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Diese Episode erschien am 25.01.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Der Sockel-Spitze-Tausch deckelt den Eigenanteil und stoppt die Kostenexplosion in der Pflege.
  • Statt ambulant und stationär soll künftig zwischen Wohnen und Pflege unterschieden werden.
  • Ein Drei-Instanzen-Modell mit Case Management koordiniert Pflege unabhängig vom Wohnort.
  • Die Nightingale Challenge stärkt junge Pflegefachpersonen als Führungstalente.
  • Wertschätzung beginnt vor Ort – unabhängig von politischen Großreformen.

Eine Versicherung, die in die Jahre gekommen ist

Wer pflegebedürftig wird, weiß vorher nur eines mit Sicherheit: Es wird teuer. Wie teuer genau, bleibt offen. Niemand kann sagen, wie lange jemand Unterstützung braucht, wie hoch der Pflegegrad einmal sein wird oder welcher Eigenanteil am Ende zusammenkommt. Genau dieses doppelte finanzielle Risiko treibt eine breite Allianz aus Trägern, Verbänden und Einzelpersonen um, die sich in der Initiative Pro Pflegereform zusammengeschlossen hat. Ihr Sprecher Bernhard Schneider, der hauptberuflich einen großen Altenhilfeträger in Baden-Württemberg leitet, kommt in dieser Folge der Übergabe zu Wort.

Die Pflegeversicherung wurde 1995 als fünfte Säule der Sozialversicherung eingeführt – eine echte Sozialreform, untrennbar verbunden mit dem Namen Norbert Blüm. Ihr Ziel war es, pflegebedürftige Menschen aus der Abhängigkeit von der Sozialhilfe zu holen. Doch sie wurde von Anfang an als Teilversicherung konstruiert: Sie übernimmt nur einen festen Anteil der pflegebedingten Kosten. Dieser Betrag wurde über Jahre kaum angepasst, während Löhne und Personalschlüssel kontinuierlich gestiegen sind. Das Ergebnis: Alles, was über den fixen Zuschuss hinausgeht, zahlen die Pflegebedürftigen aus eigener Tasche.

„Wir wollen, dass 25 Jahre nach Erfindung der Pflegeversicherung die Pflegeversicherung neu erfunden wird – denn die hat es dringend nötig." — Bernhard Schneider

Wenn die Tariferhöhung zum schlechten Gewissen wird

Besonders absurd wird die Logik im Alltag. In Baden-Württemberg liegen die Eigenanteile vielerorts schon jenseits der 3.000 Euro – allein für die Pflege etwa 1.500 Euro, dazu noch einmal so viel für Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten. Und sie steigen weiter. Denn mit der Konzertierten Aktion Pflege, dem Pflegelöhneverbesserungsgesetz und einem neuen Personalbemessungssystem werden bundesweit die Personalschlüssel und Gehälter besser. Das ist gut – nur trägt die Mehrkosten bislang die pflegebedürftige Person selbst.

Schneider beschreibt das Dilemma anschaulich: Pflegefachpersonen freuen sich über mehr Personal und höhere Tarife – und bekommen zugleich ein schlechtes Gewissen, weil die Erhöhung am nächsten Morgen von genau der Person bezahlt werden muss, die sie pflegen. Dieser Konflikt soll aufgelöst werden. Wie groß der politische Rückhalt für eine grundlegende Reform inzwischen ist, zeigt auch die Berichterstattung darüber, dass Verbände die Blüm'sche Jahrhundertreform retten wollen.

„Jede Verbesserung, die in Berlin beschlossen wird, bezahlen am Ende unsere Kunden selbst – das wollen wir mit dem Sockel-Spitze-Tausch ändern." — Bernhard Schneider

Der Sockel-Spitze-Tausch: das Risiko endlich kalkulierbar machen

Das Herzstück des Reformkonzepts trägt einen sperrigen Namen: Sockel-Spitze-Tausch. Dahinter steckt ein verblüffend einfacher Gedanke. Bisher zahlt die Pflegekasse einen festen Sockel, und die nach oben offene Spitze tragen die Pflegebedürftigen. Künftig soll es genau umgekehrt sein – wie im Krankenhaus, wo nur ein fester Tagessatz fällig wird und den Rest die Krankenkasse übernimmt. Die pflegebedürftige Person zahlt also einen festen Eigenanteil, jede Erhöhung übernimmt die Pflegekasse.

Das wissenschaftliche Fundament liefert ein Team um Heinz Rothgang und Thomas Kalwitzki von der Universität Bremen. In ihrem zweiten Gutachten zur Alternativen Ausgestaltung der Pflegeversicherung, das im November 2019 vorgestellt wurde, haben die Forschenden einen konkreten Wert errechnet: 467 Euro fester Eigenanteil für die Pflege, gedeckelt auf eine Karenzzeit von vier Jahren. Dazu kommen weiterhin Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten – die Gesamtbelastung läge bei rund 2.000 Euro, würde aber durch die Pflege selbst nicht mehr weiter steigen. Eine ausführliche Aufbereitung liefert die Präsentation des Gutachtens.

Der besondere Charme: Die Höhe des Sockels ist politisch gestaltbar. Wer eine Pflegevollversicherung will, setzt ihn auf null. Wer den Eigenanteil deckeln möchte, lässt ihn bestehen. Und zum ersten Mal lässt sich das individuelle Pflegerisiko überhaupt beziffern – vier Jahre mal einen festen Monatsbetrag. Genau das macht den Vorschlag auch für private Versicherer interessant, die darauf endlich passgenaue Policen anbieten könnten.

Abschied von ambulant und stationär

Ein zweiter großer Baustein rüttelt an einer Grenze, die viele für selbstverständlich halten: der Trennung von ambulant und stationär. Sie stammt aus einer Zeit, in der Pflege als verlängerter Arm des Krankenhauses gedacht wurde – mit Fieberthermometer um sechs Uhr morgens und der Vorstellung, ein Pflegeheim funktioniere wie eine Klinik. Doch warum sollte ein Pflegeheim eigentlich „stationär" sein? Und warum verliert man beim Umzug ins Heim den Anspruch auf die von der Krankenkasse finanzierte Behandlungspflege?

Die Initiative schlägt vor, diese künstlichen Sektoren abzuschaffen und stattdessen zwischen der Lebenswelt des Wohnens und der Pflege zu unterscheiden. Egal ob zu Hause, in einer Wohngemeinschaft, in einer Pflegewohnung oder im betreuten Wohnen: Pflege würde überall nach demselben Leistungsrecht organisiert. Damit reagiert das Konzept auf eine Realität, in der ambulant betreute WGs, Tagespflege und neue Wohnformen längst zwischen den alten Schubladen liegen. Diese Debatte um die Strukturen der Langzeitpflege wurde auch mit der Grünen-Politikerin Kordula Schulz-Asche geführt – ein spannender Querverweis für alle, die tiefer einsteigen wollen.

Cure, Care und sieben Bausteine

Insgesamt ruht die Reform auf sieben Bausteinen. Die Behandlungspflege samt Rehabilitation zahlt überall die Krankenkasse (SGB V), Grundpflege und Betreuung die Pflegekasse (SGB XI). Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten bleiben Privatsache, hinzu kommen der Sockel-Spitze-Tausch und die Welt ohne Sektoren. Auf die Frage, warum man Cure und Care trotz fachlicher Kritik weiter trennt, antwortet Schneider klar: Es gehe nicht um eine inhaltliche Bewertung, sondern allein um die Finanzierungszuständigkeit – und darum, das heutige Wirrwarr aus Verhinderungspflege, Behandlungspflege, Pflege- und Betreuungszuschlägen zu entflechten.

Finanziert werden soll das Ganze über drei Hebel: den festen Eigenanteil, einen Steuerzuschuss von zehn Prozent der Leistungsausgaben sowie eine Bürgerversicherung, in die auch Selbstständige und Beamte einzahlen. Damit ließe sich der Beitragssatz bis 2045 bei rund 4,4 Prozent halten – für Schneider ein Schnäppchenpreis angesichts steigender Lebenserwartung. Dass nicht alle begeistert sind, verschweigt er nicht: In Bundesländern mit heute niedrigen Eigenanteilen würden die Kosten zunächst steigen, weshalb es auch den Vorwurf gibt, der Vorschlag benachteilige den Osten.

Drei Instanzen und ein neues Pflegegeld

Wie aber soll Pflege in einer Welt ohne Sektoren überhaupt gesteuert werden? Das Gutachten schlägt ein Drei-Instanzen-Modell vor. Erste Instanz bleibt der MDK, der mit dem Begutachtungsinstrument nicht mehr nur fünf Pflegegrade vergibt, sondern ein individuelles Leistungsbudget feststellt. Zweite Instanz ist ein verbindliches Case Management, angesiedelt bei deutlich ausgebauten Pflegestützpunkten auf kommunaler Ebene. Diese Fachpersonen übersetzen das Budget in konkrete Leistungsmodule und orchestrieren informelle Helfer:innen, technische Unterstützung und professionelle Dienste im Quartier. Dritte Instanz sind die Leistungsanbieter selbst, die auch die Qualitätssicherung für die informelle Pflege übernehmen.

Spannend ist der Baustein „Pflegegeld 2.0", den Schneider unter dem Schlagwort Cash for Care beschreibt. Statt eines Geldbetrags, mit dem die pflegebedürftige Person frei schalten kann, würde künftig der oder die Pflegende für eine konkret erbrachte Leistung honoriert – etwa mit 40 Prozent des Modulpreises. So kämen pflegende Angehörige aus der Anonymität heraus, könnten geschult und unterstützt werden. Gleichzeitig will die Reform verhindern, dass Pflegearrangements zu Hause am Bedarf vorbeilaufen: Bei schweren Verläufen, die eine professionelle Wohnform erfordern, würde nur ein anteiliger Betrag ausgezahlt. Wer mehr will, kann Wahlleistungen privat zukaufen – ähnlich wie im Krankenhaus.

Von der großen Reform zur kleinen Geste: Nursing Now

Im zweiten Teil der Episode wechselt der Blick von der Systemebene in den Alltag eines Krankenhauses. Carina von Arend, Pflegefachfrau auf einer kardiologisch-onkologischen Station, und Arne Evers, Pflegedienstleiter am St. Josefs-Hospital Wiesbaden, berichten über ihre Beteiligung an der globalen Kampagne Nursing Now. Ins Leben gerufen vom International Council of Nurses und der WHO, will sie die Situation der Pflege weltweit verbessern – und das Profil der größten Berufsgruppe im Gesundheitswesen schärfen.

Ein Baustein ist die Nightingale Challenge: ein Führungskräfteentwicklungsprogramm für junge Pflegefachpersonen unter 35 Jahren – ganz im Geist von Florence Nightingale. Im Klinikverbund rund um Wiesbaden, das Otto-Fricke-Krankenhaus und ein weiteres Haus durchlaufen 15 Teilnehmende ein vielfältiges Programm: Empowerment-Workshops, Hospitationen bei Leitungen, Einblicke in pflegerische Berufspolitik beim DBfK, in die Pflegeforschung und in die kommunale Altenarbeit. Das übergeordnete Ziel der Challenge: weltweit 20.000 angehende Führungskräfte zu stärken.

„Ich kann während meiner Arbeitszeit meine Kompetenzen erweitern, mich global vernetzen und einfach mal über den Tellerrand hinausschauen." — Carina von Arend

Warum der Blick über den Tellerrand zählt

Für Carina ist genau dieser Perspektivwechsel der Gewinn. Im Klinikalltag sieht sie die Patient:innen oft nur für einen Ausschnitt ihres Weges – die Übergangsversorgung, das Entlassmanagement und die Frage, was danach passiert, bleiben blinde Flecken. Wer das System dahinter kennt, kann sicherer entlassen und besser beraten. Das Programm soll außerdem zeigen, dass Pflegewissenschaft, Pflegemanagement oder Advanced Practice Nursing reale Karrierewege sind – und ganz nebenbei Talente fördern, die später Verantwortung übernehmen.

Darüber hinaus feiert der Verbund das gesamte Jahr unter dem Motto „Wir leben Verantwortung" mit vielen kleinen Aktionen: einer rotierenden Florence-Nightingale-Laterne, einem Kinoabend mit kritisch betrachteten Imagefilmen, einem Backwettbewerb und einem Fortbildungsprogramm, das auch die Rolle von Pflege im Nationalsozialismus beleuchtet. Manche mögen darin Symbolpolitik sehen – Evers widerspricht entschieden. Die großen Baustellen wie das Ost-West-Lohngefälle oder die Entbürokratisierung könne ein einzelnes Haus nicht lösen, sehr wohl aber dafür sorgen, dass sich die eigenen Mitarbeitenden wertgeschätzt und respektiert fühlen.

„Wertschätzung passiert vor Ort – nicht, indem wir auf das nächste Gesetz warten." — Arne Evers

Was bleibt

Beide Gespräche kreisen letztlich um dieselbe Frage: Wie wird Pflege zukunftsfest? Auf der Systemebene durch eine grundlegende Reform, die das finanzielle Pflegerisiko endlich kalkulierbar macht und die starre Trennung von ambulant und stationär überwindet. Und auf der persönlichen Ebene durch ein Selbstverständnis, das Pflegefachpersonen empowert, sich sichtbar zu machen, Themen zu besetzen und selbstbewusst auf Augenhöhe aufzutreten – etwa beim Thema Community Health Nursing, das in der bisherigen Versorgung oft unbesetzt bleibt. Ob der Sockel-Spitze-Tausch kommt? Schneider zeigt sich als überzeugter Berufsoptimist: Die Ideen seien in der Welt und politisch anschlussfähig – die Reform komme, vielleicht in kleineren Schritten.

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