- Das Coronavirus stammt vermutlich aus Fledermäusen und tauchte Ende 2019 in Wuhan auf.
- Pflegende sind besonders bei Erstkontakt und Intubation gefährdet.
- FFP2-Masken, gute Raumluft und regelmäßige Tests schützen das Personal.
- Impfstoffe entstanden durch neue Vektor- und RNA-Technologien rekordverdächtig schnell.
- Jede:r Einzelne beeinflusst durch sein Verhalten den Verlauf der Pandemie.
Im Herbst 2020 war kaum ein Name so präsent wie der von Christian Drosten. Der Leiter des Instituts für Virologie an der Charité begleitete die Pandemie von Beginn an wissenschaftlich – und wurde durch den NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update" einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Für seine Arbeit wurde er später sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. In der Übergabe nahm er sich Zeit, das Thema Corona einmal konsequent aus dem Blickwinkel der Pflege zu betrachten. Hier kommen die wichtigsten Erkenntnisse für dich.
Von der Fledermaus auf den Wildmarkt
Virologisch ist das Virus keine völlige Überraschung. Es gehört zur Spezies der SARS-ähnlichen Coronaviren, deren natürliches Reservoir bestimmte Fledermausarten – vor allem die Rhinolophus-Fledermäuse – sind. Diese Tiere kommen über den gesamten europäisch-asiatischen Raum verteilt vor, in einigen Regionen Chinas gibt es sogar Zuchten. Bekannt ist: Viele Viren aus Wild- und Nutztieren springen gelegentlich auf den Menschen über, ohne sich dann weiterzuverbreiten. Bei diesem Virus war das offensichtlich anders.
Drosten verortet den Beginn auf einen Wildmarkt mitten in Wuhan, Zentralchina. Anhand der Evolutionsgeschwindigkeit des Virus-Stammbaums lässt sich der erste Mensch-zu-Mensch-Übergang ungefähr auf den Spätherbst 2019 datieren. Anfang Dezember tauchte der erste beschriebene Fall auf, Mitte Dezember kam es zum Ausbruch. Wie ein möglicher Zwischenwirt aussah, ist bis heute nicht abschließend geklärt – Untersuchungen zu natürlichen Insertionen im Spike-Protein liefern hier Hinweise. Beim ersten SARS-Virus 2002/2003 waren es Schleichkatzen und Marderhunde, die man in China als exotische Nahrungsmittel handelt.
Wie das Virus nach Deutschland kam
Deutschland hatte das Virus früher im Land, als viele denken: Bereits Ende Januar 2020 gab es nachweisbare Fälle rund um den Münchner Autozulieferer Webasto. Eine eingereiste Person hatte das Virus in einen Fortbildungsturnus eingeschleppt und mehrere Mitarbeitende infiziert. Diese erste Kette wurde durch konsequente Kontaktnachverfolgung gestoppt. Ende Februar dann der zweite Anlauf: massenhafter Eintrag über Reiserückkehrende, vor allem aus Italien und Österreich mit ihren explosiven Superspreading-Ereignissen.
Der vergleichsweise frühe und milde Lockdown drückte die Inzidenz in Deutschland sehr stark – mit deutlich weniger Todesfällen und überlasteten Intensivstationen als etwa in Italien, Frankreich oder England. Über den Sommer 2020 schwoll die Inzidenz wieder an, zunächst getragen von Rückreisenden, dann zunehmend durch Infektionen, die im Inland entstanden. Genau dieser Trend kippte zum Zeitpunkt der Aufnahme – die ansteigende Flanke dessen, was man rückblickend „zweite Welle" nennen würde.
Warum Pflegende ein besonderes Risiko tragen
Pflegefachpersonen gehören nicht automatisch zur Hauptrisikogruppe für schwere Verläufe – das sind eher ältere Menschen, Personen mit kardiovaskulären Vorschädigungen oder hohem Body-Mass-Index. Beim Risiko, sich anzustecken, sieht es anders aus. Drosten beschreibt zwei besonders kritische Phasen, in denen Pflegende mit Patient:innen in Kontakt kommen.
Die erste ist die frühe Infektionsphase, in der ein Mensch mit Symptomen in die Ambulanz oder Rettungsstelle kommt. Genau hier hat man inzwischen gelernt: Die Tage um den Symptombeginn herum – und sogar zwei bis drei Tage davor – sind die infektiöseste Zeit. Die zweite Risikosituation sind invasive Eingriffe an den Atemwegen, allen voran die Erstintubation auf der Intensivstation, wenn noch keine Filter angeschlossen sind und man direkten Zugang zu den tiefen Atemwegen hat.
Besonders heikel: Eine Pflegefachperson, die sich frisch infiziert hat, weiß in den ersten Tagen noch gar nichts davon und kommt weiter zur Arbeit. Genau in diesem Zeitfenster kann sie selbst zur Quelle eines Ausbruchs werden. Superspreading braucht laut Drosten zwei Zutaten: eine soziale Situation mit vielen engen Kontakten und ungünstige Umweltbedingungen – etwa geschlossene, schlecht gelüftete Räume. Forschung zu Superspreading zeigt, dass es nicht den einen „typischen" Superspreader gibt.
„Es ist nicht so, dass man sagen kann: Ein Superspreader sieht so aus. Es braucht eine soziale Situation, in der übertragen werden kann – und ungünstige Umweltbedingungen, die das begünstigen." — Christian Drosten
Welcher Schutz wirklich zählt
Die spektakulären Bilder aus China – Pflegende und Ärzt:innen komplett vermummt in Schutzanzügen und mit Spezialbrillen – prägen bis heute unsere Vorstellung. Für den Alltag in deutschen Kliniken ist das laut Drosten meist übertrieben. Entscheidend ist der Schutz der Atemwege. In normalen Bereichen mit Patientenkontakt reicht in der Regel der medizinische Mund-Nasen-Schutz, der auch die anderen schützt, indem er ausgeatmete Tröpfchen abfängt. In engen Kontaktbereichen – etwa bei Intubationen, in Testzentren oder Rettungsstellen – gilt dagegen die Empfehlung zur FFP2-Maske, die durch ihren Metallbügel dicht abschließt und sehr effizient vor Infektion schützt. Beim Intubieren kommt zusätzlich der Augenschutz dazu.
Hautübertragung oder das Auge spielen nach aktuellem Wissensstand keine Hauptrolle – Sonderkittel wie bei der MRSA-Isolierung sind in der normalen Pflege nicht nötig. Viel wichtiger sind die Rahmenbedingungen: Krankenhäuser verfügen oft über gute Raumlufttechnik, die das Aerosolproblem entschärft. Bauliche und organisatorische Lösungen – etwa eine Plexiglasscheibe an der Anmeldung oder Spezialstationen, auf denen alle Infizierten gebündelt versorgt werden – können das Risiko zusätzlich senken. Dass Masken auf Bevölkerungsebene wirken, legt übrigens auch die Auswertung der Maskenpflicht in Jena nahe.
Testen, testen, testen – aber klug
Weil das infektiöseste Fenster vor dem Symptombeginn liegt, lässt sich Übertragung nicht allein über das Erkennen von Symptomen verhindern. Große Kliniken gehen deshalb dazu über, ihr Personal regelmäßig – teils wöchentlich – zu testen. Damit das bezahlbar bleibt, hilft die Pool-Testung: Mehrere Abstriche werden gemeinsam untersucht. Ist der Pool negativ, sind alle negativ; nur bei einem positiven Pool muss einzeln nachgetestet werden. Der kleine Verlust an Empfindlichkeit fällt für die klinische Erkennung nicht ins Gewicht.
Drosten setzte zum Zeitpunkt der Aufnahme große Hoffnungen auf Antigen-Schnelltests, die in fünf bis fünfzehn Minuten ein Ergebnis vor Ort liefern. Sie sind weniger empfindlich als die PCR, schlagen aber gerade bei hochinfektiösen Personen zuverlässig an – ideal für Nacht- und Notfalldienst oder als Eingangstest für Besucher:innen in Pflegeeinrichtungen. Spannend ist dabei die Verbindung zur Viruslast: Aus dem Labor lässt sich zunehmend ablesen, ab welchem Messwert jemand als hochinfektiös gilt. Die Analyse der Viruslast nach Patientenalter liefert dazu wichtige Daten.
Für Pflegende gibt es eine wichtige Sonderregelung: Der Begriff „Quarantäne" trifft es nicht ganz, eher geht es um Isolation und Wiederfreigabe nach Viruslast. Wer positiv getestet ist, aber milde Symptome hat und unter eine bestimmte Viruslast fällt, kann unter Auflagen weiterarbeiten – schlicht, weil der Personalmangel in der Pandemie sonst kaum zu bewältigen ist.
Impfstoffe in Rekordzeit – wie geht das?
Dass innerhalb eines Jahres mehrere Impfstoffe in die entscheidende Studienphase kamen, hätte vor wenigen Jahren niemand für möglich gehalten. Möglich machten es drei Entwicklungen: neue Adjuvantien für klassische Totimpfstoffe, vektorbasierte Vakzine (etwa auf Basis von Adenoviren oder des MVA-Pockenimpfstoffs) und die völlig neuen RNA-Vakzine, die dem Körper die Bauanleitung für das Impfantigen direkt mitgeben. Forschung, die schon nach SARS und unter dem Eindruck von MERS und Ebola begonnen hatte, zahlte sich nun aus.
Drosten betonte dabei zwei Dinge. Erstens: Keine Impfung wirkt zu 100 Prozent – entscheidend ist, ob sie vor schweren Verläufen schützt. Zweitens: Bei der Zulassung geht es nicht nur um Wirksamkeit, sondern auch um seltene Nebenwirkungen, die sich erst in großen Studien zeigen. Für die Pflege war seine Einschätzung eindeutig: Pflegefachpersonen und direkt klinisch tätige Ärzt:innen sollten als Erste geimpft werden – noch vor den Hochrisikopatient:innen, weil die Krankenhäuser laufen müssen. Wie diese Priorisierung später umgesetzt wurde, beleuchtet auch unsere Episode zur Corona-Impfung im Fokus der Pflege. Bei Medikamenten gab es zum Aufnahmezeitpunkt erste Fortschritte, etwa mit Remdesivir, das man eher für schwere Verläufe als zur Prophylaxe einsetzte.
„Wir alle sind die Welle"
Was bedeutet eigentlich „zweite Welle"? Drosten machte deutlich, dass der Begriff streng genommen erst im Rückblick definiert werden kann. Innerhalb einer Epidemie gibt es Inzidenzbewegungen, die mal stärker, mal schwächer werden. Viel wichtiger als das Etikett sei die Bewertung – und die Einsicht, dass jede:r Einzelne den Verlauf mitbestimmt.
„Wir sind der Stau, die Autofahrer – da ist nicht irgendwo der Stau, sondern ich bin selbst Teil davon. Wenn ich das weiß, kann ich vorher reagieren und einen Umweg fahren." — Christian Drosten
Statt eines erneuten Total-Lockdowns rechnete Drosten für den Winter eher mit einem Bündel gezielter Maßnahmen zur Reduktion von Massen- und engen Kontakten. Den harten Lockdown im Frühjahr verteidigte er ausdrücklich – nach dem Prinzip „The Hammer and the Dance": Erst einmal kräftig draufhauen, wenn man nichts über das Virus weiß, um danach mit mehr Wissen flexibler steuern zu können. Diese damals harte Bremsung sei der Grund, warum man im Herbst die Schulen wieder öffnen konnte.
„So eine Betrachtung im Nachhinein ist vollkommen falsch. Man musste damals jede einzelne Maßnahme so machen, weil man nichts wusste. Es war damals richtig – und jetzt wissen wir mehr." — Christian Drosten
Interessant: Durch die Kontaktbeschränkungen fielen über die Südhalbkugel die Influenza-Saison und viele andere durch die Luft übertragene Erkältungskrankheiten weitgehend aus. Ob die intensiven Hygienemaßnahmen langfristig anfälliger für andere Infektionen machen, ließ sich mangels Daten nicht beantworten. Auch die Rolle der Kinder bei der Verbreitung blieb umstritten – eine Haushaltsstudie aus Bnei Brak in Israel lieferte erste Anhaltspunkte.
Wissenschaft erklären, statt sich produzieren
Ein Anliegen lag Drosten besonders am Herzen: gute Wissenschaftskommunikation. Politische Talkshows hielt er für ungeeignet – zu kurze Aufmerksamkeitsspannen, zu viel Streit. Sachliche Vermittlung gehöre in Printjournalismus, Radio und Podcasts. Entscheidend sei, dass Wissenschaftler:innen ihre Erkenntnisse ins Allgemeinverständliche übersetzen, ohne sie zu verzerren – und dass die Bevölkerung Grundprinzipien versteht, um zwei bis vier Monate vorauszudenken, statt nur bis morgen.
„Wissenschaftler sollten die Wissenschaft in die Öffentlichkeit bringen – und nicht das eigene Gesicht." — Christian Drosten
Er regte sogar an, dass Förderorganisationen den Kommunikationsaspekt stärker honorieren könnten. Wer das Interview von Drosten zur Selbstverantwortung jeder und jedes Einzelnen nachlesen möchte, findet es im Tagesspiegel-Interview „Wir alle sind die Welle". Sein Fazit für die Pflege: Allen, die mitdenken – und dazu gehören insbesondere die Pflegeberufe – traut er zu, durch ihr eigenes Verhalten den Unterschied zu machen.
Zum Weiterhören
- ÜG065 – Zwischenbilanz nach der ersten Corona-Krise 2020 (Prof. Dr. Gabriele Meyer)
- ÜG054 – Soziale Teilhabe in Altenpflegeheimen unter Covid-19 in S1-Leitlinie und Survey-Studie (Prof. Dr. Margareta Halek)
- ÜG048 – Gesundheitskompetenz der Bevölkerung während der COVID-19 Pandemie (Interview mit Dr. Orkan Okan)
Informationen zum Gast
Shownotes zur Folge
- Review Article: The Fraction of Influenza Virus Infections That Are Asymptomatic: A Systematic Review and Meta-analysis - PubMed (punned.gov)
- Respiratory Infections during SARS Outbreak, Hong Kong, 2003 (Emerging Infectious Diseases journal)
- Prevalence of COVID-19 in children in Baden-Württemberg (Klinikum.uni-heidelberg.de)
- Global, regional, and national estimates of the population at increased risk of severe COVID-19 due to underlying health conditions in 2020: a modelling study (the lancet.com)
- The role of children in the spread of COVID-19: Using household data from Bnei Brak, Israel, to estimate the relative susceptibility and infectivity of children (medrxiv.org)
- Maskenpflicht und ihre Wirkung auf die Corona-Pandemie: Was die Welt von Jena lernen kann (uni-mainz.de)
- Virologen-Vergleich (YouTube.com)
- Remdesivir for the Treatment of Covid-19 — Preliminary Report (nejm.org)
- Superspreading and the effect of individual variation on disease emergence (nature.com)
- Das gemeinsame Interesse von Gesundheit und Wirtschaft: Eine Szenarienrechnung zur Eindämmung der Corona- Pandemie (ifo.de)
- SARS-CoV-2 was already spreading in France in late December 2019 (sciencedirect.com)
- Spike mutation pipeline reveals the emergence of a more transmissible form of SARS-CoV-2 (biorxiv.org)
- A novel bat coronavirus reveals natural insertions at the S1/S2 cleavage site of the Spike protein and a possible recombinant origin of HCoV-19 (biorxiv.org)
- An analysis of SARS-CoV-2 viral load by patient age (virologie-ccm.charite.de)
- Rapid development of an inactivated vaccine for SARS-CoV-2 (biorxiv.org)
- Shedding of infectious virus in hospitalized patients with coronavirus disease-2019 (COVID-19): duration and key determinants (medrxiv.org)
- „Wir alle sind die Welle“ (Tagesspiegel.de)
