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Diese Episode erschien am 04.04.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Aus Angst vor Ansteckung sagen viele Klient:innen ihre Pflegeleistungen ab.
  • Trotz Personalmangels droht ambulanten Diensten paradoxerweise Kurzarbeit.
  • Ein Pandemieplan teilt Klient:innen in drei Versorgungskategorien ein.
  • Bei psychisch erkrankten Menschen wirkt die Isolation wie ein Brennglas.
  • Vernetzung und Solidarität statt Konkurrenz tragen durch die Krise.

Während in den Krankenhäusern im Frühjahr 2020 fieberhaft Betten freigeräumt und Intensivkapazitäten aufgebaut werden, läuft im Wohnzimmer um die Ecke eine ganz andere Geschichte ab. Dort, wo Pflegefachpersonen jeden Morgen klingeln, um zu waschen, Wunden zu versorgen oder Medikamente zu reichen, bleiben plötzlich Türen verschlossen. Aus Angst. In dieser Episode der Corona-Spezial-Reihe haben wir genau dorthin geschaut: in die ambulante Pflege. Zu Gast war Torsten Jürs, geschäftsführende Pflegedienstleitung der AMBULANT pflegen & helfen aus Bad Salzuflen – ein Pflegedienst mit rund 110 Klient:innen und einem Schwerpunkt in der fachpsychiatrischen häuslichen Pflege.

Wenn die Tür verschlossen bleibt

Die spürbarste Veränderung in den ersten Wochen der Pandemie ist keine Überlastung, sondern eine Leere. Viele Menschen, die sonst regelmäßig Besuch vom Pflegedienst bekommen, sagen ihre Leistungen ab. Der Grund ist fast immer derselbe: Angst vor einer Ansteckung. Manche Angehörige sind ohnehin zu Hause und übernehmen die Versorgung selbst, andere fahren ihre sozialen Kontakte konsequent zurück. Am stärksten betroffen sind hauswirtschaftliche und betreuende Leistungen – ob die Wohnung diese Woche geputzt wird oder nicht, lässt sich eben leichter verschieben als eine Insulingabe.

Damit steht die ambulante Pflege in einem bemerkenswerten Gegensatz zum Klinikalltag. Während dort Personal aufgestockt wird, weil man den großen Ansturm erwartet, entspannt sich die Lage in der Häuslichkeit zunächst – allerdings auf eine ungesunde Weise. Denn weniger abgerufene Leistungen bedeuten auch weniger Einnahmen. Gleichzeitig melden sich Krankenhäuser, die ihre Betten leeren, mit vermehrten Anfragen: Menschen werden entlassen, die zu Hause weiter Unterstützung brauchen. So entsteht ein widersprüchliches Bild aus Absagen auf der einen und Neuaufnahmen auf der anderen Seite.

Das Paradox der Kurzarbeit

Genau hier liegt die wohl bitterste Pointe der Krise. Ein Pflegedienst, der eigentlich Teil eines chronisch unterbesetzten Berufsfelds ist, denkt plötzlich darüber nach, Kurzarbeit anzumelden. Personal freizusetzen kommt für Jürs nicht infrage – das wäre kurzsichtig, denn nach der Krise werden die Leistungen wieder abgerufen, und dann braucht es die Fachkräfte dringender denn je. Trotzdem bleibt die Situation schwer auszuhalten.

„Einerseits heißt es, es fehlt Pflegepersonal und wir brauchen Leute. Und wir sind im momentanen Stand, rein von der finanziellen Seite her, eher darauf aus, dass wir wahrscheinlich Kurzarbeit anmelden müssen. Das ist schon ein bisschen paradox." — Torsten Jürs

Sein Dienst löst das so sozialverträglich wie möglich: Einige Mitarbeitende erklären sich freiwillig bereit, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, damit Kolleg:innen, die auf das volle Gehalt angewiesen sind, weiterarbeiten können. Von Anfang an wurde offen kommuniziert – die kürzeren Touren und die wegfallenden Klient:innen waren ohnehin für alle spürbar.

Schutzkleidung als knappes Gut

Ein Dauerthema dieser Wochen ist die Schutzausrüstung. Jürs' Dienst hat zum Zeitpunkt der Aufnahme noch Reserven – berechnet auf etwa zehn Tage – und jede:r Mitarbeiter:in führt im Auto eine Ausrüstung mit, falls jemand an der Haustür über Symptome berichtet. Bewusst wurde früh darauf verzichtet, wahllos Schutzkleidung anzuziehen, um Engpässe zu vermeiden. Dass der dramatische Mangel an Schutzausrüstung bundesweit ein Problem ist, war auch damals längst bekannt. Im Kreis Lippe hat sich die zentrale Beschaffung als hilfreich erwiesen, doch die eigentliche Sorge bleibt: Was passiert, wenn ein:e Mitarbeiter:in erkrankt oder bei einer Klientin oder einem Klienten eine Infektion festgestellt wird? Dann reicht der Vorrat möglicherweise nicht – und die Frage, ob Nachschub kommt, treibt die Verantwortlichen täglich um.

Ein Pandemieplan in drei Kategorien

Um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein, hat der Dienst einen eigenen Pandemieplan entwickelt und seine Klient:innen in drei Kategorien eingeteilt. Die erste Gruppe kann zeitweise von Angehörigen versorgt werden oder sogar kurzzeitig ganz auf Besuche verzichten. In der zweiten lassen sich die Einsätze reduzieren. Die dritte Gruppe aber muss auf jeden Fall versorgt werden – hier geht es um Insulinspritzen, lebenswichtige Medikamente oder Wundversorgung, die sich nicht aufschieben lassen. So kann der Leistungsumfang im Notfall heruntergefahren werden, ohne dass die wirklich Bedürftigen ihre Versorgung verlieren.

Wichtig ist Jürs dabei: Eine Absage bedeutet nicht, dass der Kontakt abbricht. Sein Team fragt in regelmäßigen Abständen telefonisch nach, ob noch alles in Ordnung ist – besonders dort, wo etwa eine Demenzerkrankung die häusliche Pflege für Angehörige schnell zur Überforderung werden lässt. Wer tiefer in die Versorgung chronischer Wunden in diesem Setting eintauchen möchte, findet in unserer Episode zum Wundmanagement in der ambulanten Pflege spannende Anknüpfungspunkte.

Vernetzung statt Konkurrenz

Was in dieser Krise auffällig gut funktioniert, ist die Zusammenarbeit. Der Kreis Lippe hat früh eine Koordinierungsstruktur über die Heimaufsicht geschaffen: Sobald ein Pflegedienst personelle Engpässe meldet, wird gemeinsam nach Lösungen gesucht – etwa indem ein anderer Dienst Touren übernimmt. In einer Stadt mit guter Dichte an Pflegediensten funktioniert das leichter als auf dem Land. Zusätzlich wurde eine Sondereinrichtung geschaffen: Ein Pflegeheim wurde so umgerüstet, dass dort eine Kurzzeitpflege entsteht – für an COVID-19 erkrankte Menschen ebenso wie für jene, die von ihrem Pflegedienst nicht mehr versorgt werden können. 110 Klient:innen lassen sich eben nicht einfach an einen anderen Dienst übergeben.

„Ein Konkurrenzgedanke gehört jetzt in der Zeit nicht her, sondern wir müssen das zusammen regeln, alle, die vor Ort sind." — Torsten Jürs

Die größte Angst der Mitarbeitenden

Interessant ist, wovor sich die Pflegefachpersonen am meisten fürchten. Es ist nicht in erster Linie die eigene Erkrankung. Es ist der Gedanke, das Virus unbemerkt weiterzugeben – an genau die Risikogruppen, die sie eigentlich schützen sollen.

„Was ich bei meinen Mitarbeitern eher feststelle, ist die Sorge: Wenn ich es habe und es nicht merke und stecke dann meine Klienten an, unsere Risikogruppen. Davor haben sie mehr Angst, als dass sie selber krank werden." — Torsten Jürs

Um Ansteckungen im Team zu verhindern, wurden Teambesprechungen komplett heruntergefahren. Vieles läuft jetzt schriftlich, etwa über eine eigens eingerichtete „Corona-Wand" mit allen aktuell wichtigen Informationen. Die Touren beginnen versetzt, das Team ist in Gruppen aufgeteilt – alles mit dem Ziel, möglichst wenige Kontakte untereinander entstehen zu lassen. Fällt jemand mit Verdacht aus, sollen so wenige Kolleg:innen wie möglich betroffen sein. Eine besondere Herausforderung ist dabei der Informationsfluss, denn die Richtlinien ändern sich in dieser Phase fast täglich.

Ausbildung im Krisenmodus

Auch für angehende Pflegefachpersonen verändert sich vieles. Die Auszubildenden des Dienstes sind weiter eingebunden – Schulausfall hin oder her –, was zugleich hilft, Kontakte zu reduzieren, weil weniger Wechsel auf den Touren stattfinden. Schwieriger wird es kurz vor dem Examen: Probeprüfungen finden nicht statt, der Austausch mit Lehrenden und Mitschüler:innen fehlt, und damit auch jene Sicherheit, die ein Probeexamen normalerweise vermittelt. Eine Praktikantin einer anderen Schule hat der Dienst bewusst nicht aufgenommen – zu riskant, ein zusätzliches Umfeld zu beobachten, und gerade bei neuen Gesichtern entsteht bei verunsicherten Klient:innen schnell Misstrauen.

Was das Virus mit der Seele macht

Ein besonders eindringlicher Teil des Gesprächs dreht sich um die fachpsychiatrische Pflege. Hier zeigt sich, dass die Pandemie für psychisch erkrankte Menschen weit mehr ist als ein abstraktes Gesundheitsrisiko. Die allgemeine Verunsicherung, die in diesen Wochen viele Menschen erfasst, wirkt bei ihnen verstärkt.

„Die Ängste, die man als – in Anführungsstrichen – normaler Mensch jetzt hat, sind bei unseren Klienten verstärkt. Je nach Erkrankung ist das wie ein Brennglas." — Torsten Jürs

Menschen mit sozialen Ängsten, mit denen mühsam erarbeitet wurde, sich wieder nach draußen zu trauen, werden durch Kontaktverbote und Isolation zurückgeworfen. Tageskliniken sind geschlossen, Therapien fallen aus oder laufen nur noch telefonisch. Genau hier liegt für Jürs eine zentrale Schwierigkeit: Am Telefon kann ihm jemand sagen, es gehe ihm gut – sehen würde er, dass es nicht stimmt. Die fachpsychiatrische Pflege beruht auf Freiwilligkeit; niemand wird zur Tür gezwungen. Telefonate sind keine Abrechnungsleistung und ersetzen den persönlichen Eindruck nicht. In Einzelfällen muss das therapeutische Team sogar überlegen, ob jemand wieder stationär aufgenommen werden sollte, weil die Panik allein zu Hause nicht mehr tragbar ist. Welche Unterstützung pflegende Angehörige in dieser Zeit erfahren, beleuchten wir in unserer Episode zu den pflegenden Angehörigen in der COVID-19-Krise.

Finanzielle Erleichterung – mit Fragezeichen

Spürbar erleichtert ist Jürs über das Gesetzespaket, das kurz vor der Aufnahme verabschiedet wurde. Anders als zunächst befürchtet, werden nicht nur Krankenhäuser unterstützt, sondern auch ambulante Pflegedienste: Ausfälle, die durch abgesagte Leistungen entstehen, sollen von den Pflegekassen übernommen werden, auch Kosten für Schutzausrüstung sollen zumindest teilweise refinanziert werden. Das im COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz verankerte Verfahren orientiert sich am Umsatz des Januars – was zum Zeitpunkt der Aufnahme noch offene Fragen aufwirft, etwa für neu aufgenommene Klient:innen, die im Januar gar nicht erfasst waren. Für die fachpsychiatrische Pflege, die stark auf nicht abrechenbare Telefonkontakte angewiesen ist, bleibt vieles ungeklärt. Im Zweifel geht der Dienst in Vorleistung – die Menschen hängen zu lassen, kommt für ihn nicht infrage.

Was bleibt, wenn die Krise geht

Trotz aller Sorgen zieht Jürs etwas Positives aus dieser Zeit. Die Pflege wird endlich als wichtig wahrgenommen – wobei er sich mit dem Begriff „systemrelevant" schwertut, der ihm zu statisch klingt. Vor allem das Miteinander im Team beeindruckt ihn: Seine Mitarbeitenden fragen von sich aus, was sie tun können, stellen eigene Interessen zurück und halten die Versorgung am Laufen. Seine Hoffnung ist, dass die aktuelle Wertschätzung nicht beim abendlichen Applaus stehen bleibt, sondern sich in echter politischer Anerkennung niederschlägt. Wer wissen will, wie Pflegeforschung diese Pandemiephase einordnet, findet in unserer Episode zur Situation der Pflege in der Corona-Krise mit Christel Bienstein wertvolle Perspektiven.

Wichtig bleibt der Hinweis: Dieser Einblick ist ein Beispiel. Im Kreis Lippe scheint die Koordination zum Zeitpunkt der Aufnahme weiter fortgeschritten als anderswo – in anderen Regionen kann die Lage ganz anders aussehen. Aktuelle Daten zur Ausbreitung lieferten damals etwa die COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation. Wenn du selbst in einem ambulanten Pflegedienst arbeitest und die Situation anders erlebst, freuen wir uns über dein Feedback.

Zum Weiterhören


Weiterführende Links & Shownotes

Corona und die ambulante Pflege

Einrichtungsspezifische Strategien und Maßnahmen

Schutzausrüstung

Fallzahlen und Pandemieplan