- Der ICN-Bericht zum International Nurses Day betont den wirtschaftlichen Wert guter Pflege.
- DPR und DBfK fordern erweiterte Befugnisse und Investitionen in die Profession.
- Die Regierungskommission empfiehlt, die Sektorengrenzen im Gesundheitswesen abzubauen.
Anschließend schauen wir in die Stellungnahme der Regierungskomission für eine moderene und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung zu dem Thema der Sektorengrenzen im deutschen Gesundheitswesen.
Viel Spaß mit der Folge!
In Folge 74 des PflegeUpdates geht es um zwei große Themen: das Resümee zum International Nurses Day mit den Stellungnahmen der Verbände und die zehnte Empfehlung der Regierungskommission, die den Abbau der Sektorengrenzen im Gesundheitswesen ins Zentrum rückt. Vorab gibt es außerdem einen kurzen Ausblick auf die Krankenhausreform.
Krankenhausreform: Kabinett beschließt das KHVVG
Zum Zeitpunkt der Folge war das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) – also der Gesetzesrahmen für die Krankenhausreform von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach – frisch vom Bundeskabinett verabschiedet worden. Damit startete damals erst der eigentliche Gesetzgebungsprozess, auch wenn über die Reform zuvor schon lange diskutiert worden war.
Eine Besonderheit: Lauterbach hatte das Gesetz so formuliert, dass der Bundesrat nicht zustimmen muss. Erste Reaktionen der Länder ließen damals erwarten, dass der seit Langem schwelende Streit um die Reform weitergeht – zumal die Länder bezweifelten, dass ihre Planungskompetenz wirklich unangetastet bleibt. Eine ausführliche Einordnung kündigten die Hosts für eine spätere Folge an.
International Nurses Day: ICN-Bericht zum wirtschaftlichen Wert der Pflege
Der International Nurses Day, der internationale Tag der Pflegefachpersonen, findet traditionell am 12. Mai statt. Das Motto der Kampagne des International Council of Nurses (ICN) lautete 2024 „The Economic Power of Care". Passend dazu veröffentlichte der ICN seinen jährlichen Bericht – in diesem Jahr erstmals auch in deutscher Übersetzung. Kernanliegen ist, die wirtschaftliche Bedeutung guter pflegerischer Versorgung sichtbar zu machen, ein Punkt, mit dem sich die Profession traditionell schwertut.
Im Bericht des ICN zum International Nurses Day 2024 wird unter anderem auf Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation verwiesen: Unzureichende Versorgungsqualität kostet demnach allein in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen jährlich zwischen 1,4 und 1,6 Billionen US-Dollar an Produktivitätsverlust. Außerdem hebt der ICN hervor, dass faire Arbeitsplätze in der Pflege die Armutsbekämpfung unterstützen und zur Geschlechtergleichstellung beitragen – bessere Gehälter, Arbeitsbedingungen und Karrierechancen stärken vor allem Frauen. Investitionen in eine sichere Gesundheitsversorgung sparen aus Sicht des ICN langfristig Geld.
Aus diesen Befunden leitet der ICN mehrere Forderungen an die Politik ab: Pflegefachpersonen sollen ihre Tätigkeit im vollen Umfang ihrer Qualifikation ausüben dürfen und stärker an politischen Entscheidungen beteiligt werden. Hinzu kommen mehr Finanzierung für Ausbildung und berufliche Weiterentwicklung, bessere Arbeitsbedingungen, eine faire Entlohnung sowie die Förderung der gesellschaftlichen Rolle der Pflegenden, etwa durch öffentliche Kampagnen.
Deutsche Verbände: DPR und DBfK greifen die ICN-Thesen auf
Auch der Deutsche Pflegerat (DPR) bezog Stellung. In seiner Mitteilung argumentiert der Verband, dass Investitionen in die Profession Pflege Kosten im Gesundheitssystem senken können. Gut ausgebildete Pflegefachpersonen könnten präventive Maßnahmen umsetzen und so teure Krankenhausaufenthalte vermeiden – vorausgesetzt, sie erhalten die entsprechenden Befugnisse. Konkret fordert der DPR einen Rahmen für die Ausübung von Heilkunde durch Pflegefachpersonen sowie die Abrechenbarkeit pflegerischer Leistungen. Die eingesparten Mittel könnten an anderer Stelle eingesetzt werden, etwa für den Aufbau von Pflegekammern. DPR-Präsidentin Christine Vogler betonte, dass solche Investitionen Qualität und Effizienz des Systems verbessern und die pflegerische Versorgung langfristig sichern.
Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) nahm den Tag zum Anlass, sich in einem offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz zu wenden. Der Verband bittet darin eindringlich darum, den Wert der Pflege nicht allein als Kostenfaktor zu betrachten. Statt im sozialen Bereich zu sparen, solle die Politik die Primärversorgung verbessern, Pflegebedürftigkeit wirksam verhindern, die Rollen der beruflich Pflegenden zügig erweitern und neue Aufgabenteilungen unter den Gesundheitsberufen vornehmen – besonders in der Langzeitpflege. Dort sollen Doppelstrukturen abgebaut, Bürokratie zurückgefahren und der Pflege insgesamt mehr Verantwortung übertragen werden.
Am Rande ein Hinweis aus der Folge: Auf Social Media kursierte erneut der Hashtag „Tag der Pflege". Treffender ist der „Tag der Pflegefachpersonen" – schließlich geht es um die Menschen, die Pflege professionell und beruflich ausüben.
Sektorengrenzen: Die 10. Empfehlung der Regierungskommission
Das zweite Schwerpunktthema ist die zehnte Stellungnahme der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung. Dieses vom Gesundheitsministerium berufene Expert:innengremium tagt regelmäßig und vereint Fachleute aus Versorgung, Pflege, Medizin, Ökonomie und Rechtswissenschaft; koordiniert wird es von Tom Bschor, für die Pflege ist Prof. Dr. Martina Hasseler vertreten. Einen Überblick über Auftrag und Zusammensetzung bietet die Seite des Bundesgesundheitsministeriums zur Regierungskommission.
Im Mittelpunkt der Empfehlung steht ein Kernproblem des deutschen Gesundheitswesens: die stark ausgeprägte Trennung der Versorgungssektoren. Am bekanntesten ist die Grenze zwischen ambulant und stationär, doch auch innerhalb der ambulanten Versorgung unterscheiden sich haus- und fachärztlicher Bereich, und die Rehabilitation ist sogar in einem eigenen Sozialgesetzbuch geregelt. Hinzu kommt die unterschiedliche Finanzierung: Krankenhausbehandlung und etwa eine subkutane Injektion durch den ambulanten Pflegedienst laufen über das SGB V, Unterstützung bei Körperpflege oder Anziehen über das SGB XI, die Reha über das SGB IX. Ein einziger Patientinnenverlauf kann also durch mehrere Finanzierungslogiken wandern.
Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass diese Trennung eine erhebliche Fehlsteuerung erzeugt. So führt Deutschland im EU-Vergleich über 50 Prozent mehr stationäre Versorgung durch und hat zugleich rund ein Drittel mehr ambulante Kontakte. Probleme sind eine ineffiziente Nutzung der Strukturen, viele unnötige stationäre Behandlungen – etwa Operationen, die andernorts ambulant erfolgen –, fehlende Behandlerkonstanz mit umgestellten Medikamenten an den Übergängen, viel Bürokratie und Doppeluntersuchungen sowie ein unzureichender Informationsfluss nach der Entlassung.
Was die Kommission empfiehlt
Die zehnte Stellungnahme der Regierungskommission nennt als Ziele eine abgestimmte Planung der Strukturen, den Abbau von Doppelstrukturen, weniger vollstationäre zugunsten ambulanter oder teilstationärer Behandlungen, eine Angleichung der Vergütung für vergleichbare Leistungen, die Stärkung nichtärztlicher Berufsgruppen und die Förderung eines Primärarztkonzepts mit steuernder Rolle.
Kurzfristig empfiehlt die Kommission den Aufbau von Krankenhäusern für sektorenübergreifende Versorgung – die sogenannten Level-1i-Krankenhäuser, die möglicherweise unter anderem Namen kommen. Sie sollen vorrangig ambulant behandeln, nach Tagespauschalen abrechnen, die mit der Verweildauer sinken, von den Ländern geplant werden und bei Unterversorgung einspringen. Welche Leistungen dort erbracht werden dürfen, soll der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) über Positivlisten definieren – denkbar sind etwa einfache chirurgische Eingriffe oder die Behandlung einer nicht-akuten Lungenentzündung. An diesen Standorten sollen zudem weitere Gesundheitsangebote Platz finden, etwa Apotheken, Arztpraxen, medizinische Versorgungszentren, Gesundheitskioske oder Sanitätshäuser.
Mittel- und langfristig schlägt die Kommission regionale Planungsgremien unter Ländervorsitz vor, die ambulante und stationäre Versorgung gemeinsam planen, sowie den Aufbau eines Primärarztsystems mit Steuerungsfunktion. Ausdrücklich genannt wird auch eine flächendeckende Versorgung durch qualifizierte Pflegefachpersonen mit erweiterten Kompetenzen – verbunden mit einer Einschränkung des Arztvorbehalts. Gerade hier liegt aus Sicht der Hosts großes Potenzial für die Pflege, etwa in der Prävention und in Primärversorgungszentren. Zum Zeitpunkt der Folge war offen, wie viel davon in der laufenden Reform tatsächlich umgesetzt wird.
Zum Weiterhören
- ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)
- ÜG116 – International Council of Nurses (Dr. Karen Bjøro)
- ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)
Zehnte Stellungnahme der Regierungskomission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung
Die zehnte Stellungnahme der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung behandelt die Überwindung der Sektorengrenzen im deutschen Gesundheitssystem.
Problemlage:
- Das deutsche Gesundheitssystem ist stark in verschiedene Sektoren unterteilt (stationär vs. ambulant, ärztlich vs. nichtärztlich, etc.).
- Diese Trennung führt zu Ineffizienzen und Fehlsteuerungen, wie unzureichende Abstimmung zwischen ambulanten und stationären Strukturen, kostspielige Doppeluntersuchungen und unnötige stationäre Behandlungen.
Ziele der Empfehlungen
- Gemeinsame Planung der Gesundheitsstrukturen.
- Abbau ineffizienter Doppelstrukturen.
- Reduzierung der vollstationären Behandlungen zugunsten ambulanter oder teilstationärer Lösungen.
- Verringerung der durch Sektorengrenzen bedingten Bürokratie.
- Angleichung der Vergütung für vergleichbare medizinische Leistungen.
- Stärkung der nichtärztlichen Berufsgruppen und der Primärärzte.
Empfehlungen:
Kurzfristige Maßnahmen
- Level Ii-Krankenhäuser: Diese Krankenhäuser sollen ambulante und stationäre Leistungen erbringen und flexibel auf regionale Gesundheitsbedarfe reagieren. Sie sollen vorrangig ambulant behandeln und dabei bislang stationär erbrachte Leistungen ambulantisieren.
- Einführung degressiver Tagespauschalen zur Finanzierung und Abkopplung vom DRG-System (Fallpauschalen).
- Förderung der pflegerischen Leitung und Erweiterung pflegerischer Kompetenzen.
Mittel- und langfristige Maßnahmen
- Gemeinsame Planung der Versorgung: Ein regionales Planungsgremium soll die ambulante und stationäre Versorgung gemeinsam planen und Krankenhäuser für die ambulante Versorgung ermächtigen.
- Reduktion der doppelten Facharztschiene: Langfristig sollen nicht primärärztliche Fachärzte nur noch an oder in Kooperation mit Krankenhäusern tätig sein.
- Stärkung des Primärarztsystems: Ausbau und finanzielle Anreize für Primärärzte, um eine bessere Steuerung der Versorgung zu ermöglichen.
- Interprofessionelle Versorgung: Aufbau einer flächendeckenden Versorgung durch qualifizierte Pflegefachpersonen, die eng mit Primärärzten zusammenarbeiten.
Die vollständige Stellungnahme bietet detaillierte Vorschläge und beschreibt spezifische Maßnahmen zur praktischen Umsetzung dieser Empfehlungen.

International Nurses Day und die Bedeutung von Investitionen in die Pflege
Zum International Nurses Day haben verschiedene Pflegeverbände ihre Stimmen erhoben, um auf die Bedeutung von Investitionen in die Pflege aufmerksam zu machen.
ICN-Bericht „The Economic Power of Care“
Das International Council of Nurses (ICN) veröffentlichte einen Bericht, der die wirtschaftliche Bedeutung guter Pflege hervorhebt. Der Bericht zeigt, dass unzureichende Gesundheitsversorgung jährlich bis zu 1,6 Billionen US-Dollar an Produktivitätsverlust verursacht. Investitionen in die Pflege schaffen faire Arbeitsplätze, fördern die Geschlechtergleichstellung und tragen zur Armutsbekämpfung bei. Der Bericht betont, dass jeder Dollar, der in die Verhinderung nosokomialer Infektionen investiert wird, eine Rendite von sieben Dollar bringt.
Deutscher Pflegerat (DPR) fordert Investitionen
Der Deutsche Pflegerat (DPR) fordert, dass Deutschland jetzt in die Pflege investiert. Laut DPR-Präsidentin Christine Vogler können gut ausgebildete Pflegefachpersonen präventive Maßnahmen umsetzen, die teure Krankenhausaufenthalte vermeiden. Der DPR betont, dass es notwendig ist, den Rahmen der Heilkundeausübung für Pflegefachpersonen zu schaffen und die Abrechenbarkeit ihrer Leistungen zu ermöglichen. Investitionen in die Pflege verbessern die Qualität und Effizienz des Gesundheitssystems und sichern die langfristige pflegerische Versorgung.

DBfK fordert Maßnahmen vom Bundeskanzler
Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) nutzte den International Nurses Day, um einen offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz zu schreiben. Darin fordert der Verband, die Primärversorgung zu verbessern, Pflegebedürftigkeit zu verhindern, neue Aufgabenteilungen unter den Gesundheitsberufen vorzunehmen und die Bürokratie abzubauen. Der DBfK betont, dass die Pflegeberufe mehr Verantwortung übernehmen sollten, um die pflegerische Versorgung zu verbessern und Doppelstrukturen abzuschaffen.
Diese Aktionen und Forderungen unterstreichen die dringende Notwendigkeit, die Pflegeberufe zu stärken und in ihre Entwicklung zu investieren, um die Gesundheitsversorgung nachhaltig zu verbessern.

