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Diese Episode erschien am 27.12.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Pflegende Angehörige und Fachkräftemangel sind die drängendsten Themen der Versorgung.
  • Bessere Rahmenbedingungen können ausgestiegene Pflegefachpersonen zurückholen.
  • Aufgaben zwischen Berufsgruppen müssen neu und patient:innenorientiert verteilt werden.
  • Akademisierung gelingt nur mit berufsrechtlicher Absicherung und Mut zur Pionierarbeit.
  • Pflege braucht Solidarität, eine Stimme und die Bereitschaft, einfach mal zu machen.

Wer den Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung in seinem Berliner Büro zum Gespräch trifft, bekommt schnell ein Gefühl dafür, wie groß das Themenfeld ist, das auf seinem Schreibtisch landet. Andreas Westerfellhaus – gelernter Krankenpfleger, ehemaliger Intensivpfleger, Schulleiter und langjähriger Präsident des Deutschen Pflegerats – war zum Zeitpunkt der Aufnahme Ende 2019 seit knapp zwei Jahren in diesem Amt. Im Übergabe-Interview spricht er darüber, was Pflege bewegt, was sich ändern muss und warum er trotz aller Probleme keineswegs schwarzsieht. Eine kompakte Einordnung seiner Rolle findest du auch auf der Seite des Pflegebevollmächtigten.

Ein Amt, das fast alles berührt

Die Frage, was eigentlich zu den Aufgaben eines Pflegebevollmächtigten gehört, dreht Westerfellhaus gerne um: Was gehört eigentlich nicht dazu? Im Kern geht es ihm um vier Gruppen – Patient:innen, pflegebedürftige Menschen in allen Sektoren, pflegende Angehörige und die Profession Pflege selbst. Das Ziel klingt einfach und ist doch riesig: eine sichere, qualifizierte, wohnortnahe und professionelle Versorgung sicherstellen. Sobald man dieses Versprechen ernst nimmt, hängt plötzlich alles mit allem zusammen – Finanzierung, Aufgabenverteilung, die Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen und die vielen Schnittstellen, an denen Pflege eben nicht im luftleeren Raum agiert.

Die Zusammenarbeit mit dem damaligen Bundesgesundheitsminister beschreibt Westerfellhaus als von Vertrauen geprägt – schließlich habe der Minister ihn selbst ins Boot geholt. Gleichzeitig macht er kein Geheimnis daraus, dass ihn die Geschwindigkeit der politischen Prozesse manchmal ungeduldig werden lässt. Denn am Ende braucht es das Parlament, eine Koalition, die Kompromisse trägt, und mehrere Ministerien gleichzeitig – Gesundheit, Arbeit, Familie und am Ende auch das Finanzministerium. Wie sehr diese Ressorts zusammenwirken müssen, zeigt sich exemplarisch an der Konzertierten Aktion Pflege.

Zwei Themen, die den Menschen unter den Nägeln brennen

Auf die Frage nach seinen Schwerpunkten reagiert Westerfellhaus zunächst ausweichend – alles hänge mit allem zusammen. Festnageln lässt er sich dann aber doch: Zwei Themen begegnen ihm bei seinen Besuchen in den 16 Bundesländern immer wieder. Das eine ist der Fachkräftemangel, das andere die Kurzzeitpflege. Und beide sind eng miteinander verzahnt.

Über 70 Prozent der pflegebedürftigen Menschen werden zu Hause von Angehörigen versorgt – sie sind, wie Westerfellhaus es nennt, der größte ambulante Pflegedienst Deutschlands. Doch diese Menschen stoßen an ihre Grenzen. Damals zitierte Zahlen aus einem Krankenkassenreport sprachen davon, dass sich über 220.000 Angehörige vorstellen könnten, die Pflege einzustellen, weil sie sich schlicht überlastet fühlen. Entlastungsangebote, Fahrtkostenerstattung oder die Mitnahme pflegebedürftiger Angehöriger in die Reha klingen gut – nützen aber wenig, wenn es keine Kurzzeitpflegeplätze gibt. Und warum gibt es die nicht? Auch hier landet man wieder beim fehlenden Personal. So schließt sich die Schleife.

„Wir haben nicht nur das Problem, wie kriegen wir neue Pflegekräfte, sondern wir haben auch die große Herausforderung, wie können wir Pflegefachkräfte halten." — Andreas Westerfellhaus

Besonders bewegt ihn, dass viele Pflegende ihren Beruf eigentlich lieben – aber an den Rahmenbedingungen verzweifeln. Den ganzen Tag rennen, das Gefühl, nichts geschafft zu haben, keine Zeit für Gespräche, Fehler, die unterlaufen, am Ende die eigene Erkrankung. Die Konsequenz: Teilzeit, Berufsausstieg oder der Wechsel in Nachbarländer. Genau hier setzt sein zentraler Gedanke an: Es geht nicht nur um Nachwuchs, sondern darum, die Menschen im Beruf zu halten und Ausgestiegene zurückzugewinnen.

Zeit ist das wichtigste Argument

Eine Studie aus dem Jahr 2018 zum Berufsausstieg ergab, dass 43 Prozent der Aussteiger:innen zurückkommen würden – allerdings nur, wenn sich vorher die Rahmenbedingungen ändern. Dahinter verbergen sich nach Westerfellhaus' Schätzung 120.000 bis 200.000 ausgebildete Pflegefachpersonen, die aktuell nicht, in Teilzeit oder in völlig berufsfernen Bereichen arbeiten. Das Problem allein über die nackte Zahl fehlender Fachkräfte zu lösen, hält er für illusorisch. Entscheidend sei der Faktor Zeit.

Konkret hat er mehrere Arbeitszeitmodelle ins Spiel gebracht. Sein Vorschlag „80/20" sieht vor, dass Pflegende 80 Prozent bei vollem Lohnausgleich arbeiten und der Rest als Vertrauensarbeitszeit der eigenen Gesundheitserhaltung dient. Arbeitswissenschaftliche Berechnungen ergaben, dass sich allein durch sinkende Ausfallzeiten bis zu 40.000 Vollzeitäquivalente heben ließen. Auch andere Modelle – etwa drei Tage Arbeit, drei Tage frei – sollten erprobt werden. Für kleine und mittelständische Unternehmen in der ambulanten und stationären Langzeitpflege kündigte Westerfellhaus für Anfang 2020 einen „Instrumentenkoffer" an, der damals noch in der Pilotierung steckte und Trägern helfen sollte, gute Rahmenbedingungen ohne großen eigenen Aufwand umzusetzen.

Mehr als Werbung: gute Ausbildung als Versprechen

Der zweite große Hebel ist die Ausbildung. Gemeinsam mit der damaligen Familienministerin Franziska Giffey war kurz zuvor eine Kampagne gestartet, die für den Pflegeberuf werben sollte. Doch Westerfellhaus betont: Werben allein reicht nicht. Wer junge Menschen gewinnt, muss ihnen auch eine gute Ausbildung garantieren – mit echter Praxisanleitung, verlässlicher Begleitung und der Klarheit, dass Ausbildung Lernzeit ist und nicht Wertschöpfung für den Arbeitgeber.

Gerade junge Auszubildende werden früh mit Sterben, schweren Verletzungen und unheilbaren Erkrankungen konfrontiert. Aus eigener Erfahrung weiß Westerfellhaus, wie wichtig es ist, dann eine Ansprechperson zu haben. Wenn diese Begleitung wegfällt und eine examinierte Pflegefachperson für 40 Patient:innen zuständig ist, stellt sich die Frage nach der Richtigkeit schon während der Ausbildung. Wie sehr internationale Rekrutierung diese Lücken füllen kann und wo ihre Grenzen liegen, beleuchtet eine Studie zur internationalen Fachkräfterekrutierung.

Wer macht eigentlich was im System?

Am Herzen liegt Westerfellhaus ein dritter Punkt: die Neugestaltung der Versorgungsprozesse. Deutschland habe viele hochqualifizierte Pflegefachpersonen mit Fach- und Weiterbildungen oder Studienabschluss, die nach ihrer Qualifikation häufig fragen, warum sie ihr Können nicht einsetzen dürfen. Das verschwende Ressourcen und spreche einer ganzen Berufsgruppe die Autonomie ab. Wenn man gleichzeitig beklagt, dass es weniger Medizinstudierende, Physiotherapeut:innen und Hebammen gibt, müsse man die naheliegende Frage stellen: Ist die Aufgabenverteilung zwischen den Berufsgruppen überhaupt noch richtig?

„Wir verschwenden Ressourcen, wir sprechen einer Berufsgruppe, die hochqualifiziert ist, permanent die eigene Berufsautonomie ab." — Andreas Westerfellhaus

Das damals neue Pflegeberufereformgesetz sah mit den vorbehaltenen Tätigkeiten und der Befähigung zur selbstständigen Ausübung der Heilkunde einen ersten Aufschlag vor – allerdings noch ohne konkrete inhaltliche Füllung. Westerfellhaus verweist auf internationale Vorbilder: Advanced Nurse Practitioners, die ganze Aufgabenfelder eigenständig übernehmen, oder akademisch qualifizierte Pflegende, die im Ausland ganze Kliniken samt Case Management steuern. Damit ein solches Zusammenspiel gelingt, brauche es berufs-, leistungs- und haftungsrechtliche Grundlagen – und die Akzeptanz aller Berufsgruppen. Wie spannend dieser Aushandlungsprozess in der Praxis ist, zeigen unter anderem Diskussionen rund um Vorbehaltsaufgaben in der Pflege.

Den Menschen wirklich in die Mitte rücken

Über den Satz, man müsse den Patienten in den Mittelpunkt stellen, muss Westerfellhaus schmunzeln – schon in seiner eigenen Ausbildung Anfang der 1970er-Jahre habe man ihm das gesagt. Doch er meint es ernst und konkret: Stell dir die pflegebedürftige Person als Mittelpunkt eines Kreises vor. Erst fragst du, was dieser Mensch wirklich braucht, daraus ergeben sich bestimmte Leistungen, und dann – und erst dann – stellst du die Frage, wer diese Leistung am besten erbringen kann.

Sein Beispiel ist eindrücklich: Ein älterer Mann bekommt morgens um halb sieben einen Pflegedienst zur Körperpflege, um acht wird Blut gemessen, um zehn kommt jemand zum Haarewaschen – ein Service, den er früher nie hatte. Mobilisation wäre um elf Uhr nicht möglich, um 14 Uhr schon, vorausgesetzt, die Schmerzmedikation bei seiner Osteoporose stimmt. Auf solche individuellen Bedürfnisse einzugehen, statt nach starrer Funktionalität abzuarbeiten, das meint Westerfellhaus mit Patient:innenorientierung. Und er ist überzeugt: Das ist nicht nur für die Betroffenen zufriedenstellender, sondern auch für die Pflegenden, die ihre Kompetenz endlich zur Geltung bringen können. Modelle aus den Niederlanden, in denen multiprofessionelle Teams gemeinsam analysieren, was wirklich gebraucht wird, dienen ihm dabei als Vorbild.

„Wenn die Idee doch gut ist, warum nehmen wir nicht die Idee und verändern die Strukturen?" — Andreas Westerfellhaus

Sein Appell: mehr Mut, neue Ideen einfach mal ausprobieren und Strukturen an guten Konzepten ausrichten – nicht umgekehrt. Denn die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte ließen sich nicht mit den Instrumenten der letzten dreißig Jahre lösen.

Akademisierung: Pionierarbeit mit Rückenwind

Als langjähriger Verfechter der akademischen Qualifizierung sieht Westerfellhaus die Pflege in Deutschland beim Thema Studium eher noch am Anfang. Mit dem Pflegeberufereformgesetz standen zum Zeitpunkt der Aufnahme erstmals primärqualifizierende Studiengänge neben der generalistischen Ausbildung im Gesetz. Das Ziel: in den kommenden Jahren ein Anteil von 10 bis 20 Prozent akademisch qualifizierter Pflegefachpersonen. Dabei mahnt er, die Kirche im Dorf zu lassen – für eine Berufsgruppe von 1,2 bis 1,4 Millionen Menschen so schnell genügend Studienplätze und Dozierende aufzubauen, sei eine gewaltige Aufgabe.

Auf die Frage, ob die früheren Pflegestudiengänge ihrer Zeit voraus waren, antwortet Westerfellhaus differenziert. Ja, es habe viel Kritik gegeben, Modellstudiengänge ohne klare berufsrechtliche und tarifliche Anschlussperspektive zu etablieren. Trotzdem hält er den Weg für richtig: Genau weil diese Absolvent:innen existieren, kann die Pflege heute Antworten auf die Frage liefern, wie das Versorgungssystem von morgen aussehen soll. Den jungen Studierenden macht er Mut – sie seien Pionier:innen, die die spannendste und gestalterischste Aufgabe haben, auch wenn noch nicht jede Frage geklärt ist. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit diesem Spannungsfeld findest du in unserer Folge zur Akademisierung der Pflege.

Offen anspricht er auch ein heikles Thema: Während das Hebammenstudium vollständig finanziert wird, war die Finanzierung des Pflegestudiums damals deutlich ungeklärter – etwa bei der Vergütung von Praxiszeiten. Wenn es nicht gelinge, Nachwuchs für das Studium zu gewinnen, werde es schwierig, neue Versorgungsprozesse überhaupt zu gestalten.

Solidarität, eine Stimme und der Mut, einfach zu machen

Zum Abschluss wird Westerfellhaus deutlich: Politik könne viel vorschlagen, doch ohne die Pflege selbst funktioniere nichts. Es brauche ein echtes Miteinander statt isolierter Geschäfte zwischen Politik und Profession. Vor allem aber wünscht er sich Solidarität innerhalb der Berufsgruppe. Andere Berufsgruppen – etwa die Ärzteschaft mit dem Marburger Bund – setzten ihre Anliegen geschlossen durch. Die Pflege dagegen ringe noch um eine gemeinsame Stimme.

Gerade die Diskussion um Selbstverwaltung und Pflegekammern liegt ihm dabei am Herzen. Solange jede Interessengruppe – Arbeitgeber, Wohlfahrtsverbände, Kostenträger – für sich beanspruche, für die Pflege zu sprechen, fehle der Politik der eindeutige Ansprechpartner. Die Profession selbst kenne ihre Ressourcen am besten und müsse diese in einer eigenen Institution bündeln. Sein Appell an die Kritiker:innen: Statt nach 40 Jahren Stillstand weiter nur zu klagen, solle man den Menschen, die jetzt diesen Weg gehen, Vertrauen schenken – und nicht schon nach 100 Tagen das Scheitern ausrufen.

Westerfellhaus sieht keineswegs schwarz. Er sieht Perspektiven – allerdings nur, wenn alle Beteiligten gemeinsam anpacken: Betroffene, Angehörige, Pflegende, andere Berufsgruppen und die Politik. Was er sich am meisten wünscht, fasst er in drei Worten zusammen: Mut, Gestaltungswillen und die Bereitschaft, einfach mal zu machen. Seine eigene Berufsbezeichnung Krankenpfleger führt er bis heute mit Selbstbewusstsein – denn ohne professionelle Pflege funktioniere die Gesundheitsversorgung schlicht nicht.

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