- Das Living Lab in Maastricht verzahnt Forschung, Ausbildung und Pflegepraxis strukturell.
- Linking Pins verbinden Universität und Einrichtungen mit dualen Arbeitsplätzen.
- Reale Praxisprobleme sind immer der Ausgangspunkt der Forschung.
- Eine starre Fachkraftquote lässt sich wissenschaftlich kaum begründen.
- Vertrauen und Beziehungsarbeit sind die wahre Basis des Erfolgs.
Wie kommt wissenschaftliches Wissen eigentlich ans Pflegebett? Und wie finden umgekehrt die echten Probleme aus dem Pflegealltag ihren Weg in die Forschung? In Deutschland ist dieser Weg oft lang, holprig und voller Abzweigungen. In den Niederlanden gibt es dafür seit über zwei Jahrzehnten eine erstaunlich elegante Antwort: das Living Lab. In dieser Episode haben wir mit Prof. Dr. Jan Hamers, Dr. Silke Metzelthin und Ramona Backhaus von der Universität Maastricht gesprochen – und einen Blick über die Grenze geworfen, der überraschend viel mit unserem eigenen System zu tun hat.
Ein Blick ins niederländische Pflegesystem
Bevor wir ins eigentliche Thema eingestiegen sind, lohnt sich der Vergleich. Viele in Deutschland gehen davon aus, dass in den Niederlanden fast alle Pflegenden einen Bachelorabschluss haben. Das stimmt so nicht. Auch dort gibt es ein vielfältig gegliedertes Ausbildungssystem: bachelorausgebildete Pflegende, Pflegende mit Berufsschulabschluss, sogenannte Versorgende und verschiedene Hilfskräfte. Gerade in der Altenpflege hat der Großteil des Personals einen Abschluss als Versorgende – vergleichbar mit der klassischen deutschen Altenpflegekraft, allerdings nach vierjähriger Ausbildung an einer Berufsschule. Pflegewissenschaftler:innen gibt es zwar, sie bilden aber eine Minderheit.
Spannend ist vor allem die Struktur der Versorgung. Die klassischen Altenheime hat man in den Niederlanden weitgehend abgeschafft – allein das Alter ist kein Grund mehr für einen Heimplatz. Nur noch rund fünf bis sieben Prozent der älteren Menschen leben tatsächlich stationär, der Rest wird ambulant versorgt. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Bezirkspflegenden, die in kleinen Teams arbeiten, eigenständig den Bedarf ermitteln und stark auf Prävention setzen – ein Modell, das an Community Health Nursing erinnert und das einige unserer Hörer:innen vielleicht vom Organisationsmodell Buurtzorg kennen. Finanziert wird das Ganze überwiegend solidarisch über Sozialabgaben, die stationäre Langzeitpflege ist zu rund 80 bis 90 Prozent staatlich organisiert.
Was ein Reallabor in der Pflege überhaupt ist
Damit sind wir beim Herzstück der Episode. „Living Lab" klingt erst einmal abstrakt – im Deutschen würde man „Reallabor" sagen. Konkret meint es aber nicht mehr und nicht weniger als eine strukturelle, dauerhafte Zusammenarbeit zwischen Pflegepraxis, Forschung und Ausbildung. Das Ziel ist klar umrissen: durch wissenschaftliche Forschung die Lebensqualität älterer Menschen, die Pflegequalität und die Qualität der Arbeit von Pflegefachpersonen verbessern.
„Das Living Lab ist eigentlich nicht mehr und nicht weniger als eine strukturelle Zusammenarbeit zwischen der Praxis, der Forschung und der Ausbildung." — Prof. Dr. Jan Hamers
Zum Netzwerk gehören die Universität, eine Fachhochschule, mehrere Berufsschulen und – zum Zeitpunkt der Aufnahme – sieben große Altenpflegeanbieter. Zusammen versorgen diese rund 30.000 Menschen und beschäftigen etwa 15.000 Mitarbeitende. Zwei Prinzipien tragen die ganze Konstruktion. Erstens arbeitet man multidisziplinär an konkreten Problemen aus der Praxis – mit Pflegenden, Wissenschaftler:innen, Ärzt:innen, Physio- und Ergotherapeut:innen. Zweitens gibt es duale Arbeitsplätze: Promovierte Mitarbeitende der Universität arbeiten einen Tag pro Woche direkt bei den Pflegeanbietern. Diese Brückenbauer:innen nennen sich Linking Pins. Inzwischen gibt es das Prinzip auch andersherum – als Praxis-Linking-Pins, bei denen jemand aus einer Einrichtung freigestellt wird, um an Forschungsprojekten mitzuwirken. Wer tiefer einsteigen möchte: Das Konzept ist in einem wissenschaftlichen Artikel zum Living Lab Ageing and Long-Term Care ausführlich beschrieben.
Die Geschichte einer Idee, die niemand geplant hat
Das Living Lab ist nicht am Reißbrett entstanden. 1998 begann alles ganz klein: Ein Pflegeheimdirektor, der nebenbei an der Universität Maastricht Pflegewissenschaft studierte, kam mit Jan Hamers ins Gespräch. Niemand sprach damals von einem „Living Lab" – man machte einfach gemeinsame, konkrete Projekte. Dann meldeten sich andere Heime, weil sie von den Erfolgen gehört hatten. Aus einem Linking Pin wurden mehrere, die Fachhochschule kam dazu, schließlich die Berufsschulen. Über 23 Jahre wuchs daraus die heutige Struktur.
Ein Detail ist den Gästen besonders wichtig: Die Partner wurden nie aktiv angeworben. Sie riefen selbst an, weil sie den Mehrwert sahen. Das sagt viel über das Commitment aller Beteiligten aus. Bekannt wurde die Arbeit nicht zuerst über große Publikationen, sondern über Mundpropaganda – Direktor:innen reden miteinander, Pflegefachpersonen reden miteinander.
Das erste Projekt: freiheitsentziehende Maßnahmen
Wie ein solches Projekt abläuft, lässt sich am eindrücklichsten am allerersten Vorhaben zeigen. In einer multidisziplinären Arbeitsgruppe eines Pflegeheims kam ein Problem auf den Tisch: Ergo- und Physiotherapeut:innen fanden, dass die Pflegenden Menschen „nicht gut genug" fixierten. Statt das einfach hinzunehmen, startete man eine Prävalenzstudie – und erschrak. Bei jedem zweiten älteren Menschen wurden freiheitsentziehende Maßnahmen eingesetzt, jeder Dritte wurde mit Bauchgurten fixiert. Als das Team mit den Daten konfrontiert wurde, glaubte es zunächst, sie stammten aus einem anderen Haus. Tatsächlich waren es ihre eigenen Zahlen.
Das wurde zum Startpunkt einer langen Forschungslinie zur Reduzierung und Prävention freiheitsentziehender Maßnahmen – inklusive der Bettgitter, die viele damals gar nicht als solche Maßnahme wahrnahmen. Der Widerstand war anfangs enorm, weil Pflegende und Ärzt:innen in ihrer Ausbildung gelernt hatten, dass Fixieren Schutz bedeute, etwa vor Stürzen. Verändert hat sich das nicht über Nacht, sondern über rund 15 Jahre intensiver Zusammenarbeit. Ein kreatives Experiment, bei dem sich Pflegefachpersonen selbst 24 Stunden fixieren ließen, sorgte für mediale Aufmerksamkeit und für ein echtes Umdenken. Am Ende änderte sich sogar die Gesetzgebung – auf Basis dieser Forschung.
„Ich hoffte, dass sich später junge Leute in Ausbildung fragen: Menschen fixieren, macht ihr das? Und jetzt sind wir da." — Prof. Dr. Jan Hamers
Übrigens ist das kein rein niederländisches Phänomen: In Deutschland haben Sascha Köpke und Gabriele Meyer zum selben Thema wichtige Arbeit geleistet. Das zeigt, was Jan Hamers immer wieder betont: Das Gras auf dem Nachbarhügel ist nicht grüner. Die Probleme ähneln sich von Land zu Land – und genau deshalb lohnt sich der internationale Austausch.
Vertrauen statt Urteil – die Arbeit der Linking Pins
Was muss eine Einrichtung mitbringen, um Teil des Living Labs zu werden? Kein bestimmtes Qualitätslevel, betonen die Gäste – sondern eine Haltung. Offenheit für Innovation, die Bereitschaft, sich zu verändern, und das Commitment, auch dann zu handeln, wenn Forschungsergebnisse einmal unbequem sind. Wer bei der Universität anruft, hat diese Haltung in der Regel ohnehin schon.
Wie heikel der Praxistransfer bleibt, kennen wir aus Deutschland nur zu gut: Akademisch qualifizierte Pflegende werden im Heim nicht automatisch mit offenen Armen empfangen. Schnell entsteht die Sorge, „die von der Uni" wolle bewerten, ob man gut genug arbeite. Genau deshalb ist die Rolle der Linking Pins so zentral – und sie besteht vor allem aus Beziehungsarbeit.
„Man muss sich einfach sehen lassen und vor Ort sein. Die Leute müssen dein Gesicht kennen." — Dr. Silke Metzelthin
Silke Metzelthin hat als Linking Pin etwa 15 Pflegeheime betreut, ist zu Teambesprechungen gegangen, hat viel Kaffee getrunken und Geduld bewiesen. Anfangs melden sich immer dieselben Personen, irgendwann kommen auch die Kritischeren. Die Aufgabe ist dabei vielseitig: Einerseits führt sie konkrete wissenschaftliche Projekte durch und bringt aktuelle Erkenntnisse ein – etwa für ein Schulungsprogramm zur Förderung der Selbstständigkeit in der ambulanten Pflege, das in eine randomisierte kontrollierte Studie zum Reablement-Programm „Stay Active at Home" mündete. Andererseits berät sie das Management strategisch und schafft Plattformen, auf denen sich Mitarbeitende verschiedener Einrichtungen austauschen – und zwar nicht nur Pflegende, sondern auch Verwaltungs- und Kommunikationspersonal oder der Heimbeirat.
Drei Forschungslinien – und eine Pandemie
Inhaltlich arbeitet das Living Lab entlang von drei Schwerpunkten. Der erste betrifft die direkte Pflege: Wie lassen sich Angehörige besser einbeziehen, wie kann man Selbstständigkeit fördern, wie mit Menschen mit Demenz besser kommunizieren? Der zweite dreht sich um Personal- und Innovationsmanagement – etwa um die Frage, wie man Pflegequalität misst und die Daten zur Verbesserung nutzt. Der dritte widmet sich radikalen Veränderungen wie neuen Wohnformen, etwa Pflege-Bauernhöfen, oder neuen Finanzierungsmodellen in der ambulanten Pflege. An letzterem arbeitet das Team gerade, unter anderem mit Methoden wie einer maschinell gestützten Case-Mix-Klassifikation auf Basis standardisierter Pflegedaten.
Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Herbst 2020 prägte natürlich die Corona-Pandemie den Alltag. Bewusst hat das Living Lab seit März vieles pausiert, um die Praxis nicht zusätzlich zu belasten. Stattdessen entstanden neue, aktuelle Projekte – etwa ein Auftrag des Ministeriums, die schrittweise Wiederöffnung der Heime nach den Besuchsverboten zu begleiten und deren Auswirkungen zu beobachten. Wie schwer diese Phase für Bewohner:innen war, beleuchten wir auch in unserer Episode zur sozialen Teilhabe in Altenpflegeheimen unter Covid-19.
Wer das bezahlt – und warum die Unabhängigkeit zählt
Die Finanzierung folgt einem klaren Prinzip. Die Basis tragen die Partner selbst: Die Einrichtungen finanzieren den Tag, an dem „ihr" Linking Pin bei ihnen arbeitet, die Universität stellt Koordination, Infrastruktur und Supervision. Die eigentlichen Projekte werden über Drittmittel finanziert – über nationale Förderagenturen oder EU-Programme wie Horizon 2020. Seit einigen Jahren gibt es zusätzlich eine Kofinanzierung durch das Ministerium. Entscheidend ist dabei: Das Geld kommt ohne inhaltliche Vorgaben. Die Partner entscheiden gemeinsam und unabhängig, wofür sie es einsetzen.
Und der Aufwand lohnt sich auch wirtschaftlich. Eine Studie, die anders gar nicht möglich wäre, kostet schnell mehrere tausend Euro – während die Finanzierung eines Linking Pins dagegen vergleichsweise gering ausfällt. Das Modell ist inzwischen sogar exportierbar: In Leeds entstand mit dem Projekt NICHE Leeds eine Kopie nach Maastrichter Vorbild, die bereits große Forschungsgelder einwerben konnte.
Die schwierige Frage nach der richtigen Personalbemessung
Zum Abschluss ging es um ein Thema, das auch hierzulande heiß diskutiert wird: Personaleinsatz und Pflegequalität. Ramona Backhaus forscht seit 2012 dazu und hat gemeinsam mit Kolleg:innen rund 180 internationale Studien ausgewertet, nachzulesen unter anderem in einem Übersichtsartikel zum Personaleinsatz in Pflegeheimen. Ihr Fazit ist ernüchternd – und befreiend zugleich.
„Es gibt keine gute Begründung, auf Basis der bestehenden Datenlage zu sagen: Wir sollten strikte Fachkraftquoten einführen." — Ramona Backhaus, PhD
Die Studien stammen häufig aus den USA mit ganz anderen Systemen, nutzen Datenbanken, die nicht für Forschung gedacht waren, und unterstellen oft einen linearen Zusammenhang – mehr Personal gleich bessere Pflege. So einfach ist es aber nicht. Hinzu kommt: Pflegequalität wird meist sehr klinisch gemessen, an Stürzen oder Dekubitus, während Lebensqualität kaum erfasst wird. In den Niederlanden hat diese Forschung dazu geführt, dass das Ministerium auf eine starre Fachkraftquote in der stationären Altenpflege verzichtet. Statt eines Rezepts plädieren die Gäste dafür, auf Ebene jedes einzelnen Hauses zu schauen, welche Bewohnerpopulation vorliegt – und mit dem Personalmix zu experimentieren. Auch der quantitative Ansatz, wie ihn etwa die Rothgang-Studie in Deutschland verfolgt, stößt für sie an Grenzen, weil Pflege keine Fließbandarbeit ist. Wer dieses Spannungsfeld vertiefen möchte, findet in unserer Episode zur Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio weitere Perspektiven.
Am Ende bleibt eine versöhnliche Botschaft – gerade für alle, die sich in Deutschland manchmal allein mit ihren Baustellen fühlen: Die Unterschiede zwischen den Ländern sind kleiner, als wir oft glauben. Klassenkämpfe zwischen Berufsgruppen, Streit über den Gegenstandsbereich der Pflege, mühsame Beziehungsarbeit beim Praxistransfer – das alles kennen die Niederländer:innen genauso. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Episode: Wir können voneinander lernen, wenn wir die Grenzen im Kopf ein Stück weit streichen. Jan Hamers' großer Wunsch für die Zukunft passt da perfekt – er würde das Living Lab gern über die nahe Grenze hinaus ausweiten, mit Pflegeheimen aus Deutschland oder Belgien.
Zum Weiterhören
- ÜG063 – Buurtzorg als Organisationsmodell der ambulanten Pflege (Johannes Technau)
- ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)
- ÜG054 – Soziale Teilhabe in Altenpflegeheimen unter Covid-19 in S1-Leitlinie und Survey-Studie (Prof. Dr. Margareta Halek)
Shownotes zur Folge
- Englischsprachige Webseite Living Lab Ageing and Long-Term Care (inkl. Film) (academischewerkplaatsouderenzorg.nl)
- Wissenschaftlicher Artikel Living Lab Ageing and Long-Term Care (link.springer.com)
- Englischsprache Webseite NICHE Leeds (medicinehealth.leeds.ac.uk)
- Dissertation Exbelt (Intervention zur Prävention freiheitsentziehender Maßnahmen in Pflegeheimen) (academischewerkplaatsouderenzorg.nl)
- Übersichtsartikel Interventionen zur Prävention freiheitsentziehender Maßnahmen (Hogrefe.com)
- Wissenschaftlicher Artikel über ‘involuntary treatment’ (Wiley.com)
- Wissenschaftlicher Artikel Personaleinsatz in Pflegeheimen (link.springer.com)
- ‘Doing with …’ rather than ‘doing for …’ older adults: rationale and content of the ‘Stay Active at Home’ programme (sage pub.com)
- Experiences of home‐care workers with the ‘Stay Active at Home’ programme targeting reablement of community‐living older adults: An exploratory study (Wiley.com)
- Effects, costs and feasibility of the ‘Stay Active at Home’ Reablement training programme for home care professionals: study protocol of a cluster randomised controlled trial (link.springer.com)
- Which client characteristics predict home‐care needs? Results of a survey study among Dutch home‐care nurses (Wiley.com)
- A systematic review of case-mix models for home health care payment: Making sense of variation (sciencedirect.com)
- Using machine learning to assess the predictive potential of standardized nursing data for home healthcare case-mix classification (link.springer.com)
- Wissenschaftlicher Artikel Besuchsregelung in Pflegeheimen in Zeiten von COVID-19 (sciencedirect.com)
