🗓️
Diese Episode erschien am 12.05.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
💡
Das Wichtigste in Kürze
  • Der ICN ist seit 1899 die globale Stimme von rund 28 Millionen Pflegefachpersonen.
  • 135 nationale Verbände – darunter der DBfK – bilden das weltweite Dachnetzwerk.
  • Der Pflegekräftemangel gilt dem ICN als globaler Gesundheitsnotstand.
  • Code of Ethics und Pflegedefinition prägen Pflege weltweit.
  • Nicht resiliente Pflegende, sondern resiliente Gesundheitssysteme braucht es.

Zum Tag der Pflegenden haben wir uns etwas Besonderes vorgenommen: ein Gespräch über Ländergrenzen hinweg – per Telefon nach Norwegen. Dort lebt und arbeitet Dr. Karen Bjøro, die zum Zeitpunkt der Aufnahme zweite Vizepräsidentin des International Council of Nurses (ICN) war. Sie hat uns mitgenommen in eine Organisation, von der viele in der Pflege schon einmal gehört haben – meist im Zusammenhang mit dem Ethikkodex –, deren Reichweite und Bedeutung aber selten wirklich greifbar wird. Höchste Zeit also, das zu ändern.

Von der Intensivstation bis ins globale Politiknetz

Karens beruflicher Weg ist selbst schon ein kleines Stück Pflegegeschichte. Ursprünglich aus den USA, zog sie vor rund fünf Jahrzehnten nach Norwegen und entschied sich bewusst für einen Beruf mit internationaler Bedeutung – die Pflege. Ihre klinische Heimat war die Intensivstation, wo sie die enge Eins-zu-eins-Beziehung zwischen Pflegefachperson und Patient:in besonders schätzte. Später wechselte sie ins Qualitätsmanagement, wurde Pflegedirektorin am Universitätsklinikum Ullevål und schlug schließlich noch den Weg in die Forschung ein: Ihre Doktorarbeit schrieb sie über Delir bei älteren Menschen mit Hüftfraktur.

2017 kam die nächste Wende: Sie wurde in den Vorstand der norwegischen Pflegeorganisation gewählt und vertrat diese auf europäischer Ebene, bevor sie in den Vorstand des International Council of Nurses einzog. Diese Biografie zeigt schon, worum es dem ICN im Kern geht: Pflege ist eben kein lokales, sondern ein zutiefst globales Berufsfeld.

1899 – als Pflegende begannen, sich zu organisieren

Der ICN wurde 1899 gegründet, im Jahr der Aufnahme also kurz vor seinem 125-jährigen Jubiläum. Gründerin war die britische Pflegende Ethel Bedford Fenwick – in einer Zeit, in der das Vereinigte Königreich durch Florence Nightingale und die von ihr begründete moderne Pflege bereits weit in der Ausbildung vorangeschritten war. Spannend ist, dass der ICN als erste internationale Organisation überhaupt galt, die sich an Angehörige eines Gesundheitsberufs richtete – und zugleich an Frauen, denn die Pflege war damals praktisch ein reiner Frauenberuf. In Norwegen, so erzählt Karen, gab es die erste männliche Pflegekraft erst um 1958.

Deutsche Pflegende waren von Anfang an dabei: Der zweite ICN-Kongress fand bereits 1904 in Berlin statt, der vierte 1912 in Köln – ausgerechnet im Gründungsjahr der norwegischen Pflegeorganisation, deren Präsidentin damals vor Ort war. Wer in diese bewegte Geschichte tiefer eintauchen möchte, findet auf der interaktiven Zeitleiste „Twelve Decades of the ICN" einen wunderbaren Überblick über zwölf Jahrzehnte internationaler Pflegegeschichte.

„Der ICN ist die globale Stimme der Pflege. Es gibt weltweit rund 28 Millionen Pflegefachpersonen – sie machen etwa die Hälfte aller Beschäftigten im Gesundheitswesen aus. Und für diesen größten Gesundheitsberuf der Welt sprechen wir am globalen Verhandlungstisch." — Dr. Karen Bjøro

Ein Dach für 135 Verbände

Heute ist der ICN eine Dachorganisation für 135 nationale Pflegeverbände. Einzelne Pflegefachpersonen können also nicht direkt Mitglied werden – Mitglied wird immer der nationale Verband. Diese Verbände sind über sechs Weltregionen verteilt, die denselben Zuschnitt haben wie die Regionen der Weltgesundheitsorganisation: Europa (inklusive Zentralasien), Afrika, Amerika, der westliche Pazifik, Südostasien sowie der östliche Mittelmeerraum als kleinste Region. Der jüngste aufgenommene Verband kam aus der Elfenbeinküste. Der Hauptsitz liegt in Genf – kein Zufall, denn dort sitzt auch die WHO, mit der der ICN eng zusammenarbeitet.

Diese Verbände sind übrigens höchst unterschiedlich aufgestellt: Manche sind Gewerkschaften, manche reine Berufsverbände, einige sind Regulierungsbehörden, und manche – wie die norwegische Organisation – vereinen mehrere Funktionen in sich. Genau diese Vielfalt prägt die politische Arbeit, denn der ICN muss ganz unterschiedliche Bedürfnisse unter einen Hut bringen. Auf internationaler Ebene pflegt er enge Beziehungen zur WHO, zur Internationalen Arbeitsorganisation und zur Weltbank. Schon 1948, bei ihrer Gründung, war der ICN eine der ersten offiziell anerkannten Partnerorganisationen der WHO – und war zu diesem Zeitpunkt selbst bereits fast ein halbes Jahrhundert alt.

Wie aus 135 Stimmen eine wird

Bei so vielen unterschiedlichen Mitgliedern stellt sich natürlich die Frage: Wie entsteht daraus eine gemeinsame Stimme? Die Antwort liegt in geteilten Werten und gemeinsamen Grundlagendokumenten. Das wichtigste davon ist der ICN-Ethikkodex, erstmals 1953 entwickelt und zuletzt 2021 überarbeitet. Er ist Leitlinie für Entscheidungen in der Pflege und Maßstab dafür, allen Menschen die bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen – unabhängig von den Umständen. Die jüngste Überarbeitung betont besonders die internationale Solidarität und die Rolle der Pflege im Einsatz gegen Diskriminierung und für die Menschenrechte. Wer den Hintergrund der Überarbeitung des Code of Ethics nachlesen möchte, findet dazu beim ICN ausführliche Informationen.

Und ja: Auch Deutschland ist mit dabei. Der DBfK ist seit 1904 durchgehend Mitglied im ICN, und mit Franz Wagner, dem ehemaligen Geschäftsführer des Verbands, stellte Deutschland lange Jahre ein Vorstandsmitglied und sogar den ersten Vizepräsidenten. Wer Mitglied im DBfK ist, gehört damit indirekt auch zur weltweiten ICN-Gemeinschaft.

Was Pflege überhaupt ist – eine Definition mit Geschichte

Neben dem Ethikkodex ist es vor allem die Pflegedefinition, über die viele zum ersten Mal mit dem ICN in Berührung kommen. Sie geht maßgeblich auf Virginia Henderson zurück, deren Verständnis von 1977 in die ICN-Definition eingewoben wurde: Die einzigartige Aufgabe der Pflege ist es, Menschen – ob krank oder gesund – bei jenen Tätigkeiten zu unterstützen, die zu Gesundheit, Genesung oder einem würdevollen Sterben beitragen, und sie dabei so rasch wie möglich zu Selbstständigkeit zu befähigen. Parallel dazu definiert der ICN auch, wer überhaupt als Pflegefachperson gilt: jemand, der eine grundständige, generalistische Pflegeausbildung abgeschlossen hat und von der zuständigen Stelle zur Berufsausübung autorisiert ist – bewusst breit gefasst, weil die konkreten Curricula weltweit variieren.

Junge Stimmen für eine alte Organisation

Ein Herzensthema von Karen ist die Beteiligung von Pflegestudierenden und Berufseinsteiger:innen. Während Medizin- und Pharmaziestudierende längst über starke internationale Vertretungen verfügen, fehlte der Pflege auf globaler Ebene lange eine vergleichbar laute junge Stimme. Genau das soll sich ändern. Der ICN hat eine Steuerungsgruppe für Studierende eingerichtet, in der je eine Person aus jeder der sechs Regionen vertreten ist, und auf dem Kongress findet parallel zur Generalversammlung eine eigene Studierendenversammlung statt.

Offen ist noch, welche organisatorische Form die Studierenden im ICN künftig bekommen sollen. In vielen europäischen Ländern und beim DBfK sind sie in den nationalen Verbänden eingebettet, in Nordamerika dagegen eher über die Universitäten eigenständig organisiert, in anderen Regionen gibt es kaum Strukturen. Der Reiz für junge Pflegende, hier mitzugestalten, liegt auf der Hand: Sie können eine über 120 Jahre alte Organisation mitformen – und lernen früh, wie Gesundheitspolitik funktioniert. Gerade Themen wie Gendergerechtigkeit oder mentale Gesundheit – Letztere durch die Pandemie noch einmal massiv verschärft – stehen bei Studierenden ganz oben.

Globaler Gesundheitsnotstand: der Pflegekräftemangel

Eine der drängendsten Aufgaben ist die Umsetzung der „Global Strategic Directions for Nursing and Midwifery", die die WHO gemeinsam mit dem ICN und der Internationalen Hebammen-Konföderation erarbeitet und die die Weltgesundheitsversammlung 2021 verabschiedet hat. Vier Bereiche stehen im Mittelpunkt: Ausbildung, gute Arbeitsbedingungen, Leadership und Versorgungsmodelle – etwa der Ausbau von Advanced Practice Nursing. Jedes Land ist gehalten, diese Ziele bis 2025 umzusetzen; auch der DBfK erhielt dazu eine Erhebung des ICN.

Besonders kritisch sieht der ICN die internationale Anwerbung von Pflegefachpersonen: Einkommensstarke Länder rekrutieren gezielt aus einkommensschwachen Ländern – teils sogar aus Staaten auf der „Red List" der WHO, aus denen eigentlich nicht angeworben werden sollte. Statt in die eigene Ausbildung zu investieren, werden so andernorts ohnehin fragile Gesundheitssysteme weiter geschwächt. Auch Deutschland zählt zu den anwerbenden Ländern. Wer sich damit genauer beschäftigen will, findet bei uns eigene Episoden zu den Erwartungen und der Realität internationaler Pflegefachpersonen.

Was die Pandemie offengelegt hat

Wie wichtig eine globale Stimme ist, zeigte sich in der Corona-Pandemie. Der ICN sammelte Rückmeldungen aus aller Welt – über fehlende Schutzausrüstung, über Angst, Erschöpfung und moralische Verletzungen, etwa wenn Pflegende einerseits Sterbende begleiteten und andererseits draußen auf Corona-Leugner trafen. Diese gebündelten Informationen trug der ICN direkt zu WHO-Generaldirektor Dr. Tedros. Die Zahlen sind erschütternd: Schätzungsweise rund zehn Prozent der Pflegenden infizierten sich, mindestens 150.000 starben weltweit, viele entwickelten posttraumatische Belastungsstörungen.

In ihrem Bericht „Recover to Rebuild" – damals erst wenige Wochen alt – legte die Organisation nach: 40 bis 80 Prozent der Pflegenden berichteten von Symptomen psychischer Belastung, die Absicht, den Beruf zu verlassen, war auf über 20 Prozent gestiegen. Den Pflegekräftemangel bezeichnet der ICN deshalb als globalen Gesundheitsnotstand.

„Wir hören viel davon, wie wichtig es sei, resiliente Pflegefachpersonen zu haben. Was wir aber wirklich brauchen, sind resiliente Gesundheitssysteme, in denen Pflege arbeiten kann. Es ist nicht Aufgabe der einzelnen Pflegeperson, dieses System zu schaffen – das liegt bei Regierungen und Arbeitgebern." — Dr. Karen Bjøro

Die Forderungen sind entsprechend klar: massive Investitionen, sichere Personalschlüssel, vollständige Impfprogramme, Ausbau der Ausbildung statt Anwerbung aus armen Ländern, attraktive Karrierewege, technische Entlastung von Dokumentationsarbeit und der Ausbau erweiterter Rollen wie der Advanced Nursing Practice. ICN-Präsidentin Pam Cipriano bringt es auf den Punkt: Pflegefachpersonen können das Gesundheitswesen aus seiner Erschöpfung nach der Pandemie führen – aber nur, wenn es genug von ihnen gibt, sie gut bezahlt und unterstützt werden und die Systeme erneuert werden.

Vom Kongress bis ins Klinikzimmer

Wie spürt eine einzelne Pflegefachperson den ICN im Alltag? Vor allem über die nationalen Verbände – und über Kampagnen wie den Internationalen Tag der Pflegenden am 12. Mai, für den der ICN jedes Jahr ein Motto vorgibt, oder die damals neu eingeführte Europäische Woche der Pflege und Hebammen. Ein eindrückliches Erlebnis ist der ICN-Kongress, der 2023 in Montreal stattfand. Dort treffen sich Tausende Pflegende, es gibt Paraden der Verbände, hochkarätige Keynotes und regionale Präsentationen – für Europa etwa mit dem Direktor des WHO-Regionalbüros, Hans Kluge.

„Man fühlt sich neu beflügelt, wenn man mit fünf- oder sechstausend anderen Pflegenden in einem Saal sitzt, alle engagiert, alle stolz darauf, Pflegende zu sein. Gerade nach der Pandemie ist dieses Gefühl unglaublich wichtig." — Dr. Karen Bjøro

Karens Botschaft an die Politik ist so einfach wie wirkungsvoll: nicht über Pflege reden, sondern mit Pflege. Denn die Pflege stand an vorderster Front, kennt die Realität der Versorgung – und muss am Entscheidungstisch sitzen, wenn Gesundheitssysteme wiederaufgebaut werden. Wer die politische Rolle der Pflege weiterdenken möchte, findet bei uns reichlich Anknüpfungspunkte.

Zum Weiterhören

🎓
Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern: Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode.

Weiterführende Links & Shownotes

Heute ist Tag der professionell Pflegenden. Und zu diesem Anlass haben wir eine besondere Folge für Dich.
Wir haben mit Karen Bjøro PhD gesporochen. Sie ist 2. Vize-Präsidentin des International Council of Nurses (ICN) und Mitglied der Norwegian Nurses Organisation.
Mit ihr haben wir über die Rolle und Aufgaben des ICN gesprochen, welche Herausforderungen sie für die globale Pflege sieht und an welchen Themen der ICN aktuell arbeitet. Darüber hinaus hat sie über die Struktur und Organisation des ICN gesprochen und wie die Arbeit des ICN die tägliche Arbeit der Pflegenden weltweit berührt.

Shownotes