- Viele Corona-Themen aus dem Frühjahr 2020 sind ein Jahr später noch immer ungelöst.
- Wissenschaft muss ihr Wissen verständlich und adressatengerecht vermitteln.
- Pflege gilt als wichtig – verändert hat sich für die Praxis kaum etwas.
- Negativität in sozialen Medien kann dem Pflegeberuf schaden.
- Die Übergabe ist unabhängig und gehört keiner Institution an.
Eine runde Zahl, eine volle Runde und ein Jahr, das niemand so kommen sah: Zum Jahresauftakt 2021 setzte sich das Übergabe-Team noch einmal live ans Mikrofon – um zurückzuschauen auf ein Pflege- und Pandemiejahr, das alles auf den Kopf gestellt hat, und um nach vorn zu blicken. Herausgekommen ist ein Gespräch über Wissenschaftskommunikation, die Belastung von Pflegefachpersonen, die fehlende Lobby der Pflege und die ganz grundsätzliche Frage: Reden wir unseren eigenen Beruf eigentlich zu schlecht? Dazwischen klingelte sogar das Telefon.
Ein Jahr, das im Flug verging – und doch in den Knochen steckt
Wer das Jahr 2020 mit der Erwartung begann, dass eine schöne, runde Zahl auch ein schönes Jahr bedeuten müsste, wurde gründlich eines Besseren belehrt. Im Rückblick wirkt vieles, was vor der Pandemie selbstverständlich war, plötzlich fremd: Menschentrauben in Filmen, Konzerte, das gedankenlose Nahbeisammensein. Wenn beim Zahnarztbesuch plötzlich vier oder fünf Leute auf engem Raum stehen, meldet sich ein leichtes Panikgefühl – und genau das beschreibt die neue Realität, an der inzwischen alles andere gemessen wird.
Gleichzeitig verging das Jahr für viele wie im Flug. Gerade weil so wenig „passierte" – kein Reisen, kaum Begegnungen, viel Homeoffice –, verschwammen die Tage ineinander. Und doch steckt die Belastung tief in den Knochen. Die Mischung aus Stillstand und Daueranspannung ist eines der prägenden Gefühle dieses Pflegejahres, das in der Episode immer wieder durchscheint.
Wie aus ein paar Folgen ein Förderprojekt wurde
Bemerkenswert ist, wie viel das kleine Team trotz aller Umstände produziert hat: Mit Folge 60 nach zwei Jahren liegt der Schnitt bei rund 30 Episoden pro Jahr. Ein großer Teil davon entstand spontan – die Corona-Spezialfolgen überschlugen sich im Frühjahr förmlich. Da wurde aus Platzmangel auch mal vor dem Router sitzend aufgenommen, weil das Ladekabel zu kurz war. Und plötzlich sagten Gesprächspartner:innen zu, die eigentlich Wichtigeres zu tun hatten – etwa der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann oder der Gesundheitsökonom Karl Lauterbach.
Aus der anfänglichen Frage, ob man überhaupt „auf den Corona-Zug aufspringen" sollte, wurde innerhalb weniger Monate ein Schwerpunkt – und schließlich sogar eine Förderung durch die Robert-Bosch-Stiftung im Bereich Wissenschaftskommunikation. Der Antrag entstand im Sommer 2020 spontan, der Zuschlag öffnete neue Perspektiven. Ein Beispiel dafür ist die Folge über Verschwörungstheorien – ein Thema, das das Team ohne die Pandemie womöglich nie für sich entdeckt hätte und das zum ersten Mal bewusst über den klassischen Pflegekosmos hinausging.
Besonders kurios verlief die Entstehung der Episode mit dem Virologen Christian Drosten: Die Anfrage lief bereits im März – ursprünglich, um zu klären, wie man sich in Langzeitpflegeeinrichtungen vor dem Virus schützen kann. Bis zur tatsächlichen Aufnahme verging fast das gesamte Jahr, in dem das Thema längst durch alle Settings gelaufen war. Trotzdem gelang am Ende ein lehrreiches Gespräch über ein Feld, das für viele Menschen vorher kaum greifbar war.
Wenn sich nichts ändert: alte Folgen, neue Aktualität
Eigentlich sollte ein Jahresrückblick zeigen, wie weit man gekommen ist. Doch ausgerechnet bei den Corona-Folgen aus dem Frühjahr fällt etwas Unbequemes auf: Sie sind aktueller denn je. Die Debatten über die Lage auf den Intensivstationen, über Schutz und Besuchsregelungen in der stationären Langzeitpflege – all das wiederholt sich zum Jahreswechsel fast wortgleich. Erfahrungen aus dem Ausland, die längst niedergeschrieben und verfügbar sind, werden kaum aufgegriffen.
„Die Themen, die wir im März, April besprochen haben, gerade in der stationären Langzeitversorgung, die sind jetzt noch immer aktuell oder aktueller denn je, weil einfach nichts passiert ist." — Mike
Woran liegt das? Eine Erklärung: Selbst wenn Wissenschaft und Praxis gemeinsam tragfähige Konzepte erarbeiten, dauert es oft Jahre, bis diese in der Breite ankommen. In einer Pandemie fällt diese Trägheit besonders schmerzhaft auf – weil hier Menschenleben davon abhängen. Es geht eben nicht darum, ein Assessment einzuführen, sondern darum, Menschen vor Infektionen zu schützen. Dass die Diskussion über geschlossene Heime sich ein Jahr nach dem ersten Lockdown nahezu unverändert wiederholt, ist für das Team schwer auszuhalten.
Wissen schaffen oder Wissen verständlich machen?
Aus dieser Beobachtung entwickelte sich in der Episode eine echte Grundsatzdebatte: Wozu ist Wissenschaft eigentlich da? Wer in der Forschung arbeitet, kennt das Gefühl, viel zu schreiben und zu publizieren – und doch das Gefühl zu haben, dass es genau dort, wo es ankommen müsste, in der Praxis, niemanden erreicht. Ist es Aufgabe der Wissenschaft selbst, ihre Erkenntnisse verständlich zu übersetzen? Oder schafft sie nur Wissen, und andere müssen es zugänglich machen?
Interessant ist der Generationenkontrast: Der 2020 verstorbene Pflegewissenschaftler Wilfried Schnepp vertrat die Haltung, dass Wissenschaft Wissen schaffe und es Aufgabe anderer sei, dieses zugänglich zu machen. Das Team sieht das anders – vielleicht, weil die Pflegewissenschaft eine Praxisdisziplin ist, die ein genuines Interesse daran hat, dass ihre Erkenntnisse auch umgesetzt werden. Klar ist: Die Parameter, an denen wissenschaftliche Qualität gemessen wird, passen oft nicht zu dem, was der Praxis tatsächlich nützt. Eine Veröffentlichung in einem renommierten Journal bringt einer Pflegefachperson am Bett im Zweifel wenig.
Und gerade hier liegt eine Stärke des Mediums Podcast: Wenn Fachleute über ihre eigenen Themen sprechen, werden komplexe Inhalte plötzlich greifbar – vom neuen Begutachtungsinstrument bis zur Personalbemessung. Niemand wird gezwungen, sich verständlich auszudrücken, aber das Gespräch lädt ganz selbstverständlich dazu ein. Genau dort sieht das Team eine Lücke, die es füllen will – auch bei unangenehmen Themen und im offenen Diskurs verschiedener Perspektiven.
„Pflege ist toll" – aber bitte kostenlos
Ein zweites großes Thema des Abends: die gesellschaftliche Wahrnehmung der Pflege. Auf der einen Seite war Pflege selten so präsent in den Medien wie 2020. In Talkshows und Nachrichten taucht ständig die Botschaft auf, wie wichtig und unverzichtbar Pflegefachpersonen seien. Auf der anderen Seite bleibt am Ende des Tages für die Pflege wenig übrig – wenn es ums Geld geht, wandern die Mittel oft in andere Berufsgruppen, wie etwa Diskussionen um Corona-Prämien oder die Vergütung von Impfungen zeigen.
„Pflege ist toll, Pflege ist wichtig. Aber sobald ich mehr dafür bezahlen muss, möchte ich damit auch nichts mehr am Hut haben. So ähnlich ist das mittlerweile mit Pflege." — Mike
Dahinter steckt für das Team eine Frage der Interessenvertretung: Wer spricht eigentlich für die Pflege? Solange Pflegende selbst nicht klar benennen, welchen Wert ihre Arbeit hat, kann die Gesellschaft sie auch nicht „retten". Genannt wird das Beispiel der Pflegekammern, die – siehe Niedersachsen – mancherorts wieder zur Disposition standen, ausgerechnet in einer Pandemie. Gleichzeitig betont das Team: Veränderung muss auch aus dem Beruf selbst kommen. Es geht nicht nur um Bezahlung, sondern um Arbeitsbedingungen und Anerkennung – und um eine Berufsgruppe, die selbstbewusst auftritt.
Ein Anruf aus Essen: Reden wir Pflege zu schlecht?
Mitten in dieser Debatte klingelte tatsächlich das Telefon – ein Hörer, auf Twitter als „Pflege42" unterwegs, wählte sich live ein. Sein Impuls: Statt immer nur Probleme zu wälzen, lohnt sich auch der Blick auf das, was funktioniert. Zum Beispiel die Pflegekammer in Rheinland-Pfalz, die es schon länger gibt. Was darf sie beeinflussen, was kann sie verändern? Ein Themenvorschlag, der prompt notiert wurde – samt der Idee, dort einmal nachzufragen.
Daran knüpfte eine kontroverse, aber faire Diskussion an. Auf der einen Seite die Sorge, dass in den sozialen Medien fast ausschließlich Negatives zu lesen ist – von Pflegenden, aber auch von Menschen aus Wissenschaft, Politik und Pädagogik. Wer den Beruf attraktiv machen und mehr Menschen gewinnen will, sendet mit endlosem Draufhauen womöglich genau das falsche Signal. Wer ständig hört, wie schlecht alles läuft, fragt sich irgendwann, warum er überhaupt in die Pflege gehen sollte.
„Wenn die Kritik da ist, dann muss die auch in die Welt getragen werden – es geht oft genug um Gesundheit und manchmal um das Überleben von Patient:innen." — Hörer „Pflege42"
Auf der anderen Seite das Gegenargument des Anrufers: Wer sich auskennt, muss benennen dürfen, was schiefläuft – sonst verschwindet das Problem nicht. Versöhnlich trafen sich beide Seiten in der Mitte: Kritik ist wichtig und gehört in die Öffentlichkeit. Aber sie wirkt mehr, wenn auf das „Das läuft schlecht" auch ein „Und so könnten wir es besser machen" folgt. Reine Empörung ohne Lösungsvorschlag und ohne Bereitschaft, sich zu engagieren, schadet der Pflege womöglich mehr, als sie ihr nützt.
Spahns Sofortprogramm: ein Versprechen und seine Lücken
Auch das vielzitierte Sofortprogramm Pflege kam zur Sprache – jene 13.000 zusätzlichen Stellen, die der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angekündigt hatte. Der Anrufer schilderte aus eigener Erinnerung, wie ihm beim Tag der offenen Tür im Ministerium versichert wurde, die Stellen könnten ab Januar „sofort" besetzt werden. Dass dafür Satzungsvorschriften, Durchführungsverantwortung und organisierende Stellen nötig sind, blieb dabei außen vor. Tatsächlich wurden anfangs nur wenige hundert der angekündigten Stellen besetzt.
Fairerweise gehörte zur Einordnung: Es ging um die Finanzierung der Stellen – das Geld stellte der Bund bereit, das Personal mussten die Einrichtungen selbst gewinnen. Doch genau hier liegt der wunde Punkt. Finanzierung allein verändert keine schlechten Arbeitsbedingungen. Ob eine Stelle bezahlt wird oder nicht, nützt wenig, wenn der Arbeitsplatz unattraktiv bleibt. Es müssen viele Schrauben gleichzeitig bewegt werden – sonst bleibt es bei Symbolpolitik, die sich gut in Schlagzeilen macht, aber in der Praxis nichts ändert.
Belastung, die kaum jemand sieht
Hinter all den Strukturdebatten stehen Menschen. In der Episode berichtet das Team von Bekannten, die auf Corona-Stationen arbeiten: Dienstpläne, die freitags noch nicht feststehen, Stationen, die kurzfristig besetzt werden – und Pflegefachpersonen, die kurz nach der Ausbildung bereits Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigen, weil sie schon Dutzende verstorbene Patient:innen versorgt haben. Wie sehr diese ethisch und körperlich extreme Situation den Einzelnen zusetzt, hat die breite Öffentlichkeit kaum im Blick. Dass die Praxis gerade jetzt so hart ist, erklärt für das Team auch, warum sich so viele Luft machen müssen.
Was 2021 ansteht – und eine wichtige Klarstellung
Trotz aller Schwere geht das Team mit einem prall gefüllten Rucksack ins neue Jahr. Geplant sind unter anderem eine Auseinandersetzung mit dem Thema Pflege in den Medien – mit Akteur:innen aus sozialen wie aus Printmedien und der Frage, welche Verantwortung Öffentlichkeit mit sich bringt. Dazu kommen die Corona-Impfung für Pflegende und die Frage, ob diese sich wirklich seltener impfen lassen wollen oder schlicht kein Impfstoff bereitsteht. Auch die hochschulische Pflegeausbildung steht auf der Agenda: Welche Wege eröffnen Bachelorstudiengänge, und wie werden Studierende von Hochschulen unterstützt? Hinzu kommen klassische pflegefachliche Themen wie Professionalisierung, Mobilisation und der Stellenwert von Bewegung.
Zum Schluss räumte das Team mit einem hartnäckigen Gerücht auf: Die Übergabe ist kein Podcast des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe – auch wenn einzelne Teammitglieder dort Mitglied sind. Es fließt kein Geld in die eine oder andere Richtung, und der Podcast versteht sich nicht als Sprachrohr irgendeiner Institution. Wo eine Folge gefördert wird, etwa durch die Robert-Bosch-Stiftung, wird das transparent ausgewiesen. Finanziert wird das Projekt vor allem durch die Hörer:innen selbst – und genau diese Unabhängigkeit erlaubt es, Dinge auch mal frei „blöd zu finden". Und falls du beim nächsten Mal selbst anrufen willst: Trau dich – Call-in-Folgen soll es ruhig öfter geben.
Zum Weiterhören
- ÜG053 – Das Corona-Virus im Kontext der Pflege (Prof. Dr. Christian Drosten)
- ÜG057 – Verschwörungstheorien (Katharina Nocun & Dr. Karl Hepfer)
- ÜG042 – CORONA SPEZIAL #9: Lage auf Intensivstationen (Interview mit Carsten Hermes)
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