BAPID: Wie ein Bildungsrahmen die Pflege neu ordnen könnte
Was bedeutet es eigentlich, als Pflegefachperson mit Bachelorabschluss auf einer Station zu arbeiten – und trotzdem keine Stelle zu haben, die diese Qualifikation widerspiegelt? Oder als Pflegefachassistenz Verantwortung zu übernehmen, ohne dass klar definiert ist, wofür genau? Diese Fragen stehen im Zentrum eines Forschungsprojekts, das seit einigen Jahren die Pflegebildungslandschaft in Deutschland grundlegend neu denkt: BAPID – die Bildungsarchitektur der Pflege in Deutschland.

Was steckt hinter der Abkürzung BAPID?
BAPID steht für „Bildungsarchitektur der Pflege in Deutschland" und ist kein einmaliges Papier, sondern ein wachsendes Forschungsprojekt, das vom Deutschen Pflegerat (DPR) beauftragt und von Prof. Dr. von Gahlen Hoops an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel geleitet wird. Der Ausgangspunkt war vergleichsweise schlicht: Nach der Reform des Pflegeberufegesetzes 2020, das erstmals eine hochschulische und eine schulische Pflegeausbildung nebeneinander ermöglicht, stellte sich die Frage – was machen wir jetzt damit?
Die bisherigen Systematiken, etwa der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR), stoßen im Kontext der Pflegebildung an ihre Grenzen. Der DQR stuft die Pflegefachperson auf Stufe 4 und den Bachelorabschluss in der Pflege auf Stufe 6 ein – also zwei Stufen Abstand zwischen Qualifikationen, die inhaltlich viel enger beieinanderliegen, als diese Einordnung suggeriert. Gleichzeitig wird die Pflegefachassistenz ebenfalls auf Stufe 4 eingeordnet – was die Unterschiede eher verwischt als klärt.
BAPID entwickelt deshalb eine eigene Systematik: fünf Bildungstypen, die von der Pflegeassistenz (Stufe 2) über die Pflegefachperson (Stufe 3), den Bachelorabschluss in der Pflege (Stufe 4) bis hin zum Masterabschluss (Stufe 5) reichen – ergänzt um eine Stufe 0 und 1 für nicht berufliche Pflegekontexte. Diese Ordnung ist DQR-angelehnt, aber pflegespezifisch zugeschnitten.
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Von Stufe zu Stufe - Was sich verändert
Eine der zentralen Leistungen von BAPID III ist die Entwicklung von Kompetenzprofilen für diese fünf Bildungstypen. Dabei wurde ein entscheidender konzeptioneller Schritt vollzogen: Statt Pflegesituationen mit Begriffen wie „komplex" oder „hochkomplex" zu beschreiben, arbeitet BAPID nun mit dem Konzept des Grades professioneller Verantwortung.
Der Unterschied klingt zunächst technisch, hat aber erhebliche Konsequenzen. Die Kategorien „komplex" und „hochkomplex" stammen aus der Pflegebildungsgesetzgebung und beschreiben den Gegenstand – also die Situation oder Aufgabe – aus einer wissenschaftlichen Außenperspektive. In der Pflegepraxis denkt man aber nicht so. Dort steht der Mensch im Mittelpunkt, der versorgt wird, und die Frage lautet: Wofür bin ich zuständig – und wofür trage ich Verantwortung?
So übernimmt eine Pflegefachassistenz laut BAPID Verantwortung für übertragene Aufgaben, darunter auch anspruchsvollere Tätigkeiten im medizinisch-therapeutischen Bereich. Die Pflegefachperson (BAPID-Typ 3) trägt eigenverantwortlich die Steuerung und Gestaltung von Pflegeprozessen. Die akademisch qualifizierte Pflegefachperson (Typ 4) hat darüber hinaus einen erweiterten Handlungsbereich: Sie reflektiert Pflegepraxen wissenschaftlich, bewertet Leitlinienvorgaben und entwickelt die Versorgung weiter. Und die APN – also Pflegende mit Masterabschluss (Typ 5) – übernimmt fallführende Verantwortung in einer erweiterten Pflegepraxis und verantwortet diese Handlungen eigenständig.
Dieser Perspektivwechsel von der Situation zur Verantwortung macht es möglich, Unterschiede zwischen Pflegetypen viel konkreter zu beschreiben – und damit auch nach außen, etwa gegenüber Verwaltungsleitungen oder ärztlichen Teams, besser zu argumentieren.

Wie entstehen Kompetenzprofile – und wer macht dabei mit?
Kompetenzprofile fallen nicht vom Himmel. Das Forschungsteam – im Wesentlichen Prof. Dr. von Gahlen Hoops und seine Mitarbeiterin Katharina Gens – hat für BAPID III zunächst 39 Stellenprofile aus allen 16 Bundesländern und den drei zentralen Versorgungssettings (Krankenhaus, ambulante Pflege, Langzeitpflege) analysiert. Die Textsorte „Stellenprofil" ist dabei selbst aufschlussreich: Wie Einrichtungen Stellen beschreiben, was sie fordern, was sie ausblenden – all das lässt sich inhaltlich auswerten.
Methodisch kam dafür eine qualitative Dokumentenanalyse mit MaxQDA zum Einsatz, ergänzt durch ein iteratives Konsentierungsverfahren mit einem sogenannten Soundingboard. Dieses Soundingboard besteht aus Vertreter:innen verschiedener Pflegeverbände und Einrichtungstypen, die Zwischenergebnisse kommentieren, bewerten und absichern. Dabei können sie etwa auf einer Skala von 1 bis 10 die Relevanz einzelner Items einschätzen – anonym und in Echtzeit auswertbar. So entsteht kein Top-down-Papier aus Kiel, sondern ein partizipativ entwickeltes Produkt, das die Breite der Pflegelandschaft widerspiegelt.
„Wir haben eben mit kleinen Ressourcen auch Großes bewirken können. Hoffentlich identifizieren sich möglichst viele damit und sagen: Das ist unser System, so sehen wir das, so verorten wir uns."
— Prof. Dr. von Gahlen Hoops
Das Ergebnis: ein Kompetenzprofil-Instrument mit 17 Items, das unter anderem Einrichtungstyp, Versorgungskontext, Rechtsgrundlagen, Verantwortungsbereiche, Entscheidungsbefugnisse und Netzwerkarbeit beschreibt. Dieser Rahmen ermöglicht es, pflegespezifische Profile zu entwickeln, die nicht an einem einzigen Setting kleben, sondern strukturell anschlussfähig sind – vom Universitätsklinikum bis zur ambulanten Sozialstation.
Was die Analyse zeigt, wo die Pflegepraxis wirklich steht
Die Auswertung der 39 Stellenprofile liefert ein ernüchterndes, aber ehrliches Bild. Freigemeinnützige Träger zeigen die größte Offenheit für differenzierte Rollenzuschnitte. Universitätskliniken haben erwartungsgemäß eine höhere Verbreitung akademischer Pflegestellen. Im Langzeitbereich und in der ambulanten Versorgung sind akademische Rollen hingegen noch deutlich in der Minderheit – ein Befund, der laut Prof. Dr. von Gahlen Hoops weiteren Ausbau dringend nötig macht.
„Kompetenzprofile sollen auch Sicherheit für die Einzelperson geben: Ich möchte wissen, wenn ich einen Bachelor habe, wofür bin ich eigentlich zuständig – und da kann ich mich daran orientieren."
— Prof. Dr. von Gahlen Hoops
Immerhin: Rund 40 Prozent der einbezogenen Einrichtungen setzen bereits mehrere BAPID-Typen ein – also nicht nur die klassische Pflegefachperson, sondern differenzierte Rollenprofile. Allerdings werden APN-Rollen derzeit häufig noch in übergeordneten, strategischen Funktionen eingesetzt – weniger in direkter Teamarbeit oder mit klar definierter Führungsverantwortung im Pflegeprozess. Ein Grund dafür: Tarifliche Regelungen für diese Rollen fehlen weitgehend, was die Integration in bestehende Vergütungssysteme schwierig macht.
Deutlich wird auch: Zwischen dem, was ein Stellenprofil verspricht, und dem, was in der Praxis tatsächlich gelebt wird, klafft oft eine erhebliche Lücke. Das war bekannt – und ist auch ein Grund, warum BAPID bewusst auf einer Stufe davor ansetzt: nicht Stellenprofile vorzuschreiben, sondern Kompetenzprofile bereitzustellen, die als Grundlage für trägerindividuelle Weiterentwicklung dienen.
Was ändert sich für Pflegeteams – und warum könnte das die Akademisierung voranbringen?
BAPID entwirft eine Zukunft, in der Pflegeteams aus Personen mit sehr unterschiedlichen Qualifikationsniveaus zusammenarbeiten – und das auf Augenhöhe. Von der Pflegefachassistenz mit erstem Schulabschluss bis zur Pflegenden mit Masterabschluss nach mindestens fünf Jahren Studium. Dass das gelingt, setzt voraus, dass klar ist, wer wofür verantwortlich ist – und dass diese Unterschiede nicht als Hierarchie, sondern als komplementäre Rollen verstanden werden.
Das wäre eine echte Verschiebung gegenüber dem Status quo. Bisher gilt vielerorts noch die informelle Regel: Wer studiert hat, macht „keine Pflege mehr". BAPID setzt dem entgegen, dass akademisch qualifizierte Pflegende sehr wohl in der direkten Versorgung tätig sind – aber mit einem erweiterten Verantwortungsradius, der wissenschaftsbasiertes Arbeiten und die Weiterentwicklung von Pflegeprozessen einschließt.
„Es geht nicht mehr darum zu sagen, du hast studiert, also machst du keine Pflege mehr. Das ist mit BAPID vorbei."
— Prof. Dr. von Gahlen Hoops
Das könnte auch die Attraktivität des Pflegeberufs insgesamt stärken: klarere Rollen, weniger Überforderung, mehr Orientierung – für alle BAPID-Typen. Auch die Pflegefachassistenz profitiert als neuer, eigenständiger Gesundheitsberuf, der sich vom alten Bild der Pflegehilfe löst und ein klar umrissenes Berufsbild erhält.
Was noch fehlt und wo es weitergeht
Papier ist geduldig. Das weiß auch Prof. Dr. von Gahlen Hoops. Die politischen Rahmenbedingungen sind derzeit alles andere als günstig: Das Pflegebudget wird beschnitten, Refinanzierungsdruck prägt die Debatte im Langzeitbereich, und von einem festen Pflegeanteil am Bruttoinlandsprodukt – wie es andere Industrieländer kennen – ist Deutschland weit entfernt.

Dennoch: BAPID IV ist bereits in Arbeit. Im Fokus steht die Fort- und Weiterbildungslandschaft der Pflege – mit der Idee, starre Strukturen durch ein flexibles Modulbaustein-System zu ersetzen. Statt anerkannter und nicht anerkannter Weiterbildungen soll eine Systematik entstehen, in der einzelne Bildungsbausteine flexibel kombiniert, auf verschiedene Weiterbildungsformate angerechnet und auch für akademische Pflegende angeboten werden können.

Längerfristig steht ein Scope of Practice für Deutschland auf der Agenda – ein rechtlich fundierter Handlungsrahmen, der festlegt, was Pflegende auf den verschiedenen Qualifikationsstufen tun dürfen und sollen. Das wäre ein entscheidender Schritt, um aus Kompetenzprofilen gelebte Praxis zu machen.
Wer sich einbringen möchte: Die Publikationen sind Open Access über den Deutschen Pflegerat und die Homepage der Pflegepädagogik an der Universität Kiel verfügbar. Für BAPID IV sind partizipative Beteiligungsmöglichkeiten geplant – über Fachkongresse, den Deutschen Pflegetag oder direkte Kontaktaufnahme mit dem Forschungsteam.
Neues One Minute Wonder
Es ist wieer soweit: Magda hat ein neues One Minute Onder gezaubert. Dieses Mal geht es um das Schmerzassessment BESD. Viel Spaß beim lernen 😊

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