- Familiäre Erlebnisse sind oft der Türöffner in den Pflegeberuf.
- Verlässliche Dienstpläne zählen jungen Pflegenden mehr als Gehalt allein.
- Engagement ist überall möglich – von der Schule bis zum Berufsverband.
- Die Pflegekammer NRW braucht Zeit, ist aber ein wichtiges Signal.
- Reden statt Jammern: Veränderung beginnt beim Mitgestalten.
Was bringt junge Menschen heute dazu, sich für einen Beruf zu entscheiden, über den so viel geklagt wird? Genau dieser Frage sind wir auf dem Junge Pflege Kongress in Bochum nachgegangen. Zwischen Ausstellungsständen, Vorträgen und einer überraschend jungen, lebendigen Menge haben wir Mikrofone aufgestellt und einfach mal zugehört: Was bewegt Auszubildende und Studierende? Wie blicken sie auf ihren Berufseinstieg, auf Praxisanleitung, auf die Pflegekammer – und auf ihre eigene Zukunft? Herausgekommen ist ein bunter Strauß an Stimmen, ergänzt um Gespräche mit prominenten Gästen wie Christel Bienstein, dem Pflegerapper DENA und Vertreter:innen rund um die Pflegekammer NRW.
Wie der Weg in die Pflege oft beginnt
Wenn du junge Pflegende fragst, warum sie sich für diesen Beruf entschieden haben, hörst du erstaunlich häufig dieselbe Geschichte: Es war kein nüchterner Karriereplan, sondern ein persönliches Erlebnis. Da ist der erkrankte Großvater, der ins Pflegeheim zog. Da ist der Stiefvater mit einer Behinderung, bei dessen Pflege die ganze Familie mit anpackte. Und da ist jener Moment, der bis heute nachwirkt: Ein 14-Jähriger betritt zum ersten Mal ein Pflegeheim, ein Bewohner im Rollstuhl streckt ihm die Hand entgegen und begrüßt ihn herzlich als seinen Enkel. Heute, viele Jahre und eine ganze Pflegeausbildung später, weiß dieser junge Mann: Der Bewohner war vermutlich an einer Demenz erkrankt und hat ihn verwechselt. Geprägt hat es ihn trotzdem – bis zur Berufswahl.
Andere kamen über Umwege: ein Praktikum, weil sie nach der Schule noch nicht wussten, wohin. Die Erkenntnis, dass das Büro „nie so meins" war und es etwas Praktisches mit Menschen sein sollte. Auffällig ist, wie oft familiäre Wurzeln eine Rolle spielen – wenn die Mutter schon in der Pflege arbeitet, liegt der Funke nah. Über all dem steht ein Motiv, das fast alle teilen: anderen Menschen helfen wollen und etwas Sinnvolles tun, das auch persönlich bereichert. Mehrfach fiel der Satz, dass Pflege weit mehr ist als eine Dienstleistung am Bett – dass man zugleich ein Stück Sozialarbeit und Therapie leistet und nah dran ist am Leben, von der Geburt bis zum Tod.
Was junge Pflegende von einem guten Arbeitgeber erwarten
Bei der Frage nach dem idealen Arbeitgeber hätten viele wohl ein dickes Gehaltsplus erwartet. Doch Geld stand selten an erster Stelle. Natürlich, das war allen klar: Jeder Mensch muss überleben, und die gute Bezahlung gehört dazu. Aber wichtiger noch waren verlässliche Strukturen. Immer wieder fiel das Stichwort Dienstplan – der Wunsch, sich darauf verlassen zu können, wann man arbeitet, nicht ständig zwischen Schichten zu springen und nicht permanent als Lückenfüller einzuspringen. Wer planbare Zeiten hat, kann auch ein Privatleben führen. Und genau das wünschten sich viele ausdrücklich: nicht nur für die Arbeit zu leben, sondern wertgeschätzt zu werden – inklusive Wertschätzung für die Zeit jenseits der Station.
Eine schöne Anekdote machte greifbar, wie wenig es manchmal braucht: Es reicht schon, wenn die Heimleitung am Montagmorgen über die Station läuft, „Guten Morgen" wünscht und fragt, wie das Wochenende war. Solche kleinen Gesten persönlicher Anerkennung wurden höher gehandelt als jede Hochglanzbroschüre. Spannend übrigens: Auf dem Kongress war auch das Thema attraktiver Arbeitgeber präsent – etwa über Zertifizierungen wie Great Place to Work, die untersuchen, was Mitarbeitende wirklich im Unternehmen hält. Für viele junge Pflegende läuft es am Ende auf zwei Dinge hinaus: mehr Personal und mehr Zeit für die Patient:innen.
„Ein guter Arbeitgeber zeigt mir, dass die Kolleg:innen auch Zeit haben, um mich richtig anzuleiten – und dass ich nicht alleine dastehe, wenn Notstand ist." — Auszubildende auf dem Junge Pflege Kongress
Praxisanleitung: zwischen Anspruch und Alltag
Kaum ein Thema brachte so gemischte Gefühle hervor wie die Praxisanleitung. Auf der einen Seite gibt es die richtig guten Stationen, auf denen man ins Team aufgenommen wird, in Ruhe lernt und Spaß an der Arbeit hat. Auf der anderen Seite die ernüchternde Realität: zu wenig Personal, keine Zeit, das ständige „Wir haben gerade niemanden". Manche Auszubildende berichteten, dass sie sich Dinge selbst beibringen mussten – mit dem Risiko, sie falsch zu lernen. Besonders belastend ist das Hin- und Herschieben zwischen Stationen und Wohnbereichen, das echtes Lernen erschwert.
Dass es zum Aufnahmezeitpunkt gesetzlich mehr Praxisanleitungsstunden geben sollte, wurde durchaus begrüßt. Doch viele wünschten sich mehr: freigestellte Praxisanleiter:innen etwa, die wirklich Zeit haben, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Klar wurde auch, dass die Anleitenden selbst in einer Zwickmühle stecken – zwischen ihrem Auftrag, Wissen weiterzugeben, und dem Druck eines unterbesetzten Alltags. Genau hier liegt ein Schlüssel für die Qualität der Ausbildung. Und genau hier setzt auch das Projekt an, das beim Junge Pflege Preis ausgezeichnet wurde.
1-Minuten-Fortbildung: der Theorie-Praxis-Transfer für zwischendurch
Beim Junge Pflege Preis 2019 lautete das Thema „Aus Theorie werde Praxis – aber wie?". Gewonnen hat eine Initiative aus der Universitätsmedizin Göttingen mit einem bestechend einfachen Konzept: der 1-Minuten-Fortbildung. Dahinter steckt im Kern ein DIN-A4-Blatt, auf dem leicht verständlich aufbereitetes Fachwissen steht – zu ganz alltäglichen Themen wie Mobilisation, zu Studien oder Expertenstandards, alles wissenschaftlich hinterlegt. Aufgehängt wird das Blatt dort, wo Pflegende ohnehin warten müssen: an der Mikrowelle, an der Blutgasanalyse, in der Wartezone. So braucht das Lernen keine zusätzliche Zeit und lässt sich nebenbei in den Berufsalltag integrieren.
Das Team hat das Konzept auf vier Stationen implementiert, durchgeführt und evaluiert – und plant, künftig in jedem Fachbereich eine zuständige Ansprechperson zu etablieren. Der Charme: Niemand kann sich mehr darauf herausreden, keine Zeit für Fortbildung zu haben. Wer tiefer einsteigen will, findet weiterführende Hintergründe etwa in der Berichterstattung über die ausgezeichnete 1-Minuten-Fortbildung oder in der wissenschaftlichen Aufbereitung zum Lernen in nur einer Minute. Ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich Evidenz und Praxis ohne großen Aufwand verbinden lassen.
Engagement: viele Wege, sich einzubringen
Eine zentrale Botschaft kam von Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) und Mitglied im Deutschen Pflegerat: Engagement ist fast überall möglich. Schon in der eigenen Schule oder Klinik kann man etwas bewegen – als Schulsprecher:in, der oder die die Belange der Mitschüler:innen bis vor die Klinikleitung trägt, oder indem man im Stationsalltag klar benennt, dass man gerade lernt und Anleitung braucht. Darüber hinaus stehen Mitarbeitervertretungen, Betriebsräte und vor allem die Berufsverbände offen. Wichtig ist nur, überhaupt aktiv zu werden – jede:r darf den eigenen Weg finden.
Bienstein betonte zudem den Wert internationaler Vernetzung. Bei Treffen in Brüssel, Bremen oder Malta erlebt man, dass es Länder gibt, in denen vieles besser läuft – aber auch solche, in denen die Versorgung noch stark medizinisch dominiert ist. Dieser Blick über den Tellerrand schärft das Bewusstsein dafür, wie ausdifferenziert und anspruchsvoll Pflege eigentlich ist, und macht Mut, sich für bessere Bedingungen einzusetzen. Dass auf dem Kongress so viele junge Menschen aus ganz Deutschland zusammenkamen, ähnliche Fragen und Ängste teilten und voneinander lernten, wertete sie als enorm ermutigendes Signal.
„Zu erleben, dass sich so viele Menschen für diesen Beruf interessieren, macht unheimlich Mut. Das sollte jede:r Schüler:in und jede:r Studierende einmal miterlebt haben." — Christel Bienstein, Präsidentin DBfK
DENA: Wenn Pflege zum Rap wird
Ein besonderer Gast war Dustin Struwe alias DENA, gelernter Altenpfleger, Praxisanleiter – und Pflegerapper. Seit zehn Jahren arbeitet er in der Pflege, seit vier Jahren macht er Musik darüber. Der Auslöser war eine schwere Schicht mit zwei Sterbefällen, kurz nach dem Examen. Statt den Frust in sich hineinzufressen, brachte er seine Gedanken aufs Papier – so entstand sein erster Song. Inzwischen sind 50 Stücke zusammengekommen, und auf dem Kongress trat er vor mehr als 2.700 Menschen auf.
Was ihn antreibt? Musik als Transportmittel für eine Botschaft. Seine Songs erzählen ehrlich vom Beruf, ohne ihn nur schlechtzureden – und sie wirken. Mehrfach habe er Nachrichten von Menschen bekommen, die durch seine Musik überhaupt erst in die Pflege gegangen seien. Für ihn ist das das Größte, was mit seiner Musik passieren kann. Aus seiner Erfahrung als Praxisanleiter zog er ein klares Fazit: Viele junge Pflegende fressen Belastungen in sich hinein, demotivieren sich und geraten in einen Kreislauf, aus dem sie schwer wieder herauskommen. Sein Rat klingt simpel, ist aber entscheidend.
„Wenn du jammerst, musst du auch bereit sein, etwas zu ändern. Redet über eure Probleme, fresst sie nicht in euch rein – es kommen auch andere Zeiten." — Dustin Struwe aka DENA
Pflegekammer NRW: ein wichtiges Signal mit langem Atem
Am Stand des Fördervereins Pflegekammer NRW und im Gespräch mit Marlene Schönbeck und Stefan Schwark vom DBfK ging es um den damaligen Stand der Kammergründung. Die Stimmung in Nordrhein-Westfalen wurde zum Zeitpunkt der Aufnahme als überraschend positiv beschrieben – anders als in Niedersachsen, wo die Diskussion zu jener Zeit deutlich eskaliert war, vor allem nachdem Beitragsbescheide ins Haus geflattert waren. In NRW nahmen die Beteiligten dagegen kaum negative Stimmen wahr; die zahlreichen Informationsveranstaltungen, gemeinsam mit dem DBfK und anderen Akteuren, schienen Wirkung zu zeigen. Die Erfahrung aus anderen Bundesländern: Wer informiert ist, stimmt der Kammer eher zu.
Wichtig war den Gesprächspartner:innen aber auch eine realistische Erwartung. Eine Pflegekammer ist kein Schalter, der über Nacht alles besser macht. Bis die Strukturen aufgebaut und arbeitsfähig sind, wird es eine Weile dauern – und auch danach lassen sich politische Fehlentscheidungen der Vergangenheit nicht im Handumdrehen korrigieren. Trotzdem überwog die Überzeugung: Wenn ein so großes Bundesland wie NRW eine Pflegeberufekammer bekommt, ist das ein starkes Zeichen für alle anderen Länder, nachzuziehen. Über die Kammer kann die Pflege endlich an Entscheidungsprozessen beteiligt werden – und nicht nur die Ärztekammer hat eine Stimme. Wer das Thema weiterverfolgen möchte, findet beim Förderverein Pflegekammer NRW laufend aktuelle Informationen.
Akademisierung und die Frage nach der Zukunft
Auffällig viele Studierende und dual Auszubildende waren auf dem Kongress vertreten. Ihre Motivation: mehr Input, mehr Fachkundigkeit, der Wunsch zu verstehen, warum Dinge so sind, wie sie sind – und nicht anders. Mehrere betonten, wie sehr ihnen der Forschungsaspekt im Studium fehle, wenn sie an die klassische Ausbildung dächten. Der Theorie-Praxis-Transfer, das Hinterfragen, das Einfach-mal-Fragen-Stellen – das sei in der reinen Ausbildung oft zu kurz gekommen. Studiengänge im pflegerischen Bereich waren zum damaligen Zeitpunkt noch rar, doch viele spürten, dass Arbeitgeber zunehmend Stellen für akademisch qualifizierte Pflegende schaffen und die Berufschancen wachsen.
Bei der Frage nach der eigenen Zukunft blieben viele bewusst offen: erst einmal im Krankenhaus oder in der Einrichtung arbeiten, übernommen werden, Erfahrung sammeln – und dann weitersehen. Weiterbildungen etwa in Palliativ- oder Kinderkrankenpflege, ein zusätzliches Studium, vielleicht ein Engagement in der Politik: Die Optionen sind breit gefächert. Für die nächsten zehn Jahre wünschten sich die Befragten vor allem mehr Personal, mehr Eigenständigkeit und mehr Akzeptanz für den Beruf. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieses Tages: Die Generation, die jetzt nachkommt, trägt viel – und sie will mitgestalten. Wer das Image und die Inhalte der Pflege verbessern will, fängt am besten damit an, nachzufragen und sich nicht mit dem Satz „Das haben wir immer schon so gemacht" zufriedenzugeben.
Zum Weiterhören
- ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein? - Live vom Deutschen Pflegetag 2024
- ÜG003 – Special: Pflegekammer - (Dr. M. Dichter)
- ÜG121 – Social Media Nurse (Stefan Schwark)
Shownotes zur Folge
- Junge Pflege (junge-pflege)
- Junge Pflege Kongress Nordwest (junge-pflege)
- ENSA – European Nursing Students Association (esu-online)
- Förderverein Pflegekammer NRW e.V. (Pflegekammer-NRW)
- Dustin Struwe aka DENA (YouTube)
- 1-Minuten-Fortbildung am UMG erzielt ersten Platz (Bibliomed Pflege)
- In einer Minute von der Theorie zur Praxis (Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst)
- Lernen in nur einer Minute (Thieme-Connect)
- Great Place to Work (greatplacetowork)
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