- Digitalisierung ist keine technische, sondern eine soziale Innovation.
- Pflege muss bei Entwicklung und Bewertung von Technik selbst mitreden.
- Die Kernfrage lautet: Für wen und wozu digitalisieren wir?
- Wahlfreiheit zwischen menschlicher und technischer Zuwendung muss erhalten bleiben.
- Digitale Souveränität gelingt nur mit Bildung und gesellschaftlichem Diskurs.
Pflege ist warm und menschlich, Digitalisierung ist kalt – so lautet ein hartnäckiges Vorurteil. Aber stimmt das überhaupt? Beim Übergabe-Podcast, live aufgezeichnet während der Digitalen Woche in Osnabrück, haben sich zwei Menschen mit ganz unterschiedlichen Blickwinkeln genau dieser Frage gestellt: Stephanie Raudies, gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin, die heute in der Pflegeforschung arbeitet, und Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler, Pflegewissenschaftler am Gesundheitscampus Osnabrück und selbst ehemals Pflegefachperson auf Intensivstationen. Ihr Fazit vorab: So einfach, wie das Vorurteil suggeriert, ist es nicht – und genau das macht das Thema so spannend.
Was meinen wir überhaupt, wenn wir „Digitalisierung" sagen?
Schon der Begriff selbst ist alles andere als eindeutig. Im engeren Sinne bedeutet Digitalisierung, Informationen und Wissen in Daten zu überführen, die sich digital verarbeiten lassen. Im weiteren Sinne aber meint sie etwas viel Grundsätzlicheres: Veränderung. Arbeitsprozesse verschieben sich, Situationen wandeln sich – und am Ende verändert sich sogar das Verständnis der Phänomene, mit denen Pflege täglich zu tun hat. Wie verstehen wir Fürsorge, wie Sorgearbeit, wenn ein Teil davon plötzlich digital gestützt übernommen werden kann? Diese Komplexität lässt erahnen, warum es so viel Raum zum Diskutieren gibt: Was ist eigentlich eine Qualitätsverbesserung, worin liegt der Nutzen – und vor allem: für wen?
Dass Pflege schon immer mit Technik gearbeitet hat, geriet dabei fast in Vergessenheit. Der Blick in die Geschichte zeigt: Vom Fieberthermometer bis zur Infusionspumpe war Technologie immer Teil pflegerischen Handelns. Neu ist die Geschwindigkeit, mit der heute Hardware und Software in immer neuen Formaten in den Alltag drängen.
Vom Zettel zur App: Wo Technik schon längst angekommen ist
Besonders sichtbar wird die Entwicklung in der ambulanten Pflege. Wo Mitarbeitende früher mit einem Zettel losfuhren, auf dem Tour und Aufgaben standen, organisieren heute mobile Tourenbegleiter den Tag. Touren lassen sich KI-gestützt planen, Leistungsnachweise digital erfassen, Medikamente über intelligente Schränke per QR-Code sicher ausgeben. Auch in Krankenhäusern fahren Roboter durch die Gänge, holen Betten und Material, füllen Bestelllager auf – Aufgaben, die Pflegefachpersonen entlasten können, ohne sie aus der direkten Versorgung zu ziehen.
Ein weiteres Feld ist die Fortbildung. Nach einem fordernden Schichtdienst noch stundenlang in einem Seminarraum zu sitzen, ist für viele kaum zu schaffen. E-Learning-Angebote wie der Johanniter-Pflegecoach lassen sich dagegen in den eigenen Alltag integrieren – dann, wenn die Kinder im Bett sind und etwas Ruhe einkehrt. Gleiches gilt für pflegende Angehörige, die sich digital schulen und befähigen lassen können.
„Digitalisierung in der Pflege nimmt zum Glück immer mehr Fahrt auf – aber wir sollten sie nicht als pauschale Lösung oder Messias für alles sehen." — Stephanie Raudies
Die eigentliche Frage: Wem nützt das alles?
Hier wird die Diskussion grundsätzlich. Denn der Nutzen liegt nicht einfach auf der Hand. Geht es darum, die Qualität von Pflege zu sichern? Den Zugang zu pflegerischen Leistungen zu verbessern? Pflegende zu entlasten? Oder schlicht darum, Kosten einzusparen und Personalmangel auszugleichen? Manfred Hülsken-Giesler warnt davor, Digitalisierung auf das letzte Argument zu verengen. Wer nur fragt, wie sich Personal ersetzen lässt, schöpft die Möglichkeiten nicht aus und beraubt sich der wichtigen Reflexion darüber, wohin sich Pflege eigentlich entwickeln soll.
Spannend ist dabei eine selten gestellte Folgefrage: Was passiert mit der Zeit, die durch effizientere Touren oder digitale Tools frei wird? Wird sie genutzt, um im wirtschaftlichen Sinne „mehr zu produzieren" – oder kommt sie tatsächlich der Beziehung zwischen Pflegenden und Pflegebedürftigen zugute? Das ist keine technische, sondern eine Entscheidung, die Menschen treffen. Der scheinbare Sachzwang, der hier oft mitschwingt, ist in Wahrheit gestaltbar.
Forschungsergebnisse zeigen ein ernüchterndes Muster: Es setzen sich vor allem jene Technologien durch, die das Controlling bedienen – also Planung, Steuerung und Abrechnung. Die klassische Pflegedokumentation etwa bedient bis heute überwiegend die Belange der Verwaltung, nicht die der Pflegearbeit selbst. Das ist nicht per se schlecht, wird aber problematisch, wenn Einrichtungssteuerung ausschließlich auf dieser Datenbasis erfolgt.
Was sich nicht in Daten pressen lässt
Damit verbunden ist eine tiefe fachliche Sorge. Pflege versucht seit Jahrzehnten, ihr Handeln in Taxonomien abzubilden – etwa über die Pflegeinterventionsklassifikation NIC und verwandte Systeme. Doch genau dabei droht etwas verloren zu gehen: die Beziehungsarbeit, die Interaktion, das Zwischenmenschliche, das sich nicht restlos formalisieren lässt. Wer sein Handeln nur noch an dem ausrichtet, was digital erfassbar ist, riskiert Kollateralschäden. Denn die Tätigkeiten, die scheinbar „nebenher" laufen, sind oft die eigentlich wertvollen – und tauchen in keinem Katalog auf.
Das Beispiel der vereinsamten 95-jährigen Dame, die zu Hause lebt und nur noch ihre Medikamentengabe erhält, macht es greifbar: Wenn jemand vorbeikommt, geht es längst nicht nur ums Abhaken einer Tablette. Es geht um Kontakt, um Zuwendung, um das Highlight des Tages. Eine digitale Lösung kann hier ergänzen – aber sie darf die persönliche Begegnung nicht ersetzen oder gar ausnutzen.
Zwischen vier ethischen Prinzipien
Genau an diesem Punkt wird es ethisch. In Medizin und Pflege gelten vier Leitprinzipien: Autonomie, Wohlbefinden, Nichtschaden und Gerechtigkeit. Das Problem: Sie können miteinander konkurrieren. Die Tochter sieht eine Situation vielleicht anders als der Hausarzt, die Physiotherapie, die Pflegende oder die betroffene Person selbst. Ethische Fragen lassen sich deshalb selten mit einem eindeutigen „gut" oder „schlecht" beantworten.
Wie eindrücklich Technik wirken kann, zeigt der Dokumentarfilm „Ich bin Alice" der Universität Amsterdam, der einen kleinen Interaktionsroboter zu einsamen Menschen nach Hause bringt. Über den Verlauf des Films verändert sich das Gefühl der Zuschauenden ebenso wie das der Probandinnen – am Ende möchten manche den Roboter gar nicht mehr hergeben. Solche Beobachtungen werfen Fragen auf: Welche Stereotype reproduzieren wir, wenn wir Pflege als „warm" und Technik als „kalt" gegenüberstellen? Und welche Streichel- und Beziehungsmomente dürfen Maschinen übernehmen – und welche nicht?
Ein dritter, brisanter Aspekt: die Gerechtigkeit. Es darf nicht passieren, dass technische Unterstützung allein deshalb nähergelegt wird, weil sie günstiger ist – während menschliche Zuwendung zum Privileg derer wird, die sie sich leisten können. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Bleibt eine echte Wahlfreiheit erhalten, ob jemand ein digitales Tool oder eine vergleichbare personelle Leistung in Anspruch nimmt?
Akzeptanz ist keine Frage des Alters
Ein verbreitetes Missverständnis lautet, ältere Menschen oder Pflegende seien grundsätzlich technikskeptisch. Akzeptanzstudien lösen das auf: Pflegefachpersonen sind nicht besonders kritisch – sie stellen schlicht die richtigen Fragen an eine Technologie. Bedient sie das, was tatsächlich zu tun ist? Wird sie so eingerichtet, dass sie handhabbar ist? Und werden die Nutzer:innen rechtzeitig einbezogen oder erst dann, wenn das Produkt längst fertig ist? Die Forschung zur Akzeptanz von Robotern, etwa im internationalen Vergleich in Cosima Wagners Arbeit über Japan, zeigt, wie stark der kulturelle Kontext mitspielt.
In Deutschland bremsen wir uns dabei oft selbst aus – durch lückenhafte Datennetze und einen mitunter sehr strengen Datenschutz. Während der Corona-Pandemie wurde das schmerzhaft deutlich: Manche Pflegebedürftige sagten dringend nötige Einsätze aus Angst vor Ansteckung ab. Videotelefonie hätte hier Kontakt, Austausch und das Auffangen von Ängsten ermöglicht. In dünn besiedelten Regionen Skandinaviens sind Telemedizin und Telepflege längst Alltag – bei uns wird noch grundsätzlich diskutiert, ob wir sie überhaupt brauchen.
Wer sitzt eigentlich am Tisch?
Wenn über Digitalisierung in der Pflege entschieden wird, fehlt häufig eine entscheidende Stimme: die der Pflege selbst. Die öffentlichen Formate – ob Talkshow oder politische Runde – binden Pflegefachpersonen und Pflegewissenschaft kaum ein. Dabei braucht es einen Tisch mit vielen Expertisen: Pflege, Informatik, Technikentwicklung, Wissenschaft, Politik, Kommunen – und vor allem die Betroffenen.
Hülsken-Giesler plädiert dafür, dass Pflege auf Augenhöhe ins „interdisziplinäre Konzert" der Technikentwicklung einsteigt: bei der Entwicklung, der Implementierung und der späteren Bewertung. Doch das erfordert Übung. Pflege müsse erst lernen, sich einzubringen und in Worte zu fassen, was gute Pflege ausmacht und was Technik dazu beitragen kann. Dafür braucht es Schon- und Lernräume in den Einrichtungen – Zeit und Ressourcen, die unter wirtschaftlichem Druck oft fehlen.
„Wir sollten weniger fragen: Wer zahlt das, was verdient man daran? Und mehr fragen: Was gewinnen wir eigentlich durch diese Sorgearbeit?" — Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler
Eine Frage, die in der Grundschule beginnt
Letztlich, da sind sich beide Gäste einig, ist Digitalisierung in der Pflege eine gesellschaftliche Aushandlung. Was ist uns Pflege wert? Wofür wollen wir künftig Geld ausgeben? Diese Fragen lassen sich nicht an die Technik delegieren. Der Siebte Altersbericht setzt stark auf das Bild der Sorgegemeinschaften – ein Konzept, das zu pervertieren droht, wenn Sorgearbeit unter der Hand wieder privatisiert und vermarktlicht wird.
Spannend war die Idee, den Diskurs früh zu beginnen – nicht, um in der Grundschule über Roboter zu reden, sondern über Leben und Alter: Wie stellen wir uns das Leben mit Oma und Opa vor? Wie fühlt es sich an, wenn jemand ins Pflegeheim zieht? Wer früh eine Gesundheitskompetenz aufbaut und versteht, wie das Pflegesystem funktioniert, stellt später die richtigen Fragen – rechtzeitig, nicht erst, wenn es zu spät ist.
Ein optimistischer Blick auf die nächsten zehn Jahre
Trotz aller offenen Fragen blieben beide Gäste zuversichtlich – „naive Idealist:innen", wie sie sich selbst nannten. In zehn Jahren, so die Hoffnung, gehören Telepflege, Telemedizin und Telerehabilitation zum festen Alltag, fein auf individuelle Bedürfnisse abgestimmt. Vor allem aber soll die Pflege selbstbestimmt entscheiden, welche Technologien sie in ihre Arbeitsprozesse einbindet – Stichwort digitale Souveränität.
Das gelingt nur, wenn das Thema Eingang in Aus-, Fort- und Weiterbildung findet. International gibt es seit 40 Jahren erstaunlich wenig Konsens darüber, welche Digitalkompetenzen für die Pflege relevant sind – hier muss dringend Dynamik rein. Und es braucht Pflegende, die sich aktiv an Forschung beteiligen: an Online-Befragungen, an Expert:innen-Interviews. Wer mitmacht, leistet einen wertvollen Beitrag, um Forschungsergebnisse und Technikentwicklung im Sinne der Pflege zu beeinflussen. Der Weg ist steinig, aber es ist ein Weg – und den lohnt es weiterzugehen.
Zum Weiterhören
- ÜG006 – eHealth, Telecare & elektronische Pflegedokumentation - Cross-Production mit dem eHealth-Podcast
- ÜG016 – Demenz und Technologien (Dr. Jan Ehlers & Sven Kernebeck)
- ÜG001 – Digitalisierung, Update Pflegekammer, Pflegepersonalstärkungsgesetz (PpSG), Personaluntergrenzen
Weiterführende Links & Shownotes
Shownotes zur Folge
- Gesundheitscampus Osnabrück (hs-osnabrueck.de)
- Informationen zur Digitalen Woche Osnabrück (digitalewoche-osnabrueck.de)
- Johanniter-Pflegecoach (johanniter-pflegecoach.de)
- Joanne M. Dochterman, Howard K. Butcher, Cheryl M. Wagner (2022) [Hrsg.]: Pflegeinterventionsklassifikation (NIC). 2., vollständig überarbeitete Aufl. Hogrefe Verlag (hugendubel.de)
- Shigemi Kamitsuru, T. Heather Herdman, Camila Lopes (2022) [Hrsg.]: NANDA-I-Pflegediagnosen: Definitionen und Klassifikation 2021-2023. 3. Auflage. Georg Thieme Verlag (hugendubel.de)
- Cosima Wagner (2013): Robotopia Nipponica Recherchen zur Akzeptanz von Robotern in Japan. Tectum Verlag (nomos-shop.de)
- Filmtrailer "Ich bin Alice" (youtube.com)
- Der Siebte Altenbericht (siebter-altenbericht.de)
