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Diese Episode erschien am 07.12.2018 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Digitalisierung kann Pflege entlasten – wenn Pflegende sie mitgestalten dürfen.
  • Beratung ist Kernaufgabe der Pflege, wird aber selten als solche wahrgenommen.
  • Die Pflegekammer scheiterte in Hessen, fand in Baden-Württemberg breite Zustimmung.
  • Das PpSG refinanziert Pflegestellen – doch geeignetes Personal fehlt auf dem Markt.
  • Personaluntergrenzen drohen zur Maximalgrenze nach unten zu werden.

Es ist die allererste Folge der Übergabe – und sie startet so, wie sich der ganze Podcast verstehen will: nicht als allwissende Expertenrunde, sondern als drei Menschen, die die Pflegelandschaft beobachten, das Wichtigste zusammentragen und darüber streiten. Christian, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld, sowie Alex und Maik von der Universität Witten/Herdecke haben sich vier große Themen vorgenommen: Digitalisierung, ein Update zur Pflegekammer, das Pflegepersonalstärkungsgesetz (PpSG) und die Personaluntergrenzen. Das ausdrückliche Ziel: kein Jammer-Podcast werden. Ob das gelingt? Lies selbst.

Wenn alles digital wird – nur die Pflege nicht so richtig

Digitalisierung ist ein riesiges, unscharfes Feld. Es gibt für die Pflege keine saubere Definition davon, was „digital" eigentlich bedeutet – fängt das schon beim Treppen steigenden Rollstuhl mit Sensorik an, oder erst beim Tablet? Klar ist nur: Vom Smart Home über Ambient Assisted Living bis zu Therapierobotern wie der kleinen Roboterrobbe Paro reicht das Spektrum. Und obwohl fast jeder ein Smartphone in der Tasche hat, hinkt ausgerechnet die digitale Pflegedokumentation in vielen Krankenhäusern hinterher.

Woran das liegt? Eine Umstellung auf elektronische Dokumentation ist teuer, erfordert Schulungen – und führt nicht automatisch zur Erleichterung, wenn am Ende die Hälfte am Computer und die andere Hälfte auf Zetteln landet. Dazu kommt: Es gibt schlicht zu wenig Anreiz und zu wenig Infrastruktur. Die elektronische Gesundheitskarte wäre technisch vorbereitet, gespeichert wird darauf aber nichts. Und der Datenschutz schlägt den Kliniken regelmäßig einen Knüppel zwischen die Beine. Spannend wird es, wenn man vom Krankenhaus weg in den ländlichen Raum schaut: Wo Hausärzt:innen fehlen, könnten Telemedizin und Telepflege über Tablet und Smartphone zu einem wichtigen Versorgungsbaustein werden – eingebettet in Quartiersmanagement und kommunale Netzwerke. Wie viele Pflegefachpersonen das Land überhaupt braucht und wie verlässlich die Zahlen dazu sind, hat sich die Redaktion in einer ausführlichen Recherche angesehen.

Beratung – die unsichtbare Kernaufgabe

An dieser Stelle entzündet sich die erste hitzige Debatte: Ist es überhaupt Pflege, wenn ich jemandem zeige, wie ein Tablet funktioniert? Im Gespräch wird schnell klar – ja. Denn Anleitung und Edukation gehören zum Kern pflegerischer Arbeit, ob beim Insulinpen, beim Waschtraining oder eben beim Umgang mit Technik. Das eigentliche Problem ist ein anderes: Beratung wird in der Praxis häufig gar nicht als pflegerische Tätigkeit wahrgenommen oder dokumentiert. Sie geschieht ständig nebenbei – und bleibt trotzdem unsichtbar. Genau hier liegt eine Aufgabe für die Zukunft: Pflegende müssen lernen, ihre Beratungskompetenz zu benennen und sichtbar zu machen.

Der Roboter am Sterbebett

Je weiter das Gespräch geht, desto grundsätzlicher wird es. Was, wenn Roboter nicht nur assistieren, sondern Tätigkeiten ganz übernehmen? Bei der intimen Körperpflege, beim Beziehungsaufbau, beim Begleiten Sterbender sehen die drei klare ethische Grenzen. Ein verstörendes Beispiel liefert eine Kunstinstallation, die einen Roboter zeigt, der Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet und kurz vor dem Tod noch Berührung spendet. Wer das selbst auf sich wirken lassen will, findet das Video zur End of Life Machine in den Shownotes. Spannend ist die Gegenposition: Für manche wäre ein vertrauter „eigener" Roboter sogar angenehmer und autonomer als wechselnde fremde Pflegepersonen – ein Gedanke, der zeigt, wie sehr Technik unser Verständnis von Autonomie verschieben kann.

Die zentrale Botschaft des gesamten Digitalisierungs-Kapitels: Technik wird heute oft für die Pflege entwickelt, aber nicht mit ihr. Genau das muss sich ändern. Partizipative Technikentwicklung, bei der Pflegende und Anwender:innen von Anfang an am Tisch sitzen, ist die Voraussetzung dafür, dass Lösungen am Ende auch akzeptiert und wertgeschätzt werden. Wie sich dieses Feld weiterentwickelt hat, vertiefen wir später in einer eigenen Folge – ein Blick lohnt sich.

Pflegekammer: In Hessen gescheitert, in Baden-Württemberg gewollt

Der nächste Themenblock sorgt traditionell für Debatten – und genau das ist ja gewünscht. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war die Befragung in Hessen gerade beendet: 51,1 Prozent stimmten gegen die Kammer, 42,9 Prozent dafür, der Rest enthielt sich. Der Deutsche Pflegerat bemängelte den chaotischen Ablauf der Befragung und zweifelte an der Repräsentativität. Dass eine Mehrheit gegen die Kammer stimmte, bedeutete allerdings nicht das endgültige Aus – die politische Entscheidung stand noch aus.

Thomas Greiner vom Arbeitgeberverband Pflege erklärte die Bundespflegekammer daraufhin für gescheitert.

„Das Ergebnis aus Hessen müsste ein Grund sein zu akzeptieren, dass vor allem die allermeisten Altenpfleger eine solche Zwangsbeglückung nicht wollten." — Thomas Greiner, Arbeitgeberverband Pflege

Diese Deutung lässt sich allerdings leicht entkräften. Denn Anfang 2018 hatte die Befragung in Baden-Württemberg ein ganz anderes Bild gezeichnet: 68 Prozent dafür, nur 26 Prozent dagegen. Besonders bemerkenswert: Auch in der Altenpflege und in stationären Einrichtungen lagen die Zustimmungswerte deutlich über 60 Prozent, im Krankenhaus sogar bei 73 Prozent. Wer mag, kann die Zahlen im ausführlichen Bericht zur Pflegekräftebefragung nachlesen, Hintergründe und Aufbau liefert die Seite zur Pflegekammer in Baden-Württemberg.

Spannend ist die Frage, warum die Menschen so unterschiedlich ticken. In Niedersachsen kamen Aufklärer:innen vielerorts gar nicht erst in die Altenpflegeheime, weil Arbeitgeber blockierten – wer dann nur das Schlagwort „Zwangsbeitrag" hört, votiert wenig überraschend mit Nein. Dabei ist der Vergleich mit Sozialabgaben naheliegend: Auch sie sind verpflichtend, doch niemand bestreitet die Gegenleistung. Der eigentliche Benefit einer Kammer liegt darin, dass die Berufsgruppe geschlossen auftreten und etwa bei Themen wie Digitalisierung endlich mit am Tisch sitzen könnte – statt sich, wie so oft, fremdbestimmen zu lassen. Wichtig bleibt eine klare Trennung der Aufgaben von Kammer, Berufsverbänden und Gewerkschaften.

Das PpSG: Milliarden, die ins Leere laufen könnten

Das Pflegepersonalstärkungsgesetz wurde am 9. November 2018 verabschiedet und sollte zum 1. Januar 2019 in Kraft treten – für den damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn „das Wichtigste seit 30 Jahren". Die Eckpunkte: Jede zusätzliche Pflegestelle im Krankenhaus wird über die Krankenkassen refinanziert, Tarifsteigerungen werden mitfinanziert, teils rückwirkend. Ab 2020 sollen die Pflegepersonalkosten aus den DRG-Fallpauschalen herausgerechnet und über ein eigenes Pflegebudget abgebildet werden. Die Idee dahinter: Geld soll als Argument gegen mehr Personal wegfallen. Die kritische Kehrseite: Pflege wird so zum durchlaufenden Posten, der keinen ökonomischen „Wert" mehr hat. Den genauen Wortlaut findest du im Gesetzestext des Bundestags.

Genau an der entscheidenden Schwachstelle hakt der Präsident des Deutschen Pflegerats, Franz Wagner, ein:

„Es fehlt als Grundlage für die Bemessung dieses Budgets eine Pflegepersonalbemessung – also ein Instrument, mit dem man erfasst, wie viel Pflegebedarf die Patienten auf einer Station haben und wie viel Pflegepersonal ich brauche, um diese Menschen vernünftig versorgen zu können." — Franz Wagner, Deutscher Pflegerat

Hinzu kommt die alles entscheidende Praxisfrage: Woher soll das Personal kommen? Im Schnitt war eine Stelle in der Altenpflege damals 171 Tage unbesetzt. Das Gesetz lässt deshalb zu, dass nach vier Monaten erfolgloser Suche auf Pflegehilfspersonen zurückgegriffen werden darf, die sich zur Fachkraft weiterqualifizieren – ein Konstrukt, das die drei zu Recht kritisch sehen: Wer finanziert die Ausbildung, und wer macht sie mit Familie und niedrigem Einkommen überhaupt? Auch im Altenheimbereich klingt die Zahl von 13.000 zusätzlichen Stellen zunächst groß, verteilt auf alle Heime bleibt davon oft nur eine halbe Stelle übrig. Trotzdem hält Wagner das Signal für richtig.

„Wenn man jeden Tag frustriert nach Hause geht, weil man nicht alles tun konnte, was nötig wäre, steigt man irgendwann aus dem Beruf aus. Insofern ist es richtig, neue Stellen zu schaffen – denn das gibt ein Signal an die Berufsgruppe." — Franz Wagner, Deutscher Pflegerat

Positiv hervorgehoben werden im Gesetz auch konkrete Erleichterungen: einfachere Genehmigung von Krankenfahrten ab Pflegegrad 3, die Stärkung der stationären Reha für pflegende Angehörige, Investitionsförderung für Digitalisierung in Pflegeheimen sowie Mittel für betriebliche Gesundheitsförderung. Kritisiert wird dagegen die Sorge vor einer Abwanderung aus Altenpflege und ambulanter Pflege ins refinanzierte Krankenhaus – ausgerechnet zulasten der Bereiche, in denen Pflege im besten Sinne stattfindet.

Personaluntergrenzen: Wenn das Minimum zur Norm wird

Das erklärte Lieblingsthema des Abends offenbart das eigentliche Dilemma. Fünf Dortmunder Kliniken hatten an Jens Spahn appelliert, die Personaluntergrenzen für sie auszusetzen, weil sie sie nicht einhalten könnten. Das ist bemerkenswert ehrlich – wirft aber die Frage auf, auf welchem Niveau dort bisher gearbeitet wurde, wenn selbst die ohnehin niedrig angesetzten Grenzen unterschritten werden. Denn das ist der Kern der Kritik an festen Untergrenzen: Sie drohen zur Maximalgrenze nach unten zu werden. Wer vorher mit zwei Pflegenden auf zehn Patient:innen gearbeitet hat, reduziert künftig vielleicht auf eine – Hauptsache, das Minimum ist erfüllt. Und ohne valides Bemessungsinstrument bleibt unklar, woher die Personalschlüssel überhaupt stammen.

Dahinter steht für die drei ein strukturelles Problem: ein durch DRGs und Privatisierung geschaffener Markt, auf dem mit Krankheit Geld verdient wird – und in dem ausgerechnet die Pflege als vermeintlich schwächstes Glied alles aushält. Gleichzeitig wird gemahnt, nicht in Schwarz-Weiß zu verfallen: Es gibt auch Geschäftsführungen und Kliniken, die sich engagieren. Die Anreize sind falsch gesetzt – und genau deshalb ist die Pflege gefordert, selbst sichtbar zu werden, aufzustehen und zu zeigen, warum man sie braucht. Nicht nur für die eigenen Arbeitsbedingungen, sondern vor allem für die Menschen mit Pflegebedarf, um derentwillen Pflege überhaupt existiert.

Fazit der ersten Übergabe

Bleibt am Ende die ehrliche Selbstreflexion: War das jetzt schon Jammern? Vielleicht ein bisschen. Aber vor allem war es der Versuch, die großen pflegepolitischen Baustellen von 2018 verständlich, streitbar und ohne erhobenen Zeigefinger zusammenzutragen. Ob Digitalisierung, Kammer, PpSG oder Personaluntergrenzen – überall zeigt sich dasselbe Muster: Über die Pflege wird viel entschieden, mit ihr noch zu wenig. Genau das will dieser Podcast ändern. Und wer am Ende lieber Mühle spielt als mit dem Roboter – auch das ist erlaubt.

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Digitalisierung

Update Pflegekammer

Pflegepersonalstärkungsgesetz (PpSG)