- Pflege ist existenzrelevant – jeder Mensch braucht sie von Geburt bis Tod.
- Unser System finanziert Krankheit, nicht Gesundheit und Prävention.
- Höhere Qualifizierungsniveaus brauchen rechtliche Grundlagen, um wirksam zu werden.
- Pflegekammer, Berufsverband und Gewerkschaft erfüllen unterschiedliche Aufgaben.
- Politik und alle Akteure müssen sich bewegen – ein „Tsunami" rollt heran.
Stell dir vor, du wirst in eine Kinderklinik gebracht – und niemand kann dich aufnehmen, weil das Personal fehlt. Oder du liegst nach einem Unfall hilflos im Krankenhausbett und merkst plötzlich, wie sehr du auf Menschen angewiesen bist, die dich pflegen. Genau hier setzen Annemarie Fajardo und Birgit Ehrenfels an. Die beiden Pflegefachpersonen haben gemeinsam ein Buch geschrieben, das einen wunden Punkt trifft: Existenzrelevant! Eine starke Pflege für Staat und Gesellschaft, erschienen 2022 im Kohlhammer Verlag. Im Übergabe-Podcast erzählen sie, warum sie den vielzitierten Begriff der „Systemrelevanz" für zu kurz gegriffen halten – und was hinter dem dicken Ausrufezeichen im Titel steckt.
Von der Wiege bis zur letzten Stunde
Die beiden Autorinnen bringen zwei Blickwinkel zusammen, die selten aufeinandertreffen. Annemarie Fajardo ist gelernte Altenpflegerin, hat im Pflegemanagement gearbeitet, studiert und engagiert sich seit 2021 als Vizepräsidentin im Deutschen Pflegerat. Birgit Ehrenfels ist examinierte Kinderkrankenschwester mit über 30 Jahren Berufserfahrung – von der Neonatologie über kinderchirurgische Stationen bis zur ambulanten und stationären Pflege. Kennengelernt haben sich beide über die Berufspolitik.
Genau diese Kombination macht das Buch besonders: Die eine begleitet Menschen am Anfang des Lebens, die andere hat ihren Blick auf das Lebensende gerichtet. Dazwischen liegt alles, was uns als Menschen ausmacht. Pflege, so die Botschaft, ist eben nicht punktuell, sondern eine Konstante über das gesamte Leben hinweg. Manche brauchen sie nur kurz, andere ein Leben lang – aber treffen wird es jede und jeden früher oder später.
„Pflege ist existenzrelevant, und zwar unabhängig von der Pandemie oder von anderen Krisen. Es betrifft jeden früher oder später das Thema Pflegebedürftigkeit." — Annemarie Fajardo
Der ursprüngliche Buchtitel lautete schlicht „Pflege ist …", erzählen die beiden. Der Verlag schlug dann den prägnanten Begriff aus einem der Kapitel vor: existenzrelevant. Das Ausrufezeichen stammt von Annemarie Fajardo – als bewusstes Pendant zu der Art, wie der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn die Pflege während der Corona-Pandemie immer wieder als „systemrelevant" bezeichnete. Denn wenn die Gesundheit unwiederbringlich verloren geht, geht es um nicht weniger als die eigene Existenz.
Ein System, das Krankheit belohnt
Ein zentraler Gedanke des Buches: Unser Gesundheitssystem ist auf Krankheit ausgerichtet, nicht auf Gesundheit. Wer das Sozialgesetzbuch V aufschlägt, findet dort vor allem die Finanzierung medizinischer Leistungen – kleinteilig, verrichtungsbezogen, aufgeteilt in Sektoren wie Krankenhaus, ambulante und stationäre Langzeitpflege. Annemarie Fajardo bringt es auf den Punkt: Wir finanzieren keine Daseinsvorsorge, sondern das, was über die Entstehung von Krankheit entsteht.
Damit fehlt dem System genau das, was die Pflege eigentlich auszeichnet: der salutogenetische Ansatz, der auf Gesundheitserhaltung und Krankheitsvermeidung zielt. Pflegerische Kompetenz endet eben nicht bei der Wundversorgung, sondern umfasst Prävention, Beratung und den Blick auf den ganzen Menschen. Solange aber Zeitbudgets in einzelne abrechenbare Leistungen zerlegt werden, statt zu fragen, was wirklich wirksam ist, bleibt diese Kompetenz weitgehend ungenutzt.
Hinzu kommt ein Grundrecht, das im Alltag oft untergeht: das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Eine Grundversorgung der Gesundheit ist kein übertriebener Luxusanspruch, betonen die Autorinnen, sondern steht jedem Menschen zu – ob mit 14 oder mit 90 Jahren. Dass Politiker:innen und Vertreter:innen der Krankenversicherungen häufig sagen, es laufe doch gut in Deutschland, halten sie für gefährlich verkürzt. Wer gesund ist und nur Routine-Arztgänge braucht, fühlt sich gut versorgt. Wer chronisch krank oder pflegebedürftig wird, erlebt eine andere Realität.
Warum sich die Profession selbst im Weg steht
Ein Befund zieht sich durch das ganze Gespräch: Die Pflege ist im internationalen Vergleich rückständig organisiert. In angloamerikanischen Ländern gibt es seit rund 100 Jahren eine akademisierte Pflege mit Pflegekammern, geregelter Registrierung und klaren Zulassungen. In den USA werden Krankenhäuser von Pflegenden geleitet, auch Australien hat solche Strukturen vor Jahrzehnten eingeführt. Deutschland dagegen hat den Pflegeberuf traditionell als Assistenz der Medizin verstanden – und das wirkt bis heute nach.
Birgit Ehrenfels erinnert daran, dass über den Pflegenotstand bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren diskutiert wurde, damals noch durch die Gewerkschaft ÖTV. Das Herunterfahren des Gesundheitssystems sei weder durch die Pandemie noch durch den Ukraine-Krieg ausgelöst worden, sondern eine Entwicklung über Jahrzehnte. Hinzu kommt: Nur ein verschwindend kleiner Teil der über eine Million Pflegenden engagiert sich berufspolitisch. In den Mitgliedsverbänden des Deutschen Pflegerats sind, so die grobe Einschätzung im Gespräch, nur etwa fünf Prozent organisiert.
„Weil auf der einen Seite ist die Berufsgruppe selbst nicht imstande, für sich das Wort zu ergreifen und für sich die Rechte zu nehmen, die sie braucht, um ihre eigenen Regeln zu machen." — Birgit Ehrenfels
Hier liegt auch der Grund, warum es nicht reicht, die Verantwortung an „die Gesellschaft" abzuschieben. Die Zusammenhänge im Gesundheitswesen sind so komplex, dass weder eine einzelne Bürgerin noch ein einzelner Bürger sie über eine Petition lösen kann. Trotzdem sehen die Autorinnen die Bevölkerung in der Pflicht, sich zu fragen: Wie wichtig ist mir eigentlich meine eigene Gesundheit – und die meiner Mitmenschen?
Generalistik, Vorbehaltsaufgaben und die fehlende Brücke ins System
Mit dem Pflegeberufegesetz von 2020 ist viel passiert: Die generalistische Ausbildung führt Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege zusammen und orientiert sich an der EU-Berufsanerkennungsrichtlinie. Erstmals wurden auch pflegerische Vorbehaltsaufgaben definiert – etwa die Steuerung des Pflegeprozesses. Annemarie Fajardo bewertet das als echten Meilenstein. Doch sie macht auch klar: Damit ist erst das Qualifikationsniveau 4 erreicht. Auf der international gebräuchlichen Skala von 1 bis 8 bleibt nach oben viel Raum.
Das eigentliche Problem: Es fehlt die rechtliche Brücke, um höhere Qualifizierungsniveaus – also Niveau 5 bis 8 – tatsächlich ins Versorgungssystem zu überführen. Pflegefachpersonen mit Bachelor- oder Masterabschluss bringen Kompetenzen mit, dürfen sie aber nur eingeschränkt einsetzen. Es fehlen berufsordnungsrechtliche Grundlagen, fehlt eine bundeseinheitliche Berufsordnung, fehlt die leistungs- und abrechnungsrechtliche Relevanz. Solange Pflegebetriebe nicht gesetzlich verpflichtet sind, diese Niveaus zu berücksichtigen, gelten höher Qualifizierte als „zu teuer" – und werden gar nicht erst eingestellt.
Eng verknüpft ist das mit dem Arztvorbehalt. Heilkundliche Tätigkeiten dürfen bislang nur erbracht werden, wenn sie ärztlich angeordnet und verantwortet werden. Selbst für Tätigkeiten, die eigentlich zum Kern der Pflege gehören – wie die spezielle Krankenbeobachtung – braucht es oft eine ärztliche Verordnung. Modellvorhaben zur Übertragung heilkundlicher Aufgaben werden seit über zehn Jahren diskutiert, sind aber nie in die Regelversorgung überführt worden. Hier setzt auch die Debatte um Vorbehaltsaufgaben in der Pflege an, die ohne tragfähige Rechtsgrundlage Stückwerk bleibt.
Kammer, Gewerkschaft, Berufsverband – wer macht was?
Ein wiederkehrendes Missverständnis räumen die beiden konsequent aus: Pflegekammer, Gewerkschaft und Berufsverband sind keine Konkurrenten, sondern erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Die Gewerkschaft kümmert sich um Tarifautonomie und Arbeitsbedingungen. Ein Berufsverband ist ein Ort der Vernetzung und der fachlichen Weiterentwicklung. Eine Pflegekammer dagegen ist Selbstverwaltungsorgan der Profession – sie registriert, regelt Berufsordnung und Fortbildung und verleiht der Berufsgruppe eine Stimme gegenüber der Politik.
Birgit Ehrenfels, selbst seit über 30 Jahren Gewerkschaftsmitglied, plädiert deshalb klar für die Pflegekammer und wünscht sich, dass auch die Gewerkschaften diese anerkennen und unterstützen. Denn ohne Selbstverwaltungsstrukturen fehlt der Politik der verbindliche Ansprechpartner – und es passiert genau das, was beide kritisieren: In wichtigen Gremien wie dem Gemeinsamen Bundesausschuss wird über die Köpfe der Pflege hinweg entschieden. Auch eine Restrukturierung des G-BA und ein echtes Stimm- und Antragsrecht für die Pflege gehören für die Autorinnen auf die Agenda. Wer in einem Bundesland ohne Kammer lebt, dem empfiehlt Annemarie Fajardo, sich zunächst einem Berufsverband anzuschließen.
Blick über den Tellerrand: Konzepte, die woanders längst wirken
Was die beiden besonders frustriert: Viele wirksame Konzepte sind seit Jahrzehnten bekannt, werden in Deutschland aber nicht angewendet. Das Magnetkonzept aus den USA, das seit Mitte der 1980er-Jahre für exzellente Pflegequalität und niedrigere Komplikationsraten sorgt, kommt erst seit einigen Jahren auch hierzulande an – einzelne Universitätskliniken lassen sich inzwischen zertifizieren. Das Konzept der Interprofessionalität hat die Weltgesundheitsorganisation bereits 2010 verschriftlicht. Und auch europaweite Pflegeforschung zeigt seit Langem, wie eng Personalausstattung und Patient:innensicherheit zusammenhängen.
Spannend ist auch die Beobachtung, dass viele dieser Ansätze aus Versorgungsnotlagen heraus entstanden sind. Wo zu wenig Gesundheitspersonal verfügbar war, übernahmen Pflegefachpersonen andere Kompetenzen – mit messbar guten Ergebnissen. Modelle wie Community Health Nurses oder Gesundheitskioske könnten genau hier ansetzen, gerade für jene zehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung mit erhöhtem Versorgungsbedarf.
Der Tsunami rollt – und die Quintessenz
Die Zahlen sind seit Jahrzehnten bekannt: Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen steigt durch die geburtenstarken Jahrgänge in die Millionen, während zugleich Zehntausende Pflegende in den Ruhestand gehen oder dem Beruf den Rücken kehren. Diese Schere wird riesig. Annemarie Fajardo spricht von einem „Tsunami", der auf uns zurollt. Einzelne Reformen, immer neue Projekte und konzertierte Aktionen reichen dafür nicht – es braucht eine echte Systemreform und den Mut, über vierzig oder fünfzig Jahre alte Strukturen tatsächlich anzufassen.
„Für mich ist die Quintessenz ganz klar: Ich erwarte, dass die Politik sich bewegt, und ich erwarte, dass sich alle Akteure bewegen." — Annemarie Fajardo
Das Buch versteht sich deshalb bewusst als Anstoß zur gesellschaftlichen Debatte – allgemeinverständlich geschrieben, gestützt auf jahrzehntelange persönliche Erfahrungen. Es richtet sich an die Pflegenden selbst, die sich intensiver mit den Strukturen ihres eigenen Berufs beschäftigen sollen, ebenso wie an alle anderen. Denn jede und jeder kann sich fragen: Welchen Beitrag leiste ich zu dieser Gesellschaft – und wie wichtig ist mir, dass Gesundheit für uns alle erhalten bleibt? Die Pflegepioniere, bei denen Birgit Ehrenfels als Beraterin tätig ist, begleiten genau solche Entwicklungsprozesse. Der dringende Appell beider Autorinnen lautet trotzdem ganz schlicht: Organisiert euch, vernetzt euch, mischt euch ein.
Zum Weiterhören
- ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege
- ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege
- ÜG012 – Advanced Nursing Practice
Weiterführende Links & Shownotes
Heute sprechen wir mit Annemarie Fajardo und Birgit Ehrenfels.
Die beiden Expertinnen haben das Buch Existenzrelevant! geschrieben und berichten über den Weg von der Idee bis zur Umsetzung.
Sie berichten von Problemen in der Pflegelandschaft und zeigen gleichzeitig einen Weg auf, die sich Probleme lösen lassen und was es braucht für eine gute pflegerische Versorgung. Wir sprechen über die Rolle der Gesellschaft, ob wir gut versorgt sind und was das alles mit der Pflege-Ausbildung zu tun hat.
Shownotes
- Profil von Annemarie Fajardo
- Zum Buch: Existenzrelevant!
- Deutscher Pflegerat
- Pflegepioniere
