🗓️
Diese Episode erschien am 28.05.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
💡
Das Wichtigste in Kürze
  • An sechs NRW-Unikliniken streiken Beschäftigte für einen Tarifvertrag Entlastung.
  • Belastungspunkte und Freischichten sollen Unterbesetzung endlich Konsequenzen geben.
  • Der Prozess ist basisdemokratisch organisiert – von Forderungsinterviews bis Rat der 200.
  • 300.000 Fachkräfte würden bei besseren Bedingungen zurückkehren.
  • Berlin und Mainz zeigen: Entlastungstarifverträge wirken spürbar.

Wenn an einem Tag bis zu 400 Menschen vor einem Klinikgebäude zusammenkommen, dann ist meistens etwas Großes im Gange. Im Frühjahr 2022 war das an gleich sechs Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen der Fall. Unter dem Namen Notruf NRW kämpften Tausende Beschäftigte für einen Tarifvertrag Entlastung. Eine von ihnen ist Paula Klaan – Gesundheits- und Krankenpflegerin, Pflege-Bachelor und seit 2020 im Beruf. In dieser Episode nimmt sie uns mit hinter die Streikposten und erklärt, wie aus dem alltäglichen Gefühl der Überlastung eine schlagkräftige Bewegung wurde.

Vom Berufseinstieg direkt in die Berufspolitik

Paulas Weg in den Beruf war alles andere als ruhig: Examen 2020, dann gleich mitten hinein in die Pandemie. Schon im dualen Studium an einer Hochschule in Rheine und in der praktischen Ausbildung am Uniklinikum Münster war sie berufspolitisch interessiert. Den entscheidenden Schub gab die erste Tarifrunde des öffentlichen Dienstes der Länder (TV-L), die sie mit mehreren Warnstreiktagen miterlebte. Aus theoretischem Interesse wurde plötzlich etwas sehr Konkretes – die Erkenntnis, dass man mit gemeinsamem Auftreten tatsächlich etwas bewegen kann.

Dabei geht es ihr nicht in erster Linie ums Geld. Mehr Gehalt macht vielleicht kurzfristig zufrieden, sagt sie, doch das eigentliche Problem seien die Arbeitsbedingungen. Genau hier setzt ein Entlastungstarifvertrag an – und zwar schnell. Statt auf eine Gesetzesänderung in drei bis zehn Jahren zu warten, lassen sich damit kurzfristig spürbare Verbesserungen erkämpfen.

Eine prägende Erfahrung aus dem Studium hat ihr Engagement zusätzlich befeuert: die Frage, wer im deutschen Gesundheitssystem eigentlich mitentscheidet. Im Gemeinsamen Bundesausschuss – dem zentralen Gremium der Selbstverwaltung – sitzt niemand aus der Pflege mit Stimmrecht.

„Wir sind die stärkste Berufsgruppe der ganzen Branche, und alles wird über unsere Köpfe hinweg entschieden. Und das bei der Expertise, die wir mitbringen." — Paula Klaan

Wie aus einzelnen Stationen eine Bewegung wird

Der Impuls für Notruf NRW kam nicht von oben, sondern aus den Teams selbst. Im Zuge der TV-L-Verhandlungen hatten sich genügend Beschäftigte organisiert, sodass ver.di als Gewerkschaft das Signal sah: Hier ist das Engagement aus der Breite vorhanden, um den fordernden Weg zu einem Tarifvertrag Entlastung zu gehen. Aus den Gewerkschaftsmitgliedern der sechs Häuser wurde eine Tarifkommission gewählt – Beschäftigte aus der direkten Patient:innenversorgung, von der Normalstation über Intensiv- und Funktionsbereiche bis hin zum Service. Aus den ursprünglich 61 wurden später 75 Personen.

Besonders spannend ist die basisdemokratische Struktur dahinter. In sogenannten Forderungsinterviews konnten möglichst viele Teammitglieder ihre ganz persönlichen Vorstellungen von guten Arbeitsbedingungen formulieren. Diese wurden in den Teams ausgewertet und zu Forderungskatalogen gebündelt, im April standortübergreifend in Oberhausen zusammengetragen und nach Fachbereichen sortiert. Damit keine Alleingänge entstehen, verpflichtete sich die Tarifkommission, immer den Rückkopplungsschritt zu den Beschäftigten zu suchen. Aus den Teams wurden Delegierte benannt, aus diesen wiederum ein „Rat der 200" gewählt, der direkt vor Ort bei den Verhandlungen dabei ist.

Warum nur die Unikliniken? Weil sie als Vorreiter wirken. Entwicklungen, die dort beginnen, schwappen erfahrungsgemäß auf andere Häuser über – das war bei akademischen Qualifikationen für Leitungspositionen so und gilt auch für tarifliche Maßstäbe. Das Ziel: ein Flächentarifvertrag, der automatisch jedes Haus erfasst, das künftig Unikliniken-Status erreicht.

Belastungspunkte statt Strafzahlungen

Doch was wird konkret gefordert? Im Kern geht es um zwei Dinge: verbindliche Sollbesetzungen über Personalschlüssel für jeden Bereich – und Konsequenzen, wenn diese unterschritten werden. Für jede Unterbesetzung soll es Belastungspunkte geben, ab einer bestimmten Anzahl entsteht ein Ausgleich in Form zusätzlicher Freischichten. Auch besonders belastende Situationen sollen Punkte auslösen: etwa tätliche Übergriffe oder der Einsatz vieler Leiharbeitskräfte, weil Stammbeschäftigte dann zusätzliche Verantwortung übernehmen und zum „Stationsmanager" mutieren.

Der entscheidende Unterschied zur bestehenden Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung: Dort führen Verstöße zu Strafzahlungen an die Krankenkassen – ein Mechanismus, von dem die Beschäftigten an der Basis nichts haben und der mancherorts einkalkuliert wird. Beim Tarifvertrag Entlastung sollen die Konsequenzen direkt bei denen ankommen, die die Belastung tragen.

Wie dramatisch die Lage ist, machen ein paar Zahlen deutlich: Auf einer Station mit 28 gastroenterologischen und hepatologischen Patient:innen versorgen im Frühdienst drei Examinierte rund neun bis zehn Menschen, im Spät- und Nachtdienst sind es zu zweit jeweils 14. International gelten Schlüssel von 1 zu 5 oder 1 zu 6 – und es ist evidenzbasiert belegt, dass ab einer Ratio von 1 zu 7 die Sterblichkeit der Patient:innen steigt. Bei der Erarbeitung der Forderungen orientierte sich die Gruppe zunehmend an solchen wissenschaftlichen Grundlagen und Leitlinien.

„Wir gehen hier von Null auf TVE. Das ist erst mal ein Riesenfortschritt – aber der soll jetzt auch richtig gut sein. Es geht nicht darum, dass wir irgendwie das Aufkommen schaffen, sondern dass wir die Arbeit wirklich gut bewältigen können." — Paula Klaan

Streik mit Notdienst – und der seltsame Effekt der Entlastung

Zum Zeitpunkt der Aufnahme befand sich die Bewegung in der dritten Streikwoche; der unbefristete Erzwingungsstreik hatte am 4. Mai 2022 begonnen. Allein in Münster kamen täglich 350 bis 400 Menschen zusammen, real streikten rund 280 – die übrigen engagierten sich aus ihrem Frei oder gewährleisteten die Notversorgung. Auch diese Kolleg:innen verstand man als Streikbeteiligte, denn ohne sie könnten die anderen gar nicht am Streikposten stehen. In Münster waren inzwischen rund 1.300 Beschäftigte gewerkschaftlich organisiert – viermal so viele wie noch im Herbst zuvor. An allen sechs Standorten zusammen waren es etwa 4.000.

Für jeden Standort wurde eine Notdienstvereinbarung mit der Arbeitgeberseite ausgehandelt, in Münster orientiert an der Feiertagsbesetzung, samt Bettenreduktion, Stationsschließungen und gedrosselten OP-Kapazitäten. Das Modell ist von der Berliner Krankenhausbewegung inspiriert. Dabei entstand eine fast absurde Situation: Unter den reduzierten Bedingungen erlebten manche Beschäftigte erstmals, wie ihr Arbeitsalltag mit einer angemessenen Besetzung aussehen könnte – angenehmer als im überlasteten Normalbetrieb.

Das Motivieren der Kolleg:innen funktionierte vor allem über eines: reden, reden, reden. Sorgen ernst nehmen, Fragen beantworten, das gemeinsame, greifbare Ziel sichtbar machen. Und das Engagement blieb nicht passiv: Die Streikenden organisierten ihr Tagesprogramm selbst, von berufspolitischen Workshops über Thementage einzelner Bereiche bis zur Streik-Uni mit Podiumsdiskussion. Diese Form, Gewerkschaftsarbeit nicht als fertiges Programm zu konsumieren, sondern selbst zu gestalten, schweißte die Teams enger zusammen als jede klassische Teambuilding-Maßnahme.

Nicht nur die Pflege: alle Berufsgruppen an Bord

Bemerkenswert ist die Breite der Bewegung. Beteiligt waren nicht nur Pflegefachpersonen aus Normalstation, Intensiv, OP, Anästhesie, Funktionsbereichen und Case Management, sondern auch Kolleg:innen aus Service, Küche, Bäckerei, Sterilgutaufbereitung, Physiotherapie, dem Bodendienst und den Betriebskitas. Im Tarifvertrag Entlastung lassen sich nur die Gruppen verhandeln, die direkt am Hauptunternehmen beschäftigt sind – deshalb wurden Bereiche wie der Bodendienst in Münster gezielt im Rat der 200 abgesichert. Die Ärzt:innen können wegen ihrer eigenen tariflichen Verortung nicht mitverhandelt werden.

Die gesammelten Stimmen aus diesen Bereichen sprechen eine deutliche Sprache: eine Servicekraft, die statt 30 bis 40 lieber maximal 20 Patient:innen versorgen möchte; eine Physiotherapeutin, die schwer betroffene, tracheotomierte Menschen allein mobilisieren muss; eine Auszubildende, die ohne ausreichende Praxisanleitung Verantwortung trägt, die sie gar nicht tragen darf; ein Bodendienstmitarbeiter, der entscheiden muss, auf welche Station er das lebenswichtige Blut zuerst bringt. Überlastung ist kein Pflegephänomen – sie zieht sich durch das ganze Krankenhaus.

Politik, Kosten und die Macht der großen Zahl

Der Streik kostete alle sechs Unikliniken zusammen rund fünf Millionen Euro pro Tag. Lange war die Bewegung schlicht ignoriert worden – das erste politische Signal kam im April vom damaligen NRW-Gesundheitsminister der CDU, der einen Tarifvertrag Entlastung in Aussicht stellte. Davor hatte die Bewegung ein 100-Tage-Ultimatum gestellt, Petitionen mit rund 12.000 Unterschriften übergeben und den Kontakt zu den demokratischen Parteien gesucht – günstig im Vorfeld der Landtagswahl. Dass aus dem zunächst kategorischen „Das geht nicht" doch ein juristischer Weg wurde, der den Klinikleitungen direkte Verhandlungen ermöglichte, zeigt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Wie groß das Potenzial einer echten Entlastung ist, belegt eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung: Rund 300.000 Fachkräfte wären bereit, in den Beruf zurückzukehren oder ihre Arbeitszeit aufzustocken, wenn sich die Bedingungen verbessern. Allein in NRW fehlten damals etwa 20.000 Menschen. Eine Übergangsregelung – wie sie der Tarifvertrag an der Charité kennt – soll den Arbeitgebern Zeit geben, das nötige Personal aufzubauen.

Ein Vorbild, das wirkt

Dass all das keine Wunschvorstellung bleibt, zeigt der Blick nach Mainz. Dort wird über digitale Dienst- und Bettenplanungsprogramme automatisiert erfasst, wenn die Sollbesetzung unterschritten wird. Es gibt Belastungspunkte, es gibt Freischichten als Ausgleich für Mehrarbeit – und die Kolleg:innen berichten von spürbaren Verbesserungen. Sogar die umliegenden Krankenhäuser begannen, ihre Bedingungen anzupassen. Für NRW war zum Zeitpunkt der Aufnahme das Ziel, einen wirksamen Tarifvertrag noch vor Ende des Jahres zu erreichen.

Über die konkrete Tariffrage hinaus sieht Paula einen größeren Prozess. Sie wünscht sich, dass der intensive Austausch erhalten bleibt – und dass die gewonnene Zeit künftig auch dafür genutzt wird, aktuelles, evidenzbasiertes Wissen in die direkte Versorgung zu bringen. Für sie ist die Bewegung Teil eines Selbstverständnisses, das weit über Tarifverhandlungen hinausreicht, hin zu einer selbstbewussten Profession, die in der interdisziplinären Zusammenarbeit Verantwortung übernimmt. Dass dafür ein Zusammenspiel aus Berufsverband, Gewerkschaft und der sich gerade konstituierenden Pflegekammer NRW nötig ist, gehört für sie selbstverständlich dazu.

„Das ist ein absoluter Prozess der Emanzipation, den wir da gerade begehen. Wir merken, was wir erreichen können, wenn wir uns zusammenschließen und stark machen – mehr von uns ist besser für alle." — Paula Klaan

Der Zuspruch reichte zum Zeitpunkt der Aufnahme von Christel Bienstein über den DBfK bis zu Carolin Kebekus, die ihre Sendung zur Verfügung stellte. Das Schlussplädoyer ist klar und einfach: Organisiert euch. Dann seid auch ihr eine starke Berufsgruppe.

Zum Weiterhören