Pflegepolitik zwischen Stillstand und Entscheidung
Das pflegepolitische Jahr 2025 war für die professionelle Pflege ein Jahr der Ambivalenzen. Auf Phasen des Stillstands folgten Entscheidungen von großer Tragweite, begleitet von einer wachsenden Diskrepanz zwischen politischer Steuerung und realem Versorgungsbedarf. Der vorgezogene Regierungswechsel sorgte zunächst für erhebliche Unsicherheit. Zentrale Gesetzesvorhaben, die bereits weit gediehen waren, wurden ausgebremst, politische Ansprechpartner:innen wechselten, und neue Prioritäten mussten erst entwickelt werden. Für Pflegefachpersonen bedeutete das vor allem eines: Warten, während sich die strukturellen Probleme im Versorgungssystem weiter zuspitzten. Gleichzeitig stieg der Druck, denn die Zahl der Pflegebedürftigen liegt inzwischen bei rund sechs Millionen, der Großteil davon wird im häuslichen Umfeld versorgt. Der ambulante Bereich wächst, bleibt aber politisch häufig unterbelichtet, während Fachkräftemangel, demografischer Wandel und Finanzierungsfragen immer drängender werden.
Der Podcast des Deutschen Pflegerats
„Das, was wir heute für die Pflege versuchen einzufordern, das werden wir nicht mehr ernten. Wir tun es nicht mehr für uns, sondern wir tun es für die Versorgung von morgen und für die Kolleginnen, die nach uns kommen.“ - Christine Vogler
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Einheitliche Pflegefachassistenz als überfälliger Schritt
Vor diesem Hintergrund ist das Pflegefachassistenzgesetz ein zentraler Einschnitt. Erstmals wurde eine bundesweit einheitliche Grundlage für die Ausbildung von Pflegefachassistent:innen geschaffen. Zuvor war das Feld durch eine Vielzahl länderspezifischer Regelungen geprägt, die Mobilität einschränkten, Anerkennungsprobleme verursachten und berufliche Entwicklung erschwerten. Die neue Regelung bringt Ordnung in dieses fragmentierte System und schafft zumindest eine verlässliche Basis für Durchlässigkeit in die dreijährige Pflegeausbildung. Dennoch bleibt Kritik berechtigt.

Die festgelegte Ausbildungsdauer von 18 Monaten liegt unter internationalen Standards und steht in Spannung zu den Anforderungen, die insbesondere in der ambulanten und langzeitpflegerischen Versorgung an Pflegefachassistent:innen gestellt werden. Pflegepolitik bewegt sich hier weiterhin im Spannungsfeld zwischen kurzfristiger Entlastung des Arbeitsmarktes und langfristiger Sicherung von Versorgungsqualität.
Bildung als Schlüsselfaktor für Versorgungsqualität
Diese Debatte verweist auf ein grundlegendes Problem der Pflegepolitik. Bildung wird noch immer zu häufig als Kostenfaktor betrachtet, nicht als Qualitätsgarant. Dabei ist die Evidenz eindeutig. Internationale Studien zeigen seit Jahren, dass ein höherer Qualifikationsgrad von Pflegefachpersonen mit besserer Versorgungsqualität, geringerer Mortalität und kürzeren Liegezeiten einhergeht. Wer Ausbildungszeiten verkürzt oder Qualifikationsanforderungen absenkt, riskiert nicht nur die Sicherheit von Patient:innen, sondern verschärft langfristig die Belastung des Systems. Das Pflegefachassistenzgesetz ist deshalb ein notwendiger Schritt, aber kein Endpunkt einer kohärenten Bildungsstrategie für die Pflege.
„Je weniger Pflegefachpersonen da sind und je schlechter sie qualifiziert sind, umso höher ist die Sterblichkeitsrate und umso länger ist der Genesungsprozess. Das ist international belegt.“ - Christine Vogler
Neue Handlungsspielräume durch das Befugniserweiterungsgesetz
Noch tiefgreifender ist das Befugniserweiterungsgesetz, das Anfang 2026 in Kraft trat. Es markiert einen Paradigmenwechsel, weil es Pflegefachpersonen erstmals explizit mehr eigenständige heilkundliche Kompetenzen zuschreibt und pflegerische Diagnostik gesetzlich verankert. Zudem stärkt es präventive Aufgaben der Pflege und eröffnet damit Perspektiven jenseits reiner Akutversorgung. Gleichzeitig zeigen die engen Anwendungsbereiche, dass das deutsche Gesundheitssystem weiterhin stark ärzt:innenzentriert denkt. Pflege darf handeln, aber oft nur nach ärztlicher Diagnose und innerhalb klar umrissener Indikationen. Für eine zukunftsfähige, multiprofessionelle Versorgung greift dieses Verständnis zu kurz.

Warum ein Scope of Practice überfällig ist
Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung eines sogenannten Scope of Practice. Gemeint ist die systematische Beschreibung der Handlungsfelder, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsspielräume von Pflegefachpersonen. In vielen Ländern ist ein solcher Kompetenzrahmen seit Langem etabliert, in Deutschland fehlte er bislang. Der Scope of Practice soll künftig Orientierung bieten für Ausbildung, Weiterbildung, Rollenverteilung und Refinanzierung pflegerischer Leistungen. Er macht sichtbar, dass Pflege nicht nur unterstützend tätig ist, sondern eigenständige professionelle Verantwortung trägt. Gleichzeitig wird deutlich, dass solche Entwicklungsprozesse Ressourcen benötigen. Ohne ausreichende personelle, wissenschaftliche und finanzielle Ausstattung lassen sich diese Aufgaben kaum bewältigen.
Der Deutsche Pflegerat als politische Schnittstelle der Profession
Diese strukturelle Dimension zeigt sich auch in der Rolle des Deutschen Pflegerates, der 2025 als maßgebliche Organisation der Pflege auf Bundesebene benannt wurde. Damit wird erstmals eine institutionelle Stimme der Pflege klar adressierbar in politische Prozesse eingebunden. Der DPR bündelt inzwischen die Expertise von 22 Verbänden und öffnet sich zunehmend auch für Pflegekammern und Landespflegeräte. Das stärkt die Repräsentation der Profession, macht aber zugleich die bestehenden Grenzen sichtbar. Ohne eigene stabile Strukturen in Bereichen wie Recht, Forschung oder Gremienarbeit bleibt der Einfluss begrenzt. Die Anerkennung ist ein wichtiger Anfang, muss aber langfristig durch nachhaltige Rahmenbedingungen abgesichert werden.
„Wenn wir Pflege nicht als eigenständige Profession denken, bleiben wir in diesen Abhängigkeiten gefangen. Dann dürfen wir nur agieren, wenn vorher jemand anderes den Segen gegeben hat.“ - Christine Vogler
Pflege zwischen Krankenhausreform und Qualitätsdebatte
Auch die Krankenhausreform verdeutlicht, wie schwer es der Pflege weiterhin fällt, als Qualitätsfaktor anerkannt zu werden. Zwar ist die Pflege erstmals im Leistungsgruppenausschuss vertreten, der über zukünftige Versorgungsstrukturen entscheidet. Doch die Logik der Reform bleibt stark medizinisch geprägt. Pflege wird häufig als Kostenstelle verhandelt, nicht als Voraussetzung für sichere und hochwertige Versorgung. Dabei ist offensichtlich, dass medizinische Leistungsfähigkeit ohne ausreichend qualifizierte Pflegefachpersonen nicht realisierbar ist. Pflege als integralen Bestandteil von Qualität zu definieren, bleibt eine zentrale Aufgabe der kommenden Jahre.
Pflegepolitik als Teil professioneller Verantwortung
Der Blick nach vorn zeigt, dass Pflegepolitik weit über einzelne Gesetze hinausgeht. Die Reform der Pflegeversicherung, Fragen der Finanzierung des Sozialversicherungssystems, Prävention, Gesundheitskompetenz, ambulante Versorgungsmodelle und Primärversorgungszentren werden die Debatten prägen. Hinzu kommen ethische Fragestellungen, der Umgang mit Hochaltrigkeit, Katastrophenschutz und gesellschaftliche Krisenlagen. Pflegefachpersonen sind dabei nicht nur Betroffene, sondern unverzichtbare Akteur:innen. Pflegepolitik entscheidet darüber, wie Versorgung organisiert ist, wie viel Autonomie Pflege hat und unter welchen Bedingungen sie arbeitet.
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