Zwischen Aufopferung und Erschöpfung: Was wir über pflegende Angehörige wirklich wissen

Millionen Menschen in Deutschland pflegen ihre Eltern, Partner:innen oder Geschwister – Nacht für Nacht, Woche für Woche, oft ohne Pause. Was in politischen Debatten gerne als „gelebte Solidarität" gelobt wird, ist für viele Betroffene eine stille Erschöpfung, die sich tief in Gesundheit, Berufsleben und finanzielle Zukunft frisst. Doch was sagen die Daten wirklich? Alina Schmitz, Soziologin an der Technischen Universität Dortmund, forscht genau daran – und erklärt im Übergabe-Podcast, was soziologische Pflegeforschung sichtbar macht, was andere Disziplinen übersehen.

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Pflege ist kein medizinisches Problem – es ist ein gesellschaftliches

Wer Pflege nur durch eine medizinische Linse betrachtet, sieht nur einen Teil des Bildes. Die soziologische Pflegeforschung fragt nicht, wie ein Dekubitus behandelt wird, sondern: Wer pflegt wen? Unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen? Und welche Folgen hat das für das Leben der Beteiligten? Diese Perspektive klingt abstrakt, wird aber schnell konkret, wenn man sich anschaut, wie ungleich das Pflegrisiko in der Bevölkerung verteilt ist.

„Pflege und Fürsorge sind keine negativen Eigenschaften, die wir Frauen abtrainieren müssen. Wir müssen sie stärker auch Männern vermitteln, weil das Werte sind, auf die unsere Gesellschaft angewiesen ist. Viele pflegende Angehörige brauchen Unterstützung, wofür die Politik die Rahmenbedingungen schaffen sollte" — Dr. Alina Schmitz

Bildung und Einkommen sind entscheidende Prädiktoren dafür, wie gesund jemand im Alter ist und ob er oder sie pflegebedürftig wird. Damit ist Pflege per Definition auch ein Thema der Soziologie – und nicht nur der Medizin oder Pflegewissenschaft. Der Mehrwert liegt in der Interdisziplinarität: Wenn Soziolog:innen, Pflegewissenschaftler:innen und Mediziner:innen gemeinsam forschen, entsteht ein vollständigeres Bild der Versorgungsrealität.

Wer überhaupt forscht – und mit welchen Daten

Die quantitativ ausgelegte soziologische Pflegeforschung arbeitet häufig mit groß angelegten Bevölkerungsbefragungen. Während pflegewissenschaftliche Studien oft mit kleineren, spezialisierten Gruppen arbeiten, beobachtet die Soziologie zehntausende Menschen über Jahrzehnte. Eine solche Studie ist die SHARE-Studie (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe), in der Menschen in zahlreichen europäischen Ländern nach exakt demselben Muster befragt werden. So lassen sich nicht nur Trends innerhalb eines Landes beschreiben, sondern auch systemische Unterschiede zwischen Care-Regimes sichtbar machen.

Neben diesen Längsschnittdaten gibt es auch spezialisierte Datensätze, etwa vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen – wie in einer Studie, die Alina Schmitz mit Kolleg:innen auf der Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie vorstellte. Dort wurden Pflegegrade, Diagnosen und Versorgungsarrangements in Bayern systematisch analysiert. Das Besondere: Solche Versicherungsdaten erlauben sehr detaillierte Aussagen über informelle Pflegearrangements – wer pflegt zu Hause, wer nutzt professionelle Unterstützung, und wie hängt das mit Geschlecht und Region zusammen?

Das Caregiver Stress Process Modell: Warum manche Pflegende mehr leiden als andere

Um die Belastung pflegender Angehöriger theoretisch zu fassen, hat sich in der Forschung das Caregiver Stress Process Modell von Pearlin etabliert. Es beschreibt vier ineinandergreifende Faktoren:

  1. Ausgangslage der pflegenden Person (Alter, Einkommen, Beziehung zur pflegebedürftigen Person)
  2. Direkte Belastungen durch Pflege (Zeitaufwand, Pflegeintensität, Krankheitsbild)
  3. Indirekte Belastungen durch Rollenkonflikte (z. B. mit Erwerbsarbeit oder anderen Familienpflichten)
  4. Ressourcen, die zur Verfügung stehen – von persönlichen Fähigkeiten bis zu professioneller Unterstützung

Der soziologische Blick konzentriert sich dabei besonders auf die indirekten Belastungen. Denn es sind häufig nicht die konkreten Pflegetätigkeiten, die Menschen zermürben, sondern die gesellschaftlichen Widersprüche, in denen sie sich bewegen: gleichzeitig erwerbstätig sein, für Kinder sorgen und die Eltern pflegen. Wer das alles unter einen Hut bringen muss, erlebt nicht nur Zeitmangel, sondern echte Rollenkonflikte – und die hinterlassen Spuren.

Besonders belastet: Frauen, Geringverdienende und Erwerbstätige

Die Forschungslage ist eindeutig: Frauen berichten im Durchschnitt eine höhere Pflegebelastung als Männer. Der Hauptgrund liegt nicht in biologischen Unterschieden, sondern in strukturellen Rollenerwartungen: Frauen übernehmen häufiger gleichzeitig Sorgearbeit für Kinder, Haushalt und Pflegebedürftige – ein Mehrfachbelastungsmodell, das die individuelle Belastungsgrenze systematisch überschreitet.

Auch Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status sind überproportional belastet. Ihnen fehlen oft die finanziellen Mittel, um Entlastungsangebote zu kaufen – ob Tages- oder Kurzzeitpflege, bezahlte Haushaltshilfe oder Beratungsangebote. Interessant dabei: Eine aktuelle Studie zeigt, dass die unmittelbare Belastung beim Einstieg in die Pflege über Bildungs- und Vermögensgruppen hinweg vergleichbar ist. Der entscheidende Unterschied liegt im Ausgangsniveau – Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status starten bereits unter höherer Belastung, sodass Pflege buchstäblich der sprichwörtliche Tropfen, der „das Fass zum Überlaufen“ bringt, werden kann.

„Ob man eine Wahl hat oder in einer alternativlosen Situation ist – das beeinflusst maßgeblich, wie belastend Pflege wahrgenommen wird." — Dr. Alina Schmitz

Hinzu kommt eine Gruppe, die politisch kaum sichtbar ist: Pflegende, die gleichzeitig erwerbstätig sind. Sie jonglieren täglich zwischen Berufsalltag und Pflegeverantwortung – ohne nennenswerte gesetzliche Auszeitmöglichkeiten und ohne ausreichende finanzielle Absicherung für den Fall einer Arbeitszeitreduzierung.

Europa als Spiegel: Was Care-Regimes über uns verraten

Ein besonders erhellender Ansatz der vergleichenden Soziologie ist das Konzept der Care-Regimes. Es beschreibt, wie verschiedene Länder die Verantwortung für Pflege gesellschaftlich organisieren. Vier Typen lassen sich grob unterscheiden:

Familiastisches Regime (Südeuropa, Teile Osteuropas): Pflege gilt als Privatangelegenheit. Die Familie – konkret: die Frau – ist zuständig, staatliche Unterstützung gibt es kaum. Die Folge: sehr hohe Belastungen, ausgeprägte Geschlechterungleichheiten, eingeschränkte Erwerbsbeteiligung von Frauen.

Konservatives Regime (Deutschland, Österreich): Kombination aus familiärer Verantwortung und staatlichen Unterstützungsleistungen. Traditionelle Geschlechterrollen sind noch stark verankert. Die Entlastungsangebote reichen nicht aus, um Einkommensverluste durch reduzierte Erwerbsarbeit zu kompensieren – wie Zahlen zur Altersarmut bei Frauen deutlich zeigen.

Liberales Regime (z. B. Großbritannien): Stärkerer Fokus auf private Vorsorge und individuelle Absicherung. Geschlechterunterschiede etwas weniger ausgeprägt, dafür sind sozioökonomische Ungleichheiten besonders spürbar.

Sozialdemokratisches Regime (Skandinavien): Gut ausgebauter öffentlicher Pflegesektor. Männer beteiligen sich häufiger an der Pflege, Pflege wird weniger als Familienaufgabe verstanden. Die Belastungen für pflegende Angehörige sind nachweislich geringer – weil die Möglichkeit, Unterstützung zu nutzen, die Wahlfreiheit erhöht.

„Je stärker ein Care-Regime auf Familie setzt, desto größer sind die Geschlechterungleichheiten in den Pflegearrangements – und desto gravierender die langfristigen Folgen für pflegende Angehörige." — Dr. Alina Schmitz

• • • Du bist gefragt • • •

Deine Meinung: Wer sollte deiner Meinung nach die Hauptverantwortung für häusliche Pflege tragen?

ADie Familie – Pflege ist vor allem eine private Aufgabe
BDer Staat – öffentliche Angebote müssen die Hauptlast trage
CBeides gleichwertig – Familie und Staat gemeinsam
DKommt auf den Einzelfall an

• • • Danke für deine Stimme! • • •

Was ländervergleichende Daten zeigen: Regionale Infrastruktur als Stressfaktor

Dass die Pflegebettendichte einer Region das Belastungsempfinden von Angehörigen beeinflusst – auch wenn die Betroffenen gar keine stationären Angebote nutzen –, klingt zunächst überraschend. Doch genau das zeigt die Forschung: Der Vergleich verschiedener Regionen in Europa zeigt: Allein das Wissen, dass ein Sicherheitsnetz existiert, reduziert den erlebten Stress. Dieses Sicherheitsempfinden ist in Regionen mit einer hohen Dichte an professionellen Pflegeangeboten stärker ausgeprägt. Wer weiß, dass es im Notfall eine stationäre Alternative gibt, pflegt nicht im Bewusstsein der absoluten Alternativlosigkeit.

Für ländliche Regionen ist das eine alarmierende Botschaft. Dort wird Infrastruktur seit Jahren abgebaut. Vor allem Jüngere verlassen bestimmte Regionen, während ältere Pflegebedürftige zurückbleiben. Gleichzeitig kämpfen ambulante Pflegedienste mit langen Fahrzeiten zwischen Klient:innen. Das Ergebnis: strukturell erzwungene informelle Pflege ohne ausreichende Entlastungsoptionen.

Wer im Forschungsblindfleck liegt

Zwei Gruppen sind in der bisherigen Forschung erheblich unterrepräsentiert. Erstens: junge pflegende Angehörige. Kinder und Jugendliche, die Familienmitglieder pflegen, waren lange unsichtbar. Aktuell wächst das Interesse, insbesondere an pflegenden Studierenden, die Prüfungspflichten, Studienregelzeiten und Pflegeverantwortung gleichzeitig stemmen müssen.

Zweitens: Menschen mit Migrationshintergrund und geringen Deutschkenntnissen. Groß angelegte Befragungen werden meist nur auf Deutsch durchgeführt. Wer diesen Fragebögen sprachlich nicht folgen kann, kommt in den Daten nicht vor. Das bedeutet: Über die Belastungssituation einer relevanten und wachsenden Bevölkerungsgruppe wissen wir systematisch zu wenig.

Was sich ändern müsste – und was Wissenschaft dazu beitragen kann

Die Antworten aus der Forschung sind klar: Ausbau öffentlicher Pflegeangebote, bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, finanzielle Absicherung für pflegende Angehörige. Und: eine aktive Einbindung von Männern in die Pflegearbeit – nicht durch Appelle an das Individuum, sondern durch strukturelle Rahmenbedingungen, die es erleichtern.

Alina Schmitz plädiert dabei für einen Bewusstseinswandel: Sorge und Fürsorge sind keine weiblichen Eigenschaften, die abtrainiert werden sollten. Es sind gesellschaftlich unverzichtbare Werte – die auch Jungen und Männern vermittelt werden müssen. Denn die professionelle Pflege allein wird den demografischen Wandel nicht schultern können.

Gleichzeitig betont Schmitz die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft: Erkenntnisse müssen so aufbereitet werden, dass sie politisches Gehör finden. Nicht Wissenschaft soll Politik machen – aber empirische Befunde sollten die Grundlage von Entscheidungen sein.