- Symptom-Checklisten gelten für Patient:innen, Angehörige und Personal gleichermaßen.
- FFP2-Masken schützen vor dem Virus, einfacher OP-Mundschutz schützt vor Weitergabe.
- Selbstgenähte Masken sind im Gesundheitswesen ungeeignet und wiegen in falsche Sicherheit.
- Ausfallkonzepte und Teambildung sichern die Versorgung bei hohen Krankenstandsquoten.
- Gute Basishygiene ist gegen Corona genauso wirksam wie gegen Influenza.
Als im März 2020 das Coronavirus immer weiter um sich griff, war vieles unklar: Wie schützt sich Pflegepersonal? Welche Strategien brauchen Krankenhäuser, Heime und ambulante Dienste? Und reicht die Schutzausrüstung überhaupt? In dieser Sonderfolge unseres Podcasts haben wir mit Bernd Gruber gesprochen – Hygienemanager, Gesundheits- und Fachkrankenpfleger sowie Diplom-Pflegewirt aus Osnabrück. Er kennt die Lage aus erster Hand: an der Basis im Krankenhaus, im Austausch mit dem Robert-Koch-Institut und im täglichen Ringen um Masken und Material. Was er uns damals erzählt hat, zeigt eindrücklich, wie eine Pandemie das gesamte Versorgungssystem gleichzeitig herausfordert.
Drei Welten, ein gemeinsames Ziel
Bernd unterscheidet drei große Versorgungsbereiche: die Krankenhäuser, die Pflegeheime und Altenpflegeeinrichtungen sowie die ambulante Pflege. In den Kliniken liegen die Menschen mit den deutlichsten Symptomen – und auf den Intensivstationen, bei beatmeten Patient:innen, ist die Viruslast am höchsten. In der Langzeitpflege und in der Häuslichkeit treffen Pflegefachpersonen dagegen auf eine ganz andere Gemengelage: vulnerable Menschen, Angehörige, Mitbewohner:innen und ein Personal, das selbst Träger sein kann.
Der gemeinsame Dreh- und Angelpunkt ist für ihn das Erkennen von Symptomen. Sein dringender Appell: Jede Einrichtung sollte eine Checkliste parat haben – im Kopf oder auf Papier. Gefragt wird nach Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Schnupfen, nach Reisen in den letzten 14 Tagen sowie nach Kontakten zu Menschen in Quarantäne oder mit nachgewiesener Infektion. Wichtig dabei: Diese Fragen gelten nicht nur den zu Pflegenden, sondern ausdrücklich auch den Angehörigen und dem Personal selbst.
„Wenn ich als Mitarbeiter selber von diesen Symptomen etwas habe, dann muss ich mir natürlich Gedanken machen – ich kann genauso gut Corona-Träger sein." — Bernd Gruber
Maske ist nicht gleich Maske
Ein zentrales Thema des Gesprächs: der Unterschied zwischen den Schutzarten. Bei Patient:innen mit dringendem Corona-Verdacht braucht es eine FFP2-Maske – nur sie hält das Virus zuverlässig zurück. Der einfache dreilagige Mund-Nasen-Schutz, den die meisten als grüne oder blaue Variante mit Ohrschlaufen kennen, schützt die Träger:innen selbst nicht vor dem Virus. Seine Funktion ist eine andere: Wer ihn trägt und unbemerkt kolonisiert ist, hält seine eigenen Tröpfchen zurück und gibt das Virus seltener weiter.
Genau deshalb empfiehlt Bernd, dass möglichst alle Mitarbeitenden mit Patient:innenkontakt durchgehend einen Mund-Nasen-Schutz tragen – auch in der ambulanten Pflege. Der Grund ist beunruhigend einfach: Rund 80 Prozent der Infizierten erkranken kaum spürbar, ein bisschen Kopf- und Gliederschmerz, das man für eine anstrengende Woche hält. Und die Ausscheidung des Erregers beginnt oft schon Tage vor den ersten Symptomen. In der ambulanten Pflege rät er zu einem praktischen Vorgehen: pro Schicht zwei Masken, die zwischen den Hausbesuchen im Auto trocknen können, dazu konsequente Händedesinfektion – damit Pflegefachpersonen nicht selbst zur Brücke zwischen den Haushalten werden.
Warum selbstgenähte Masken nicht in die Klinik gehören
Schon damals sprossen überall Näh-Initiativen aus dem Boden. Für die allgemeine Bevölkerung findet Bernd das gut: Eine Stoffmaske verbessert die Hustenetikette und hält Menschen davon ab, sich ständig ins Gesicht zu fassen. Im Gesundheitswesen aber zieht er eine klare Grenze. Die Qualitätsanforderungen an einen dreilagigen OP-Mund-Nasen-Schutz seien mit einem zugeschnittenen Bettlaken schlicht nicht zu erfüllen. In einem Test seiner Einrichtung sei eine ordentlich genähte Maske nach dem Waschen kaputtgegangen – Drähte traten an der Seite aus. Sein Fazit: Wer für Tante, Onkel oder Nachbarn näht, darf das gern tun. Im professionellen Umfeld aber kann unqualifiziert genähtes Material eine gefährliche Scheinsicherheit erzeugen.
Wenn das Personal selbst zum Risiko wird
Was passiert, wenn sich Pflegende oder Ärzt:innen infizieren? Hier unterscheidet Bernd zwischen den Regeln für die allgemeine Bevölkerung und denen für medizinisches Personal. Wer außerhalb des Gesundheitswesens ungeschützten Kontakt zu einem Fall hatte, wird vom Gesundheitsamt für 14 Tage in häusliche Quarantäne geschickt. Für das Personal galt – nach den damaligen Vorgaben des Robert-Koch-Instituts – eine angepasste Regelung: Ohne Symptome durften die Betroffenen mit Mund-Nasen-Schutz weiterarbeiten und wurden erst bei Symptomen getestet und aus dem Verkehr gezogen. Erschwerend kam hinzu, dass parallel auch die Influenza-Saison lief – manch ein Verdachtsfall stellte sich als Grippe heraus.
Wird tatsächlich jemand positiv getestet, erstellt das Gesundheitsamt eine Kontaktpersonenliste. Die Kontakte werden in Kategorien eingeteilt – am höchsten ist das Risiko bei engem, ungeschütztem Kontakt unter 1,5 Metern bei besonders riskanten Tätigkeiten wie Absaugen, Intubation oder Bronchoskopie. Bernds praktischer Rat an die Kolleg:innen: sofort aufschreiben, mit wem man Kontakt hatte – denn nach fünf Tagen erinnert sich kaum noch jemand zuverlässig.
Ausfallkonzepte: Planen für den Ernstfall
Normalerweise rechnen Einrichtungen mit einer Ausfallquote von rund 18 bis 22 Prozent durch Urlaub und Krankheit. In der Pandemie, so Bernd, müsse man eher mit 30 bis 40 Prozent kalkulieren – und genau dafür braucht es Ausfallkonzepte. Das damals gelockerte Arbeitszeitrecht erlaubte unter anderem Zwölf-Stunden-Schichten. Besonders das Thema Teambildung griff er auf: Eine strikte Trennung von Teams ergibt Sinn, lässt sich aber nie zu hundert Prozent durchhalten, weil sich spätestens bei der Übergabe zwei Teams begegnen. Wichtiger sei es, genau diese Übergabesituationen zu entzerren – mehr Abstand oder konsequent Maske.
Im Krankenhaus funktioniert die Aufstockung der Intensivkapazitäten über ein Stufenmodell der Qualifikation. Weil planbare Eingriffe heruntergefahren wurden, konnte Personal von Normalstationen in Überwachungsbereiche nachrücken und dort grundpflegerische Tätigkeiten übernehmen, während die Fachpflege die komplexen Aufgaben verantwortet. So „wandert" Qualifikation nach oben – unterstützt durch Mitarbeitende aus dem OP- und Anästhesiebereich und aus benachbarten Kliniken.
„Ich habe noch nie einen so starken Zusammenhalt gesehen zwischen den verschiedenen Berufsgruppen. Ohne Pflege läuft kein Krankenhaus, und ohne Pflege gibt es keine Corona-Versorgung." — Bernd Gruber
Mangelverwaltung statt Just-in-Time
Den dramatischen Mangel an Schutzausrüstung beschreibt Bernd schonungslos. Eine seiner Hauptaufgaben war es zu dieser Zeit, gemeinsam mit dem Einkauf Angebote zu prüfen – darunter auch unseriöse, deren Qualität nicht den Normen entsprach. Sein Warnruf: Niemand dürfe sich in falsche Sicherheit wiegen lassen, jede FFP2-Maske müsse die Anforderungen der Arbeitssicherheit erfüllen.
Die Gründe für die Engpässe sind vielschichtig: niedrige Lagerbestände aufgrund des Sparzwangs, Exportverbote mehrerer Länder, Lieferwege, die an geschlossenen Grenzen endeten, und eine weltweit explodierte Nachfrage. Dazu kam der Preis: Kostete eine FFP2-Maske vorher 60 bis 80 Cent, lag sie nun bei sechs bis acht Euro. Diese Preisentwicklung nennt Bernd ethisch nicht vertretbar und wünscht sich hier ein Eingreifen des Gesetzgebers. Eines aber stellt er klar: Material gespart wird nicht beim Schutz der Mitarbeitenden.
„Ich lasse keinen Mitarbeiter ohne entsprechende Schutzkleidung in die Patientenversorgung gehen. Denn wenn der erkrankt, dann fehlt er mir ja auch." — Bernd Gruber
Um Material zu strecken, trugen die Beschäftigten ihre FFP2-Maske eine Schichtlänge – mit einem persönlichen Markierungssystem an festen Haken, damit niemand versehentlich die Maske einer anderen Person nahm. In komplett abgetrennten Isolierbereichen, in denen ausschließlich bestätigt positive Patient:innen lagen, konnte dieselbe Maske von Person zu Person genutzt werden. Bernd erinnerte zugleich daran, dass nicht nur Masken knapp waren, sondern auch Beatmungsgeräte und Geräte für die ECMO-Therapie – Betten allein retten niemanden.
Die vergessene Langzeitpflege
Während die Medien vor allem über Intensivplätze und Beatmungsgeräte sprachen, betonten wir im Gespräch das hohe Risiko in der Langzeitversorgung – mit den vielen vulnerablen Menschen in Heimen und in der Häuslichkeit. Bernd stimmte zu: Auch hier müsse geschützt werden, ein normaler Mund-Nasen-Schutz beim Personal leiste dabei viel. Entscheidend sei vor allem die „Außenisolierung" – also konsequent abzufragen, was und wer in die Einrichtung hineinkommt. Innerhalb des Hauses, etwa bei Menschen mit Demenz, die sich frei bewegen, lasse sich Bewegung nicht völlig verhindern; umso wichtiger sei eine solide Basishygiene. Diese, so betont er, wirke gegen Corona genauso wie gegen Influenza oder Noroviren – sie hätte ohnehin längst überall optimiert sein müssen. Hilfreiche Hinweise dazu lieferten damals die Seiten des RKI.
Zahlen, Wellen und der Blick ins Ausland
Zum Aufnahmezeitpunkt lagen die gemeldeten Fallzahlen in Deutschland bei rund 50.000 bestätigten Infektionen und vergleichsweise wenigen Todesfällen. Beim Blick auf die interaktive Übersichtskarte und die Daten der Johns Hopkins University wurde deutlich, wie unterschiedlich die Quellen zählen und wie stark Meldewege das Bild verzögern. Bernd mahnte zur Vorsicht: Die niedrige Sterblichkeit liege auch daran, dass das System die Patient:innen damals noch optimal versorgen konnte. Bei einer durchschnittlichen Intensivliegedauer von etwa 21 Tagen sei mit einem Anstieg zu rechnen. Sein Ziel: durch Kontaktbeschränkungen die Kurve flach halten, damit das Gesundheitssystem nicht kippt und keine Triage nötig wird.
Eine Strategie der Herdenimmunität, wie sie in einigen Ländern diskutiert wurde, sah er für Deutschland kritisch. Rund 60 bis 65 Prozent der Bevölkerung müssten dafür eine Infektion durchgemacht haben – und weil hierzulande so viele ältere und vulnerable Menschen leben, ließe sich diese Gruppe kaum vollständig schützen. Offen war damals zudem, wie lange ein Immunschutz überhaupt anhält.
Ein oft übersehener Schutz: die Grippeimpfung
Interessant ist Bernds Hinweis, dass sich Influenza- und Coronaviren nicht gleichzeitig in derselben Zelle vermehren – wer Influenza nachgewiesen hat, hat sicher kein Corona. Daraus folgt für ihn ein lange unterschätztes Thema: die Influenza-Impfung. Im Gesundheitswesen liege die Impfquote bei nur rund 30 Prozent – zu niedrig, findet er. Denn ein regelmäßig „geschärftes" Immunsystem reagiere schneller, und Pflegefachpersonen geben auch die Grippe an vulnerable Patient:innen weiter. Sein Plädoyer: deutlich mehr impfen.
Ein Wunsch zum Schluss
Zum Abschluss formulierte Bernd einen konkreten Appell an die Politik: Das Gesundheitsministerium möge gemeinsam mit dem Verteidigungsministerium prüfen, ob die Bestände an FFP3-Masken aus den ABC-Schutzeinheiten des Katastrophenschutzes nicht teilweise an Krankenhäuser und Arztpraxen verteilt werden könnten. Ein pragmatischer Gedanke aus einer Zeit, in der jede Maske zählte.
Zum Weiterhören
- ÜG053 – Das Corona-Virus im Kontext der Pflege (Prof. Dr. Christian Drosten)
- ÜG034 – CORONA-SPEZIAL #2: Die Lage im Krankenhaus (B. Flohr)
- ÜG015 – Organspende – Eine lebensrettende Entscheidung (B. Gruber)
Weiterführende Links & Shownotes
Einrichtungsspezifische Strategien und Maßnahmen
- Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege (www.rki.de)
- Empfehlungen des RKI für das Management von Kontaktpersonen bei respiratorischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2 (www.rki.de)
- Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel (www.rki.de)
- Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2 (www.rki.de)
- Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie (www.rki.de)
- Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel (www.rki.de)
Schutzausrüstung
- Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material! (www.dbfk.de)
- Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht (www.dbfk.de)
- Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung (www.bibliomed-pflege.de)
Fallzahlen und Pandemieplan
- COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit (www.rki.de)
- Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020 (www.rki.de)
- Interaktive Übersichtskarte (Morgenpost.de)
- COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) (www.who.int)
- COVID-19-Seite der John Hopkins University (www.coronavirus.jhu.edu)
- Pandemieplan 2016/2017 (www.rki.de)
- Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020) (www.rki.de)
