Humor wird im Gesundheitswesen oft wie ein nettes Extra behandelt: schön, wenn er auftaucht, aber nicht wirklich relevant für Versorgung, Teamarbeit oder Patient:innenerleben. Die Episode zeichnet ein anderes Bild. Humor ist kein dekoratives Beiwerk, sondern ein professionelles Werkzeug der Kommunikation. Er beeinflusst, wie Beziehungen entstehen, wie Stress verarbeitet wird und wie Menschen in belastenden Situationen handlungsfähig bleiben. Genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick darauf, was Humor in Pflege und Klinik tatsächlich leisten kann.
Humor ist eine Haltung, kein Dauerlachen
Im Gespräch wird Humor als „Fluss“ beschrieben: nicht als Pflicht zum Lachen, sondern als Beweglichkeit im Kontakt. Damit rückt Humor näher an Begriffe wie Sympathie, Nähe und Resonanz. Humor kann bedeuten, dass ein Gespräch leichter wird, dass eine angespannte Situation sich öffnet oder dass ein Moment von Hilflosigkeit in einen Moment von Orientierung kippt. Besonders in der Pflege, wo Gespräche oft unter Zeitdruck und in emotional aufgeladenen Kontexten stattfinden, ist diese Beweglichkeit eine Kernkompetenz.
Wichtig ist dabei eine klare Abgrenzung: Humor zielt nicht darauf, negative Gefühle wegzudrücken. Traurigkeit, Angst oder Wut können angemessen und notwendig sein, gerade bei Krankheit, Verlust oder Überforderung. Professioneller Humor beginnt häufig damit, diese Gefühle zu akzeptieren und ihnen Raum zu geben. Erst dann kann Leichtigkeit entstehen, ohne dass die Realität verleugnet wird.
Positive Gefühle wirken auch bei Krankheit
Die wissenschaftliche Perspektive ordnet Humor in die positive Psychologie ein. Positive Gefühle sind nicht bloß „gute Laune“, sondern ein Bestandteil von Wohlbefinden und damit ein relevanter Gesundheitsfaktor. Entscheidend ist die Balance: Menschen brauchen nicht nur weniger negative Gefühle, sondern auch ausreichend positive. Und diese positiven Gefühle können parallel zu Belastung existieren. Jemand kann krank sein, Angst empfinden oder trauern und dennoch in einzelnen Momenten Erleichterung spüren.
In der Episode wird außerdem auf körpernahe Effekte hingewiesen: Positiver Affekt kann mit niedrigeren Stressmarkern, reduzierter Herzfrequenz oder sinkendem Blutdruck einhergehen. Das ersetzt keine Medizin, kann aber als Ergänzung wirken, weil Körper und Psyche nicht getrennt funktionieren. Humor ist damit nicht „Therapie statt Behandlung“, sondern „Beziehung und Regulation neben Behandlung“.
„Weinen ist wie Lachen, nur feuchter.“
- Andreas Bentrup
Beziehungspflege als Versorgungsfaktor
Humor entfaltet seine Wirkung besonders in Beziehungen. Wenn Pflegefachpersonen mit Patient:innen so kommunizieren, dass Sympathie entstehen kann, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Patient:innen Empfehlungen annehmen, sich an Therapieplänen beteiligen oder Fragen stellen, statt sich zurückzuziehen. Humor kann hier eine Brücke sein, weil er Distanz reduziert, ohne Grenzen zu überschreiten. Gleichzeitig wirkt Humor ins Team hinein: Eine Station, auf der Kolleg:innen miteinander lachen können, ist nicht automatisch konfliktfrei.
Ein alltagsnaher Unterschied wird im Gespräch deutlich: Ein Witz kann im Team als Ventil funktionieren, während er in Anwesenheit von Zugehörigen verletzend oder respektlos wirkt. Humor ist damit immer kontextgebunden. Wer Humor professionell nutzt, muss nicht nur „witzig“ sein, sondern situationssensibel, respektvoll und bereit, Grenzen anzuerkennen.
Humorstile: hilfreich, riskant, schädlich
Die Episode greift eine in der Forschung verbreitete Einteilung auf: Sozialer Humor stärkt Beziehungen, selbstaufwertender Humor hilft, sich selbst zu stabilisieren, ohne andere abzuwerten. Dem gegenüber stehen aggressiver Humor, der auf Kosten anderer geht, und selbstabwertender Humor, der die eigene Person dauerhaft klein macht. Für die Pflegepraxis ist diese Unterscheidung zentral. Aggressiver Humor kann Patient:innen beschämen oder Teamkultur vergiften. Selbstabwertender Humor kann kurzfristig Spannung abbauen, langfristig aber Selbstwert und Belastbarkeit untergraben.
Eng damit verbunden ist die Abgrenzung von Sarkasmus und Zynismus. Zynismus kann als analytische Perspektive verstanden werden, die Missstände sichtbar macht und auf Veränderung zielt, wie man es aus Kabarett und politischer Satire kennt. Sarkasmus wird im Gespräch eher als Bitterkeit beschrieben, die weniger verarbeitet als entlädt. Wenn in Teams vor allem Sarkasmus dominiert, ist das ein Hinweis darauf, dass Erschöpfung, Frustration oder fehlende Anerkennung längst nicht mehr gut aufgefangen werden.
Humor ist trainierbar: „Freude pflegen“
Besonders greifbar wird das im Projekt „Freude pflegen“. Dort wird Humortraining systematisch in die Pflegeausbildung integriert: sechs Module über drei Jahre. Begleitet wird das mit validierten Fragebögen, die verschiedene Facetten erfassen, etwa spielerische Einstellung, Humor im Alltag und Humor als Stressstrategie. Der Befund ist bemerkenswert: In einer Vergleichsgruppe ohne Training sank Humor im Verlauf, während er in der Trainingsgruppe stabil blieb. Gleichzeitig zeigte sich ein positiver Zusammenhang mit Arbeitsfreude und Flow-Erleben, also dem Gefühl, bei der Arbeit aufzugehen.

Damit wird Humor zu etwas Messbarem. Nicht im Sinne von „Wie viele Witze erzählt jemand?“, sondern als Bündel von Fähigkeiten: wahrnehmen, bewerten, reagieren, regulieren. Humor wird zur Ressource, die unter Druck nicht automatisch verschwindet, wenn sie gepflegt und bewusst eingeübt wird.
Was im Training konkret passiert
Die Trainings setzen auf Erleben, Reflexion und Transfer. Eine Übung ist das Kompliment als Ich-Botschaft. Es wirkt schlicht, trainiert aber mehrere Kompetenzen gleichzeitig: Ressourcenorientierung, klare Sprache, aktives Zuhören und die Fähigkeit, Kontakt bewusst zu gestalten. Weitere Inhalte sind Ich-Botschaften, konstruktive Kritik, Teamübungen und eine positive Fehlerkultur. Gerade Fehlerkultur ist im Gesundheitswesen kein „Soft Skill“, sondern Patient:innensicherheit. Wer Fehler transparent ansprechen kann, ermöglicht Lernen, verhindert Wiederholungen und schafft Vertrauen im Team.
Hinzu kommen Elemente von Achtsamkeit, Resilienz und Stressmanagement. Die Grundidee ist pragmatisch: Pflegefachpersonen sollen nicht dazu gebracht werden, negative Gefühle zu verdrängen. Vielmehr geht es darum, Gefühle wahrzunehmen, angemessen zu kommunizieren und dadurch wieder in Bewegung zu kommen. Humor wird so zur Psychohygiene, nicht zur Maske.
Klinikclown: professionelle Nähe mit klaren Grenzen
Der Blick in die Klinikclownerie schärft die Perspektive darauf, wie fein Humor dosiert werden muss. Klinikclowns arbeiten nicht gegen Traurigkeit, Angst oder Wut, sondern mit Respekt vor diesen Zuständen. Oft beginnt die Intervention mit Validierung: Das Gefühl wird gesehen, nicht wegerklärt. Erst danach kann sich eine Verwandlung in Richtung Leichtigkeit ergeben. Die rote Nase ist dabei weniger „Kostüm“ als Signal: Sie markiert eine Rolle, macht ungewöhnliche Handlungen verständlicher und schafft klare Orientierung im Raum.
Gleichzeitig bleibt Humor risikobehaftet. Er kann missverstanden werden, er kann bei Außenstehenden Irritation auslösen, und er verlangt hohe Aufmerksamkeit für die Umgebung. Professioneller Humor bedeutet deshalb auch Transparenz und Nacharbeit: Wer irritiert wurde, braucht Erklärung, sonst bleibt ein Vertrauensschaden. Genau an dieser Stelle zeigt sich die Nähe zur Pflege: Auch hier zählt nicht nur die Handlung, sondern die Beziehung, in der sie stattfindet.
Perspektivwechsel als zentrale Kompetenz
Ein wiederkehrendes Motiv der Episode ist der Perspektivwechsel. Ein Witz funktioniert über einen Twist: Erwartungen werden gebrochen, und die Überraschung schafft Entlastung. Übertragen auf Krankheit und Pflege bedeutet das: Viele Situationen sind ungewollte Twists, die Menschen aus der Komfortzone reißen. Humor kann helfen, Distanz zu gewinnen, ohne zu verleugnen. Diese Distanz ist nicht Kälte, sondern Spielraum. Sie ermöglicht die Frage: Was kann ich jetzt beeinflussen, und was muss ich akzeptieren?
Für Pflegefachpersonen ist diese Fähigkeit hoch relevant, weil sie täglich mit Endlichkeit, Scheitern, Konflikten und Vergeblichkeit konfrontiert sind. Humor ist dann nicht Ablenkung, sondern eine Art geistiger Muskel: Er ermöglicht, ernst zu bleiben und dennoch nicht zu erstarren. Das ist auch Arbeitsschutz, weil es die Handlungsfähigkeit im Beruf stabilisiert.
Ein Einstieg, der morgen beginnt
Humor muss nicht groß inszeniert werden. Ein wertschätzender Satz pro Schicht, eine Ich-Botschaft statt stiller Kränkung, eine kurze Frage, die Patient:innen in ihre Ressourcen holt: Was gibt dir Kraft? Und im Team eine Haltung, die Fehler besprechbar macht, bevor sie zur Schuldfrage werden. So verstanden ist Humor keine Show, sondern eine Kulturtechnik. Gerade weil Pflege ernst ist, braucht sie Methoden, die Leichtigkeit ermöglichen, ohne die Realität zu beschönigen. Er schützt die Würde aller.
Shownotes zur Folge
- Informationen zu Prof.in Dr.in Corinna Peifer (uni-luebeck.de)
- Informationen zu Andreas Bentrup (andreasbentrup.de)
- Stiftung Humor hilft heilen (humorhilftheilen.de)
- „Ich bin ein Gefühlsteiler“ (taz.de)
- Klinikclownvisiten (humorhilftheilen.de)
- Humor im Klinikbetrieb - Fortbildung mit Dr Clown (YouTube.com)
- Informationen zu Michael Christensen (humorale.com)
- Wie kommt der Clown ins Krankenhaus? (rotenasen.de)
- Gesundheit! Institute von Patch Adams (patchadams.org)
- Podcast zu Humor in der Pflege (uebergabe.de)
- Bartzik M, Bentrup A, Hill S, Bley M, von Hirschhausen E, Krause G, Ahaus P, Dahl-Dichmann A and Peifer C (2021) Care for Joy: Evaluation of a Humor Intervention and Its Effects on Stress, Flow Experience, Work Enjoyment, and Meaningfulness of Work. Front. Public Health 9:667821. doi: 10.3389/fpubh.2021.667821

