- Pflegeeinrichtungen und ambulante Dienste kämpfen mit dramatischem Mangel an Schutzausrüstung.
- Auszubildende sollen ohne Anleitung auf Station – das gefährdet Schüler:innen und Patient:innen.
- Ein Bonus ersetzt keine nachhaltige, leistungsgerechte Vergütung für Pflegende.
- Pflegekammern liefern in der Krise deutlich bessere Daten zur Personalplanung.
- Eine pflegewissenschaftliche Evaluation der Pandemie ist dringend nötig.
Mitten in den ersten Wochen der Corona-Pandemie ist vieles noch im Fluss: In den Kliniken, Pflegeheimen und ambulanten Diensten ist es zum Zeitpunkt der Aufnahme – Anfang April 2020 – vielerorts noch erstaunlich ruhig, doch unter der Oberfläche brodelt es. Über diese Gemengelage aus akuter Not und überraschenden Lichtblicken haben wir mit Prof. Dr. Christel Bienstein gesprochen, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) und Aufbauleiterin des Departments Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke. Ihr Blick auf die Lage ist nüchtern, ihr Ausblick aber bemerkenswert klar: In der Krise steckt für die Pflege auch eine echte Chance.
Wenn Schutzkittel am Küchentisch genäht werden
Das drängendste Problem zu Beginn der Pandemie hat einen Namen: fehlende Schutzausrüstung. Während die Labore mit der Auswertung der vielen Verdachtsfälle kaum hinterherkommen, fehlt es in Pflegeheimen und ambulanten Diensten an Masken, Kitteln und Gesichtsschutz. Pflegefachpersonen weichen aus, nähen Gesichtsschutz teilweise selbst oder geben Schutzkittel in Eigenregie in Auftrag, um sich und die ihnen anvertrauten Menschen überhaupt schützen zu können. Dass das kein Einzelfall ist, sondern ein Strukturproblem, zeigt der dramatische Mangel an Schutzausrüstung, der die Versorgung gerade dort gefährdet, wo die vulnerabelsten Menschen leben.
Der DBfK arbeitet in dieser Phase eng mit dem Ministerium und dem Robert Koch-Institut zusammen und erhält täglich aktuelle Daten. Auf der Verbandsseite sind die Fragen gebündelt, die Pflegende konkret umtreiben: Muss ich meine Überstunden abbauen? Was passiert, wenn ich mich infiziere? Bienstein hat dazu auch bei der Berufsgenossenschaft nachgehakt – mit dem Ergebnis, dass eine Infektion als Berufskrankheit anerkannt werden kann. Dass diese Frage so brisant ist, unterstreicht auch der internationale Befund des International Council of Nurses.
Schulanfänger:innen direkt auf Station – ein riskanter Schnellschuss
Ein Thema, das Bienstein besonders umtreibt, betrifft die Pflegeausbildung. Zum 1. April – also „übermorgen", wie sie im Gespräch sagt – gehen viele Träger dazu über, Auszubildende direkt auf die Station zu schicken, teils ohne vorherige Anleitung oder Einweisung. Für die Berufsschulen ist das ein Alarmsignal: Schüler:innen sind in dieser Phase noch Laien, sie verfügen weder über die Mittel, sich selbst zu schützen, noch andere zu schützen. Manche Schulen reagieren, indem Lehrende mit in die Praxis gehen, um vor Ort anzuleiten und wenigstens ein Stück Sicherheit herzustellen. Andere halten den Unterricht digital aufrecht, per Videokonferenz und Aufgabenpaketen, damit nicht ein halbes Ausbildungsjahr verloren geht.
Bienstein zieht eine klare Parallele zu Hochschulen, an denen Semester verlängert werden: Auch die Pflegeausbildung müsste um ein halbes Jahr verlängert werden, mit der Möglichkeit, versäumte Inhalte unter Fortzahlung der Bezüge nachzuholen. Denn vieles lässt sich schlicht nicht digital vermitteln – manches muss im direkten Diskurs erarbeitet werden. Eine bloße ministerielle Erlaubnis, weniger zu wissen, hilft niemandem weiter.
„Das gesagt wird, jeder kann im Grunde mithelfen – das große Problem besteht darin, dass dann Patienten nicht sicher versorgt werden, wenn zu wenig Wissen vorhanden ist." — Prof. Dr. Christel Bienstein
Gerade für die Auszubildenden selbst sei die Situation belastend: Wer mit Beginn der Ausbildung Corona-Patient:innen versorgen soll, ohne entsprechend vorbereitet zu sein, gerät zwangsläufig in Unsicherheit. Das werde weder den Schüler:innen noch den Patient:innen gerecht. Bienstein plädiert deshalb für eine gezielte Anleitung statt eines Sprungs ins kalte Wasser – auch wenn die Verschiebung von Abschlüssen mittelfristig dazu führt, dass Nachwuchskräfte den Einrichtungen erst später zur Verfügung stehen.
Systemrelevant – das war Pflege schon immer
„Systemrelevant" ist 2020 zum Schlagwort geworden. Für Bienstein ist das allerdings keine Neuigkeit, sondern eine längst überfällige öffentliche Anerkennung dessen, was die Berufsgruppe ohnehin weiß. Ob Pandemie, Massenunfall oder andere Notlagen: Ohne Pflege käme das Land nicht aus – im ambulanten Bereich ebenso wie in der Klinik. Diese Verpflichtung, die Bevölkerung in gesundheitlichen Problemen zu unterstützen, ist im ethischen Kodex des International Council of Nurses ausdrücklich verankert.
„Dass wir systemrelevant sind, das wussten wir ja schon immer – auch wenn das andere vielleicht früher nicht so wahrgenommen haben." — Prof. Dr. Christel Bienstein
Die spannende Frage ist, wie sich diese neue Sichtbarkeit verstetigen lässt. Biensteins Antwort ist überraschend persönlich: Es komme auf jede einzelne Pflegefachperson an. Statt jahrzehntelang über mangelnde Anerkennung zu klagen, sollten Pflegende lernen, ihre eigene Leistung selbstbewusst zu erzählen – im Idealfall mit drei kurzen, positiven Geschichten darüber, wie ihr Handeln einem Menschen geholfen hat. Es gehe darum, ein bisschen mehr Stolz auf den eigenen Beruf zu entwickeln.
Applaus zahlt keine Miete: Bonus versus nachhaltige Vergütung
Beim Thema Geld wird Bienstein deutlich. Kurz vor der Aufnahme hatte Finanzminister Olaf Scholz angekündigt, einen steuerfreien Bonus von bis zu 1.500 Euro für Pflegende auszuzahlen. Bienstein freut sich für die Kolleg:innen über die zusätzliche Finanzierung – warnt aber davor, das als Lösung zu verkaufen.
„Es ist uns nicht damit geholfen, dass ein Bonusprogramm aufgelegt wird. Es muss eine nachhaltige, ernstzunehmende finanzielle Vergütung für Pflegende geben." — Prof. Dr. Christel Bienstein
Auch die viel zitierte Forderung nach 4.000 Euro – die unter anderem auf Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, zurückgeht – ordnet Bienstein differenziert ein. Eine solche Summe könne ein Einstiegsgehalt sein. Wer aber spezielle Weiterbildungen durchlaufen hat, etwa im Schmerzmanagement, wer studiert hat oder in leitender Position arbeitet, brauche eine Vergütung, die der jeweiligen Verantwortung tatsächlich entspricht. Die Zahl ist ein Anfang, keine Obergrenze.
Wenn Sicherheitsstandards außer Kraft gesetzt werden
Ein Risiko sieht Bienstein in der pauschalen Aufweichung von Qualitäts- und Schutzstandards. Dass MDK-Prüfungen verschoben und Dokumentationspflichten reduziert werden, lässt sich in der Ausnahmesituation nachvollziehen – niemand möchte zusätzliche Personen ins Pflegeheim lassen, die das Virus eintragen könnten. Anders sieht es aus, wenn der Gemeinsame Bundesausschuss Vorgaben aussetzt, die unmittelbar die Versorgung am Bett betreffen, etwa die 1:1-Betreuung bei Level-1-Frühgeborenen. Hier geht es um Sicherheit, und die lasse sich nicht ohne Weiteres aufgeben. Auch die Aussetzung der Personaluntergrenzen hält sie für problematisch – gerade auf geriatrischen Stationen, wo besonders gefährdete Menschen liegen.
Gleichzeitig beobachtet sie etwas, das sie ausdrücklich hilfreich findet: einen enormen fachlichen Schub. In vielen Häusern werden Pflegende von peripheren Stationen qualifiziert geschult, um auf Intensivstationen mitzuarbeiten. Anästhesie-Teams unterstützen die Intensivpflege, OP-Kräfte helfen in der Anästhesie. Dieser Wissenszuwachs sei wertvoll – denn weitere Epidemien sind nicht ausgeschlossen, und Deutschland war auf eine solche Lage bislang kaum vorbereitet.
Berufsgruppen rücken zusammen
Auffällig ist auch, wie sich die Zusammenarbeit verändert. Hygienefachpersonen, ärztliche Leitung, Pflegedirektion und Hauswirtschaft sitzen plötzlich an einem Tisch, um gemeinsam Stationen umzurüsten, Betten freizuräumen und Material zu organisieren. Hausärzt:innen verschreiben größere Medikamentenpackungen und längere Versorgungszeiträume, um Kontakte zu reduzieren. Diese interprofessionelle Dynamik birgt ein Potenzial, das über die Krise hinausweisen könnte – wenn man es bewusst pflegt.
Medizinstudierende in der Pflege – Hilfe oder Risiko?
Ein heikles Thema sind die Aktionen, mit denen Medizinstudierende und pflegende Reservist:innen aus Wissenschaft, Pädagogik und Management zurück ans Bett geholt werden sollen. Bienstein sieht das pragmatisch: In einer dramatischen Lage sei ein Medizinstudent im neunten Semester sicher hilfreicher als ein Architekturstudent. Aber Pflege sei eine hochkomplexe Aufgabe, auf die diese Personen nicht ausreichend vorbereitet seien – das gilt auch für eine Pflegedienstleitung, die nicht ohne Schulung an ein Beatmungsgerät gestellt werden kann. Die Gefahr: Wenn zu viele unerfahrene Helfende auf den Stationen mitwirken, werden die wirklich fachkompetenten Kräfte mit der Überwachung überfordert. Und: Manager:innen dürfe man in dieser Phase erst recht nicht abziehen, denn sie organisieren genau jene Umrüstungen, Bestellungen und Nachschulungen, die das System am Laufen halten.
Warum Pflegekammern in der Krise glänzen
Ein Befund überrascht selbst Skeptiker:innen: In Bundesländern mit Pflegekammer – Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Niedersachsen – standen deutlich bessere Daten zur Verfügung. Ministerien konnten Pflegende schnell erreichen und gezielt erfragen, wo Personal fehlt, etwa mit Intensiv-, Palliativ- oder geriatrischer Erfahrung. Genau das ist Aufgabe einer Kammer. Statt sich auf bunte, freiwillig zusammengetragene Zahlen zu stützen, konnten diese Länder fundiert planen. Bienstein berichtet, dass inzwischen selbst dort, wo man der Kammeridee skeptisch gegenüberstand, der Wert verlässlicher Zahlen erkannt werde.
Die Stunde der Pflegewissenschaft
Für Bienstein ist klar: Diese Pandemie muss pflegewissenschaftlich evaluiert werden. Waren die Kolleg:innen gut vorbereitet? Was hat gefehlt? Wie lassen sich Infektionsketten besser verstehen und unterbrechen, wie Patient:innen bei ihren Symptomen wirksam unterstützen? Ein Blick in die neue Ausbildungsverordnung zeige, dass die Themen Epidemie und Pandemie hierzulande längst nicht so präsent sind wie in anderen Ländern – dort gibt es teils ganze Semester zu Katastrophenschutz und seinen gesundheitlichen Folgen. Wer den Verlauf der Pandemie nüchtern verfolgen will, findet etwa auf der COVID-19-Karte der John Hopkins University die internationale Datenlage.
Blinde Flecken und ethische Grenzfälle
Zwei Punkte bereiten Bienstein besondere Sorge. Der eine: ältere Menschen, die bislang von ausländischen Betreuungs- und Haushaltskräften versorgt wurden, die nun teils abgereist sind. Manche könnten allein zurückbleiben – ohne ambulanten Dienst, ohne ausreichende familiäre Unterstützung. Dieses Problem werde sich erst gegen Ende der Pandemie in seinem ganzen Ausmaß zeigen. Der andere Punkt ist das ethische Dilemma, das man aus Italien und Spanien kennt: Wenn nicht genügend Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen, müssen Entscheidungen getroffen werden. Bienstein hebt hervor, dass sich Deutschland hier bewusst nicht am Lebensalter, sondern an der tatsächlichen Überlebenschance orientiert – und dass ärztliche Fachgesellschaften gemeinsam mit der Ethik eine entsprechende Leitlinie erarbeitet haben. Mit großer Sorge blickt sie zudem auf die überfüllten Flüchtlingslager in Griechenland, wo ein Ausbruch unter rund hunderttausend Menschen verheerende Folgen hätte.
Ein Lichtblick aus dem Schulalltag
Zum Schluss ein ermutigendes Detail: In einem Modellprojekt mit School Nurses zeigte sich, dass Schulen mit einer schulischen Gesundheitsfachkraft die gesundheitlichen Risiken besser einschätzen und den Übergang in die Schulschließungen systematischer gestalten konnten. Für Bienstein ein Beleg, dass sich neue pflegerische Rollen schnell bewähren – ähnlich wie sie es von den künftigen Masterprogrammen im Bereich Community Health Nursing erwartet.
Ihr Abschlusswort gilt allen, die gerade vor Ort arbeiten: gutes Durchhalten. Es sei eine großartige Arbeit, die geleistet werde – und sie sei stolz auf das, was die Berufsgruppe bewegt.
Zum Weiterhören
- ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein? - Live vom Deutschen Pflegetag 2024
- ÜG065 – Zwischenbilanz nach der ersten Corona-Krise 2020 (Prof. Dr. Gabriele Meyer)
- ÜG003 – Special: Pflegekammer - (Dr. M. Dichter)
Weiterführende Links & Shownotes
Pflege und Corona
- Informationen für Pflegefachpersonen zur CoViD-Pandemie (www.dbfk.de)
- Forderungen der Gesundheits-Berufsverbände in Europa nach wirksamem Schutz für ihre Mitarbeitenden vor Ort (www.dbfk.de)
- Appell an die Bundesregierung: Sonderregelung für Rückkehr von Freiberuflichen in die Pflege schaffen (www.dbfk.de)
- Anerkennung und Dank des International Council of Nurses an Pflegende in Deutschland (www.dbfk.de)
- Pflegerat drängt auf schnelle finanzielle Hilfen (www.springerpflege.de)
- Scholz: Corona-Prämien bis 1500 Euro steuerfrei (www.zeit.de)
- ICN tells BBC World News viewers: Rising rate in COVID-19 infection amongst health workers requires urgent action (www.icn.ch)
- The ICN code of ethics for nurses (www.icn.ch)
- Schulgesundheitspflege - Was ist das eigentlich? (www.dbfk.de)
Einrichtungsspezifische Strategien und Maßnahmen
- Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege (www.rki.de)
- Empfehlungen des RKI für das Management von Kontaktpersonen bei respiratorischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2 (www.rki.de)
- Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel (www.rki.de)
- Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2 (www.rki.de)
- Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie (www.rki.de)
- Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel (www.rki.de)
Schutzausrüstung
- Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material! (www.dbfk.de)
- Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht (www.dbfk.de)
- Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung (www.bibliomed-pflege.de)
Fallzahlen und Pandemieplan
- COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit (www.rki.de)
- Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020 (www.rki.de)
- Interaktive Übersichtskarte (Morgenpost.de)
- COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) (www.who.int)
- COVID-19-Seite der John Hopkins University (www.coronavirus.jhu.edu)
- Pandemieplan 2016/2017 (www.rki.de)
- Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020) (www.rki.de)
