- Die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz schaltet 2020 vollständig in den Corona-Modus.
- Über 300 Freiwillige und ein zentraler Personalpool sollen die Versorgung sichern.
- Forderung: monatlicher Belastungs- und Risikobonus statt einmaliger 1.500 Euro.
- Mindestens 4.000 Euro Grundgehalt als politisches Signal für die Pflege.
- Gehalt und Professionalisierung müssen gemeinsam vorangetrieben werden.
Es ist Frühjahr 2020. Die erste Corona-Welle rollt durch Deutschland, Krankenhäuser fahren planbare Eingriffe herunter, und in den Pflegeeinrichtungen wächst die Sorge vor dem, was noch kommen könnte. Mitten in dieser Ausnahmesituation haben wir mit Dr. Markus Mai gesprochen – Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz und selbst Pflegefachmann. Im Gespräch geht es um die konkrete Krisenarbeit einer Kammer, um Schutzausrüstung, um Bonuszahlungen und um eine alte, hartnäckige Forderung: 4.000 Euro Grundgehalt für Pflegefachpersonen. Ein Gespräch, das viel über die Strukturen unseres Gesundheitssystems verrät – und über die Frage, was Wertschätzung eigentlich kostet.
Eine Kammer im Krisenmodus
Als die strengeren Maßnahmen begannen, stellte die Landespflegekammer ihre Arbeit nach eigener Aussage zu hundert Prozent auf Corona um. Eine Taskforce bildete sich, die sich täglich austauscht: über die Entwicklung im Land, über Rückmeldungen aus den Teams, über die Zusammenarbeit mit der Landeskrankenhausgesellschaft, der Pflegegesellschaft und den politischen Akteur:innen. Die Kammer versteht sich dabei als Interessenvertretung der beruflich Pflegenden – manchmal an vorderster Front, manchmal im Hintergrund, aber bei jedem Thema mit am Tisch, das den Berufsstand betrifft.
Zum Zeitpunkt der Aufnahme war die Lage in Rheinland-Pfalz vergleichbar mit anderen Bundesländern: steigende Infektionszahlen, eine zwar moderatere Entwicklung als zwei Wochen zuvor, aber zunehmend mehr Menschen in den Krankenhäusern, die schwerer an Covid-19 erkrankten. Wer den Verlauf damals nachvollziehen wollte, fand auf den COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation oder über eine interaktive Übersichtskarte der Infektionszahlen die aktuellen Daten.
Ein Pool für den Ernstfall
Eine der zentralen Maßnahmen war eine Meldestelle, über die die Kammer einen Pool an Freiwilligen aufbaute. Gemeint sind Menschen, die nicht mehr oder nur noch in geringem Umfang im Pflegeberuf tätig sind und bereit wären, im Notfall einzuspringen – etwa Pflegefachpersonen kurz vor oder schon im Ruhestand. Wichtig war Mai dabei eines: Über den Einsatz entscheidet nicht die Kammer allein, sondern gemeinsam mit dem Ministerium. Einrichtungen können sich also nicht direkt bedienen, sondern melden ihre Bedarfe zentral. So soll der Eindruck vermieden werden, die Kammer verteile nach Gutdünken Personal.
„Wir haben die Kammer im Prinzip zu 100 Prozent auf Corona-Modus gestellt." — Dr. Markus Mai
Über 300 Personen hatten sich zum Zeitpunkt des Gesprächs gemeldet, eine landesweite Kampagne war in Vorbereitung. Neben Pflegefachpersonen können sich auch Pflegehilfspersonen, Physiotherapeut:innen und andere Gesundheitsfachberufe eintragen. Für Mai war dabei nicht die reine Zahl entscheidend, sondern dass die Gemeldeten dann tatsächlich verfügbar sind, wenn die Not groß wird – und dass sie die nötige Kompetenz mitbringen. Bewusst wird im ersten Schritt auf die Selbsthilfe der Einrichtungen verwiesen: Der Pool soll als Reserve für den Moment dienen, in dem die Versorgung sonst zusammenzubrechen droht.
16 Stunden für die Intensivstation – eine Basis, kein Ersatz
Damit Pflegefachpersonen von Normal- und Allgemeinstationen im Ernstfall auf einer Intensivstation unterstützen können, brachte die Kammer eine kompakte Notfallqualifikation auf den Weg: 16 Stunden Theorie plus eine Praxisanleitungseinheit, in der etwa das Absaugen bei intubierten Patient:innen geübt wird. Mai betont mehrfach: Diese Qualifikation soll niemanden befähigen, eigenständig intensivpflegerisch zu arbeiten. Sie soll erfahrene, fachweitergebildete Kolleg:innen entlasten und verhindern, dass jemand völlig unvorbereitet auf eine Station kommt, auf der plötzlich 20 beatmete Menschen liegen. Über 500 Personen waren eingeschrieben, rund 200 bis 250 hatten die Maßnahme bereits abgeschlossen.
Entwickelt wurde das Curriculum mit zwei Bildungszentren, doch das Raster steht allen offen: Krankenhäuser können die Schulung auch in Eigenregie durchführen, solange sie sich an die inhaltlichen Mindestvorgaben und Stundenzahlen halten – dann fließt auch die vom Land bereitgestellte Finanzierung. Ergänzend ging zum Aufnahmezeitpunkt eine Online-Schulung zum Coronavirus an den Start, die die Bundespflegekammer gemeinsam mit drei Landeskammern und dem DBfK auch für Nichtmitglieder zugänglich machte.
Wo die Lücken am tiefsten klaffen
Besonders deutlich wird im Gespräch, dass die Krise nicht überall gleich aussieht. Während die Lage in den Krankenhäusern aus Mais Sicht damals noch vergleichsweise überschaubar war, sah er die größeren Probleme in der Langzeit- und der ambulanten Pflege. Ist das Virus erst einmal in einer Pflegeeinrichtung, verbreitet es sich rasend schnell – schon weil bis zum Auftreten erster Symptome eine starke Durchmischung der Bewohner:innen stattgefunden hat. Menschen mit Demenz lassen sich nicht einfach in ihren Zimmern halten, und der bis dahin freizügige Besucherverkehr trug zusätzlich Risiken hinein. Mais Konsequenz: Diese Einrichtungen müssen künftig deutlich besser geschützt und personell aufgewertet werden.
In der ambulanten Pflege zeigte sich eine geradezu paradoxe Situation. Ein Pflegedienstleiter hatte uns berichtet, dass Patient:innen und Angehörige aus Angst vor Ansteckung Leistungen absagten – mit der Folge, dass er über Kurzarbeit nachdenken musste, während andernorts dringend Personal gebraucht wurde. Mai kritisiert das scharf: Statt Menschen in Kurzarbeit zu schicken und sie damit aus dem Blick zu verlieren, sollten sie in zentrale Pools überführt werden. Auch eine Personalgestellung – etwa von einem ambulanten Dienst an ein Pflegeheim – sei möglich, zumal der Gesetzgeber damals geregelt hatte, dass krisenbedingte Mehrkosten refinanzierbar sind.
„Hier zeigt sich, dass wir einfach keine Puffer mehr haben." — Dr. Markus Mai
Geschlossene Tagespflegen, weggebrochene 24-Stunden-Betreuung durch Hilfen aus dem Ausland: Vieles davon ließ sich kurzfristig kaum auffangen, sodass am Ende oft die Angehörigen in die Bresche springen mussten. Mai sieht darin das Ergebnis einer jahrzehntelangen Sparpolitik, die nicht nur die Politik, sondern auch Verbände und Unternehmen zu verantworten hätten. Die eigentliche Aufgabe der Kammer sieht er deshalb weniger im Verteilen von Personal als darin, für die Zukunft Strukturen zu entwickeln, die bei der nächsten Krise besser tragen.
Schutz für die, die im Feld stehen
Beim Thema Schutzausrüstung wird Mai konkret: Verantwortlich für die Bereitstellung sei grundsätzlich der Arbeitgeber, ergänzt durch die Beschaffung über den Bund. Engpässe gab es zweifellos – ein ambulanter Dienst berichtete von gerade noch acht Mund-Nasen-Schutzmasken. Die Position der Kammer ist eindeutig: Ohne ausreichende Schutzmaterialien ist es nicht vertretbar, Mitarbeitende einem hohen Risiko auszusetzen. In den FAQs der Kammer findet sich entsprechend ein Verweis auf die Arbeitsschutzbestimmungen – wer nicht ausreichend geschützt ist, muss nicht arbeiten gehen. Der dramatische Mangel an Schutzausrüstung war damals bundesweit ein Thema.
Über die körperliche Sicherheit hinaus rückte die Kammer auch die seelische Gesundheit in den Blick. Gemeinsam mit der Landespsychotherapeutenkammer entstand ein Unterstützungsprogramm, parallel beschäftigte sich eine Gruppe mit ethischen Dilemmata, die in der Krise auftreten können – und zwar bewusst auch auf Bundesebene, um ein belastbares Expert:innen-Netzwerk aufzubauen.
1.500 Euro einmalig? „Eigentlich ein Witz"
Großen Raum nahm die Debatte um Bonuszahlungen ein. Der Bund hatte damals geregelt, dass ein Corona-Bonus bis 1.500 Euro steuer- und sozialversicherungsfrei bleibt – brutto für netto. Doch dass Pflegende einen solchen Bonus überhaupt erhalten sollten, war zunächst nicht festgeschrieben. Die Zusage von Verdi und BVAP über 1.500 Euro pro Pflegeperson und der von Markus Söder angekündigte 500-Euro-Bonus markierten den Stand der Diskussion.
Die Kammer ging weiter: Sie forderte gleich zwei Boni, und zwar monatlich. Einen Belastungsbonus von 500 Euro für alle Pflegefachpersonen in der direkten Versorgung und einen Risikobonus von weiteren 500 Euro für jene, die nachweislich Covid-19-Erkrankte betreuen. Eine einmalige Zahlung hält Mai für ein schwaches Signal. Entscheidend ist für ihn aber die Frage der Finanzierung: Anders als ein Discounter könnten Gesundheits- und Sozialeinrichtungen ihre Kosten nicht einfach über Preise refinanzieren. Die Last allein den Trägern aufzubürden, würde nach der Krise eine Pleitewelle auslösen. Sein Appell richtet sich deshalb an den Staat – über Sozialversicherung, Steuern oder Pool-Lösungen, möglichst schnell und bundeseinheitlich.
4.000 Euro – ein Signal mit Punkt und drei Nullen
Schon 2017 war die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz die erste, die ein Mindestgrundgehalt von 4.000 Euro für Pflegefachpersonen forderte. Mai erklärt die Zahl als bewusst plastisches, politisches Signal: keine Deckelung, sondern eine Mindeststufe, ab der weitere Qualifikationen – Fachweiterbildung, Studium – sich entsprechend nach oben aufbauen. Dass die Forderung mancherorts als „alle gleich bezahlen" missverstanden wurde, weist er entschieden zurück. Die Idee, dass Pflegefachpersonen mindestens 4.000 Euro verdienen sollen, begründet er mit hohen Belastungen, Schichtarbeit rund um die Uhr und wachsenden Haftungsrisiken. Vom damals bis Mai angestrebten flächendeckenden Tarifvertrag erwartete er allerdings wenig – die Orientierung gehe zu stark nach unten.
Henne oder Ei: Gehalt und Professionalisierung
Spannend wird das Gespräch dort, wo wir kritisch nachhaken: Macht ein höheres Gehalt den Beruf wirklich attraktiver? Schließlich entscheiden sich viele Menschen gerade wegen der Akademisierung für die Pflege – trotz niedriger Vergütung. Mai räumt ein, dass Gehalt im Sinne der Professionalisierungstheorie kein Professionalisierungsbestandteil ist. Dazu gehörten vielmehr die Akademisierung, neue Master- und Weiterbildungsmöglichkeiten, ein durchdachter interprofessioneller Skill-Mix und eine veränderte Verantwortungshaltung. Gleichzeitig hält er eine deutliche – nicht eine kleine – Gehaltssteigerung für ein wirksames Signal im „War for Talents", in dem die Pflege mit vielen attraktiven Bildungswegen konkurriert.
„Wert hat immer was mit Geld zu tun in unserer Gesellschaft." — Dr. Markus Mai
Sein Argument: Pflege ist anstrengend, verantwortungsvoll und schön – aber Wertschätzung müsse spürbar sein, nicht nur als Applaus oder Daumen-hoch auf dem Sofa. Dass es nicht originäre Aufgabe einer Kammer ist, Gehälter zu fordern, weiß Mai. Doch solange sich niemand sonst an die Spitze dieser Bewegung stelle, übernehme die Kammer das eben – in der Hoffnung, dass die Gewerkschaften sich anschließen.
Auch das damals viel diskutierte Rothgang-Gutachten zur Personalbemessung kommt zur Sprache. Mai sieht es kritisch, weil es als Ist-Betrachtung viele eigentlich notwendige, aber gar nicht angebotene Leistungen ausblende. Gemeinsam mit dem Deutschen Pflegerat und der Bundespflegekammer war eine Erwiderung in Vorbereitung.
Selbstverwaltung statt Behördenvorschrift
Zum Schluss richtet sich der Blick nach Norden: In Niedersachsen stand damals eine Vollbefragung zur Zukunft der Pflegekammer an, und die Gesundheitsministerin hatte deren Ergebnis als bindend angekündigt. Für Rheinland-Pfalz sieht Mai daraus keine Auswirkungen – die Politik dort erlebe die Kammer als wichtigen Partner. Grundsätzlich aber hält er es für problematisch, die Existenz einer Selbstverwaltung von einer Befragung der Berufsgruppe abhängig zu machen. Pflege sei ein hochgefahrgeneigter Beruf, der mit der wissenschaftlichen Entwicklung noch anspruchsvoller werde. Genau deshalb sei es ein Gewinn, diese Verantwortung in einer Selbstverwaltung zu regeln, statt mit Vorschriften einer Behörde zu arbeiten – eine Aufgabe, die Politik nicht endlos als Alibi vor sich herschieben dürfe.
Bleibt die Frage, ob aus der plötzlichen Sichtbarkeit der Pflege auch langfristige Veränderungen erwachsen. Mai bleibt vorsichtig optimistisch: Die Kammer sei damals präsenter denn je, mit eigener Corona-Hotline, Spezial-Newsletter und intensiver Öffentlichkeitsarbeit. Doch er warnt auch davor, dass nach der Krise niemand mehr über die Ängste und Lücken sprechen wolle. Genau deshalb sei jetzt der Moment, die Positionen klar zu setzen.
Zum Weiterhören
- ÜG035 – CORONA SPEZIAL #3: Chancen und Risiken für Pflege in der Corona-Krise (Prof. Dr. C. Bienstein)
- ÜG039 – Pflegekammer, Situation und Befragung in Niedersachen (Nora Wehrstedt)
- ÜG045 – Blickpunkt Niedersachen: Evaluation der Pflegekammer (Interview mit Kai Boeddinghaus und Dr. Martin Dichter)
Weiterführende Links & Shownotes
Pflegekammer Rheinland-Pfalz und Corona
- Pflegeheime von Corona-Krise besonders betroffen (pflegekammer-rlp.de)
- Zentrale Meldestelle für Freiwilligen-Pool (Pflegekammer-rlp.de)
- Kurzqualifizierung Intensivpflege (pflegekammer-rlp.de)
- Einmalige Prämienauszahlung von 1.500€ nicht ausreichend (Pflegekammer-rlp.de)
- „Pflegekräfte sollen mindestens 4.000 Euro verdienen“ (pflegen-online.de)
- Pflegekammer fordert 4 000 Euro Pflegelohn (Altenpflege-online.net)
- Freiwilligen-Pool kommt bei Pflegenden gut an (bibliomed-pflege.de)
- Verdi und BVAP versprechen 1.500 Euro pro Pflegeperson (bibliomed-pflege.de)
- Söder verspricht Pflegenden 500€ Bonus (Twitter.com)
- Flächendeckende Tarifverträge für Pflegende (daserste.de)
- Corona-Schulung (campus.bibliomed.de)
Einrichtungsspezifische Stategien und Maßnahmen
- Informationen für Pflegefachpersonen zur CoViD-Pandemie (dbfk.de)
- Online-Schulung zum Coronavirus (Campus.bibliomed.de)
- Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege (www.rki.de)
- Empfehlungen des RKI für das Management von Kontaktpersonen bei respiratorischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2 (www.rki.de)
- Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel (www.rki.de)
- Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2 (www.rki.de)
- Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie (www.rki.de)
- Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel (www.rki.de)
Schutzausrüstung
- Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material! (www.dbfk.de)
- Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht (www.dbfk.de)
- Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung (www.bibliomed-pflege.de)
Fallzahlen und Pandemieplan
- COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit (www.rki.de)
- Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020 (www.rki.de)
- Interaktive Übersichtskarte (Morgenpost.de)
- COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) (www.who.int)
- COVID-19-Seite der John Hopkins University (www.coronavirus.jhu.edu)
- Pandemieplan 2016/2017 (www.rki.de)
- Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020) (www.rki.de)
