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Diese Episode erschien am 25.04.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Tausende neue Beatmungsbetten entstanden – ohne zusätzliches Fachpersonal dazu.
  • COVID-19-Patient:innen verschlechtern sich oft rasant und brauchen enge Betreuung.
  • „Köpfe zählen" ersetzt keine Erfahrung am Patientenbett.
  • Isolierte Angehörige belasten Patient:innen und Pflegende gleichermaßen.
  • Pflege muss sich organisieren, statt auf Applaus zu warten.

Es ist der 23. April 2020. Deutschland steckt mitten in der ersten Welle der Corona-Pandemie, und kaum ein Ort steht so im Fokus wie die Intensivstationen. Für dieses Corona-Spezial haben wir Carsten Hermes eingeladen – Fachkrankenpfleger für Anästhesie- und Intensivpflege, Praxisanleiter und damals Sprecher der Sektion Pflege der Deutschen Gesellschaft für internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN). Er studierte zu dieser Zeit Advanced Nurse Practitioner an der HAW Hamburg und war freiberuflich als Dozent und Berater tätig. Was er aus dem Inneren des Systems berichtet, ist ehrlich, manchmal ernüchternd – und überraschend hoffnungsvoll.

Eine Berufsgruppe, die mit am Tisch sitzt

Die Sektion Pflege innerhalb der DGIIN war ursprünglich eine kleine Gruppe, bis der inzwischen verstorbene Norbert Schwabbauer die Idee hatte, sie als eigene Sektion zu etablieren. Wichtig ist Carsten dabei eines: Das Ganze versteht sich nicht als Konkurrenz zu bestehenden Berufsverbänden wie dem Verband für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste, sondern als fachpraktische Arbeitsgruppe, die mit den Mediziner:innen auf Augenhöhe arbeitet. Genau wie auf Station, wo Pflege und Ärzt:innen Hand in Hand arbeiten. Über die Doppelmitgliedschaft in der DIVI bringt die Sektion pflegerische Themen sowohl eigenständig als auch in den interdisziplinären Dachverband ein. Als Sprecher sammelt Carsten – gemeinsam mit seinem Kollegen Tobias Ochmann – die Themen, die unter den Nägeln brennen. Und davon gab es im Frühjahr 2020 reichlich.

Ein Betrieb, viele Wirklichkeiten

Die Lage auf den Intensivstationen sei „sehr ambivalent", erzählt Carsten. Manche Stationen mit hohem Anteil an COVID-19-Patient:innen hatten alle Hände voll zu tun. Andere befanden sich in einer Art Vakuum: Sie hatten ihr Elektivprogramm komplett heruntergefahren und warteten auf den großen Knall, der vielerorts ausblieb. Rein elektiv ausgerichtete Häuser wiederum mussten Stationen schließen und Personal nach Hause schicken. Manche Kliniken hatten klare Eskalationsstufen definiert, OP-Säle und Aufwachräume zu kleinen Intensivstationen umgebaut, andere wiederum nichts verändert und COVID-Patient:innen einfach auf die bestehenden Fachabteilungen verteilt.

Was viele Pflegende dabei umtrieb, war weniger die Sorge um sich selbst als die Frage: Welche Gefahr setze ich meinen Angehörigen aus, wenn ich diese Patient:innen versorge? Trage ich das Virus von einem zum nächsten Bett? Dazu kam die große Unsicherheit über die schrittweise Lockerung der Maßnahmen – nicht aus Angst vor einer zweiten Welle, sondern aus einem strukturellen Grund.

„Ein Beatmungsgerät, das irgendwo rumsteht, ist nicht automatisch durch einen Könner bedient. Wir haben tausende Intensivbetten zusätzlich geschaffen – aber nicht das zusätzliche Fachpersonal dazu." — Carsten Hermes

Wenn das Elektivprogramm wieder anläuft und das umverteilte Personal aus OP, Lehre oder Normalstation zurückkehrt, herrsche derselbe Personalmangel wie vor der Krise. Genau diesen Mangel hatte die DGIIN schon vor der Pandemie in einer großen Umfrage unter Intensivpflegenden dokumentiert: Über 2.500 Beteiligte, mehr als 97 Prozent bewerteten die Arbeitsbedingungen als sehr schlecht. Viele wollten innerhalb der nächsten fünf Jahre aussteigen oder ihre Stunden reduzieren – eine Entwicklung, die schon vor Corona dramatisch war.

Vom Symptom zur Beatmung in wenigen Stunden

Den einen klassischen COVID-19-Verlauf gibt es laut Carsten nicht. Was viele Kolleg:innen aber erschütterte, war das Tempo der schweren Verläufe: Jemand kommt morgens mit Symptomen in die Notaufnahme, bekommt nachmittags eine nicht-invasive Beatmung oder High-Flow-Sauerstoff, ist abends intubiert und hängt nachts an der Herz-Lungen-Maschine. Gerade aus Süddeutschland kannte man Verläufe, bei denen Menschen innerhalb von 36 bis 72 Stunden verstarben.

Alle Patient:innen eint vor allem eines: Angst. Sie wissen nicht, was mit ihnen passiert und wohin die Reise geht. Dazu kommt, dass sich Menschen nach einem schweren Lungenversagen – einem ARDS – nicht vollständig erholen. Sie haben körperliche Einschränkungen im Alltag, beim Treppensteigen, beim Sport, und ein nicht unerheblicher Teil trägt psychische Beeinträchtigungen davon. Genau hier müssten Intensivpflegende neben der Technik ihre eigentlichen pflegerischen Stärken einbringen – die enge, zugewandte Betreuung. Wo das Arbeitsaufkommen das zulässt, gelingt das. Wo nicht, leidet die Qualität.

Sind die Teams vorbereitet? Grundsätzlich ja, sagt Carsten – aber nicht in dieser Menge und in dieser Eile. Vorbereitete Kliniken hatten seelsorgerische Angebote, Psycholog:innen und Kriseninterventionsteams. Doch Häuser, die normalerweise nicht mit solchen Verläufen konfrontiert sind, standen plötzlich ohne dieses Netz da. Und ein individueller Bedarf an psychologischer Begleitung wird auf Leitungsebene oft gar nicht erkannt – obwohl die Datenerhebung dazu, etwa über Belastungsbefragungen, damals gerade erst anlief.

Wenn Angehörige nur noch eine Stimme am Telefon sind

Besonders belastend war die veränderte Kommunikation mit den Angehörigen. Manche Kliniken schotteten sich strikt ab, andere öffneten sich punktuell für palliative oder sterbende Situationen, wieder andere ließen private Handys, Tablets und Videoanrufe zu. Klar ist für Carsten: Das wird Folgen haben. Eng eingebundene Angehörige – nicht der „Bahnhofsverkehr", sondern die Menschen aus dem täglichen Leben – fehlen an allen Ecken, auch ganz praktisch beim Essenanreichen oder Positionieren. Und sie fehlen den Patient:innen emotional.

Eine der Hilfen, die Carsten nennt, ist das Intensivtagebuch, in dem Angehörige den Alltag festhalten und später mit den Patient:innen besprechen. Dass solche Tagebücher tatsächlich wirken, zeigt die Forschung: Sie können das Risiko für psychische Folgestörungen senken. Gleichzeitig betont er den Infektionsschutz: Angehörige zu COVID-Patient:innen zu lassen, wenn schon für das Personal nicht genug Schutzausrüstung da ist, ist kaum verantwortbar. Hier geht es auch um eine Fürsorgepflicht gegenüber gesunden Menschen.

Dass solche Entscheidungen mitunter ökonomisch gefärbt sind, treibt Carsten um. Sein Beispiel: Eine Klinik verbot Vätern den Kreißsaal, eine 30 Kilometer entfernte Uniklinik warb damit, Väter seien willkommen – woraufhin das erste Haus seine Meinung änderte. Entweder ist eine Maßnahme aus Infektionsschutzgründen richtig oder falsch. Sie kann nicht plötzlich falsch sein, nur weil woanders Geld zu verdienen ist.

Köpfe zählen reicht nicht

Beim Personal beobachtete Carsten ein Nebeneinander von guten und fragwürdigen Lösungen. Gut: Wenn fachweitergebildete, erfahrene Kräfte den COVID-Bereich führen und Anästhesie- und OP-technische Assistent:innen sie gezielt als Springer unterstützen. Kritisch: Wenn etwa Lehrkräfte für Pflegeberufe, die vor zehn Jahren das letzte Mal auf einer Intensivstation standen, nach einem Crashkurs dieselbe Arbeit machen sollen wie jemand im Drei-Schicht-Betrieb. Das theoretische Wissen mag da sein – die reflexartige Routine fehlt. Carsten vergleicht es mit jemandem, der zwar einen Führerschein hat, aber direkt eine Bestzeit auf dem Nürburgring fahren soll.

Das eigentliche Problem ist für ihn das reine „Köpfezählen": Es zählt nur die Pflegefachperson, die am Bett „in Action" ist. Konzeptionelle Arbeit, Anleitung oder gute Prophylaxe werden schnell wegrationalisiert.

„Es führt unseren Job nur dann ad absurdum, wenn jemand mit weniger Qualifikation die gleiche Arbeit für weniger Geld macht. Wird mir aber die Aufsicht zugewiesen, dann mache ich es zu meiner Aufgabe – und kann sie gestalten, auch über die Krise hinaus." — Carsten Hermes

Genau diese Gestaltungsmacht wünscht er sich für die Pflege: selbst zu entscheiden, wer wo und wie eingesetzt wird. Hinzu kommt die enorme Belastung, in einem ungewohnten Umfeld zu arbeiten – fremde Geräusche, fremde Schubladen, stundenlang in voller Schutzmontur mit FFP2-Maske, ohne echte Pausen. Wer aus Anästhesie oder OP einspringt, geht dort genauso unter, wie eine Intensivpflegeperson im Altenheim untergehen würde. Beides ist Pflege – aber eben unterschiedliche Disziplinen.

Schutz auf Sparflamme

Ein wunder Punkt war die Schutzausrüstung. Was vor Monaten unverzichtbar schien – Visier, FFP3-Maske, Wechsel alle zwei Stunden –, wurde nach und nach gelockert: erst sechs, dann acht Stunden, am Ende die Maske zum Trocknen aufhängen. Dass das RKI seine Empfehlungen für Pflegende abschwächte, sieht Carsten kritisch – nicht, weil Anpassungen in der Krise unmöglich wären, sondern weil jede Mindestanforderung in der Praxis schnell zur Obergrenze erklärt wird. Und weil der Mangel an Schutzausrüstung ohnehin dramatisch war.

Dazu kommt die Stigmatisierung: Pflegende stehen einerseits an vorderster Front und tragen eine Garantenstellung, andererseits gelten sie als mögliche Überträger:innen. Wenn der Guardian Fotos von verstorbenen Gesundheitsarbeiter:innen veröffentlicht – ein eindrückliches Gedenken an Beschäftigte, die an Covid-19 starben –, wird sichtbar: Auch Intensivpflegende und Mediziner:innen sind nicht immun. Carsten plädiert für individuelle Anpassungen: Wer eine chronische Erkrankung hat, immunsuppressive Medikamente nimmt oder zu Hause Angehörige pflegt, sollte gehört werden – statt die Mail zu bekommen, man solle sich nicht so anstellen.

Was bleiben soll, wenn der Applaus verklingt

Trotz allem zog Carsten auch Positives aus der Krise: einen selten erlebten Zusammenhalt zwischen den Berufsgruppen, einen echten Schulterschluss zwischen OP, Anästhesie, Intensiv und Medizin. Doch genau dieses Momentum müsse gehalten werden. Sein Appell zielt nach innen: Die Pflege müsse sich organisieren, in Berufsverbände, Gewerkschaften oder die Kammer eintreten – egal welche, aber etwas tun. Und sie müsse lernen, zu benennen, was ihre Aufgabe ist, statt nur aufzuzählen, was sie nicht ist. Dazu gehört auch, untereinander unterschiedliche Schwerpunkte und Qualifikationsstufen anzuerkennen – inklusive unterschiedlicher Bezahlung.

Den Begriff „systemrelevant" hasst Carsten. Schlüsselpositionen ja – aber wer auf Applaus vom Balkon wartet, verändert nichts.

„Wer glaubt, dass Applaudieren vom Balkon über die Krise hinaus etwas verändert, der irrt. Wir müssen selbst formulieren, was wir wollen – und es selbst gestalten." — Carsten Hermes

Sein Blick fünf Jahre voraus war zugleich Wunschliste: dass Gesundheit nicht allein durch sich selbst finanziert wird, sondern als gesellschaftliche Aufgabe verstanden; dass Pflege sich zusammenschließt und in Schlüsselpositionen kommt; dass es Vorhaltung gibt – Betten, Geräte, Personal, Notfallpläne, die regelmäßig trainiert werden. Schon damals war klar, dass solche Szenarien etwa im Risikobericht von 2013 längst beschrieben waren – passiert war wenig. Carstens Schlusssatz an die Kolleg:innen: Sich auch mal auskotzen ist erlaubt. Aber danach: definieren, was man braucht, sich zusammenschließen, austauschen – und stolz darüber sprechen, was man leistet. Tu Gutes und rede darüber. Und warte nicht darauf, dass es jemand anderes für dich tut.

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Weiterführende Links & Shownotes

Intensivpflege und Corona

Plattformen für Fortbildungen

Einrichtungsspezifische Stategien und Maßnahmen

Schutzausrüstung

Fallzahlen und Pandemieplan