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Diese Episode erschien am 23.05.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Berufsverbände machen Pflege auf Bundesebene sichtbar – Organisieren lohnt sich.
  • Der Tarifvertrag Entlastung wird in NRW umgesetzt, Verbesserungen brauchen noch Zeit.
  • Pflege-Influencer:innen tragen Verantwortung für das Bild des Berufs.
  • Die Kampagne Pflegestufe Rot setzt künftig auf positivere Töne.

Dies ist der zweite Teil unserer Aufnahmen vom Junge Pflege Kongress des DBfK Nordwest in Bochum. Das Material reichte für zwei Folgen – hier hörst du Stimmen aus Berufsverband, Gewerkschaft und der Social-Media-Welt sowie Eindrücke von Kongressbesucher:innen. Wir ordnen für dich ein, worum es bei den einzelnen Gesprächen ging und warum die Themen für dich relevant sind.

Berufsverbände machen Pflege auf Bundesebene sichtbar

Lina Gürtler ist Sprecherin der Lenkungsgruppe der Jungen Pflege im DBfK und hielt auf dem Kongress einen Vortrag über die Arbeit von Berufsverbänden. Ihr zentrales Argument: In der Pflege gibt es bislang nur wenige Wege, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Über die Mitgliedschaft in einem Berufsverband ist man indirekt auch im Deutschen Pflegerat eingebunden – aus ihrer Sicht derzeit eine der wenigen Möglichkeiten, auf Bundesebene überhaupt sichtbar zu werden.

Die Strukturen des DBfK erklärte sie so: Der Verband besteht aus mehreren Regionalverbänden, die jeweils eine AG Junge Pflege haben. Aus diesen Arbeitsgruppen heraus wird die Lenkungsgruppe gewählt, die die AGs vernetzt und die bundesweit relevanten Themen bearbeitet. Wer mehr über diese ehrenamtliche Struktur erfahren möchte, findet die Lenkungsgruppe Junge Pflege auf Instagram.

Ihr Appell an junge Pflegende und Auszubildende: Der Beruf lässt sich aktiv gestalten und bietet viele Perspektiven. Sie warb dafür, bei Frustration über Personalsituation und Schichtdienst nicht gleich den Ausstieg zu erwägen – denn Berufspädagogik, Pflegepolitik, Pflegemanagement oder Tätigkeiten bei Kranken­kassen und beim Medizinischen Dienst seien Wege, im weiteren Sinne in der Pflege zu bleiben.

Tarifvertrag Entlastung: In NRW noch in der Umsetzung

Zwei Vertreterinnen der Gewerkschaft ver.di stellten in einem Vortrag die Arbeitsweise von Gewerkschaften vor. Im Anschluss sprach Vicky, Jugendkoordinatorin im Landesfachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Wissenschaft und Forschung, über die Rolle der Gewerkschaft. Genaue Mitgliederzahlen examinierter Pflegefachpersonen konnte sie nicht nennen, betonte aber, ver.di sei die größte Organisation, in der sich Pflegefachpersonen in Deutschland zusammenschließen.

Ein Schwerpunkt war der Tarifvertrag Entlastung (TV-E). Bundesweit haben sich verschiedene Kliniken auf den Weg gemacht, solche Verträge mit ihren Arbeitgebern zu erkämpfen, um Arbeits- und Ausbildungsbedingungen zu verbessern. Wichtig zum Zeitpunkt der Folge im Mai 2023: In Nordrhein-Westfalen befand sich die Umsetzung noch in einer frühen Phase. Spürbare Verbesserungen waren damals für viele Kolleg:innen noch nicht angekommen, weil die Betriebe Personal aufbauen und Abläufe umstellen müssen, bevor die Vereinbarungen greifen.

Spannend ist die Frage, woher die Verhältniszahlen zwischen Patient:innen und Personal stammen. Nach Darstellung von Vicky haben nicht die hauptamtlichen Gewerkschaftsmitarbeitenden diese Grenzen festgelegt, sondern die Beschäftigten auf den Stationen selbst. Sie schauten sich Pflegeaufwand und Schweregrad der Erkrankungen an und leiteten daraus für ihre jeweiligen Bereiche Forderungen ab – entsprechend unterschiedlich fallen die Zahlen etwa zwischen Allgemein- und Intensivstation aus. Ihre Botschaft an junge Kolleg:innen: Bessere Arbeitsbedingungen entstehen nicht von allein, deshalb lohnt sich gewerkschaftliches Engagement – nicht nur für mehr Geld, sondern auch für die Versorgung der Menschen.

Pflege-Influencer:innen und ihre Verantwortung

In einer Podiumsdiskussion sprachen mehrere bekannte Social-Media-Gesichter der Pflege über die Verantwortung, die mit Reichweite einhergeht. Janine, examinierte Gesundheits- und Kinderkranken­pflegerin, vertrat den Gedanken, dass im Grunde alle Pflegenden „Influencer:innen" seien, weil jede:r das Bild des Berufs nach außen mitprägt. Metin, Gesundheits- und Krankenpfleger mit Schwerpunkt auf Unterhaltung, betonte die besondere Verantwortung, weil es in der Pflege um Menschen mit eigenen Schicksalen geht – gleichzeitig habe jede:r ein eigenes Themenfeld, von Unterhaltung über Politik bis zum Pflegestudium. Du findest die beiden auf Metins Instagram-Kanal und über das Profil Einfach Jean.

Beide warben dafür, sich gegenseitig zu unterstützen, statt – wie Janine es nannte – „Pflege-Bitching" zu betreiben, das weder den Teams noch dem Ansehen des Berufs guttue. Ihre Botschaft an Auszubildende und Studierende: Die Ausbildung ist anspruchsvoll, lohnt sich aber, weil danach viele Türen offenstehen.

Tobias, angehender Pflegepädagoge mitten in der Bachelorarbeit, stellte gemeinsam mit anderen das Videoprojekt #NurEinVideo? vor. Anlass war, dass einzelne Pflegende den Beruf in ein schlechtes Licht gerückt hatten, indem sie Patient:innen ohne deren Wissen filmten oder nebenbei in Livestreams Essen anreichten. Der Titel spielt darauf an, dass ein solcher Clip im Moment „nur ein Video" zu sein scheint – das Internet aber nichts vergisst. Den Begriff „Influencer:in" sah Tobias kritischer: Einfluss nehme zwar jede:r, doch nicht alle sollten sich darüber definieren.

Pflegestufe Rot: Von der Provokation zum positiveren Ton

Julian berichtete über die Kampagne Pflegestufe Rot, die 2020 in der Corona-Zeit entstand, um auf den Pflegenotstand aufmerksam zu machen. Bekannt wurde sie durch den Film „Applaus reicht nicht aus", der in der Pflegeszene viral ging und mehrfach ausgezeichnet wurde – unter anderem als bester Wirtschaftsfilm Europas in Cannes, wobei der Preis pandemiebedingt nicht persönlich entgegengenommen werden konnte. In einem weiteren, bewusst zynisch-sarkastischen Film trat der Dortmunder Tuning-Experte Jean-Pierre Kraemer auf und präsentierte ein fiktives Reinigungsmittel aus „Schweiß und Tränen" von Pflegenden.

Julian deutete an, dass sich die Kampagne weiterentwickelt. Provokative, negativ zugespitzte Aktionen hätten ihre Berechtigung gehabt und die nötige Aufmerksamkeit erzeugt – inzwischen wandle sich aber vieles ins Positive, und mit dieser Entwicklung wolle man mitgehen. Zum Zeitpunkt der Aufnahme kündigte er für den Tag der Pflegenden eine neue Veröffentlichung an. Trotz aller Kritik an den Zuständen, so sein wiederkehrender Gedanke, bleibe Pflege ein Beruf, für den es sich lohne. Das anlässlich des Tages der Pflegenden veröffentlichte Video der Pflegestufe Rot kannst du dir im Anschluss ansehen.

Stimmen vom Kongress: Studierende wollen sichtbar werden

Zwischen den Vorträgen kamen auch Kongressbesucher:innen zu Wort. Michael, Public-Health-Student und gesundheitspolitisch aktiv, hatte über Praktika gemerkt, dass die direkte Pflegearbeit nicht sein Weg ist – das Thema aber nie ganz losgelassen. Auf dem Kongress nutzte er die gesundheitspolitische Vernetzung und wollte einen DBfK-Mitgliedsantrag einwerfen.

Charlotte, 27, studiert Pflege und Gesundheit an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf-Kaiserswerth. Sie machte deutlich, wie wenig bekannt das Pflegestudium oft noch ist – selbst examinierte Kolleg:innen in der Praxis fragten sie, was das eigentlich sei. Ein Thema, das viele Studierende beschäftigt: Im Studium wird häufig schlechter oder gar nicht vergütet, obwohl ähnlich viele Praxisstunden anfallen wie in der Ausbildung. Zum Zeitpunkt der Folge war eine bessere Vergütung politisch in der Diskussion. Charlotte warb außerdem dafür, die Pflegekammern zu unterstützen, weil deren Nutzen vielen Pflegenden noch nicht klar sei.

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Quellen