- Lockdowns schützten Bewohner:innen, gefährdeten aber massiv ihre soziale Teilhabe und Lebensqualität.
- Eine S1-Leitlinie bündelt Handlungsempfehlungen für Einrichtungen unter Pandemiebedingungen.
- Mitbestimmung von Bewohner:innen war im Krisenmodus kaum vorgesehen.
- Eine Survey-Studie sammelte Praxisideen – mit ernüchterndem Rücklauf.
- Pflege braucht Pandemiepläne, die jederzeit aus der Schublade gezogen werden können.
Als im Frühjahr 2020 die Türen der Altenpflegeheime zufielen, ging es um Leben und Tod – und gleichzeitig um eine Frage, die zunächst kaum jemand stellte: Was wird eigentlich aus dem Leben der Menschen, die dort wohnen? Genau darum dreht sich diese Podcast-Folge mit Prof. Dr. Margareta Halek von der Universität Witten/Herdecke. Sie hat die inhaltliche Koordination einer S1-Leitlinie übernommen, die soziale Teilhabe und Lebensqualität in der stationären Altenhilfe unter Pandemiebedingungen in den Blick nimmt. Das Thema ist so groß „wie alles, was ein gutes Leben ausmacht" – und stand im Lockdown plötzlich auf dem Spiel.
Was soziale Teilhabe wirklich bedeutet
Der Begriff der sozialen Teilhabe stammt ursprünglich aus der Behindertenrechtskonvention. Es geht darum, aktiv mitgestalten zu können und Teil des politischen, sozialen und kulturellen Lebens zu sein. Übertragen auf das Pflegeheim heißt das: an Aktivitäten teilnehmen, mitbestimmen können, was mit einem geschieht, Rollen übernehmen, sich ausdrücken. Kurz – das Leben auch wirklich leben zu dürfen. Eng damit verknüpft ist die Lebensqualität: ein Leben, das sich nicht an minimalen Anforderungen orientiert, sondern in dem Menschen sich wohlfühlen und ihre Ziele erreichen können.
Genau diese Vorstellung geriet im Frühjahr 2020 in einen scharfen Widerspruch zu den Schutzmaßnahmen. Plötzlich standen Verbote im Raum – und das ausgerechnet für eine Gruppe, die ohnehin auf die Hilfe anderer angewiesen ist und sich oft nicht selbst Gehör verschaffen kann.
„Wir alle, die Gesunden da draußen, wir können noch unsere Ausnahmen und Wege finden. Was machen die Menschen im Altenheim, die so sehr auf die Hilfe anderer angewiesen sind?" — Prof. Dr. Margareta Halek
Beruhigung am Anfang, Dilemma im Verlauf
Halek macht keinen Hehl daraus, dass sie die erste Reaktion – erst einmal alles dichtzumachen – damals nachvollziehbar fand. Die Bilder aus Italien waren erschütternd, und das Bedürfnis, die Schwächsten zu schützen, war groß. Rückblickend hält sie den Moment der ersten Abschottung sogar für richtig. Das eigentliche Versäumnis lag woanders: Man hätte viel schneller darüber nachdenken müssen, welche Folgen eine andauernde Isolation hat. Denn niemand rechnete damit, dass aus Wochen Monate werden würden.
Damit verbunden ist eine der heikelsten Fragen der Pandemie: die Mitbestimmung. In einer Einrichtung lebt niemand für sich allein. Wenn eine Person beschließt, das Risiko eines Außenkontakts einzugehen, betrifft das sofort alle Mitbewohner:innen – auch jene, die ängstlicher sind oder diese Entscheidung gar nicht mehr bewusst treffen können. Doch dahinter steckt ein viel grundsätzlicheres Problem, das Halek deutlich benennt: Wie gut funktioniert Mitbestimmung in Pflegeeinrichtungen eigentlich schon in Zeiten ohne Krise? Wie viel Gewicht haben Heimbeiräte, und wie werden die Stimmen der Schwächsten, etwa bettlägeriger Menschen, überhaupt gehört? Wer in der Krise plötzlich neue Beteiligungsprozesse entwickeln will, hat es schwer, wenn er sie vorher nie wirklich aufgebaut hat.
Drinnen, draußen, dazwischen – die Widersprüche des Lockdowns
Besonders eindrücklich ist im Gespräch die Schilderung der ganzen Indifferenz der damaligen Regelungen. Die einen durften nicht raus, die anderen nicht rein – und Pflegefachpersonen pendelten Tag für Tag zwischen Einrichtung und Außenwelt. Mancherorts wurden sie sogar zum Feindbild: Erzählt wird von Pflegenden, die nicht mehr im örtlichen Supermarkt einkaufen durften, weil sie als „Keimschleuder" galten. Andere zogen freiwillig in ihre Einrichtungen ein, um Kontakte zu minimieren. Halek verweist auf ein französisches Modell, bei dem Pflegende rund um die Uhr in den Häusern blieben – mit dem Ergebnis, dass dort retrospektiv keine Infektionen auftraten, während andere Einrichtungen hohe Raten verzeichneten.
Eine wissenschaftliche Begleitung solcher Abschottungen gab es in Deutschland kaum. Während die Einordnung des Coronavirus durch die Pflegebrille früh ein Thema war, blickten andere Länder schneller auf die Folgen für die Heime: In den Niederlanden begleitete man Modelleinrichtungen bei der Lockerung der Besuchsregelungen und konnte zeigen, dass diese zu keinem erhöhten Infektionsanstieg führte – woraufhin man die Lockerung umsetzte. Eine vergleichbare Studie aus Deutschland war Halek nicht bekannt.
„Es zeigt, dass wir dafür eigentlich bis heute nicht wirklich eine sinnhafte Lösung haben, wenn wir wieder in der Situation wären." — Prof. Dr. Margareta Halek
Eine Leitlinie als Werkzeugkasten, nicht als Rezept
Die Arbeit an Leitlinien hatte die Übergabe schon mit Erika Sirsch und Daniela Holle besprochen – und genau diese beiden Kolleginnen waren auch hier zentral beteiligt. Daniela Holle übernahm die organisatorische, Margareta Halek die inhaltliche Koordination. In der Steuerungsgruppe saßen unter anderem Sascha Köpke, Gabriele Meyer, Katrin Balzer vom Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin, Anja Bieber und Martin Dichter sowie ein Vertreter der Trägerseite aus der Praxis.
Doch was ist eine S1-Leitlinie überhaupt? Leitlinien werden in Stufen eingeteilt, und eine S3-Leitlinie steht für den höchsten wissenschaftlichen Grad mit strenger Literatursuche, Bewertung und Konsensusverfahren. Eine S1-Leitlinie entsteht, wenn es schnell gehen muss oder schlicht wenig Evidenz vorhanden ist. Wichtig zu wissen: S1-Leitlinien sind frei einsehbar – man muss sie nicht kaufen. Sie haben Empfehlungscharakter und basieren stark auf der Einschätzung von Expert:innen, weil die Datenlage dünn ist. Genau das war hier der Fall: Die Recherche förderte vor allem Editorials und Meinungsbeiträge zutage, kaum belastbare Forschung. Geplant war die Leitlinie ursprünglich für drei Wochen – am Ende dauerte es deutlich länger, und sie erschien im August 2020.
Die Leitlinie richtet sich – wie bei AWMF-Leitlinien üblich – multiprofessionell an die stationäre Altenhilfe: an leitende Mitarbeitende, an Pflegefachpersonen, aber auch an Hauswirtschaft und Haustechnik. Ihr Ziel ist nicht, fertige Rezepte zu liefern, sondern Wissen so zu bündeln, dass Verantwortliche handlungsfähig bleiben und ihre Entscheidungen gut begründen können.
Drei Themen, die ineinandergreifen
Inhaltlich kreist die Leitlinie um fünf Schlüsselfragen, die sich zu drei großen, eng verwobenen Themenfeldern verdichten lassen. Das erste betrifft den direkten Schutz der Bewohner:innen – wie schützt man vor einer Infektion, wie geht man mit Verdachtsfällen und mit Infizierten um, und das stets unter der Maßgabe, soziale Teilhabe und Lebensqualität nicht aus dem Blick zu verlieren. Das zweite Feld ist die Kommunikation: Wie macht man neue Maßnahmen transparent, wie fängt man verunsicherte oder gar panische Angehörige wertschätzend ein, die sich oft auch als Kontrollinstanz verstehen? Das dritte Feld nimmt die Mitarbeitenden in den Blick – wie lässt sich die Balance halten zwischen der Forderung, sich noch intensiver um die Bewohner:innen zu kümmern, und der Tatsache, dass das Personal selbst betroffen, ängstlich, manchmal krank ist?
Auf einer Empfehlungsebene, die viel mit dem Thema personenzentrierter Beziehungsgestaltung gemeinsam hat, geht es weniger um simple Hygieneregeln als um das Überdenken ganzer Konzepte: Wie ermöglicht man soziale Aktivität, wenn jemand isoliert werden muss? Wie informiert man Menschen mit Demenz, die ihren Wohnbereich nicht verlassen dürfen?
Lesen, reflektieren, Pandemiepläne schärfen
Haleks Tipp für Pflegedienst- und Einrichtungsleitungen ist erfrischend pragmatisch: lesen – und das eigene Handeln der vergangenen Monate dagegen abgleichen. Was lief gut, was wurde vergessen, woran wurde gar nicht gedacht? Sie räumt selbstkritisch ein, dass die Leitlinie für die akute erste Welle zu spät kam, gewissermaßen fünf Minuten nach zwölf. Umso wichtiger sei sie als Reflexionsinstrument und als Vorbereitung: Wie sieht der eigene Pandemieplan tatsächlich aus? Lässt er sich aus der Schublade ziehen? Welche Werkzeuge fehlen noch?
Wer klare „Wenn-dann"-Anweisungen sucht, wird nicht fündig – und das ist Absicht. Statt fertiger Lösungen bestärkt die Leitlinie die Verantwortlichen darin, mit Verstand und in Kooperation individuelle Wege zu entwickeln, im Rahmen dessen, was rechtlich möglich ist. Aus der konsultierten Praxis, unter anderem der Heimmitwirkung und dem BIVA Pflegeschutzbund, kam überwiegend positive Resonanz. Diskutiert wurde vor allem die Verantwortung der Einrichtungsleitung: Sie soll Gestaltungsmacht übernehmen – und dort, wo Grenzen erreicht sind, sie nach oben zum Träger weitergeben, statt den Druck nach unten auf Bewohner:innen oder Mitarbeitende abzuwälzen.
Die Survey-Studie: Praxiswissen sammeln – und ein ernüchternder Rücklauf
Parallel entstand das vom Land NRW geförderte Projekt „Möglichkeiten der sozialen Teilhabe in Pflegeeinrichtungen trotz Covid-19". Die Idee war bestechend einfach: Die Einrichtungen handelten ja längst, oft mit klugen Ideen. Warum diese guten Beispiele nicht einsammeln, wissenschaftlich filtern und in die Praxis zurückspiegeln? Gemeinsam mit Sven Meister und seinem Team vom Fraunhofer-Institut in Dortmund entstand die Plattform gemeinschaft-gestalten.de, das Herzstück war ein Online-Survey mit offenen Fragen an rund 14.000 Einrichtungen.
Das Ergebnis fiel ernüchternd aus: Von etwa 400 Klicks blieben rund 140 auswertbare Datensätze. Im Gespräch werden mögliche Gründe abgewogen – die enorme Belastung im Pandemiealltag, die Flut paralleler Befragungen anderer Forschungsgruppen, der Aufwand offener Antworten und die Frage, ob die E-Mails an den Leitungen hängen blieben, statt die Pflegenden zu erreichen. Zum Vergleich: Eine breiter angelegte, stärker strukturierte Befragung des Bremer Teams um Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann erreichte rund zehn Prozent Rücklauf.
„Praxis, etwas gefiltert durch die Wissenschaft, zurück in die Praxis – das war wirklich der erste Impuls." — Prof. Dr. Margareta Halek
Inhaltlich zeigte sich: Die meisten genannten Maßnahmen sind „die üblichen Verdächtigen" rund um Besuche, Berührung und Körperkontakt, den Erhalt der Bewegungsfähigkeit oder Einzelbetreuung – Dinge, die eigentlich zum pflegerischen Grundwissen gehören, nur unter veränderten Rahmenbedingungen. Eine echte Covid-Neuheit war hingegen die Videotelefonie, die in der Kontaktsperre zum Mittel der Wahl wurde und am häufigsten genannt wurde.
Lebendige Leitlinie, offener Dialog
Die S1-Leitlinie ist als „Living Guideline" konzipiert: Sie bildet nur einen Ausschnitt weniger Monate ab und soll aktualisiert werden – perspektivisch womöglich auf S2-Niveau. Genau deshalb wünscht sich Halek echte Resonanz aus der Praxis. Welche Themen fehlen? Was hat sich als problematischer erwiesen als gedacht? Auf der Projektplattform können Pflegefachpersonen die zusammengetragenen Themen kommentieren, eigene Erfahrungen teilen und Praxisbeispiele beisteuern. Diskutiert wird sogar, ob die Inhalte künftig stärker visualisiert oder über soziale Netzwerke verbreitet werden sollten – ein Punkt, bei dem die Übergabe-Hosts und Halek durchaus selbstkritisch über Reichweite und Qualität nachdenken.
Am Ende steht ein Plädoyer, das über die Pandemie hinausweist: Niederschwellige Beiträge aus der Praxis können helfen, wissenschaftliche Erkenntnisse zu generieren, die im Wiederholungsfall vielen Menschen nützen. Und die vielleicht wichtigste Hausaufgabe liegt nicht bei der Politik, sondern bei den Einrichtungen selbst – rückblickend ehrlich zu bewerten, was funktioniert hat, und Pandemiepläne so aufzustellen, dass sie beim nächsten Mal griffbereit sind.
Zum Weiterhören
- ÜG029 – Leitlinien in der Pflege (Prof. Dr. E. Sirsch & Prof. Dr. D. Holle)
- ÜG044 – CORONA SPEZIAL #10: Isolation im Heim (Interview mit Prof. Dr. Markus Zimmermann)
- ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)
Weiterführende Links & Shownotes
Shownotes zur Folge
- S1-Leitlinie: Soziale Teilhabe und Lebensqualität in der stationären Altenhilfe unter den Bedingungen der COVID-19-Pandemie (awmf.org)
- Prävention und Management von COVID-19 in Alten- und Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen (rki.de)
- Dehi Aroogh M, Mohammadi Shahboulaghi F.: Social Participation of Older Adults: A Concept Analysis. Int J Community Based Nurs Midwifery. 2020;8(1):55-72. doi:10.30476/IJCBNM.2019.82222.1055
- Allowing Visitors Back in the Nursing Home During the COVID-19 Crisis: A Dutch National Study Into First Experiences and Impact on Well-Being (science direct.com)
- Website zum Survey-Projekt (Gemeinschaft-gestalten.de)
