- Fachmedien liefern Nutzwert, Publikumsmedien erreichen die breite Masse.
- Echte Objektivität gibt es nicht – Subjektivität beginnt bei der Auswahl.
- Journalismus ist kein Aktivismus, auch wenn die Grenzen verschwimmen.
- Personal Branding und unabhängige Information müssen klar getrennt werden.
- Die Pandemie rückte Pflege ins Rampenlicht – die Frage ist, was danach bleibt.
Pflege ist in den letzten Jahren in den Medien sichtbarer geworden als je zuvor – auf Titelseiten, in Reportagen, in Podcasts und vor allem auf Instagram. Aber wie genau entsteht dieses Bild eigentlich? Wer entscheidet, welche Geschichte erzählt wird, welches Gesicht aufs Cover kommt und ob am Ende ein nüchterner Fachbeitrag oder ein emotionaler Appell daraus wird? Genau darum ging es in dieser Episode mit Bianca Flachenecker, Chefredakteurin des Fachmagazins Health & Care Management, und David Gutensohn, der als Redakteur bei Zeit Online über Arbeit und Sozialpolitik schreibt. Zwei sehr unterschiedliche Perspektiven – und gerade deshalb so spannend.
Zwei Welten, ein Thema
Auf den ersten Blick könnten die beiden Häuser kaum verschiedener sein. Health & Care Management richtet sich an Entscheider:innen in Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Hier geht es um Managementthemen, Organisationsfragen, Gesundheitspolitik, Digitalisierung, Forschung und Rechtsprechung – also um all das, was Verantwortliche für ihren Einrichtungsalltag brauchen. Der Anspruch eines Fachmediums ist ein anderer als der eines breiten Publikumsmediums: Es soll konkreten Nutzwert liefern, praxisorientiert sein und im besten Fall einen Leitfaden für reale Probleme bieten – etwa, wenn eine Einrichtung gerade vor dem Fachkräftemangel steht und nach guten Beispielen sucht.
Bei Zeit Online wiederum richtet sich die Berichterstattung an ein deutlich größeres, breiteres Publikum. Hier wird die Pflege in den großen gesellschaftlichen und politischen Kontext eingebettet – neben Themen wie dem Arbeitsmarkt oder der Sozialpolitik. David betonte, dass er seine Themen frei wählen kann, gemeinsam mit der Redaktion, ohne dass ein Text Klicks oder Abos bringen müsse. Reichweite ist wichtig, aber nie der eigentliche Antrieb. Man dürfe Texte nicht schreiben, nur um Reichweite zu erzielen – aber das große Ganze auch nicht aus den Augen verlieren.
Wie ein Thema überhaupt in die Redaktion kommt
Interessant ist, wie ähnlich der Weg zu einer Geschichte in beiden Häusern verläuft. Es gibt Redaktionskonferenzen, in denen Themen gepitcht und diskutiert werden – während der Pandemie eben aus dem Homeoffice. Manchmal schlagen Kolleg:innen spontan ein Thema vor, manchmal kommt der Impuls von außen: durch eine Leserin, durch einen Post in den sozialen Medien, durch ein Gespräch im Privaten. David erzählte, dass viele seiner Geschichten entstanden sind, wenn er bei seiner Familie war und gehört hat, was die Menschen dort gerade beschäftigt. Themen, sagte er, seien eigentlich immer da – er müsse morgens nie überlegen, worüber er schreiben könnte.
Und dann entscheidet die Form: Wird es eine Reportage, für die man Menschen tagelang begleitet? Ein schnelles Interview am selben Tag? Ein Kommentar, eine Analyse, ein Nachbericht von einem Kongress? Jedes Format – ob Print, Podcast, Social Media oder Fernsehbeitrag – hat eigene Stärken und Grenzen. Im Fernsehen geht es viel um Bilder, ein Podcast erlaubt es, deutlich tiefer einzutauchen, ein Social-Media-Post zwingt zur Verkürzung. Diese Vielfalt macht den Alltag spannend, fordert aber auch ständig neue Entscheidungen.
Objektiv? Ja. Aber nie ganz.
Ein zentraler Punkt des Gesprächs war die Frage nach Objektivität – und die ist komplizierter, als sie klingt. Beide waren sich einig: So nah und neutral wie möglich am Thema zu bleiben, ist das Ziel. Gleichzeitig fließt immer auch die eigene Person mit ein. Schon die Auswahl der Expert:innen, der Protagonist:innen, der Stimmen, die zu Wort kommen, ist eine subjektive Entscheidung. David, der selbst in einem Haushalt von Pflegefachpersonen aufgewachsen ist, weiß, dass seine Sozialisation auf seine Arbeit einwirkt.
„Diese wahre Objektivität im Journalismus gibt es meiner Meinung nach nicht, weil immer auch die Subjektivität eine Rolle spielt – schon die Auswahl, wen ich frage und wen ich zu Wort kommen lasse." — David Gutensohn
Der wichtigste Hebel, um trotzdem fair zu bleiben, heißt Transparenz und Ausgewogenheit. Wer über streikende Pflegefachpersonen schreibt, muss auch mit dem Arbeitgeber sprechen. Wer eine Reportage über pflegende Angehörige macht, hört genauso die zuständigen Stellen an. David schilderte das am Beispiel einer Recherche über eine Pflegekraft, die trotz jahrelanger Arbeit auf der Intensivstation abgeschoben werden sollte – auch hier galt es, sich mit Personalrat, Behörden und allen Beteiligten auseinanderzusetzen, statt sich auf eine Seite zu schlagen.
Zwischen Berichten und Bewegen
Besonders kontrovers wurde es bei der Frage, wo Journalismus aufhört und Aktivismus beginnt. Auslöser war ein konkretes Beispiel: die Pflegepetition des Magazins Stern, die Menschen aufs Cover setzte und sich an den Bundestag richtete. Eine Aktion, die hoch umstritten ist und die auch der Deutschlandfunk als Gratwanderung zwischen Journalismus und Aktivismus beschrieben hat.
David vertrat hier eine klare Haltung: Es sei nicht die Aufgabe von Journalist:innen, Petitionen zu starten oder politisch Einfluss zu nehmen. Das müssten politische Akteure, Gewerkschaften und auch eine Pflegekammer mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit leisten. Die Aufgabe von Medien sei es, ein Thema zu behandeln, alle Seiten darzustellen und am Ende die Leser:innen sowie die politischen Entscheider:innen selbst entscheiden zu lassen.
„Es ist nicht meine Aufgabe, mich auf eine Seite zu schlagen. Journalismus ist kein Aktivismus – ich stelle dar, wer dafür und wer dagegen ist, und lasse die Leser:innen entscheiden." — David Gutensohn
In der Runde wurde aber auch die Gegenposition stark gemacht: Wenn so häufig die desolaten Zustände geschildert werden – warum dann nicht konsequent denjenigen die Fragen stellen, die in Entscheidungsgewalt sind? Warum wird etwa beim Thema Personalmangel selten kritisch nachgehakt, weshalb Einrichtungen nicht mehr Menschen einstellen oder weshalb es keinen flächendeckenden Tarifvertrag gibt? Die Kritik richtete sich weniger gegen eine bestimmte Person als gegen die Oberflächlichkeit vieler Berichte: Es werde sich empört, aber nicht zu Ende gedacht. Genau hier zeigt sich die Spannung zwischen einem Bericht, der ein Problem sichtbar macht, und einem, der Verantwortlichkeiten aufdeckt.
Personal Branding und die Frage nach den echten Stimmen
Ein großer Teil der heutigen Pflege-Sichtbarkeit findet auf Instagram statt – und das schon vor Corona. Dort berichten Pflegefachpersonen aus ihrem Alltag, machen ihren Beruf nahbar und verschaffen sich eine eigene Stimme. Das ist grundsätzlich positiv und kann auch eine Bereicherung sein, solange transparent bleibt, welche Interessen dahinterstehen. Denn ein Instagram-Account, eine Facebook-Gruppe oder eine Initiative ist eben keine unabhängige Quelle, sondern verfolgt ein Ziel – und das müssen Konsument:innen mitdenken.
Bianca, selbst aktiv auf Instagram, sieht hier eine wachsende Verantwortung der Medien. Es brauche die Fähigkeit, zu unterscheiden, was wirklich neutrale Berichterstattung ist und was Selbstdarstellung. Bekannte Namen wie Franziska Böhler, Alexander Jorde oder Nina Böhmer tauchen immer wieder auch in den großen Medien auf – und genau das löste eine spannende Diskussion aus: Warum landet eine bekannte Influencerin auf dem Cover, während Menschen, die maßgeblich zur Professionalisierung der Pflege beigetragen haben – etwa Christel Bienstein, Klaus Wingenfeld oder Andreas Büscher – seltener im Rampenlicht stehen? Bekanntheit und Wiedererkennungswert erzeugen Reichweite, das ist nachvollziehbar – aber es verzerrt auch, wer als Stimme der Pflege wahrgenommen wird.
„Wir müssen klar trennen: Wo bekomme ich objektive Informationen über die Pflege – und wo geht es um Personal Branding? Genau da tragen Medien eine große Verantwortung." — Bianca Flachenecker
Meinung darf sein – aber transparent
Heißt das, Journalismus müsse meinungsfrei sein? Im Gegenteil. Beide betonten, dass Meinung und Journalismus sich nicht ausschließen – im Kommentar etwa gehört sie sogar dazu. David formulierte es so: Wenn er persönlich die Pflegekammer für richtig hält, kann er einen Kommentar darüber schreiben. Entscheidend ist, dass diese Meinung klar als solche gekennzeichnet wird und nicht als allgemeingültige Wahrheit erscheint. Sie muss hinterfragbar bleiben und in ein objektives Setting eingebettet sein. Dass manche Redaktionen ihre Tagesthemen-Kommentare inzwischen deutlicher als persönliche Meinung kennzeichnen, sah die Runde als guten Weg – weil offenbar nicht alle Leser:innen automatisch zwischen Bericht und Kommentar unterscheiden.
Wichtig war beiden auch das Gegenteil: sich nicht vereinnahmen zu lassen. Da jede Berufsgruppe und jeder Interessenverband ein Interesse daran hat, in den Medien stattzufinden, gilt es umso mehr, alle Seiten zu hören. Beim Thema Tarifvertrag etwa gehört es dazu, sowohl mit Gewerkschaften als auch mit Arbeitgebern zu sprechen – und beim umstrittenen Veto der Caritas gegen einen flächendeckenden Tarifvertrag in der Altenpflege sowohl Befürworter:innen als auch Kritiker:innen.
Mehr als Empörung: die emotionale Seite
Auffällig ist, dass über die Pflege oft emotionaler berichtet wird als über andere Themen. Eine interviewte Pflegefachperson hatte einmal erzählt, dass Journalist:innen sie immer wieder nach den emotional belastenden Erlebnissen fragen – und dass dieses Bild der „traurigen, aufopferungsvollen" Pflege der Profession eher schadet, als ihr zu helfen. Das Narrativ von der „Berufung" steht im Widerspruch zum Anspruch, Pflege als professionellen Beruf darzustellen.
Gleichzeitig wollten beide das Emotionale nicht kleinreden. Eine gute Reportage lebt von Nähe, von Menschen, die man begleiten und beobachten kann. Studien zeigen, dass Bilder und Geschichten hängen bleiben und Menschen überhaupt erst dazu bringen, einen Text zu lesen. Die Kunst liegt in der Mischung: emotionale Berichterstattung und Realität aufzeigen – aber genauso politische Aufrufe, Analysen, Kommentare und Interviews einbauen, die das Ganze auch vom Hintergrund her beleuchten.
Der Pandemie-Effekt und was danach kommt
Ohne die Corona-Pandemie hätte dieses Gespräch wohl ganz anders ausgesehen. Das Interesse an Gesundheits- und Pflegethemen war zum Zeitpunkt der Aufnahme im April 2021 riesig – auf der Frage „Kann man journalistisch fast froh über so eine Krise sein?" lag eine gewisse Makabrität, aber für jemanden, der sich mit Gesundheitspolitik beschäftigt, war die Zeit fachlich extrem ergiebig. Das Informationsbedürfnis war enorm, die Resonanz auf Social Media, per E-Mail und in den Kommentaren wuchs spürbar. Immer wieder erreichten die beiden Nachrichten mit der Bitte: Bleibt dran, berichtet auch nach der Pandemie über unsere Situation – nicht nur jetzt in der großen Krise.
Beide waren überzeugt, dass die Pandemie nachhaltig etwas verändert. Mit Blick auf die anstehenden Landtags- und Bundestagswahlen sowie auf den demografischen Wandel gingen sie davon aus, dass kein Koalitionsvertrag mehr verhandelt wird, ohne dass über die Pflege gesprochen wird. Das Thema, da waren sie sich einig, bleibt – auch jenseits des „großen Events" der Pandemie. Und genau das wünschten sich die Hörer:innen am dringendsten: eine kontinuierliche, fundierte und kritische Berichterstattung, die nicht nur in der Krise auf die Pflege schaut. Wer tiefer in die täglichen Einordnungen großer Nachrichtenlagen eintauchen möchte, findet das übrigens auch im täglichen Nachrichtenpodcast „Was jetzt?" von Zeit Online.
Zum Weiterhören
- ÜG068 – Pflege in den Medien - Social Media (Franziska Böhler & Ugur Cetinkaya)
- ÜG163 – Ungleichheit im deutschen Gesundheitssystem (Bianca Flachenecker)
- ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege (Christine Vogler)
Weiterführende Links & Shownotes
Zu den Gäst*innen
- Bianca Flachenecker (hcm-magazin.de)
- Autorenprofil David Gutensohn (zeit.de)
- Health & Care Management Magazin (hcm-magazin.de)
- Podcastserie Zeit Online "Was jetzt?" (zeit.de)
Shownotes
- Statement Caritas gegen Tarifverträge (caritas.de)
- "Es hilft uns nicht weiter, wenn wir dem Tarifvertrag nachtrauern" - Caritaspräsident Peter Neher im Interview (zeit.de)
- Das Veto der Caritas und seine Folgen (deutschlandfunk.de)
- Pflegepetition vom STERN (stern.de)
- Petition des Magazins „Stern": Gratwanderung zwischen Journalismus und Aktivismus (deutschlandfunk.de)
- Pflegekraft soll abgeschoben werden (zeit.de)
- Pflege in den Medien: "Professionalität verkauft sich nicht gut" - Interview mit Shirin Kreße (hcm-magazin.de)
