- Sprachkompetenz wird bei der Anerkennung internationaler Pflegender oft nur als Formalie behandelt.
- Die Anforderungen sind je nach Bundesland unterschiedlich und meist zu niedrig angesetzt.
- Die GQMG fordert bundeseinheitlich C1-Niveau und geprüfte Fachsprache.
- Mangelnde Sprache belastet Patient:innen, einheimische und zugewanderte Teams gleichermaßen.
- Deskilling entwertet die Qualifikation zugewanderter Pflegefachpersonen.
Ein Sprachzertifikat in der Hand zu halten und trotzdem am Telefon zu scheitern, eine Übergabe nicht zu verstehen oder die leisen Zwischentöne einer pflegebedürftigen Person zu überhören – das ist Alltag in deutschen Pflegeeinrichtungen. In Folge 52 des Übergabe-Podcasts hat sich Vivienne Thomas, Sprecherin der Arbeitsgruppe Pflege und Qualität der Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung (GQMG), genau dieses Thema vorgenommen. Hauptamtlich forscht und lehrt sie an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg, wo Lehrkräfte für Gesundheits- und Pflegeberufe ausgebildet werden. Ihre These ist deutlich: Sprachkompetenz in der Pflege wird viel zu oft als Formalie abgehakt – mit Folgen für alle Beteiligten.
Wenn Sprache zur Checkliste wird
Rund 15 Prozent der Pflegefachpersonen in Deutschland kamen zum Zeitpunkt der Aufnahme im Jahr 2020 aus dem Ausland – Minijobber:innen noch gar nicht mitgezählt. Allein in jenem Jahr kamen über 8.000 Pflegekräfte neu ins Land, um hier zu arbeiten und ihren Beruf anerkennen zu lassen. Zum Vergleich: 2012 waren es noch unter 1.000 pro Jahr. Auch die Herkunftsländer haben sich verschoben – nach einem Boom philippinischer Fachkräfte 2013/2014 wandern inzwischen vor allem Menschen aus Osteuropa, allen voran Rumänien, zu.
Vivienne Thomas betont ausdrücklich: Fachkräfterekrutierung aus dem Ausland kann eine sinnvolle Antwort auf den Fachkräftemangel sein. Das Problem liegt nicht im Ankommen, sondern darin, dass der Prozess nicht zu Ende gedacht wird. Die sprachliche Eignung erscheint im Anerkennungsverfahren wie ein Bullet Point zum Abhaken – „dieses und jenes Niveau bitte erreichen, Häkchen, fertig". Was dahintersteht, ob also tatsächlich kompetent kommuniziert werden kann, gerät dabei aus dem Blick.
„Es geht ja nicht darum, irgendwo im Büro zu sitzen und mit der Kollegin ein Gespräch hinzubekommen, sondern wir haben es mit pflegebedürftigen Menschen zu tun, die darauf keine Rücksicht nehmen können." — Vivienne Thomas
Mehr als Vokabeln: Was Sprachkompetenz wirklich bedeutet
Sprachkompetenz meint längst nicht nur das, was am Schreibtisch oder im Flurgespräch funktioniert. Sie umfasst gesprochene und geschriebene Sprache, das Verfassen von Berichten genauso wie das Telefonat – Letzteres oft eine besonders hohe Hürde, weil Mimik fehlt und regionale Akzente das Verstehen erschweren. Vor allem aber geht es um die Fähigkeit, Sprache professionell einzusetzen: Beziehungen zu gestalten und zwischen den Zeilen zu lesen.
Denn pflegebedürftige Menschen drücken sich nicht immer geradeheraus aus. Auf die Frage „Wie geht es Ihnen?" folgt manchmal ein knappes „Muss ja" – und genau diese Stimmung gilt es aufzufassen. Hinzu kommen Menschen mit Aphasie und Wortfindungsstörungen, Menschen mit Demenz oder psychiatrischen Erkrankungen, die in Metaphern sprechen. Pflege ist ein komplexer Beruf in vielen Settings, und niemand dieser Menschen kann auf eine sprachliche Schonhaltung Rücksicht nehmen.
B1, B2, C1 – ein Blick auf die Niveaustufen
Die Einstufung erfolgt nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen in sechs Stufen von A1 bis C2. Zum Aufnahmezeitpunkt forderten die Bundesländer entweder B1 oder B2 – ein Überblick über die einzelnen Sprachniveaus macht die Unterschiede greifbar. Auf B1-Niveau lassen sich Hauptpunkte eines Gesprächs in klarer Standardsprache verstehen – aber eben nur sehr einfach, zu vertrauten Themen, ohne Fachsprache. B2 geht etwas weiter, ermöglicht das Erfassen von Hauptinhalten und den Einstieg in Fachdiskussionen. Eine Berufssprache wird damit aber noch lange nicht abgedeckt.
Die GQMG fordert deshalb C1 für die Pflege. Auf diesem Niveau lassen sich anspruchsvolle, längere Texte verstehen – mündlich wie schriftlich, auf der gesamten beruflichen Ebene und inklusive impliziter Bedeutungen. Wer fragt, ob das nicht zu hoch gegriffen sei, dem hält Vivienne Thomas eine einfache Gegenfrage entgegen: Welches Niveau braucht es, um ruhigen Gewissens an pflegebedürftigen Menschen arbeiten zu können? Nicht „Was ist machbar?", sondern „Was ist nötig?" müsse die Leitfrage sein.
Jedes Bundesland kocht sein eigenes Süppchen
Besonders kritisch sieht die Arbeitsgruppe, dass die Regelung nicht auf Bundesebene, sondern bei den Ländern liegt. Das öffnet die Tür für eine Art Tourismus: Wer schnell einsteigen möchte, geht in ein Bundesland mit B1-Anforderung, sammelt dort ein paar Monate Erfahrung und bewirbt sich anschließend in einem Bundesland, in dem man unter B2-Voraussetzung nicht durchgekommen wäre. Dass dieses B2-Niveau nicht ausreicht, hat die Fachpublizistik bereits aufgegriffen – etwa der Beitrag mit dem Titel „Sprach-Level B2 reicht nicht".
Hinzu kommt: Sprachschulen unterliegen keinem einheitlichen Vorgehen. Jede:r kann in Deutschland eine Sprachschule eröffnen, jede:r kann testen – und die Testenden sind in der Regel keine Pflegefachpersonen. Eine spezifische Berufssprache wird nicht abgefragt. Überspitzt gesagt reicht es mancherorts, den Weg zum nächsten Bahnhof zu beschreiben. Wie verlockend der Markt funktioniert, zeigt eine Online-Anzeige, die Vivienne Thomas im Zuge ihrer Recherche immer wieder begegnete: in vier Wochen von null auf B2, für 200 Euro. Den zugewanderten Fachkräften kann man daraus keinen Vorwurf machen – sie halten sich an die Vorgaben. Die Vorgaben sind das Problem.
Was Ärzt:innen längst leisten müssen
Ein Blick auf die Ärzteschaft macht das Missverhältnis sichtbar. Im ärztlichen Sprachtest muss ein:e Kolleg:in einen Patientenfall geschildert und ein Bericht darüber verfasst werden – ähnlich einer Übergabe. Die Durchfallquoten lagen damals bei rund 50 Prozent in Bayern und etwa 25 Prozent in Sachsen-Anhalt. Hohe Werte, ja, aber sie zeigen vor allem: Der Anspruch ist hoch. In der Pflege gibt es ein vergleichbares Verfahren schlicht nicht. International ist man teils weiter – die USA setzen über den TOEFL ein deutlich höheres Sprachniveau an. Dass Deutschland im internationalen Wettbewerb mit niedrigen Hürden punkten will, sei zwar nachvollziehbar, aber zu kurz gedacht, so der Tenor im Podcast.
„Zertifikate halten nicht das, was sie versprechen. In der Praxis zeigt sich, dass es nicht ausreicht." — Vivienne Thomas
Deskilling: Wenn Qualifikation entwertet wird
Ein besonders eindrücklicher Teil des Gesprächs dreht sich um das, was in der Forschung als Deskilling und sogar Reskilling beschrieben wird. Viele zugewanderte Pflegefachpersonen bringen ein abgeschlossenes Studium mit – in zahlreichen Ländern ist die akademische Ausbildung der Normalfall. In der deutschen Pflegepraxis am Bett wird dieses Wissen jedoch häufig als zu theoretisch und praxisfern abgetan. Statt die mitgebrachten Kompetenzen zu nutzen, wird die zugewanderte Person „zurechtgebogen", teils sogar infantilisiert und wie eine Schülerin behandelt. Die Studie von Pütz und Kolleg:innen zur betrieblichen Integration von Pflegefachkräften aus dem Ausland dokumentiert solche Erfahrungen eindrücklich.
Diese Dynamik schadet allen. Einheimische Teams empfinden die Situation oft als zusätzliche Last und sogar als Hohn – manche gehen heimlich Anweisungen hinterher, um zu kontrollieren, ob alles verstanden wurde, ohne die Kolleg:innen zu verunsichern. Zugewanderte Fachkräfte erleben Frust und Degradierung, ziehen sich in eigene Gruppen zurück, was die Integration weiter erschwert. Und die pflegebedürftigen Menschen? Studien zeigen, dass Zufriedenheit und sogar die Gesamtbewertung von Krankenhäusern sinken, wenn die Sprachkompetenz nicht trägt. Eine vermeintliche Lösung, die auf dem Papier Köpfe auf dem Dienstplan liefert, entpuppt sich als Pseudolösung.
Zwei Welten treffen aufeinander
Hinter der Sprache steckt oft ein ganz anderes Pflegeverständnis. In vielen Ländern Süd- und Osteuropas übernehmen Angehörige selbstverständlich körperbezogene Tätigkeiten, oder es gibt klar getrenntes Service- und Fachpersonal. Wer das gewohnt ist, steht der deutschen, stark verrichtungsbezogenen Praxis zunächst fremd gegenüber. Solche Unterschiede lassen sich vorab kaum erklären – sie fallen erst in der Realität auf. Statt diesen Prozess kritisch zu hinterfragen, wird die Reibung schnell kulturalisierend etikettiert („typisch …").
Dabei ist Sprachdiversität eigentlich eine Ressource. Mehrsprachige Teams können enorm helfen, etwa wenn eine pflegebedürftige Person nur eine bestimmte Sprache spricht. Doch zusätzlich braucht es eine tragfähige deutsche Sprachkompetenz – für Berichte, Übergaben und die Verständigung im Team.
Forderungen für eine echte Lösung
Die GQMG hat ihre Position in einem Papier gebündelt. Im Kern fordert sie ein bundeseinheitliches, höheres Sprachniveau auf C1, die verpflichtende Prüfung von Fachtermini und Tests, die von Pflegefachpersonen durchgeführt werden – etwa von hauptamtlichen Praxisanleiter:innen oder perspektivisch von Pflegekammern, mit denen man bereits im Gespräch ist. Sprachschulen sollen zertifiziert und akkreditiert sein, das Prüfverfahren standardisiert.
Wichtig ist Vivienne Thomas dabei: Das geforderte C1-Niveau ist ein Ist-Stand, kein Endpunkt. Zugewanderte Fachkräfte sollen sich weiterentwickeln können, nicht von Tag X an vollwertig eingesetzt und dann sich selbst überlassen werden. Arbeitgeber stehen in der Pflicht, Integrations- und Sprachkonzepte bereitzustellen, regionale Besonderheiten und unterschiedliche Pflegesettings zu berücksichtigen. Auch Wissen über das deutsche Gesundheitssystem, über Hilfsmittelversorgung, Rechte und Pflichten gehört dazu – damit Beratungsgespräche überhaupt möglich werden. Und schließlich braucht es Mittel für praxisnahe Forschung, besonders zu den Auswirkungen mangelnder Sprachkompetenz auf pflegebedürftige Menschen.
„Wir machen das nicht, um jemandem Steine in den Weg zu legen. Wir fragen, welches Sprachniveau es braucht, damit man ruhigen Gewissens arbeiten kann." — Vivienne Thomas
Eine kurzfristige Versuchung bleibt: Pflegehilfskräfte unterliegen keiner Zertifikatspflicht, und Vorschläge, das Hilfspersonal aufzustocken, könnten die eigentliche Frage erneut umgehen. Doch das Fazit der Folge ist eindeutig: Quantität vor Qualität rächt sich. Sprache ist in der Pflege kein Beiwerk, sondern die Grundlage für Sicherheit, Beziehung und gute Versorgung. Pflege ist eben kein Auto fahren – einmal Führerschein, und dann läuft es von allein. Es braucht ein durchdachtes System, das die Stärken internationaler Pflegefachpersonen nutzt, statt sie zu entwerten.
Zum Weiterhören
- ÜG173 – Erwartungen und Realität internationaler Pflegefachpersonen (Debora Aust)
- ÜG159 – Standardisierte Fachsprache in der Pflege (Aldair Mateus)
- ÜG046 – Rekrutierung aus dem Ausland (Thorsten Kiefer)
Weiterführende Links & Shownotes
Shownotes zur Folge
- Homepage der Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung e.V. (www.gqmg.de)
- Link zur Arbeitsgruppe “Pflege und Qualität” der GQMG (Personen, die Interesse an einer Mitarbeit in der AG haben, können sich hier gerne melden) (www.gqmg.de)
- Positionspapier “Sprachkompetenz von ausländischen Pflegefachpersonen - eine Schlüsselqualifikation” (www.gqmg.de)
- Lux, V.; Thomas, V. (2020): Sprachkompetenz in der Pflege - "Es reicht nicht aus, einfache Worte zu verstehen". Die Schwester Der Pfleger 01/2020, 48-52. Bibliomed-Verlag. Melsungen.
- Kohrs, J. (2020): Ausländische Pflegekräfte: Sprach-Level B2 reicht nicht! (www.pflegen-online.de)
- Bundesministerium für Bildung und Forschung (2020): Bericht zum Anerkennungsgesetz 2019. (www.bmbf.de)
- Die Abstufungen des Sprachniveaus sind hier einzusehen: Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen (2020): Sprachniveau. (www.europaeischer-referenzrahmen.de)
- Pütz, R. / Kontos, M. / Larsen, C. / Rand, S. / Rukonen-Engler, M. (2019): Betriebliche Integration von Pflegefachkräften aus dem Ausland, Studie der Hans-Böckler-Stiftung. (www.boeckler.de)
- Germack, H.D. / McHugh, M.D. / Sloane, D.M. / Aiken, L.H. (2017) U.S. Hospital Employment of Foreign-Educated Nurses and Patient Experience: A Cross-Sectional Study J Nurs Regul. 2017 October; 8(3): 26–35. doi:10.1016/S2155-8256(17)30158-8
- Lincke, H./ Nienhaus, A./ Schablon, A./ Ulosoy, N./ Wirth,T. (2018): Psychosoziale Belastungen und Beanspruchungen in der Altenpflege: Vergleich zwischen Pflegekräften mit und ohne Migrationshintergrund. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie. Springer Verlag: Berlin. 1-9.
- Mazurenko, O. / Menachemi, N. (2016): Use of foreign-educated nurses and patient satisfaction in U.S. hospitals, in: Health Care Manage Rev, 2016, 41(4), 306-315.
- Moyce, S. / Lash, R. / de Leon Siantz, ML. (2016): Migration Experiences of Foreign Educated Nurses: A Systematic Review of the Literature. In: J Transcult Nurs. 27 (2), 181-188. doi: 10.1177/1043659615569538
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- Viken, B. / Solum, E.M. / Lyberg, A. (2018) Foreign educated nurses' work experiences and patient safety - A systematic review of qualitative studies. In: Nursing Open. 17 (4), 455-468. doi: 10.1002/nop2.146,
eCollection.
- Zentrale Servicestelle Berufsanerkennung (www.anerkennung-in-deutschland.de)
- Kontakte: GQMG (info@gqmg.de), Vivienne Thomas (viviennethomas@outlook.de)
