Wenn 2.800 junge Pflegende laut werden: Was vom Kongress in Bochum hängen bleibt

Es ist halb elf am Vormittag, in der Bochumer Kongresshalle haben gerade die ersten Vorträge geendet, und im Foyer drängen sich Menschen in Pflegekitteln, Schul-Hoodies und Verbands-Shirts. 2.800 junge Pflegefachpersonen und Auszubildende sind angereist, um einen ganzen Tag lang ein einziges Thema zu verhandeln: „Proud to become a nurse!". Stolz. Auf einen Beruf, der in den Medien meist nur dann auftaucht, wenn es um Skandale, Personalmangel oder Heldennarrative geht. Dazwischen liegt selten Raum für das, was Pflege tatsächlich ist – und genau dieser Raum war an diesem Tag aufgespannt.

Wir haben für die Übergabe sechs Stimmen eingefangen, die den Kongress mitgestaltet, moderiert oder eingeordnet haben. Was dabei entstanden ist, ist weniger ein nostalgischer Rückblick als eine Bestandsaufnahme – und ein Auftrag an die nächste Generation.

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Warum dieser Kongress, warum dieses Motto?

Jana, eine der Co-Koordinatorinnen aus der AG Junge Pflege, beschreibt die Motivation hinter dem Motto sehr offen. Die AG habe sich in diesem Jahr viel mit sich selbst beschäftigt, mit der eigenen Aufstellung, mit dem, was junge Pflegende gerade trägt – und was sie eben nicht mehr trägt. Zukunftsangst, politische Unsicherheit, das Gefühl, ständig einstecken zu müssen: All das war Anlass, den Blick bewusst umzulenken. Auf etwas Positives. Auf den Stolz. Die AG wollte für die 2.800 Anwesenden so etwas wie eine Berufsstolzquelle sein, einen Kraftort, aus dem sich für die kommenden Berufsjahre schöpfen lässt. Eine Vorstellung, die durch den ganzen Kongresstag hindurchtrug.

Berufsstolz war schon da – aber er sah anders aus

Franziska Berghoff, Referentin beim Deutschen Pflegerat, hielt einen der Eröffnungsvorträge. Ihr Titel: Vom unsichtbaren Dienst zur Profession – was ist aus unserem Berufsstolz geworden? Schon die Formulierung legt nahe, dass es ihn früher gegeben haben muss. Und tatsächlich, sagt Berghoff, sei Berufsstolz in der Pflege keine neue Erfindung. Aber er habe auf ganz anderen Eckpfeilern geruht: dem Beziehungsgedanken, dem sozialen Aspekt, der Hingabe. Diese Anteile sind nicht verschwunden – sie sind heute aber eingebettet in etwas Größeres: Professionalisierung, Fachlichkeit, Spezialisierung, eine eigene Pflegeprozessverantwortung. Lange Zeit, so Berghoff, habe Pflege in Deutschland unter dem Deckmantel der Ärzteschaft gestanden. Ohne eigenen Wissenschaftskorpus konnten internationale Entwicklungen kaum aufgenommen werden. Heute, mit einer etablierten Akademisierung, könne man endlich nach außen schauen – nicht in Konkurrenz zur Medizin, sondern als eigenständiges Berufsfeld mit eigenen Stärken. Ihre Vision für die Zukunft: Pflegefachpersonen, die – ähnlich wie in der Medizin – auf allen Karrierestufen vertreten sind, die promovieren, die komplexe Pflegesituationen wissenschaftsbasiert lösen, die das Versorgungsgeschehen aktiv mitgestalten. Auf die Frage, wie lange das noch dauere, antwortet sie ehrlich: 20, 30 Jahre. Ein Marathon, kein Sprint. Aber jede einzelne Handlung zählt.

„Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wünsche ich mir, dass jede Pflegefachperson stolz morgens in die Arbeit geht und stolz ihre Arbeit machen kann." — Franziska Berghoff, Deutscher Pflegerat
Deutscher Pflegerat - Willkommen beim DPR
Willkommen auf der Webseite des DPR! Wir vertreten als Bundesarbeitsgemeinschaft und Dachverband seit 1998 die bedeutendsten Berufsverbände des Pflege- und Hebammenwesens in Deutschland.

Eine neue Definition – und was sie für den Alltag bedeutet

Marina Kauer, stellvertretende Geschäftsführerin im DBfK Nordwest, sprach in Bochum über die neue ICN-Definition von professioneller Pflege, die im Juni 2025 in Helsinki veröffentlicht wurde. Die alte Definition stammte aus dem Jahr 2002 – also aus einer Zeit vor Pandemie, vor digitaler Transformation, vor demografischem Bruch. Sie wurde, so Kauer trocken, ohnehin kaum noch verwendet. Eine Definition, die niemand mehr nutzt, ist eben nur ein Stück Papier. Das Neue an der neuen Definition: Sie macht Autonomie zum Kern des Berufsverständnisses. Pflegefachpersonen handeln eigenständig, treffen Entscheidungen, tragen Verantwortung, gestalten Gesundheitssysteme aktiv mit – und tun das auf einer Basis aus Wissenschaft, Evidenz und kritischem Denken. Evidence-Based Nursing als Selbstverständnis, nicht als Schlagwort. Kauer macht aber auch klar: Die Definition wirkt nicht von selbst. Es kommt darauf an, was Pflegefachpersonen damit tun – in der Bildung, in der politischen Argumentation, in der Versorgungsgestaltung. Die ICN-Definition sei ein Kompass. Welche Richtung man einschlägt, entscheidet jede:r selbst.

„Die ICN-Definition ist ein Kompass. Es kommt darauf an, was wir Pflegende damit tun." — Marina Kauer, DBfK Nordwest
DBfK - Regionalverband Nordwest
Interessensvertretung beruflich Pflegender in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg und Bremen | Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe DBfK Nordwest e.V.

Verantwortung war schon immer da – nur nicht immer klar

Auf einem ganz anderen Strang des Kongresses bewegte sich Prof. Dr. Erika Sirsch , Professorin für Pflegewissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Ihr Thema: Verantwortung. Und ihre zentrale Beobachtung: In der pflegerischen Versorgung gibt es eine ausgeprägte Verantwortungsdiffusion. Pflegefachpersonen übernehmen seit jeher Aufgaben, die formal nicht in ihrem Verantwortungsbereich liegen – informell, eingespielt, oft unbenannt. Umgekehrt landen pflegerische Aufgaben manchmal in anderen Händen. Mit dem Pflegekompetenzgesetz (BEEP) und den Vorbehaltsaufgaben ändert sich das, zumindest formal. Die Pflege von Menschen mit Demenz, Diabetes und chronischen Wunden geht – nach Ablegen entsprechender Prüfungen – in die formelle Verantwortung der Pflegefachpersonen über. Das, so Sirsch, ist nicht so sehr eine Übernahme neuer Aufgaben, sondern eine Klärung dessen, was de facto längst geschieht. Die Differenzierung zwischen Anordnungsverantwortung und Durchführungsverantwortung wird dabei zur Schlüsselunterscheidung. Und ja, sagt Sirsch, das mache vielen Pflegefachpersonen Angst – verständlicherweise. Aber wer Verantwortung nicht übernimmt, müsse dann auch akzeptieren, in bestimmten Prozessen nur noch ausführend, nicht mehr steuernd zu sein.

Ihr Appell an die Auszubildenden: Es braucht Fachwissen, Fertigkeiten, eine gemeinsame Haltung zum Pflegeprozess, Mut – und vor allem kommunikative Kompetenz, um die eigene Verantwortung im interprofessionellen Team auch tatsächlich auszufüllen.

Berufspolitik beginnt im Klassenraum

Anne Hafenegger, Pflegepädagogin an der Uniklinik Köln und Kammerbotschafterin der Pflegekammer NRW, war mit rund 100 Auszubildenden aus dem dritten Ausbildungsjahr angereist. Ihr Steckenpferd: Berufspolitik in der Pflegeausbildung. Für sie hängt berufspolitisches Engagement eng mit dem Kohärenzgefühl in der Ausbildung zusammen – also mit dem Empfinden, dass die eigene Arbeit verstehbar, handhabbar und sinnhaft ist. Wer früh erlebt, dass sich Rahmenbedingungen verändern lassen, bleibt motivierter und länger im Beruf. Konkret heißt das: Auszubildende mit in den Landtag nehmen. Ehrenamtliche aus dem Berufsverband in den Unterricht einladen. Projekte machen, die zeigen, dass berufspolitisches Handeln wirksam ist. Und über die Pflegekammer sprechen – inklusive der 1,78 Euro Monatsbeitrag, die in NRW gerade Thema sind. „Eine Portion Suppengrün", so haben es Auszubildende in Hafeneggers Kurs ausgerechnet. Dafür eine Berufsordnung, eine Stimme, eine Vertretung. Hafeneggers Strategie gegen Kammer-Skepsis: in die Lebenswirklichkeit der Menschen eintauchen, fragen, was sie verbessern wollen – und dann zeigen, wie nah man damit am Proprium der Kammer ist.

Pflegekammer NRW
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Sichtbarkeit jenseits der Krankenhausflure

Dominik Stark, Fachkrankenpfleger für Intensiv und Anästhesie, Praxisanleiter, Vorstandsmitglied der Pflegekammer NRW und mit rund 90.000 Follower:innen quer über die Plattformen unterwegs, brachte ein weiteres Thema mit: Pflege auf Social Media. Seine Diagnose der Medienlandschaft fällt ernüchternd aus. In klassischen wie sozialen Medien wird Pflege oft als Skandal, Krise oder Aufopferungsdrama erzählt. Laienpflege, professionelle Pflege, Körperpflege – alles wird in einen Topf geworfen. Das Bild, das hängenbleibt, hat mit der Realität wenig zu tun.

Starks Botschaft: Wenn wir uns nicht selbst zeigen, machen es andere. Und zwar ohne Fachwissen, ohne Differenzierung, ohne Anspruch. Reichweite kann auch mit guten Inhalten gelingen – ein gut gesetzter erster Satz, ein knackiger Hook, dann Fakten. Was Stark ablehnt, ist populistischer Clickbait ohne Substanz. Was er gleichzeitig spürt: Der größte Gegenwind kommt häufig aus der eigenen Berufsgruppe. Auf eine Folge zu Medical Gaslighting und der rassistischen Pseudodiagnose „Morbus mediterraneus" folgten persönliche Angriffe aus dem eigenen Community-Umfeld – mit teils heftigen Worten. Stark zieht daraus eine doppelte Konsequenz: Social Media nutzen, ja. Aber nicht als alleinigen Ort der Sichtbarkeit. Berufspolitischer Unterricht in den Schulen, Präsenz auf den Stationen, Journal Clubs, Begegnung – das sei genauso wichtig wie das Smartphone.

„Berufsstolz ist nichts Statisches. Er entwickelt sich – und er kann auch verletzt werden. Wir müssen lernen, ihn zu beschützen." — Jana Feldwieser-Knahl, Co-Koordinatorin AG Junge Pflege

Was bleibt: Ein Fangnetz und ein Auftrag

Wer den Kongress in einem Satz zusammenfassen will, kommt an Janas Schlusswort kaum vorbei. Berufsstolz, sagt sie, sei nichts, was man im Vorlesungssaal lerne oder in einem Lehrbuch nachschlage. Berufsstolz entwickle sich. Er könne wachsen, er könne verletzt werden, er sei nichts Statisches. Die Aufgabe der jungen Generation bestehe darin, diesen Stolz zu erkennen, ihn zu kultivieren – und ihn vor allem zu beschützen, weil es im Berufsalltag genug gibt, was ihn beschädigt. Was Auszubildende brauchen, wenn sie mit dieser Haltung in die Praxis gehen, ist ein Fangnetz. Für Jana sind das die Menschen in ihrer AG, ihre Verbandsfreund:innen, die Treffen, bei denen es eben nicht nur um Kongressplanung geht, sondern um die Frage: Wie geht es dir gerade? Und ähnlich denkt Marina Kauer: Eine starke Gemeinschaft – ob im DBfK, in der AG Junge Pflege, in regionalen Strukturen – ist eine der wichtigsten Ressourcen für eine Generation, die viel Verantwortung übernehmen wird. Nicht jede Stimme muss laut sein. Aber gemeinsam müssen wir laut sein. Das ist vielleicht die ehrlichste Bilanz dieses Kongresstages: Stolz ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Eine, die alle gemeinsam üben müssen.

Save the date: Junge Pflege Kongress 2027

Der Junge Pflege Kongress findet im nächsten Jahr am 20. Mai 2027 statt - wieder im RuhrCongress in Bochum. Auf der Webseite der AG Junge Pflege finden sich alle relevanten Informationen rund um den Kongress.