- Pflege braucht mehr Handlungsautonomie und klar abgegrenzte Aufgabengebiete.
- Sichtbarkeit und Profession schlagen kurzlebige Wertschätzungsgesten.
- Modellprojekte scheitern zu oft am Sprung in die Regelfinanzierung.
- Ambulantisierung und Digitalisierung sind zentrale Hebel der Zukunft.
- New Work und agile Strukturen können auch auf Station funktionieren.
Krankenhaus, Altenhilfe, ambulante Pflege – drei Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten? In der Finanzierung, in der Personalstruktur, im Selbstverständnis? Genau diese vermeintlich klaren Grenzen stellt Vera Antonia Büchner, Professorin für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Hochschule Nürnberg, im Übergabe-Podcast in Frage. Anlass des Gesprächs ist das Buch „Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten", für das sie als eine von vier Personen die Herausgeberschaft übernommen hat. Was als Werk über das Krankenhaus beginnt, wird schnell zu einem Plädoyer für ein Versorgungssystem, das vom Menschen aus gedacht wird – und nicht von Mauern zwischen Sektoren.
Warum sich die Versorgung nicht in Schubladen sortieren lässt
Büchner hat in beiden Welten gearbeitet: als kaufmännische Direktorin in der Altenhilfe und als Vorstandsvorsitzende eines kleinen bayerischen Krankenhauses. Heute leitet sie eine sich in Gründung befindende „School of Health". Aus dieser Doppelperspektive macht sie für sich keinen großen Unterschied zwischen den Settings. Gerade in der ländlichen Versorgung, so ihr Argument, könnten wir uns die strikte Trennung gar nicht mehr leisten. Ihr Beispiel: die Kurzzeitpflege, die in Modellprojekten bereits ans Krankenhaus angedockt ist – ein Projekt, das sie in ihrer eigenen Klinik mit angestoßen hat.
Es geht ihr also weniger um das einzelne Setting als um Versorgungsstrukturen, die rund um die Patient:innen herum gebaut werden. Genau an dieser Stelle liegt für sie der eigentliche Hebel – und auch der zentrale blinde Fleck der aktuellen Debatte. Denn Schnittstellen zwischen Krankenhaus, Pflegeheim und ambulantem Dienst müssen funktionieren, sonst geht jede noch so gute Reform an der Realität der Menschen vorbei.
Ein Buch als Bestandsaufnahme – und als Startsignal
Die Idee zum Buch kam von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft rund um deren Geschäftsführer Roland Engehausen. Entstanden ist ein dickes Werk mit mehr als 700 Seiten und über 90 Autor:innen, von denen mehr als die Hälfte aus der Pflege kommt. Der Untertitel bringt den Dreiklang auf den Punkt: Probleme erkennen, Profession entwickeln, Potenziale fördern. Wichtig war den Herausgeber:innen, dass die Pflege über die Pflege spricht – auch wenn die Strukturveränderung aus ihrer Sicht nicht allein von der Berufsgruppe zu stemmen ist. Deshalb kommen auch politische und verbandliche Stimmen zu Wort.
„Unsere Vision ist, dass es jetzt erst sozusagen losgeht – dass das erst mal eine Bestandsaufnahme ist." — Vera Antonia Büchner
Das Buch endet nicht mit Diagnosen, sondern formuliert 15 Thesen und eine Matrix, die zeigt, bei welchen Akteur:innen welcher Handlungsbedarf liegt. Denn nicht alles lässt sich auf Krankenhausebene lösen – manches gehört in die Hände von Berufsverbänden und Politik. Bei der Buchvorstellung auf dem Hauptstadtkongress und einer Präsentation in Berlin wurde das Werk entsprechend prominent platziert.
Vom Kostenfaktor zur erlösrelevanten Profession
Eine der zentralen Thesen lautet: Der Veränderungsdruck in den Krankenhäusern erzeugt zugleich einen Entwicklungsdruck in der Pflege. Lange galt Pflege rein betriebswirtschaftlich als Kostenaspekt, während ärztliche Leistung als Erlösfaktor verbucht wurde. Mit der Auslagerung des Pflegebudgets aus dem DRG-System unter Jens Spahn habe sich zumindest etwas verschoben – krankenhausindividuelle Pflegekosten lassen sich seither gesondert abrechnen. Das nimmt zwar Druck aus dem System, macht die Pflege aber noch lange nicht zur Berufsgruppe, die als erlösrelevant wahrgenommen wird.
Trotzdem sieht Büchner einen Unterschied: Es mache etwas aus, ob man als reiner Kostenfaktor gilt oder weiß, dass die Personalkosten verlässlich über das Pflegebudget finanziert werden. Genau hier setzt ihre nächste These an – die Forderung nach mehr Handlungsautonomie. Die Pflegeprofession müsse sich weiterentwickeln und die Möglichkeit bekommen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört für sie auch, Weiterbildung und Spezialisierung klarer zu unterscheiden und sichtbar zu machen – etwas, das im ärztlichen Bereich für Patient:innen längst selbstverständlich ist.
Wertschätzung? Lieber Sichtbarkeit
An einem Begriff arbeitet sich Büchner sichtlich ab: Wertschätzung. Das Wort sei während der Corona-Pandemie überstrapaziert worden. Sie selbst war damals im Krankenhaus, erlebte zwei große Ausbrüche auf der Geriatrie – und der Applaus vom Balkon habe sie nicht besonders beeindruckt. Lieber spricht sie von Sichtbarkeit und davon, dass die Pflege wahrgenommen wird. Initiativen, die aus der Pflege heraus entstanden sind, hätten gezeigt, dass der Spannungsbogen aus der Pandemie schnell wieder abgeflacht ist.
Im Gespräch entsteht hier ein produktiver Reibungspunkt. Denn statt darauf zu warten, dass andere der Pflege Wertschätzung entgegenbringen, könnte sich die Profession diese auch selbst holen – über Lobbyarbeit, über Organisation, über ein selbstbewusstes Auftreten. Wer Anerkennung nur von außen bezieht, bleibt abhängig davon, wie viel man gerade „wert" ist. Wer den eigenen Wert nach außen trägt, hat eine ganz andere Ausgangslage.
„Wertschätzung ist für mich immer so ein bisschen zu kurz gegriffen. Das ist eher die Sichtbarkeit und ein Wahrnehmen der Pflege." — Vera Antonia Büchner
Büchner sieht beides – kein Entweder-oder. Anfangen lässt sich im Kleinen: Taucht die Pflege im Leitbild des eigenen Hauses überhaupt auf? Wie wird sie in der Unternehmenskommunikation und in der Personalakquise dargestellt? Spannend findet sie dabei den Gedanken des Influencer-Marketings: Warum nicht eine:n Pflege-Botschafter:in durchs Krankenhaus laufen lassen, um realistisch und ansprechend für den Beruf zu werben – statt nur eine Facebook-Seite zu pflegen, die kaum noch jemanden erreicht?
Mehr Autonomie, neue Aufgaben – und ein Blick über die Grenze
Wohin soll sich die Pflege im Krankenhaus also entwickeln? Büchners Antwort kreist um Handlungsautonomie, klare Abgrenzung zwischen Ausbildung und Studium und ein echtes Arbeiten auf Augenhöhe mit dem ärztlichen Dienst. Provokant gefragt: Muss jede Leistung, die heute ärztlich erbracht wird, überhaupt bei den Mediziner:innen liegen? Angesichts des Fachkräftemangels – der eben nicht nur die Pflege trifft – könne man sich das auf Dauer schlicht nicht mehr leisten.
Der Blick geht dabei ins europäische Ausland. In Österreich seien für die Community Health Nurse klare Vorgaben formuliert worden, inklusive des erforderlichen Abschlusses. So ein Weg ließe sich auch hierzulande gehen. Ihre Sorge: dass die Pflege diese Entwicklungschance verpasst und andere Berufsgruppen den Raum besetzen. Eine pflegerische Anlaufstelle im ländlichen Raum, an der eine Pflegefachperson als Erstkontakt entscheidet, ob weitergeleitet werden muss – das wäre für sie ein echter Fortschritt.
Wenn gute Ideen in der Schublade landen
An dieser Stelle wird die Debatte selbstkritisch. Modellprojekte gibt es viele, doch der Sprung in die Regelfinanzierung gelingt selten. Das vielzitierte Kinzigtal, der Gesundheitskiosk, intersektorale Versorgung – die Beispiele kursieren seit Jahren, ohne flächendeckend umgesetzt zu werden. Woran das liegt? Büchner sieht die Ursache nicht primär im Gesundheitswesen selbst, sondern im Föderalismus mit seiner Aufteilung zwischen Bund- und Länderhoheiten. Hinzu kommt die ewige Frage der Finanzierung.
Ihr Appell: Forschungsprojekte müssten von vornherein so aufgesetzt werden, dass Übernahmepartner und grundsätzliche Bereitschaft zur Umsetzung schon vor dem Start geklärt sind. Sonst verpufft viel Geld und Personal – und am Ende fehlt eine Art Landkarte, die transparent macht, was eigentlich schon erforscht wurde. Gute Wissenschaftskommunikation, sagt sie, könnte hier viel bewirken.
Damit die Pflege politisch Gewicht bekommt, brauche es konkrete Bedingungen: einen Sitz im Gemeinsamen Bundesausschuss, starke Berufsverbände, Pflegekammern in den Ländern und ein abgestimmtes Miteinander von Verbänden, Selbstverwaltung und Gewerkschaften. Auch über das Modell der MVZ wird diskutiert – und über die Idee, pflegegeleitete Versorgungszentren zu denken, in denen pflegerische Tätigkeiten wie Verbandwechsel, Fädenziehen oder Diabetesberatung selbstverständlich von der Pflege übernommen werden.
New Work auf Station: agil statt starr
Ein überraschend frischer Strang des Buches widmet sich modernen Führungs- und Arbeitsformen. Stationen als agile Organisationseinheiten zu begreifen, basisdemokratisch und ohne starre Hierarchien Aufgaben und Prozesse neu zu denken – das klingt im konservativ geprägten Krankenhaus erst einmal ungewohnt. Agilität bedeutet dabei, situativ zu reagieren und auch mal Schritte zurückzugehen, wenn neue Erkenntnisse das nahelegen, ohne das als Misserfolg zu werten. Im Buch wird ein Praxisbeispiel beschrieben, in dem genau das auf einer Station gelungen ist.
„Es braucht ein anderes Mindset – ich muss den einzelnen Mitarbeiter mitnehmen. Der muss es verinnerlichen." — Vera Antonia Büchner
Klar ist Büchner aber auch: Selbstbestimmte Arbeitszeiten, flexible Modelle und mehr Mitspracherecht stoßen im Schichtdienst an reale Grenzen. Am Patient:innenbett lässt sich eben kein Homeoffice machen. Trotzdem müssten Krankenhäuser konkurrenzfähig bleiben – gegenüber Branchen, die mit Vier-Tage-Woche und Homeoffice locken. Sonst entscheidet sich der Nachwuchs bei der Ausbildungswahl gegen die Pflege.
Digitalisierung als Entlastung, nicht als Ersatz
Beim Thema Digitalisierung setzt Büchner einen klaren Akzent: Sie soll entlasten, nicht ersetzen. Als Praxisbeispiel nennt sie eine an der TH Nürnberg entwickelte Plattform für ein digitales Entlass- und Überleitungsmanagement, CareNext, die den enormen Aufwand bei der Überleitung in die stationäre Pflege verringern soll. Auch Doppeluntersuchungen ließen sich vermeiden, wenn Informationen – etwa zur Diabeteseinstellung – digital verfügbar wären, statt im Krankenhaus erneut erhoben zu werden. Jede vermiedene Doppelarbeit ist gewonnene Zeit für die ohnehin knappen Fachkräfte.
Image der Pflege: zwischen subjektiver Erfahrung und Selbstbewusstsein
Das Image der Pflege schätzt Büchner eher als beschädigt ein – auch deshalb sei die Professionsentwicklung so dringend. Spannend ist die Unterscheidung zwischen Außen- und Innenwahrnehmung. Nach außen prägen oft einzelne, subjektive Erfahrungen das Bild: lange Wartezeit in der Notaufnahme, die als Maßstab für das ganze System herhalten muss. Diese gefühlte Wahrheit lässt sich kaum direkt verändern. Sehr wohl beeinflussen lässt sich aber, wie die Pflege selbst und wie die Klinikkommunikation den Beruf nach außen tragen.
Nach innen spielen die Arbeitsbedingungen die entscheidende Rolle: Wie oft muss aus dem Frei eingesprungen werden? Bleibt überhaupt Privatleben? Beim Geld verweist Büchner auf Vergleiche mit Finnland, wo Pflegefachpersonen besser vergütet werden – und zugleich auf Erkenntnisse, dass mehr Einkommen ab einem gewissen Punkt nicht glücklicher macht. Es brauche also weit mehr als nur höhere Gehälter, damit Menschen nicht nach wenigen Jahren aus dem Beruf aussteigen.
Eine ideale Versorgung – und die Frage nach dem Wann
Wie sähe für Büchner die ideale Versorgung aus? Drei Begriffe fasst sie zusammen: Ambulantisierung, Digitalisierung und Professionsentwicklung – getragen von einem echten Miteinander der Akteur:innen. Die Sektorengrenzen sollen aufweichen, die Finanzierung im Blick bleiben, die Digitalisierung als Unterstützung wirken und die Pflege mit mehr Tätigkeiten und mehr Autonomie ausgestattet werden. Das Image, ist sie überzeugt, folgt dann fast von allein.
Ihr Wunschhorizont: weniger als zehn Jahre. Denn Ideen, Modelle und Auslandsbeispiele liegen längst vor – es hakt an der Umsetzung. Den Fachkräftemangel werden wir damit zwar nicht über Nacht beseitigen. Aber vielleicht lässt sich die viel beschworene Katastrophe abwenden, wenn wir aus dem Reden endlich ins Handeln kommen. Das Buch versteht Büchner dabei ausdrücklich als Startsignal, nicht als Schlusspunkt – als Einstieg in Themen, Zusammenhänge und, ja, in eine Vision für ein besseres Gesundheitssystem.
Zum Weiterhören
- ÜG182 – Krankenhausreform (Prof. Dr. Henriette Neumeyer)
- ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation
- ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland
Weiterführende Links & Shownotes
In dieser Folge ist Prof:in Dr:in Vera Antonia Büchner zu Gast in der Übergabe.
Wir sprechen über ihre Herausgeberschaft des Buches "Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten" und wie es dazu gekommen ist. Wir diskutieren alle relevanten Themen des Buches, wobei Frau Büchner auch tiefe Einblicke in konkrete Umsetzung gibt, damit die Pflege in Zukunft besser aufgestellt ist. Einiges davon lässt sich direkt umsetzen, für manch anderes brauchen wir politischen Einfluss.
Eine tolle Folge über Professionsentwicklung und Imageverbesserung der Pflege.
Shownotes
- Vera Antonia Büchner – Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm
- Prof. Dr. Vera Antonia Büchner – Professur Management im Gesundheitswesen – Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm | LinkedIn
- Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten | medhochzwei Verlag
- Buchvorstellung Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten auf dem Hauptstadtkongress 2023
- Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten – Autorenstimmen
- Holetschek will Pflege im Krankenhausbereich stärken – Bayerns Gesundheits- und Pflegeminister anlässlich der Buchpräsentation "Zukunft der Pflege im Krankenhaus gestalten" in Berlin
- CareNext
- Hohes Einkommen: Studie klärt auf – Macht Geld doch glücklich?
