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Diese Episode erschien am 20.05.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Der Junge Pflege Kongress in Bochum stand 2023 unter dem Motto „Nurse the System".
  • Der einfachste Einstieg in Berufspolitik führt über bestehende Organisationen statt über Einzelaktionen im Netz.
  • Pflegekammer-Präsidentin Sandra Postel kritisiert Sonderregelungen im geplanten Kammergesetz Baden-Württembergs.
  • Praxisanleitung und Hochschulen ziehen gemischte Bilanz zur generalistischen Ausbildung.

Diese Folge des PflegeUpdates ist ein Sonderformat: Die Hosts waren beim Junge Pflege Kongress in Bochum und haben den Kongresstag begleitet. Weil das Programm umfangreich war, ist dies der erste von zwei Teilen. Wir fassen die wichtigsten inhaltlichen Punkte für dich zusammen – von den Beweggründen der Veranstalter:innen über Wege in die Berufspolitik bis zu Pflegekammer, Generalistik und Fördermöglichkeiten.

„Nurse the System": Worum es beim Junge Pflege Kongress 2023 ging

Organisiert wurde der Kongress von der AG Junge Pflege des DBfK Nordwest, die Auszubildende, Studierende und frisch examinierte Pflegefachpersonen vertritt. Die beiden Koordinierenden schilderten, dass sie selbst über berufspolitischen Unterricht in der Ausbildung zum Engagement gekommen sind – ein Weg, der sich durch viele Gespräche dieser Folge zieht.

Das Kongressmotto „Nurse the System" zielt darauf, das Gesundheitssystem aus der Pflege heraus zu verändern. Der Grundgedanke: Pflegefachpersonen sind Teil des Systems, kennen die Versorgung am besten und sollten die Gestaltung selbst in die Hand nehmen. Ziel des Tages war es, möglichst breit zu zeigen, wie unterschiedlich berufspolitisches Engagement aussehen kann – ob in Vollzeit, Teilzeit oder neben familiären Verpflichtungen. Wer Interesse hat, kann über die Junge Pflege niedrigschwellig einsteigen.

Berufspolitik ist mehr als der Gesundheitsminister

Den fachlichen Auftakt machte ein Vortrag von Johannes Wünscher, Gesundheits- und Krankenpfleger mit Public-Health-Studium. Seine Kernbotschaft: Viele Auszubildende verbinden Pflege- und Gesundheitspolitik fast ausschließlich mit der Bundesebene und dem jeweiligen Gesundheitsminister. Tatsächlich besteht Berufspolitik aber aus vielen Ebenen und Akteuren – und ist dadurch weniger übermächtig, als sie oft wirkt.

Sein Rat für den Einstieg: Statt sich als Einzelperson in Social-Media-Debatten zu verstricken, die man inhaltlich kaum allein tragen kann, sollte man sich bestehenden Strukturen anschließen – etwa Berufsverbänden, Gewerkschaften oder, je nach Bundesland, den Pflegekammern. Dort gebe es niedrigschwellige Angebote und Kontakte zu Mandatsträger:innen. Als drängendstes Problem benannte er zum Zeitpunkt der Folge die fehlende nachhaltige Finanzierung von Pflege und Gesundheit: Im Bundestag werde damals zwar über die Lage der Pflegeversicherung diskutiert, eine dauerhafte Lösung sei aber nicht in Sicht. An der Finanzierung hänge vieles weitere – etwa drohende Insolvenzen in der Langzeitpflege, weil Tarifsteigerungen nicht refinanziert würden.

Parteipolitik trifft Pflege: Stimmen von der Podiumsdiskussion

Auf einer Podiumsdiskussion sprachen vier Politiker:innen mit pflegerischem Hintergrund über die Pflege. Vertreten waren Bündnis 90/Die Grünen, die FDP, die CDU und die SPD; die Vertretung der Linken war zum Zeitpunkt der Aufzeichnung bereits abgereist. Auffällig war, dass alle Befragten selbst aus Pflege- oder Gesundheitsberufen kommen und über Berufsverband oder Kammer in die Politik gefunden haben.

Inhaltlich zeigten sich unterschiedliche Schwerpunkte: vom Wunsch nach besseren Ausbildungsbedingungen – etwa Auszubildende nicht auf den Personalschlüssel anzurechnen und Praxisanleitung zu stärken – über die Einordnung der Pflege in einen gesamtgesundheitlichen Kontext bis hin zur Beobachtung, dass die Wertschätzung gegenüber der professionellen Pflege in der Politik gewachsen sei. Mehrfach klang an, dass das Thema in den eigenen Parteien zwar präsenter werde, aber nie „genügend" Raum bekomme.

Pflegekammer NRW: Was junge Pflegende erwarten können

Ein längeres Gespräch führten die Hosts mit Sandra Postel, Präsidentin der Pflegekammer NRW – nach eigener Angabe der größten Heilberufskammer Deutschlands. Sie ordnete ein, warum es so lange gedauert hat, bis Pflegekammern in Deutschland entstanden sind: Die Berufsgruppe sei lange wenig vernetzt gewesen, und eine Kammer bedeute einen tiefgreifenden Strukturwandel, der Widerstände und Ängste auslöse – auch mit Blick auf bestehende Besitzstände.

Mit Blick auf Baden-Württemberg, wo damals die Gesetzgebung für eine Pflegekammer lief und die zweite Lesung anstand, äußerte Postel deutliche Kritik. Problematisch sei, dass dort ein eigenständiges Pflegeberufekammergesetz geplant war, das die Pflege von den übrigen Heilberufen entkoppelt – ein Einzelgesetz lasse sich leichter wieder abschaffen. Zudem würden die Merkmale der Mitgliedschaft für die Pflege anders definiert als für andere Heilberufe (zusätzlich zur Berufserlaubnis und zum Wohnort auch die tatsächliche Tätigkeit in der Pflege), was eine spätere Überführung ins gemeinsame Heilberufsgesetz erschwere. Auch das vorgesehene Quorum sah sie kritisch. Zugleich würdigte sie, dass sich die Politik dort überhaupt auf den Weg gemacht habe.

Für junge Pflegende, die nach der Ausbildung automatisch Kammermitglied werden, skizzierte Postel die Aufbauarbeit: eine gemeinsame Agenda für eine sehr heterogene Berufsgruppe entwickeln, nach innen und außen wirken und mit Stellungnahmen präsent sein – etwa zu Leiharbeit, pflegenden Angehörigen, Gewalt in der Pflege und zur Kinderkrankenpflege. Ihr Appell an den Nachwuchs: kritisch und unbequem bleiben, sich aber gezielt Verbündete suchen, weil in der Pflegepolitik nichts geschenkt werde.

Generalistik in der Praxis: Bilanz von Praxisanleitung und Hochschule

Auf der Ausstellungsfläche stellten sich Arbeitgeber:innen, Hochschulen und Weiterbildungsstätten vor. Eine Praxisanleiterin der Alexianer aus Münster zog eine gemischte Bilanz zur generalistischen Pflegeausbildung. Manche Auszubildende hätten gezielt darauf gewartet, in der Umsetzung hapere es aber noch. Häufig fühlten sich Lernende im dritten Ausbildungsjahr unzureichend auf das Examen vorbereitet, weil im zweiten Jahr viele Außeneinsätze stattfänden und Stationsabläufe so schwerer verinnerlicht würden. Positiv seien hingegen die frei wählbaren Wunscheinsätze. Für die Praxisanleitung bedeute die Generalistik, individueller anzusetzen, weil der Wissensstand der Auszubildenden heterogener geworden sei.

Pflegestudium und Vergütung

An der Hochschule Osnabrück umfasst das Angebot unter anderem Pflegewissenschaft, Pflegemanagement, ein duales Format sowie den interprofessionellen Masterstudiengang HELP, in dem Pflege- und Therapieberufe gemeinsam studieren. Die Hochschule ist über das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) und dessen Expertenstandards bundesweit vernetzt. Mit Blick auf die damals diskutierte Vergütung von Pflegestudierenden zeigten sich die Vertreterinnen offen für eine stärkere Ausrichtung auf primärqualifizierende Studiengänge – sahen aber das Problem, dass die große Berufsgruppe so kaum vollständig auszubilden sei. Dies sei letztlich eine politische und finanzielle Frage.

Weiterbildungsstipendium der SBB

Ergänzend informierte die Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung (SBB) über ihre Stipendienprogramme. Das Weiterbildungsstipendium richtet sich an Berufseinsteiger:innen direkt nach der Ausbildung. Voraussetzung ist ein Abschluss von 1,9 oder besser beziehungsweise ein Vorschlag durch die Fachschule. Wer aufgenommen wird, erhält über drei Jahre insgesamt rund 8.700 Euro für Weiterbildungen – von Wochenendseminaren bis zum berufsbegleitenden Studium. In den Gesundheitsfachberufen gilt eine erweiterte Altersgrenze, weil Fachschuljahre angerechnet werden können; Bewerbungsschluss ist jährlich der 15. Februar.

Eindrücke vom Kongress

Den Abschluss des ersten Teils bildeten Stimmen junger Pflegender selbst. Eine Auszubildende zur Pflegefachfrau berichtete, dass Pflegepolitik in ihrer Ausbildung kaum vorkomme und der Kongress für sie ein erster Anlaufpunkt sei, um sich zu engagieren – auch wenn sie als Beschäftigte in der Altenpflege zunächst befürchtet hatte, auf einem stark akutpflegerisch geprägten Podium zu kurz zu kommen. Insgesamt zogen die Hosts ein positives Fazit: Der Kongress habe mit rund 2.750 Teilnehmenden gezeigt, wie viele junge Menschen sich für ihren Beruf und dessen Gestaltung interessieren. Teil 2 mit weiteren Gesprächen folgt.

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Quellen