- Recovery beschreibt Genesung als individuellen Wachstumsprozess, nicht nur als Symptomreduktion.
- Das CHIME-Modell bündelt Verbundenheit, Hoffnung, Identität, Sinn und Empowerment.
- Genesungsbegleiter:innen bringen Erfahrungswissen auf Augenhöhe in die Versorgung ein.
- Recovery Colleges bieten niederschwellige Bildung – die Finanzierung bleibt aber ungelöst.
- Recovery wirkt zwischen Klinik und Alltag und stärkt die intersektorale Zusammenarbeit.
Stell dir vor, du sitzt nach einer schweren psychischen Krise wieder am Steuer deines eigenen Lebens – nicht, weil dir jemand vorschreibt, wohin die Reise geht, sondern weil du selbst entscheidest. Genau dieses Bild steht im Zentrum von Recovery, einem Konzept, das die psychiatrische Versorgung in den vergangenen Jahrzehnten leise, aber tiefgreifend verändert hat. Marie Gröninger, Florian Schumacher und Simon Stiehl sprechen darüber, was Recovery bedeutet, warum Erfahrungswissen unbezahlbar ist – und wie sie in Osnabrück ein eigenes Recovery College aufbauen.
Wenn Genesung mehr ist als das Verschwinden von Symptomen
Recovery lässt sich nicht auf eine einzelne Person oder ein einzelnes Datum zurückführen. Als Bewegung formierte sich der Ansatz vor allem zwischen den 1980er- und 1990er-Jahren im angloamerikanischen Raum – als Gegenentwurf zu einer Psychiatrie, die Menschen oft auf ihre Diagnose reduzierte. Namen wie Patricia Deegan oder Ron Coleman stehen für diese Pionierarbeit, die in Teilen auch antipsychiatrische Züge trug und einen Wendepunkt hin zu einer menschenwürdigeren Versorgung markierte. Verwandt sind Konzepte wie die Salutogenese oder die Resilienzforschung, die Gesundheit nicht als starren Zustand, sondern als Kontinuum verstehen – mit krisenhaften Tälern und stabileren Phasen.
Fachlich unterscheidet man dabei zwischen zwei Perspektiven. Clinical Recovery, eher neuropsychiatrisch geprägt, fragt nach Symptomreduktion und der Rückkehr in Schule, Beruf oder Studium. Personal Recovery dagegen rückt den Menschen in den Mittelpunkt: Es geht um einen individuellen Wachstums- und Entwicklungsprozess, wie ihn William Anthony schon Anfang der 1990er-Jahre in seiner viel zitierten Arbeit zur Genesung von psychischer Erkrankung beschrieben hat. Recovery ist demnach kein Endpunkt, sondern eine Reise – mit Höhen und Tiefen, die nie ganz abgeschlossen ist.
„Recovery heißt für mich, dass Genesung möglich ist und dass Hoffnung da ist. Ich gehe meinen persönlichen Weg – und heute weiß ich, was alles möglich ist." — Florian Schumacher
CHIME und fünf Phasen: ein Kompass, kein Fahrplan
Damit Recovery greifbar wird, helfen zwei Orientierungsrahmen. Der erste ist das CHIME-Modell, das eine Forschungsgruppe um Mary Leamy 2011 aus einer breiten Literaturübersicht herausgearbeitet hat. CHIME steht für Connectedness (Verbundenheit), Hope and Optimism (Hoffnung und Zuversicht), Identity (Identität), Meaning of Life (Sinn im Leben) und Empowerment (Selbstwirksamkeit und Ermächtigung). Diese fünf Bausteine lassen sich auch in der Bezugspflege nutzen – etwa, wenn man gemeinsam überlegt, welcher Aspekt einer Person in ihrer aktuellen Situation am meisten weiterhelfen könnte. Erste Erhebungen zur recovery-orientierten Anwendung in der psychiatrischen Pflege gibt es bereits.
Der zweite Rahmen stammt von der australischen Forscherin Retta Andresen, die fünf Phasen des Recovery-Wegs beschreibt: von Rückzug, Isolation und Hoffnungslosigkeit über Ermutigung und Vorbereitung bis zum Aufbau und schließlich zum Growth, dem Weiterentwicklungsprozess. Wichtig ist allen Beteiligten dabei eines: Es gibt keine Schablone. Niemandem lässt sich vorlegen, dass nach einer depressiven Episode oder einer Psychose genau dieser eine Weg zu gehen sei. Jede Person konzipiert ihren Weg selbst – im Austausch mit anderen, aber eigenverantwortlich. Zentral bleibt die Hoffnung; ohne sie, so betont Patricia Deegan, ist Recovery nicht möglich.
Aus Büchern gelernt – oder aus dem eigenen Leben
Wer Recovery verstehen will, kommt an den sogenannten Peers nicht vorbei. Ein Peer ist ein:e Expert:in aus Erfahrung: ein Mensch, der selbst eine Krise oder Erkrankung durchlebt hat und dieses Wissen weitergibt. In Deutschland werden solche Begleiter:innen über die einjährige Ausbildung EX-IN qualifiziert und arbeiten als Genesungsbegleiter:innen. Florian hat diesen Weg selbst genommen: mit 18 an einer Schizophrenie erkrankt, mehrfach in der Klinik, zwei abgebrochene Ausbildungen, zwölf Jahre in einer Werkstatt – und heute Genesungsbegleiter, der seine Erfahrung als echte Expertise einbringt. Wie wichtig diese Einbindung ist, beschreibt auch die Stellungnahme der Deutschen Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege zum Peer Involvement.
Was Peers leisten, lässt sich kaum in eine Skala pressen. Florian nennt es die „tägliche Augenhöhe": Da ist jemand gegenüber, der aus eigener Krisenerfahrung weiß, wie sich dieser Moment anfühlt. Eine hundertprozentige Augenhöhe sei dabei eine Illusion, sagt er offen – aber das gemeinsame Wir-Wissen schafft ein Vertrauen, das professionelle Beziehungen oft nicht herstellen können. Genau deshalb plädieren alle drei dafür, in der psychiatrischen Pflege mehr Peers einzustellen und das sogenannte Peer Involvement zu fördern.
„Ein Kollege hat in der Ausbildung immer gesagt: Die Professionellen haben das aus Büchern gelernt – wir haben das in uns. Und davon kann man so viel lernen." — Florian Schumacher
Das Recovery College: Bildung statt Behandlung
Hier setzt das Recovery College an. Es ist ausdrücklich keine Klinik und kein Ersatz für professionelle therapeutische Versorgung, sondern ein Bildungsort: Menschen mit psychischer Erfahrung, Angehörige, Professionelle und einfach Interessierte besuchen gemeinsam Kurse rund um psychisches Wohlbefinden und Gesundheit. Statt „Patient:in" spricht man von der nutzenden Person, die selbst entscheidet, welche Kurse sie wie oft besucht. Themen reichen von Hoffnung und Identität über den Umgang mit dem Stimmenhören – etwa im Geist der Hearing-Voices-Bewegung – bis zu autobiografischem Schreiben oder zehn Schritten für die psychische Gesundheit.
In Osnabrück entstand das Recovery College aus einem Zusammenspiel von Wissenschaft und Praxis. Simon lernte das Konzept 2019 während eines Auslandssemesters an einer universitären Klinik in Bern kennen, schrieb sein wissenschaftliches Praxisprojekt darüber und brachte über ein Trialog-Treffen die richtigen Menschen zusammen. Der Trialog – ein Selbsthilfeformat, bei dem sich Psychiatrieerfahrene, Angehörige und Professionelle auf gleicher Ebene austauschen – wurde so zur Geburtsstunde des Projekts. Mit im Boot: der Verein Weitblick Osnabrück, eine Studierendeninitiative, die über Fundraiser wie WG-Konzerte oder Pub-Quizze Projekte unterstützt und maßgeblich beim Aufbau hilft. Bewusst hält sich das College unabhängig von einer Klinik im Hintergrund – damit niemand vorgibt, wie es zu laufen hat.
„Uns ist wichtig, dass wir unabhängig sind, dass wir niemanden im Hintergrund haben – keine Klinik, die sagt: So müsst ihr das machen, und so zahlen wir euch das Geld." — Marie Gröninger
Bemerkenswert ist, wer von diesem Ansatz profitiert: Es sind häufig jüngere Menschen, die diese Stigmatisierung durchbrechen wollen und täglich an sich arbeiten – während ältere Betroffene sich teils mit ihrer Situation arrangiert haben. Aber das College steht grundsätzlich allen offen, auch Menschen ganz ohne Psychiatrieerfahrung. Denn vom Recovery-Gedanken, da sind sich die drei einig, kann am Ende jede:r etwas mitnehmen.
Geld, das eigentlich niemand zahlen will
So überzeugend das Konzept ist – an der Finanzierung hängt es. Recovery wurde anfangs belächelt, manche Kliniken erkannten das Potenzial lange nicht. Heute taucht der Begriff in zahlreichen Leitbildern auf, wird aber gelegentlich eher als modisches Etikett getragen. Die zentrale Krux: Man braucht die Krankenkassen für eine Refinanzierung, will Recovery aber nicht zu einer verschreibungspflichtigen Leistung machen. Niemand soll nach dem Klinikaufenthalt „zehnmal den Kurs Hoffnung" verordnet bekommen. Das College in Osnabrück bietet seine Kurse deshalb kostenlos auf Spendenbasis an und nutzt günstig die Räume eines Kulturorts.
England zeigt, wie es gehen kann: Über das ImROC-Projekt erhalten Kommunen vom National Health Service Pauschalen, aus denen Recovery Colleges finanziert werden. In Deutschland sehen die Beteiligten erste Ansätze etwa im Bundesteilhabegesetz und diskutieren Modelle zwischen den Sozialgesetzbüchern V, IX und XI. Klar ist: Es braucht flexiblere Übergänge und politischen Willen. Auch die S3-Leitlinie zu psychosozialen Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen sowie ein Positionspapier der Friedrich-Ebert-Stiftung stützen den Ansatz. Hinzu kommt die Empfehlung der WHO von 2019 zu recovery-orientierten Praktiken.
Wirksamkeit, die sich der schnellen Messung entzieht
Eng mit der Finanzierung verknüpft ist die Frage nach der Evidenz. Recovery als hochindividueller Prozess lässt sich nur schwer in Zahlen fassen – ein präventiver Effekt ist plausibel, aber noch nicht eindeutig belegt. Forschung gibt es trotzdem: Das internationale RECOLLECT-Kollektiv untersucht die Wirkung von Recovery-College-Strukturen, und Arbeiten wie die von Lieberman und Kolleg:innen zu Wissenschaft und Recovery bei Schizophrenie beleuchten die klinische Seite. Für den Hoffnungsaspekt existieren sogar klinische Messinstrumente wie die Miller Hope Scale, die man vor und nach einer Begleitphase einsetzen kann.
Doch Simon mahnt zur Differenzierung: Selbst wenn Symptome nachlassen oder rezidivierende Phasen seltener werden, sagt das noch nicht alles über den persönlichen Wachstumsprozess aus. Entscheidend ist auch, ob jemand Frühwarnzeichen selbst erkennt und gelernt hat, gut mit der eigenen Erkrankung umzugehen. Beides gehört zusammen – die psychopathologische Veränderung und die Persönlichkeitsentwicklung.
Zwischen Nähe und Abgrenzung – und an wessen Grenzen?
So wertvoll die Nähe der Peer-Begleitung ist, sie hat ihre Grenzen. Eine akute Psychose mit imperativen Stimmen ersetzt kein Kurs. Begegnet jemand im College einer schweren Krise, geht es darum, einen Zugang zu schaffen und die Person behutsam zur professionellen Hilfe zu bewegen – ohne sie zu verletzen. Florian beschreibt offen, wie sehr eine Geschichte ihn an die eigene Erkrankung erinnern und runterziehen kann. Genau deshalb sind kollegiale Beratung, Supervision und Psychohygiene feste Elemente des Konzepts: in moderierten, anonymisierten Runden reflektieren, was kritische Momente mit einem machen. Abgrenzung, sagt Florian, sei für ihn ein ganz großes Thema – auch das gehört zur Selbstfürsorge.
Brücken zwischen Klinik und Alltag
Recovery entfaltet sein Potenzial besonders an der Schnittstelle zwischen Sektoren. Wer aus der Klinik entlassen wird, wartet oft Wochen auf einen ambulanten Therapieplatz – und gerade in dieser kriseligen Lücke kann das College Halt geben. In der pflegerischen Beratung und im Entlassungsmanagement lassen sich passende Kursangebote gezielt mitdenken, etwa über einen pflegerischen Überleitungsbrief. So wird die Selbsthilfe nicht zur Parallelwelt, sondern zum Teil der Versorgung. Der Appell der drei richtet sich an alle kliniknahen Berufe: Schau in die Leitlinien, binde Recovery-Kernaspekte ein – und lebe den Ansatz auch institutionell, getragen von Führungskräften.
Zum Zeitpunkt der Aufnahme im April 2022 stand der Start des ersten Semesters unmittelbar bevor, die erste Förderrunde sicherte den Beginn. Bundesweit waren damals bereits an die zehn Recovery Colleges in Betrieb oder im Aufbau. Die wichtigste Botschaft aber blieb persönlich: Genesung ist möglich, sie braucht Geduld und kleine Schritte – und manchmal nur jemanden, der dir die Hoffnung zurückgibt, dass es überhaupt geht.
Zum Weiterhören
- ÜG047 – Psychiatrische Pflege (Interview mit Prof. Dr. Michael Löhr)
- ÜG126 – Safewards - ein Konzept für die psychiatrische Pflege (Prof. Dr. Michael Schulz)
Shownotes zur Folge
- Stiehl, S. (2022): Recovery-College: Hochschule für psychische Gesundheit. In: Psych Pflege heute. Thieme Verlag. Jg. 28. Heft 1. S. 18 – 24. DOI: 10.1055/a-1638-3722
- Verein Weitblick Osnabrück (weitblicker.org)
- Recovery College Osnabrück (weitblicker.org)
- Deegan, P. E. (1988). Recovery: The lived experience of rehabilitation. Psychosocial Rehabilitation Journal, 11(4), 11–19 (psychnet.org)
- Stellungnahme der Deutschen Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege (DFPP) zum Thema "Peer Involvement" 2018 (psychiatriedialog.de)
- CHIME Acronym von Leamy et al. (2012) (researchgate.net)
- WHO (2019): Recovery practices for mental health and well-being (who.int)
- K. S. Jacob (2015): Recovery Model of Mental Illness: A Complementary Approach to Psychiatric Care. In: Indian J Psychol Med. 37(2):117-119 (ncbi.gov)
- Positionspapier der Friedrich-Ebert-Stiftung (dvgp.org)
- S3-Leitlinie: Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen (awmf.org)
- Bundesteilhabegesetz (bmas.de)
- ImROC Projekt in England (imroc.org)
- Joanie Thériault, Marie-Michèle Lord, Catherine Briand, Myra Piat, Sara Meddings (2020): Recovery Colleges After a Decade of Research: A Literature Review. In: Psychiatric Services, 71(9):928-940 (pubmed.gov)
- Miller Hope Scale (vulms.edu.pk)
- J. A. Lieberman, R. E. Drake, L. I. Sederer, A. Belger, R. Keefe, D. Perkins, S. Stroup (2008): Science and recovery in schizophrenia. In: Psychiatric Services 59(5):487-96 (pubmed.gov)
- W.A. Antony (1993): Recovery from Mental Illness: The Guiding Vision of the Mental Health Service System in the 1990s. In: Psychosocial Rehabilitation Journal, 16(4), 11–23 (recoverydevon.co.uk)
