Pflegebudget unter Druck: Zwischen Kostenanalyse und professionspolitischer Kritik

Die Finanzierung der Pflege im Krankenhaus ist derzeit Gegenstand einer intensiven politischen und fachlichen Diskussion. Im Mittelpunkt steht das sogenannte Pflegebudget, das 2020 eingeführt wurde. Seitdem werden Pflegepersonalkosten im Krankenhaus nicht mehr über die Fallpauschalen der DRGs finanziert, sondern separat refinanziert.

Eine aktuelle Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hat diese Entwicklung nun erneut in den Fokus der gesundheitspolitischen Debatte gerückt.

Analyse des WIdO: steigende Kosten und mögliche Fehlanreize

Das WIdO hat die Entwicklung der Pflegepersonalkosten seit Einführung des Pflegebudgets untersucht. Dabei kommt das Institut zu dem Ergebnis, dass die Kosten für Pflegepersonal deutlich schneller gestiegen sind als andere Krankenhausausgaben. Nach Angaben der Analyse lag das Finanzvolumen des Pflegebudgets im Jahr 2020 bei knapp 20 Milliarden Euro. Bis 2024 sei dieser Betrag auf mehr als 26 Milliarden Euro gestiegen.

Parallel dazu beobachtet das Institut eine gegenläufige Entwicklung bei den Patient:innenzahlen. Seit der COVID-19-Pandemie sind die Fallzahlen in vielen Krankenhäusern gesunken. Gleichzeitig ist die Zahl der Pflegevollkräfte deutlich gestiegen – laut Analyse um mehr als 50.000 Stellen.

Die zugespitzte Schlussfolgerung der Studie lautet daher: mehr Pflegepersonal bei gleichzeitig weniger Patient:innen.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft das sogenannte Selbstkostendeckungsprinzip. Das bedeutet, dass Krankenhäuser die tatsächlich entstandenen Pflegepersonalkosten vollständig refinanziert bekommen. Aus Sicht des WIdO könnten dadurch Fehlanreize entstehen, da steigende Personalkosten nicht begrenzt sind. Das Institut argumentiert zudem, dass diese Finanzierungslogik strukturelle Veränderungen im Krankenhauswesen – etwa eine stärkere Ambulantisierung – bremsen könnte.

Damit stellt die Analyse eine zentrale Frage der aktuellen Gesundheitspolitik: Wie lässt sich Pflege finanzieren, ohne gleichzeitig neue Fehlanreize im System zu schaffen?

Kritik der Pflegeverbände: Kontext und Versorgungsrealität

Sowohl der Deutsche Pflegerat (DPR) als auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) haben die Analyse deutlich kritisiert. Zwar bestreiten die Verbände nicht, dass die Kosten gestiegen sind. Sie widersprechen jedoch der Interpretation, dass daraus automatisch Fehlanreize oder Fehlsteuerungen abgeleitet werden können.

Deutscher Pflegerat: Nachholprozess statt Kostenexplosion

Der Deutsche Pflegerat argumentiert, dass die steigenden Pflegepersonalkosten vor allem einen überfälligen Nachholprozess darstellen. Über viele Jahre hinweg seien Pflegepersonalkosten systematisch unterfinanziert gewesen.
Mit dem Pflegebudget werde erstmals transparent sichtbar, welche Ressourcen tatsächlich notwendig sind, um pflegerische Versorgung im Krankenhaus sicherzustellen. In den Kostensteigerungen spiegeln sich daher nicht nur neue Stellen wider, sondern auch Tarifsteigerungen sowie inflationsbedingte Anpassungen.

Ein weiterer zentraler Punkt der Kritik betrifft die Interpretation der Fallzahlen. Aus Sicht des DPR sind Patient:innenzahlen kein geeigneter Maßstab für den tatsächlichen Pflegebedarf.
Wenn weniger komplexe Fälle zunehmend ambulant behandelt werden, verbleiben im Krankenhaus häufig Patient:innen mit höherem Pflegebedarf und komplexeren Krankheitsbildern. In einer solchen Situation ist mehr Pflegepersonal pro Fall keine Fehlentwicklung, sondern eine notwendige Anpassung an die Versorgungsrealität.

Der Pflegerat kritisiert außerdem, dass die Analyse zwar Personalzuwächse beschreibt, aber keine fachlich begründete Zielgröße für eine angemessene Personalbesetzung definiert.
Aus Sicht des DPR wäre eine Rückkehr zur Finanzierung der Pflege über das DRG-System ein deutlicher Rückschritt.

Deutscher Pflegerat - Pressemitteilungen

DBfK: Pflege nicht zum Kostentreiber erklären

Auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe widerspricht der Darstellung des Pflegebudgets als zentralem Kostentreiber im Krankenhaus.

Der Verband weist darauf hin, dass das Gesamtbudget der Krankenhäuser zwischen 2020 und 2024 insgesamt um etwa ein Viertel gestiegen ist. Im gleichen Zeitraum seien die Pflegepersonalkosten um rund 31 Prozent gestiegen, während die ärztlichen Personalkosten um etwa 21 Prozent zunahmen.

Besonders relevant ist dabei ein historischer Vergleich: Im Jahr 2000 lag der Anteil der Pflege an den gesamten Personalkosten im Krankenhaus noch bei rund 40 Prozent. Bis 2020 war dieser Anteil auf unter 32 Prozent gesunken.
Das aktuelle Wachstum interpretiert der DBfK daher als teilweisen Ausgleich früherer Einsparungen.

Der Verband warnt ausdrücklich davor, Pflege erneut zum Hauptverantwortlichen für steigende Krankenhauskosten zu erklären. Stattdessen müsse stärker berücksichtigt werden, welche Auswirkungen eine angemessene Personalausstattung auf Patient:innensicherheit, Komplikationsraten und Versorgungsqualität hat.
Als mögliche Grundlage für eine sachliche Weiterentwicklung des Pflegebudgets sieht der DBfK die Personalbemessung nach PPR 2.0.

Pflegekammer NRW: Pflege für fachfremde Tätigkeiten einsetzen?

Die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen berichtet von zunehmenden Hinweisen darauf, dass Pflegefachpersonen im Krankenhaus teilweise Tätigkeiten übernehmen müssen, die nicht zu ihrem professionellen Aufgabenbereich gehören.

Dazu zählen beispielsweise:

  • Pfortendienste
  • Reinigungsarbeiten
  • organisatorische Aufgaben wie das Ausräumen von Schränken

Kammerpräsidentin Sandra Postel kritisiert, dass an anderen Stellen Kosten eingespart würden, indem Pflegepersonal für fachfremde Tätigkeiten eingesetzt werde. Dies könne nicht nur gegen berufsethische Grundsätze verstoßen, sondern auch Auswirkungen auf die Versorgungsqualität und Patient:innensicherheit haben.

"Wenn Pflegefachpersonen Hinweise auf den Missbrauch des Pflegebudgets geben, wird die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen aktiv und zeigt den Träger im Zweifel wegen einer Berufsrechtsverletzung an. Wir setzen uns dafür ein, dass Pflegefachpersonen ausschließlich dort arbeiten, wo ihre Expertise am dringendsten benötigt wird – in der direkten und kompetenten Versorgung der Patient*innen“ - Sandra Postel (Präsidentin der Pflegekammer NRW)

Die Pflegekammer fordert daher eine Weiterentwicklung des Pflegebudgets, die klar definiert, welche pflegerischen Aufgaben durch diese Mittel finanziert werden sollen.

Pflegekammer NRW warnt vor Missbrauch des Pflegebudgets: Kliniken sparen auf dem Rücken der Pflege - Pflegekammer NRW
Pflegekammer NRW pocht auf die Einhaltung der BerufsordnungPflegefremde Aufgaben gefährden Patient*innenversorgungPräsidentin: „Pflegebudget entwickeln, nicht verteufeln“ Düsseldorf, 26. Februar 2026. Nach der aktuellen Kritik durch den AOK-Bundesverband warnt auch die Pflegekammer […]
• • •

Landtagswahl in Baden-Württemberg: Pflegepolitik im Wahljahr

Das Jahr 2026 gilt als politisches Superwahljahr. Insgesamt stehen fünf Landtags- beziehungsweise Abgeordnetenhauswahlen sowie mehrere Kommunalwahlen an. Den Auftakt macht Baden-Württemberg.

Politische Ausgangslage

Besonders spannend ist die Wahl deshalb, weil der langjährige Ministerpräsident Winfried Kretschmann nicht erneut kandidiert.

Seit 2011 wird das Bundesland von einer grün-geführten Regierung geführt. In aktuellen Umfragen liegen die Grünen und die CDU relativ nah beieinander.

Als zentrale Kandidaten gelten:

  • Cem Özdemir für die Grünen
  • Manuel Hagel für die CDU

Unabhängig vom Wahlausgang gilt eine Fortsetzung der bisherigen grün-schwarzen beziehungsweise schwarz-grünen Koalition als wahrscheinlich.

Wahlprogramme der Parteien für die Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg
Die Parteien haben entschieden: Das sind ihre Wahlprogramme für die Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg. Der Überblick.

Pflegepolitik in den Wahlprogrammen

Ein besonders relevantes Thema der vergangenen Jahre in Baden-Württemberg war die Diskussion um eine Pflegekammer.

Im Jahr 2024 scheiterte die Einführung einer Pflegekammer knapp an einem erforderlichen Quorum.

Aktuell wird dieses Thema in den Wahlprogrammen kaum noch aufgegriffen. Lediglich die Grünen sprechen davon, den Landespflegerat Baden-Württemberg zu stärken und als professionelle Interessenvertretung weiterzuentwickeln. Die Diskussion über berufliche Selbstverwaltung scheint damit vorerst in den Hintergrund gerückt zu sein.

Akademisierung der Pflege als gemeinsames Ziel

Ein Thema, das in mehreren Wahlprogrammen auftaucht, ist die Förderung akademischer Pflegequalifikationen.

Sowohl CDU, Grüne als auch SPD sprechen sich dafür aus, Rollen wie Community Health Nursing oder Advanced Practice Nursing zu stärken.

Auch die FDP und die Linke betonen die Bedeutung erweiterter Kompetenzen von Pflegefachpersonen. Die CDU verweist explizit darauf, dass die Möglichkeiten des Gesetzes zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege umfassend genutzt werden sollen.

Strategien gegen den Fachkräftemangel

Der Fachkräftemangel in der Pflege wird von allen Parteien als zentrale Herausforderung benannt. Die vorgeschlagenen Maßnahmen unterscheiden sich jedoch teilweise deutlich:

Die Grünen sehen beispielsweise in der neuen Ausbildung zur Pflegefachassistenz eine Möglichkeit, zusätzliche Fachkräfte zu gewinnen. Die CDU schlägt unter anderem eine Übernachtungspauschale für Auszubildende vor, die für den Schulbesuch pendeln müssen. Außerdem sollen Deutschunterricht und sozialpädagogische Unterstützung die berufliche Integration erleichtern. Die SPD setzt stärker auf internationale Fachkräfte und möchte gezielt Pflegepersonal aus dem Ausland anwerben. Die AfD schlägt unter anderem ein verpflichtendes Gemeinschaftsdienstjahr vor.

Insgesamt zeigt sich, dass viele Maßnahmen eher einzelne Aspekte des Problems adressieren, während strukturelle Lösungsansätze weiterhin diskutiert werden.

Wer noch andere Themen in die eigene Entscheidung mit einfließen lassen möchte, dem empfehlen wir den Wahl-O-Mat zur Landtagswahl.

Wohnen wird für Pflegefachpersonen zunehmend unerschwinglich

Eine Analyse von CORRECTIV.Europe zeigt, dass die Wohnkosten in vielen europäischen Städten in den vergangenen zehn Jahren massiv gestiegen sind.

Auch Pflegefachpersonen sind davon betroffen.

Als leistbar gilt Wohnen, wenn maximal 30 Prozent des Nettoeinkommens für Miete oder Kreditrate aufgewendet werden müssen. In Städten wie Berlin oder München liegt dieser Anteil jedoch häufig bei rund 50 Prozent.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass steigende Wohnkosten zunehmend auch Auswirkungen auf Fachkräftesicherung und Versorgungsstrukturen haben können.

Hohe Mieten: Jede siebte Kommune in Europa zu teuer für Pflegekräfte
Diese Karte von CORRECTIV.Europe zeigt erstmals: Hier reicht ein mittleres Gehalt wie von Pflegern nicht einmal für eine kleine Wohnung.
• • •

Krankenhausreform wird angepasst

Bund und Länder haben sich auf Änderungen am Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) geeinigt. Damit wurde ein mögliches Vermittlungsverfahren zwischen Bundestag und Bundesrat verhindert.

Die zentralen Elemente der Reform bleiben bestehen, darunter Pflegeuntergrenzen, Pflegebudget sowie die Einführung von Leistungsgruppen für Krankenhäuser. Allerdings erhalten die Länder mehr Zeit für die Umsetzung der neuen Versorgungsstrukturen. Der geplante Beschluss im Bundesrat ist für Ende März vorgesehen.

Deutscher Bundestag - Abstimmung über Weiterentwicklung der Krankenhausreform
Der Bundestag stimmt am Freitag, 6. März 2026, nach einstündiger Aussprache über den vom Gesundheitsausschuss geänderten Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Anpassung der Krankenhausreform…
• • •

WHO fordert sichere Pflegepersonalbesetzung

Das WHO-Regionalbüro für Europa hat einen neuen Bericht zur sicheren Pflegepersonalbesetzung veröffentlicht.

Darin wird betont, dass Pflege eine sicherheitskritische Kernfunktion des Gesundheitssystems darstellt. Studien zeigen laut WHO, dass mit jedem zusätzlichen Patient:innen pro Pflegekraft das Sterberisiko chirurgischer Patient:innen um etwa sieben Prozent steigt. Ein weiterer Indikator für unsichere Versorgung sei sogenannte „missed nursing care“, also verzögerte oder unterlassene Pflegeleistungen.

Die WHO fordert deshalb europaweit evidenzbasierte Modelle zur Personalplanung im Pflegedienst.

DPR fordert mehr berufliche Selbstverwaltung

Vor den Landtagswahlen 2026 appelliert der Deutsche Pflegerat gemeinsam mit mehreren Landespflegeräten an die Bundesländer, Selbstverwaltungsstrukturen für die Pflege aufzubauen. Aktuell existieren Pflegekammern nur in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.

Der DPR argumentiert, dass eine stärkere berufliche Selbstverwaltung notwendig sei, damit pflegefachliche Expertise systematisch in gesundheitspolitische Entscheidungen einfließen kann.

Deutscher Pflegerat - Pressemitteilungen
• • •