- Führung in der Pflege heißt Rahmen setzen statt selbst am Bett zu stehen.
- Rassismus in der Pflege betrifft Patient:innen wie Pflegende – und die ganze Gesellschaft.
- Das Projekt COSTA bringt Community Health Nursing nach Hamburg-Veddel.
- Ein Projekt des Pflegebevollmächtigten erprobt Instrumente für bessere Arbeitsbedingungen.
- Nach dem Charité-Streik bleibt die Frage nach verlässlicher Personalbemessung.
Diese Folge des PflegeUpdates ist eine Sonderausgabe: Aufgenommen wurde sie live am zweiten Tag des Deutschen Pflegetags 2021. Statt einzelner Nachrichten geht es diesmal um die Themen, die auf dem Kongress die Vorträge und Gespräche bestimmt haben – von Führung über Rassismus bis zum Charité-Streik. Wir haben sie für dich nach Themen sortiert.
Führung in der Pflege: Rahmen setzen statt selbst am Bett stehen
Im Mittelpunkt eines Vortrags von Sabrina Rosius, Geschäftsführerin beim Bundesverband Pflegemanagement und langjährige Stationsleitung einer Intensivstation, stand die Frage, was Führung gerade in Krisenzeiten leisten muss. Ihr klares Statement: Wer führt, kann nicht gleichzeitig Patient:innen versorgen. Aufgabe einer Stationsleitung sei es, die Rahmenbedingungen zu schaffen und zu evaluieren, damit gut gepflegt werden kann – nicht, selbst im Nacht- oder Wochenenddienst einzuspringen, weil sonst das Gehalt nicht reicht.
Für die Pandemie beschrieb sie, wie wichtig es war, dass die Führung handlungsfähig blieb und Sicherheit vermittelte, statt mitzujammern. Geholfen habe, sich die zentralen „Säulen" der Station bewusst zu machen: die fachliche Expertise zum Krankheitsbild, eine verlässliche Dienstplanung sowie die Schnittstellen zu Pflegedirektion, ärztlichem Dienst, Therapie und anderen Bereichen. In dieser Zeit seien Hierarchien flacher geworden und die Identifikation mit dem Beruf gewachsen.
Bemerkenswert war ihre Einordnung der heute oft beklagten Erschöpfung: Diese hänge ihrer Erfahrung nach weniger an gehäuften Überstunden als an wegfallenden privaten und sozialen Entlastungen nach der akuten Pandemiephase. Für Pflegefachpersonen relevant ist auch ihr Plädoyer für das mittlere Management: Attraktiv werde diese Ebene erst, wenn der Gestaltungsspielraum sichtbar wird – bei Material, Dienstplan, Vergütung und Teamklima – und nicht der Dienstplan nebenbei erledigt werden muss. Führung brauche ein klares Kompetenzprofil, das sich aus Erfahrung und Qualifikation speisen könne; die größte Fachexpertise müsse die Leitung dabei nicht selbst mitbringen.
Rassismus in der Pflege: ein Thema, das alle angeht
Prof.in Miriam Tariba Richter von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg ordnete in ihrem Vortrag ein, was Rassismus im pflegerischen Alltag bedeutet. Sie unterschied dabei mehrere Ebenen: strukturellen Rassismus, der etwa über Gesetze gesundheitliche Leistungen unterschiedlich zugänglich macht, institutionellen Rassismus in Einrichtungen sowie interpersonellen Rassismus – etwa wenn Pflegende aufgrund ihrer Hautfarbe abgelehnt werden oder selbst diskriminierende Erfahrungen machen.
Ihr zentraler Punkt: Rassismus betrifft nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern die ganze Gesellschaft. In Anlehnung an die Autorin Kübra Gümüşay argumentierte sie, dass Veränderung nur gelingt, wenn sich nicht jede Gruppe allein für ihr Anliegen starkmacht, sondern Verbündete gemeinsam an Ausgrenzungsmechanismen arbeiten. Konkret brauche es in Einrichtungen verlässliche Anlaufstrukturen – Beschwerdemanagement, Beratungs- und Unterstützungsangebote – sowie Menschen, die Betroffene schützen und deren Erfahrungen anerkennen, ohne sie zu hinterfragen.
Für die Pflege ist das hochaktuell: Mit der politisch forcierten Anwerbung von Pflegefachpersonen aus dem Ausland wird die Branche vielfältiger. Tariba Richter betonte, dass es dafür mehr braucht als sprachliche und fachliche Vorbereitung – nämlich eine Sensibilisierung auf beiden Seiten: bei den ankommenden Personen ebenso wie in der aufnehmenden Praxis.
Community Health Nursing: das Projekt COSTA in Hamburg-Veddel
Ergänzend zu einem Vortrag von Prof. Frank Weidner und Lea Mewis zum Bedarf an Community Health Nursing in Deutschland stellte Lukas Weithaus das Projekt COSTA im Hamburger Stadtteil Veddel vor. Der Stadtteil ist geprägt von geringen Einkommen, hoher Krankheitslast und einer dünnen Versorgungsstruktur – und stark migrantisch geprägt. Viele Menschen wissen nicht, welche Leistungen ihnen zustehen; manche pflegen Angehörige jahrelang, ohne von Ansprüchen gegenüber der Pflegekasse zu wissen.
Nach einer Bedarfserhebung entwickelte das Team ein Versorgungskonzept mit drei Aufgabenfeldern: dem Management chronischer Erkrankungen samt Koordination und Beratung, der pflegerischen Begleitung der Menschen ambulant wie stationär sowie Prävention und Gesundheitsförderung mit Bevölkerungsbezug. Zum Zeitpunkt der Folge bestand das Projektteam aus drei Personen, die wissenschaftliche Begleitung war im Aufbau und eine randomisiert-kontrollierte Studie damals geplant. Die Vision: eine verstetigte CHN-Einheit, in der unterschiedliche Qualifikationsniveaus – darunter Master-Absolvent:innen – zusammenarbeiten und Versorgungslücken im Stadtteil schließen.
Gute Arbeitsbedingungen in der Langzeitpflege
Annemarie Fajardo, Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerats, berichtete über ein Pilotprojekt des damaligen Pflegebevollmächtigten Andreas Westerfellhaus zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Auslöser waren Rückmeldungen von Menschen, die den Beruf verlassen hatten und bei besseren Bedingungen zurückkehren würden. Übergeordnetes Ziel war es, Pflegefachpersonen über mehr Arbeitszufriedenheit im Beruf zu halten – ein Faktor, den jede Person individuell definiert.
Im Projekt wurden 25 voll-, teilstationäre und ambulante Einrichtungen in allen Bundesländern beraten, entlang der Handlungsfelder Arbeitsort, Arbeitszeit und Arbeitsorganisation. Ein praktisches Beispiel: ein Leitfaden zur Arbeitsorganisation, der Einrichtungen erstmals dazu brachte, ihre Dienst- und Einsatzplanung bewusst zu reflektieren. Wichtig war Fajardo, dass Verantwortung nicht allein bei der Leitung liegt, sondern Teams, Schicht- oder Tourleitungen mitgestalten – ein Schritt weg von starren Hierarchien.
Zum Zeitpunkt der Folge war ein Nachfolgeprojekt bis 2023 geplant, das rund 750 Einrichtungen erreichen sollte. Fajardo skizzierte zwei Linien: die Weiterentwicklung der Instrumente und Führungskompetenzen sowie eine mögliche Übertragung auf das komplexere klinische Setting. Ihr Anliegen, das du als Pflegefachperson mitnehmen kannst: Selbstorganisation und Managementkompetenzen sollten stärker schon in Ausbildung und Studium verankert werden, damit Einrichtungen sich nach punktueller Beratung selbst weiterhelfen können. Wer Interesse an einem Austausch hat, findet die Kontaktmöglichkeiten von Annemarie Fajardo online.
Virtual und Augmented Reality in der Pflegeausbildung
Ein weiteres Gespräch drehte sich um immersive Technologien in der Aus- und Weiterbildung – vertreten durch das Projekt „stell dir vor". Die Grundidee: Pflege ist praktisch, aber für Weiterbildung bleibt im Alltag kaum Zeit. Mit Virtual-Reality-Brillen und Augmented Reality lassen sich Situationen sicher nachbauen – inklusive Stress und gleichzeitig ablaufender Aufgaben. So können Lernende Fehler machen, ohne dass reale Konsequenzen für Patient:innen entstehen, und Handlungsroutinen aufbauen, die sie auch in unerwarteten Lagen ruhiger handeln lassen.
Genannt wurde das Beispiel einer Blutzuckermessung, die sich in 46 Einzelschritten virtuell durchlaufen lässt. Klare Grenzen sieht das Projekt beim haptischen Feedback – etwa beim Setzen einer Nadel – und versteht VR-Lernen ausdrücklich als Ergänzung, nicht als Ersatz für persönliche Interaktion und Präsenzanteile. Als Hürden für die Verbreitung im Gesundheitswesen wurden die teils schwache digitale Infrastruktur, fehlende Aufklärung und die ungeklärte Finanzierung benannt. Zum Zeitpunkt der Folge sah die Vertreterin den Durchbruch zunächst im privaten Bereich; flächendeckende Standards lägen noch in weiterer Ferne.
Nach dem Charité-Streik: Tarifeinigung und die Frage der Personalbemessung
Weil das PflegeUpdate auch live vom Pflegetag ein Nachrichtenformat bleibt, kam der damals frisch beigelegte Streik an der Charité und bei Vivantes zur Sprache. Judith Hepe, Pflegedirektorin der Charité, bewertete es als positiv, dass die Pflege wehrhafter werde. Während des Streiks habe ein gemeinsames Streikteam aus Pflegeleitungen und gewerkschaftlichen Koordinator:innen dafür gesorgt, dass keine Patient:innen gefährdet wurden.
Das Streikmotiv – verlässliche Personaluntergrenzen – könne sie nachvollziehen. Zugleich verwies sie auf die Schwierigkeit, in einem auf drei Jahre angelegten Tarifvertrag belastbar viel neues Personal zuzusagen. Langfristig hält sie reine Bettenschlüssel für ungeeignet und plädierte für ein Instrument, das den tatsächlichen Pflegeaufwand qualitativ erfasst. Mit Blick auf die Rolle der Pflege grenzte sie Gewerkschaften und eine Bundespflegekammer voneinander ab: Beide hätten unterschiedliche Aufgaben, wobei die fachliche Ausrichtung eher bei einer Kammer liege. An der Charité setze man zudem gezielt auf Empowerment und Rhetorik-Trainings, damit Pflegende ihre Positionen sachlich vertreten können – sowie auf einen Qualifikationsmix bis hin zu Bachelor-Absolvent:innen mit erweitertem Tätigkeitsprofil.
Eine zweite Perspektive lieferte Tiana Schulz, Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer neurologisch-neurochirurgischen Intensivstation und Studentin der klinischen Pflege an der Akkon-Hochschule Berlin. Sie schilderte, dass im Team beide Haltungen zum Streik vertreten waren. Die Forderungen unterstütze sie grundsätzlich, sehe das Mittel Streik allein aber nicht als idealen Weg. Sie wünscht sich, dass die Pflege breiter auftritt – über Berufsverbände, junge Pflege und vor allem eine Pflegekammer in Berlin und auf Bundesebene. Vielen Kolleg:innen sei oft nicht klar, welche Wege es neben dem Streik gibt.
Junge Pflegekongress: Auszubildende stärken
Lina Gürtler und Johannes Wünsche von der Jungen Pflege Nordost des DBfK berichteten vom Jungen Pflegekongress, der wegen der pandemischen Lage komplett digital stattfand. Das Programm war diesmal rund um Corona aufgebaut: selbstorganisiertes Lernen, ein Webinar zur Motivation im Homeoffice, ein Erfahrungsbericht eines an COVID-19 erkrankten Pflegenden sowie Input der BGW zur Anerkennung als Berufskrankheit. Weil durch den Wechsel von Präsenz auf digital Ausbildungsinhalte wie die Wundbeobachtung verloren gegangen seien, holten die Organisator:innen dafür eigens einen Experten dazu.
Der Kongress richtet sich vor allem an Auszubildende und will Kompetenzen vermitteln, die im Unterricht oft zu kurz kommen, und früh Kontakt zu berufspolitisch Engagierten herstellen. Die Botschaft an junge Pflegende: Es ist leicht, sich einzubringen – etwa über die Arbeitsgruppen des DBfK – und es lohnt sich, sich in Berufsverband oder Gewerkschaft zu organisieren. Einzelne Personen werden die Pflege nicht retten; Veränderung gelingt nur gemeinsam.
Zum Weiterhören
- ÜG083 – Rassismus in der Pflege (Prof.in Dr.in Miriam Tariba Richter)
- ÜG085 – Der Tarifvertrag der Charité (Carla Eysel & Dana Lützkendorf)
- ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation
Quellen
- Deutscher Pflegetag (deutscher-pflegetag.de)
- Deutscher Pflegerat (deutscher-pflegerat.de)
- Bundesverband Pflegemanagement (bv-pflegemanagement.de)
- Projekt des Pflegebevollmächtigten zu Arbeitsbedingungen in der Pflege (pflegebevollmaechtigter.de)
- Kontaktdaten Annemarie Fajardo (annemarie-fajardo.de)
- Kontaktdaten von Sabrina Roßius (linkedin.com)
- Arbeitszeitmodell von Sabrina Roßius (alexianer-verbund.de)
- Kontaktdaten von Prof. Dr. Miriam Richter (haw-hamburg.de)
- Projekt "Stell dir vor" (stelldirvor.jetzt)
- Projekt "Community Health Nursing in der Stadt" (haw-hamburg.de)
