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# Der Mund als blinder Fleck: Warum Mundgesundheit in der Pflege zählt (Prof. Dr. Annett Horn & Dr. Elmar Ludwig)
- URL: https://www.uebergabe.de/ug198/
- Published: 2026-11-07T05:00:00.000Z
- Updated: 2026-11-07T05:00:00.000Z
- Description: 🎙️ Mundgesundheit gilt in der Pflege oft als Randthema, dabei hängen Lungenentzündung, Diabetes und soziale Teilhabe daran. Wie der Expertenstandard und praxisnahe Werkzeuge helfen, zeigt unsere neue Episode mit einer Pflegewissenschaftlerin und einem Zahnarzt.
- Author: Christian
- Tags: Podcast, Übergabe, Mundgesundheit, #quiz

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**Das Wichtigste in Kürze**
- Mundgesundheit wirkt auf akute und chronische Erkrankungen und die soziale Teilhabe.
- Ältere Menschen haben zunehmend eigene Zähne – Mundpflege wird komplexer.
- Der Expertenstandard Mundgesundheit gilt als Vorbild für Umsetzbarkeit.
- Weniger Pflegemittel, dafür durchdachte Technik und Routine.

## Ein Randthema mit großer Wirkung

Zähneputzen ist etwas Privates, Intimes – man macht es morgens und abends, redet aber selten darüber. Genau darin liegt das Problem: In der Pflege wird Mundgesundheit oft als Randthema behandelt, das ganz früh in der Ausbildung beim Kapitel Körperhygiene abgehandelt wird. Dabei entscheidet ein gepflegter Mund über weit mehr als frischen Atem – über Schmerzfreiheit, Ernährung, soziale Teilhabe und sogar über das Risiko schwerer Allgemeinerkrankungen.

In dieser Episode sprechen die Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Annett Horn, gelernte Krankenschwester und Professorin für Public Health Nursing in Münster, und der Ulmer Zahnarzt Dr. Elmar Ludwig über ein Thema, das viele unterschätzen. Beide haben sich in der Expertenarbeitsgruppe zur Entwicklung des [Expertenstandards zur Förderung der Mundgesundheit in der Pflege](https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/?ref=uebergabe.de#c12682349) kennengelernt – und daraus ist eine Zusammenarbeit über viele Projekte hinweg entstanden.

> *Das Besondere an diesem Expertenstandard ist ja auch, dass da zwei Professionen erstmals wirklich auch intensiv zusammenarbeiten konnten und durften, die Zahnmedizin und die Pflege. Und ich finde, das war ein tolles Arbeiten auf Augenhöhe. – Prof. Dr. Annett Horn*

## Warum Mundpflege so oft liegen bleibt

Die Gründe, warum Mundpflege in der Praxis unbeliebt ist, sind vielschichtig. Der Mund ist eine Intimzone – als Außenstehende dort einzudringen, fällt Pflegefachpersonen nicht leicht. Hinzu kommt fehlendes Wissen: Wer die Mundpflege ganz am Anfang der Ausbildung lernt, hat oft noch nicht die Kompetenzen, um sich intensiv mit dem Thema zu befassen. Und schließlich braucht es Zeit, Ruhe und ergonomisches Arbeiten – Rahmenbedingungen, die im Alltag knapp sind.

Auch Ekel und Scham spielen eine Rolle. Wird die Mundpflege einen Tag vergessen, entsteht Mundgeruch, es bilden sich Beläge, die Reinigung dauert länger – ein Kreislauf, der beide Seiten belastet. Betroffene schämen sich, wenn ein oder zwei Tage nichts geschah.

> *Es gibt nicht so viele Menschen, die wissen, wie ich meine Zähne putze. Es ist eine Intimzone, und wir sprechen kaum darüber. Und wenn wir pflegebedürftig werden und es vielleicht selbst nicht mehr durchführen können: Wer weiß denn dann überhaupt, was meine Vorlieben sind und wie ich mir am liebsten die Zähne putze? – Prof. Dr. Annett Horn*

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### Der Wandel im Mund: von der Vollprothese zum eigenen Zahn

Noch vor rund 20 Jahren trug die Mehrheit der pflegebedürftigen Menschen Totalprothesen. Eine zahnlose Mundhöhle war überschaubar – der Rahmenlehrplan konzentrierte sich auf Pilzinfektionen und Speicheldrüsenentzündungen. Vier Jahrzehnte konsequenter Präventionsarbeit in der Zahnmedizin haben die Lage grundlegend verändert: Hochaltrige Menschen haben heute immer mehr eigene Zähne und technisch aufwendige Prothesen im Mund.

Das macht die Pflege komplexer – gerade bei Menschen mit Abwehrverhalten. Themen wie Demenz und Schluckstörungen kamen im Studium beider Professionen lange kaum vor. Verunsicherung herrscht also nicht nur in der Pflege, sondern auch in vielen Zahnarztpraxen, für die ein Hausbesuch bis heute schwer vorstellbar ist.

## Der Mund als Türöffner für Erkrankungen

Zwischen Mundgesundheit und Allgemeingesundheit bestehen belegte Zusammenhänge. Ein bestimmter Keim aus der Zahnfleischentzündung findet über den Blutkreislauf seinen Weg in Gelenke, Herzkranzgefäße und sogar ins Gehirn. Ob er Demenz auslöst, ist umstritten – als möglicher „Brandbeschleuniger" bei demenziellen Prozessen wird er aber diskutiert.

Besonders eindrücklich ist der Zusammenhang mit Lungenentzündungen: Rund 50 Prozent weniger Risiko, wenn Prothesen nachts herausgenommen werden. Wichtig ist dabei die individuelle Gewohnheit – wer sein Leben lang die Prothese über Nacht getragen hat, sollte es nicht abrupt ändern. Auch ein Diabetes lässt sich besser einstellen, wenn die Mundgesundheit stimmt, so die Expert:innen.

Aus Versorgungsperspektive kann eine vernachlässigte Mundpflege eine ganze Kaskade auslösen: Schmerzen führen dazu, dass Menschen weniger essen, in Mangelernährung geraten und schließlich sogar ihren Bewegungsradius einschränken – mit allen Folgeproblemen der Immobilität.

> *Wer gut kauen kann, am besten auf seinen eigenen Zähnen oder auf einem suffizienten Zahnersatz, der bleibt einfach länger fit, körperlich und geistig. – Dr. Elmar Ludwig*

Soziale Teilhabe läuft auch in Langzeitpflegeeinrichtungen oft übers Essen. Dazu zählen gemeinsame Mahlzeiten, genau so wie das "Kaffee und Kuchen"-Ritual am Nachmittag. Wer nicht gut kauen kann, zieht sich zurück, lacht seltener, meidet Gemeinschaftsevents. Deshalb nimmt der Expertenstandard in seine Definition ausdrücklich das Essen, Sprechen und Lächeln auf – als Ausdruck von Wohlbefinden und sozialer Beziehung.

## Der Expertenstandard: bekannt, aber selten umgesetzt

Seit 2023 ist der Expertenstandard veröffentlicht. Bekannt ist er in vielen Einrichtungen durchaus – implementiert und gut umgesetzt aber längst nicht überall. Wo Einrichtungen ihn ernst nehmen, entstehen oft sehr innovative Konzepte, damit das Thema keine „Eintagsfliege" bleibt und das Wissen bei allen Pflegefachpersonen ankommt.

Als Instrument beeindruckt der Standard über die Pflege hinaus: die Arbeit aus der Profession für die Profession, die Konsensuskonferenz und vor allem die modellhafte Implementierung, an der sich rund 25 Einrichtungen sogar in Corona-Zeiten beteiligten. Für die Zahnmedizin, gewohnt an AWMF-Leitlinien, war das ein Vorbild in Sachen Umsetzbarkeit.

Aus dieser Zusammenarbeit ist ein [Praxisbuch beim Kohlhammer Verlag](https://shop.kohlhammer.de/mundgesundheit-in-der-pflege-43042.html?ref=uebergabe.de#147=19) entstanden, an dem über 40 engagierte Menschen mitgewirkt haben. Es versammelt Best-Practice-Modelle aus fast allen Versorgungsbereichen – von Unikliniken über Wohngemeinschaften bis zu Palliativstationen – und stellt die entwickelten Materialien zum Download bereit.

## Keep it simple and safe

Bei Mundgesundheitsschulungen werden oft alle möglichen Pflegemittel ausgebreitet: Handzahnbürste, elektrische Zahnbürste, Zungenreiniger, Interdentalbürste, Zahnseide, Mundspüllösung. Der Rat lautet: weniger ist mehr. Eine weiche Zahnbürste, eine fluoridhaltige Zahnpasta, ein Mundspülbecher – dazu etwas Lippenbalsam gegen trockene, einreißende Lippen und eine einfache Zellulose-Kompresse, mit der sich Speisereste, Zahnpastaschaum und Borken gut entfernen lassen. Die weit verbreiteten Schaumstoffsticks bekommen dagegen im Expertenstandard eine klare Nichtempfehlung: Zähne werden damit nicht sauber.

Entscheidend sind nicht die Mittel, sondern die Maßnahmen – wie es am Bett oder am Waschplatz gelingt, auch bei unruhigen Menschen. Statt der riskanten „D'Artagnan-Technik" von vorne wurden auf der Basis der Facial Oral Tract Therapie ([F.O.T.T.](https://www.formatt.org/de/konzept/fott-konzept?ref=uebergabe.de)) in den letzten Jahren in Abstimmung mit der Berufsgenossenschaft Videos für die Mundpflege entwickelt, bei denen man seitlich hinter dem Menschen steht. Das wird dem eigenen Rücken besser gerecht, reduziert die Gefahr der Aspiration und fühlt sich für die betreuten Menschen authentischer an.

### Vom Assessment bis zur Beziehungsgestaltung

Ein validiertes Assessment für den Pflegebereich fehlt bislang. Deshalb entsteht gerade das [Mund-Risiko-Assessment-Pflege (Mu-RAP)](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/ger.70096?ref=uebergabe.de): interprofessionell validiert, in wenigen Minuten durchführbar und auf die wesentlichen Punkte konzentriert – auch auf solche, die bisher übersehen wurden, etwa ob überhaupt Pflegemittel vorhanden sind und benutzt werden oder ob ein Mensch die Prothese selbst herausnehmen kann.

Bei Menschen mit Demenz ist die Verknüpfung zum Expertenstandard Beziehungsgestaltung zentral. Internationale Interventionen wie „MOUTH" oder „Mouth Care Without a Battle" bieten Strategien für die Kommunikation – etwa das Spiegeln, bei dem die Pflegefachperson selbst die Zähne putzt und der Mensch die Bewegung nachahmt.

> *Zähneputzen kann süchtig machen, wenn man weiß, wie es geht. Man kann nicht genug davon bekommen, weil man – wenn man es richtig macht – in kurzer Zeit ein tolles Ergebnis erreicht. – Dr. Elmar Ludwig*

Und die Abwehr? Die Erfahrung zeigt: Von 100 Bewohner:innen einer Einrichtung gelingt das Putzen fast immer – nur bei einem Menschen nicht. Der Trick ist Routine. Menschen spüren, ob jemand sicher ist. Deshalb der Rat: nicht beim schwierigsten Fall anfangen, sondern bei denen, die gut mitmachen und Rückmeldung geben. Wer dort Sicherheit gewinnt, meistert später auch die schweren Fälle.

## Werkzeuge für den Alltag: mund-pflege.net

Eine zentrale Ressource ist die Lernplattform [mund-pflege.net](https://mund-pflege.net/projekt/projektinfo/?ref=uebergabe.de), entstanden aus einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt (2019–2024) und heute vom Verein Mundpflege e. V. getragen. Sie richtet sich an drei Zielgruppen: Angehörige und Betroffene, Profis aus Pflege und Therapie sowie Lehrkräfte. Verfügbar ist sie auf allen Endgeräten, niederschwellig und mit qualitativ zuverlässigen Gesundheitsinformationen.

Für Lehrkräfte und Praxisanleitende gibt es [rund 200 Lernsituationen](https://mund-pflege.net/bildung/lernsituationen/?ref=uebergabe.de) mit strukturierter Kommunikation von der pflegerischen Beobachtung über die Diagnose bis zur Maßnahme. Dazu kommen [Druckvorlagen wie Poster und Flyer](https://mund-pflege.net/bildung/lernposter/?ref=uebergabe.de) sowie Präsentationen, die individuell zusammengestellt werden können, mit der Plattform verknüpft sind und im Hintergrund automatisch aktualisiert werden. Geplant ist ein neuer, geführter Zugang, der Angehörige nach wenigen Fragen gezielt zu den relevanten Inhalten leitet.

[Projektinfo – Was und wer steckt dahinter?Das Projekt “mund-pflege” ist … kostenfrei: Die grundlegenden Inhalte sind frei verfügbar einfach & verständlich: Wir bieten anschauliche Materialien für Pflegekräfte umfangreich: Antworten auf alle Fragen der Mundgesundheit in der Pflege spezialisiert: Informationen zu verschiedenen individuellen Pflegesituationen benutzerfreundlich: Schnelle und einfache Navigation und Nutzung interdisziplinär: Austausch zwischen Zahnmedizin, Pflege und Angehörigen digital: Alle Inhalte sind überall und jederzeit auf allen Endgeräten verfügbar Unsere Plattform wurde im Sommer 2020 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) durch das Förderprogramm “Forschung an Fachhochschulen FH-Sozial“ (Förderkennzeichen 13FH024SX8) ins Leben gerufen und bis Ende 2024 vom BMBF gefördert. Ab 2025 organisiert der gemeinnützige Verein mund-pflege e.V. die Betreuung der Seiten und alle weiteren Entwicklungsschritte.![](https://www.uebergabe.de/content/images/icon/icon-1bca7762-3abb-4697-86e4-e03c0a0a2f83.png)mund-pflege.net![](https://www.uebergabe.de/content/images/thumbnail/vlcsnap-00004-a70dfc37-28fc-44d5-9a56-650fe8f96acf.jpg)](https://mund-pflege.net/projekt/projektinfo/?ref=uebergabe.de)

Wichtig bleibt: Es geht nicht darum, Pflegefachpersonen zu Zahnmediziner:innen auszubilden, sondern die Arbeit zu erleichtern – damit mehr Zeit fürs Zähneputzen bleibt. Wer Angehörige anleitet, findet auf der Plattform verständliches Material für Menschen, die selbst pflegen und die klassische Grundpflege oft unterschätzt komplex empfinden.

## Was du für deinen Arbeitsalltag mitnehmen kannst

Zwei Fakten lohnen sich zu merken: Seit 2018 werden gesetzlich Versicherten mit bewilligtem Pflegegrad und Menschen, die Eingliederungshilfe empfangen, von der Krankenkasse zweimal jährlich die Entfernung von Zahnstein sowie die Erfassung des Mundgesundheitsstatus, eines individuellen Mundgesundheitsplanes und einer Aufklärung bezahlt. Seit 2021 wird zusätzlich – wenn dies medizinisch angezeigt ist – die Behandlung von Zahnfleischtaschen (Parodontitis) bei diesen Menschen von den Krankenkassen bezahlt. Das wissen die wenigsten.

Einrichtungen mit Kooperationsvertrag leben Prävention nachweislich stärker. Rund 40 bis 50 Prozent der Pflegeeinrichtungen haben inzwischen einen solchen Vertrag – Ziel sollte sein, dass es alle werden. Für die Zukunft ist ein Curriculum zum „Mundgesundheitsmanager" für alle Qualifikationsstufen der Pflege in Planung, analog zum Schmerz- oder Wundmanagement. Und im [Workshop „Pflege und Zahnmedizin im Dialog"](https://mund-pflege.net/bildung/veranstaltungen/workshop-07/?ref=uebergabe.de) kommen beide Professionen bereits regelmäßig zusammen.

Die Botschaft am Ende ist einfach: Trau dich, einfach machen – so viel falsch machen kann man nicht. Oder, wie es aus der Zahnmedizin heißt: Zähneputzen kann süchtig machen.

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## Zum Weiterhören

- [ÜG019 – Expertenstandards in der Pflege (Prof. Dr. Dr. A. Büscher)](https://www.uebergabe.de/ug019/)
- [ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)](https://www.uebergabe.de/ug050/)
- [ÜG073 – Expertenstandard Mobilität im Akutkrankenhaus (Nicole Parwolowski)](https://www.uebergabe.de/ug073/)

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