Migration als strukturelle Realität der Pflegeversorgung

Der Pflegesektor in Deutschland ist ohne Migration längst nicht mehr denkbar. In nahezu allen Versorgungssettings arbeiten Pflegefachpersonen mit Migrationsgeschichte – in Krankenhäusern, Pflegeheimen, der ambulanten Versorgung und zunehmend auch in spezialisierten Bereichen. Migration ist damit kein Randphänomen, sondern strukturelle Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit. Dennoch konzentrieren sich politische und organisatorische Debatten häufig auf Rekrutierung, Anerkennung und kurzfristige Personalsicherung. Was dabei oft ausgeblendet wird, ist die Frage, wie nachhaltige Beschäftigung tatsächlich gelingt.

Ein Forschungspraxisprojekt des Center for Human Rights Erlangen-Nürnberg setzt genau hier an. Es nimmt nicht nur die Arbeitssituation, sondern den gesamten Lebenskontext migrantischer Pflegefachpersonen in den Blick. Der Fokus liegt auf Teilhabe, Wohlbefinden und Bleibeorientierung – und damit auf Faktoren, die in der Pflegepolitik bislang häufig nachrangig behandelt werden.

Gesundheit! Teilhabe im Pflegesektor
Das Projekt „Gesundheit! Teilhabe im Gesundheits- und Pflegesektor“ wird von der Stiftung Mercator gefördert und ist am FAU Forschungszentrum Center for Human Rights Erlangen-Nürnberg (FAU CHREN)…

Teilhabe als Schlüssel für Bleiben, Wohlbefinden und Versorgungssicherheit

In vielen Debatten wird Migration im Pflegesektor primär funktional betrachtet: Pflegefachpersonen kommen, um Lücken zu schließen. Diese Perspektive greift zu kurz. Menschen migrieren nicht ausschließlich, um zu arbeiten, sondern um ein Leben aufzubauen. Teilhabe meint deshalb mehr als den Zugang zum Arbeitsmarkt. Sie umfasst Wohnen, Mobilität, soziale Beziehungen, Bildung, gesundheitliches Wohlbefinden, rechtliche Sicherheit und Schutz vor Diskriminierung.

Das Forschungsprojekt zeigt, dass diese Dimensionen eng miteinander verflochten sind. Schwierigkeiten in einem Bereich – etwa bei Anerkennungsverfahren oder beim Zugang zu Wohnraum – wirken sich unmittelbar auf andere Lebensbereiche aus. Teilhabe ist kein additiver Prozess, sondern ein dynamisches Geflecht, das maßgeblich beeinflusst, ob Pflegefachpersonen langfristig im Beruf und im Land bleiben.

Ein zentrales Ergebnis ist zudem, dass Wohlbefinden von den Befragten selbst als zentrale Kategorie benannt wurde. Wohlbefinden entsteht aus dem Zusammenspiel guter Arbeitsbedingungen, wertschätzender Teamkulturen, sozialer Einbindung und Sicherheit im Alltag.

„Wohlbefinden entsteht nicht allein durch gute Arbeitsbedingungen, sondern durch Teilhabe im Alltag.“ – Yasemin Bekyol

Diskriminierung und Rassismus wurden in allen untersuchten Regionen thematisiert. Entscheidend ist der Umgang mit solchen Erfahrungen.

Lebenswelten, Übergänge und Alltagsrealitäten migrantischer Pflegefachpersonen

Die Studie ist als qualitatives Praxisforschungsprojekt angelegt und verbindet politikwissenschaftliche, humangeografische und Public-Health-Perspektiven. Über mehrere Jahre hinweg wurden 123 Interviews mit unterschiedlichen Akteursgruppen geführt: Pflegefachpersonen mit Migrationsgeschichte, Einrichtungsleitungen, Praxisanleitungen, kommunale Akteur:innen, Beratungsstellen, Sprachlehrkräfte und Bildungseinrichtungen.

Ein besonderes methodisches Element sind sogenannte Mobility Mappings. Pflegefachpersonen visualisierten dabei ihren Alltag – Arbeitswege, Freizeitorte, soziale Kontakte und Versorgungswege. Diese Methode machte sichtbar, wie eng Mobilität, soziale Teilhabe und Wohlbefinden miteinander verbunden sind und welche Barrieren sich im Alltag konkret zeigen, insbesondere in ländlichen Regionen mit eingeschränkter Infrastruktur.

Untersucht wurden städtische und ländliche Regionen in Bayern und Nordrhein-Westfalen sowie ein Exkurs nach Sachsen. Ziel war es, unterschiedliche räumliche, soziale und politische Kontexte abzubilden, ohne vereinfachende Verallgemeinerungen vorzunehmen.

Von Anwerbung über Ankommen bis zum Alltag

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die hohe Bedeutung von Übergangsphasen. Belastungen entstehen häufig bereits vor der Einreise: intransparente Anerkennungsverfahren, lange Wartezeiten, unsichere aufenthaltsrechtliche Perspektiven und unterbrochene Sprachförderung. Nicht selten vergeht zwischen Sprachkurs im Herkunftsland und Arbeitsbeginn in Deutschland über ein Jahr – ohne systematische Weiterqualifizierung.

Mit der Ankunft in Deutschland verdichten sich diese Herausforderungen. Pflegefachpersonen müssen sich gleichzeitig in neue Arbeitsstrukturen einfinden, komplexe Behördengänge bewältigen, Wohnraum finden und soziale Netzwerke aufbauen. Diese Mehrfachbelastung wird durch unzureichendes Erwartungsmanagement verstärkt. Viele berichten, dass sie weder auf den Pflegealltag noch auf die Lebensrealität in der jeweiligen Region ausreichend vorbereitet waren. In diesem Podcast haben wir das Thema nochmal tiefer beleuchtet.
Zwar existieren in vielen Einrichtungen Onboarding-Konzepte, diese sind jedoch häufig standardisiert und kaum auf individuelle Biografien, Qualifikationen und Lebenslagen abgestimmt.

Arbeit, Leben und Familie - Bleiben entscheidet sich nicht auf der Station

Die Studie macht deutlich, dass Pflegefachpersonen ihren Arbeitsplatz häufig wohnortnah wählen, soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten jedoch oft größere Distanzen erfordern. Mobilität wird damit zur zentralen Voraussetzung für soziale Teilhabe. Viele nehmen lange Wege in Kauf, um Freund:innen, Community-Angebote oder Freizeitaktivitäten zu erreichen.

„Pflegefachpersonen kommen nicht nur zum Arbeiten, sondern um hier ein Leben aufzubauen.“ – Theresa Wagner

Familie erweist sich als einer der wichtigsten Faktoren für Bleibeentscheidungen. Sobald Kinder involviert sind, gewinnen Kitas, Schulen, Nachbarschaften und Sicherheit im öffentlichen Raum erheblich an Bedeutung. Verzögerter oder eingeschränkter Familiennachzug wirkt sich massiv auf psychische Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und langfristige Bindung aus.
Gleichzeitig zeigen die Interviews, wie aktiv Pflegefachpersonen ihre Freizeit gestalten, transnationale Beziehungen pflegen und Mobilität nutzen, um Resilienz aufzubauen. Diese Aktivitäten sind kein Nebenaspekt, sondern zentral für langfristige Stabilität.

Qualifikationen nutzen, Teilhabe ermöglichen, Strukturen vernetzen

Ein wiederkehrendes Problem ist der nicht passgenaue Einsatz vorhandener Qualifikationen. Pflegefachpersonen mit akademischem Hintergrund oder spezialisierter Berufserfahrung arbeiten nicht selten unterhalb ihres Kompetenzniveaus. Die Folge sind Frustration, Dequalifizierung und erhöhte Wechselbereitschaft.

Die Studie zeigt deutlich, dass Entwicklungs- und Karriereperspektiven zentrale Bindungsfaktoren sind. Einrichtungen, die Weiterbildungen ermöglichen, Aufstiegsperspektiven eröffnen und biografische Ziele ernst nehmen, profitieren von höherer Motivation und Stabilität.
Gleichzeitig wird sichtbar, dass Teilhabe nicht allein im Betrieb entsteht. Kommunen, Beratungsstellen, migrantische Selbstorganisationen und Bildungseinrichtungen spielen eine entscheidende Rolle. Sprachlehrkräfte fungieren häufig als informelle Lots:innen im Alltag. Allerdings sind diese Ressourcen bislang nur unzureichend systematisch vernetzt und stark von individuellem Engagement abhängig.

Politische Rahmenbedingungen und praktische Werkzeuge für nachhaltige Beschäftigung

Auf politischer Ebene kritisiert das Projekt die Vielzahl paralleler Regelungen im Aufenthalts- und Anerkennungsrecht. Unterschiedliche rechtliche Zugänge für angeworbene Pflegefachpersonen und Geflüchtete erzeugen Intransparenz und zusätzliche Bürokratie. Die Studie plädiert für vereinheitlichte, transparente und beschleunigte Verfahren.

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz
Das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz kommt: Das offizielle Portal der Bundesregierung informiert über die erweiterten Regeln für die Beschäftigung in Deutschland und die Einwanderung von Fachkräften aus Drittstaaten nach Deutschland.

Als konkretes Ergebnis wurde ein frei zugängliches Teilhabe-Toolkit entwickelt. Es bündelt praxisnahe Maßnahmen, geordnet nach Akteursgruppen, Teilhabedimensionen und Phasen des Migrationsprozesses. Ziel ist es, Handlungsspielräume sichtbar zu machen und systematisch nutzbar zu machen.

„Nachhaltige Beschäftigung bedeutet, dass Pflegefachpersonen bleiben können und bleiben wollen.“ - Theresa Wagner

Vielfalt sichern heißt Teilhabe ermöglichen

Die Studie zeigt eindrücklich: Vielfalt ist keine Zusatzaufgabe, sondern Voraussetzung für Versorgungssicherheit. Wer Pflegefachpersonen langfristig binden will, muss Arbeit und Leben zusammendenken. Teilhabe entsteht dort, wo Menschen nicht nur gebraucht, sondern gesehen werden – mit ihren Biografien, Beziehungen und Zukunftsplänen.

Migration im Pflegesektor ist kein temporäres Projekt, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir sie gestalten, sondern wie.

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