- Das Aktionsbündnis Patient:innensicherheit erarbeitet seit 2005 interprofessionelle Handlungsempfehlungen.
- Über 19 Empfehlungen reichen von Hygiene über Medikation bis zur außerklinischen Intensivbetreuung.
- Patient:innensicherheit braucht Rückhalt im Top-Management, nicht nur engagierte Einzelne.
- Eine OECD-Studie sieht bis zu 15 % der Gesundheitskosten als vermeidbar.
- Pflegewissenschaft muss eigene Themen stärker beforschen und sichtbar machen.
Patient:innensicherheit klingt erst einmal selbstverständlich – wer wollte schon, dass Menschen in einer Klinik oder in der häuslichen Pflege gefährdet werden? Und doch zeigt ein genauer Blick, dass im Gesundheitswesen vieles eben nicht so reibungslos läuft, wie man gern glauben möchte. Genau hier setzt das Aktionsbündnis Patient:innensicherheit an. In der ersten Podcast-Folge des Jahres 2020 war Hedwig François-Kettner zu Gast – gelernte Krankenschwester, von 2004 bis 2014 Pflegedirektorin der Charité, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und bis 2019 Vorsitzende des Aktionsbündnisses. Das Gespräch dreht sich um Fehlerkultur, Hygiene, Medikationssicherheit und die Frage, wie aus Empfehlungen echte Veränderung in der Praxis wird.
Ein Bündnis, das die Selbstzufriedenheit infrage stellt
Gegründet wurde das Aktionsbündnis Patient:innensicherheit im Jahr 2005 – getragen von nahezu allen Berufsgruppen des Gesundheitswesens. Treibende Kräfte waren unter anderem sehr kritische Ärzt:innen, die offen aussprachen, was sonst gern beschönigt wird: Vieles läuft eben nicht in Ordnung. Initiator Matthias Schrappe holte namhafte Persönlichkeiten an einen Tisch und verständigte sich mit der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt über ein solches Netzwerk. Auch der Deutsche Pflegerat war von Beginn an dabei – und mit ihm Hedwig François-Kettner als Vorstandsmitglied.
Der Auslöser war eine ehrliche Selbstbetrachtung. Im internationalen Vergleich – allen voran mit den USA, wo die ersten Netzwerke dieser Art entstanden – wurde deutlich: Berufsgruppen arbeiten intern oft gut, doch an den Schnittstellen hakt es. Kommunikation und Kooperation lassen zu wünschen übrig, und Patient:innen werden über Gebühr gefährdet, wo das gar nicht nötig wäre.
„Das System an sich hat erhebliche Schwächen. Viele Dinge laufen gut, aber die Kommunikation und Kooperation zwischen den Berufsgruppen lassen sehr häufig zu wünschen übrig – und Patient:innen sind dadurch gefährdet, wo es nicht sein müsste." — Hedwig François-Kettner
Von der Händedesinfektion bis zum vergessenen Tupfer
Die Themen, an denen sich das Bündnis abarbeitet, ziehen sich quer durch den Versorgungsalltag. Ganz oben standen von Anfang an Hygiene und Infektionsprävention. Wer heute durch ein Krankenhaus geht und an jeder Ecke – bis in die Eingangshalle – einen Desinfektionsspender findet, erlebt eine Bewusstseinsänderung, die maßgeblich von der bundesweiten Kampagne „Aktion saubere Hände" angestoßen wurde. Eine messbare Erfolgsbilanz lässt sich für einen ehrenamtlichen Verein nicht lückenlos führen, aber die Veränderung ist sichtbar.
Daneben geht es um Klassiker, die in der Pflege jede:r kennt: Stürze, Dekubitus, Medikationsprobleme. Und es geht um Themen wie zurückgelassene Fremdkörper im OP-Gebiet – ein Problem, das bis heute nicht ausgemerzt ist, weil etwa die vorgeschriebene Zählkontrolle nicht überall vollständig stattfindet. Insgesamt hat das Bündnis bis zum Zeitpunkt des Gesprächs 19 Handlungsempfehlungen erarbeitet – interdisziplinär und interprofessionell, von der Medikationssicherheit über Medizinprodukte bis zur Infektionsprävention.
Wichtig zu verstehen: Diese Empfehlungen sind keine Leitlinien und haben keinen juristischen Charakter. Trotzdem gewinnen sie an Gewicht. Die Rechtsprechung bezieht sich zunehmend auf die Ergebnisse des Bündnisses – etwa wenn nach einem Schadensfall gefragt wird, warum eine Einrichtung sich anerkannte Empfehlungen nicht zu eigen gemacht hat.
Unabhängig bleiben, auch mit 750 Mitgliedern
Inzwischen zählt das Bündnis rund 750 Mitglieder – etwa zur Hälfte Einzelpersonen, zur Hälfte Institutionen. Mit dabei sind Selbstverwaltungen, die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die gesetzliche Krankenversicherung und Institutionen wie der Gemeinsame Bundesausschuss. Eine durchaus heterogene Runde mit ganz unterschiedlichen Interessen. Wie bleibt man da unabhängig?
Die Antwort liegt in klaren Spielregeln: Ein Leitfaden gibt vor, wie Handlungsempfehlungen zustande kommen, alle Beteiligten müssen ihre Interessenkonflikte offenlegen, und die Themen sucht das Bündnis selbst aus oder bekommt sie über Exposés gemeldet. In der Arbeitsgruppe zur außerklinischen Intensivbetreuung – einem Feld, in dem viele Interessen aufeinanderprallen – kam es sogar erstmals vor, dass Personen aus einer Arbeitsgruppe ausgeschlossen wurden. Der rote Faden bleibt dabei immer derselbe.
„Es geht nur um Patient:innensicherheit. Es geht nicht um Interessen, nicht darum, ob die Rahmenbedingungen schon fertig sind – sondern darum, dass sie hergestellt werden." — Hedwig François-Kettner
Wenn Pflege zu Hause Intensivmedizin bedeutet
Ein besonders heikles Feld ist die außerklinische Intensivbetreuung. Zum Zeitpunkt der Aufnahme waren davon fast 40.000 Patient:innen betroffen, die ambulant zu Hause oder in kleinen Wohneinheiten betreut und beatmet werden. Die Rahmenbedingungen sind häufig nicht in Ordnung: Wohnungen, die für einen Stromausfall nicht gewappnet sind, Hausärzt:innen, die nicht zwangsläufig Intensivmediziner:innen sind, und immer weniger wirklich qualifizierte Pflegefachpersonen. Auch Vorgaben zum Weaning, also zur Entwöhnung von der Beatmung, werden nicht konsequent eingehalten. Wer tiefer in dieses Thema einsteigen möchte, findet eine eigene Folge zur außerklinischen Intensivversorgung.
Der Personalmangel verschärft die Lage zusätzlich. Viele Pflegefachpersonen kommen aus dem Ausland und haben teils noch keine Anerkennung – ein Punkt, an dem François-Kettner einen wunden Nerv der gesamten Profession berührt: Solange schlicht die Köpfe fehlen, leidet die Pflegequalität, so engagiert die einzelnen Menschen auch sein mögen.
Vorstand, Arbeitsgruppen und drei Teilzeitstellen
Wie organisiert sich ein solches Bündnis überhaupt? An der Spitze steht ein gewählter Vorstand mit geschäftsführender Spitze, sechs Beisitzer:innen und dem Anspruch, möglichst viele Berufsgruppen abzubilden. Wo Expertise fehlt, holt man sie über das Mitgliedernetzwerk hinzu – etwa Hygieneexpertin Petra Gastmeier, die nach ihrer Vorstandszeit als Ansprechpartnerin erhalten blieb.
Darunter liegt die Ebene der Arbeitsgruppen, gespeist aus Themen, die der Vorstand auf Basis von Exposés und Literaturrecherche beschließt. Rund acht bis zehn Arbeitsgruppen laufen parallel, getragen von 250 bis 300 ehrenamtlich Engagierten. Organisiert wird das Ganze von einer Geschäftsstelle in Berlin – mit drei Teilzeitkräften und einer hauptamtlichen Geschäftsführung. Finanziert wird die Arbeit fast ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden, ergänzt um einzelne, eng zweckgebundene Projekte.
Beim methodischen Vorgehen profitiert das Bündnis spürbar vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP), in dem François-Kettner mitbegründend tätig war. Drei Feedbackschleifen – durch die Arbeitsgruppe, den Vorstand und schließlich alle Mitglieder – sichern die Qualität jeder Empfehlung.
Der weite Weg vom Papier in die Praxis
Die spannendste Frage bleibt: Wie kommt eine Empfehlung tatsächlich ans Krankenbett? Das Bündnis kann nicht regulieren, sondern nur werben – über Apotheken, Netzwerke, Verbände und über die Homepage, von der jede Empfehlung frei heruntergeladen werden kann. Für patientenbezogene Themen gibt es zusätzlich eigene, leichter verständliche Broschüren, damit Patient:innen souveräner mit ihren eigenen Belangen umgehen können.
Eine Masterarbeit, betreut von der späteren Bündnis-Vorsitzenden Ruth Hecker, untersuchte, wie die Empfehlungen in Kliniken ankommen. Das Ergebnis: Fast 80 Prozent der befragten Krankenhäuser kennen die Handlungsempfehlungen. Kennen heißt allerdings nicht automatisch umsetzen – und schon gar nicht vollständig. Manche Fachdisziplinen wie die Anästhesie greifen solche Themen schnell auf, andere brauchen lange. Entscheidend ist oft, wie das Top-Management aufgestellt ist.
Genau deshalb fordert das Bündnis in seinem Weißbuch Patient:innensicherheit – in einem von 28 Punkten – eine:n Patient:innensicherheitsbeauftragte:n, möglichst auf Vorstandsebene angesiedelt.
„Wenn das Top-Management nicht die richtigen Initiativen ergreift, dann ist die Mitarbeiterin, der Mitarbeiter, der für das Thema brennt, allein auf weiter Flur." — Hedwig François-Kettner
Hessen war zum Zeitpunkt des Gesprächs das erste Bundesland, das eine solche Beauftragung für Krankenhäuser beschlossen hat – mit jährlicher Berichtspflicht im Vorstand und Aufsichtsrat. Auch die erste Krankenkasse, die Techniker Krankenkasse, hatte damals eine entsprechende Rolle geschaffen.
Was Pflegewissenschaft damit zu tun hat
Im Gespräch wird der Bogen weit gespannt – bis hin zur Forschung der US-amerikanischen Pflegewissenschaftlerin Linda Aiken, die zeigte, dass ein höherer Anteil an akademisch qualifizierten Pflegefachpersonen die Sterblichkeit senken kann. Solche groß angelegten Studien kann ein ehrenamtlich getragener Verein nicht selbst stemmen – das ist Sache der Universitäten. Was das Bündnis aber tun kann: einen Arbeitskreis mit allen Pflegeorganisationen gründen, die Themen im Verantwortungsbereich der Pflege herauskristallisieren und in Positionspapieren benennen, was beforscht werden muss.
François-Kettner, die selbst noch Pflegewissenschaftlerinnen im Ausland suchen musste, weil es in Deutschland keine gab, blickt auf eine beeindruckende Entwicklung: über 140 Studiengänge zum Zeitpunkt der Aufnahme. Gleichzeitig mahnt sie an, dass diese Vielfalt einheitlichere Standards und verbindliche Curricula-Inhalte braucht – Patient:innensicherheit gehört für sie zwingend dazu. Auch Themen wie Dekubitus, die der Pflegewissenschaftler Theo Dassen an der Charité über Jahre erhoben hat, müssten kontinuierlich aufbereitet werden.
Worin sich Empfehlungen von Expertenstandards unterscheiden
Ein häufiges Missverständnis klärt das Gespräch ganz nebenbei: Wo liegt der Unterschied zwischen einer APS-Handlungsempfehlung und einem Expertenstandard, etwa zur Sturzprophylaxe? Der Expertenstandard bleibt monodisziplinär, also auf die Pflege fokussiert. Das Bündnis schaut darüber hinaus – welche anderen Berufsgruppen sind beteiligt, was muss die Institution bereitstellen? Bei der Medikationssicherheit etwa sind Pflege, Ärzteschaft und Apotheke gleichermaßen gefragt, inklusive der ärztlichen Indikationsstellung. Wer das Thema vertiefen will, findet Folgen zu Expertenstandards in der Pflege und zur Arzneimitteltherapiesicherheit.
Ein überraschender Hebel ist der Einkauf: Das Bündnis fordert, dass Patient:innensicherheit bei Beschaffungsentscheidungen einen hohen Stellenwert bekommt – und dass die Praxis mit am Verhandlungstisch sitzt. Denn der billigste gepuderte Handschuh kann am Ende teuer werden. Ein Best-Practice-Beispiel lieferte ein Universitätsklinikum in Hamburg, das die Empfehlung zur Arzneimitteltherapiesicherheit zu über 90 Prozent umsetzen konnte – unterstützt durch eine Unit-Dose-Verabreichung.
Politik, WHO und ein Welttag
Auf politischer Ebene gilt: Mit jedem neuen Minister beginnt vieles von vorn – François-Kettner hat sieben Gesundheitsminister:innen in ihrer Zeit erlebt. Tragfähig ist dagegen die Zusammenarbeit auf der Fachebene des Bundesgesundheitsministeriums. Daraus erwuchs auch ein internationaler Erfolg: Die Initiative für den Welttag der Patient:innensicherheit, den die WHO ausgerufen hat, ging vom Bündnis aus. Und bei Gesetzentwürfen rund um Patient:innensicherheit wird das Bündnis inzwischen regelmäßig zur Stellungnahme eingeladen – etwa beim E-Health-Gesetz, bei dem es darauf drängte, dass nicht nur Ärzt:innen, sondern auch Pflege und Physiotherapie Zugang zur Patientenakte erhalten.
Bemerkenswert zum Abschluss: Im Aktionsbündnis ist nach Auskunft von François-Kettner noch nie eine Handlungsempfehlung auf Sand gesetzt worden – jede wurde fertiggestellt. Eine kleine, aber starke Bilanz für ein Thema, das uns alle betrifft, sobald wir selbst zu Patient:innen werden. Die Folge wurde übrigens rund um den Auftakt ins Jahr 2020 aufgenommen, das die WHO zum Internationalen Jahr der Pflegefachpersonen und Hebammen erklärt hatte – passend zur damaligen Kampagne Nursing Now. Wer mag, trifft das Thema Patient:innensicherheit auch immer wieder beim Deutschen Pflegetag oder schreibt uns seine Gedanken dazu auf unserer Facebook-Seite.
Zum Weiterhören
- ÜG019 – Expertenstandards in der Pflege (Prof. Dr. Dr. A. Büscher)
- ÜG136 – Arzneimitteltherapiesicherheit (Prof.in Dr.in Cornelia Mahler, Prof.in Dr.in Hanna Seidling, Prof. Dr. Ulrich Jaehde)
- ÜG133 – Außerklinische Intensivversorgung mit Christoph Jaschke
Shownotes zur Folge
- Homepage Aktionsbündnis Patientensicherheit (aps-ev.de)
- Informationsmaterialien des Aktionsbündnis Patientensicherheit (aps-ev.de)
- APS-Weißbuch Patientensicherheit (aps-ev.de)
- Handlungsempfehlungen des APS (aps-ev.de)
- World Patient Safety Day 2019 (who.int)
- Nursing Now Kampagne (icn.ch)
Hinweise auf Veranstaltungen
- Florence 2020 - International Conference on the History of Nursing
- Wann; 13.-15.02.2020
- Wo: Florenz
- Deutscher Pflegetag
- Wann: 12-14. März 2020
- Wo: STATION Berlin
- Geschichtswelten 2020 - „Kämpfe in der Pflege“
- Wann: 12./13. März 2020
- Wo: Bildungswerk Irsee
- Meilenstein-Konferenz Communtiy Health Nursing in Deutschland
- Wann: 18. Juni 2020 von 9:00 - 17:00 Uhr
- Wo: Robert Bosch Stiftung GmbH - Repräsentanz Berlin, Französische Straße 32, 10117 Berlin
