- Spahn zieht Bilanz, Vogler fordert bessere Bezahlung, verlässliche Personalausstattung und die PPR 2.0.
- Spahn setzt auf Personalmix und sieht Akademisierung nur als einen Baustein.
- Westerfellhaus und Wagner: Pflege braucht eine legitimierte Stimme und verbindliche Personalbemessung.
- Eine Auszubildende kritisiert die generalistische Ausbildung als überfrachtet und unausgewogen.
- Deutscher Pflegepreis 2021 für Walk of Care und Tobias Schlegel.
- Bienstein warnt vor Privatisierung und fordert eine Strukturreform der Krankenhäuser.
Diese Folge des PflegeUpdates ist eine Spezialausgabe: Das Team des Übergabe-Podcasts war zu Gast und hat den ersten Tag des Deutschen Pflegetags 2021 in Berlin begleitet. Wir fassen für dich zusammen, welche Themen die Veranstaltung am 13. Oktober 2021 prägten – von der Eröffnungsbilanz bis zum Deutschen Pflegepreis. Bedenke dabei: Vieles spiegelt den damaligen Stand kurz nach der Bundestagswahl wider, als die Regierungsbildung noch offen war.
Eröffnung: Spahn zieht Bilanz, Vogler stellt Forderungen
Den Auftakt bildete die Eröffnungsveranstaltung, die von Annemarie Fajardo, der Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerats, moderiert wurde. Als Gast kam der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kurzfristig persönlich vor Ort und ließ seine Legislaturperiode Revue passieren. Der Rückblick fiel ambivalent aus: Spahn verwies auf zahlreiche Gesetze und Verordnungen, während im Publikum spürbar war, dass viele dieser Maßnahmen in der Praxis bei den Pflegefachpersonen bislang nicht angekommen seien.
In ihrer berufspolitischen Rede formulierte die neue Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler, deutliche Forderungen – viele davon greifen wir im Podcast immer wieder auf. Genannt wurden eine bessere Bezahlung (die Marke von 4.000 Euro fiel), eine verlässlichere Personalausstattung und Kritik daran, dass die Personalbemessung nach der PPR 2.0 zum damaligen Zeitpunkt nicht einmal als Übergangsinstrument eingeführt worden war. Vogler machte deutlich, dass es noch Jahre dauern könne, bis politische Maßnahmen tatsächlich in der Versorgung am Bett spürbar werden – ein häufiger Grund für Unmut im Berufsfeld.
Beide betonten ein wiederkehrendes Problem: Der Politik fehle oft ein klarer Ansprechpartner, der für die beruflich Pflegenden spricht. Als Höhepunkt empfanden die Hosts die Ehrung jener Menschen, die sich seit Jahren für die Errichtung von Pflegekammern in den Bundesländern einsetzen. Bewegend war außerdem eine Schweigeminute für die Kolleg:innen, die im Verlauf der Pandemie an Covid-19 erkrankt und verstorben sind.
Spahn zu Personalmix und Akademisierung
Im Anschluss an seinen Auftritt gab Spahn auf dem Weg aus dem Saal noch ein kurzes Statement. Auf die Frage nach einer besseren Gestaltung der Kompetenzbereiche betonte er den richtigen Personalmix: Eine hundertprozentige Pflegefachkraftquote in Pflegeheimen mache den Beruf aus seiner Sicht nicht attraktiver. Stattdessen brauche es ein Zusammenspiel aus Pflegefachpersonen, Assistenz- und Betreuungskräften sowie Heilmittelerbringer:innen – im Krankenhaus ebenso wie in der Altenpflege.
Auch die Akademisierung ordnete Spahn als einen von mehreren Bausteinen ein. Sie eröffne Entwicklungsperspektiven und stärke die Pflegewissenschaft, sei aber aus seiner Sicht nicht für jede Pflegeperson der richtige Weg. Wichtiger sei ihm, dass Vertrauen in die Verlässlichkeit von Entscheidungen entstehe – etwa, dass geschaffene Stellen dauerhaft besetzt würden und mehr Kolleg:innen hinzukämen.
Wer spricht für die Pflege? Westerfellhaus und Wagner zur kommenden Legislaturperiode
Ein zentrales Thema des Tages war die offene Frage, wie sich die künftige Regierung zusammensetzt und welche pflegepolitischen Schwerpunkte zu erwarten sind. Der damalige Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, signalisierte, dass er seine Arbeit gern fortsetzen würde. Als zentrale Punkte nannte er veränderte Rahmenbedingungen: mehr Berufsautonomie, eigenständiges Arbeiten, klar beschriebene Karrierewege und eine bessere Unterstützung in Ausbildung und Studium. Er verwies auf wiederkehrende Befragungsergebnisse, wonach viele ehemals Pflegende unter besseren Bedingungen in den Beruf zurückkehren würden.
Westerfellhaus griff zudem Spahns Hinweis auf den fehlenden Ansprechpartner auf. Aus seiner Erfahrung sei stets die Frage offen geblieben, wer in Deutschland legitimiert für die Pflege spreche – Kranken- und Pflegekassen, Gewerkschaften, Arbeitgeber und Wohlfahrtsverbände beanspruchten dies für sich, nicht aber die Berufsgruppe selbst. Sein Fazit: Es brauche beides, eine starke Interessenvertretung in der Regierung und legitimierte Stimmen wie Pflegekammern.
Franz Wagner, langjähriger Geschäftsführer des DBfK und früherer Präsident des Deutschen Pflegerats, betrachtete die Lage von der anderen Seite. Er hielt der Politik vor, frühere Warnungen zur demografischen Entwicklung verschlafen zu haben, und forderte eine verbindliche Personalbemessung mit definierter Linie – nicht im Sinne von Untergrenzen, sondern als Maßstab für eine vernünftige Versorgung, die innerhalb weniger Jahre eingehalten werden müsse. Mit Blick auf den Fachkräftemangel mahnte er, der Beruf müsse über bessere Rahmenbedingungen, mehr Autonomie, mehr Stellen und bessere Bezahlung attraktiver werden, um Menschen zu gewinnen und im Beruf zu halten.
Generalistische Ausbildung in der Praxis: Eindrücke aus dem ersten Jahrgang
Neben der Berufspolitik kamen auch Besucher:innen zu Wort. Besonders aufschlussreich war das Gespräch mit Antonia, einer Auszubildenden aus Berlin, die zum ersten Jahrgang der generalistischen Pflegeausbildung gehört und im April 2020 begonnen hat – unter Pandemiebedingungen. Sie schilderte, dass Schulen und Einrichtungen mit dem neuen Modell teils überfordert seien und dass drei zuvor jeweils dreijährige Ausbildungsberufe nun in drei Jahren gebündelt würden.
Kritisch sah sie vor allem die Gewichtung der Einsätze: Mit nur wenigen Wochen Pädiatrie lerne man diesen Bereich kaum kennen, was die Entscheidung für die Kinderkrankenpflege erschwere. Auch beobachtete sie, dass das ursprüngliche Ziel der Generalistik – mehr Durchlässigkeit zwischen den Versorgungsbereichen – in ihrem Umfeld eher umgekehrt wirke: Statt Auszubildende aus dem Krankenhaus in die Langzeitpflege zu ziehen, entschieden sich viele zusätzlich für das Krankenhaus. Ihr wichtigster Wunsch für die Zukunft war eindeutig: mehr Personal, damit Pflegende nicht die Arbeit mehrerer Menschen übernehmen müssen.
Deutscher Pflegepreis 2021: Walk of Care und Tobias Schlegel ausgezeichnet
Am Abend wurde der Deutsche Pflegepreis in mehreren Kategorien verliehen. Der Innovationspreis ging an die AWO Karlsruhe für ein Projekt der Quartierspflege, ein Nachwuchspreis würdigte ein Projekt zum Thema „Kommunikation statt Kontrolle". In der Kategorie Vielfalt und Respekt wurde ein Berliner Pflegezentrum für diversitätssensible Pflege im Alter ausgezeichnet, als „Freund der Pflege" wurde der Moderator, Autor und Notfallsanitäter Tobias Schlegel geehrt.
Der Hauptpreis des Deutschen Pflegerats ging an die Aktionsgruppe Walk of Care, die 2016 als Berliner Pflegestammtisch begann und seither am 12. Mai jährlich für bessere Bedingungen demonstriert. Im Gespräch beschrieben die Aktiven die Auszeichnung als große Wertschätzung – betonten aber auch, dass aus der Politik bislang kaum Rückmeldung auf ihre fünf Forderungen gekommen sei, die sie weiterhin in die laufenden Koalitionsverhandlungen einbringen wollten.
Tobias Schlegel gab der Pflege vor allem zwei Dinge mit auf den Weg: mehr Selbstbewusstsein und Organisation. Es brauche ein gemeinsames Auftreten statt Neiddebatten – ähnlich wie es Walk of Care vormache – sowie eine stärkere gewerkschaftliche Organisation, um politischen Einfluss zu gewinnen. Gleichzeitig kritisierte er, dass strukturelle Missstände so gravierend seien, dass bereits Auszubildende protestieren müssten. Über seinen Einsatz in der Seenotrettung berichtete er außerdem, dass dort dringend Pflegefachpersonen für die medizinische Versorgung an Bord gebraucht würden.
Christel Bienstein über Privatisierung und Krankenhausstrukturen
Zum Abschluss des Tages zog Christel Bienstein, Präsidentin des DBfK und Mitglied im Deutschen Pflegerat, ein positives Fazit zum Auftakt – und hoffte, dass sich künftig mehr Menschen in der Pflege organisieren. Mit Blick auf die Pandemie betonte sie, dass der Personalmangel das eigentliche Nadelöhr der Versorgung sei und auch von Intensivmediziner:innen und Immunolog:innen als zentrales Problem benannt werde.
Aus der zurückliegenden Legislaturperiode wertete sie das gesetzlich verankerte wissenschaftliche Personalbemessungsinstrument – die Arbeiten von Heinz Rothgang – als Fortschritt, kritisierte aber strategische Fehler wie das Anwerben unqualifizierter Kräfte für die Altenpflege. Pflegefachpersonen müssten stärker steuernde Aufgaben übernehmen und von berufsfremden Tätigkeiten entlastet werden, um Personal sinnvoll im multiprofessionellen Team einzusetzen.
Deutlich positionierte sich Bienstein gegen die zunehmende Privatisierung im Gesundheitswesen: Bei rund der Hälfte der Kliniken und vieler Pflegeeinrichtungen in privater Trägerschaft drohe ein zu großer Einfluss renditeorientierter Investoren. Gesundheit gehöre wie Bildung zu den staatlichen Aufgaben. Zugleich sprach sie sich für eine Strukturreform aus – weg von vielen kleinen Krankenhäusern hin zu einer besseren Bündelung – sowie für einen Zusammenschluss der Sozialgesetzbücher.
Zum Weiterhören
- ÜG011 – Walk of Care, MDK Reformgesetz (Interview A. Fajardo), Care-Card, Pflege-Gewerkschaft
- ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann)
- ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein? – Live vom Deutschen Pflegetag 2024
Quellen
- Deutscher Pflegetag (deutscher-pflegetag.de)
- Deutscher Pflegerat (deutscher-pflegerat.de)
- Bundesverband Pflegemanagement (bv-pflegemanagement.de)
- Deutscher Pflegetag: Verbände fordern Reform der Pflege (tagesschau.de)
