Nachhaltigkeit in der Pflegeausbildung: Wie ein Projekt den Wandel von innen heraus anstoßen will

Es gibt Themen, die überall auftauchen – in der Politik, im Supermarkt, auf Social Media – und trotzdem in bestimmten Bereichen noch kaum ankommen. Die Pflege ist eines dieser Felder: Das Gesundheitswesen verursacht in Deutschland zwischen fünf und sechs Prozent aller Treibhausgasemissionen, und doch ist das Bewusstsein dafür in der täglichen Praxis oft erschreckend gering. Genau hier setzt das Projekt BBNE-PfleGe an – und es hat dafür im Dezember sogar den Deutschen Nachhaltigkeitspreis gewonnen.

Sieger und Finalisten | Deutscher Nachhaltigkeitspreis

Was steckt hinter dem Kürzel BBNE-PfleGe?

BBNE steht für „Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung" – ein Begriff, der in der Pädagogik seit Jahren etabliert ist und das Ziel verfolgt, Nachhaltigkeitskompetenzen in alle formalen und informellen Bildungsbereiche zu bringen. Von der frühkindlichen Bildung über die Schule bis zur Berufsausbildung. Der Zusatz „PfleGe" steht für Praxisanleitende in Pflege- und Gesundheitsberufen als Schlüsselpersonen.

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Hinter dem Projekt stehen drei Kooperationspartner: der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) sowie der Berliner Bildungscampus. Gefördert wird es durch den Europäischen Sozialfonds und das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) begleitet das Projekt fachlich im Rahmen seiner Förderphase „Nachhaltig im Beruf".

KLUG | Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V.
Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. – kurz KLUG – wurde 2017 als gemeinnütziger Verein gegründet und ist ein schnell wachsendes Netzwerk aus Expert:innen, wissenschaftlichen Einrichtungen und vielen weiteren Akteuren des Gesundheitssektors. KLUG macht auf die weitreichenden Folgen der Klima- und Umweltkrise für die Gesundheit aufmerksam und befähigt insbesondere Menschen aus Gesundheitsberufen, die notwendige Transformation hin zu einer klimagerechten Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

Die Idee entstand aus der Erkenntnis heraus, dass sich alle gesellschaftlichen Bereiche im Rahmen einer sozial-ökologischen Transformation verändern müssen – auch das Gesundheitswesen. Und dass die Menschen, die täglich in diesen Feldern arbeiten, die besten Expertinnen und Experten für ihren eigenen Bereich sind.

Warum die Pflege? Warum jetzt?

Dass der ICN-Ethikkodex, der ethische Orientierungsrahmen für Pflegefachpersonen weltweit, den Schutz der natürlichen Umwelt und den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen explizit als Teil des professionellen Selbstverständnisses definiert, ist vielen schlicht nicht bekannt. In Fortbildungen berichten die Projektmitarbeiterinnen Sarah Fliesgen und Luka Eulberg immer wieder, dass Teilnehmende davon zum ersten Mal hören – obwohl sie schon seit Jahren im Beruf tätig sind.

„In der Theorie ist Nachhaltigkeit im berufsethischen Bild der Pflege ganz klar verankert – aber wir erleben immer wieder, dass das den meisten Menschen wirklich nicht bewusst ist, und dass die das in unserer Fortbildung zum ersten Mal hören."
– Luka Eulberg

Das ist keine Kritik an einzelnen Personen, sondern ein strukturelles Problem: Das Thema Nachhaltigkeit und planetare Gesundheit fehlt schlicht in der Ausbildung, in den Curricula, in der alltäglichen Fachsprache. Und das, obwohl die Zusammenhänge längst belegt sind.

Der Klimawandel trifft das Gesundheitswesen von zwei Seiten: Einerseits trägt es selbst zur Klimakrise bei – etwa durch Medikamente und Einmalprodukte, die zusammen fast 50 Prozent der Emissionen im Gesundheitssektor ausmachen. Andererseits werden Pflegefachpersonen zunehmend mit den Folgen der Erderwärmung konfrontiert: mehr Hitzewellen, mehr Patient:innen in Extremwetterlagen, neue Krankheitsbilder. Wer in einem Krankenhaus ohne Klimaanlage im Hochsommer Dienst schiebt, spürt das am eigenen Leib.

Der Handschuh als Symbol für ein System

Eines der eindrücklichsten Beispiele aus der Fortbildung ist der Handschuhgebrauch. Ein einzelner Handschuh verursacht 29-mal so viele Emissionen wie eine Händedesinfektion – und trotzdem werden Handschuhe in der Praxis häufig unreflektiert und weit über die hygienisch notwendigen Situationen hinaus verwendet. Das hat sich nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie eingeschlichen, als persönliche Schutzausrüstung nahezu reflexartig eingesetzt wurde.

Das bedeutet nicht, Hygienevorschriften auszuhebeln – im Gegenteil. Es geht darum, blinde Flecken sichtbar zu machen und sich die bestehenden Indikationen für den Handschuhgebrauch bewusst wieder anzueignen. Umweltschutz und Infektionsprävention schließen sich dabei nicht aus, sie können Hand in Hand gehen.

Ein weiteres Beispiel sind Anästhesiegase: Besonders klimaschädliche Substanzen wie Desfluran werden inzwischen kaum noch eingesetzt, weil frühzeitige Aufklärungsarbeit gefruchtet hat und viele Häuser auf intravenöse Narkosen umgestiegen sind. Das zeigt: Sensibilisierung wirkt – wenn sie dort ansetzt, wo Entscheidungen täglich getroffen werden.

Der Multiplikatoreffekt: Warum Praxisanleitende im Fokus stehen

Das Projekt richtet sich nicht direkt an Auszubildende oder die Krankenhausleitung, sondern an eine Schlüsselgruppe: Praxisanleitende. Der Grund ist strategisch klug: Sie stehen in direktem Kontakt mit Auszubildenden – das erzeugt einen Multiplikatoreffekt. Gleichzeitig haben sie eine Vorbildfunktion für das gesamte Team.

„Wenn eine Person versteht, warum sie ihr Verhalten verändern soll, und einen Sinn dahinter sieht, tut sie es sehr viel eher, als wenn eine Leitung kommt und sagt: Ab sofort nur noch zehn Handschuhe am Tag."
– Sarah Fliesgen

Wer aus intrinsischer Motivation heraus handelt – weil er oder sie verstanden hat, warum Veränderung sinnvoll ist –, trägt diese Veränderung auch nach außen. Die Forschung zeigt: Es braucht nur etwa zehn Prozent einer Belegschaft, die eine Überzeugung wirklich leben, um andere mitzunehmen. Praxisanleitende können genau diese zehn Prozent sein.

Die achtstündige Fortbildung, die im Rahmen der verpflichtenden 24-Stunden-Fortbildung für Praxisanleitende angerechnet werden kann, folgt einem klaren Ablauf: Einstieg mit Reflexion eigener Haltungen, fachlicher Input zu planetarer Gesundheit, Rollendiskussion und am Nachmittag eine Transferphase, in der die Teilnehmenden eine konkrete Arbeits- und Lernaufgabe für ihre Auszubildenden entwickeln. Kein aufgesetztes Modul, sondern ein Querschnittsthema, das sich in bestehende Ausbildungsprozesse integrieren lässt.

Vom Fußabdruck zum Handabdruck

Ein zentrales Konzept der Fortbildung ist der Handabdruck – ein Gegenmodell zum klassischen ökologischen Fußabdruck. Während der Fußabdruck fragt, wie viele Emissionen ich durch mein persönliches Verhalten verursache, fragt der Handabdruck: Wie kann ich durch mein Handeln Strukturen so verändern, dass nachhaltiges Verhalten für viele Menschen möglich wird?

Statt sich täglich zu fragen, ob man mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, könnte man sich dafür einsetzen, dass in der Klinik ein Jobrad-Programm eingeführt wird – was dann für viele Kolleg:innen einen Unterschied macht. Im pflegerischen Alltag könnte das bedeuten: Prozesse hinterfragen, Leitungen einbeziehen, neue Abläufe anstoßen.

Genau das passiert tatsächlich: Eine Teilnehmerin meldete sich Wochen nach der Fortbildung zurück und berichtete, dass sie eigeninitiativ den Vertrieb kontaktiert hatte, um nachhaltigere Alternativen zu Einmalprodukten zu finden – und damit auf ihre Stationsleitung zugegangen war. Keine Anweisung von oben, kein Projekt – einfach der Wunsch, etwas zu verändern.

Nachhaltigkeit ist mehr als Ökologie

Ein häufiges Missverständnis: Nachhaltigkeit wird mit Ökologie gleichgesetzt, mit Mülltrennung und CO₂-Bilanzen. Dabei umfasst das Konzept drei Dimensionen – ökologisch, ökonomisch und sozial –, die gleichrangig sind und voneinander abhängen.

„Nachhaltigkeit hat nicht nur eine ökologische Dimension. Sie hat genauso eine ökonomische und eine soziale – und die müssen immer in Abhängigkeit voneinander gedacht werden. Auch die Arbeitsbedingungen in der Pflege gehören dazu."
– Luka Eulberg

In der Pflege bedeutet das: Wer über Nachhaltigkeit spricht, spricht auch über Arbeitsbedingungen, Zeitdruck, Bezahlung und Fachkräftemangel. Der Kostendruck, der dazu führt, dass Einmalmaterial scheinbar günstiger ist als Mehrweglösungen, ist keine ökologische, sondern eine strukturelle Frage. Und die hat eine politische Dimension.

Die Fortbildung macht bewusst Raum für genau diese Auseinandersetzung – ohne Zeigefinger, ohne Schuldgefühle. Es geht nicht darum, Pflegefachpersonen individuell verantwortlich zu machen für ein systemisches Problem. Es geht darum, ihnen zu zeigen, dass sie auf mehreren Ebenen wirksam sein können: im eigenen Handeln, in der Einrichtung, und – als Teil einer Berufsgruppe von rund 1,7 Millionen Menschen in Deutschland – auch politisch.

Was als nächstes kommen soll

Das Projekt läuft noch bis Juni 2026 und hat bislang über 2.000 Praxisanleitende erreicht, mit mehr als 50 Kooperationspartner:innen bundesweit. Zusätzlich zur achtstündigen Fortbildung gibt es ein Train-the-Trainer-Programm über 24 Stunden, das sich an Bildungspersonal richtet – Praxisanleitende, Lehrende an Pflegeschulen, freiberufliche Dozent:innen – und sie befähigt, das Thema selbst in ihrer Einrichtung zu verankern.

Langfristiges Ziel ist eine strukturelle Verankerung: in den Rahmenlehrplänen der Pflegeausbildung nach § 53 Pflegeberufegesetz. Die zuständige Fachkommission beim BIBB wurde bereits kontaktiert, die nächste Überarbeitung der Rahmenempfehlung wird für 2029 erwartet. Bis dahin sollen möglichst viele Schulen das Thema eigeninitiativ in ihre Curricula aufnehmen – wofür das Train-the-Trainer-Programm die Grundlage legt.

Ein Folgeprojekt ist beantragt, in dem unter anderem mehr Webinare zu Einzelthemen wie Medikamentengebrauch und Abfallentsorgung sowie niedrigschwellige Bildungsmaterialien geplant sind. Außerdem soll die Lernortkooperation zwischen Pflegeschule und Ausbildungsbetrieb gestärkt werden – denn was in der Praxis gelernt wird, muss mit dem verzahnt sein, was in der Schule gelehrt wird.