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Diese Episode erschien am 11.06.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • empCARE ist ein empathiebasiertes Entlastungskonzept für Pflege- und Gesundheitsberufe.
  • Emotionale Dissonanz zählt zu den Hauptursachen für Belastung in personenbezogenen Berufen.
  • Hinter herausforderndem Verhalten steckt immer ein Bedürfnis – auch bei dir selbst.
  • Das Training reduziert Burnout, Depressivität und Somatisierung.
  • Kernbotschaft: Nimm dich genauso wichtig wie deine Patient:innen.

„Du musst das hier abkönnen, du musst wegstecken können – sonst bist du im Pflegeberuf falsch.“ Diesen Satz hast du vielleicht schon einmal gehört. Er klingt nach Härte, nach Professionalität, nach gesundem Selbstschutz. Doch genau dieser Satz steht für ein Problem, das viele Pflegefachpersonen tagtäglich erleben – und das langfristig krank machen kann. Über dieses Phänomen und einen erstaunlich anderen Umgang damit haben wir mit Ludwig Thiry gesprochen. Er ist gelernter Krankenpfleger, hat Erwachsenenbildung studiert und arbeitet seit 2007 im Bildungszentrum der Uniklinik Köln in der Fort- und Weiterbildung. Zwischen 2015 und 2019 hat er an einem geförderten Projekt mitgewirkt, aus dem ein bemerkenswertes Konzept hervorgegangen ist: empCARE.

Wenn Empathie zur Bürde wird

Der Name verrät schon viel: „emp“ steht für Empathie, „CARE“ für Sorge beziehungsweise Pflege. empCARE ist ein empathiebasiertes Entlastungskonzept – entwickelt vor allem für Pflegende, geeignet aber für alle Gesundheits- und Sozialberufe. Doch bevor wir verstehen, wie Entlastung funktioniert, lohnt ein Blick darauf, was Empathie überhaupt ist. Im Konzept wird sie verstanden als das Verstehen und Mitfühlen der Gefühle einer anderen Person. Das hat zwei Seiten: eine kognitive Komponente, mit der du erkennst und benennst, welches Gefühl dein Gegenüber hat, und eine affektive Komponente, bei der dieses Gefühl in dir mitschwingt.

Entscheidend ist dabei ein Punkt, der oft übersehen wird: die sogenannte Selbst-andere-Differenzierung. Du bist dir bewusst, dass das Gefühl, das du spürst, nicht dein eigenes ist, sondern zur anderen Person gehört. Fehlt diese Trennung, landest du bei reiner Gefühlsansteckung – und die ist eben nicht dasselbe wie Empathie.

Ein kleines Gedankenexperiment

Stell dir vor, du bist im Spätdienst auf einer internistischen Station. Eine Kollegin fehlt, Ersatz gibt es wie so oft nicht, du musst richtig ran. Zu deiner Pflegegruppe gehört ein 27-jähriger Patient, der wegen einer schweren chronischen Darmerkrankung eine Darmresektion bekommen hat, danach eine Sepsis durchmachte und nun in schwachem Zustand auf die Anschlussheilbehandlung wartet. Er hat einen Stomabeutel. Und jetzt klingelt er zum vierten Mal innerhalb einer Stunde: Tee ins Bett verschüttet, der Stomabeutel ist abgeplatzt, Stuhl ist ins Bett geflossen.

Was ist dein allererster Gedanke? Wenn es dir geht wie den meisten, schießt dir nicht „Wie kann ich helfen?“ durch den Kopf, sondern eher: „Och nee. Echt jetzt?“ Vielleicht auch „Warum immer ich?“. Dazu gesellen sich Gefühle wie Frust, Stress, Druck. Und trotzdem sagst du nach außen wahrscheinlich etwas ganz anderes: „Ich kümmere mich sofort drum, kleinen Augenblick.“ Du lebst deinen Frust dem Patienten gegenüber nicht aus – weil das nicht zur Rollenerwartung an Pflegende passt.

Emotionale Dissonanz – der unsichtbare Kraftakt

Genau dieser Spagat hat einen Namen: emotionale Dissonanz. Du empfindest reaktive Gefühle wie Frust oder Druck, gleichzeitig schwingt vielleicht die Verzweiflung des Patienten in dir mit – und nach außen reagierst du beschwichtigend, „pseudoempathisch“, wie es im Konzept heißt. Sätze wie „Ist nicht so schlimm, das wird schon wieder“ sind solche Beruhigungsformeln. Sie helfen, die Situation schnell zu glätten und sich wieder herauszuziehen. Das ist kein Versagen, sondern ein wichtiger Schutzmechanismus – schließlich könntest du dich gar nicht auf jede emotional herausfordernde Situation einlassen.

Das Problem entsteht, wenn dieser Kraftakt zum Dauerzustand wird. Pflegende sind oft so sozialisiert, ihre Gefühle zu beherrschen, dass sie diese irgendwann gar nicht mehr wahrnehmen – sie werden ins Unbewusste verdrängt. Die Arbeitssoziologie sieht in der emotionalen Dissonanz einen der Hauptgründe für Belastungserleben in Dienstleistungsberufen. Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Sommer 2022 hatte die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gerade eine Studie veröffentlicht, nach der in personenbezogenen Berufen – Pflege, Erziehung, Bildung – je nach Anforderungsprofil bis zu 59 Prozent der Beschäftigten hohe emotionale Anforderungen angeben. Die Empfehlung: dieses Phänomen in Arbeitsschutzmaßnahmen einbeziehen. Genau hier setzt empCARE an.

„Empathie verstehen wir als Handwerkszeug, um die Situation eines Patienten oder einer Patientin besser zu verstehen, um dann zu guten Lösungen für pflegerische Probleme zu kommen.“ — Ludwig Thiry

Kein Defizit, das repariert werden muss

Viele kommen mit einer falschen Erwartung ins Seminar: Hier soll wohl mein angebliches Empathie-Defizit behoben werden. Manche werden sogar von Vorgesetzten geschickt – nach dem Motto, sie seien „nicht empathisch genug“. Doch das ist ausdrücklich nicht der Ansatz. empCARE geht davon aus, dass Menschen in der Pflege eine hohe Empathiefähigkeit und -bereitschaft mitbringen. Es geht nicht darum, sie noch empathischer zu machen, sondern darum, das Repertoire im Umgang mit der eigenen Empathie zu erweitern – und vor allem die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wieder in die Interaktion zu integrieren.

Das ist eine entscheidende Verschiebung. Statt sich von der Beziehung wegzubewegen, gehst du stärker hinein. Nimm den jungen Patienten mit dem Stoma: Er soll lernen, den Beutel selbst zu wechseln, ekelt sich aber davor und macht sich Sorgen um seine Zukunft – also verweigert er. Je mehr du auf ihn einredest, desto mehr Widerstand erzeugst du. Verstehst du dagegen, welche Emotionen und Bedürfnisse hinter der Verweigerung stecken, findest du tragfähige Lösungen. Empathie wird so zur Technik, nicht zur Selbstaufopferung.

Hinter jedem Verhalten steckt ein Bedürfnis

Im Training arbeitet empCARE mit dem Empathie-Pseudo-Empathie-Prozessmodell, das im Rahmen des Projekts von Viktoria Schönefeld an der Universität Duisburg-Essen detailliert beschrieben wurde. Jede empathische Episode beginnt mit einer Wahrnehmung. Blitzschnell und unbewusst entsteht ein erstes inneres Bild der Situation, begleitet von Emotionen – parallelen, die vom Gegenüber überspringen, und reaktiven, die in dir selbst entstehen. In Sekundenbruchteilen bewertest du: Ist die Situation angenehm oder unangenehm? Fühle ich mich ihr gewachsen? Daraus folgt die Entscheidung, ob du dich einlässt oder dich – pseudoempathisch – herausziehst.

Der zentrale Gedanke: Hinter emotional herausforderndem Verhalten steckt immer ein Bedürfnis. Egal, ob jemand weint, schimpft oder aggressiv wird – und oft ist dieses Bedürfnis der Person selbst nicht bewusst. Ludwig erzählt von einer onkologischen Patientin, die das ganze Team mit ständiger Nörgelei zur Weißglut trieb: Das Essen zu kalt, das Bett nicht gewechselt, alles falsch. Irgendwann spiegelte er ihr behutsam, sie wirke richtig verbittert. Sie fing sofort an zu weinen – und es kam heraus, dass sie sich vor ihrem Tod noch mit ihrer Schwester aussöhnen wollte und nicht wusste, wie. Ein Gespräch von fünf Minuten, und das ganze Gemecker war ausgeräumt.

Wichtig ist Ludwig dabei: empCARE ist keine Psychotherapie-Ausbildung. Es geht nicht darum, tief in Menschen einzudringen. Im Vordergrund steht etwas anderes – nämlich die eigene Wahrnehmung zu schärfen: Was macht ein bestimmtes Verhalten mit mir? Welches Gefühl wird in mir wach, welches Bedürfnis steckt dahinter? In einer Fallbesprechung stellte sich etwa heraus, dass hinter dem schlechten Gefühl einer überforderten Nachtschicht-Kollegin das Bedürfnis nach Unterstützung im Team stand – und schon war man mitten im Thema Teamkultur.

„Der eigentliche wichtige Anteil von empCARE ist nicht, die Kommunikation mit Patient:innen zu verbessern – das ist eine Nebenwirkung, die wir gern in Kauf nehmen. Es geht vor allem darum, dass die Pflegenden sich besser wahrnehmen und Wege finden, ihren Bedürfnissen nachzugehen.“ — Ludwig Thiry

Vom Forschungsprojekt zum Training

Das Konzept ist kein Bauchgefühl, sondern wissenschaftlich evaluiert. Das Projekt lief von 2015 bis 2019 an den Unikliniken Köln und Bonn sowie bei einem Kölner Intensivpflegedienst, wissenschaftlich begleitet von der Universität Duisburg-Essen. Aus einer vier Tage langen Schulungsversion für Pflegeschulen wurde ein zweitägiges Intensivtraining für berufserfahrene Pflegefachpersonen, ergänzt um mindestens ein Coaching sechs bis acht Wochen später. In einem Folgeprojekt mit der Barmer, das zum Aufnahmezeitpunkt an der Uniklinik Köln lief, kamen Fallbesprechungen direkt auf den Stationen hinzu – mit dem Ziel, dass Teams sie eigenständig weiterführen.

Die Evaluation umfasste rund 460 Pflegende, davon knapp 280 in der Trainingsgruppe, dazu eine Kontrollgruppe. Befragt wurde mehrfach – vor dem Training, unmittelbar danach und bis zu zwölf Monate später. Die Ergebnisse: ein besseres Verständnis empathischer Mechanismen, weniger Burnout-Erleben, geringere Depressivität und weniger Somatisierung, also weniger körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Rückenschmerzen. Spannend ist ein Detail: Herausfordernde Patient:innen werden nicht etwa als weniger herausfordernd erlebt. Verändert hat sich aber das Verhältnis zum Gefühl von Zeitdruck und zu den eigenen Ansprüchen – es normalisierte sich. Und genau das Kernziel wurde erreicht: eine verbesserte Wahrnehmung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Wer tiefer einsteigen möchte, findet die Ergebnisse im Arbeitsbuch zum Konzept, das das gesamte Training mit allen Einheiten beschreibt.

Was eine Station braucht, damit es gelingt

Für eine einzelne Pflegefachperson kann das Training schon viel bewegen. Doch Ludwig rät, nicht am Tag danach euphorisch loszulegen, wenn das Team nicht mitzieht: Schütze dich davor, dich in einer womöglich rauen Teamkultur angreifbar zu machen, achte zunächst auf dich selbst. Damit das Konzept nachhaltig wirkt, braucht es Rückhalt – idealerweise das Okay der Pflegedirektion und eine Teamleitung, die wirklich etwas verändern will. Krankenhäuser sind ohnehin verpflichtet, psychische Belastungen zu erfassen, und in der Pflege fallen diese Werte regelmäßig hoch aus. empCARE kann hier ein konkreter Ansatz sein.

Wo ganze Teams geschult werden, verändert sich die Kultur spürbar. Eine schöne Rückmeldung lautete: „Wir reden noch nicht anders mit den Patient:innen, aber wir reden anders über sie.“ Fängt jemand in der Übergabe an zu lästern, kommt eher die Frage: Was steckt eigentlich dahinter, warum nervt uns dieser Mensch so? Geeignet ist das Training übrigens für nahezu alle Settings – von der somatischen Station über die Intensivstation und die Psychiatrie bis in die Langzeitpflege. Eine Grenze gibt es derzeit aber: Bei Menschen, die sich verbal nicht artikulieren können – etwa nach einem Schlaganfall oder bei demenziellen Erkrankungen – stößt das Konzept an Grenzen. Hier soll es künftig weiterentwickelt werden.

Mehr Trainer:innen, mehr Reichweite

Weil das Projekt öffentlich gefördert war, sind die Inhalte zugänglich – sowohl über das Buch als auch über Schulungsangebote. Zum Aufnahmezeitpunkt war das erste Train-the-Trainer-Seminar für Juni geplant, ursprünglich früher vorgesehen und durch die Pandemie verschoben. Dort werden künftige Trainer:innen ausgebildet, die das Training erst selbst erleben und dann in einem geschützten Rahmen das Moderieren üben. Für Selbstständige ist dabei auch interessant: Weil empCARE wissenschaftlich evaluiert ist, lässt es sich häufig über Präventionsmaßnahmen der Krankenkassen refinanzieren. Wer einen anschaulichen Einstieg in das Thema sucht, findet zudem eine frei zugängliche Präsentation zu Empathie.

Die wichtigste Botschaft zum Schluss

Manche Teilnehmende haben den Kontakt zu sich selbst so weit verloren, dass sie in Übungen kaum noch benennen können, was sie in einer Situation gefühlt haben – und das sind ausdrücklich nicht nur die Älteren. Genau dann wird es gefährlich für die eigene Psyche. Übrigens wirkt der Ansatz auch über den Beruf hinaus: Es gibt Erzählungen, in denen Teilnehmer:innen das Gelernte privat anwenden und damit ihre Beziehungen neu gestalten. Ludwig spricht von einem emanzipatorischen Charakter. Seine Takeaway-Botschaft ist denkbar klar:

„Schaut auf euch. Achtet auf euch und nehmt euch genauso wichtig wie eure Patientinnen und Patienten.“ — Ludwig Thiry

Vielleicht ist das der eigentliche Kern von empCARE: Empathie ist keine Einbahnstraße, an deren Ende du dich selbst verlierst. Sie funktioniert nur dann auf Dauer, wenn du auch deine eigenen Gefühle und Bedürfnisse ernst nimmst. Warum fühle ich mich gerade so, wie ich mich fühle? Diese Frage ist kein Luxus – sie ist Selbstschutz. Und sie ist die Voraussetzung dafür, gute Pflege leisten zu können, ohne daran zu zerbrechen.

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