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Diese Episode erschien am 27.03.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Der öffentliche Gesundheitsdienst muss zur eigenständigen Säule der Versorgung werden.
  • Pflegefachpersonen können mehr leisten, als das System ihnen zugesteht.
  • Strukturierte Pflegeforschung wurde in der Pandemie sträflich vernachlässigt.
  • Pflege braucht eine machtvolle Vertretung und muss proaktiver auftreten.
  • Akademische Pflege gehört an die klinische Praxis – auch in die Patientenversorgung.

Im Frühjahr 2021, irgendwo zwischen zweiter und dritter Corona-Welle, lohnt sich ein Blick zurück: Was hat die erste Pandemiephase eigentlich für die Pflege bedeutet – und was haben wir daraus gelernt? Genau diese Frage stand im Mittelpunkt eines Gesprächs mit Prof. Dr. Gabriele Meyer, Direktorin des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft in Halle. Sie war an einem viel beachteten Richtungspapier beteiligt, das eine erste Zwischenbilanz der Corona-Krise zog. Im Folgenden nehmen wir dich mit durch die zentralen Gedanken dieser Episode – von verpassten Forschungschancen über den öffentlichen Gesundheitsdienst bis zu der unbequemen Frage, warum sich die Pflege eigentlich so wenig zutraut.

Von der Krankenschwester zur Professorin

Gabriele Meyers Weg in die Pflegewissenschaft war lang und keineswegs vorgezeichnet. Dreizehn Jahre arbeitete sie in der stationären und ambulanten Pflege, bevor sie 1992 ein Lehramtsstudium in Hamburg begann – schlicht, weil es zu jener Zeit noch keine pflegewissenschaftlichen Studiengänge gab. Über Stationen in Bremen und Witten/Herdecke übernahm sie 2013 die Leitung des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Ihre Forschungsschwerpunkte liegen bei den Pflegefragen des höheren Lebensalters: Versorgung von Menschen mit Demenz, Mobilität, Gelenkkontrakturen und nicht zuletzt freiheitsentziehende Maßnahmen. Mit Sascha Köpke entwickelte sie über Jahre hinweg komplexe Interventionen, die in der Praxis verankert werden sollten – mündend etwa in das Implementierungsprojekt IMPRINT. Neben ihrer Professur ist sie Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, ist Präsidentin der European Academy of Nursing Science, ist im Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin aktiv und gibt unter anderem die Fachzeitschrift Pflege mit heraus.

Ein Papier, das den Finger in die Wunde legt

Das Richtungspapier zur Zwischenbilanz der ersten Corona-Welle entstand auf Einladung der Barmer in Kooperation mit der Robert-Bosch-Stiftung und Bertelsmann. Neben Gabriele Meyer als Vertreterin der Pflegewissenschaft waren unter anderem Ferdinand Gerlach (Goethe-Universität Frankfurt), Reinhard Busse (TU Berlin) und Boris Augurzky (RWI Essen) beteiligt. Ihr Verantwortungsbereich: die Folgen der Pandemie für die Pflege und die Pflegebedürftigen.

Wichtig ist ihr die ehrliche Einordnung der Methode. Es handelt sich nicht um ein systematisches Review, sondern um ein Politikberatungspapier – ein Diskussionspapier, das Diskurse anstoßen und bei Entscheidungsträger:innen strukturiertes Nachdenken auslösen soll. Expert:innen mit gutem Überblick über Praxis und Wissenschaft tragen ihre Einschätzungen zusammen, kommentieren und diskutieren sie. Das Ziel: jenen, die das deutsche Gesundheitssystem für unverbesserlich gut halten, die offensichtlichen Baustellen vor Augen führen. Veränderungsresistenz, so die klare Botschaft, ist keine angemessene Haltung.

Der öffentliche Gesundheitsdienst – die vergessene Säule

Kaum etwas hat die erste Welle so deutlich offengelegt wie den Zustand des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Stichwort Zettelwirtschaft: Anmeldebögen im Kaufhaus, Restaurantbesuche ohne App, eine wenig effektive Corona-Warn-App. Über Jahre vernachlässigt, geriet der ÖGD gerade bei Kontaktverfolgung, Quarantäneanordnung und Tests an seine Grenzen. Das Richtungspapier schlägt vor, ihn zukünftig als eigenständige Säule der Gesundheitsversorgung zu stärken, personell besser auszustatten und seine wissenschaftliche Fundierung im Sinne eines Evidence-Based Public Health auszubauen.

Spannend wird es dort, wo Gabriele Meyer über das Papier hinausdenkt. Denn die Diskussion um den ÖGD bleibt stark medizinzentriert. Warum eigentlich, fragt sie, sollten nicht auch Pflegefachpersonen mit erweiterten Kompetenzen Rollen im öffentlichen Gesundheitsdienst übernehmen? Aufsuchende, beratende Tätigkeiten oder sogar Pandemiemanagement – all das könne von qualifizierten Pflegenden wirkungsvoll geleistet werden und gleichzeitig attraktive berufliche Perspektiven eröffnen. Auch über den Föderalismus denkt sie differenzierter als viele: Er sei nicht nur Hemmschuh, sondern könne durchaus attraktive regionale Modelle hervorbringen – wenn man sie als solche erkennt, ausrollt und wissenschaftlich begleitet evaluiert.

Heilkunde übertragen – und endlich auch umsetzen

Ein roter Faden des Gesprächs ist die Frage, was Pflegende dürfen sollten. In Deutschland, so Meyer, denken wir traditionell sehr standesbezogen und heften Kompetenzen an Berufe statt an Bedarfe. Dabei existiert die gesetzliche Möglichkeit zur Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten seit 2008, die entsprechende Richtlinie des G-BA seit 2013. Umgesetzt wird sie kaum – während unter pandemischen Bedingungen Heilkunde plötzlich „ohne Not" auf Pflegende übertragen wurde, allerdings auf Pflegende ohne erweiterte Ausbildung.

Genau hier setzt Meyer einen Pflock ein: Für eine sichere Heilkundeübertragung brauche es ein Studium an einem angemessenen Ausbildungsort. In Halle startete bereits 2016 ein entsprechender Studiengang mit den Schwerpunkten Diabetes Typ 2 und chronische Wundversorgung. Doch die Praxis bleibt zäh: Auch heilkundig ausgebildete Pflegefachpersonen dürfen keine Eingangsdiagnosen stellen und – mangels eines Verordnungskatalogs – keine Rezepte ausstellen. Was in anderen Ländern längst Standard ist und regelmäßig evaluiert wird, harrt hierzulande noch der Umsetzung.

Ambulant statt zentral: Warum die Teststrategie funktionierte

Im internationalen Vergleich vertritt das Papier die These, dass es in Deutschland gut gelungen sei, Menschen möglichst ambulant zu testen und zu behandeln. Drive-ins, temporäre Testzentren, mobile Teams – diese dezentrale Strategie habe das Infektionsgeschehen positiv beeinflusst. Vergleichsdaten für die Situation der Pflege auf europäischer Ebene fehlen allerdings schlicht, ein bedauerlicher blinder Fleck. Bei den Ländervergleichen mahnt Meyer ohnehin zur Vorsicht: Confounder wie Sozialstruktur, Personalmix, kulturelle Faktoren oder die Kriterien für einen Umzug ins Pflegeheim lassen sich kaum sauber herausrechnen.

„Einer der größten Fehler der Kommunikation ist, dass keine Bezugsgrößen genannt werden. Es werden Todesfälle kommuniziert, ohne die Grundgesamtheit zu nennen – das ist natürlich sehr verängstigend für viele Menschen." — Prof. Dr. Gabriele Meyer

Gerade beim vielzitierten „schwedischen Weg" bleibt sie nüchtern: Eine echte Bilanz lässt sich erst ziehen, wenn das Pandemiegeschehen kontrolliert ist. Ländervergleiche hätten durchaus ihre Berechtigung – problematisch werde es erst, wenn ihre Interpretation in den Medien sich verselbstständige und zu Missinformation führe.

Ein Vakuum in den Heimen

Mit der Aussetzung der Qualitätsprüfungen durch MDK und Heimaufsicht entstand in den Einrichtungen ein folgenreiches Vakuum. Wo keine Kontrolle und keine soziale Aufmerksamkeit von Besucher:innen mehr hineinwirken, wächst der Raum für Verdacht, Spekulation und Unterstellung – bis hin zu juristischen Auseinandersetzungen um Vernachlässigung oder Freiheitsentzug. Aus ihrer eigenen Interviewstudie weiß Meyer, dass sich viele Einrichtungen schlicht alleingelassen fühlten.

Als Gegenmodell lobt sie ausdrücklich die Beratungshotline, die der MDK in Sachsen-Anhalt früh einrichtete: ein Angebot, das Pflegende mit ihren Fragen nicht im Stich ließ, sondern gemeinsam tragfähige Lösungen erarbeitete – etwa beim heiklen Thema ruhigstellende Medikamente bei Menschen mit Demenz. Transparenz, so ihr Fazit, ist immer ein Garant für Qualitätssicherung und schützt vor pauschalem Verdacht.

Lernen aus der Praxis: Vernetzung statt Einsamkeit

Ein Best-Practice-Beispiel hat es ins Richtungspapier geschafft: eine Koordinierungsstelle aus der universitären Allgemeinmedizin in Heidelberg, die Pflegeheime, Haus- und Fachärzt:innen vernetzte, Besuchspläne abstimmte und bei Patientenverfügungen sowie Palliativversorgung beriet. Solche Netzwerke entstehen jedoch nicht aus dem Nichts – sie funktionieren nur, wenn bereits verlässliche Strukturen bestehen, die sich im Pandemiefall schnell aktivieren lassen. Meyer wünscht sich, dass solche Modelle systematisch in einer Art Pandemie-Katalog zusammengetragen und gewürdigt werden.

Auch die S1-Leitlinie zur sozialen Teilhabe in Pflegeheimen unter Pandemiebedingungen, an der Margareta Halek und die Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft maßgeblich beteiligt waren, gehört in diese Reihe. Sie müsse dringend besser wissenschaftlich fundiert weiterentwickelt werden – denn der Bedarf an Konzepten für Teilhabe und Lebensqualität bleibt akut, solange Heimtüren verschlossen bleiben.

„Pflegefachpersonen können mehr, als das System ihnen zutraut"

Dieser Satz aus dem Papier wurde im Gespräch zur Steilvorlage. Dahinter steckt die Botschaft, dass die Pflege ihr Potenzial bisher nicht ausschöpft – obwohl die Pandemie eindrucksvoll zeigte, wie schnell und flexibel Pflegende auf massive Veränderungen reagieren können. In einem offenen Brief an den damaligen Bundesgesundheitsminister forderten zwölf führende Pflegeorganisationen die nachhaltige Weiterentwicklung der Pflege: den Einbezug in die kommunale Versorgung, die Substitution ärztlicher Tätigkeiten und vor allem die Förderung der Pflegewissenschaft samt regelhafter pflegewissenschaftlicher Professuren an medizinischen Fakultäten.

Dass der Anteil akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen in der klinischen Praxis verschwindend gering ist, hält Meyer für absurd – gerade an Universitätskliniken, die eigentlich „Tempel der Innovation" sein sollten. Sie plädiert für Professuren, die in der klinischen Pflege verankert sind und auch Patientenversorgung umfassen: Warum sollte eine Professur für Palliativpflege nicht zugleich am Bett, im Hospiz oder in der Klinik tätig sein? Pflegende dürften nicht länger bloß als Study Nurses gedacht werden, sondern als Forschende, die eigene Projekte initiieren.

Doch Meyer dreht den Spieß auch um: Es genüge nicht, darauf zu warten, dass andere die Pflege „an die Hand nehmen". Diese eindimensionale Logik des Zugestehens müsse aufgebrochen werden.

„Eine Kollegin aus Israel sagte kürzlich: Wenn da kein Stuhl für uns am Tisch ist, dann nehmen wir uns einen und stellen ihn dazu. So proaktiv müssen wir auftreten – nicht aus Narzissmus, sondern weil wir eine Kenntnis haben, die sich anderen Professionen schlicht nicht erschließt." — Prof. Dr. Gabriele Meyer

Erschöpfung, Berufsflucht und die großen Stellschrauben

Die psychische Belastung Pflegender und die Furcht vor massiver Berufsflucht sind keine deutschen Sonderprobleme, sondern werden weltweit diskutiert – und keineswegs erst seit der Pandemie. Die Reparaturmaßnahmen finden sich in der konzertierten Aktion Pflege: Aufwertung des Berufs, Erweiterung der Kompetenzen, Verantwortungsübernahme. Eine zentrale Stellschraube sieht Meyer jedoch im Krankenhaussektor selbst. Deutschland hat – im europäischen Vergleich – viele Pflegefachpersonen, aber eben auch außergewöhnlich viele stationäre Fälle und belegte Betten. Die Anreize zur ständigen Fallausweitung müssten durch eine Krankenhausstrukturreform durchbrochen werden, um die „Hamsterräder" zu stoppen und echte Freiräume zu schaffen.

Realistisch bleibt sie beim Zeithorizont: Bis strukturelle Umbauten spürbare Entlastung bringen, dürfte rund eine Dekade vergehen. Bis dahin gilt es, die akuten Bedarfe zu decken – etwa durch einen anderen Staff-Mix aus Pflegeassistenz, dreijährig ausgebildeten und akademisch qualifizierten Pflegenden. Voraussetzung dafür: dass innerhalb der Profession akzeptiert wird, dass nicht alle dasselbe tun – ein Punkt, der derzeit oft unter dem Anspruch „Wir sind alle gleich" verschwindet.

Die bittere Lehre: Pflege war unsichtbar

Die ehrlichste und vielleicht ernüchterndste Bilanz zieht Gabriele Meyer mit Blick auf die Pflegeforschung. Während für Universitätskliniken dreistellige Millionenbeträge an Forschungsförderung bereitgestellt wurden, blieb für die Pflege strukturierte Förderung aus. Das Ergebnis: vereinzelte Surveys und kleine Interviewstudien statt systematischer Ansätze. Pflege und Pflegewissenschaft saßen weder in Beratungsgremien noch in Forschungspanels – für sie ein Zeichen eines „kollektiven Neglekts".

„Die Präsidentin des International Council of Nurses sagte: Never bring nurses in such a position again. Weltweit sind viele Pflegende an Covid-19 gestorben. Wir müssen dafür eintreten, dass die Bedingungen beim nächsten Mal andere sind – ausreichend Schutzkleidung, echte Sicherheit für die Pflege." — Prof. Dr. Gabriele Meyer

Immerhin: Die Aufmerksamkeit, die die Pflege in der Pandemie erfahren hat, öffnet ein Zeitfenster für Veränderung – das es zu nutzen gilt. Konkret wünscht sich Meyer eine machtvolle Vertretung der Berufsgruppe. Die Pflegeanbieter würden es nicht für die Pflege richten; es brauche Pflegekammern, die registrieren, vertreten und Weiterbildung verbindlich regeln. Das Nein aus Niedersachsen hält sie für ein schlechtes Signal, blickt aber gespannt auf die damals laufende Entwicklung in Nordrhein-Westfalen. Und sie skizziert ein ganzes Bündel künftiger Forschungsfragen: rekonstruktive Studien dazu, was Bewohner:innen und Pflegende in den Heimen tatsächlich erlebt haben, bis hin zu sauberen Todesursachenanalysen. Nur so lasse sich aus der Krise echtes Wissen für künftige Pandemien gewinnen – und der Praxis Sicherheit im Handeln zurückgeben.

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