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Das Wichtigste in Kürze
  • Seit 2020 ersetzt die generalistische Ausbildung die getrennte Kinderkrankenpflege – besonders in der Pädiatrie umstritten.
  • 120 Pflichtstunden Pädiatrie reichen nicht; Stationen werden zu überlasteten Nadelöhren.
  • Das Problem liegt in der Umsetzung, nicht im generalistischen Modell selbst.
  • Strukturierte Einarbeitung und neue Spezialisierungsweiterbildung in NRW schließen Lücken.
  • Generalistik bringt Stärken: wissenschaftliches Arbeiten, Kommunikation und offeneren Zugang zur Pädiatrie.

Kinderkrankenpflege im Wandel und was das für die generalistische Ausbildung bedeutet

Seit 2020 lernen angehende Pflegefachpersonen in Deutschland nicht mehr getrennt nach Zielgruppen – Erwachsene, ältere Menschen, Kinder –, sondern gemeinsam in einer generalistischen Ausbildung. Ein Schritt, der international längst als Standard gilt, in Deutschland aber bis heute heftig diskutiert wird. Nirgendwo ist die Debatte emotionaler als in der Pädiatrie. Denn die Frage, ob eine generalistische Ausbildung ausreicht, um kranke Kinder sicher zu versorgen, berührt etwas Grundlegendes: das Wohl der verletzlichsten Patientinnen und Patienten.

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Im Übergabe-Podcast haben sich drei Frauen zusammengefunden, die das Thema aus sehr unterschiedlichen Perspektiven kennen: Francis, Absolventin der generalistischen Pflegeausbildung und heute auf einer pädiatrischen Intensivstation tätig; Kathrin Scherer, gelernte Kinderkrankenschwester und freigestellte Praxisanleiterin im selben Haus; und Jennifer Wellensiek, Berufspädagogin und Kursleiterin der neuen Spezialisierungsweiterbildung für die Pflege von Kindern und Jugendlichen in NRW. Was dabei entsteht, ist kein Schwarz-Weiß-Bild – sondern ein differenzierter Blick auf ein System im Übergang.


Kinder sind keine kleinen Erwachsenen und das merkt man schnell

Wer zum ersten Mal auf einer Kinderstation arbeitet, erlebt oft einen Realitätscheck. Francis erinnert sich gut an ihre ersten Wochen auf der pädiatrischen Intensivstation: Die Krankheitsbilder waren komplex und unbekannt, die Arbeitsweise eine völlig andere. Kinder lassen sich nicht einfach bitten, 15 Minuten still zu inhalieren. Sie äußern Schmerzen nicht in Worten. Und vor allem: Ihre Normwerte – Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz – unterscheiden sich je nach Alter und Gewicht erheblich.

Francis trug anfangs einen handgeschriebenen Spickzettel mit altersabhängigen Normwerten in der Kitteltasche. Kein Drama, aber ein deutliches Zeichen: Die Ausbildung hatte sie auf diesen Bereich nur begrenzt vorbereitet.

„Ich würde mich immer wieder für die generalistische Ausbildung entscheiden. Aber ich hätte mir gewünscht, dass die Strukturen mich dabei besser unterstützt hätten – mit mehr Stunden in der Pädiatrie und einer Praxisanleitung, die wirklich greift." – Francis

Kathrin Scherer sieht das ähnlich. Als Praxisanleiterin begleitet sie neue Kolleginnen und Kollegen bei ihrer Einarbeitung – und die Unterschiede zu früher sind für sie spürbar. Wer heute frisch examiniert auf die Kinderstation kommt, bringt oft weniger spezifisches Fachwissen mit als die Kinderkrankenpflegenden der älteren Generation. Das liegt nicht an mangelnder Intelligenz oder fehlender Motivation, sondern schlicht daran, dass man weniger Zeit mit kranken Kindern verbracht hat.


Warum 120 Stunden nicht reichen

Im Kern des Problems steckt eine mathematische Wahrheit: In der generalistischen Ausbildung sind 120 Stunden im pädiatrischen Bereich verpflichtend – und das für alle Auszubildenden. Nicht für einige wenige, die sich bewusst für Kinderkrankenpflege entschieden haben, sondern für jeden Kurs in jedem Bundesland.

Die Folge: Pädiatrische Stationen werden zu Nadelöhren. Alle müssen dort hin, aber die Stationskapazitäten wachsen nicht mit. Und weil Träger flexibel sein müssen, landen manche Auszubildenden ihren Pädiatrie-Pflichtanteil in einem Kindergarten – also zwischen gesunden Kindern, ohne jede klinische Relevanz für die spätere Arbeit.

Jennifer Wellensiek, die langjährige Erfahrung in der Pflegepädagogik mitbringt, sieht darin ein strukturelles, kein inhaltliches Versagen. Die Rahmenlehrpläne nach dem Pflegeberufegesetz sind grundsätzlich gut aufgestellt: Pädiatrische Inhalte sind in allen übergeordneten Lerneinheiten vorgesehen – von der Körperpflege über kardiale Erkrankungen bis zur Palliativversorgung. Das Problem liegt in der Umsetzung: Schulinterne Curricula werden nicht bundeseinheitlich geprüft, und was in Bielefeld gelehrt wird, muss in Osnabrück oder München nicht dasselbe sein.


Was die Praxis bereits leistet und was das von ihr fordert

Dass Häuser neue Kolleginnen und Kollegen erfolgreich einarbeiten, liegt nicht am Zufall. Kathrin Scherer hat dort ein Einarbeitungskonzept mitentwickelt, das konsequent auf die veränderte Ausgangssituation reagiert: Neue Mitarbeitende tauchen in den ersten acht bis zwölf Wochen gar nicht eigenständig im Dienstplan auf, sondern laufen mit festen Bezugspersonen mit. Praxisanleitende planen ihre eigenen Dienste um diese Einarbeitung herum. Ergänzt wird das durch Theorie-Tage zu Themen wie Kardiologie, Neurologie oder Beatmung – und durch individuelle Gespräche, die den aktuellen Lernstand im Blick halten.

„Ich weiß nicht, warum sich Häuser dem ergeben und sagen, es ist alles Mist. Wenn ich konstruktiv draufschaue, sehe ich überall Lösungen – und ich sehe Leute, die sie bereits umsetzen." – Kathrin Scherer

Was klingt wie ein Leuchtturmprojekt, sollte eigentlich Standard sein. Doch das setzt voraus, dass Häuser die Ressourcen und den Willen haben, sich auf veränderte Voraussetzungen einzulassen. Beides ist nicht überall vorhanden. Wer seit Jahren am Personallimit arbeitet, hat schlicht keine Kapazität, um Einarbeitungskonzepte zu entwickeln – auch wenn genau das langfristig helfen würde.


Die neue Weiterbildung ist ein Lückenschluss mit Potenzial

Seit dem 1. April 2025 gibt es in NRW einen ersten Kurs der Spezialisierungsweiterbildung für die Pflege von Kindern und Jugendlichen – organisiert über die Pflegekammer NRW. 25 Teilnehmende, zwölf Monate, berufsbegleitend und bei voller Vergütung. Jennifer Wellensiek leitet diesen Kurs und erlebt dabei eine bemerkenswert heterogene Gruppe: akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen aus Indien, Altenpflegende nach altem Recht, Bachelorabsolventinnen mitten im Master– alle mit dem Wunsch, fundiert mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten.

AG Kinderkrankenpflege - Pflegekammer NRW
​Mit unserem Format „Neues aus den Arbeitsgruppen“ halten wir Sie über die aktuellen Themen der Arbeitsgruppen (AG) der Pflegekammer NRW auf dem Laufenden. Welche Themen werden bearbeitet? Was bewegt die […]

Die Weiterbildung schließt genau die Lücke, die Ausbildung und Praxiseinarbeitung allein nicht füllen können: Sie kombiniert kompetenzorientiertes Lernen mit echten Fallsituationen, Skills-Lab-Training und regelmäßiger Praxisbegleitung. Und sie stellt klar: Wer nach der Ausbildung noch nicht alles kann, ist damit nicht gescheitert – sondern in genau der richtigen Phase des lebenslangen Lernens.

Das Modell ist vielversprechend, hat aber einen Haken: Es gibt es nur in NRW. Und selbst dort nicht flächendeckend. Francis bringt es auf den Punkt: Für sie hätte diese Weiterbildung zum Zeitpunkt ihres Berufsstarts gar nicht existiert. Wer in Münster oder Aachen arbeitet, hätte derzeit keinen Zugang.


Systemdenken statt Nostalgie

Ein wiederkehrendes Argument in der öffentlichen Debatte lautet: Früher konnten die Kinderkrankenpflegenden mehr. Doch dieser Vergleich greift zu kurz. Kathrin Scherer, die selbst noch als Kinderkrankenschwester ausgebildet wurde, gibt zu: Sie hatte schlicht mehr Zeit auf pädiatrischen Stationen. Dafür fehlte ihr der Einblick in andere Versorgungsbereiche – ein Kompromiss, der im alten System unhinterfragt akzeptiert wurde.

„Drei Jahre bieten immer nur eine Basiskompetenz. Niemand erwartet, dass ein Arzt nach dem Staatsexamen sofort Pädiater ist. Warum sollte das für Pflegefachpersonen anders sein?" – Jennifer Wellensiek

Jennifer Wellensiek macht außerdem auf einen Vergleich aufmerksam, der selten gezogen wird: Auch Ärztinnen und Ärzte werden generalistisch ausgebildet und spezialisieren sich erst danach zur Pädiaterin oder zum Pädiater. Niemand hinterfragt ernsthaft, ob das funktioniert. Warum also sollte dasselbe Prinzip in der Pflege per se scheitern?

Die Antwort liegt nicht im Modell, sondern in der Umsetzung. Was fehlt, ist Einheitlichkeit: verbindliche Umsetzung der Rahmenlehrpläne, bundesweit anerkannte Spezialisierungsweiterbildungen, strukturierte Einarbeitungsprogramme und – mittelfristig – akademisierte Weiterbildungswege auch für die Pädiatrie. Das alles ist keine Utopie. Es ist der logische nächste Schritt.


Was bringt die Generalistik tatsächlich?

Neben allen berechtigten Kritikpunkten lohnt es sich, die Gewinne der generalistischen Ausbildung nicht aus dem Blick zu verlieren. Pflegefachpersonen, die heute die Ausbildung abschließen, können oft besser wissenschaftlich arbeiten, reflektieren differenzierter und haben eine ausgeprägtere Fähigkeit zur Selbstpositionierung. Kathrin Scherer beobachtet das gerade in der Zusammenarbeit mit Eltern: Die neuen Kolleginnen und Kollegen treten klarer auf, können sich besser abgrenzen und bringen eine Kommunikationskompetenz mit, die früher nicht selbstverständlich war.

Und: Der Zugang zur Pädiatrie ist offener geworden. Wer früher keinen Platz in der Kinderkrankenpflege ergatterte – weil Interessierte nicht zu internen Auswahlverfahren passten oder das passende Haus zu weit weg war –, kann heute trotzdem in der Pädiatrie landen. Die Weiterbildung bietet dafür jetzt einen strukturierten Weg. Das ist kein Trostpreis. Das ist Systemflexibilität.


Der Weg nach vorne

Was diese Folge des Übergabe-Podcasts zeigt: Das Thema ist komplex, aber lösbar. Die Probleme sind bekannt, werden evaluiert und – zumindest in einigen Häusern und Bundesländern – aktiv angegangen. Was fehlt, ist Geschwindigkeit, Einheitlichkeit und die Bereitschaft, auch systemisch zu denken statt nur laut zu klagen.

Drei Forderungen ziehen sich durch das Gespräch wie ein roter Faden: Verbindliche Umsetzung der Rahmenlehrpläne in der Ausbildung, bundeseinheitliche und anerkannte Spezialisierungsweiterbildungen sowie strukturierte Einarbeitungsprogramme in den Kliniken. Wer auf diese Stellschrauben setzt, muss nicht zurück in die Vergangenheit.

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One Minute Wonder

Im Podcast häufig angesprochen, aber nicht mit einer Lösung präsentiert: Schmerzen bei Kindern sind schwierig zu erfassen. Eine Möglichkeit zur systematischen Schmerzerfassung bei Kindern mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit ist das FLACCr - Assessment. Francis hat dies für euch aufbereitet.

Schmerzerfassung bei Kindern mit Beeinträchtigungen
Die R-FLACC-Skala ermöglicht eine objektive Schmerzeinschätzung bei Kindern mit neurologischen oder kognitiven Beeinträchtigungen. Die systematische Beobachtung erleichtert Pflegefachpersonen die Therapieentscheidung und verbessert die Schmerzbehandlung deutlich.