- Implizites Wissen entsteht nur durch Erleben, Beziehung und Reflexion.
- Erfahrungswissen und Evidenz sind zwei Seiten einer Medaille.
- Intuition braucht Grundkonstitution, Zeit und bewusste Reflexionsräume.
- Vorbilder prägen die berufliche Identität in der Pflege entscheidend.
- Der Generationenwechsel gefährdet wertvolles, oft unausgesprochenes Wissen.
Was du spürst, bevor du es benennen kannst
Du betrittst zu Dienstbeginn deine Station und merkst sofort: Heute ist die Atmosphäre eine andere als gestern. Angespannter. Woran genau machst du das fest? Diese Frage lässt sich oft kaum in Worte fassen – und genau darum geht es in einem Buch, das Erfahrungswissen langjähriger psychiatrisch Pflegender sichtbar macht. Zwei Pflegewissenschaftlerinnen haben 18 Interviews geführt, um jenes Wissen festzuhalten, das in keinem Fachbuch steht und das sonst leise mit einer ganzen Generation in den Ruhestand ginge.
Gitte Herwig verantwortet die Pflegeentwicklung in der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie im ZfP Emmendingen im südbadischen Raum, ist dort als Pflegeexpertin APN tätig und betreut zehn forensische Stationen. Nina Marquardt arbeitet seit 2019 an der Stabsstelle Pflegeentwicklung in der Pflegedirektion am Zentrum für Psychiatrie in Calw. Beide haben Pflegewissenschaft studiert – und ausgerechnet sie widmen sich einem Thema, das auf den ersten Blick ein Widerspruch zu Evidenz und Faktenwissen zu sein scheint.
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Wie aus Stehtisch-Geschichten ein Buchprojekt wurde
Die Idee entstand vor rund vier Jahren – nicht am Schreibtisch, sondern an Stehtischen. Nach Dienstjubiläen und Verabschiedungen in den Ruhestand, als der offizielle Teil vorbei war, begannen erfahrene Kolleginnen und Kollegen in informeller Runde, ihre Erinnerungen zu teilen: an bewegende Begegnungen mit Patient:innen, an heitere und an schwierige Momente. Diese Erzählungen berührten Gitte Herwig als Zeitzeugenberichte über die Anfänge der psychiatrischen Pflege.
„Diese Geschichten waren mal heiter, mal lustig, auch sehr bewegend. Aber eine Gemeinsamkeit hatten sie alle: Sie boten mir sehr tiefe Einblicke in die Anfänge der psychiatrischen Pflege.“ – Gitte Herwig
Herwig fragte Nina Marquardt, mit der sie sich über die Jahre immer wieder auf Kongressen begegnet war – und die sofort zusagte. Zusammen mit dem Psychiatrie Verlag entwickelte sich aus der ursprünglichen Idee eines internen Bandes ein Buch. Der Kontakt zur Übergabe entstand auf einer Fachtagung der Deutschen Fachgesellschaft für Psychiatrische Pflege (DFPP) in Köln.
Was nicht im Lehrbuchsteht
In persönlichen Berichten erzählen sie von ihrem Berufsalltag, von Herausforderungen, Begegnungen und Momenten, die ihre Haltung geprägt haben. Die Beiträge zeigen, was professionelle Pflege jenseits von Standards und Leitlinien ausmacht: Empathie und Intuition. Sie spiegeln den Wandel der psychiatrischen Versorgung »aus erster Hand« und machen deutlich, dass gelebte Erfahrung und wissenschaftliche Evidenz keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bereichern.
Das Buch „Was nicht im Lehrbuch steht“ erscheint im Psychiatrie Verlag. Weitere Einblicke bietet auch der Podcast „Yes, We Care“.
Was wirklich nicht im Lehrbuch steht
Fachbücher vermitteln reines Faktenwissen: Erkrankungen, Symptome, Behandlungsmethoden, Techniken. Ein Beispiel ist die klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers mit ihren bekannten Schlagworten wertschätzend, empathisch und kongruent. Doch wie diese Kommunikation in ihren feinen Nuancen im Alltag mit Patient:innen tatsächlich gelebt wird – das lässt sich kaum in Kapitel fassen.
Genau hier setzt das Buch an. Es geht um das Wissen, wie man scheinbar intuitiv in hochkomplexen Situationen handelt, wie man Freiräume nutzt, manchmal unkonventionell handelt und Patient:innen mit echter Herzlichkeit begegnet. Als Motto steht ein Satz von Michael Polanyi am Anfang: Wir wissen mehr, als wir zu sagen wissen.
„Pflege in der Psychiatrie ist weit mehr, als Techniken zu lernen und ein regelgeleitetes Fachwissen zu haben. Das ist auch wichtig – aber eben nicht alles.“ – Gitte Herwig
Dieses implizite Wissen bildet laut Pflegewissenschaftlerin Christa Olbrich die Grundlage für Pflegekompetenz. Es lässt sich nicht klar benennen oder begründen. Fragt man erfahrene Kolleg:innen, warum sie in einer Situation so gehandelt haben, lautet die Antwort oft schlicht: Es hat sich in dem Moment richtig angefühlt. Handlungen entstehen in kürzester Zeit, werden kognitiv verarbeitet und umgesetzt, ohne dass der Prozess dahinter erklärbar wäre. Im Buch kann dieses Wissen deshalb nur über die Geschichten selbst dargestellt werden.
Wie viel Erfahrung macht eine Expertin?
Auf theoretischer Ebene führt der Weg direkt zu Patricia Benner und ihrer Theorie from novice to expert. Sie beschreibt fünf Erfahrungsstufen: Ab drei bis fünf Jahren im selben Fachgebiet gilt man als erfahrene Pflegefachperson, ab fünf Jahren lässt sich die Expert:innenstufe erreichen. Entscheidend ist dabei: Nicht jede Person erreicht die höchste Stufe, und ein Fachgebietswechsel bedeutet, dass man gewissermaßen von vorn beginnt.
Doch Erfahrung ist keine reine Frage der Zeit. Wer nur die zeitliche Dimension betrachtet und sie nicht inhaltlich-qualitativ füllt, kann mit hohem Selbstvertrauen über zwanzig Jahre vieles falsch machen. Nina Marquardt bringt es auf den Punkt: Routine allein sagt nichts über Qualität aus.
Warum Reflexionsräume alles verändern
Damit aus Erleben echtes Erfahrungswissen wird, braucht es zwei Dinge: die reale Begegnung mit Patient:innen und die anschließende Reflexion. Ein Verständnis dafür, wie sich eine Depression anfühlt oder wie das Hören von Stimmen erlebt wird, entsteht nicht am Schreibtisch, sondern nur in einer vertrauensvollen, tragfähigen Beziehung.
Der zweite Schritt ist die Reflexion – und hier liegt das entscheidende Bindeglied zwischen Theorie und Praxis. Fallbesprechungen, Lerninseln für Auszubildende, Supervision: Erst in solchen Räumen wird implizites Wissen explizit und korrigierbar. Für deinen Arbeitsalltag heißt das: Ohne bewusste Reflexion kann sich auch falsches Handeln jahrelang verfestigen. Das Pflegeberufegesetz misst der Reflexion in der generalistischen Ausbildung deshalb einen hohen Stellenwert bei.
Pflegekompetenz nach Benner und Olbrich, die im Podcast von den Gästinnen zitiert werden, entwickelt sich ausschließlich in der praktischen Tätigkeit – ergänzt um das Nachdenken darüber. Das Skills Lab ist wichtig, ersetzt aber nicht das Doing und dessen Reflexion.
Evidenz und Erfahrung – zwei Seiten einer Medaille
Ist es nicht widersprüchlich, dass ausgerechnet Pflegewissenschaftlerinnen Erfahrungswissen sammeln? Herwig sieht darin keinen Gegensatz. Empirie bedeutet im Kern nichts anderes, als dass Wissen aus realen Erfahrungen entsteht – aus dem, was in der Praxis gelebt, beobachtet und über lange Zeit erprobt wird. Die Pflegewissenschaft nimmt dieses Wissen auf, untersucht es systematisch und entwickelt daraus Konzepte, die wieder in die Praxis einfließen.
„So entsteht ein lebendiger Kreislauf zwischen Erfahrung und Erkenntnis. Eigentlich widerspricht es sich gar nicht.“ – Gitte Herwig
Auch Behrens und Langer machen in ihrem bekannten Werk zu Evidence-Based Nursing deutlich: Gute Pflegepraxis besteht aus externer Evidenz – Studien und Theorien – und aus interner Evidenz, die das Erfahrungswissen umfasst. Konzepte wie das Recovery-Konzept oder die Idee des Holder of Hope zeigen den Übergang besonders schön: Was erfahrene Pflegende intuitiv taten – Hoffnung aufrechterhalten, auch stellvertretend für Patient:innen – wurde später wissenschaftlich gefasst und begründet.

Role Models, die sich selbst nicht so sahen
Die Interviewpartner:innen fanden sich über Berufsverbände wie den BFLK und die DFPP sowie über Klinikleitungen, die sofort wussten, wen sie fragen sollten. Das Spannende: Viele der Befragten nahmen sich selbst gar nicht als Vorbilder wahr und waren erstaunt über die Anfrage.
Was sie verband, war ein großer Enthusiasmus für ihre Arbeit, echtes Interesse am Menschen und ein bestimmtes Menschenbild – Patient:innen offen, mit aufrichtigem Interesse und in ihrer Würde zu begegnen. Ein Zitat blieb besonders haften: Kein Tag ist wie der andere und kein Mensch ist wie der andere.
Ob Intuition erlernbar ist? Die Befragten waren sich weitgehend einig: ein Stück weit ja, aber es braucht bestimmte Voraussetzungen. Genannt werden hohe Aufmerksamkeit, Sensibilität für Situationen und Bedürfnisse sowie Einfühlungsvermögen als Grundkonstitution. Dazu kommen Empathie, Selbstreflexion – und Mut.
„Ich muss den Mut haben, Entscheidungen auch dann umzusetzen, wenn sie von einer Norm oder einer alltäglichen Routine abweichen – gegenüber meinem Team und anderen Berufsgruppen.“ – Nina Marquardt
Vorbilder prägen – im Positiven wie im Negativen
Vorbilder sind, wie die Forschung von Bettina Flaiz zeigt, Grundpfeiler professioneller beruflicher Identität – besonders in der frühen Karrierephase, bei Auszubildenden und Berufseinsteiger:innen. Auch negative Vorbilder wirken: Wenn Auszubildende miterleben, wie Kommunikation nicht gelingt, fehlt ihnen oft der theoretische Hintergrund, um das einzuordnen.
Deshalb kommt den Praxisanleitenden eine Schlüsselrolle zu. Sie ordnen Erfahrungen ein, stellen den Bezug zum Fachwissen her und begründen Abweichungen von der Routine. Pflegekompetenz entsteht nicht durch reines Beobachten, sondern durch Reflexion im praktischen Tun.
Beziehung als Kern – und ihre schwer messbaren Effekte
Beziehungsarbeit ist der Kern psychiatrischer Pflege. Ihre Effekte lassen sich oft nicht unmittelbar feststellen oder messen. In der Forensik begleiten Pflegende Menschen manchmal über Jahre. Ein Gespräch, das nicht optimal läuft, zeigt seine Wirkung auf den Gesamtbehandlungsprozess erst viel später – anders als eine fehlerhaft durchgeführte Injektion, deren Folgen schneller sichtbar werden.
Diese Langfristigkeit macht psychiatrische Pflege besonders. Manchmal ist das richtige Handeln ein Nicht-Tun: zuhören, aushalten, da sein. Und Konzepte wie SafeWards sind letztlich manualisierte Haltung – entstanden aus der Untersuchung gelebter Praxis, etwa der Frage, welche Faktoren Aggression und Gewalt fördern. Ein solcher Faktor ist rigides, autoritäres Verhalten, das Patient:innen zum Objekt der Kontrolle macht statt zum Subjekt in einer Beziehung auf Augenhöhe.
Wissen sichern, bevor es geht
Mit dem anstehenden Generationenwechsel droht wertvolles Wissen verloren zu gehen. In der freien Wirtschaft ist das Problem unter Begriffen wie Wissenskonservierung und Wissenssicherung längst angekommen – mit Methoden von Checklisten über Mindmaps bis zum Storytelling. In der klinischen Praxis werden solche Ansätze bislang kaum genutzt.
Herwig und Marquardt plädieren für Generationentandems, Trainee-Konzepte mit längeren Übergangsphasen und Projekte wie „Azubis leiten eine Station“. Ihr Buch versteht sich als ein Baustein dieser Wissenssicherung. Zugleich ist es ein Aufruf an die nächste Generation, sich berufspolitisch zu engagieren – Pflegekammern, Berufsverbände, Studiengänge und Fachzeitschriften bieten heute Möglichkeiten, die es vor zwei Jahrzehnten nicht gab.
„Aufgeben ist keine Option. Wir haben es selbst in der Hand, in der eigenen Berufsgruppe unsere Geschicke zu lenken und Einfluss auf unsere Zukunft zu nehmen.“ – Gitte Herwig
Die Sorge bleibt: Unter steigendem Kostendruck und knapper Personalstruktur könnte künftig schlicht die Zeit fehlen, um jenen Wissenskorpus zu bilden, aus dem neue Konzepte entstehen. Das Beste aus beiden Welten – Erfahrungswissen und Evidenz – zu bewahren, ist deshalb mehr als ein Buchprojekt. Es ist eine Haltung, die Mut macht und für deinen Arbeitsalltag bedeutet: Deine Geschichte könnte die nächste sein, die einer jungen Generation den Weg weist.
Zum Weiterhören
- ÜG193 – Zeitreise durch die Pflegegeschichte (Prof. Dr. Christa Olbrich)
- ÜG091 – Recovery - ein Konzept der psychiatrischen Pflege (Florian Schumacher, Marie Gröninger & Simon Stiehl)
- ÜG126 – Safewards - ein Konzept für die psychiatrische Pflege (Prof. Dr. Michael Schulz)
Neues One-Minute-Wonder
Magda hat zu einem sehr wichtigen Thema ein übersichtliches One-Minute-Wonder gemacht. Es geht in dieser Woche um Frailty. Viel Spaß beim aufhängen und lernen 😉




