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Diese Episode erschien am 07.10.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Lauterbachs Eröffnungsrede bleibt vage, Vogler kontert deutlich – der Pflegepreis geht an alle Pflegenden.
  • Andreas Westerfellhaus kritisiert die Bundespolitik scharf und fordert mehr politischen Druck der Pflege.
  • Der Bochumer Bund will als reine Pflege-Gewerkschaft mindestens 4.000 Euro und kürzere Arbeitszeiten.
  • Primärqualifizierende Pflegestudiengänge kämpfen mit fehlender Finanzierung und niedrigen Studierendenzahlen.
  • Magnet4Europe begleitet deutsche Krankenhäuser auf dem Weg zur Magnet-Zertifizierung.
  • Das Cluster „Zukunft der Pflege" testet und entwickelt Pflegetechnologien wie VR und Robotik.
  • Queersensible Pflege braucht Schulung, sichtbare Zeichen und passende Angebote.
  • Der neue Berufsgesundheits-Index der BGW bündelt Daten zur Gesundheit Pflegender.

Diese Folge des PflegeUpdate ist eine Sonderausgabe – live aufgenommen beim Deutschen Pflegetag 2022 in Berlin. Am ersten Tag entstanden mehrere Gespräche mit Standbetreibenden, Forschenden, Verbänden und einem ehemaligen Pflegebevollmächtigten. Die wichtigsten Eindrücke folgen im Überblick. Alle Einschätzungen geben den Stand vom Oktober 2022 wieder.

Eröffnung: Lauterbachs vage Rede, Voglers Antwort und der Pflegepreis

Die Eröffnungsveranstaltung war zweigeteilt. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sprach zwar Themen wie die Arbeitsbedingungen, die geplante Personalbemessung nach der PPR 2.0 und eine stärkere Ambulantisierung an – konkrete Maßnahmen blieb er dabei aber weitgehend schuldig. Positiv fiel auf, dass er die Akademisierung der Pflege ausdrücklich als Beitrag zur Professionalisierung bezeichnete und ankündigte, sie fördern zu wollen. Was genau passieren soll, ließ er offen.

Christine Vogler nutzte ihre anschließende Rede, um sehr klar nachzulegen: Sie sprach über Selbstverwaltung, über Aufgabenübernahme und -trennung und legte den Finger in die pflegepolitische Wunde. Eindrücklich war auch ihre Geste, alle Personen des Deutschen Pflegerats gemeinsam auf die Bühne zu holen. Genau dazu passte die Botschaft des Deutschen Pflegepreises, der in diesem Jahr nicht an eine Einzelperson, sondern an alle professionell Pflegenden ging – als Anerkennung für ihre Leistung in den Pandemiejahren.

Andreas Westerfellhaus rechnet mit der Bundespolitik ab

Das erste Interview führte zu Andreas Westerfellhaus, der vor Claudia Moll Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung war. Seine Bewertung der Lauterbach-Rede fiel deutlich aus: Er empfand sie als inhaltslos und vermisste konkrete Ansagen. Die Bewertung der Arbeit seiner Nachfolgerin lehnte er bewusst ab – Kritik richte sich an den Minister, nicht an einzelne Personen.

Sein zentraler Appell: Die Pflege dürfe nicht darauf warten, dass die Politik die Probleme von allein löse. Stattdessen brauche es politischen Druck auf allen Ebenen – bis hin zu den Direktkandidat:innen in den Wahlkreisen. Wichtig sei zudem, die Heilberufegesetze so auszugestalten, dass der Pflegeberuf und seine Selbstverwaltung gestärkt werden. Für Pflegefachpersonen heißt das: Mitsprache entsteht nicht von selbst, sondern muss organisiert eingefordert werden.

Bochumer Bund: die Gewerkschaft nur für Pflegende

Am Stand der jungen Berufsgewerkschaft gab es ein Gespräch mit einer Vertreterin des Bochumer Bundes, der 2020 gegründet wurde und sich als Gewerkschaft ausschließlich für Pflegende versteht. Zum Zeitpunkt der Folge zählte der Verband rund 2.500 Mitglieder. Die Abgrenzung zu ver.di zog man vor allem über die enge berufliche Fokussierung: Im Vorstand und in den Regionalleitungen seien ausschließlich Pflegende aktiv, die die Arbeitsrealität vor Ort kennen.

Inhaltlich fordert der Bochumer Bund ein eigenes Tarifwerk mit einem Mindestlohn von 4.000 Euro – hergeleitet unter anderem aus einem Vergleich der Belastungen mit dem Ingenieurberuf – sowie deutlich kürzere Arbeitszeiten. Die größten Aufgaben damals: Strukturen und Landesgruppen aufbauen, in die Betriebe gehen, Kolleg:innen ansprechen und so die Mitgliederzahl erhöhen. Ergänzend wurden bereits eine Rechtsschutzversicherung sowie Rabatte etabliert, eine neue Satzung und Vorstandswahlen standen für November an.

Primärqualifizierende Pflegestudiengänge stecken in den Kinderschuhen

Mit Prof. Dr. Johannes Gräske von der Alice Salomon Hochschule Berlin, der dort einen primärqualifizierenden Studiengang leitet, ging es um den Stand der akademischen Pflegeausbildung. Sein Fazit: Die Primärqualifizierung steckt noch absolut in den Anfängen. Viele Hochschulen seien mit weniger als der Hälfte der Studienplätze belegt, einige Studiengänge gar nicht erst gestartet; gleichzeitig gebe es hohe Abbruchquoten.

Als Hauptursache nannte Gräske fehlenden politischen Willen und ungelöste Finanzierungsfragen – etwa bei der Praxisanleitung – während Bund und Länder sich die Zuständigkeit gegenseitig zuschöben. Mit dem Bachelor sei in der primärqualifizierenden Variante zugleich die Berufszulassung verbunden. In der Praxis stoße die Akademisierung im Krankenhaus auf mehr Akzeptanz als in ambulanter Pflege und Altenhilfe, und es brauche noch viel Druck. Sein Wunsch bleibt eine breite hochschulische Ausbildung – die Hochschulrektorenkonferenz stehe dabei klar an der Seite der Pflegestudiengänge.

Magnet-Krankenhäuser: Was Magnet4Europe für die Pflege bedeutet

Mit Dr. Johanna Feuchtinger vom Universitätsklinikum Freiburg ging es um das Magnet-Konzept aus den USA, das exzellente Patient:innenversorgung und hohe Mitarbeitendenzufriedenheit verbindet. Die Zertifizierung erfolgt über die ANCC und stützt sich auf fünf Dimensionen mit insgesamt 120 Kriterien – darunter Themen wie Shared Governance, also die Mitbeteiligung Pflegender an Entscheidungen, die ihren Arbeitsalltag betreffen.

Über die europäische Studie Magnet4Europe erhalten 60 Krankenhäuser in Europa – davon 20 in Deutschland – die Chance, von erfahrenen US-Einrichtungen begleitet zu werden und ihre Lücken systematisch zu schließen. Zum Zeitpunkt der Folge war noch kein deutsches Haus zertifiziert; entscheidend, so Feuchtinger, sei ohnehin nicht der „Schein" am Ende, sondern der Weg dorthin und die kontinuierliche Weiterentwicklung in Richtung eines stärker akademisierten Qualifikationsmix.

Digitalisierung: vom Forschungscluster bis zum digitalen Assistenten

Cluster „Zukunft der Pflege"

Wie digital der Pflegetag inzwischen ist, zeigten das Programm und der Ausstellerbereich. Tiefer einsteigen ließ sich das Thema mit Tobias Krick, der im Cluster „Zukunft der Pflege" aktiv ist – einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbund. Dazu gehören die Pflegepraxiszentren (PPZ), in denen vorhandene Technologien in der Praxis getestet und evaluiert werden, sowie das Pflegeinnovationszentrum, in dem neue Lösungen entwickelt werden – etwa Virtual-Reality-Anwendungen für die Pflegeausbildung oder Ansätze aus der Robotik.

Kricks nüchterne Einordnung zur Marktreife: Vieles sei vielversprechend, aber wissenschaftlich noch nicht als überzeugend belegt. Manches – etwa der am Pflegebett montierte Roboterarm – sei eher Grundlagenforschung und werde in dieser Form kaum bald im Alltag ankommen. Wichtig sei, Technologien nicht nur zu entwickeln, sondern auch ehrlich auf Nutzen und Qualität zu prüfen.

Digitale Helfer für Stationsalltag und Angehörige

Konkrete Produkte gab es ebenfalls zu sehen. Das Start-up Cliniserve stellte einen digitalen Assistenten vor, der Pflegefachpersonen durch die Schicht begleitet: Patient:innen können über ein Terminal oder per QR-Code auf dem eigenen Smartphone Anliegen melden – etwa Hilfe beim Toilettengang oder ein Problem mit der Infusion. Die Aufgaben laufen gebündelt auf einem Gerät auf und werden zugeordnet: pflegerelevante Aufgaben an die Pflege, Servicetätigkeiten an das Servicepersonal, eine Wunde an die Wundexpertin. Das soll Laufwege sparen, mehr Zeit für die eigentliche Pflege schaffen und die Zufriedenheit erhöhen.

Kurz vorgestellt wurde außerdem LifeBonus – eine App, mit der Pflegende digital etwas für die eigene Gesundheitserhaltung tun können und die zugleich Pflegebedürftige und pflegende Angehörige unterstützen soll, die sich im System oft übersehen fühlen.

Queersensible Pflege im Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg

Ralf Schäfer, Einrichtungsleitung im Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg, berichtete über queersensible Pflege in der vollstationären Langzeitpflege. Die Einrichtung liegt mitten in Europas größter queerer Community und erhielt 2018 als bundesweit erste Pflegeeinrichtung das Qualitätssiegel „Lebensort Vielfalt". Worum es im Kern geht, formulierte Schäfer einfach: die besonderen Bedürfnis- und Versorgungslagen von LSBTIQ-Bewohnenden kennen und gezielt darauf eingehen.

In der Praxis heißt das: fortlaufende Schulungen der Mitarbeitenden zu Themen wie HIV in der Pflege, Stigmatisierung und Diskriminierung, eine angepasste Pflegekonzeption und Kommunikation, sichtbare Zeichen wie kleine Symbole oder eine Regenbogenfahne sowie passende Freizeitangebote – etwa der gemeinsame Besuch des CSD. Das Thema zieht sich von der Stellenausschreibung über Vorstellungsgespräche bis ins Einarbeitungskonzept. Über regelmäßige Bewohnenden-Versammlungen bleibt die Einrichtung im Dialog. Schäfers Botschaft: Es muss nicht plakativ sein, aber erkennbar.

Der Berufsgesundheits-Index der BGW

Den Abschluss des Tages bildete das Gespräch mit Matthias Vollbracht über den neuen Berufsgesundheits-Index für die Alten- und Krankenpflege, der von der BGW vorgestellt wurde und nach eigener Aussage in dieser Form einzigartig in Europa ist. Der Index soll nachvollziehbar machen, wie sich die Berufsgesundheit Pflegender über die Zeit entwickelt – und stützt sich dafür auf mehrere Quellen: Arbeitsunfähigkeitsdaten der Krankenkassen (WIdO), Zahlen zur Erwerbsminderungsrente der Deutschen Rentenversicherung, Daten der BGW zu Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten, Befragungsdaten aus dem Sozio-oekonomischen Panel sowie eine Analyse des Meinungsklimas in Leitmedien. Modelliert hat den Index das Beratungsinstitut DIW Econ.

Auffällig: Zwischen 2017 und 2019 waren in mehreren Bereichen sogar Verbesserungen erkennbar, doch mit Beginn der Corona-Pandemie kam ein deutlicher Einbruch – etwa durch das stark gestiegene Infektionsgeschehen, weggebrochene Weiterbildungsmöglichkeiten und einen sprunghaften Anstieg der Verdachtsmeldungen auf Berufskrankheiten. Der Nutzen des Index liegt darin, Berufsgesundheit ganzheitlich zu betrachten – von Einkommensentwicklung und Dienstplansicherheit bis zur Frage, wie Gesundheit erhalten und wiederhergestellt werden kann –, statt nur einzelne Teilaspekte zu sehen.

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Quellen