Wenn Wissen auf Misstrauen trifft: Akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen und ihre Integration in die Praxis
Wer heute ein Pflegestudium abschließt und dann auf Station beginnt, erlebt nicht selten ein irritierendes Phänomen: Das Team beäugt einen skeptisch, Kolleg:innen fragen sich laut, ob die Neue „auch waschen kann" – und die oder der frisch Graduierte fragt sich, ob die letzten Jahre Studium am Ende mehr Hürden aufgebaut als abgebaut haben. Was steckt dahinter? Und wie lässt sich das ändern?
„Ich habe Kommiliton:innen verloren, weil sie sagten: Es gibt sowieso keine Akzeptanz. Das tue ich mir nicht an. Das kann ich absolut nachvollziehen – und genau deshalb muss sich etwas ändern." — Francis (Co-Moderatorin, Pflegefachperson auf einer pädiatrischen Intensivstation)
Genau diese Fragen untersucht das Projekt KoNtAkT – ein Kooperationsprojekt zwischen dem Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam und der Evangelischen Hochschule Bochum. KoNtAkT steht für Kooperative Neugestaltung für Akzeptanz im Team und wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert. Projektleiter Johannes Wünscher, klinisch tätiger Pflegewissenschaftler in Potsdam, und Svenja Schäfer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule, haben in der Übergabe-Podcast-Episode ihre Erkenntnisse geteilt.

Ein Problem mit Geschichte
Die Akademisierung der Pflege in Deutschland hat eine spezifische Chronologie, die bis heute nachwirkt. Zunächst entstanden Studiengänge im Bereich Pflegemanagement und -pädagogik – also Qualifikationswege, die Pflegefachpersonen bewusst aus der unmittelbaren Versorgung herausführten. Wer studierte, wurde Führungskraft oder wechselte in die Krankenversicherung. Dieses Bild hat sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben.
Erst in jüngerer Zeit gibt es Studiengänge, die explizit auf eine erweiterte Pflegepraxis vorbereiten – also auf den Einsatz an der Seite von Patient:innen, aber mit einem anderen Kompetenzprofil. Das Pflegeberufegesetz von 2017 hat diesen Weg formal geebnet. Doch Gesetzestexte ändern Haltungen nicht automatisch. Svenja Schäfer benennt das klar: Vorbehalte entstehen vor allem aus fehlender Erfahrung. Wer noch nie eng mit einer hochschulisch qualifizierten Kollegin oder einem hochschulisch qualifizierten Kollegen zusammengearbeitet hat, kann keine eigene Einschätzung entwickeln – und greift auf alte Narrative zurück.
„Durch den fehlenden Kontakt können beruflich qualifizierte Pflegefachpersonen gar nicht herausfinden, haben akademisierte Kolleg:innen wirklich eine Praxiskompetenz? Genau das ist die Chance, Vorbehalte zu revidieren." — Svenja Schäfer
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Unsere Briefings fangen dort an, wo der Podcast aufhört: fundierte Artikel zu den Themen, die im Pflegealltag wirklich wichtig sind. Zuletzt: Schmerzen bei Menschen mit Demenz in der stationären Langzeitpflege.
Dazu unser Videokurs Wissenschaftliches Arbeiten in der Pflege – für alle, die ihren Beruf nicht nur ausüben, sondern verstehen wollen.
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Was Zahlen sagen – und was sie verschweigen
Wie viele Pflegefachpersonen mit Hochschulabschluss arbeiten aktuell in Deutschland in der direkten Versorgung? Die ehrliche Antwort: Es gibt keine belastbaren Zahlen für das Gesamtsystem. An Universitätskliniken bewegt sich der Anteil um die drei Prozent, im Gesamtsystem dürfte er deutlich darunter liegen. Der Wissenschaftsrat empfiehlt einen deutlich höheren Akademisierungsgrad – die Realität ist davon weit entfernt.
Dabei hängt vieles an der Finanzierungslogik: In der Akutversorgung lassen sich hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen über das Pflegebudget refinanzieren. In der Langzeitpflege hingegen müssen die Mehrkosten für die höhere Vergütung oft von Bewohner:innen als Selbstkostenanteil getragen werden – eine strukturelle Barriere, die Innovation verhindert, bevor sie überhaupt beginnt.
Auch die Frage, wen man als akademisch qualifiziert zählt, ist keine triviale: Wer Pflegemanagement studiert hat, aber nicht mehr am Bett arbeitet, fällt in eine andere Kategorie als jemand mit einem primärqualifizierenden oder dualen Studienabschluss, der täglich Patient:innen versorgt. Für internationale Studien zur Pflegequalität ist stets die zweite Gruppe gemeint – die, die in der Versorgung arbeitet, nicht die, die sie managt.

Nicht nur ein deutsches Problem
Es wäre naheliegend zu vermuten, dass dieses Spannungsfeld ein deutsches Spezifikum ist – schließlich ist Deutschland international das Ausnahmemodell, das die Pflegeprimärqualifikation weiterhin mehrheitlich über Berufsausbildung statt Hochschulstudium regelt.
Tatsächlich aber zeigen Studien aus den USA und den Niederlanden, dass ähnliche Dynamiken auch dort aufgetreten sind – nur zeitlich früher. In den USA, wo der Bachelor inzwischen in vielen Bundesstaaten Voraussetzung für Fachweiterbildungen ist, gab es lange Jahre Spannungen zwischen ausgebildeten und studierten Pflegefachpersonen. In den Niederlanden, die als Vorreiterin der Akademisierung gelten, zeigen sich besonders in der Langzeitpflege ähnliche Akzeptanzprobleme wie in Deutschland.
Johannes Wünscher berichtet von einem Poster-Auftritt auf der Magnet Conference in Atlanta: Erfahrene amerikanische Pflegefachpersonen sagten ihm, das sei ihr Problem von vor 30 Jahren gewesen – und es habe sich gelohnt, es anzugehen. Das ist kein Trost im Sinne von „macht euch keine Sorgen", sondern ein ermutigendes Signal: Der Weg ist möglich, er ist bekannt, und andere Länder sind ihn schon gegangen.
Was wirklich hilft – Befunde aus dem KoNtAkT-Projekt
Das KoNtAkT-Projekt ist partizipativ angelegt: Das bedeutet, die Lösungen entstehen nicht am Schreibtisch, sondern mit den Beteiligten selbst. Interviews mit Pflegefachpersonen, Fokusgruppen und Workshops mit heterogen besetzten Gruppen aus Praxis, Management, Wissenschaft und Pädagogik – all das fließt in ein Implementierungskonzept ein, das gerade in zwei Pilotstationen erprobt wird.
Welche Faktoren haben sich als besonders förderlich für eine gelingende Integration erwiesen?
Vier Ebenen, ein Ziel
Das Implementierungskonzept, das aus dem KoNtAkT-Projekt hervorgehen wird, richtet sich an vier Ebenen gleichzeitig: die strukturellen Rahmenbedingungen, das Pflegemanagement, das Team als Ganzes – und die hochschulisch qualifizierten Pflegefachpersonen selbst.
Das ist kein Zufall. Integration gelingt nicht, wenn nur eine Seite handelt. Es braucht Leitungen, die Räume schaffen, Teams, die offen bleiben, und Absolvent:innen, die bereit sind, erst einmal anzukommen, zuzuhören und sich zu vernetzen – bevor sie mit Ideen aufwarten.
Die Kontakthypothese des Psychologen Gordon Allport liefert dafür den theoretischen Rahmen: Vorurteile gegenüber Fremdgruppen – und Absolvent:innen werden im schlimmsten Fall als genau das wahrgenommen – lösen sich vor allem durch direkte, positive Erfahrungen auf. Der sichtbar gelebte Mehrwert, den hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen für Patient:innen und für das Team bringen, ist der überzeugendste Beweis.
„Das Vorteilhafte an der Synergie ist: Die einen bringen hochschulische Kompetenzen mit – die anderen kennen die Organisation, die Geschichte, die Patient:innen. Beides ist unersetzlich." — Johannes Wünscher
Wissenschaft und Praxis – kein Widerspruch, sondern ein Tandem
Eine breitere Frage zieht sich durch die Debatte: Wozu braucht die Pflege überhaupt Akademisierung? Die Antwort liegt nicht nur in individuellen Karriereinteressen, sondern in der Versorgungsqualität selbst. Expertenstandards entstehen, weil es bisher kaum Pflegefachpersonen in der unmittelbaren Praxis gibt, die systematisch Evidenz einordnen und in den Alltag übersetzen. In Ländern mit hohem Akademisierungsgrad in der Pflege hat sich gezeigt, dass diese Funktion zunehmend von den Pflegefachpersonen selbst übernommen wird – ein eigenes Department of Nursing Science ersetzt dann aufwändige externe Expertengremien.
Dabei geht es nicht darum, Handwerk gegen Wissenschaft auszuspielen. Florence Nightingale hat es vor langer Zeit auf den Punkt gebracht: Nursing is a science and an art. Beides gehört zusammen. Die Kunst liegt in der Berufserfahrung, im Gespür für Patient:innen, im praktischen Urteil. Die Wissenschaft liefert die Grundlage dafür, dieses Urteil zu schärfen, zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
Ein Projekt schließt – und öffnet Türen
Am 20. Mai findet die Abschlussveranstaltung des KoNtAkT-Projekts im Konferenzzentrum des Klinikums Ernst von Bergmann in Potsdam statt (9–16 Uhr). Eingeladen sind ausdrücklich alle, die sich für das Thema interessieren: aus der Pflegepraxis, dem Management, der Wissenschaft, der Pädagogik und der Politik.
Das Ergebnis des Projekts ist kein Abschlussbericht, der in einer Schublade landet. Geplant ist eine praxistaugliche Handreichung, die verschiedene Akteur:innen aus ihrer jeweiligen Rolle heraus nutzen können – als Roadmap, als Checkliste, als Gesprächsgrundlage. Für Bewerber:innen kann sie zudem ein nützliches Instrument sein, um bei der Jobsuche gezielt nach Einrichtungen zu fragen, die Integration auf dem Schirm haben.
Das Projekt endet – aber der Weg, den es aufzeigt, ist noch lang. Und er lässt sich nur gemeinsam gehen.


