In deutschen Krankenhäusern hält sich hartnäckig ein Bild: Wer Pflege studiert, will ans Bett nicht mehr ran. Karriere bedeutet Schreibtisch, Sitzung, Stationsleitung. Dass es auch ganz anders geht, beweist seit Jahren das Klinikum Stuttgart – mit inzwischen 36 Advanced Practice Nurses, einem eigenen Rollenkonzept, einem geplanten interdisziplinären Forschungsinstitut und einer Pflegelandschaft, die sich Stück für Stück neu sortiert. In dieser Folge der Übergabe blicken wir mit Dr. Juliane Spank und Philipp Strnad hinter die Kulissen einer Klinik, die früh angefangen hat – und heute zeigt, was Advanced Nursing Practice in Deutschland tatsächlich leisten kann.
Acht Jahre Aufbauarbeit – und warum der frühe Start ein Vorteil war
Die Geschichte der APN-Rolle am Klinikum Stuttgart beginnt 2018. Damals startete die Pflegedirektion eine Projektgruppe zum qualifikationsbezogenen Personaleinsatz. Es ging um eine simple, aber damals unbeantwortete Frage: Was machen wir eigentlich mit Pflegefachpersonen, die einen Bachelor, Master oder gar eine Promotion mitbringen? Schon 2016 war aufgefallen, dass akademisierte Pflegefachpersonen in der Praxis ankommen – und unzufrieden sind. Eingesetzt wurden sie wie alle anderen, ihr Wissen verpuffte. Aus dieser Diagnose entstand am Klinikum Stuttgart ein eigenes APN-Konzept, basierend auf dem Rollenmodell von Hamric et al. Und es entstand ein Glücksfall: Juliane Spank, frisch aus dem Master und einem Auslandsjahr zurück, erfüllte diese Rolle bereits, ohne dass jemand sie so genannt hatte. 2019 wurde ihre Position offiziell zur APN. Der Rest ist gelebte Klinikgeschichte – mit allem, was dazugehört: Widerstände, Lernkurven, Erfolge.
Was eine APN ausmacht – und was sie eben nicht ist
Das Klinikum Stuttgart orientiert sich an der Definition des International Council of Nurses: Master, mehrjährige Berufserfahrung, hohe Fachexpertise. Das Rollenmodell von Hamric setzt die direkte Patient:innenversorgung ins Zentrum – flankiert von sechs „Kann-Kompetenzen" wie ethischer Entscheidungsfindung, Forschung, Konsultation und Coaching. Entscheidend ist: APNs sind keine Stabsstellen, die irgendwo im Organigramm in der Luft hängen. Sie arbeiten an konkreten Pflegephänomenen, direkt in den Bereichen, direkt mit den Patient:innen, direkt im Team. Das hat Folgen für die Stellengestaltung. Wer als APN am Klinikum Stuttgart startet, beginnt mit einem 50:50-Modell – die Hälfte der Zeit in der klassischen Bereichspflege, die andere Hälfte in der APN-Rolle. Mit der Zeit verschiebt sich das Verhältnis, oft auf eigenen Wunsch. Aber der Bezug zur direkten Versorgung bleibt – auch bei einer promovierten Pflegefachperson wie Juliane Spank, die heute zu 40 Prozent in der direkten Versorgung arbeitet und zu 60 Prozent in Wissenschaft und Koordination.
Phänomenologisch statt funktional: Wie Rollen am Klinikum Stuttgart entstehen
Bemerkenswert ist die Logik, mit der die Rollen entwickelt werden. Statt vom Management vorgegebene Aufgabenkataloge auszufüllen, analysieren die APNs ihre Versorgungspraxis selbst – mithilfe des PEPPA-Frameworks. Sie schauen mit dem Team vor Ort: Wo sind die Lücken? Welche Bedarfe entstehen? Wo kann eine APN-Intervention wirklich etwas verändern? Die Begründung dafür ist einfach: Das Wissen über die konkrete Klientel liegt nicht im mittleren oder oberen Management. Es liegt am Bett, im Team, in den Übergaben. Inzwischen kennt das Klinikum aber auch den umgekehrten Weg – etwa bei den Patient:innen mit Impella-Herzpumpen. Hier ist der Bedarf so neu und so spezifisch, dass APN-Stellen gezielt ausgeschrieben werden. Aber auch dann gilt: Die APN gestaltet die Rolle aus, nicht das Management.
„Es wird niemand kommen und uns retten. Das wird nicht passieren. Wir müssen das selbst in die Hand nehmen." — Philipp Strnad
Ein Tag im Leben einer APN: Delirmanagement zwischen Bettkante und Wissenschaft
Wie das konkret aussieht, zeigt der Arbeitsalltag von Juliane Spank. Drei Tage pro Woche sind wissenschaftliche APN-Tage: Forschungsprojekte, Schulungen, Paper, Posterbeiträge, die Mitwirkung am DNQP-Expertenstandard Delir, Beratung anderer APNs. An den restlichen Tagen ist sie im Delir-Team – einem interprofessionellen Team mit spezialisierten Pflegefachpersonen, Betreuungsassistent:innen und Pflegehelfer:innen, das klinikumsweit für Patient:innen ab 65 Jahren mit hohem Delirrisiko angefragt werden kann. Die Arbeit ist patient:innengeleitet, nicht stationsgebunden. Wenn ein:e Patient:in verlegt wird, geht die Begleitung weiter. Im Konsildienst werden Vorerkrankungen, Laborwerte, Medikation und Anamnese geprüft, Assessments durchgeführt, Empfehlungen an Ärzt:innen formuliert, Angehörige einbezogen. Das AKTIVER Team interveniert mehrfach täglich – Orientierung, Frühmobilisation, Schlafförderung, Mahlzeitenbegleitung. Hinter all dem steht ein Versorgungsmodell, das aus einer Studie heraus entstanden ist und Delir-Inzidenzen messbar gesenkt hat.

Doktortitel im Pflegealltag: Warum das eigentlich selbstverständlich sein sollte
Juliane Spank ist promoviert – und arbeitet trotzdem zu 40 Prozent direkt am Bett. Für sie ist das keine Besonderheit, sondern Konsequenz: Sie wollte Pflegefachperson werden, weil sie Patient:innen versorgen wollte. Bachelor, Master und Promotion sind für sie Werkzeugkasten, nicht Fluchtweg. Aus dieser Haltung wird ein Anspruch: Forschung darf nicht in Drittmittelprojekten enden und in Publikationen versanden. Sie muss in der Versorgung ankommen.
Juliane ist als APN in der Gerontopsychaitrie angesiedelt. Gemeinsam mit ihren Kollegen entwickelt sie das Projekt AKTIVER (Alltags- und KognitionsTraining - Interdisziplinarität Verbessert das Ergebnis und mindert das Risiko).
Bei Ärzt:innen ist die Kombination aus Doktortitel und direkter Patient:innenarbeit Standard – in der Pflege noch immer eine Ausnahme. Das hat historische Gründe: Karriere mit Studium bedeutete in der Pflege lange den Weg ins Management. Diese Vorstellung sitzt tief. Auch nach 15 Jahren im Haus wird Juliane Spank am Wochenende gefragt, warum sie eigentlich nicht im Büro sitzt. Genau diese Selbstverständlichkeit – studierte Pflegefachperson am Bett, mit Doktortitel und Forschungsfragen im Kopf – beginnt sich nur langsam zu etablieren.
Strukturen, die tragen: Warum Eingruppierung und Vernetzung den Unterschied machen
36 APNs in einem Haus mit 4.000 Pflegemitarbeitenden und 2.200 Betten – das ist eine andere Liga als die übliche „eine akademisierte Pflegekraft pro Klinik"-Realität. Die meisten APNs arbeiten Vollzeit oder mit mindestens 80 Prozent, sind organisatorisch den pflegerischen Zentrumsleitungen zugeordnet und werden fair nach E13 TVöD eingruppiert – also auf demselben Niveau wie wissenschaftliche Mitarbeitende oder Pädagog:innen an Schulen. Damit das Konstrukt nicht zerfasert, gibt es alle zwei Wochen ein APN-Netzwerktreffen, Workshops, kollegiale Beratung. Zwei Koordinator:innen begleiten neue APNs in der Rollenfindung. Rund 60 Prozent der APNs sind aus dem eigenen Haus heraus entwickelt worden – Mitarbeitende, die zum Studium ermutigt und auf dem Weg begleitet wurden. Die übrigen 40 Prozent kommen über externe Bewerbungen, deren Zahl stetig steigt.
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Am 29.10.2026 findet der zweite APN Kongress mit dem Schwerpunkt "APN X Change – Interdisziplinär & interprofessionell vernetzt. Gemeinsam handeln" vor Ort statt.
Wirksamkeit messbar machen: Zahlen, Daten, Patient:innenstimmen
Eine zentrale Frage bleibt: Wirkt das alles eigentlich? Am Klinikum Stuttgart beginnt jede APN-Beratung mit der Zielklärung – und der Frage, wie dieses Ziel messbar gemacht werden kann. Im Delirbereich war es die Reduktion der Delir-Inzidenz, nachweisbar durch Studiendaten. Heute kommen Kosten-Nutzen-Berechnungen, Anfragestatistiken, Schulungskennzahlen hinzu. In der Transitionspflege werden auch qualitative Daten erhoben: Patient:innenaussagen zu vermiedenen Wiedereinweisungen, Erlebnisse im Übergang nach Hause. In der Psychiatrie geht es um Gewaltreduktion durch Milieugestaltung, um Fixierungsraten, um strukturierte Übergaben. Klar ist aber auch: Eine klinikumsweite Wirksamkeitsstudie wäre intern wenig glaubwürdig – hier brauche es externe Forschung und Mehrklinik-Studien, sagen die Koordinator:innen offen.
Pflegediagnosen, gemeinsame Sprache und ein Patient:innenbrief
Eine konsequente Arbeit mit Pflegediagnosen und Pflege-Outcomes wäre die Voraussetzung dafür, Pflegewirksamkeit ähnlich nachweisbar zu machen wie ärztliche Interventionen. Auch der Wunsch nach einem gemeinsamen Patient:innenbrief – statt getrennten Ärzt:innenbriefen und Pflegeüberleitungsbögen – ist explizit formuliert. Eine Untersuchung im Haus zeigte: Die Delir-Verdachtsdiagnose schaffte es nur erschreckend selten in den Ärzt:innenbrief. Mit der Umstellung auf die digitale Patientenakte ist es nun möglich, dass das Delir-Team Ärzt:innen daran erinnert, die Diagnose zu dokumentieren und Hausärzt:innen um eine Nachkontrolle in sechs Monaten zu bitten. Ein erster Schritt in Richtung sektorenübergreifender Versorgung – mit Telepflege und Community-Health-Nursing-Elementen als nächstem logischen Schritt.
Vom Widerstand zur Augenhöhe - Wie sich die Zusammenarbeit mit der Medizin verändert
Anfangs musste sich Juliane Spank gegenüber Ärzt:innen kontinuierlich behaupten. Medikationsempfehlungen aus der Pflege – das war für viele Neuland, teilweise Reibungsfläche. Heute melden sich gerade junge Assistenzärzt:innen aktiv beim Delir-Team. Was den Unterschied macht, ist weniger der Titel als die Haltung: keine Bevormundung, sondern gemeinsame Verantwortung. Und eine Sprache, die auf Evidenz basiert. Ein Beispiel: Bei den Impella-Patient:innen wurde die Mitarbeit an der Überarbeitung von SOPs skeptisch betrachtet – und plötzlich konnte es dem ärztlichen Dienst gar nicht schnell genug gehen, weitere Themen an die APNs zu übergeben. Genau hier braucht es Augenmaß: APNs dürfen nicht zur günstigen Assistenz werden. Aber die Richtung stimmt – Widerstand nimmt ab, Akzeptanz nimmt zu, Kolleg:innen kommen in die Beratung und überlegen, selbst ein Studium zu beginnen.
Was Hochschulen mitgeben sollten und was die Praxis leisten muss
Die Praxis zeigt deutlich, wo die Lücken zwischen Hochschule und Klinik liegen. Wer mit Master ankommt, hat den Werkzeugkasten – nicht aber automatisch die Erfahrung, ein komplexes Forschungsprojekt von A bis Z zu planen, Stichproben zu kalkulieren, Theorie-Praxis-Transfer zu organisieren. Spezifische APN-Studiengänge in Intensivpflege, Onkologie oder Notfallpflege machen den Einstieg erfahrungsgemäß leichter. Was sich aber kaum lehren lässt, ist soziale Kompetenz – und genau die ist in einer APN-Rolle elementar. Genauso wichtig: das Bewusstsein, Pionier:innenarbeit zu leisten, Widerstände einzukalkulieren, mit Unsicherheit umgehen zu können. Hier wünschen sich die Stuttgarter:innen mehr Vorbereitung an den Hochschulen.
„Das Studium ist Mittel zum Zweck. Es bietet einen Werkzeugkasten, um in der direkten Versorgung wirklich etwas zu verändern." - Dr. Juliane Spank
Ein Forschungsinstitut, das aus der Praxis entsteht
Aus dieser Gemengelage heraus entsteht aktuell etwas Neues: ein interdisziplinäres Forschungsinstitut. Die Idee kam aus der Praxis – aus dem Erleben, dass im Haus viele kluge Köpfe forschen, aber niemand voneinander weiß. Die Ressourcen werden nicht klug genutzt. Das Institut startet pflegerisch, soll aber Medizin und Therapieberufe einbeziehen. Ziel ist es, Interventionsbündel zu beforschen, Methoden zu vermitteln, APNs in ihrer Forschung zu begleiten – und Themen wie Führungskultur, Aromapflege oder Kinästhetik endlich solide zu evaluieren, statt sich auf das Bauchgefühl zu verlassen. Eine Vision, die in einem nicht-universitären Klinikum besonders bemerkenswert ist.
Was Deutschland davon lernen kann
Die nüchterne Diagnose der beiden Koordinator:innen: APNs in Deutschland bleiben weitgehend Pionier:innen. Es fehlen gesetzliche Rahmenbedingungen, eine geregelte Finanzierung, eine klare Kompetenzzuordnung. Es fehlen Karrierebänder wie in Großbritannien. Manche Häuser bezahlen den Mastergrad nach E9b – das macht den Beruf unattraktiv. Und es fehlt teilweise das Verständnis innerhalb der eigenen Berufsgruppe. Kolleg:innen, die Evidenzbasierung als Kern professioneller Pflege begreifen. Solange Pflegehandeln nicht begründbar bleibt, wird die Professionalisierung nicht abgeschlossen.
„Wir brauchen in der Pflege ein Selbstverständnis dafür, dass Evidenzbasierung wichtig ist. Solange wir das nicht haben, wird der letzte Schritt zur Profession immer fehlen." - Philipp Strnad
Trotz allem überwiegt Optimismus: Die Versorgungslage wird komplexer, der Bedarf an APNs wächst. Wenn es gelingt, politisch Einfluss zu nehmen – über Kammern, über eine pflegerische Interessenvertretung – kann sich die Landschaft in zehn Jahren grundlegend verändert haben. Niemand wird kommen, um die Pflege zu retten. Das müssen Pflegefachpersonen selbst tun.

