- Eine Pflegesituation kann von heute auf morgen jede Familie treffen.
- Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung entlasten in emotional schweren Phasen enorm.
- Neben körperlicher Pflege zählt vor allem emotionaler Beistand.
- Pflegende Angehörige müssen auf den eigenen Akku achten.
- Hilfe gibt es – man muss sie nur kennen und annehmen.
Pflege ist für viele ein abstraktes Thema – etwas, das irgendwann kommt, später, jemand anderen betrifft. Bis zu dem Moment, in dem ein Anruf alles verändert. Genau dieser Moment ist der Ausgangspunkt einer Folge aus dem Podcast-Special „Wir erklären Pflege“, einer Kooperation des Übergabe-Podcasts mit der AOK NordWest. Host Christian Köbke spricht darin mit Maik Fonau, Fachbereichsleiter für Pflege bei der AOK NordWest – und damit beruflich seit Jahren mit dem Thema vertraut. Doch vor zwei Jahren wurde aus dem Fachmann ein pflegender Angehöriger. Was er dabei erlebt hat, ist ehrlich, berührend und voller Erkenntnisse, die jeder von uns gebrauchen kann.
Wenn aus dem Profi ein Betroffener wird
Beruflich verantwortet Maik Fonau bei seiner Krankenkasse alles, was mit Pflege und häuslicher Krankenpflege zu tun hat – von der Vertragsgestaltung über Genehmigungs- und Abrechnungsprozesse bis hin zur Pflegeberatung. Sein Blick auf das Thema war lange ein rationaler, sachlicher: Anträge, Leistungen, Prozesse. Im Mittelpunkt stehen dabei die Versicherten und ihre Familien, denn in der direkten Korrespondenz hat die Kasse meist mit den Angehörigen zu tun – mit den Kindern, die sich um Vater oder Mutter kümmern. Pflegebedürftige selbst können sich häufig gar nicht mehr eigenständig mit Formalitäten auseinandersetzen und sind darauf angewiesen, dass Familie, Freunde oder Bekannte die Verantwortung übernehmen.
Dann kam der Tag, an dem dieses Wissen plötzlich nicht mehr nur Theorie war. Seine Mutter erhielt eine akute Diagnose. Von heute auf morgen stand die Familie – Maik Fonau und seine beiden Brüder – vor einer Situation, auf die niemand vorbereitet war. Pflege bekam dadurch einen völlig neuen Charakter: hochemotional, unmittelbar, persönlich.
„Im klassischen Job ist das Thema rational und sachlich. Aber wenn der Pflegefall die eigenen Eltern trifft, bekommt man einen ganz anderen Bezug dazu – und merkt erst, worauf es wirklich ankommt." — Maik Fonau
Ad hoc statt langer Vorbereitung
Was diese Situation besonders herausfordernd machte: Es gab keine Vorlaufzeit. Keine Wochen, in denen man sich gedanklich sortieren, die Wohnung umräumen oder Pflegedienste in Ruhe vergleichen konnte. Die Diagnose zwang die Familie, innerhalb kürzester Zeit weitreichende Entscheidungen zu treffen. Maik Fonau betont, dass es zwar Lebenssituationen gibt, in denen sich eine Pflegebedürftigkeit lange ankündigt – bei seiner Mutter aber war es ein akuter Einschnitt. Und damit ist er nicht allein: Pflege verbinden viele Menschen automatisch mit dem hohen Alter, mit der Generation 75 plus. Doch eine schwere Diagnose kann jeden treffen, auch Menschen im mittleren Lebensalter oder sogar Kinder.
Die Entscheidung, die Mutter zu Hause zu pflegen, fiel schnell und einvernehmlich. Drei erwachsene Söhne und der Vater setzten sich zusammen und verteilten die Aufgaben ganz pragmatisch – jeder nach seinen Stärken. Möglich war das auch, weil die Familie in der Nähe wohnte und einen passenden Raum in der Häuslichkeit einrichten konnte. Wichtig war dabei nicht nur die reine Versorgung, sondern auch, dass die Mutter ihre letzten Wochen gemeinsam mit dem Ehemann verbringen konnte – Nähe und Gemeinsamkeit statt eines abgeschotteten Zimmers.
Das, worauf man sich nicht vorbereiten kann
Es sind die kleinen, intimen Momente, die hängen bleiben. Maik Fonau erzählt von einer Situation während eines Krankenhausaufenthalts in der Corona-Zeit, als er als Einziger seine Mutter besuchen durfte und sie zur Toilette begleitete – mit allem, was dazugehört. Eine Aufgabe, auf die ihn nichts vorbereitet hatte. Und doch meisterten beide sie mit einem Lächeln. Genau hier liegt eine zentrale Botschaft: Je verkrampfter man an solche Momente herangeht, desto schwerer werden sie.
Vor dem Betreten des Zimmers atmete er jedes Mal kurz durch, setzte ein Grinsen auf und versuchte, gute Stimmung mitzubringen. Nicht, weil alles leicht gewesen wäre – sondern weil er überzeugt ist, dass diese Haltung wertvoll für alle Beteiligten ist. Ein Stück Schauspielerei, das half, die letzten Wochen so positiv wie möglich zu gestalten.
„Ich habe vor der Tür dreimal durchgeatmet, ein Grinsen aufgesetzt und bin mit guter Laune reingegangen. Je verkrampfter man an die Situation herangeht, umso schwieriger wird sie." — Maik Fonau
Warum Vorsorge Gold wert ist
Eines hat der Familie in dieser Ausnahmesituation enorm geholfen: Die Eltern hatten frühzeitig vorgesorgt. Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung lagen vor, die Wünsche waren bekannt. So musste sich niemand in einer emotional ohnehin überwältigenden Phase noch um formalrechtliche Fragen kümmern. Maik Fonaus dringender Appell: Diese Dinge sollte man regeln, bevor sie akut werden – und zwar nicht erst im hohen Alter, sondern bereits im mittleren Lebensabschnitt.
Denn die Realität sieht oft anders aus. Viele Menschen verdrängen das Thema, beschäftigen sich erst damit, wenn es nicht mehr anders geht. Verständlich – aber gerade vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung riskant. Die Babyboomer kümmern sich heute um ihre pflegebedürftigen Eltern; in rund zwei Jahrzehnten sind sie selbst die Generation, die versorgt werden muss. Wer wissen möchte, welche Leistungen und Unterstützungsangebote es gibt, findet auf der Seite der Pflegeexpert:innen der AOK NordWest erste Anlaufpunkte.
Pflege ist mehr als waschen und Essen anreichen
Bei der Versorgung zu Hause war die Familie nicht allein: Über die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) waren Ärzt:innen und ein ambulanter Pflegedienst eingebunden. Den Kontakt hatte der Sozialdienst des Krankenhauses schnell vermittelt – ein wichtiger Baustein, der den Übergang von der Klinik in die Häuslichkeit erleichterte. Doch der professionelle Pflegedienst ist nicht rund um die Uhr da. Die Stunden dazwischen mussten die Angehörigen füllen.
Und hier räumt Maik Fonau mit einem verbreiteten Bild auf: Pflege ist eben nicht nur körperliche Arbeit. Natürlich gehörten Bewegungsübungen, das Anreichen von Nahrung und Flüssigkeit dazu. Doch der eigentliche Kern war für ihn der emotionale Beistand – am Bett sitzen, die Hand halten, Fotoalben anschauen, erzählen, ablenken. Diese Form der Zuwendung lässt sich nicht in einem Kurs erlernen, sie passiert intuitiv. Vieles probierten die Brüder schlicht aus, ergänzt durch Tipps des Pflegedienstes. Und ja, es gab auch Momente, in denen Emotionen, Trauer oder Trotzreaktionen die Situation belasteten. Profis seien sie nun einmal nicht gewesen, sondern Menschen, die in eine Rolle hineingeschubst wurden.
„Viele verbinden Pflege mit körperlicher Arbeit. Aber dieser emotionale Part – einfach da sein, für Gesellschaft und Ablenkung sorgen – ist mindestens genauso wichtig." — Maik Fonau
Wenn Beruf, Familie und Pflege gleichzeitig rufen
Maik Fonau hatte – neben der Pflege seiner Mutter – einen anspruchsvollen Job, eine eigene Familie und Kinder. Drei Welten, die alle ihren Platz forderten. Interessanterweise wirkte die Pflege auf ihn nicht nur belastend, sondern auch ablenkend: Die intensive Auseinandersetzung mit dem Alltag ließ kaum Raum, über das nahende Ende nachzudenken. Trauer und Verlust kamen bei ihm erst mit großem zeitlichem Abstand – fast ein Jahr später.
Dass sich Beruf und Pflege überhaupt vereinbaren ließen, lag auch an flexiblen Arbeitsmöglichkeiten. Homeoffice und technische Ausstattung erlaubten es ihm zeitweise, direkt aus dem Elternhaus zu arbeiten. Klar ist aber: Das funktioniert nicht in jeder Branche. Wer auf eine Baustelle muss, kann nicht einfach „von zu Hause“ pflegen. Maik Fonau verweist auf gesetzliche Möglichkeiten der Freistellung für Pflegezeiten und auf Modellprojekte, in denen sogenannte Pflegeguides oder Pflegelotsen ausgebildet werden – betriebliche Ansprechpersonen, die als erste Anlaufstelle und Schnittstelle zu den Pflegekassen dienen. Eine besonders schwierige Konstellation entsteht, wenn Angehörige weit entfernt wohnen: Wenn die Mutter in Kiel pflegebedürftig wird und der Sohn in München lebt, lässt sich häusliche Pflege kaum allein stemmen. Dann braucht es starke externe Unterstützung – und manchmal die Entscheidung für eine stationäre Versorgung.
Auf den eigenen Akku achten
Bei aller Hingabe – ohne Ausgleich geht es nicht. Maik Fonau ist sportbegeistert und hat sich selbst in den intensiven Wochen kleine Auszeiten geschaffen, etwa eine Runde Laufen mit dem Bruder. Sein Bild dafür ist eingängig: Wer mit voller Energie für einen Angehörigen da sein will, dessen eigener Akku muss zumindest halbwegs gefüllt sein. Und der wird eben nicht durch Pflichtgefühl geladen, sondern durch Freiräume – ob Sport, Kultur, soziale Kontakte oder einfach Zeit mit der eigenen Familie.
Gerade Menschen mit ausgeprägtem Pflichtbewusstsein neigen dazu, sich vollständig aufzuopfern und ein schlechtes Gewissen zu entwickeln, sobald sie an sich denken. Maik Fonaus klare Botschaft – beruflich wie privat: Diese Auszeiten sind kein Egoismus, sondern Voraussetzung dafür, langfristig durchzuhalten. Bei einer kurzen Pflegephase von neun Wochen mag man Belastungsspitzen überbrücken können. Doch je länger eine häusliche Pflege dauert – über Monate oder Jahre –, desto schneller stößt man an emotionale und organisatorische Grenzen.
Hilfe suchen – und annehmen
Im Rückblick würde Maik Fonau wenig anders machen. Die Versorgung gelang, alle Beteiligten zogen an einem Strang, und seine Mutter konnte ihre Zufriedenheit noch selbst zeigen – ein Händedruck, eine Umarmung. Daraus zog die Familie eine positive Klammer um eine schwere Zeit. Was bleibt, ist eine veränderte Haltung zum Leben: mehr Achtsamkeit, mehr Wertschätzung für Gesundheit, Beruf und ein tragfähiges soziales Umfeld – und das Bewusstsein, dass eine Diagnose jeden von uns jederzeit treffen kann.
Sein zentraler Appell an alle, die in eine ähnliche Lage geraten: Niemand muss diesen Weg allein gehen. Das deutsche Sozialsystem bietet Absicherung, und es gibt zahlreiche Institutionen, die durch den „Pflegedschungel“ lotsen – Pflegestützpunkte, Pflegeberater:innen der Pflegekassen, die Sozialdienste der Krankenhäuser. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, kann sich über die Angebote rund um das Thema Pflege informieren. Wichtig ist vor allem eines: offen für diese Hilfe zu sein und sie anzunehmen.
Auch der präventive Gedanke spielt für Maik Fonau eine wachsende Rolle. In Kooperation mit zahlreichen Krankenhäusern werden im Rahmen der familialen Pflege Pflegekurse angeboten, die Angehörige schon während des Klinikaufenthalts auf die Versorgung zu Hause vorbereiten. Die Herausforderung bleibt, jüngere und noch nicht betroffene Menschen für das Thema zu sensibilisieren – denn die wenigsten beschäftigen sich freiwillig damit, bevor es ernst wird. Umso wertvoller ist es, von jemandem zu lernen, der diesen Weg bereits gegangen ist.
Zum Weiterhören
- ÜG108 – #01 Wir erklären Pflege – 5,4,3,2,1 Pflegegrad - wie geht's weiter ...
- ÜG110 – #03 „Ich kann heute nicht" – alles rund um Verhinderungspflege
- ÜG139 – Palliativpflege
Weiterführende Links & Shownotes
Ein Blick hinter die Kulissen und gleichzeitig Einblick in den Alltag. Geht das? In der zweiten Folge beleuchten wir zwei Seiten:Zum einen die eines Angehörigen, der mitten im Berufs- und Familienleben steht und konfrontiert wird mit einer Akut-Pflegesituation. Die andere Seite zeigt Möglichkeiten auf, wie man, auch unvorbereitet, schnell reagieren kann und direkt Hilfe als pflegender Angehöriger erhält. Beide Seiten kennt unser Podcast-Gast in Personalunion und findet für unbeschreibliche Momentein Pflegsituationen die genau richtigen Worte, seine eigenen: „Wir haben die Pflegesituation mit dem einem Lächeln angenommen, und auch nur so meistern können.“
Gemeinsam mit unserem Pflege-Experten Maik Vonau und dem ÜBERGABE-Podcast geben wir mitunter sehr persönliche Einblicke mitten aus dem Alltag der häuslichen Pflege. Also lasst uns reden, denn du bist #nichtallein
