- Akademisch Pflegende arbeiten kaum in der Langzeitpflege – ihr Potenzial bleibt ungenutzt.
- Ein Forschungsprojekt entwickelte einen Katalog mit neun Aufgabenbereichen.
- Handlungsempfehlungen richten sich an Politik, Berufsverbände, Träger und Pflegende selbst.
- Im Ausland übernehmen Pflegende längst Diagnostik, Beratung und Prävention.
- Mut zur Veränderung fehlt oft mehr als die Kompetenz.
Wenn von akademisch Pflegenden die Rede ist, denken die meisten an Universitätskliniken, an hochspezialisierte Advanced Practice Nurses und an die großen Häuser der Akutversorgung. Doch was ist eigentlich mit der ambulanten und stationären Langzeitpflege? Genau dieser Bereich, der so selten im Rampenlicht steht, war Gegenstand eines Forschungsprojekts, über das Theresa Laschewski im Übergabe-Podcast mit Eva Maria Gruber und Christian Köbke gesprochen hat. Theresa ist akademisch ausgebildete Pflegefachperson, hat einen Master in Gesundheitspädagogik und arbeitete an der Hochschule Furtwangen im Schwarzwald an dem Projekt mit. Was sie und ihr Team herausgefunden haben, macht Mut – und stellt zugleich unbequeme Fragen.
Warum die Langzeitpflege akademische Köpfe braucht
Die Ausgangslage ist bekannt aus jeder pflegewissenschaftlichen Hausarbeit: Die Anforderungen an die Pflege werden komplexer. Chronische Erkrankungen, Multimorbidität, hochbetagte Klient:innen mit vielschichtigem Versorgungsbedarf – all das trifft auf ein Gesundheitssystem, das selbst für Fachleute schwer zu durchschauen ist. Hinzu kommt, dass pflegende Angehörige immer seltener vor Ort sind und die Organisation der Versorgung kaum noch stemmen können. Migration, kulturelle Vielfalt und der zunehmende Technikeinsatz erhöhen die Komplexität zusätzlich.
Trotzdem arbeiten akademisch Qualifizierte bisher kaum in der Langzeitpflege – und wenn, dann häufig nicht in der direkten Versorgung, sondern im Management oder Qualitätsmanagement. Das Projekt nahm bewusst auch das vergleichsweise neue Setting der Quartierspflege in den Blick, Stichwort Community Health Nursing. Warum bleibt dieser Bereich so unterbesetzt? Theresa hat in den Interviews eine vielsagende Beobachtung gemacht.
„Die Einrichtungen sind häufig überfordert und wissen nicht, welche Aufgaben akademisch Qualifizierte in diesem Setting übernehmen können." — Theresa Laschewski
Personalmangel, das neue Personalbemessungsinstrument, Generalistik – die Themen, die Leitungen ohnehin binden, lassen kaum Ressourcen für strategische Überlegungen. Viele Einrichtungen löschen Brände, statt langfristig zu planen. Genau deshalb, so der Gedanke im Podcast, lohnt es sich, gerade jetzt über zukünftige Handlungsfelder nachzudenken – auch, um gegenüber Kostenträgern neue Argumente für die Refinanzierung solcher Stellen zu haben.
Ein Blick über die Grenze: Was anderswo längst selbstverständlich ist
Die Literaturrecherche des Teams umfasste einen nationalen und einen internationalen Review. Im Ausland, wo die Vollakademisierung der Pflege vielerorts seit Jahren Realität ist, gibt es ein deutlich breiteres Spektrum an Aufgaben. Pflegende übernehmen dort umfangreiche Diagnostik und pflegerische Assessments, stellen teilweise medizinische Diagnosen und verordnen Medikamente wie Schmerzmittel selbstständig. In der Gemeinde ist die Pflegefachperson oft die erste Ansprechperson, die alles selbst organisiert und Mediziner:innen oder Therapeut:innen gezielt als Expert:innen hinzuzieht. Auch Gesundheitsförderung und Prävention gehören selbstverständlich dazu – niedrigschwellig, gemeindenah und sogar an Schulen.
Aber auch in Deutschland gibt es Vorreiter. Der Hamburger Gesundheitskiosk berät und klärt auf, bietet Kurse an, gerade für Menschen mit Migrationshintergrund und Sprachbarrieren. Es gibt Projekte, in denen Pflegende eng mit Hausärzt:innen zusammenarbeiten und langfristig selbst Heilkunde übernehmen sollen. Und es gibt präventive Hausbesuche, bei denen Pflegende ab einem bestimmten Alter in die Häuslichkeit kommen, den Gesamtblick auf das Wohnumfeld richten und einschätzen, was Menschen brauchen, um gesund und möglichst lange zu Hause leben zu können.
Gerade im ländlichen Raum, wo der Hausärzt:innenmangel besonders spürbar ist, könnte die Pflege hier eine Schlüsselrolle einnehmen. Im Podcast entstand dazu ein spannender Gedanke: Eigentlich ist unser System falsch herum gebaut. Menschen müssen sich dorthin begeben, wo ihnen geholfen wird – ins Krankenhaus, in die Praxis. Doch wäre es nicht sinnvoller, frühzeitig dort anzusetzen, wo Pflegebedürftigkeit entsteht? Prävention im Sinne eines echten Community Health Nursing würde nicht erst reagieren, wenn etwas „aufploppt", sondern aktiv vorbeugen. Die ehrliche Einschätzung: In Deutschland passiert genau das noch viel zu selten und zu wenig strukturiert.
Wie das Projekt vorgegangen ist
Federführend war der Caritasverband Freiburg, der gemeinsam mit der Katholischen Hochschule Freiburg und der Hochschule Furtwangen einen Forschungsantrag beim baden-württembergischen Sozial- und Gesundheitsministerium stellte. Das Projekt startete rund drei Jahre vor der Aufnahme. Methodisch ging das Team in mehreren Phasen vor: Aus der Literaturrecherche entstand ein Leitfaden, auf dessen Basis vier Fokusgruppen und rund zehn bis elf Expert:innen-Interviews durchgeführt wurden.
Die Teilnehmenden waren bewusst heterogen zusammengesetzt – von Einrichtungs- und Pflegedienstleitungen über akademisch und nicht-akademisch qualifizierte Pflegende bis zu Praxisanleitenden, Mediziner:innen, Forschenden und Vertreter:innen der Trägerseite. Ausgewertet wurde qualitativ über MAXQDA und die strukturierende Inhaltsanalyse nach Kuckartz. Aus dem entstandenen Kategoriensystem entwickelte das Team schließlich zwei greifbare Ergebnisse: einen Katalog zum Einsatz akademisch ausgebildeter Pflegefachkräfte mit neun Aufgaben und zugehörigen Tätigkeiten sowie Handlungsempfehlungen für vier Zielgruppen.
Spannend ist eine ehrliche Selbstkritik aus dem Gespräch: Obwohl das Team sehr kleinteilig und praxisorientiert arbeitete, war den Praktiker:innen das Ergebnis bei der Vorstellung oft noch zu abstrakt. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis bleibt also bestehen – und sie zeigt sich auch in einer wiederkehrenden Beobachtung.
„Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Praxis weniger zutraut, als sie eigentlich könnte." — Theresa Laschewski
Der Appell, der daraus erwächst, ist einer für Mut: einfach mal anders machen, ausprobieren, und falls es nicht klappt, eben wieder verwerfen. Denn, so das schöne Bild im Podcast: Das elektrische Licht wurde nicht erfunden, indem man die Kerze immer weiter verbessert hat. Es ist Irrsinn, immer dasselbe zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten.
Vier Zielgruppen, vier Hebel
Im Fokus standen vor allem Bachelor-Absolvent:innen, die in der direkten Versorgung arbeiten und dort zusätzliche Aufgaben übernehmen – Master-Absolvent:innen wurden mitgedacht, spielen in der deutschen Langzeitpflege zum Zeitpunkt der Aufnahme aber noch eine geringere Rolle. Die Handlungsempfehlungen richten sich an vier Gruppen.
Politische Entscheidungsträger:innen sind gefragt, wenn es um die Rahmenbedingungen geht. Ein Beispiel: Pflegestudierende sollten die Module zur Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten bereits im Studium erlernen und sie anschließend in der Praxis anwenden dürfen. Hintergrund ist der § 64d SGB V zur verpflichtenden Durchführung von Modellvorhaben, der – anders als der ältere § 63 Abs. 3c – die Krankenkassen stärker in die Pflicht nimmt und auf Substitution statt nur Delegation zielt. Die zugehörigen Module zu heilkundlichen Aufgaben können von Pflegeschulen und Hochschulen unterrichtet werden. Ein großes ungelöstes Problem bleibt die Refinanzierung: Solange Aufgaben für akademisch Qualifizierte nicht in den Rahmenverträgen fixiert sind, müssen Einrichtungen kreativ werden und auf Gelder etwa aus dem Qualitätsbereich zurückgreifen.
Die berufspolitischen Vertreter:innen – etwa Berufsverbände und Fachkommissionen – sollen an der Schnittstelle zwischen Hochschulen, Trägern, Kommunen und Einrichtungen vermitteln. Ähnlich wie Universitätskliniken mit Universitäten verbunden sind, bräuchte es Kooperationen zwischen Langzeitpflegeeinrichtungen und Hochschulen, damit Studierende schon früh Einblicke bekommen. Theresa beschreibt aus eigener Erfahrung, dass die Langzeitpflege als mögliches Arbeitsfeld vielen Studierenden gar nicht präsent ist. Auch die Begleitung von Studierenden in der Praxis und die Translation aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse gehören in dieses Aufgabenfeld.
Bei den Trägern der ambulanten und stationären Langzeitpflege sowie den Kommunen hängt vieles an der Leitung. Sie muss hinter dem Einsatz akademisch Qualifizierter stehen und eine echte Qualifizierungskultur leben – eine, in der sich alle weiterbilden können und niemand befürchten muss, ins Abseits zu geraten. Transparenz ist dabei entscheidend: klare Stellenprofile, eine nachvollziehbare Einordnung im Organigramm, definierte Weisungsbefugnisse und Verantwortlichkeiten. Nur so lässt sich auch die Akzeptanz im Team gewinnen und der Eindruck vermeiden, da käme jemand, der „etwas wegnimmt". Wichtig sind flache Hierarchien und ein sensibler Einstieg in die Praxis.
Die vierte Zielgruppe sind die akademisch Qualifizierten selbst. Von ihnen wird erwartet, dass sie lebenslanges Lernen leben, eine professionelle Haltung repräsentieren, zur Verbesserung der direkten Versorgung beitragen und Verantwortung übernehmen – ein in der Pflege bekanntes Sorgenkind. Dass dieser Anspruch, etwa der Theorie-Praxis-Transfer durch praxisorientierte Forschung, für Bachelor-Absolvent:innen durchaus hoch ist, räumt Theresa offen ein. Manche dieser Aufgaben wären langfristig eher auf Masterniveau angesiedelt.
Neun Aufgabenbereiche – und ein kluger Umgang mit dem Komplexen
Der Aufgabenkatalog umfasst neun Bereiche, die sich nicht trennscharf voneinander abgrenzen lassen, sondern ineinander übergehen. Dazu gehören die Ausbildung – etwa interne, wissenschaftlich fundierte Schulungen und die Begleitung Studierender –, ein breit gefasstes Feld der Beratung (kollegiale Beratung im Team ebenso wie die An- und Zugehörigenberatung zu Wohnraumanpassung, Entlastung oder Transfertechniken), das Case Management mit Schnittstellen- und Krisenmanagement, die Förderung von Digitalisierungsprozessen, die Pflegewissenschaft, die inter- und intraprofessionelle Zusammenarbeit sowie das Public Health Nursing.
Gerade beim Thema Beratung entzündete sich eine wichtige Debatte: Können das nicht auch erfahrene Pflegefachpersonen leisten? Können sie – und sie tun es. Doch die Antwort darf nicht sein, akademische Kompetenz kleinzureden. Eine überzeugende Lösung aus dem Gespräch: Man sollte nicht einzelne Tätigkeiten herausgreifen und nur akademisch Qualifizierten zuweisen, sondern die Versorgungssteuerung als Gesamtpaket denken. Bei hochkomplexen Fällen etwa fließen während der Körperpflege unzählige Beobachtungen in den Pflegeprozess ein – sie lassen sich nicht beliebig in Funktionspflege zerlegen. Das Berufsgesetz weist akademisch Qualifizierten ohnehin die komplexen Fälle zu. Entscheidend ist also weniger die einzelne Verrichtung als das Abstraktionsniveau der jeweiligen Situation.
In der inter- und intraprofessionellen Zusammenarbeit sieht Theresa einen besonderen Mehrwert für die Langzeitpflege, wo die Pflege das Zepter in der Hand hält und andere Berufsgruppen koordiniert. Eine feste Ansprechperson für die Netzwerkarbeit – statt fünf bis zehn Pflegender, die nicht wissen, wer was kommuniziert hat – würde Pflegekonsile, Visiten und Fallbesprechungen deutlich erleichtern. Eine ausführliche Einordnung dieser Ergebnisse findet sich auch im Endbericht des Forschungsprojekts sowie in einem begleitenden Fachartikel zu Aufgabenfeldern für Akademiker:innen.
Wie es weitergeht – und was du mitnehmen kannst
Ein Evaluations- und Anschlussprojekt wäre der logische nächste Schritt, um die Implementierung in echten Einrichtungen wissenschaftlich zu begleiten. Ein entsprechender Antrag war zum Zeitpunkt der Aufnahme gestellt, aber noch in Bearbeitung. Bis dahin geht es vor allem darum, die Ergebnisse zu verbreiten und in die Praxis zu tragen. Denn die Einrichtungen tragen jetzt eine große Eigenverantwortung: Sie haben einen Katalog an Aufgaben in der Hand, müssen aber selbst priorisieren, was zu ihnen passt, und konkrete Stellenprofile entwickeln. Ohne attraktive, klar umrissene Stellenausschreibungen bewirbt sich niemand – und ohne Bewerbungen bleibt das Feld leer.
Theresas zentrale Botschaft richtet sich deshalb an Studierende und Absolvent:innen genauso wie an die Praxis: Traut euch. Es gibt innovative Langzeitpflegeeinrichtungen, man muss sie nur finden. Und angesichts des Fachkräftemangels sind Bewerber:innen heute in einer komfortablen Position, sich gezielt das passende Arbeitsumfeld auszuwählen. Der Katalog ist keine fertige Schablone, die sich eins zu eins übertragen lässt – aber er kann Inspiration sein, um endlich über den Tellerrand hinauszudenken.
Zum Weiterhören
- ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland
- ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet
- ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation
Weiterführende Links & Shownotes
Wir sprechen in dieser neuen Folge mit Theresa Laschewski. Sie hat das Projekt (AP²)-Caritas begleitet und berichtet in unserem Podcast über die Einbindung von akademisch Pflegenden in die Langzeitpflege. In dem Projekt wurden Handlungsempfehlungen für verschiedene Zielgruppen, die an dem Prozess beteiligt sind, erarbeitet. Darüber hinaus wurden auch konkrete Tätigkeitsfelder für akademisch Pflegende in diesem Setting herausgearbeitet, sodass Einrichtungen eine gute Grundlage bekommen, um akademisch Pflegende in der Langzeitpflege gezielt einzusetzen.
Shownotes
- Theresa Laschewski bei Researchgate
- Endbericht des Forschungsprojekts AP2 - Caritas
- Abschlussveranstaltung zum Forschungsprojekt AP2 - Caritas
- Aufgabenfelder für Akademiker
- Katalog zum Einsatz von akademisch ausgebildeten Pflegefachkräften
- § 64d Verpflichtende Durchführung von Modellvorhaben zur Übertragung ärztlicher Tätigkeiten
