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Diese Episode erschien am 29.09.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Christine Vogler beschwört Aufbruchsstimmung und mehr Verantwortung der Pflegeprofession.
  • Lauterbach verspricht der Pflege mehr Kompetenzen über Vorbehaltstätigkeiten und Studium.
  • G-BA-Chef Hecken unterstützt ein Mitberatungsrecht der Pflege.
  • forsa-Umfrage: 92 Prozent misstrauen der Pflegepolitik, 77 Prozent akzeptieren Ersteinschätzung durch Pflege.

Diesmal war das PflegeUpdate „on tour": Wir haben uns für dich auf dem Deutschen Pflegetag in Berlin umgehört – an Tag 1 der Jubiläumsausgabe zum zehnjährigen Bestehen. Zwischen Kongressrauschen, Messeständen und Eröffnungsreden haben wir zahlreiche Stimmen eingefangen. Hier liest du die wichtigsten Themen dieses Tages kompakt nach. Beachte: Alle politischen Aussagen, Gesetzespläne und Zahlen spiegeln den Stand vom September 2023 wider.

Christine Vogler ruft zu Aufbruch und Wachsamkeit auf

Den Auftakt machte Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, mit ihrer Eröffnungsrede. Sie griff das oft strapazierte Bild der Pflege als „Herzensprofession" auf und gab ihm über den Rhythmus des Herzschlags eine neue Richtung. Inhaltlich umriss sie die bekannten Baustellen: Arbeitsbedingungen, Handlungsautonomie, strukturelle Bedingungen wie Pflegekammern und Pflegebildung sowie ein neuer gesellschaftlicher Zugang – auch zu pflegenden Angehörigen.

Bemerkenswert war ihr klarer Appell, als Profession wachsam gegenüber dem Erstarken faschistischer Strömungen zu sein. Zur beruflichen Identität gehöre, jeden Menschen vorbehaltlos zu pflegen. Im Gespräch mit uns betonte Vogler außerdem, warum ein Kongress wie dieser für Pflegefachpersonen wertvoll ist: Er schaffe Netzwerke, stärke den Berufsstolz und sei für viele „Seelenpflege".

Auf die Zusammenarbeit mit der Politik angesprochen, ordnete sie ein, dass gute Gesetzesgrundlagen im Verfahren oft „verwässert" würden, weil die Pflege strukturell nicht mitsprechen könne und andere Lobbygruppen stärker aufgestellt seien. Ihr Rat an engagierte Kolleg:innen: sich zusammenschließen, Verbündete suchen und gezielt das Gespräch mit Wahlkreisbüros der Parteien suchen – auch kleine Gespräche könnten große Wirkung entfalten.

Lauterbach verspricht der Pflege mehr Kompetenzen

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sprach in seiner Rede von einer „positiven Zukunft" der Pflege – eine Formulierung, die im Saal für Schmunzeln sorgte. Wir konnten ihm nach seiner Rede noch eine Frage stellen: Was er darunter verstehe? Seine Antwort: Pflege werde mehr Möglichkeiten und mehr Anerkennung bekommen, unter anderem durch das Pflegestudium und die Pflegewissenschaft. Kurz: Pflege werde künftig mehr dürfen und mehr können.

Diese Aussage ist deshalb relevant, weil das Thema akademische Pflegeausbildung damals politisch sehr aktuell war. Lauterbach verwies zudem auf eine Art Zehn-Jahres-Frist, unter die er das Thema Vorbehaltstätigkeiten einordnete. An genau diesen Ankündigungen wird sich künftige Pflegepolitik messen lassen müssen – ein Punkt, den auch Vogler betonte, als sie sich ein großes Verständnis für Lauterbachs Blick auf das Potenzial der Pflege bewahrte.

Holetschek wirbt für einen „Pakt für die Pflege"

Bayerns damaliger Gesundheitsminister Klaus Holetschek schlug einen „Pakt für die Pflege" vor – analog zum „Deutschlandpakt" der Bundesregierung. Konkret nannte er steuerfreie Gehaltsbestandteile, bezahlbaren Wohnraum, Entbürokratisierung, die Eindämmung von Leiharbeit und die Übertragung von Heilkunde. Für ihn sei die Pflege die „Schicksalsfrage der Zukunft", um die man sich kümmern müsse, bevor Strukturreformen wie die Krankenhausreform greifen.

Der geplanten Krankenhausreform stand er kritisch gegenüber und verwies auf seine Ablehnung im Bundesrat, weil er die Versorgung im ländlichen Raum gefährdet sehe. Positiv äußerte er sich zu Community Health Nursing und Schulgesundheitspflege – Konzepte, für die Pflege auf Augenhöhe mit der Ärzteschaft agieren müsse. Er kündigte einen runden Tisch mit der Ärzteschaft an und sah in der Akademisierung den Weg, das nötige Personal für solche Rollen zu gewinnen.

G-BA-Chef Hecken unterstützt ein Mitberatungsrecht der Pflege

Ein zentrales Thema des Tages war die Frage, warum die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen bislang nicht im Gemeinsamen Bundesausschuss mitentscheidet. Dessen Vorsitzender Josef Hecken bezeichnete den G-BA als „Maschinenraum" des Gesundheitswesens, der festlegt, was angemessen, wirtschaftlich, zweckmäßig und qualitätsgesichert ist – einschließlich verpflichtender Personalvorgaben für Krankenhäuser.

Hecken machte deutlich, dass er ein Mitberatungsrecht des Deutschen Pflegerats unterstützt und sogar eine Geschäftsstelle finanzieren wolle, damit die Pflege fachlich fundiert mitarbeiten kann. Das Bundesgesundheitsministerium hatte zum Zeitpunkt der Folge bereits einen Gesetzentwurf rundgeschickt, der ein formales Mitberatungsrecht vorsah; politische Widerstände sah Hecken nicht. Wichtig sei jedoch, dass Pflege mit eigenen Strukturen und Referent:innen an den Tisch komme – ein Punkt, den auch Vogler hervorhob.

Daneben äußerte Hecken Kritik an der Mittelverteilung: Er stelle infrage, warum mehrere hundert Millionen Euro für Gesundheitskioske ausgegeben würden, während wichtigere Projekte – etwa zu Community Health Nurses – nicht finanziert würden. Sein Argument: Immer mehr Geld ins System zu kippen sei bei einem Gesundheitsausgabenvolumen von rund 580 Milliarden Euro keine Lösung – es brauche vernünftige Strukturen.

Westerfellhaus mahnt mehr politische Schlagkraft an

Deutlich kritischer fiel das Resümee von Andreas Westerfellhaus aus, ehemaliger Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung. Lauterbachs Zukunftsversprechen sei ihm „zu flach": Pflegende wüssten längst, dass sie unverzichtbar seien – gefragt seien konkrete Rahmenbedingungen, nicht Ankündigungen. Er zählte ungelöste Probleme auf: Insolvenzen von Einrichtungen, abgewiesene Pflegebedürftige, Fachkräftemangel und zunehmende Wartezeiten.

Sein zentraler Hebel ist die Selbstverwaltung. Als langjähriger Befürworter von Pflegekammern bedauerte er, dass Teile der Berufsgruppe viel kritisierten, aber zögerten, selbstgestalterisch Verantwortung zu übernehmen. Er erinnerte daran, dass selbst der damalige Minister Jens Spahn die Pflege ermutigt habe, ihre Geschichte selbst in die Hand zu nehmen. Sein Appell: Die Pflege müsse aktiver werden und sich die Gesellschaft zum Partner machen, denn es gehe um Versorgungssicherheit.

Bochumer Bund: 4.500 Euro Einstiegsgehalt als Ziel

Am Stand des Bochumer Bundes ging es um die Rolle der einzigen Pflegegewerkschaft in Deutschland. Die Forderung: ein Bruttoeinstiegsgehalt von 4.500 Euro für Pflegefachpersonen, dazu mehr selbstständiges Arbeiten und Begegnung auf Augenhöhe im interdisziplinären Team. Voraussetzung für tarifliche Durchsetzungskraft sei ein hoher Organisationsgrad – ähnlich wie ihn der Marburger Bund für die Ärzteschaft erreicht hat.

Wichtig war den Vertreter:innen die Botschaft, dass Gewerkschaft und Pflegekammer kein Widerspruch seien: Die Gewerkschaft sei für Tarifverträge und Arbeitsbedingungen zuständig, die Kammer für Qualitätsfragen, Vorbehaltsaufgaben und Fortbildungsregelungen. Beides solle als Miteinander gedacht werden.

forsa-Umfrage: Misstrauen gegenüber der Pflegepolitik

Marc Dominik Alscher vom Robert Bosch Health Campus stellte eine eigens für den Pflegetag durchgeführte forsa-Umfrage vor. Zwei Ergebnisse stachen heraus: 92 Prozent der Befragten hatten wenig oder gar kein Vertrauen in die Pflegepolitik. Und 77 Prozent wären bereit, eine medizinische Ersteinschätzung auch von einer akademisch ausgebildeten Pflegefachperson vornehmen zu lassen.

Alscher wertete dies als Handlungsauftrag: Die Bevölkerung sei beim Thema neue Aufgabenverteilung weiter als die Gesetzgebung. Mit Blick auf die Krankenhausreform, die viele Standorte in ambulante Strukturen überführen wolle, plädierte er für konkrete Angebote wie PORT-Zentren – multiprofessionelle Versorgungszentren in den Quartieren. Auch Prävention sei ein großer Hebel, da sich ein erheblicher Teil stationärer Aufnahmen durch sie vermeiden lasse. Die vollständigen Ergebnisse findest du im Material zur forsa-Umfrage Pflege.

Junge Pflege, Expertenstandards und neue Berufsfelder

Parallel lief der Junge Pflegekongress des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe Nordost unter dem Titel „Gepflegte Zukunft". Die AG-Koordinatorin schilderte, wie der Einstieg über berufspolitischen Unterricht und Podcasts gelang und warum Sessions etwa zu Praxisanleitung, Community Health Nursing und Schulgesundheitspflege jungen Pflegenden Perspektiven aufzeigen. Ihr Aufruf: Wer sich im Beruf stört, ist in den regionalen AGs richtig, um etwas zu bewegen.

Am Stand des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege ging es um das 30-jährige Jubiläum. Der Schwerpunkt verschiebt sich dort zunehmend von der reinen Festlegung von Qualitätsniveaus hin zur praxisnahen Unterstützung: Wie lassen sich Expertenstandards verstehen und pragmatisch anwenden – gerade unter schwierigen Bedingungen? Genau hier sieht das DNQP, etwa über sein Weiterbildungsprogramm, den größten Handlungsbedarf.

Schließlich haben wir uns am Stand der Bundeswehr erkundigt, welche Einsatzfelder es dort für Pflegefachpersonen gibt: zivil in den Bundeswehrkrankenhäusern als reine Pflegetätigkeit oder militärisch als Soldat:in mit zusätzlichen Verpflichtungen wie Auslandseinsätzen. Fachweiterbildungen etwa für Intensiv-, Psychiatrie- oder innere Medizin sind möglich; Kinderkrankenpflege und Gynäkologie sind dagegen nicht abgedeckt.

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Quellen