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Diese Episode erschien am 03.04.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Community Health Nursing bringt Pflege gemeindenah und interprofessionell in die Versorgung.
  • Drei deutsche Hochschulen entwickelten den Masterstudiengang mit Robert-Bosch-Stiftung und DBfK.
  • Das erste Double Degree der Pflege verbindet Witten/Herdecke mit der ZHAW.
  • Viele wichtige Versorgungsaufgaben liegen brach, weil keine Profession sie übernimmt.

Stell dir vor, in deinem Dorf oder Stadtviertel gibt es eine Anlaufstelle für alle Fragen rund um Gesundheit – jemanden, der vorbeikommt, wenn Eltern mit einem Frühchen nach Hause entlassen werden, der pflegende Angehörige berät, Versorgungswege koordiniert und früh hinschaut, bevor aus kleinen Problemen große werden. Genau dieses Bild steckt hinter dem Konzept Community Health Nursing. In dieser Episode des Übergabe-Podcasts sprechen Franziska und Christian mit drei Gästen, die das Thema von ganz unterschiedlichen Seiten kennen: Julia Söhngen, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Witten/Herdecke, Frau Hartung von der DRK-Schwesternschaft Bonn und André Fringer von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Drei Perspektiven – Studium, Praxis und internationale Kooperation – die zusammen ein erstaunlich vollständiges Bild ergeben.

Ein internationales Konzept kommt in Deutschland an

Community Health Nursing ist kein neuer Geistesblitz, sondern in vielen Ländern längst gelebte Realität. In Finnland heißen die Fachpersonen Public Health Nurses, in Großbritannien und Kanada gibt es eigene Ausprägungen – das Konzept wird also stark länderspezifisch interpretiert. Was die Länder eint, sind die Gründe, warum sie sich überhaupt damit beschäftigen: Fachkräftemangel, eine alternde Bevölkerung, immer mehr chronische Erkrankungen und ein Gesundheitswesen, das vor wachsenden Aufgaben steht. Genau diese Ausgangslage trifft auch auf Deutschland zu.

Hierzulande haben die Robert-Bosch-Stiftung und der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe das Thema über Jahre vorangetrieben. Zuerst klärte eine Machbarkeitsstudie, was Community Health Nursing eigentlich ist. Danach folgte die Ausschreibung für die Entwicklung eines Masterstudiengangs. Zwölf Hochschulen bewarben sich, drei erhielten den Zuschlag: die Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar, die Katholische Stiftungshochschule München und die Universität Witten/Herdecke mit ihrem Studiengang Community Health Nursing. Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Frühjahr 2021 war das Curriculum gerade fertig – und der zuständige Lehrstuhl wurde von „familienorientierte und gemeindenahe Pflege" in „Community Health Nursing" umbenannt.

Zurück zu den Wurzeln – nur mit viel mehr Wissen

Wer schon länger in der Pflege ist, dem kommt vieles bekannt vor. Früher gab es die Gemeindeschwestern, oft Ordens- oder Rotkreuz-Schwestern, die im Ort eine zentrale Rolle spielten. Mit der Einführung der Pflegeversicherung und der ambulanten Pflegedienste wurden sie nach und nach abgeschafft. Die Versorgung schrumpfte auf das, was SGB V und SGB XI hergeben – und das ist erschreckend wenig gemessen an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen.

„Eigentlich machen wir drei Schritte zurück. Der Unterschied zu den damaligen Gemeindeschwestern ist nur, dass die Kolleg:innen heute ganz anders darauf vorbereitet werden und mit viel mehr Wissen ihre Aufgaben übernehmen." — Frau Hartung, DRK-Schwesternschaft Bonn

Für die DRK-Schwesternschaft war früh klar: Theorie und Praxis müssen sich gemeinsam weiterentwickeln. Das größte Risiko bestünde sonst darin, hochmotivierte Absolvent:innen in eine Praxis zurückzuschicken, die sich überhaupt nicht mit verändert hat. Deshalb suchten die Verantwortlichen schnell den Kontakt zur Universität Witten/Herdecke. Das Ziel: Community Health Nurses sollen am Ende auf ein Arbeitsfeld treffen, in dem sie ihr Wissen auch wirklich einsetzen können.

Aufgaben, die niemand übernimmt

Besonders eindrücklich wird das Konzept, wenn man auf die Lücken in der heutigen Versorgung schaut. Es gibt eine ganze Reihe von Tätigkeiten, die schlicht brachliegen, weil sich keine Profession dafür zuständig fühlt. Dazu gehören die frühe Förderung der eigenen Gesundheitskompetenz, lange bevor Menschen in Arztpraxen landen, sowie die Schulung und Begleitung pflegender Angehöriger, die bislang nur sporadisch stattfindet. Auch die Erhebung von Befunden und gängigen Assessments im häuslichen Bereich passiert kaum – erst dann, wenn ein ambulanter Pflegedienst eingeschaltet wird. Und die Koordinierung von Versorgungsprozessen, die im Krankenhaus Case Manager übernehmen, fällt im ambulanten Bereich durchs Raster.

Wichtig ist den Gästen dabei eine klare Abgrenzung: Es geht ausdrücklich nicht darum, Ärzt:innen zu ersetzen oder pflegerische Tätigkeiten einfach mengenmäßig auszuweiten. Es geht darum, vorhandene Ressourcen klug einzusetzen, Schnittmengen sinnvoll zu füllen und ein neues Aufgabenfeld zu erschließen: Alltagsunterstützung in jeder Lebenslage, von der Geburt bis zur palliativen Lebensphase, mit Beratung, Anleitung zum Selbstmanagement und der Begleitung von Menschen, damit sie so lange wie möglich gut zu Hause leben können.

Was die Corona-Pandemie schonungslos offengelegt hat

Wie sehr diese Lücken im Ernstfall schmerzen, zeigte sich für die DRK-Schwesternschaft mit dem Corona-Hotspot Heinsberg direkt vor der Haustür. Innerhalb kurzer Zeit waren ganze Gemeinden in Quarantäne, Arztpraxen geschlossen, Krankenhäuser überfordert – und niemand wusste so recht, wer die Bevölkerung versorgen sollte. Am Ende half eine mobile Arztpraxis aus, in der Rotkreuz-Schwestern eng mit Hausärzt:innen zusammenarbeiteten. Die Situation machte deutlich: Hätte es Community Health Nurses gegeben, die weiterführende Aufgaben eigenverantwortlich übernehmen können, wäre man in der ohnehin dünn besiedelten, ärztlich unterversorgten Region deutlich handlungsfähiger gewesen. Weil Pflegende in Deutschland keine Vorbehaltsaufgaben haben, blieben die Möglichkeiten stark begrenzt.

Pflege als Dialogbrücke zwischen Mensch und Gemeinde

André Fringer bringt den Blick aus der Schweiz ein – und der lohnt sich. Dort gibt es zwar (noch) keine Community Health Nurses, dafür aber seit über zehn Jahren eine kräftige Entwicklung hin zu Advanced Practice Nursing. Pflegende mit Masterabschluss übernehmen Pionierrollen, etwa in ambulanten Diensten oder gemeinsam mit Hausärzt:innen in der Praxis. Trotzdem fehlt auch dort ein klarer pflegerischer Fokus auf die Gemeinde – und genau hier liegt für ihn die Schlüsselrolle der Community Health Nurse.

„Wer übersetzt die Sprache der Pflege auf ein gemeindepolitisches Niveau – und umgekehrt? Wer bildet die Dialogbrücke zwischen den Disziplinen, der vertrauten Gemeinde und den Betroffenen? Genau die brauchen wir." — André Fringer, ZHAW

Fringer spricht von „Gesundheitssystem-Veränderungsadvokat:innen" – also von Pflegenden, die aktiv für die Anliegen der Menschen eintreten und Versorgung gestalten, statt nur zu reagieren. Dabei betont er, dass es nicht die eine Lösung gibt: Jede Gemeinde ist anders aufgestellt, hat andere Ressourcen und braucht andere Antworten. Die Kompetenz, mit den vorhandenen Möglichkeiten auf konkrete Notwendigkeiten zu reagieren, ist deshalb das Herzstück der neuen Rolle. Wer tiefer in die Verzahnung von Pflege und ärztlicher Versorgung eintauchen möchte, findet in unserer Folge über Advanced Practice Nurses in der hausärztlichen Praxis spannende Anknüpfungspunkte.

Wer studieren darf – und worauf es im Studium ankommt

Um in Witten/Herdecke Community Health Nursing zu studieren, braucht es eine abgeschlossene Pflege- oder Hebammenausbildung sowie einen Bachelor in Pflegewissenschaft oder einem verwandten Bereich wie Soziale Arbeit, Public Health oder Pflegepädagogik. Das Studium fokussiert sich auf drei Bereiche: die primäre Gesundheitsversorgung, die Versorgung chronisch kranker Menschen und die gemeindeorientierte Versorgung – immer mit Blick auf die gesamte Lebensspanne.

Ein zentrales Merkmal ist die Interprofessionalität. Die Studierenden lernen, ihre fachliche Einschätzung zu vertreten, Assessments durchzuführen, körperliche Basisuntersuchungen vorzunehmen und ihre Erkenntnisse im interprofessionellen Team einzubringen. Besonders bemerkenswert: An der Fakultät für Gesundheit gibt es gemeinsame Lehrveranstaltungen mit Medizinstudierenden. Anhand konkreter Fälle – etwa internistischer Notfälle – reflektieren beide Gruppen gemeinsam ihre Rollen. So werden angehende Mediziner:innen schon im Studium mit Community Health Nurses sozialisiert und nicht erst nach dem Examen.

Damit das Konzept in der Fläche ankommt, braucht es laut Frau Hartung allerdings auch ein Umdenken in der Praxis selbst. Pflegefachpersonen arbeiten heute oft hervorragend in ihren Sektoren – vollstationär, teilstationär, ambulant, betreutes Wohnen – schauen aber selten über den eigenen Bereich hinaus. Und auch die Bevölkerung muss erst lernen, dass Pflege weit mehr kann als grundpflegerische und behandlungspflegerische Versorgung.

Warum musste erst eine Stiftung kommen?

Christian bringt im Gespräch eine unbequeme Frage auf den Punkt: Eigentlich wäre es Aufgabe von Kommunen, Ländern und Bund, die Bevölkerung so zu versorgen, wie es Community Health Nursing vorsieht. Stattdessen brauchte es eine Universität, einen Praxispartner und eine Stiftung, um das Konzept anzustoßen. Die früher eingeführten Pflegestützpunkte waren gut gedacht, wurden aber bei den Landkreisen angesiedelt – und dorthin wenden sich die Menschen im Zweifel eben nicht. Sie fragen in ihrer vertrauten Gemeinde nach, oft bei Kirchengemeinden oder beim Roten Kreuz.

Die Gäste sehen es dennoch optimistisch: Der entscheidende Impuls kam aus der Berufsgruppe selbst, getragen vom Berufsverband, und ohne die Förderung der Robert-Bosch-Stiftung wäre man wohl nicht so weit gekommen. Julia Söhngen zieht eine schöne Parallele zur Einführung der Pflegewissenschaft – auch das war ein Prozess, der mutige Menschen brauchte. Die erste Folge zum Thema mit Wilfried Schnepp liegt übrigens schon einige Zeit zurück; wer die Grundlagen nachhören möchte, findet sie in der Episode zu DVG und Community Health Nursing.

Ein Double Degree, das es in der Pflege noch nie gab

Das vielleicht spannendste Ergebnis der Kooperation: ein Double-Degree-Programm zwischen der Universität Witten/Herdecke und der ZHAW mit ihrem Masterstudiengang Pflege. Die Idee entstand – fast schon legendär – bei einer gemeinsamen Wanderung auf dem Säntis. Konkret heißt das: Studierende durchlaufen beide Programme, deren Inhalte gegenseitig anerkannt werden, und schließen am Ende mit zwei Masterabschlüssen ab – Community Health Nursing und Advanced Practice Nursing.

„Das ist kein Titel sammeln in der Pflege, ganz im Gegenteil. Es ist eine Ergänzung zu etwas, was wir in der Schweiz so nicht haben – und ein großes Geschenk für uns." — André Fringer, ZHAW

Im Kern geht es nicht um die beiden Abschlüsse, sondern um den Kompetenzgewinn und den Dialog über Ländergrenzen hinweg. Studierende lernen die unterschiedlichen Gesundheitssysteme kennen, sammeln Auslandserfahrung in der Praxis und werden sich der eigenen Rolle bewusster, gerade weil sie sie mit der eines anderen Landes vergleichen können. Fringer beobachtet im deutschsprachigen Raum eine gewisse Fragmentierung der akademischen Pflegeentwicklung – genau diese Lücke soll der Austausch schließen. Für die Pflege im deutschsprachigen Raum ist es das erste Programm dieser Art und damit ein echter Meilenstein.

Pioniergeist gesucht

Am Ende des Gesprächs bleibt vor allem eines hängen: die Begeisterung der Gäste für ein Berufsfeld im Aufbruch. Community Health Nursing ist kein fertiges Produkt, sondern ein Prozess, der mutige Menschen braucht, die Pflege gemeindenah neu denken wollen.

„Die Entwicklungen, die in der Pflege noch bevorstehen, sind wahnsinnig spannend. Ein Teil davon sein zu dürfen, das finde ich großartig." — Julia Söhngen, Universität Witten/Herdecke

Wer einen Eindruck bekommen möchte, wie das in der Praxis aussehen kann, findet im Projekt Community Health Nurse auf der Veddel ein konkretes Beispiel. Und wer mit dem Gedanken spielt, selbst Pionier:in zu werden, wirft am besten einen Blick in den Infoflyer der beteiligten Hochschulen. Klar wird in dieser Folge vor allem eines: Pflege bietet weit mehr Karriere- und Gestaltungsmöglichkeiten, als viele vermuten – man muss sie nur ergreifen.

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