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Das Wichtigste in Kürze
  • APN bedeutet pflegerische Versorgung auf akademischem Masterniveau mit erweiterten Kompetenzen.
  • In Deutschland ist der Begriff APN nicht geschützt – die Landschaft bleibt heterogen.
  • Das PEPPA-Framework startet immer beim Patientenbedarf, nicht bei vorhandener Qualifikation.
  • Mindestens 75 Prozent der APN-Arbeitszeit gehören der direkten Patient:innenversorgung.
  • APN-Rollen brauchen Infrastruktur, Mentoring, Freiräume – und fünf bis sechs Jahre Aufbauzeit.

Vom Bett zur Evidenz: Wie Advanced Practice Nursing die Pflege in Deutschland verändert

Es ist eine dieser Episoden, in denen man merkt: Hier wird nicht über die Zukunft gesprochen, sondern die Zukunft wird gerade gebaut. Pflegedirektorin Marina Filipović von der Uniklinik Köln und ihre Kollegin Susanne Arnold vom Universitätsklinikum Augsburg sitzen im Übergabe-Podcast und erklären, was hinter der neuen Rahmenempfehlung des VPU steckt – dem Verband der Universitätsklinika Deutschlands. Ihr Thema: die Implementierung von Advanced Practice Nursing (APN) und Advanced Practice Midwifery (APM) in deutschen Krankenhäusern. Und was sich nach Fachsprache anhört, hat ganz handfeste Konsequenzen für alle, die Pflege erleben – als Beruf, als Patient:in oder als Gesellschaft.

VPU Homepage - VPU e.V. – Interessenvertretung der Pflegedirektorinnen und -direktoren deutscher Universitätskliniken
Die Stimme der Pflege an den Universitätsmedizinstandorten Deutschlands

Was ist eigentlich Advanced Practice Nursing?

Advanced Practice Nursing – kurz APN – bezeichnet pflegerische Versorgung auf einem erweiterten, akademisch fundierten Niveau. International gilt dabei eine klare Linie: Die Voraussetzung zur Ausübung einer ANP-Rolle ist mindestens ein Masterabschluss in einem pflegewissenschaftlichen Studiengang. Dies ist international anerkannt und wird auch in der neuen VPU-Rahmenempfehlung als Mindeststandard festgeschrieben – gemeinsam mit dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBFK), dem österreichischen GKV und dem schweizerischen SBK.

Parallel dazu gibt es die Advanced Practice Midwifery (APM): Hebammen, die über ihren grundständigen Bachelorabschluss hinaus einen Masterabschluss in der Hebammenwissenschaft erworben haben und damit erweiterte Kompetenzen in Prävention, Vor- und Nachsorge sowie komplexen Versorgungssituationen übernehmen können.

Innerhalb des APN-Spektrums gibt es zwei Rollen, die immer wieder auftauchen: die Clinical Nurse Specialist (CNS) und der Nurse Practitioner (NP). Beide sind in der direkten klinischen Versorgung tätig, unterscheiden sich aber in ihrer Ausrichtung: Während CNS eher ein breites Fachgebiet – etwa eine ganze Klinik oder Abteilung – überblicken und fachlich leiten, spezialisieren sich NPs auf ein konkretes Krankheitsbild oder ein spezifisches pflegerisches Phänomen. Als Beispiel nennt Marina Filipović eine APN-Rolle, die eigens für die Versorgung von Patient:innen nach Knochenmarktransplantation mit Graft-versus-Host-Disease entwickelt wurde – ein hochspezialisiertes Feld, das tiefes Fachwissen und eigenständiges Handeln erfordert.

Das Problem: In Deutschland ist vieles nicht geregelt

Wer jetzt denkt, APN sei in Deutschland klar definiert, liegt falsch. Der Begriff „Advanced Practice Nurse" ist in Deutschland nicht geschützt. Das bedeutet: Jedes Haus, jedes Bundesland kann selbst entscheiden, wen es als APN bezeichnet – und unter welchen Bedingungen. Die Folge ist eine heterogene Landschaft, in der Menschen mit Bachelorabschluss, mit Managementstudiengängen oder sogar ohne pflegewissenschaftlichen Abschluss unter dem Etikett „APN" arbeiten.

Susanne Arnold bringt es auf den Punkt: Die APN-Landschaft ist von Haus zu Haus und von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich – sowohl in der Ausrichtung als auch in der Tiefe. Genau das war der Ausgangspunkt für die VPU-Rahmenempfehlung: nicht von oben etwas verordnen, sondern Orientierung geben, Strukturen beschreiben und anderen Häusern das Rad nicht neu erfinden lassen.

Hinzu kommt ein weiteres strukturelles Problem: Während APN-Rollen international häufig auf der Ebene der Substitution arbeiten – also eigenverantwortlich und ohne ärztliche Delegation – bleiben deutsche APNs derzeit noch auf Delegationsebene. Sie dürfen beispielsweise keine Rezepte oder Hilfsmittel verschreiben. Das schränkt nicht nur ihre Handlungsmöglichkeiten ein, sondern auch die Attraktivität der Rolle.

„Pflege muss eigene Handlungsfelder definieren – und dann auch bereit sein, die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen." — Susanne Arnold, Pflegedirektorin Universitätsklinikum Augsburg

Warum jetzt? Das Pflegekompetenzgesetz als Motor

Die Frage, warum die Rahmenempfehlung gerade jetzt erscheint, lässt sich nicht mit einem einzigen Faktor beantworten. Susanne Arnold und Marina Filipović beschreiben ein Zusammenspiel mehrerer Entwicklungen: das Pflegekompetenzerweiterungsgesetz, den zunehmenden Fachkräftemangel, steigende Versorgungskosten und ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass die bisherige Organisation des Gesundheitswesens an ihre Grenzen stößt.

Universitätsklinika nehmen dabei eine besondere Rolle ein. Sie haben – im Gegensatz zu kleineren Häusern – die Netzwerke, die Forschungsinfrastruktur und den gesellschaftlichen Auftrag, Versorgungsinnovationen anzustoßen. Viele haben bereits Pflege-Bachelorstudiengänge an ihren medizinischen Fakultäten verankert, manche sogar Masterstudiengänge. Sie sehen sich als Innovationstreiber – und genau das ist der Anspruch des VPU: nicht nur für sich selbst voranzugehen, sondern Erfahrungen zu teilen, die auch kleinere Häuser, ambulante Strukturen und die Langzeitpflege nutzen können.

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Gleichzeitig ist die Zahl der tatsächlich tätigen APNs erschreckend gering. Allein am Universitätsklinikum Köln gibt es 35 CNS/APN-Stellen, davon sieben klar definierte APN-Rollen mit Masteranforderung. Bundesweit bewegt sich die Zahl im dreistelligen Bereich – eine winzige Zahl im Vergleich zum Gesamtbedarf. Der Wissenschaftsrat hat bereits vor Jahren eine Akademisierungsquote von 10 bis 20 Prozent empfohlen. Davon ist Deutschland noch weit entfernt.

Bedarfsanalyse vor Rollenentwicklung: Das PEPPA-Framework

Ein zentrales Element der VPU-Rahmenempfehlung ist das international anerkannte PEPPA-Framework – eine strukturierte Methodik zur Implementierung neuer Rollen, die immer beim Patientenbedarf beginnt. Nicht die verfügbare Qualifikation steht am Anfang, sondern die Frage: Welche Versorgungsbedarfe gibt es in diesem Haus, in dieser Abteilung, in diesem Setting?

Das Framework führt durch eine IST-Analyse, die Identifikation relevanter Stakeholder, die Entwicklung eines Versorgungsmodells, die Planung einer Implementierungsstrategie, die Umsetzung und schließlich die Evaluation – und dann wieder von vorne, weil sich Versorgungsbedarfe verändern.

Susanne Arnold betont: Genau diese Kreisstruktur ist der Kern. APN-Rollen sollen nicht um vorhandene Qualifikationen herumgebaut werden, sondern aus echten Versorgungslücken heraus entstehen. Das schließt nicht aus, dass man bei Stellenausschreibungen einen Masterabschluss verlangt – aber die Rolle selbst muss zuvor aus der Praxis heraus definiert sein.

Und: Eine APN-Rolle zu implementieren braucht Zeit. Bis eine Fachperson wirklich in ihrer Rolle angekommen ist und eigenständig wirken kann, rechnen beide Gästinnen mit fünf bis sechs Jahren.

Was Kliniken brauchen: Infrastruktur, Mentoring, Freiräume

Dass akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen ihre Kompetenzen wirklich entfalten können, hängt nicht nur von ihrer Qualifikation ab – sondern vom Umfeld, das sie vorfinden. Die Rahmenempfehlung listet konkrete Voraussetzungen auf: Zugang zu wissenschaftlichen Datenbanken, ruhige Arbeitsplätze, Mentoring-Programme, Journalclubs, Methodenwerkstätten.

An Universitätsklinika gibt es solche Strukturen häufiger – Praxisentwicklungsabteilungen, promovierte Pflegewissenschaftler:innen als Ansprechpersonen, regelmäßige Austauschformate. In anderen Häusern fehlt das oft. Genau deshalb ist die Vernetzung so wichtig – und genau deshalb bietet der VPU mit der Rahmenempfehlung auch einen Rahmen für Häuser an, die nicht auf das gleiche Netzwerk zurückgreifen können.

Ebenfalls klar beschrieben in der Empfehlung: APNs übernehmen keine disziplinarische Führungsverantwortung. Sie führen keine Mitarbeitergespräche, stellen nicht ein. Wohl aber haben sie fachliche Weisungsbefugnis, wenn es um die Umsetzung von Standards und Prozeduren geht. Leadership-Kompetenzen werden erwartet – aber in Form von Beratung, Coaching und Supervision, nicht im Sinne von Personalmanagement.

Außerdem: Mindestens 75 Prozent der Arbeitszeit einer APN sollen in der direkten Patient:innenversorgung stattfinden. Das ist eine bewusste Gegenbotschaft auf das Vorurteil, akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen würden sich vom Bett entfernen. „Nicht weg vom Patienten, sondern zum Patienten hin", formuliert Marina Filipović treffend.

„Nicht weg vom Patienten, sondern zum Patienten hin." — Marina Filipović, Pflegedirektorin Universitätsklinikum Köln

Finanzierung, Tarifverträge und offene Fragen

Die Vergütung von APN-Stellen ist komplex und uneinheitlich. In Häusern, die an den Tarifvertrag der Länder gebunden sind, gibt es Eingruppierungen für akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen mit besonderen Rollen – aber ob das ausreicht und ob diese Eingruppierungen in alle relevanten Tarifverträge übernommen werden, ist offen. Entscheidend für die Eingruppierung ist dabei nicht der Abschluss, sondern die tatsächlich ausgeübte Tätigkeit – was in der Praxis bedeuten kann, dass jemand mit Masterabschluss das gleiche Gehalt erhält wie jemand ohne, wenn die Stelle nicht entsprechend ausgestaltet ist.

Noch größer ist die Frage nach dem Pflegebudget: Was passiert, wenn Fortbildung, Bedside-Teaching oder Kongressbesuche als patientenferne Tätigkeiten aus dem Budget gestrichen werden? Marina Filipović betont, dass das Pflegeberufereformgesetz das lebenslange Lernen verankert – aber die Sorge bleibt, wie die konkrete Definition von „administrativen Aufgaben" im Zuge von Kürzungen ausfallen wird.

Blick über die Klinikmauern: APN in Langzeitpflege und Prävention

Eines der stärksten Argumente der Episode: APN-Rollen enden nicht am Krankenhaustor. Beide Gästinnen sehen enormes Potenzial in der ambulanten Versorgung, der Langzeitpflege und der Gesundheitsförderung. Viele Krankenhausaufnahmen – Dekompensation, komplexe Wundversorgung, Dehydrierung – ließen sich durch gut vernetzte, akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen früher erkennen und abfangen.

Australien macht vor, wie das aussehen kann: Dort begleiten APNs in der Onkologie Patient:innen sektorenübergreifend durch alle Versorgungsbereiche – immer als feste Ansprechperson, egal ob ambulant, stationär oder in der Rehabilitation. Slowenien hat Pflegefachpersonen mit Masterabschluss per Gesetz in der Primärversorgung verankert.

ADVANCED PRACTICE NURSING (APN)
A. Background The nursing profession has evolved with the advancements in technology, evidence-based research and new care options, and the increasing and changing health needs of the patients and …

In Deutschland hingegen fehlt die intersektorale Vernetzung noch weitgehend – und sie funktioniert dort, wo sie existiert, überwiegend durch das Engagement einzelner Personen, nicht durch politische Rahmenbedingungen. Der VPU-Leitfaden, so Marina Filipović, sei bewusst so allgemein gehalten, dass er auch außerhalb des Akutkrankenhauses als Best-Practice-Orientierung dienen könne. Aber: Die Finanzierungslogik der Langzeitpflege und des ambulanten Bereichs ist eine andere. Pflege muss eigene Leistungen abrechnen dürfen – das ist die Grundvoraussetzung für eine Entwicklung dieser Rollen auch außerhalb des Krankenhauses.

Der Ausblick

Wo steht die APN-Landschaft in Deutschland in zehn Jahren? Susanne Arnold ist vorsichtig optimistisch: Mehr APNs auf jeden Fall, aber noch lange nicht am Ziel. Marina Filipović prognostiziert, dass in fünf Jahren alle Universitätsklinika und größere Maximalversorger APN-Rollen implementiert haben werden – und dass in zehn Jahren erste eigene deutsche Forschungsergebnisse vorliegen, die belegen, was international schon lange bekannt ist: dass die Anzahl und die Qualifikation von Pflegefachpersonen signifikanten Einfluss auf die Versorgungsqualität haben.

Christian, ist noch optimistischer: Wer sich anschaut, was in den letzten zehn Jahren passiert ist – von mühsamer Überzeugungsarbeit in einzelnen Kliniken bis hin zu einem Fachkongress, der APN als zentrales Thema setzt – der ahnt, dass die nächsten zehn Jahre noch mehr Bewegung bringen könnten. Der Stein rollt. Und er lässt sich nicht mehr aufhalten.

„Die Pflege ist der Bass in einer Band. Er hält das Musikstück zusammen." — Marina Filipović, Pflegedirektorin Universitätsklinikum Köln

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