hilflosigkeit getroffen wurden. ## Eine Pandemie ohne Plan Warum traf die Pandemie die Langzeitpflege so unvorbereitet? Pandemiepläne für die stationäre Langzeitpflege existierten schlicht nicht. Viele Häuser standen zu Beginn ohne ausreichende Schutzmaterialien da. Dabei hätte es Warnungen gegeben: Der Risikobericht zum Bevölkerungsschutz von 2012 hatte ein Pandemieszenario erstaunlich präzise vorhergesagt – nur fühlte sich niemand zuständig, daraus Konsequenzen zu ziehen. Zimmermann spricht hier offen von einem Fehler und plädiert für ein echtes Fehlermanagement statt für das im Gesundheitswesen verbreitete Vertuschen. Ebenso fordert er, künftig nicht allein auf eine Disziplin zu hören. Interdisziplinäre Expertengruppen, die virologische Erkenntnisse auf ihre gesellschaftlichen Folgen hin reflektieren, könnten Entscheidungen breiter abstützen. Die kleine Ad-hoc-Arbeitsgruppe sei dafür ein Modell im Kleinen gewesen – am Ende stand ein breiter Konsens, ganz ohne Minderheitenvoten. ## Pflegewissenschaft, werde sichtbar! Zum Abschluss richtet sich der Blick auf die Rolle der Pflegewissenschaft. Ein Kollege habe Zimmermann nach der Veröffentlichung erleichtert geschrieben: Endlich höre man mal etwas aus diesem Bereich. Tatsächlich kam aus der wissenschaftlichen Pflege in Deutschland zunächst wenig – auch, weil sie strukturell oft weiter vom Versorgungsgeschehen entfernt ist als die Medizin. Wo Ärzt:innen behandeln und am nächsten Tag publizieren, braucht es in der Pflege erst einen Wissenstransfer zwischen Praxis und Forschung. Zimmermanns Hoffnung ruht auf Konzepten wie der Advanced Practice Nursing: Pflegende, die klinisch arbeiten und zugleich das wissenschaftliche Know-how mitbringen, um Erkenntnisse schnell in Forschung zu übersetzen. Denn an spannenden Fragen mangelt es nicht – vom Weaning-Prozess der Corona-Patient:innen über komplexe Pflegesituationen bei Multimorbidität bis zu guten und schlechten Interventionen. Die Botschaft an alle Pflegefachpersonen lautet: Die Unterstützung sozialer Kontakte ist kein Luxus, sondern ein grundpflegerischer Auftrag, klar verankert im SGB XI. Wer Begegnungen ermöglicht, steht damit mitten im pflegerischen Geschehen – und übernimmt eine zentrale Rolle. Was bleibt, ist ein ambivalentes, aber ermutigendes Fazit: Die Reflexion eines kleinen Teams mündete binnen weniger Wochen in eine konkrete Verordnung. Dass wissenschaftliche Arbeit so unmittelbar Wirkung entfaltet, ist selten – und ein starkes Argument dafür, dass die Pflege mit ihren Themen lauter und sichtbarer werden sollte. Denn mit Corona, so viel war schon im Mai 2020 klar, würden wir noch eine ganze Weile leben müssen. ## Zum Weiterhören - [ÜG054 – Soziale Teilhabe in Altenpflegeheimen unter Covid-19 in S1-Leitlinie und Survey-Studie (Prof. Dr. Margareta Halek)](https://www.uebergabe.de/ug054/) - [ÜG053 – Das Corona-Virus im Kontext der Pflege (Prof. Dr. Christian Drosten)](https://www.uebergabe.de/ug053/) - [ÜG040 – CORONA SPEZIAL #7: Risikobericht & das Gesundheitssystem (Prof. Dr. Karl Lauterbach)](https://www.uebergabe.de/ug040/) --- #### Schutz vor Infektionen und sozialer Isolation im Heim - [Schutz vor Infektion und vor sozialer Isolation](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/Aktuelles%5FPresse/News-PDF/20200502erstellung%5Fvon%5Fhandlungsempfehlungen.pdf) (hs-gesundheit.de) - [Prävention und Management von COVID-19 in Alten- und Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Alten%5FPflegeeinrichtung%5FEmpfehlung.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&ref=uebergabe.de) (rki.de) - [Aufhebung des generellen Besuchsverbots in Einrichtungen der Pflege und der Eingliederungshilfe zum Muttertag](https://www.mags.nrw/pressemitteilung/aufhebung-des-generellen-besuchsverbots-einrichtungen-der-pflege-und-der-eingliede?ref=uebergabe.de) (Arbeit.Gesundheit.Soziales) - [Verordnung zum Schutz vor Neuinfizierungen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 (Coronaschutzverordnung – CoronaSchVO)](https://www.mags.nrw/sites/default/files/asset/document/200508%5Ffassung%5Fcoronaschvo%5Fab%5F11.05.2020.pdf?ref=uebergabe.de) (mags.nrw) #### Einrichtungsspezifische Stategien und Maßnahmen - [Kostenloses Live-Webinar des DBfKs für beruflich Pflegende: Psychische Belastung bis Trauma durch Corona: Mo, 25.5.2020, 17 Uhr ](https://www.dbfk.de/de/themen/Covid-Pandemie.php?ref=uebergabe.de#anchor%5Fea8b9a47%5FLive-Webinar-fuer-beruflich-Pflegende:-Psychische-Belastung-bis-Trauma-durch-Corona:-Mo--25.5.2020--17-Uhr) (www.dbfk.de) - [Informationen für Pflegefachpersonen zur CoViD-Pandemie](https://www.dbfk.de/de/themen/Covid-Pandemie.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Online-Schulung zum Coronavirus](https://campus.bibliomed.de/corona-schulung/?ref=uebergabe.de) (Campus.bibliomed.de) - [Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Altenpflegeheime.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI für das Management von Kontakt­personen bei respira­torischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Kontaktperson/Dokumente%5FTab.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Prävention und Management von COVID-19 in Alten- und Pflege­ein­richtungen und Einrich­tungen für Menschen mit Beein­trächtigungen und Behinderungen](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Alten%5FPflegeeinrichtung%5FEmpfehlung.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Hygiene.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) [und Erweiterte Hygienemaßnahmen im Gesundheitswesen im Rahmen der COVID-19 Pandemie ](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/erweiterte%5FHygiene.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [COVID-19: Kriterien zur Entlassung aus dem Krankenhaus bzw. aus der häuslichen Isolierung](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Entlassmanagement.html?ref=uebergabe.de) - [Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FKritIs.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) #### Fallzahlen und Pandemieplan - [COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Fallzahlen.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Nowcasting und R-Schätzung: Schätzung der aktuellen Entwicklung der SARS-CoV-2-Epidemie in Deutschland](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Projekte%5FRKI/Nowcasting.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/falldefinition.pdf) (www.rki.de) - [Interaktive Übersichtskarte](https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/?ref=uebergabe.de) (Morgenpost.de) - [COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de) (www.who.int) - [COVID-19-Seite der John Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) (www.coronavirus.jhu.edu) - [Pandemieplan 2016/2017](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Pandemieplan.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Ergaenzung%5FPandemieplan%5FCovid.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) #### HINWEISE AUF VERANSTALTUNGEN - [ANP-Tagung 2020: ANP Konkret: Clinical Leadership – Praxis und Perspektiven](https://www.florence-nightingale-krankenhaus.de/de/leistungsspektrum/pflege/fuer-pflegefachpersonen/advanced-nursing-practice-anp/anp-fachtagung-2020.html?ref=uebergabe.de) - Wann: 15\. Mai 2020 - Wo: Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf-Kaiserswerth - [Meilenstein-Konferenz Communtiy Health Nursing in Deutschland](https://doo.net/veranstaltung/42579/buchung?ref=uebergabe.de) - Wann: 18\. Juni 2020 von 9:00 - 17:00 Uhr - Wo: Robert Bosch Stiftung GmbH - Repräsentanz Berlin, Französische Straße 32, 10117 Berlin - [Altenpflegemesse Hannover](https://altenpflege-messe.de/ap%5Fhome%5Fde?ref=uebergabe.de) - Wann: ABGESAGT - [Deutscher Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) - Wann: 11-12\. November 2020 - Wo: STATION Berlin #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2020/05/ug044.jpg) Bildquelle: Hochschule für Gesundheit Bochum ### Krankenhausfinanzierung (Prof. Dr. Michael Simon) URL: https://www.uebergabe.de/ug043/ Last updated: 2026-06-13T12:58:17.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 08.05.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die duale Krankenhausfinanzierung leidet unter Investitionsstau, der wirtschaftlichen Druck auf den Betrieb erzeugt. - DRGs sind keine Marktpreise, sondern Durchschnittswerte über Bewertungsrelationen und Basisfallwert. - Im DRG-System bildet sich Pflege nur grob ab – pflegeintensive Häuser werden strukturell benachteiligt. - Das Pflegebudget löst Pflegekosten aus DRGs, behebt aber nicht den Fachkräftemangel. - PPR 2.0 ist ein bedarfsorientierter Übergangsentwurf, noch nicht wissenschaftlich validiert. ## Krankenhausfinanzierung verstehen - Warum DRGs Pflege oft unsichtbar machen Krankenhausfinanzierung klingt nach trockenem Verwaltungsstoff, wirkt aber direkt auf den Stationsalltag: Welche Leistungen sich „lohnen“, wo Personal fehlt, warum Betten abgebaut werden und wieso Pflegefachpersonen so häufig das Gefühl haben, gegen ein System anzulaufen, das ihre Arbeit nur unzureichend abbildet. In dieser Episode ordnet Prof. Dr. Michael Simon die Logik hinter der Finanzierung ein, erklärt die Grundmechanik der DRGs und zeigt, warum gerade Pflege im bisherigen System strukturell benachteiligt ist. Gleichzeitig wird deutlich: Es gibt Alternativen, und mit PPR 2.0 wurde ein Gegenentwurf zumindest skizziert. ## Duale Krankenhausfinanzierung Die Grundlage der Krankenhausfinanzierung in Deutschland ist seit den 1970er Jahren die sogenannte **duale Finanzierung**. „Dual“ heißt: Zwei Arten von Kosten werden über zwei unterschiedliche Wege bezahlt. **Investitionskosten** sollen die Bundesländer übernehmen, also zum Beispiel Neubau, Umbau, größere Geräte oder bauliche Modernisierung. **Betriebskosten** dagegen, vor allem Personal- und laufende Sachkosten, werden über die Kostenträger finanziert – in der Regel über die gesetzlichen Krankenkassen und die private Krankenversicherung. In der Theorie wirkt das sauber getrennt. In der Praxis hat diese Konstruktion jedoch seit Jahren eine Schieflage: Viele Länder kommen ihrer Verpflichtung zur ausreichenden Investitionsfinanzierung nicht in dem Umfang nach, der nötig wäre. Das führt zu einem **Investitionsstau**, der in der Diskussion regelmäßig als Milliardenproblem beschrieben wird. Krankenhäuser versuchen diese Lücke oft indirekt zu kompensieren – etwa durch wirtschaftlichen Druck auf den Betrieb oder durch strategische Entscheidungen im Leistungsgeschehen. Genau hier beginnt die Brücke zum DRG-System: Wenn Investitionen fehlen und gleichzeitig „Erlöse“ über Fälle generiert werden müssen, wird das medizinische Leistungsgeschehen schnell zur betriebswirtschaftlichen Stellschraube. ## Von Pflegesätzen zu Fallpauschalen Früher wurden Krankenhausleistungen in Deutschland über **tagesgleiche Pflegesätze** abgerechnet: vereinfacht gesagt, je länger jemand im Krankenhaus lag, desto mehr wurde abgerechnet. Das änderte sich mit der schrittweisen Umstellung auf **Fallpauschalen (DRG)**. DRGs stehen für „Diagnosis Related Groups“: Patient:innen werden anhand von Diagnosen, Prozeduren und weiteren Merkmalen einer Fallgruppe zugeordnet, und diese Fallgruppe hat einen „Preis“. Wichtig ist dabei die historische Einordnung: In der Debatte wurde die Umstellung häufig als Reaktion auf eine angebliche „Kostenexplosion“ dargestellt. Simon widerspricht dieser Erzählung deutlich und verweist auf eine zentrale Kennzahl: den Anteil der Krankenhausausgaben am Bruttoinlandsprodukt. Absolute Ausgaben steigen fast immer, entscheidend ist, wie sie sich **relativ zur Wirtschaftskraft** entwickeln. Aus seiner Perspektive gab es über lange Zeit keine Explosion, sondern eher eine bemerkenswerte Stabilität. Was war dann die Intention? Vereinfacht: Das System sollte weg vom **Selbstkostendeckungsprinzip** und hin zu einer stärker **marktähnlichen Steuerung**. In der Logik vieler Reformen steckt der Gedanke, dass „Preise“ Druck erzeugen: Krankenhäuser sollen effizienter werden, Kapazitäten sollen sinken, Häuser sollen sich spezialisieren – und im Zweifel sollen Standorte schließen, wenn sie im Wettbewerb „nicht bestehen“. Ob diese Ziele so eingetreten sind, ist umstritten. Aber der Steuerungsanspruch war von Beginn an zentral. ## Wie DRGs technisch funktionieren: Bewertungsrelationen statt echter Preise Ein häufiges Missverständnis: DRGs sind keine klassischen Marktpreise. Das System funktioniert eher wie eine **staatlich regulierte Gebührenordnung**, die sich zwar in Euro ausdrückt, aber nicht durch freien Wettbewerb entsteht. Die Logik läuft grob so: 1. Eine Stichprobe von Krankenhäusern liefert Kostendaten. 2. Daraus werden **durchschnittliche Kosten** je DRG berechnet. 3. Diese Kosten werden nicht als Eurobetrag in den Katalog geschrieben, sondern in **Bewertungsrelationen** übersetzt (z. B. 1,0 oder 2,3). 4. Die Bewertungsrelation wird mit einem **Basisfallwert** multipliziert (lange Zeit landesbezogen, perspektivisch stärker vereinheitlicht). 5. Daraus ergibt sich der Abrechnungsbetrag. Diese Mechanik ist zentral, weil sie zeigt, wie stark das System auf „Durchschnitt“ angelegt ist – und wie viel Varianz dabei zwangsläufig verloren geht. Außerdem weist Simon auf einen strukturellen Schwachpunkt hin: Für ein solches Kalkulationsverfahren bräuchte es eigentlich eine **repräsentative Stichprobe**. In der Realität hängt die Teilnahme aber stark davon ab, wie ausgereift das betriebliche Rechnungswesen eines Krankenhauses ist. Das bedeutet: Die Datenbasis ist nicht einfach ein neutrales Abbild der Versorgungsrealität, sondern kann Verzerrungen enthalten. ## Warum das System immer komplizierter wird Ein Punkt, der im Alltag unterschätzt wird: DRGs sind über die Jahre nicht transparenter, sondern deutlich komplexer geworden. Jährliche Anpassungen, neue Begriffe, Ausnahmen, Zusatzentgelte, Umstellungen bei Bewertungslogiken – das alles führt dazu, dass selbst engagierte Akteur:innen irgendwann aussteigen. Simon macht daraus einen grundsätzlichen politischen Punkt: Wenn ein Finanzierungssystem nur noch von wenigen Expert:innen halbwegs verstanden wird, entsteht ein Demokratiedefizit. Entscheidungen werden dann stärker von „Erklärenden“ geprägt als von denjenigen, die politisch verantwortlich sind. Für die Versorgung ist das nicht nur ein akademisches Problem. Denn Komplexität schafft Abhängigkeiten: Krankenhäuser brauchen Spezialabteilungen fürs Kodieren, Controlling, Erlösmanagement. Und sobald wirtschaftliche Stabilität von kodierbaren Fällen abhängt, verschiebt sich Aufmerksamkeit: weg von dem, was pflegerisch oder therapeutisch sinnvoll ist – hin zu dem, was im System gut abbildbar ist. ## Pflege im DRG-System: Abgebildet – aber nicht angemessen differenziert Die zentrale Frage für Pflegefachpersonen lautet: **Wo ist Pflege im System überhaupt sichtbar?** Die ernüchternde Antwort: nur begrenzt – und vor allem nicht entlang des tatsächlichen Pflegebedarfs. Im bisherigen DRG-System wurden Pflegepersonalkosten bei der Kalkulation zwar berücksichtigt, aber über einen sehr groben Mechanismus. In der Praxis lief das in vielen Fällen über Pflegeklassifikationen wie die frühere Pflegepersonalregelung (PPR), bei der Patient:innen Pflegestufen zugeordnet wurden. Dahinter liegen Minutenwerte, die am Ende als Verteilungsmaßstab dienen, um Personalkosten rechnerisch auf Fälle „umzulegen“. Das Problem liegt nicht nur darin, dass diese Minutenwerte alt sind, sondern vor allem darin, dass sie **nicht den real erbrachten Pflegeaufwand** messen sollen. Sie sind ein Verteilmechanismus, kein Abbild des konkreten pflegerischen Handelns. Die Folge: In den veröffentlichten DRG-Kalkulationsdaten erscheinen Pflegepersonalkosten zwar als Summen, aber ohne eine ausreichende Differenzierung nach Pflegeintensität. Hoch pflegeaufwendige Patient:innen und weniger aufwendige Fälle landen in einer Logik, die stark am Durchschnitt hängt. Für den Stationsalltag bedeutet das: Krankenhäuser, die überdurchschnittlich viele komplexe, pflegeintensive Patient:innen versorgen, werden strukturell benachteiligt – weil die pauschale Refinanzierung den tatsächlichen Aufwand nicht abbildet. Umgekehrt können Häuser mit leichteren Fällen eher „Überschüsse“ erzielen. Das ist nicht nur ungerecht, es erzeugt auch falsche Anreize im System der Krankenhausversorgung. ## Pflegepersonal aus DRG herausgelöst: Pflegebudget, Pflegeerlöskatalog, Pflegeentgeltwert Mit politischen Reformen wurde beschlossen, die Pflegepersonalkosten für den Pflegedienst auf Station (nicht OP, nicht Anästhesie) aus den DRGs herauszunehmen und über ein separates **Pflegebudget** zu refinanzieren. Die Hoffnung dahinter war vor allem: mehr Pflegefachpersonen sollen eingestellt werden können, weil die Personalkosten nicht länger im Fallpauschalendruck „untergehen“. In der Umsetzung wurde jedoch ein neues Begriffsfeld geschaffen, das die Verständlichkeit nicht gerade erhöht: Pflegeerlöskatalog, Pflegeentgeltwert, Abschlagszahlungen. Im Kern geht es darum, dass Krankenhäuser nicht einmal jährlich ihr Pflegebudget ausgezahlt bekommen, sondern laufend Abschläge – und dafür braucht es Berechnungslogiken, die sich erneut an Katalogen und Bewertungsrelationen orientieren. Wichtig ist dabei ein realistischer Blick: Wenn der Arbeitsmarkt leer ist, führt Refinanzierung allein nicht automatisch zu mehr Köpfen. Und auch der Gedanke, Gehälter würden dadurch „einfach“ steigen, hat Grenzen, weil die Refinanzierung an tarifliche Orientierung gekoppelt ist und nicht als Freifahrtschein für beliebige Zuschläge gedacht ist. Die Reform kann Druck aus dem System nehmen, aber sie löst nicht den Fachkräftemangel, wenn die Arbeitsbedingungen und die Attraktivität des Berufs nicht gleichzeitig besser werden. ## Pflegediagnosen als Ausweg? In der Episode wird auch die Idee diskutiert, Pflege stärker über **Pflegediagnosen** abzubilden und abrechnungsrelevant zu machen. Auf den ersten Blick wirkt das naheliegend: Wenn Medizin über Diagnosen Geld generiert, warum nicht auch Pflege? Der Haken liegt in der Systemlogik. Pflegediagnosesysteme sind nicht ohne Weiteres kompatibel mit medizinischen Klassifikationen wie ICD und OPS. Man müsste eher ein paralleles pauschaliertes System bauen – und würde damit die gleichen Grundprobleme wiederholen: Durchschnittswerte, Varianz, Komplexität und Steuerungsdruck. Außerdem ist eine Diagnose allein noch kein Personalbedarf. Um aus Pflegediagnosen Personal abzuleiten, bräuchte es wieder ein Instrument, das Tätigkeiten, Zeit und Pflegebedarf strukturiert erfasst. Am Ende wäre man schnell bei einer Kombination aus Diagnosen plus Minutenlogik – also bei mehr Komplexität, nicht bei mehr Klarheit. ## PPR 2.0: Ein Gegenentwurf zur Pauschale – mit Übergangscharakter Spannend ist der Blick auf **PPR 2.0**. Die Idee dahinter ist, den Pflegebedarf wieder stärker vom individuellen Patient:innenbedarf her zu denken und daraus Personalbedarf abzuleiten – als bewusster Gegenentwurf zur pauschalierten Logik. Bemerkenswert ist auch die politische Konstellation: Die Initiative kam ausgerechnet von der Deutschen Krankenhausgesellschaft, gemeinsam mit Verdi und dem Deutschen Pflegerat wurde ein Vorschlag erarbeitet. Gleichzeitig wird im Gespräch klar benannt: PPR 2.0 ist **nicht evidenzbasiert** im Sinne eines final wissenschaftlich validierten Instruments. Es ist ein **Übergangsvorschlag**, der Zeit überbrücken soll, bis ein wirklich fundiertes Verfahren entwickelt ist. Trotzdem liefert die Erprobung wichtige Hinweise: Pflegebedarf ist heterogen, Varianz ist unvermeidlich, und Mittelwerte sind immer nur statistische Näherungen. Genau deshalb ist die Frage nicht „perfekt oder gar nicht“, sondern: Wie schafft man ein Instrument, das bedarfsorientierter ist, ohne unsteuerbar zu werden? ## Blick ins Ausland: Nurse-to-Patient Ratios und staatliche Regulierung Ein besonders eindrücklicher Teil der Episode ist der Vergleich mit anderen Ländern. In einigen US-Bundesstaaten (prominent: Kalifornien) gibt es verbindliche **Nurse-to-Patient Ratios** – also klare Vorgaben, wie viele Patient:innen eine Pflegefachperson maximal versorgen darf. Das ist nicht einfach „nice to have“, sondern gesetzlich geregelt und kontrolliert. Zudem existieren Modelle, in denen Krankenhäuser verpflichtet sind, paritätische Gremien einzusetzen, die Personalpläne festlegen – und bei Nichteinigung drohen Sanktionen. Der entscheidende Punkt daran ist weniger „wir kopieren das 1:1“, sondern: Es zeigt, dass Regulierung möglich ist, wenn politischer Wille da ist. Und es zeigt auch, dass Personalmangel nicht zwangsläufig ein Argument gegen bessere Standards sein muss: In anderen Kontexten wurden Mindestvorgaben mit Nachwuchsprogrammen und gezielter Personalgewinnung verknüpft. ## Wohin könnte sich das System bewegen? Simon plädiert für einen Perspektivwechsel: Krankenhäuser sollten als Teil der **öffentlichen Daseinsvorsorge** verstanden werden – ähnlich wie Schulen oder andere Infrastruktur. Daraus folgt eine Finanzierungslogik, die stärker über Budgets denkt: Was braucht ein Krankenhaus für die Versorgung einer Region? Welche Patient:innen werden versorgt, mit welchem Bedarf? Welche personellen Ressourcen sind nötig, um diesen Bedarf fachlich gut abzudecken? Das ist keine einfache Reform „mit einem Gesetz“. Aber es ist ein klarer Kompass: weg von pauschalen „Preisen“, hin zu einer bedarfsorientierten Bemessung. Pflege spielt darin eine Schlüsselrolle – nicht als Kostenstelle, die man „optimiert“, sondern als zentrale Voraussetzung dafür, dass Versorgung überhaupt funktioniert. Gerade in Krisenzeiten wird sichtbar, wie sehr Krankenhausversorgung an Pflegefachpersonen hängt: nicht nur als Zuwendung, sondern als klinisch hochrelevante, oft lebensentscheidende Arbeit. #### Weiterführende Informationen ****Grundlageninformationen zur Krankenhausfinanzierung** - [Dieterich, A., Braun, B., Gerlinger, Th., Simon, M. \[Hrsg.\] (2019): Geld im Krankenhaus - Eine kritische Bestandsaufnahme des DRG-Systems](https://www.springer.com/gp/book/9783658248062?ref=uebergabe.de) (www.springer.com) - [Gesundheitsausgaben für Krankenhäuser](https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Gesundheitsausgaben/Tabellen/einrichtungen.html;jsessionid=7C3127ECD49D37A07CF2BFB1E710071E.internet8742?ref=uebergabe.de) (www.destatis.de) - [Gesundheitsausgaben für Krankenhäuser im internationalen Vergleich](http://www.oecd.org/berlin/publikationen/health-at-a-glance-2019.htm?ref=uebergabe.de) (www.oecd.org) - [Krankenhausfinanzierungsgesetz (KHG) - Gesetz zur wirtschaftlichen Sicherung der Krankenhäuser und zur Regelung der Krankenhauspflegesätze ](https://www.gesetze-im-internet.de/khg/?ref=uebergabe.de)(www.gesetze-im-internet.de) - [Krankenhausentgeltgesetz (KHEntgG) - Gesetz über die Entgelte für voll- und teilstationäre Krankenhausleistungen (Krankenhausentgeltgesetz ](https://www.gesetze-im-internet.de/khentgg/BJNR142200002.html?ref=uebergabe.de)(www.gesetze-im-internet.de) - [Gesundheitsstrukturgesetz (GSG) - Gesetz zur Sicherung und Strukturverbesserung der gesetzlichen Krankenversicherung](https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=3&ved=2ahUKEwik6On5vqLpAhWOjqQKHb4%5FDZoQFjACegQIARAC&url=https%3A%2F%2Fwww.gesetze-im-internet.de%2Fgsg%2FGSG.pdf&usg=AOvVaw0VyqTMTqFNnecTFB9U1BY5) (www.gesetze-im-internet.de) - [Fallpauschalengesetz (FPG) - Gesetz zur Einführung des diagnose-orientierten Fallpauschalengesetz für Krankenhäuser](https://www.dgvt-bv.de/fileadmin/user%5Fupload/Dokumente/Juristisches/fallpauschaleensystem.pdf?ref=uebergabe.de) (www.dgvt-bv.de) - [Krankenhausfinanzierung ](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/krankenhausfinanzierung.html?ref=uebergabe.de) (www.bundesgesundheitsministerium.de) - [Fokus: Krankenhausfinanzierung](https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv%5Fspitzenverband/presse/fokus/krankenhausfinanzierung/thema%5Fkrankenhausfinanzierung.jsp?ref=uebergabe.de) (www.gkv-spitzenverband.de) - [Krankenhausfinanzierung als Video](https://www.youtube.com/watch?v=U4RxG-s-jW8&ref=uebergabe.de) (www.youtube.com) - [Publikationsliste zum DRG-System der DRG research group](https://www.drg-research-group.de/index.php?option=com%5Fliteratur&view=literatur&Itemid=135&ref=uebergabe.de#2) (www.drg-research-group.de) - [INEK - Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus GmbH](https://www.g-drg.de/Das%5FInstitut?ref=uebergabe.de) (www.g-drg.de) - [Bundesbasisfallwert (BBFW)](https://www.gkv-spitzenverband.de/krankenversicherung/krankenhaeuser/budgetverhandlungen/bundesbasisfallwert/bundesbasisfallwert.jsp?ref=uebergabe.de) (www.gkv-spitzenverband.de) - [Kalkulationshandbuch](https://www.g-drg.de/Kalkulation2/DRG-Fallpauschalen%5F17b%5FKHG/Kalkulationshandbuch?ref=uebergabe.de) (www.g-drg.de) - [ICD-10-GM](https://www.dimdi.de/dynamic/de/klassifikationen/icd/icd-10-gm/?ref=uebergabe.de) und [OPS](https://www.dimdi.de/dynamic/de/klassifikationen/ops/?ref=uebergabe.de) (www.dimdi.de) - [Gutachten "Anpassung des G-DRG-Systems an das deutsche Leistungsgeschehen"](https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=3&ved=2ahUKEwjtqbuRwaLpAhVCKewKHU4AB0MQFjACegQIAhAC&url=https%3A%2F%2Fwww.dgpalliativmedizin.de%2Fimages%2Fstories%2Fpdf%2Fdkg%5F305%5Fgutachten%2520G-DRG-System.pdf&usg=AOvVaw1vBD6dkoTEbfiuR7mOj5Ux) (www.dgpalliativmedizin.de) ****Ausgliederung der Pflegepersonalkosten aus dem DRG-System** - [Ausgliederung der Pflegepersonalkosten aus dem DRG-System (aG-DRG 2020)](https://www.g-drg.de/Das%5FInstitut?ref=uebergabe.de) (www.gkv-spitzenverband.de) - [Simon, Michael (2019): Zur geplanten Entwicklung eines neuen Instrumentes für die Personalbedarfsermittlung im Pflegedienst der Krankenhäuser.](https://f5.hs-hannover.de/fileadmin/HsH/Fakultaet%5FV/Bilder/UEber%5Funs/Personen/Simon%5F%5F2019%5F%5FZur%5Fangekuendigten%5FEntwicklung%5Feines%5Fneuen%5FInstrumentes%5Ffuer%5Fdie%5FPersonalbemessung%5Fim%5FPflegedienst.pdf?ref=uebergabe.de) (www..hs-hannover.de) - [Vom G-DRG-System zum aG-DRG-System mit Pflegeentgeltwert](https://reimbursement.institute/glossar/ag-drg-system/?ref=uebergabe.de) (www.reimbursement.institute) - [Pflegeentgeltbetrag ab 01.04.2020](https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&ved=2ahUKEwjorcHBxqLpAhXJ0KQKHVNqBBoQFjABegQIARAC&url=https%3A%2F%2Fwww.dkgev.de%2Ffileadmin%2Fdefault%2FMediapool%2F2%5FThemen%2F2.1%5FDigitalisierung%5FDaten%2F2.1.3.%5FElektronische%5FDatenuebermittlung%2F2.1.3.1.%5FDatenuebermittlung%5Fzu%5FAbrechnungszwecken%2F01%5FGKV%2F03%5FNachtraege%2FDTA%5Fv301%5FNachtrag%5F2020-04-01%5FHinweise%5Fzur%5FAbrechnung.pdf&usg=AOvVaw1bkucd%5FL9AZMK1NJ8vxHnq) (www.dkgev.de) - [Begrenzung möglicher Budgetverluste auf 4%](https://www.bibliomed-pflege.de/news/37613-grundlagen-fuer-pflegebudget-stehen?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) - [Doenges, M.E., Moorhouse, M.F., Murr, A.C. (2019): Pflegediagnosen und Pflegemaßnahmen. 6., vollst. überarb. u. erw. Aufl.](https://www.hogrefe.de/shop/pflegediagnosen-und-pflegemassnahmen-84554.html?ref=uebergabe.de) (www.hogrefe.de) ****Personaluntergrenzen und PPR 2.0** - [Informationen zur PPR 2.0 von der Deutsche Krankenhausgesellschaft](https://www.dkgev.de/themen/personal-weiterbildung/ppr-20/?ref=uebergabe.de) (www.dkgev.de) - [Pflegepersonalstärkung durch ein Instrument zur Pflegepersonalbemessung](https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=3&ved=2ahUKEwiR9pmMgvrnAhWM2KQKHQgpCScQFjACegQIBRAC&url=https%3A%2F%2Fdeutscher-pflegerat.de%2FFachinformationen%2FPPBI%5FDPR%5FPositionspapier%5F1903.pdf&usg=AOvVaw1hVsAigQZLc3NmzolWri4b) (www.deutscher-pflegerat.de) - [Wie viel Pflege braucht ein Krankenhaus?](https://www.bibliomed-pflege.de/zeitschriften/die-schwester-der-pfleger/heftarchiv/ausgabe/artikel/sp-10-2019-reformhaus-pflege-diskussion-um-eine-bedarfsgerechte-personalausstattung/38963-wie-viel-pflege-braucht-ein-krankenhaus/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) - [Eckpunkte zur Umsetzung der PPR 2.0](https://deutscher-pflegerat.de/aktuelles/Download%20aktuelles/dkg-dpr-verdi%5FHandout%5FEckpunkte%5FUmsetzung%5FPPR%5F2.0.pdf?m=1579525459&&ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Pressemitteilung DKG, DPR und ver.di](https://deutscher-pflegerat.de/aktuelles/Download%20aktuelles/2020-01-14%5FPM-Gemeinsame%5FPressemitteilung%5FVorstellung%5FPflegepersonalbedarfsbemessungsinstrument.pdf?m=1579525458&&ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Stellungnahme DBfK: DBfK begrüßt Vorschlag zu Personalentwicklungsinstrument für Krankenhäuser](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/personalbemessung-krankenhaeuser.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Gemeinsame Erklärung zu den Auswirkungen der Festlegungen von Pflegepersonaluntergrenzen - Maßnahmen müssen Verbesserung der Versorgungssituation gewährleisten](https://deutscher-pflegerat.de/pflegeberuf/Pflegeberuf%20Downloads/2018%5F06%5F01%5FErklaerung%5FPPUG.pdf?m=1527843204&&ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Ergebnisse Pretest PPR 2.0 ](https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&ved=2ahUKEwjnlr2G-KPpAhVG6aQKHRxNAJMQFjABegQIARAC&url=https%3A%2F%2Fwww.dkgev.de%2Ffileadmin%2Fdefault%2FMediapool%2F3%5FService%2F3.4.%5FPublikationen%2F3.4.1.%5Fdas%5FKrankenhaus%2FdasKrankenhaus%5F2%5F2020%5FPolitik%5FPPR%5F2.0.pdf&usg=AOvVaw0YQmDERFX1L-0eka1D7a0B)(www.dkgev.de) - [2\. Zwischenbericht im Projekt „Entwicklung eines wissenschaftlich fundierten Verfahrens zur einheitlichen Bemessung des Personalbedarfs in Pflegeeinrichtungen nach qualitativen und quantitativen Maßstäben gemäß Â§ 113c SGB XI (PeBeM)”](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2020/02/2.-zwischenbericht-personalbemessung--c2-a7-113c-sgb-xi.pdf) (www.gs-qsa-pflege.de) - [Simon, Michael; Mehmecke, Sandra (2017): Nurse-to-Patient Ratios. Ein internationaler Überblick über staatliche Vorgaben zu einer Mindestbesetzung im Pflegedienst der Krankenhäuser. Working Paper der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, Nr. 27, Februar 2017.](https://f5.hs-hannover.de/fileadmin/HsH/Fakultaet%5FV/Bilder/UEber%5Funs/Personen/Simon%5FMehmecke%5F%5F2017%5F%5FNurse-to-Patient%5FRatios.pdf?ref=uebergabe.de) (www..hs-hannover.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) - [ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)](https://www.uebergabe.de/ug182/) ### CORONA SPEZIAL #9: Lage auf Intensivstationen (Interview mit Carsten Hermes) URL: https://www.uebergabe.de/ug042/ Last updated: 2026-06-13T12:58:16.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 25.04.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Tausende neue Beatmungsbetten entstanden – ohne zusätzliches Fachpersonal dazu. - COVID-19-Patient:innen verschlechtern sich oft rasant und brauchen enge Betreuung. - „Köpfe zählen" ersetzt keine Erfahrung am Patientenbett. - Isolierte Angehörige belasten Patient:innen und Pflegende gleichermaßen. - Pflege muss sich organisieren, statt auf Applaus zu warten. Es ist der 23\. April 2020\. Deutschland steckt mitten in der ersten Welle der Corona-Pandemie, und kaum ein Ort steht so im Fokus wie die Intensivstationen. Für dieses Corona-Spezial haben wir Carsten Hermes eingeladen – Fachkrankenpfleger für Anästhesie- und Intensivpflege, Praxisanleiter und damals Sprecher der Sektion Pflege der Deutschen Gesellschaft für internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN). Er studierte zu dieser Zeit Advanced Nurse Practitioner an der HAW Hamburg und war freiberuflich als Dozent und Berater tätig. Was er aus dem Inneren des Systems berichtet, ist ehrlich, manchmal ernüchternd – und überraschend hoffnungsvoll. ## Eine Berufsgruppe, die mit am Tisch sitzt Die Sektion Pflege innerhalb der DGIIN war ursprünglich eine kleine Gruppe, bis der inzwischen verstorbene Norbert Schwabbauer die Idee hatte, sie als eigene Sektion zu etablieren. Wichtig ist Carsten dabei eines: Das Ganze versteht sich nicht als Konkurrenz zu bestehenden Berufsverbänden wie dem [Verband für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste](https://www.dgf-online.de/?ref=uebergabe.de), sondern als fachpraktische Arbeitsgruppe, die mit den Mediziner:innen auf Augenhöhe arbeitet. Genau wie auf Station, wo Pflege und Ärzt:innen Hand in Hand arbeiten. Über die Doppelmitgliedschaft in der DIVI bringt die Sektion pflegerische Themen sowohl eigenständig als auch in den interdisziplinären Dachverband ein. Als Sprecher sammelt Carsten – gemeinsam mit seinem Kollegen Tobias Ochmann – die Themen, die unter den Nägeln brennen. Und davon gab es im Frühjahr 2020 reichlich. ## Ein Betrieb, viele Wirklichkeiten Die Lage auf den Intensivstationen sei „sehr ambivalent", erzählt Carsten. Manche Stationen mit hohem Anteil an COVID-19-Patient:innen hatten alle Hände voll zu tun. Andere befanden sich in einer Art Vakuum: Sie hatten ihr Elektivprogramm komplett heruntergefahren und warteten auf den großen Knall, der vielerorts ausblieb. Rein elektiv ausgerichtete Häuser wiederum mussten Stationen schließen und Personal nach Hause schicken. Manche Kliniken hatten klare Eskalationsstufen definiert, OP-Säle und Aufwachräume zu kleinen Intensivstationen umgebaut, andere wiederum nichts verändert und COVID-Patient:innen einfach auf die bestehenden Fachabteilungen verteilt. Was viele Pflegende dabei umtrieb, war weniger die Sorge um sich selbst als die Frage: Welche Gefahr setze ich meinen Angehörigen aus, wenn ich diese Patient:innen versorge? Trage ich das Virus von einem zum nächsten Bett? Dazu kam die große Unsicherheit über die schrittweise Lockerung der Maßnahmen – nicht aus Angst vor einer zweiten Welle, sondern aus einem strukturellen Grund. > *„Ein Beatmungsgerät, das irgendwo rumsteht, ist nicht automatisch durch einen Könner bedient. Wir haben tausende Intensivbetten zusätzlich geschaffen – aber nicht das zusätzliche Fachpersonal dazu." — Carsten Hermes* Wenn das Elektivprogramm wieder anläuft und das umverteilte Personal aus OP, Lehre oder Normalstation zurückkehrt, herrsche derselbe Personalmangel wie vor der Krise. Genau diesen Mangel hatte die DGIIN schon vor der Pandemie in einer großen [Umfrage unter Intensivpflegenden](https://www.aerzteblatt.de/archiv/205989/Intensivmedizin-Versorgung-der-Bevoelkerung-in-Gefahr?ref=uebergabe.de) dokumentiert: Über 2.500 Beteiligte, mehr als 97 Prozent bewerteten die Arbeitsbedingungen als sehr schlecht. Viele wollten innerhalb der nächsten fünf Jahre aussteigen oder ihre Stunden reduzieren – eine [Entwicklung, die schon vor Corona dramatisch war](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/37645-umfrage-zeigt-dramatische-entwicklung/?ref=uebergabe.de). ## Vom Symptom zur Beatmung in wenigen Stunden Den einen klassischen COVID-19-Verlauf gibt es laut Carsten nicht. Was viele Kolleg:innen aber erschütterte, war das Tempo der schweren Verläufe: Jemand kommt morgens mit Symptomen in die Notaufnahme, bekommt nachmittags eine nicht-invasive Beatmung oder High-Flow-Sauerstoff, ist abends intubiert und hängt nachts an der Herz-Lungen-Maschine. Gerade aus Süddeutschland kannte man Verläufe, bei denen Menschen innerhalb von 36 bis 72 Stunden verstarben. Alle Patient:innen eint vor allem eines: Angst. Sie wissen nicht, was mit ihnen passiert und wohin die Reise geht. Dazu kommt, dass sich Menschen nach einem schweren Lungenversagen – einem ARDS – nicht vollständig erholen. Sie haben körperliche Einschränkungen im Alltag, beim Treppensteigen, beim Sport, und ein nicht unerheblicher Teil trägt psychische Beeinträchtigungen davon. Genau hier müssten Intensivpflegende neben der Technik ihre eigentlichen pflegerischen Stärken einbringen – die enge, zugewandte Betreuung. Wo das Arbeitsaufkommen das zulässt, gelingt das. Wo nicht, leidet die Qualität. Sind die Teams vorbereitet? Grundsätzlich ja, sagt Carsten – aber nicht in dieser Menge und in dieser Eile. Vorbereitete Kliniken hatten seelsorgerische Angebote, Psycholog:innen und Kriseninterventionsteams. Doch Häuser, die normalerweise nicht mit solchen Verläufen konfrontiert sind, standen plötzlich ohne dieses Netz da. Und ein individueller Bedarf an psychologischer Begleitung wird auf Leitungsebene oft gar nicht erkannt – obwohl die Datenerhebung dazu, etwa über Belastungsbefragungen, damals gerade erst anlief. ## Wenn Angehörige nur noch eine Stimme am Telefon sind Besonders belastend war die veränderte Kommunikation mit den Angehörigen. Manche Kliniken schotteten sich strikt ab, andere öffneten sich punktuell für palliative oder sterbende Situationen, wieder andere ließen private Handys, Tablets und Videoanrufe zu. Klar ist für Carsten: Das wird Folgen haben. Eng eingebundene Angehörige – nicht der „Bahnhofsverkehr", sondern die Menschen aus dem täglichen Leben – fehlen an allen Ecken, auch ganz praktisch beim Essenanreichen oder Positionieren. Und sie fehlen den Patient:innen emotional. Eine der Hilfen, die Carsten nennt, ist das Intensivtagebuch, in dem Angehörige den Alltag festhalten und später mit den Patient:innen besprechen. Dass solche Tagebücher tatsächlich wirken, zeigt [die Forschung: Sie können das Risiko für psychische Folgestörungen senken](https://www.springermedizin.de/intensivtagebuecher-senken-risiko-fuer-psychische-folgestoerunge/15945068?ref=uebergabe.de). Gleichzeitig betont er den Infektionsschutz: Angehörige zu COVID-Patient:innen zu lassen, wenn schon für das Personal nicht genug Schutzausrüstung da ist, ist kaum verantwortbar. Hier geht es auch um eine Fürsorgepflicht gegenüber gesunden Menschen. Dass solche Entscheidungen mitunter ökonomisch gefärbt sind, treibt Carsten um. Sein Beispiel: Eine Klinik verbot Vätern den Kreißsaal, eine 30 Kilometer entfernte Uniklinik warb damit, Väter seien willkommen – woraufhin das erste Haus seine Meinung änderte. Entweder ist eine Maßnahme aus Infektionsschutzgründen richtig oder falsch. Sie kann nicht plötzlich falsch sein, nur weil woanders Geld zu verdienen ist. ## Köpfe zählen reicht nicht Beim Personal beobachtete Carsten ein Nebeneinander von guten und fragwürdigen Lösungen. Gut: Wenn fachweitergebildete, erfahrene Kräfte den COVID-Bereich führen und Anästhesie- und OP-technische Assistent:innen sie gezielt als Springer unterstützen. Kritisch: Wenn etwa Lehrkräfte für Pflegeberufe, die vor zehn Jahren das letzte Mal auf einer Intensivstation standen, nach einem Crashkurs dieselbe Arbeit machen sollen wie jemand im Drei-Schicht-Betrieb. Das theoretische Wissen mag da sein – die reflexartige Routine fehlt. Carsten vergleicht es mit jemandem, der zwar einen Führerschein hat, aber direkt eine Bestzeit auf dem Nürburgring fahren soll. Das eigentliche Problem ist für ihn das reine „Köpfezählen": Es zählt nur die Pflegefachperson, die am Bett „in Action" ist. Konzeptionelle Arbeit, Anleitung oder gute Prophylaxe werden schnell wegrationalisiert. > *„Es führt unseren Job nur dann ad absurdum, wenn jemand mit weniger Qualifikation die gleiche Arbeit für weniger Geld macht. Wird mir aber die Aufsicht zugewiesen, dann mache ich es zu meiner Aufgabe – und kann sie gestalten, auch über die Krise hinaus." — Carsten Hermes* Genau diese Gestaltungsmacht wünscht er sich für die Pflege: selbst zu entscheiden, wer wo und wie eingesetzt wird. Hinzu kommt die enorme Belastung, in einem ungewohnten Umfeld zu arbeiten – fremde Geräusche, fremde Schubladen, stundenlang in voller Schutzmontur mit FFP2-Maske, ohne echte Pausen. Wer aus Anästhesie oder OP einspringt, geht dort genauso unter, wie eine Intensivpflegeperson im Altenheim untergehen würde. Beides ist Pflege – aber eben unterschiedliche Disziplinen. ## Schutz auf Sparflamme Ein wunder Punkt war die Schutzausrüstung. Was vor Monaten unverzichtbar schien – Visier, FFP3-Maske, Wechsel alle zwei Stunden –, wurde nach und nach gelockert: erst sechs, dann acht Stunden, am Ende die Maske zum Trocknen aufhängen. Dass das [RKI seine Empfehlungen für Pflegende abschwächte](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40143-rki-schwaecht-empfehlungen-fuer-pflegende-ab/?ref=uebergabe.de), sieht Carsten kritisch – nicht, weil Anpassungen in der Krise unmöglich wären, sondern weil jede Mindestanforderung in der Praxis schnell zur Obergrenze erklärt wird. Und weil der [Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) ohnehin dramatisch war. Dazu kommt die Stigmatisierung: Pflegende stehen einerseits an vorderster Front und tragen eine Garantenstellung, andererseits gelten sie als mögliche Überträger:innen. Wenn der Guardian Fotos von verstorbenen Gesundheitsarbeiter:innen veröffentlicht – ein eindrückliches [Gedenken an Beschäftigte, die an Covid-19 starben](https://www.theguardian.com/world/2020/apr/16/doctors-nurses-porters-volunteers-the-uk-health-workers-who-have-died-from-covid-19?ref=uebergabe.de) –, wird sichtbar: Auch Intensivpflegende und Mediziner:innen sind nicht immun. Carsten plädiert für individuelle Anpassungen: Wer eine chronische Erkrankung hat, immunsuppressive Medikamente nimmt oder zu Hause Angehörige pflegt, sollte gehört werden – statt die Mail zu bekommen, man solle sich nicht so anstellen. ## Was bleiben soll, wenn der Applaus verklingt Trotz allem zog Carsten auch Positives aus der Krise: einen selten erlebten Zusammenhalt zwischen den Berufsgruppen, einen echten Schulterschluss zwischen OP, Anästhesie, Intensiv und Medizin. Doch genau dieses Momentum müsse gehalten werden. Sein Appell zielt nach innen: Die Pflege müsse sich organisieren, in Berufsverbände, Gewerkschaften oder die Kammer eintreten – egal welche, aber etwas tun. Und sie müsse lernen, zu benennen, was ihre Aufgabe ist, statt nur aufzuzählen, was sie nicht ist. Dazu gehört auch, untereinander unterschiedliche Schwerpunkte und Qualifikationsstufen anzuerkennen – inklusive unterschiedlicher Bezahlung. Den Begriff „systemrelevant" hasst Carsten. Schlüsselpositionen ja – aber wer auf Applaus vom Balkon wartet, verändert nichts. > *„Wer glaubt, dass Applaudieren vom Balkon über die Krise hinaus etwas verändert, der irrt. Wir müssen selbst formulieren, was wir wollen – und es selbst gestalten." — Carsten Hermes* Sein Blick fünf Jahre voraus war zugleich Wunschliste: dass Gesundheit nicht allein durch sich selbst finanziert wird, sondern als gesellschaftliche Aufgabe verstanden; dass Pflege sich zusammenschließt und in Schlüsselpositionen kommt; dass es Vorhaltung gibt – Betten, Geräte, Personal, Notfallpläne, die regelmäßig trainiert werden. Schon damals war klar, dass solche Szenarien etwa im Risikobericht von 2013 längst beschrieben waren – passiert war wenig. Carstens Schlusssatz an die Kolleg:innen: Sich auch mal auskotzen ist erlaubt. Aber danach: definieren, was man braucht, sich zusammenschließen, austauschen – und stolz darüber sprechen, was man leistet. Tu Gutes und rede darüber. Und warte nicht darauf, dass es jemand anderes für dich tut. ## Zum Weiterhören - [ÜG106 – Auf der Intensivstation (Dr. Sabine Walther & Brigitte Teigeler)](https://www.uebergabe.de/ug106/) - [ÜG165 – Moralischer Distress in der Intensivpflege (Larissa Forster)](https://www.uebergabe.de/ug165/) - [ÜG035 – CORONA SPEZIAL #3: Chancen und Risiken für Pflege in der Corona-Krise (Prof. Dr. C. Bienstein)](https://www.uebergabe.de/ug035/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Intensivpflege und Corona - [Umfrage Intensivpflegefachpersonen](https://www.aerzteblatt.de/archiv/205989/Intensivmedizin-Versorgung-der-Bevoelkerung-in-Gefahr?ref=uebergabe.de) (www.aerzteblatt.de) - [Umfrage zeigt dramatische Entwicklung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/37645-umfrage-zeigt-dramatische-entwicklung/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) - [Umfrage Intensivpflegefachpersonen - Video](https://www.dgiin.de/aktuelles/aktionen/onlineumfrage-intensivpflegekraefte/articles/aktuelles-aktionen-onlineumfrage-intensivpflegekraefte.html?ref=uebergabe.de) (www.dgiin.de) - [Hilfskrankenhaus Bonn](https://www.online-divi.de/default.asp?pagekey=artikelwissenschaft&id=856&ref=uebergabe.de) (www.online-divi.de) - [RKI schwächt Empfehlungen für Pflegende ab](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40143-rki-schwaecht-empfehlungen-fuer-pflegende-ab/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) - [Forschung zur Wirkung von Intensivtagebüchern](https://www.bibliomed-pflege.de/zeitschriften/artikeldetailseite-ohne-heftzuweisung/31771-verlorene-zeit-aufarbeiten/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) - [Intensivtagebücher senken Risiko für psychische Folgestörungen - Systematische Literaturrecherche und Metaanalyse](https://www.springermedizin.de/intensivtagebuecher-senken-risiko-fuer-psychische-folgestoerunge/15945068?ref=uebergabe.de) (www.springermedizin.de) - [Doctors, nurses, porters, volunteers: the UK health workers who have died from Covid-19](https://www.theguardian.com/world/2020/apr/16/doctors-nurses-porters-volunteers-the-uk-health-workers-who-have-died-from-covid-19?ref=uebergabe.de) (theguardian.com) - [Definition Mortalität](http://www.gbe-bund.de/gbe10/abrechnung.prc%5Fabr%5Ftest%5Flogon?p%5Fuid=gast&p%5Faid=0&p%5Fknoten=FID&p%5Fsprache=D&p%5Fsuchstring=2252::Todesursachenstatistik&ref=uebergabe.de) (www.gbe-bund.de) und [Definition Letalität](http://www.gbe-bund.de/gbe10/ergebnisse.prc%5Ftab?fid=8693&suchstring=Letalit%E4t&query%5Fid=&sprache=D&fund%5Ftyp=DEF&methode=2&vt=1&verwandte=1&page%5Fret=0&seite=&p%5Flfd%5Fnr=4&p%5Fnews=&p%5Fsprachkz=D&p%5Fuid=gast&p%5Faid=71685868&hlp%5Fnr=3&p%5Fjanein=J&ref=uebergabe.de#SEARCH=%2522Letalit%C3%A4t%2522) (www.gbe-bund.de) - [Sektion Pflege der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin](https://www.dgiin.de/pflege.html?ref=uebergabe.de#navi) (www.dgiin.de) - [Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste e.V.](https://www.dgf-online.de/?ref=uebergabe.de) (www.dgf-online.de) - [Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin](https://www.divi.de/ueber-uns/mitgliedschaft?ref=uebergabe.de) (www.divi.de) - [OMW-Netzwerk](http://omw.hdz-nrw.de/omw-netzwerk.html?ref=uebergabe.de) (www.omw.hdz-nrw.de) - [Masterprogramm Pflege (MSc-ANP) der HAW Hamburg](https://www.haw-hamburg.de/ws-pem/studiengaenge/master-pflege.html?ref=uebergabe.de) (www.haw-hamburg.de) - [Vortrag von Carsten Hermes (Bonn) auf dem 30\. Symposium Intensivmedizin + Intensivpflege am 27.02.2020 in Bremen](https://www.youtube.com/watch?v=Oe%5F4aw6WIb8&list=PLTIpPFjIP9a4riphrVMd5zAXbnApgacAq&index=1&ref=uebergabe.de) (www.youtube.com) - [Informationen zu Peter Nydahl ](http://www.nydahl.de/Nydahl/Start.html?ref=uebergabe.de)(http://www.nydahl.de) ### Plattformen für Fortbildungen - [Hygiene-Kurse](https://www.reliaslearning.de/thema/hygiene-corona-kurse?ref=uebergabe.de) (reliasleraning.de) - [Corona-Schulung](https://campus.bibliomed.de/corona-schulung/?ref=uebergabe.de) (campus.bibliomed.de) ### Einrichtungsspezifische Stategien und Maßnahmen - [Informationen für Pflegefachpersonen zur CoViD-Pandemie](https://www.dbfk.de/de/themen/Covid-Pandemie.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Online-Schulung zum Coronavirus](https://campus.bibliomed.de/corona-schulung/?ref=uebergabe.de) (Campus.bibliomed.de) - [Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Altenpflegeheime.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI für das Management von Kontakt­personen bei respira­torischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Kontaktperson/Dokumente%5FTab.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Hygiene.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FKritIs.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### Schutzausrüstung - [Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material!](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-wird-dringend-benoetigt-Besonders-die-stationaere-und-ambulante-Pflege-brauchen-jetzt-Material.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht ](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-in-der-Langzeitpflege-dringend-gesucht-Laender-und-Kassen-sind-in-der-Pflicht.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) ### Fallzahlen und Pandemieplan - [COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Fallzahlen.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/falldefinition.pdf) (www.rki.de) - [Interaktive Übersichtskarte](https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/?ref=uebergabe.de) (Morgenpost.de) - [COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de) (www.who.int) - [COVID-19-Seite der John Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) (www.coronavirus.jhu.edu) - [Pandemieplan 2016/2017](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Pandemieplan.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020)](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Ergaenzung%5FPandemieplan%5FCovid.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### CORONA SPEZIAL #8: Gehalt von Pflege und die Rolle der Kammern in der Krise (Interview mit Dr. Markus Mai) URL: https://www.uebergabe.de/ug041/ Last updated: 2026-06-12T23:51:47.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 21.04.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz schaltet 2020 vollständig in den Corona-Modus. - Über 300 Freiwillige und ein zentraler Personalpool sollen die Versorgung sichern. - Forderung: monatlicher Belastungs- und Risikobonus statt einmaliger 1.500 Euro. - Mindestens 4.000 Euro Grundgehalt als politisches Signal für die Pflege. - Gehalt und Professionalisierung müssen gemeinsam vorangetrieben werden. Es ist Frühjahr 2020\. Die erste Corona-Welle rollt durch Deutschland, Krankenhäuser fahren planbare Eingriffe herunter, und in den Pflegeeinrichtungen wächst die Sorge vor dem, was noch kommen könnte. Mitten in dieser Ausnahmesituation haben wir mit Dr. Markus Mai gesprochen – Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz und selbst Pflegefachmann. Im Gespräch geht es um die konkrete Krisenarbeit einer Kammer, um Schutzausrüstung, um Bonuszahlungen und um eine alte, hartnäckige Forderung: 4.000 Euro Grundgehalt für Pflegefachpersonen. Ein Gespräch, das viel über die Strukturen unseres Gesundheitssystems verrät – und über die Frage, was Wertschätzung eigentlich kostet. ## Eine Kammer im Krisenmodus Als die strengeren Maßnahmen begannen, stellte die Landespflegekammer ihre Arbeit nach eigener Aussage zu hundert Prozent auf Corona um. Eine Taskforce bildete sich, die sich täglich austauscht: über die Entwicklung im Land, über Rückmeldungen aus den Teams, über die Zusammenarbeit mit der Landeskrankenhausgesellschaft, der Pflegegesellschaft und den politischen Akteur:innen. Die Kammer versteht sich dabei als Interessenvertretung der beruflich Pflegenden – manchmal an vorderster Front, manchmal im Hintergrund, aber bei jedem Thema mit am Tisch, das den Berufsstand betrifft. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war die Lage in Rheinland-Pfalz vergleichbar mit anderen Bundesländern: steigende Infektionszahlen, eine zwar moderatere Entwicklung als zwei Wochen zuvor, aber zunehmend mehr Menschen in den Krankenhäusern, die schwerer an Covid-19 erkrankten. Wer den Verlauf damals nachvollziehen wollte, fand auf den [COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de) oder über eine [interaktive Übersichtskarte der Infektionszahlen](https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/?ref=uebergabe.de) die aktuellen Daten. ## Ein Pool für den Ernstfall Eine der zentralen Maßnahmen war eine Meldestelle, über die die Kammer einen Pool an Freiwilligen aufbaute. Gemeint sind Menschen, die nicht mehr oder nur noch in geringem Umfang im Pflegeberuf tätig sind und bereit wären, im Notfall einzuspringen – etwa Pflegefachpersonen kurz vor oder schon im Ruhestand. Wichtig war Mai dabei eines: Über den Einsatz entscheidet nicht die Kammer allein, sondern gemeinsam mit dem Ministerium. Einrichtungen können sich also nicht direkt bedienen, sondern melden ihre Bedarfe zentral. So soll der Eindruck vermieden werden, die Kammer verteile nach Gutdünken Personal. > *„Wir haben die Kammer im Prinzip zu 100 Prozent auf Corona-Modus gestellt." — Dr. Markus Mai* Über 300 Personen hatten sich zum Zeitpunkt des Gesprächs gemeldet, eine landesweite Kampagne war in Vorbereitung. Neben Pflegefachpersonen können sich auch Pflegehilfspersonen, Physiotherapeut:innen und andere Gesundheitsfachberufe eintragen. Für Mai war dabei nicht die reine Zahl entscheidend, sondern dass die Gemeldeten dann tatsächlich verfügbar sind, wenn die Not groß wird – und dass sie die nötige Kompetenz mitbringen. Bewusst wird im ersten Schritt auf die Selbsthilfe der Einrichtungen verwiesen: Der Pool soll als Reserve für den Moment dienen, in dem die Versorgung sonst zusammenzubrechen droht. ## 16 Stunden für die Intensivstation – eine Basis, kein Ersatz Damit Pflegefachpersonen von Normal- und Allgemeinstationen im Ernstfall auf einer Intensivstation unterstützen können, brachte die Kammer eine kompakte Notfallqualifikation auf den Weg: 16 Stunden Theorie plus eine Praxisanleitungseinheit, in der etwa das Absaugen bei intubierten Patient:innen geübt wird. Mai betont mehrfach: Diese Qualifikation soll niemanden befähigen, eigenständig intensivpflegerisch zu arbeiten. Sie soll erfahrene, fachweitergebildete Kolleg:innen entlasten und verhindern, dass jemand völlig unvorbereitet auf eine Station kommt, auf der plötzlich 20 beatmete Menschen liegen. Über 500 Personen waren eingeschrieben, rund 200 bis 250 hatten die Maßnahme bereits abgeschlossen. Entwickelt wurde das Curriculum mit zwei Bildungszentren, doch das Raster steht allen offen: Krankenhäuser können die Schulung auch in Eigenregie durchführen, solange sie sich an die inhaltlichen Mindestvorgaben und Stundenzahlen halten – dann fließt auch die vom Land bereitgestellte Finanzierung. Ergänzend ging zum Aufnahmezeitpunkt eine [Online-Schulung zum Coronavirus](https://campus.bibliomed.de/corona-schulung/?ref=uebergabe.de) an den Start, die die Bundespflegekammer gemeinsam mit drei Landeskammern und dem DBfK auch für Nichtmitglieder zugänglich machte. ## Wo die Lücken am tiefsten klaffen Besonders deutlich wird im Gespräch, dass die Krise nicht überall gleich aussieht. Während die Lage in den Krankenhäusern aus Mais Sicht damals noch vergleichsweise überschaubar war, sah er die größeren Probleme in der Langzeit- und der ambulanten Pflege. Ist das Virus erst einmal in einer Pflegeeinrichtung, verbreitet es sich rasend schnell – schon weil bis zum Auftreten erster Symptome eine starke Durchmischung der Bewohner:innen stattgefunden hat. Menschen mit Demenz lassen sich nicht einfach in ihren Zimmern halten, und der bis dahin freizügige Besucherverkehr trug zusätzlich Risiken hinein. Mais Konsequenz: Diese Einrichtungen müssen künftig deutlich besser geschützt und personell aufgewertet werden. In der ambulanten Pflege zeigte sich eine geradezu paradoxe Situation. Ein Pflegedienstleiter hatte uns berichtet, dass Patient:innen und Angehörige aus Angst vor Ansteckung Leistungen absagten – mit der Folge, dass er über Kurzarbeit nachdenken musste, während andernorts dringend Personal gebraucht wurde. Mai kritisiert das scharf: Statt Menschen in Kurzarbeit zu schicken und sie damit aus dem Blick zu verlieren, sollten sie in zentrale Pools überführt werden. Auch eine Personalgestellung – etwa von einem ambulanten Dienst an ein Pflegeheim – sei möglich, zumal der Gesetzgeber damals geregelt hatte, dass krisenbedingte Mehrkosten refinanzierbar sind. > *„Hier zeigt sich, dass wir einfach keine Puffer mehr haben." — Dr. Markus Mai* Geschlossene Tagespflegen, weggebrochene 24-Stunden-Betreuung durch Hilfen aus dem Ausland: Vieles davon ließ sich kurzfristig kaum auffangen, sodass am Ende oft die Angehörigen in die Bresche springen mussten. Mai sieht darin das Ergebnis einer jahrzehntelangen Sparpolitik, die nicht nur die Politik, sondern auch Verbände und Unternehmen zu verantworten hätten. Die eigentliche Aufgabe der Kammer sieht er deshalb weniger im Verteilen von Personal als darin, für die Zukunft Strukturen zu entwickeln, die bei der nächsten Krise besser tragen. ## Schutz für die, die im Feld stehen Beim Thema Schutzausrüstung wird Mai konkret: Verantwortlich für die Bereitstellung sei grundsätzlich der Arbeitgeber, ergänzt durch die Beschaffung über den Bund. Engpässe gab es zweifellos – ein ambulanter Dienst berichtete von gerade noch acht Mund-Nasen-Schutzmasken. Die Position der Kammer ist eindeutig: Ohne ausreichende Schutzmaterialien ist es nicht vertretbar, Mitarbeitende einem hohen Risiko auszusetzen. In den FAQs der Kammer findet sich entsprechend ein Verweis auf die Arbeitsschutzbestimmungen – wer nicht ausreichend geschützt ist, muss nicht arbeiten gehen. Der [dramatische Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) war damals bundesweit ein Thema. Über die körperliche Sicherheit hinaus rückte die Kammer auch die seelische Gesundheit in den Blick. Gemeinsam mit der Landespsychotherapeutenkammer entstand ein Unterstützungsprogramm, parallel beschäftigte sich eine Gruppe mit ethischen Dilemmata, die in der Krise auftreten können – und zwar bewusst auch auf Bundesebene, um ein belastbares Expert:innen-Netzwerk aufzubauen. ## 1.500 Euro einmalig? „Eigentlich ein Witz" Großen Raum nahm die Debatte um Bonuszahlungen ein. Der Bund hatte damals geregelt, dass ein Corona-Bonus bis 1.500 Euro steuer- und sozialversicherungsfrei bleibt – brutto für netto. Doch dass Pflegende einen solchen Bonus überhaupt erhalten sollten, war zunächst nicht festgeschrieben. Die [Zusage von Verdi und BVAP über 1.500 Euro pro Pflegeperson](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40269-verdi-und-bvap-versprechen-1500-euro-pro-pflegeperson/?ref=uebergabe.de) und der [von Markus Söder angekündigte 500-Euro-Bonus](https://twitter.com/Markus%5FSoeder/status/1246689377239080960?s=20&ref=uebergabe.de) markierten den Stand der Diskussion. Die Kammer ging weiter: Sie forderte gleich zwei Boni, und zwar monatlich. Einen Belastungsbonus von 500 Euro für alle Pflegefachpersonen in der direkten Versorgung und einen Risikobonus von weiteren 500 Euro für jene, die nachweislich Covid-19-Erkrankte betreuen. Eine einmalige Zahlung hält Mai für ein schwaches Signal. Entscheidend ist für ihn aber die Frage der Finanzierung: Anders als ein Discounter könnten Gesundheits- und Sozialeinrichtungen ihre Kosten nicht einfach über Preise refinanzieren. Die Last allein den Trägern aufzubürden, würde nach der Krise eine Pleitewelle auslösen. Sein Appell richtet sich deshalb an den Staat – über Sozialversicherung, Steuern oder Pool-Lösungen, möglichst schnell und bundeseinheitlich. ## 4.000 Euro – ein Signal mit Punkt und drei Nullen Schon 2017 war die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz die erste, die ein Mindestgrundgehalt von 4.000 Euro für Pflegefachpersonen forderte. Mai erklärt die Zahl als bewusst plastisches, politisches Signal: keine Deckelung, sondern eine Mindeststufe, ab der weitere Qualifikationen – Fachweiterbildung, Studium – sich entsprechend nach oben aufbauen. Dass die Forderung mancherorts als „alle gleich bezahlen" missverstanden wurde, weist er entschieden zurück. Die Idee, dass [Pflegefachpersonen mindestens 4.000 Euro verdienen sollen](https://www.pflegen-online.de/pflegekraefte-sollen-mindestens-4000-euro-verdienen?ref=uebergabe.de), begründet er mit hohen Belastungen, Schichtarbeit rund um die Uhr und wachsenden Haftungsrisiken. Vom damals bis Mai angestrebten [flächendeckenden Tarifvertrag](https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/morgenmagazin/videos/Hubertus-Heil-102.html?ref=uebergabe.de) erwartete er allerdings wenig – die Orientierung gehe zu stark nach unten. ## Henne oder Ei: Gehalt und Professionalisierung Spannend wird das Gespräch dort, wo wir kritisch nachhaken: Macht ein höheres Gehalt den Beruf wirklich attraktiver? Schließlich entscheiden sich viele Menschen gerade wegen der Akademisierung für die Pflege – trotz niedriger Vergütung. Mai räumt ein, dass Gehalt im Sinne der Professionalisierungstheorie kein Professionalisierungsbestandteil ist. Dazu gehörten vielmehr die Akademisierung, neue Master- und Weiterbildungsmöglichkeiten, ein durchdachter interprofessioneller Skill-Mix und eine veränderte Verantwortungshaltung. Gleichzeitig hält er eine deutliche – nicht eine kleine – Gehaltssteigerung für ein wirksames Signal im „War for Talents", in dem die Pflege mit vielen attraktiven Bildungswegen konkurriert. > *„Wert hat immer was mit Geld zu tun in unserer Gesellschaft." — Dr. Markus Mai* Sein Argument: Pflege ist anstrengend, verantwortungsvoll und schön – aber Wertschätzung müsse spürbar sein, nicht nur als Applaus oder Daumen-hoch auf dem Sofa. Dass es nicht originäre Aufgabe einer Kammer ist, Gehälter zu fordern, weiß Mai. Doch solange sich niemand sonst an die Spitze dieser Bewegung stelle, übernehme die Kammer das eben – in der Hoffnung, dass die Gewerkschaften sich anschließen. Auch das damals viel diskutierte Rothgang-Gutachten zur Personalbemessung kommt zur Sprache. Mai sieht es kritisch, weil es als Ist-Betrachtung viele eigentlich notwendige, aber gar nicht angebotene Leistungen ausblende. Gemeinsam mit dem Deutschen Pflegerat und der Bundespflegekammer war eine Erwiderung in Vorbereitung. ## Selbstverwaltung statt Behördenvorschrift Zum Schluss richtet sich der Blick nach Norden: In Niedersachsen stand damals eine Vollbefragung zur Zukunft der Pflegekammer an, und die Gesundheitsministerin hatte deren Ergebnis als bindend angekündigt. Für Rheinland-Pfalz sieht Mai daraus keine Auswirkungen – die Politik dort erlebe die Kammer als wichtigen Partner. Grundsätzlich aber hält er es für problematisch, die Existenz einer Selbstverwaltung von einer Befragung der Berufsgruppe abhängig zu machen. Pflege sei ein hochgefahrgeneigter Beruf, der mit der wissenschaftlichen Entwicklung noch anspruchsvoller werde. Genau deshalb sei es ein Gewinn, diese Verantwortung in einer Selbstverwaltung zu regeln, statt mit Vorschriften einer Behörde zu arbeiten – eine Aufgabe, die Politik nicht endlos als Alibi vor sich herschieben dürfe. Bleibt die Frage, ob aus der plötzlichen Sichtbarkeit der Pflege auch langfristige Veränderungen erwachsen. Mai bleibt vorsichtig optimistisch: Die Kammer sei damals präsenter denn je, mit eigener Corona-Hotline, Spezial-Newsletter und intensiver Öffentlichkeitsarbeit. Doch er warnt auch davor, dass nach der Krise niemand mehr über die Ängste und Lücken sprechen wolle. Genau deshalb sei jetzt der Moment, die Positionen klar zu setzen. ## Zum Weiterhören - [ÜG035 – CORONA SPEZIAL #3: Chancen und Risiken für Pflege in der Corona-Krise (Prof. Dr. C. Bienstein)](https://www.uebergabe.de/ug035/) - [ÜG039 – Pflegekammer, Situation und Befragung in Niedersachen (Nora Wehrstedt)](https://www.uebergabe.de/ug039/) - [ÜG045 – Blickpunkt Niedersachen: Evaluation der Pflegekammer (Interview mit Kai Boeddinghaus und Dr. Martin Dichter)](https://www.uebergabe.de/ug045/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Pflegekammer Rheinland-Pfalz und Corona - [Pflegeheime von Corona-Krise besonders betroffen](https://www.pflegekammer-rlp.de/index.php/news-lesen-130/pflegeheime-von-coronakrise-besonders-betroffen.html?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-rlp.de) - [Zentrale Meldestelle für Freiwilligen-Pool](http://corona.pflegekammer-rlp.de/zentrale-meldestelle-freiwilligen-pool.html?ref=uebergabe.de) (Pflegekammer-rlp.de) - [Kurzqualifizierung Intensivpflege](http://corona.pflegekammer-rlp.de/kurzqualifizierung-intensivpflege.html?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-rlp.de) - [Einmalige Prämienauszahlung von 1.500€ nicht ausreichend](http://corona.pflegekammer-rlp.de/news/einmalige-praemienauszahlung-von-1-500-euro-nicht-ausreichend.html?ref=uebergabe.de) (Pflegekammer-rlp.de) - [„Pflegekräfte sollen mindestens 4.000 Euro verdienen“](https://www.pflegen-online.de/pflegekraefte-sollen-mindestens-4000-euro-verdienen?ref=uebergabe.de) (pflegen-online.de) - [Pflegekammer fordert 4 000 Euro Pflegelohn](http://www.altenpflege-online.net/Infopool/Nachrichten/Pflegekammer-fordert-4-000-Euro-Pflegelohn?ref=uebergabe.de) (Altenpflege-online.net) - [Freiwilligen-Pool kommt bei Pflegenden gut an](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40317-freiwilligen-pool-kommt-bei-pflegenden-gut-an/?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Verdi und BVAP versprechen 1.500 Euro pro Pflegeperson](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40269-verdi-und-bvap-versprechen-1500-euro-pro-pflegeperson/?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Söder verspricht Pflegenden 500€ Bonus](https://twitter.com/Markus%5FSoeder/status/1246689377239080960?s=20&ref=uebergabe.de) (Twitter.com) - [Flächendeckende Tarifverträge für Pflegende](https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/morgenmagazin/videos/Hubertus-Heil-102.html?ref=uebergabe.de) (daserste.de) - [Corona-Schulung](https://campus.bibliomed.de/corona-schulung/?ref=uebergabe.de) (campus.bibliomed.de) ### Einrichtungsspezifische Stategien und Maßnahmen - [Informationen für Pflegefachpersonen zur CoViD-Pandemie](https://www.dbfk.de/de/themen/Covid-Pandemie.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Online-Schulung zum Coronavirus](https://campus.bibliomed.de/corona-schulung/?ref=uebergabe.de) (Campus.bibliomed.de) - [Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Altenpflegeheime.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI für das Management von Kontakt­personen bei respira­torischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Kontaktperson/Dokumente%5FTab.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Hygiene.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FKritIs.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### Schutzausrüstung - [Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material!](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-wird-dringend-benoetigt-Besonders-die-stationaere-und-ambulante-Pflege-brauchen-jetzt-Material.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht ](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-in-der-Langzeitpflege-dringend-gesucht-Laender-und-Kassen-sind-in-der-Pflicht.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) ### Fallzahlen und Pandemieplan - [COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Fallzahlen.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/falldefinition.pdf) (www.rki.de) - [Interaktive Übersichtskarte](https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/?ref=uebergabe.de) (Morgenpost.de) - [COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de) (www.who.int) - [COVID-19-Seite der John Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) (www.coronavirus.jhu.edu) - [Pandemieplan 2016/2017](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Pandemieplan.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020)](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Ergaenzung%5FPandemieplan%5FCovid.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### CORONA SPEZIAL #7: Risikobericht & das Gesundheitssystem (Prof. Dr. Karl Lauterbach) URL: https://www.uebergabe.de/ug040/ Last updated: 2026-06-13T12:58:16.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 14.04.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Schwere Covid-Verläufe können bleibende Schäden an Lunge, Gehirn und Psyche hinterlassen. - Der Pandemieplan von 2012 wurde nie umgesetzt – Zuständigkeiten waren ungeklärt. - Lauterbach lehnt eine kontrollierte Durchseuchung als zu tödlich ab. - Die Pflege braucht einen Sondertarif – nicht erst nach der Pandemie. - Professionalisierung und erweiterte Kompetenzen machen den Beruf attraktiver. Mitten in der ersten Welle der Corona-Pandemie haben wir mit Prof. Dr. Karl Lauterbach gesprochen – Mediziner, Epidemiologe und damals SPD-Bundestagsabgeordneter. Das Gespräch entstand im April 2020, also zu einem Zeitpunkt, an dem viele Fragen noch unbeantwortet waren. Genau deshalb lohnt sich der Rückblick: Lauterbach ordnet ein, was wir über die Folgen einer Covid-19-Erkrankung wissen, warum ein längst bekannter Pandemieplan in der Schublade verstaubte und weshalb die Pflege endlich mehr verdient als Applaus vom Balkon. ## Wenn die Genesung erst der Anfang ist Eine der hartnäckigsten Vorstellungen lautet: Wer Covid-19 überlebt, springt anschließend wieder fit aus dem Krankenhausbett. Lauterbach räumt damit auf. Zwar fehlten zum Zeitpunkt der Aufnahme noch belastbare Langzeitverläufe, doch aus dem klinischen Wissen und aus früheren Erkrankungen lässt sich einiges ableiten. Bei schweren Verläufen kommt es häufig zu großflächigen Lungenentzündungen, die im Computertomogramm eindrucksvoll sichtbar werden. Studien aus Hongkong zeigten damals, dass sich die Vernarbungen im Lungengewebe selbst nach vier Wochen nicht vollständig zurückbildeten. Es droht also eine dauerhafte Einschränkung der Lungenfunktion – eine fibrotische Reaktion, wie man sie auch von anderen schweren Entzündungen kennt. Hinzu kommt ein zweites Risiko: die Beatmung selbst. Gerade ältere Menschen behalten nach langer Beatmungsdauer oft bleibende Schäden zurück – besonders dann, wenn vorher die Sauerstoffwerte niedrig waren. Das Gehirn ist dabei besonders empfindlich. Verlust von Denk- und Konzentrationsfähigkeit, mitunter sogar eine beschleunigte Demenzentwicklung, gehören zu den möglichen Spätfolgen. Und schließlich verweist Lauterbach auf das Post-SARS-Syndrom, das nach der SARS-Epidemie von 2003 beschrieben wurde: chronische Müdigkeit, depressive Verstimmungen, Schmerzzustände im ganzen Körper und ausgeprägte Schlafstörungen – und das auch bei jüngeren Betroffenen. > *„Das Bild, das viele haben – entweder der Patient wird beatmet und verstirbt, oder er überlebt und alles verläuft harmlos – das stimmt nicht. Wir können längerfristige Schäden nicht ausschließen." — Prof. Dr. Karl Lauterbach* Diese Einschätzung wirkt aus heutiger Sicht geradezu prophetisch. Wie sehr das Thema die Pflege langfristig beschäftigen würde, zeigt unsere spätere Folge zu [Post-COVID und ME/CFS](https://www.uebergabe.de/ug161/), in der die Spätfolgen einer Infektion noch einmal vertieft beleuchtet werden. ## Der Engpass nach der Intensivstation Wenn so viele Menschen mit bleibenden Schäden rechnen müssen, stellt sich die Frage: Ist Deutschland auf die Weiterversorgung überhaupt vorbereitet? Lauterbach betont, dass das deutsche Gesundheitssystem im europäischen Vergleich gut dasteht – mit der höchsten Bettendichte der Industrienationen, vielen Intensivplätzen und mehr Rehabilitationsbetten als jedes andere europäische Land. Doch genau hier lauert ein Flaschenhals: das Weaning, also die Entwöhnung vom Beatmungsgerät. Das ist nicht nur für die Betroffenen eine quälende Phase, sondern erfordert vor allem spezialisierte Pflegefachpersonen. Und fast jede lange Beatmung zieht anschließend eine Rehabilitation nach sich. Rechnerisch macht Lauterbach das Ausmaß deutlich: Würden sich rund zwölf Prozent der Bevölkerung infizieren – etwa zehn Millionen Menschen –, kämen über den gesamten Verlauf hinweg geschätzt 250.000 bis 300.000 Intensivpatient:innen zusammen. Ein großer Teil von ihnen bräuchte danach eine Reha. Ob die Kapazitäten dafür ausreichen, bezweifelte er offen. Sein Plädoyer war deshalb eindeutig: Nicht so viele Infektionen zulassen, wie die Beatmungsplätze hergeben, sondern durch konsequente Public-Health-Maßnahmen möglichst viele Ansteckungen von vornherein verhindern. ## Ein Plan, den niemand umsetzte Besonders aufschlussreich ist der Blick zurück auf den [Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz](https://www.uebergabe.de/content/files/dip21/btd/17/120/1712051.pdf) aus dem Jahr 2012\. Darin wurde das Szenario einer aus Asien eingeschleppten Pandemie durchgespielt – mit erstaunlicher Ähnlichkeit zur realen Lage. Der Bericht hielt schon damals fest, dass personelle und materielle Kapazitäten nicht ausreichen würden, von Krankenhausbetten über Personal bis zu Arzneimitteln und Medizinprodukten. Wie konnte es trotzdem so weit kommen? Lauterbachs Antwort ist ernüchternd: Der Bericht wurde zur Kenntnis genommen, aber die Zuständigkeiten waren nie geklärt. Niemand wusste, wer für die Lagerung von Schutzmaterial verantwortlich sein sollte – die Länder, die Kassenärztlichen Vereinigungen, die Krankenhäuser, der Bund oder die Bundeswehr. Es wurden keine Masken eingelagert, keine produziert, und auch die Möglichkeit einer Eigenproduktion im Notfall wurde nicht aufgebaut. > *„Es war nie spezifiziert. Man hätte sich einigen müssen, wer wofür zuständig ist. So war am Ende niemand für irgendetwas zuständig." — Prof. Dr. Karl Lauterbach* Dass der Mangel an Schutzausrüstung in der Krise dann zum echten Problem wurde, zeigte sich rasch in den Einrichtungen – ein Thema, das damals breit diskutiert wurde, etwa im Zusammenhang mit dem [dramatischen Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de). Wichtig ist Lauterbach dabei die Einordnung: Es ging nicht um einen geheimen Plan, sondern um eine reguläre Vorsorgeübung, deren Konsequenzen schlicht nie gezogen wurden. Wer die Hintergründe genauer nachlesen möchte, findet bei [einem Faktencheck zum angeblichen „Geheimplan" der Regierung](https://correctiv.org/faktencheck/2020/03/18/coronavirus-um-was-es-bei-dem-angeblichen-geheimplan-der-regierung-2012-wirklich-ging?ref=uebergabe.de) eine nüchterne Einordnung. ## Warum Durchseuchung keine Strategie ist Im Frühjahr 2020 kursierte häufig die Idee, man solle die Bevölkerung doch langsam und kontrolliert durchinfizieren, bis eine Herdenimmunität erreicht sei. Lauterbach hielt das für einen gefährlichen Irrweg. Selbst wenn man über anderthalb Jahre hinweg nur 20 Prozent der Bevölkerung kontrolliert infizieren würde – bei optimal funktionierendem Gesundheitssystem und einer Sterblichkeit unter dem damaligen Niveau – stünden am Ende rund 200.000 Tote. Dazu kämen vielleicht weitere 800.000 Menschen mit bleibenden Schäden. Eine Million Betroffene insgesamt, und das bei nur einem Fünftel Durchseuchung. Sein Gegenmodell hieß strenge Suppression – allerdings nur unter drei Bedingungen, die sich aus der damaligen Studienlage ableiten ließen. Erstens brauche es qualitativ hochwertige Masken vom OP-Typ für die breite Bevölkerung, denn eine gewöhnliche OP-Maske schütze etwa vier- bis fünfmal besser als selbstgenähte Modelle. Zweitens sei eine extrem schnelle Kontaktverfolgung nötig, am ehesten über eine anonyme Bluetooth-App, die enge Kontakte sofort informiert – ohne Rückschluss auf einzelne Personen und ohne staatlichen Zugriff. Andernfalls laufe man den Infektionsketten immer hinterher, statt der Welle voraus zu sein. Drittens brauche es deutlich ausgeweitete Testkapazitäten. Werden Lockerungen verfrüht beschlossen, drohe ein Rückfall – und damit eine erneute Vollbremsung, die Bevölkerung und Wirtschaft gleichermaßen zermürbt. ## Wer schützt die, die schützen? Ein zentrales Anliegen war Lauterbach der Schutz der Pflegefachpersonen. Schutzkleidung, Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel müssten jederzeit in ausreichender Menge verfügbar sein – und zuerst dort ankommen, wo direkt am Bett gearbeitet wird. Da der internationale Markt zusammenbreche, weil Länder wie die USA alles aufkauften, führe kein Weg an einer raschen Eigenproduktion vorbei. Zugleich regte er an, Personal aus Kliniken mit Kurzarbeit gezielt in besonders belastete Einrichtungen zu verlagern – selbstverständlich gegen angemessene Vergütung. Und damit war Lauterbach bei seinem wichtigsten Punkt. Er hielt es für falsch, die Pflege abends zu beklatschen, über kleine steuerfreie Einmalzuschläge zu diskutieren und echte Lohnerhöhungen auf die Zeit nach der Pandemie zu vertagen. Niemand könne darauf zwei Jahre warten. > *„Wir sollten nicht mit einem einmaligen Zuschlag arbeiten, sondern die Löhne mit einem Sondertarif Pflege um ein paar hundert Euro dauerhaft erhöhen. Die Pflege ist unterbezahlt – und sie muss an anderen Berufen vorbeiziehen können." — Prof. Dr. Karl Lauterbach* Bemerkenswert ist sein Hinweis auf die Fallpauschalen: Aus deren Perspektive sei Pflege immer nur ein Kostenfaktor gewesen, was zur Ausdünnung beigetragen habe. Auf seine eigene Initiative hin wurde im Koalitionsvertrag 2017 beschlossen, die Pflege aus den Fallpauschalen herauszulösen und wieder ein System der Kostenerstattung einzuführen. Dass die erhofften Lohnsteigerungen trotzdem ausblieben, war für ihn ein Beleg, dass das übliche Tarifgeschehen nicht ausreicht. Wer tiefer in die Logik der Krankenhausfinanzierung und der Personalbemessung einsteigen will, findet in unserer Folge zur [Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio](https://www.uebergabe.de/ug056/) mit Prof. Dr. Michael Simon weiterführende Argumente. ## Keine Diskussion mehr – sondern eine Entscheidung Braucht es eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, was uns die Pflege wert ist? Lauterbach winkte ab. Die Wertschätzung sei längst da, die meisten Menschen wunderten sich eher, warum höhere Löhne immer wieder versprochen, aber nie umgesetzt würden. Dass ein etwas höherer Beitragssatz oder ein größerer Steuerzuschuss nötig würden, sei eben hinzunehmen – schließlich werde auch bei teuren Krebsmedikamenten mit minimalem Nutzen nicht erst eine Grundsatzdebatte geführt. Statt einer weiteren Diskussion brauche es einen Gipfel zwischen Tarifpartnern und Politik, um das Tarifgefüge gezielt zu verschieben. Diese Forderung müsse allerdings auch aus der Basis und von den Berufsverbänden getragen werden – die Politik allein könne sie nicht durchsetzen. ## Mehr als Gehalt: Der Beruf muss wachsen dürfen Auf die Frage, ob neben der Bezahlung nicht auch die Professionalisierung des Berufes vorankommen müsse, antwortete Lauterbach klar zustimmend. An einem Gesetz, das Zuständigkeiten im Gesundheitswesen neu regelt, werde bereits gearbeitet – mit einer deutlichen Aufwertung der Aufgaben in der Pflege. Er verwies auf die USA, wo Pflegefachpersonen teils Tätigkeiten übernehmen, die in Deutschland Hausärzt:innen vorbehalten sind. Viele internationale Pflegefachpersonen blieben gerade deshalb nicht lange im Beruf, weil ihnen die Tätigkeiten hierzulande zu stark auf einen Service- und Dienstleistungscharakter reduziert seien. Seine Sorge: dass erweiterte Kompetenzen erneut an ärztlichen Blockaden scheitern könnten. ## Was bleibt – fünf Lehren aus der Krise Zum Abschluss zog Lauterbach Bilanz. Erstens sei der Wert der Pflege so deutlich geworden wie selten zuvor – ohne sie sei selbst das routinemäßige Funktionieren des Staates gefährdet. Daraus müssten Konsequenzen für die Struktur folgen: nicht nur leichte Tarifanpassungen, sondern eine echte Veränderung der Tarifstruktur und dessen, was Pflege darf. Zweitens müsse Deutschland besser auf künftige Pandemien vorbereitet sein, denn vier Faktoren ließen ihre Häufigkeit steigen: Bevölkerungswachstum, Urbanisierung, Globalisierung und Klimawandel. Und drittens müsse der Beruf durch ein ganzes Bündel an Maßnahmen attraktiver werden – inklusive einer Wertschätzung, die bleibt und nicht erst nach der Pandemie zum Ausdruck kommt. Das Gespräch mit Karl Lauterbach verbindet die medizinische Perspektive eines Epidemiologen mit konkreter Pflegepolitik – ein Blickwinkel, der gerade im Frühjahr 2020 hilfreich war, um die Lage einzuordnen. Wer die epidemiologische Seite der Pandemie noch tiefer verstehen möchte, findet international fundierte Informationen bei den [Covid-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de). ## Zum Weiterhören - [ÜG053 – Das Corona-Virus im Kontext der Pflege (Prof. Dr. Christian Drosten)](https://www.uebergabe.de/ug053/) - [ÜG035 – CORONA SPEZIAL #3: Chancen und Risiken für Pflege in der Corona-Krise (Prof. Dr. C. Bienstein)](https://www.uebergabe.de/ug035/) - [ÜG161 – Post-COVID & ME/CFS (Jeremy Schmidt)](https://www.uebergabe.de/ug161/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Risikobericht der Bundesregierung - [Epidemiologisches Bulletin](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2013/Ausgaben/31%5F13.pdf) (rki.de) - [Coronavirus-Pandemie – Die Krise nachhaltig überwinden (13\. April 2020)](https://www.leopoldina.org/publikationen/detailansicht/publication/coronavirus-pandemie-die-krise-nachhaltig-ueberwinden-13-april-2020/?ref=uebergabe.de) (Leopoldina.org) - [Versäumte Pandemie-Vorsorge](https://www.zdf.de/politik/frontal-21/versaeumte-pandemie-vorsorge-100.html?ref=uebergabe.de) (zdf.de) - [Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012](https://www.uebergabe.de/content/files/dip21/btd/17/120/1712051.pdf) (bundestag.de) - [Die Corona-Prophezeiung der deutschen Regierung](https://www.derstandard.de/story/2000116144720/die-corona-prophezeiung-der-deutschen-regierung?ref=uebergabe.de) (derstandard.de) - [Coronavirus: Um was es bei dem angeblichen „Geheimplan der Regierung“ 2012 wirklich ging](https://correctiv.org/faktencheck/2020/03/18/coronavirus-um-was-es-bei-dem-angeblichen-geheimplan-der-regierung-2012-wirklich-ging?ref=uebergabe.de) (corectiv.org) - [Risikoanalyse zu fiktivem Virus passt nicht zu Corona](https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/risikoanalyse-zu-fiktivem-virus-passt-nicht-zu-corona,Rt1wJnT?ref=uebergabe.de) (br.de) ### Einrichtungsspezifische Strategien und Maßnahmen - [Informationen für Pflegefachpersonen zur CoViD-Pandemie](https://www.dbfk.de/de/themen/Covid-Pandemie.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Online-Schulung zum Coronavirus](https://campus.bibliomed.de/corona-schulung/?ref=uebergabe.de) (Campus.bibliomed.de) - [Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Altenpflegeheime.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI für das Management von Kontakt­personen bei respira­torischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Kontaktperson/Dokumente%5FTab.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Hygiene.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FKritIs.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### Schutzausrüstung - [Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material!](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-wird-dringend-benoetigt-Besonders-die-stationaere-und-ambulante-Pflege-brauchen-jetzt-Material.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht ](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-in-der-Langzeitpflege-dringend-gesucht-Laender-und-Kassen-sind-in-der-Pflicht.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) ### Fallzahlen und Pandemieplan - [COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Fallzahlen.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/falldefinition.pdf) (www.rki.de) - [Interaktive Übersichtskarte](https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/?ref=uebergabe.de) (Morgenpost.de) - [COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de) (www.who.int) - [COVID-19-Seite der John Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) (www.coronavirus.jhu.edu) - [Pandemieplan 2016/2017](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Pandemieplan.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020)](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Ergaenzung%5FPandemieplan%5FCovid.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### Pflegekammer, Situation und Befragung in Niedersachen (Nora Wehrstedt) URL: https://www.uebergabe.de/ug039/ Last updated: 2026-06-17T19:31:22.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 09.04.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Pflegekammer Niedersachsen vertritt rund 90.000 Pflegefachpersonen als Körperschaft öffentlichen Rechts. - Das Pflegefachberuferegister liefert erstmals belastbare Daten zur Versorgungslage im Flächenland. - Statt Mitgliedsbeiträgen finanziert das Land die Kammer mit sechs Millionen Euro pro Jahr. - Eine Vollbefragung im Rahmen der Evaluation entscheidet über die Zukunft der Kammer. - Ohne Kammer verlöre die Pflege Selbstverwaltung, Daten und politischen Einfluss. Kaum ein Thema spaltet die Pflege in Niedersachsen so sehr wie die Pflegekammer. Im April 2020 – mitten in den ersten Wochen der Corona-Pandemie – stand eine entscheidende Weichenstellung bevor: eine Vollbefragung aller Mitglieder, die über die Zukunft der Selbstverwaltung entscheiden sollte. Grund genug, einmal in Ruhe und sachlich aufzuräumen mit Gerüchten, Halbwissen und alten Wunden. Zu Gast war Nora Wehrstedt, Gesundheits- und Krankenpflegerin im Klinikum Braunschweig, Pflegefachleitung in der Herz- und Gefäßchirurgie – und Vizepräsidentin der Pflegekammer Niedersachsen. Wichtig zu wissen: Sie arbeitet weiterhin im Dreischichtsystem am Bett. Das oft gestreute Gerücht, in der Kammer säßen nur Menschen, die mit dem Pflegealltag nichts mehr zu tun haben, stimmt also nicht. ## Eine Kammer wie jede andere – nur eben für die Pflege Niedersachsen war neben Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein eine von drei Pflegekammern in Deutschland – und mit knapp 90.000 Pflegefachpersonen die größte. Dazu zählen alle drei klassischen Abschlüsse: Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflege. Die Kammer ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und damit Teil der berufsständischen Selbstverwaltung – genauso wie die Ärztekammer, die Apothekerkammer oder die Handwerkskammer. Wer wissen will, was sich hinter diesem sperrigen Begriff verbirgt, findet eine gute, kompakte Erklärung im [Erklärvideo zur Frage „Pflegeberufekammer – was ist das überhaupt?"](https://www.youtube.com/watch?v=b1nel4IwhTA&t=6s&ref=uebergabe.de). Eine Körperschaft des öffentlichen Rechts übernimmt per Hoheitsakt staatliche Aufgaben. Bei der Pflegekammer sind das zum Beispiel die Berufsordnung und die Regelung der Weiterbildung. Eine wichtige Klarstellung, die immer wieder untergeht: Die Fortbildung gehört ausdrücklich nicht dazu – die Kammer ist nur für die Weiterbildung zuständig. Ziel einer solchen Körperschaft ist es immer, das Wohl der Allgemeinheit und das ihrer Mitglieder im Blick zu behalten. ## Vom Förderverein bis zur Kammerversammlung Die Pflegekammer kam nicht über Nacht. Seit fast 30 Jahren gab es Bewegungen von Pflegenden und Berufsverbänden, die eine berufliche Selbstverwaltung forderten. In Niedersachsen kämpfte ein eigens gegründeter Förderverein über Jahre für dieses Ziel – und löste sich später folgerichtig auf, weil das in der Satzung verankerte Ziel erreicht war. 2013 begann der Dialog mit dem Ministerium, 2016 wurde das Kammergesetz für die Heilberufe in der Pflege verabschiedet, 2017 nahm der Errichtungsausschuss seine Arbeit auf. Im August 2018 konstituierte sich schließlich die Kammerversammlung – nach einer Wahl, an der rund 46.000 wahlberechtigte Mitglieder teilnehmen konnten. Die Aufbauarbeit war enorm: Ordnungen, Strukturen, Prozesse – all das musste mit Blick auf die Zukunft entworfen werden, ohne genau zu wissen, was später einmal gebraucht würde. In der Kammerversammlung sitzen Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen, auch Vertreter:innen von Gewerkschaften und Berufsverbänden. Das ist kein Problem, im Gegenteil: Diese Vielfalt bringt unterschiedliche Perspektiven ein – vom Krankenhaus über die ambulante Pflege bis zur Reha oder Schulgesundheitspflege. > *„Ich glaube, wir sind immer noch zu wenig mit 30 Köpfen. Damit können wir nie die gesamte Pflege in Gänze abdecken. Dafür brauchen wir die Mitglieder, die uns ihre Sorgen, Ideen und Bedürfnisse zutragen." — Nora Wehrstedt* ## Warum Daten über Leben und Versorgung entscheiden Eine der zentralen Aufgaben, die keine Gewerkschaft und kein Berufsverband leisten kann, ist die Registrierung aller Pflegefachpersonen im sogenannten Pflegefachberuferegister. Daraus ergibt sich ein wahrer Datenschatz. Die erste Auswertung für das Jahr 2018 brachte Zahlen ans Licht, die für viele am Bett wenig überraschend, für die Politik aber ein Weckruf waren: Das Durchschnittsalter lag bei 45 Jahren, rund 38,5 Prozent der Pflegenden waren über 50\. Rechnet man das hoch, scheiden in 15 Jahren fast 40 Prozent von 90.000 Menschen aus dem Beruf aus. Noch eindrücklicher wird es im Flächenland: Auf 1.000 Einwohner:innen kamen rechnerisch 7,51 Pflegefachpersonen – auf 100 Einwohner:innen also nur eine Dreiviertel-Pflegefachperson, von der man nicht einmal weiß, ob sie in Voll- oder Teilzeit arbeitet. Während Hannover überdurchschnittlich gut versorgt war, sah es etwa im Landkreis Lüchow-Dannenberg dramatisch dünn aus. Genau hier liegt ein oft übersehener Punkt: Die Kammer kann nicht nur für die Pflegenden sprechen, sondern sichtbar machen, wo die Versorgung der Gesellschaft ins Wanken gerät. Wer heute gesund ist, denkt nicht daran – wer aber in 20 Jahren pflegebedürftig wird, könnte vor leeren Heimbetten stehen, weil schlicht niemand da ist, der sie betreut. Wie tiefgreifend solche Auswertungen sein können, zeigt auch der [Report zur Auswertung sozialer Dienstleistungen](https://www.uebergabe.de/content/files/pdf/p%5Ffofoe%5Freport%5F004%5F2018.pdf). > *„Wir können auf eine professionelle Art und Weise Fakten darlegen, die nicht nur emotionalisiert sind. Und wenn wir Politiker:innen diese Zahlen zeigen, merkt man, dass es bei ihnen anfängt zu rattern – weil sie in den letzten Jahrzehnten ziemlich geschlafen haben, was Pflege angeht." — Nora Wehrstedt* ## Berufsordnung, Weiterbildung, Ethikkommission Die Kammer arbeitet in sechs Ausschüssen – darunter Weiterbildung, Berufsordnung und Qualitätsentwicklung. Die Weiterbildung wurde der Kammer zum 1\. Januar 2019 übertragen. Erstmals gestaltet die Pflege ihre eigenen Weiterbildungsinhalte – etwa für Anästhesie und Intensiv oder onkologische Pflege –, statt dass andere Berufsgruppen mitmischen. Die Berufsordnung wiederum legt Rechte und Pflichten fest und ist laut juristischem Gutachten auch gegenüber Arbeitgebern bindend. Stichwort vorbehaltene Tätigkeiten: Mit einer Berufsordnung im Rücken kann eine Pflegefachperson dem Arbeitgeber gegenübertreten und sagen, dass etwas so nicht geht – genau wie Ärzt:innen es längst tun. Die Erarbeitung der Berufsordnung lief partizipativ: in mehreren Veranstaltungsrunden quer durch Niedersachsen, von World-Cafés bis zu Vorträgen von Pflegerechtler Prof. Dr. Robert Roßbruch. Eine geplante Online-Umfrage sollte sicherstellen, dass auch Pflegende erreicht werden, die sonst kaum teilnehmen können – etwa auf den ostfriesischen Inseln. Hinzu kommen eine Ethikkommission, Stellungnahmen zu Gesetzesvorhaben und die Mitarbeit in Gremien wie der Enquete-Kommission. Das Argument, die Kammer habe keinen politischen Einfluss, greift damit zu kurz. ## Das Beitragsdebakel von Weihnachten 2018 Kein Thema hat der jungen Kammer so geschadet wie die Beitragsbescheide, die ausgerechnet vor Weihnachten 2018 verschickt wurden. Anders als Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein erhielt Niedersachsen keine Anschubfinanzierung – obwohl eine solche zwischenzeitlich im Haushaltsplan stand und dann unerklärlich wieder verschwand. Personal, Räume und aufgenommene Darlehen mussten also über Mitgliedsbeiträge gedeckt werden. Hier lohnt der genaue Blick, weil bis heute viel durcheinandergeht: Die Beitragsordnung sah 0,4 Prozent des steuerpflichtigen Jahreseinkommens vor – abzüglich Werbungskosten. Diese 0,4 Prozent wurden bewusst gewählt, weil sie gerecht sind: Eine Pflegedirektion mit hohem Gehalt zahlt mehr, eine Teilzeitkraft entsprechend weniger. Damit das rechtlich Bestand hat, brauchte es laut Verwaltungsverfahrensrecht eine Obergrenze – und die wurde bei 70.000 Euro angesetzt. Genau diese Zahl löste den Schock aus, obwohl sie für die allermeisten Mitglieder nie relevant war. Im Vergleich liegt der Beitrag damit immer noch niedriger als ein Gewerkschaftsbeitrag. > *„Wir hätten vielleicht schreiben sollen: Liebe Leute, wir nehmen 0,4 Prozent – und zwar von jedem, nicht fünf Euro pauschal. Vielleicht wäre das besser angekommen." — Nora Wehrstedt* ## Sechs Millionen vom Land – Rettung oder neue Abhängigkeit? Im November 2019 kündigte die Landesregierung an, die Kammer mit sechs Millionen Euro jährlich zu unterstützen – aber nur, wenn sie keine Mitgliedsbeiträge mehr erhebt und bereits gezahlte Beiträge zurückerstattet. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war das Geld noch nicht geflossen, und auch die Rückzahlung verzögerte sich, weil tausende rechtskräftige Bescheide formell aufgehoben und neu erstellt werden müssen. Diese Landesförderung erfüllt rechtlich weiterhin den Charakter einer Kammer: Laut Gesetz erhebt die Kammer Beiträge nur, „soweit sonstige Einnahmen nicht zur Verfügung stehen". Doch die Frage nach Unabhängigkeit liegt auf der Hand. Das Ziel der Kammer war, die Mittel frei von politischen Bedingungen verwenden zu dürfen. Dass die Politik mit dieser Lösung vor allem Ruhe in eine aufgeheizte Debatte bringen wollte, ist offensichtlich – wie sich auch in der [Landtagsdebatte zur Pflegekammer](https://www.ms.niedersachsen.de/startseite/service%5Fkontakt/presseinformationen/debatte-uber-die-pflegekammer-im-landtag-185421.html?ref=uebergabe.de) zeigte. ## Eine Evaluation, die niemand fertig arbeiten ließ Im Koalitionsvertrag war von Anfang an eine Evaluation festgeschrieben – nach Organisation und Wirkung, durchgeführt von einer unabhängigen Unternehmensberatung und finanziert vom Land. Genau hier liegt das eigentliche Paradoxon: Eine Institution, die seit ihrer Gründung mit Protesten, Rechtfertigungen und dem Beitragsdebakel beschäftigt war, soll nach kaum zwei Jahren ihre „Wirkung" nachweisen. Eine spürbare Wirkung – etwa mehr Personal am Bett – kann sich aber erst über Jahre entfalten. Die im Rahmen der Evaluation vorgesehene Vollbefragung wurde wegen Corona [offiziell verschoben](https://www.ms.niedersachsen.de/startseite/service%5Fkontakt/presseinformationen/evaluation-der-pflegekammer-befragung-der-pflegekrafte-wegen-corona-krise-verschoben-187112.html?ref=uebergabe.de). Die zugehörige [Evaluationsstudie zur Pflegekammer Niedersachsen](https://www.uebergabe.de/content/files/download/76170/evaluationsstudie%5Fpflegekammer%5Fniedersachsen.pdf) liefert dazu wichtige Hintergründe. Besonders kritisch ist die Frage nach den Kosten: Würde die Vollbefragung aus Beiträgen finanziert, wäre der Aufschrei groß. Weil sie aus Steuermitteln bezahlt wird, gilt sie plötzlich als gerechtfertigt – obwohl eine repräsentative Befragung kostengünstiger und mit den vorhandenen Daten problemlos möglich gewesen wäre. Im Beirat zur Evaluation saßen bewusst kritische Stimmen wie die Pflegestimme ebenso wie Befürworter:innen – eine ausgewogene Konstellation. ## Warum laute Stimmen nicht die Mehrheit sind Dass der Protest gegen die Kammer so dominant wirkte, hat nach Einschätzung von Nora Wehrstedt einen einfachen Grund: Menschen protestieren gegen etwas, nicht für etwas, das funktioniert. Wer einen guten Joghurt kauft, ruft schließlich nicht beim Discounter an, um sich zu bedanken – aber bei einem Fremdkörper im Becher schon. Die jahrzehntelange Enttäuschung der Berufsgruppe sitzt tief, und ein neues Konstrukt, das alles besser machen will, weckt verständlicherweise Misstrauen. > *„30 Jahre wurde nichts gemacht, das Ding ist gegen die Wand gefahren worden – und wir sollen es jetzt retten. Das geht halt nicht von heute auf morgen. Ich bin gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin, nicht gelernte Vizepräsidentin." — Nora Wehrstedt* ## Was auf dem Spiel steht Eine freiwillige Mitgliedschaft, wie sie Gegner:innen fordern, würde die Kammer faktisch zu einem Berufsverband machen – samt Verlust des vollständigen Datenregisters und der staatlichen Aufgaben. Unser gesamtes Gesundheitssystem funktioniert über Selbstverwaltung mit Pflichtmitgliedschaft: von der Krankenversicherung über die Ärzte- bis zur Apothekerkammer. Würde sich die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen davon verabschieden, fiele sie hinter alle anderen zurück. Ohne Kammer gäbe es niemanden mehr, der Gesetzesvorhaben pflegefachlich begutachtet, die Weiterbildung selbstbestimmt gestaltet und in den Gremien auf Augenhöhe mitredet. Und eine einmal abgewickelte Kammer baut so schnell niemand wieder auf. Wer das Konstrukt zurückdreht, verliert am Ende mehr – idealistisch wie finanziell, bis hin zum angestrebten Sitz im Gemeinsamen Bundesausschuss über eine künftige Bundespflegekammer. Gerade die Corona-Krise zeigte, wie wertvoll eine fachliche Stimme der Pflege ist: Endlich wurde gefragt, was Pflegende davon halten, wenn etwa Medizinstudierende einspringen sollen – und man konnte erklären, warum eine dreijährige Ausbildung ihre Berechtigung hat und nicht jede Tätigkeit einfach delegierbar ist. Es geht nicht um Pro oder Contra Kammer, sondern darum, die Pflege zu stärken und voranzubringen. Dafür, so das Plädoyer dieser Episode, ist eine Pflegekammer ein gutes Instrument. ## Zum Weiterhören - [ÜG003 – Special: Pflegekammer - (Dr. M. Dichter)](https://www.uebergabe.de/ug003/) - [ÜG045 – Blickpunkt Niedersachen: Evaluation der Pflegekammer (Interview mit Kai Boeddinghaus und Dr. Martin Dichter)](https://www.uebergabe.de/ug045/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Pflegekammer - [Pflegekammer Niedersachsen](https://www.pflegekammer-nds.de/kammer?ref=uebergabe.de) (www.pflegekammer-nds.de) - [Pflegekammer-Jetzt](http://www.pflegeberufekammer-jetzt.de/?ref=uebergabe.de) (Termine und Aktuelles der Pflegekammern / DBfK) - [Pflegeberufekammer - Was ist das überhaupt?](https://www.youtube.com/watch?v=b1nel4IwhTA&t=6s&ref=uebergabe.de) (YouTube) - [Auswertung von sozialen Dienstleistungen](https://www.uebergabe.de/content/files/pdf/p%5Ffofoe%5Freport%5F004%5F2018.pdf) (Hans-Böckler-Stiftung) - [Homepage der Bundespflegekammer](http://www.bundespflegekammer.de/index.php/startseite.html?ref=uebergabe.de) (Bundespflegekammer) - [Interessenvertretung Pflege - Fragen und Antworten](https://www.mags.nrw/pflegekammer-fragen-und-antworten?ref=uebergabe.de) (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW) - [Historische Entscheidung für die professionelle Pflege](http://www.pflegekammer-nrw.de/index.php/112-historische-entscheidung-fuer-die-professionelle-pflege%EF%BB%BF?ref=uebergabe.de) (Förderverein der Pflegekammer NRW) - [Ergebnisbericht der Befragung zur Pflegekammer in NRW](https://www.mags.nrw/sites/default/files/asset/document/nrw-pflegekammer%5Fergebnisbericht.pdf?ref=uebergabe.de) (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW) - [Debatte über die Pflegekammer im Landtag](https://www.ms.niedersachsen.de/startseite/service%5Fkontakt/presseinformationen/debatte-uber-die-pflegekammer-im-landtag-185421.html?ref=uebergabe.de) (www.ms.niedersachsen.de) - [Verschiebung der Befragung zur Pflegekammer ](https://www.pflegekammer-nds.de/pressemitteilungen/pressestatement-verschiebung-der-befragung-zur-pflegekammer?ref=uebergabe.de) (www.pflegekammer-nds.de) - [Evaluation der Pflegekammer: Befragung der Pflegekräfte wegen Corona-Krise verschoben](https://www.ms.niedersachsen.de/startseite/service%5Fkontakt/presseinformationen/evaluation-der-pflegekammer-befragung-der-pflegekrafte-wegen-corona-krise-verschoben-187112.html?ref=uebergabe.de) (www.ms.niedersachsen.de) - [Evaluationsstudie "Pflegekammer Niedersachsen"](https://www.uebergabe.de/content/files/download/76170/evaluationsstudie%5Fpflegekammer%5Fniedersachsen.pdf) (Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung) - [Bundesverband Pflegemanagement fordert Bundesinstitut für Pflege](https://www.bv-pflegemanagement.de/meldung/items/528.html?ref=uebergabe.de) (Bundesverband Pflegemanagement) - [Ausschüsse und Gremien der Pflegekammer Niedersachsen](https://www.pflegekammer-nds.de/kammerarbeit?ref=uebergabe.de) (www.pflegekammer-nds.de) - [Enquetekommission Niedersachsen](https://www.landtag-niedersachsen.de/enquetekommission%5Fwp%5F18/?ref=uebergabe.de) (Landtag-niedersachsen.de) - [Niedersächsisches Verwaltungsverfahrensgesetz](http://www.nds-voris.de/jportal/?quelle=jlink&query=VwVfG+ND&psml=bsvorisprod.psml&max=true&aiz=true&ref=uebergabe.de) (nds-voris.de) - [Beitragsordnung der Pflegekammer Niedersachsen](https://www.pflegekammer-nds.de/files/downloads/beitragsordnung-2019.pdf?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nds.de) - [Ausschuss für Finanz-, Beitrags- und Kostenangelegenheiten](https://www.pflegekammer-nds.de/ausschuss-finanzen?ref=uebergabe.de#aufgaben-285) (pflegekammer-nds.de) - [Kammergesetz für die Heilberufe in der Pflege](http://www.nds-voris.de/jportal/?quelle=jlink&query=PflKG+ND&psml=bsvorisprod.psml&max=true&aiz=true&ref=uebergabe.de) (nds-voris.de) ### CORONA SPEZIAL #6: Probleme & Folgen für Krankenhäuser (Dr. G. Gaß, Deutsche Krankenhausgesellschaft) URL: https://www.uebergabe.de/ug038/ Last updated: 2026-06-17T19:52:47.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 07.04.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Deutsche Kliniken hatten Anfang April 2020 rund 30.000 Beatmungsbetten verfügbar. - Schutzkleidung war knapp – Lieferketten aus China brachen weg. - Die Finanzierung über Freihaltepauschalen und DRG warf offene Fragen auf. - Die Bertelsmann-These vom Klinikabbau erschien in der Krise als Fehleinschätzung. - Personalmangel und Ausbildungslücken zeichneten sich als Langzeitfolgen ab. Es ist Ende März 2020\. Die Bilder aus Italien, Spanien und Frankreich gehen um die Welt: überfüllte Intensivstationen, Ärzt:innen, die entscheiden müssen, wer noch ein Beatmungsgerät bekommt. Und die große Frage steht im Raum – wie gut sind die deutschen Krankenhäuser auf das vorbereitet, was da auf sie zurollt? In unserer Corona-Spezial-Reihe haben wir genau darüber gesprochen, und zwar mit jemandem, der auf die gesamte Kliniklandschaft blickt: Dr. Gerald Gaß, damals Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft und Geschäftsführer eines großen öffentlichen Krankenhausträgers in Rheinland-Pfalz. Der Fokus diesmal: nicht die Medizin am Bett, sondern das, was im Hintergrund über Wohl und Wehe der Versorgung entscheidet – Kapazitäten, Material und Geld. ## Drei Wörter für eine Ausnahmesituation Wie es zum Zeitpunkt der Aufnahme in den Kliniken aussah, brachte Gaß auf eine kurze Formel. Wochenlange Vorbereitung, eine Lage, die sich täglich verschärfte, und die wachsende Sorge um Schutzmaterial – das prägte den Alltag in den Häusern. Am 31\. März 2020 lagen bundesweit etwa 1.500 Covid-Patient:innen auf Intensivstationen, rund 1.200 von ihnen mussten beatmet werden. Eine dynamische, anschwellende Entwicklung, bei der niemand sicher sagen konnte, wo der Höhepunkt liegen würde. > *„Die aktuelle Lage würde ich mit drei Begriffen umschreiben: vorbereitet, angespannt und besorgt." — Dr. Gerald Gaß* Wer die Entwicklung in Echtzeit verfolgen wollte, konnte das damals etwa über die [interaktive Übersichtskarte zu den Infektionszahlen](https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/?ref=uebergabe.de) oder über die Datenangebote der [Weltgesundheitsorganisation](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de) und der [Johns Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) tun. Die Zahlen stiegen – aber die Krankenhäuser waren noch nicht am Limit. ## Warum Deutschland mehr Luft hatte als seine Nachbarn Die entscheidende Größe in dieser Krise war die Zahl der Beatmungsplätze. Genau daran scheiterten andere Länder. Deutschland startete hier aus einer vergleichsweise komfortablen Position: Schon vor der Pandemie standen rund 20.000 Beatmungsbetten zur Verfügung. In den Wochen davor kamen noch einmal etwa 10.000 hinzu – Geräte wurden aus stillgelegten OP-Sälen und Aufwachräumen umgewidmet und neu in Betrieb genommen. Im Verhältnis zur Bevölkerung war das eine deutlich bessere Ausgangslage als anderswo. Trotzdem machte Gaß keine falschen Versprechungen. Für die kommenden zwei Wochen zeigte er sich überzeugt, dass jede:r, der eine Beatmung brauche, auch eine bekommen würde – vielleicht nicht im nächstgelegenen Haus, aber innerhalb des Systems. Darüber hinaus blieb alles Prognose, denn niemand konnte verlässlich sagen, wie stark die Maßnahmen die Infektionskurve abflachen würden. Jedes Gesundheitssystem, so machte er deutlich, stößt bei einer solchen Pandemie irgendwann an Grenzen. Genau deshalb sei es so wichtig, dass nicht zu viele Menschen gleichzeitig erkranken. ## Schutzkleidung: Hilferufe aus den Kliniken An einer Stelle wurde aus Anspannung echte Sorge: bei der Schutzausrüstung. Täglich erreichten die Krankenhausgesellschaft fast schon Hilferufe aus den Häusern – die Vorräte gingen zur Neige, die gewohnten, über Jahre verlässlichen Lieferketten funktionierten nicht mehr. Der Grund lag in der globalen Verschiebung: Zuerst fiel die Belieferung aus China weg, weil das Land seine Produktion für den Eigenbedarf beanspruchte. Dann trat mit dem weltweiten Ausbruch praktisch der gesamte Globus gleichzeitig als Nachfrager auf den Markt – und für das einzelne Krankenhaus blieb immer weniger übrig. > *„Wir bekommen jeden Tag aus den Kliniken fast schon Hilferufe, die sagen: In der nächsten Woche gehen unsere Vorräte zur Neige." — Dr. Gerald Gaß* Über den [dramatischen Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) wurde damals viel berichtet, und auch Stimmen wie das Urteil [„Bei Weitem nicht ausreichend"](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40144-bei-weitem-nicht-ausreichend/?ref=uebergabe.de) machten die Runde. Die Erwartung der DKG war klar: Bund und Länder sollten alles in ihrer Macht Stehende tun, und die deutsche Industrie sollte – soweit technologisch möglich – eigene Produktionskapazitäten aufbauen. Kliniken, die Nachschub brauchten, wandten sich in der Regel direkt an ihre zuständige Landesregierung und das Landesgesundheitsamt, die die prioritäre Belieferung aus zentralen Lagerbeständen koordinierten. ## Wer zahlt das alles? Der Streit um die Finanzierung Schutzmaterial war nicht nur knapp, sondern auch dramatisch teurer geworden. Damit landeten wir beim eigentlichen Schwerpunkt des Gesprächs: der Finanzierung. Hier zeigte sich Gaß zwiegespalten. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hatte einen anderen Vorschlag gemacht – nämlich, den Kliniken zunächst pauschale monatliche Abschlagszahlungen auf Basis der Vorjahresbudgets zu überweisen, um Liquidität und wirtschaftliche Stabilität zu sichern. Besonders aufwändige Leistungen hätten dann im Nachgang über die Abrechnungsdaten zusätzlich vergütet werden können. Diesem Weg folgte das [vom Kabinett beschlossene Gesetzespaket](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2020/1-quartal/gesetzespakete-corona-epidemie.html?ref=uebergabe.de) jedoch nicht. Stattdessen kam eine Kombination zum Tragen: sogenannte Freihaltepauschalen für Betten, die bewusst leer blieben, weil planbare Operationen abgesagt wurden, sollten die wegfallenden Erlöse ausgleichen. Hinzu kamen eine Materialpauschale pro Fall und eine gesonderte Förderung für die Schaffung zusätzlicher Intensivbetten. Klingt nach einem soliden Konstrukt – doch Gaß wies früh auf die Schwachstellen hin: Für manche Häuser würde das reichen, für andere nicht. Vor allem Maximalversorger und Universitätskliniken sowie Häuser, die komplett leergeräumt wurden, drohten unter die Räder zu kommen. Die DKG kommentierte das Gesetz entsprechend zwischen Anerkennung und Mahnung, wie sich in ihrer [Stellungnahme zur Krankenhausfinanzierung in der Krise](https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/krankenhaeuser-erkennen-die-nachbesserung-der-politik-zur-finanzierung-der-krankenhaeuser-in-der-krise-es-bleiben-aber-draengende-fragen-die-gemeinsam-geloest-werden-muessen/?ref=uebergabe.de) zeigte. Um nachzusteuern, sollte ein Beirat zwischen Krankenhäusern und Krankenkassen eingerichtet werden, der die Lage Haus für Haus analysiert und dem Ministerium konkrete Hinweise zum Nachjustieren liefert. Ein pragmatischer Weg, der zeigt, wie viel in dieser Phase noch offen und in Bewegung war. ## Das Problem mit dem DRG-System Ein Detail, das auf den ersten Blick technisch wirkt, aber handfeste finanzielle Folgen hatte: Die Finanzierung setzte weiterhin auf das bestehende DRG-System, also die Abrechnung nach Fallpauschalen. Das Tückische dabei: Viele Covid-Patient:innen, die nicht beatmet werden mussten, verursachten medizinisch einen eher geringen Aufwand – und schlugen sich in diesem System mit niedrigen Erlösen nieder. Der durchschnittliche Schweregrad der abgerechneten Fälle, der sogenannte Case-Mix-Index, konnte dadurch sinken und die Einnahmen zusätzlich schmälern. Aus Sicht der DKG bildete das System diese weniger schwer Erkrankten nicht korrekt ab. Auch diese Lücke sollte über den geplanten Beirat gemeinsam mit den Krankenkassen geschlossen werden. Wer tiefer in die Mechanik der Klinikfinanzierung einsteigen möchte, findet in unserer Episode zur [Krankenhausfinanzierung mit Prof. Dr. Michael Simon](https://www.uebergabe.de/ug043/) wertvolle Hintergründe. ## „Zu viele Kliniken"? Eine These auf dem Prüfstand Kurz vor der Pandemie hatte eine vielbeachtete Studie für Aufsehen gesorgt: Die [These der Bertelsmann-Stiftung, eine bessere Versorgung sei mit halb so vielen Kliniken möglich](https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2019/juli/eine-bessere-versorgung-ist-nur-mit-halb-so-vielen-kliniken-moeglich/?ref=uebergabe.de), hatte die Debatte ordentlich aufgemischt. In der Krise bekam diese Frage plötzlich eine ganz neue Schärfe. Gaß ließ keinen Zweifel an seiner Haltung. > *„Ein System wie die Krankenhausversorgung muss auch für Krisen gerüstet sein – und wir brauchen eine wohnortnahe Versorgung." — Dr. Gerald Gaß* Was bei schönem Wetter rechnerisch funktionieren möge, erweise sich in der Krise als Fehleinschätzung. Eine pauschale Halbierung der Klinikzahl hielt er für falsch. Gleichzeitig machte er deutlich: Die Frage, wie die Krankenhauslandschaft der Zukunft aussehen soll, müsse nach der Krise neu und gemeinsam mit den für die Krankenhausplanung zuständigen Bundesländern diskutiert werden – nur eben nicht entlang der Bertelsmann-Prognose. ## Wenn Klinik, Pflegeheim und Hausarztpraxis zusammenrücken Spannend war der Blick über die Klinikmauern hinaus. In vielen Regionen entstanden enge Absprachen: Welches Haus übernimmt welche Schwerpunktaufgabe? Behandelt eine Klinik ausschließlich Covid-Patient:innen? Tauscht man Personal aus, um an einem Standort die Intensivkapazitäten zu bündeln? Gaß zeigte sich beeindruckt davon, dass Häuser, die bis gestern noch im Wettbewerb standen, plötzlich die Köpfe zusammensteckten, um gemeinsam für die Bevölkerung da zu sein. Heikler war die Schnittstelle zur Langzeitpflege. Pflegeheime trugen eine enorme Verantwortung für ihre besonders gefährdeten Bewohner:innen, und überall herrschte Unsicherheit: Darf man Bewohner:innen ins Krankenhaus verlegen? Können genesene, ältere Patient:innen zurück ins Heim? Manche Heime verhängten Aufnahmestopps – mit der Folge, dass Kliniken Patient:innen nicht zurückverlegen konnten, obwohl deren Behandlung abgeschlossen war und die Betten dringend gebraucht wurden. Solche Kollateraleffekte, so Gaß, ließen sich nur regional und mit viel Pragmatismus lösen, etwa durch isolierte Bereiche in den Heimen. Sein Appell: enge Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern, Pflegeheimen und der niedergelassenen Ärzteschaft. Wie sehr die häusliche und stationäre Langzeitpflege in dieser Zeit unter Druck stand, beleuchten wir auch in unserem [Gespräch mit Prof. Dr. Christel Bienstein über Chancen und Risiken für die Pflege in der Corona-Krise](https://www.uebergabe.de/ug035/). ## Genug Personal? Eine ehrliche Antwort Bei der Frage nach dem Personal wurde Gaß deutlich: Genügend Personal habe man nicht. Man müsse die Aufgabe mit dem bewältigen, was da sei. Konkret bedeutete das, dass die Vorgaben der Pflegepersonaluntergrenzen vielerorts nicht eingehalten werden konnten und nicht überall ausschließlich weitergebildetes Fachpersonal auf den Intensivstationen einsetzbar war. Um den Engpass abzufedern, liefen bereits Kompaktkurse, mit denen Pflegefachpersonen von Normalstationen für die Mitarbeit in Intensivteams qualifiziert wurden. Behelfsmaßnahmen, wie er selbst einräumte – notwendig in einer außerordentlichen Lage, aber kein Beleg dafür, dass die Personaldecke ausreiche. Daraus zog Gaß zwei klare Forderungen für die Zeit nach der Krise: Die Kliniken müssten künftig mit mehr Personal ausgestattet werden, und der Bürokratieaufwand müsse sinken, damit Mitarbeitende wieder mehr Zeit für die eigentliche Versorgung am Patienten haben. Ein Befund, der bis heute aktuell klingt – wer mag, kann ihn mit unserer Folge zur [Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio mit Prof. Dr. Michael Simon](https://www.uebergabe.de/ug056/) weiterdenken. ## Die unterschätzte Langzeitfolge: die Ausbildung Ein Punkt, der in der Hektik der ersten Welle leicht unterging: Mit geschlossenen Pflegeschulen und Auszubildenden, die in die Praxis abgezogen wurden, drohte der theoretische Unterricht auf der Strecke zu bleiben. Sollte die Situation über viele Monate anhalten, sah Gaß durchaus die berechtigte Sorge, dass ganze Ausbildungsjahrgänge verzögert in den Beruf kommen und die Personalkapazitäten nachhaltig leiden könnten. Tele-Learning sei zwar an einigen Schulen ein Notbehelf, aber kein vollwertiger Ersatz. Sein Ziel: die Ausbildungsgänge so wenig wie möglich zu verzögern und versäumten Unterricht später konsequent aufzuholen. Wer in dieser Zeit sein Wissen rund um das Virus auffrischen wollte, konnte das übrigens über Angebote wie eine [Online-Schulung zum Coronavirus](https://campus.bibliomed.de/corona-schulung/?ref=uebergabe.de) tun. ## Was bleibt – und ein großes Dankeschön Für eine umfassende Lehre aus der Krise sei es im April 2020 noch zu früh, betonte Gaß. Dennoch zeichneten sich die Themen schon ab: bessere Bevorratung, häufiger aktualisierte und geübte Pandemiepläne, und – grundlegender – die Frage, ob es andere Krankenhausstrukturen braucht, um auf Krisen vorbereitet zu sein. Eine offene, ehrliche Bestandsaufnahme im Anschluss sei unverzichtbar. > *„Ich spüre ganz viel Engagement – und dafür mein ganz herzlicher Dank. Bleiben Sie gesund, auch während Ihres Dienstes." — Dr. Gerald Gaß* Zum Abschluss richtete Gaß dann auch klare Worte an alle, die in Medizin, Pflege und anderen Berufen direkt am Menschen arbeiteten. Er wusste um das erhöhte Risiko, dem sie sich täglich aussetzten, und um die Dankbarkeit der Bevölkerung. Es war ein Dank, der über Branchengrenzen hinwegging – an Krankenhäuser, an Pflegeheime, an das Gesundheitswesen insgesamt. Bemerkenswert war am Ende auch eine Beobachtung aus dem Gespräch selbst: Die Sichtweise der Deutschen Krankenhausgesellschaft unterschied sich gar nicht so sehr von dem, was wir in den anderen Corona-Spezial-Folgen gehört hatten. Ein deutliches Signal, an welchen Themen nach der Krise dringend weitergearbeitet werden musste – darüber, so viel war klar, herrschte über alle Perspektiven hinweg große Einigkeit. ## Zum Weiterhören - [ÜG034 – CORONA-SPEZIAL #2: Die Lage im Krankenhaus (B. Flohr)](https://www.uebergabe.de/ug034/) - [ÜG042 – CORONA SPEZIAL #9: Lage auf Intensivstationen (Interview mit Carsten Hermes)](https://www.uebergabe.de/ug042/) - [ÜG043 – Krankenhausfinanzierung (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug043/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Corona im Krankenhaus - ["Bei Weitem nicht ausreichend"](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40144-bei-weitem-nicht-ausreichend/?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Infos und Fakten zum Coronavirus und den Maßnahmen der Krankenhäuser](https://www.dkgev.de/dkg/coronavirus-fakten-und-infos/?ref=uebergabe.de) (dkgev.de) - [DKG zum Gesetz zur Finanzierung der Krankenhäuser im Ausnahmezustand](https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/krankenhaeuser-erkennen-die-nachbesserung-der-politik-zur-finanzierung-der-krankenhaeuser-in-der-krise-es-bleiben-aber-draengende-fragen-die-gemeinsam-geloest-werden-muessen/?ref=uebergabe.de) (dkgev.de) - [Eine bessere Versorgung ist nur mit halb so vielen Kliniken möglich](https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2019/juli/eine-bessere-versorgung-ist-nur-mit-halb-so-vielen-kliniken-moeglich/?ref=uebergabe.de) (bertelsmann-stiftung.de) - [Kabinett beschließt Entwürfe für Gesetzespakete zur Unterstützung des Gesundheitswesens bei der Bewältigung der Corona-Epidemie](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2020/1-quartal/gesetzespakete-corona-epidemie.html?ref=uebergabe.de) (Bundesgesundheitsministerium.de) ### Einrichtungsspezifische Strategien und Maßnahmen - [Informationen für Pflegefachpersonen zur CoViD-Pandemie](https://www.dbfk.de/de/themen/Covid-Pandemie.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Online-Schulung zum Coronavirus](https://campus.bibliomed.de/corona-schulung/?ref=uebergabe.de) (Campus.bibliomed.de) - [Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Altenpflegeheime.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI für das Management von Kontakt­personen bei respira­torischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Kontaktperson/Dokumente%5FTab.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Hygiene.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FKritIs.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### Schutzausrüstung - [Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material!](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-wird-dringend-benoetigt-Besonders-die-stationaere-und-ambulante-Pflege-brauchen-jetzt-Material.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht ](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-in-der-Langzeitpflege-dringend-gesucht-Laender-und-Kassen-sind-in-der-Pflicht.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) ### Fallzahlen und Pandemieplan - [COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Fallzahlen.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/falldefinition.pdf) (www.rki.de) - [Interaktive Übersichtskarte](https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/?ref=uebergabe.de) (Morgenpost.de) - [COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de) (www.who.int) - [COVID-19-Seite der John Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) (www.coronavirus.jhu.edu) - [Pandemieplan 2016/2017](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Pandemieplan.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020)](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Ergaenzung%5FPandemieplan%5FCovid.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### CORONA SPEZIAL #5: Lage in NRW, Gesetz zur Verpflichtung Pflegender (Interview mit Karl-Josef Laumann) URL: https://www.uebergabe.de/ug037/ Last updated: 2026-06-17T19:52:46.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 05.04.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - NRW-Krankenhäuser hielten Betten und Beatmungsplätze für den befürchteten Corona-Ansturm frei. - Ein Gesetzentwurf sollte Pflegende und Ärzt:innen notfalls zum Dienst verpflichten – als letztes Mittel. - Schutzkleidung war kaum noch zu kaufen, ein funktionierender Markt existierte nicht mehr. - Besuchsverbote in Altenheimen sollten verhindern, dass das Virus tödlich eindringt. Als der Übergabe-Podcast Anfang April 2020 zum Hörer griff, stand Deutschland an einem Wendepunkt. Niemand wusste, ob die Krankenhäuser dem befürchteten Ansturm standhalten würden – und mitten in dieser Unsicherheit sorgte ein Gesetzentwurf aus Nordrhein-Westfalen für hitzige Debatten. Im Corona-Spezial sprach die Redaktion mit Karl-Josef Laumann, dem damaligen Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW. Es ging um nüchterne Zahlen, um schwere Entscheidungen und um eine Frage, die bis heute nachhallt: Wie weit darf der Staat gehen, wenn es um Leben und Tod geht? ## Die Ruhe vor dem Sturm – ein Blick auf die Zahlen Die Ausgangslage klang zum Zeitpunkt der Aufnahme fast beruhigend: Rund 18.500 bestätigte Infektionen zählte NRW, doch nur etwa 1.500 Menschen lagen im Krankenhaus, gerade einmal 480 mussten beatmet werden. Laumann machte allerdings klar, dass diese Momentaufnahme trügerisch sein konnte. Entscheidend sei das Tempo der Ansteckungen. Verdoppelte sich die Zahl der Infizierten weiterhin alle 9,4 Tage, drohten bis Ende April rund 136.000 Fälle. Gelänge es dagegen, die Verdopplungszeit auf zwölf Tage zu strecken, läge man bei etwa 85.000 – eine Zahl, die das Gesundheitssystem nach damaliger Einschätzung gerade noch verkraften könnte. Hinter diesen Projektionen steckte eine simple, aber harte Rechnung: Etwa zehn Prozent der Erkrankten brauchten eine Krankenhausbehandlung, rund drei Prozent eine Beatmung. Genau deshalb verfolgte das Land eine Doppelstrategie. Auf der einen Seite arbeiteten die Gesundheitsämter in den Kreisen und kreisfreien Städten mit großem Aufwand daran, Kontaktpersonen von Infizierten nachzuverfolgen und so die Infektionsketten zu unterbrechen. Auf der anderen Seite hatte die Landesregierung kurz zuvor [weitreichende Kontaktbeschränkungen beschlossen](https://www.land.nrw/de/pressemitteilung/landesregierung-beschliesst-weitreichendes-kontaktverbot-und-weitere-massnahmen-zur?ref=uebergabe.de). Ob sie das Ansteckungstempo wirklich bremsen würden, ließ sich erst nach 14 Tagen Laufzeit beurteilen. Die alles entscheidende Frage formulierte Laumann anschaulich: Würde es einen echten Sturm auf die Krankenhäuser geben – oder ließe sich der sogenannte Peak so weit abflachen, dass die Behandlungskapazitäten für alle reichen? ## Wenn das Beatmungsgerät zum Nadelöhr wird Damit die Kliniken auf den Ernstfall vorbereitet waren, hatte das Land bereits im März angeordnet, alle verschiebbaren Behandlungen auszusetzen. Die Folge: Viele Häuser hatten zwischen 30 und 50 Prozent ihrer Betten frei, auch die Intensivstationen waren bewusst nicht voll belegt. Dieses Freihalten kostete Geld – denn Krankenhäuser, die nicht operieren, bekommen auch keine Vergütung von den Krankenkassen. Deshalb spannte das Land einen Rettungsschirm: 560 Euro pro Tag und leerstehendem Bett, damit die Kliniken ihre Kapazitäten ohne finanzielle Not bereithalten konnten. Besonders im Fokus standen die Beatmungsplätze, von denen NRW damals rund 4.200 vorhielt. Laumann sah hier das eigentliche Nadelöhr – und verwies auf die dramatischen Bilder aus Italien und den Niederlanden, wo die Ressource trotz aller Anstrengungen knapp wurde. Das Land prüfte deshalb, wie viele zusätzliche Plätze sich notfalls improvisieren ließen, etwa indem auch Narkosegeräte zur Beatmung genutzt würden. ## Die schwerste Entscheidung: Besuchsverbote in den Altenheimen Während sich die öffentliche Aufmerksamkeit stark auf die Krankenhäuser richtete, geriet die Langzeitpflege leicht aus dem Blick – obwohl gerade dort die verletzlichsten Menschen lebten. Laumann sprach offen aus, wie heikel die Lage war: In den stationären Pflegeeinrichtungen galt ein Besuchsverbot. Töchter konnten ihre Mütter nicht mehr sehen, Eheleute, die nach sechzig gemeinsamen Jahren getrennt waren, durften sich nicht begegnen. Schon zum Aufnahmezeitpunkt waren in NRW 79 Menschen in Altenheimen an Corona gestorben, bei 364 bekannten Infektionen – ein erschütterndes Verhältnis, das die hohe Sterblichkeit unter alten und vorerkrankten Menschen verdeutlichte. > *„Das ist im Übrigen die Entscheidung gewesen, die mir am schwersten gefallen ist. Wir müssen es aber machen, weil wenn das Virus in ein Altenheim eindringt, dann kostet es viele Menschen das Leben." — Karl-Josef Laumann* Auch in der ambulanten Pflege zeigten sich die Spannungen der Krise. Manche Familien sagten Leistungen ab, aus Angst, die Pflegefachperson könnte das Virus in den Haushalt tragen. Laumann konnte das nachvollziehen, betonte aber, dass die Versorgung aufrechterhalten werden müsse: Ohne die ambulanten Dienste gäbe es viele Menschen, die niemand mehr duschen oder abends ins Bett bringen würde. Ein Massenphänomen von Kurzarbeit sah er damals nicht – wohl aber freiwerdendes Personal durch geschlossene Tagespflegen. Sein Lösungsansatz: mehr Schutzkleidung und, sobald die Testkapazitäten es zuließen, regelmäßige Tests des Pflegepersonals. ## Ein Gesetz, das Pflegende verpflichten sollte Für den größten Aufruhr sorgte das geplante [Gesetz zur Bewältigung der COVID-19-Pandemie](https://www.uebergabe.de/content/files/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/mmd17-8920.pdf). Ein Paragraf sah vor, dass Menschen mit einer medizinisch-pflegerischen Ausbildung notfalls zum Dienst verpflichtet werden könnten. Kritiker:innen sprachen von einem Eingriff in die Grundrechte, in die freie Berufswahl. Auf die direkte Frage, ob das nicht über das Ziel hinausschieße, blieb Laumann bei seiner Position – verwies aber auf die zahlreichen Sicherungen im Gesetzestext. Die Regelung stehe unter Parlamentsvorbehalt: Eingesetzt werden könne sie nur, wenn der Landtag zuvor die Pandemie festgestellt habe – und sofort außer Kraft treten, sobald das Parlament diese Feststellung zurücknehme. Es handele sich um eine Ultima Ratio, ein allerletztes Mittel, wenn alle anderen Möglichkeiten und sämtliche Freiwilligen ausgeschöpft seien. Niemand werde leichtfertig verpflichtet, kranke oder vorerkrankte Menschen ebenso wenig wie eine 70-jährige Ärztin. Für jeden Einsatz brauche es zudem eine Rechtsverordnung des gesamten Kabinetts. Sein Argument: In Ländern, die den Peak gerade durchlebten, sei das Personal körperlich wie emotional am Ende – auch die freiwilligen Helfenden. > *„Für mich als Gesundheitsminister muss ich alles tun, um Menschenleben zu retten, dass die Menschen mir nicht unter den Händen in den Krankenhäusern wegsterben." — Karl-Josef Laumann* Laumann verwies darauf, dass andere Stellen damals deutlich weiter gingen: Der Bundestag hatte dem Bundesgesundheitsminister bereits umfangreichere Befugnisse eingeräumt, Bayern konnte sogar jede:n verpflichten. NRW habe sich bewusst auf Gesundheitsberufe mit Staatsexamen beschränkt. Trotz dieser Einordnung blieben die Hosts skeptisch – und das hielten sie in der Nachbesprechung auch fest. Genau diese kritischen Stimmen prägten die Debatte: Die Redaktion betonte, wie wichtig es sei, solche Eingriffe wachsam zu beobachten – und ebenso, dass man sich freiwillig melden könne, statt verpflichtet zu werden. Ein berechtigter Einwand kam aus dem Studio: Viele Menschen hätten die direkte Patientenversorgung nicht ohne Grund verlassen, etwa wegen psychischer oder körperlicher Belastung. Und wie sollte eine Einarbeitung im Ernstfall funktionieren? Laumann verwies auf die im Gesetz verankerte Verhältnismäßigkeit, die genau solche Fälle berücksichtige. ## Schutzkleidung: ein Markt, der nicht mehr existierte Eines der größten praktischen Probleme war die Schutzausrüstung. Laumann brachte es auf den Punkt: Man könne Geld haben und trotzdem nichts kaufen, weil schlicht kein funktionierender Markt mehr existiere. Der Großteil der Produktion lag in China, und weltweit kämpften alle Kliniken gleichzeitig gegen dasselbe Virus – jede Pflegefachperson, jede:r Ärzt:in ließ sich nur durch Schutzkleidung schützen. Wie schnell die Bestände schmolzen, zeigte das Beispiel aus dem Kreis Heinsberg: Behandelte ein Krankenhaus mehrere Infizierte, verbrauchte es binnen vier Wochen so viel Material wie sonst in zwei Jahren. Besonders bitter waren die Berichte über umgeleitete Lieferungen – Schutzmasken, die ihr eigentliches Ziel nie erreichten. Laumann bestätigte: Selbst bei einer Bestellung aus China sei nicht sicher, ob die Ware tatsächlich in Deutschland ankomme. Der [dramatische Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) war eine reale Bedrohung für das Personal. Das Land setzte deshalb auf zwei Wege: kaufen, was international zu bekommen war, und gleichzeitig die heimische Produktion ankurbeln. Vorhandene Textilbetriebe sollten Atemschutzmasken und Schutzanzüge fertigen. Laumanns Appell an die Zukunft: Wer jetzt in solche Maschinen investiere, müsse auch nach der Krise weiterliefern dürfen – statt dass das Gesundheitssystem wieder zu Centbeträgen im Ausland einkaufe, auf Kosten von Arbeitnehmer:innen und Umwelt. ## Pflegekammer und Ausbildung – trotz Krise auf Kurs Trotz der Pandemie liefen die Vorbereitungen für die Pflegekammer NRW weiter. Das Gesetz war dem Landtag zugeleitet, eine schriftliche Anhörung im zuständigen Ausschuss vorgesehen. Laumann stellte klar, dass er die Kammer nicht auf die lange Bank schieben wolle, auch wenn der weitere Zeitplan von der Entwicklung der Krise abhing. Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, findet im Gespräch mit der [Vizepräsidentin der Pflegekammer Niedersachsen](https://www.uebergabe.de/ug039/) wertvolle Einblicke in Historie und Perspektiven der Selbstverwaltung. Auch die Ausbildung sollte nicht stillstehen. Wer morgen Fachkräfte haben wolle, müsse heute ausbilden, so Laumann. Die Pflegeschulen waren geschlossen, der praktische Teil wurde in die Einrichtungen verlagert – nicht zuletzt, um zu verhindern, dass Auszubildende aus vielen Heimen im theoretischen Unterricht zusammenkommen und neue Infektionsketten entstehen. Auf die Frage nach den Auswirkungen der Krise auf den Berufsstand zeigte sich der Minister überzeugt, dass die Gesellschaft eine Lehre ziehen müsse: mehr Sicherheit für die medizinische Versorgung – und das bedeute auch mehr Geld. > *„Ich erlebe in diesen Tagen durch ganz viele im Gesundheitssystem, dass es ihnen wirklich um eine ethische, um eine humanistische Einstellung in dieser Gesellschaft geht. Und das ist einfach viel wert." — Karl-Josef Laumann* ## Faktencheck und ein Aufruf an die Wissenschaft Im Anschluss an das Interview nutzte die Redaktion die Folge für einige Korrekturen aus einer früheren Corona-Episode mit dem Hygienemanager Bernd Gruber. Dank aufmerksamer Hörer:innen wurden drei Punkte richtiggestellt: Die Abweichungen zwischen den Fallzahlen des RKI und der [Johns Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) erklären sich dadurch, dass das RKI bestätigte Zahlen der Gesundheitsämter nur einmal täglich abgreift, während die Universität mehrmals täglich aktualisiert. Die viel zitierte Reproduktionszahl ist außerdem ein Durchschnittswert – eine infizierte Person steckt im Mittel etwa drei weitere an, manche niemanden, manche sechs oder sieben. Und schließlich: Viren mutieren sehr wohl, auch das Coronavirus. Entscheidend war damals jedoch die Einordnung, dass diese kleinen Veränderungen die Entwicklung eines Impfstoffs nicht gefährdeten. Wer die Details vertiefen möchte, findet sie im [Gespräch mit dem Virologen Christian Drosten](https://www.uebergabe.de/ug053/), das die Redaktion zur Einordnung heranzog. Bemerkenswert bleibt die Offenheit, mit der die Redaktion eigene Fehler korrigierte – und ihr ausdrücklicher Wunsch nach mehr wissenschaftlicher Expertise im Podcast. Genau dieses Ringen um verlässliche Information prägte die ersten Wochen der Pandemie. Das Interview mit Karl-Josef Laumann zeigt rückblickend eindrücklich, in welch unsicherem Terrain Politik, Pflege und Gesellschaft sich damals bewegten – zwischen vorsichtiger Hoffnung, harten Entscheidungen und der ständigen Sorge, ob die Kapazitäten reichen würden. ## Zum Weiterhören - [ÜG033 – CORONA SPEZIAL #1: Einrichtungsspezifische Strategien und Schützausrüstung (B. Gruber)](https://www.uebergabe.de/ug033/) - [ÜG035 – CORONA SPEZIAL #3: Chancen und Risiken für Pflege in der Corona-Krise (Prof. Dr. C. Bienstein)](https://www.uebergabe.de/ug035/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Corona in NRW - [Verordnung zum Schutz vor Neuinfizierungen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 (CoronaSchVO)](https://www.mags.nrw/sites/default/files/asset/document/mags%5Fcoronaschvo%5Fidf%5Fder%5Faendvo.pdf?ref=uebergabe.de) (www.mags.nrw) - [Weitgehendes Kontaktverbot und weitere Maßnahmen: Presseerklärung der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen (22.03.2020)](https://www.land.nrw/de/pressemitteilung/landesregierung-beschliesst-weitreichendes-kontaktverbot-und-weitere-massnahmen-zur?ref=uebergabe.de) (www.mags.nrw) - [Gesetz zur konsequenten und solidarischen Bewältigung der COVID-19- Pandemie in Nordrhein-Westfalen und zur Anpassung des Landesrechts im Hinblick auf die Auswirkungen einer Pandemie](https://www.uebergabe.de/content/files/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/mmd17-8920.pdf) (www.landtag.nrw.de) - [Entschließungsantrag der Fraktion der SPD zum Gesetzesentwurf der Landesregierung „Gesetz zur Zustimmung zum Dreiundzwanzigsten Rundfunkänderungsstaatsvertrag und zur Änderung weiterer Gesetze (18\. Rundfunkänderungsgesetz)“ (Drucksache 17/8130)](https://www.uebergabe.de/content/files/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/mmd17-8930.pdf) (www.landtag.nrw.de) - [Entschließungsantrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zum Gesetzentwurf der Landesregierung „Gesetz zur konsequenten und solidarischen Bewältigung der COVID-19-Pandemie in Nordrhein-Westfalen und zur Anpassung des Landesrechts im Hinblick auf die Auswirkungen einer Pandemie“ (17/8920)](https://www.uebergabe.de/content/files/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/mmd17-8931.pdf) (www.landtag.nrw.de) - [Coronavirus: Vorstufe zum Virtuellen Krankenhaus NRW startet mit Intensivmedizin und Infektiologie](https://www.mags.nrw/pressemitteilung/coronavirus-vorstufe-zum-virtuellen-krankenhaus-nrw-startet-mit-intensivmedizin?ref=uebergabe.de) (www.mags.nrw) - [Sonderseite des Ministeriums zum Coronavirus in NRW](https://www.mags.nrw/coronavirus?ref=uebergabe.de) (www.mags.nrw) - [Staatsversagen und Staatsverlangen – am Beispiel des geplanten „Epidemiegesetzes“ in Nordrhein-Westfalen](https://aktuelle-sozialpolitik.de/2020/04/01/staatsversagen-und-staatsverlangen/?ref=uebergabe.de) (aktuelle-sozialpolitik.de) - S[tellungnahme des DBfK Nordwest e.V. zum Gesetzentwurf zur konsequenten und solidarischen Bewältigung der COVID-19-Pandemie in NRW und zur Anpassung des Landesrechtes im Hinblick auf die Auswirkung einer Pandemie](https://www.dbfk.de/media/docs/regionalverbaende/rvnw/pdf/stellungnahme%5Fcovid19-nrw.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Ärzte und Pfleger warnen vor Zwangsarbeit](https://www.zeit.de/arbeit/2020-04/corona-krise-aerzte-pflegekraefte-arbeit-verpflichtung-armin-laschet?ref=uebergabe.de) (zeit.de) ### Einrichtungsspezifische Strategien und Maßnahmen - [Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Altenpflegeheime.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI für das Management von Kontakt­personen bei respira­torischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Kontaktperson/Dokumente%5FTab.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Hygiene.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FKritIs.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### Schutzausrüstung - [Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material!](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-wird-dringend-benoetigt-Besonders-die-stationaere-und-ambulante-Pflege-brauchen-jetzt-Material.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht ](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-in-der-Langzeitpflege-dringend-gesucht-Laender-und-Kassen-sind-in-der-Pflicht.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) ### Fallzahlen und Pandemieplan - [COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Fallzahlen.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/falldefinition.pdf) (www.rki.de) - [Interaktive Übersichtskarte](https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/?ref=uebergabe.de) (Morgenpost.de) - [COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de) (www.who.int) - [COVID-19-Seite der John Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) (www.coronavirus.jhu.edu) - [Pandemieplan 2016/2017](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Pandemieplan.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020)](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Ergaenzung%5FPandemieplan%5FCovid.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### CORONA SPEZIAL #4: Lage in der ambulanten Pflege (T. Jürs) URL: https://www.uebergabe.de/ug036/ Last updated: 2026-06-17T19:31:18.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 04.04.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Aus Angst vor Ansteckung sagen viele Klient:innen ihre Pflegeleistungen ab. - Trotz Personalmangels droht ambulanten Diensten paradoxerweise Kurzarbeit. - Ein Pandemieplan teilt Klient:innen in drei Versorgungskategorien ein. - Bei psychisch erkrankten Menschen wirkt die Isolation wie ein Brennglas. - Vernetzung und Solidarität statt Konkurrenz tragen durch die Krise. Während in den Krankenhäusern im Frühjahr 2020 fieberhaft Betten freigeräumt und Intensivkapazitäten aufgebaut werden, läuft im Wohnzimmer um die Ecke eine ganz andere Geschichte ab. Dort, wo Pflegefachpersonen jeden Morgen klingeln, um zu waschen, Wunden zu versorgen oder Medikamente zu reichen, bleiben plötzlich Türen verschlossen. Aus Angst. In dieser Episode der Corona-Spezial-Reihe haben wir genau dorthin geschaut: in die ambulante Pflege. Zu Gast war Torsten Jürs, geschäftsführende Pflegedienstleitung der [AMBULANT pflegen & helfen](https://www.ambulant-pflegen-helfen.de/?ref=uebergabe.de) aus Bad Salzuflen – ein Pflegedienst mit rund 110 Klient:innen und einem Schwerpunkt in der fachpsychiatrischen häuslichen Pflege. ## Wenn die Tür verschlossen bleibt Die spürbarste Veränderung in den ersten Wochen der Pandemie ist keine Überlastung, sondern eine Leere. Viele Menschen, die sonst regelmäßig Besuch vom Pflegedienst bekommen, sagen ihre Leistungen ab. Der Grund ist fast immer derselbe: Angst vor einer Ansteckung. Manche Angehörige sind ohnehin zu Hause und übernehmen die Versorgung selbst, andere fahren ihre sozialen Kontakte konsequent zurück. Am stärksten betroffen sind hauswirtschaftliche und betreuende Leistungen – ob die Wohnung diese Woche geputzt wird oder nicht, lässt sich eben leichter verschieben als eine Insulingabe. Damit steht die ambulante Pflege in einem bemerkenswerten Gegensatz zum Klinikalltag. Während dort Personal aufgestockt wird, weil man den großen Ansturm erwartet, entspannt sich die Lage in der Häuslichkeit zunächst – allerdings auf eine ungesunde Weise. Denn weniger abgerufene Leistungen bedeuten auch weniger Einnahmen. Gleichzeitig melden sich Krankenhäuser, die ihre Betten leeren, mit vermehrten Anfragen: Menschen werden entlassen, die zu Hause weiter Unterstützung brauchen. So entsteht ein widersprüchliches Bild aus Absagen auf der einen und Neuaufnahmen auf der anderen Seite. ## Das Paradox der Kurzarbeit Genau hier liegt die wohl bitterste Pointe der Krise. Ein Pflegedienst, der eigentlich Teil eines chronisch unterbesetzten Berufsfelds ist, denkt plötzlich darüber nach, Kurzarbeit anzumelden. Personal freizusetzen kommt für Jürs nicht infrage – das wäre kurzsichtig, denn nach der Krise werden die Leistungen wieder abgerufen, und dann braucht es die Fachkräfte dringender denn je. Trotzdem bleibt die Situation schwer auszuhalten. > *„Einerseits heißt es, es fehlt Pflegepersonal und wir brauchen Leute. Und wir sind im momentanen Stand, rein von der finanziellen Seite her, eher darauf aus, dass wir wahrscheinlich Kurzarbeit anmelden müssen. Das ist schon ein bisschen paradox." — Torsten Jürs* Sein Dienst löst das so sozialverträglich wie möglich: Einige Mitarbeitende erklären sich freiwillig bereit, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, damit Kolleg:innen, die auf das volle Gehalt angewiesen sind, weiterarbeiten können. Von Anfang an wurde offen kommuniziert – die kürzeren Touren und die wegfallenden Klient:innen waren ohnehin für alle spürbar. ## Schutzkleidung als knappes Gut Ein Dauerthema dieser Wochen ist die Schutzausrüstung. Jürs' Dienst hat zum Zeitpunkt der Aufnahme noch Reserven – berechnet auf etwa zehn Tage – und jede:r Mitarbeiter:in führt im Auto eine Ausrüstung mit, falls jemand an der Haustür über Symptome berichtet. Bewusst wurde früh darauf verzichtet, wahllos Schutzkleidung anzuziehen, um Engpässe zu vermeiden. Dass der [dramatische Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) bundesweit ein Problem ist, war auch damals längst bekannt. Im Kreis Lippe hat sich die zentrale Beschaffung als hilfreich erwiesen, doch die eigentliche Sorge bleibt: Was passiert, wenn ein:e Mitarbeiter:in erkrankt oder bei einer Klientin oder einem Klienten eine Infektion festgestellt wird? Dann reicht der Vorrat möglicherweise nicht – und die Frage, ob Nachschub kommt, treibt die Verantwortlichen täglich um. ## Ein Pandemieplan in drei Kategorien Um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein, hat der Dienst einen eigenen Pandemieplan entwickelt und seine Klient:innen in drei Kategorien eingeteilt. Die erste Gruppe kann zeitweise von Angehörigen versorgt werden oder sogar kurzzeitig ganz auf Besuche verzichten. In der zweiten lassen sich die Einsätze reduzieren. Die dritte Gruppe aber muss auf jeden Fall versorgt werden – hier geht es um Insulinspritzen, lebenswichtige Medikamente oder Wundversorgung, die sich nicht aufschieben lassen. So kann der Leistungsumfang im Notfall heruntergefahren werden, ohne dass die wirklich Bedürftigen ihre Versorgung verlieren. Wichtig ist Jürs dabei: Eine Absage bedeutet nicht, dass der Kontakt abbricht. Sein Team fragt in regelmäßigen Abständen telefonisch nach, ob noch alles in Ordnung ist – besonders dort, wo etwa eine Demenzerkrankung die häusliche Pflege für Angehörige schnell zur Überforderung werden lässt. Wer tiefer in die Versorgung chronischer Wunden in diesem Setting eintauchen möchte, findet in unserer Episode zum [Wundmanagement in der ambulanten Pflege](https://www.uebergabe.de/ug148/) spannende Anknüpfungspunkte. ## Vernetzung statt Konkurrenz Was in dieser Krise auffällig gut funktioniert, ist die Zusammenarbeit. Der Kreis Lippe hat früh eine Koordinierungsstruktur über die Heimaufsicht geschaffen: Sobald ein Pflegedienst personelle Engpässe meldet, wird gemeinsam nach Lösungen gesucht – etwa indem ein anderer Dienst Touren übernimmt. In einer Stadt mit guter Dichte an Pflegediensten funktioniert das leichter als auf dem Land. Zusätzlich wurde eine Sondereinrichtung geschaffen: Ein Pflegeheim wurde so umgerüstet, dass dort eine Kurzzeitpflege entsteht – für an COVID-19 erkrankte Menschen ebenso wie für jene, die von ihrem Pflegedienst nicht mehr versorgt werden können. 110 Klient:innen lassen sich eben nicht einfach an einen anderen Dienst übergeben. > *„Ein Konkurrenzgedanke gehört jetzt in der Zeit nicht her, sondern wir müssen das zusammen regeln, alle, die vor Ort sind." — Torsten Jürs* ## Die größte Angst der Mitarbeitenden Interessant ist, wovor sich die Pflegefachpersonen am meisten fürchten. Es ist nicht in erster Linie die eigene Erkrankung. Es ist der Gedanke, das Virus unbemerkt weiterzugeben – an genau die Risikogruppen, die sie eigentlich schützen sollen. > *„Was ich bei meinen Mitarbeitern eher feststelle, ist die Sorge: Wenn ich es habe und es nicht merke und stecke dann meine Klienten an, unsere Risikogruppen. Davor haben sie mehr Angst, als dass sie selber krank werden." — Torsten Jürs* Um Ansteckungen im Team zu verhindern, wurden Teambesprechungen komplett heruntergefahren. Vieles läuft jetzt schriftlich, etwa über eine eigens eingerichtete „Corona-Wand" mit allen aktuell wichtigen Informationen. Die Touren beginnen versetzt, das Team ist in Gruppen aufgeteilt – alles mit dem Ziel, möglichst wenige Kontakte untereinander entstehen zu lassen. Fällt jemand mit Verdacht aus, sollen so wenige Kolleg:innen wie möglich betroffen sein. Eine besondere Herausforderung ist dabei der Informationsfluss, denn die Richtlinien ändern sich in dieser Phase fast täglich. ## Ausbildung im Krisenmodus Auch für angehende Pflegefachpersonen verändert sich vieles. Die Auszubildenden des Dienstes sind weiter eingebunden – Schulausfall hin oder her –, was zugleich hilft, Kontakte zu reduzieren, weil weniger Wechsel auf den Touren stattfinden. Schwieriger wird es kurz vor dem Examen: Probeprüfungen finden nicht statt, der Austausch mit Lehrenden und Mitschüler:innen fehlt, und damit auch jene Sicherheit, die ein Probeexamen normalerweise vermittelt. Eine Praktikantin einer anderen Schule hat der Dienst bewusst nicht aufgenommen – zu riskant, ein zusätzliches Umfeld zu beobachten, und gerade bei neuen Gesichtern entsteht bei verunsicherten Klient:innen schnell Misstrauen. ## Was das Virus mit der Seele macht Ein besonders eindringlicher Teil des Gesprächs dreht sich um die fachpsychiatrische Pflege. Hier zeigt sich, dass die Pandemie für psychisch erkrankte Menschen weit mehr ist als ein abstraktes Gesundheitsrisiko. Die allgemeine Verunsicherung, die in diesen Wochen viele Menschen erfasst, wirkt bei ihnen verstärkt. > *„Die Ängste, die man als – in Anführungsstrichen – normaler Mensch jetzt hat, sind bei unseren Klienten verstärkt. Je nach Erkrankung ist das wie ein Brennglas." — Torsten Jürs* Menschen mit sozialen Ängsten, mit denen mühsam erarbeitet wurde, sich wieder nach draußen zu trauen, werden durch Kontaktverbote und Isolation zurückgeworfen. Tageskliniken sind geschlossen, Therapien fallen aus oder laufen nur noch telefonisch. Genau hier liegt für Jürs eine zentrale Schwierigkeit: Am Telefon kann ihm jemand sagen, es gehe ihm gut – sehen würde er, dass es nicht stimmt. Die fachpsychiatrische Pflege beruht auf Freiwilligkeit; niemand wird zur Tür gezwungen. Telefonate sind keine Abrechnungsleistung und ersetzen den persönlichen Eindruck nicht. In Einzelfällen muss das therapeutische Team sogar überlegen, ob jemand wieder stationär aufgenommen werden sollte, weil die Panik allein zu Hause nicht mehr tragbar ist. Welche Unterstützung pflegende Angehörige in dieser Zeit erfahren, beleuchten wir in unserer Episode zu den [pflegenden Angehörigen in der COVID-19-Krise](https://www.uebergabe.de/ug058/). ## Finanzielle Erleichterung – mit Fragezeichen Spürbar erleichtert ist Jürs über das Gesetzespaket, das kurz vor der Aufnahme verabschiedet wurde. Anders als zunächst befürchtet, werden nicht nur Krankenhäuser unterstützt, sondern auch ambulante Pflegedienste: Ausfälle, die durch abgesagte Leistungen entstehen, sollen von den Pflegekassen übernommen werden, auch Kosten für Schutzausrüstung sollen zumindest teilweise refinanziert werden. Das im [COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz](https://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger%5FBGBl&jumpTo=bgbl120s0580.pdf&ref=uebergabe.de#%5F%5Fbgbl%5F%5F%2F%2F%2A%5B%40attr%5Fid%3D%27bgbl120s0580.pdf%27%5D%5F%5F1585683463754) verankerte Verfahren orientiert sich am Umsatz des Januars – was zum Zeitpunkt der Aufnahme noch offene Fragen aufwirft, etwa für neu aufgenommene Klient:innen, die im Januar gar nicht erfasst waren. Für die fachpsychiatrische Pflege, die stark auf nicht abrechenbare Telefonkontakte angewiesen ist, bleibt vieles ungeklärt. Im Zweifel geht der Dienst in Vorleistung – die Menschen hängen zu lassen, kommt für ihn nicht infrage. ## Was bleibt, wenn die Krise geht Trotz aller Sorgen zieht Jürs etwas Positives aus dieser Zeit. Die Pflege wird endlich als wichtig wahrgenommen – wobei er sich mit dem Begriff „systemrelevant" schwertut, der ihm zu statisch klingt. Vor allem das Miteinander im Team beeindruckt ihn: Seine Mitarbeitenden fragen von sich aus, was sie tun können, stellen eigene Interessen zurück und halten die Versorgung am Laufen. Seine Hoffnung ist, dass die aktuelle Wertschätzung nicht beim abendlichen Applaus stehen bleibt, sondern sich in echter politischer Anerkennung niederschlägt. Wer wissen will, wie Pflegeforschung diese Pandemiephase einordnet, findet in unserer Episode zur [Situation der Pflege in der Corona-Krise mit Christel Bienstein](https://www.uebergabe.de/ug035/) wertvolle Perspektiven. Wichtig bleibt der Hinweis: Dieser Einblick ist ein Beispiel. Im Kreis Lippe scheint die Koordination zum Zeitpunkt der Aufnahme weiter fortgeschritten als anderswo – in anderen Regionen kann die Lage ganz anders aussehen. Aktuelle Daten zur Ausbreitung lieferten damals etwa die [COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de). Wenn du selbst in einem ambulanten Pflegedienst arbeitest und die Situation anders erlebst, freuen wir uns über dein Feedback. ## Zum Weiterhören - [ÜG033 – CORONA SPEZIAL #1: Einrichtungsspezifische Strategien und Schützausrüstung (B. Gruber)](https://www.uebergabe.de/ug033/) - [ÜG058 – Pflegende Angehörige in der COVID-19-Krise (Simon Eggert)](https://www.uebergabe.de/ug058/) - [ÜG063 – Buurtzorg als Organisationsmodell der ambulanten Pflege (Johannes Technau)](https://www.uebergabe.de/ug063/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Corona und die ambulante Pflege - [Bundesrat stimmt Gesetzespaketen zur Unterstützung des Gesundheitswesens bei der Bewältigung der Corona-Epidemie zu](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2020/1-quartal/corona-gesetzespaket-im-bundesrat.html?ref=uebergabe.de) (www.bundesgesundheitsministerium.de) - [Gesetz zum Ausgleich COVID-19 bedingter finanzieller Belastungen der Krankenhäuser und weiterer Gesundheitseinrichtungen (COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz)](https://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger%5FBGBl&jumpTo=bgbl120s0580.pdf&ref=uebergabe.de#%5F%5Fbgbl%5F%5F%2F%2F%2A%5B%40attr%5Fid%3D%27bgbl120s0580.pdf%27%5D%5F%5F1585683463754) (www.bgbl.de) - [Pflege-Rettungsschirm stützt Pflegeeinrichtungen und stabilisiert die Pflege während der Corona-Pandemie](https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/pflegeversicherung/2020-03-30%5FErlaeuterungen%5FPflegerettungsschirm%5F150%5FAbs.35%5FSGB%5FXI.pdf?ref=uebergabe.de) (www.gkv-spitzenverband.de) - [Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material!](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-wird-dringend-benoetigt-Besonders-die-stationaere-und-ambulante-Pflege-brauchen-jetzt-Material.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Sondereinrichtung Kurzzeitpflege: Kreis Lippe stellt pflegerische Versorgung in Lippe sicher](https://www.kreis-lippe.de/offen-sympathisch-zukunftsorientiert/Aktuell/Sondereinrichtung-Kurzzeitpflege-Kreis-Lippe-stellt-pflegerische-Versorgung-in-Lippe-sicher.php?object=tx,2.1&ModID=7&FID=2001.7271.1&NavID=2001.45.1&La=1&ref=uebergabe.de) (www.kreis-lippe.de) - [Homepage AMBULANT pflegen & helfen AP&H GMBH & Co.KG](https://www.ambulant-pflegen-helfen.de/?ref=uebergabe.de) (www.ambulant-pflegen-helfen.de) ### Einrichtungsspezifische Strategien und Maßnahmen - [Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Altenpflegeheime.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI für das Management von Kontakt­personen bei respira­torischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Kontaktperson/Dokumente%5FTab.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Coronavirus-Infektion und häusliche Quarantäne](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Quarantaene/Flyer.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Hygiene.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FKritIs.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Kontaktpersonennachverfolgung bei SARS-CoV-2-Infektion](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Kontaktperson/Grafik%5FKontakt%5Fallg.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Antworten auf häufig gestellte Fragen zum Coronavirus SARS-CoV-2](https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/NCOV2019/FAQ%5FListe.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Informationen zum neuartigen Coronavirus / Covid-19](https://www.infektionsschutz.de/coronavirus/?ref=uebergabe.de) (www.infektionsschutz.de) ### Schutzausrüstung - [Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material!](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-wird-dringend-benoetigt-Besonders-die-stationaere-und-ambulante-Pflege-brauchen-jetzt-Material.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht ](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-in-der-Langzeitpflege-dringend-gesucht-Laender-und-Kassen-sind-in-der-Pflicht.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) ### Fallzahlen und Pandemieplan - [COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Fallzahlen.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/falldefinition.pdf) (www.rki.de) - [Interaktive Übersichtskarte](https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/?ref=uebergabe.de) (Morgenpost.de) - [COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de) (www.who.int) - [COVID-19-Seite der John Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) (www.coronavirus.jhu.edu) - [Pandemieplan 2016/2017](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Pandemieplan.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020)](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Ergaenzung%5FPandemieplan%5FCovid.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### CORONA SPEZIAL #3: Chancen und Risiken für Pflege in der Corona-Krise (Prof. Dr. C. Bienstein) URL: https://www.uebergabe.de/ug035/ Last updated: 2026-06-17T19:52:45.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 02.04.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegeeinrichtungen und ambulante Dienste kämpfen mit dramatischem Mangel an Schutzausrüstung. - Auszubildende sollen ohne Anleitung auf Station – das gefährdet Schüler:innen und Patient:innen. - Ein Bonus ersetzt keine nachhaltige, leistungsgerechte Vergütung für Pflegende. - Pflegekammern liefern in der Krise deutlich bessere Daten zur Personalplanung. - Eine pflegewissenschaftliche Evaluation der Pandemie ist dringend nötig. Mitten in den ersten Wochen der Corona-Pandemie ist vieles noch im Fluss: In den Kliniken, Pflegeheimen und ambulanten Diensten ist es zum Zeitpunkt der Aufnahme – Anfang April 2020 – vielerorts noch erstaunlich ruhig, doch unter der Oberfläche brodelt es. Über diese Gemengelage aus akuter Not und überraschenden Lichtblicken haben wir mit Prof. Dr. Christel Bienstein gesprochen, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) und Aufbauleiterin des Departments Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke. Ihr Blick auf die Lage ist nüchtern, ihr Ausblick aber bemerkenswert klar: In der Krise steckt für die Pflege auch eine echte Chance. ## Wenn Schutzkittel am Küchentisch genäht werden Das drängendste Problem zu Beginn der Pandemie hat einen Namen: fehlende Schutzausrüstung. Während die Labore mit der Auswertung der vielen Verdachtsfälle kaum hinterherkommen, fehlt es in Pflegeheimen und ambulanten Diensten an Masken, Kitteln und Gesichtsschutz. Pflegefachpersonen weichen aus, nähen Gesichtsschutz teilweise selbst oder geben Schutzkittel in Eigenregie in Auftrag, um sich und die ihnen anvertrauten Menschen überhaupt schützen zu können. Dass das kein Einzelfall ist, sondern ein Strukturproblem, zeigt der [dramatische Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de), der die Versorgung gerade dort gefährdet, wo die vulnerabelsten Menschen leben. Der DBfK arbeitet in dieser Phase eng mit dem Ministerium und dem Robert Koch-Institut zusammen und erhält täglich aktuelle Daten. Auf der Verbandsseite sind die Fragen gebündelt, die Pflegende konkret umtreiben: Muss ich meine Überstunden abbauen? Was passiert, wenn ich mich infiziere? Bienstein hat dazu auch bei der Berufsgenossenschaft nachgehakt – mit dem Ergebnis, dass eine Infektion als Berufskrankheit anerkannt werden kann. Dass diese Frage so brisant ist, unterstreicht auch der internationale Befund des International Council of Nurses. ## Schulanfänger:innen direkt auf Station – ein riskanter Schnellschuss Ein Thema, das Bienstein besonders umtreibt, betrifft die Pflegeausbildung. Zum 1\. April – also „übermorgen", wie sie im Gespräch sagt – gehen viele Träger dazu über, Auszubildende direkt auf die Station zu schicken, teils ohne vorherige Anleitung oder Einweisung. Für die Berufsschulen ist das ein Alarmsignal: Schüler:innen sind in dieser Phase noch Laien, sie verfügen weder über die Mittel, sich selbst zu schützen, noch andere zu schützen. Manche Schulen reagieren, indem Lehrende mit in die Praxis gehen, um vor Ort anzuleiten und wenigstens ein Stück Sicherheit herzustellen. Andere halten den Unterricht digital aufrecht, per Videokonferenz und Aufgabenpaketen, damit nicht ein halbes Ausbildungsjahr verloren geht. Bienstein zieht eine klare Parallele zu Hochschulen, an denen Semester verlängert werden: Auch die Pflegeausbildung müsste um ein halbes Jahr verlängert werden, mit der Möglichkeit, versäumte Inhalte unter Fortzahlung der Bezüge nachzuholen. Denn vieles lässt sich schlicht nicht digital vermitteln – manches muss im direkten Diskurs erarbeitet werden. Eine bloße ministerielle Erlaubnis, weniger zu wissen, hilft niemandem weiter. > *„Das gesagt wird, jeder kann im Grunde mithelfen – das große Problem besteht darin, dass dann Patienten nicht sicher versorgt werden, wenn zu wenig Wissen vorhanden ist." — Prof. Dr. Christel Bienstein* Gerade für die Auszubildenden selbst sei die Situation belastend: Wer mit Beginn der Ausbildung Corona-Patient:innen versorgen soll, ohne entsprechend vorbereitet zu sein, gerät zwangsläufig in Unsicherheit. Das werde weder den Schüler:innen noch den Patient:innen gerecht. Bienstein plädiert deshalb für eine gezielte Anleitung statt eines Sprungs ins kalte Wasser – auch wenn die Verschiebung von Abschlüssen mittelfristig dazu führt, dass Nachwuchskräfte den Einrichtungen erst später zur Verfügung stehen. ## Systemrelevant – das war Pflege schon immer „Systemrelevant" ist 2020 zum Schlagwort geworden. Für Bienstein ist das allerdings keine Neuigkeit, sondern eine längst überfällige öffentliche Anerkennung dessen, was die Berufsgruppe ohnehin weiß. Ob Pandemie, Massenunfall oder andere Notlagen: Ohne Pflege käme das Land nicht aus – im ambulanten Bereich ebenso wie in der Klinik. Diese Verpflichtung, die Bevölkerung in gesundheitlichen Problemen zu unterstützen, ist im [ethischen Kodex des International Council of Nurses](https://www.icn.ch/sites/default/files/inline-files/2012%5FICN%5FCodeofethicsfornurses%5F%20eng.pdf?ref=uebergabe.de) ausdrücklich verankert. > *„Dass wir systemrelevant sind, das wussten wir ja schon immer – auch wenn das andere vielleicht früher nicht so wahrgenommen haben." — Prof. Dr. Christel Bienstein* Die spannende Frage ist, wie sich diese neue Sichtbarkeit verstetigen lässt. Biensteins Antwort ist überraschend persönlich: Es komme auf jede einzelne Pflegefachperson an. Statt jahrzehntelang über mangelnde Anerkennung zu klagen, sollten Pflegende lernen, ihre eigene Leistung selbstbewusst zu erzählen – im Idealfall mit drei kurzen, positiven Geschichten darüber, wie ihr Handeln einem Menschen geholfen hat. Es gehe darum, ein bisschen mehr Stolz auf den eigenen Beruf zu entwickeln. ## Applaus zahlt keine Miete: Bonus versus nachhaltige Vergütung Beim Thema Geld wird Bienstein deutlich. Kurz vor der Aufnahme hatte Finanzminister Olaf Scholz angekündigt, einen steuerfreien [Bonus von bis zu 1.500 Euro für Pflegende](https://www.zeit.de/news/2020-03/29/scholz-corona-praemien-bis-1500-euro-steuerfrei?ref=uebergabe.de) auszuzahlen. Bienstein freut sich für die Kolleg:innen über die zusätzliche Finanzierung – warnt aber davor, das als Lösung zu verkaufen. > *„Es ist uns nicht damit geholfen, dass ein Bonusprogramm aufgelegt wird. Es muss eine nachhaltige, ernstzunehmende finanzielle Vergütung für Pflegende geben." — Prof. Dr. Christel Bienstein* Auch die viel zitierte Forderung nach 4.000 Euro – die unter anderem auf Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, zurückgeht – ordnet Bienstein differenziert ein. Eine solche Summe könne ein Einstiegsgehalt sein. Wer aber spezielle Weiterbildungen durchlaufen hat, etwa im Schmerzmanagement, wer studiert hat oder in leitender Position arbeitet, brauche eine Vergütung, die der jeweiligen Verantwortung tatsächlich entspricht. Die Zahl ist ein Anfang, keine Obergrenze. ## Wenn Sicherheitsstandards außer Kraft gesetzt werden Ein Risiko sieht Bienstein in der pauschalen Aufweichung von Qualitäts- und Schutzstandards. Dass MDK-Prüfungen verschoben und Dokumentationspflichten reduziert werden, lässt sich in der Ausnahmesituation nachvollziehen – niemand möchte zusätzliche Personen ins Pflegeheim lassen, die das Virus eintragen könnten. Anders sieht es aus, wenn der Gemeinsame Bundesausschuss Vorgaben aussetzt, die unmittelbar die Versorgung am Bett betreffen, etwa die 1:1-Betreuung bei Level-1-Frühgeborenen. Hier geht es um Sicherheit, und die lasse sich nicht ohne Weiteres aufgeben. Auch die Aussetzung der Personaluntergrenzen hält sie für problematisch – gerade auf geriatrischen Stationen, wo besonders gefährdete Menschen liegen. Gleichzeitig beobachtet sie etwas, das sie ausdrücklich hilfreich findet: einen enormen fachlichen Schub. In vielen Häusern werden Pflegende von peripheren Stationen qualifiziert geschult, um auf Intensivstationen mitzuarbeiten. Anästhesie-Teams unterstützen die Intensivpflege, OP-Kräfte helfen in der Anästhesie. Dieser Wissenszuwachs sei wertvoll – denn weitere Epidemien sind nicht ausgeschlossen, und Deutschland war auf eine solche Lage bislang kaum vorbereitet. ## Berufsgruppen rücken zusammen Auffällig ist auch, wie sich die Zusammenarbeit verändert. Hygienefachpersonen, ärztliche Leitung, Pflegedirektion und Hauswirtschaft sitzen plötzlich an einem Tisch, um gemeinsam Stationen umzurüsten, Betten freizuräumen und Material zu organisieren. Hausärzt:innen verschreiben größere Medikamentenpackungen und längere Versorgungszeiträume, um Kontakte zu reduzieren. Diese interprofessionelle Dynamik birgt ein Potenzial, das über die Krise hinausweisen könnte – wenn man es bewusst pflegt. ## Medizinstudierende in der Pflege – Hilfe oder Risiko? Ein heikles Thema sind die Aktionen, mit denen Medizinstudierende und pflegende Reservist:innen aus Wissenschaft, Pädagogik und Management zurück ans Bett geholt werden sollen. Bienstein sieht das pragmatisch: In einer dramatischen Lage sei ein Medizinstudent im neunten Semester sicher hilfreicher als ein Architekturstudent. Aber Pflege sei eine hochkomplexe Aufgabe, auf die diese Personen nicht ausreichend vorbereitet seien – das gilt auch für eine Pflegedienstleitung, die nicht ohne Schulung an ein Beatmungsgerät gestellt werden kann. Die Gefahr: Wenn zu viele unerfahrene Helfende auf den Stationen mitwirken, werden die wirklich fachkompetenten Kräfte mit der Überwachung überfordert. Und: Manager:innen dürfe man in dieser Phase erst recht nicht abziehen, denn sie organisieren genau jene Umrüstungen, Bestellungen und Nachschulungen, die das System am Laufen halten. ## Warum Pflegekammern in der Krise glänzen Ein Befund überrascht selbst Skeptiker:innen: In Bundesländern mit Pflegekammer – Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Niedersachsen – standen deutlich bessere Daten zur Verfügung. Ministerien konnten Pflegende schnell erreichen und gezielt erfragen, wo Personal fehlt, etwa mit Intensiv-, Palliativ- oder geriatrischer Erfahrung. Genau das ist Aufgabe einer Kammer. Statt sich auf bunte, freiwillig zusammengetragene Zahlen zu stützen, konnten diese Länder fundiert planen. Bienstein berichtet, dass inzwischen selbst dort, wo man der Kammeridee skeptisch gegenüberstand, der Wert verlässlicher Zahlen erkannt werde. ## Die Stunde der Pflegewissenschaft Für Bienstein ist klar: Diese Pandemie muss pflegewissenschaftlich evaluiert werden. Waren die Kolleg:innen gut vorbereitet? Was hat gefehlt? Wie lassen sich Infektionsketten besser verstehen und unterbrechen, wie Patient:innen bei ihren Symptomen wirksam unterstützen? Ein Blick in die neue Ausbildungsverordnung zeige, dass die Themen Epidemie und Pandemie hierzulande längst nicht so präsent sind wie in anderen Ländern – dort gibt es teils ganze Semester zu Katastrophenschutz und seinen gesundheitlichen Folgen. Wer den Verlauf der Pandemie nüchtern verfolgen will, findet etwa auf der [COVID-19-Karte der John Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) die internationale Datenlage. ## Blinde Flecken und ethische Grenzfälle Zwei Punkte bereiten Bienstein besondere Sorge. Der eine: ältere Menschen, die bislang von ausländischen Betreuungs- und Haushaltskräften versorgt wurden, die nun teils abgereist sind. Manche könnten allein zurückbleiben – ohne ambulanten Dienst, ohne ausreichende familiäre Unterstützung. Dieses Problem werde sich erst gegen Ende der Pandemie in seinem ganzen Ausmaß zeigen. Der andere Punkt ist das ethische Dilemma, das man aus Italien und Spanien kennt: Wenn nicht genügend Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen, müssen Entscheidungen getroffen werden. Bienstein hebt hervor, dass sich Deutschland hier bewusst nicht am Lebensalter, sondern an der tatsächlichen Überlebenschance orientiert – und dass ärztliche Fachgesellschaften gemeinsam mit der Ethik eine entsprechende Leitlinie erarbeitet haben. Mit großer Sorge blickt sie zudem auf die überfüllten Flüchtlingslager in Griechenland, wo ein Ausbruch unter rund hunderttausend Menschen verheerende Folgen hätte. ## Ein Lichtblick aus dem Schulalltag Zum Schluss ein ermutigendes Detail: In einem Modellprojekt mit School Nurses zeigte sich, dass Schulen mit einer schulischen Gesundheitsfachkraft die gesundheitlichen Risiken besser einschätzen und den Übergang in die Schulschließungen systematischer gestalten konnten. Für Bienstein ein Beleg, dass sich neue pflegerische Rollen schnell bewähren – ähnlich wie sie es von den künftigen Masterprogrammen im Bereich Community Health Nursing erwartet. Ihr Abschlusswort gilt allen, die gerade vor Ort arbeiten: gutes Durchhalten. Es sei eine großartige Arbeit, die geleistet werde – und sie sei stolz auf das, was die Berufsgruppe bewegt. ## Zum Weiterhören - [ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein? - Live vom Deutschen Pflegetag 2024](https://www.uebergabe.de/ug150/) - [ÜG065 – Zwischenbilanz nach der ersten Corona-Krise 2020 (Prof. Dr. Gabriele Meyer)](https://www.uebergabe.de/ug065/) - [ÜG003 – Special: Pflegekammer - (Dr. M. Dichter)](https://www.uebergabe.de/ug003/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Pflege und Corona - [Informationen für Pflegefachpersonen zur CoViD-Pandemie](https://www.dbfk.de/de/themen/Covid-Pandemie.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Forderungen der Gesundheits-Berufsverbände in Europa nach wirksamem Schutz für ihre Mitarbeitenden vor Ort](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Forderungen-der-Gesundheits-Berufsverbaende-in-Europa-nach-wirksamem-Schutz-fuer-ihre-Mitarbeitenden-vor-Ort.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Appell an die Bundesregierung: Sonderregelung für Rückkehr von Freiberuflichen in die Pflege schaffen](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Appell-an-die-Bundesregierung-Sonderregelung-fuer-Rueckkehr-von-Freiberuflichen-in-die-Pflege-schaffen.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Anerkennung und Dank des International Council of Nurses an Pflegende in Deutschland ](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Anerkennung-und-Dank-des-International-Council-of-Nurses-an-Pflegende-in-Deutschland.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Pflegerat drängt auf schnelle finanzielle Hilfen](https://www.springerpflege.de/sars-cov-2/pflegerat/17821958?ref=uebergabe.de) (www.springerpflege.de) - [Scholz: Corona-Prämien bis 1500 Euro steuerfrei](https://www.zeit.de/news/2020-03/29/scholz-corona-praemien-bis-1500-euro-steuerfrei?ref=uebergabe.de) (www.zeit.de) - [ICN tells BBC World News viewers: Rising rate in COVID-19 infection amongst health workers requires urgent action](https://www.icn.ch/news/icn-tells-bbc-world-news-viewers-rising-rate-covid-19-infection-amongst-health-workers?ref=uebergabe.de) (www.icn.ch) - [The ICN code of ethics for nurses ](https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&ved=2ahUKEwjZqO30j8XoAhUB3aQKHWAtDS8QFjABegQIChAE&url=https%3A%2F%2Fwww.icn.ch%2Fsites%2Fdefault%2Ffiles%2Finline-files%2F2012%5FICN%5FCodeofethicsfornurses%5F%2520eng.pdf&usg=AOvVaw2RqQuoAm-AGCjoDl-n%5FHvn) (www.icn.ch) - [Schulgesundheitspflege - Was ist das eigentlich? ](https://www.dbfk.de/de/themen/Schulgesundheitspflege.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) ### Einrichtungsspezifische Strategien und Maßnahmen - [Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Altenpflegeheime.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI für das Management von Kontakt­personen bei respira­torischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Kontaktperson/Dokumente%5FTab.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Hygiene.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FKritIs.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### Schutzausrüstung - [Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material!](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-wird-dringend-benoetigt-Besonders-die-stationaere-und-ambulante-Pflege-brauchen-jetzt-Material.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht ](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-in-der-Langzeitpflege-dringend-gesucht-Laender-und-Kassen-sind-in-der-Pflicht.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) ### Fallzahlen und Pandemieplan - [COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Fallzahlen.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/falldefinition.pdf) (www.rki.de) - [Interaktive Übersichtskarte](https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/?ref=uebergabe.de) (Morgenpost.de) - [COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de) (www.who.int) - [COVID-19-Seite der John Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) (www.coronavirus.jhu.edu) - [Pandemieplan 2016/2017](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Pandemieplan.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020)](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Ergaenzung%5FPandemieplan%5FCovid.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### CORONA-SPEZIAL #2: Die Lage im Krankenhaus (B. Flohr) URL: https://www.uebergabe.de/ug034/ Last updated: 2026-06-17T19:52:44.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 31.03.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Vor der Welle herrscht angespannte Ruhe: Belegung unter 50 Prozent. - Elektive Eingriffe runtergefahren, Personal für Intensiv- und Isolierbereiche qualifiziert. - Tägliche Krisenstäbe und enge Kommunikation zwischen Pflege und Ärzteschaft. - Schutzausrüstung wird täglich überwacht – Bestände noch beruhigend. - Das DRG-System gerät durch leere Betten finanziell an Grenzen. Es ist Ende März 2020\. Während in Italien und Spanien die Bilder überfüllter Intensivstationen um die Welt gehen, herrscht in vielen deutschen Krankenhäusern eine seltsame Stille. Genau über diese Stille – und die fieberhafte Vorbereitung dahinter – haben wir mit Bastian Flohr gesprochen, Pflegedirektor am Klinikum Herford. Sein Haus ist ein Schwerpunktversorger mit rund 860 Betten und akademisches Lehrkrankenhaus der Ruhr-Universität Bochum. Als Pflegedirektor verantwortet er den gesamten Pflege- und Funktionsdienst mit fast 900 Mitarbeitenden und ist zugleich Mitgeschäftsführer einer großen Pflegeschule. Sein Bericht ist ausdrücklich kein Bild für ganz Deutschland – aber genau deshalb lohnt der Blick hinter die Kulissen eines einzelnen Krankenhauses. ## Wenn Leere zur Anspannung wird Wer in diesen Tagen durch die Flure des Klinikums geht, erlebt etwas Ungewöhnliches: kaum Publikumsverkehr, kaum Menschen, eine fast gespenstische Ruhe. Die ersten Corona-Fälle sind da, aber sie lassen sich gut handhaben. Gleichzeitig liegt die Belegung deutlich unter 50 Prozent – ein Zustand, den ein auf Auslastung getrimmtes, kostenoptimiertes System normalerweise nie erlebt. Diese Ruhe ist allerdings keine Entspannung, sondern bewusst herbeigeführt. Sie ist das Ergebnis konsequenter Vorbereitung auf eine Welle, von der zum Zeitpunkt der Aufnahme niemand wusste, wie hoch sie ausfallen würde. > *„Es ist so eine angespannte Ruhe. Man hatte nie so wenig Patienten – und trotzdem bereitet sich jeder auf eine völlig andere Situation vor." — Bastian Flohr* Flohr ordnet die Lage geografisch ein: Regionen wie Baden-Württemberg, Bayern oder der Westen Nordrhein-Westfalens seien dem ostwestfälischen Herford damals womöglich rund zwei Wochen voraus. Jeder Tag ohne große Patientenlast sei deshalb ein gewonnener Tag – Zeit, die das Haus nutzt, um sich besser aufzustellen. ## Vom Routinebetrieb in den Krisenmodus Begonnen hat alles mit einer Taskforce, die das Klinikum bereits im Februar einberief – früh angestoßen aus der Anästhesie heraus, mit Blick auf die Eskalation in China und Europa. Anfangs tagte sie zweimal pro Woche, dann alle zwei bis drei Tage, schließlich teilweise stündlich. Die zentralen Fragen: Wie viele Intensivbetten und Beatmungsgeräte haben wir? Wie ist die Personalsituation? Was kommt auf uns zu? Der erste große Schritt war das Herunterfahren des elektiven Programms. Flohr betont dabei eine wichtige Unterscheidung: Nicht jeder geplante Eingriff lässt sich beliebig verschieben. Krebspatient:innen, akute Schmerzzustände, dringliche Operationen – all das läuft weiter. Aber vieles ließ sich aufschieben, und genau das geschah. Die Folge: weniger Belegung im OP, auf den Intensivstationen und in der Peripherie – und damit freie Kapazitäten. Parallel baute das Haus Überstunden ab, um seinen Pflegefachpersonen Kraft für das zu geben, was noch kommen könnte. ## Personal fit machen – ohne falsche Versprechen Ein Schwerpunkt der Vorbereitung lag darauf, Mitarbeitende für die sensiblen Bereiche zu qualifizieren. Naheliegend war der Rückgriff auf das Anästhesiepersonal, aber auch Kolleg:innen aus Herzkatheterlaboren, Endoskopie oder dem Qualitätsmanagement mit Intensiverfahrung wurden angesprochen. Wichtig war Flohr dabei die Haltung: nicht überreden, sondern fragen, in welchem Umfang sich jemand einen Einsatz vorstellen kann und was er oder sie dafür braucht – von Einarbeitungstagen bis zur simplen Orientierung, wo im Ernstfall was zu finden ist. Diese Qualifizierung läuft über Tageskurse, in denen technische Einweisungen, Hygienemaßnahmen und der fachliche Austausch aufgefrischt werden. Flohr räumt dabei mit einem Missverständnis auf, das damals in der „Pflegebubble" kursierte: Niemand erwarte, dass eine Kollegin nach einem Tageskurs ein Beatmungsgerät eigenständig bediene. Es gehe darum, einen Monitor lesen zu können, fachlich versierte Kolleg:innen zu unterstützen, bei Lagerung und Bettplatzaufbereitung zu helfen – und die eigenen Grenzen zu kennen. Eine Fachweiterbildung lässt sich so selbstverständlich nicht ersetzen. ## Auszubildende, Besucherstopp und das Ringen um Klarheit Auch die Pflegeausbildung wurde von der Dynamik überrollt. Als sich abzeichnete, dass NRW die Schulen schließen würde, verteilte das Klinikum Auszubildende, die gerade im theoretischen Block waren, kurzfristig wieder in die Einsatzbereiche – auch um offene Pflichtstunden abzuleisten, solange der Ministerialerlass zu Theorie- und Praxisstunden noch unklar war. Ein heikles Thema war der Besucherstopp. An einem Sonntagmorgen wurden die Eingangsbereiche kontrolliert und Besuchskontakte stark reduziert. Für die Kontrolle setzte das Haus unter anderem Auszubildende ein – allerdings, wie Flohr betont, nie ganztags, sondern in einem Zwei-Stunden-Schichtmodell. Gerade junge Pflegende könnten oft besonders gut auf Menschen eingehen, die sich Sorgen um Angehörige machen. Bemerkenswert: Bei den Mitarbeitenden löste der Besucherstopp keinen Widerstand aus, sondern eher Dankbarkeit und Zustimmung. ## Notaufnahme, Abstrichstelle und das stille Verschwinden der Sportverletzungen In der Notaufnahme klingelten anfangs pausenlos die Telefone – verunsicherte Menschen, viele Fragen. Mit dem Aufbau der Bürgertelefone in den Kreisen ebbte das ab. Der Kreis richtete gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung eine ambulante Abstrichstelle nach dem Drive-in-Prinzip ein. Das Krankenhaus nimmt Patient:innen damit erst bei echter Behandlungsindikation auf. Interessant ist ein Nebeneffekt des Kontaktverbots: Mit dem Stillstand des Vereins- und Sportlebens gingen auch die unfallchirurgischen Kontakte spürbar zurück. Bei den Hygienevorkehrungen orientiert sich das Haus eng an den Vorgaben des Robert Koch-Instituts. Verdachts- und bestätigte Fälle, die nicht intensivpflichtig sind, kommen auf die ausgewiesenen Isolierbetten – räumlich und personell getrennt, versorgt mit FFP2-Masken und Schutzausrüstung. Das Personal auf den Isolierstationen sei dabei erstaunlich routiniert, schließlich kenne es den Umgang mit Influenza, Tuberkulose und multiresistenten Keimen. Ängste seien zwar vorhanden – jeder habe Angehörige, jeder fürchte selbst zu erkranken – doch der professionelle Umgang damit habe ihn beeindruckt. ## Intensivbetten aufstocken – ein größerer Aufwand als gedacht Die Zahl der Intensivpflegeplätze hat das Klinikum erweitert, ohne sich an spektakulären Verdopplungen oder Verdreifachungen zu beteiligen, wie sie damals durch die Medien gingen. Flohr ist da skeptisch: Nicht das Bett oder das Beatmungsgerät versorgt den Patienten, sondern der Mensch. Eine Aufstockung braucht technische Voraussetzungen – etwa die Erweiterung des digitalen Dokumentationssystems mit den passenden Lizenzen – und vor allem ein tragfähiges Personalkonzept. Dafür hat das Haus ein Stufenmodell entwickelt, das im Eskalationsfall Unterstützung aus der Anästhesie und anteilig aus peripheren Bereichen einbindet. Ein Punkt liegt Flohr besonders am Herzen: Die Debatte verenge sich zu stark auf Beatmungsplätze. Viele Patient:innen würden zunächst auf einer peripheren Isolierstation versorgt und erst bei Verschlechterung auf die Intensivstation verlegt. Es brauche also genauso gut versorgte Normalstationen – und das gesamte übrige Patientenklientel dürfe nicht aus dem Blick geraten. ## Schutzausrüstung: täglich gezählt Der Mangel an Schutzkleidung war im Frühjahr 2020 ein bundesweites Dauerthema – Im Klinikum Herford überwacht der Krankenhaus-Krisenstab die Bestände an Masken, FFP2-Masken und Schutzkleidung täglich – Abgang wie Eingang. Zum Zeitpunkt der Aufnahme sei das Haus vergleichsweise gut aufgestellt, auch weil zentrale Lieferungen über das Ministerium erwartet wurden. Ganz beruhigt ist Flohr trotzdem nicht: Wie die Lage in zwei, drei Wochen aussehe, könne niemand seriös einschätzen. ## Vernetzung – und wo sie hakt Die Kommunikation läuft auf vielen Ebenen: persönliche Netzwerke unter Pflegedirektor:innen, regionale Verbünde, vor allem aber strukturiert über die Krisenstäbe der Region. Im Kreis-Krisenstab sitzen Kliniken, Ämter, Polizei, Feuerwehr, ambulante Dienste und Pflegedienste an einem Tisch und stimmen Material, Personal, die Abstrichstelle oder den Patient:innenrücktransport in die Pflegeheime ab. Der Informationsfluss in den Kreis hinein und wieder heraus funktioniere gut. Was hakt, ist die kreisübergreifende Abstimmung der Gesundheitsämter. Je nach Zuständigkeit gibt es unterschiedliche Aussagen dazu, wann ein Kontrollabstrich nötig ist oder wann infizierte Mitarbeitende wieder arbeiten dürfen – inklusive der praxisfernen Vorstellung, eine Kollegin könne im psychiatrischen Setting in voller Schutzausrüstung arbeiten. Für die betroffenen Pflegefachpersonen bedeutet das langwierige Telefonate und Verunsicherung. ## Geld, das DRG-System und die Frage nach der Liquidität Die niedrige Belegung trifft das Haus wirtschaftlich hart. Flohr ist überzeugt: Der nachgebesserte Schutzschirm von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn werde nicht ausreichen, weil er auf einer ohnehin unzureichenden alten Systematik aufsetze. Spannend ist seine Lesart des Ausgleichsmechanismus für leere Betten: Häuser mit niedrigem Case-Mix-Index könnten zu den Gewinnern gehören, Häuser mit hohem Index eher zu den Verlierern. Bei Corona-Patient:innen wiederum seien die hocherlösrelevanten Beatmungsstunden ein Faktor. Unterm Strich werde es ein „dickes Erlösproblem" geben – die kurzfristige Liquidität sei zum Zeitpunkt der Aufnahme aber zumindest angebahnt. Ohne weiteren Ausgleich, so seine Einschätzung, drohe vielen Kliniken über den Mai hinaus ein unmittelbares Liquiditätsproblem. ## Neue Nähe zwischen den Berufsgruppen Auf die Frage, was sich aus der Krise mitnehmen lässt, antwortet Flohr ehrlich: Für eine echte Reflexion fehle aktuell der Kopf, man sei noch im Vorbereitungsmodus, nicht im Auswertungsmodus. Was er aber schon jetzt deutlich spürt, ist eine veränderte Zusammenarbeit – über Berufsgruppen hinweg. > *„Das alte Thema Kommunikation zwischen Arzt und Pflege ist nochmal enger zusammengewachsen – schlank, sachorientiert und wirklich wertschätzend." — Bastian Flohr* Auch das Kommunikationsbedürfnis der Mitarbeitenden ist gewachsen, sein eigenes eingeschlossen. Deshalb informiert das Klinikum täglich per Newsletter über die Lage im Haus und im Kreis, über neue Vorgaben und Hygieneregeln – manchmal reiche selbst tagesaktuell kaum aus. Und bei der Führungsfrage hat Flohr eine klare Linie: mehr Präsenz statt Rückzug. Während manche Häuser den Verkehr auf den Stationen reduzierten, sucht er bewusst den direkten Kontakt – auch zu den Bereichen, die nicht primär betroffen sind, etwa der Stroke Unit oder der Unfallchirurgie. Sollte es nötig werden, würden er und seine Kolleg:innen selbstverständlich auch wieder direkt am Bett mitarbeiten. > *„Wenn ich in die Klinik reingucke, denke ich: Wir tun gerade alles, um uns bestmöglich vorzubereiten. Trotzdem gibt es dieses Kopfkino abends – hast du an alles gedacht?" — Bastian Flohr* Genau dieses Kopfkino beschreibt das Lebensgefühl vieler Verantwortlicher in jenen Wochen treffend: das Bewusstsein, dass diese Situation für alle neu ist – für die Pflegefachpersonen am Bett ebenso wie für einen Pflegedirektor, der sich noch nie auf eine Pandemie vorbereiten musste. ## Zum Weiterhören - [ÜG033 – CORONA SPEZIAL #1: Einrichtungsspezifische Strategien und Schützausrüstung (B. Gruber)](https://www.uebergabe.de/ug033/) - [ÜG042 – CORONA SPEZIAL #9: Lage auf Intensivstationen (Interview mit Carsten Hermes)](https://www.uebergabe.de/ug042/) - [ÜG038 – CORONA SPEZIAL #6: Probleme & Folgen für Krankenhäuser (Dr. G. Gaß, Deutsche Krankenhausgesellschaft)](https://www.uebergabe.de/ug038/) --- #### Einrichtungsspezifische Strategien und Maßnahmen - [Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Altenpflegeheime.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI für das Management von Kontakt­personen bei respira­torischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Kontaktperson/Dokumente%5FTab.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Hygiene.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FKritIs.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) #### Schutzausrüstung - [Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material!](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-wird-dringend-benoetigt-Besonders-die-stationaere-und-ambulante-Pflege-brauchen-jetzt-Material.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht ](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-in-der-Langzeitpflege-dringend-gesucht-Laender-und-Kassen-sind-in-der-Pflicht.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) #### fallzahlen und Pandemieplan - [COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Fallzahlen.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/falldefinition.pdf) (www.rki.de) - [Interaktive Übersichtskarte](https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/?ref=uebergabe.de) (Morgenpost.de) - [COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de) (www.who.int) - [COVID-19-Seite der John Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) (www.coronavirus.jhu.edu) - [Pandemieplan 2016/2017](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Pandemieplan.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020)](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Ergaenzung%5FPandemieplan%5FCovid.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) #### HINWEISE AUF VERANSTALTUNGEN - [ANP-Tagung 2020: ANP Konkret: Clinical Leadership – Praxis und Perspektiven](https://www.florence-nightingale-krankenhaus.de/de/leistungsspektrum/pflege/fuer-pflegefachpersonen/advanced-nursing-practice-anp/anp-fachtagung-2020.html?ref=uebergabe.de) - Wann: 15\. Mai 2020 - Wo: Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf-Kaiserswerth - [Meilenstein-Konferenz Communtiy Health Nursing in Deutschland](https://doo.net/veranstaltung/42579/buchung?ref=uebergabe.de) - Wann: 18\. Juni 2020 von 9:00 - 17:00 Uhr - Wo: Robert Bosch Stiftung GmbH - Repräsentanz Berlin, Französische Straße 32, 10117 Berlin - [Altenpflegemesse Hannover](https://altenpflege-messe.de/ap%5Fhome%5Fde?ref=uebergabe.de) - Wann: ABGESAGT - [Deutscher Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) - Wann: 11-12\. November 2020 - Wo: STATION Berlin #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2020/03/ug034.jpg) (Bildquelle: Klinikum Herford) ### CORONA SPEZIAL #1: Einrichtungsspezifische Strategien und Schützausrüstung (B. Gruber) URL: https://www.uebergabe.de/ug033/ Last updated: 2026-06-17T19:31:14.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 28.03.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Symptom-Checklisten gelten für Patient:innen, Angehörige und Personal gleichermaßen. - FFP2-Masken schützen vor dem Virus, einfacher OP-Mundschutz schützt vor Weitergabe. - Selbstgenähte Masken sind im Gesundheitswesen ungeeignet und wiegen in falsche Sicherheit. - Ausfallkonzepte und Teambildung sichern die Versorgung bei hohen Krankenstandsquoten. - Gute Basishygiene ist gegen Corona genauso wirksam wie gegen Influenza. Als im März 2020 das Coronavirus immer weiter um sich griff, war vieles unklar: Wie schützt sich Pflegepersonal? Welche Strategien brauchen Krankenhäuser, Heime und ambulante Dienste? Und reicht die Schutzausrüstung überhaupt? In dieser Sonderfolge unseres Podcasts haben wir mit Bernd Gruber gesprochen – Hygienemanager, Gesundheits- und Fachkrankenpfleger sowie Diplom-Pflegewirt aus Osnabrück. Er kennt die Lage aus erster Hand: an der Basis im Krankenhaus, im Austausch mit dem Robert-Koch-Institut und im täglichen Ringen um Masken und Material. Was er uns damals erzählt hat, zeigt eindrücklich, wie eine Pandemie das gesamte Versorgungssystem gleichzeitig herausfordert. ## Drei Welten, ein gemeinsames Ziel Bernd unterscheidet drei große Versorgungsbereiche: die Krankenhäuser, die Pflegeheime und Altenpflegeeinrichtungen sowie die ambulante Pflege. In den Kliniken liegen die Menschen mit den deutlichsten Symptomen – und auf den Intensivstationen, bei beatmeten Patient:innen, ist die Viruslast am höchsten. In der Langzeitpflege und in der Häuslichkeit treffen Pflegefachpersonen dagegen auf eine ganz andere Gemengelage: vulnerable Menschen, Angehörige, Mitbewohner:innen und ein Personal, das selbst Träger sein kann. Der gemeinsame Dreh- und Angelpunkt ist für ihn das Erkennen von Symptomen. Sein dringender Appell: Jede Einrichtung sollte eine Checkliste parat haben – im Kopf oder auf Papier. Gefragt wird nach Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Schnupfen, nach Reisen in den letzten 14 Tagen sowie nach Kontakten zu Menschen in Quarantäne oder mit nachgewiesener Infektion. Wichtig dabei: Diese Fragen gelten nicht nur den zu Pflegenden, sondern ausdrücklich auch den Angehörigen und dem Personal selbst. > *„Wenn ich als Mitarbeiter selber von diesen Symptomen etwas habe, dann muss ich mir natürlich Gedanken machen – ich kann genauso gut Corona-Träger sein." — Bernd Gruber* ## Maske ist nicht gleich Maske Ein zentrales Thema des Gesprächs: der Unterschied zwischen den Schutzarten. Bei Patient:innen mit dringendem Corona-Verdacht braucht es eine FFP2-Maske – nur sie hält das Virus zuverlässig zurück. Der einfache dreilagige Mund-Nasen-Schutz, den die meisten als grüne oder blaue Variante mit Ohrschlaufen kennen, schützt die Träger:innen selbst nicht vor dem Virus. Seine Funktion ist eine andere: Wer ihn trägt und unbemerkt kolonisiert ist, hält seine eigenen Tröpfchen zurück und gibt das Virus seltener weiter. Genau deshalb empfiehlt Bernd, dass möglichst alle Mitarbeitenden mit Patient:innenkontakt durchgehend einen Mund-Nasen-Schutz tragen – auch in der ambulanten Pflege. Der Grund ist beunruhigend einfach: Rund 80 Prozent der Infizierten erkranken kaum spürbar, ein bisschen Kopf- und Gliederschmerz, das man für eine anstrengende Woche hält. Und die Ausscheidung des Erregers beginnt oft schon Tage vor den ersten Symptomen. In der ambulanten Pflege rät er zu einem praktischen Vorgehen: pro Schicht zwei Masken, die zwischen den Hausbesuchen im Auto trocknen können, dazu konsequente Händedesinfektion – damit Pflegefachpersonen nicht selbst zur Brücke zwischen den Haushalten werden. ## Warum selbstgenähte Masken nicht in die Klinik gehören Schon damals sprossen überall Näh-Initiativen aus dem Boden. Für die allgemeine Bevölkerung findet Bernd das gut: Eine Stoffmaske verbessert die Hustenetikette und hält Menschen davon ab, sich ständig ins Gesicht zu fassen. Im Gesundheitswesen aber zieht er eine klare Grenze. Die Qualitätsanforderungen an einen dreilagigen OP-Mund-Nasen-Schutz seien mit einem zugeschnittenen Bettlaken schlicht nicht zu erfüllen. In einem Test seiner Einrichtung sei eine ordentlich genähte Maske nach dem Waschen kaputtgegangen – Drähte traten an der Seite aus. Sein Fazit: Wer für Tante, Onkel oder Nachbarn näht, darf das gern tun. Im professionellen Umfeld aber kann unqualifiziert genähtes Material eine gefährliche Scheinsicherheit erzeugen. ## Wenn das Personal selbst zum Risiko wird Was passiert, wenn sich Pflegende oder Ärzt:innen infizieren? Hier unterscheidet Bernd zwischen den Regeln für die allgemeine Bevölkerung und denen für medizinisches Personal. Wer außerhalb des Gesundheitswesens ungeschützten Kontakt zu einem Fall hatte, wird vom Gesundheitsamt für 14 Tage in häusliche Quarantäne geschickt. Für das Personal galt – nach den damaligen Vorgaben des Robert-Koch-Instituts – eine angepasste Regelung: Ohne Symptome durften die Betroffenen mit Mund-Nasen-Schutz weiterarbeiten und wurden erst bei Symptomen getestet und aus dem Verkehr gezogen. Erschwerend kam hinzu, dass parallel auch die Influenza-Saison lief – manch ein Verdachtsfall stellte sich als Grippe heraus. Wird tatsächlich jemand positiv getestet, erstellt das Gesundheitsamt eine Kontaktpersonenliste. Die Kontakte werden in Kategorien eingeteilt – am höchsten ist das Risiko bei engem, ungeschütztem Kontakt unter 1,5 Metern bei besonders riskanten Tätigkeiten wie Absaugen, Intubation oder Bronchoskopie. Bernds praktischer Rat an die Kolleg:innen: sofort aufschreiben, mit wem man Kontakt hatte – denn nach fünf Tagen erinnert sich kaum noch jemand zuverlässig. ## Ausfallkonzepte: Planen für den Ernstfall Normalerweise rechnen Einrichtungen mit einer Ausfallquote von rund 18 bis 22 Prozent durch Urlaub und Krankheit. In der Pandemie, so Bernd, müsse man eher mit 30 bis 40 Prozent kalkulieren – und genau dafür braucht es Ausfallkonzepte. Das damals gelockerte Arbeitszeitrecht erlaubte unter anderem Zwölf-Stunden-Schichten. Besonders das Thema Teambildung griff er auf: Eine strikte Trennung von Teams ergibt Sinn, lässt sich aber nie zu hundert Prozent durchhalten, weil sich spätestens bei der Übergabe zwei Teams begegnen. Wichtiger sei es, genau diese Übergabesituationen zu entzerren – mehr Abstand oder konsequent Maske. Im Krankenhaus funktioniert die Aufstockung der Intensivkapazitäten über ein Stufenmodell der Qualifikation. Weil planbare Eingriffe heruntergefahren wurden, konnte Personal von Normalstationen in Überwachungsbereiche nachrücken und dort grundpflegerische Tätigkeiten übernehmen, während die Fachpflege die komplexen Aufgaben verantwortet. So „wandert" Qualifikation nach oben – unterstützt durch Mitarbeitende aus dem OP- und Anästhesiebereich und aus benachbarten Kliniken. > *„Ich habe noch nie einen so starken Zusammenhalt gesehen zwischen den verschiedenen Berufsgruppen. Ohne Pflege läuft kein Krankenhaus, und ohne Pflege gibt es keine Corona-Versorgung." — Bernd Gruber* ## Mangelverwaltung statt Just-in-Time Den [dramatischen Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) beschreibt Bernd schonungslos. Eine seiner Hauptaufgaben war es zu dieser Zeit, gemeinsam mit dem Einkauf Angebote zu prüfen – darunter auch unseriöse, deren Qualität nicht den Normen entsprach. Sein Warnruf: Niemand dürfe sich in falsche Sicherheit wiegen lassen, jede FFP2-Maske müsse die Anforderungen der Arbeitssicherheit erfüllen. Die Gründe für die Engpässe sind vielschichtig: niedrige Lagerbestände aufgrund des Sparzwangs, Exportverbote mehrerer Länder, Lieferwege, die an geschlossenen Grenzen endeten, und eine weltweit explodierte Nachfrage. Dazu kam der Preis: Kostete eine FFP2-Maske vorher 60 bis 80 Cent, lag sie nun bei sechs bis acht Euro. Diese Preisentwicklung nennt Bernd ethisch nicht vertretbar und wünscht sich hier ein Eingreifen des Gesetzgebers. Eines aber stellt er klar: Material gespart wird nicht beim Schutz der Mitarbeitenden. > *„Ich lasse keinen Mitarbeiter ohne entsprechende Schutzkleidung in die Patientenversorgung gehen. Denn wenn der erkrankt, dann fehlt er mir ja auch." — Bernd Gruber* Um Material zu strecken, trugen die Beschäftigten ihre FFP2-Maske eine Schichtlänge – mit einem persönlichen Markierungssystem an festen Haken, damit niemand versehentlich die Maske einer anderen Person nahm. In komplett abgetrennten Isolierbereichen, in denen ausschließlich bestätigt positive Patient:innen lagen, konnte dieselbe Maske von Person zu Person genutzt werden. Bernd erinnerte zugleich daran, dass nicht nur Masken knapp waren, sondern auch Beatmungsgeräte und Geräte für die ECMO-Therapie – Betten allein retten niemanden. ## Die vergessene Langzeitpflege Während die Medien vor allem über Intensivplätze und Beatmungsgeräte sprachen, betonten wir im Gespräch das hohe Risiko in der Langzeitversorgung – mit den vielen vulnerablen Menschen in Heimen und in der Häuslichkeit. Bernd stimmte zu: Auch hier müsse geschützt werden, ein normaler Mund-Nasen-Schutz beim Personal leiste dabei viel. Entscheidend sei vor allem die „Außenisolierung" – also konsequent abzufragen, was und wer in die Einrichtung hineinkommt. Innerhalb des Hauses, etwa bei Menschen mit Demenz, die sich frei bewegen, lasse sich Bewegung nicht völlig verhindern; umso wichtiger sei eine solide Basishygiene. Diese, so betont er, wirke gegen Corona genauso wie gegen Influenza oder Noroviren – sie hätte ohnehin längst überall optimiert sein müssen. Hilfreiche Hinweise dazu lieferten damals die Seiten des RKI. ## Zahlen, Wellen und der Blick ins Ausland Zum Aufnahmezeitpunkt lagen die gemeldeten Fallzahlen in Deutschland bei rund 50.000 bestätigten Infektionen und vergleichsweise wenigen Todesfällen. Beim Blick auf die [interaktive Übersichtskarte](https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/?ref=uebergabe.de) und die [Daten der Johns Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) wurde deutlich, wie unterschiedlich die Quellen zählen und wie stark Meldewege das Bild verzögern. Bernd mahnte zur Vorsicht: Die niedrige Sterblichkeit liege auch daran, dass das System die Patient:innen damals noch optimal versorgen konnte. Bei einer durchschnittlichen Intensivliegedauer von etwa 21 Tagen sei mit einem Anstieg zu rechnen. Sein Ziel: durch Kontaktbeschränkungen die Kurve flach halten, damit das Gesundheitssystem nicht kippt und keine Triage nötig wird. Eine Strategie der Herdenimmunität, wie sie in einigen Ländern diskutiert wurde, sah er für Deutschland kritisch. Rund 60 bis 65 Prozent der Bevölkerung müssten dafür eine Infektion durchgemacht haben – und weil hierzulande so viele ältere und vulnerable Menschen leben, ließe sich diese Gruppe kaum vollständig schützen. Offen war damals zudem, wie lange ein Immunschutz überhaupt anhält. ## Ein oft übersehener Schutz: die Grippeimpfung Interessant ist Bernds Hinweis, dass sich Influenza- und Coronaviren nicht gleichzeitig in derselben Zelle vermehren – wer Influenza nachgewiesen hat, hat sicher kein Corona. Daraus folgt für ihn ein lange unterschätztes Thema: die Influenza-Impfung. Im Gesundheitswesen liege die Impfquote bei nur rund 30 Prozent – zu niedrig, findet er. Denn ein regelmäßig „geschärftes" Immunsystem reagiere schneller, und Pflegefachpersonen geben auch die Grippe an vulnerable Patient:innen weiter. Sein Plädoyer: deutlich mehr impfen. ## Ein Wunsch zum Schluss Zum Abschluss formulierte Bernd einen konkreten Appell an die Politik: Das Gesundheitsministerium möge gemeinsam mit dem Verteidigungsministerium prüfen, ob die Bestände an FFP3-Masken aus den ABC-Schutzeinheiten des Katastrophenschutzes nicht teilweise an Krankenhäuser und Arztpraxen verteilt werden könnten. Ein pragmatischer Gedanke aus einer Zeit, in der jede Maske zählte. ## Zum Weiterhören - [ÜG053 – Das Corona-Virus im Kontext der Pflege (Prof. Dr. Christian Drosten)](https://www.uebergabe.de/ug053/) - [ÜG034 – CORONA-SPEZIAL #2: Die Lage im Krankenhaus (B. Flohr)](https://www.uebergabe.de/ug034/) - [ÜG015 – Organspende – Eine lebensrettende Entscheidung (B. Gruber)](https://www.uebergabe.de/ug015/) --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Einrichtungsspezifische Strategien und Maßnahmen - [Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Altenpflegeheime.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI für das Management von Kontakt­personen bei respira­torischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Kontaktperson/Dokumente%5FTab.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Hygiene.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FKritIs.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Personal%5FPflege.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### Schutzausrüstung - [Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material!](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-wird-dringend-benoetigt-Besonders-die-stationaere-und-ambulante-Pflege-brauchen-jetzt-Material.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht ](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Schutzausruestung-in-der-Langzeitpflege-dringend-gesucht-Laender-und-Kassen-sind-in-der-Pflicht.php?ref=uebergabe.de) (www.dbfk.de) - [Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40174-dramatischer-mangel-an-schutzausruestung/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) ### Fallzahlen und Pandemieplan - [COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Fallzahlen.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020](https://www.uebergabe.de/content/files/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/falldefinition.pdf) (www.rki.de) - [Interaktive Übersichtskarte](https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/?ref=uebergabe.de) (Morgenpost.de) - [COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)](https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019?ref=uebergabe.de) (www.who.int) - [COVID-19-Seite der John Hopkins University](https://coronavirus.jhu.edu/map.html?ref=uebergabe.de) (www.coronavirus.jhu.edu) - [Pandemieplan 2016/2017](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Pandemieplan.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) - [Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020)](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges%5FCoronavirus/Ergaenzung%5FPandemieplan%5FCovid.html?ref=uebergabe.de) (www.rki.de) ### Qualität in der ambulanten Pflege, Pflegekammer URL: https://www.uebergabe.de/ug032/ Last updated: 2026-06-17T08:37:09.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 19.03.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die Pflegekammer Niedersachsen steckt 2020 in einer existenziellen Krise. - Eine Lobby der Pflege kann nur von Pflegenden selbst finanziert werden. - Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz erleichtert seit März 2020 die Einreise von Pflegenden. - In der ambulanten Pflege rückt das Fachgespräch ins Zentrum der Qualitätsprüfung. - Indikatoren wie im Heim lassen sich nicht auf die ambulante Pflege übertragen. Drei Themen, ein Podcast und jede Menge Sprengstoff: In der 32\. Folge nehmen sich Christian Köbke und Eva Maria Gruber Themen vor, die im Frühjahr 2020 die Pflegebranche bewegt haben. Es geht um das Tauziehen rund um die Pflegekammer Niedersachsen, um neue Regeln für die Einwanderung von Fachkräften – und um ein großes Herzensthema von Eva: die Qualität in der ambulanten Pflege. Alle drei Stationen werden eingeordnet, mit besonderem Blick darauf, warum gerade in der häuslichen Versorgung so vieles im Verborgenen bleibt. ## Niedersachsen, ein heißes Eisen Den Anfang macht der Aufreger, der im März 2020 fast täglich durch die Medien ging: die [Pflegekammer Niedersachsen am Scheideweg](https://www.springerpflege.de/pflegekammer/pflegekammer-scheideweg/17747236?ref=uebergabe.de). Ende 2019 hatte die niedersächsische Landesregierung der Kammer eine Finanzierung von sechs Millionen Euro zugesagt – mit dem Ziel, sie beitragsfrei zu machen. Klingt erst einmal gut, hatte aber einen Haken: Wer eine Kammer in dieser Höhe aus Steuergeldern speist, schwächt automatisch ihre Unabhängigkeit. Genau dieser Vorwurf wurde laut. Dabei ist die Anschubfinanzierung in anderen Bundesländern, etwa in Rheinland-Pfalz, völlig üblich gewesen. Der Unterschied: In Niedersachsen kam das Geld nicht zum Start, sondern nachträglich – zu einem Zeitpunkt, an dem sich der Protest längst aufgebaut hatte. Die Lage spitzte sich zu. Am 24\. Februar überstand die damalige Präsidentin Sandra Mehmke ein Misstrauensvotum nur knapp nicht – sie verlor mit 14 zu 13 Stimmen. SPD und CDU forderten daraufhin im Landtag ihren Rücktritt. Sozialministerin Carola Reimann (SPD) erklärte, die Landesregierung habe der Kammer immer jede Unterstützung gegeben, aus ihrer Sicht seien diese Möglichkeiten aber nicht genutzt worden. Hier lohnt der Verweis auf ein Argument, das Prof. Dr. Michael Isfort schon in der [Folge zur Personalbemessung und Untergrenzen](https://www.uebergabe.de/ug031/) formuliert hatte: Man kann nicht ein komplett neues Gremium für 90.000 Mitglieder aufbauen und schon zwei Jahre später fertige Ergebnisse einfordern. Was über Jahrzehnte versäumt wurde, lässt sich nicht in 24 Monaten aufholen. Am 7\. März 2020 trat Sandra Mehmke schließlich zurück. Zur neuen Präsidentin wählte die Kammerversammlung Nadja Klamann – Altenpflegerin, Leiterin eines ambulanten Pflegedienstes und Fachkraft für Gerontopsychiatrie. Sie setzte sich mit 15 von 24 gültigen Stimmen durch. Gleichzeitig kündigte die Ministerin eine Vollbefragung an: Die Firma Kienbaum sollte im Rahmen der laufenden Evaluation rund 78.000 Pflegende in Niedersachsen befragen – und zwar zur Frage, ob sie eine *beitragsfreie* Pflegekammer grundsätzlich wollen. Das Ergebnis sei für sie bindend. Wie das ausgeht, ist zum Zeitpunkt der Aufnahme völlig offen; mehr dazu steht auch in der Meldung, dass [Reimann die Pflegenden über die Zukunft der Kammer abstimmen lässt](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40016-reimann-laesst-pflegende-ueber-zukunft-der-kammer-abstimmen/?ref=uebergabe.de). ## Wer bezahlt eigentlich die Stimme der Pflege? An diesem Punkt beißt sich für Eva und Christian die Katze in den Schwanz: Die Vollbefragung ist überhaupt nur möglich, weil es die Kammer gibt. Es wird also etwas eingefordert, das seine Existenz der angegriffenen Institution verdankt. Und die Finanzierungsfrage bleibt grundsätzlich: Eine unabhängige Interessenvertretung kann sich nicht selbst tragen – sie muss bezahlt werden. Wird sie von außen finanziert, ist sie abhängig. Wird sie von den Mitgliedern getragen, kostet das Beiträge. Genau dieser Kreislauf macht die Debatte so verfahren. > *„Eine Lobby der Pflege kann natürlich auch nur von der Pflege finanziert werden. Weil wenn sie von außen finanziert würde, wäre sie abhängig." — Christian Köbke* Die Alternative, das Modell einer freiwilligen Mitgliedschaft nach bayerischem Vorbild, hat aus Sicht der beiden einen entscheidenden Haken: Wer freiwillig organisiert ist, kann nicht glaubwürdig für alle Pflegenden eines Bundeslandes sprechen. Auf politischem Parkett verliert eine solche Vertretung schnell an Gewicht. Sollte die Kammer in Niedersachsen tatsächlich kippen, befürchten Eva und Christian, dass auf Jahre hinaus kein neues Selbstorgan der Pflege entstehen wird – und dass weiterhin Politik, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften über die Pflege bestimmen. Besonders bitter finden sie die Außenwirkung: Andere Berufsgruppen schauen auf eine Profession, die sich öffentlich zerlegt. > *„Die Pflege ist eine der Berufsgruppen, die sich am besten selber zerfleischen kann." — Eva Maria Gruber* Wichtig ist beiden dabei die Differenzierung: Man muss nicht alles gutheißen, was die Kammer getan hat. Kritik an Arbeitsweise und Kommunikation ist berechtigt. Doch zwischen „Personen auswechseln" und „die Grundsatzfrage nach der Existenz stellen" liegen Welten. Wer eine eigene Stimme, politischen Einfluss und bessere Qualifikationsbedingungen will, braucht ein Instrument dafür – und ein anderes als die Kammer ist bislang nicht in Sicht. Wer tiefer einsteigen will, findet mehr in der [Folge zur Situation und Befragung in Niedersachsen](https://www.uebergabe.de/ug039/) sowie im [Special zur Pflegekammer](https://www.uebergabe.de/ug003/). ## Neue Türen für Pflegende aus dem Ausland Vom Streit zum Strukturwandel: Seit dem 1\. März 2020 ist das [Fachkräfteeinwanderungsgesetz](https://www.bmas.de/DE/Presse/Meldungen/2020/neue-gesetze-fachkraefteeinwanderungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) in Kraft. Es senkt die Hürden für die Einreise von Arbeitnehmer:innen aus Nicht-EU-Staaten – und das wirkt sich direkt auf die Pflege aus, einen ausgewiesenen Mangelberuf. Vier Punkte sind besonders relevant: Menschen mit anerkannter Berufsausbildung erhalten nun – nicht mehr nur Hochschulabsolvent:innen – eine bis zu sechsmonatige Aufenthaltserlaubnis zur Jobsuche, sofern sie ein Sprachniveau B1 und einen gesicherten Lebensunterhalt nachweisen. Die sogenannte Vorrangprüfung entfällt, der einstellende Betrieb muss also nicht mehr vorab klären, ob die Stelle mit einer inländischen Kraft zu besetzen wäre. Die Anerkennung von Berufsabschlüssen darf höchstens zwei Monate dauern. Und: Fachkräfte mit deutschem Abschluss können nach zwei, mit anerkanntem ausländischem Abschluss nach vier Beschäftigungsjahren eine Niederlassungserlaubnis bekommen. Bernd Meurer vom bpa hatte sich zuvor für eine „Care Card" stark gemacht – eine Art Green Card für Pflegende. Umgesetzt wurde stattdessen ein Bündel einzelner Maßnahmen, nachzulesen etwa im Beitrag zum [schnelleren Arbeitsvisum für Pflegekräfte und Mediziner](https://www.springerpflege.de/politik/arbeitsvisum/17759342?ref=uebergabe.de). Wie die Rekrutierung aus dem Ausland konkret abläuft, soll in einer späteren Folge mit der Deutschen Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe (DeFa) genauer beleuchtet werden. ## Qualität in der ambulanten Pflege: ein blinder Fleck wird beleuchtet Nun zum Schwerpunkt – und zu einem Stück angewandter Pflegewissenschaft. Eva hat an der Hochschule Osnabrück an einem Projekt mitgearbeitet, das im Auftrag des [Qualitätsausschusses Pflege](https://www.gs-qsa-pflege.de/?ref=uebergabe.de) ein neues Prüf- und Darstellungsverfahren für die ambulante Pflege entwickelt hat. Der Qualitätsausschuss ist ein Kind des [Zweiten Pflegestärkungsgesetzes](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegestaerkungsgesetz-zweites-psg-ii.html?ref=uebergabe.de) und besteht zu gleichen Teilen aus Vertreter:innen der Leistungsträger und der Leistungserbringer, jeweils mit zehn Stimmen. Forschung betreibt er nicht selbst, sondern schreibt sie aus. Den Zuschlag für das Projekt zu Qualitätsprüfung ([§ 114 SGB XI](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F11/%5F%5F114.html?ref=uebergabe.de)) und Qualitätsdarstellung ([§ 115 SGB XI](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F11/%5F%5F115.html?ref=uebergabe.de)) erhielten die Hochschule Osnabrück unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Büscher und das Institut für Pflegewissenschaft der Universität Bielefeld unter Prof. Dr. Klaus Wingenfeld. Das Projekt lief von Mai 2017 bis Mai 2018; zum Zeitpunkt der Aufnahme befand sich das Verfahren in der Pilotierung – alle Ergebnisse sind also als vorläufige Empfehlungen zu verstehen. Der Hintergrund: Das alte Notensystem hatte praktisch keine Aussagekraft mehr. Wenn fast alle Einrichtungen eine 1,0 auf den Transporter drucken können, weiß niemand, wer wirklich gute Arbeit leistet. Der Grund dafür lag in der einseitigen Fixierung auf die Prozessqualität – die Ergebnisse für die Patient:innen blieben außen vor. Eine kompakte Übersicht bietet die [Kurzfassung des Abschlussberichts](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2019/07/kurzfassung-des-abschlussberichts-ambulant-von-hs-osnabruck-und-ipw.pdf). ### Warum sich das Heim-Modell nicht einfach übertragen lässt Das Entscheidende an der ambulanten Pflege: Der Pflegedienst ist immer nur ein Ausschnitt des gesamten Versorgungsarrangements. Vielleicht ist er eine Stunde am Tag vor Ort – die übrigen 23 Stunden gestalten Angehörige, das Umfeld, die Hausärzt:innen. Deshalb muss die Beurteilung der Qualität immer an die tatsächlichen Einwirkungsmöglichkeiten des Dienstes gekoppelt werden. Und genau deshalb wird – anders als in der stationären Pflege – im ambulanten Bereich auf das Erheben von Ergebnisindikatoren verzichtet. > *„Wenn du die Anzahl an Pflegebedürftigen mit Dekubitus erhebst – was sagt das dann über die Versorgung durch den ambulanten Pflegedienst aus? Erst mal so nichts, weil er ja nur einen Ausschnitt des Pflegesettings darstellt." — Eva Maria Gruber* Ein zweiter Grundsatz: Geprüft werden kann nur, was zwischen Pflegehaushalt und Pflegedienst vertraglich vereinbart wurde – ergänzt um die ärztlich verordneten Leistungen der [häuslichen Krankenpflege](https://www.gkv-spitzenverband.de/krankenversicherung/ambulante%5Fleistungen/haeusliche%5Fkrankenpflege/haeusliche%5Fkrankenpflege%5F1.jsp?ref=uebergabe.de). Deren Prüfung wiederum richtet sich nach der [Richtlinie über die Verordnung häuslicher Krankenpflege](https://www.uebergabe.de/content/files/downloads/62-492-1980/hkp-rl%5F2019-08-15%5Fik-2019-12-06.pdf) und den Verträgen nach § 132a SGB V – die von Bundesland zu Bundesland und sogar innerhalb der Länder stark variieren. Diese Heterogenität macht es schwer, eine gemeinsame Qualitätsbasis zu definieren. ### Die fünf Themenbereiche – und das, was immer zählt Methodisch starteten die Forschenden mit einer systematischen Literaturrecherche und vier Fokusgruppen aus Kostenträgern, Leistungserbringern, Prüfdiensten und Patientenvertretung. Vieles galt allen als wichtig – die eigentliche Frage war stets: Wie lässt es sich operationalisieren? Aspekte wie Biografiearbeit etwa sind fachlich bedeutsam, aber in einer externen Prüfung kaum greifbar. Eine vertiefende Einordnung bietet der Beitrag von [Büscher und Krebs im Pflege-Report 2018](https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-56822-4%5F11?ref=uebergabe.de#citeas). Heraus kamen fünf Prüfbereiche. **Bereich 1** umfasst Aspekte, die unabhängig von den vereinbarten Leistungen in jeder Situation relevant sind: Aufnahmemanagement, das Erfassen von und Reagieren auf Risiken sowie auf eine Destabilisierung der Versorgung. Das anschauliche Beispiel: Wer Antithrombosestrümpfe anzieht und dabei eine massiv exsikkierte Person vorfindet, darf nicht einfach wieder ins Auto steigen. **Bereich 2** sind die individuell vereinbarten Leistungen – orientiert am neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff, von Mobilität über Körperpflege bis zu Beratung pflegender Angehöriger und Schmerzmanagement. **Bereich 3** betrifft die ärztlich verordneten Maßnahmen. **Bereich 4** erfasst sonstige Aspekte wie die Zusammenarbeit mit Angehörigen und Anzeichen von Gewalt, Vernachlässigung und Unterversorgung. **Bereich 5** schließlich umfasst einrichtungsbezogene Punkte wie internes Qualitätsmanagement, Hygiene und die Aufgabenwahrnehmung der Pflegedienstleitung. ### Mehr Gespräch, weniger Aktenordner Wie schon im stationären Verfahren rückt das Fachgespräch ins Zentrum, die Dokumentationsprüfung verliert an Gewicht. Angekündigt wird zwei Tage vorher – nicht, um Schummeln in der Doku zu ermöglichen, sondern damit die nötigen Strukturen während der Prüfung verfügbar sind. Einbezogen werden neun Personen, sechs davon nach Kombinationen aus Mobilität und kognitiven Fähigkeiten, drei aus dem Bereich der häuslichen Krankenpflege. Bewertet wird in vier Kategorien von A (keine Auffälligkeit) bis D (eingetretene negative Folgen). Wichtig: Eine fehlende Dokumentation allein genügt nicht für ein festgestelltes Defizit – der Prüfdienst muss es über andere Quellen belegen. Statt einer einzigen Note steht am Ende eine differenzierte Darstellung pro Themenbereich. Dieses neue Prüfverständnis stellt, wie schon in der [Folge zum Qualitätsprüfverfahren in der Langzeitpflege mit Klaus Wingenfeld](https://www.uebergabe.de/ug008/) beschrieben, neue Anforderungen an Pflegefachpersonen wie an Prüfer:innen. ### Die große Leerstelle hinter der Gardine Eine Frage bleibt unbeantwortet – und sie treibt Christian besonders um: Was ist mit den vielen Menschen, die ausschließlich von Angehörigen gepflegt werden? Dort fließt Pflegegeld, doch eine Prüfinstanz für die Qualität gibt es nicht. Gerade angesichts steigender Eigenanteile können sich manche professionelle Hilfe kaum noch leisten. Ein Projekt zur subjektorientierten Qualitätsmessung – ebenfalls unter Leitung von Andreas Büscher – soll genau dieses Feld der informellen Pflege künftig in den Blick nehmen. Offen bleibt auch, was passiert, wenn ein Dienst die Anforderungen dauerhaft verfehlt: Im schlimmsten Fall werden Verträge gekündigt – aber dann sind Menschen unversorgt. Antworten darauf liefert auch das beste Prüfverfahren nicht allein. Klar ist nur: Die ambulante Pflege, auf der ein großer Teil unseres gesamten Versorgungssystems ruht, bekommt endlich ein Instrument, das genauer hinschaut als ein Notenstempel auf dem Firmenwagen. ## Zum Weiterhören - [ÜG008 – Qualitätsprüfverfahren in der Langzeitpflege und Indikatoren der Ergebnisqualität - (Prof. Dr. K. Wingenfeld)](https://www.uebergabe.de/ug008/) - [ÜG039 – Pflegekammer, Situation und Befragung in Niedersachen (Nora Wehrstedt)](https://www.uebergabe.de/ug039/) - [ÜG031 – Pflegewissenschaft, Personalbemessung, Untergrenzen & Demenzsensible Krankenhäuser (Prof. Dr. Michael Isfort)](https://www.uebergabe.de/ug031/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Pflegekammer Niedersachsen - [Die Gesellschaft braucht die Kammer: Die Situation der Pflege in Niedersachsen gemeinsam verbessern](https://www.pflegekammer-nds.de/artikel/die-gesellschaft-braucht-die-kammer-die-situation-der-pflege-in-niedersachsen-gemeinsam-verbessern?ref=uebergabe.de) (Pflegekammer-nds.de) - [Pflegekammer: Präsidentin bietet Rücktritt an](https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover%5Fweser-leinegebiet/Pflegekammer-Praesidentin-bietet-Ruecktritt-an,pflegekammer222.html?ref=uebergabe.de) (ndr.de) - [Debatte über die Pflegekammer im Landtag](https://www.ms.niedersachsen.de/startseite/service%5Fkontakt/presseinformationen/debatte-uber-die-pflegekammer-im-landtag-185421.html?ref=uebergabe.de) (ms.niedersachsen.de) - [Pflegekammer am Scheideweg](https://www.springerpflege.de/pflegekammer/pflegekammer-scheideweg/17747236?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [Pflegekammer Niedersachsen - Reimann lässt Pflegende über Zukunft der Kammer abstimmen](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/40016-reimann-laesst-pflegende-ueber-zukunft-der-kammer-abstimmen/?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Nadya Klarmann neue Präsidentin der Pflegekammer](https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Nadya-Klarmann-neue-Praesidentin-der-Pflegekammer,pflegekammer226.html?ref=uebergabe.de) (ndr.de) - [Neustart: Nadya Klarmann als neue Präsidentin der Pflegekammer Niedersachsen gewählt](https://www.pflegekammer-nds.de/pressemitteilungen/pressemitteilung-neustart-nadya-klarmann-als-neue-praesidentin-der-pflegekammer-niedersachsen-gewaehlt?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nds.de) #### Fachkräfteeinwanderungsgesetz - [Schnelleres Arbeitsvisum für Pflegekräfte und Mediziner](https://www.springerpflege.de/politik/arbeitsvisum/17759342?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft](https://www.bmas.de/DE/Presse/Meldungen/2020/neue-gesetze-fachkraefteeinwanderungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) (bmas.de) - [Informationen zum Fachkräfteein­wanderungsgesetz](https://www.make-it-in-germany.com/de/visum/fachkraefteeinwanderungsgesetz/?ref=uebergabe.de) (make-it-in-germany.com) - [Gesetzgebungsverfahren - Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz](https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/gesetzgebungsverfahren/DE/fachkraefteeinwanderungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) (bmi.bund.de) #### Qualität in der ambulanten Pflege - [Geschäftsstelle Qualitätsausschuss Pflege: Startseite](https://www.gs-qsa-pflege.de/?ref=uebergabe.de) (qs-qsa-pflege.de) - [Zweites Pflegestärkungsgesetz (PSG II)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegestaerkungsgesetz-zweites-psg-ii.html?ref=uebergabe.de) (Bundesgesundheitsministerium.de) - [§ 114 SGB 11 - Einzelnorm](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F11/%5F%5F114.html?ref=uebergabe.de) (Gesetze-im-internet.de) - [§ 115 SGB 11 - Einzelnorm](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F11/%5F%5F115.html?ref=uebergabe.de) (Gesetze-im-internet.de) - [Häusliche Krankenpflege](https://www.gkv-spitzenverband.de/krankenversicherung/ambulante%5Fleistungen/haeusliche%5Fkrankenpflege/haeusliche%5Fkrankenpflege%5F1.jsp?ref=uebergabe.de) (GKV-Spitzenverband-spitzenverband.de) - [Richtlinie über die Verordnung von häuslicher Krankenpflege](https://www.uebergabe.de/content/files/downloads/62-492-1980/hkp-rl%5F2019-08-15%5Fik-2019-12-06.pdf) (g-ba.de) - [§ 132a SGB 5 - Einzelnorm](https://www.gesetze-im-internet.de/sgb%5F5/%5F%5F132a.html?ref=uebergabe.de) (Gesetze-im-internet.de) - [Büscher A., Krebs M. (2018) Qualität in der ambulanten Pflege. In: Jacobs K., Kuhlmey A., Greß S., Klauber J., Schwinger A. (eds) Pflege-Report 2018\. Springer, Berlin, Heidelberg](https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-56822-4%5F11?ref=uebergabe.de#citeas) (link.springer.com) - [Verfahren Qualität ambulant Kurzfassung](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2019/07/kurzfassung-des-abschlussberichts-ambulant-von-hs-osnabruck-und-ipw.pdf) (qs-qsa-pflege.de) - [Qualitätsprüfungen in der ambulanten Pflege](https://www.gkv-spitzenverband.de/pflegeversicherung/qualitaet%5Fin%5Fder%5Fpflege/qualitaetspruefungen/ambulante%5Fpflege/ambulante%5Fpflege.jsp?ref=uebergabe.de) (GKV-Spitzenverband.de #### HINWEISE AUF VERANSTALTUNGEN - [ANP-Tagung 2020: ANP Konkret: Clinical Leadership – Praxis und Perspektiven](https://www.florence-nightingale-krankenhaus.de/de/leistungsspektrum/pflege/fuer-pflegefachpersonen/advanced-nursing-practice-anp/anp-fachtagung-2020.html?ref=uebergabe.de) - Wann: 15\. Mai 2020 - Wo: Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf-Kaiserswerth - [Meilenstein-Konferenz Communtiy Health Nursing in Deutschland](https://doo.net/veranstaltung/42579/buchung?ref=uebergabe.de) - Wann: 18\. Juni 2020 von 9:00 - 17:00 Uhr - Wo: Robert Bosch Stiftung GmbH - Repräsentanz Berlin, Französische Straße 32, 10117 Berlin - [Altenpflegemesse Hannover](https://altenpflege-messe.de/ap%5Fhome%5Fde?ref=uebergabe.de) - Wann: 23.-25\. Juni 2020 - Wo: Messegelände Hannover - [Deutscher Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) - Wann: 11-12\. November 2020 - Wo: STATION Berlin #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ### Pflegewissenschaft, Personalbemessung, Untergrenzen & Demenzsensible Krankenhäuser (Prof. Dr. Michael Isfort) URL: https://www.uebergabe.de/ug031/ Last updated: 2026-06-12T23:51:39.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 07.03.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Personaluntergrenzen führen gleichzeitig zu Unter-, Über- und Fehlversorgung. - Pflege hat oft kein Wissensdefizit, sondern ein Umsetzungsdefizit. - Versorgung muss regional gesteuert werden – nicht aus Berlin. - Gegen den Personalmangel hilft Qualifikation und neue Versorgungskonzepte. - Demenzsensible Kliniken setzen auf Tagesstruktur, Raum und Bildung. Wer wissen will, wie es um die Pflege in Deutschland wirklich steht, braucht Zahlen – und die fehlen erstaunlich oft. Genau in diese Lücke stößt Prof. Dr. Michael Isfort vom [Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung](https://www.dip.de/aktuelles/?ref=uebergabe.de) in Köln. Seit rund 20 Jahren erhebt er Daten, berät die Politik und mischt sich ein – mal mit dem Pflegethermometer, mal mit Studien zur Personalbemessung, mal mit Konzepten für demenzsensible Krankenhäuser. In dieser Episode nimmt er dich mit hinter die Kulissen der Pflegeforschung und erklärt, warum gute Erkenntnisse allein die Versorgung noch nicht retten. ## Ein Institut, das von Ideen und Drittmitteln lebt Das DIP ist kein behäbiger Forschungsapparat, sondern ein eingetragener Verein, der ohne Grundfinanzierung auskommen muss. Was eingeworben wird, fließt sofort wieder in Projekte und in die Community zurück – über frei zugängliche Materialien, Veröffentlichungen und Beratung. Rund 19 Menschen arbeiten am Institut, das zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits über 120 Projekte mit einem Gesamtvolumen von etwa 13 Millionen Euro bearbeitet hatte. Drei große Linien prägen die Arbeit: Pflegebildung, Pflegeprävention und – Isforts eigener Schwerpunkt – die Pflege als Beruf. Diese Unabhängigkeit hat einen Preis. Jedes Projekt muss eingeworben werden, jede Idee braucht einen Förderer, der das Vorhaben finanziert, ohne inhaltlich hineinzureden. Stiftungen wie die Robert-Bosch-Stiftung oder die Hans-Böckler-Stiftung haben über Jahre Entwicklungen in der Pflege angestoßen. Manche Geldgeber kämen für Isfort dagegen nicht in Frage – etwa Pharmafirmen, weil pflegerische Forschung oft zeigt, dass sich vieles auch ohne Medikamente lösen lässt. Wer Geld vom Land bekommt, bindet sich ebenfalls: Grundfinanzierung bedeutet immer auch eine Form von Abhängigkeit. ## Das Pflegethermometer: Fieber messen in einem datenarmen Land Seit 2002 nimmt das Pflegethermometer immer wieder die Temperatur eines bestimmten Versorgungsbereichs – mal die Intensivpflege, mal die ambulante Pflege nach den Pflegestärkungsgesetzen, mal die Frage, wo demenzsensible Krankenhäuser eigentlich stehen. Entstanden ist es aus einer simplen Erkenntnis: Vieles, was die Forschung interessiert, geben die üblichen Statistiken schlicht nicht her. Wie viele Intensivpflegende es in Deutschland gibt? Weiß niemand. Wie viele ambulante Dienste eine Region versorgen? Auch nicht eindeutig zu beantworten. Methodisch sind das Querschnittsbefragungen mit wechselnden Themen, kein Langzeitpanel. Das hat einen Nachteil – echte Verlaufsdaten lassen sich daraus nur begrenzt ableiten – aber den Vorteil, schnell auf aktuelle Fragen reagieren zu können. Die Befragung von rund 9.000 Pflegekräften zur Intensivversorgung zeigte etwa, unter welchem Druck die Teams arbeiten. Solche Erhebungen sind für Isfort mehr als reine Datensammlung: Jeder Fragebogen ist auch eine Intervention, ein Signal an die Pflegenden, dass ihre Arbeit gesehen wird. Genau deshalb ist ihm wichtig, dass Ergebnisse schnell vorliegen und in Zeitschriften erscheinen, die in der Praxis gelesen werden – nichts ist zermürbender, als zwei Jahre nach einer Umfrage von den Resultaten zu erfahren. Wie belastend Pflegende ihren Alltag erleben, hat das Institut auch im Beitrag [„Permanent am Limit" zur Intensivpflege](https://www.dip.de/fileadmin/data/pdf/artikel/PI%5F04%5F2017%5FIsfort%5FPermanent%5Fam%5FLimit%5F22-27.pdf?ref=uebergabe.de) dokumentiert. > *„Wir haben in der Pflege sehr oft gar kein Wissensdefizit – wir haben ein Umsetzungsdefizit." — Prof. Dr. Michael Isfort* ## Versorgung wird vor der eigenen Haustür entschieden Neben deutschlandweiten Erhebungen geht das DIP zunehmend ins Regionale – etwa in die Landesberichterstattung für Nordrhein-Westfalen oder, als jüngerer Auftrag, in einen Landespflegebericht für Niedersachsen. Der Grund liegt in einer für die Personalgewinnung entscheidenden Zahl: Der Mobilisationsradius von Pflegefachpersonen liegt bei etwa 20 Kilometern. Wer weiter weg wohnt, bewirbt sich erst gar nicht. Eine breit gestreute Stellenausschreibung kann sich ein Krankenhaus also fast sparen, wenn der Nachwuchs aus dem direkten Umkreis kommen muss. Wie eng Ausbildung, Rekrutierung und regionale Strukturen verknüpft sind, zeigen ähnliche [regionale Datenerhebungen aus Baden-Württemberg](https://www.zafh-care4care.de/?ref=uebergabe.de): Schließt eine Pflegeschule, verliert der ambulante Dienst 40 Kilometer weiter den Zugang zu Auszubildenden – und kann noch so gern ausbilden wollen. Für Isfort folgt daraus, dass Versorgungssicherung kleinräumig gedacht werden muss: über Versorgungsnetzwerke zwischen Kliniken und ambulanten Diensten, über Quartiersentwicklung, kommunale Versorgungszentren und Care- und Case-Management. Krankenhäuser, die rein sektoral denken, merkten irgendwann, dass sie Patient:innen nicht entlassen können, weil im Anschluss niemand da ist. > *„Die eigentliche Steuerungsmöglichkeit liegt nicht in Berlin und auch nicht in einem Landesministerium – sie liegt vor Ort." — Prof. Dr. Michael Isfort* ## Untergrenzen, PPR 2.0 und die Frage „How low can you go?" Ein roter Faden zieht sich durch alle Studien: Das Personal ist der Schlüsselfaktor. Umso kritischer blickt Isfort auf die [Pflegepersonaluntergrenzen](https://deutscher-pflegerat.de/pflegeberuf/Pflegeberuf%20Downloads/2018%5F06%5F01%5FErklaerung%5FPPUG.pdf?m=1527843204&&ref=uebergabe.de). Sie seien Ausdruck eines politischen Misstrauens gegenüber Klinikbetreibern, die jahrelang versprochen hatten, das Problem selbst zu lösen. Das Tückische: Eine Untergrenze ist eine rote Linie, kein Maximum – und doch wird sie in vielen Häusern zur neuen Normallinie. Pflegedienst- und Stationsleitungen geraten zunehmend in einen Rechtfertigungsdruck, wenn sie oberhalb der Grenze besetzen. Auf manchen Intensivstationen werde inzwischen nur noch „auf der Untergrenze" gearbeitet. Gerade in der Spitzenversorgung, etwa in Universitätskliniken, ist eine 1:1-Betreuung im Tagdienst längst notwendig – die starren Vorgaben passen dort schlicht nicht. Das Kernproblem: Untergrenzen zählen Köpfe gegen Köpfe und erzeugen zeitgleich Unter-, Über- und Fehlversorgung. Als Gegenentwurf wurde die [PPR 2.0](https://deutscher-pflegerat.de/aktuelles/Download%20aktuelles/dkg-dpr-verdi%5FHandout%5FEckpunkte%5FUmsetzung%5FPPR%5F2.0.pdf?m=1579525459&&ref=uebergabe.de) – zum Aufnahmezeitpunkt Anfang 2020 frisch in den Eckpunkten vorgestellt – als Brückenlösung entwickelt. Isfort, an deren Entstehung beteiligt, ist ehrlich: Das ist kein großer Wurf, sondern Pragmatik. Die PPR bildet den Zustand der Patient:innen ab und ist damit ein Schritt weiter als reines Köpfezählen – intellektuell hängt sie aber rund 60 Jahre hinter modernen Verteilungsverfahren wie der DRG-Logik zurück. Andere Länder gehen pragmatischer vor: Die USA setzen mit ihren [Nurse-to-Patient-Ratios in Kalifornien](https://www.unacuhcp.org/california-nurse-to-patient-ratios/?ref=uebergabe.de) auf feste Relationszahlen wie 1:4 oder 1:2\. Doch ob 1:4 oder ob PPR – am Ende ist jede dieser Zahlen keine empirisch beweisbare Wahrheit, sondern eine normative Setzung, eine konsensuale Vereinbarung. Frust hilft hier nicht weiter, sagt Isfort: Wer einen Vorschlag in vorgegebener Zeit ohne Mittel entwickeln soll, müsse Akzente setzen, wo es möglich ist – die Alternative wäre gewesen, gar nichts zu tun. ## Demenzsensible Kliniken: mehr als eine neue Tapete Ein zweites Herzensthema sind Krankenhäuser, die auf Menschen mit kognitiven Einschränkungen eingestellt sind. Mit dem St. Franziskus-Hospital gab es zum Zeitpunkt der Aufnahme eine Klinik, die als erste demenzsensibel zertifiziert wurde – eine Besonderheit, weil hier ein eher prozessorientiertes Normverfahren mit echten pflegefachlichen Inhalten gefüllt wird. Denn Menschen mit kognitiver Störung erleben im Krankenhaus typischerweise zwei Dinge: zu viel und zugleich zu wenig. Eine Umgebung ist entweder reizüberflutend oder reizarm – und über weite Strecken des Tages ist schlicht nichts los. Isfort und sein Team haben sechs Handlungsfelder systematisiert, an denen sich Einrichtungen entlanghangeln können – von Bildungsmaßnahmen über Tagesstrukturierung und personelle Intensivierung bis zu Bau, Raum und Farbkonzepten. Wichtig sind dabei Menschen, die einen anderen Blick auf ältere Patient:innen mitbringen, etwa Altenpflegefachpersonen, die Milieu- und Tagesgestaltung beherrschen. Wie sich solche Häuser aufbauen lassen, fasst der [Praxisleitfaden zum Aufbau demenzsensibler Krankenhäuser](https://www.bosch-stiftung.de/sites/default/files/publications/pdf/2019-11/Praxisleitfaden%5Fdemenzsensible%5FKrankenhaeuser.pdf?ref=uebergabe.de) zusammen. In Skandinavien ist man bereits einen Schritt weiter und spricht gar nicht mehr von demenz-, sondern von alterssensiblen Krankenhäusern. Skeptischer ist Isfort bei der Idee, [Kurzzeitpflege im Krankenhaus](https://www.bibliomedmanager.de/news-des-tages/detailansicht/38285-nrw-ermoeglicht-kurzzeitpflege-im-krankenhaus/?ref=uebergabe.de) anzubieten. So sinnvoll der Gedanke wirkt – es brauchte sehr lange, bis sich überhaupt geriatrische Stationen etablierten, und Kliniken sind träge Organisationen, in denen Innovation selten ganz oben steht. Begeisterte Pflegefachpersonen, die ausgerechnet eine Kurzzeitpflegestation als Wunscharbeitsplatz nennen, dürften die Ausnahme bleiben. Eine [Studie zu Stand und Bedarfen der Kurzzeitpflege in Nordrhein-Westfalen](https://www.uebergabe.de/content/files/Dokumentenservice/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/mmv17-527.pdf) ordnet die Lage ein. ## Gegen den Mangel hilft kein Auslandsticket Beim Personalmangel macht Isfort sich keine Illusionen: Beheben lässt er sich nicht – schon gar nicht allein über die Rekrutierung aus dem Ausland. Im Gespräch mit Kolleg:innen aus Mexiko wurde deutlich, dass auch dort Fachkräfte fehlen; sie abzuwerben hat eine klare ethische Dimension. Deutschland sei für die Pflege bestenfalls ein „Transitland". Und ältere Menschen mit Versorgungsbedarf lassen sich nicht exportieren – Gesundheit ist nicht auslagerbar wie eine Produktionskette. Sein Befund: Wir haben keine zu hohe Ausbildungskapazität, sondern zu geringe Möglichkeiten, die Beschäftigten zu finanzieren. Weniger als die Hälfte der Pflegenden arbeitet in Vollzeit. Was es braucht, sind drei Dinge gleichzeitig: gezielte Qualifikation, ein durchdachter Skill-Mix – also die Frage, wie viele Menschen mit welcher Expertise welche Aufgaben übernehmen – und neue Versorgungskonzepte. Manche Aufgaben werden andere Berufsgruppen übernehmen müssen, andere fallen durch veränderte Therapien, schnelle Konsildienste oder Screening weg. Die Pflege sei schlecht beraten, wenn sie alles behalten wolle. > *„Wir brauchen Hände, wir brauchen aber auch dringend Köpfe – und die müssen entwickelt werden." — Prof. Dr. Michael Isfort* ## Wissen ja – Umsetzung nein? Was Isfort umtreibt, ist die Lücke zwischen Erkenntnis und Realität. Vieles, was in der [Konzertierten Aktion Pflege](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/K/Konzertierte%5FAktion%5FPflege/0619%5FKAP%5FVereinbarungstexte%5FAG%5F1-5.pdf?ref=uebergabe.de) als Position auftaucht, sei längst bekannt – neue Aufgabengebiete, mehr Kompetenzen, international belegte Wirksamkeit. Die Politik nehme vor allem Reparaturen vor, statt grundlegend neu zu denken. Genau wie beim Klima fehle es nicht an Wissen, sondern am Handeln. Dabei gebe es keinen Sektor, der von Digitalisierung und Technologisierung unberührt bleibt – Innovation in der Pflege sei allerdings immer eine soziotechnische Frage, nie ein reines Technikprodukt. Wer Technik in komplexe Versorgungssettings einbettet, ohne von der Pflege aus zu denken, produziert Lösungen, die im Alltag nichts nützen. Für die Pflegewissenschaft wünscht sich Isfort daher unabhängige Förderlinien für echte Grundlagenforschung, mehr klinische Studien zu konkreten Pflegemaßnahmen und ein eigenes Institut für psychiatrische Pflegeforschung. Dass an immer mehr Universitäten – etwa in Köln und Freiburg – Lehrstühle entstehen, wertet er als gutes Signal, betont aber: Aufbau braucht Zeit, Geld und Personal. Ein tragfähiges Vorhaben lasse sich nicht mit einer halben Stelle nebenbei stemmen. Auf die wiederkehrende Frage aus der Praxis, wozu man die Pflegewissenschaft überhaupt brauche, antwortet er gelassen: Ohne fundierte Datenbasis erreicht die Berufsgruppe keine Sprachfähigkeit – und spielt damit genau jenen in die Karten, die Pflegeentwicklung verhindern wollen. ## Zwischen Sisyphos und langem Atem Frustriert das nicht? Isfort bleibt pragmatisch. Er habe vor manchen Entwicklungen gewarnt, und wenn sie eingetreten seien, sei das kein Grund zum Triumphieren. Mit den finanziellen Risiken eines drittmittelfinanzierten Instituts habe man zu leben gelernt – seit 20 Jahren und durchaus erfolgreich. Wichtig sei ihm der Dialog mit den politischen Entscheider:innen, nicht das Torpedieren. Auch Strukturen wie Pflegekammern müsse man langfristig denken und in Ruhe arbeiten lassen, statt sie nach zwei Jahren zu evaluieren. Den Stein rolle man eben immer wieder den Berg hinauf – mit Daten, mit guten Konzepten und mit dem nötigen Maß an ironischer Selbstdistanz. ## Zum Weiterhören - [ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)](https://www.uebergabe.de/ug056/) - [ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)](https://www.uebergabe.de/ug135/) - [ÜG131 – Demenz- und delirsensibles Krankenhaus (CrossOver mit Aufnahmegespräche)](https://www.uebergabe.de/ug131/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ****Pflegewissenschaft** - [Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung](https://www.dip.de/aktuelles/?ref=uebergabe.de) (www.dip.de) - [Ausgewählte quantitative Befragungen der Mitglieder der Pflegekammer Niedersachsen](https://www.dip.de/projekte/projekt-details/?tx%5Fttnews%5BbackPid%5D=60&tx%5Fttnews%5Btt%5Fnews%5D=305&cHash=273683703a207f2803d7592fc6636012&ref=uebergabe.de) (www.dip.de) - [Pflegethermometer 2018 „Eine bundesweite Befragung von Leitungskräften zur Situation der Pflege und Patientenversorgung in der stationären Langzeitpflege in Deutschland“](https://www.dip.de/fileadmin/data/pdf/projekte/Pflege%5FThermometer%5F2018.pdf?ref=uebergabe.de) (www.dip.de) - [Regionalanalysen für Baden-Württemberg als Beispiel regionaler Datenerhebung](https://www.zafh-care4care.de/?ref=uebergabe.de) (www.zafh-care4care.de) - [Permanent "am Limit". Personalsituation in der Intensivpflege](https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=4&ved=2ahUKEwiThJ2QgPrnAhWP5KQKHViVBl8QFjADegQIBBAC&url=https%3A%2F%2Fwww.dip.de%2Ffileadmin%2Fdata%2Fpdf%2Fartikel%2FPI%5F04%5F2017%5FIsfort%5FPermanent%5Fam%5FLimit%5F22-27.pdf&usg=AOvVaw0jbnujIYCgMDTGbkqtgYV4) (www.bibliomed-pflege.de) ****Personalbemessung, Personaluntergrenzen & PPR 2.0** - [Konzertierte Aktion Pflege](https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&ved=2ahUKEwi9wOeugvrnAhXF66QKHXoJBucQFjABegQICxAG&url=https%3A%2F%2Fwww.bundesgesundheitsministerium.de%2Ffileadmin%2FDateien%2F3%5FDownloads%2FK%2FKonzertierte%5FAktion%5FPflege%2F0619%5FKAP%5FVereinbarungstexte%5FAG%5F1-5.pdf&usg=AOvVaw0SyLKVo7KjWOTSNQUd4Es1) (www.bundesgesundheitsministerium.de) - [Pflegepersonaluntergrenzen](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/personaluntergrenzen.html?ref=uebergabe.de) (www.bundesgesundheitsministerium.de) - [Studie zur Pflegepersonalausstattung und „Pflegelast“ in pflegesensitiven Bereichen in Krankenhäusern](https://www.uebergabe.de/content/files/media/dokumente/krankenversicherung%5F1/krankenhaeuser/pflegepersonaluntergrenzen/2018%5F09%5F24%5Fkpmg%5Fpflegepersonalausstattung%5Fund%5Fpflegelast%5Fstudie%5Ffinal.pdf) (www.gkv-spitzenverband.de) - [Pflegepersonalstärkung durch ein Instrument zur Pflegepersonalbemessung](https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=3&ved=2ahUKEwiR9pmMgvrnAhWM2KQKHQgpCScQFjACegQIBRAC&url=https%3A%2F%2Fdeutscher-pflegerat.de%2FFachinformationen%2FPPBI%5FDPR%5FPositionspapier%5F1903.pdf&usg=AOvVaw1hVsAigQZLc3NmzolWri4b) (www.deutscher-pflegerat.de) - [Wie viel Pflege braucht ein Krankenhaus?](https://www.bibliomed-pflege.de/zeitschriften/die-schwester-der-pfleger/heftarchiv/ausgabe/artikel/sp-10-2019-reformhaus-pflege-diskussion-um-eine-bedarfsgerechte-personalausstattung/38963-wie-viel-pflege-braucht-ein-krankenhaus/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomed-pflege.de) - [Eckpunkte zur Umsetzung der PPR 2.0](https://deutscher-pflegerat.de/aktuelles/Download%20aktuelles/dkg-dpr-verdi%5FHandout%5FEckpunkte%5FUmsetzung%5FPPR%5F2.0.pdf?m=1579525459&&ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Pressemitteilung DKG, DPR und ver.di ](https://deutscher-pflegerat.de/aktuelles/Download%20aktuelles/2020-01-14%5FPM-Gemeinsame%5FPressemitteilung%5FVorstellung%5FPflegepersonalbedarfsbemessungsinstrument.pdf?m=1579525458&&ref=uebergabe.de)(deutscher-pflegerat.de) - [Stellungnahme DBfK: DBfK begrüßt Vorschlag zu Personalentwicklungsinstrument für Krankenhäuser](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/personalbemessung-krankenhaeuser.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Gemeinsame Erklärung zu den Auswirkungen der Festlegungen von Pflegepersonaluntergrenzen - Maßnahmen müssen Verbesserung der Versorgungssituation gewährleisten](https://deutscher-pflegerat.de/pflegeberuf/Pflegeberuf%20Downloads/2018%5F06%5F01%5FErklaerung%5FPPUG.pdf?m=1527843204&&ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Nurse to Patient Ratio USA Überblick](http://www.hsprj.com/health-maintanance/current-status-of-nursing-law-in-the-united-states-and-implications.pdf?ref=uebergabe.de) (www.hsprj.com) - [Nurse to Patient Ratio California](https://www.unacuhcp.org/california-nurse-to-patient-ratios/?ref=uebergabe.de) (www.unacuhcp.org) ****Demenzsensible Krankenhäuser & Kurzzeit-pflege in Krankenhäusern** - [Praxisleitfaden zum Aufbau demenzsensibler Krankenhäuser](https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=2ahUKEwjX-4ydhvrnAhUIZcAKHS4fAhYQFjAAegQIAhAC&url=https%3A%2F%2Fwww.bosch-stiftung.de%2Fsites%2Fdefault%2Ffiles%2Fpublications%2Fpdf%2F2019-11%2FPraxisleitfaden%5Fdemenzsensible%5FKrankenhaeuser.pdf&usg=AOvVaw31zTzEAccKOdUvdvDL4NM%5F) (www.bosch-stiftung.de) - [Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus - Geförderte Projekte durch die Robert Bosch Stiftung](https://www.bosch-stiftung.de/de/projekt/menschen-mit-demenz-im-akutkrankenhaus/gefoerderte-projekte?ref=uebergabe.de) (www.bosch-stiftung.de) - [Demenzsensibles Krankenhaus](https://www.wegweiser-demenz.de/informationen/im-krankenhaus/demenzsensibles-krankenhaus.html?ref=uebergabe.de) (www.wegweiser-demenz.de) - [NRW ermöglicht Kurzzeitpflege im Krankenhaus – Lohnt sich der Versorgungsvertrag?](https://www.roedl.de/themen/kompass-gesundheit-soziales/2019/06/nrw-ermoeglicht-kurzzeitpflege-im-krankenhaus-versorgungsvertrag?ref=uebergabe.de) (www.roedl.de) - [NRW ermöglicht Kurzzeitpflege im Krankenhaus](https://www.bibliomedmanager.de/news-des-tages/detailansicht/38285-nrw-ermoeglicht-kurzzeitpflege-im-krankenhaus/?ref=uebergabe.de) (www.bibliomedmanager.de) - [Studie zum Stand und zu den Bedarfen der Kurzzeitpflege in Nordrhein-Westfalen](https://www.uebergabe.de/content/files/Dokumentenservice/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/mmv17-527.pdf) (www.landtag.nrw.de) ### Mindestlöhne, PPR 2.0 & Pflegende Angehörige (Prof. Dr. T. Segmüller) URL: https://www.uebergabe.de/ug030/ Last updated: 2026-06-17T19:31:13.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 22.02.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegende Angehörige sind eine riesige, hoch belastete und politisch kaum vertretene Gruppe. - Das Finanzierungssystem der Pflege lässt kaum Raum für Begleitung und Beratung. - Nur 84 Menschen nutzten 2014 die Familienpflegezeit – ein klares Signal für Reformbedarf. - Pflege braucht ein politisches Bewusstsein und einen Schulterschluss mit Angehörigen. - Quartiersnahe Entlastungsangebote und Lohnersatzleistungen würden viel verändern. Es tut sich was in der Pflegepolitik – und gleichzeitig gibt es Themen, die seit Jahren übersehen werden. Genau diese Mischung steckt in dieser Episode: ein Update zu Löhnen und Personalbemessung, dazu ein langes, sehr persönliches Gespräch über eine Gruppe, die das Gesundheitssystem über Jahrzehnte als selbstverständlich hingenommen hat. Zu Gast in Bochum an der Hochschule für Gesundheit war Prof. Dr. Tanja Segmüller, Pflegewissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Pflege und Alter. ## Neue Mindestlöhne – Fortschritt mit bitterem Beigeschmack Ende Januar 2020 hat die Pflegekommission des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales neue Mindestlöhne für die stationäre und ambulante Pflege beschlossen. Bemerkenswert ist vor allem ein Punkt, der im Klinikalltag oft untergeht: Zwischen Ost und West klaffte beim Lohn eine deutliche Lücke. Diese soll nun schrittweise geschlossen werden. Für Pflegehilfskräfte steigt der Mindestlohn bis April 2022 in mehreren Stufen, neu eingeführt wurden eigene Untergrenzen für Pflegefachpersonen mit ein- oder zweijähriger Ausbildung sowie für dreijährig ausgebildete Fachpersonen. Auch beim Urlaub gibt es Verbesserungen. Die genauen Stufen und Beträge findest du in der Übersicht zum [neuen Pflegemindestlohn](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2020/neuer-pflegemindestlohn.html?ref=uebergabe.de) sowie in der ausführlichen Einordnung dazu, dass der [Mindestlohn auf bis zu 15,40 Euro steigt](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/39751-mindestlohn-steigt-auf-bis-zu-1540-euro/?ref=uebergabe.de). Was weiterhin fehlt, ist ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag. Dass die unterschiedlichen Interessen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite das schwierig machen, zeigt der [komplizierte Weg zum Einheitslohn](https://www.deutschlandfunk.de/tarifvertrag-fuer-pflegekraefte-der-komplizierte-weg-zum.769.de.html?dram:article%5Fid=466584&ref=uebergabe.de). Der DBfK bewertete das Ergebnis als zwiegespalten: Die Ost-West-Angleichung sei gut, der Mindestlohn für Fachpersonen aber enttäuschend niedrig. Christel Bienstein machte deutlich, dass ein Mindestlohn nicht repräsentativ dafür sein dürfe, was eine ausgebildete Pflegefachperson verdient – Niedriglöhne in einem Mangelberuf seien ein Armutszeugnis für die Gesellschaft. ## PPR 2.0 – ein Instrument für den Bedarf statt starrer Untergrenzen Parallel haben der Deutsche Pflegerat, die Deutsche Krankenhausgesellschaft und die Gewerkschaft ver.di ein neues Instrument zur Pflegepersonalbemessung im akutstationären Bereich vorgeschlagen. Es baut auf der alten Pflegepersonalregelung aus den 1990er Jahren auf, wurde aber an den aktuellen Stand des Wissens angepasst – etwa an die Expertenstandards. Die Praxistauglichkeit wurde an 44 Kliniken erprobt. Die Idee dahinter: Nach Einführung dieser PPR 2.0 sollen die starren gesetzlichen Pflegepersonaluntergrenzen entfallen, weil sie den tatsächlichen Bedarf nicht abbilden. Wer tiefer einsteigen möchte, findet die [Eckpunkte zur Umsetzung der PPR 2.0](https://deutscher-pflegerat.de/aktuelles/Download%20aktuelles/dkg-dpr-verdi%5FHandout%5FEckpunkte%5FUmsetzung%5FPPR%5F2.0.pdf?m=1579525459&&ref=uebergabe.de) in den Shownotes. ## Die unsichtbare Mehrheit: Wer pflegt eigentlich zu Hause? Der zweite, große Teil der Episode dreht sich um Menschen, die ganz ohne Dienstplan und Tarifvertrag pflegen. Tanja Segmüller hat selbst sieben Jahre in der häuslichen Pflege gearbeitet und dachte lange, ohne den ambulanten Dienst laufe nichts. Mit der Zeit – und durch die eigene Familie, als ihre Oma jahrelang pflegebedürftig war – kippte diese Sicht komplett. Die Angehörigen seien rund um die Uhr da und leisteten den eigentlichen Job. Besonders ins Bewusstsein gerückt hat sie ein Forschungsprojekt zu Menschen mit Demenz: Innerhalb der dreijährigen Laufzeit verstarben nicht selten die Angehörigen – nicht die Pflegebedürftigen. Wer gilt überhaupt als pflegende:r Angehörige:r? Segmüller fasst den Begriff bewusst weit. Es geht nicht nur ums Duschen oder Esseneingeben, sondern um das ganze Leben drumherum: Behördengänge, Kassen, Apotheke, Einkäufe, Organisation. Schon wer ab etwa einer Stunde täglich oder einmal wöchentlich Verantwortung übernimmt, gehört dazu. Die Gruppe ist denkbar vielfältig: Eltern von schwerstkranken Kindern, junge Menschen nach einem Unfall, hochaltrige Partner:innen, vor allem aber Frauen zwischen 45 und 65, die ihre Eltern versorgen – und sogar pflegende Kinder, die sich um erkrankte Geschwister kümmern. ## Fünf Lebenswelten, fünf völlig verschiedene Bedarfe In der ZIPA-Studie, an der die Hochschule für Gesundheit gemeinsam mit der Universität Witten/Herdecke beteiligt war, wurden fünf Personas gebildet, um die Lebenswirklichkeit greifbar zu machen. Am einen Ende steht der Enkel, der einmal die Woche zur Oma fährt und beim Vorlesen aus der Zeitung nebenbei prüft, ob das Hausnotrufgerät funktioniert und die Medikamente da sind. Am anderen Ende stehen hoch belastete Menschen, die seit 20 oder 30 Jahren pflegen – etwa nach einem Unfall oder einer MS-Diagnose der Partnerin oder des Partners. Sie brauchen ein riesiges Netzwerk an Hilfen und schaffen das meist nur, wenn sie sich aktiv Unterstützung holen. Dazwischen liegen die Angehörigen von Menschen mit Demenz, die täglich Abschied nehmen müssen – jede:r Dritte von ihnen, so die Forschung, hat eine klinisch manifeste Depression. > *„Schwierige Angehörige – das ist für mich schon so ein Unwort. Denn die Angehörigen sind ja die größte Ressource. Wenn man mit denen gut zurechtkommt und sie einbezieht, dann können die auch abends kommen und jemandem das Essen eingeben." — Prof. Dr. Tanja Segmüller* ## Ein Beratungsdschungel statt ausgestreckter Hand Erst in den vergangenen Jahren, so Segmüller, habe die Gesundheitspolitik die pflegenden Angehörigen überhaupt entdeckt. Davor galt familiäre Sorge als selbstverständlich. Inzwischen gibt es Interessenverbände wie „wir pflegen" oder die BIVA, die versuchen, der Gruppe eine politische Stimme zu geben. Doch das ist schwer: Wer selbst mitten in einer schicksalhaften Situation steckt, hat kaum Kapazität, sich auch noch politisch einzubringen. In Skandinavien bekommen Angehörige, die die Pflege übernehmen, teils eine Stelle bei der Kommune – inklusive Vergütung und Rückkehrrecht. In Deutschland fließt das Pflegegeld an die pflegebedürftige Person und wird meist ohnehin für Salben und Hilfsmittel verbraucht. Die eigentliche Hürde aber ist die Unübersichtlichkeit. Segmüller spricht von einem Beratungsdschungel: Je nach Wohnort, Kasse und Kommune sieht die Unterstützung völlig anders aus. In ZIPA zeigte sich, dass die wenigsten Kommunen auf ihren Internetseiten überhaupt Informationen für Angehörige bereithalten. Eigentlich, so ihr Plädoyer, müsste an jeder Kontaktstelle ein Arm ausgestreckt werden – in der Apotheke, im Rathaus, beim Hausarzt. Immerhin: Die DEGAM hat eine Leitlinie für pflegende Angehörige entwickelt, und es ist gelungen, eine Abrechnungsziffer zu schaffen, sodass Hausärzt:innen für die Beratung eine kleine Vergütung erhalten. ## Warum das Quartier über Gesundheit entscheidet Mit zunehmendem Alter schrumpft der Aktionsradius – mit etwa 90 Jahren bewegen sich Menschen im Schnitt noch rund 1000 Meter rund um ihre Wohnung. Genau deshalb spielt das Quartier eine zentrale Rolle. Lösen sich Apotheke, Hausarztpraxis und kleine Geschäfte vor Ort auf, wachsen Wege und damit der Stress. Viele Angehörige können die pflegebedürftige Person kaum allein lassen – schon ein Gang zum Arzt wird zur Zerreißprobe. Segmüller wünscht sich sorgende Gemeinschaften, in denen mitgedacht wird: eine zugängliche Toilette, ein freundlicher Hinweis im Quartier, ein Kaffee statt des fünften Brotkaufs am selben Tag. Wie das aussehen kann, zeigen Programme wie [altengerechte Quartiere in NRW](https://www.aq-nrw.de/?ref=uebergabe.de) oder die Ansätze zur [Gesundheitsförderung im Alter](https://www.lzg.nrw.de/ges%5Ffoerd/ges%5Ffoerd%5Falter/index.html?ref=uebergabe.de). ## Was professionelle Pflege leisten kann – und was das System verhindert Für Segmüller ist klar, wo beruflich Pflegende gebraucht werden: in der Beratung und in der Steuerung. Wer selbst gepflegt hat, erkennt pflegerische Bedarfe sofort – etwa, dass ein Ulkus ein Wundmanagement braucht – und kann das Hilfenetzwerk koordinieren. Das Problem ist die Finanzierung. Seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 wurde die ambulante Pflege in kleine Leistungsmodule zerlegt. Vieles, was im Alltag wirklich entlastet – der Müll runterbringen, ein offenes Ohr auf dem Weg zum Auto – wird nicht vergütet und passiert im Verborgenen. > *„Ich verstehe nicht, warum man mit Pflege und Gesundheitsleistungen Geld verdienen muss. Das ist wie Feuerwehr, wie Kindergarten, wie Straßenbau – eine staatliche Aufgabe, die sichergestellt werden muss." — Prof. Dr. Tanja Segmüller* ## Das Pflegezeitgesetz und die Zahl 84 Die Idee hinter dem [Gesetz über die Pflegezeit](https://www.gesetze-im-internet.de/pflegezg/?ref=uebergabe.de) war gut gemeint: kurzzeitige Auszeit, Freistellung für bis zu sechs Monate und eine Familienpflegezeit über zwei Jahre. Segmüller hatte früh den Verdacht, dass das in der Praxis kaum greift – und fragte bei der Bundesregierung nach. Die Antwort erschütterte sie: Im gesamten Jahr 2014 nutzten lediglich 84 Personen in Deutschland die Familienpflegezeit, bei Millionen pflegenden Angehörigen, von denen rund ein Drittel berufstätig ist. Ein zentrales Problem: Die Zeit wird über ein Darlehen finanziert oder bleibt unbezahlt. Was die Informationen zur [Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf](https://www.bmas.de/DE/Themen/Arbeitsrecht/Vereinbarkeit-Familie-Pflege-Beruf/vereinbarkeit-familie-pflege-beruf.html?ref=uebergabe.de) nicht lösen, ist die fehlende Wertschätzung: Wer ein Kind erzieht, bekommt Elterngeld – wer ein schwerstbehindertes Kind pflegt, geht leer aus. Genau hier setzt die Forderung nach einer echten, finanzierten Pflegezeit mit Lohnersatzleistung an. ## Wenn Welten aufeinanderprallen Ein heikler Punkt ist der Übergang in die stationäre Langzeitpflege. Viele Angehörige erleben ihn als Versagen – oft haben sie versprochen, „nie ins Heim". Über Jahre hat sich das eigene Leben um die eine Person gedreht. Im Heim treffen sie dann zum ersten Mal auf Personalknappheit und Rationierung, die sie zu Hause nie wahrgenommen haben. Sie suchen die Nadel im Heuhaufen, die Profis fühlen sich kontrolliert und verstecken sich – die Fronten verhärten sich. Segmüllers Lösung ist denkbar einfach und doch selten: offen miteinander sprechen, die Rahmenbedingungen benennen und Angehörige aktiv einbeziehen, etwa beim Essenreichen. ## Partizipation, die wirklich hilft: die Notfallkarte Wie viel in der Begleitung steckt, wenn man Betroffene ernst nimmt, zeigt ein Beispiel aus Segmüllers Projekten. Eine 86-Jährige, die ihren bettlägerigen, dementen Mann pflegte, hatte panische Angst, beim Einkaufen zu verunglücken – während ihr Mann allein zu Hause zurückbliebe. Ihre selbstgebastelte Lösung aus Pappe und Tesafilm wurde zur Inspiration für eine Notfallkarte: ein Kärtchen im Geldbeutel, das auf die pflegebedürftige Person hinweist, ergänzt durch eine Checkliste in der Wohnung mit allen wichtigen Informationen. Genau das meint Segmüller mit echter Beteiligung – nicht Scheinpartizipation, sondern die Sorgen und Ideen der Angehörigen aufnehmen und umsetzen. > *„Ich kümmere mich um die Angehörigen und ihre Gesundheit. Aber genauso wichtig ist mir, dass die beruflich Pflegenden auf sich achten – dass sie nicht vor die Hunde gehen, sondern im Beruf gesund bleiben können." — Prof. Dr. Tanja Segmüller* ## Wohin die Reise gehen sollte Auf die Frage nach ihren Wünschen für die Zukunft nennt Segmüller mehrere Hebel: eine Lohnersatzleistung, damit niemand durch Pflege arm wird; regelhafte, quartiersnahe Entlastungsangebote inklusive Betreuung der pflegebedürftigen Person; eine starke politische Interessenvertretung – und vor allem einen Schulterschluss zwischen professioneller Pflege und Angehörigen. Statt gegenseitiger Schuldzuweisungen brauche es das gemeinsame Ziel: dass pflegebedürftige Menschen gut versorgt werden und alle, die pflegen, dabei gesund bleiben. Dass die Pflege dafür auch politisch lauter werden muss – ähnlich wie es junge Menschen bei „Fridays for Future" vormachen –, zieht sich als roter Faden durch das ganze Gespräch. ## Zum Weiterhören - [ÜG058 – Pflegende Angehörige in der COVID-19-Krise (Simon Eggert)](https://www.uebergabe.de/ug058/) - [ÜG061 – Mobilität und Bettlägerigkeit (Dr. Angelika Zegelin)](https://www.uebergabe.de/ug061/) - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Weiterführende Links & Shownotes ### Mindestlöhne in der Pflege - [Neuer Pflegemindestlohn](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2020/neuer-pflegemindestlohn.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Stellungnahme DBfK: Neue Regelungen bei Mindestlohn in der Pflege – zwiespältiges Ergebnis](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Neue-Regelungen-bei-Mindestlohn-in-der-Pflege-zwiespaeltiges-Ergebnis.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Tarifvertrag für Pflegekräfte - Der komplizierte Weg zum Einheitslohn](https://www.deutschlandfunk.de/tarifvertrag-fuer-pflegekraefte-der-komplizierte-weg-zum.769.de.html?dram:article%5Fid=466584&ref=uebergabe.de) (deutschlandfunk.de) - [Mindestlohn steigt auf bis zu 15,40 Euro](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/39751-mindestlohn-steigt-auf-bis-zu-1540-euro/?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) ### PflegePersonalbedarfsmessung PPR 2.0 - [Eckpunkte zur Umsetzung der PPR 2.0](https://deutscher-pflegerat.de/aktuelles/Download%20aktuelles/dkg-dpr-verdi%5FHandout%5FEckpunkte%5FUmsetzung%5FPPR%5F2.0.pdf?m=1579525459&&ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Pressemitteilung DKG, DPR und ver.di ](https://deutscher-pflegerat.de/aktuelles/Download%20aktuelles/2020-01-14%5FPM-Gemeinsame%5FPressemitteilung%5FVorstellung%5FPflegepersonalbedarfsbemessungsinstrument.pdf?m=1579525458&&ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Stellungnahme DBfK: DBfK begrüßt Vorschlag zu Personalentwicklungsinstrument für Krankenhäuser](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/personalbemessung-krankenhaeuser.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) ### Pflegende Angehörige - [Welche Lösungen benötigt die private Pflege im häuslichen Umfeld?](https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/lokalzeit-ruhr/video-studiogast-tanja-segmueller-professorin-fuer-alterswissenschaften-100.html?ref=uebergabe.de) (wdr.de) - [Gesetz über die Pflegezeit](https://www.gesetze-im-internet.de/pflegezg/?ref=uebergabe.de) (gesetze-im-internet.de) - [Pflegezeitgesetz - Pflege und Beruf vereinbaren](https://www.bmas.de/DE/Themen/Arbeitsrecht/Vereinbarkeit-Familie-Pflege-Beruf/vereinbarkeit-familie-pflege-beruf.html?ref=uebergabe.de) (bmas.de) - [Spürbare Verbesserungen seit 1\. Januar 2019 - das ändert sich bei Pflege und Gesundheit - Das ändert sich für pflegende Angehörige ](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/verbesserungen-2019.html?ref=uebergabe.de#c14271) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Altengerechte Quartiere.NRW](https://www.aq-nrw.de/?ref=uebergabe.de) (aq-nrw.de) - [Gesundheitsförderung im Alter](https://www.lzg.nrw.de/ges%5Ffoerd/ges%5Ffoerd%5Falter/index.html?ref=uebergabe.de) (lzg.nrw.de) - Fichtinger, C. & Rabl, R. (2014): Die Rolle der pflegenden Angehörigen. Arbeitsumfeld Hauskrankenpflege: 29-35. - Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) (2018): Pflegende Angehörige von Erwachsenen - S3-Leitlinie AWMF-Register-Nr. 053-006 DEGAM-Leitlinie Nr. 6\. Berlin. - Nowossadeck S., Engstler H. & Klaus D. (2016): Pflege und Unterstützung durch Angehörige. Report Altersdaten 01/2016\. Deutsches Zentrum für Altersfragen: Berlin. - Wetzstein M, Rommel A, Lange C (2015): Pflegende Angehörige – Deutschlands größter Pflegedienst. Robert Koch–Institut (Hrsg.), Berlin. GBE kompakt 6(3). www.rki.de/gbe–kompakt (Stand: 19.07.2016) - Segmüller, T., Zegelin, A. & Schnepp, W. (2016). Unterstützung Pflegender Angehöriger im Quartier. Konzeption und Vorgehen im Praxisprojekt „Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger“ (Quart-UpA) in Nordrhein-Westfalen. In Praxis Klinische Verhaltensmedizin & Rehabilitation, Themenheft „Angehörige in Pflege und Rehabilitation“. Lengerich: Pabst Science Publishers. - Zegelin, A., Segmüller, T. & Bohnet-Joschko, S. (2017). Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger. Herausforderungen und Chancen für Kommunen und Pflege Unternehmen. Hannover: Schlütersche. - Segmüller, T. (2018): Im Quartier mobil bleiben- auch mit Einschränkungen, PFLEGEN, 1+2/2018, S. 23-25 - Segmüller, T. (2018): Im Quartier pflegen- Unterstützung für pflegende Angehörige, Fachzeitschrift für Palliative Geriatrie, 4\. Jg., S. 23-27 - Segmüller, T. (2018): Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger, In: Bleck, C.; van Rießen, A.; Knopp, R. (Hg.) Zukunft Alter und Pflege im Sozialraum: Theoretische Erwartungen und empirische Bewertungen aus multidisziplinären Perspektiven, Springer Verlag, Berlin - Zegelin, A.; Segmüller, T.; Bohnet-Joschko, S. (2017): Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehörige- Herausforderungen und Chancen für Kommunen und Pflege-Unternehmen, Schlütersche Verlagsgesellschaft, Hannover - Segmüller, T. (2013): Pflegende als politische Akteure, In: Die Schwester Der Pfleger, 7/13, 52\. Jg., S. 684-687 - Segmüller T. (2018) Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger. In: Bleck C., van Rießen A., Knopp R. (eds) Alter und Pflege im Sozialraum. Springer VS, Wiesbaden ### Leitlinien in der Pflege (Prof. Dr. E. Sirsch & Prof. Dr. D. Holle) URL: https://www.uebergabe.de/ug029/ Last updated: 2026-06-17T09:55:55.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 08.02.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Leitlinien fassen die beste verfügbare Evidenz für konkrete Versorgungsentscheidungen zusammen – anders als Expertenstandards. - Pflege ist erst seit 2016 über die DGP in der AWMF vertreten. - Leitlinienarbeit läuft fast komplett ehrenamtlich und ohne strukturelle Finanzierung. - Das größte Problem ist nicht die Entwicklung, sondern die Implementierung in die Praxis. - Du kannst dich über DGP-Mitgliedschaft oder im Studium an Leitlinienarbeit beteiligen. ## Wer schreibt eigentlich auf, was gute Pflege ausmacht? Ein Blick in die Welt der Leitlinienarbeit Es gibt Dokumente, die deinen Pflegealltag stärker prägen, als du vielleicht denkst. Sie liegen nicht griffbereit auf jeder Station, sie hängen nicht an der Pinnwand im Stützpunkt, und trotzdem entscheiden sie mit darüber, wie Schmerzen erfasst werden, wie mit einem Delir umgegangen wird oder wann freiheitsentziehende Maßnahmen wirklich nötig sind. Die Rede ist von Leitlinien. Sie sind so etwas wie der Kompass der evidenzbasierten Versorgung – und ausgerechnet die Pflege hatte lange Zeit kaum eine Stimme darin. Das ändert sich gerade. Mühsam, langsam, aber spürbar. Prof. Dr. Erika Sirsch und Prof. Dr. Daniela Holle, die beiden Leitlinienbeauftragten der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft (DGP), schildern in der aktuellen Folge der Übergabe, wie pflegerische Expertise in Leitlinien einfließt, warum das überhaupt so kompliziert ist und was sich daraus für die Praxis ableiten lässt. ## Was eine Leitlinie eigentlich ist – und was sie nicht ist Zunächst lohnt sich ein klarer Blick auf den Begriff selbst. Eine Leitlinie ist im Kern eine systematisch aufbereitete Zusammenfassung der besten verfügbaren Forschung zu einem konkreten Versorgungsthema. Sie ordnet die Literatur nach Evidenzgraden, vergibt Empfehlungsgrade und macht damit transparent, welche Maßnahme bei welcher Fragestellung wie gut belegt ist. Eine Leitlinie sagt also nicht „du musst", sondern „nach aktuellem Wissensstand wäre das die sinnvollste Option". Genau das unterscheidet sie von einer Richtlinie, die einen verbindlichen Charakter hat. Und sie unterscheidet sich auch von dem, was vielerorts als Expertenstandard bekannt ist. Während Standards am Pflegeprozess entlang gebaut sind – also vom Assessment bis zur Evaluation – orientieren sich Leitlinien an Entscheidungssituationen entlang eines Versorgungspfads. Sie beantworten Fragen wie: Maßnahme A oder B? Welche Option hat den höheren Evidenzgrad? Standards zielen auf das große Ganze einer Versorgungsqualität, Leitlinien auf konkrete Wegmarken in der Behandlung. Beide haben das gleiche Ziel, evidenzbasiertes Wissen zugänglich zu machen, aber sie folgen einer unterschiedlichen Logik. Standards sind in der Regel settingübergreifend angelegt, Leitlinien fokussieren häufig ein bestimmtes Setting – die Akutklinik, die ambulante Versorgung, die stationäre Altenhilfe. ## 765 Leitlinien und eine Pflege-Fachgesellschaft Zentrale Anlaufstelle für Leitlinien in Deutschland ist die AWMF – die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. Über 160 Mitgliedsgesellschaften sind hier organisiert, und sie verwaltet aktuell 765 Leitlinien. Die Themen reichen vom Schmerzassessment bei älteren Menschen über den Umgang mit Delir auf Intensivstationen bis hin zu Fragen der Einwilligungsfähigkeit. Eine beeindruckende Bandbreite. Und mittendrin: eine einzige pflegewissenschaftliche Fachgesellschaft, die DGP, seit 2016 Mitglied in der AWMF. Diese Schieflage ist historisch gewachsen. Leitlinien sind in Deutschland aus einer ärztlichen Versorgungslogik heraus entstanden, der Patient:innen-Pfad war von Anfang an aus einer medizinischen Perspektive gedacht. Dass Pflege erst seit 2016 strukturell mit am Tisch sitzt, hat damit zu tun, dass die DGP überhaupt erst nachweisen musste, dass sie wissenschaftliche Kriterien erfüllt: eigene Fachzeitschrift, eigene Veranstaltungen, ein nennenswerter Anteil promovierter Mitglieder. Heute ist die DGP an 41 Leitlinien beteiligt, davon laufen 23 aktuell, fünf nationale Versorgungsleitlinien sind bereits abgeschlossen. Klingt nach viel – ist aber im Verhältnis zu den 765 Gesamtleitlinien ein winziger Anteil. ## Wie kommt Pflege überhaupt rein? Der Weg in den Entwicklungsprozess Eine Leitlinie startet nicht damit, dass jemand auf einer Station denkt: „Hier müsste mal was passieren." Der Anstoß kommt fast immer aus einer Fachgesellschaft heraus, in der sich Menschen mit einer konkreten Versorgungslücke beschäftigen. Ein gutes Beispiel ist die Leitlinie zum Schmerzassessment in der stationären Altenhilfe. In einer interdisziplinären Arbeitsgruppe fiel auf: Es gibt Expertenstandards aus der Pflege, aber die Schnittstellen zu Hausärzt:innen, Physio- und Ergotherapie sind nicht geregelt. Aus diesem konkreten Bedarf wurde ein Antrag bei der AWMF – und am Ende eine Leitlinie. Geht eine Leitlinienanfrage bei der DGP ein, wird sie an Mitglieder weitergegeben, die fachlich passen. Die Rolle, die Delegierte dann übernehmen, kann sehr unterschiedlich aussehen. Manche besuchen ausschließlich Arbeitsgruppensitzungen und nehmen Stellung zu Recherchen anderer. Andere führen Literaturrecherchen selbst durch, erstellen Papiere, formulieren Empfehlungen aus. Was alle Beteiligten eint: Sie machen das ehrenamtlich. Es gibt keine geregelte Finanzierung für Leitlinienarbeit, weder für die Delegierten noch für die Koordination. Einzelne Projekte werden über Fachgesellschaften wie die Deutsche Schmerzgesellschaft, über das Bundesministerium für Gesundheit oder über Forschungszentren wie das DZNE getragen – aber strukturell ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Seit Kurzem fördert immerhin der Innovationsfonds Leitlinienentwicklung in begrenztem Umfang. Die meisten Stunden, die in einer Leitlinie stecken, werden nicht bezahlt. ## Warum es im Ausland anders aussieht Ein Blick in die internationale Pflegeliteratur zeigt häufig Leitlinien, die genuin aus pflegerischen Fachgesellschaften kommen. In Kanada, den USA, Australien und in vielen europäischen Ländern hat sich die Wissenschaftsorganisation in der Pflege anders entwickelt. Dort gibt es größere Verbünde, die fachinhaltliche Arbeit auf wissenschaftlicher Ebene leisten. Deutschland ist einen Sonderweg gegangen: Hier wurde sehr stark in Expertenstandards investiert, mit Organisationen wie dem DNQP. Das ist kein Defizit, sondern eine andere Logik. Aber es bedeutet auch, dass auf europäischer Ebene weniger Anschluss an die internationale Diskussion über pflegerische Leitlinien besteht. Berufspolitische Organisationen wie der Deutsche Pflegerat oder der DBfK leisten wertvolle Arbeit, sind aber strukturell nicht dafür gemacht, Leitlinien zu entwickeln. Und in der einzigen wissenschaftlichen Fachgesellschaft, der DGP, sind aktuell rund 900 Menschen organisiert – bei mehreren hunderttausend Pflegefachpersonen bundesweit eine deutliche Schieflage. ## Vom Papier in die Praxis – das eigentliche Problem Die wirklich harte Nuss ist nicht die Entwicklung einer Leitlinie. Es ist das, was danach kommt: die Implementierung. Eine Leitlinie zu schreiben, ist ein aufwendiges Verfahren – sie auch in die Versorgung zu bringen, ist ein zweites, mindestens genauso großes Projekt. Und da gibt es in Deutschland ein strukturelles Problem. Es gibt kaum Geld für Implementierungsforschung, es gibt keine Verpflichtung, Leitlinien anzuwenden, und es gibt häufig nicht einmal Bewusstsein dafür, dass sie existieren. Wer in einer Klinik mit einem Delir-Problem konfrontiert ist und die entsprechende S3-Leitlinie aufschlägt, kennt das Phänomen vielleicht: Da steht viel Sinnvolles drin, und auf der Station passiert davon wenig. Erika Sirsch dreht in der Folge die Frage um – und das ist eine wichtige Perspektivverschiebung. Nicht: Warum wenden wir die Leitlinie nicht an? Sondern: Warum arbeiten wir eigentlich so unprofessionell, dass wir uns nicht am verfügbaren Wissen orientieren? Sie nutzt das Bild der Autowerkstatt: Wenn dort jemand sagt, er könne nur Verbrennerautos reparieren, würde niemand wiederkommen. Aber im Krankenhaus wird akzeptiert, dass Versorgungsentscheidungen nicht auf dem aktuellen Stand des Wissens beruhen. Dass Pflegende und Ärzt:innen damit leben. Das ist eine ungemütliche Frage. Aber sie ist die richtige. Implementierung muss deshalb mehrdimensional gedacht werden. Das heißt erstens: Leitlinien bekannt machen, in pflegerischen Fachzeitschriften und nicht nur im Ärzteblatt. Zweitens: das Wissen in einzelne Einrichtungen tragen – nicht als komplettes Implementierungsprojekt, sondern als verfügbare Wissensbestände für konkrete Entscheidungssituationen. Drittens: in die Aus- und Weiterbildung integrieren. Pflegende sollten schon im Studium und in der Ausbildung lernen, wie Leitlinien aufgebaut sind, wo sie zu finden sind und wie man mit Evidenzgraden arbeitet. Und viertens: in die Patientenversorgung selbst kommen. Die meisten neueren Leitlinien haben mittlerweile eine Patientenversion. Auch das ist ein Hebel: informierte Patient:innen, die Fragen stellen können. ## Was tun, wenn keine Evidenz da ist? Eine besondere Situation entsteht, wenn eine Leitlinie zu einer bestimmten Frage schlicht keine Evidenz findet. Auf den ersten Blick wirkt das frustrierend – man hat sich durch hunderte Studien gearbeitet und kommt zu dem Schluss: Wir wissen es nicht. Aber genau das hat einen Wert. Es räumt mit Mythen auf. Die berühmte tiefgefrorene Ananas zur Mundpflege bei Mundläsionen ist so ein Beispiel: vor zwanzig Jahren hip, in vielen Einrichtungen bis heute praktiziert, evidenzmäßig dünn. Wenn eine Leitlinie an dieser Stelle sagt: „Dafür gibt es keine Evidenz", dann ist das eine geprüfte Aussage. Und es ist ein Auftrag an die Forschung, hier weiterzuarbeiten. Eine Leitlinie ohne Evidenzlücken wäre verdächtig – sie würde nur zeigen, dass nicht ehrlich hingeschaut wurde. Schwierig wird es, wenn fehlende Evidenz als Freibrief verstanden wird. Wenn jemand sagt: „Es steht ja nicht drin, dass ich das tun muss, also entscheide ich aus Erfahrung." Das ist dann keine evidenzbasierte Praxis mehr, sondern eminenzbasierte Praxis – Entscheidungen aus persönlicher Autorität heraus. Auch das gehört zur ehrlichen Diskussion über Leitlinien dazu: Sie sind ein Werkzeug, das gut funktioniert, wenn Menschen es nutzen wollen. Und sie wirken weniger gut, wenn Strukturen und Macht im Weg stehen. ## Wo findest du die Leitlinien? Eine handfeste Hürde ist auch ganz banal die Auffindbarkeit. Die AWMF-Leitlinien sind über deren Website frei zugänglich. Speziell für pflegerische Leitlinien gibt es seit 2017 eine Datenbank am Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP), die deutschsprachige und englischsprachige pflegerische Leitlinien systematisch zusammenführt. Und die DGP selbst pflegt auf ihrer Homepage einen eigenen Bereich, in dem jede Leitlinie, an der sie beteiligt war, mit Hintergrund, Delegierten und Zielsetzung verlinkt ist. Wer recherchieren will, hat heute deutlich mehr Möglichkeiten als noch vor wenigen Jahren. ## Wie du selbst aktiv werden kannst Vielleicht entsteht beim Hören der Folge der Eindruck: Das ist alles weit weg vom Stationsalltag. Ist es nicht. Du kannst Mitglied in der DGP werden, dich für die Sektion Nachwuchspflegewissenschaft interessieren und Leitlinienarbeit auch im Studium machen. An der Hochschule in Vallendar arbeiten Studierende konkret an Teilbereichen mit – und werden als Co-Autor:innen in Leitlinienpublikationen geführt. Pflegewissenschaft ist kein abstraktes Universum für ein paar Professor:innen. Sie ist ein Handwerk, an dem du dich beteiligen kannst, und Leitlinienarbeit ist eine der greifbarsten Möglichkeiten dafür. Was aus dieser Folge bleibt: Leitlinien sind kein Selbstzweck. Sie sind ein Werkzeug, mit dem du in konkreten Versorgungssituationen entscheiden kannst – und sie sind ein Hebel, mit dem Pflege ihre fachliche Stimme auf einer Ebene einbringt, auf der sie lange nicht gehört wurde. Es geht nicht darum, dass Pflege die ärztliche Sprache lernt. Es geht darum, dass alle Beteiligten – Ärzt:innen, Pflegefachpersonen, Therapeut:innen und Patient:innen – eine gemeinsame Sprache entwickeln, in der sie über gute Versorgung sprechen können. Das ist mühsam. Es ist ehrenamtlich. Und es ist gerade jetzt eine Chance, die wir nicht verstreichen lassen sollten. #### Weiterführende Informationen - [Leitlinienarbeit der DGP](https://dg-pflegewissenschaft.de/leitlinien-2/?ref=uebergabe.de) (dg-pflegewiseenschaft.de) - [Zentrum für Qualität in der Pflege - Pflegerische Leitlinien und Standards](https://pflegeleitlinien.zqp.de/?ref=uebergabe.de) (pflegeleitlinien.zqp.de) - [Leitlinien der AWMF](https://www.awmf.org/leitlinien.html?ref=uebergabe.de) (awmf.org) - [Leitliniengrundlagen der ÄZQ](https://www.leitlinien.de/leitlinien-grundlagen?ref=uebergabe.de) (leitlinien.de) - [Leitlinien bei Cochrane Deutschland](http://www.cochrane.de/de/leitlinien?ref=uebergabe.de) - [NVL - Nationale VersorgungsLeitlinien](https://www.leitlinien.de/nvl/?ref=uebergabe.de) (leitlinien.de) - [Das ****De**utsche ****L**eitlinien-****B**ewertungs****i**nstrument (DELBI)](https://www.leitlinien.de/leitlinien-grundlagen/leitlinienbewertung/delbi?ref=uebergabe.de) (leitlinien.de) - [HealtCare Improvement Scotland - SIGN50 - A guideline developer’s handbook](https://www.sign.ac.uk/assets/sign50%5F2019.pdf?ref=uebergabe.de) (sign.ac.uk) - [Langer, G. et al. (2012). GRADE-Leitlinien: 1\. Einführung —GRADE-Evidenzprofile undSummary-of-Findings-Tabelle. Z. Evid. Fortbild. Qual. Gesundh. wesen (ZEFQ) (2012)106, 357—368](https://zefq-journal.com/article/S1865-9217%2812%2900131-6/pdf?ref=uebergabe.de) (zefq-journal.com) - [Nolting, A. et al. (2012). GRADE Leitlinien: 5\. Einschätzung der Qualität derEvidenz — Publikationsbias. Z. Evid. Fortbild. Qual. Gesundh. wesen (ZEFQ) (2012)106, 670—676](https://zefq-journal.com/article/S1865-9217%2812%2900292-9/pdf?ref=uebergabe.de) ## Zum Weiterhören - [ÜG019 – Expertenstandards in der Pflege (Prof. Dr. Dr. A. Büscher)](https://www.uebergabe.de/ug019/) - [ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)](https://www.uebergabe.de/ug050/) - [ÜG142 – Evidenzbasierte Praxisentwicklung (Nina Kolbe)](https://www.uebergabe.de/ug142/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Die neue Pflegereform & Nursing Now (B. Schneider, A. Evers, K. v. Arend) URL: https://www.uebergabe.de/ug028/ Last updated: 2026-06-17T08:35:01.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 25.01.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Sockel-Spitze-Tausch deckelt den Eigenanteil und stoppt die Kostenexplosion in der Pflege. - Statt ambulant und stationär soll künftig zwischen Wohnen und Pflege unterschieden werden. - Ein Drei-Instanzen-Modell mit Case Management koordiniert Pflege unabhängig vom Wohnort. - Die Nightingale Challenge stärkt junge Pflegefachpersonen als Führungstalente. - Wertschätzung beginnt vor Ort – unabhängig von politischen Großreformen. ## Eine Versicherung, die in die Jahre gekommen ist Wer pflegebedürftig wird, weiß vorher nur eines mit Sicherheit: Es wird teuer. Wie teuer genau, bleibt offen. Niemand kann sagen, wie lange jemand Unterstützung braucht, wie hoch der Pflegegrad einmal sein wird oder welcher Eigenanteil am Ende zusammenkommt. Genau dieses doppelte finanzielle Risiko treibt eine breite Allianz aus Trägern, Verbänden und Einzelpersonen um, die sich in der [Initiative Pro Pflegereform](http://www.pro-pflegereform.de/?ref=uebergabe.de) zusammengeschlossen hat. Ihr Sprecher Bernhard Schneider, der hauptberuflich einen großen Altenhilfeträger in Baden-Württemberg leitet, kommt in dieser Folge der Übergabe zu Wort. Die Pflegeversicherung wurde 1995 als fünfte Säule der Sozialversicherung eingeführt – eine echte Sozialreform, untrennbar verbunden mit dem Namen Norbert Blüm. Ihr Ziel war es, pflegebedürftige Menschen aus der Abhängigkeit von der Sozialhilfe zu holen. Doch sie wurde von Anfang an als Teilversicherung konstruiert: Sie übernimmt nur einen festen Anteil der pflegebedingten Kosten. Dieser Betrag wurde über Jahre kaum angepasst, während Löhne und Personalschlüssel kontinuierlich gestiegen sind. Das Ergebnis: Alles, was über den fixen Zuschuss hinausgeht, zahlen die Pflegebedürftigen aus eigener Tasche. > *„Wir wollen, dass 25 Jahre nach Erfindung der Pflegeversicherung die Pflegeversicherung neu erfunden wird – denn die hat es dringend nötig." — Bernhard Schneider* ## Wenn die Tariferhöhung zum schlechten Gewissen wird Besonders absurd wird die Logik im Alltag. In Baden-Württemberg liegen die Eigenanteile vielerorts schon jenseits der 3.000 Euro – allein für die Pflege etwa 1.500 Euro, dazu noch einmal so viel für Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten. Und sie steigen weiter. Denn mit der Konzertierten Aktion Pflege, dem Pflegelöhneverbesserungsgesetz und einem neuen Personalbemessungssystem werden bundesweit die Personalschlüssel und Gehälter besser. Das ist gut – nur trägt die Mehrkosten bislang die pflegebedürftige Person selbst. Schneider beschreibt das Dilemma anschaulich: Pflegefachpersonen freuen sich über mehr Personal und höhere Tarife – und bekommen zugleich ein schlechtes Gewissen, weil die Erhöhung am nächsten Morgen von genau der Person bezahlt werden muss, die sie pflegen. Dieser Konflikt soll aufgelöst werden. Wie groß der politische Rückhalt für eine grundlegende Reform inzwischen ist, zeigt auch die Berichterstattung darüber, dass [Verbände die Blüm'sche Jahrhundertreform retten](https://www.aerztezeitung.de/Politik/Verbaende-wollen-Bluemsche-Jahrhundertreform-retten-403894.html?ref=uebergabe.de) wollen. > *„Jede Verbesserung, die in Berlin beschlossen wird, bezahlen am Ende unsere Kunden selbst – das wollen wir mit dem Sockel-Spitze-Tausch ändern." — Bernhard Schneider* ## Der Sockel-Spitze-Tausch: das Risiko endlich kalkulierbar machen Das Herzstück des Reformkonzepts trägt einen sperrigen Namen: Sockel-Spitze-Tausch. Dahinter steckt ein verblüffend einfacher Gedanke. Bisher zahlt die Pflegekasse einen festen Sockel, und die nach oben offene Spitze tragen die Pflegebedürftigen. Künftig soll es genau umgekehrt sein – wie im Krankenhaus, wo nur ein fester Tagessatz fällig wird und den Rest die Krankenkasse übernimmt. Die pflegebedürftige Person zahlt also einen festen Eigenanteil, jede Erhöhung übernimmt die Pflegekasse. Das wissenschaftliche Fundament liefert ein Team um Heinz Rothgang und Thomas Kalwitzki von der Universität Bremen. In ihrem [zweiten Gutachten zur Alternativen Ausgestaltung der Pflegeversicherung](https://www.vkad.de/beitraege/2.-rothgang-gutachten-zur-alternativen-ausgestaltu/1581175/?ref=uebergabe.de), das im November 2019 vorgestellt wurde, haben die Forschenden einen konkreten Wert errechnet: 467 Euro fester Eigenanteil für die Pflege, gedeckelt auf eine Karenzzeit von vier Jahren. Dazu kommen weiterhin Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten – die Gesamtbelastung läge bei rund 2.000 Euro, würde aber durch die Pflege selbst nicht mehr weiter steigen. Eine ausführliche Aufbereitung liefert die [Präsentation des Gutachtens](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/default/Zweites%5FGutachten/2019-11-18%5Faapv%5Fii%5F-%5Fpaesentation%5Fdes%5Fgutachtens%5Fin%5Fstuttgart.pdf). Der besondere Charme: Die Höhe des Sockels ist politisch gestaltbar. Wer eine Pflegevollversicherung will, setzt ihn auf null. Wer den Eigenanteil deckeln möchte, lässt ihn bestehen. Und zum ersten Mal lässt sich das individuelle Pflegerisiko überhaupt beziffern – vier Jahre mal einen festen Monatsbetrag. Genau das macht den Vorschlag auch für private Versicherer interessant, die darauf endlich passgenaue Policen anbieten könnten. ## Abschied von ambulant und stationär Ein zweiter großer Baustein rüttelt an einer Grenze, die viele für selbstverständlich halten: der Trennung von ambulant und stationär. Sie stammt aus einer Zeit, in der Pflege als verlängerter Arm des Krankenhauses gedacht wurde – mit Fieberthermometer um sechs Uhr morgens und der Vorstellung, ein Pflegeheim funktioniere wie eine Klinik. Doch warum sollte ein Pflegeheim eigentlich „stationär" sein? Und warum verliert man beim Umzug ins Heim den Anspruch auf die von der Krankenkasse finanzierte Behandlungspflege? Die Initiative schlägt vor, diese künstlichen Sektoren abzuschaffen und stattdessen zwischen der Lebenswelt des Wohnens und der Pflege zu unterscheiden. Egal ob zu Hause, in einer Wohngemeinschaft, in einer Pflegewohnung oder im betreuten Wohnen: Pflege würde überall nach demselben Leistungsrecht organisiert. Damit reagiert das Konzept auf eine Realität, in der ambulant betreute WGs, Tagespflege und neue Wohnformen längst zwischen den alten Schubladen liegen. Diese Debatte um die Strukturen der Langzeitpflege wurde auch mit der Grünen-Politikerin Kordula Schulz-Asche geführt – ein spannender Querverweis für alle, die tiefer einsteigen wollen. ## Cure, Care und sieben Bausteine Insgesamt ruht die Reform auf sieben Bausteinen. Die Behandlungspflege samt Rehabilitation zahlt überall die Krankenkasse (SGB V), Grundpflege und Betreuung die Pflegekasse (SGB XI). Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten bleiben Privatsache, hinzu kommen der Sockel-Spitze-Tausch und die Welt ohne Sektoren. Auf die Frage, warum man Cure und Care trotz fachlicher Kritik weiter trennt, antwortet Schneider klar: Es gehe nicht um eine inhaltliche Bewertung, sondern allein um die Finanzierungszuständigkeit – und darum, das heutige Wirrwarr aus Verhinderungspflege, Behandlungspflege, Pflege- und Betreuungszuschlägen zu entflechten. Finanziert werden soll das Ganze über drei Hebel: den festen Eigenanteil, einen Steuerzuschuss von zehn Prozent der Leistungsausgaben sowie eine Bürgerversicherung, in die auch Selbstständige und Beamte einzahlen. Damit ließe sich der Beitragssatz bis 2045 bei rund 4,4 Prozent halten – für Schneider ein Schnäppchenpreis angesichts steigender Lebenserwartung. Dass nicht alle begeistert sind, verschweigt er nicht: In Bundesländern mit heute niedrigen Eigenanteilen würden die Kosten zunächst steigen, weshalb es auch den Vorwurf gibt, der Vorschlag [benachteilige den Osten](https://www.wohlfahrtintern.de/koepfe/sonstige/newsdetails/article/reformvorschlag-benachteiligt-den-osten/?ref=uebergabe.de). ## Drei Instanzen und ein neues Pflegegeld Wie aber soll Pflege in einer Welt ohne Sektoren überhaupt gesteuert werden? Das Gutachten schlägt ein Drei-Instanzen-Modell vor. Erste Instanz bleibt der MDK, der mit dem Begutachtungsinstrument nicht mehr nur fünf Pflegegrade vergibt, sondern ein individuelles Leistungsbudget feststellt. Zweite Instanz ist ein verbindliches Case Management, angesiedelt bei deutlich ausgebauten Pflegestützpunkten auf kommunaler Ebene. Diese Fachpersonen übersetzen das Budget in konkrete Leistungsmodule und orchestrieren informelle Helfer:innen, technische Unterstützung und professionelle Dienste im Quartier. Dritte Instanz sind die Leistungsanbieter selbst, die auch die Qualitätssicherung für die informelle Pflege übernehmen. Spannend ist der Baustein „Pflegegeld 2.0", den Schneider unter dem Schlagwort Cash for Care beschreibt. Statt eines Geldbetrags, mit dem die pflegebedürftige Person frei schalten kann, würde künftig der oder die Pflegende für eine konkret erbrachte Leistung honoriert – etwa mit 40 Prozent des Modulpreises. So kämen pflegende Angehörige aus der Anonymität heraus, könnten geschult und unterstützt werden. Gleichzeitig will die Reform verhindern, dass Pflegearrangements zu Hause am Bedarf vorbeilaufen: Bei schweren Verläufen, die eine professionelle Wohnform erfordern, würde nur ein anteiliger Betrag ausgezahlt. Wer mehr will, kann Wahlleistungen privat zukaufen – ähnlich wie im Krankenhaus. ## Von der großen Reform zur kleinen Geste: Nursing Now Im zweiten Teil der Episode wechselt der Blick von der Systemebene in den Alltag eines Krankenhauses. Carina von Arend, Pflegefachfrau auf einer kardiologisch-onkologischen Station, und Arne Evers, Pflegedienstleiter am St. Josefs-Hospital Wiesbaden, berichten über ihre Beteiligung an der globalen Kampagne [Nursing Now](https://www.medinside.ch/de/post/nursing-now-eine-globale-stimme-fuer-die-pflege?ref=uebergabe.de). Ins Leben gerufen vom International Council of Nurses und der WHO, will sie die Situation der Pflege weltweit verbessern – und das Profil der größten Berufsgruppe im Gesundheitswesen schärfen. Ein Baustein ist die Nightingale Challenge: ein Führungskräfteentwicklungsprogramm für junge Pflegefachpersonen unter 35 Jahren – ganz im Geist von Florence Nightingale. Im Klinikverbund rund um Wiesbaden, das Otto-Fricke-Krankenhaus und ein weiteres Haus durchlaufen 15 Teilnehmende ein vielfältiges Programm: Empowerment-Workshops, Hospitationen bei Leitungen, Einblicke in pflegerische Berufspolitik beim DBfK, in die Pflegeforschung und in die kommunale Altenarbeit. Das übergeordnete Ziel der Challenge: weltweit 20.000 angehende Führungskräfte zu stärken. > *„Ich kann während meiner Arbeitszeit meine Kompetenzen erweitern, mich global vernetzen und einfach mal über den Tellerrand hinausschauen." — Carina von Arend* ## Warum der Blick über den Tellerrand zählt Für Carina ist genau dieser Perspektivwechsel der Gewinn. Im Klinikalltag sieht sie die Patient:innen oft nur für einen Ausschnitt ihres Weges – die Übergangsversorgung, das Entlassmanagement und die Frage, was danach passiert, bleiben blinde Flecken. Wer das System dahinter kennt, kann sicherer entlassen und besser beraten. Das Programm soll außerdem zeigen, dass Pflegewissenschaft, Pflegemanagement oder Advanced Practice Nursing reale Karrierewege sind – und ganz nebenbei Talente fördern, die später Verantwortung übernehmen. Darüber hinaus feiert der Verbund das gesamte Jahr unter dem Motto „Wir leben Verantwortung" mit vielen kleinen Aktionen: einer rotierenden Florence-Nightingale-Laterne, einem Kinoabend mit kritisch betrachteten Imagefilmen, einem Backwettbewerb und einem Fortbildungsprogramm, das auch die Rolle von Pflege im Nationalsozialismus beleuchtet. Manche mögen darin Symbolpolitik sehen – Evers widerspricht entschieden. Die großen Baustellen wie das Ost-West-Lohngefälle oder die Entbürokratisierung könne ein einzelnes Haus nicht lösen, sehr wohl aber dafür sorgen, dass sich die eigenen Mitarbeitenden wertgeschätzt und respektiert fühlen. > *„Wertschätzung passiert vor Ort – nicht, indem wir auf das nächste Gesetz warten." — Arne Evers* ## Was bleibt Beide Gespräche kreisen letztlich um dieselbe Frage: Wie wird Pflege zukunftsfest? Auf der Systemebene durch eine grundlegende Reform, die das finanzielle Pflegerisiko endlich kalkulierbar macht und die starre Trennung von ambulant und stationär überwindet. Und auf der persönlichen Ebene durch ein Selbstverständnis, das Pflegefachpersonen empowert, sich sichtbar zu machen, Themen zu besetzen und selbstbewusst auf Augenhöhe aufzutreten – etwa beim Thema Community Health Nursing, das in der bisherigen Versorgung oft unbesetzt bleibt. Ob der Sockel-Spitze-Tausch kommt? Schneider zeigt sich als überzeugter Berufsoptimist: Die Ideen seien in der Welt und politisch anschlussfähig – die Reform komme, vielleicht in kleineren Schritten. ## Zum Weiterhören - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG014 – Strukturen der ambulanten Pflege & Langzeitpflege - (K. Schulz-Asche)](https://www.uebergabe.de/ug014/) - [ÜG088 – Masterplan Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)](https://www.uebergabe.de/ug088/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Die Pflegereform - [Homepage der Initiative](http://www.pro-pflegereform.de/?ref=uebergabe.de) (pro-pflegerenorm.de) - [Alternative Ausgestaltung der Pflegeversicherung II (AAPV II) Langfassung](https://www.pro-pflegereform.de/fileadmin/default/Zweites%5FGutachten/2.Gutachten%5FAAPV-%5FLangfassung.pdf?ref=uebergabe.de) (pro-pflegereform.de) - [Alternative Ausgestaltung der Pflegeversicherung II (AAPV II) Kurzfassung](https://www.pro-pflegereform.de/fileadmin/default/Zweites%5FGutachten/2.Gutachten%5FAAPV-%5FKurzfassung.pdf?ref=uebergabe.de) (pro-pflegereform.de) - [Alternative Ausgestaltung der Pflegeversicherung II (Präsentation)](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/default/Zweites%5FGutachten/2019-11-18%5Faapv%5Fii%5F-%5Fpaesentation%5Fdes%5Fgutachtens%5Fin%5Fstuttgart.pdf) (pro-pflegereform.de) - [Neustart Pflege](https://www.pro-pflegereform.de/neustartpflege/?ref=uebergabe.de) (pro-pflegereform.de) - [heute - in Deutschland vom 20\. Januar 2020 - TV-Beitrag](https://www.zdf.de/nachrichten/heute-in-deutschland/heute---in-deutschland-vom-20-januar-2020-100.html?ref=uebergabe.de) (zdf.de) - [Der Ehemann als Pflegefall - das geht an die Familienersparnisse - TV-Beitrag](https://www.ardmediathek.de/swr/player/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzExODk5Njc/?ref=uebergabe.de) (ardmediathek.de) - [Pro-Pflegereform auf Twitter](https://twitter.com/ProPflegereform?ref=uebergabe.de) (twitter.com) - [Das Magazin der evangelischen Heimstiftung](https://www.ev-heimstiftung.de/static/eBooks/EHS-2019-2-html5/?ref=uebergabe.de#6) (ev-heimstiftung.de) - [Verbände wollen Blüm’sche Jahrhundertreform retten](https://www.aerztezeitung.de/Politik/Verbaende-wollen-Bluemsche-Jahrhundertreform-retten-403894.html?ref=uebergabe.de) (aerztezeitung.de) - [Komplette Neuordnung der Pflege vorgesehen](http://www.haeusliche-pflege.net/Infopool/Nachrichten/Komplette-Neuordnung-der-Pflege-vorgesehen?ref=uebergabe.de) (häusliche-pflege.net) - [Reformvorschlag benachteiligt den Osten](https://www.wohlfahrtintern.de/koepfe/sonstige/newsdetails/article/reformvorschlag-benachteiligt-den-osten/?ref=uebergabe.de) (wohlfahrtsintern.de) - [2\. Rothgang-Gutachten zur Alternativen Ausgestaltung der Pflegeversicherung veröffentlicht](https://www.vkad.de/beitraege/2.-rothgang-gutachten-zur-alternativen-ausgestaltu/1581175/?ref=uebergabe.de) (vkad.de) - Roth, G.; Rothgang, H. (1999): Auswirkungen der Pflegeversicherung auf die Entwicklung der Heimentgelte. In: Zeitschrift für Gesundheitswissenschaften, 4 (4), 306-334. - Rothgang, H. (2010): Gerechtigkeit im Verhältnis von Sozialer Pflegeversicherung und Privater Pflegeversicherung. In: Das Gesundheitswesen, 72, 154-160. - Rothgang, H. (2018a): Ein Jahr nach der großen Pflegereform -vorläufige Bilanz. In: Soziale Sicherheit (5), 186-193. - Rothgang, H.; Kalwitzki, T. (2017): Alternative Ausgestaltung der Pflegeversicherung - Abbau der Sektorengrenzen und bedarfsgerechte Leistungskultur. Gutachten im Auftrag der Initiative Pro-Pflegereform. Bremen: Universität Bremen. #### Nursing Now & Nightingale Challenge - [Nursing Now Kampagne](https://www.icn.ch/what-we-do/campaigns/nursing-now?ref=uebergabe.de) (icn.ch) - [Nursing Now Germay - Local groups](https://www.nursingnow.org/germany/?ref=uebergabe.de) (nursingnow.org) - [Nursing Now - Vorstellung durch den DBfK](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2018/2329233840.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [«Nursing now»: Eine globale Stimme für die Pflege](https://www.medinside.ch/de/post/nursing-now-eine-globale-stimme-fuer-die-pflege?ref=uebergabe.de) (medinside.ch) - [Jahr der Pflegefachkräfte und Hebammen wird eingeläutet](https://www.joho.de/news/detailansicht/jahr-der-pflegefachkraefte-und-hebammen-eingelaeutet.html?ref=uebergabe.de) (Joho.de) - [Kick-Off Jahr der Pflegefachkräfte und Hebammen 2020](https://www.joho.de/st-josefs-hospital-unternehmen.html?ref=uebergabe.de) (Joho.de) #### Hinweise auf Veranstaltungen - [Florence 2020 - International Conference on the History of Nursing](http://www.florence2020.org/?ref=uebergabe.de) - Wann; 13.-15.02.2020 - Wo: Florenz - [Deutscher Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) - Wann: 12-14\. März 2020 - Wo: STATION Berlin - [Geschichtswelten 2020 - „Kämpfe in der Pflege“](https://www.geschichtswelten.info/CfA%5FGW%5F2020%20Website.pdf?ref=uebergabe.de) - Wann: 12./13\. März 2020 - Wo: Bildungswerk Irsee - [ANP-Tagung 2020: ANP Konkret: Clinical Leadership – Praxis und Perspektiven](https://www.florence-nightingale-krankenhaus.de/de/leistungsspektrum/pflege/fuer-pflegefachpersonen/advanced-nursing-practice-anp/anp-fachtagung-2020.html?ref=uebergabe.de) - Wann: 15\. Mai 2020 - Wo: Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf-Kaiserswerth - [Meilenstein-Konferenz Communtiy Health Nursing in Deutschland](https://doo.net/veranstaltung/42579/buchung?ref=uebergabe.de) - Wann: 18\. Juni 2020 von 9:00 - 17:00 Uhr - Wo: Robert Bosch Stiftung GmbH - Repräsentanz Berlin, Französische Straße 32, 10117 Berlin #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ### Patient*innensicherheit (H. François-Kettner) URL: https://www.uebergabe.de/ug027/ Last updated: 2026-06-17T08:34:03.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 11.01.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das Aktionsbündnis Patient:innensicherheit erarbeitet seit 2005 interprofessionelle Handlungsempfehlungen. - Über 19 Empfehlungen reichen von Hygiene über Medikation bis zur außerklinischen Intensivbetreuung. - Patient:innensicherheit braucht Rückhalt im Top-Management, nicht nur engagierte Einzelne. - Eine OECD-Studie sieht bis zu 15 % der Gesundheitskosten als vermeidbar. - Pflegewissenschaft muss eigene Themen stärker beforschen und sichtbar machen. Patient:innensicherheit klingt erst einmal selbstverständlich – wer wollte schon, dass Menschen in einer Klinik oder in der häuslichen Pflege gefährdet werden? Und doch zeigt ein genauer Blick, dass im Gesundheitswesen vieles eben nicht so reibungslos läuft, wie man gern glauben möchte. Genau hier setzt das Aktionsbündnis Patient:innensicherheit an. In der ersten Podcast-Folge des Jahres 2020 war Hedwig François-Kettner zu Gast – gelernte Krankenschwester, von 2004 bis 2014 Pflegedirektorin der Charité, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und bis 2019 Vorsitzende des Aktionsbündnisses. Das Gespräch dreht sich um Fehlerkultur, Hygiene, Medikationssicherheit und die Frage, wie aus Empfehlungen echte Veränderung in der Praxis wird. ## Ein Bündnis, das die Selbstzufriedenheit infrage stellt Gegründet wurde das [Aktionsbündnis Patient:innensicherheit](https://www.aps-ev.de/?ref=uebergabe.de) im Jahr 2005 – getragen von nahezu allen Berufsgruppen des Gesundheitswesens. Treibende Kräfte waren unter anderem sehr kritische Ärzt:innen, die offen aussprachen, was sonst gern beschönigt wird: Vieles läuft eben nicht in Ordnung. Initiator Matthias Schrappe holte namhafte Persönlichkeiten an einen Tisch und verständigte sich mit der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt über ein solches Netzwerk. Auch der Deutsche Pflegerat war von Beginn an dabei – und mit ihm Hedwig François-Kettner als Vorstandsmitglied. Der Auslöser war eine ehrliche Selbstbetrachtung. Im internationalen Vergleich – allen voran mit den USA, wo die ersten Netzwerke dieser Art entstanden – wurde deutlich: Berufsgruppen arbeiten intern oft gut, doch an den Schnittstellen hakt es. Kommunikation und Kooperation lassen zu wünschen übrig, und Patient:innen werden über Gebühr gefährdet, wo das gar nicht nötig wäre. > *„Das System an sich hat erhebliche Schwächen. Viele Dinge laufen gut, aber die Kommunikation und Kooperation zwischen den Berufsgruppen lassen sehr häufig zu wünschen übrig – und Patient:innen sind dadurch gefährdet, wo es nicht sein müsste." — Hedwig François-Kettner* ## Von der Händedesinfektion bis zum vergessenen Tupfer Die Themen, an denen sich das Bündnis abarbeitet, ziehen sich quer durch den Versorgungsalltag. Ganz oben standen von Anfang an Hygiene und Infektionsprävention. Wer heute durch ein Krankenhaus geht und an jeder Ecke – bis in die Eingangshalle – einen Desinfektionsspender findet, erlebt eine Bewusstseinsänderung, die maßgeblich von der bundesweiten Kampagne „Aktion saubere Hände" angestoßen wurde. Eine messbare Erfolgsbilanz lässt sich für einen ehrenamtlichen Verein nicht lückenlos führen, aber die Veränderung ist sichtbar. Daneben geht es um Klassiker, die in der Pflege jede:r kennt: Stürze, Dekubitus, Medikationsprobleme. Und es geht um Themen wie zurückgelassene Fremdkörper im OP-Gebiet – ein Problem, das bis heute nicht ausgemerzt ist, weil etwa die vorgeschriebene Zählkontrolle nicht überall vollständig stattfindet. Insgesamt hat das Bündnis bis zum Zeitpunkt des Gesprächs 19 [Handlungsempfehlungen](https://www.aps-ev.de/handlungsempfehlungen/?ref=uebergabe.de) erarbeitet – interdisziplinär und interprofessionell, von der Medikationssicherheit über Medizinprodukte bis zur Infektionsprävention. Wichtig zu verstehen: Diese Empfehlungen sind keine Leitlinien und haben keinen juristischen Charakter. Trotzdem gewinnen sie an Gewicht. Die Rechtsprechung bezieht sich zunehmend auf die Ergebnisse des Bündnisses – etwa wenn nach einem Schadensfall gefragt wird, warum eine Einrichtung sich anerkannte Empfehlungen nicht zu eigen gemacht hat. ## Unabhängig bleiben, auch mit 750 Mitgliedern Inzwischen zählt das Bündnis rund 750 Mitglieder – etwa zur Hälfte Einzelpersonen, zur Hälfte Institutionen. Mit dabei sind Selbstverwaltungen, die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die gesetzliche Krankenversicherung und Institutionen wie der Gemeinsame Bundesausschuss. Eine durchaus heterogene Runde mit ganz unterschiedlichen Interessen. Wie bleibt man da unabhängig? Die Antwort liegt in klaren Spielregeln: Ein Leitfaden gibt vor, wie Handlungsempfehlungen zustande kommen, alle Beteiligten müssen ihre Interessenkonflikte offenlegen, und die Themen sucht das Bündnis selbst aus oder bekommt sie über Exposés gemeldet. In der Arbeitsgruppe zur außerklinischen Intensivbetreuung – einem Feld, in dem viele Interessen aufeinanderprallen – kam es sogar erstmals vor, dass Personen aus einer Arbeitsgruppe ausgeschlossen wurden. Der rote Faden bleibt dabei immer derselbe. > *„Es geht nur um Patient:innensicherheit. Es geht nicht um Interessen, nicht darum, ob die Rahmenbedingungen schon fertig sind – sondern darum, dass sie hergestellt werden." — Hedwig François-Kettner* ## Wenn Pflege zu Hause Intensivmedizin bedeutet Ein besonders heikles Feld ist die außerklinische Intensivbetreuung. Zum Zeitpunkt der Aufnahme waren davon fast 40.000 Patient:innen betroffen, die ambulant zu Hause oder in kleinen Wohneinheiten betreut und beatmet werden. Die Rahmenbedingungen sind häufig nicht in Ordnung: Wohnungen, die für einen Stromausfall nicht gewappnet sind, Hausärzt:innen, die nicht zwangsläufig Intensivmediziner:innen sind, und immer weniger wirklich qualifizierte Pflegefachpersonen. Auch Vorgaben zum Weaning, also zur Entwöhnung von der Beatmung, werden nicht konsequent eingehalten. Wer tiefer in dieses Thema einsteigen möchte, findet eine eigene Folge zur [außerklinischen Intensivversorgung](https://www.uebergabe.de/ug133/). Der Personalmangel verschärft die Lage zusätzlich. Viele Pflegefachpersonen kommen aus dem Ausland und haben teils noch keine Anerkennung – ein Punkt, an dem François-Kettner einen wunden Nerv der gesamten Profession berührt: Solange schlicht die Köpfe fehlen, leidet die Pflegequalität, so engagiert die einzelnen Menschen auch sein mögen. ## Vorstand, Arbeitsgruppen und drei Teilzeitstellen Wie organisiert sich ein solches Bündnis überhaupt? An der Spitze steht ein gewählter Vorstand mit geschäftsführender Spitze, sechs Beisitzer:innen und dem Anspruch, möglichst viele Berufsgruppen abzubilden. Wo Expertise fehlt, holt man sie über das Mitgliedernetzwerk hinzu – etwa Hygieneexpertin Petra Gastmeier, die nach ihrer Vorstandszeit als Ansprechpartnerin erhalten blieb. Darunter liegt die Ebene der Arbeitsgruppen, gespeist aus Themen, die der Vorstand auf Basis von Exposés und Literaturrecherche beschließt. Rund acht bis zehn Arbeitsgruppen laufen parallel, getragen von 250 bis 300 ehrenamtlich Engagierten. Organisiert wird das Ganze von einer Geschäftsstelle in Berlin – mit drei Teilzeitkräften und einer hauptamtlichen Geschäftsführung. Finanziert wird die Arbeit fast ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden, ergänzt um einzelne, eng zweckgebundene Projekte. Beim methodischen Vorgehen profitiert das Bündnis spürbar vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP), in dem François-Kettner mitbegründend tätig war. Drei Feedbackschleifen – durch die Arbeitsgruppe, den Vorstand und schließlich alle Mitglieder – sichern die Qualität jeder Empfehlung. ## Der weite Weg vom Papier in die Praxis Die spannendste Frage bleibt: Wie kommt eine Empfehlung tatsächlich ans Krankenbett? Das Bündnis kann nicht regulieren, sondern nur werben – über Apotheken, Netzwerke, Verbände und über die Homepage, von der jede Empfehlung frei heruntergeladen werden kann. Für patientenbezogene Themen gibt es zusätzlich eigene, leichter verständliche Broschüren, damit Patient:innen souveräner mit ihren eigenen Belangen umgehen können. Eine Masterarbeit, betreut von der späteren Bündnis-Vorsitzenden Ruth Hecker, untersuchte, wie die Empfehlungen in Kliniken ankommen. Das Ergebnis: Fast 80 Prozent der befragten Krankenhäuser kennen die Handlungsempfehlungen. Kennen heißt allerdings nicht automatisch umsetzen – und schon gar nicht vollständig. Manche Fachdisziplinen wie die Anästhesie greifen solche Themen schnell auf, andere brauchen lange. Entscheidend ist oft, wie das Top-Management aufgestellt ist. Genau deshalb fordert das Bündnis in seinem [Weißbuch Patient:innensicherheit](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2018/08/aps-weissbuch%5F2018.pdf) – in einem von 28 Punkten – eine:n Patient:innensicherheitsbeauftragte:n, möglichst auf Vorstandsebene angesiedelt. > *„Wenn das Top-Management nicht die richtigen Initiativen ergreift, dann ist die Mitarbeiterin, der Mitarbeiter, der für das Thema brennt, allein auf weiter Flur." — Hedwig François-Kettner* Hessen war zum Zeitpunkt des Gesprächs das erste Bundesland, das eine solche Beauftragung für Krankenhäuser beschlossen hat – mit jährlicher Berichtspflicht im Vorstand und Aufsichtsrat. Auch die erste Krankenkasse, die Techniker Krankenkasse, hatte damals eine entsprechende Rolle geschaffen. ## Was Pflegewissenschaft damit zu tun hat Im Gespräch wird der Bogen weit gespannt – bis hin zur Forschung der US-amerikanischen Pflegewissenschaftlerin Linda Aiken, die zeigte, dass ein höherer Anteil an akademisch qualifizierten Pflegefachpersonen die Sterblichkeit senken kann. Solche groß angelegten Studien kann ein ehrenamtlich getragener Verein nicht selbst stemmen – das ist Sache der Universitäten. Was das Bündnis aber tun kann: einen Arbeitskreis mit allen Pflegeorganisationen gründen, die Themen im Verantwortungsbereich der Pflege herauskristallisieren und in Positionspapieren benennen, was beforscht werden muss. François-Kettner, die selbst noch Pflegewissenschaftlerinnen im Ausland suchen musste, weil es in Deutschland keine gab, blickt auf eine beeindruckende Entwicklung: über 140 Studiengänge zum Zeitpunkt der Aufnahme. Gleichzeitig mahnt sie an, dass diese Vielfalt einheitlichere Standards und verbindliche Curricula-Inhalte braucht – Patient:innensicherheit gehört für sie zwingend dazu. Auch Themen wie Dekubitus, die der Pflegewissenschaftler Theo Dassen an der Charité über Jahre erhoben hat, müssten kontinuierlich aufbereitet werden. ## Worin sich Empfehlungen von Expertenstandards unterscheiden Ein häufiges Missverständnis klärt das Gespräch ganz nebenbei: Wo liegt der Unterschied zwischen einer APS-Handlungsempfehlung und einem Expertenstandard, etwa zur Sturzprophylaxe? Der Expertenstandard bleibt monodisziplinär, also auf die Pflege fokussiert. Das Bündnis schaut darüber hinaus – welche anderen Berufsgruppen sind beteiligt, was muss die Institution bereitstellen? Bei der Medikationssicherheit etwa sind Pflege, Ärzteschaft und Apotheke gleichermaßen gefragt, inklusive der ärztlichen Indikationsstellung. Wer das Thema vertiefen will, findet Folgen zu [Expertenstandards in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug019/) und zur [Arzneimitteltherapiesicherheit](https://www.uebergabe.de/ug136/). Ein überraschender Hebel ist der Einkauf: Das Bündnis fordert, dass Patient:innensicherheit bei Beschaffungsentscheidungen einen hohen Stellenwert bekommt – und dass die Praxis mit am Verhandlungstisch sitzt. Denn der billigste gepuderte Handschuh kann am Ende teuer werden. Ein Best-Practice-Beispiel lieferte ein Universitätsklinikum in Hamburg, das die Empfehlung zur Arzneimitteltherapiesicherheit zu über 90 Prozent umsetzen konnte – unterstützt durch eine Unit-Dose-Verabreichung. ## Politik, WHO und ein Welttag Auf politischer Ebene gilt: Mit jedem neuen Minister beginnt vieles von vorn – François-Kettner hat sieben Gesundheitsminister:innen in ihrer Zeit erlebt. Tragfähig ist dagegen die Zusammenarbeit auf der Fachebene des Bundesgesundheitsministeriums. Daraus erwuchs auch ein internationaler Erfolg: Die Initiative für den [Welttag der Patient:innensicherheit](https://www.who.int/campaigns/world-patient-safety-day/2019?ref=uebergabe.de), den die WHO ausgerufen hat, ging vom Bündnis aus. Und bei Gesetzentwürfen rund um Patient:innensicherheit wird das Bündnis inzwischen regelmäßig zur Stellungnahme eingeladen – etwa beim E-Health-Gesetz, bei dem es darauf drängte, dass nicht nur Ärzt:innen, sondern auch Pflege und Physiotherapie Zugang zur Patientenakte erhalten. Bemerkenswert zum Abschluss: Im Aktionsbündnis ist nach Auskunft von François-Kettner noch nie eine Handlungsempfehlung auf Sand gesetzt worden – jede wurde fertiggestellt. Eine kleine, aber starke Bilanz für ein Thema, das uns alle betrifft, sobald wir selbst zu Patient:innen werden. Die Folge wurde übrigens rund um den Auftakt ins Jahr 2020 aufgenommen, das die WHO zum Internationalen Jahr der Pflegefachpersonen und Hebammen erklärt hatte – passend zur damaligen Kampagne Nursing Now. Wer mag, trifft das Thema Patient:innensicherheit auch immer wieder beim [Deutschen Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) oder schreibt uns seine Gedanken dazu auf [unserer Facebook-Seite](https://www.facebook.com/uebergabe/). ## Zum Weiterhören - [ÜG019 – Expertenstandards in der Pflege (Prof. Dr. Dr. A. Büscher)](https://www.uebergabe.de/ug019/) - [ÜG136 – Arzneimitteltherapiesicherheit (Prof.in Dr.in Cornelia Mahler, Prof.in Dr.in Hanna Seidling, Prof. Dr. Ulrich Jaehde)](https://www.uebergabe.de/ug136/) - [ÜG133 – Außerklinische Intensivversorgung mit Christoph Jaschke](https://www.uebergabe.de/ug133/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [Homepage Aktionsbündnis Patientensicherheit ](https://www.aps-ev.de/?ref=uebergabe.de)(aps-ev.de) - [Informationsmaterialien des Aktionsbündnis Patientensicherheit](https://www.tag-der-patientensicherheit.de/downloads.html?ref=uebergabe.de) (aps-ev.de) - [APS-Weißbuch Patientensicherheit](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2018/08/aps-weissbuch%5F2018.pdf) (aps-ev.de) - [Handlungsempfehlungen des APS](https://www.aps-ev.de/handlungsempfehlungen/?ref=uebergabe.de) (aps-ev.de) - [World Patient Safety Day 2019](https://www.who.int/campaigns/world-patient-safety-day/2019?ref=uebergabe.de) (who.int) - [Nursing Now Kampagne](https://www.icn.ch/what-we-do/campaigns/nursing-now?ref=uebergabe.de) (icn.ch) #### Hinweise auf Veranstaltungen - [Florence 2020 - International Conference on the History of Nursing](http://www.florence2020.org/?ref=uebergabe.de) - Wann; 13.-15.02.2020 - Wo: Florenz - [Deutscher Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) - Wann: 12-14\. März 2020 - Wo: STATION Berlin - [Geschichtswelten 2020 - „Kämpfe in der Pflege“](https://www.geschichtswelten.info/CfA%5FGW%5F2020%20Website.pdf?ref=uebergabe.de) - Wann: 12./13\. März 2020 - Wo: Bildungswerk Irsee - [Meilenstein-Konferenz Communtiy Health Nursing in Deutschland](https://doo.net/veranstaltung/42579/buchung?ref=uebergabe.de) - Wann: 18\. Juni 2020 von 9:00 - 17:00 Uhr - Wo: Robert Bosch Stiftung GmbH - Repräsentanz Berlin, Französische Straße 32, 10117 Berlin #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ### Interview mit Andreas Westerfellhaus URL: https://www.uebergabe.de/ug026/ Last updated: 2026-06-12T23:51:36.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 27.12.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Pflegende Angehörige und Fachkräftemangel sind die drängendsten Themen der Versorgung. - Bessere Rahmenbedingungen können ausgestiegene Pflegefachpersonen zurückholen. - Aufgaben zwischen Berufsgruppen müssen neu und patient:innenorientiert verteilt werden. - Akademisierung gelingt nur mit berufsrechtlicher Absicherung und Mut zur Pionierarbeit. - Pflege braucht Solidarität, eine Stimme und die Bereitschaft, einfach mal zu machen. Wer den Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung in seinem Berliner Büro zum Gespräch trifft, bekommt schnell ein Gefühl dafür, wie groß das Themenfeld ist, das auf seinem Schreibtisch landet. Andreas Westerfellhaus – gelernter Krankenpfleger, ehemaliger Intensivpfleger, Schulleiter und langjähriger Präsident des Deutschen Pflegerats – war zum Zeitpunkt der Aufnahme Ende 2019 seit knapp zwei Jahren in diesem Amt. Im Übergabe-Interview spricht er darüber, was Pflege bewegt, was sich ändern muss und warum er trotz aller Probleme keineswegs schwarzsieht. Eine kompakte Einordnung seiner Rolle findest du auch auf der [Seite des Pflegebevollmächtigten](https://www.pflegebevollmaechtigter.de/?ref=uebergabe.de). ## Ein Amt, das fast alles berührt Die Frage, was eigentlich zu den Aufgaben eines Pflegebevollmächtigten gehört, dreht Westerfellhaus gerne um: Was gehört eigentlich nicht dazu? Im Kern geht es ihm um vier Gruppen – Patient:innen, pflegebedürftige Menschen in allen Sektoren, pflegende Angehörige und die Profession Pflege selbst. Das Ziel klingt einfach und ist doch riesig: eine sichere, qualifizierte, wohnortnahe und professionelle Versorgung sicherstellen. Sobald man dieses Versprechen ernst nimmt, hängt plötzlich alles mit allem zusammen – Finanzierung, Aufgabenverteilung, die Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen und die vielen Schnittstellen, an denen Pflege eben nicht im luftleeren Raum agiert. Die Zusammenarbeit mit dem damaligen Bundesgesundheitsminister beschreibt Westerfellhaus als von Vertrauen geprägt – schließlich habe der Minister ihn selbst ins Boot geholt. Gleichzeitig macht er kein Geheimnis daraus, dass ihn die Geschwindigkeit der politischen Prozesse manchmal ungeduldig werden lässt. Denn am Ende braucht es das Parlament, eine Koalition, die Kompromisse trägt, und mehrere Ministerien gleichzeitig – Gesundheit, Arbeit, Familie und am Ende auch das Finanzministerium. Wie sehr diese Ressorts zusammenwirken müssen, zeigt sich exemplarisch an der [Konzertierten Aktion Pflege](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/K/Konzertierte%5FAktion%5FPflege/0619%5Fkap%5Fvereinbarungstexte%5Fag%5F1-5.pdf). ## Zwei Themen, die den Menschen unter den Nägeln brennen Auf die Frage nach seinen Schwerpunkten reagiert Westerfellhaus zunächst ausweichend – alles hänge mit allem zusammen. Festnageln lässt er sich dann aber doch: Zwei Themen begegnen ihm bei seinen Besuchen in den 16 Bundesländern immer wieder. Das eine ist der Fachkräftemangel, das andere die Kurzzeitpflege. Und beide sind eng miteinander verzahnt. Über 70 Prozent der pflegebedürftigen Menschen werden zu Hause von Angehörigen versorgt – sie sind, wie Westerfellhaus es nennt, der größte ambulante Pflegedienst Deutschlands. Doch diese Menschen stoßen an ihre Grenzen. Damals zitierte Zahlen aus einem Krankenkassenreport sprachen davon, dass sich über 220.000 Angehörige vorstellen könnten, die Pflege einzustellen, weil sie sich schlicht überlastet fühlen. Entlastungsangebote, Fahrtkostenerstattung oder die Mitnahme pflegebedürftiger Angehöriger in die Reha klingen gut – nützen aber wenig, wenn es keine Kurzzeitpflegeplätze gibt. Und warum gibt es die nicht? Auch hier landet man wieder beim fehlenden Personal. So schließt sich die Schleife. > *„Wir haben nicht nur das Problem, wie kriegen wir neue Pflegekräfte, sondern wir haben auch die große Herausforderung, wie können wir Pflegefachkräfte halten." — Andreas Westerfellhaus* Besonders bewegt ihn, dass viele Pflegende ihren Beruf eigentlich lieben – aber an den Rahmenbedingungen verzweifeln. Den ganzen Tag rennen, das Gefühl, nichts geschafft zu haben, keine Zeit für Gespräche, Fehler, die unterlaufen, am Ende die eigene Erkrankung. Die Konsequenz: Teilzeit, Berufsausstieg oder der Wechsel in Nachbarländer. Genau hier setzt sein zentraler Gedanke an: Es geht nicht nur um Nachwuchs, sondern darum, die Menschen im Beruf zu halten und Ausgestiegene zurückzugewinnen. ## Zeit ist das wichtigste Argument Eine Studie aus dem Jahr 2018 zum Berufsausstieg ergab, dass 43 Prozent der Aussteiger:innen zurückkommen würden – allerdings nur, wenn sich vorher die Rahmenbedingungen ändern. Dahinter verbergen sich nach Westerfellhaus' Schätzung 120.000 bis 200.000 ausgebildete Pflegefachpersonen, die aktuell nicht, in Teilzeit oder in völlig berufsfernen Bereichen arbeiten. Das Problem allein über die nackte Zahl fehlender Fachkräfte zu lösen, hält er für illusorisch. Entscheidend sei der Faktor Zeit. Konkret hat er mehrere Arbeitszeitmodelle ins Spiel gebracht. Sein Vorschlag „80/20" sieht vor, dass Pflegende 80 Prozent bei vollem Lohnausgleich arbeiten und der Rest als Vertrauensarbeitszeit der eigenen Gesundheitserhaltung dient. Arbeitswissenschaftliche Berechnungen ergaben, dass sich allein durch sinkende Ausfallzeiten bis zu 40.000 Vollzeitäquivalente heben ließen. Auch andere Modelle – etwa drei Tage Arbeit, drei Tage frei – sollten erprobt werden. Für kleine und mittelständische Unternehmen in der ambulanten und stationären Langzeitpflege kündigte Westerfellhaus für Anfang 2020 einen „Instrumentenkoffer" an, der damals noch in der Pilotierung steckte und Trägern helfen sollte, gute Rahmenbedingungen ohne großen eigenen Aufwand umzusetzen. ## Mehr als Werbung: gute Ausbildung als Versprechen Der zweite große Hebel ist die Ausbildung. Gemeinsam mit der damaligen Familienministerin Franziska Giffey war kurz zuvor eine Kampagne gestartet, die für den Pflegeberuf werben sollte. Doch Westerfellhaus betont: Werben allein reicht nicht. Wer junge Menschen gewinnt, muss ihnen auch eine gute Ausbildung garantieren – mit echter Praxisanleitung, verlässlicher Begleitung und der Klarheit, dass Ausbildung Lernzeit ist und nicht Wertschöpfung für den Arbeitgeber. Gerade junge Auszubildende werden früh mit Sterben, schweren Verletzungen und unheilbaren Erkrankungen konfrontiert. Aus eigener Erfahrung weiß Westerfellhaus, wie wichtig es ist, dann eine Ansprechperson zu haben. Wenn diese Begleitung wegfällt und eine examinierte Pflegefachperson für 40 Patient:innen zuständig ist, stellt sich die Frage nach der Richtigkeit schon während der Ausbildung. Wie sehr internationale Rekrutierung diese Lücken füllen kann und wo ihre Grenzen liegen, beleuchtet eine [Studie zur internationalen Fachkräfterekrutierung](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/files/Projekte/28%5FEinwanderung%5Fund%5FVielfalt/studie%5Fib%5Finternationale%5Ffachkraefterekrutierung%5Fin%5Fder%5Fdeutschen%5Fpflegebranche%5F2015.pdf). ## Wer macht eigentlich was im System? Am Herzen liegt Westerfellhaus ein dritter Punkt: die Neugestaltung der Versorgungsprozesse. Deutschland habe viele hochqualifizierte Pflegefachpersonen mit Fach- und Weiterbildungen oder Studienabschluss, die nach ihrer Qualifikation häufig fragen, warum sie ihr Können nicht einsetzen dürfen. Das verschwende Ressourcen und spreche einer ganzen Berufsgruppe die Autonomie ab. Wenn man gleichzeitig beklagt, dass es weniger Medizinstudierende, Physiotherapeut:innen und Hebammen gibt, müsse man die naheliegende Frage stellen: Ist die Aufgabenverteilung zwischen den Berufsgruppen überhaupt noch richtig? > *„Wir verschwenden Ressourcen, wir sprechen einer Berufsgruppe, die hochqualifiziert ist, permanent die eigene Berufsautonomie ab." — Andreas Westerfellhaus* Das damals neue Pflegeberufereformgesetz sah mit den vorbehaltenen Tätigkeiten und der Befähigung zur selbstständigen Ausübung der Heilkunde einen ersten Aufschlag vor – allerdings noch ohne konkrete inhaltliche Füllung. Westerfellhaus verweist auf internationale Vorbilder: Advanced Nurse Practitioners, die ganze Aufgabenfelder eigenständig übernehmen, oder akademisch qualifizierte Pflegende, die im Ausland ganze Kliniken samt Case Management steuern. Damit ein solches Zusammenspiel gelingt, brauche es berufs-, leistungs- und haftungsrechtliche Grundlagen – und die Akzeptanz aller Berufsgruppen. Wie spannend dieser Aushandlungsprozess in der Praxis ist, zeigen unter anderem Diskussionen rund um [Vorbehaltsaufgaben in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug145/). ## Den Menschen wirklich in die Mitte rücken Über den Satz, man müsse den Patienten in den Mittelpunkt stellen, muss Westerfellhaus schmunzeln – schon in seiner eigenen Ausbildung Anfang der 1970er-Jahre habe man ihm das gesagt. Doch er meint es ernst und konkret: Stell dir die pflegebedürftige Person als Mittelpunkt eines Kreises vor. Erst fragst du, was dieser Mensch wirklich braucht, daraus ergeben sich bestimmte Leistungen, und dann – und erst dann – stellst du die Frage, wer diese Leistung am besten erbringen kann. Sein Beispiel ist eindrücklich: Ein älterer Mann bekommt morgens um halb sieben einen Pflegedienst zur Körperpflege, um acht wird Blut gemessen, um zehn kommt jemand zum Haarewaschen – ein Service, den er früher nie hatte. Mobilisation wäre um elf Uhr nicht möglich, um 14 Uhr schon, vorausgesetzt, die Schmerzmedikation bei seiner Osteoporose stimmt. Auf solche individuellen Bedürfnisse einzugehen, statt nach starrer Funktionalität abzuarbeiten, das meint Westerfellhaus mit Patient:innenorientierung. Und er ist überzeugt: Das ist nicht nur für die Betroffenen zufriedenstellender, sondern auch für die Pflegenden, die ihre Kompetenz endlich zur Geltung bringen können. Modelle aus den Niederlanden, in denen multiprofessionelle Teams gemeinsam analysieren, was wirklich gebraucht wird, dienen ihm dabei als Vorbild. > *„Wenn die Idee doch gut ist, warum nehmen wir nicht die Idee und verändern die Strukturen?" — Andreas Westerfellhaus* Sein Appell: mehr Mut, neue Ideen einfach mal ausprobieren und Strukturen an guten Konzepten ausrichten – nicht umgekehrt. Denn die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte ließen sich nicht mit den Instrumenten der letzten dreißig Jahre lösen. ## Akademisierung: Pionierarbeit mit Rückenwind Als langjähriger Verfechter der akademischen Qualifizierung sieht Westerfellhaus die Pflege in Deutschland beim Thema Studium eher noch am Anfang. Mit dem Pflegeberufereformgesetz standen zum Zeitpunkt der Aufnahme erstmals primärqualifizierende Studiengänge neben der generalistischen Ausbildung im Gesetz. Das Ziel: in den kommenden Jahren ein Anteil von 10 bis 20 Prozent akademisch qualifizierter Pflegefachpersonen. Dabei mahnt er, die Kirche im Dorf zu lassen – für eine Berufsgruppe von 1,2 bis 1,4 Millionen Menschen so schnell genügend Studienplätze und Dozierende aufzubauen, sei eine gewaltige Aufgabe. Auf die Frage, ob die früheren Pflegestudiengänge ihrer Zeit voraus waren, antwortet Westerfellhaus differenziert. Ja, es habe viel Kritik gegeben, Modellstudiengänge ohne klare berufsrechtliche und tarifliche Anschlussperspektive zu etablieren. Trotzdem hält er den Weg für richtig: Genau weil diese Absolvent:innen existieren, kann die Pflege heute Antworten auf die Frage liefern, wie das Versorgungssystem von morgen aussehen soll. Den jungen Studierenden macht er Mut – sie seien Pionier:innen, die die spannendste und gestalterischste Aufgabe haben, auch wenn noch nicht jede Frage geklärt ist. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit diesem Spannungsfeld findest du in unserer Folge zur [Akademisierung der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug098/). Offen anspricht er auch ein heikles Thema: Während das Hebammenstudium vollständig finanziert wird, war die Finanzierung des Pflegestudiums damals deutlich ungeklärter – etwa bei der Vergütung von Praxiszeiten. Wenn es nicht gelinge, Nachwuchs für das Studium zu gewinnen, werde es schwierig, neue Versorgungsprozesse überhaupt zu gestalten. ## Solidarität, eine Stimme und der Mut, einfach zu machen Zum Abschluss wird Westerfellhaus deutlich: Politik könne viel vorschlagen, doch ohne die Pflege selbst funktioniere nichts. Es brauche ein echtes Miteinander statt isolierter Geschäfte zwischen Politik und Profession. Vor allem aber wünscht er sich Solidarität innerhalb der Berufsgruppe. Andere Berufsgruppen – etwa die Ärzteschaft mit dem Marburger Bund – setzten ihre Anliegen geschlossen durch. Die Pflege dagegen ringe noch um eine gemeinsame Stimme. Gerade die Diskussion um Selbstverwaltung und Pflegekammern liegt ihm dabei am Herzen. Solange jede Interessengruppe – Arbeitgeber, Wohlfahrtsverbände, Kostenträger – für sich beanspruche, für die Pflege zu sprechen, fehle der Politik der eindeutige Ansprechpartner. Die Profession selbst kenne ihre Ressourcen am besten und müsse diese in einer eigenen Institution bündeln. Sein Appell an die Kritiker:innen: Statt nach 40 Jahren Stillstand weiter nur zu klagen, solle man den Menschen, die jetzt diesen Weg gehen, Vertrauen schenken – und nicht schon nach 100 Tagen das Scheitern ausrufen. Westerfellhaus sieht keineswegs schwarz. Er sieht Perspektiven – allerdings nur, wenn alle Beteiligten gemeinsam anpacken: Betroffene, Angehörige, Pflegende, andere Berufsgruppen und die Politik. Was er sich am meisten wünscht, fasst er in drei Worten zusammen: Mut, Gestaltungswillen und die Bereitschaft, einfach mal zu machen. Seine eigene Berufsbezeichnung Krankenpfleger führt er bis heute mit Selbstbewusstsein – denn ohne professionelle Pflege funktioniere die Gesundheitsversorgung schlicht nicht. ## Zum Weiterhören - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) - [ÜG017 – Generalistische Ausbildung - (Christine Vogler)](https://www.uebergabe.de/ug017/) - [ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug098/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [Homepage von Andreas Westerfellhaus](https://www.pflegebevollmaechtigter.de/?ref=uebergabe.de) (pflegebevollmächtigter.de) - [Pro­jekt zur Um­set­zung gu­ter Ar­beits­be­din­gun­gen in der Pfle­ge](https://www.curacon.de/projekt-zur-umsetzung-guter-arbeitsbedingungen-in-der-pflege/?ref=uebergabe.de) (curacon.de) - [Sofortprogramm Pflege](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/sofortprogramm-pflege.html?ref=uebergabe.de) (Bundesgesundheitsministerium.de) - [Personalbemessung in der Langzeitpflege](https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-58935-9%5F11?ref=uebergabe.de) (link.springer.com) - [Konzertierte Aktion Pflege. Vereinbarungen der Arbeitsgruppen 1 bis 5](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/K/Konzertierte%5FAktion%5FPflege/0619%5Fkap%5Fvereinbarungstexte%5Fag%5F1-5.pdf) (Bundesgesundheitsministerium.de) - [Ambulante Pflegedienste stärken, um die häusliche Pflege zu sichern](https://www.pflegebevollmaechtigter.de/details/ambulante-pflegedienste-staerken-um-die-haeusliche-pflege-zu-sichern.html?ref=uebergabe.de) (pflegebevollmaechtigter.de) - [Internationale Fachkräfterekrutierung in der deutschen Pflegebranche. Chancen und Hemmnisse aus Sicht der Einrichtungen.](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/files/Projekte/28%5FEinwanderung%5Fund%5FVielfalt/studie%5Fib%5Finternationale%5Ffachkraefterekrutierung%5Fin%5Fder%5Fdeutschen%5Fpflegebranche%5F2015.pdf) (berstelsmann-stiftung.de) ### Jahresrückblick URL: https://www.uebergabe.de/ug025/ Last updated: 2026-06-17T08:32:03.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 21.12.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der Übergabe-Podcast feiert nach einem Jahr 24 Folgen und großen Zuspruch. - Ein April-Scherz führte tatsächlich zum Interview mit Jens Spahn. - Das Team erhielt den Engagementpreis der Universität Witten/Herdecke. - Pflegekammer, Ethik und Organspende zählten zu den prägendsten Themen. - Jobboard und Creative-Commons-Lizenz erweitern den Podcast nachhaltig. Ein Jahr Podcast – das fühlt sich an wie ein ganzes Leben in Episoden gemessen. Genau diesen Anlass nimmt das Team der Übergabe in seiner großen Weihnachtsfolge, um das erste Jahr Revue passieren zu lassen. Franziska, Christian, Alex, Maik, Mike und Eva sitzen in Witten zusammen, scrollen durch die eigene Twitter-Timeline und stolpern dabei über Premieren, Pannen, hitzige Diskussionen und einen Aprilscherz, der eine ungeahnte Eigendynamik entwickelte. Eine Zeitreise durch zwölf Monate Pflege-Podcast. ## Wie alles mit drei Männern und einem Mikrofon begann Am 8\. Dezember 2018 ging der erste Tweet online: „Unser Podcast ist online." Dahinter steckte die allererste Folge – aufgenommen in der Bibliothek der Universität Witten/Herdecke, ganz entspannt, aber auch ganz schön aufgeregt. Es war die berühmte „Männerfolge" rund um Digitalisierung und die damals viel diskutierten Pflegepersonaluntergrenzen. Schon diese erste Aufnahme legte den Grundstein für eine Eigenart, die das Team bis heute begleitet: die Länge. Knapp 1 Stunde und 47 Minuten dauerte der Auftakt – und über die ideale Episodendauer diskutiert die Runde seitdem konstant weiter. Die Nervosität blieb ebenfalls ein treuer Begleiter. Egal, ob in der zweiten Folge mit Prof. Dr. Benjamin Kühme von der Hochschule Osnabrück zum Thema Akademisierung und Generalistik oder bei späteren Aufnahmen: Vor jeder Folge kribbelt es. Besonders spannend wurde es, als prominente Gäste am Mikrofon saßen – doch dazu später mehr. Klar wurde schnell: Hier sind keine ausgebildeten Journalist:innen am Werk, sondern Menschen aus der Pflege und der Pflegewissenschaft, die ihrem Fach eine Bühne geben wollen. ## Ein heißes Eisen namens Pflegekammer Mit der dritten Folge wagte sich das Team an ein Thema, das bis heute die Gemüter erhitzt: die Pflegekammer. Im Gespräch mit Martin Dichter sammelte die Redaktion vorab Fragen der Hörer:innen – und erntete eine bemerkenswerte Resonanz. Der Ankündigungs-Tweet wurde 35 Mal geteilt, die Kommentarspalten auf [der Facebook-Seite des Podcasts](https://www.facebook.com/uebergabe/) füllten sich über mehrere DIN-A4-Seiten hinweg. Nicht jede Rückmeldung war freundlich – das Wort „Propaganda-Podcast" fiel das eine oder andere Mal. Genau hier zeigte sich aber auch die Haltung der Redaktion: Kritik gehört dazu, und unterschiedliche Stimmen sind wichtig, auch wenn sie der eigenen widersprechen. Das Thema riss über das Jahr nicht ab. Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Dezember 2019 standen die Entwicklungen in Niedersachsen und Schleswig-Holstein im Fokus – und die Runde diskutierte intensiv über Urabstimmungen, über demokratische Beteiligung und über die Frage, wer eigentlich die finanziellen Mittel hat, um öffentliche Meinung zu beeinflussen. > *„Ich finde es wichtig, dass wir einfach Stimmen hören, die vielleicht nicht unserer Stimme entsprechen." — Eva* ## Der April-Scherz, der zur Realität wurde Im März 2019 landete der Podcast auf Platz 64 der iTunes-Charts – und das Team äußerte halb im Scherz den Wunsch, einmal Jens Spahn als Gast zu gewinnen. Am 1\. April folgte dann der wohl legendärste Tweet des Jahres: die angebliche Zusage des damaligen Bundesgesundheitsministers für eine Episode. 15 Retweets, 83 Likes – und so viele Menschen, die es glaubten, dass die Redaktion den Aprilscherz abends auflösen musste. Selbst im Bundesgesundheitsministerium soll kurz Verwirrung geherrscht haben, ob es da eigentlich eine Anfrage gebe. Was als augenzwinkernde Spielerei begann, entfaltete eine erstaunliche Wirkung. Über das Jahr verlinkte das Team Jens Spahn und das Ministerium immer wieder in seinen Beiträgen. Und tatsächlich: Anfang November reiste die Crew nach Berlin und führte ein rund 30-minütiges Interview mit dem Gesundheitsminister – sowie mit Andreas Westerfellhaus, dem damaligen Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung. Als Spahn den Raum betrat, soll er die Aktion sogar selbst angesprochen haben. Aus einem Scherz wurde so ein echter Meilenstein, der zeigt, wie sehr ein junges, mutiges Medium die Pflegelandschaft erreichen kann. ## Wenn die Technik einfach nicht mitspielt Ein Podcast lebt nicht nur von guten Inhalten, sondern auch von Mikrofonen, Akkus und stabilen Verbindungen – und genau dort lauerten die größten Pannen. Bei der Europawahl-Folge, aufgenommen in einer ehemaligen Zeche in Essen, sprach das Team verschiedene Politiker:innen an. Dabei kam es zu einer Verwechslung: Ein Abgeordneter mit gelbem Hemd wurde kurzerhand der FDP zugeordnet, war aber Mitglied der SPD. Solche Outtakes hängt die Redaktion bis heute liebevoll an die Folgen – ein Markenzeichen geworden. Besonders dramatisch wurde es bei der Aufnahme mit Kordula Schulz-Asche in Osnabrück: Der gebuchte Raum entpuppte sich als hallende Lagerhalle, das vergessene Ladegerät sorgte für ein konstantes Netzbrummen, draußen tobte ein Gewitter – und ein Teammitglied stand im Stau fest. Am Ende rettete der durchhaltende Akku die Folge. Auch beim Lernen der Aufnahmetechnik gab es Hürden: Lange war das Team von einer einzigen Person abhängig, die schneiden und produzieren konnte. Inzwischen haben sich weitere ins Thema eingearbeitet. ## Themen, die unter die Haut gehen Nicht alle Folgen ließen sich leicht wegmoderieren. Die Episode mit Prof. Dr. Martin Schnell zum Thema Ethik berührte tiefe Fragen rund um Sterben und Tod – und sorgte spürbar für Nachdenklichkeit in der Runde. Noch intensiver wirkte für viele die Folge zur Organspende mit B. Gruber: Was passiert eigentlich im Krankenhaus, welche Abläufe greifen, und welche Haltung hat man selbst dazu? Solche Gespräche zeigen, dass der Podcast mehr ist als reine Wissensvermittlung – er ist ein Raum für Reflexion. Dass das Team selbst dabei am meisten lernt, betont die Runde immer wieder. Von der Generalistik über Expertenstandards bis hin zu Community Health Nursing mit Wilfried Schnepp, von feministischen Perspektiven auf die Pflege bis zur Qualitätsmessung in der stationären Versorgung mit Klaus Wingenfeld – die thematische Bandbreite war enorm. Ein Hörer adelte den Podcast mit dem Vergleich, man werde langsam zur „Lage der Nation der Pflege". > *„Wenn Klaus Wingenfeld etwas erzählt, dann kannst du mitschreiben und hast ein komplettes Buch. So reden zu können, wünsche ich mir manchmal." — Christian* ## Mehr als nur Folgen: Jobboard und freie Lizenz Im März stellte das Team seinen Podcast unter eine Creative-Commons-Lizenz. Das bedeutet konkret: Die Folgen dürfen genutzt, verbreitet und öffentlich abgespielt werden – inhaltlich verändern darf man sie aber nicht, schon aus Respekt vor den Gästen. Dadurch fand der Podcast seinen Weg in Studienprogramme und Weiterbildungen. Gerade die Episode zur Advanced Practice Nursing wird gern in Schulen gehört und sorgte für viel positives Feedback. Im September folgte das nächste Herzensprojekt: das Jobboard. Die Idee dahinter ist eine Plattform, auf der akademisch ausgebildete Pflegende Stellen finden, die zu ihrem Aufgabenprofil passen. Schon allein die Sichtbarkeit der dort vertretenen Arbeitgeber sendet ein Signal: Wer hier auftaucht, will akademische Pflege voranbringen. Eine kleine Druckwirkung, die das Team durchaus beabsichtigt hat – und über die es sich sehr freut. ## Ein Preis, der den Funken würdigt Der wohl emotionalste Moment des Jahres ereignete sich bei der Weihnachtsfeier der Universität Witten/Herdecke. Völlig überraschend erhielt das Team den Engagementpreis „Esprit Engagé" – Franziska reiste dafür sogar anderthalb Tage früher aus dem Urlaub an. In einer ausführlichen Laudatio zogen die Verantwortlichen eine eindrucksvolle Verbindung: So, wie die Pionierinnen der Pflegewissenschaft – darunter Christel Bienstein und Angelika Zegelin, allesamt mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet – einst persönlich durch Hochschulen, Gremien und Landtage zogen, um für ihr Fach zu streiten, mache der Podcast heute dasselbe über Twitter, Spotify und Audio. Die Würdigung hob hervor, dass es dem Team gelingt, komplexe und kontroverse Themen klar aufzuarbeiten, die Protagonist:innen zu Wort kommen zu lassen, ohne sich selbst zu verbiegen oder ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Nominiert wurde der Podcast von Julia Söntgen. In den Dankesworten wurde deutlich, worum es der Redaktion eigentlich geht. > *„Ich glaube, wir sind nicht dazu da, der Pflege eine Stimme zu geben, denn die hat sie schon. Aber wir sind dazu da, sie ein bisschen lauter zu machen, ein bisschen unangenehm zu sein und kritische Dinge zu hinterfragen." — Franziska* ## Ein Danke an alle, die mitgetragen haben Ein Jahr Podcast wäre ohne Unterstützung nicht denkbar gewesen. Das Team bedankt sich ausdrücklich bei den Hörer:innen, bei den vielen Gästen, beim Department für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke sowie bei Fachmedien, Verlagen und Verbänden, die früh auf den Podcast aufmerksam gemacht haben. Auch die Arbeitgeber und vor allem die Familien und Freund:innen werden gewürdigt – schließlich entsteht der gesamte Podcast ehrenamtlich, in der Freizeit, neben Beruf und Studium. Kein Tag im Jahr vergeht, ohne dass im Team über Termine, Themen und Recherchen kommuniziert wird, und jede:r übernimmt einen eigenen Part. Für das kommende Jahr – damals war 2020 als Internationales Jahr der Pflegenden und Hebammen ausgerufen – stand bereits eine Aufnahme beim Deutschen Pflegetag in Berlin auf dem Plan. Inhaltlich kündigte das Team Folgen zu pflegenden Angehörigen und zur Leitlinienarbeit an. Und natürlich blieb die Hoffnung auf eine zweite Einladung ins Ministerium – vielleicht als kleine jährliche Tradition zum Geburtstag des Podcasts. Wer das erste Jahr in Episodenform nachhören möchte: Diese Jahresrückblick-Folge ist der perfekte Einstieg. Und wenn dir der Podcast gefällt, freut sich das Team über jede Bewertung – etwa [eine Rezension auf Apple Podcasts](https://itunes.apple.com/de/podcast/%C3%BCbergabe-der-podcast/id1446078578?mt=2&ref=uebergabe.de), die dabei hilft, der Pflege noch mehr Gehör zu verschaffen. ## Zum Weiterhören - [ÜG060 – Jahresauftakt (Live-Aufnahme)](https://www.uebergabe.de/ug060/) - [ÜG026 – Interview mit Andreas Westerfellhaus](https://www.uebergabe.de/ug026/) - [ÜG003 – Special: Pflegekammer - (Dr. M. Dichter)](https://www.uebergabe.de/ug003/) #### Unser Jahresrückblick Mit dieser Folge senden wir mal keine Shownotes, sondern einfach ganz liebe Grüße an alle treuen Hörenden und an diejenigen, die neu zu uns gekommen sind. ****Wir wünschen allen eine besinnliche Weihnachtszeit - auf das ihr gesund und munter bleibt und die Zeit genießen werdet. Außerdem wünschen wir einen frohen Jahreswechsel und ganz viel Glück, Liebe und Heiterkeit im nächsten Jahr!** Wir freuen uns sehr darauf, auch 2020 mit euch gestalten zu können, auf noch mehr spannende Themen und Gäste und vielleicht auch neue Ideen. Wir bedanken und herzlich bei allen, die dieses Jahr so fantastisch an unserer Seite gewesen sind, unterstützt und fleißig mit uns diskutiert haben. Vielen Dank an alle da draußen! Ohne euch wäre die Übergabe nicht dort, wo sie heute ist! Also: ein Frohes Fest und einen guten Rutsch in das neue Jahr! **Christian, Eva Maria, Mike, Franziska und Alexander!* ### Live vom Pflegetag Rheinland-Pfalz, Update Pflegekammer & DeFa URL: https://www.uebergabe.de/ug024/ Last updated: 2026-06-17T19:31:11.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 07.12.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Rheinland-Pfalz erarbeitet als erstes Bundesland eine eigene pflegerische Berufsordnung. - Vorbehaltsaufgaben geben der Pflege ab 2020 erstmals echte Entscheidungsautonomie. - Die Pflegekammer Niedersachsen wird beitragsfrei – mit Folgen für ihre Unabhängigkeit. - Die neue DeFa soll Visa und Anerkennung für Pflegekräfte aus dem Ausland beschleunigen. - Der Pflegetag Rheinland-Pfalz bringt Pflege, Politik und Kostenträger an einen Tisch. Manchmal sieht man Veränderung nicht nur in Gesetzestexten – manchmal kann man sie buchstäblich ablaufen. Genau dieses Gefühl vermittelte der dritte Pflegetag der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz in Mainz. Rund tausend Besucher:innen, viele Aussteller, ein dichtes Vortragsprogramm und jede Menge Menschen, die für ihren Beruf brennen. Der Übergabe-Podcast war eingeladen, ließ sich durch die Hallen treiben und fing O-Töne ein. Die Themen: die neue Berufsordnung, die Vorbehaltsaufgaben, ein spannendes Demenzprojekt – und zwei große berufspolitische Themen, die im Spätherbst 2019 für reichlich Wirbel gesorgt haben. ## Pflege als Gastgeberin: Was den Pflegetag besonders macht Der Pflegetag in Rheinland-Pfalz hat ein klares Ziel: die Pflege im Land auf einer gemeinsamen Plattform zusammenzubringen. Und zwar nicht als Bittstellerin, sondern als Gastgeberin. Hier sitzen Pflegefachpersonen mit Vertreter:innen der Landespolitik, mit Kostenträgern, Unternehmen und Trägern an einem Tisch – aber die Themen setzt die Pflege selbst. Standardisierung, ethische Fragestellungen, das Zusammenspiel mit gesellschaftlichen Organisationen, Patient:innensicherheit: All das wird hier verhandelt, und zwar unter pflegerischem Leadership. Markus May, Präsident der Landespflegekammer, machte deutlich, worum es im Kern geht: um ein gemeinsames Berufsverständnis und um eine starke Stimme, die über Ländergrenzen hinaus wirkt. Pflege brauche einen länderübergreifenden Dialog und vor allem Gehör in Berlin. Sandra Postel, Vizepräsidentin der Kammer, brachte das Selbstverständnis auf den Punkt: Über tausend Mitglieder rocken diese Veranstaltung gemeinsam, und das Darüberstehende sei das Selbstverständnis eines Heilberufs, der selbst definiert, was er ist, welche Qualifikationen er braucht und was sich daraus verhandeln lässt. > *„Kammer heißt nicht nur, Mitglied zu sein und zu zahlen. Kammer heißt mitbestimmen – und verändern." — Sandra Postel, Vizepräsidentin der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz* ## Das Grundgesetz der Pflege: die neue Berufsordnung Eines der zentralen Themen war die Berufsordnung, die in Rheinland-Pfalz als erstem Bundesland von einer Pflegekammer erarbeitet wurde. Andrea Bergstresser erläuterte, was dahintersteckt: Eine Berufsordnung wird aus einem Gesetz abgeleitet – in der Regel aus dem Landesheilberufsgesetz. Sie regelt aber weit mehr als nur trockene Paragrafen. In ihr stehen Rechte und Pflichten der Mitglieder, etwa die Verpflichtung, sich auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu halten. Für jede Pflegefachperson, die in Rheinland-Pfalz arbeitet, hat das damit ganz konkrete Folgen für den Berufsalltag. Der Entstehungsprozess war alles andere als ein Spaziergang: über drei Jahre Arbeit, mehr als 36 Tagesveranstaltungen, Abstimmungen mit den 81 Mitgliedern der Vertreterversammlung und eine sehr diverse Diskussion, weil Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen beteiligt waren. Am Ende stand der eine oder andere Kompromiss – aber auch ein Dokument, das die Pflege im Land selbstbewusst beschreibt. Wer tiefer eintauchen möchte, findet in der Reportage [Mission Berufsordnung](https://www.pflegemagazin-rlp.de/mission-berufsordnung?ref=uebergabe.de) spannende Einblicke in diesen Weg. > *„Die Berufsordnung ist im Grunde die Antwort auf die Frage: Was ist Pflege? Sie ist das Grundgesetz unserer Pflege in Rheinland-Pfalz." — Markus May, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz* Spannend ist die Frage, was passiert, wenn jedes Bundesland eine eigene Berufsordnung entwickelt. Macht es Sinn, dass zehn Kilometer weiter ein anderes Berufsverständnis herrscht? Der Wunsch in der Kammer ist klar: Am Ende soll auf Bundesebene eine möglichst einheitliche Linie stehen – so etwas wie eine Musterberufsordnung, die in den Ländern weitgehend gleich umgesetzt wird, ohne regionale Besonderheiten komplett einzuebnen. Rechtlich gilt die Berufsordnung zunächst für die Kammermitglieder; gegenüber Arbeitgebern entfaltet sie keine direkte arbeitsrechtliche Wirkung. Trotzdem, so Bergstresser, könne sie Mitgliedern den Rücken stärken – etwa, um mit dem Arbeitgeber über den Besuch von Fortbildungen ins Gespräch zu kommen. ## Vorbehaltsaufgaben: Pflege darf endlich selbst entscheiden Mit dem Pflegeberufegesetz, das ab 2020 greift, kommt ein echter Meilenstein: die Vorbehaltsaufgaben. Professor Frank Weidner hielt dazu einen Vortrag und ordnete ein, was das bedeutet. Drei Kernbereiche schreibt der Gesetzgeber der Pflege exklusiv zu: die Feststellung des Pflegebedarfs, die Organisation des Pflegeprozesses und die Evaluation der Pflegequalität. Diese Aufgaben dienen dem Schutz pflegebedürftiger Menschen vor Risiken – und sie sind ausschließlich qualifizierten Pflegefachpersonen vorbehalten. Wer eine Helferqualifikation hat, darf sie nicht übernehmen. Und – das machte Weidner pointiert deutlich – auch Ärzt:innen sind hier nicht mehr zuständig, weil sie die Gestaltung des Pflegeprozesses schlicht nicht erlernen. Mehr dazu findet sich in seiner [Präsentation zu den vorbehaltenen Tätigkeiten](https://www.uebergabe.de/content/files/berlin/2019/dokumente/praesentationen/weidner-frank---vorbehaltene-taetigkeiten-fuer-pflegefachkraefte.pdf) und kompakt aufbereitet im Beitrag zur [Entscheidungsautonomie für die Pflege](https://www.springerpflege.de/-kongresspflege/pflegeberufegesetz/16300612?ref=uebergabe.de). Bemerkenswert ist eine Nebenwirkung des Gesetzes: Der Gesetzgeber hat die Durchführung der Pflege nicht an den Fachkraftstatus gebunden. Planung, Bedarfsfeststellung und Organisation gehören zwingend in pflegefachliche Hände – die eigentliche Durchführung kann aber auch jemand anderes übernehmen. Genau das macht reine Verrichtungspflege auf Dauer schwierig: Wer für den gesamten Pflegeprozess verantwortlich ist, kann nicht sinnvoll nur Einzelhandgriffe abarbeiten. Je komplexer eine Organisationseinheit und je mehr Berufsgruppen beteiligt sind, desto fehleranfälliger wird das System – ein Argument für mehr pflegerische Steuerungskompetenz. Ein heikler Punkt betrifft die ehemals getrennten Berufe: Wer künftig als Altenpfleger:in oder Kinderkrankenpfleger:in arbeitet, darf die Vorbehaltsaufgaben auch bei Menschen anderer Altersgruppen ausüben – denn das ursprüngliche Gesetz war generalistisch angelegt. Das wirft Fragen nach Qualifikation und Weiterbildung auf, die in den kommenden Jahren noch zu klären sind. ## Demenz zu Hause begleiten: das Projekt DemStepCare Beim Rundgang zeigte sich ein Projekt, das deutlich macht, wie konkret bessere Versorgung aussehen kann: DemStepCare. Träger war die Rhein-Hessen-Fachklinik Alzey gemeinsam mit dem Zentrum für psychische Gesundheit im Alter in Mainz, finanziert über den Innovationsfonds. Das Ziel: die ambulante Versorgung demenziell erkrankter Menschen zu stärken und unnötige Krankenhauseinweisungen zu vermeiden. Denn oft kommen Demenzerkrankte schlechter aus der Klinik zurück, als sie hineingegangen sind – fremde Umgebung, viele Reize, Verwirrung. Der Hausarzt ist dabei der Dreh- und Angelpunkt. Bei Verdacht oder bestätigter Demenz wird – nach Einwilligung – ein engmaschiges Netzwerk aktiv: Case Manager:innen, meist selbst Pflegefachpersonen, fahren zu den Menschen nach Hause, nehmen sich Zeit, lassen auch die Angehörigen einfach reden. Über eine strukturierte Methode wird Schritt für Schritt geschaut, was hinter Unruhe oder Krisen steckt – zuerst nicht-medikamentös, etwa durch Alltagsbeschäftigung, basale Stimulation oder das Prüfen möglicher Schmerzen. Medikamente kommen erst als letzte Maßnahme. Die Rückmeldungen der beteiligten Hausärzt:innen waren positiv, weil sie die engmaschige Zusammenarbeit als echte Entlastung erleben. ## Eine Agentur für Pflegekräfte aus dem Ausland: die DeFa Vom Pflegetag zu einem bundespolitischen Thema: Zum Zeitpunkt der Aufnahme wurde die [Deutsche Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe](https://www.defa-agentur.de/?ref=uebergabe.de) (DeFa) mit Sitz im Saarland aufgebaut. Sie soll Visa, Berufsanerkennung und Arbeitserlaubnis für Pflegende aus dem Ausland bündeln und beschleunigen – ein Anliegen, das auch Teil der Konzertierten Aktion Pflege war. Die [Ankündigung des Bundesgesundheitsministeriums](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2019/4-quartal/pflegekraefte-ausland-defa.html?ref=uebergabe.de) sah eine Gebühr pro Einzelfall vor; laut den damaligen Angaben lagen bereits mehrere tausend Anträge auf Vermittlung vor. So wichtig schnellere Verfahren sind – die Sache hat mehrere Haken. Anwerbung aus dem Ausland kann das Gesundheitssystem der Herkunftsländer schwächen, gerade wenn dort selbst ein Mangel herrscht. Deshalb braucht es klare Spielregeln; die WHO und Berufsverbände haben dazu ethische Richtlinien formuliert, und auch hierzulande wird der [Ruf nach verbindlichen Standards beim Abwerben](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/107873/Verband-wuenscht-sich-Spielregeln-fuer-das-Abwerben-von-Pflegekraeften?ref=uebergabe.de) lauter. Ein zweiter Punkt ist die Enttäuschung vieler Angeworbener: Ein akademisches Ausbildungsniveau im Herkunftsland bedeutet nicht automatisch dasselbe Pflegeverständnis wie hier – grundpflegerische Tätigkeiten werden in manchen Ländern von ganz anderen Personen übernommen. Wer Menschen anwirbt, muss sie ehrlich auf die deutsche Realität vorbereiten, sonst kehren viele frustriert zurück. ## Niedersachsen: beitragsfrei – aber zu welchem Preis? Das wohl heißeste Eisen war die Lage in Niedersachsen. Innerhalb weniger Wochen überschlugen sich die Ereignisse. Erst wurde ein Winterempfang der Pflegekammer öffentlich heftig kritisiert – Stichworte: teures Papier, Häppchen –, und die Berichterstattung schoss dabei weit über das Ziel hinaus. Den medialen [Wirbel um die Veranstaltung](https://www.nwzonline.de/politik/hannover-umstrittener-winterempfang-wirbel-um-sause-der-pflegekammer%5Fa%5F50,6,1513831259.html?ref=uebergabe.de) kann man sich selbst anschauen. Pikant: Mit Volker Meyer (CDU) sowie Stimmen von FDP und AfD distanzierten sich Parteien, einzelne wollten gar nicht teilnehmen. Dass sich Parteien anmaßen, einer Selbstverwaltung der Pflege vorzuschreiben, ob sie einen Empfang abhält – beim Winterempfang der Bundesärztekammer wäre das undenkbar. Die Kammerleitung sagte den Empfang schließlich ab. Dann die nächste Schlagzeile: Sozialministerin Carola Reimann stellte eine Anschubfinanzierung in Höhe von rund sechs Millionen Euro über drei Jahre in Aussicht – mit der Folge, dass die [Mitgliedschaft beitragsfrei](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/39425-kammer-mitgliedschaft-wird-beitragsfrei/?ref=uebergabe.de) wird, Beitragsbescheide eingestellt und Mahnverfahren beendet werden. Klingt erst mal gut – ist aber zweischneidig. Denn wer zahlt, bestimmt mit. Eine dauerhafte Finanzierung aus Landesmitteln könnte die Kammer in Abhängigkeit von der Politik bringen. Genau das kritisieren der Deutsche Pflegerat und die Pflegekammer Schleswig-Holstein: Anschubfinanzierung ja, dauerhafte Finanzierung nein. Was eine beitragsfreie Kammer konkret bedeutet, ist im Beitrag [„Beitragsfreie Pflegekammer – was heißt das genau?"](https://www.pflegen-online.de/beitragsfreie-pflegekammer-was-heisst-das-genau?ref=uebergabe.de) gut aufgeschlüsselt; die Sorge um die [Aushöhlung der Unabhängigkeit](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/39460-aushoehlung-der-unabhaengigkeit-hat-begonnen/?ref=uebergabe.de) wird ebenfalls offen benannt. Und es gibt eine harte Konsequenz: Solange die Mitgliedsbeiträge aus öffentlichen Mitteln gezahlt werden, ist die Unabhängigkeit nicht durch eigene Beiträge gesichert – damit kann die Pflegekammer Niedersachsen aktuell nicht Teil der Bundespflegekammer werden. Genau diese Pflichtmitgliedschaft ist es aber, die der Pflege politisches Gewicht verleiht: Es kommt nicht auf die Rechtsform an, sondern darauf, dass die Kammer den Großteil der Berufsgruppe vertritt. Würde Niedersachsen seine Kammer kippen, wäre dort für viele Jahre keine neue in Sicht. Erfreulicher Lichtblick zum Zeitpunkt der Aufnahme: In Nordrhein-Westfalen hat das Landeskabinett unter Minister Karl-Josef Laumann die [Errichtung einer Pflegekammer beschlossen](https://www.mags.nrw/pressemitteilung/minister-laumann-die-pflegekammer-nordrhein-westfalen-ist-auf-einem-guten-weg?ref=uebergabe.de) – aufgebaut durch einen Errichtungsausschuss. ## Junge Stimmen und Menschen hinter der Kammer Beim Pflegetag war auch die junge Generation vertreten. Der Ausschuss „Junge Kammer" – aus einer Initiative rund um engagierte Berufseinsteiger:innen entstanden – will vor allem eines: junge Menschen motivieren, sich berufspolitisch einzumischen. Über Treffen, Stammtische und den Austausch mit Auszubildenden soll von Anfang an ein Verständnis dafür wachsen, wofür eine Kammer steht. Der Appell: nicht nur passiv wählen gehen, sondern sich aufstellen lassen und ein Mandat erkämpfen. Spannend war auch der Blick hinter die Kulissen der Geschäftsstelle. Dort arbeiten Menschen mit pflegerischem Hintergrund, die die ehrenamtlich tätige Vertreterversammlung unterstützen, Stellungnahmen zu Gesetzesinitiativen schreiben, Mitgliederanfragen etwa zur Delegation beantworten und neue Strukturen aufbauen. Immer wieder klang durch: Allein die Existenz der Kammer verändert etwas – weil man als Mandatsträger:in und normgebende Institution eine ganz andere Tragweite hat. Oder, wie es eine Interviewpartnerin formulierte: In dem Moment, in dem man jemandem ganz konkret bei einem Anliegen helfen kann, versteht er, warum er die Kammer braucht. ## Was bleibt vom Pflegetag Der Pflegetag Rheinland-Pfalz hat eindrücklich gezeigt, wie vielfältig Pflege ist – und wie unterschiedlich die Wahrnehmung einer Kammer in einem so heterogenen Berufsfeld ausfällt. Es gibt nach wie vor Skepsis, und es wäre falsch, sie kleinzureden. Doch die Botschaften der Befragten waren erstaunlich konsistent: Pflege muss politischer werden, selbstbewusster auftreten und Verantwortung übernehmen. Eine starke Bundespflegekammer, eine einheitlichere Berufsordnung und echte Entscheidungsautonomie durch Vorbehaltsaufgaben – das sind die Bausteine, mit denen sich die Pflege als Heilberuf eine andere Stellung im Gesundheitssystem erarbeiten kann. Oder, wie Frank Weidner es zusammenfasste: > *„Die Pflege kann mehr – wenn man sie lässt." — Prof. Dr. Frank Weidner* Der Wunsch für die nächsten Jahre? Mehr Zeit für die Menschen mit Pflegebedarf, mehr gesellschaftliche Wertschätzung und mehr junge Kolleg:innen, die sich trauen, ihren Beruf aktiv mitzugestalten. ## Zum Weiterhören - [ÜG003 – Special: Pflegekammer - (Dr. M. Dichter)](https://www.uebergabe.de/ug003/) - [ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)](https://www.uebergabe.de/ug145/) - [ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)](https://www.uebergabe.de/ug079/) --- #### DeFa (Deutsche Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe) - [Pflegekräfte aus dem Ausland: Neue Agentur kümmert sich um Visa und Arbeitserlaubnis](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2019/4-quartal/pflegekraefte-ausland-defa.html?ref=uebergabe.de) (Bundesgesundheitsministerium.de) - [Homepage der Deutschen Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe](https://www.defa-agentur.de/?ref=uebergabe.de) (defa-agentur.de) - [Neue Agentur und Positionspapier sollen Anwerbung verbessern](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/39458-neue-agentur-und-positionspapier-sollen-anwerbung-verbessern/?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Verband wünscht sich Spielregeln für das Abwerben von Pflegekräften](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/107873/Verband-wuenscht-sich-Spielregeln-fuer-das-Abwerben-von-Pflegekraeften?ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) - [Internationale Berufs-Mobilität und ethische Anwerbung von Pflegefachpersonen](https://www.dbfk.de/media/docs/download/Internationales/ICN-Position%5FBerufs-Mobilitaet-und-ethische-Anwerbung%5F2019-12.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) #### Update Pflegekammer(n) - [Kabinett beschließt Entwurf zum Pflegekammergesetz](https://www.mags.nrw/pressemitteilung/minister-laumann-die-pflegekammer-nordrhein-westfalen-ist-auf-einem-guten-weg?ref=uebergabe.de) (mags.nrw) - [Wirbel um Sause der Pflegekammer](https://www.nwzonline.de/politik/hannover-umstrittener-winterempfang-wirbel-um-sause-der-pflegekammer%5Fa%5F50,6,1513831259.html?ref=uebergabe.de) (nwzonline.de) - [Pflegekammer ruft dazu auf, auf den Boden einer konstruktiven Auseinandersetzung zurückzukehren](https://www.pflegekammer-nds.de/pressemitteilungen/pressemitteilung-pflegekammer-ruft-dazu-auf-auf-den-boden-einer-konstruktiven-auseinandersetzung-zurueckzukehren?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nds.de) - [Sozialministerin gibt Fehler bei Pflegekammer zu](https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Sozialministerin-gibt-Fehler-bei-Pflegekammer-zu,pflegekammer208.html?ref=uebergabe.de) (ndr.de) - [Pflegekammer wird unter die Lupe genommen](https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Pflegekammer-wird-unter-die-Lupe-genommen,pflegekammer196.html?ref=uebergabe.de) (ndr.de) - [Kammer-Mitgliedschaft wird beitragsfrei](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/39425-kammer-mitgliedschaft-wird-beitragsfrei/?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Beitragsfreie Pflegekammer – was heißt das genau?](https://www.pflegen-online.de/beitragsfreie-pflegekammer-was-heisst-das-genau?ref=uebergabe.de) (pflegen-online.de) - [Entscheidung in Niedersachsen: Beitragserhebung und Beitragsbescheide](https://www.pflegekammer-nds.de/nachrichten-ansehen/entscheidung-in-niedersachsen-beitragserhebung-und-beitragsbescheide-wie-es-weitergeht-lesen-sie-hier?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nds.de) - ["Aushöhlung der Unabhängigkeit" hat begonnen](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/39460-aushoehlung-der-unabhaengigkeit-hat-begonnen/?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Wer kann künftig Mitglied der Pflegekammerkonferenz werden?](https://pflegekammerkonferenz.bundespflegekammer.de/faq-lesen/wer-kann-kuenftig-mitglied-der-pflegekammerkonferenz-werden?ref=uebergabe.de) (pflegekammerkonferenz.bundespflegekammer.de) - [Drube: "Pflegekammern müssen ihre Souveränität behalten"](https://www.pflegeberufekammer-sh.de/aktuelles/artikel/drube-pflegekammern-muessen-ihre-souveraenitaet-behalten/?ref=uebergabe.de) (pflegeberufekammer-sh.de) #### Pflegetag Rheinland-Pfalz - [Pflegetag Rheinland-Pfalz 2019](https://www.pflegekammer-rlp.de/index.php/termine-anzeigen/pflegetag-rheinland-pfalz-2019.html?ref=uebergabe.de) (Pflegekammer-rlp.de) - [Mission Berufsordnung](https://www.pflegemagazin-rlp.de/mission-berufsordnung?ref=uebergabe.de) (Pflegemagazin-rlp.de) - [Berufsordnung als wichtiger Schritt zur weiteren Stärkung und Entwicklung des Berufsstandes](https://www.pflegekammer-rlp.de/index.php/news-lesen-130/berufsordnung-als-wichtiger-schritt-zur-weiteren-staerkung-und-entwicklung-des-berufsstandes.html?ref=uebergabe.de) (Pflegekammer-rlp.de) - [Pflegeberufegesetz: Erstmals Entscheidungsautonomie für die Pflege](https://www.springerpflege.de/-kongresspflege/pflegeberufegesetz/16300612?ref=uebergabe.de) (springerpflege.de) - [Vorbehaltsaufgaben werten den Pflegeberuf auf](http://www.altenpflege-online.net/Infopool/Nachrichten/Vorbehaltsaufgaben-werten-den-Pflegeberuf-auf?ref=uebergabe.de) (altenpflege-online.net) - [Vorbehaltene Tätigkeiten für Pflegefachkräfte – Konsequenzen für die Pflegepraxis und das Haftungsrecht](https://www.uebergabe.de/content/files/berlin/2019/dokumente/praesentationen/weidner-frank---vorbehaltene-taetigkeiten-fuer-pflegefachkraefte.pdf) (gesundheitskongresse.de) #### Weitere Shownotes - [wisspod: ein »Reiseführer« durch die Welt der Wissen{schaft}spodcasts](https://wissenschaftspodcasts.de/?ref=uebergabe.de) (wissenschaftspodcasts.de) #### Hinweise auf Veranstaltungen - [Florence 2020 - International Conference on the History of Nursing](http://www.florence2020.org/?ref=uebergabe.de) - Wann; 13.-15.02.2020 - Wo: Florenz - [Deutscher Pflegetag](https://www.deutscher-pflegetag.de/?ref=uebergabe.de) - Wann: 12-14\. März 2020 - Wo: STATION Berlin - [Geschichtswelten 2020 - „Kämpfe in der Pflege“](https://www.geschichtswelten.info/CfA%5FGW%5F2020%20Website.pdf?ref=uebergabe.de) - Wann: 12./13\. März 2020 - Wo: Bildungswerk Irsee - [Meilenstein-Konferenz Communtiy Health Nursing in Deutschland](https://doo.net/veranstaltung/42579/buchung?ref=uebergabe.de) - Wann: 18\. Juni 2020 von 9:00 - 17:00 Uhr - Wo: Robert Bosch Stiftung GmbH - Repräsentanz Berlin, Französische Straße 32, 10117 Berlin #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) ![](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2019/12/ug024.jpg) Sandra Postel & Eva ### DVG & Community Health Nursing (Prof. Dr. W. Schnepp & J. Sauskat) URL: https://www.uebergabe.de/ug023/ Last updated: 2026-06-12T23:51:34.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 23.11.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Community Health Nursing sichert primäre Gesundheitsversorgung dort, wo Menschen leben. - Drei Hochschulen entwickeln einen Masterstudiengang mit Förderung der Robert-Bosch-Stiftung. - Assessments und Fallverstehen stehen im Zentrum der neuen Pflegerolle. - Deutschland fehlt die Tradition gemeindenaher, eigenständiger Pflege. - Das DVG wirft offene Fragen zu Gesundheitsdaten und Datenschutz auf. Eine neue Pflegerolle, die in vielen Ländern selbstverständlich ist – und in Deutschland bislang schlicht nicht vorgesehen: Darum geht es in dieser Episode des Übergabe-Podcasts. Zu Gast ist Prof. Dr. Wilfried Schnepp, der an der Universität Witten/Herdecke den Lehrstuhl für familienorientierte und gemeindenahe Pflege leitet. Bevor es um Community Health Nursing geht, blicken die Hosts aber zunächst auf ein Thema, das Ende 2019 für reichlich Wirbel sorgt: das Digitale-Versorgung-Gesetz und die Frage, was eigentlich mit deinen Gesundheitsdaten passiert. ## Wenn Gesundheitsdaten zur Streitfrage werden Im November 2019 geht ein kleiner Aufschrei durch die Medien. Auslöser ist das [Digitale-Versorgung-Gesetz](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/D/digitale-versorgung-gesetz%5Fdvg%5Fkabinett.pdf), das eine zentrale Gesundheitsdatenbank vorsieht. Pseudonymisierte Daten von rund 73 Millionen gesetzlich Versicherten sollen künftig schneller für die Forschung nutzbar werden. Christian Köbke hat dazu mit Jörg Sauskat gesprochen, damals Referent für Gesundheitspolitik in der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Im Kern, so erklärt Sauskat, sind die meisten dieser Daten längst vorhanden – sie stammen aus dem morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich. Neu ist vor allem die Struktur: Die Daten sollen über ein Forschungsdatenzentrum schneller verfügbar gemacht werden. Bislang waren sie oft vier Jahre alt, wenn sie in der Forschung ankamen, und entsprechend selten genutzt. Ein wunder Punkt der Regelung: Versicherte haben keine Widerspruchsmöglichkeit. Sie können der Verarbeitung weder aktiv zustimmen noch sie widerrufen. Sauskat sieht hier ein abwägungsbedürftiges Spannungsfeld – denn ein Opt-out würde unvollständige Datensätze bedeuten, die für Versorgungsforschung an Aussagekraft verlieren. ## Forschung braucht Daten – aber zu welchem Preis? Spannend ist die Frage, wie groß die Datenschutzsorge wirklich sein muss. Während die Debatte um das DVG hochkocht – Gesundheitsminister Jens Spahn [wies die Kritik damals zurück](https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-11/digitale-versorgung-gesetz-elektronische-patientenakte-gesundheitsapps-datenschutz?ref=uebergabe.de) –, liegt das eigentliche Risiko womöglich ganz woanders. Recherchen zeigten, dass [Patientendaten in der Praxis oft schlecht geschützt](https://www.sueddeutsche.de/politik/patientendaten-hacker-sicherheit-1.4678689?ref=uebergabe.de) sind. Die Hosts bringen es auf den Punkt: Vielleicht muss man sich weniger über Routinedaten an die Kassen Sorgen machen als darüber, wie unsicher Daten schon heute zwischen Hausarztpraxis und Krankenhaus wandern. Und nicht zu vergessen: Wer freiwillig Health-Apps auf dem Smartphone nutzt, gibt oft weit vollständigere Gesundheitsdaten preis, als jede Krankenkasse je besitzen wird. Trotz aller Wenn und Aber bleibt die Bilanz differenziert. Eine bessere Datenlage kann die Versorgung verbessern und Deutschland im internationalen Vergleich aufholen lassen – solange die Daten sicher verarbeitet werden und nicht missbraucht werden, um etwa Versorgungsangebote nur für bestimmte Gruppen zu konzipieren. Die gesellschaftliche Debatte darüber, betonen Sauskat und die Hosts, hat gerade erst begonnen. Auch für die Pflegewissenschaft und die Versorgungsforschung ist das Thema hochrelevant. ## Eine Pflegerolle, die es in Deutschland kaum gibt Damit zum Hauptthema. Wilfried Schnepp ist gelernter Krankenpfleger, hat in Großbritannien und den Niederlanden studiert und in Utrecht promoviert – in Ländern also, die seit jeher stark gemeindeorientiert denken. Genau diese Prägung zieht sich durch sein Forschungsleben. Seine Grundfrage lautet: Was brauchen Menschen, um dort, wo sie leben, mit ihren Gesundheitsproblemen gut zurechtzukommen? Und an wen können sie sich wenden? In Deutschland lautet die ernüchternde Antwort: nicht an Pflegefachpersonen. Sie sind als erste Anlaufstelle schlicht nicht vorgesehen. In Finnland oder Großbritannien dagegen ist es normal, im Gesundheitszentrum zunächst auf eine Nurse zu treffen, die ein erstes Screening macht und entscheidet, ob sie das Problem selbst bearbeitet oder an die Hausärztin weiterleitet. Wichtig ist Schnepp dabei das mittlere Wort: Community *Health* Nursing. Es geht nicht um die klassische Gemeindepflege und auch nicht um reine Home Care, sondern um den Beitrag der Pflege zur primären Gesundheitsversorgung – Prävention, erste Anlaufstelle, Begleitung. > *„Ich bin kein Systemliebhaber. Umgeht doch das System, weicht es auf, zeigt, was möglich ist – und dann sollen sie mal sagen, warum sie diese Leistung nicht wollen." — Prof. Dr. Wilfried Schnepp* ## Warum Deutschland die Gemeindeschwester verloren hat Dass diese Rolle hierzulande fehlt, ist historisch gewachsen. Vor dem Krieg gab es gemeindenahe Versorgung, danach hielten vor allem die Kirchen die Gemeindeschwester am Leben. Mit deren Rückzug verschwand die Tradition. Die Hoffnung, dass Sozialstationen soziale Aufgaben übernehmen würden, erfüllte sich nicht – wie schon ein früher [Beitrag von Schaeffer und Moers](https://link.springer.com/article/10.1007/BF02959712?ref=uebergabe.de) beschrieb, wurden sie von Anfang an zu reiner Home Care: rein, waschen, Insulin spritzen, raus. Schnepp schiebt das nicht allein der Arztzentrierung in die Schuhe. Vielmehr habe die Pflege selbst lange gerungen, welchen Beitrag sie zur Gesundheitsversorgung der Bevölkerung leisten kann. Ganze Generationen lernten in ihrer Ausbildung, ob der Waschlappen rot oder blau sein soll – aber Epidemiologie und Gesundheitswissenschaft blieben ein Stiefkind. Eine klare Aufgabe in der primären Gesundheitsversorgung wurde der Pflege nie übertragen. ## Vom Assessment bis zur Intervention: Was im Studium steckt Genau hier setzt der neue Masterstudiengang an. Was bedeutet Community Health Nursing konkret? Schnepp spannt einen weiten Bogen: von sehr sozialwissenschaftlichen Ansätzen wie Community Empowerment bis zur ganz praktischen Erkenntnis, dass in vielen Regionen die hausärztliche Versorgung wegbricht. Beide Seiten müsse der Studiengang abdecken. Weil Witten im Fachbereich eng mit der Humanmedizin verzahnt ist, bekommt das Curriculum dort auch einen deutlichen medizinischen Fokus. Ein zentraler Baustein ist das Erkennen von Gesundheitsproblemen – also genau jenes epidemiologische Wissen, das in der deutschen Pflegeausbildung oft zu kurz kommt. Darauf folgt ein verpflichtendes, großes Modul zu Assessments. Die Studierenden lernen Basis-Assessments, körperliche sowie Family- und Community-Health-Assessments und wählen zusätzlich ein zielgruppenspezifisches Assessment, etwa ein pädiatrisches oder gerontologisches. Erst danach folgt die nächste Phase des professionellen Prozesses: das Entwickeln von Interventionen. Im Mittelpunkt steht das Fallverstehen. Was meint Schnepp mit Assessment? Es geht darum, mit geeigneten Instrumenten herauszufinden, welche Bevölkerungsgruppen in einem Stadtteil leben, welche Gesundheitsprobleme sie haben und welche Ressourcen Familien mitbringen. Solche Daten, das ärgert Schnepp sichtlich, gibt es in Deutschland schlicht nicht – selbst beim Statistischen Bundesamt erntet man große Augen. Hier knüpft der Bogen zurück zum ersten Teil der Episode: Genau solche Daten bräuchte es, um Versorgung passgenau zu planen. ## Wer braucht eigentlich Hilfe? Zielgruppen über die Lebensspanne Das Witten-Curriculum orientiert sich bewusst an der gesamten Lebensspanne. Eine erste Zielgruppe ist Mutter und Kind: Die [Frühen Hilfen der Hebammen](https://www.hebammenverband.de/familie/hebammenhilfe/familienhebammenfruehe-hilfen/?ref=uebergabe.de) sind für Schnepp der einzige nennenswerte präventive Dienst, der in den letzten Jahren neu etabliert wurde. Darum hat er den Studiengang auch für Hebammen geöffnet. Weitere Zielgruppen sind chronisch kranke und pflegebedürftige Menschen jeden Alters, pflegende Angehörige, Menschen am Lebensende sowie Personen mit besonderen kulturellen Hintergründen. Schnepp erzählt von einer jungen Flüchtlingsfamilie aus Syrien, die er begleitet hat: Niemand hatte der frisch entbundenen Mutter gesagt, dass ihr Hebammenhilfe zusteht – ihr Baby hatte längst eine Infektion. Solche Erfahrungen zeigen, dass es in Deutschland eine Hol- statt Bringstruktur gibt: Wer krank ist, muss sich um alles selbst kümmern. Menschen aus Ländern mit Bringstruktur fallen dadurch durchs Raster – aber auch viele Deutsche wissen schlicht nicht, welche Leistungen ihnen zustehen. > *„Patient:innen wollen keinen Case Manager. Sie wollen jemanden, der sich um sie kümmert – und das muss individuell sein." — Prof. Dr. Wilfried Schnepp, sinngemäß nach Mieke Grypdonck* ## Wo Community Health Nurses arbeiten könnten Die Einsatzorte sind vielfältig: medizinische Versorgungszentren, Hausarztpraxen, kommunale Strukturen, Gesundheitsämter, Quartiersarbeit oder große Pflegedienste. Aus der Schweiz und Belgien berichtet Schnepp, dass dort Pflegefachpersonen die Assessments bei den Menschen zu Hause erheben – schließlich kennen sie das Lebensumfeld am besten und haben das kommunikative Rüstzeug dafür. Anders als die Konzepte AGnES und VERAH, die den Radius der Hausärzt:innen erweitern und sehr eng an ein medizinisches Problem gebunden sind, geht Community Health Nursing weiter: Wie kann dieser Mensch trotz chronischer Erkrankung zu Hause leben? Welche Hilfen braucht er, wie ist er vernetzt? Medizinische Probleme, so Schnepp, sind immer auch soziale. Ein inspirierendes Beispiel liefert die [Community Health Nurse auf der Hamburger Veddel](http://poliklinik1.org/community-health-nurse-auf-der-veddel?ref=uebergabe.de), wo ein junges Team Street Work betreibt und Menschen direkt nach ihren Gesundheitsproblemen fragt. Die Finanzierung bleibt allerdings ein Knackpunkt: Solange entsprechende Leistungen nicht im SGB-XI-Katalog auftauchen, ist die Abrechnung schwierig. Schnepp plädiert deshalb dafür, einfach loszulegen und zu zeigen, was möglich ist – ähnlich wie viele Ansätze der [erweiterten Pflegepraxis in Hausarztpraxen](https://www.uebergabe.de/ug113/). ## Drei Hochschulen, ein Ziel Den Anstoß gab die Robert-Bosch-Stiftung, die Schnepp als echten Schrittmacher der Pflegeentwicklung würdigt. Über die Agnes-Karll-Stiftung des DBfK wurde eine Ausschreibung gestartet, auf die sich elf Hochschulen bewarben. Den Zuschlag erhielten drei: Witten/Herdecke, Vallendar und die Katholische Stiftungshochschule München. Erstmals konnten die Curricula finanziert entwickelt werden – früher war das nächtliche Heimarbeit. Zum Zeitpunkt der Aufnahme stehen die [Akkreditierungsunterlagen für Witten](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/36865-master-in-community-health-nursing-bald-in-witten/?ref=uebergabe.de) bereit, der Start war für das Folgejahr geplant. Die drei Standorte verstehen sich nicht als Konkurrenten, sondern setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Geplant ist außerdem eine [Meilenstein-Konferenz zum Thema Assessments](https://doo.net/veranstaltung/42579/buchung?ref=uebergabe.de). Schnepp warnt zugleich vor einer Falle: In rein interprofessionellen „Preisstudiengängen", die jedem mit Gesundheitsbezug offenstehen, drohe die Spezifität der eigenen Disziplin verloren zu gehen. Wer hier nicht ein starkes Selbstbewusstsein über den Beitrag der Pflege mitbringe, schwimme später – und finde womöglich keinen Job. Beides brauche es: monodisziplinäre Pflegewissenschaft und integrierte Ansätze. ## Der Kümmerer, den sich Patient:innen wünschen Ein Begriff, der Schnepp besonders am Herzen liegt, stammt von Christel Bienstein, der Gründerin des Wittener Departments: der Kümmerer. Gemeint ist kein weiterer Case Manager, sondern jemand, der antizipiert, welche Information ein Mensch in seiner konkreten Situation braucht – und sie ihm aktiv anbietet, statt ihn in der Gesundheitskrise allein loszuschicken. Dieses Narrativ stammt direkt aus Interviews mit Patient:innen, die sich genau das wünschen. Auch die Digitalisierung gehört für Schnepp dazu, ganz ohne Angst: Apps und vernetzte Daten können helfen, müssen aber immer zielgruppenspezifisch gedacht werden. Eine App, die bei einer Familie auf der neonatologischen Intensivstation Todesängste auslöst, weil das Kamerabild plötzlich schwarz wird, ist eben keine gute Lösung. Den umfassenden Blick auf Mensch und Lebenswelt, wie ihn auch das [Forschungskolleg FamiLe](https://www.hs-osnabrueck.de/de/forschungskolleg-famile/?ref=uebergabe.de) verfolgt, kann Technik ergänzen, aber nicht ersetzen. Sein Wunsch zum Schluss ist denkbar klar: dass alle drei Standorte starten und in zwei Jahren die ersten Community Health Nurses zur Verfügung stehen. Und ein Appell an Kommunen, MVZ und Hausarztpraxen: Macht die Stellenausschreibungen schon mal fertig. Denn gerade mit Blick auf die wegbrechenden pflegenden Angehörigen wird diese neue Ressource dringend gebraucht. ## Zum Weiterhören - [ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation](https://www.uebergabe.de/ug066/) - [ÜG074 – Schulgesundheitspflege / School Nursing (Andreas Kocks)](https://www.uebergabe.de/ug074/) - [ÜG113 – Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri)](https://www.uebergabe.de/ug113/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Digitale-Versorgung-Gesetz - [Entwurf eines Gesetzes für eine bessere Versorgung durch Digitalisie-rung und Innovation (Digitale-Versorgung-Gesetz – DVG)](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/D/digitale-versorgung-gesetz%5Fdvg%5Fkabinett.pdf) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Ärzte sollen Apps verschreiben können](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/digitale-versorgung-gesetz.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Digitale-Versorgung-Gesetz: Jens Spahn weist Kritik an Sammlung von Patientendaten zurück](https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-11/digitale-versorgung-gesetz-elektronische-patientenakte-gesundheitsapps-datenschutz?ref=uebergabe.de) (zeit.de) - [Experten befürworten Digitalisierung](https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2019/kw42-pa-gesundheit-dvg-660398?ref=uebergabe.de) (bundestag.de) - [Patientendaten: "Können wir es uns erlauben, diese Daten nicht zu nutzen?"](https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-11/patientendaten-datenschutz-krankenkasse-datenverarbeitung?ref=uebergabe.de) (zeit.de) - [Die deutsche Datenschutz-Panik verhindert die digitale Versorgung](https://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/kommentar-die-deutsche-datenschutz-panik-verhindert-die-digitale-versorgung/25197542.html?ref=uebergabe.de) (handelsblatt.com) - [Patientendaten sind meist schlecht geschützt](https://www.sueddeutsche.de/politik/patientendaten-hacker-sicherheit-1.4678689?ref=uebergabe.de) (sueddeutsche.de) - [IT-Sicherheit der Anschlüsse an Telematik­infrastruktur erneut in der Diskussion](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/107385/IT-Sicherheit-der-Anschluesse-an-Tele%C2%ADma%C2%ADtik%C2%ADinfra%C2%ADstruk%C2%ADtur-erneut-in-der-Diskussion?ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) #### Community Health Nursing - [Community Health Nursing](https://www.dbfk.de/de/themen/Community-Health-Nursing.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Finnlands Steilvorlage: Kompetenzen in der Primärversorgung](https://www.dbfk.de/media/docs/Bundesverband/CHN-Veroeffentlichung/Gesundheitssystem-Skandinavien-Marks.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Community Health Nursing – Eine Chance für bessere Gesundheitsversorgung in den Kommunen](https://www.dbfk.de/media/docs/Bundesverband/CHN-Veroeffentlichung/chn%5Fkurzbroschuere%5F2019-07.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Community Health Nursing in Germany](https://www.dbfk.de/media/docs/Bundesverband/CHN-Veroeffentlichung/CHN-Flyer-Eng.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Community Health Nursing in Deutschland - Konzeptionelle Ansatzpunkte für Berufsbild und Curriculum](https://www.dbfk.de/media/docs/Bundesverband/CHN-Veroeffentlichung/Broschuere-Community-Health-Nursing-09-2019.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Community Health Nurse auf der Veddel](http://poliklinik1.org/community-health-nurse-auf-der-veddel?ref=uebergabe.de) (poliklinik1.org) #### Chronische Krankheit - [Schaeffer, D. & Moers, M. Z. f. Gesundheitswiss. (1994) 2: 7\. https://doi.org/10.1007/BF02959712 ](https://link.springer.com/article/10.1007/BF02959712?ref=uebergabe.de)(link.springer.com) - Seidl, E./Walter, I. (Hrsg.) (2005): Chronisch kranke Menschen in ihrem Alltag. Das Modell von Mieke Grypdonck, bezogen auf PatientInnen nach Nierentransplantation. Wien, München, Bern: Verlag Wilhelm Maudrich - Schaeffer, D. (Hrsg.) (2009): Bewältigung chronischer Krankheit im Lebenslauf. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Verlag Hans Huber - Moers, M./Schiemann D./Schnepp, W. (Hrsg.) (1999): Pflegeforschung zum Erleben chronisch kranker und alter Menschen. Bern: Verlag Hans Huber - [Das Trajekt-Modell](http://pflege-und-gesundheit.net/cms/upload/pdf/Trajectory%5FModel.pdf?ref=uebergabe.de) (pflege-und-gesundheit.net) - [Weiterleben lernen. Verlauf und Bewältigung chronischer Krankheit](https://www.amazon.de/Weiterleben-lernen-Bew%C3%A4ltigung-chronischer-Krankheit/dp/3456848021?ref=uebergabe.de) (amazon.de) #### Informationen zu den Studiengängen - [Konzipierung des Masterstudiengangs Community Health Nursing](https://www.uni-wh.de/gesundheit/department-fuer-pflegewissenschaft/forschung-und-qualifikationsarbeiten/community-health-nursing-chn/?ref=uebergabe.de) (uni-wh.de) - [Master in Community Health Nursing bald in Witten](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/36865-master-in-community-health-nursing-bald-in-witten/?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Community Health Nursing (CHN)](https://www.pthv.de/chn/?ref=uebergabe.de) (pthv.de) - [Entwicklungsprojekt: Studiengang Community Health Nursing](https://www.ksh-muenchen.de/hochschule/forschung-und-entwicklung/zentrum-fuer-forschung-und-entwicklung/forschungsprojekte/laufende-forschungsprojekte/community-health-nursing/?ref=uebergabe.de) (ksh-muenchen.de) - [Masterstudium Community Health Nursing - Infoflyer](https://www.dbfk.de/media/docs/Bundesverband/CHN-Veroeffentlichung/Masterstudium-Community-Health-Nursing-Infoflyer-09-2019.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) #### Weitere Shownotes - [Familienhebammen/Frühe Hilfen](https://www.hebammenverband.de/familie/hebammenhilfe/familienhebammenfruehe-hilfen/?ref=uebergabe.de) (hebammenverband.de) - [Forschungskolleg FamiLe - Familiengesundheit im Lebensverlauf](https://www.hs-osnabrueck.de/de/forschungskolleg-famile/?ref=uebergabe.de) (hs-osnabrueck.de) ### Humor in der Pflege (M. Prehm) URL: https://www.uebergabe.de/ug022/ Last updated: 2026-06-13T12:38:24.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 09.11.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Humor schafft heilsame Distanz, ohne den Ernst der Pflegearbeit zu mindern. - Er stärkt deine Resilienz und wirkt als Ventil gegen Stress. - Humor baut Vertrauen zu Patient:innen und Kolleg:innen auf. - Er braucht Empathie und Fingerspitzengefühl für den richtigen Moment. - Gemeinsames Lachen fördert Teamzusammenhalt und entspannt Hierarchien. --- ## Humor in der Pflege: Zwischen Entlastung, Resilienz und Empathie Pflege ist ein Beruf, der höchste Anforderungen an die körperliche und emotionale Belastbarkeit der Pflegefachpersonen stellt. In einem Umfeld, das häufig von Krankheit und Leid geprägt ist, gewinnt der Humor an Bedeutung: Humor schafft Distanz, ohne die Ernsthaftigkeit der Arbeit zu mindern, und hilft, Belastungen besser zu bewältigen. In diesem Artikel betrachten wir die unterschiedlichen Facetten des Humors in der Pflege und zeigen auf, warum Humor für Pflegefachpersonen eine essentielle Ressource sein kann. ### Warum Humor in der Pflege so wertvoll ist Für Pflegefachpersonen kann der Humor wie ein sicherer Rückzugsort wirken, der Stress und Sorgen relativiert. Matthias Prehm, Fachkrankenpfleger und Humortrainer, beschreibt Humor als „das Benzin im Tank, das uns antreibt.” Humor gibt die Möglichkeit, Distanz zu gewinnen und sich selbst emotional zu entlasten, ohne das Engagement zu verlieren. Diese Distanz kann besonders in schwierigen Situationen, etwa bei der Arbeit auf Intensivstationen oder in der Palliativpflege, von großer Bedeutung sein. Der Humor ist eine positive Distanz, die Kraft und Widerstandsfähigkeit aufbaut. Darüber hinaus kann Humor wie ein Spiegel wirken, der zeigt, wie Pflegefachpersonen sich selbst und ihren Beruf wahrnehmen. Ein Team, das über sich selbst und seine Herausforderungen lachen kann, zeigt eine gesunde Selbstwahrnehmung und einen positiven Umgang mit den alltäglichen Belastungen. Pflegekräfte, die Humor als Teil ihrer Arbeit sehen, pflegen oft eine optimistische und offene Grundhaltung, die es ihnen erleichtert, in stressigen Momenten handlungsfähig zu bleiben. ### Humor als Brücke zum Vertrauensaufbau Humor kann in der Pflege helfen, Brücken zu bauen — sowohl zu Patient als auch zu Kolleg. Ein Lächeln oder ein humorvoller Kommentar zur rechten Zeit schafft Nähe, ohne dabei den professionellen Abstand zu verlieren. In der Pflege geht es darum, Vertrauen zu schaffen, und Humor kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Gerade in schwierigen und manchmal unangenehmen Momenten kann ein humorvoller Ansatz ein Türöffner sein. Humor zeigt den Patient, dass sie nicht alleine sind und dass auch die Pflegefachpersonen das menschliche Bedürfnis nach Leichtigkeit verstehen. In der Podcast-Episode berichtet Prehm, wie Humor gerade im Bereich der Palliativpflege helfen kann, um auch in schweren Stunden ein Gefühl von Normalität und Nähe zu bewahren. ### Die Herausforderungen und Grenzen des Humors Die Grenze des Humors ist jedoch häufig fließend und abhängig von den beteiligten Personen sowie dem jeweiligen Kontext. Humor, der in einem Moment passt, kann in einem anderen deplatziert wirken. Gerade in einem Beruf wie der Pflege, der von Nähe, Vertrauen und Sensibilität lebt, braucht es Fingerspitzengefühl, um zu erkennen, wann ein humorvoller Ansatz hilfreich ist und wann er unangebracht wäre. Ein humorvoller Umgang verlangt Empathie und ein Gespür für den Moment. In der Pflege ist das Verhältnis zwischen Nähe und professioneller Distanz entscheidend, und Pflegefachpersonen müssen die Balance halten. Humor darf niemals die Würde der Beteiligten verletzen oder zur Ablenkung von den eigentlichen Aufgaben führen. Humor soll respektvoll sein und das Vertrauen stärken, indem er die Situation auflockert, ohne den Ernst der Lage aus den Augen zu verlieren. ### Humor und Resilienz: Ein Schlüssel zur emotionalen Widerstandskraft Resilienz ist die Fähigkeit, auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig und stabil zu bleiben. In der Pflege ist diese Widerstandskraft entscheidend, denn Pflegefachpersonen sind täglich emotional und körperlich gefordert. Humor kann hier als Kraftquelle dienen, die Resilienz stärkt. Humor ist wie eine Art „Ventil”, das Anspannung und Stress abbaut. Er bietet die Möglichkeit, sich emotional zu regulieren und den Alltag besser zu bewältigen. Humor ist ein natürlicher Schutzmechanismus, der Pflegefachpersonen in stressigen Situationen hilft, flexibel zu bleiben und Abstand zu gewinnen. Ein humorvoller Umgang im Team fördert nicht nur das persönliche Wohlbefinden, sondern auch das kollektive Arbeitsklima. Pflegefachpersonen, die einander wertschätzend begegnen und gemeinsam lachen können, erfahren Entlastung und stärken ihre Widerstandsfähigkeit. Ein Team, das Humor als Teil seiner Kultur sieht, wird in Krisensituationen besser bestehen können, weil Humor eine positive Verbindung zwischen den Mitarbeitenden schafft. > *„Humor ist das Benzin im Tank, das uns antreibt.” - Matthias Prehm* ### Humor als Haltung: Mehr als nur Witze Humor ist weit mehr als das Erzählen von Witzen — er ist eine Haltung und kann als soziale Kompetenz betrachtet werden. Humor zeigt eine offene Einstellung und die Fähigkeit, auch in schwierigen Momenten auf die Bedürfnisse anderer einzugehen. Humor erfordert Einfühlungsvermögen und den Mut, manchmal auch über sich selbst zu lachen. Besonders in Berufen, in denen emotionale Arbeit im Mittelpunkt steht, ist Humor ein Zeichen von Stärke und Flexibilität. Matthias Prehm erklärt, dass Humor eine Grundhaltung im Umgang mit Menschen ist und als Teil der Pflegepraxis gelebt werden kann. Diese Haltung lässt sich durch kleine, alltägliche Handlungen ausdrücken — sei es ein ermutigender Kommentar oder ein humorvoller Moment in einem schwierigen Gespräch. Humor ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein wertvolles Instrument, das zeigt, dass die Pflegekraft mit einer positiven Einstellung auf die Bedürfnisse der Patient:innen eingehen möchte. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Humor im Team: Ein Zeichen von Zusammenhalt Ein Team, das gemeinsam lacht, hält auch in schwierigen Momenten besser zusammen. In einem Beruf, der häufig von Belastung geprägt ist, kann Humor ein Bindeglied sein, das Pflegefachpersonen miteinander verbindet. Humor im Team schafft eine Atmosphäre des Vertrauens, in der auch schwierige Themen offen angesprochen werden können. Humor als Teil der Teamkultur sorgt für ein angenehmeres Arbeitsklima und gibt den Mitarbeitenden das Gefühl, auch in stressigen Momenten nicht allein zu sein. Humor trägt dazu bei, dass Konflikte weniger eskalieren und sich schneller auflösen lassen. Ein Team, das gelernt hat, humorvoll miteinander umzugehen, wird auch in stressigen Situationen emotional stabiler sein. Humor schafft Vertrauen und gibt Raum für Ehrlichkeit und Offenheit — zwei Qualitäten, die für eine gute Zusammenarbeit unverzichtbar sind. ### Humor und Macht: Umgang mit Hierarchien In der Pflege, einem Berufsfeld, das oft hierarchisch organisiert ist, kann Humor auch helfen, den Umgang mit Machtverhältnissen zu erleichtern. Ein humorvoller Umgang im Team kann Spannungen abbauen und dazu beitragen, dass Hierarchien weniger starr wirken. Humor kann dabei helfen, die Beziehung zwischen verschiedenen Ebenen im Team zu entspannen, ohne dabei die Autorität infrage zu stellen. So kann Humor auch dazu beitragen, dass Mitarbeitende auf Augenhöhe miteinander kommunizieren und sich gegenseitig respektieren. ## Fazit: Humor als unersetzlicher Bestandteil der Pflegepraxis Humor ist für Pflegefachpersonen nicht nur eine Möglichkeit zur Stressbewältigung, sondern auch ein Schlüssel, um mit Patient:innen auf einer persönlichen Ebene zu kommunizieren und Resilienz aufzubauen. Humor ermöglicht eine menschliche Verbindung, die im Pflegealltag von großer Bedeutung ist. Er schafft Raum für Leichtigkeit, verbindet Menschen und hilft, auch die herausforderndsten Momente des Berufsalltags zu bewältigen. Ein gesundes Maß an Humor, gepaart mit Respekt und Empathie, macht den Pflegeberuf nicht nur für die Pflegekräfte selbst, sondern auch für die Patientein Stück weit angenehmer und menschlicher. #### Zum Gast - [HumorPille](https://www.humorpille.de/?ref=uebergabe.de) (humorpille.de) - [Pflege Deinen Humor](https://www.amazon.de/Pflege-deinen-Humor-praktische-Pflegepersonal/dp/3662560798?ref=uebergabe.de) (Amazon.de) #### Shownotes zur Folge - [Humor in der Palliativmedizin am Universitätsklinikum Bonn](https://www.humorhilftheilen.de/wissenschaft/wissenschaftliche-forschung/?ref=uebergabe.de) (humorhilftheilen.de) - [Lachen ist die beste Medizin — wie Humor hilft, Stress am Arbeitsplatz abzubauen](https://pflege-professionell.at/lachen-ist-die-beste-medizin-wie-humor-hilft-stress-am-arbeitsplatz-abzubauen?ref=uebergabe.de) (pflege-professionell.de) - [Humor in der Pflege: Lachen gefährdet die Krankheit](https://www.bibliomed-pflege.de/zeitschriften/artikeldetailseite-ohne-heftzuweisung/29596-humor-in-der-pflege-lachen-gefaehrdet-die-krankheit/?ref=uebergabe.de) (Bibliomed-Pflege.de) - [The European Journal of Humor Research](https://www.europeanjournalofhumour.org/index.php/ejhr?ref=uebergabe.de) (europeanjournalofhumor.org) - [Hirsch, R.D., Ruch, W.: Heiterkeit und Humor im Alter. Ergebnisse aktueller Studien, Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, vol m43, Nr. 1, Feb. 2010 ](https://www.springermedizin.de/heiterkeit-und-humor-im-alter/8374994?ref=uebergabe.de)(springermedizin.de) - [Positiver Humor macht glücklich - negativer Humor macht unglücklich](https://www.dgpp-online.de/home/themen-der-positiven-psychologie/humor-in-der-positiven-psychologie/?ref=uebergabe.de) (dipp-online.de) #### Buchempfehlungen - Wild, Barbara (2\. Auflage 2016): Humor in Psychiatrie und Psychotherapie: Neurobiologie — Methoden — Praxis. Schattauer Verlag, Stuttgart. Das Fachbuch beleuchtet Humor als Element in der Psychotherapie. ISBN-13: 978-3794530618 - Fey, Ulrich (3\. Auflage 2016): Clowns für Menschen mit Demenz. Das Potential einer komischen Kunst. Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main. ISBN-13: 978-3863210151 - Ruch, Willibald (2015): Halb so lustig: Meine abenteuerliche Reise in die Welt des Humors. Ecowin, Salzburg.Willibald Ruch, Professor an der Universität Zürich, forscht seit mehr als 30 Jahren zum Thema Humor. In seinem Buch beschreibt er Humor als Charakterstärke, die zu einem gelungenen Leben beitragen — und die man erlernen kann. ISBN-13: 978-3711000675 - Ruch, Willibald (2015): Halb so lustig: Meine abenteuerliche Reise in die Welt des Humors. Ecowin, Salzburg.Willibald Ruch, Professor an der Universität Zürich, forscht seit mehr als 30 Jahren zum Thema Humor. In seinem Buch beschreibt er Humor als Charakterstärke, die zu einem gelungenen Leben beitragen — und die man erlernen kann. ISBN-13: 978-3711000675 - Bischofberger, Iren (2\. Auflage 2008): „Das kann ja heiter werden”. Humor und Lachen in der Pflege. Huber, Bern. Das Buch beschreibt, was hinter dem Konzept Humor steckt und wie in der Pflege eingesetzt werden kann und macht verständlich, welche Bedeutung Humor für alte, kranke und sterbende Menschen haben kann. ISBN-13: 978-3456844992 - Provine, Robert R. (2001): Laughter. A Scientific Investigation. The Penguin Books, London. ASIN: B007NBTGPY - Titze, Michael und Eschenröder, Christof T. (6\. Auflage 1998): Therapeutischer Humor: Grundlagen und Anwendungen, S. Fischer Verlag, Berlin. Überblick über Forschungsergebnisse und Untersuchungen zu Humor, Lachen und Lächeln und Beschreibung, wie Humor in Therapieeinrichtungen eingesetzt werden kann. ISBN-13: 978-3596126507 - Goldstein, Jeffrey H. und McGhee, Paul E. (Hrsg.) (1972): The Psychology of Humor: Theoretical Perspectives and Empirical Issues, Academic Press, New York und London.: Wegweisendes Buch aus den 1970er Jahren zur Grundlagenforschung des Humors. ASIN: B01K3JXV94 - Horst Conen: Sei gut zu dir, wir brauchen dich, ISBN: 978-3-8289-3243-2, Weltbild Verlag - Averil Leimon & Gladana McMahon: Positive Psychologie für Dummies, ISBN: 978-3-527-70623-5, Wiley Verlag - Dr. med. Eckart von Hirschhausen: Glück kommt selten allein, ISBN: 978-3-498-02997-5, Rowohlt Verlag - Dr. med. Eckart von Hirschhausen: Die Leber wächst mit ihren Aufgaben, ISBN: 978-3-499-62355-4, Rowohlt Verlag - Vera M. Robinson: Praxishandbuch Therapeutischer Humor, Verlag Hans Huber; ISBN: 3-456-83665-1 - Albrecht Kresse/Eva Ullmann: Humor im Business - Gewinnen mit Witz und Esprit, ISBN: 978-3-411-86413-3,Cornelsen Verlag - Irina Falkenberg/Paul McGhee/Barbara Wild: Humorfähigkeiten trainieren, ISBN: 978-3-7945-2820-2, Schattauer Verlag 2013 - Michael Titze/ Inge Patsch: Die Humor-Strategie. Auf verblüffende Art Konflikte lösen, ISBN: 978-3-641-08983-2, Kösel-Verlag 2012 - Michael Titze: Die heilende Kraft des Lachens: Mit therapeutischem Humorfrühe Beschämungen heilen, ISBN: 978-3466303908, Kösel-Verlag 2007 - E. Noni Höfner: Glauben Sie ja nicht, wer Sie sind!, ISBN: 978-3-89670-773-4, Carl Auer Verlag 2012 - David Shields: Das Dumme am Leben ist, das man eines Tages tot ist, Eine Art Anleitung zum Glücklichsein, ISBN: 978-3-442-15625-2, Wilhelm Goldmann Verlag 2010 - Eric-Emmanuel Schmitt: Oskar und die Dame in Rosa, ISBN: 978-3596161317, Fischer Taschenbuch Verlag - Patch Adams, Hausbesuche: Die etwas andere Art, Menschen zu heilen, ISBN: 978-3453159914, Heyne Verlag, 1999 - Christian Heeck: Kunst und Kultur im Krankenhaus. Gedanken und Erfahrungen zur Rückgewinnung des Krankenhauses als Lebensraum für Menschen, Münster: LIT-Verlag (Reihe Medizin 1) - Christian Heeck: Humor in der Sterbebegleitung? Eine Ermutigung für helfende Laien, in: Hospiz-Dialog NRW 20 /Juli 2004, S. 5 — 8 - Claudia M. Zimmer: Lachen erlaubt!, ISBN: 978-3-642-24944-0, Springer Verlag Martin E.P. Seligman: Der Glücks-Faktor, Warum Optimisten länger leben, ISBN: 978-3-404-60548-9, Verlag Bastei Lübbe - Christoph Emmelmann: Das kleine Lachyoga Buch, ISBN: 978-3-423-34429-6, Deutscher Taschenbuch Verlag - Vera F. Birkenbihl: Humor: An Ihrem Lachen soll man Sie erkennen, ISBN: 978-3-636-07100-2, mvg Verlag - Eleonore Höfner/Hans-Ulrich Schachtner: Das wäre doch gelacht! ISBN: 978-3-499-60231-8, rororo Verlag - Lotze, Eckhard: Humor im therapeutischen Prozess, Frankfurt am Main, 2003 Ursula von Arx: Ein gutes Leben: 20 Begegnungen mit dem Glück, Verlag: Kein & Aber; ISBN: 978-3036955636 - Francois Lelord: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück, Verlag: Piper; ISBN: 978-3492248280 - Ernst Fritz Schubert: Glück kann man lernen: Was Kinder stark fürs Leben macht, Verlag Ullstein, ISBN: 978-3548374246 - Ernst Fritz Schubert: Schulfach Glück: Wie ein neues Fach die Schule verändert, Verlag Herder; ISBN: 978-3451298493 - Prof. Dr. Oliver Haas: Corporate Happiness als Führungs-system, Erich Schmidt Verlag; ISBN: 978-3-503-12657-6 - Christoph Emmelmann: Das kleine Lachyoga-Buch, Deutscher Taschenbuch Verlag; ISBN: 978-3-423-34429-6 - Dr. Madan Kataria: Lachen ohne Grund, Verlag Via Nova; ISBN: 978-3-928632-93-5 - Matthias Nöllke: Schlagfertigkeit, Haufe; ISBN: 978-3-448-09589-0 - Albert Thiele: Argumentieren unter Stress, Deutscher Taschenbuch Verlag; ISBN: 978-3-423-34405-0 - Gero Teufert: Techniken der Schlagfertigkeit für Dummies, Wiley-VCH Verlag; ISBN: 978-3-527-70798-0 - Margaret McAllister/John B. Lowe: Resilienz und Resilienz-förderung bei Pflegenden, Hans Huber Verlag; ISBN: 978-3-456-85303-1 - Denis Mourlane: Resilienz, Business Village Verlag; ISBN: 978-3-86980-249-7 (Druckausgabe) ISBN: 978-3-86980-250-3 (E-Book, PDF) ![Eva, Christian, Matthias Prehm (v.l.n.r.)](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2019/11/ug022-e1573165835472.jpg) Eva, Christian, Matthias Prehm (v.l.n.r.) ## Zum Weiterhören - [ÜG090 – Heilen mit Humor (Prof.in Dr. Corinna Peifer & Andreas Bentrup)](https://www.uebergabe.de/ug090/) - [ÜG095 – Empathie in der Pflege (Ludwig Thiry)](https://www.uebergabe.de/ug095/) - [ÜG139 – Palliativpflege](https://www.uebergabe.de/ug139/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Feminismus & Pflege URL: https://www.uebergabe.de/ug020/ Last updated: 2026-06-12T23:51:33.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 26.10.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Es gibt nicht den einen Feminismus, sondern viele widersprüchliche Strömungen. - Unbezahlte Sorgearbeit lastet überwiegend auf Frauen und führt zu Altersarmut. - Pflege als Frauenberuf ist erst ein Phänomen des 19\. Jahrhunderts. - Das Erbe von Unterordnung und Aufopferung prägt die Pflege bis heute. - Pflege braucht vielfältige Rollenvorbilder – männlich, weiblich, divers. Feminismus und Pflege – auf den ersten Blick zwei große Themen, die wenig miteinander zu tun haben. Auf den zweiten Blick hängen sie enger zusammen, als du vielleicht denkst. In dieser Übergabe-Folge wagen Franziska und Christian einen Exkurs und holen sich zwei Expertinnen ans Mikrofon: Barbara Streidl vom [Lila Podcast](https://lila-podcast.de/?ref=uebergabe.de) und die Pflegehistorikerin Dr. Anja Peters. Heraus kommt ein Gespräch darüber, warum es den einen Feminismus gar nicht gibt, weshalb unbezahlte Sorgearbeit überwiegend an Frauen hängenbleibt – und warum die Pflege als „Frauenberuf" historisch betrachtet ziemlich wackelig ist. ## Es gibt nicht den einen Feminismus – sondern viele Wer glaubt, Feminismus ließe sich in einem Satz definieren, liegt laut Barbara Streidl daneben. Die Münchner Autorin und Podcasterin macht gleich zu Beginn klar: So wie es nicht den einen Humanismus oder Antirassismus gibt, gibt es auch nicht den einen Feminismus. Stattdessen existieren viele verschiedene Strömungen nebeneinander – die sich sogar widersprechen können. Ein schwarzer Feminismus setzt andere Schwerpunkte als der einer Alice Schwarzer, und in der berühmten Kopftuchdebatte stehen sich Feministinnen mitunter unversöhnlich gegenüber. > *„Den Feminismus gibt es nicht, sondern es gibt ganz viele verschiedene Feminismen, die sich auch widersprechen können." — Barbara Streidl* Diese Vielstimmigkeit hat historische und kulturelle Wurzeln. Der Kampf ums Frauenwahlrecht verlief in Deutschland anders als in der Schweiz oder im Iran – politische Systeme, religiöse Regime und gesellschaftliche Ausgangslagen prägten jeweils eigene Bewegungen. Und selbst innerhalb einer Bewegung war man sich selten einig: Was im Rückblick wie eine homogene Masse wirkt, war in Wahrheit ein Geflecht aus Lagerkämpfen und unterschiedlichen Agenden. Zwei Begriffe, die im Gespräch immer wieder auftauchen, lohnen eine kurze Einordnung. Critical Whiteness meint die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen, oft unsichtbaren Privileg – etwa dem Zugang zu Bildung, sauberem Wasser oder einer Toilette, den viele als selbstverständlich erachten. Intersektionalität wiederum beschreibt die Überschneidung mehrerer Diskriminierungsformen: Eine Person kann gleichzeitig aufgrund von Geschlecht, Sexualität und Herkunft benachteiligt werden – eine mehrdimensionale Erfahrung, die im sogenannten weißen Feminismus oft übersehen wird. ## Warum es nicht reicht, einfach „Humanismus" zu sagen Christian bringt einen Einwand ins Spiel, den viele kennen: Brauchen wir das Wort Feminismus überhaupt noch – wäre Humanismus nicht das schönere, umfassendere Etikett? Barbara hat damit kein grundsätzliches Problem, hält aber dagegen: Der Begriff Feminismus trägt eine historische Komponente in sich. Er erinnert daran, dass vieles, was heute selbstverständlich scheint, lange nicht selbstverständlich war. Vergewaltigung in der Ehe ist in Deutschland noch gar nicht so lange eine Straftat, ein eigenes Konto für Ehefrauen ebenso wenig eine Selbstverständlichkeit, wie man meint. Dass diese Errungenschaften nicht in Stein gemeißelt sind, ist für Barbara das stärkste Argument. Rechtspopulistische Bewegungen stellen Dinge wieder infrage, die man längst für gesichert hielt – die Debatte um den Schwangerschaftsabbruch und die Paragrafen 218 und 219a klebe seit Jahrhunderten an der Hacke und sei bis heute nicht sauber gelöst. Genau deshalb brauche es Feminismus: damit niemand die Hände in den Schoß legt und glaubt, mit einer Bundeskanzlerin sei schon alles erreicht. Errungenschaften können auch wieder verschwinden. ## Sorgearbeit: die unsichtbare Last Ein zentrales Scharnier zwischen Feminismus und Pflege ist die Care- oder Sorgearbeit. Gemeint ist hier nicht der bezahlte Beruf, sondern die unbezahlte Tätigkeit, die die Gesellschaft noch immer ganz selbstverständlich von Frauen erwartet: Kinder versorgen, den Haushalt führen, Angehörige pflegen. Barbaras Bruder, evangelischer Pfarrer, beobachtet selbst im aufgeklärten München: Wird jemand pflegebedürftig, ist es fast immer eine Frau, die sich kümmert – ob Schwiegertochter oder Cousine dritten Grades. Die Zahlen untermauern das eindrücklich. Laut UN Women leisten Frauen rund 75 Prozent der unbezahlten Care-Arbeit weltweit und investieren täglich etwa 52 Prozent mehr Zeit als Männer – knapp 90 zusätzliche Minuten pro Tag. Das Problem dabei: Diese Arbeit ist lange unsichtbar geblieben. Erst mit dem Elterngeld bekam sie überhaupt einen ökonomischen Wert zugewiesen. Wer mehr über die Hintergründe wissen will, findet etwa in der Auseinandersetzung mit der [Care-Ökonomie und geschlechtergerechtem Wirtschaften](https://www.gwi-boell.de/de/care-%C3%B6konomie-nachhaltig-geschlechtergerecht-wirtschaften-und-leben?ref=uebergabe.de) reichlich Stoff. Interessant ist, wie die Runde die Parallelen zur professionellen Pflege herausarbeitet: Care-Arbeit gilt als intrinsisch motiviert, als „other-centered work", die sich an den Bedürfnissen anderer orientiert – und gerade deshalb nicht recht als Arbeit zählt. Die historische Wurzel liegt in der bürgerlichen Frauenrolle des 16\. und 17\. Jahrhunderts und verfestigte sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, als Frauen ihre Erwerbstätigkeit räumen mussten, um den heimkehrenden Männern Platz zu machen. Verkauft wurde ihnen das mit dem Mythos, sie könnten das Sorgen ohnehin „von Natur aus" besser. Wer tiefer einsteigen mag, findet bei den [Theoretikerinnen der Care-Arbeit](http://onesolutionrevolution.de/care-arbeit-und-ihre-theoretikerinnen/?ref=uebergabe.de) wie auch in der [Debatte rund ums Kümmern](https://taz.de/Debatte-Care-Arbeit/!5514670/?ref=uebergabe.de) spannende Anknüpfungspunkte. ## Kapitalistische Stolpersteine und das weibliche Gesicht der Altersarmut Sorgearbeit hat handfeste Folgen. Barbara beschreibt, wie viele Paare ihr Leben zunächst völlig gleichberechtigt planen – bis das erste Kind kommt und die Aufteilung über den Haufen geworfen wird. Das Elterngeld, das Ehegattensplitting, die Steuerlogik: All das macht es ökonomisch oft „vernünftig", dass derjenige mit dem geringeren Einkommen zurücksteckt. Statistisch ist das fast immer die Frau. Wer weniger erwerbstätig ist, weil Haushalt, Kinder und pflegebedürftige Angehörige Zeit fressen, zahlt am Ende mit weniger Rente. Die traurige Wahrheit dahinter: [Altersarmut ist weiblich](https://www.uebergabe.de/ug169/). Barbaras Appell ist dabei kein Plädoyer fürs sofortige bedingungslose Grundeinkommen, sondern fürs Mitdiskutieren. Genau deshalb will sie mit ihrem Aktivismus in der Mitte der Gesellschaft stehen und nicht in einer Nische. Über den Wert von Care-Arbeit müsse man sich verständigen, auch ohne sie zwingend zu entlohnen – und vor allem müsse man Rollenbilder reflektieren, statt sie blind weiterzureichen. Wie zäh diese sitzen, gibt sie selbstironisch zu: Auch sie als bekennende Feministin räumt vor Besuch auf und fragt sich, was die Gäste wohl denken. Worüber Barbara hinaus noch schreibt und spricht, lässt sich übrigens auf [ihrer Webseite](http://www.alpenstrasse.net/?ref=uebergabe.de) stöbern. ## War die Pflege je ein Frauenberuf? Den zweiten Teil bestreitet Dr. Anja Peters – Kinderkrankenschwester, Pflegewissenschaftlerin und Pflegehistorikerin. Und sie dreht die Eingangsfrage gleich um: Ist die Pflege überhaupt ein Frauenberuf? Historisch lässt sich das kaum halten. Wer die europäische Pflegetradition begründete, waren Männerorden – die Johanniter, Antoniter, Kamillianer. Ritter in voller Rüstung auf dem Pferd, die zugleich in der Krankenpflege tätig waren. Mit dem Narrativ von Pflege als Inbegriff von Weichheit, Mütterlichkeit und Softness hat das wenig zu tun. > *„Die Pflege als Frauenberuf ist eigentlich ein Phänomen des 19\. Jahrhunderts – und damit eine relativ neue Entwicklung." — Dr. Anja Peters* Zur weiblich geprägten Profession wurde Pflege erst, als sich im 19\. Jahrhundert die Trennung von Männer- und Frauensphäre verfestigte. Theodor Fliedner orientierte sich mit seinen Diakonissen an den katholischen Vinzentinerinnen, die Krankenpflege rutschte – als Teil von Haushalt und Familie – in weibliche Hand. Geprägt wurde sie von zwei Frauenidealen: dem Madonnen-Mutter-Bild der katholischen Orden und dem der protestantischen Diakonissen. Beide standen für töchterlichen Gehorsam, Aufopferung und Nächstenliebe – für Berufung statt Beruf. Wer die Mechanismen dahinter verstehen will, findet in Anjas Arbeit und auf [ihrer Webpräsenz](http://www.anja-peters.de/?ref=uebergabe.de) ebenso Material wie im [Positionspapier der Sektion Historische Pflegeforschung](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2019/04/2019%5F03%5F29-pflegegeschichte-im-curriculum-final.pdf) zur Pflegegeschichte im Curriculum. ## „Ich dien" – das Erbe, das wir nicht loswerden Das Motto „Ich dien" steht symbolisch für ein Problem, das die deutsche Pflege bis heute prägt. Pflege wurde als Akt christlicher Nächstenliebe verstanden – und musste deshalb kaum vergütet werden. Katholische Ordensschwestern erhielten oft gar keinen Lohn, dafür Kost, Logis und soziale Absicherung. Was im Kontext des 19\. Jahrhunderts durchaus eine Sicherheit für unverheiratete Frauen bedeutete, zementierte zugleich die Unterordnung: unter das Mutterhaus, unter die Vaterfigur des Pastors, später unter den Arzt. Die Pflege blieb der Medizin nach- und untergeordnet – strukturell bis heute spürbar, wenn Pflegedirektion und ärztliche Direktion nicht denselben Stellenwert haben. Hinzu kommt ein hausgemachtes Solidaritätsproblem. Die unzählige Schwesternschaften in Deutschland – Diakonissen, Rotkreuz-Schwestern, freie Schwestern – verhinderten einen schlagkräftigen Zusammenschluss. Wo die einen streiken konnten, durften die anderen es nicht; so ließen sich Beschäftigte mühelos gegeneinander ausspielen. Franziska zitiert dazu Claudia Bischoff, deren Analyse [zur Situation von Frauen in der Krankenpflege](https://www.uebergabe.de/content/files/jkmg/wp-content/uploads/2013/03/jkm%5Fband8%5Fkapitel4%5Fbischoff.pdf) auf den Punkt bringt, warum sich Pflegende oft schwer damit tun, sich zu solidarisieren und durchzusetzen – Fähigkeiten, die ihnen gesellschaftlich nie in ausreichendem Maße zugestanden wurden. ## Florence Nightingale war keine Lichtgestalt mit Lämpchen Besonders eindrücklich wird es, als Anja über Vorbilder spricht. Florence Nightingale werde gern als hingebungsvoller Engel dargestellt, der mit der Lampe in der Hand über die Station schwebt. Tatsächlich war sie eine hochbegabte Statistikerin, durchsetzungsfähig und willensstark – eine knallharte Managerin. Ihr Satz „I never gave or took an excuse" zeigt, wie wenig dieses Bild mit Weichheit zu tun hat. Anjas Plädoyer: Pflege braucht [diverse Rollenvorbilder](https://www.uebergabe.de/ug167/) – männliche und weibliche, christliche, jüdische und muslimische, etwa Rufaida al-Aslamia oder Mary Seacole. Christian wirft ein, dass das Geschlecht einer Leitfigur doch eigentlich egal sein müsse – es gehe ums Ideal. Anja hält dagegen: Man könne die Bedeutung von Gender nicht negieren, denn faktisch sei Pflege seit rund 200 Jahren ein [primär weiblich geprägter Beruf](https://www.uebergabe.de/ug078/). Historische Pflegeforschung wolle nichts konservieren, sondern den Beruf wissensbasiert weiterentwickeln. Dazu gehört, durchsetzungsstarke Pflegefachfrauen als etwas Wünschenswertes zu begreifen – und Männern zuzugestehen, dass auch sie zugewandt pflegen können. Von dieser Balance, da sind sich alle einig, ist die Pflege noch ein Stück entfernt. Es bleibt viel zu tun. ## Zum Weiterhören - [ÜG169 – Frauen 50+ in der Pflege (Marie-Luise Gaßmann & Prof.in Dr.in Ruth Anna Weber)](https://www.uebergabe.de/ug169/) - [ÜG078 – Sexismus in Gesundheitsberufen (Prof.in Dr.in Sabine Oertelt-Prigione)](https://www.uebergabe.de/ug078/) - [ÜG170 – Sprechstundenschwester in der DDR: Der vergessene Pflegeberuf (Dagmar Möbius)](https://www.uebergabe.de/ug170/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Feminismus - [Claudia Bischoff. Frauen in der Krankenpflege](https://www.uebergabe.de/content/files/jkmg/wp-content/uploads/2013/03/jkm%5Fband8%5Fkapitel4%5Fbischoff.pdf) (med.uni-magdeburg.de) - Bischoff, C. (1994). Frauen in der Krankenpflege. Zur Entwicklung von Frauenrollen und Frauenberufstätigkeit im 19\. und 20\. Jahrhundert. Campus Verlag. - [UN Women. Economic Empowerment](https://www.unwomen.org/en/what-we-do/economic-empowerment/facts-and-figures?ref=uebergabe.de) (unwomen.org) - ["Wer hat eigentlich verdient, gut zu leben?"](https://www.gwi-boell.de/de/2011/02/22/care-arbeit-und-care-%C3%B6konomie-konzepte-zu-besserem-arbeiten-und-leben?ref=uebergabe.de) (zeit.de) - [Care Arbeit und Care Ökonomie: Konzepte zu besserem Arbeiten und Leben?](https://www.gwi-boell.de/de/2011/02/22/care-arbeit-und-care-%C3%B6konomie-konzepte-zu-besserem-arbeiten-und-leben?ref=uebergabe.de) (gwi-boell.de) - [Care Ökonomie: Nachhaltig geschlechtergerecht Wirtschaften und Leben!](https://www.gwi-boell.de/de/care-%C3%B6konomie-nachhaltig-geschlechtergerecht-wirtschaften-und-leben?ref=uebergabe.de) (gwi-boell.de) - [Um das Kümmern kümmern](https://taz.de/Debatte-Care-Arbeit/!5514670/?ref=uebergabe.de) (taz.de) - [Care-Arbeit und ihre TheoretikerInnen](http://onesolutionrevolution.de/care-arbeit-und-ihre-theoretikerinnen/?ref=uebergabe.de) (onesolutionrevolution.de) #### Historie der Pflege - [Geschichte der Pflege in der generalistischen Pflegeausbildung - Positionspapier der Sektion Historische Pflegeforschung in der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2019/04/2019%5F03%5F29-pflegegeschichte-im-curriculum-final.pdf) (dg-pflegewissenschaft.de) - [Pflegegeschichte unterrichten. Eine Handreichung für Lehrende der Pflegegeschichte mit Nutzung der „Quellen zur Geschichte der Krankenpflege“ (Mabuse 2008)](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2019/04/2019%5F03%5F29-pflegegeschichte-im-curriculum-final.pdf) (dg-pflegewissenschaft.de) #### Zu den Gästinnen - ["100 Seiten: Feminismus" bei Reclam](https://www.reclam.de/detail/978-3-15-020541-9/Streidl%5F%5FBarbara/Feminismus%5F%5F100%5FSeiten?ref=uebergabe.de) (Reclam.de) - [Der Lila-Podcast](https://lila-podcast.de/?ref=uebergabe.de) (lila-podcast.de) - [Webpräsenz von Barbara Streidl mit Infos zu anderen Büchern und Themen](http://www.alpenstrasse.net/?ref=uebergabe.de) (Alpenstrasse.net) - [Webpräsenz von Dr. Anja K. Peters](http://www.anja-peters.de/?ref=uebergabe.de) (Anja-peters.de) ### Expertenstandards in der Pflege (Prof. Dr. Dr. A. Büscher) URL: https://www.uebergabe.de/ug019/ Last updated: 2026-06-17T08:30:02.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 12.10.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das DNQP entwickelt seit 1992 Expertenstandards als professionell abgestimmtes Leistungsniveau der Pflege. - Standards entstehen in drei Schritten: Arbeitsgruppe, Konsensuskonferenz und modellhafte Implementierung in Einrichtungen. - Drei Kriterien: hohe pflegeepidemiologische Bedeutung, hoher Interaktionsanteil und Hoffnung auf echten Qualitätssprung. - DNQP-Standards sind nicht unmittelbar rechtlich bindend, helfen aber beim aktuellen Stand der Erkenntnisse. - Der Verkauf der Standards sichert die Unabhängigkeit von Politik, Selbstverwaltung und Industrie. ## Wenn aus guten Beispielen verbindliche Maßstäbe werden Du arbeitest in der Pflege und hast garantiert schon einmal von Expertenstandards gehört – vielleicht lag sogar mal eine dicke Broschüre auf deinem Schreibtisch, in der hinten eine umfangreiche Literaturstudie steckte und vorne ein Blatt mit Struktur-, Prozess- und Ergebniskriterien. Doch was steckt eigentlich hinter diesen Standards? Wer entscheidet, was gute Pflege ist? Und warum kosten sie Geld? Antworten auf genau diese Fragen liefert Prof. Dr. Dr. Andreas Büscher im Gespräch. Er ist Professor für Pflegewissenschaft an der Hochschule Osnabrück und wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege – kurz [DNQP](https://www.dnqp.de/?ref=uebergabe.de). Die Geschichte des DNQP beginnt 1992\. Damals war überhaupt nicht abzusehen, was daraus einmal werden würde. Im Kern war und ist das DNQP genau das, was sein Name sagt: ein Netzwerk. Menschen aus der Pflege kommen zusammen, tauschen sich über Qualität aus und bemühen sich, die pflegerische Versorgung insgesamt zu verbessern. Den Anstoß gab eine internationale Entwicklung im Rahmen der Weltgesundheitsorganisation. Eine europäische Gruppe wollte nationale Netzwerke gründen – in dieser Form funktioniert hat das aber bis heute nur in Deutschland. Angefangen hat alles als loser Zusammenschluss engagierter Frauen, die sich um die Qualität der Pflege Gedanken machten, getragen unter anderem von Büschers Vorgängerin Doris Schiemann und vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. ## Von der Beispielsammlung zum nationalen Maßstab In den ersten Jahren ging es vor allem darum, Beispiele guter Pflegepraxis zusammenzutragen. Es gab sogar einen sogenannten Netzwerkkatalog, in dem solche Beispiele gesammelt wurden – ganz im Sinne des Netzwerkgedankens, dass Menschen voneinander lernen. Doch mit der Zeit fiel etwas auf: Bestimmte Themen kamen immer wieder. Wenn aber viele Einrichtungen zu ähnlichen Ergebnissen kommen, lohnt es sich, auf einer übergeordneten Ebene anzusetzen. Hinzu kam die Erkenntnis, dass Qualitätsentwicklung ein methodisches Fundament braucht – literaturbasiert und systematisch. Den entscheidenden Anschub gab dann die Gesundheitspolitik. 1999 beschloss die Gesundheitsministerkonferenz im Rahmen einer Qualitätsstrategie, dass es zu prioritären Bereichen in Pflege und Medizin Standards und Leitlinien geben soll. Für das Bundesgesundheitsministerium war das der Anlass, die Entwicklung von zunächst sieben Expertenstandards zu fördern. Wichtig zu wissen: Gefördert wurden die anfallenden Kosten – etwa für Literaturrecherchen und Treffen. Die Menschen, die diese Standards entwickelten, arbeiteten ehrenamtlich. Dieses Prinzip gilt bis heute. ## Was eigentlich „gute Pflege“ bedeutet Eine Frage schwingt bei alldem immer mit: Was ist überhaupt Qualität in der Pflege? Doris Schiemann definierte sie einst als Übereinstimmung der erreichten Ergebnisse mit den Zielen der Berufsgruppe. Sofort schließt sich die nächste Frage an: Wer legt diese Ziele eigentlich fest? Genau hier kommt das DNQP ins Spiel. In Kooperation mit dem Deutschen Pflegerat versteht es sich als unabhängige Stimme der Pflege und beansprucht, diese Ziele zu ausgewählten Themen zu beschreiben. Grundsätzlich bewegt sich Qualität zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite steht die subjektive Sicht – Qualität liegt im Auge der Betrachter:innen, weshalb stets die Menschen im Blick bleiben müssen, für die Pflege geleistet wird. Auf der anderen Seite stehen die nüchternen DIN-ISO-Definitionen, nach denen Qualität der Grad ist, in dem festgelegte Anforderungen erfüllt werden. Die Expertenstandards versuchen, beides zu verbinden: ein klares Niveau festzuschreiben und gleichzeitig Raum für die Verständigung mit den pflegebedürftigen Menschen zu lassen. ## Drei Stufen bis zum abgestimmten Leistungsniveau Expertenstandards sind definiert als „professionell abgestimmtes Leistungsniveau“. Das klingt sperrig, meint aber etwas Konkretes: Die Berufsgruppe stimmt selbst untereinander ab, was ihr Leistungsniveau ist. Dieser Abstimmungsprozess läuft in drei Schritten ab. Zuerst stellt das DNQP eine Expertenarbeitsgruppe von rund 10 bis 15 Personen zusammen. Können sich diese Fachleute nicht einigen, wäre eine Abstimmung in der Breite ohnehin aussichtslos. Aus ihrer Arbeit entsteht ein erster Entwurf. Im zweiten Schritt folgt eine große Konsensuskonferenz – mit bislang 500 bis fast 1.000 Teilnehmenden, meist in der Osnabrückhalle. Dort wird nicht ein Vortrag nach dem anderen gehalten, sondern diskutiert und kommentiert. Manche rufen, der Entwurf gehe viel zu weit, andere loben, dass endlich ein wichtiger Aspekt aufgegriffen wird. Wer sich nicht meldet, kann schriftlich ergänzen. Im dritten Schritt wird der fertige Standard in rund 25 Einrichtungen modellhaft implementiert. Hier geht es ausdrücklich nicht um eine Wirksamkeitsstudie, sondern allein um die Praktikabilität: Funktioniert der Standard im Alltag? Erst danach gilt das professionell abgestimmte Leistungsniveau als erreicht. > *„Wenn diese zehn bis fünfzehn Personen, die eine Expertise zum Thema haben, sich nicht darauf einigen können, wie man das Leistungsniveau beschreibt, dann brauchen wir in der großen Breite gar nicht erst anzutreten." — Andreas Büscher* ## Wie ein Thema überhaupt zum Standard wird Nicht jedes Thema eignet sich für einen Expertenstandard. Die Entscheidung trifft der Lenkungsausschuss, in dem Pflegemanagement, Altenpflege, Pflegewissenschaft, Pflegebildung, der Deutsche Pflegerat und mittlerweile auch die Pflegekammern vertreten sind. Drei Kriterien müssen zusammenkommen: Das Thema muss eine hohe pflegeepidemiologische Bedeutung haben, also in fast allen Bereichen der Pflegepraxis eine Rolle spielen. Es muss einen hohen Interaktionsanteil aufweisen, denn die Standards gehen von denkenden, professionellen Akteur:innen mit eigenem Entscheidungsspielraum aus. Und es muss die Hoffnung bestehen, einen echten Qualitätssprung zu erzielen. Hinzu kommt ein praktischer Punkt: Es muss überhaupt verwertbare Evidenz geben. Das Beispiel Kontrakturenprophylaxe zeigt das Dilemma – relevant und übergreifend ist das Thema zweifellos, doch der Kenntnisstand dazu ist sehr gering. Wo nichts vorhanden ist, lässt sich auch kein Qualitätsniveau festlegen. Deshalb beauftragt das DNQP für jeden Standard eine wissenschaftliche Einrichtung mit einer [systematischen Literaturrecherche](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Weitere/dnqp-methodenpapier2019.pdf). Die Expertenarbeitsgruppe arbeitet dann auf dieser Grundlage. Gibt es ein Studienergebnis, ist eine gegenteilige Empfehlung praktisch ausgeschlossen. Oft aber liefern Studien keine direkten Handlungsempfehlungen – dann müssen die Fachleute die Brücke zwischen Evidenz und Praxis selbst bauen. ## Standard oder Leitlinie – worin der Unterschied liegt Warum bekommt die Pflege Standards und die Medizin Leitlinien? Die historische Entscheidung von 1999 lässt sich heute kaum noch lückenlos rekonstruieren. Inhaltlich gibt es aber zwei zentrale Unterschiede, die Büscher ausdrücklich nicht als ideologischen Streit verstanden wissen will. Erstens ist ein Expertenstandard entlang der Schritte des Pflegeprozesses aufgebaut – einer Struktur, die durch das Pflegeberufegesetz und die [Vorbehaltsaufgabe der Pflegeprozesssteuerung](https://www.uebergabe.de/ug145/) zusätzlich gestärkt wird. Leitlinien folgen einer anderen Logik, weil ärztliches Handeln eben nicht dem Pflegeprozess folgt. [ÜG029 - Leitlinien in der Pflege (Prof. Dr. E. Sirsch & Prof. Dr. D. Holle) - ÜbergabeLeitlinien in der Pflege sind ein unterschätztes Thema. Mit Prof. Dr. Erika Sirsch und Prof. Dr. Daniela Holle besprechen wir, was es damit auf sich hat.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-40466387-8a46-4e76-8995-db783ddeae7f.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug029-scaled-e199a1a8-99c8-44ff-8079-ef03a3df496c.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug029/) Zweitens enthalten Leitlinien abgestufte Empfehlungen je nach Stärke der Evidenz. Expertenstandards verzichten bewusst darauf: Alle Empfehlungen sind gleichrangig. Das hat einen guten Grund. In der Pflege wird stark im Team gearbeitet, und gerade deshalb ist es sinnvoll, sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu verständigen, statt mit feinen Evidenzabstufungen zu hantieren, die in der Pflege ohnehin nur selten verfügbar sind. Vergleichbar wäre ein Expertenstandard am ehesten mit einer S3-Leitlinie – der Handlungs- und Entscheidungskorridor ist vergleichsweise eng. ## Bewusst monoprofessionell – und doch nicht allein Für ihre monoprofessionelle Entwicklung werden die Standards häufig kritisiert. Doch dahinter steckt eine klare Haltung: Erst wenn der pflegerische Beitrag zu einem Problem klar beschrieben ist, lässt sich auch im interdisziplinären Austausch souverän auftreten. Das schließt andere Perspektiven nicht aus – in den Arbeitsgruppen sitzen externe Fachberatungen, etwa aus Physiotherapie, Sportwissenschaft oder zahnmedizinischen Berufen. Der jüngste Standard zur Erhaltung und Förderung der [Mundgesundheit](https://www.uebergabe.de/ug029/) entstand sogar auf Initiative der Bundeszahnärztekammer. Beim [Standard zur physiologischen Geburt](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Expertinnenstandard%5FFoerderung%5Fder%5Fphysiologischen%5FGeburt/geburt%5Fauszug.pdf) stand der Hebammenbeitrag im Fokus. Immer geht es um das konkrete Handeln einer Berufsgruppe. ## Vom dicken Buch zur gelebten Praxis Stell dir vor, du wirst frisch zur Pflegedienstleitung und ein neuer Expertenstandard landet auf deinem Tisch. Wo fängst du an? Büschers pragmatischer Rat: Lies zuerst die Präambel. Auf ein bis drei Seiten klärt sie, für wen der Standard überhaupt gedacht ist. Erstaunlich viele Einrichtungen setzen etwa [den Entlassungsmanagement-Standard](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Entlassungsmanagement%5Fin%5Fder%5FPflege/entlassung%5F2akt%5Fauszug.pdf) ein, obwohl er ausdrücklich für Krankenhäuser entwickelt wurde. Dann folgen der eigentliche Standard, die Kommentierung als Brücke zur Umsetzung und die Literaturstudie. Entscheidend ist eine schlichte Frage: Besteht im eigenen Bereich überhaupt dieses Problem? Wo es [keine Dekubitus-Fälle](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Dekubitusprophylaxe%5Fin%5Fder%5FPflege/dekubitus%5F2akt%5Fauszug.pdf) gibt, muss niemand den entsprechenden Standard umsetzen – die Anwendung ist kein Selbstzweck. Der Standard kann auch einfach dazu dienen, das eigene, bereits gute Vorgehen zu bestätigen. Bei der [modellhaften Implementierung](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2235887/?ref=uebergabe.de) haben sich vier bis fünf Schritte bewährt: festlegen, wer den Prozess vor Ort steuert und dafür den Rückhalt der Leitung erhält, das Wissensniveau durch Fortbildung angleichen, den Standard an die eigene Einrichtung anpassen, mit ihm arbeiten und schließlich per Audit prüfen, ob die Ziele erreicht wurden. Gerade das Audit-Instrument hilft enorm, weil es zeigt, was am Ende herauskommen muss – und damit den Weg dorthin sichtbar macht. > *„Die Umsetzung eines Standards ist kein Selbstzweck. Es ist banal, fast tut es weh – aber zuerst muss ich wissen: Habe ich dieses Problem überhaupt in meinem Bereich?" — Andreas Büscher* ## Verbindlich oder nicht? Ein hartnäckiges Missverständnis Rund um die rechtliche Verbindlichkeit kursieren viele Irrtümer. Zwar sieht [Paragraf 113a im SGB XI](https://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbxi/113a.html?ref=uebergabe.de) die verpflichtende Anwendung von Expertenstandards vor – doch gemeint sind ausdrücklich Standards, die im Bundesanzeiger veröffentlicht werden. Seit Bestehen des Gesetzes 2008 ist dort kein einziger Standard erschienen. Die laufend neuen Standards stammen vom DNQP und sind damit nicht unmittelbar rechtlich bindend. Was es aber gibt, ist der gesetzliche Anspruch, nach dem aktuellen Stand der Erkenntnisse zu versorgen. Genau dabei helfen Expertenstandards, weil sie aktuelle Evidenz und beste fachliche Erfahrung in ein Handlungsinstrument übersetzen. Manche sprechen von einem vorweggenommenen Sachverständigengutachten. Mit der Verbindlichkeit zu drohen, hält Büscher allerdings für wenig hilfreich – besser ist es, wenn Pflegefachpersonen den Sinn selbst verstehen. ## Ein unabhängiges Netzwerk mit Blick nach vorn Dass Expertenstandards Geld kosten, hat einen klaren Grund: Es gibt keine öffentlichen Zuschüsse mehr. Über den Verkauf finanziert das DNQP seine Geschäftsstelle und das wissenschaftliche Team – und sichert damit seine Unabhängigkeit von Politik, Selbstverwaltung und Industrie. So lässt sich gewährleisten, dass die Themen direkt aus der Berufsgruppe kommen und nicht von außen gesteuert werden. Bestellen kannst du die Standards bequem über die Homepage des DNQP. > *„Der Verkauf der Standards ist die Garantie dafür, dass wir unabhängig sind – von der Politik, von der Selbstverwaltung und erst recht von der Industrie." — Andreas Büscher* Und wie geht es weiter? Die bestehenden Standards werden regelmäßig aktualisiert, weil sich das für ein evidenzbasiertes Instrument so gehört. Neu hinzu kommt der Standard zur Mundgesundheit. Gleichzeitig deutet sich an, dass die Zahl möglicher übergreifender Themen endlich ist – spezialisierte Felder wie Pädiatrie, Intensivpflege oder Psychiatrie könnten künftig stärker in den Blick rücken. Spannend bleibt auch das Zusammenspiel mit den entstehenden Pflegekammern, die sich ebenfalls der Qualitätsentwicklung verschrieben haben. Das DNQP setzt hier auf Kooperation und zeigt sich zuversichtlich, dass ein gutes Miteinander gelingt. ## Zum Weiterhören - [ÜG029 – Leitlinien in der Pflege (Prof. Dr. E. Sirsch & Prof. Dr. D. Holle)](https://www.uebergabe.de/ug029/) - [ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)](https://www.uebergabe.de/ug050/) - [ÜG073 – Expertenstandard Mobilität im Akutkrankenhaus (Nicole Parwolowski)](https://www.uebergabe.de/ug073/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Die Expertenstandards im Überblick - [Expertenstandard Dekubitusprophalxe in der Pflege, 2\. Aktualisierung (Juni 2017)](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Dekubitusprophylaxe%5Fin%5Fder%5FPflege/dekubitus%5F2akt%5Fauszug.pdf) (dnqp.de) - [Entlassungsmanagement in der Pflege 2\. Aktualisierung (Juni 2019)](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Entlassungsmanagement%5Fin%5Fder%5FPflege/entlassung%5F2akt%5Fauszug.pdf) (dnqp.de) - [Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten Schmerzen - 1\. Aktualisierung 2011](https://www.dnqp.de/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Schmerzmanagement%5Fin%5Fder%5FPflege%5Fbei%5Fakuten%5FSchmerzen/Schmerz-akut%5FAkt%5FAuszug.pdf?ref=uebergabe.de) (dnqp.de) - [Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen](https://www.dnqp.de/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Schmerzmanagement%5Fin%5Fder%5FPflege%5Fbei%5Fchronischen%5FSchmerzen/Schmerz-chron%5FAuszug.pdf?ref=uebergabe.de) (dnqp.de) - [Sturzprophylaxe in der Pflege - 1\. Aktualisierung 2013](https://www.dnqp.de/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Sturzprophylaxe%5Fin%5Fder%5FPflege/Sturz-Akt%5FAuszug.pdf?ref=uebergabe.de) (dnqp.de) - [Förderung der Harnkontinenz in der Pflege - 1\. Aktualisierung 2014](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Foerderung%5Fder%5FHarnkontinenz%5Fin%5Fder%5FPflege/kontinenz%5Fakt%5Fauszug.pdf) (dnqp.de) - [Pflege von Menschen mit chronischen Wunden - 1\. Aktualisierung 2015](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Pflege%5Fvon%5FMenschen%5Fmit%5Fchronischen%5FWunden/chronwu%5Fakt%5Fauszug.pdf) (dnqp.de) - [Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege - 1\. Aktualisierung 2017](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Ernaehrungsmanagement%5Fin%5Fder%5FPflege/ernaehrung%5Fakt%5Fauszug.pdf) (dnqp.de) - [Förderung der physiologischen Geburt](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Expertinnenstandard%5FFoerderung%5Fder%5Fphysiologischen%5FGeburt/geburt%5Fauszug.pdf) (dnqp.de) - [Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Demenz/demenz%5Fav%5Fauszug.pdf) (dnqp.de) - [Erhaltung und Förderung der Mobilität](https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/pflegeversicherung/qualitaet%5Fin%5Fder%5Fpflege/expertenstandard/Pflege%5FExpertenstandard%5FMobilitaet%5FAbschlussbericht%5F14-07-14%5FfinaleVersion.pdf?ref=uebergabe.de) (gkv-spitzenverband.de) #### Ergänzende Informationen zu Expertenstandards - Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (dnqp.de) - [Methodisches Vorgehenzur Entwicklung, Einführung und Aktualisierung von Expertenstandards in der Pflegeund zur Entwicklung von Indikatoren zur Pflegequalität auf Basis von Expertenstandards](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Weitere/dnqp-methodenpapier2019.pdf) (dnqp.de) - [Werkstattbericht über ein Forschungsprojekt zur Weiterentwicklung der Methode Stationsgebundene Qualitätsentwicklung in der Pflege](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Weitere/werkstattberichtsqe.pdf) (dnqp.de) - [Expertenstandards nach § 113 a SGB XI](https://www.gkv-spitzenverband.de/pflegeversicherung/qualitaet%5Fin%5Fder%5Fpflege/expertenstandards/expertenstandards.jsp?ref=uebergabe.de) (gkv-spitzenverband.de) - [Moers, M., Schiemann, D. (2004). Expertenstandards in der PflegeVorgehensweise des Deutschen Netzwerks für Qualitäts-entwicklung in der Pflege (DNQP) und Nutzen für die Praxis. Pflege & Gesellschaft. 9\. Jg. (3)](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2017/06/pg-3-2004-moersschiemann.pdf) (dg-pflegewissenschaft.de) - [§ 113a SGB XI Expertenstandards zur Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität in der Pflege](https://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbxi/113a.html?ref=uebergabe.de) (sozialgesetzbuch-sgb.de) #### Pflege-Qualität - [Die Geprellten. Alle reden von Qualität. Aber jeder beschwert sich. Alle wollen nur das Beste. Aber wie kriegt man das?](https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2010/qualitaet/die-geprellten?ref=uebergabe.de) (brandeins.de) - [Schiemann, D., Moers, M., Büscher, A. (Hrsg.) (2017). Qualitätsentwicklung in der Pflege: Konzepte, Methoden und Instrumente. Kohlhammer](https://www.amazon.de/Qualit%C3%A4tsentwicklung-Pflege-Konzepte-Methoden-Instrumente/dp/3170326376/ref=asc%5Fdf%5F3170326376/?tag=googshopde-21&linkCode=df0&hvadid=310692897779&hvpos=1o2&hvnetw=g&hvrand=14220006593985845934&hvpone=&hvptwo=&hvqmt=&hvdev=c&hvdvcmdl=&hvlocint=&hvlocphy=9044118&hvtargid=pla-562793817339&psc=1&th=1&psc=1&tag=&ref=&adgrpid=57339986850&hvpone=&hvptwo=&hvadid=310692897779&hvpos=1o2&hvnetw=g&hvrand=14220006593985845934&hvqmt=&hvdev=c&hvdvcmdl=&hvlocint=&hvlocphy=9044118&hvtargid=pla-562793817339) (amazon.de) - [Büscher A., Blumenberg P. (2018) Expertenstandards als Instrument der Qualitätsentwicklung. In: Jacobs K., Kuhlmey A., Greß S., Klauber J., Schwinger A. (eds) Pflege-Report 2018\. Springer, Berlin, Heidelberg](https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-56822-4%5F7?ref=uebergabe.de) (link.springer.com) - [Zahnärzte und Pflege machen sich gemeinsam stark für eine verbesserte Mundgesundheit bei pflegebedürftigen Menschen](https://www.bzaek.de/fileadmin/PDFs/pm18/180827%5FExpertenstandard%5FMundpflege.pdf?ref=uebergabe.de) (bzaek.de) #### Implementierung im Gesundheitswesen - [Kitson A, Rycroft-Malone J, Harvey G, McCormack B, Seers K, Titchen A. Evaluating the successful implementation of evidence into practice using the PARIHS framework: theoretical and practical challenges. Implement Sci. 2008;3:1.](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2235887/?ref=uebergabe.de) - [Harvey G, Kitson, A. PARIHS revisited: from heuristic to integrated framework for the successful implementation of knowledge into practice. Implementation Science 11, Article number: 33 (2016)](https://implementationscience.biomedcentral.com/articles/10.1186/s13012-016-0398-2?ref=uebergabe.de) (implementationscience.biomedcentral.com) - [Grol, R. Wensing, M. Eccles, M. Davis, D. (2013). Improving Patient Care: The Implementation of Change in Health Care, 2nd Edition, Wiley](https://www.wiley.com/en-us/Improving+Patient+Care%3A+The+Implementation+of+Change+in+Health+Care%2C+2nd+Edition-p-9780470673386?ref=uebergabe.de) #### Weitere Shownotes aus der Folge - [Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften](https://www.awmf.org/awmf-online-das-portal-der-wissenschaftlichen-medizin/awmf-aktuell.html?ref=uebergabe.de) (awmf.org) - [Newsletter des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege](https://www.dnqp.de/de/informationen/newsletter-online/?ref=uebergabe.de) (dnqp.de) - [Dialogzentrum Leben im Alter](http://dzla.de/?ref=uebergabe.de) (dzla.de) ### RISG, Leiharbeit, Übergabe Jobboard, Interview mit Alexander Jorde URL: https://www.uebergabe.de/ug018/ Last updated: 2026-06-13T21:15:09.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 28.09.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das RISG bedroht die selbstbestimmte häusliche Versorgung beatmeter Menschen. - Leiharbeit spaltet Teams – gleiche Arbeit, ungleiche Bedingungen. - Alexander Jorde fordert: Pflege muss sich selbst politisch organisieren. - Pflege braucht Mitsprache in entscheidenden Gremien wie dem G-BA. Manchmal braucht es nur eine einzige Frage, um ein ganzes System ins Wanken zu bringen. Im Wahlkampf 2017 stellte ein junger Auszubildender genau diese Frage – live, vor laufender Kamera, der amtierenden Bundeskanzlerin. In dieser Episode der Übergabe haben wir mit Alexander Jorde gesprochen. Bevor es ins Interview ging, haben wir uns aber durch die pflegepolitische Aktualität des Spätsommers 2019 gearbeitet. Und die hatte es in sich. ## Ein Gesetz, das Selbstbestimmung gegen Kosten aufwiegt Im August 2019 legte der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn einen Entwurf vor, der für viel Diskussionsstoff sorgte: das Gesetz zur Stärkung von Rehabilitation und intensivpflegerischer Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung, kurz RISG. Auf dem Papier klingt das nach Fortschritt. In der Praxis ging es vor allem um Geld – und um die Frage, wo künstlich beatmete Menschen künftig leben dürfen. Das Problem dahinter ist seit Jahren bekannt. Die häusliche außerklinische Intensivpflege über das SGB V kann pro Person Kosten von bis zu 25.000 Euro im Monat verursachen, vollständig getragen von der Krankenkasse. Die stationäre Versorgung war dagegen mit einem Eigenanteil von rund 3.200 Euro plus einem Pflegekassenanteil deutlich günstiger. Genau dieser Anreiz hatte einen ganzen Markt an Beatmungs-WGs entstehen lassen – samt einiger Betrugsfälle, in denen die versprochene Eins-zu-eins-Versorgung nicht eingehalten und mit zu wenig oder unzureichend qualifiziertem Personal gearbeitet wurde. Wie stark dieser Fehlanreiz wirkte, zeigt eine Zahl: 2005 wurden rund 1.000 Betroffene außerklinisch beatmet, zum Zeitpunkt der Aufnahme war von etwa 30.000 die Rede. Die Antwort des Gesetzentwurfs war drastisch: Außerklinische Intensivpflege sollte künftig in der Regel in stationären Einrichtungen oder spezialisierten Wohneinheiten stattfinden. Eine Versorgung in der eigenen Häuslichkeit war im Wesentlichen nur noch für Kinder bis zum 18\. Lebensjahr vorgesehen. Damit aber traf der Entwurf genau jene Menschen, die nicht von der Beatmung entwöhnt werden können – etwa Betroffene mit ALS oder hoher Querschnittlähmung. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBFK) wies in seiner Stellungnahme darauf hin, dass es hier um Selbstbestimmung und Inklusion geht. Wer die Hintergründe vertiefen möchte, findet in der [Pressemitteilung zum Referentenentwurf](https://digab.de/aktuelles/pressemitteilung-zum-vorliegenden-referentenentwurf-der-bundesregierung/?ref=uebergabe.de) der Fachgesellschaft eine gute Einordnung – ebenso wie im [Referentenentwurf des RISG](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/R/referentenentwurf%5Frisg.pdf) selbst. Auffällig fanden wir vor allem das Argument der Qualität. Ausgerechnet dort, wo es um Kosten geht, wird Qualität plötzlich zum großen Thema – während die Akademisierung der Pflege oder höhere Zugangsvoraussetzungen für den Beruf seit Jahren eher gebremst werden. Niemand der Betroffenen hatte sich darüber beklagt, dass die Versorgung zu Hause schlecht sei. Es ging vor allem darum, die Krankenkassen zu entlasten – und das auf dem Rücken tausender Menschen, die selbst entscheiden möchten, wo sie leben. ## Leiharbeit: gleiche Arbeit, ungleiche Bedingungen Das zweite große Thema: Leiharbeit. Spahn wollte sie eindämmen, unter anderem im geplanten MDK-Reformgesetz. Vorgesehen war, dass Leiharbeit nur noch bis zum Tariflohn vergütet, teures Leihpersonal nicht mehr voll refinanziert und auch die Vermittlungsprovisionen nicht mehr erstattet werden. Sowohl der Deutsche Pflegerat als auch der DBFK äußerten sich dazu in einem [gemeinsamen Positionspapier zur Leiharbeit](https://deutscher-pflegerat.de/aktuelles/Download%20aktuelles/2019-09-23%5Fdpr-aps%5FGemeinsames%5FPositionspapier%5Fzur%5FLeiharbeit%5Fin%5Fder%5FPflege.pdf?m=1569314059&&ref=uebergabe.de). Die Auswirkungen sind vielschichtig. Für Menschen mit Pflegebedarf fehlt oft die feste Bezugsperson. Für die Stammbelegschaft entsteht ein bitterer Beigeschmack, wenn jemand in derselben Schicht für dieselbe Tätigkeit deutlich mehr verdient – und sich obendrein die angenehmen Dienste aussuchen darf, während die Festangestellten Nacht-, Wochenend- und Bereitschaftsdienste schultern. Und für die Versorgungsqualität ist es heikel, wenn Leiharbeitende die Abläufe und das Haus nicht kennen und erst eingearbeitet werden müssen – eine Einarbeitung, die sich kaum lohnt, weil die Person bald wieder weg ist. Trotzdem haben wir betont: Es gibt viele Menschen, die in der Leiharbeit glücklich sind, weil sie mehr verdienen und flexibler arbeiten können. Ein Verbot allein mit Verweis auf den Fachkräftemangel zu begründen, ist juristisch wie inhaltlich fragwürdig. Der eigentliche Hebel liegt woanders: deutlich mehr Stammpersonal, ein geregeltes Ausfallmanagement und echte Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung – inklusive des sogenannten Klebeeffekts, bei dem Leiharbeitende bei einem guten Arbeitgeber hängenbleiben. Wer mehr über die Finanzierungslogik dahinter wissen möchte, dem sei unsere Folge mit Arne Evers zum Pflegepersonalstärkungsgesetz empfohlen. Apropos PPSG: Mit der Herausrechnung der Pflegekosten aus den DRG-Fallpauschalen kündigten sich neue Lücken an. Das [Deutsche Ärzteblatt berichtete über befürchtete Einbußen](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/106232/Krankenhaeuser-fuerchten-Einbussen-durch-Umstellung-der-Fallpauschalen?ref=uebergabe.de) der Krankenhäuser. Das InEK hatte vorgerechnet, dass den Kliniken künftig rund 200 Millionen Euro fehlen würden – während die Deutsche Krankenhausgesellschaft von Erlöseinbußen zwischen 20 und 30 Prozent ausging. Eine erfreuliche Randnotiz gab es trotzdem: Das Klinikum Darmstadt ließ sich als akademische Lehreinrichtung für Pflege auszeichnen – ein Schritt, der durchaus Magnetwirkung entfalten kann. ## Eine Frage, die hängenblieb Dann kam der spannendste Teil. Alexander Jorde wurde 2017 bekannt, weil er in der Wahlarena der ARD die Missstände in der Pflege schilderte und Angela Merkel direkt mit der Frage konfrontierte, warum es keine staatliche Vorgabe gebe, wie viele Patient:innen eine Pflegefachperson betreuen darf. Wer die Szene noch einmal sehen möchte, findet den [Ausschnitt aus der Wahlarena](https://www.youtube.com/watch?v=VEWvww05TaA&ref=uebergabe.de) online. Vorbereitet hatte er sich kaum – er hatte schlicht recherchiert, ob es überhaupt verbindliche Vorgaben gibt. Und festgestellt: im Krankenhausbereich praktisch keine. > *„Eigentlich ist vieles reguliert, für ganz viele Sachen haben wir Grenzen – aber es gibt keine staatliche Kontrolle darüber, wie viele Patienten oder Bewohner von einer Pflegefachperson betreut werden." — Alexander Jorde* Inzwischen hat Jorde sein Examen in der Tasche und arbeitet auf einer internistischen Intensivstation. Bemerkenswert: Er lobte ausdrücklich seine Einarbeitung und Anleitung – etwas, das man in der Pflege selten hört. Gerade die Praxisanleitung sei in seiner Ausbildung lange ein Schwachpunkt gewesen. Schon in der ersten Woche sei er nach kurzer Einweisung losgeschickt worden, um bei 15 Menschen Vitalzeichen zu messen. So entstehe eine funktionale Ausbildung, in der man einzelne Tätigkeiten lerne, aber nicht den Gesamtüberblick über einen eigenen Bereich. Sein Wunsch: Pflegepädagog:innen sollten enger in den Stationsalltag eingebunden bleiben, und Auszubildende sollten konsequenter als Lernende statt als billige Arbeitskraft gesehen werden. ## Kein Experte – aber eine klare Haltung Als „Gesicht der Pflege" oder „Experte" wollte sich Jorde im Gespräch ausdrücklich nicht verstanden wissen. Er beschrieb, wie er in Talkshows oft der einzige Vertreter aus der direkten Pflege war, umgeben von Arbeitgeberverbänden und pflegenden Angehörigen, während echte pflegewissenschaftliche Expertise fehlte. Genau das, sagte er, sei das strukturelle Problem: Aus der Pflege heraus werde kaum Politik gemacht. Seine Erfahrungen hat er auch in dem Buch [„Kranke Pflege: Gemeinsam aus dem Notstand"](https://www.amazon.de/Kranke-Pflege-Gemeinsam-aus-Notstand/dp/3608503846?ref=uebergabe.de) festgehalten. Statt sich als Fachmann zu inszenieren, zog Jorde Konsequenzen und engagierte sich parteipolitisch. Sein Argument: Wer sich darüber ärgert, dass Menschen über Pflege entscheiden, die nicht aus der Pflege kommen, muss eben selbst mitgestalten. Besonders eindringlich wurde er beim Thema Pflegekammer. Er verstehe nicht, wie man jahrzehntelang schlechte Arbeitsbedingungen hinnehmen könne – und sich dann ausgerechnet gegen eine Selbstverwaltung organisiere. > *„Es ist so viel verbrauchte Energie. Wenn man diese gleiche Energie konstruktiv und nicht nur destruktiv nutzen würde – was könnte man damit aufbauen?" — Alexander Jorde* Sein Fernziel ist eine echte Mitsprache der Pflege in entscheidenden Gremien – idealerweise mit Stimmrecht im Gemeinsamen Bundesausschuss, wo bislang vor allem Kostenträger und Leistungserbringer über die Rahmenbedingungen der Pflege bestimmen. Eine Kammer mit echter Selbstverwaltung könne hier politische Unabhängigkeit schaffen, anders als Modelle, die unter staatlicher Fachaufsicht stehen. ## „Macht euch klar, welche Macht ihr habt" Auf die Frage, was die Politik tun müsse, nannte Jorde am Ende fast immer das Geld. Die solidarische Finanzierung werde von der arbeitenden Mehrheit getragen, während hohe Einkommen und Vermögen außen vor blieben. Gleichzeitig fließe Geld über Strukturfonds in ein System, in dem private Klinikkonzerne hohe Gewinne erwirtschaften. Sein Bild: Man schütte immer mehr Wasser in ein Fass, das unten keinen Deckel habe. Für die nächsten zehn Jahre zeichnete er ein düsteres, aber realistisches Bild. Wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht und gleichzeitig pflegebedürftiger wird, kehre sich die Last doppelt um. Schon heute sterben Menschen, weil intensivmedizinische Plätze mangels Pflegepersonal nicht besetzt werden können. Sein Appell: ein Akutprogramm, das die Belastung sofort senkt und zugleich massive Anreize setzt – auch über das Gehalt. Das Argument „mehr Personal oder mehr Geld" sei eine falsche Alternative, denn über bessere Bezahlung kämen auch mehr Menschen in den Beruf. Den stärksten Satz hob er sich für den Schluss auf. Pflege, so Jorde, müsse sich endlich ihrer eigenen Macht bewusst werden – und sie nutzen. Als historisches Beispiel verwies er auf den finnischen Arbeitskampf, bei dem Pflegende mit kollektiver Kündigung drohten und am Ende deutlich mehr Lohn durchsetzten. Wie ernst es damals wurde, zeigt dieser [Bericht über die angekündigte Massenkündigung in finnischen Krankenhäusern](https://www.spiegel.de/wirtschaft/arbeitskampf-extrem-tausende-krankenschwestern-drohen-mit-massenkuendigung-a-513592.html?ref=uebergabe.de). > *„Man kann nur dann etwas verändern, wenn man es selbst in die Hand nimmt. Stell dir einfach die Frage: Was macht der Arbeitgeber eigentlich, wenn wir als ganzes Stationsteam nicht hier wären?" — Alexander Jorde* Genau das ist die Botschaft, die wir dir mitgeben möchten. Du darfst gerne meckern – aber Veränderung beginnt damit, sich zu organisieren. Im Gewerkschaftsverband, im Berufsverband, in der Kammer oder schon im eigenen Stationsteam. Ein Krankenhaus ohne Pflege ist nicht vorstellbar. Und genau darin liegt eure Stärke. ## Zum Weiterhören - [ÜG003 – Special: Pflegekammer - (Dr. M. Dichter)](https://www.uebergabe.de/ug003/) - [ÜG004 – Pflegepersonalstärkungsgesetz (PpSG), Pflegelast, Pflegebudget, Pflegepersonaluntergrenzenverordnung (PpUGV) - (A. Evers)](https://www.uebergabe.de/ug004/) - [ÜG064 – Gewerkschaften in der Pflege (Michael Quetting)](https://www.uebergabe.de/ug064/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Übergabe - Das Jobboard - [Übergabe - Das Jobboard](https://uebergabe.de/jobboard?ref=uebergabe.de) (uebergabe.de) #### RISG - [Intensivpflege-Patienten sollen besser betreut werden](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/reha-und-intensivpflegestaerkungsgesetz.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung von Rehabilitation und intensivpflegerischer Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung ](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/R/referentenentwurf%5Frisg.pdf)(bundesgesundheitsministerum.de) - [Nachbesserungsbedarf bei Gesetzentwurf zur außerklinischen Intensivpflege](https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2019/gesetzentwurf-ausserklinische-intensivpflege.php?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Pressemitteilung zum Referentenentwurf der Bundesregierung (Reha- und Intensivpflege-Stärkungsgesetz – RISG)](https://digab.de/aktuelles/pressemitteilung-zum-vorliegenden-referentenentwurf-der-bundesregierung/?ref=uebergabe.de) (digab.de) #### Leiharbeit - [Positionspapier: Fehlentwicklungen bei der Leiharbeit in der Pflege stoppen](https://deutscher-pflegerat.de/aktuelles/Download%20aktuelles/2019-09-23%5Fdpr-aps%5FGemeinsames%5FPositionspapier%5Fzur%5FLeiharbeit%5Fin%5Fder%5FPflege.pdf?m=1569314059&&ref=uebergabe.de) (deutscher-pflegerat.de) - [Arbeitnehmerüberlassung in der Pflege](https://www.dbfk.de/media/docs/download/DBfK-Positionen/Impulspapier-Arbeitnehmerueberlassung-in-der-Pflege-2019-09.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Spahn will weniger Leiharbeiter in Kliniken](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/38935-spahn-will-weniger-leiharbeiter-in-kliniken/?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) #### Einbußen für Krankenhäuser - [Krankenhäuser fürchten Einbußen durch Umstellung der Fallpauschalen](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/106232/Krankenhaeuser-fuerchten-Einbussen-durch-Umstellung-der-Fallpauschalen?ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) - [Dringender gesetzlicher Handlungsbedarf](https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/dringender-gesetzlicher-handlungsbedarf/?ref=uebergabe.de) (dkgev.de) #### Darmstadt wird akademisch Lehrkrankenhaus - [Klinikum Darmstadt wird Akademisches Lehrkrankenhaus der Pflege](https://klinikum-darmstadt.de/aktuelles/singleview/news/klinikum-darmstadt-wird-akademisches-lehrkrankenhaus-der-pflege/?ref=uebergabe.de) (klinikum-darmstadt.de) #### Interview Alexander Jorde - [Alexander Jorde bei Twitter](https://twitter.com/alexander%5Fjorde?ref=uebergabe.de) (twitter.com) - [Wahlarena: Angela Merkel äußert sich zum Thema Pflege](https://www.youtube.com/watch?v=VEWvww05TaA&ref=uebergabe.de) (youtube.com) - [Buch: Kranke Pflege: Gemeinsam aus dem Notstand](https://www.amazon.de/Kranke-Pflege-Gemeinsam-aus-Notstand/dp/3608503846?ref=uebergabe.de) (amazon.de) - [Pfleger Jorde: Das Pflegesystem an die Wand fahren - Markus Lanz vom 28.02.2019 | ZDF](https://www.youtube.com/watch?v=kMrDPbJpRRc%20%28Youtube.com%29%20https://www.youtube.com/watch?v=ylsh8ZyHFPU&ref=uebergabe.de) (Youtube.com) - [„Kranke Pflege“](https://www.deutschlandfunk.de/alexander-jorde-kranke-pflege.1310.de.html?dram:article%5Fid=445960&ref=uebergabe.de) (deutschlandfunk.de) - Podcast: [Deutschland3000 - 'ne gute Stunde mit Eva Schulz](https://www.n-joy.de/Alexander-Jorde-wie-krank-ist-unsere-Pflege,audio550400.html?ref=uebergabe.de) (n-joy.de) - [Keine Massenkündigung in finnischen Krankenhäusern](https://www.spiegel.de/wirtschaft/arbeitskampf-extrem-tausende-krankenschwestern-drohen-mit-massenkuendigung-a-513592.html?ref=uebergabe.de#targetText=Streik%20war%20gestern%3A%20Finnlands%20Pflegekr%C3%A4fte,am%20selben%20Tag%20zu%20k%C3%BCndigen.&targetText=Stockholm%20%2D%2013.000%20Krankenschwestern%20und%20Pfleger,32.500%20Schwestern%20und%20Pfleger%20hat.) (spiegel.de) - [Finnland: Ein Vorbild für die deutsche Pflege?](https://www.aerztezeitung.de/politik%5Fgesellschaft/pflege/article/818687/finnland-vorbild-deutsche-pflege.html?ref=uebergabe.de) (aezrtezeitung.de) - [Keine Massenkündigung in finnischen Krankenhäusern](https://www.spiegel.de/wirtschaft/arbeitskampf-extrem-tausende-krankenschwestern-drohen-mit-massenkuendigung-a-513592.html?ref=uebergabe.de) (spiegel.de) - [Zu wenig Personal: MHH muss kranke Kinder abweisen](https://www.neuepresse.de/Hannover/Meine-Stadt/Zu-wenig-Pflegepersonal-fuer-Kinderintensivstation-der-MHH?ref=uebergabe.de) (neuepresse.de) - [Pflegenotstand ruft Ministerin auf den Plan](https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover%5Fweser-leinegebiet/Gefaehrdet-Pflegenotstand-Leben-von-Kindern,pflegenotstand138.html?ref=uebergabe.de) (ndr.de) - [Daten und Fakten - Pflegefachpersonen und in Niedersachsen](https://www.pflegekammer-nds.de/faktencheck?ref=uebergabe.de) (pflegekammer-nds.de) #### Hinweise auf Veranstaltungen - [Pflegewissenschaftliche Karrierewege - Wissenschaft als Beruf](https://dg-pflegewissenschaft.de/events/karrierewege-in-der-pflegewissenschaft/?ref=uebergabe.de) - Wann: 11\. Oktober 2019; 11:00 - 14:00 - Wo: Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg - [Fortbildung für Pflegende der B.Braun-Stiftung](https://fortbildung-fuer-pflegende.de/?ref=uebergabe.de) - Wann: 25\. Oktober 2019 - Wo: Kongress Palais Kassel - [10\. DGP-Hochschultag](https://dg-pflegewissenschaft.de/events/10-dgp-hochschultag/?ref=uebergabe.de) - Wann: 08\. November 2019 11:00 - 17:00 - Wo: Fachhochschule Münster - [Drei-Länder-Tagung](https://www.hs-gesundheit.de/de/thema/die-hochschule/veranstaltungen/drei-laender-tagung-fuer-gesundheitsfachberufe-november-2019/?ref=uebergabe.de) - Wann: 07./08\. November 2019 - Wo: Hochschule für Gesundheit Bochum #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Die Übergabe unterstützen](https://uebergabe.de/podcast/unterstuetzen/?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) --- ![](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2019/03/uebergabe_team_07.jpg) Das Team der Übergabe: Mike Rommerskirch, Eva Maria Gruber, Christian Köbke, Franziska A. Jagoda, Alexander Hochmuthh (v.l.n.r.) ### Generalistische Ausbildung - (Christine Vogler) URL: https://www.uebergabe.de/ug017/ Last updated: 2026-06-13T12:38:19.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 14.09.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Seit 2020 vereint die Generalistik Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege in einer Grundausbildung. - Nach zwei gemeinsamen Jahren wählst du Vertiefung oder generalistischen Abschluss. - Die Reform steigert Flexibilität, Eigenverantwortung und Karrierechancen für Pflegefachpersonen. - Kleine Einrichtungen und Schulen brauchen Kooperationen, um Ausbildungsinhalte abzudecken. - Patient:innen profitieren durch breitere Kompetenzen und bessere interdisziplinäre Zusammenarbeit. --- ## Generalistische Pflegeausbildung: Ein Wendepunkt für die Pflege Die Pflegebranche in Deutschland hat einen neuen Meilenstein erreicht: die Einführung der generalistischen Pflegeausbildung. Seit 2020 ermöglicht dieses Modell eine einheitliche Grundausbildung für Pflegefachpersonen in der Altenpflege, Krankenpflege und Kinderkrankenpflege. Der Schritt hin zur Generalistik ist mehr als nur eine Veränderung der Ausbildung — es ist eine notwendige Reform, die sowohl die Attraktivität der Pflegeberufe steigern als auch die Qualität der Versorgung verbessern soll. Doch wie sieht diese Ausbildung genau aus, warum wurde sie eingeführt und was bedeutet sie für Pflegefachpersonen in der Praxis? ### Warum die Generalistik? Ein Blick auf die Entwicklung der Pflegeausbildung Die Pflegeausbildung in Deutschland war über Jahrzehnte hinweg in verschiedene Spezialisierungen unterteilt. Altenpflege, Krankenpflege und Kinderkrankenpflege bildeten jeweils eigene Ausbildungspfade, die auf die spezifischen Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppen zugeschnitten waren. Diese getrennten Wege führten jedoch zu einer Fragmentierung der Pflegeberufe, was sich besonders im internationalen Vergleich bemerkbar machte. Die Einführung der generalistischen Pflegeausbildung reagiert auf mehrere Herausforderungen: den Fachkräftemangel, die zunehmende Komplexität der pflegerischen Aufgaben und den Wunsch nach einer flexibleren Berufslaufbahn für Pflegefachpersonen. Außerdem wollte man mit der Reform internationale Standards in der Pflegeausbildung umsetzen, um die Mobilität der Pflegefachpersonen innerhalb Europas zu erleichtern. > *"Die Generalistik schafft endlich eine gemeinsame Basis für alle Pflegeberufe und stärkt damit die Profession der Pflege."* — Christine Vogler ### Wie ist die generalistische Pflegeausbildung aufgebaut? Die generalistische Pflegeausbildung verfolgt einen modularen Ansatz. In den ersten beiden Ausbildungsjahren erhalten alle Auszubildenden eine gemeinsame Grundausbildung. Sie lernen dabei sowohl die Grundlagen der Altenpflege als auch der Kranken- und Kinderkrankenpflege. Diese umfassende Ausbildung gibt ihnen ein breites Kompetenzspektrum, das es ihnen ermöglicht, in verschiedenen pflegerischen Bereichen zu arbeiten. Erst nach diesen zwei Jahren entscheiden sich die Auszubildenden, ob sie eine Vertiefung in einem spezifischen Bereich — wie der Altenpflege oder der Kinderkrankenpflege — anstreben oder ob sie weiterhin eine generalistische Ausbildung verfolgen und sich damit zur Pflegefachperson ausbilden lassen. Diese Flexibilität bietet den Auszubildenden die Möglichkeit, ihre Karriere nach ihren individuellen Interessen und den Erfordernissen des Arbeitsmarktes zu gestalten. ### Breitere Perspektiven für Pflegefachpersonen Eine der größten Stärken der generalistischen Pflegeausbildung ist die Flexibilität, die sie Pflegefachpersonen bietet. Die Trennung der verschiedenen Pflegeberufe gehört der Vergangenheit an, wodurch sich der Zugang zu verschiedenen Versorgungsbereichen vereinfacht. Pflegefachpersonen sind in der Lage, sowohl in der stationären Altenpflege als auch in Krankenhäusern oder in der häuslichen Pflege tätig zu sein. Die Möglichkeit, in unterschiedlichen Bereichen zu arbeiten, erhöht nicht nur die Karriereoptionen, sondern ermöglicht es den Pflegefachpersonen auch, besser auf Veränderungen im Gesundheitswesen zu reagieren. Mit einer alternden Bevölkerung und einem zunehmenden Pflegebedarf wird die Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachpersonen in allen Bereichen der Pflege weiter steigen. Die generalistische Ausbildung bereitet sie optimal auf diese Herausforderungen vor. > *"Mit der generalistischen Pflegeausbildung haben Auszubildende mehr Möglichkeiten, ihren individuellen Karriereweg zu gestalten."* — Christine Vogler ### Kompetenzen und Verantwortung: Was Pflegefachpersonen künftig leisten Mit der generalistischen Ausbildung wächst nicht nur das berufliche Einsatzspektrum, sondern auch die Verantwortung der Pflegefachpersonen. Die Reform fördert die Eigenverantwortlichkeit und Entscheidungsfähigkeit in der Pflegepraxis. Pflegefachpersonen lernen, den Pflegebedarf von Patient:innen eigenständig zu erheben und entsprechende Maßnahmen zu planen und durchzuführen. Dies stärkt nicht nur das Berufsbild, sondern verbessert auch die Qualität der pflegerischen Versorgung. Ein zentraler Aspekt der Ausbildung ist die praxisnahe Wissensvermittlung. Die Auszubildenden durchlaufen verschiedene praktische Einsätze in unterschiedlichen Pflegeeinrichtungen. So lernen sie, wie sich die Arbeit in einer Klinik von der in einem Pflegeheim oder einem ambulanten Dienst unterscheidet. Dieser praktische Bezug stellt sicher, dass sie nach ihrem Abschluss sofort einsatzbereit sind und fundierte Entscheidungen im Sinne der Patient:innen treffen können. ### Herausforderungen für die Umsetzung Trotz der vielen Vorteile steht die Pflegebranche bei der Umsetzung der generalistischen Ausbildung vor einigen Herausforderungen. Besonders kleinere Pflegeeinrichtungen stehen vor der Aufgabe, die erforderlichen Ausbildungsinhalte abzudecken. Da die Auszubildenden sowohl in der Altenpflege, der Krankenpflege als auch in der Kinderkrankenpflege eingesetzt werden müssen, sind Kooperationen zwischen verschiedenen Trägern notwendig. Diese Zusammenarbeit stellt sicher, dass die Auszubildenden die geforderten praktischen Erfahrungen sammeln können. Auch die Schulen und Lehrkräfte stehen vor neuen Anforderungen. Die generalistische Ausbildung erfordert eine Umstellung der Lehrpläne und eine engere Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen pflegerischen Fachdisziplinen. Nicht zuletzt müssen sich auch die Praxisanleiter:innen, die für die Betreuung der Auszubildenden vor Ort verantwortlich sind, an die neuen Ausbildungsinhalte anpassen und sich kontinuierlich weiterbilden. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Was bedeutet die Generalistik für die Patient:innen? Für die Patient:innen bietet die generalistische Pflegeausbildung viele Vorteile. Durch die breitere Ausbildung sind Pflegefachpersonen in der Lage, komplexere Pflegefälle zu betreuen und übergreifende Versorgungsbedarfe zu erkennen. Besonders in der ambulanten Pflege, wo Pflegefachpersonen häufig eigenverantwortlich arbeiten, bedeutet dies eine bessere Versorgungssicherheit. Zudem fördert die generalistische Ausbildung die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Pflegefachpersonen können aufgrund ihrer umfassenden Ausbildung besser mit Ärzt:innen, Therapeutund anderen Fachkräften zusammenarbeiten. Dies führt zu einer integrierteren Versorgung und einer besseren Abstimmung der Behandlungspläne. ### Die Zukunft der Pflegeausbildung: Was ist noch zu tun? Auch wenn die Einführung der generalistischen Pflegeausbildung ein wichtiger Schritt in Richtung Professionalisierung und Qualitätssicherung in der Pflege war, gibt es noch Bereiche, die weiterentwickelt werden müssen. Dazu zählt vor allem die Weiterentwicklung der akademischen Laufbahnen für Pflegefachpersonen. Der Trend zur Akademisierung in der Pflege sollte weiter vorangetrieben werden, um den steigenden Anforderungen in der Praxis gerecht zu werden. Darüber hinaus ist es wichtig, dass die generalistische Pflegeausbildung kontinuierlich evaluiert und weiterentwickelt wird. Die Anforderungen im Gesundheitswesen ändern sich ständig, und die Ausbildung muss flexibel genug sein, um auf diese Veränderungen reagieren zu können. Dies schließt auch die Anpassung der Lehrpläne und Praxisinhalte ein, um sicherzustellen, dass die Auszubildenden auf die realen Herausforderungen im Berufsalltag vorbereitet sind. ## Fazit: Eine Chance für die Pflege Die generalistische Pflegeausbildung ist eine wegweisende Reform, die das Potenzial hat, die Pflegeberufe grundlegend zu verändern. Sie stärkt das Berufsbild der Pflegefachpersonen, bietet flexiblere Karrierewege und verbessert die Versorgung der Patient:innen. Damit dies gelingt, sind jedoch alle Beteiligten gefordert: Pflegeeinrichtungen, Schulen und politische Entscheidungsträgermüssen eng zusammenarbeiten, um die Generalistik erfolgreich zu gestalten. Die Herausforderungen sind groß, aber die Chancen, die sich durch die generalistische Ausbildung bieten, sind es ebenfalls. Mit der richtigen Unterstützung und kontinuierlichen Anpassungen kann die Pflege in Deutschland zukunftssicher gemacht werden — zum Wohl der Patient:innen und der Pflegefachpersonen gleichermaßen. #### Shownotes zur Folge - [Fragen und Antworten zum Pflegeberufegesetz ](https://www.uebergabe.de/content/files/blob/77268/21edf78ebd06fce31862dc7becacbd97/faqs-pflegeberufsgesetz-data.pdf)(BMFSFJ.de) - ["Es muss gehandelt werden — und zwar jetzt!"](https://www.bibliomed-pflege.de/zeitschriften/die-schwester-der-pfleger/heftarchiv/ausgabe/artikel/sp-6-2018-mitarbeiterbindung-so-bleiben-talente-im-team/35413-es-muss-gehandelt-werden-und-zwar-jetzt/?ref=uebergabe.de) (bibliomed-pflege.de) - [Pflegeberufegesetz ](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/pflegeberufegesetz.html?ref=uebergabe.de)(bundesgesundheitsministerium.de) - [Rahmenlehrpläne für den theoretischen und praktischen Unterricht](https://www.bibb.de/de/86562.php?ref=uebergabe.de) (bibb.de) - [Attraktivitätssteigerung durch Reform der Pflegeberufe](https://www.bibb.de/veroeffentlichungen/de/publication/show/8031?ref=uebergabe.de) (bibb.de) - [Das Pflegeberufegesetz: Ziele, Inhalte & Kritik ](https://www.jedermann-gruppe.de/pflegeberufegesetz/?ref=uebergabe.de)(jedermann-gruppe.de) - Update: Wie viel Generalistik steckt im neuen Pflegeberufegesetz? Pflegezeitschrift, Springer Verlag, Ausgabe 1-2/2018 - Breuckmann M. (2016). Berufsausbildung: Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen. In: Heilberufe, 68(1): 38-40. - Vogler C. (2018). Update: Wie viel Generalistik steckt im neuen Pflegeberufegesetz? In: Pflegezeitschrift, 71(1): 48-51. --- ![Alex, Eva und Christine Vogler nach der Podcast-Aufnahme](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2019/09/ug017.jpg) Alex, Eva Maria, Christine Vogler (v.l.n.r.) ## Zum Weiterhören - [ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann)](https://www.uebergabe.de/ug168/) - [ÜG089 – Finanzierung in der Generalistik](https://www.uebergabe.de/ug089/) - [ÜG102 – Berufseinmündung in der Pflege (Petra Krause)](https://www.uebergabe.de/ug102/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Demenz und Technologien (Dr. Jan Ehlers & Sven Kernebeck) URL: https://www.uebergabe.de/ug016/ Last updated: 2026-06-13T12:38:14.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 31.08.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Demenz betrifft 1,7-1,8 Mio. Menschen in Deutschland - Tendenz stark steigend. - GPS-Tracker und Smart-Home-Systeme erhöhen Sicherheit und entlasten dich als Pflegekraft. - Roboter wie Pepper und Paro sowie VR fördern emotionales Wohlbefinden. - Finanzierung, Datenschutz und einfache Bedienbarkeit bleiben zentrale Herausforderungen. - Personalisierte Technologien könnten künftig Pflegepläne und Personalnot verbessern. 👥 Sven Kernebeck: [LinkedIn](https://de.linkedin.com/in/sven-kernebeck-58494a121?ref=uebergabe.de) Prof. Dr. Jan Ehlers: [Twitter](https://twitter.com/medizindidaktik?lang=de&ref=uebergabe.de) | [LinkedIn](https://de.linkedin.com/in/medizindidaktik?ref=uebergabe.de) ## Technologien und Demenz: Potenziale und Herausforderungen im Pflegealltag In der heutigen Zeit rücken technologische Entwicklungen immer stärker in den Fokus der Pflege und Gesundheitsversorgung. Insbesondere im Umgang mit demenzerkrankten Patient:innen eröffnen moderne Technologien neue Möglichkeiten. Sie können sowohl zur Unterstützung der Pflegefachpersonen als auch zur Erhöhung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz beitragen. Dieser Artikel untersucht, wie digitale Tools im Pflegealltag integriert werden können, welche Vorteile und Herausforderungen sie mit sich bringen und welche Zukunftsperspektiven bestehen. ### Die Bedeutung von Demenzerkrankungen Demenzerkrankungen zählen weltweit zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen des 21\. Jahrhunderts. Allein in Deutschland sind etwa 1,7 bis 1,8 Millionen Menschen betroffen, und die Zahl der Neuerkrankungen liegt bei ca. 300.000 pro Jahr. Besonders besorgniserregend ist die Prognose: Bis zum Jahr 2050 könnte sich diese Zahl verdoppeln. Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung, die das Gedächtnis, das Denkvermögen und das Urteilsvermögen beeinträchtigt. Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto schwieriger wird es für die Betroffenen, alltägliche Aufgaben zu bewältigen. Die Betreuung von Menschen mit Demenz stellt eine enorme Belastung dar, sowohl für Pflegefachpersonen als auch für Angehörige. Aus diesem Grund wird die Frage, wie digitale Technologien in der Pflege von Demenzkranken eingesetzt werden können, immer dringlicher. ### Einsatz digitaler Technologien in der Pflege von Demenzpatient:innen Technologische Hilfsmittel können auf unterschiedliche Weise in die Pflege integriert werden. Dabei sind nicht nur Innovationen gefragt, die auf eine Erleichterung der Pflegearbeit abzielen, sondern auch solche, die das Wohlbefinden und die Sicherheit der Patient:innen gewährleisten. 1. **Assistenzsysteme und Monitoring**: Eine der größten Herausforderungen in der Pflege von Menschen mit Demenz sind Verhaltensauffälligkeiten wie das sogenannte "Weglaufen" oder das Verirren. Hier können GPS-Tracker und Smart-Home-Technologien hilfreich sein. Diese Systeme überwachen die Bewegungen der Betroffenen und ermöglichen eine schnelle Reaktion, wenn sie sich verirren oder die sichere Umgebung verlassen. Gleichzeitig geben sie den Angehörigen Sicherheit und entlasten Pflegefachpersonen. 2. **Roboter in der Pflege**: Pflegerobotik ist ein weiterer Bereich, der Potenzial zur Unterstützung von Pflegefachpersonen bietet. Roboter wie "Pepper" oder "Paro" können auf die Bedürfnisse von Demenzpatient:innen reagieren und sie emotional ansprechen. Diese Roboter werden bereits erfolgreich in der Therapie eingesetzt, indem sie durch ihre Interaktivität und ihr freundliches Auftreten emotionale Unterstützung bieten. 3. **Virtuelle Realität und kognitive Stimulation**: Virtual Reality (VR) ermöglicht es, Menschen mit Demenz in eine sichere und kontrollierte Umgebung zu versetzen, die positive Erinnerungen weckt. Studien zeigen, dass VR positive Effekte auf das emotionale Wohlbefinden von Demenzpatient:innen haben kann, indem sie Erlebnisse ermöglicht, die in der realen Welt nicht mehr zugänglich sind. 4. **Digitales Pflege-Management**: Elektronische Dokumentationssysteme und digitale Patientenakten ermöglichen es Pflegefachpersonen, Informationen effizient zu erfassen und schneller zu handeln. Besonders in der Versorgung von Demenzkranken, die häufig mehrere Betreuungspersonen involviert, kann der schnelle Zugriff auf medizinische Informationen entscheidend sein. ### Herausforderungen bei der Integration von Technologien Trotz der vielen Vorteile stehen die Pflegeeinrichtungen und Pflegefachpersonen vor Herausforderungen, wenn es um die Implementierung dieser Technologien geht. Zunächst muss sichergestellt werden, dass die Technologien den speziellen Bedürfnissen von Menschen mit Demenz gerecht werden. Diese sind oft nicht in der Lage, komplexe technische Geräte zu bedienen, und benötigen deshalb einfache und intuitive Lösungen. Ein weiteres Problem stellt die Finanzierung dar. Innovative Technologien sind oft kostenintensiv, und nicht alle Pflegeeinrichtungen haben die notwendigen Ressourcen, um in diese Technologien zu investieren. Auch rechtliche und ethische Fragen, insbesondere im Hinblick auf den Datenschutz und die Privatsphäre der Patient:innen, müssen berücksichtigt werden. So sollte beispielsweise der Einsatz von Überwachungssystemen wie GPS-Trackern immer im Einvernehmen mit den Betroffenen oder ihren Angehörigen erfolgen. ### Chancen für die Zukunft Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist ein unaufhaltsamer Trend, der auch in der Pflege immer mehr Einzug hält. Die Möglichkeiten, die sich daraus für die Versorgung von Demenzpatient:innen ergeben, sind enorm. Langfristig könnten Technologien dazu beitragen, die Pflegepersonalnot zu lindern, indem sie zeitintensive Aufgaben wie die Dokumentation oder die Überwachung übernehmen. Zudem eröffnen Technologien neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Pflegeeinrichtungen und Angehörigen. Telemedizinische Angebote und digitale Plattformen können eine Brücke zwischen den verschiedenen Akteur:innen schlagen und so die Pflege verbessern. Die Entwicklung personalisierter Technologien, die auf die individuellen Bedürfnisse von Demenzpatient:innen abgestimmt sind, könnte in Zukunft eine noch größere Rolle spielen. Beispielsweise könnten Algorithmen entwickelt werden, die Verhaltensmuster erkennen und daraufhin personalisierte Pflegepläne erstellen. ### Fazit Der Einsatz von Technologien in der Pflege von Demenzpatient:innen birgt enormes Potenzial, sowohl für die Betroffenen als auch für die Pflegefachpersonen. Von GPS-Trackern über Pflegeroboter bis hin zu elektronischen Dokumentationssystemen — die Möglichkeiten sind vielfältig. Gleichzeitig ist es wichtig, die Herausforderungen nicht außer Acht zu lassen und sicherzustellen, dass die Technologien stets im Einklang mit den ethischen und rechtlichen Rahmenbedingungen eingesetzt werden. Nur so kann die digitale Transformation im Pflegebereich erfolgreich sein und die Lebensqualität von Menschen mit Demenz nachhaltig verbessern. #### Podcast-Empfehlungen aus der Folge - [Was Denkst Du Denn](https://www.wasdenkstdudenn.de/?ref=uebergabe.de) (wasdenkstdudenn.de) - [Mensch, Frau Nora](https://mensch-frau-nora.de/?ref=uebergabe.de) (mensch-frau-nora.de) - [Deliciously Ella](https://deliciouslyella.com/podcast/?ref=uebergabe.de) (deliciouslyella.com) - [gmp-podcast](https://gmp-podcast.de/?ref=uebergabe.de) (gmp-podcast.de) - [Lage der Nation](https://www.kuechenstud.io/lagedernation/?ref=uebergabe.de) (kuechenstud.io) - [Netzpolitik.org](https://netzpolitik.org/podcast/?ref=uebergabe.de) (netzpolitik.org) - [eHealth-Podcast](https://www.ehealth-podcast.de/?ref=uebergabe.de) (ehealth-podcast.de) #### Informationen, Hilfe und Aufklärung - [Ratgeber Pflege](http://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5%5FPublikationen/Pflege/Broschueren/BMG%5FRatgeber%5FPflege.pdf?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Ratgeber Demenz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5%5FPublikationen/Pflege/Broschueren/190429%5FBMG%5FRG%5FDemenz.pdf?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Pflegeleistungen zum Nachschlagen](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5%5FPublikationen/Pflege/Broschueren/190329%5FPflegeleistungen%5F2019.pdf?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Pflegebedürftig. Was nun?](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/5%5FPublikationen/Praevention/Broschueren/bmgs%5Fonepager%5Fpflegebeduerftig%5Fwas%5Fnun%5F150ppi.pdf) (bundesgesundheitsministerium.de) #### Studien - [Die Häufigkeit von Demenzerkrankungen](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/alz/pdf/factsheets/infoblatt1%5Fhaeufigkeit%5Fdemenzerkrankungen%5Fdalzg.pdf) (deutsche-alzheimer.de) - Unterscheidung Agitation/Aggression: [**Volicer, L., & Galik, E. (2018). Agitation and Aggression Are 2 Different Syndromes in Persons With Dementia. JAMDA, 19(12), 1035-1038.*](https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1525861018304080?via%3Dihub&ref=uebergabe.de) (sciencedirect.com) - Self-reported needs: [**Shiells, K., Pivodic, L., Holmerova, I., & Van den Block, L. (2019). Self-reported needs and experiences of people with dementia living in nursing homes: a scoping review. Aging & Mental Health, 1-16.*](https://europepmc.org/abstract/med/31163987?ref=uebergabe.de) (europepmc.org) - Forschungsbericht Akzeptanz und Einstellungen hinsichtlich technischer Unterstützung zur Gewährleistung sicherer Bewegungsräume: [**Müller, I., Mertin, M., Rolf, A. (2016). Abschlussbericht des Forschungsprojekts: „Akzeptanz und Einstellungen hinsichtlich technischer Unterstützung zur Gewährleistung sicherer Bewegungsräume für Menschen mit dementiellen Erkrankungen (Bermuda)”. Bielefeld: Fachhochschule Bielefeld*](https://slidex.tips/download/fachbereich-wirtschaft-und-gesundheit-lehreinheit-pflege-und-gesundheit-inbvg-in?ref=uebergabe.de) (sliedex.tips) - ‚Familism‘: [**Benedetti, R., Cohen, L., & Taylor, M. (2013). ‘There’s really no other option’: Italian Australians’ Experiences of Caring for a Family Member With Dementia. Journal of Women & Aging, 25, 138-164.*](https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/08952841.2013.760330?mobileUi=0&journalCode=wjwa20&ref=uebergabe.de) (tandfonline.com) - Ethik und Assistive Technologien bei Demenz: [Sandra A. Zwijsen , Alistair R. Niemeijer & Cees M.P.M. Hertogh Ethics of using assistive technology in the care for community-dwelling elderly people: An overview of the literature Pages 419-427](https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/13607863.2010.543662?journalCode=camh20&ref=uebergabe.de) (tandfonline.com) - [Landau, R., Werne, S. (2012). Ethical aspects of using GPS for tracking people with dementia: recommendations for practice. 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JMIR Rehabil Assist Technol, 2017\. 4(1): p. e1\. ](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5454557/?ref=uebergabe.de) (ncbi.nlm.nih.gov) ![Bild der Podcast-Aufnahme zu Technologien und Demenz](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2019/08/ug016-e1567194706689.jpg) Franziska, Jan, Christian, Sven (v.l.n.r.) ## Zum Weiterhören - [ÜG100 – Demenzfreundliche Krankenhäuser (Christina Manietta & Melanie Feige)](https://www.uebergabe.de/ug100/) - [ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)](https://www.uebergabe.de/ug050/) - [ÜG096 – Digitalisierung in der Pflege (Stephanie Raudies & Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler)](https://www.uebergabe.de/ug096/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Organspende – Eine lebensrettende Entscheidung (B. Gruber) URL: https://www.uebergabe.de/ug015/ Last updated: 2026-06-13T12:38:08.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 20.07.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Hirntod ist Voraussetzung für Organspende und gilt als sicherste medizinische Diagnose. - Zwei unabhängige Ärzt:innen bestätigen den irreversiblen Ausfall aller Hirnfunktionen streng. - Transplantationsbeauftragte begleiten Angehörige empathisch und respektieren den Willen der Verstorbenen. - Organe haben enge Zeitfenster: Herz/Lunge 4-6 Stunden, Nieren bis 24. - 8.500 Menschen warten, nur 3.247 Transplantationen 2023 - sprich über deine Entscheidung. --- ## Organspende — Eine lebensrettende Entscheidung Organspende ist ein zentrales Thema in der modernen Medizin, aber auch eine zutiefst emotionale und ethische Angelegenheit. Der Gedanke, dass das Herz eines Menschen in einem anderen Körper weiterlebt oder eine Niere einer anderen Person ein neues Leben schenkt, fasziniert und bewegt viele. Doch es gibt auch Unsicherheiten, Missverständnisse und Ängste — sowohl bei Angehörigen als auch bei den Patient:innen selbst. In der aktuellen Podcast-Folge der Übergabe sprechen wir mit Bernd Gruber, einem erfahrenen Transplantationsbeauftragten, der uns einen tiefen Einblick in den Prozess der Organspende, die Bedeutung des Hirntods und den Umgang mit den Angehörigen von Spender:innen gibt. > „Organspende rettet Leben, doch der Weg dorthin ist für alle Beteiligten eine Herausforderung.” — Eva Bernd Gruber erklärt, dass der Weg zur Organspende ein komplexer, aber gut strukturierter Prozess ist. Von der Feststellung des Hirntods über die Betreuung der Angehörigen bis hin zur eigentlichen Entnahme der Organe — jeder Schritt wird sorgfältig und mit größter Sorgfalt durchgeführt. Dennoch bleibt die Frage offen, wann genau ein Mensch tot ist und wie man mit diesem Wissen umgeht. ### Unser Video zur Organspende [Übergabe | Organspende🎬 In diesem Video bieten wir einen Überblick zur Organspende. Es erklärt die Unterschiede zwischen Lebend- und postmortaler Spende und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen. Zudem wird die Bedeutung einer informierten Entscheidung hervorgehoben.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-1.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/Organspende-1.webp)](https://www.uebergabe.de/organspende/) ## Was bedeutet der Hirntod? Der Hirntod ist in Deutschland die Voraussetzung dafür, dass Organe zur Transplantation entnommen werden dürfen. Doch was bedeutet Hirntod eigentlich genau? **Der Hirntod definiert als der vollständige und irreversible Ausfall aller Hirnfunktionen, einschließlich des Stammhirns, das für lebenswichtige Funktionen wie Atmung und Kreislaufsteuerung verantwortlich ist.** Ohne die Funktionen des Gehirns ist es nicht möglich, dass der Mensch eigenständig weiterlebt. Maschinen können zwar die Atmung und den Kreislauf aufrechterhalten, aber der Tod ist bereits eingetreten. Um den Hirntod festzustellen, gibt es in Deutschland strenge gesetzliche Vorgaben. Zwei unabhängige Ärzt:innen müssen die Diagnose bestätigen. Dazu werden verschiedene Tests durchgeführt, wie die Untersuchung der Pupillenreaktion auf Licht oder der Reflexe. Zudem wird häufig eine Doppler-Sonographie eingesetzt, um die Durchblutung des Gehirns zu überprüfen. Nur wenn kein Blut mehr ins Gehirn gelangt, kann der Hirntod diagnostiziert werden. ### Die Unsicherheit der Angehörigen Bernd Gruber beschreibt im Podcast eindrücklich, wie schwierig es für Angehörige ist, den Tod eines geliebten Menschen zu akzeptieren, wenn der Körper noch an Beatmungsmaschinen angeschlossen ist. „Für die Angehörigen sieht es oft so aus, als würde der Mensch noch leben”, erklärt er. Der Brustkorb hebt und senkt sich, das Herz schlägt — wie kann das also der Tod sein? > „Der Hirntod ist eine der sichersten Diagnosen in der Medizin. Es gibt keine Diagnose, die so streng überprüft wird.” — Bernd Gruber Dieser Moment ist für viele Angehörige besonders schmerzhaft. Sie sehen, dass die Maschinen die Lebensfunktionen des Körpers aufrechterhalten, und fragen sich, ob es nicht doch noch eine Hoffnung gibt. Hier sei es besonders wichtig, umfassend aufzuklären und die Hintergründe des Hirntods verständlich zu erklären. Nur so können die Angehörigen den schweren Prozess der Entscheidung für oder gegen eine Organspende bewältigen. ## Die Rolle des Transplantationsbeauftragten Bernd Gruber ist Transplantationsbeauftragter und beschreibt, wie viel Verantwortung diese Position mit sich bringt. Neben der medizinischen Koordination der Organspende ist es seine Aufgabe, die Angehörigen zu begleiten und sicherzustellen, dass alle Schritte ethisch und korrekt ablaufen. „Wir müssen immer den Willen der verstorbenen Person respektieren”, betont er. Das bedeutet, dass die Wünsche der Spender:innen im Mittelpunkt stehen, unabhängig davon, was die Angehörigen wollen. Wenn kein schriftlicher Wille vorliegt, wird versucht, herauszufinden, was die Person zu Lebzeiten gewollt hätte. In der Rolle des Transplantationsbeauftragten sieht Gruber sich oft als Vermittler zwischen den Emotionen der Angehörigen und den technischen Notwendigkeiten der Organentnahme. Er erklärt, dass es hier besonders darauf ankommt, Fingerspitzengefühl und Empathie zu zeigen, denn die Angehörigen befinden sich in einer Ausnahmesituation. „Es ist unser Ziel, den Angehörigen genügend Zeit zu geben, sich zu verabschieden und den Tod zu verarbeiten”, sagt Gruber. Dabei spielt auch die Frage, ob die Angehörigen die verstorbene Person nach der Explantation noch einmal sehen möchten, eine große Rolle. ## Organspende als ethische Herausforderung Die Entscheidung zur Organspende ist für viele Menschen nicht leicht. Vor allem die Frage, wann der Tod eines Menschen wirklich eintritt, beschäftigt viele. Gegner:innen der Organspende argumentieren, dass der Hirntod nur ein Teil des Sterbeprozesses ist und dass der Mensch zu diesem Zeitpunkt noch nicht „wirklich” tot sei. Für Gruber hingegen ist der Hirntod eindeutig: „Es gibt keine sicherere Diagnose in der Medizin als den Hirntod. Diese Diagnose wird mit höchster Sorgfalt und mehrfach überprüft gestellt.” Trotzdem ist es verständlich, dass viele Menschen mit dieser Definition hadern. Die Vorstellung, dass der Körper noch warm ist und der Herzschlag noch zu sehen ist, während der Tod schon eingetreten ist, widerspricht oft dem intuitiven Bild vom Tod. Gruber erklärt jedoch, dass der Hirntod eine der strengsten und sichersten Diagnosen ist, die es gibt. Es gibt keine Möglichkeit, dass ein Mensch mit Hirntod wieder ins Leben zurückkehrt. ## Der Ablauf des Organspendeprozesses Sobald der Hirntod diagnostiziert ist und die Zustimmung zur Organspende vorliegt, beginnt ein straff organisierter Ablauf. Die [Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO)](https://dso.de/?ref=uebergabe.de) koordiniert den gesamten Prozess, von der Vermittlung der Organe an passende Empfänger:innen bis hin zur Logistik der Organentnahme. Spezialist:innen aus verschiedenen Kliniken kommen zusammen, um die Organe zu entnehmen. In vielen Fällen werden die Organe an verschiedene Transplantationszentren in ganz Deutschland oder Europa verteilt. „Jedes Organ hat eine bestimmte Zeit, in der es transplantiert werden muss, um erfolgreich zu sein”, erklärt Gruber. Herz und Lunge müssen innerhalb von vier bis sechs Stunden transplantiert werden, während Nieren bis zu 24 Stunden ohne Blutversorgung auskommen. Dieser enge Zeitplan erfordert eine präzise Koordination und Zusammenarbeit zwischen den medizinischen Teams, den Transplantationszentren und den Logistikdiensten. ### Die emotionale Seite der Organspende Neben den medizinischen Herausforderungen ist die Organspende auch eine emotionale Belastung — nicht nur für die Angehörigen, sondern auch für das medizinische Personal. Pflegefachpersonen und Ärzt:innen, die im Bereich der Intensivmedizin arbeiten, sind oft mit den schwersten Schicksalen konfrontiert. Gruber berichtet, dass es wichtig sei, als Team zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu unterstützen. Der Umgang mit dem Tod gehört zwar zum Alltag auf der Intensivstation, aber die zusätzlichen emotionalen Belastungen durch den Organspendeprozess können das Personal stark fordern. > „Die Angehörigen sehen jemanden an Maschinen angeschlossen und fragen sich, wie dieser Mensch tot sein kann. Das ist ein schwieriger Prozess.” — Bernd Gruber Besonders schwierig ist es, wenn Kinder betroffen sind. Für Eltern ist die Entscheidung, die Organe ihres Kindes zu spenden, oft kaum erträglich. „Das ist die größte Herausforderung, die wir in der Organspende haben”, sagt Gruber. Der Schmerz und die Trauer der Eltern sind enorm, und es braucht viel Zeit und Geduld, um sie in dieser Situation zu begleiten. ### Ethische Reflexionen — Wann ist ein Mensch wirklich tot? Im Laufe des Podcasts wird deutlich, dass der Sterbeprozess bei der Organspende für viele Menschen unverständlich bleibt. Während einige akzeptieren, dass der Hirntod den Tod markiert, sind andere skeptisch. Gruber erklärt, dass in Deutschland der Gesamthirntod, also der vollständige Ausfall aller Hirnfunktionen, die gesetzliche Grundlage für die Organspende ist. Andere Länder, wie Großbritannien, gehen bei der Definition des Hirntods anders vor und betrachten nur den Ausfall des Großhirns als Todeskriterium. Diese Unterschiede in der Definition zeigen, wie komplex das Thema Tod und Organspende ist. Für viele Menschen ist der Tod erst dann real, wenn der Herztod eintritt. „Aber wir halten durch unsere medizinischen Möglichkeiten den Körper so lange am Leben, dass die Organe noch verwendet werden können”, erklärt Bernd Gruber. Diese technische Verlängerung des Lebens widerspricht oft dem intuitiven Verständnis vom Tod. Hier zeigt sich die ethische Herausforderung, vor der nicht nur das medizinische Personal, sondern auch die Gesellschaft insgesamt steht. ### Die Organspende in Deutschland [In Deutschland stehen etwa 8.500 Patient:innen auf der Warteliste für eine Organtransplantation](https://www.selbsthilfe-organtransplantierter-nrw.de/organspende-transplantation/daten-fakten/?ref=uebergabe.de) (Stand: 2024) während 2023 nur [3.247 Organtransplantationen durchgeführt wurden](https://www.eurotransplant.org/region/deutschland/?ref=uebergabe.de). Diese Diskrepanz zeigt, wie dringend mehr Organspender:innen gebraucht werden. Trotz der gesetzlichen Änderungen und der verstärkten Aufklärungskampagnen bleibt die Zahl der Spender:innen niedrig. Bernd Gruber ist jedoch optimistisch, dass sich dies in den kommenden Jahren ändern wird. > „Die Aufklärung über den Hirntod und die Sicherheit des Spendeprozesses wird immer besser. Ich hoffe, dass mehr Menschen sich zu Lebzeiten entscheiden, Organspender:in zu werden.” Dabei sei es besonders wichtig, mit den Angehörigen über die eigene Entscheidung zu sprechen und sie darüber zu informieren, was im Fall des Falles gewollt ist. Nur so kann sichergestellt werden, dass der Wille der verstorbenen Person respektiert wird. 💡 ****Detaillierte Informationen zur Warteliste** \- Am 1\. Januar 2024 waren 8.394 Patienten aktiv auf der Warteliste \- Im Jahr 2023 kamen 4.384 neue Patienten auf die Warteliste hinzu. \- Die meisten Patient:innen (etwa 6.500) warten auf eine Nierentransplantation ****Weitere relevante Fakten** \- Täglich kommen etwa 14 neue Menschen auf die Warteliste hinzu \- Die durchschnittliche Wartezeit für eine Niere beträgt 7-10 Jahre \- Leider sterben jeden Tag etwa 3 Menschen, die auf der Warteliste stehen ****Organspende in Deutschland** \- Im Jahr 2023 gab es 965 postmortale Organspender:innen in Deutschland \- Diese spendeten insgesamt 2.877 Organe \- Das entspricht etwa 11 Organspender:innen pro Million Einwohner:innen #### Weiterführende Informationen - [Informationsseite zur Organspende](https://www.organspende-info.de/start.html?ref=uebergabe.de) (organspende-info.de) - [Deutsche Seite von Eurotransplant](https://www.eurotransplant.org/cms/index.php?page=pat%5Fgermany&ref=uebergabe.de) (eurotransplant.org) - [Zur Bedeutung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls als sicheres Todeszeichen](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/downloads/pdf-Ordner/RL/hirnfunktionsausfall%5Fbek.pdf) in: Deutsches Ärzteblatt | Jg. 115 | Heft 41 | 12\. Oktober 2018, S. A 1836 (bundesarztekammer.de) - [Irreversibler Hirnfunktionsausfall ("Hirntod")](https://www.bundesaerztekammer.de/aerzte/medizin-ethik/wissenschaftlicher-beirat/veroeffentlichungen/irreversibler-hirnfunktionsausfall/?ref=uebergabe.de) (bundesaerztekammer.de) - - [Übersichtsarbeit: Bedeutung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls als sicheres Todeszeichen](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/downloads/pdf-Ordner/RL/hirnfunktionsausfall%5Fartikel.pdf) in: Deutsches Ärzteblatt | Jg. 115 | Heft 41 | 12\. Oktober 2018, S. 675 (bundesarztekammer.de) - [Review Article: The Relevance of Irreversible Loss of Brain Function as a Reliable Sign of Death](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/downloads/pdf-Ordner/MuE/iha%5Fengl.pdf) in: Deutsches Ärzteblatt International / Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 675-81 (bundesarztekammer.de) - [Begleitartikel zur ersten turnusmäßigen Aktualitätsprüfung der Richtlinie \[24.7.2017, PDF\]](https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user%5Fupload/downloads/pdf-Ordner/RL/Begleitartikel%5Firrev.Hirnfunktionsausfall%5F24.7.2017.pdf?ref=uebergabe.de) (bundesarztekammer.de) - [Bekanntmachung zur Vierten Fortschreibung der Richtlinie zur Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls \[06.07.2015, PDF\]](https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user%5Fupload/downloads/pdf-Ordner/RL/Bekanntmachung%5Firrev.Hirnfunktionsausfall.pdf?ref=uebergabe.de) (bundesarztekammer.de) - [Richtlinie gemäß Â§ 16 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 TPG für die Regeln zur Feststellung des Todes nach § 3 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 TPG und die Verfahrensregeln zur Feststellung des endgültigen, nicht behebbaren Ausfalls der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms nach § 3 Abs. 2 Nr. 2 TPG, Vierte Fortschreibung \[PDF\]](https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user%5Fupload/downloads/irrev.Hirnfunktionsausfall.pdf?ref=uebergabe.de) (Dtsch Ärztebl | 30\. März 2015 | DOI:10.3238/arztebl.2015.rl\_hirnfunktionsausfall\_01) (bundesarztekammer.de) - [Begleitartikel zur Vierten Fortschreibung der Richtlinie zur Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls \[06.07.2015, PDF\]](https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user%5Fupload/downloads/pdf-Ordner/RL/Begleitartikel%5F%5Firrev.Hirnfunktionsausfall.pdf?ref=uebergabe.de) (bundesarztekammer.de) - [Erklärung zum Hirntod \[PDF\]](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/downloads/erklaerung%5Fhirntod.pdf) (Dtsch Arztebl 2001; 98 \[29\]: A 1417) [Der endgültige Ausfall der gesamten Hirnfunktion ("Hirntod") als sicheres Todeszeichen \[PDF\]](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/user%5Fupload/downloads/ausfall%5Fhirnfunktion%5Fdaeb%5F1993-90-44%5Fa2933-35.pdf) (Dtsch Arztebl 1993; 90 \[44\]: A 2933-35) (bundesarztekammer.de) - [Zweites Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes - Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/gzso.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Transplantationsgesetz](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/3%5FDownloads/Gesetze%5Fund%5FVerordnungen/GuV/O/gzso%5Fbgbl.pdf) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Doppelte Widerspruchslösung](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2019/widerspruchsloesung.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Gemeinschaftlicher Initiativplan Organspende](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Organspende/03%5FUeber%5Funs/03%5FAktuelles/PDFs/initiativplan%5Forganspende.pdf) (organspende-info.de) - [Entscheidungshilfe bei erweitertem intensivmedizinischem Behandlungsbedarf auf dem Weg zur Organspende](https://www.divi.de/images/Dokumente/Pressemeldungen/190417-divi-entscheidungshilfe-bei-erweitertem-intensivmedizinischem-behandlungsbedarf-auf-dem-weg-zur-organspende.pdf?ref=uebergabe.de) (divi.de) - [Richtlinien zur Transplantationsmedizin](https://www.bundesaerztekammer.de/richtlinien/richtlinien/transplantationsmedizin/?ref=uebergabe.de) (bundesaerztekammer.de) ![Bild von der Podcast-Aufnahme mit Bernd Gruber zum Thema Organspende](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2019/07/ug015.jpg) B. Gruber, Christian, Eva, Alexander (v.l.n.r.) ## Zum Weiterhören - [ÜG013 – Ethik - (Prof. Dr. Martin Schnell)](https://www.uebergabe.de/ug013/) - [ÜG092 – Ethik in der Pflegepraxis (Dr.in Anna-Henrikje Seidlein & Lisa Graurock-Rosemeier)](https://www.uebergabe.de/ug092/) - [ÜG139 – Palliativpflege](https://www.uebergabe.de/ug139/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Strukturen der ambulanten Pflege & Langzeitpflege - (K. Schulz-Asche) URL: https://www.uebergabe.de/ug014/ Last updated: 2026-06-17T21:48:55.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 06.07.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Das deutsche Gesundheitssystem ist zu stark auf Ärzt:innen zentriert. - Pflegefachpersonen brauchen eigene Verantwortungsbereiche und bessere Qualifikation. - Steigende Eigenanteile treiben Pflegebedürftige in die Armut. - Der Sockel-Spitze-Tausch soll Pflegekosten planbar machen. - Eine Bürgerversicherung verteilt die Lasten auf breitere Schultern. Wer über die Zukunft der Pflege sprechen will, kommt an einem Punkt nicht vorbei: Wie soll das alles eigentlich finanziert werden – und wer entscheidet am Ende, welche Versorgung Menschen bekommen? In Folge 14 des Übergabe-Podcasts war Cordula Schulz-Asche zu Gast, damals pflegepolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag. Ihr Weg ist ungewöhnlich: gelernte Krankenschwester, Studium der Kommunikationswissenschaften, viele Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit in Afrika, dann die Politik. Genau diese Mischung macht ihren Blick auf ambulante Pflege und Langzeitpflege so spannend. ## Vom Krankenhausfrust zur Gesundheitspolitik Schulz-Asche machte 1979 ihr Examen – und hatte trotz guter Ausbildung beim Deutschen Roten Kreuz schnell die Nase voll von den starren Strukturen der Krankenhäuser. Sie wollte nicht dauerhaft gegen ihr eigenes Wissen und gegen ihre Vorstellung von einem guten Umgang mit Patient:innen arbeiten. In Afrika erlebte sie später ein ganz anderes Berufsbild: Pflegefachpersonen leiteten dort eigenständig Gesundheitszentren, oft ohne Arzt in der Nähe, mit einem völlig anderen Selbstbewusstsein. Diese Erfahrung prägt ihre These bis heute – Deutschland leistet sich ein extrem arztzentriertes System, in dem die Pflege auf Anordnungen warten muss, obwohl sie in vielen Bereichen mehr Expertise hat. Ein Beispiel, das die Absurdität auf den Punkt bringt: Eine Pflegefachperson in der ambulanten Langzeitpflege beherrscht die Wundversorgung – und muss trotzdem erst zum Arzt fahren, um sich ein Rezept für Verbandmaterial ausstellen zu lassen. Für eine Wunde, die der Arzt nie gesehen hat. In einer Zeit, in der überall über Pflegenotstand und vermeintlichen Ärztemangel geredet wird, verschwendet das System wertvolle Zeit. > *„Das was eine Pflegefachkraft gelernt hat, wofür sie die Expertin ist, das kann sie auch selber verordnen." — Cordula Schulz-Asche* ## Mangel ist nicht gleich Mangel Einen echten Ärztemangel gebe es streng genommen nicht, so Schulz-Asche – noch nie wurden so viele Mediziner:innen ausgebildet wie damals. Das eigentliche Problem ist der demografische Wandel auch innerhalb der Ärzteschaft: Die Babyboomer gingen ab 2020 in großer Zahl in den Ruhestand. Hinzu kommt, dass viele junge Ärzt:innen nicht mehr in der klassischen Einzelpraxis arbeiten wollen. Sie suchen Teams, Austausch, Fortbildung und phasenweise auch eine Anstellung statt der lebenslangen Selbstständigkeit. Reagiert hat das System darauf lange kaum. Ihre Lösung zielt auf neue Versorgungsformen, gerade im ländlichen Raum: Gesundheitszentren, in denen niedergelassene und angestellte Ärzt:innen, Apotheke, Pflegedienste und Beratung zusammenkommen – gut erreichbar für ältere Menschen. Dass solche [medizinischen Versorgungszentren für ländliche Regionen](https://www.aerzteblatt.de/archiv/160517/Medizinische-Versorgungszentren-Chancen-fuer-laendliche-Regionen?ref=uebergabe.de) funktionieren können, zeigen einzelne Modellprojekte – flächendeckend ist davon allerdings wenig zu sehen. ## Warum die Pflege eine starke Stimme braucht Damit die Arztzentrierung aufbricht, müssen aus Sicht von Schulz-Asche zwei Dinge zusammenkommen. Zum einen wissen die jungen Mediziner:innen längst, dass sie nur im Zusammenspiel mit anderen Gesundheitsberufen erfolgreich arbeiten. Zum anderen müssen diese Berufe – allen voran die Pflege – selbstbewusster auftreten und sich besser organisieren. Sie plädiert für starke Berufsverbände, für Pflegekammern, die der Ärztekammer auf Augenhöhe begegnen, und für eine kräftige gewerkschaftliche Vertretung. Überall in Europa, wo Pflegefachpersonen gut organisiert seien, ließen sich neue Versorgungsmodelle leichter durchsetzen. Konkret geht es um eine Neuordnung der Tätigkeitsfelder: An den Schnittstellen zwischen Medizin und Pflege muss klar definiert werden, wer was übernimmt. Das Stichwort lautet Advanced Practice Nursing. Wie diese erweiterten Rollen aussehen können, hat die Übergabe ausführlich in der Folge zu [Advanced Nursing Practice](https://www.uebergabe.de/ug012/) besprochen. Schulz-Asche betont aber auch: Mehr Verantwortung verlangt eine wirklich gute Ausbildung sowie kontinuierliche Fort- und Weiterbildung auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand. Wer plötzlich Medikamente verordnen darf, braucht dafür Sicherheit – und ein Umfeld, das diese Sicherheit trägt. ## Langzeitpflege ist anspruchsvoller, als viele denken Besonders deutlich wird ihr Punkt in der ambulanten Langzeitpflege. Wer dort allein unterwegs ist, muss weit mehr leisten als pflegerische oder medizinische Aufgaben: soziale Situationen einschätzen, die Belastung von Angehörigen erkennen, Hilfebedarfe abklären, mögliche Grenzüberschreitungen bemerken, Angehörige anleiten. Es braucht pflegerisches, beraterisches und pädagogisches Können zugleich. In Deutschland werde Altenpflege jedoch oft so behandelt, als sei sie „jeder Frau in die Wiege gelegt" – ein Bild, das der Professionalität dieses Berufs in keiner Weise gerecht wird. ## Eine Pflegeversicherung am Limit Damit waren wir beim eigentlichen Schwerpunkt: der Finanzierung. Die Pflegeversicherung trat 1995 als jüngste Säule der Sozialversicherung in Kraft. Mit den Pflegestärkungsgesetzen wurden in den Jahren vor der Aufnahme wichtige Probleme angegangen – das [zweite Pflegestärkungsgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegestaerkungsgesetz-zweites-psg-ii.html?ref=uebergabe.de) brachte den überarbeiteten Pflegebedürftigkeitsbegriff und die fünf Pflegegrade, sodass endlich auch demenzbedingte Pflegebedürftigkeit angemessen abgebildet wurde. Das [dritte Pflegestärkungsgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegestaerkungsgesetz-drittes-psg-iii.html?ref=uebergabe.de) sollte die Rolle der Kommunen stärken – blieb aus ihrer Sicht aber auf halbem Weg stehen, weil die guten Absichten nicht überall mit echtem Geld unterlegt wurden. Schulz-Asche denkt Versorgung vom Quartier her: wohnortnahe Anlaufstellen, in denen Beratung, soziale Teilhabe und Prävention zusammenkommen – vom kleinen Café über Renten- und Pflegeberatung bis zur Sturzprophylaxe. Genau hier liegt ein zentrales Problem: Die [Pflegestützpunkte beraten höchst unterschiedlich](https://www.iges.com/kunden/gesundheit/forschungsergebnisse/2019/pflegestuetzpunkte/index%5Fger.html?ref=uebergabe.de) und sind je nach Bundesland viel zu dünn gesät. In einem großen Landkreis ist ein einziger Stützpunkt für eine 90-jährige Person ohne Auto schlicht unerreichbar. Beratung müsse deshalb zu den Menschen kommen – in die Stadtteile, in die Rathäuser, ins Gesundheitszentrum. ## Sieben fremde Menschen am Tag Die ambulante Versorgung hat für Schulz-Asche klare Priorität, weil die meisten Menschen so lange wie möglich zu Hause bleiben wollen – und weil sich gar nicht genug stationäre Einrichtungen bauen lassen. Doch die aktuelle Logik ist verrichtungsorientiert und getaktet: Morgens kommt jemand zum Waschen, dann jemand zum Insulinspritzen, später der fahrbare Mittagstisch. Pflegebedürftige sehen pro Tag mehrere fremde Gesichter, sozial isoliert bleiben sie trotzdem. Auch pflegende Angehörige geraten in eine soziale Isolation, die krank machen kann. > *„Wir müssen weg von dieser getakteten Tätigkeitsorientierung – hin zu einer wirklich menschenzentrierten, ganzheitlichen Pflege." — Cordula Schulz-Asche* Als Vorbild nennt sie das niederländische Modell, bei dem selbstorganisierte Teams im Quartier arbeiten und sich am Bedarf der Patient:innen orientieren statt an Minuten. Wie dieses Prinzip übertragbar ist, hat die Übergabe später in der Folge zu [Buurtzorg als Organisationsmodell der ambulanten Pflege](https://www.uebergabe.de/ug063/) vertieft. Die aktuelle Vergütung bringt Pflegedienste sogar dazu, möglichst große Entfernungen abzurechnen und dabei Zeit zu verlieren. ## Sockel-Spitze-Tausch: Pflegekosten planbar machen Der wunde Punkt der Pflegeversicherung sind die Eigenanteile. Im Heim zahlten Pflegebedürftige zum Zeitpunkt der Aufnahme rund 680 Euro Eigenanteil allein für die Pflege – Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten kommen obendrauf. Jede Qualitätsverbesserung, jede bessere Bezahlung der Pflegefachpersonen verteuert diesen Eigenanteil und treibt Menschen in die Sozialhilfe, also in die Hilfe zur Pflege. Genau das hält Schulz-Asche für untragbar: Man könne nicht den einen mehr geben und die anderen damit in Armut stürzen. Ihr Lösungsvorschlag orientiert sich an Überlegungen des Pflegeökonomen Heinz Rothgang: der sogenannte Sockel-Spitze-Tausch. Der Eigenanteil wird deutlich gesenkt und gedeckelt – die Pflegeversicherung übernimmt alle darüber hinausgehenden Kosten. Für Pflegebedürftige und Angehörige entsteht so Planbarkeit und die Sicherheit, nicht durch jede Verbesserung in die Armut abzurutschen. Damit das gelingt, braucht es allerdings einen Steuerzuschuss, sonst gerät die Versicherung selbst in Schieflage. ## Tariflöhne, Verdi und ein Verband, der klagt Rund um die Konzertierte Aktion Pflege lobt Schulz-Asche viele Vorschläge – kritisiert aber, dass die Frage der Gegenfinanzierung ausgeblendet wird. Höhere Tariflöhne sind richtig und wichtig, doch wenn sie ungebremst die Eigenanteile in die Höhe treiben, verlieren am Ende die Pflegebedürftigen. Den damals neu gegründeten Arbeitgeberverband, über den gemeinnützige Träger wie Caritas und Diakonie gemeinsam mit Verdi flächendeckende Tarifverträge verhandeln wollten, hält sie für einen sinnvollen Schritt. Dass ausgerechnet der größte private Arbeitgeberverband eine Verfassungsklage ankündigte, ließ sie eher ratlos zurück – schließlich legt man sich damit mit der größten Berufsgruppe im Gesundheitswesen an, ohne die der Versorgungsauftrag gar nicht zu erfüllen ist. ## Zuwanderung ja – aber fair und gut gemacht Ohne ausländische Fachkräfte werde es nicht gehen, da ist sich Schulz-Asche sicher. Entscheidend sei aber das Wie: gesicherte Ausbildungsqualität, Sprachkenntnisse, die schon im Herkunftsland erworben werden, schnellere und bundesweit einheitliche Anerkennungsverfahren und sichere Aufenthaltsstatus statt versteckter Hürden. Das damalige Fachkräfteeinwanderungsgesetz bezeichnete sie zugespitzt eher als Einwanderungsverhinderungsgesetz. Ihr Plädoyer: entwicklungspolitisch denken und in Ländern mit vielen jungen Menschen gemeinsam Ausbildungsstätten aufbauen – statt jenen Ländern Fachkräfte abzuwerben, die selbst in den demografischen Wandel geraten. ## Bürgerversicherung: Lasten auf breitere Schultern Das größte Reformbedürfnis sieht Schulz-Asche auf der Einnahmeseite. Die soziale Pflegeversicherung bemisst Beiträge bislang nur an Einkommen aus abhängiger Beschäftigung – eine Logik aus dem 19\. Jahrhundert. Mieteinnahmen, Kapitalerträge oder Erbschaften tauchen nicht auf. Ihr Vorschlag, die [Pflege gerecht und stabil über eine Pflege-Bürgerversicherung zu finanzieren](https://www.uebergabe.de/content/files/dip21/btd/19/085/1908561.pdf), würde alle Bürger:innen entsprechend ihrer finanziellen Möglichkeiten einbeziehen und die Beitragsbemessungsgrenze anheben. Da die Leistungen in privater und sozialer Pflegeversicherung ohnehin identisch sind, ließe sich gerade hier eine Bürgerversicherung vergleichsweise einfach umsetzen. Die Hoffnung: mehr Qualität refinanzieren und für rund 90 Prozent der Bevölkerung die Beiträge sogar stabil halten oder senken. ## Eine Pflege, die selbst entscheiden darf Zum Schluss verriet Schulz-Asche, was sie tun würde, wenn sie noch einmal in den Beruf zurückkehrte: in die ambulante Langzeitpflege gehen, in selbstverwaltete, selbstbestimmte Teams, in denen man auf Augenhöhe und patientenorientiert arbeitet. Dafür braucht es eine höhere Qualifikation, mehr Eigenständigkeit gegenüber der Arztzentrierung und eine Finanzierung, die gute Pflege für alle leistbar macht. Als wichtiges Zeichen wertete sie, dass in der Woche der Aufnahme die Gründung einer Bundespflegekammer auf den Weg gebracht wurde – während die Pflegekammer in Hessen damals an einer knappen Mehrheit gescheitert war. Warum eine solche Kammer überhaupt so wichtig ist, beleuchtet die Übergabe im [Special zur Pflegekammer](https://www.uebergabe.de/ug003/). Der Weg ist lang, das machte das Gespräch deutlich. Aber Schulz-Asche bleibt überzeugt: Wenn wir Versorgung und Finanzierung jetzt grundlegend umbauen, statt immer nur Löcher zu stopfen, kann Pflege das werden, was sie eigentlich ist – ein anspruchsvoller, sinnstiftender Beruf mit Zukunft. ## Zum Weiterhören - [ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland](https://www.uebergabe.de/ug012/) - [ÜG063 – Buurtzorg als Organisationsmodell der ambulanten Pflege (Johannes Technau)](https://www.uebergabe.de/ug063/) - [ÜG003 – Special: Pflegekammer - (Dr. M. Dichter)](https://www.uebergabe.de/ug003/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Allgemeine Shownotes - [Homepage von Kordula Schulz-Asche ](https://schulz-asche.de/?ref=uebergabe.de)(schulz-asche.de) - [Pflege gerecht und stabil finanzieren – Die Pflege-Bürgerversicherung vollenden](https://www.uebergabe.de/content/files/dip21/btd/19/085/1908561.pdf) (bundestag.de) - [Pflegeversicherung der Zukunft](https://www.gruene-bundestag.de/themen/pflege/pflegeversicherung-der-zukunft?ref=uebergabe.de) (gruene-bundestag.de) - [Regionale Verteilung der Ärzte in der vertragsärztlichen Versorgung](http://gesundheitsdaten.kbv.de/cms/html/16402.php?ref=uebergabe.de) (kbv.de) - [Medizinische Versorgungszentren: Chancen für ländliche Regionen](https://www.aerzteblatt.de/archiv/160517/Medizinische-Versorgungszentren-Chancen-fuer-laendliche-Regionen?ref=uebergabe.de) (ärzteblatt.de) - [Beispiele für Ansätze zur Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum](https://www.svr-gesundheit.de/index.php?id=523&ref=uebergabe.de) (svr-gesundheit.de) - [Anforderungen an die Rolle der Kommunen in der Pflege](https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/presse/publikationen/Positionspapier%5FKommunen%5FPflege%5Fbarrierefrei.pdf?ref=uebergabe.de) (gkv-spitzenverband.de) - [Erstes Pflegestärkungsgesetz (PSG I)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegestaerkungsgesetz-erstes-psg-i.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Zweites Pflegestärkungsgesetz (PSG II)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegestaerkungsgesetz-zweites-psg-ii.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Drittes Pflegestärkungsgesetz (PSG III)](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegestaerkungsgesetz-drittes-psg-iii.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Studie zur Erfüllung der Koordinierungs- und Vernetzungsaufgaben sowie der Qualitätssicherung in Pflegestützpunkten](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dateien/5%5FPublikationen/Pflege/Berichte/endbericht%5Fkvqsps%5Figes%5Fgesamt%5Ffinal%5F%5F20181220%5F.pdf) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Pflegestützpunkte beraten höchst unterschiedlich](https://www.iges.com/kunden/gesundheit/forschungsergebnisse/2019/pflegestuetzpunkte/index%5Fger.html?ref=uebergabe.de) (iges.com) - [Auswirkungen von Vergütungsregelungen in der häuslichen Pflege](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2017/06/b-c3-bcscher-budroni-2007-pg-4-2007.pdf) (dg-pflegewissenschaft.de) - [Die private Krankenversicherung hat nur eine Gnadenfrist bekommen"](https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/krankenversicherung-warum-die-buergerversicherung-doch-kommt-a-1192421.html?ref=uebergabe.de) (spiegel.de) - [„Sicher, dass die Bürgerversicherung langfristig kommt“](https://www.welt.de/wirtschaft/article173416770/Karl-Lauterbach-Sicher-dass-die-Buergerversicherung-langfristig-kommt.html?ref=uebergabe.de) (welt.de) #### In eigener Sache - [Übergabe - Der Podcast bei Facebook](https://www.facebook.com/uebergabe/) - [Übergabe - Der Podcast bei Twitter](https://twitter.com/uebergabe?ref=uebergabe.de) - [Die Übergabe unterstützen](https://uebergabe.de/podcast/unterstuetzen/?ref=uebergabe.de) - [Der Übergabe Fanshop](https://www.uebergabe.de/fanshop/) --- ![](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2019/07/ug014.jpg) Christian & Kordula Schulz-Asche ### Ethik - (Prof. Dr. Martin Schnell) URL: https://www.uebergabe.de/ug013/ Last updated: 2026-06-13T12:38:03.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 22.06.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Ethik bedeutet, das moralisch richtige Handeln gegenüber verletzlichen Menschen stets zu reflektieren. - Vulnerabilität verpflichtet dich, Würde und Autonomie der Pflegebedürftigen zu schützen. - Technik und KI können Pflege unterstützen, aber niemals den menschlichen Aspekt ersetzen. - Ethik-Foren helfen, schwierige Entscheidungen im Team aus mehreren Perspektiven zu besprechen. - Patientenverfügungen erfordern enge Zusammenarbeit und ethische Reflexion bei der Umsetzung. --- ## Ethik in der Pflege: Eine Reflektion über Verantwortung, Vulnerabilität und technische Herausforderungen Pflegefachpersonen stehen in ihrem beruflichen Alltag immer wieder vor komplexen ethischen Fragen. Die Pflege vulnerabler Menschen, sei es durch Krankheit, Alter oder Behinderung, bringt eine besondere Verantwortung mit sich. Dabei ist Ethik nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern tief in die tägliche Praxis eingebettet. Doch wie können ethische Prinzipien im Berufsalltag umgesetzt werden? Und wie geht man mit den Herausforderungen um, die durch technologische Innovationen und den steigenden Einsatz von künstlicher Intelligenz entstehen? ### Was ist Ethik in der Pflege? Ethik beschäftigt sich mit dem moralisch richtigen Handeln. In der Pflege ist sie besonders relevant, da Pflegefachpersonen täglich Entscheidungen treffen müssen, die das Wohl von Patient:innen direkt betreffen. Laut Prof. Dr. Martin Schnell, einem Experten auf dem Gebiet der Sozialphilosophie und Ethik, ist Ethik > „immer dann relevant, wenn vulnerable Wesen — Menschen, Tiere oder sogar die Umwelt — miteinander in Kontakt treten und Verletzungen entstehen können.” Dies bedeutet, dass Pflegefachpersonen stets darauf bedacht sein müssen, den Schutz und die Würde der ihnen anvertrauten Menschen zu wahren. Vulnerabilität, das zentrale Konzept in der ethischen Pflege, beschreibt die Verletzlichkeit von Menschen in bestimmten Lebenslagen. Diese Verletzlichkeit entsteht durch Krankheit, Alter oder psychische Zustände und erfordert von den Pflegefachpersonen ein hohes Maß an Sensibilität. Sie müssen sicherstellen, dass die Würde und Autonomie der Pflegebedürftigen geschützt wird, auch wenn diese möglicherweise nicht mehr vollständig in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen. ## Ethik versus Moral: Wo liegt der Unterschied? Im alltäglichen Sprachgebrauch werden Ethik und Moral oft synonym verwendet. Doch es gibt Unterschiede. Moral beschreibt die sozialen Regeln und Werte, die in einer Gesellschaft vorherrschen. Ethik hingegen ist die reflektierte Auseinandersetzung mit diesen Werten. In der Pflege bedeutet das, dass Pflegefachpersonen nicht nur moralische Regeln befolgen, sondern diese auch hinterfragen und in schwierigen Situationen abwägen müssen, welche Handlung die moralisch richtige ist. Ein Beispiel aus der Praxis könnte die Frage sein, wie man mit einem schwer erkrankten Patienten umgeht, der sich weigert, Nahrung aufzunehmen. Die Pflegefachperson steht vor dem Dilemma, ob sie den Wunsch des Patienten respektieren soll oder ob sie eingreifen muss, um sein Leben zu retten. In solchen Fällen bietet die Ethik eine Grundlage für die Entscheidungsfindung, indem sie das Spannungsfeld zwischen Autonomie des Patienten und Fürsorge der Pflege beleuchtet. > *„Ethik darf man nicht mit Lebenskunst verwechseln. Es geht nicht nur darum, das Beste für sich herauszuholen, sondern den Schutzbereich für andere zu gewährleisten.”* — Prof. Dr. Martin Schnell ### Pflege und die Rolle der Technik: Roboter und künstliche Intelligenz Mit dem technologischen Fortschritt halten immer mehr technische Hilfsmittel Einzug in die Pflege. Insbesondere in der Altenpflege wird über den Einsatz von Robotern diskutiert, die Aufgaben wie das Bringen von Medikamenten oder die Kommunikation mit Patient:innen übernehmen können. Hier stellt sich die Frage, ob Maschinen in der Lage sind, ethische Prinzipien zu berücksichtigen. Prof. Schnell wirft in diesem Zusammenhang eine interessante Frage auf: „Kann künstliche Intelligenz moralisch handeln?” Solange ein Mensch, also ein vulnerables Wesen, in den Interaktionsprozess eingebunden ist, bleibt die Ethik relevant. Doch können Roboter Fürsorge und Empathie bieten, wie es menschliche Pflegefachpersonen tun? Dies ist eine der großen Herausforderungen, denen sich die Pflegeberufe in den kommenden Jahren stellen müssen. Pflegefachpersonen sollten dabei stets kritisch hinterfragen, welche Rolle Technik in ihrem Berufsalltag spielen kann und ob sie tatsächlich den Bedürfnissen der Patient:innen gerecht wird. Während technische Hilfsmittel nützlich sein können, dürfen sie niemals den menschlichen Aspekt der Pflege ersetzen. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung. Jeden Monat ein Briefing kostenlos. Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Die Bedeutung von Ethik-Foren in der Pflegepraxis In Situationen, in denen ethische Entscheidungen getroffen werden müssen, ist es oft hilfreich, diese im Team zu besprechen. Ethik-Foren, die in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen eingerichtet werden, bieten Pflegefachpersonen die Möglichkeit, komplexe Fragen im Kollegium zu diskutieren. Diese Foren stellen sicher, dass verschiedene Perspektiven einbezogen werden und eine Entscheidung im besten Interesse der Patientgetroffen wird. Die Einrichtung solcher Foren zeigt, dass Pflegeeinrichtungen bereit sind, sich ethischen Herausforderungen zu stellen und diese offen zu diskutieren. Dies fördert nicht nur die Qualität der Pflege, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteur:innen im Gesundheitssystem. ### Pflege und Autonomie: Patientenverfügungen und die Rolle der Pflegefachpersonen Ein weiteres zentrales Thema in der ethischen Pflegepraxis ist die Wahrung der Autonomie von Patient:innen. In Deutschland gibt es seit 2009 die gesetzliche Möglichkeit, Patientenverfügungen zu erstellen, in denen festgelegt wird, welche medizinischen Maßnahmen im Falle einer Entscheidungsunfähigkeit durchgeführt werden sollen. Diese Verfügungen geben den Pflegefachpersonen klare Anweisungen, wie sie im Sinne der Patienthandeln sollen. Dennoch ist es nicht immer einfach, den in einer Patientenverfügung niedergelegten Willen umzusetzen. Pflegefachpersonen müssen in solchen Fällen eng mit den Betreuer:innen und den behandelnden Ärzt:innen zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass der Wunsch des Patienten oder der Patientin respektiert wird. Dies erfordert nicht nur rechtliches Wissen, sondern auch ethische Reflexion, insbesondere in Situationen, in denen der Zustand des Patienten sich verändert und die ursprünglichen Wünsche möglicherweise nicht mehr klar sind. **In dieser Podcast-Episode legen wir einen Blick auf Ethik in der Pflegepraxis:** [ÜG092 - Ethik in der Pflegepraxis (Dr.in Anna-Henrikje Seidlein & Lisa Graurock-Rosemeier) - ÜbergabeShownotes zur Folge Profil von Dr. rer. med. Anna - Henrikje Seidlein Leitungsteam Ethikkommitee mit Lisa Graurock-Rosemeier Akademie für Ethik in der![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/Uebergabe_Cover-3.jpg)Übergabe | Medien für die PflegeChristian![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/ug092_03-scaled.jpg)](https://www.uebergabe.de/ug092/) ## Fazit: Ethik als ständiger Begleiter in der Pflege Ethik ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Pflegepraxis. Pflegefachpersonen müssen tagtäglich schwierige Entscheidungen treffen, die das Leben und die Würde der ihnen anvertrauten Menschen betreffen. Dabei reicht es nicht aus, sich nur auf moralische Regeln zu stützen. Pflegefachpersonen müssen in der Lage sein, ethische Fragestellungen zu reflektieren und in ihrem Handeln umzusetzen. Die fortschreitende Technologisierung in der Pflege, die zunehmende Bedeutung von Patientenverfügungen und die Einrichtung von Ethik-Foren zeigen, dass die Pflegebranche bereit ist, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Doch auch in Zukunft wird es wichtig sein, die ethischen Prinzipien immer wieder zu hinterfragen und weiterzuentwickeln, um eine menschenwürdige und qualitätsvolle Pflege sicherzustellen. ## Allgemeine Shownotes #### Allgemeine Shownotes - [Hilfe durch Zwang? Professionelle Sorgebeziehungen im Spannungsfeld von Wohl und Selbstbestimmung](https://www.ethikrat.org/publikationen/publikationsdetail/?tx%5Fwwt3shop%5Fdetail%5Bproduct%5D=114&tx%5Fwwt3shop%5Fdetail%5Baction%5D=index&tx%5Fwwt3shop%5Fdetail%5Bcontroller%5D=Products&cHash=0bf6d609807d5082f7259348287fc54b&ref=uebergabe.de) (ethikrat.org) - [Buch: Ethik im Zeichen vulnerabler Personen: Leiblichkeit — Endlichkeit — Nichtexklusivität](https://www.amazon.de/Ethik-Zeichen-vulnerabler-Personen-Nichtexklusivit%C3%A4t/dp/3958321216?ref=uebergabe.de) (amazon.de) - [Deklaration von Genf](https://www.bundesaerztekammer.de/presse/pressemitteilungen/news-detail/weltaerztebund-verabschiedet-neues-aerztliches-geloebnis/?ref=uebergabe.de) (bundesaerztekammer.de) - [Eid des Hippokrates](https://de.wikipedia.org/wiki/Eid%5Fdes%5FHippokrates?ref=uebergabe.de) (wikipedia.de) #### Freiheitsentziehende Maßnahmen - [Was sind freiheitsentziehende Maßnahmen?](https://www.pflege-gewalt.de/wissen/freiheitsentziehende-massnahmen/?ref=uebergabe.de) (pflege-gewalt.de) - [Wie kann ich freiheitsentziehende Maßnahmen vermeiden?](https://www.pflege-gewalt.de/tipps-gewaltpraevention-pflegende/fem-vermeiden/?ref=uebergabe.de) (pflege-gewalt.de) - [Initiative zur Vermeidung freiheitseinschränkender Maßnahmen in der beruflichen Altenpflege](http://www.leitlinie-fem.de/?ref=uebergabe.de) (leitlinie-fem.de) - [Juristischer Leitfaden für Verfahrenspfleger im Verfahren zur Genehmigung freiheitsentziehender Maßnahmen gem. § 1906 BGB](https://www.uebergabe.de/content/files/download/ww%5Fjuristische%5Fschulung%5Ffuer%5Fverfahrenspfleger.pdf) (leitlinie-fem.de) - [Werdenfelser Weg](https://www.werdenfelser-weg-original.de/?ref=uebergabe.de) (werdenfelser-weg-original.de) #### Tod & Sterben - [Projekt "30 junge Menschen"](http://30jungemenschen.de/?ref=uebergabe.de) (30jungemenschen.de) - [Projekt "30 Gedanken zum Tod"](https://www.amazon.de/Junge-Menschen-sprechen-mit-sterbenden/dp/3658123168/ref=sr%5F1%5F2?%5F%5Fmk%5Fde%5FDE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&keywords=martin+schnell+palliative+care&qid=1560775050&s=gateway&sr=8-2&ref=uebergabe.de) (30gedankenzumtod.de) - [Buch: Junge Menschen sprechen mit sterbenden Menschen: Eine Typologie](https://www.amazon.de/Junge-Menschen-sprechen-mit-sterbenden/dp/3658123168/ref=sr%5F1%5F2?%5F%5Fmk%5Fde%5FDE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&keywords=martin+schnell+palliative+care&qid=1560775050&s=gateway&sr=8-2&ref=uebergabe.de) (amazon.de) - [Buch: 30 Gedanken zum Tod: Die Methode der Framework Analysis](https://www.amazon.de/Gedanken-zum-Tod-Framework-Palliative/dp/3658199202/ref=sr%5F1%5F5?%5F%5Fmk%5Fde%5FDE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&keywords=martin+schnell+palliative+care&qid=1560776473&s=gateway&sr=8-5&ref=uebergabe.de) (amazon.de) - [Buch: Über den Tod und das Leben danach](https://www.amazon.de/%C3%9Cber-den-Tod-Leben-danach/dp/3898453650/ref=sr%5F1%5F1?%5F%5Fmk%5Fde%5FDE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&keywords=k%C3%BCbler+ross&qid=1561104124&s=gateway&sr=8-1&ref=uebergabe.de) (amazon.de) #### Advanced Care Planning (ACP) - [Gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase - §132g SGB V](https://dejure.org/gesetze/SGB%5FV/132g.html?ref=uebergabe.de) (dejure.de) - Eine dynamische Form der Patientenverfügung (aerztezeitung.de) - [Advanced Care Planning (ACP) in stationären Pflegeeinrichtungen](https://www.dhpv.de/tl%5Ffiles/public/Service/Broschueren/Handreichung%5FACP.pdf?ref=uebergabe.de) (dhpv.de) - [Gesetzestext zur Patient\*innenverfügung - §1901a BGB](http://30jungemenschen.de/?ref=uebergabe.de) (dejure.de) --- ![Franziska, Prof. Dr. M. Schnell und Christian nach der Podcast-Aufnahme](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2019/06/img_3195.jpg) Franziska, Prof. Dr. Martin W. Schnell, Christian (v.l.n.r.) ## Zum Weiterhören - [ÜG092 – Ethik in der Pflegepraxis (Dr.in Anna-Henrikje Seidlein & Lisa Graurock-Rosemeier)](https://www.uebergabe.de/ug092/) - [ÜG165 – Moralischer Distress in der Intensivpflege (Larissa Forster)](https://www.uebergabe.de/ug165/) - [ÜG101 – Selbstbestimmtes Leben im Pflegeheim (Dr. Stephanie Stadelbacher & Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl)](https://www.uebergabe.de/ug101/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland URL: https://www.uebergabe.de/ug012/ Last updated: 2026-06-13T12:37:55.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 08.06.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - ANP erweitert deine Pflegerolle um klinische, wissenschaftliche und führungsbezogene Aufgaben. - Master- oder Doktoratsqualifikation befähigt zu Patientenedukation, Symptom- und Medikamentenmanagement. - In Deutschland fehlt die rechtliche Grundlage für eigenständiges Diagnostizieren und Verschreiben. - ANP kann Versorgungslücken schließen und den Fachkräftemangel mildern. - Großes Potenzial liegt in ambulanter, ländlicher und Langzeitpflege. 👥 ****Unsere Gästinnen:** \- Alexandra Knisch \- Elke Keinath ## Einführung Die Gesundheitsversorgung befindet sich im Wandel, und eine der spannendsten Entwicklungen in der Pflegepraxis ist das Konzept der **Advanced Nursing Practice (ANP)**. Ursprünglich in den USA und Kanada entwickelt, bietet ANP eine erweiterte Rolle für Pflegefachpersonen, die es ihnen ermöglicht, klinische, wissenschaftliche und führungsbezogene Aufgaben zu übernehmen. In Deutschland beginnt dieses Modell ebenfalls Fuß zu fassen, besonders in spezialisierten klinischen Bereichen wie der Onkologie, Intensivmedizin und chronischen Krankheitsversorgung. Doch was genau bedeutet ANP, welche Vorteile bringt es und welche Herausforderungen gibt es bei der Implementierung in Deutschland? ## Was ist Advanced Nursing Practice? Der Begriff **Advanced Nursing Practice (ANP)** beschreibt eine erweiterte Rolle von Pflegefachpersonen, die über die traditionellen Aufgaben hinausgeht. Pflegefachpersonen mit ANP-Qualifikationen haben eine akademische Ausbildung auf Master- oder Doktoratsebene und verfügen über erweiterte klinische Kompetenzen. Sie arbeiten in enger Zusammenarbeit mit Ärzten, Patienten und anderen Gesundheitsdienstleistern, um die Versorgung zu verbessern und Pflegeinnovationen zu fördern. Die Idee hinter ANP ist es, Pflegefachpersonen in die Lage zu versetzen, nicht nur die alltägliche Pflege zu leisten, sondern auch in komplexeren, spezialisierten Bereichen tätig zu werden. Sie übernehmen Aufgaben, die traditionell von Ärzten durchgeführt wurden, wie die **Edukation von Patienten**, das **Medikamentenmanagement** oder das **Symptommanagement** bei chronischen Krankheiten. ANP-Pflegefachpersonen unterstützen somit nicht nur das Gesundheitsteam, sondern bringen auch neue, evidenzbasierte Ansätze in die Patientenversorgung ein. ## Die Ursprünge von ANP ANP hat seinen Ursprung in den USA, wo es in den 1960er Jahren als Antwort auf den Ärztemangel in ländlichen Gebieten entwickelt wurde. In diesen Regionen übernahmen Pflegefachpersonen Aufgaben, die ursprünglich Ärzten vorbehalten waren, um sicherzustellen, dass unterversorgte Bevölkerungsgruppen eine kontinuierliche Gesundheitsversorgung erhielten. Schnell zeigte sich, dass Pflegefachpersonen mit der entsprechenden Ausbildung und Erfahrung in der Lage waren, viele Aufgaben auf einem hohen professionellen Niveau zu erfüllen. Heute ist ANP ein wesentlicher Bestandteil des Gesundheitssystems in Ländern wie den USA, Kanada, Großbritannien und Australien. In diesen Ländern übernehmen **Advanced Practice Nurses (APNs)** vielfältige Aufgaben, von der direkten Patientenversorgung über die Forschung bis hin zur Leitung von Pflegeteams. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ## ANP in Deutschland: Ein aufstrebendes Modell In Deutschland ist ANP ein relativ neues Konzept, das sich aber zunehmend durchsetzt. Das **Florence Nightingale Krankenhaus** in Düsseldorf ist ein Beispiel für eine Klinik, die erfolgreich ANP-Teams etabliert hat. Hier arbeiten Pflegefachpersonen in spezialisierten Rollen und übernehmen Aufgaben, die über die traditionelle Pflege hinausgehen. In Deutschland wurde der Begriff **Advanced Nursing Practice** zunächst vor allem in der akademischen Pflegebildung verwendet, doch mittlerweile ist er auch in der klinischen Praxis angekommen. Pflegefachpersonen mit einem **Master in Pflegewissenschaft** oder ähnlichen Qualifikationen werden zunehmend in Positionen eingesetzt, die es ihnen ermöglichen, in direkter Zusammenarbeit mit Ärzten und anderen Gesundheitsdienstleistern zu arbeiten. > "Die direkte Arbeit mit Patienten und Angehörigen bleibt das Kerngeschäft — und das ist der größte Vorteil von ANP." Im Florence Nightingale Krankenhaus betreuen Pflegefachpersonen Patienten mit chronischen Erkrankungen wie **COPD** oder Krebserkrankungen. Sie bieten spezialisierte **Patientenedukation**, unterstützen die Patienten bei der Bewältigung ihrer Erkrankung im Alltag und arbeiten an der Entwicklung neuer Pflegekonzepte. Besonders im Bereich der **Medikamentenverwaltung** spielen ANP-Pflegefachpersonen eine zentrale Rolle, indem sie sicherstellen, dass Medikamente sicher und korrekt verabreicht werden, und dabei eng mit Ärzten zusammenarbeiten. ### Die Rolle der Pflegefachpersonen in ANP-Teams Pflegefachpersonen in ANP-Positionen arbeiten nicht isoliert, sondern sind Teil eines interdisziplinären Teams. Sie ergänzen die Arbeit der Ärzte und anderer Gesundheitsdienstleister und bringen eine pflegerische Perspektive in die Patientenversorgung ein. Dabei gehen ihre Aufgaben über die klassische Pflege hinaus: Sie koordinieren komplexe Pflegeprozesse, leiten spezialisierte Pflegeteams und entwickeln innovative Pflegeansätze. > "Advanced Nursing Practice erweitert unsere Rolle, ohne uns als Ärzte zu ersetzen. Wir bringen einen ganzheitlichen pflegerischen Ansatz in die Versorgung ein." Ein wesentlicher Aspekt der ANP-Rolle ist die **Patientenedukation**. Besonders bei chronischen Erkrankungen, wie der **COPD**, spielen ANP-Pflegefachpersonen eine zentrale Rolle. Sie helfen den Patienten dabei, ihre Krankheit besser zu verstehen und Strategien zu entwickeln, um sie im Alltag zu bewältigen. Dies umfasst sowohl die medizinische als auch die psychosoziale Unterstützung der Patienten. Durch ihre enge Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen tragen ANP-Pflegefachpersonen dazu bei, dass die Pflege nicht nur auf die Behandlung von Symptomen abzielt, sondern die ganzheitliche Gesundheit der Patienten in den Fokus rückt. Darüber hinaus nehmen ANP-Pflegefachpersonen eine aktive Rolle in der **Pflegeforschung** ein. Sie arbeiten an der Entwicklung neuer Konzepte zur Verbesserung der Pflegepraxis und setzen sich für eine evidenzbasierte Pflege ein. Dies zeigt sich insbesondere im Bereich der **Medikamentenverwaltung**, wo sie eng mit Ärzten zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass Medikamente sicher verabreicht und überwacht werden. Diese Art der Zusammenarbeit ist besonders wichtig, um die Patientensicherheit zu gewährleisten und die Pflegequalität kontinuierlich zu verbessern. ### Die Herausforderung der Implementierung von ANP in Deutschland Obwohl ANP in Deutschland auf dem Vormarsch ist, stehen Pflegefachpersonen und Gesundheitseinrichtungen vor mehreren Herausforderungen. Eine der größten Hürden ist die **fehlende rechtliche Grundlage** für erweiterte Pflegerollen. Während ANP-Pflegefachpersonen in Ländern wie den USA oder Kanada eigenständig Diagnosen stellen oder Medikamente verschreiben können, ist dies in Deutschland bisher nicht erlaubt. Dadurch wird der Handlungsspielraum von Pflegefachpersonen in ANP-Positionen stark eingeschränkt. Trotz dieser Einschränkungen zeigt sich, dass ANP auch in Deutschland positive Effekte auf die Patientenversorgung hat. Besonders in spezialisierten Bereichen wie der Onkologie, der Intensivmedizin und der chronischen Krankheitsversorgung tragen Pflegefachpersonen dazu bei, die Qualität der Versorgung zu verbessern. Eine der größten Chancen für ANP in Deutschland besteht darin, **Versorgungslücken** zu schließen, insbesondere in ländlichen Gebieten oder bei chronisch kranken Patienten. > "Die direkte Arbeit mit Patienten und Angehörigen bleibt das Kerngeschäft — und das ist der größte Vorteil von ANP." Eine weitere Herausforderung besteht darin, die **Akzeptanz von ANP** innerhalb des Gesundheitssystems zu erhöhen. Obwohl viele Gesundheitsdienstleister den Wert der erweiterten Pflegepraxis erkennen, gibt es nach wie vor Vorbehalte, insbesondere wenn es darum geht, Aufgaben von Ärzten an Pflegefachpersonen zu delegieren. Um diese Vorbehalte zu überwinden, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Pflegefachpersonen, Ärzten und anderen Gesundheitsberufen notwendig. ### ANP als Lösung für den Fachkräftemangel? Ein weiterer wichtiger Aspekt von ANP ist die potenzielle Lösung des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen. Der **Mangel an Pflegefachpersonen** ist ein zunehmendes Problem, das durch den demografischen Wandel und die steigende Zahl chronisch kranker Patienten noch verschärft wird. ANP könnte eine Antwort auf diese Herausforderung sein, indem Pflegefachpersonen erweiterte Kompetenzen erwerben und dadurch in der Lage sind, komplexere Aufgaben zu übernehmen. Indem Pflegefachpersonen in ANP-Positionen zusätzliche klinische Aufgaben übernehmen, können sie Ärzt:innen und andere Gesundheitsdienstleister:innen entlasten. Dies ermöglicht es, dass Ressourcen effizienter genutzt werden und Patienten eine kontinuierliche Versorgung erhalten, auch in Zeiten des Personalmangels. ### Ein Blick in die Zukunft: Die Rolle von ANP in der ambulanten und Langzeitpflege Während ANP derzeit hauptsächlich in **stationären Settings** wie Krankenhäusern implementiert wird, gibt es auch ein großes Potenzial für die Anwendung in der **ambulanten Pflege** und der **Langzeitpflege**. In Ländern wie den USA und Kanada übernehmen ANP-Pflegefachpersonen eine zentrale Rolle in der **Primärversorgung**, indem sie Hausbesuche machen, chronische Erkrankungen überwachen und präventive Maßnahmen durchführen. In Deutschland könnte dieses Modell besonders in ländlichen Regionen von Bedeutung sein, wo der Zugang zu ärztlicher Versorgung oft begrenzt ist. [**Community Health Nurses**](https://www.uebergabe.de/ug023/), die im Rahmen von ANP-Programmen ausgebildet werden, könnten eine Schlüsselrolle bei der Versorgung von Patienten in ländlichen Gebieten spielen. Sie könnten nicht nur Hausbesuche machen, sondern auch die Versorgung von Patienten mit chronischen Erkrankungen wie **Herzinsuffizienz** oder **Diabetes** übernehmen, indem sie Medikamente verschreiben und überwachen, den Patienten bei der Selbstpflege unterstützen und präventive Maßnahmen durchführen. Auch in der **Langzeitpflege** gibt es großes Potenzial für ANP. Pflegefachpersonen könnten hier eine **beratende Rolle** übernehmen und bei der **Entwicklung von Pflegeplänen** helfen, die auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohner abgestimmt sind. Auch die **Edukation von Pflegekräften** und Angehörigen spielt hier eine zentrale Rolle. Durch ihre erweiterten Kenntnisse und Fähigkeiten können ANP-Pflegefachpersonen einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung der Pflegequalität in Langzeitpflegeeinrichtungen leisten. ## Fazit Advanced Nursing Practice stellt eine zukunftsweisende Entwicklung in der Pflegepraxis dar. Durch die Kombination von wissenschaftlicher Expertise und klinischer Erfahrung können Pflegefachpersonen in ANP-Positionen einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der Patientenversorgung leisten. Obwohl es in Deutschland noch rechtliche und organisatorische Hürden gibt, zeigt sich, dass ANP das Potenzial hat, die Pflege nachhaltig zu verändern. In den kommenden Jahren wird es entscheidend sein, den rechtlichen Rahmen anzupassen und ANP-Programme weiter auszubauen. Dies könnte nicht nur zur Lösung des Fachkräftemangels beitragen, sondern auch die Versorgung von chronisch kranken Patienten verbessern und Versorgungslücken schließen. Besonders in ländlichen Regionen und in der Langzeitpflege könnte ANP eine zentrale Rolle spielen, um eine qualitativ hochwertige, kontinuierliche Versorgung sicherzustellen. --- ## Shownotes und Literatur - [Leistungsspektrum FNK](http://xn--https-3fa16b931s//www.florence-nightingale-krankenhaus.de/de/leistungsspektrum/pflege/team/pflegeexperten-apn.html?ref=uebergabe.de) (florence-nightingale-krankenhaus.de) - [Theodor-Fliedner-Medaille für innovative Pflegepraxis](https://www.florence-nightingale-krankenhaus.de/de/leistungsspektrum/pflege/theodor-fliedner-medaille.html?ref=uebergabe.de) (florence-nightingale-krankenhaus.de) - Bryant-Lukosius, D. & DiCenso, A. (2004). A framework for the introduction and evaluation of advanced practice nursing roles. In: *Journal of Advanced Nursing* 48 (5), S. 530-540 - [Bryant-Lukosius, Denise; Callens, Betty; Geest, Sabina de; Degen Kellerhals, Sabine; Fliedner, Monika; Grossmann, Felix et al. (2016): Advanced Nursing Practice Roles in Switzerland: A Proposed Framework for Evaluation. Institute of Nursing Science, University of Basel. Basel, Switzerland.](http://www.swiss-anp.ch/fileadmin/2%5FANP-Wissen%5FForschung/PEPPA%5FPlus%5Ffinal%5FVersion.pdf?ref=uebergabe.de) (swiss-anp.ch) - Bryant-Lukosius, D.; DiCenso, A.; Browne, G.; Pinelli, J. (2004). Advanced practice nursing roles: development, implementation and evaluation. In:*Journal of Advanced Nursing* 48 (5), S. 519-529 - [DBfK, ÖGKV & SBK (2013) Advanced Nursing Practice in Deutschland, Österreich und der Schweiz Eine Positionierung von DBfK, ÖGKV und SBK](https://www.dbfk.de/media/docs/download/DBfK-Positionen/ANP-DBfK-OeGKV-SBK%5F2013.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - [Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe - DBfK Bundesverband e.V. (Hg.) (2019): Advanced Practice Nursing Pflegerische Expertise für eine leistungsfähige Gesundheitsversorgung.](https://www.dbfk.de/media/docs/download/Allgemein/Advanced-Practice-Nursing-Broschuere-2019.pdf?ref=uebergabe.de) (dbfk.de) - Gaidys, Uta (2011): Qualität braucht Kompetenz und Verantwortung - Herausforderungen und Perspektiven einer Advanced Nursing Practice für die Gesundheitsversorgung aus pflegewissenschaftlicher Sicht. In: *Pflege* 24 (1), S. 15—20\. DOI: 10.1024/1012-5302/a000087 - Hamric, Ann B.; Tracy, Mary Fran (2019): A Definition of Advanced Practice Nursing. In: Mary Fran Tracy und Eileen T. O'Grady (Hg.): Hamric and Hanson's Advanced Practice Nursing. An Integrative Approach. 6th edition. St. Louis: Elsevier, S. 61—79. - Kleinpell, Ruth M. (Hg.) (2013): Outcome assessment in advanced practice nursing. 3rd ed. New York, NY: Springer. - Mendel, Simon; Feuchtinger, Johanna (2009): Aufgabengebiete klinisch tätiger Pflegeexperten in Deutschland und deren Verortung in der internationalen Advanced Nursing Practice. In: *Pflege* 22 (3), S. 208—216\. DOI: 10.1024/1012-5302.22.3.208. - Tracy, Mary Fran; O'Grady, Eileen T. (Hg.) (2019): Hamric and Hanson's Advanced Practice Nursing. An Integrative Approach. 6th edition. St. Louis: Elsevier. - Ullmann-Bremi A., Spirig R.; Ullmann S. (2004). Eine Methodenkombination für pflegerische Praxisentwicklungsprojekte. *Pflege* 17 (4) 262-269\. DOI: 10.1024/1012-5302.17.4.262 - Ullmann-Bremi, A.; Schlüer, A.B.; Finkbeiner, G. ; Huber, Y. (2011). «Wie ein ANP-Team laufen lernt» — Herausforderungen und Chancen von ANP-Teams am Universitätskinderspital Zürich. *Pflege* 24 (1). S. 21—28\. DOI: 10.1024/1012-5302/a000088. - Ulrich, A.; Hellstern, P.; Kressig, R.W.; Eze, G.; Spirig, R. (2010). Advanced Nursing Practice (ANP) im direkten Pflegealltag: Die pflegerische Praxisentwicklung eines akutgeriatrischen ANP-Teams. *Pflege* 23 (6). S. 403—410\. DOI: 10.1024/1012-5302/a000079. --- ![](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2019/06/ug012-1.jpg) Alexandra Knisch, Christian, Elke Keinath (v.l.n.r.) ## Zum Weiterhören - [ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken (Dr. Juliane Spank & Philipp Strnad)](https://www.uebergabe.de/ug188/) - [ÜG113 – Advanced Practice Nurses in der Hausärzt:innenpraxis (Prof. Dr. Renate Stemmer & Sophie Petri)](https://www.uebergabe.de/ug113/) - [ÜG154 – APN bei neu dialysepflichtigen Personen (Dorothea Reihs & Regina Bartoldus)](https://www.uebergabe.de/ug154/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. ### Walk of Care, MDK Reformgesetz (Interview A. Fajardo), Care-Card, Pflege-Gewerkschaft (Interview Bochumer Bund) URL: https://www.uebergabe.de/ug011/ Last updated: 2026-06-13T21:15:11.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 25.05.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Der MDK soll unabhängig von den Krankenkassen werden – mit Chancen für faire Begutachtungen. - Die bpa-Idee einer Care-Card greift zu kurz – die Blue Card ließe sich gezielt anpassen. - Der Bochumer Bund will eine eigene Gewerkschaft nur für Pflegende aufbauen. - Pflegemangel löst man nicht über mehr Stellen, sondern über bessere Arbeitsbedingungen. Manchmal lohnt es sich, nicht nur ein großes Thema zu beleuchten, sondern einen ganzen Strauß. Genau das haben wir in dieser Episode getan: Vom kreativen Protest auf der Straße über ein wegweisendes EuGH-Urteil bis hin zu zwei sehr unterschiedlichen Visionen für die Zukunft der Pflege. Zwei Interviews stehen dabei im Mittelpunkt – eines zur geplanten MDK-Reform und eines zu einer neuen Gewerkschaftsidee. Komm mit auf eine kleine Rundreise durch die Pflegepolitik des Frühsommers 2019. ## Mit guter Laune auf die Straße: der Walk of Care Rund um den 12\. Mai, den internationalen Tag der Pflegenden, ist in mehreren deutschen Städten etwas passiert, das Mut macht: Beim [Walk of Care](https://www.springerpflege.de/rahmenbedingungen/walk-of-care-kreativer-protest-fuer-eine-gute-pflege/16713704?ref=uebergabe.de) kamen junge und politisch interessierte Pflegende zusammen, um ein sichtbares Zeichen für bessere Versorgung zu setzen – und ganz nebenbei Werbung für den Beruf zu machen. In Berlin, Hannover und anderen Orten gab es Aktionen, die zeigen, wie viel Energie in der jungen Pflege steckt. Schade eigentlich, dass solche Formate meist nur einmal im Jahr stattfinden. Warum nicht ein „Friday for Care" etablieren, das regelmäßig auf die Straße geht? Der kreative Protest beweist jedenfalls: Engagement und gute Stimmung schließen sich nicht aus. Wer mehr über die Motivation und die Perspektiven der nachrückenden Generation erfahren möchte, findet im Gespräch mit Christel Bienstein zur [Motivation junger Pflegender](https://www.uebergabe.de/ug010/) spannende Einblicke. ## Kreuze setzen lohnt sich – nicht nur in Brüssel Die Episode entstand kurz vor der Europawahl, und unser Appell war damals so eindeutig wie zeitlos: Geh wählen. Wer sich bei der langen Stimmzettel-Liste unsicher fühlte, konnte sich Orientierung holen. Neben dem klassischen [Wahl-O-Mat](https://www.wahl-o-mat.de/?ref=uebergabe.de), der dich aus den Wahlprogrammen extrahierte Thesen bewerten lässt, lohnt auch ein Blick auf den [VoteSwiper](https://www.voteswiper.org/de?ref=uebergabe.de). Der große Vorteil: Hier fließen alle Parteien in die Auswertung ein, nicht nur eine Vorauswahl. Gerade bei der Europawahl mit ihrer sehr niedrigen Einzugshürde lohnt sich der Blick auf die kleinen Parteien. Wichtig bleibt dabei die Erkenntnis aus unserer EU-Folge: Pflege ist im Kern ein nationales Thema. Die EU kann die Rahmenbedingungen flankieren, doch konkrete Versorgung wird auf nationaler Ebene gestaltet. Wer tiefer einsteigen möchte, dem sei unsere [Sonderfolge zur Europawahl](https://www.uebergabe.de/ug009/) ans Herz gelegt. ## Jede Minute zählt: das EuGH-Urteil zur Arbeitszeiterfassung Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs sorgte für Diskussionsstoff: Arbeitgeber müssen die [Arbeitszeit ihrer Beschäftigten systematisch erfassen](https://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=706&intPageId=205&langId=de&ref=uebergabe.de). Ziel ist es, die Rechte der Arbeitnehmer:innen zu stärken und Überstunden lückenlos abbildbar zu machen. Für die Pflege ist das hochinteressant, denn viele Pflegefachpersonen bleiben „mal eben" eine Stunde länger – und winken das oft selbst ab. In vielen Einrichtungen gibt es bereits gute Zeiterfassungssysteme, von der klassischen Stempeluhr bis zur digitalen Lösung. Spannend wird die Frage, was passiert, wenn jede Überstunde sauber dokumentiert wird: Kommt am Ende heraus, dass deutlich mehr gearbeitet wird als bislang sichtbar? Und wie baut man diese Stunden ab, wenn die Teams ohnehin am Limit arbeiten? Hier zeigt sich auch das Spannungsfeld in Häusern mit Betriebsrat, in denen Überstundenkonten gedeckelt und ab einer bestimmten Grenze ausgezahlt werden. Wenn die genaue Erfassung dazu führt, dass mehr Stunden auflaufen, müssten womöglich auch diese Regeln neu verhandelt werden – sonst landen Beschäftigte ungewollt in einer Auszahlungsschleife, obwohl sie ihre Zeit lieber als Freizeit genießen würden. Ein Gedanke, den man weiterspinnen sollte: Im internationalen Vergleich arbeiten Pflegende mancherorts in Sechs-Stunden-Diensten statt in langen Schichten. Solche Arbeitszeitmodelle könnten die Lebensqualität erhöhen – setzen aber mehr Personal voraus. Ein Thema, das wir gern mit Menschen aus dem Pflegemanagement vertiefen würden, die verschiedene Modelle bereits erprobt haben. ## Der MDK auf dem Weg in die Unabhängigkeit Damals hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gleich mehrere Vorhaben in der Pipeline – darunter das [MDK-Reformgesetz](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/mdk-reformgesetz.html?ref=uebergabe.de), das den Medizinischen Dienst unabhängiger, transparenter und effektiver machen sollte. Der Referentenentwurf stammte vom 2\. Mai 2019, für Juni waren die Anhörung und eine Stellungnahme der Deutschen Krankenhausgesellschaft geplant. Auslöser waren wiederkehrende Streitigkeiten zwischen Krankenhäusern, Einrichtungen und Kostenträgern – etwa bei Abrechnungsprüfungen. Wir haben dazu mit Annemarie Fajardo gesprochen, die als gelernte Altenpflegerin, Beraterin für Pflegeeinrichtungen und damals stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Pflegemanagement sowie als Mitglied im Deutschen Pflegerat eine fundierte Perspektive mitbringt. Ihre Einschätzung überraschte: Sie sieht in der Trennung des Medizinischen Dienstes von den Krankenkassen vor allem Vorteile. Künftig könnte eine Körperschaft öffentlichen Rechts entstehen, die frei von ökonomischen Zwängen prüft. > *„Wenn der medizinische Dienst jetzt zu einer Prüfung kommt, Qualitätskontrollen durchführt oder die Pflegebedürftigkeit einschätzt, dann wissen wir als Pflegefachpersonen: Die sind völlig frei von ökonomischem Interesse." — Annemarie Fajardo* Konkret hofft Fajardo auf faire Begutachtungen bei der Einschätzung der Pflegebedürftigkeit. Bislang führte es oft zu Frust, wenn am Ende nur wenige Punkte zur höheren Einstufung fehlten. Würde die Dokumentation künftig nicht mehr unter ökonomischem Druck bewertet, stiege die Chance auf eine stimmige Einschätzung – mit direkten Folgen für die Refinanzierung der Einrichtungen. Auch im Verwaltungsrat sollen künftig nicht mehr hauptamtlich Beschäftigte der Krankenkassen sitzen, sondern Vertreter:innen von Patient:innen, Pflegebedürftigen, Ärzt:innen und Pflegefachpersonen. > *„Ich finde, der Schwerpunkt sollte wirklich bei den Pflegefachpersonen liegen – in den Einrichtungen wie im medizinischen Dienst. Das sind diejenigen, die das wirklich einschätzen können." — Annemarie Fajardo* Die Rolle der Kassen würde sich in diesem Bild auf das Verwalten von Beiträgen und das Auszahlen der Gelder beschränken. Auch im Krankenhausbereich und in der Kurzzeitpflege erhofft sich der Deutsche Pflegerat schnellere Begutachtungen – gerade nach Entlassungen, wenn ein vorläufiger Pflegegrad nicht zur tatsächlichen Pflegebedürftigkeit passt. Klar ist aber auch: Hier wird es noch reichlich Gesprächsbedarf geben. ## Care-Card oder Blue Card? Ein Blick hinter eine bpa-Forderung Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) forderte angesichts der Personalnot eine sogenannte [Care-Card](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/38128-bpa-fordert-care-card-fuer-auslaendische-pflegende/?ref=uebergabe.de), um ausländischen Pflegenden den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Der Haken: Der damalige Vorsitzende Bernd Meurer rückte vor allem den Einsatz von Assistenzkräften in den Vordergrund. Und genau hier muss man hellhörig werden. Wer überwiegend auf Assistenzkräfte setzt, riskiert, dass die Qualität der Versorgung leidet – und hält gleichzeitig das Lohnniveau niedrig. Spannend wird es beim Blick auf das, was bereits existiert. Mit der [Blue Card EU](https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/buergerservice-faq-kontakt/faq/02a-blue-card-eu/606572?ref=uebergabe.de) gibt es längst einen geregelten Zugang. Allerdings setzt sie ein abgeschlossenes Hochschulstudium und (mit Stand 2019) eine Mindestgehaltsgrenze von rund 53.600 Euro brutto voraus. Für einen Ausbildungsberuf wie die Pflege passt das schlicht nicht. Für sogenannte Mangelberufe gibt es zwar Sonderregelungen, doch die Systematik krankt an dieser Hürde. Die eigentliche Lösung läge also nicht in einer neuen Karte, sondern in der gezielten Anpassung bestehender Instrumente: das finanzielle Kriterium für Mangelberufe absenken, die formale Voraussetzung anpassen – und gleichzeitig solide Begleitstrukturen schaffen. Dazu gehören Sprachkurse, Hilfe bei der Wohnungssuche, schnelle Anerkennungsverfahren und Weiterqualifikation. Genauso wichtig: die Teams vor Ort vorbereiten und passende Einarbeitungskonzepte entwickeln. Dass solche Erleichterungen wirken, zeigte sich bereits – die Zahl der über die Blue Card eingereisten Menschen hatte sich innerhalb weniger Jahre mehr als verdoppelt. ## Köpfe allein reichen nicht: Es geht um Arbeitsbedingungen Die Forderung nach mehr Menschen greift zu kurz, wenn die Stellen nicht attraktiv sind. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Eine examinierte Stelle in der Altenpflege neu zu besetzen, dauerte damals rund 183 Tage – etwa 63 Prozent länger als im Durchschnitt aller Berufe. Der Arbeitsmarkt ist offen, Pflegende können sich ihren Arbeitgeber praktisch aussuchen. Wer dann nach einer Care-Card ruft, sich aber gegen flächendeckende Tarifverträge und gegen die Einrichtung von Pflegekammern stellt, packt das Problem am falschen Ende. Mehr dazu, wie verschiedene [Verbände bessere Arbeitsbedingungen einfordern](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/102939/Verbaende-wollen-bessere-Arbeitsbedingungen-fuer-Pflegekraefte?ref=uebergabe.de), zeigt die damalige Debatte. Damit verbunden ist eine Frage, die in der Praxis oft untergeht: Wer darf eigentlich welche Tätigkeit übernehmen? Assistenzkräfte sind unverzichtbar und tragen einen elementaren Teil bei. Doch ein gelebter Qualifikationsmix braucht klare Tätigkeitsprofile. Die Ansage „jeder macht hier alles" hebt die Grenzen zwischen einer einjährigen und einer dreijährigen Ausbildung auf – und entwertet damit Qualifikation. Genauso problematisch ist es, wenn eine Leitungskraft mehrere Nachtdienste in Folge einspringt: Dann fehlt sie genau dort, wo Führung gebraucht wird. Wer Pflegemanagement gelernt hat, sollte auch Pflegemanagement machen dürfen. Wer mehr zu den Hintergründen der Qualitätsdebatte in der Langzeitpflege erfahren will, findet in unserer Folge zu den [Qualitätsprüfverfahren in der Langzeitpflege](https://www.uebergabe.de/ug008/) tiefere Einblicke. ## Eine eigene Gewerkschaft für die Pflege? Zum Abschluss ein Projekt, das damals noch ganz am Anfang stand: der Bochumer Bund. In Anlehnung an den Marburger Bund der Ärzteschaft wollten engagierte Pflegende – noch kurz vor dem Staatsexamen – eine eigenständige Gewerkschaft nur für die Pflege aufbauen. Wir sprachen mit Benjamin Jäger über die Idee, die 2017 entstand. Der Ausgangspunkt: Rund hundert Einzelorganisationen, ein zersplittertes Feld und ein Großteil der Pflegefachpersonen, der überhaupt nicht organisiert ist. Viele fühlten sich auch von Verdi nicht repräsentiert. Der Bochumer Bund versteht sich als eigenständig, sieht sich klar pro Pflegekammer und will perspektivisch alle Pflege- und Assistenzberufe ansprechen – passend zur generalistischen Ausbildung. > *„Wir haben den Anspruch, dass die Pflegenden als größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen es auch verdient haben, eine eigene Gewerkschaft zu besitzen." — Benjamin Jäger* Die Mitgliedsbeiträge waren bewusst niedrig angesetzt – ein Euro monatlich für Auszubildende und Studierende, vier Euro für Beschäftigte. Realistisch betrachtet rechnete der Bochumer Bund nicht mit einer riesigen Eintrittswelle, sondern eher mit Tarifverhandlungen bei einzelnen Arbeitgebern, wo viele Mitglieder zusammenkommen. So sympathisch die Idee ist – sie wirft Fragen auf. Wenn schon etablierte Strukturen Mühe haben, Pflegende zum Mitmachen zu bewegen, wie soll es ein junges Projekt schaffen? Ein Gedanke, der uns nicht losließ: Vielleicht wäre eine Kooperation mit dem Marburger Bund sinnvoll – mit einer eigenständigen, klar abgegrenzten Sektion Pflege, aber unter einem gemeinsamen Dach. Denn Gesundheitsversorgung findet im Team statt. Eine gemeinsame Gesundheitsgewerkschaft könnte Pflege und Medizin sogar ein Stück näher zusammenbringen. Wer dieses Thema weiterverfolgen möchte, dem sei unsere spätere Folge zu [Gewerkschaften in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug064/) empfohlen. Bleibt die Erkenntnis dieser Episode: Ob MDK-Reform, Care-Card oder Gewerkschaftsgründung – am Ende laufen fast alle Fäden bei einer Frage zusammen. Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen Menschen gern in der Pflege arbeiten und bleiben? Mehr Köpfe allein lösen das nicht. Es braucht faire Bezahlung, klare Rollen, starke Strukturen und eine Pflege, die selbstbewusst mitgestaltet. ## Zum Weiterhören - [ÜG008 – Qualitätsprüfverfahren in der Langzeitpflege und Indikatoren der Ergebnisqualität - (Prof. Dr. K. Wingenfeld)](https://www.uebergabe.de/ug008/) - [ÜG009 – Special: Live zur EU Wahl - GEH WÄHLEN AM 26\. MAI!](https://www.uebergabe.de/ug009/) - [ÜG064 – Gewerkschaften in der Pflege (Michael Quetting)](https://www.uebergabe.de/ug064/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Wählen gehen! - [Wahl-O-Mat](https://www.wahl-o-mat.de/?ref=uebergabe.de) (wahl-o-mat.de) - [VoteSwiper](https://www.voteswiper.org/de?ref=uebergabe.de) (voteswiper.org) #### Walk of Care - [Walk of Care – Kreativer Protest für eine gute Pflege](https://www.springerpflege.de/rahmenbedingungen/walk-of-care-kreativer-protest-fuer-eine-gute-pflege/16713704?ref=uebergabe.de) (Springerpflege.de) #### EuGH-Urteil - [Arbeitsbedingungen - Arbeitszeitrichtlinie](https://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=706&intPageId=205&langId=de&ref=uebergabe.de) (ec.europa.eu) - [Praxen und Kliniken müssen Arbeitszeit voll erfassen](https://www.aerztezeitung.de/praxis%5Fwirtschaft/klinikmanagement/article/988001/eugh-urteil-klinik-muss-arbeitszeit-voll-erfassen.html?ref=uebergabe.de) (aerztezeitung.de) #### MDK-Reformgesetz - [Medizinischer Dienst soll unabhängiger, transparenter und effektiver arbeiten](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/mdk-reformgesetz.html?ref=uebergabe.de) (bundesgesundheitsministerium.de) - [Spahn will unabhängige Gutachter](https://www.tagesspiegel.de/politik/reformgesetz-fuer-medizinischen-dienst-spahn-will-unabhaengige-gutachter/24284420.html?ref=uebergabe.de) (tagesspiegel.de) #### Care Card & Blue Card - [Meurer: Wir steuern mit Volldampf auf den Versorgungsnotstand zu](https://www.bpa.de/News-detail.12.0.html?&no%5Fcache=1&tx%5Fttnews%5Btt%5Fnews%5D=4934&cHash=9ef95d718cb4d9761196bf516615da2b&ref=uebergabe.de) (bpa.de) - [bpa fordert Care Card für ausländische Pflegende](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/38128-bpa-fordert-care-card-fuer-auslaendische-pflegende/?ref=uebergabe.de) (Bibliomed-pflege.de) - [Was ist die Blaue Karte EU/EU Blue Card? Wer kann sie bekommen? Wo bekomme ich sie?](https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/buergerservice-faq-kontakt/faq/02a-blue-card-eu/606572?ref=uebergabe.de) (auswaertiges-amt.de) - [Steuern, was zu steuern ist: Was können Einwanderungs- und Integrationsgesetze leisten?](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2018/08/svr%5Fjahresgutachten%5F2018.pdf) (svr-migration.de) - [Sieben Kernbotschaften zur Blue Card](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2018/04/svr%5Fjahresgutachten%5F2018%5Fkernbotschaften.pdf) (Svr-migration.de) - [Arbeitsmarktsituation im Pflegebereich](https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Berufe/generische-Publikationen/Altenpflege.pdf?ref=uebergabe.de) (arbeitsagentur.de) - [Verbände wollen bessere Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/102939/Verbaende-wollen-bessere-Arbeitsbedingungen-fuer-Pflegekraefte?ref=uebergabe.de) (aerzteblatt.de) #### Bochumer Bund - [Homepage der Gewerkschaft](http://bochumerbund.de/?ref=uebergabe.de) (Bochumerbund.de) #### In eigener Sache - [Übergabe Mitglied werden](https://uebergabe.de/podcast/abo?ref=uebergabe.de) - [Übergabe bei Instagram](https://www.instagram.com/uebergabe%5Fpodcast/?ref=uebergabe.de) - [Pflegeupdate hören](https://itunes.apple.com/de/podcast/%C3%BCbergabe-der-podcast/id1446078578?mt=2&ref=uebergabe.de) ### Motivation und Perspektiven junger Pflegender - Christel Bienstein, DENA, Update Pflegekammer, Junge Pflege Preis 2019 URL: https://www.uebergabe.de/ug010/ Last updated: 2026-06-17T19:31:10.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 11.05.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Familiäre Erlebnisse sind oft der Türöffner in den Pflegeberuf. - Verlässliche Dienstpläne zählen jungen Pflegenden mehr als Gehalt allein. - Engagement ist überall möglich – von der Schule bis zum Berufsverband. - Die Pflegekammer NRW braucht Zeit, ist aber ein wichtiges Signal. - Reden statt Jammern: Veränderung beginnt beim Mitgestalten. Was bringt junge Menschen heute dazu, sich für einen Beruf zu entscheiden, über den so viel geklagt wird? Genau dieser Frage sind wir auf dem Junge Pflege Kongress in Bochum nachgegangen. Zwischen Ausstellungsständen, Vorträgen und einer überraschend jungen, lebendigen Menge haben wir Mikrofone aufgestellt und einfach mal zugehört: Was bewegt Auszubildende und Studierende? Wie blicken sie auf ihren Berufseinstieg, auf Praxisanleitung, auf die Pflegekammer – und auf ihre eigene Zukunft? Herausgekommen ist ein bunter Strauß an Stimmen, ergänzt um Gespräche mit prominenten Gästen wie Christel Bienstein, dem Pflegerapper DENA und Vertreter:innen rund um die Pflegekammer NRW. ## Wie der Weg in die Pflege oft beginnt Wenn du junge Pflegende fragst, warum sie sich für diesen Beruf entschieden haben, hörst du erstaunlich häufig dieselbe Geschichte: Es war kein nüchterner Karriereplan, sondern ein persönliches Erlebnis. Da ist der erkrankte Großvater, der ins Pflegeheim zog. Da ist der Stiefvater mit einer Behinderung, bei dessen Pflege die ganze Familie mit anpackte. Und da ist jener Moment, der bis heute nachwirkt: Ein 14-Jähriger betritt zum ersten Mal ein Pflegeheim, ein Bewohner im Rollstuhl streckt ihm die Hand entgegen und begrüßt ihn herzlich als seinen Enkel. Heute, viele Jahre und eine ganze Pflegeausbildung später, weiß dieser junge Mann: Der Bewohner war vermutlich an einer Demenz erkrankt und hat ihn verwechselt. Geprägt hat es ihn trotzdem – bis zur Berufswahl. Andere kamen über Umwege: ein Praktikum, weil sie nach der Schule noch nicht wussten, wohin. Die Erkenntnis, dass das Büro „nie so meins" war und es etwas Praktisches mit Menschen sein sollte. Auffällig ist, wie oft familiäre Wurzeln eine Rolle spielen – wenn die Mutter schon in der Pflege arbeitet, liegt der Funke nah. Über all dem steht ein Motiv, das fast alle teilen: anderen Menschen helfen wollen und etwas Sinnvolles tun, das auch persönlich bereichert. Mehrfach fiel der Satz, dass Pflege weit mehr ist als eine Dienstleistung am Bett – dass man zugleich ein Stück Sozialarbeit und Therapie leistet und nah dran ist am Leben, von der Geburt bis zum Tod. ## Was junge Pflegende von einem guten Arbeitgeber erwarten Bei der Frage nach dem idealen Arbeitgeber hätten viele wohl ein dickes Gehaltsplus erwartet. Doch Geld stand selten an erster Stelle. Natürlich, das war allen klar: Jeder Mensch muss überleben, und die gute Bezahlung gehört dazu. Aber wichtiger noch waren verlässliche Strukturen. Immer wieder fiel das Stichwort Dienstplan – der Wunsch, sich darauf verlassen zu können, wann man arbeitet, nicht ständig zwischen Schichten zu springen und nicht permanent als Lückenfüller einzuspringen. Wer planbare Zeiten hat, kann auch ein Privatleben führen. Und genau das wünschten sich viele ausdrücklich: nicht nur für die Arbeit zu leben, sondern wertgeschätzt zu werden – inklusive Wertschätzung für die Zeit jenseits der Station. Eine schöne Anekdote machte greifbar, wie wenig es manchmal braucht: Es reicht schon, wenn die Heimleitung am Montagmorgen über die Station läuft, „Guten Morgen" wünscht und fragt, wie das Wochenende war. Solche kleinen Gesten persönlicher Anerkennung wurden höher gehandelt als jede Hochglanzbroschüre. Spannend übrigens: Auf dem Kongress war auch das Thema attraktiver Arbeitgeber präsent – etwa über Zertifizierungen wie [Great Place to Work](https://www.greatplacetowork.de/?ref=uebergabe.de), die untersuchen, was Mitarbeitende wirklich im Unternehmen hält. Für viele junge Pflegende läuft es am Ende auf zwei Dinge hinaus: mehr Personal und mehr Zeit für die Patient:innen. > *„Ein guter Arbeitgeber zeigt mir, dass die Kolleg:innen auch Zeit haben, um mich richtig anzuleiten – und dass ich nicht alleine dastehe, wenn Notstand ist." — Auszubildende auf dem Junge Pflege Kongress* ## Praxisanleitung: zwischen Anspruch und Alltag Kaum ein Thema brachte so gemischte Gefühle hervor wie die Praxisanleitung. Auf der einen Seite gibt es die richtig guten Stationen, auf denen man ins Team aufgenommen wird, in Ruhe lernt und Spaß an der Arbeit hat. Auf der anderen Seite die ernüchternde Realität: zu wenig Personal, keine Zeit, das ständige „Wir haben gerade niemanden". Manche Auszubildende berichteten, dass sie sich Dinge selbst beibringen mussten – mit dem Risiko, sie falsch zu lernen. Besonders belastend ist das Hin- und Herschieben zwischen Stationen und Wohnbereichen, das echtes Lernen erschwert. Dass es zum Aufnahmezeitpunkt gesetzlich mehr Praxisanleitungsstunden geben sollte, wurde durchaus begrüßt. Doch viele wünschten sich mehr: freigestellte Praxisanleiter:innen etwa, die wirklich Zeit haben, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Klar wurde auch, dass die Anleitenden selbst in einer Zwickmühle stecken – zwischen ihrem Auftrag, Wissen weiterzugeben, und dem Druck eines unterbesetzten Alltags. Genau hier liegt ein Schlüssel für die Qualität der Ausbildung. Und genau hier setzt auch das Projekt an, das beim Junge Pflege Preis ausgezeichnet wurde. ## 1-Minuten-Fortbildung: der Theorie-Praxis-Transfer für zwischendurch Beim [Junge Pflege Preis 2019](http://www.junge-pflege.de/?ref=uebergabe.de) lautete das Thema „Aus Theorie werde Praxis – aber wie?". Gewonnen hat eine Initiative aus der Universitätsmedizin Göttingen mit einem bestechend einfachen Konzept: der 1-Minuten-Fortbildung. Dahinter steckt im Kern ein DIN-A4-Blatt, auf dem leicht verständlich aufbereitetes Fachwissen steht – zu ganz alltäglichen Themen wie Mobilisation, zu Studien oder Expertenstandards, alles wissenschaftlich hinterlegt. Aufgehängt wird das Blatt dort, wo Pflegende ohnehin warten müssen: an der Mikrowelle, an der Blutgasanalyse, in der Wartezone. So braucht das Lernen keine zusätzliche Zeit und lässt sich nebenbei in den Berufsalltag integrieren. Das Team hat das Konzept auf vier Stationen implementiert, durchgeführt und evaluiert – und plant, künftig in jedem Fachbereich eine zuständige Ansprechperson zu etablieren. Der Charme: Niemand kann sich mehr darauf herausreden, keine Zeit für Fortbildung zu haben. Wer tiefer einsteigen will, findet weiterführende Hintergründe etwa in der Berichterstattung [über die ausgezeichnete 1-Minuten-Fortbildung](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/38129-1-minuten-fortbildung-am-umg-erzielt-ersten-platz/?ref=uebergabe.de) oder in der wissenschaftlichen Aufbereitung [zum Lernen in nur einer Minute](https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/s-0042-110559.pdf?ref=uebergabe.de). Ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich Evidenz und Praxis ohne großen Aufwand verbinden lassen. ## Engagement: viele Wege, sich einzubringen Eine zentrale Botschaft kam von Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) und Mitglied im Deutschen Pflegerat: Engagement ist fast überall möglich. Schon in der eigenen Schule oder Klinik kann man etwas bewegen – als Schulsprecher:in, der oder die die Belange der Mitschüler:innen bis vor die Klinikleitung trägt, oder indem man im Stationsalltag klar benennt, dass man gerade lernt und Anleitung braucht. Darüber hinaus stehen Mitarbeitervertretungen, Betriebsräte und vor allem die Berufsverbände offen. Wichtig ist nur, überhaupt aktiv zu werden – jede:r darf den eigenen Weg finden. Bienstein betonte zudem den Wert internationaler Vernetzung. Bei Treffen in Brüssel, Bremen oder Malta erlebt man, dass es Länder gibt, in denen vieles besser läuft – aber auch solche, in denen die Versorgung noch stark medizinisch dominiert ist. Dieser Blick über den Tellerrand schärft das Bewusstsein dafür, wie ausdifferenziert und anspruchsvoll Pflege eigentlich ist, und macht Mut, sich für bessere Bedingungen einzusetzen. Dass auf dem Kongress so viele junge Menschen aus ganz Deutschland zusammenkamen, ähnliche Fragen und Ängste teilten und voneinander lernten, wertete sie als enorm ermutigendes Signal. > *„Zu erleben, dass sich so viele Menschen für diesen Beruf interessieren, macht unheimlich Mut. Das sollte jede:r Schüler:in und jede:r Studierende einmal miterlebt haben." — Christel Bienstein, Präsidentin DBfK* ## DENA: Wenn Pflege zum Rap wird Ein besonderer Gast war [Dustin Struwe alias DENA](https://www.youtube.com/user/CoverRap?ref=uebergabe.de), gelernter Altenpfleger, Praxisanleiter – und Pflegerapper. Seit zehn Jahren arbeitet er in der Pflege, seit vier Jahren macht er Musik darüber. Der Auslöser war eine schwere Schicht mit zwei Sterbefällen, kurz nach dem Examen. Statt den Frust in sich hineinzufressen, brachte er seine Gedanken aufs Papier – so entstand sein erster Song. Inzwischen sind 50 Stücke zusammengekommen, und auf dem Kongress trat er vor mehr als 2.700 Menschen auf. Was ihn antreibt? Musik als Transportmittel für eine Botschaft. Seine Songs erzählen ehrlich vom Beruf, ohne ihn nur schlechtzureden – und sie wirken. Mehrfach habe er Nachrichten von Menschen bekommen, die durch seine Musik überhaupt erst in die Pflege gegangen seien. Für ihn ist das das Größte, was mit seiner Musik passieren kann. Aus seiner Erfahrung als Praxisanleiter zog er ein klares Fazit: Viele junge Pflegende fressen Belastungen in sich hinein, demotivieren sich und geraten in einen Kreislauf, aus dem sie schwer wieder herauskommen. Sein Rat klingt simpel, ist aber entscheidend. > *„Wenn du jammerst, musst du auch bereit sein, etwas zu ändern. Redet über eure Probleme, fresst sie nicht in euch rein – es kommen auch andere Zeiten." — Dustin Struwe aka DENA* ## Pflegekammer NRW: ein wichtiges Signal mit langem Atem Am Stand des Fördervereins Pflegekammer NRW und im Gespräch mit Marlene Schönbeck und Stefan Schwark vom DBfK ging es um den damaligen Stand der Kammergründung. Die Stimmung in Nordrhein-Westfalen wurde zum Zeitpunkt der Aufnahme als überraschend positiv beschrieben – anders als in Niedersachsen, wo die Diskussion zu jener Zeit deutlich eskaliert war, vor allem nachdem Beitragsbescheide ins Haus geflattert waren. In NRW nahmen die Beteiligten dagegen kaum negative Stimmen wahr; die zahlreichen Informationsveranstaltungen, gemeinsam mit dem DBfK und anderen Akteuren, schienen Wirkung zu zeigen. Die Erfahrung aus anderen Bundesländern: Wer informiert ist, stimmt der Kammer eher zu. Wichtig war den Gesprächspartner:innen aber auch eine realistische Erwartung. Eine Pflegekammer ist kein Schalter, der über Nacht alles besser macht. Bis die Strukturen aufgebaut und arbeitsfähig sind, wird es eine Weile dauern – und auch danach lassen sich politische Fehlentscheidungen der Vergangenheit nicht im Handumdrehen korrigieren. Trotzdem überwog die Überzeugung: Wenn ein so großes Bundesland wie NRW eine Pflegeberufekammer bekommt, ist das ein starkes Zeichen für alle anderen Länder, nachzuziehen. Über die Kammer kann die Pflege endlich an Entscheidungsprozessen beteiligt werden – und nicht nur die Ärztekammer hat eine Stimme. Wer das Thema weiterverfolgen möchte, findet beim [Förderverein Pflegekammer NRW](https://www.mehrdad-mostofizadeh.de/?ref=uebergabe.de) laufend aktuelle Informationen. ## Akademisierung und die Frage nach der Zukunft Auffällig viele Studierende und dual Auszubildende waren auf dem Kongress vertreten. Ihre Motivation: mehr Input, mehr Fachkundigkeit, der Wunsch zu verstehen, warum Dinge so sind, wie sie sind – und nicht anders. Mehrere betonten, wie sehr ihnen der Forschungsaspekt im Studium fehle, wenn sie an die klassische Ausbildung dächten. Der Theorie-Praxis-Transfer, das Hinterfragen, das Einfach-mal-Fragen-Stellen – das sei in der reinen Ausbildung oft zu kurz gekommen. Studiengänge im pflegerischen Bereich waren zum damaligen Zeitpunkt noch rar, doch viele spürten, dass Arbeitgeber zunehmend Stellen für akademisch qualifizierte Pflegende schaffen und die Berufschancen wachsen. Bei der Frage nach der eigenen Zukunft blieben viele bewusst offen: erst einmal im Krankenhaus oder in der Einrichtung arbeiten, übernommen werden, Erfahrung sammeln – und dann weitersehen. Weiterbildungen etwa in Palliativ- oder Kinderkrankenpflege, ein zusätzliches Studium, vielleicht ein Engagement in der Politik: Die Optionen sind breit gefächert. Für die nächsten zehn Jahre wünschten sich die Befragten vor allem mehr Personal, mehr Eigenständigkeit und mehr Akzeptanz für den Beruf. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieses Tages: Die Generation, die jetzt nachkommt, trägt viel – und sie will mitgestalten. Wer das Image und die Inhalte der Pflege verbessern will, fängt am besten damit an, nachzufragen und sich nicht mit dem Satz „Das haben wir immer schon so gemacht" zufriedenzugeben. ## Zum Weiterhören - [ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein? - Live vom Deutschen Pflegetag 2024](https://www.uebergabe.de/ug150/) - [ÜG003 – Special: Pflegekammer - (Dr. M. Dichter)](https://www.uebergabe.de/ug003/) - [ÜG121 – Social Media Nurse (Stefan Schwark)](https://www.uebergabe.de/ug121/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. --- #### Shownotes zur Folge - [Junge Pflege](http://www.junge-pflege.de/?ref=uebergabe.de) (junge-pflege) - [Junge Pflege Kongress Nordwest](http://www.junge-pflege.de/nordwest/junge-pflege-kongress/?ref=uebergabe.de) (junge-pflege) - [ENSA – European Nursing Students Association](https://www.esu-online.org/?member=ensa-european-nursing-students-association&ref=uebergabe.de) (esu-online) - [Förderverein Pflegekammer NRW e.V.](https://www.mehrdad-mostofizadeh.de/?ref=uebergabe.de) (Pflegekammer-NRW) - [Dustin Struwe aka DENA](https://www.youtube.com/user/CoverRap?ref=uebergabe.de) (YouTube) - [1-Minuten-Fortbildung am UMG erzielt ersten Platz](https://www.bibliomed-pflege.de/alle-news/detailansicht/38129-1-minuten-fortbildung-am-umg-erzielt-ersten-platz/?ref=uebergabe.de) (Bibliomed Pflege) - [In einer Minute von der Theorie zur Praxis](https://www.hawk.de/de/newsportal/pressemeldungen/studierende-des-gesundheitscampus-goettingen-gewinnen-den-junge-pflege?ref=uebergabe.de) (Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst) - [Lernen in nur einer Minute](https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/s-0042-110559.pdf?ref=uebergabe.de) (Thieme-Connect) - [Great Place to Work](https://www.greatplacetowork.de/?ref=uebergabe.de) (greatplacetowork) #### In eigener Sache - [Übergabe Mitglied werden](https://uebergabe.de/podcast/abo?ref=uebergabe.de) - [Übergabe bei Instagram](https://www.instagram.com/uebergabe%5Fpodcast/?ref=uebergabe.de) - [Pflegeupdate hören](https://itunes.apple.com/de/podcast/%C3%BCbergabe-der-podcast/id1446078578?mt=2&ref=uebergabe.de) --- ![](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2019/05/ug010.jpg) Christian, Franziska, Eva, Mike (v.l.n.r.) ### Special: Live zur EU Wahl - GEH WÄHLEN AM 26. MAI! URL: https://www.uebergabe.de/ug009/ Last updated: 2026-06-13T21:15:13.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 25.04.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Die EU gestaltet Gesundheitspolitik nur flankierend – vieles bleibt nationale Aufgabe. - Bei den Zugangsvoraussetzungen zur Ausbildung ist Deutschland europäisches Schlusslicht. - Anwerbung aus dem Ausland wirft ethische Fragen auf – Stichwort Care Drain. - Eine Bundespflegekammer war zum Zeitpunkt der Aufnahme in Vorbereitung. - Pflege ist die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen – ihre Stimme zählt. Kurz vor der Europawahl am 26\. Mai 2019 stellten sich Franziska und Christian eine Frage, die viele Pflegende eher selten umtreibt: Was hat Europa eigentlich mit meinem Berufsalltag zu tun? Auf Einladung von Martin Dichter besuchten die beiden eine Podiumsdiskussion des [Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe](https://peter-liese.de/26-europawahl?ref=uebergabe.de) in der Essener Zeche Carl. Dort trafen sie Politiker:innen, die für das EU-Parlament kandidierten – und fingen anschließend für den Podcast jede Menge Stimmen ein. Das Ergebnis: ein überraschend ehrlicher Blick darauf, wo die EU in der Pflege wirklich mitreden darf und wo eben nicht. ## Ein Podium, fünf Parteien und eine ernüchternde Erkenntnis Eingeladen waren Kandidat:innen von SPD, CDU, FDP, Grünen, Linken und Piraten. Bewusst nicht dabei: die AfD. Der DBfK hatte sich bereits 2017 in einem Positionspapier klar gegen diskriminierende, nationalistische und rassistische Tendenzen positioniert – und danach auch die Gästeliste für den Abend zusammengestellt. Schon das Eingangsstatement von Jens Geier (SPD) brachte die Lage europaweit auf den Punkt. > *„Überall unterentwickelt, überall zu wenig Geld im System." — Jens Geier, SPD* Quer durch alle Parteien zog sich ein roter Faden: Die EU hat in der Gesundheitspolitik vergleichsweise wenig zu sagen. Die Sozialversicherungssysteme bleiben in nationaler Zuständigkeit. Was Brüssel kann, ist flankieren – etwa über Arzneimittelsicherheit, die Mobilität von Patient:innen und Dienstleistungen, Verbraucherschutz und vor allem über Arbeitsbedingungen wie Arbeitszeitregelungen. Wer also auf eine europäische Lösung für innerdeutsche Pflegeprobleme hofft, wird enttäuscht. Genau deshalb lohnt sich der Blick über den Tellerrand trotzdem: Auf EU-Ebene kannst du sehen, wie andere Gesundheitssysteme ticken – und vielleicht die eine oder andere Idee in die deutsche Debatte tragen. ## Pflege in Europa: Deutschland am Tabellenende Den fachlichen Auftakt machte Franz Wagner, damals Präsident des Deutschen Pflegerats und Vorsitzender des DBfK-Bundesverbands. Sein Befund war deutlich: Personalmangel sei ein europaweites Phänomen, aber im Vergleich stehe Deutschland besonders schlecht da. Fast überall in Europa ist die Pflegeausbildung ein Hochschulstudium, und fast überall ist die Personalausstattung besser als hierzulande. Spannend ist dabei ein Detail, das Wagner einordnete: Deutschland hat im EU-Vergleich zwar die höchste Zahl an Pflegefachpersonen pro Einwohner:in – aber gleichzeitig die niedrigste Zahl von Pflegefachpersonen je Krankenhausbett. Die Erklärung: Wir betreiben schlicht enorm viele Kliniken und Betten, in denen Menschen versorgt werden wollen. Ein Knackpunkt ist die Berufsanerkennungsrichtlinie, zuletzt 2013 reformiert. Sie legt den Rahmen für die pflegerische Ausbildung fest. Genau dort hat Deutschland sich laut Wagner damals nicht mit Ruhm bekleckert: Während europaweit zwölf Jahre Allgemeinbildung plus hochschulische Ausbildung als Norm gelten, blieb Deutschland beim Niveau von zehn Jahren – eine Art Ausnahmeregelung. Eine Überarbeitung der Richtlinie erwartet Wagner nicht so bald, aber im sogenannten Anhang V werden die Ausbildungsinhalte über Kompetenzen ausformuliert, und hier kann die EU-Kommission auch ohne große Abstimmung nachschärfen. Die Hoffnung: dass die Anforderungen so steigen, dass sie sich in Deutschland nur noch an der Hochschule erreichen lassen. > *„Es ist eine Farce, dass wir in Deutschland den Zugang so niedrig halten, während es im internationalen Kontext einfach ein Studium ist." — Franz Wagner* ## Akademisierung: Hoher Zugang, hohe Attraktivität? Damit war das Dauerthema des Abends gesetzt. Wagner plädierte für einen Hochschulzugang als Voraussetzung und ein Studium für die praktische Pflege – ergänzt um eine zweijährige Pflegeassistenzausbildung als Einstiegsweg mit anschließender Studienoption. Sein Argument: Man dürfe nicht nur auf Köpfe schielen und die Zugangsvoraussetzungen absenken, nur um die Lücken zu füllen. Im Gegenteil – höhere Anforderungen könnten den Beruf attraktiver und gesellschaftlich angesehener machen, ähnlich wie bei Medizin, Jura oder Pilot:innen, wo trotz hoher Hürden die Bewerber:innenzahlen stimmen. Im Podcast diskutieren Franziska und Christian die andere Seite gleich mit: Wird der Pool an möglichen Bewerber:innen durch höhere Hürden nicht kleiner? Aussage steht hier oft gegen Aussage. Klar ist aber: Es gibt Menschen, die sich gerade wegen des akademischen Wegs für die Pflege entscheiden – und ohne dieses Angebot nie eingestiegen wären. Wer tiefer in dieses Thema einsteigen möchte, findet in der [Episode zur Akademisierung in der Pflege](https://www.uebergabe.de/ug002/) reichlich Stoff. Dr. Peter Liese (CDU) brachte einen interessanten Zwischenton ein. Er sieht die Akademisierung als wichtig an, gerade weil sie Aufstiegsmöglichkeiten schafft – ein Punkt, der vielen den Frust nimmt, jahrzehntelang dasselbe belastende Aufgabenfeld zu bedienen. Gegen eine Vollakademisierung sprach er sich aber aus: Es brauche eine Mischung verschiedener Qualifikationen, von der einjährigen Ausbildung bis zum Studium. Auf dem Podium löste das Kopfschütteln aus. Sein eigener Punkt, den er als Mediziner selbst erfahren hatte: Auch mit ärztlicher Ausbildung sei er auf den Rat erfahrener Pflegefachpersonen angewiesen gewesen – und genau diese Kompetenz solle man der Pflege auch formal zugestehen. In anderen europäischen Ländern dürfen Pflegende längst Dinge eigenständig tun, für die es in Deutschland eine ärztliche Verordnung braucht. Die Wahlprogramme der Parteien – etwa von [SPD](https://www.jens-geier.de/?ref=uebergabe.de), [Grünen](https://www.mehrdad-mostofizadeh.de/?ref=uebergabe.de) oder [FDP](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/uploads/2019/02/26/2019-01-27-bpt-europas-chancen-nutzen-das-programm-der-freien-demokraten-zur-europawahl-2019.pdf) – lohnen hier einen genaueren Blick. ## Wenn dem Beruf die Köpfe fehlen: Anwerbung und das Care-Drain-Dilemma Angesichts der demografischen Entwicklung werden immer mehr Menschen pflegebedürftig – und die Personaldecke wird dünner. Eine naheliegende Lösung ist die Anwerbung aus dem Ausland. Doch genau hier wird es ethisch knifflig. Wagner unterschied zwei Bereiche: Innerhalb der EU gilt Freizügigkeit, eine Pflegefachperson aus Rumänien hat schlicht das Recht, in Deutschland zu arbeiten. Bei Drittstaaten greift eine ethische WHO-Richtlinie, die Abwerbung aus Ländern mit ohnehin geringem Gesundheitspersonal untersagt. Doch auch dort, wo es offiziell „arbeitslose" Pflegefachpersonen gibt, ist die Lage selten einfach. Wagners Beispiel: Ein Land kann sich das Personal, das seine Bevölkerung eigentlich braucht, schlicht nicht leisten. Die eigentliche Frage sei also, ob reiche Länder wie Deutschland nicht eher Entwicklungshilfe leisten und vor Ort Strukturen stärken müssten – statt Menschen abzuwerben. Genau hier fällt im Podcast der Begriff *Care Drain*: die Abwanderung von – häufig weiblichem – Pflegepersonal, das in der Heimat fehlt und teils sogar Familien zurücklässt. Ein vielschichtiges Dilemma, in dem es kein einfaches Richtig oder Falsch gibt. Wer das Thema vertiefen will, findet in der [Episode zur Rekrutierung aus dem Ausland](https://www.uebergabe.de/ug046/) spannende Einblicke. Mehrdad Mostofizadeh (Grüne), selbst mit Wurzeln in der Altenpflege, setzte hier einen klaren Akzent: Verhindern lasse sich Zuwanderung nicht – und das sei auch gut so. Aber finanzstarke Länder sollten über Trägerkooperationen dafür sorgen, dass in beiden Ländern mehr ausgebildet wird und Fachkräfte vor Ort gut bezahlte Stellen finden. Vor allem aber gelte: Das Fachkräfteproblem bekomme Deutschland nur in den Griff, wenn es selbst deutlich mehr ausbildet, ambulant und in Quartierssettings neu denkt – und am Ende über eine stärker steuerfinanzierte Pflegeversicherung redet. ## Roboter, Digitalisierung und realistische Erwartungen Jens Geier verwies darauf, dass die EU dort Maßstäbe setzt, wo Datenschutz oder neue digitale Geschäftsfelder ins Spiel kommen – allerdings stehe man hier noch am Anfang. Spannend wurde es bei der Forschung: Im Bereich von Hilfsmitteln und Medikamenten könne Europa durchaus etwas bewegen. Beim Stichwort Pflege-Roboter, die in manchen Ländern bereits Aufgaben übernehmen, blieb Geier nüchtern – für Europa könne und wolle er sich das so nicht vorstellen. Franziska und Christian nehmen den Faden im Podcast humorvoll auf: vielleicht ein Thema für eine eigene Folge mit echten Expert:innen. Insgesamt wirkte Geier auf dem Podium etwas distanziert – wohl auch, weil viele Publikumsfragen genau dort ansetzten, wo die EU eben kaum Hebel hat. Ein häufig fallendes Schlagwort des Abends war die „Austeritätspolitik", also die jahrelange Sparpolitik, die laut Geier die Finanzausstattung vieler Sozialsysteme eingeschnürt habe. Spannend ist die Beobachtung der beiden Hosts: Dass sich die Debatte so stark um Geld und Verteilung drehte, zeigt vielleicht auch, wie wenig die konkrete Ausgestaltung von Pflege auf EU-Ebene tatsächlich verhandelbar ist. Ein Wermutstropfen: Sylvia Gabelmann (Linke) und die Vertreterin der Piraten waren nach dem Podium zu schnell verschwunden, sodass es kein Interview gab. Festgehalten haben Franziska und Christian aber Gabelmanns Aussage, man brauche für die Personalbemessung keine eigene Forschung – man könne einfach übernehmen, was andere Länder machen. Ein Punkt, an dem es im Saal hörbar raunte. Denn was in Schweden mit wenigen Kliniken und starker ambulanter Versorgung funktioniert, lässt sich nicht eins zu eins auf das bettenreiche deutsche System übertragen. Wer die Programme der kleineren Parteien vergleichen will, kann sich das [Profil der Linken-Kandidatin](https://sylvia-gabelmann.de/?ref=uebergabe.de) ebenso anschauen wie die jeweiligen Wahlprogramme. ## Eine Bundespflegekammer am Horizont Ein Lichtblick zum Schluss des Wagner-Interviews: Der Deutsche Pflegerat sei mit den drei damals bestehenden Pflegekammern im Gespräch, und im Laufe der folgenden zwei Monate solle eine erste Form einer bundesweiten Organisation entstehen. Noch nenne man sie nicht „Bundespflegekammer", aber das Ziel sei klar: bessere Abstimmung der Länderkammern und eine schlagkräftige Vertretung auf Bundesebene. Denn die große Musik wird in der Bundespolitik gemacht, Landesrecht ist oft nur ausführend. Auch Peter Liese sprach sich vehement für die Pflegekammer aus – er kenne als Mitglied der Ärztekammer deren Einfluss und wolle, dass die Pflege auf Augenhöhe mit Ärzt:innen und Apotheker:innen verhandeln kann. Mehr Hintergrund zu diesem Dauerbrenner gibt es in der [Special-Episode zur Pflegekammer](https://www.uebergabe.de/ug003/). ## Warum deine Stimme zählt Den vielleicht wichtigsten Gedanken formulierte Gastgeber Martin Dichter. Er erinnerte daran, dass EU-Entscheidungen sehr wohl im Pflegealltag ankommen – etwa über die Richtlinie zu Nadelstichverletzungen, über Arbeitszeitregelungen oder das EuGH-Urteil, dass Bereitschaftsdienst Arbeitszeit ist. Vor allem aber sei die Wahlbeteiligung für ihn eine Frage des beruflichen Selbstverständnisses: Pflege ist die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen, sie gestaltet dieses System und diese Gesellschaft mit. Sich mit der Europawahl auseinanderzusetzen, gehöre für ihn schlicht zu einer Profession dazu. Die zentrale Botschaft der Episode lässt sich also auf einen Nenner bringen: Die EU löst die deutschen Pflegeprobleme nicht – aber sie setzt Leitplanken, die uns alle betreffen. Und genau deshalb lohnt es sich, die Wahlprogramme zu lesen, die Parteien zu vergleichen und am 26\. Mai wählen zu gehen. Schau gern vorbei und diskutiere mit – etwa auf [dem Instagram-Kanal der Übergabe](https://www.instagram.com/uebergabe%5Fpodcast/?ref=uebergabe.de). ## Zum Weiterhören - [ÜG003 – Special: Pflegekammer - (Dr. M. Dichter)](https://www.uebergabe.de/ug003/) - [ÜG002 – Akademisierung in der Pflege, Ausbildung & Professionalisierung - (Prof. Dr. B. Kühme)](https://www.uebergabe.de/ug002/) - [ÜG046 – Rekrutierung aus dem Ausland (Thorsten Kiefer)](https://www.uebergabe.de/ug046/) --- #### Informationen zu den Kandidat\*innen - [Homepage Dr. Peter Liese](https://peter-liese.de/26-europawahl?ref=uebergabe.de) (CDU - Peter Liese) - [Homepage Mehrdad Mostofizadeh](https://www.mehrdad-mostofizadeh.de/?ref=uebergabe.de) (GRÜNE B/90 - Mehrdad Mostofizadeh) - [Homepage Sylvia Gabelmann](https://sylvia-gabelmann.de/?ref=uebergabe.de) (DIE LINKE - Sylvia Gabelmann) - [Homepage Vincent Felix Bartscher ](https://vincentfelix-bartscher.europa.fdp.de/?ref=uebergabe.de)(FDP - Vincent Felix Bartscher) - [Homepage Sabine Martiny](https://www.piratenpartei.de/europawahl-2019/eu-kandidaten-2019/sabine-martiny/?ref=uebergabe.de) (PIRATEN - Sabine Martiny) - [Homepage Jens Geier](https://www.jens-geier.de/?ref=uebergabe.de) (SPD - Jens Geier) #### Wahlprogramme - [CDU - Wahlprogramm EU-Wahl](https://www.cdu.de/system/tdf/media/dokumente/europawahlprogramm.pdf?ref=uebergabe.de) (CDU.de) - [SPD - Wahlprogramm EU-Wahl ](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/Dokumente/Europa%5Fist%5Fdie%5FAntwort/spd%5Feuropaprogramm%5F2019.pdf)(SPD.de) - [GRÜNE - Wahlprogramm EU Wahl](https://www.uebergabe.de/content/files/uploads/documents/2019%5Feuropawahl-programm.pdf) (Gruene.de) - [DIE LINKE - Wahlprogramm EU-Wahl](https://www.uebergabe.de/content/files/fileadmin/download/wahlen2019/wahlprogramm%5Fpdf/europawahlprogramm%5F2019%5F-%5Fpartei%5Fdie%5Flinke.pdf) (die-linke.de) - [FDP - Wahlprogramm EU-Wahl](https://www.uebergabe.de/content/files/sites/default/files/uploads/2019/02/26/2019-01-27-bpt-europas-chancen-nutzen-das-programm-der-freien-demokraten-zur-europawahl-2019.pdf) (FDP.de) - [PIRATEN - Wahlprogramm EU-Wahl ](https://www.piratenpartei.de/europawahl-2019/europaeisches-wahlprogramm/?ref=uebergabe.de)(piratenpartei.de) #### In eigener Sache - [Übergabe Mitglied werden](https://uebergabe.de/podcast/abo?ref=uebergabe.de) - [Übergabe bei Instagram](https://www.instagram.com/uebergabe%5Fpodcast/?ref=uebergabe.de) - [Pflegeupdate hören](https://itunes.apple.com/de/podcast/%C3%BCbergabe-der-podcast/id1446078578?mt=2&ref=uebergabe.de) --- [**auf iTunes abonnieren**](https://itunes.apple.com/de/podcast/%C3%BCbergabe-der-podcast/id1446078578?mt=2&ref=uebergabe.de) [**auf Spotify abonnieren**](https://open.spotify.com/show/4Vn3flzfqvICRbkWhpWiOh?si=3xR3OvDFTxO98I1F%5Fwm7%5Fw&ref=uebergabe.de) **[RSS-Feed abonnieren](https://www.uebergabe.de/content/files/podcast/feed.xmlmp3/)** --- ![](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2019/04/ug009-1.jpg) Franziska, Mike, Christian (v.l.n.r.) ### Qualitätsprüfverfahren in der Langzeitpflege und Indikatoren der Ergebnisqualität - (Prof. Dr. K. Wingenfeld) URL: https://www.uebergabe.de/ug008/ Last updated: 2026-06-13T12:37:47.000Z 🗓️ Diese Episode erschien am 18.04.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben. 💡 **Das Wichtigste in Kürze** - Seit November 2019 rückt die Reform die Ergebnisqualität in den Fokus. - Du dokumentierst weniger formal, dafür zeigen sich echte Pflegeergebnisse. - Ergebnisindikatoren machen Pflegequalität objektiv messbar und vergleichbar. - Statt Pflegenoten bewertet jetzt ein fünfstufiges Punktesystem die Qualität. - Fachgespräche stärken deine Fachlichkeit und binden dich in die Prüfung ein. ## Qualitätsprüfungen in der Pflege: Ein Schritt zu besserer Ergebnisqualität Das deutsche Pflegesystem durchläuft aktuell einen bedeutenden Wandel, der Pflegefachpersonen und Pflegeeinrichtungen gleichermaßen vor neue Herausforderungen stellt. Im Mittelpunkt steht die Reform der **Qualitätsprüfungen**, die seit dem 1\. November 2019 schrittweise umgesetzt wird. Diese Reform zielt darauf ab, die Qualität der pflegerischen Versorgung nicht nur anhand von Strukturen und Prozessen zu bewerten, sondern verstärkt den Fokus auf die **Ergebnisqualität** zu legen. Der zentrale Gedanke ist, zu ermitteln, wie gut es den Pflegebedürftigen tatsächlich geht und wie sich die Pflege auf ihre Lebensqualität auswirkt. ### Hintergrund und Ziel der Reform: Qualität messbar machen Seit vielen Jahren war die Bewertung der Pflegequalität in Deutschland umstritten. **Pflegenoten**, die fast ein Jahrzehnt lang die Hauptmethode zur Qualitätsbewertung darstellten, wurden häufig als wenig aussagekräftig und teilweise irreführend kritisiert. Das führte dazu, dass Einrichtungen mit guten Noten als hochwertig galten, obwohl die tatsächliche Pflege nicht immer den gewünschten Standard erreichte. Die Reform des Prüfverfahrens, die mit dem [**Zweiten Pflege-Stärkungsgesetz (PSG II)**](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegestaerkungsgesetz-zweites-psg-ii?ref=uebergabe.de) im Jahr 2015 angestoßen wurde, hatte das Ziel, diese Schwächen zu beheben und ein System zu schaffen, das auf **objektiven und vergleichbaren Kriterien** basiert. Im Mittelpunkt dieser Reform steht die sogenannte **Ergebnisqualität**, also die Frage, welche Auswirkungen die Pflege auf die Lebensqualität der Bewohner:innen hat. Dabei geht es weniger um die rein formale Erfüllung von Vorschriften und Dokumentationen, sondern vielmehr um konkrete Ergebnisse, wie etwa die Erhaltung der Mobilität oder die Vermeidung von Gesundheitsrisiken wie Dekubitus. Dieses neue System soll gewährleisten, dass die tatsächliche Pflegeleistung im Vordergrund steht und die Bewohner:innen bestmöglich versorgt werden. ### Einführung der Ergebnisindikatoren Ein zentrales Element des neuen Prüfverfahrens sind die **Ergebnisindikatoren**. Diese Indikatoren messen spezifische Pflegeergebnisse und geben Aufschluss darüber, wie gut eine Pflegeeinrichtung die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bewohner:innen fördert. Im Gegensatz zu den bisherigen Prüfungen, die häufig auf Dokumentationen und Strukturen fokussierten, liegt der Schwerpunkt nun auf messbaren Ergebnissen. Die **Ergebnisindikatoren** bieten eine objektive Grundlage, um die Pflegequalität zu bewerten. Diese Daten werden in regelmäßigen Abständen erfasst und von den Einrichtungen an eine [zentrale **Datenauswertungsstelle**](https://www.das-pflege.de/?ref=uebergabe.de) übermittelt, die die Daten analysiert und mit den Ergebnissen anderer Einrichtungen *vergleicht*. Dieser Vergleich ermöglicht es, die Qualität einer Pflegeeinrichtung im Verhältnis zu anderen Einrichtungen objektiv zu beurteilen. ## Melde dich für unseren Newsletter an Mehr Durchblick bei Pflege und Gesundheitsversorgung Abonnieren Email sent! Check your inbox to complete your signup. Kein Spam. Jederzeit wieder abmelden. ### Die wichtigsten Indikatoren im Überblick Im neuen Qualitätsprüfverfahren gibt es eine Reihe von **Ergebnisindikatoren**, die regelmäßig erhoben werden. Diese Indikatoren decken die zentralen Aspekte der pflegerischen Versorgung ab und spiegeln wider, wie gut die Pflegeeinrichtungen auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohner:innen eingehen. Hier ist eine vollständige Liste der wichtigsten Indikatoren: 1️⃣ ****Erhaltene Mobilität** Dieser Indikator misst, wie gut es den Pflegeeinrichtungen gelingt, die Mobilität ihrer Bewohner:innen zu erhalten oder zu verbessern. Mobilität ist ein entscheidender Faktor für die Lebensqualität, insbesondere bei älteren oder chronisch kranken Menschen, die ein hohes Risiko haben, ihre Bewegungsfähigkeit zu verlieren. 2️⃣ ****Erhaltene Selbstständigkeit bei Alltagsverrichtungen** Dieser Indikator erfasst, inwiefern die Bewohner:innen in ihrer Selbstständigkeit bei alltäglichen Aufgaben wie Essen, Anziehen oder der Körperpflege unterstützt werden. Ziel ist es, den Bewohnern ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. 3️⃣ ****Erhaltene Selbstständigkeit bei der Gestaltung des Lebensalltags** Hier wird gemessen, ob die Bewohner:innen in der Lage sind, ihren Alltag weitgehend selbstständig zu gestalten, einschließlich sozialer Interaktionen und Freizeitaktivitäten. Der Erhalt dieser Fähigkeiten trägt maßgeblich zur Lebensqualität bei. 4️⃣ ****Dekubitusentstehung** Der Anteil der Bewohner:innen, bei denen sich im Beurteilungszeitraum ein neuer Dekubitus (Druckgeschwür) entwickelt hat. Dekubitus kann oft durch präventive Maßnahmen vermieden werden, und ein hoher Anteil neuer Fälle weist auf Defizite in der Pflege hin. 5️⃣ ****Schwerwiegende Sturzfolgen** Hier wird erfasst, wie viele Bewohner:innen im Prüfzeitraum schwerwiegende Verletzungen durch Stürze erlitten haben. Dieser Indikator dient dazu, die Wirksamkeit der Maßnahmen zur Sturzprävention zu bewerten. 6️⃣ ****Unbeabsichtigter Gewichtsverlust** Dieser Indikator misst den Anteil der Bewohner:innen, die im Prüfzeitraum einen signifikanten unbeabsichtigten Gewichtsverlust erlitten haben. Ein hoher Anteil kann auf Mängel in der Ernährungsversorgung hinweisen. 7️⃣ ****Durchführung eines Integrationsgesprächs** Dieser Indikator erfasst, ob nach der Aufnahme eines neuen Bewohners ein Integrationsgespräch geführt wurde, um dessen Bedürfnisse und Erwartungen an die Pflege festzustellen und eine personalisierte Pflege zu ermöglichen. 8️⃣ ****Anwendung von Gurten bei kognitiv beeinträchtigten Bewohner:innen** Hier wird gemessen, wie oft bei Bewohner:innen mit kognitiven Beeinträchtigungen Gurte zur Fixierung verwendet werden. Häufige Anwendung kann auf Defizite in der Betreuung hinweisen. 9️⃣ ****Anwendung von Bettseitenteilen bei kognitiv beeinträchtigten Bewohner:innen** Ähnlich wie bei den Gurten misst dieser Indikator, in welchem Umfang Bettseitenteile als Sicherheitsmaßnahme bei kognitiv beeinträchtigten Bewohner:innen eingesetzt werden. 🔟 ****Aktualität der Schmerzeinschätzung** Dieser Indikator bewertet, ob regelmäßige Schmerzeinschätzungen durchgeführt und bei Bedarf aktualisiert werden. Eine nicht ausreichende Schmerzbehandlung kann die Lebensqualität der Bewohner:innen erheblich beeinträchtigen. > "Wir bemessen die Qualität der Pflege an der Frage, wie gut es den Bewohnern geht." - Klaus Wingenfeld ### Praktische Auswirkungen für Pflegefachpersonen Pflegefachpersonen stehen im Mittelpunkt der Umsetzung des neuen Qualitätsprüfverfahrens. Sie sind nicht nur für die direkte Versorgung der Bewohner:innen verantwortlich, sondern auch für die Erhebung und Dokumentation der pflegerischen Ergebnisse. Das bedeutet, dass ihre Fachkompetenz und ihr Engagement eine noch größere Rolle bei der Qualitätssicherung spielen. **Dokumentationspflichten** waren bisher oft ein kritischer Punkt in der Pflege, da der Schwerpunkt der Qualitätsprüfungen häufig auf der formalen Richtigkeit der Dokumentation lag. Mit dem neuen System ändert sich dies: Die Prüfer legen weniger Wert auf formale Dokumentationen und konzentrieren sich stattdessen auf die tatsächliche Pflege und deren Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der Bewohner:innen. In der Praxis bedeutet dies, dass die Pflegefachpersonen stärker in den Prüfprozess eingebunden werden. Es wird erwartet, dass sie in **Fachgesprächen** mit den Prüfern darlegen, wie die Pflege im Alltag abläuft und welche Maßnahmen ergriffen wurden, um die Lebensqualität der Bewohne:innenr zu verbessern. Diese Dialoge sind ein zentrales Element des neuen Verfahrens, da sie den Prüfern einen tieferen Einblick in die Pflegepraxis ermöglichen. > "Durch das neue Prüfverfahren wird die Fachlichkeit der Pflegefachpersonen gestärkt." - Klaus Wingenfeld ### Bewertungssystem: Punkte statt Noten Eine der auffälligsten Änderungen des neuen Systems ist die **Abschaffung der Pflegenoten**. Stattdessen wird die Qualität der Pflege jetzt auf Basis eines **punktbasierten Bewertungssystems** beurteilt. Dieses System bewertet die Qualität der Pflege in fünf Stufen: 1. **Weit über dem Durchschnitt** 2. **Leicht über dem Durchschnitt** 3. **Nah am Durchschnitt** 4. **Leicht unter dem Durchschnitt** 5. **Weit unter dem Durchschnitt** Diese Stufen bieten eine differenzierte Beurteilung und ermöglichen es, die Stärken und Schwächen einer Pflegeeinrichtung detaillierter zu analysieren. Im Gegensatz zu den früheren Pflegenoten, die oft wenig aussagekräftig waren, bietet dieses System eine präzisere Bewertung der tatsächlichen Pflegequalität. ### Herausforderungen und Chancen für Pflegeeinrichtungen Das neue Prüfverfahren bringt sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich. Einerseits bietet es die Möglichkeit, die Pflegequalität objektiv und transparent zu bewerten. Die regelmäßige Erhebung der **Ergebnisindikatoren** gibt den Einrichtungen die Chance, ihre Leistungen zu analysieren und kontinuierlich zu verbessern. Einrichtungen, die in bestimmten Bereichen Schwächen aufweisen, können gezielt Maßnahmen ergreifen, um diese zu beheben. Andererseits erfordert das neue Verfahren eine erhebliche Anpassung in den Pflegeeinrichtungen. Die **Vollerfassung** der Bewohner:innendaten, die in regelmäßigen Abständen erhoben werden muss, stellt einen zusätzlichen organisatorischen und personellen Aufwand dar. Pflegeeinrichtungen müssen sicherstellen, dass sie über die notwendigen Ressourcen verfügen, um die Datenerhebung und -auswertung korrekt durchzuführen. Zusätzlich zur internen Datenerfassung werden auch **Plausibilitätskontrollen** durch externe Prüfer durchgeführt, um sicherzustellen, dass die Daten korrekt erhoben wurden. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen den Pflegefachpersonen und den Prüfern sowie ein hohes Maß an Sorgfalt bei der Dokumentation und Datenerhebung. ### Ambulante und teilstationäre Pflege Auch in der **ambulanten**, **Kurzzeit-** und **teilstationären Pflege** wird das neue Qualitätsprüfverfahren eingeführt. Zwar ist der genaue Zeitpunkt für die Umsetzung in diesen Bereichen noch nicht festgelegt, doch auch hier wird das neue System zur Anwendung kommen. Die Pflegeergebnisse, beispielsweise in Bezug auf Mobilität und Selbstständigkeit, werden auch in diesen Bereichen regelmäßig erhoben und ausgewertet. Für die ambulante Pflege stellt diese Umstellung eine besondere Herausforderung dar, da die Pflege in einem weniger strukturierten Umfeld stattfindet und die Pflegefachpersonen oft allein arbeiten. Dennoch bietet auch hier das neue Prüfverfahren die Möglichkeit, die Pflegequalität objektiver zu bewerten und die Versorgung der Pflegebedürftigen zu verbessern. ## Fazit: Ein Weg zu mehr Transparenz und Qualität in der Pflege Das neue Qualitätsprüfverfahren markiert einen entscheidenden Schritt in Richtung einer besseren und transparenteren Pflegequalität in Deutschland. Mit der Einführung von Ergebnisindikatoren und der stärkeren Fokussierung auf die tatsächlichen Pflegeergebnisse wird die Fachlichkeit der Pflegefachpersonen gestärkt und die Versorgung der Pflegebedürftigen in den Mittelpunkt gestellt. Gleichzeitig bringt das neue System Herausforderungen mit sich, insbesondere in Bezug auf die Datenerhebung und die organisatorischen Anforderungen an die Pflegeeinrichtungen. Dennoch bietet das neue Verfahren die Chance, die Pflegequalität nachhaltig zu verbessern und ein System zu schaffen, das die Lebensqualität der Bewohner:innen wirklich in den Mittelpunkt stellt. #### Weitere Informationen zum Prüfverfahren - [Abschlussbericht: Darstellung der Konzeptionen für das neue Prüfverfahren und die Qualitätsdarstellung](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2018/10/20180903%5Fentwicklungsauftrag%5Fstationa-cc-88r%5Fabschlussbericht.pdf) (Qualitätsausschuss Pflege) - [Zusammenfassung der Konzeption für das neue Prüfverfahren und die Qualitätsdarstellung in der stationären Pflege](https://www.uebergabe.de/content/files/wp-content/uploads/2018/11/kurzfassung-des-abschlussberichts-von-ipw-und-aqua.pdf) (Kurzfassung - Qualitätsausschuss Pflege) - [Qualitätsprüfungs-Richtlinie für die vollstationäre Pflege (QPR vollstationär)](https://www.uebergabe.de/content/files/uploads/media/downloads/qpr%5Fvollstationaer%5F190221%5Fgesamt%5F01.pdf) (MDS) - Artikelserie: Neues Verfahren der Qualitätsbeurteilungen und -berichte. In: Die Schwester/ Der Pfleger ab Ausgabe 1/2019 #### Indikatorenansatz - [Schulungsmaterial zur Ergebniserfassung](http://www.uni-bielefeld.de/gesundhw/ag6/downloads/indikatorenansatz%5Fmaterial%5Fschulung.pdf?ref=uebergabe.de) (Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld) - [Hinweise für Multiplikatoren und Referenten: Empfohlener Aufbau einer zweitägigen Schulungsmaßnahme zur Erfassung von Versorgungsergebnissen im Rahmen des Indikatorenansatzes](http://www.uni-bielefeld.de/gesundhw/ag6/downloads/indikatorenansatz%5Faufbau%5Fschulung.pdf?ref=uebergabe.de) (Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld) - [Indikatoren für Ergebnisqualität](https://www.gkv-spitzenverband.de/pflegeversicherung/qualitaet%5Fin%5Fder%5Fpflege/indikatoren%5Ffuer%5Fergebnisqualitaet/indikatoren%5Ffuer%5Fergebnisqualitaet%5F1.jsp?ref=uebergabe.de) (GKV-Spitzenverband) - [Entwicklung und Erprobung von Instrumenten zur Beurteilung der Ergebnisqualität in der stationären Altenhilfe](https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/entwicklung-und-erprobung-von-instrumenten-zur-beurteilung-der-ergebnisqualitaet-in-der-stationaeren-altenhilfe/78010?view=DEFAULT&ref=uebergabe.de) (BMFSFJ) --- ![Ein Bild von der Aufnahme mit Prof. Dr. Klaus Wingenfeld](https://www.uebergabe.de/content/images/podcast/wp-content/uploads/2019/04/ug009.jpg) Mike, Dr. K. Wingenfeld, Christian, Alex (v.l.n.r.) ## Zum Weiterhören - [ÜG019 – Expertenstandards in der Pflege (Prof. Dr. Dr. A. Büscher)](https://www.uebergabe.de/ug019/) - [ÜG032 – Qualität in der ambulanten Pflege, Pflegekammer](https://www.uebergabe.de/ug032/) - [ÜG029 – Leitlinien in der Pflege (Prof. Dr. E. Sirsch & Prof. Dr. D. Holle)](https://www.uebergabe.de/ug029/) 🎓 **Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern:** Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode. _Includes the latest 500 public posts. Use `/sitemap.xml` for the complete archive of public content._