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Diese Episode erschien am 02.09.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Pflegende sollten ihre Berufsinhalte in sozialen Medien selbst erzählen.
  • Ethik, Recht und Datenschutz sind die Basis für sicheres Posten.
  • Der DBfK-Lehrgang Social Media Nurse startet im Oktober 2023.
  • Komplexe Pflegethemen brauchen kreative, glaubwürdige Vermittlung.
  • Vernetzung und Austausch der Berufsgruppe stärken die Sichtbarkeit.

Pflege findet überall statt – nur in den sozialen Medien erzählen meistens andere die Geschichte. Genau das will der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) ändern. In dieser Episode spricht Stefan Schwark, Pflegefachperson und Referent für öffentliche Kommunikation beim DBfK Nordwest, über ein Thema, das ihm seit Jahren am Herzen liegt: Wie können beruflich Pflegende ihre Inhalte selbst, glaubwürdig und rechtlich sicher nach außen tragen? Sein Vorschlag heißt Social Media Nurse – und er ist mehr als ein hübscher Begriff.

Vom Krankenbett über Chapel Hill ins Social-Media-Büro

Stefan Schwark ist gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger – und das, betont er, sei die Basis von allem. Nach der Ausbildung folgte ein Studium der Betriebswirtschaft im Gesundheitswesen in Osnabrück, später ein Master in Gesundheitsökonomie in Bayreuth. Ein Auslandssemester führte ihn an die University of North Carolina at Chapel Hill, wo er bereits 2013 erlebte, wie Lehre mit sozialen Medien funktionieren kann: In einer Vorlesung wurde Twitter genutzt, um live abzustimmen und zu diskutieren. Was in den USA damals schon selbstverständlich war, ist in der deutschen Pflege bis heute selten.

2016 stieg er beim DBfK ein, zunächst als Referent für Pflege im Krankenhaus – zuständig für Themen wie Krankenhausfinanzierung, Gesetzgebung und Personalbemessung. Schnell merkte er: Berufspolitik passiert oft in Gremien, hinter verschlossenen Türen, intransparent. Damit sie wirkt, muss sie sichtbar werden. Also eröffnete er noch im selben Jahr einen eigenen YouTube-Kanal und begann, Interviews zu drehen – etwa über Personalbemessung oder die Rolle der Pflege im Gemeinsamen Bundesausschuss.

„Es ist schön und gut, dass wir sehr wichtige Sachen in Gremien besprechen – aber es muss halt auch sichtbar sein." — Stefan Schwark

Spätestens mit der Corona-Pandemie wurde Social Media zu seinem Schwerpunkt. Krisenkommunikation, schnelle Information, Aufklärung – Schwark sah darin eine riesige Chance. Eine Erkenntnis, die offenbar nicht nur intern geteilt wurde: Mehrere Preise bestätigten die Arbeit des Verbands in dieser Zeit.

Warum Pflegende beim Posten besonders aufpassen müssen

So groß die Chancen sind – so heikel ist das Terrain. Anders als in vielen anderen Berufen können Pflegende nicht einfach erzählen, was sie heute auf der Arbeit erlebt hat. Patient:innenschutz, Datenschutz, Schweigepflicht und die Loyalität gegenüber Arbeitgeber:innen setzen enge Grenzen. Dazu kommt die Mechanik der Plattformen selbst: Reichweite entsteht oft durch Provokation, Polarisierung und vermeintlichen Humor – und genau da kann es schnell daneben gehen, wenn über sensible Themen oder Patient:innen gesprochen wird.

Schon 2015 hat der International Council of Nurses (ICN) dazu ein Positionspapier zu Pflegenden in sozialen Medien veröffentlicht. Für Schwark war genau dieses Statement der entscheidende Auslöser, einen eigenen Lehrgang zu entwickeln. Denn darin steht nicht nur, worauf Pflegende achten sollten – sondern auch, dass Berufsverbände einen Bildungsauftrag haben. Da der DBfK in diesem Jahr gleich doppelt Jubiläum feiert (120 Jahre seit der Gründung der Vorgängerorganisation durch Agnes Karll, 50 Jahre unter heutigem Namen), passt das Thema Vernetzung ohnehin in die DNA des Verbands.

Klischee oder Kompass – wie stellen wir den Beruf dar?

Ein zentraler Punkt der Episode ist die Frage, wie Pflege in den sozialen Medien überhaupt erzählt werden sollte. Viele reichweitenstarke Accounts setzen auf Stereotype und Humor. Ist das in Ordnung – oder schadet es dem Beruf? Schwark macht deutlich, dass es kein simples Richtig oder Falsch gibt und Vielfalt erwünscht ist. Aber: Bevor man frei und kreativ wird, braucht es ein Grundgerüst an Wissen. Wer ethische Grundlagen, Arbeitsrecht, Urheberrecht und den Schutz sensibler Daten kennt, kann bewusst entscheiden, wie er oder sie kommuniziert.

Im Gespräch wird auch eine grundlegende Haltungsfrage aufgeworfen: Treten Pflegende eher als Kritiker:innen auf, die das System anprangern – oder als Mitgestaltende, die den Beruf so darstellen, dass andere Lust bekommen, ihn zu ergreifen? Wer sich als Teil der Pflege versteht, kann Reichweite nutzen, um den Wert der Arbeit zu zeigen, statt das eigene Image herunterzuwirtschaften.

„Wir können den Leuten nicht sagen, was sie sagen sollen. Aber wir wollen, dass es ein gewisses Grundgerüst an Wissen gibt, bevor man anfängt, kreativ zu werden." — Stefan Schwark

Parallel zum Lehrgang gründet der DBfK deshalb eine Arbeitsgemeinschaft Social Media in der Pflege. Sie soll genau diesen Austausch ermöglichen: Wie wollen wir uns als Berufsgruppe darstellen? Welche Optionen gibt es? Schwark ist überzeugt, dass die Pflege als Berufsgruppe groß genug ist, um auch komplexe und sogar humorvolle Inhalte zu produzieren – man denke an erfolgreiche Wissensvermittler:innen aus anderen Disziplinen wie den Immunologen Carsten Watzl, den Science Buster Martin Moder oder Eckart von Hirschhausen. Das pflegerische Pendant fehle bislang. Die Frage sei nicht, ob es unmöglich ist, sondern: Wer schafft es – und wie?

Das ewige Dilemma: Unterhaltung gewinnt, Bildung scrollt vorbei

Ein Einwand bleibt nicht aus: Inhalte, die polarisieren oder unterhalten, bekommen die Klicks – fachliche, differenzierte Beiträge erreichen oft nur die ohnehin schon Interessierten. Das deutsche Gesundheitssystem lässt sich eben nicht in einem Zwei-Minuten-Video erklären. Schwark hält dagegen, dass man solche Annahmen nicht als endgültiges Urteil stehen lassen darf. Es kommt auf den Anspruch an: Jede Kommunikation findet in einer Bubble statt – und auch eine kleine Bubble kann enorm wertvoll sein, wenn die richtigen Leute darin sind.

Er erinnert an die Diskussionen rund um die Pflegekammern: In Niedersachsen eskalierte die Debatte 2019 vor allem auf Facebook, wo zehntausende Pflegende mobilisiert wurden und Falschinformationen kursierten. Bei der späteren Gründung der Pflegekammer NRW verlief die Kommunikation – überwiegend auf Instagram – deutlich reflektierter und sachlicher. Eine professionelle, vernetzte Community konnte Fake News abwehren. Für Schwark ein Beleg, wie sehr es sich lohnt, dieses Feld nicht dem Zufall zu überlassen.

Was eine Social Media Nurse konkret leisten soll

Der Kerngedanke ist einfach: Eine Social Media Nurse identifiziert gute, erzählenswerte Inhalte aus der pflegerischen Praxis und macht sie gemeinsam mit der Unternehmenskommunikation sendungsreif – oder kommuniziert selbst nach außen. Denn eine klassische PR-Abteilung, die nicht aus der Pflege kommt, versteht oft gar nicht, was in der Pflege erzählenswert ist. Zu oft werden Pflegende nur vor die Kamera „gezerrt", statt mit ihnen zu sprechen.

„Wo ist meine Einrichtung wirklich gut? Welche schöne Geschichte können wir nach außen tragen? Das schafft niemand außer den Pflegenden selbst." — Stefan Schwark

Die Einsatzfelder sind vielfältig: Vom kleinen ambulanten Pflegedienst ohne eigene Öffentlichkeitsarbeit bis zur großen Uniklinik mit zehnköpfigem Kommunikationsteam, dem aber die pflegerische Perspektive fehlt. Wer authentische Inhalte liefern will, muss nicht zwingend selbst vor der Kamera stehen – auch die Rolle als Content-Vermittler:in ist denkbar. Wichtig ist dabei immer: Die Arbeitgeber:innen müssen an Bord sein. Geschieht das eigenmächtig und ohne Absprache, kann aus einem gut gemeinten Beitrag schnell ein arbeitsrechtlicher Konflikt werden.

Ein bunter Lehrgang – mit Recht, Ethik und Praxis

Der Zertifikatslehrgang umfasst 82 Stunden, verteilt auf elf Module mit acht Präsenztagen und einer Selbstlern- und Praxisprojektphase mit Peer-Review-Anteilen. Inhaltlich reicht das Spektrum von den Grundlagen sozialer Medien über Unternehmenskommunikation und Marketing bis zu Ethik, Arbeits-, Urheber- und Medienrecht. Auch der Umgang mit Hate Speech und Social-Media-Resilienz gehört dazu – ein Thema, das eng mit dem Rechtsbereich verknüpft ist, denn Hassrede ist ab einem gewissen Maß strafbar.

Besonders stolz ist Schwark auf die Dozierenden, die bewusst nicht nach Reichweite, sondern nach Themen und Glaubwürdigkeit ausgewählt wurden – viele kommen selbst aus der Pflege. Mit dabei sind unter anderem der Gesundheitskommunikator Marc Raschke, die Corporate Influencerin Janine Fasold, eine ausgebildete Mediengestalterin sowie die Köpfe hinter erfolgreichen Pandemie-Kampagnen und ein Vorsitzender einer Ethikkommission. Eine Rechtsanwältin für Medien- und Urheberrecht ergänzt das Team. Diese Mischung aus pflegerischem Hintergrund und kommunikativem Know-how, sagt Schwark, gebe es so bislang nirgends.

Zum Zeitpunkt der Aufnahme startet der erste Durchgang am 26. Oktober 2023 und endet Ende Februar 2024. Es gibt 18 Plätze, von denen die meisten bereits vergeben waren, obwohl der Verband kaum Werbung gemacht hatte. Die Gebühr liegt bei 1.490 Euro. Die einzige Voraussetzung: eine abgeschlossene dreijährige Pflegeausbildung oder ein Pflegestudium. Anfragen von Menschen außerhalb der Pflege gab es viele – und genau die werden abgelehnt. Für Schwark ein Beleg, dass der Ansatz richtig ist: Über Pflege sollen Pflegende sprechen.

Erst probieren, dann perfektionieren

International ist dem DBfK kein vergleichbares Angebot bekannt – Deutschland könnte hier also Vorreiter sein. Eine wissenschaftliche Evaluation ist zunächst nicht geplant, denn soziale Medien sind schlicht zu schnelllebig: Eine klassische Studie wäre womöglich überholt, bevor sie fertig ist. Stattdessen setzt der Verband auf qualitatives Feedback von Dozierenden und Teilnehmenden und will den Lehrgang dynamisch weiterentwickeln. Spannend wird auch, welche Dynamiken in den Einrichtungen entstehen, wenn frisch ausgebildete Social Media Nurses auf bestehende Kommunikationsabteilungen treffen.

Schwark sieht in dem Lehrgang nicht zuletzt ein exklusives Netzwerk: Soziales Netzwerk heißt eben auch, dass sich die Berufsgruppe untereinander vernetzt, inspiriert und austauscht. Wer mitdenken möchte, ohne sich gleich auf einen ganzen Lehrgang einzulassen, kann sich der Arbeitsgemeinschaft Social Media in der Pflege anschließen. Und wer mehr über das Konzept wissen will, findet alle Infos auf der Website zur Social Media Nurse sowie auf den Kanälen des Verbands bei DBfK Nordwest auf Instagram und auf Facebook.

Eines wird im Gespräch klar: Social Media ist alles andere als einfach – aber es ist ein Kommunikationskanal, an dem die Pflege nicht vorbeikommt. Ob daraus eine ganze Generation sichtbarer, selbstbewusster Pflegestimmen entsteht, lässt sich heute noch nicht sagen. Der Anfang aber ist gemacht.

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Weiterführende Links & Shownotes

Stefan Schwark vom DBfK spricht mit uns über die "Social Media Nurse". Das ist eine Fortbildung für Pflegende, um alle relevanten Aspekte rund um das Thema Social Media zu lernen. Stefan gibt uns tiefe Einblicke in das gesamte Fortbildungsprogramm und warum eine solche Fortbildung überhaupt notwendig ist.
Wir sprechen über Sinn und Unsinn in den sozialen Medien, wie Pflege sich präsentiert und welche Chancen sich für die Berufsgruppe ergeben, wenn sie den Umgang in den sozialen Medien lernt.

Shownotes

DBfK Nordwest auf:

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Anmeldung zum Treffen der AG Social Media (10.08.2023, ab 18 Uhr und Folgetermine)

per E-Mail an nordwest@dbfk.de, Stichwort „AG Social Media“